Albert Speer - Verlag Ferdinand Schöningh
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
Albert Speer
Wolfgang Schroeter
Albert Speer
Aufstieg und Fall eines Mythos
2019
Ferdinand SchöninghDer Autor: Wolfgang Schroeter ist als Historiker und Pädagoge in der historisch-politischen Bildungsarbeit tätig. Mit Albert Speer befasst er sich seit langem und wurde aufgrund einer Studie zu dessen Rezeption an der Frei- en Universität Berlin promoviert. Umschlagabbildung: Arbeit am Mythos: Albert Speer am 24. November 1945 in seiner Zelle im Zeugenflügel des Nürnberger Stadtgefängnisses zur Zeit des Hauptprozesses vor dem Internationalen Militärtribunal (ullstein bild – Chronos Dokumentarfijilm GmbH) Bibliografijische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografijie; detaillierte bibliografijische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk sowie einzelne Teile desselben sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlags nicht zulässig. © 2019 Verlag Ferdinand Schöningh, ein Imprint der Brill Gruppe (Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland) Internet: www.schoeningh.de Einbandgestaltung: Nora Krull, Bielefeld Herstellung: Brill Deutschland GmbH, Paderborn ISBN 978-3-506-78913-6 (hardback) ISBN 978-3-657-78913-9 (e-book)
Für meinen Vater Gabriel Schroeter,
mit dem ich es gerne diskutiert hätte.
∵Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Konturen eines Mythos aus der Perspektive der
Generationen ....................................................................................................... 1
1 Speers Mythologisierung seiner „Leistungen“ im „Dritten
Reich“ ..................................................................................................................... 15
Herkunft und Epoche ......................................................................................... 15
Faust und sein Mephisto – zwei Generationen des
Nationalsozialismus............................................................................................ 20
Ein „apolitischer Künstler“ als Architekt der Gigantomanie ................... 31
Der Technokrat des „Rüstungswunders“ und Modernisierer
Deutschlands ........................................................................................................ 42
Die Erinnerungen: Denkmal der „Leistungen“ ohne Verbrechen ........... 52
Anmerkungen....................................................................................................... 63
2 Der Mythos des „guten“ Nazis ........................................................................ 83
Ausblendungen: Holocaust, Hungerplan und Zwangsarbeit .................. 83
Speers Krise und „Widerstand“ 1944/45 ......................................................... 89
Nürnberger Prozess: Verantwortung ohne eigene Schuld
und Wissen? .......................................................................................................... 100
Reue zeigen und überleben: Die Spandauer Tagebücher ......................... 106
Das Spätwerk Der Sklavenstaat: Schuldabwälzung auf
Himmlers SS .......................................................................................................... 116
Anmerkungen....................................................................................................... 123
3 Entlastung: Speer als Mythos der Täter- und
Flakhelfergeneration ........................................................................................ 139
Eine „skeptische Generation“ im Zeichen des
„Wirtschaftswunders“ ......................................................................................... 139
Hintergründe: Die juristische und politische Aufarbeitung der NS-
Verbrechen 1945–1957......................................................................................... 146
Wie man sich selbst entlastet: NS und „saubere Wehrmacht“ in
der populären Kultur der Nachkriegszeit ..................................................... 150
Die frühe Heroisierung Speers 1944–1966..................................................... 158
Die Glorifijizierung Speers als „Zeitzeuge“...................................................... 167viii Inhaltsverzeichnis
Die moralische Legitimation Speers durch Emigranten.......................... 174
Kleine Anfänge der Kritik ................................................................................ 182
Psychologisierung und Moralisierung: Serenys Speer-Biographie ........ 189
Arbeit am Mythos: Fests konservative Verteidigung des
Bürgertums ........................................................................................................... 198
Anmerkungen...................................................................................................... 208
4 Späte Entzauberung: Speer und die „68er“ ............................................... 229
„68er“ und „Post68er“ ........................................................................................ 229
Prozesse und Proteste gegen die alten NS-Eliten ....................................... 234
Von Hannah Arendt zu Mitscherlich und Wildt: Deutungen und
Typologien der Täter .......................................................................................... 235
Mediale Wende zu den Opfern: Die TV-Serie „Holocaust“ ...................... 244
Vom Echoraum zur ersten Entmythologisierung ...................................... 247
Die achtziger Jahre: Weitere Kritik durch neue Quellenfunde .............. 260
Autoren der Entmythologisierung 1997–2015 ............................................. 266
Von der radikalen Dekonstruktion zur Skandalisierung des
Mythos: 2004–2017 ............................................................................................. 275
Anmerkungen...................................................................................................... 284
5 Zwischen Erinnerungskultur und Medialisierung: Speer und
die Enkelgenerationen .................................................................................... 301
Die „Generation Golf“ und die Wiedervereinigung .................................. 301
Letzte NS-Prozesse und die Etablierung der Erinnerungskultur .......... 303
Kontroverse Deutungen der NS-Zeit ............................................................. 305
Die Medialisierung des NS und Speers popkulturelles Fortleben
in Film und TV ..................................................................................................... 312
Weitere Verschärfung der Kritik durch Historiker, Gedenkstätten
und Ausstellungen.............................................................................................. 324
„Generation 89“: Die postmoderne Ironisierung und
Virtualisierung der NS-Zeit .............................................................................. 330
Anmerkungen...................................................................................................... 337
Epilog: Was von Albert Speer blieb.............................................................. 349Inhaltsverzeichnis ix
Bildteil ................................................................................................................... 361
Danksagungen .................................................................................................... 371
Literaturverzeichnis ......................................................................................... 373
Personenregister ................................................................................................ 409Einleitung
Konturen eines Mythos aus der Perspektive der Generationen
Fast vierzig Jahre nach seinem Tod drängt sich der gleiche Eindruck auf wie
bereits 1966 nach seiner spektakulären Entlassung aus zwanzigjähriger Haft –
Speer ist wieder da. Gewichtige Pressekonferenzen, Zeitungsartikel und Fern-
sehberichte künden von seiner Wiederkehr in die Öfffentlichkeit.1 Doch etwas
ist anders. Damals wirkten seine Erzählungen wie eine orientalische Legende,
in der sich „nach zwanzig Jahren der Überlebende aus einer Gruft erhebt und
sagt, er sei dabei gewesen“, auf dem Berghof, im Teehaus und im brennenden
Berlin.2 Dagegen signalisieren die aktuellen Biographien, vor allem der Best-
seller von Magnus Brechtken, seine komplette, öfffentliche Entzauberung – die
Auffforderung der Kuratoren der Nürnberger Speer-Ausstellung zur Rückgabe
seiner Schriften sogar seine Skandalisierung.3 Wie konnte es nach dem so lang-
anhaltenden Aufstieg seines Mythos zu einem so tiefen Fall kommen?
