AMNESTY MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE - Amnesty International Schweiz
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AMNESTY Nr. 89 72 Dezember März 2017 2012 MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE BITTE LESEN! AUTORINNEN UND AUTOREN SCHREIBEN ÜBER MENSCHENRECHTE Mit Beiträgen von Franz Hohler Milena Moser Gabriel Vetter Guy Krneta Dana Grigorcea Michael Guggenheimer JEMEN USA SCHWEIZ Hunger und andere Waffen Der Anti-Menschenrechts-Präsident Hassverbrechen stoppen
© AI INHALT_MÄRZ 2017 Titelbild Das Titelbild und die Illustrationen in diesem Dossier stammen von Anne-Marie Pappas. AKTUELL THEMA 4 Good News 24 Jemen 6 Aktuell im Bild Hunger und andere Waffen 7 Nachrichten 9 Brennpunkt Ausgerechnet Libyen Im brutalen Konflikt in Jemen werden völkerrechtswidrige DOSSIER Mittel eingesetzt. Bitte lesen! 27 Asyl Schweiz Die Kostenfrage 30 LGBTI Hassverbrechen stoppen 32 USA Der Anti-Menschenrechts-Präsident KULTUR 10 Die Kraft des Wortes: Carte Blanche für Schweizer Autorinnen und Autoren 34 Film Zusammenstoss im Kastenwagen WILLKOMMEN IN DER SCHWEIZ? 12 Die Stiefel 35 Buch Von Milena Moser Eine Scheherazade unserer Tage 14 Hätte 37 Film Von Franz Hohler Unschuldig bestraft FÜR EINE WILLKOMMENSKULTUR GEGENÜBER FLÜCHTLINGEN 16 Mara B. Von Dana Grigorcea AUF GRUNDLAGE DER MENSCHENRECHTE 18 Das Herz der Schweiz Von Gabriel Vetter AKTION 38 Aktion 20 Der neue Nobelpreisträger Briefe gegen das Vergessen Von Guy Krneta Ein Podium, eine Aktion und Workshops Amnesty International und andere Organisationen setzen sich für eine 22 Bedrohte Freiheit des Wortes zu diesem Thema finden an der General Von Michael Guggenheimer Asylpolitik in der Schweiz ein, die mit versammlung der Schweizer Sektion von internationalem Recht vereinbar ist. Amnesty International statt: Vor dem aktuellen politischen Hinter Samstag und Sonntag, 22. und 23. April 2017, grund ist die Arbeit für eine mit den Impressum: «AMNESTY», Magazin der Menschenrechte, Nr. 89, März 2017. Verantwortliche Redaktion: Manuela Reimann Graf (mre.), Carole Scheidegger (cas., verantwortliche Redaktorin). MitarbeiterInnen Universität Basel Menschenrechten kompatible Asyl dieser Nummer: Ulla Bein, Jürg Bischoff, Alain Bovard, Dana Grigorcea, Michael Guggenheimer, Franz Hohler, Julie Jeannet, Guy Krneta, Tobias Kuhnert, Milena Moser, Reto Rufer, Gabriel Vetter. Korrek- politik eine grosse Herausforderung. torat: Korrektorat Vogt, Bern und Korrektorat Kurt Wilhelm, Oftringen. Übersetzung: Franziska Fausch, Lyss. Gestaltung: www.muellerluetolf.ch. Druck: Stämpfli AG, Bern. Die Mitgliederzeitschrift «AMNESTY» Anmeldung auf www.amnesty.ch/gv Wie kann das erreicht werden? Vor erscheint viermal jährlich in Deutsch und Französisch. Redaktionsschluss der nächsten Nummer: 14. April 2017. Distribution: «AMNESTY, Magazin der Menschenrechte» erhalten alle, die die Schweizer Sektion von Amnesty International mit mindestens 30 Franken jährlich unterstützen. Über die Veröffentlichung von Fremdbeiträgen entscheidet die Redaktion. Alle Rechte vorbehalten. © Amnesty International, Schweizer Sektion. Spendenkonto: Amnesty International, Schweizer Sektion, 3001 Bern (PC 30-3417-8). Redaktionsadresse: Magazin «AMNESTY», Redak tion, Postfach, 3001 Bern. welchen Fragen steht die Gesellschaft? Tel.: 031 307 22 22, E-Mail: info@amnesty.ch. Auflage: 86 600 (dt.). Wie sehen die Erwartungen und www.amnesty.ch facebook.com/amnesty.schweiz twitter.com/amnesty_schweiz International: www.amnesty.org Hoffnungen von Asylsuchenden aus? 3 AMNESTY März 2017
A K T U E L L _ EN DA IC THORRI ICAHLT E N AKTUELL_BRENNPUNKT Literatur bringt uns an Orte, die wir kaum je besuchen könnten. Ein Flüchtlingslager in der West- sahara, ein Slum in Indien, ein Gefängnis im Südafrika der Apartheidszeit. Sie lässt uns mit GOOD NEWS Künstler freigelassen KUBA − Danilo Maldonado Machado, der als Graffitikünstler «El Sexto» bekannt ist, wurde am 21. Januar aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Havanna freigelassen. Er war kurz nach der Bekanntgabe des To- des von Fidel Castro festgenommen worden, weil er ein Graffiti mit dem Text «Se fue» (Er ist gegangen) an eine Wand in Havanna ge- sprüht habe. Maldonado Machado blieb fast zwei Monate inhaftiert. legten mehrfach Rechtsmittel ein. Nach einer Neuverhandlung am 30. November 2016 ent- schied das Gericht, dass es Wi- dersprüche im Beweismaterial gebe und dass die Rechtmässig- keit der Geständnisse nicht si- cher sei. Die Gefangenen wurden Mehr Schutz für Roma UNGARN – «Es war die Hölle. Flaschen und Steine fielen auf uns wie in einem Hagelsturm», erinnert sich Alfréd Király. «Die Kinder gerieten in Panik. Wir baten die Polizei uns zu beschützen, aber diese tat nichts.» Es war am 5. August 2012, als über 500 rechtsgerichtete Demonstrie- rende im Dorf Devecser die Häuser von Roma angriffen und drohten, sie anzuzünden. Dazu skandierten sie rassistische Sprüche. Zwei der betroffenen Roma-Familien haben nun vor Gericht einen Sieg erreicht: IN KÜRZE ANGOLA – Vier Jugendaktivisten, die der Revolutionsbewegung von Benguela (Movimento Revolu cionário de Benguela) angehören, sind gegen Kaution aus der Haft entlassen worden. Es war nie An © Privat unverzüglich freigelassen. Am 17. Januar verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschen- klage erhoben worden. Menschen lieben und leiden, rechte den ungarischen Staat zu einer Entschädigungszahlung. Das die wir nie kennengelernt haben. Oder sie bringt uns Haftverkürzung Gericht verurteilte die Passivität der Polizei vor Ort und das Verschlep- PAKISTAN – Der Menschenrechts für Chelsea Manning pen der Ermittlungen durch die Justiz. Es kritisierte auch, dass die verteidiger Wahid Baloch ist vier dazu, die Verhältnisse hier vor unserer Haustüre zu USA – Unmittelbar vor dem Ende Hetzreden nicht verfolgt wurden, obwohl sie zu Gewalt aufriefen. Monate nachdem die Staatssi hinterfragen. Literatur zeigt uns, wie die Welt auch seiner Amtszeit hat US-Präsident cherheitsbehörden ihn mutmass © Kinga Kalocsai noch sein könnte. Obama die Haftstrafe von Chel- lich in Karatschi «verschwinden» sea Manning verkürzt. Manning liessen, freigelassen worden. Wir haben Schweizer Autorinnen und Autoren gebe- war zu 35 Jahren Gefängnis ver- Während der ganzen Zeit erhielt ten, für diese Ausgabe Texte beizusteuern, die sich urteilt worden. Sie hatte Informa- seine Familie keinerlei Informa tionen über mögliche Menschen- tionen zu seinem Verbleib. mit einem