Noch ein Jahrzehnt zuvor war die öfffentliche Meinung über ihn gespalten
gewesen. Wie die 2005 zu seinem hundertsten Geburtstag mit großem Auf-
wand ausgestrahlte TV-Serie „Speer und Er“ und deren Rezensionen und
Medienberichte zeigten, waren weiterhin viele der in seinen Bestsellern4 milli-
onenfach verbreiteten Mythen als Popkultur im kommunikativen Gedächtnis
präsent. Hier dominierte noch der „apolitische Künstler“ und Architekt, der für
seinen „Fastfreund“ Hitler in Rekordzeit monumentale Bauten wie das Nürn-
berger Reichsparteitagsgelände und die Neue Reichskanzlei errichtet und
noch weitaus monumentalere geplant hatte. Zufällig in das Amt des Rüstungs-
ministers gekommen, steigerte er die Wafffenproduktion des „Dritten Reichs“
um ein Vielfaches und gewann damit fast den Krieg, wollte aber nichts vom
Jahrhundertverbrechen des Holocaust gewusst haben, geschweige denn daran
beteiligt gewesen sein. Im Gegenteil hatte er „Widerstand“ gegen Hitlers verbre-
cherische „Nerobefehle“ geleistet und vielleicht sogar ein Attentat auf seinen
„Führer“ geplant. Denn er war – so sein Zentralmythos – der unschuldige, vom
dämonischen Hitler Verführte, der diesem Teufel seine Seele verkauft hatte. Zu
gern wurden diese Mythen immer noch von Teilen der Bevölkerung geglaubt,
da sie dadurch auch selber entschuldet wurden, selbst wenn Historiker diese
Behauptungen schon früher komplett entkräftet hatten. Doch wie so häufijig
wurden deren Fachdiskussionen und Kommentare auch bei „Speer und Er“ in
einem separaten Teil zu später Sendezeit vor wenigen Zuschauern gezeigt.
Insofern steht Speers Gesamtmythos in seinen verschiedenen Ausprägun-
gen vom Faust, der den Teufelspakt geschlossen hatte, vom „guten, bereuenden
© VERLAG FERDINAND SCHÖNINGH, 2019 | doi:10.30965/9783506789136_0022 Einleitung Nazi“5, vom „Engel, der aus der Hölle kam“6 stellvertretend für die Beziehung der Deutschen zu Hitler und zum Nationalsozialismus, die sich im Laufe der Nachkriegszeit stark gewandelt hat und zu einer „zweiten Geschichte des Nationalsozialismus“ geworden ist.7 Der Faustmythos diente geradezu als Gründungs- und Nationalmythos der jungen Bundesrepublik, weil er das Dia- bolische Hitlers und damit auch die „Verstrickung“ in den Nationalsozialismus zu erklären schien.8 Speer schuf und verkörperte beide Pole des Faustmythos: Auf der einen Seite war er der erfolgreiche Machtmensch und Techniker, der für den Erfolg seine Seele verkauft hatte. Doch war er auf der anderen Seite auch der in Schuld verstrickte, durch seine lange Inhaftierung grüblerische, zeitweise in Depressionen verfallene Zweifler, der nach seiner Freilassung bei aller Souveränität doch verklausulierend und stockend seine Reue als NS-Täter auszudrücken versuchte. Und wenn der mächtige Rüstungsminister nichts vom Holocaust gewusst hatte, dann konnte auch die Generation der einfachen Kriegsteilnehmer dies nicht und fühlte sich damit exkulpiert, selbst wenn die nächste Generation ihr nicht glaubte. Doch jede Generation wollte und mach- te sich ein neues Bild von Speer.9 Denn einerseits berichtete Speer, lange bevor der Begrifff populär wurde, als hochrangigster, wohlinformierter und an Entscheidungen mitbeteiligter „Zeitzeuge“ aus den Führerhauptquartieren; andererseits kritisierte er zugleich die – ihm damals angeblich unbekannte – dunkle Seite des Nationalsozialis- mus. Mit seinem plötzlichen Tod 1981 kam er seiner eigenen Entmythologi- sierung zuvor10, bevor seine heruntergespielte Verantwortung für das Leid der Zwangsarbeiter, die Baugenehmigung für Auschwitz-Birkenau, seine Beteiligung an der Vertreibung der Berliner Juden in Fachkreisen bekannt wurde.11 Stattdessen festigten Gitta Serenys Bestseller Albert Speer und das deutsche Trauma (1995) und die ebenso erfolgreiche Biographie seines Lek- tors Joachim Fest von 1999 in der breiten Öfffentlichkeit weiterhin sein Bild als bereuender, persönlich integrer Nationalsozialist und dienten der Entlastung der Kriegsgeneration.12 Damit stellt sich die bislang weitgehend unerforschte Frage nach der Rezeption der Mythen Albert Speers vor dem Hintergrund des Umgangs mit dem Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland.13 In diesem Buch soll der Wandel des Bildes und der Wirkung von Albert Speer in der Öfffentlichkeit aus dem neuen Blickwinkel der verschiedenen Generati- onen untersucht werden. Der Forschungsstand zu Speer ist bereits sehr fortgeschritten. 24 Regalmeter Aktenbestände aus Speers persönlichem Nachlass inklusive seiner umfangrei- chen Korrespondenz und den aus seiner Spandauer Haft herausgeschmug- gelten 20.000 Blatt, die von seinem Studienfreund und Chronisten Rudolf Wolters gesammelt und in maschinenschriftlichen Abschriften archiviert wurden, befijinden sich im Bundesarchiv in Koblenz. Ebenfalls umfangreiche
Einleitung 3 Aktenbestände des Ministeriums und seiner Planungs- und Bautätigkeit lagern in Berlin-Lichterfelde. Weiteres Hintergrundmaterial wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Öfffnung der Moskauer Archive gefunden sowie in Prag speziell zu Speers Genehmigung des Ausbaus von Auschwitz-Birkenau zum Vernichtungslager.14 Es liegen gut recherchierte Dokumentationen und Interviewsammlungen von Heinrich Breloer über Speers Umfeld vor.15 2015 veröfffentlichte der Kanadier Martin Kitchen eine Lebensbeschreibung Speers, 2017 gefolgt von der auf intensiven Archivrecherchen basierenden großen Bio- graphie Magnus Brechtkens, die den aktuellen Forschungsstand darstellt und auch Speers großen eigenen Anteil an seiner Mythologisierung hervorhebt, vielleicht aber doch – wie noch zu zeigen ist – zu eindeutig in ihrer ideolo- giegetriebenen Kausalität ist.16 Anstelle dieser Vielzahl an Biographien über Speer fordert Kim Christian Priemel einen „innovativen“ Ansatz, der über die reine Dekonstruktion von Speers Mythengeflecht hinausgeht und begründet, „wie erfolgreich Speers Autosuggestion war“.17 Deshalb analysierte Isabell Trommer jüngst in ihrer Studie Rechtfertigung und Entlastung. Albert Speer in der Bundesrepublik die Rezeptionsgeschichte Speers, jedoch ohne den hier ver- wendeten Generationenansatz, der diese erst erklärt.18 Denn trotz einer breiten Literatur über die Person Albert Speers, in der ihn die Erlebnisgeneration unter dem dominanten Einfluss seiner Selbst- darstellungen bis zu seinem Tode heroisierte und sich mehr