Menschenrechtsthema beschäftigen. An- rechtsverletzungen und Verstösse sonsten gaben wir ihnen eine «Carte Blanche». Wir gegen das Völkerrecht durch VENEZUELA – Nach mehr als zwei die US-Streitkräfte öffentlich ge- Jahren Haft ist der venezolani hoffen, Sie freuen sich über das Ergebnis genauso macht. Es gibt schwerwiegende sche Menschenrechtsaktivist sehr wie wir, und wünschen Ihnen eine gute Lektüre Bedenken hinsichtlich der Um- Rosmit Mantilla wieder frei. Der der Texte von Dana Grigorcea, Franz Hohler, Guy stände, unter denen Manning in Politiker der Oppositionspartei Untersuchungshaft festgehalten Voluntad Popular hatte sich für Krneta, Milena Moser und Gabriel Vetter. Sie laden wurde. So hatte Amnesty die die Rechte von Lesben, Schwu uns ein zum Staunen, Schmunzeln, Erschrecken und Danilo Maldonado Machado in seinem Studio. Nichteinhaltung rechtsstaatlicher len, Bi-, Trans- und Intersexuel Prinzipien kritisiert. Manning soll len eingesetzt und war im Mai Erkennen. Aslı Erdoğan (vorläufig) frei nach dem Putschversuch ge- nun im Mai aus dem Hochsicher- Die rechten Demonstrierenden in Devecser wurden von der Polizei nicht 2014 festgenommen worden. Die subversive Kraft der Literatur kann für deren TÜRKEI − Am 29. Dezember wur- schlossen. Der Prozess soll im heitsgefängnis entlassen werden. aufgehalten. SchafferInnen aber auch gefährlich sein. Schriftstel- de der Prozess gegen die März fortgeführt werden. Mehr INDIEN – Der Menschenrechtsver Schriftstellerin Aslı Erdoğan und zu SchriftstellerInnen in Gefahr Killerroboter im Visier teidiger Khurram Parvez wurde © Sharron Ward / Campaign to Stop Killer Robots ler und PEN-Schweiz-Präsident Michael Guggenhei- acht weitere Angeklagte vor ei- lesen Sie auf S. 22. UNO – 2017 könnte das Verbot von Killerrobotern einen entscheiden- Ende November aus der Haft mer legt dar, was seinen Kolleginnen und Kollegen nem Istanbuler Gericht eröffnet. den Schritt vorankommen. Auf der 5. Konferenz zur Überprüfung der entlassen. Er war unter dem Vor Sogleich ordnete das Gericht an, Todesurteil aufgehoben Uno-Waffenkonvention in Genf vom vergangenen Dezember beschlos- wurf festgenommen worden, eine blühen kann, wenn sie das Missfallen der Obrigkeit die schwerkranke Aslı Erdoğan, CHINA – Über 13 Jahre nachdem sen VertreterInnen von 89 Staaten, die Verhandlungen über ein Verbot unmittelbare Bedrohung des öf erregen. Dass so viele Literaturschaffende weltweit im die 70-jährige Linguistin und Huang Zhiqiang, Fang Chunping, auszuweiten. Killerroboter sind autonome Waffensysteme, die Ziele fentlichen Friedens darzustellen, Übersetzerin Necmiye Alpay so- Cheng Fagen und Cheng Lihe ohne nennenswerte menschliche Kontrolle auswählen und angreifen kam jedoch nach wenigen Tagen Gefängnis zum Schweigen gebracht werden sollen, wie den stellvertretenden Chef- zum Tode verurteilt worden sind, können. Sie würden zwar die Sicherheit von SoldatInnen und PolizistIn- wieder frei. Kurz darauf nahm beweist auf drastische Weise: Literatur wirkt. redaktor von «Özgür Gündem», hat das Hohe Volksgericht in der nen im Einsatz erhöhen, jedoch die Hemmschwelle senken, überhaupt man ihn abermals fest; nun wur Zana Kaya, aus der Untersu- Provinz Jiangxi ein neues Urteil in bewaffnete Konflikte einzutreten, kritisiert Rasha Abdul Rahim, die de er der Anstiftung zu Gewalt Carole Scheidegger, verantwortliche Redaktorin chungshaft zu entlassen. verkündet, das «nicht schuldig» bei Amnesty in London für Rüstungskontrolle zuständig ist. Die auto- gegen Sicherheitskräfte beschul Erdoğan verbrachte 132 Tagen lautet. Die vier waren 2003 we- matisierten Waffensysteme können nicht zwischen ZivilistInnen und digt. Am 25. November erklärte in Untersuchungshaft. Ihr «Ver- gen Mord, Vergewaltigung, Raub SoldatInnen unterscheiden und lassen sich kaum auf die Regeln des das Hohe Gericht des Bundes Übrigens: Für unsere Westschweizer Ausgabe haben brechen» hatte darin bestanden, und Erpressung zum Tode verur- internationalen Kriegsvölkerrechts programmieren, so Abdul Rahim. staates Jammu und Kaschmir die eine Kolumne für die kurdische teilt worden. Sie bekräftigten aber Inhaftierung von Khurram Parvez SchriftstellerInnen aus der Romandie geschrieben. Tageszeitung «Özgür Gündem» immer, dass sie unter Folter und Die Kampagne gegen Killerroboter dauert schon einige Jahre an. Nun für willkürlich und rechtswidrig. Sie finden deren Texte auf www.amnesty.ch/fr. zu schreiben. Die Zeitung wurde Zwang «gestanden» hätten, und gibt es Aussicht auf Erfolg. 4 5 AMNESTY März 2017 AMNESTY März 2017
AKTUELL_IM BILD AKTUELL_NACHRICHTEN Widerspruch unerwünscht Standortpolitik tung gebührend wahrnehmen». © Reuters/Mohammad Ponir Hossain THAILAND – Die thailändischen Behörden bestrafen abweichende Mei- mit Scheuklappen Trotzdem enthält der Aktionsplan nungen hart. Sie nehmen politische AktivistInnen ins Visier, die nichts SCHWEIZ – Der Bundesrat empfahl keine einzige verbindliche neue anderes tun, als friedlich ihre Grundrechte wahrzunehmen. Gegen die Konzernverantwortungsinitiati- Massnahme. Offenbar ist der Dutzende von MenschenrechtsverteidigerInnen, Demokratie-Aktivis- ve (Kovi) am 11. Januar 2017 zur Bundesrat nicht bereit, den Wor- tInnen und Studierende wird derzeit mithilfe drakonischer Gesetze Ablehnung. «Damit verpasst er ten auch Taten folgen zu lassen. und Verfügungen vorgegangen. Wie ein Bericht von Amnesty Interna die Gelegenheit, die grossen Her- Diese Scheuklappenpolitik habe tional zeigt, schränken die Behörden die Meinungsäusserungs- und ausforderungen im Bereich Wirt- nicht nur für die Opfer von Men- Versammlungsfreiheit stark ein. schaft und Menschenrechte schenrechtsverletzungen durch ernsthaft anzugehen», kommen- Schweizer Konzerne gravierende © Yingcheep Atchanont tierte die Koalition von Organisati- Folgen, so die Kovi-Koalition wei- onen, die hinter Kovi stehen, die ter. Auch die zahlreichen Unter- Stellungnahme der Regierung. Im nehmen, die heute schon Wert Nationalen Aktionsplan für Wirt- auf eine faire und sozial nachhalti- schaft und Menschenrechte von ge Geschäftstätigkeit legen, wür- Dezember 2016 unterstreicht der den darunter leiden. Für sie wä- Bundesrat seine Erwartung, dass ren verbindliche Vorgaben des «in der Schweiz ansässige und/ Bundes nötig, damit alle Unter- oder tätige Unternehmen […] ihre nehmen die gleichen Vorausset- menschenrechtliche Verantwor- zungen hätten. AUSZEICHNUNG © Christian Brun Unsere Volontärin Julie Jeannet hat ihre Ausbildung zur Journalistin am West- In Haft wegen