auf die Frage nach seinem Wissen von den NS-Verbrechen als nach seiner aktiven Betei- ligung daran konzentrierte19, wurden seine Mythen erst durch die folgende Generation decouvriert, ohne jedoch sofort eine Skandalisierung zu bewir- ken. Zur Mitverantwortung für den Holocaust kamen die Aufdeckung persön- licher Arisierungsgewinne20, Teilhabe am Kunstraub21 sowie weit über das veröfffentlichte Maß hinaus erzielte Architektenhonorare und Provisionen.22 Schließlich reduzierte sich auch der Mythos seines Organisationsgenies beim Bau der Reichskanzlei und der seines Anteils am „Rüstungswunder“.23 Auch die Rollen der einzelnen Ministerien und Institutionen des „Dritten Reichs“ sowie der Industrie und ihre Beteiligung an der Zwangsarbeit wurden ausge- leuchtet.24 Weiterhin werden seit einigen Jahren Speers Mitarbeiter und ihre verbrecherischen Aktivitäten im Auftrag ihres Chefs genauso untersucht wie Speers umfassende mediale Darstellung seiner Erfolge bereits zu NS-Zeiten.25 Dennoch blieb sein populärer Mythos gleichsam parallel weiter bestehen und wurde durch mediale Darstellungen wie den großen Kinofijilm „Der Untergang“ zeitweise eine Ikone der Popkultur. In Bezug auf Speer und seine vorgeblich so positive Rolle im„Dritten Reich“ wurde der Begrifff „Mythos“ häufijig gebraucht, ganz plakativ 1982 durch Matthias Schmidt, der vom „Ende des Mythos Speers“ schrieb, dabei aber den Begrifff weder defijinierte noch für eine Analyse handhabbar machte.26 Schmidt ging es
4 Einleitung
um die Dekonstruktion des Speerschen Mythos und den Nachweis, dass dieser
selber dessen „Architekt und Organisator“ war:27
Die Geschichtsschreibung wird sich auf Dauer nicht mit jenem Bild zu-
frieden geben wollen und können, das Albert Speer von sich gezeichnet
hat: zuviel ist Legende, ja Mythos, zuwenig historische Wahrheit!28
Deshalb möchte ich in diesem Buch untersuchen, wie und mit welchen Helfern
Speer sein Selbstbild manipulierte und in einen wirkmächtigen Mythos ver-
wandelte. Es geht darum, zu erkennen, welche Struktur dieser Mythos besitzt
und wie er entzaubert wurde. Der heute inflationär benutzte Begrifff Mythos
umfasst mehrere Aspekte: In ihm wird die Vergangenheit durch eine emotio-
nale Weitergabe mittels Erzählungen in der Gegenwart als Orientierungskraft
für die Zukunft etabliert. Durch die Überlieferung von einer Generation zur
nächsten erfolgt so eine emotionalisierte Aneignung der Vergangenheit, aber
auch deren Veränderung bis hin zur Fälschung.29
Grundsätzlich beinhaltet der Speer-Mythos – ob in der Ausprägung als
Faustmythos oder als „Engel, der aus der Hölle kam“ – immer den positiven Pol
der „Leistungen“ und die verborgene negative Seite des „Nazis“, wenn auch des
„guten“. Dabei unterlag Speers Mythos bei aller Konstanz und Beharrlichkeit
durchaus einer Dynamik. Nachdem in der breiten Öfffentlichkeit seine behaup-
tete Unschuld akzeptiert worden war, begann er nach und nach die Bedeutung
seiner Architekturplanungen, seine Distanz zu Himmler und dessen SS sowie
seine angebliche Nähe zum Widerstand stärker zu betonen, ohne aber durch
die zunehmend dreisteren Lügen zusätzliche Anerkennung zu gewinnen.
Jedoch konnte Speers Mythologisierung nur deshalb so große Bedeutung
für die Nachkriegsgeschichte des Nationalsozialismus gewinnen, weil er unter
kräftiger Mithilfe von Fest und Siedler die – auch aufgrund der Phasenver-
schiebung durch die lange Haftzeit ermöglichten – Anpassung an den ge-
änderten Zeitgeist das Bedürfnis der Täter- und Mitläufergeneration nach
Verdrängung und Entlastung von der Schuld erfüllte. Bereits 1946 hatte Karl
Jaspers zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer
Schuld unterschieden.30 Speer leugnete dabei weitgehend seine individuel-
le, also kriminelle Schuld, übernahm aber die grundsätzliche politische, gern
auch die abstraktere moralische und religiös metaphysische Schuld.
Was ist eine Generation?
Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Allgemeinen
und Speer im Besonderen wird in diesem Buch über vier GenerationenEinleitung 5 nachvollzogen und die Frage nach den unterschiedlichen Speer-Narrativen der einzelnen Generationen gestellt. Die „Generation“ als Kategorie histori- scher Untersuchungen geht zurück auf Karl Mannheim, für den historische Generationen durch gemeinsame Sozialisationserlebnisse im Alter von 12 bis 25 Jahren geprägt werden.31 Alle zwanzig bis dreißig Jahre ergibt sich eine Ab- lösung in der Dominanz der Generationen mit einer zentralen Bedeutung für die Erneuerung des kollektiven Gedächtnisses.32 Heinz Bude sieht die deutschen Generationen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts durch das zeitliche Verhältnis zum Krieg defijiniert, nämlich die Kriegsjugendgeneration von 1905, also Speers Jahrgang, damit zusammengefasst die politische Generation der Weimarer Republik und an- schließend die Flakhelfergeneration des Zweiten Weltkriegs und die „68er“.33 Auch für Ulrich Herbert sind dies die einzigen politischen Generationen der Bundesrepublik.34 Die anschließenden Generationen werden nach Bude ökonomisch durch ihr Verhältnis zum Wohlfahrts- und Versorgungsstaat der Nachkriegszeit defijiniert, der zu großen generationellen Unterschieden führt.35 Damit sind deutsche Generationen im zwanzigsten Jahrhundert politisch oder ökonomisch bestimmt. Hilfreich sind die Generationsabgrenzungen von Norbert Frei. In Bezug auf den Holocaust unterscheidet er:36 • die ab etwa 1885 geborene eigentliche Führungsgeneration der „alten Kämp- fer“, von denen viele Minister und Gauleiter wurden. Zu dieser im Kaiser- reich sozialisierten Elite kamen später die gleichaltrigen Generäle und Admiräle, deren Generalstabskarrieren ebenfalls dort begannen. • die wie Speer ab etwa 1905 geborene Kriegsjugendgeneration der Funkti- onseliten. Aus dieser „Generation des Unbedingten“, die zu jung für den tatsächlichen Fronteinsatz war, aber stark von der Kriegsbegeisterung des Ersten Weltkrieges geprägt wurde, rekrutierten sich viele Entscheidungsträ- ger des „Dritten Reichs“, darunter auch die juristisch ausgebildeten, enthu- siastisch der Rassenideologie des „Dritten Reichs“ verpflichteten Mitglieder des Reichssicherheitshauptamtes, von denen viele die SS-Einsatzgruppen leiteten.37 • die etwa 1925 geborene „skeptische Generation“ der ehemaligen Flakhel- fer und Jungofffijiziere, deren Ideologieferne und Pragmatismus des Wie- deraufbaus und der Wirtschaftswunderzeit die negativen Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Krieges verdrängen sollten.38 Eine Zwischen- generation bilden die auch als „Kriegskinder“ bezeichneten Jahrgänge ab 1930, die zwar im „Dritten Reich“ sozialisiert, aber nicht mehr im Krieg ein- gesetzt wurden. Ihre Kriegserinnerungen machen sich oft erst im Alter trau- matisch bemerkbar und sie können letztlich zu den „skeptischen“ gerechnet werden.39