eines kritischen Facebook-Posts: Student Jatupat Boonpattararaksa. schweizer Centre de Formation au Journalisme et aux Médias erfolgreich Siedlungen legalisiert bestanden. Sie war eine der vier ISRAEL/ BESETZTE PALÄSTINENSISCHE GEBIETE – Das israelische Parla- FinalistInnen für den «Prix 2017 du ment hat mit einem Gesetz rund 4000 Wohneinheiten von SiedlerIn- meilleur jeune journaliste de Suisse nen auf palästinensischem Privatland legalisiert. Die BesitzerInnen romande» («Preis für den besten jungen AMNESTY-Volontärin Julie Jeannet MYANMAR – Der friedliche Eindruck täuscht: Dieser Mensch zählt zu den Zehntausenden von Rohingya, die aus Myanmar (dem ehemaligen Bur- sollen mit Geld oder anderen Grundstücken entschädigt werden Die Journalisten der Westschweiz»). Sie (ganz rechts) an der Preisverleihung. ma) nach Bangladesch geflohen sind. In ihrer Heimat sind die Rohingya, eine muslimische Minderheit, unfassbarer Gewalt ausgesetzt. Ein Am- Siedlungen sind völkerrechtlich illegal: Gemäss Genfer Konventionen überzeugte die Jury mit ihrer gründlichen nesty-Bericht belegte im Dezember, dass die Sicherheitskräfte Myanmars verantwortlich sind für rechtswidrige Tötungen, Vergewaltigungen und ist es einer Besatzungsmacht nicht erlaubt, die eigene Bevölkerung in Arbeit und ihrem flüssigen Schreibstil. Gelobt wurde insbesondere das Abbrennen von Häusern und ganzen Dörfern. Auch die Uno berichtete im Februar von grauenhaften Vergehen. Demnach seien Prügel und besetztem Gebiet anzusiedeln. Gegen das neue Gesetz könnte sich ihre Reportage «Kinder, Küche und Gewalt» (AMNESTY Nr. 87) über Tötungen, auch von kleinen Kindern und Babys, an der Tagesordnung. Die Behörden Myanmars scheinen bei den Vergehen des Militärs an den das Oberste Gericht Israels stellen. Es hatte auch entschieden, dass die Situation von Frauen in der Türkei. Wir freuen uns sehr und Rohingya vorsätzlich wegzuschauen. die israelische Siedlung Amona in den besetzten Gebieten geräumt gratulieren unserer Kollegin zu dieser verdienten Auszeichnung. werden muss. Bei der © AP Photo/Oded Balilty Räumung von Amona JETZT ONLINE kam es zu Gewalttätig- keiten und Verletzten. Zelten aus Solidarität: Anfang Februar veranstaltete Amnesty in Bern eine Aktion der Solidarität mit Flüchtlingen, die in Griechenland blockiert sind. Schauen Sie sich das Video an. Theaterszenen: «Niemandsland» ist eine szenische Reise durch Menschenrechtsthemen. Das Amnesty-Haus dient als Kulisse. Klicken Sie sich durch die Galerie mit den Bildern vom Theater. Soldaten halten einen israelischen Siedler bei der Zu finden auf www.amnesty.ch/magazin-maerz17 Räumung von Amona fest. 6 7 AMNESTY März 2017 AMNESTY März 2017
AKTUELL_NACHRICHTEN AKTUELL_BRENNPUNKT AUSGERECHNET LIBYEN Amnesty-Report hasserfüllte Reden von Politi Autorin © ZVG WELTWEIT – Machthabende in kerInnen ein Ausmass ange hinter Gittern verschiedenen Ländern machen nommen wie zuletzt in den IRAN – Die Schriftstelle- die Welt mit ihrer «Wir gegen die 1930er-Jahren, sagte Amnesty- rin und Menschen- anderen»-Rhetorik gefährlicher. Generalsekretär Salil Shetty bei rechtsaktivistin Golrokh unmenschliche Zustände. Asyl- aus Nordafrika an Italiens Süd- © Daniel Etter/laif Die Folge sind massive Rück- der Veröffentlichung des Be- Ebrahimi Iraee wurde suchende sitzen monatelang in küsten angekommen – 20 Pro- schritte für die Menschenrechte. richts. Diese Politik verbreite die Anfang Januar aus dem Haftzentren fest, in welchen zent mehr als im Vorjahr. Die Davor warnt Amnesty Internatio- gefährliche Idee, dass manche Gefängnis entlassen, Folter und Zwangsarbeit an der meisten davon über Libyen. Von nal im Report 2016-17, der die Menschen weniger wert seien als doch keine drei Wochen Tagesordnung sind. Wer sein den anderen EU-Staaten wird Menschenrechtslage in 159 Län- andere. Dies erinnere an die dun- Golrokh Ebrahimi Iraee und Arash Sadeghi. später wieder verhaftet. Leben in die Hände von Schlep- Italien im Stich gelassen. Die dern beleuchtet. 2016 hätten kelsten Zeiten der Menschheit. Golrokh Ebrahim Iraee perInnen legt, dem droht ein vereinbarten Relocation-Pro- war wegen einer fiktiven, unveröffentlichten Geschichte, in welcher es ähnliches Schicksal. Nicht sel- gramme scheitern am fehlen- Gesetz bringt Frauen in Gefahr ten werden MigrantInnen von den Willen der europäischen © Denitza Tchacarova um Steinigung geht, zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ihr RUSSLAND – Präsident Wladimir Putin hat eine Mann, Menschenrechtsverteidiger Arash Sadeghi, sitzt ebenfalls hinter diesen gefoltert, um Geld von Partnerstaaten, Flüchtlinge von Gesetzesreform unterzeichnet, die manche Gittern. Er muss aufgrund seines Engagements eine 15-jährige Strafe den Verwandten zu erpressen. Italien zu übernehmen. Formen von häuslicher Gewalt weniger hart be- verbüssen. Arash Sadeghis Gesundheit ist nach einem Hungerstreik in straft. «Häusliche Gewalt soll damit weiter trivia- äusserst kritischem Zustand. Mit dem Hungerstreik hatte er gegen die Das hält die EU jedoch nicht Am Gipfeltreffen von Malta An- lisiert werden. Viel zu oft stehen Opfer ohne Inhaftierung seiner Ehefrau protestiert. davon ab, ausgerechnet Libyen fang Februar haben die EU- Schutz des Gesetzes da und die Täter kommen Hunderte von Migranten drängen sich die Verantwortung dafür anzu- Staaten einen 10-Punkte-Plan ohne Strafe davon. Nur ein verschwindend klei- Tausende Gefangene gehängt im Abu Salim-Haftzentrum in Tripolis. vertrauen, dass Flüchtlinge verabschiedet. Einige der dort D ner Teil der Angreifer muss wirklich ins Gefäng- Protest gegen SYRIEN – Es ist ein Bericht des Grauens: Amnesty International hat ein ie Staats- und Regierungs- nicht mehr von dort aus ihre geplanten Massnahmen klingen nis», kommentiert Amnesty-Expertin Anna Kirey Gewalt. Jahr lang recherchiert, was sich hinter den Mauern des Militärgefäng- chefs und -chefinnen der gefährliche Reise übers Mittel- durchaus positiv: So soll es eine die Reform. Russland hinkt hinter globalen Entwicklungen her, was nisses Saydnaya abspielt. Die Ergebnisse sind erschütternd. Jede Wo- EU haben sich das Ziel gesetzt, meer starten. Mit der Türkei hat verstärkte Hilfe bei Ausbildung den Schutz von Opfern häuslicher Gewalt angeht. Es fehlen staatliche che werden in diesem Gefängnis bis zu 50 Häftlinge unter völliger Ge- die Fluchtrouten übers Mittel- man dasselbe ja auch «erfolg- und Ausrüstung der libyschen Schutzhäuser, wirksame Schutzmechanismen und zu wenig PolizistIn- heimhaltung gehängt. Bis