6 Einleitung • die etwa 1945 geborenen „Generation der Achtundsechziger“, der Nach- kriegskinder. Ihr Protest richtete sich gegen die Vätergeneration und deren Verschweigen des Holocaust.40 Am Ende dieser Generation fijinden sich die „Post-68er“, die kulturell von den „68ern“ geprägt wurden, ökonomisch aber nicht mehr wie diese von den durch die Expansion des Bildungswe- sens neugeschafffenen Stellen profijitieren konnten und deshalb oft zu deren schärfsten politischen Kritikern wurden. • die etwa ab 1970 geborene Enkelgeneration. Diese bilden zwar durch die kommunikative Präsenz der Großeltern den letzten Teil eines generatio- nenübergreifenden Drei-Personen-Gedächtnisses (Großeltern – Eltern – Kinder), doch lösen in dieser „Generation Golf“ Konsuminteressen die Bedeutung der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ab.41 • die 1990–2015 geborene vierte Generation der Urenkel, die zwar in der kul- turellen Präsenz der letzten Zeitzeugen und der pädagogischen Dominanz der bundesdeutschen Erinnerungskultur aufgewachsen sind, jedoch als politische „Generation 1989“ von der Wiedervereinigung geprägt wurden.42 Spätestens die ab der Jahrtausendwende Geborenen verkörpern den Über- gang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis. Die hier auf Speer und den Nationalsozialismus angewandte Erinnerungs- forschung geht auf Maurice Halbwachs, Pierre Nora, Henry Rousso, Herfried Münkler sowie Aleida Assmann zurück.43 Für Assmann bildet das Familien- gedächtnis einen zentralen Ort, der im Allgemeinen drei sich kommunikativ austauschende Generationen umfasst.44 Sie spitzt die Erinnerungsforschung zum Nationalsozialismus auf die These zu, dass sich diese durch den Tod der Zeitzeugen im Übergang vom kommunikativen Gedächtnis der Familiener- innerungen zum kulturellen Gedächtnis der Erinnerungskultur befijindet. Der Erinnerungsdiskurs wandelt sich dabei von der Anklage der Täter zu einer neu- en Identifijikation mit den Opfern. Hierbei entsteht im Zuge der Tradierung von der Familienerinnerung oft ein „Postmemory“-Efffekt, der in der dritten Gene- ration der Enkel die Erzählungen der ersten Generation mit medialen Bildern aus populären Filmen unterlegt, zum Beispiel aus „Schindlers Liste“, und sich in der vierten Generation möglicherweise sogar verflüchtigt.45 Bei der Anwendung des Generationenbegrifffs sind mehrere Einschränkun- gen zu berücksichtigen. Erstens handelt es sich um Typisierungen, die die Mentalität eines Großteils, aber nicht aller Mitglieder einer Generation be- schreiben. Zweitens wurde – vor allem in Bezug auf die „68er“ – der Vorwurf erhoben, es handele sich bei den Generationen um reine Selbstbeschrei- bungskategorien, das heißt, um eine nachträgliche Idealisierung einer kleinen Kerngruppe.46 Deshalb betrachten neuere Studien Generationen weniger als gemeinsamen Erfahrungsraum, sondern vielmehr als Konstruktionen „nachträglicher Generationalisierung“.47 Dies betriffft sowohl die Idealisierung
Einleitung 7
der Flakhelfer als demokratische Aufbaugeneration des „Wirtschaftswun-
ders“ als auch die der „68er“ als zweite Staatsgründung der Bundesrepublik.48
Außerdem ist jede Generation zusätzlich von der Vorgeneration geprägt, ge-
gen deren Aufffassungen sie oftmals rebelliert, aus der aber häufijig auch ihre
Meinungsführer stammen.49 Insofern befijindet sich jede Generation im Zu-
sammenhang mit der Vorgeneration. Zudem lassen sich die Generationen
oft nicht klar abgrenzen. Diese mangelnde Trennschärfe führt zu kontrovers
diskutierten Überlappungen. Dies wird besonders deutlich am Beispiel der
Kriegskinder (1930–1945) und der „Post-68er“.50
In diesem Buch ergibt sich aus dem Generationswechsel der Herrschaftse-
liten und Meinungsführer auch eine Unterteilung der deutschen Nachkriegs-
geschichte in Bezug auf den Umgang mit Nationalsozialismus, Holocaust und
Zweitem Weltkrieg. In den Hauptkapiteln geht es um drei Epochen bundes-
republikanischer Identitätsbildung: Der Blick auf die Speer-Rezeption im
Wandel der Generationen lässt uns in besonderer Klarheit drei Phasen der
bundesdeutschen Identitätsbildung erkennen – und neue Einblicke in die
deutsche Geschichte nach 1945 erlangen.51
Anmerkungen
1 Sogar das „heute-journal“ des ZDF sendete am 27.4.2017 einen vierminütigen Beitrag über
die Eröfffnung der Nürnberger Sonderausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik“ mit
einem Interview von Magnus Brechtken, der später auch bei Markus Lanz auftrat.
2 Eberhard Schulz, Ein Günstling des Schicksals in Merkur (Heft 260), 12/1969, abgedruckt in
Adelbert Reif (Hrsg.), Albert Speer. Kontroversen um ein deutsches Phänomen, München
1978, S. 268–276, hier S. 268.
3 Martin Kitchen, Speer. Hitler’s Architekt. New Haven 2015; Magnus Brechtken, Albert Speer.
Eine deutsche Kariere. München 2017; aber auch die Rezeptionsstudie von Isabell Trommer,
Rechtfertigung und Entlastung. Albert Speer in der Bundesrepublik, Frankfurt/M./New York
2016 (zugl. Diss. Frankfurt/O. 2015).
4 Albert Speer, Erinnerungen. Berlin 1969, künftig zitiert als: Erinnerungen; ders., Spandau-
er Tagebücher. Berlin 1975, künftig zitiert als: Tagebücher. Von den Erinnerungen Speers
wurden mit Lizenz- und Taschenbuchausgaben „weit über eine Million“ Exemplare in
Deutschland verkauft. Sein Verleger Wolf Jobst Siedler im Interview mit Heinrich Breloer
in: ders., Unterwegs zur Familie Speer. Begegnungen, Gespräche, Interviews. Berlin 2005,
S. 473. Zusätzlich wurden etwa 2,5 Millionen Stück im Ausland allein bis Mai 1976 abge-
setzt. Brief von Siedler an Speer vom 25. Mai 1976. BA Koblenz N1340/54. Von den Tage-
büchern wurden allein in den ersten Monaten 350.000 deutsche Exemplare gedruckt.
„Große Aufregung“ in: Der Spiegel (Nr. 16), 14.04.1975. Insgesamt dürften sich auch die Tage-
bücher mit ihren unzähligen Auflagen weltweit in mehreren Millionen Exemplaren verkauft
haben.