zu 13 000 Gefangene wurden so ermordet, meer weiter abzuschnüren. reich» geschafft: Das im März Küstenwache geben, um besser nen sind gezielt im Umgang mit Opfern ausgebildet. dazu kommen Tausende Tote, die durch Hunger, Durst oder Folter Dazu soll nun auch die Zusam- 2016 mit der Türkei geschlos- gegen Schlepperbanden vor und Misshandlung umkamen. In Saydnaya sitzen vor allem Personen menarbeit mit Libyen gestärkt sene Migrationsabkommen hat gehen zu können. Internationa- ein, die das Regime mit den Demonstrationen von 2011/2012 in Ver- werden, einem noch völlig in- die Zahl der Menschen, die via len Organisationen will man hel- IN MEMORIAM bindung bringt: Demonstranten, Journalisten, humanitäre Helfer. Am- stabilen Staat, der die Einhal- Türkei-Griechenland in Europa fen, die Zustände in libyschen SIR NIGEL RODLEY 1941–2017 nesty International fordert vom Uno-Sicherheitsrat und vor allem von tung der Menschenrechte von ankommen, stark reduziert. An Flüchtlingslagern zu verbessern. Am 25. Januar 2017 ist mit Sir Nigel Rodley ein Syriens Verbündetem Russland, alles daranzusetzen, um diese Ver- MigrantInnen und Flüchtlingen diesem Abkommen hält die EU Pionier der Menschenrechte gestorben. Als Leiter brechen gegen die Menschlichkeit zu beenden. Zentral ist, dass unab- keineswegs garantieren kann. deshalb nun auch fest. Trotz Die eigentliche Intention hinter des juristischen Dienstes von Amnesty International hängige BeobachterInnen endlich Zugang zu Saydnaya erhalten. illegaler Ausschaffungen in dem Plan ist aber von nicht startete Rodley 1975 die erste weltweite Kampagne Nicht nur hat die libysche Kriegsgebiete, trotz der prekä- wenigen RegierungschefInnen © Cesare Davolio gegen Folter. Sie trug wesentlich zur Anti-Folter- Einheitsregierung, die seit März ren Lebensbedingungen von der EU nur allzu deutlich ge- Konvention der Uno bei, einem zentralen Text im 2016 im Amt ist, noch keine Asylsuchenden in der Türkei. macht worden: Es geht in aller- © Jean-Marie Simon Menschenrechtsschutz. Sir Nigel Rodley gehörte auch zu den vollständige Kontrolle über Land Auch die Schweiz will nun mit erster Linie darum, Asylsuchen- Ersten, die die Todesstrafe unter allen Umständen ablehnten. und Küsten; verschiedene Mili- einem geplanten Rücknahme- de in Libyen zu belassen oder Für Amnesty war er zudem auf zahlreichen Untersuchungen im zen beherrschen Teile des Lan- abkommen abgewiesene Asyl- dorthin zurückzuschicken. Feld. Seine Empathie war für die Opfer von Menschenrechtsver des. Der Präsident wird vom suchende der türkischen Re- Ganz so schnell wird sich die letzungen eine grosse Stütze. Nach seiner Zeit bei Amnesty Parlament nicht anerkannt, es gierung anvertrauen. Lage in Libyen aber nicht ver- International war er Uno-Sonderberichterstatter zu Folter und kämpfen weiterhin zwei Fraktio- bessern, als dass man damit später Mitglied des Uno-Menschenrechtsausschusses. nen um die Macht. Nun also Libyen. Die Zusam- nicht gravierende Menschen- Für Amnesty International ist Sir Rodley stets «Nigel» geblieben. menarbeit mit der Einheitsregie- rechtsverletzungen gegenüber Wer seine Bekanntschaft machte, behält einen bescheidenen Vor allem aber sind Flüchtlinge rung war von Italien initiiert wor- Schutzbedürftigen