5 Basiert auf dem programmatischen Buchtitel von Dan van der Vat, Der gute Nazi. Albert
Speers Leben und Lügen. Berlin 1997. Auch in vielen Rezensionen aufgenommen, aktuell
Adam Tooze, „The Myth of the Good Nazi“ in: The Wall Street Journal, 23. 12. 2015.8 Einleitung
6 So sein Verleger Wolf Jobst Siedler in Heinrich Breloer, Unterwegs zur Familie Speer. Be-
gegnungen, Gespräche, Interviews. Berlin 2005, S. 474.
7 Vgl. Peter Reichel, Harald Schmidt u. Peter Steinbach (Hrsg.) Der Nationalsozialismus –
Die zweite Geschichte. Überwindung – Deutung – Erinnerung. München 2009.
8 Münkler erklärt den Faustmythos in seiner tiefgründigen Studie als den anschlussfähigs-
ten der alten Nationalmythen. Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen. Berlin
2009, S. 109–139, explizit zu Speer S. 129.
9 So Ulrich Herbert im Interview von Stefan Reinecke, „Speer war nur gebildeter“ in: Die
Tageszeitung 06.05.2005.
10 Die Entzauberung erfolgte durch Matthias Schmidt, Albert Speer. Das Ende eines Mythos.
Aufdeckung einer Geschichtsverfälschung. Bern u. München 1982 (zugl. Diss. FU Berlin
1981).
11 Aufgedeckt durch Susanne Willems, Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnungsmarkt-
politik für den Berliner Hauptstadtbau. Berlin 2002 (zugl. Diss. Ruhr-Universität Bochum
1999).
12 Gitta Sereny, Das Ringen mit der Wahrheit. Albert Speer und das deutsche Trauma. Mün-
chen 1995; Joachim Fest, Speer. Eine Biographie. Berlin 1999.
13 Die vorliegende Arbeit beschränkt sich in ihrer Analyse der Rezeptionsgeschichte Speers
auf die Bundesrepublik Deutschland, wo er den eindeutig größten Einfluss hatte. Aus-
gespart bleibt die Rezeption sowohl Speers als auch des Nationalsozialismus allgemein
in der DDR, die sich in ihrer Staatsgründung justiziell und durch ihren defijinitorischen
Antifaschismus von der Rechtsnachfolge des Deutschen Reichs abgrenzte, so dass Speer
in ihrer Geschichtsschreibung keine Rolle spielte. Zum Umgang der DDR mit dem Na-
tionalsozialismus siehe Arnd Bauerkämper, Das umstrittene Gedächtnis. Die Erinne-
rung an Nationalsozialismus, Faschismus und Krieg in Europa seit 1945. Paderborn 2012,
S. 132–137, S. 195–197, S. 201–206, S. 305–310, S. 316–318, S. 380 u. S. 385. Zur Rezeption
Speers in der DDR: Trommer, Rechtfertigung, S. 117–120. Dort auch zur Rezeption in den
USA S. 209–216.
14 „Nach einer Besprechung von Speer und seinen Mitarbeitern Walther Schieber, Karl
Otto Saur, Wilhelm Stefffens und Paul Briese mit dem Leiter des SS-Wirtschafts-
Verwaltungshauptamts, Oswald Pohl, am 15.09.1942 hielt dieser fest: Reichsminister
Professor Speer hat die Vergrößerung des Barackenlagers Auschwitz im vollen Umfang
genehmigt und ein zusätzliches Bauvolumen in Höhe von 13,7 Millionen Reichsmark
bereitgestellt.“ Er stellte auch „die fijinanziellen Mittel und … die Baustofffkontingente
für die im Bau befijindlichen Einrichtungen […] zur ‚Durchführung der Sonderbehand-
lung‘ zur Verfügung.“ Florian Freund, Bertrand Perz und Karl Stuhlpfarrer, Der Bau des
Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Vorhaben: Kriegsgefangenenlager Auschwitz
(Durchführung der Sonderbehandlung) in: Zeitgeschichte (H5/6) 20, 1993, S. 187–213.
15 Heinrich Breloer, Die Akte Speer. Spuren eines Kriegsverbrechers, Berlin 2006; ders., Un-
terwegs zur Familie Speer. Begegnungen, Gespräche, Interviews. Berlin 2005.
16 Kitchen, Speer; Brechtken, Speer. Siehe hierzu Kapitel „Von der radikalen Dekonstrukti-
on zur Skandalisierung des Mythos: 2004–2017“. Aktuell zur Wertung auch Kim Christian
Priemel, Rezension zu Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere in: H-Soz-
Kult. 08.12.2017. http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26244 (20.
Dezember 2017).
17 Ebd.
18 Trommer, Rechtfertigung.
19 Einen guten Überblick über diese Phase gibt der Sammelband mit den damals wichtigs-
ten Rezensionen: Adelbert Reif (Hrsg.), Albert Speer. Kontroversen um ein deutsches
Phänomen. München 1978.Einleitung 9
20 Janin Reif, Horst Schumacher, Lothar Uebel; Schwanenwerder. Ein Inselparadies in Ber-
lin. Berlin 2000, S. 120f.
21 Heinrich Breloer, Akte, S. 415–423.
22 Er dürfte „bis 1945 … somit zehn Millionen RM (125 Millionen Euro)“, also „mehr als das
Vierfache“ der von ihm veröfffentlichten Angaben verdient haben. Dietmar Arnold, Neue
Reichskanzlei und „Führerbunker“. Legenden und Wirklichkeit, Berlin 2005, S. 75 und
Fn22.
23 Jonas Scherner und Jochen Streb, Das Ende eines Mythos? Albert Speer und das soge-
nannte Rüstungswunder, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (93)
2006, S. 178f.
24 Beispielhaft genannt seien Eckart Conze/Norbert Frei/Peter Hayes/Moshe Zimmermann,
Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bun-
desrepublik, unter Mitarbeit von Annette Weinke und Andrea Wiegeshofff, München 2010.
Zu Recht kritisch dazu Daniel Koerfer, Diplomatenjagd. Joschka Fischer, seine Unabhän-
gige Historikerkommission und das AMT. Mit einem Essay von Alfred Grosser. Potsdam
2013. Umfassend zur NS-Rüstungspolitik, Zwangsarbeit und kolonialistischen Ausbeu-
tung des Ostens Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im
Nationalsozialismus. München 2007. Beispiele dominanter Konzerne untersuchen: Kim
Christian Priemel. Flick. Eine Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik.
Göttingen 2007 (zugl. Diss. Uni Freiburg 2007); Thomas Urban, Zwangsarbeit bei Thyssen.
"Stahlverein" und "Baron-Konzern" im Zweiten Weltkrieg. Paderborn 2014.
25 Zur Bedeutung seines Studienfreundes, Chronisten und Unterstützers während der
Haft, Rudolf Wolters siehe dessen Biographie. André Deschan, Im Schatten von Albert
Speer. Der Architekt Rudolf Wolters. Berlin 2016 (zugl. Diss. Uni Weimar 2013); ders., Ru-
dolf Wolters – Der Mann hinter Speer in: Wolfgang Benz, Peter Eckel, Andrea Nachama
(Hrsg.), Kunst im NS-Staat. Ideologie, Ästhetik, Protagonisten. Berlin 2015, S. 319–331. Zum
Abteilungsleiter, der für die „Entmietung“ der Berliner Juden verantwortlich war, siehe
Jörg-Michael Schiefer, Speers Vollstrecker. Willi Clahes. Göttingen 2015. Alexander Kropp,
Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt: Architektur und Propaganda in: Wolfgang
Benz, Peter Eckel, Andrea Nachama (Hrsg.), Kunst im NS-Staat. Ideologie, Ästhetik, Pro-
tagonisten. Berlin 2015, S. 333–345 verfolgt ein Dissertationsprojekt über Speers Medien-
politik. Er weist im obigen Aufsatz nach, wie Speer seine Umgestaltungspläne für Berlin
wie Goebbels mit modernsten Propagandamitteln verfolgte. Dabei kommen Kropp seine
Erfahrungen aus dem Berliner Politikbetrieb als Assistent eines Bundestagsabgeordneten
zugute. Von ihm liegt bereits vor: ders., Die politische Bedeutung der Repräsentations-
architektur im Dritten Reich. Die Neugestaltungspläne Albert Speers für den Umbau
Berlins zur „Welthauptstadt Germania“ 1936–1942/43 (Deutsche Hochschuledition, Bd.
135). München 2005. Weiterhin arbeitet Kropp am Editionsprojekt der von Rudolf Wolters
geführten „Chronik“ der Speerdienststellen mit der Kommentierung der architektoni-
schen Tätigkeiten mit, während Jonas Scherner die rüstungspolitischen kommentiert.
Alexander Kropp, Fälschungen auf der Spur. Hitlers „Lieblingsarchitekt“ Albert Speer und
sein Diensttagebuch – ein Editionsprojekt In: uni.vers (13), 11/2007, S. 33–35.
26 Dies versuchte 2003 aus germanistischer Perspektive Michael Atze, „Unser Hitler“. Der
Hitler-Mythos im Spiegel der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Göttingen 2003,
wobei er den Gesamtmythos in eine Vielzahl von Mythemen aufspaltete und deren
Verwendung minutiös analysierte, der historische Erkenntnisgewinn aber gering blieb.
Wesentlich größer war dieser bei Reiner Eisfelds Untersuchung des „Mythos Peene-
münde“, der viele Gemeinsamkeiten mit Speers Mythos hat. Auch das Raketenprojekt
besaß eine „gute“ technische Seite und eine „dunkle“ der Zwangsarbeit und wurde wie
Speers Person und Tätigkeit hinterher umgedeutet in die Erforschung des Weltraums und10 Einleitung
damit der Nachkriegsideologie angepasst. Neben der offfensichtlichen Gemeinsamkeit
der V-2, für deren forcierte Entwicklung sich Speer stark einsetzte, wenn er dies hin-
terher auch als seinen „größten Fehler“ bezeichnete, wurden die Raketen in grausamer
Zwangsarbeit in den unterirdischen Höhlen von Mittelbau-Dora produziert als Bestand-
teil von Speers Rüstungsressort. Genauso wollte sich Speer hinterher als Wegbereiter des
amerikanischen Systems von free enterprise und damit des „Wirtschaftswunders“ sehen,
und wurde auch von ideologiekritischen Historikern in dieser Rolle anerkannt. Vgl. hier-
zu Rainer Eisfeld, Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus
dem Geist der Barbarei. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996, S. 228, wo Eisfeld explizit
die Raketenfertigung als „Sklavenstaat der SS“ bezeichnet und damit Speers Spätwerk
und seine Mythen zitiert; Jannes Erichsen u. Bernhard M. Hoppe (Hrsg.), Peenemünde.
Mythos und Geschichte der Rakete 1923–1989. Berlin 2004; Günter Jikeli (Hrsg.), Raketen
und Zwangsarbeit in Peenemünde. Schwerin 2014.
27 Matthias Schmidt, Albert Speer. Das Ende eines Mythos. Aufdeckung einer Geschichts-
verfälschung. Bern/München 1983 (19821), S. 1. Mit der Begrifffsbildung wurden Speers
Aussagen in das Reich der Mythologie verwiesen, wobei Schmidt den Begrifff „Mythos“
durch Beispiele für Speers Verfälschungen und Widersprüchlichkeiten illustrierte, und
ihn abwechselnd und synonym mit „Legende“ sowie einmal auch „Saga“ verwendete. Da-
bei wurde, zum Beispiel in der Einleitung, „Legende“ wesentlich häufijiger als „Mythos“ ge-
braucht. Dennoch hielt Schmidt den Begrifff „Mythos“ eindeutig für wirkmächtiger, da er
ihn im Buchtitel und der Überschrift des ersten Kapitels „Die Entstehung eines Mythos“
verwendete und im inhaltlichen Schlusskapitel sogar als Steigerungsform von „Legende“
benutzte.
28 Ebd., S. 240.
29 Generell gelten „Mythen“ als „Erzählungen, die sich auf eine kollektiv wichtige Wirk-
lichkeit beziehen […]. In politikwissenschaftlicher Hinsicht wurde die Konzeption
politischer Mythen vor allem als Geschichtsmythen verstanden. […] Politische My-
then schafffen eine emotional aufgeladene symbolische Sinnwelt, eine Situierung der
Gegenwart in der Vergangenheit, aus der diese ihre handlungsleitende und formative
Kraft bezieht.“ Rudolf Speth/Edgar Wolfrum, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Politische My-
then und Geschichtspolitik. Konstruktion – Inszenierung – Mobilisierung, Berlin 1996,
S. 7–16, hier: S. 8–10. Gleichzeitig haben Mythen eine ambivalente Bedeutung. Indem sie
von einer Generation zur nächsten überliefert werden, werden sie von ihrem Ursprung
entkoppelt, was zur Veränderung und sogar Verfälschung von historischen Tatsachen
führen kann. Andererseits bedeutet der Mythos gerade in der Form eines Gründungs-
aktes, die Gegenwart und die sie fundierende Geschichte mit identischen Augen zu be-
trachten, so dass die Vergangenheit durch ihre afffektive Aneignung in der Gegenwart
Orientierungskraft für die Zukunft gewinnt. Beide Aspekte, der der afffektiven Aneignung
und der der Verfälschung, können im Begrifff „Mythos“ gleichzeitig auftreten, müssen es
aber nicht. Der Mythos entfaltet seine Wirkung am stärksten durch narrative Wiederho-
lung und Weitergabe. Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen. Berlin 2009,
S. 14f. unterscheidet zwischen „narrativer Variation, ikonischer Verdichtung und ritueller
Inszenierung.“ Inszenierung versteht er als Ritual und damit Verfestigung von Mythen.
Wenn auch Bilder und sogar Inszenierungen manchmal ebenfalls als Erscheinungsfor-
men des Mythos angesehen werden, wird im Folgenden der Begrifff Mythos primär in
seiner Erscheinungsform und Weitergabe als „Erzählung“ verwendet. Vgl. auch Assmann,
Schatten, S. 40f. u. Ebbrecht, Geschichtsbilder, S. 25–45.
30 Karl Jaspers, Die Schuldfrage in: ders., Lebensfragen der deutschen Politik, München 1963,
S. 36f., S. 45f.Einleitung 11
31 Wenn sie, wie in dieser Untersuchung „Grundintentionen und Gestaltungsprinzipien“ tei-
len, spricht Mannheim von „Generationseinheiten“, die einheitliche Reaktionen auf die
Herausforderungen der Zeit zeigen. Karl Mannheim, Das Problem der Generationen, in:
Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk, hg. v. Kurt H. Wolfff, Berlin und Neuwied 1964,
S. 509–565, hier: S. 544–547. Kritisch zum „doppelten Dilemma des Generationenbegrifffs
[… zwischen] lebensweltliche[r] Evidenz und emphatische[r] Überdetermination“ siehe
Bernd Weisbrod, Generation und Generationalität in der Neueren Geschichte in: Aus Po-
litik und Zeitgeschichte (Nr. 8/2005), 16.02.2005, S. 2.
32 Assmann, Schatten, S. 27. Normalerweise wird für den Generationsabstand das Durch-
schnittsalter der Mutter bei der Geburt ihrer Kinder zugrunde gelegt, das durch
Kriegsereignisse oder ein generell verändertes generatives Verhalten leicht variiert.
Ulrike Jureit benutzt Generation als „relationale Größe“, die im Betrachtungszeitraum
primär vom Erleben bzw. Nichterleben von Nationalsozialismus, Holocaust und Zweitem
Weltkrieg geprägt ist. Dennoch sieht sie im Gegensatz zu Assmann kein gemeinsames
Generationengedächtnis, sondern nur eine kommunikativ vermittelte Gemeinsamkeit,
d. h. Generation wird als Selbstbeschreibungskategorie verstanden. Ulrike Jureit u. Chris-
tian Schneider, Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung, Bonn 2010,
S. 78fff. Konstitutive Aspekte von Generationen beinhalten „Identitätskonstruktion, Kol-
lektivbezug, Erfahrungsgemeinschaft und Handlungsrelevanz“. Ulrike Jureit u. Michael
Wildt (Hrsg.), Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegrifffs. Ham-
burg 2005, S. 9.
33 Etwas überpointiert benennt er Klasse als zentrale soziologische Kategorie für das Ver-
ständnis Englands, die Stellung zur Republik für Frankreich und eben den Begrifff der Ge-
neration für Deutschland. Heinz Bude, „,Generation‘ im Kontext. Von den Kriegs- zu den
Wohlfahrtsstaatsgenerationen“ in Ulrike Jureit u. Michael Wildt (Hrsg.), Generationen.
Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegrifffs. Hamburg 2005, S. 28–44, hier S.31.
Auch wenn Bude wie einige „68er“ selbst, diese ab dem Geburtsdatum 1938 beginnen lässt
und damit ihrer späteren „Neuerfijindung“ als „Kriegskinder“ zuordnet, begründet meines
Erachtens gerade die Defijinition über die Erfahrung der Kriegszeit deren Zuordnung zur
skeptischen Generation der Flakhelfer. Heinz Bude, Das Altern einer Generation. Die
Jahrgänge 1938 bis 1948. Frankfurt/M. 1995 (zugl. Habil. Uni Hamburg).
34 Ulrich Herbert bezeichnet als die einzigen politischen Generationen die Kriegsjugend-
generationen beider Weltkriege und die „68er“, also die letzten drei hier betrachteten.
Ulrich Herbert, „Generationenfolge in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“
in Jürgen Reulecke (Hrsg.), Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert.
München 2003, S. 95–114.
35 An der Schwelle beider Bestimmungsfaktoren profijitierten die „68er“ von der einma-
ligen Versorgung mit Jobs, langer Lebenserwartung und seit 1958 drastisch erhöhten
Renten sowie der Praxis der Frühverrentung. Es folgten die „Post68er“ und dann die
Zwischengeneration Golf, bevor die „1989er“ kamen, deren Job- und Rentenaussichten
deutlich schlechter sind. Bude, ebd. Demgegenüber sind aber gerade sie – wie schon die
Bezeichnung verrät – wieder von politischen Ereignissen defijiniert.
36 Norbert Frei, 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen, erweiterte
Taschenbuchausgabe. München 2009, S. 42.
37 Geprägt wurde dieser Begrifff von Michael Wildt, Generation des Unbedingten. Das Füh-
rungskorps des Reichssicherheitshauptamts. Hamburg 2002 (zugl. Habil. Uni Hannover
2001), S. 24f.
38 Der Begrifff stammt von dem konservativen Soziologen Helmut Schelsky, Die skepti-
sche Generation, Düsseldorf 1957. Vgl. zu dieser Generation auch Heinz Bude, Deutsche12 Einleitung
Karrieren. Lebenskonstruktionen sozialer Aufsteiger aus der Flakhelfer-Generation.
Frankfurt/M. 1987 (zugl. Diss. FU Berlin 1986); aktuell: Malte Herwig, Die Flakhelfer. Wie
aus Hitlers jüngsten Parteimitgliedern Deutschlands führende Demokraten wurden.
München 2013.
39 Hierzu vor allem Sabine Bode, Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen
ihr Schweigen. Stuttgart 2004. Heinz Bude zählt demgegenüber die ab 1938 geborenen
Kriegskinder zu den „68ern“, wie bereits sein Titel zeigt. Heinz Bude, Das Altern einer
Generation. Die Jahrgänge 1938–1948. Frankfurt 1995.
40 Christian Schneider nennt sie in ihrer Identifijikation mit den Opfern des Nationalso-
zialismus die „Entronnenen“, in: Ulrike Jurleit u. Christian Schneider, Gefühlte Opfer.
Illusionen der Vergangenheitsbewältigung. Bonn 2010, S. 193.
41 Florian Illies, Generation Golf. Eine Inspektion, Berlin 2000.
42 Dies war 2003 noch nicht so deutlich, weshalb Frei diese damals noch sehr junge Ge-
neration mit der vorherigen zusammenfasst. Frei, 1945, S. 42. In dieser Studie wird den
„1989ern“ das letzte Kapitel des 5. Teils gewidmet, da sich deren Distanz zum Nationalso-
zialismus in Ironisierung und Virtualisierung ausdrückt.
43 Die Hauptwerke zur Gedächtnisforschung sind Maurice Halbwachs, Les cadres sociaux de
la mémoire. Paris [1925] 1952; ders., La mémoire collective. Paris [1939] 1950; Pierre Nora,
Les lieux de mémoire, 3 tomes. Paris 1984–1996; Henry Rousso, La dernière catastrophe.
Paris 2012.
44 Assmann, Schatten, S. 22.
45 Hierbei kann es sogar zur Verknüpfung von Geschichten von Flucht, Vertreibung und
Bombenkrieg mit Bildern aus Konzentrationslagern kommen. Aus russischen Soldaten
werden so in der Beschreibung SS-Bewacher. Genauso werden nach Harald Welzer oft
die Erzählungen der ersten Generation zu Widerstandstaten umgedeutet, obwohl gene-
rell Schulwissen über den Holocaust und die Schuld der Vorfahren bekannt und weithin
akzeptiert ist. Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall, Opa war kein Nazi.
Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt/M. 2002, S. 10f.
46 Generell zum „konstruktivistischen“ Charakter der Selbstdeutung gegenüber einem rein
„essentialistischen“ Generationsverständnis siehe Arnd Bauerkämper, ‚Generation´als
Selbstdeutung. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus, in: Almut Hille, Huang Li-
ayou, Benjamin Langer (Hrsg.), Generationenverhältnisse in Deutschland und China.
Soziale Praxis – Kultur – Medien, Berlin u. Boston 2016.
47 Benjamin Möckel, Erfahrungsbruch und Generationsbehauptung. Die „Kriegsjugendge-
neration“ in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften. Göttingen 2014 (zugl. Diss.
Göttingen 2013), S. 385. Möckel weist in seiner Studie detailliert nach, dass erstens die
Erfahrungen der Flakhelfergeneration unterschiedlich waren und sie zweitens in der
Bundesrepublik und der DDR aufgrund eines anderen Deutungsrahmens diametral
entgegengesetzt verarbeitet wurden.
48 Münkler, Deutschen, S. 458.
49 Auf diesen oft übersehenen Aspekt verweist Münkler unter Bezug auf Mannheim. Zwar
defijinieren die prägenden Sozialisationserfahrungen Generationen, doch „entscheidend
dafür dürfte die Erlebnisverarbeitung sein, und dabei spielen Meinungsführer und Deu-
tungseliten die entscheidende Rolle. Sie nämlich versehen das Erlebte mit Sinn und
Bedeutung beziehungsweise verbinden es narrativ und ikonisch mit den großen Er-
zählungen des politischen Verbandes und weisen dabei der jeweiligen Generation eine
Rolle in der politischen und sozialen Geschichte des Großverbands zu.“ Münkler, Die
Deutschen, S. 27. Ursprünglich geht der Begrifff des Meinungsführers auf das zweistufijige
Kommunikationsmodell der Medien des amerikanischen Soziologen Paul LazarsfeldEinleitung 13
zurück. Vgl. Paul F.Lazarsfeld, Bernard Berelson, Hazel Gaudet, The People’s Choice. How
the Voter Makes up his Mind in a Presidential Campaign. New York, London 1944. Zum
heutigen Stand, der auch, wie in diesem Kontext erforderlich, eine bereichsspezifijische
Meinungsführerschaft berücksichtigt, siehe Michael Schenk, Medienwirkungsforschung.
Tübingen 20022, S. 320–369.
50 Gerade die Kriegskinder weisen Merkmale der skeptischen Generation auf. Mit ihnen
teilen sie den prägenden Einfluss der Jugendorganisationen des „Dritten Reichs“, ohne
jedoch als Erwachsene deren Folgeorganisationen als Flakhelfer oder junger Frontsoldat
miterlebt zu haben. Dennoch können Reste des Wertekanons des Nationalsozialismus
in ihrem Verhalten und ihren Ansichten ebenso festgestellt werden wie die oft traumati-
schen Erfahrungen des Bombenkriegs und der Flucht. Je nach Alter kann eine der beiden
Komponenten überwiegen.
51 Jörn Rüsen, Holocaust-Erfahrung und deutsche Identität. Ideen zu einer Typologie der
Generationen in: Harald Welzer (Hrsg.), Das Soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinne-
rung, Tradierung. Hamburg 2001, S. 245, 251 u. 254. Eine ähnliche Periodisierung nehmen
Helmut König und Aleida Assmann vor. Der Politikwissenschaftler König unterscheidet
zwischen einer durch eine moralische Schulddebatte geprägten unmittelbaren Nach-
kriegszeit, der Adenauerära der fünfziger Jahre, in der sich die neugegründete Bundes-
republik klar vom Nationalsozialismus abgrenzte, gleichzeitig aber dennoch dessen
Anhänger und Eliten integrierte, der „lange[n] Welle zwischen 1960 und 1990“ mit dem
Holocaust als zentralem Deutungsrahmen, und der Berliner Republik mit der Historisie-
rung des „Dritten Reichs“ und der Institutionalisierung der Erinnerungskultur. Die „lange
Welle“ bildet die Phase des großen Generationenkonflikts, in dessen Verlauf die Kinder
der Kriegsgeneration ihren Eltern sowohl die Verbrechen als auch deren Verleugnung und
Verdrängung vorwarfen. Assmann konstatiert ein „Crescendo der Holocaust-Erinnerung“,
das in generationsbildenden zwanzigjährigen Abständen vom Kriegsende 1945 über die
Auschwitzprozesse von 1965 und die Weizsäckerrede und den Historikerstreit von 1985 in
gerader Linie zum zentralen Holocaust Mahnmal von 2005 führt. Assmann löst damit den
Generationenbegrifff von der seit Mannheim üblichen Fixierung auf die Jugendphase und
bestätigt die These vom Einfluss der Meinungsführerschaft von Exponenten der Vorgän-
gergeneration auf die nachfolgende. Assmann, Unbehagen, S. 56–58.Kapitel 1
Speers Mythologisierung seiner „Leistungen“ im
„Dritten Reich“
Herkunft und Epoche
Die Mythologisierung seiner „Leistungen“ im „Dritten Reich“ begann Speer
bereits bei der Darstellung seiner Geburt, Herkunft und Jugend.
An einem Sonntag, dem 19. März 1905, 12 Uhr mittags, kam ich in
Mannheim zur Welt. Der Donner eines Frühjahrsgewitters übertönte,
wie mir meine Mutter oft erzählte, das Glockengeläute von der nahen
Christuskirche.1
Tatsächlich donnerte es erst einige Stunden später und die Kirche wurde erst
sechs Jahre später vollendet, wie Matthias Schmidt – sein erster kritischer
Biograph – herausfand; doch Speer liebte es, seine Geburt durch besondere
Naturphänomene zu einem geschichtlich bedeutsamen Ereignis zu stilisieren.2
Albert Speer stammte aus einem großbürgerlichen Elternhaus. Sein Vater
war wie schon sein Großvater erfolgreicher Architekt, und auch er und sein
ältester Sohn Albert sollten Architektur studieren.3 Allerdings verschwieg
Speer, dass sein Großvater – möglicherweise aus geistiger Verwirrung –
Selbstmord beging und der Vater deshalb nicht, wie geplant, das Fach stu-
diert sondern in einem Architekturbüro gelernt hatte.4 Noch wohlhabender
war die Linie mütterlicherseits, in der es Speers Großvater als Sohn eines
Försters zum erfolgreichen Inhaber eines Mainzer Handelshauses und einer
großen Werkzeugmaschinenfabrik gebracht hatte.5 In der aus wirtschaftlichen
Erwägungen geschlossenen Ehe von Speers Eltern spielte Liebe offfenbar keine
Rolle6 – dafür war das Elternhaus verschwenderisch mit 14 Zimmern, 5 bis 6
Dienstboten sowie zwei Automobilen ausgestattet.7
Speers Eltern gingen kühl und distanziert miteinander um, und er selbst
fühlte sich unwohl in seiner Herkunftsfamilie. Obwohl er seinen Vater bewun-
derte, fand er ein enges, offfenes Verhältnis weder zu ihm noch zu seiner in prä-
tentiöser Repräsentationssucht gefangenen Mutter, die regelmäßig Empfänge
und Hausbälle veranstaltete. Auch der Vater war stets formell gekleidet und
besaß eigene, unverrückbare Maßstäbe.8 Als erfolgreicher Bürger blieb er dem
Liberalismus Naumannscher Prägung auch nach der „Machtergreifung“ treu
© VERLAG FERDINAND SCHÖNINGH, 2019 | doi:10.30965/9783506789136_003Sie können auch lesen