in Kauf näh- und warmherzigen Menschen in Erinnerung. Seine Menschlich und MigrantInnen in Libyen den, das denn auch die me. Aber das ist ja dann nicht keit und sein Engagement bleiben eine starke Quelle der massiven Menschenrechtsver- Hauptlast dieser Migrationsrou- mehr Europas Problem. Inspiration. Alain Bovard Die wenigen Häftlinge, die Saydnaya entkommen sind, berichten von systematischer letzungen ausgesetzt: In vielen te trägt: Im vergangenen Jahr Folter und Erniedrigung, Vergewaltigungen sowie Nahrungs- und Wasserentzug. Flüchtlingscamps herrschen sind rund 180 000 Flüchtlinge Manuela Reimann Graf 8 9 AMNESTY März 2017 AMNESTY März 2017
W as ist schon mächtiger als die Fantasie? Literatur lässt neue Welten entstehen und bringt uns dazu, ungeahnte Zusammenhänge zu verstehen. Deshalb haben wir Schweizer Autorinnen und Autoren gebeten, für dieses AMNESTY-Magazin Texte beizusteuern, die sich mit der Lage der Menschenrechte be- schäftigen. Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Entdecken. Ihre Wortgewalt bringt Schrift- stellerInnen aber auch immer wieder in Gefahr. Vielleicht nicht bei uns, doch an vielen Orten der Welt. Drohungen, Zensur, Gefäng- nis: Was Autoren und Autorinnen blühen kann, nur weil sie schrei- ben, lesen Sie ebenfalls in diesem Dossier. Die Illustrationen zu diesem Dossier stammen von Anne-Marie Pappas. Die gebürtige Lausannerin hat Grafikdesign studiert und lebt als freischaffende Die Kraft des Wortes Illustratorin in Hamburg. Sie arbeitet für Zeitschriften, Werbung und Musiklabels. www.annemariepappas.com
DOSSIER_SCHRIFTSTELLERiNNEN Die Stiefel. Von Milena Moser «Was ist los?», frage ich und setze mich zu ihm. «Ich weiss nicht», sagt er. «Ich kann nicht arbeiten.» Milena Moser (geb. 1963 in «Fühlst du dich nicht wohl?» Er hat eine Nierentransplan- Zürich) ist Autorin zahlreicher tation, mehrere Herzinfarkte, Schlaganfälle und Hirnblutun- Romane und Kolumnen, gen hinter sich. Unmöglich, sich um diesen Mann keine Sor- darunter Bestseller wie «Die gen zu machen. Auch wenn er immer noch zehn Stunden Putzfraueninsel». Im Februar ist ohne Pause in der Werkstatt arbeiten, mit schwerem Gerät ihr neues Buch, «Hinter diesen hantieren, Materialien herumschleppen kann. In den Jahren blauen Bergen», erschienen. mit ihm bin ich gegen meinen Willen zur Expertin in medi- Milena Moser lebt in Santa Fe. zinischen Notfällen geworden. Ich kenne die verschiedenen Notaufnahmen in der Stadt und ich weiss, was ich sagen muss, um nicht lange warten zu müssen. Ich kenne den Jar- gon. S ie sind aus hartem, etwas brüchigem schwarzem Leder, kniehoch, mit einem weiten Schaft und einer grossen sil- bernen Schnalle über dem Rist. Es sind weder Reit- noch Mo- «Mein Herz schlug plötzlich so schnell, dass ich gar nicht mehr richtig atmen konnte», sagt er. «Ich hatte das Gefühl, es werde mir gleich schlecht. Da hab ich mir gesagt, vielleicht torradstiefel. Aber sie erinnern an beides. An Pferde und sollte ich jetzt besser nicht mit der Kreissäge arbeiten. Und grosse Motorräder. Wirklich bequem sind sie nicht. Aber ich bin nach oben gekommen.» Er trinkt sein Glas leer. «Aber fühle mich unbesiegbar, wenn ich sie trage. Ich werde sie halt jetzt geht es schon wieder.» einlaufen müssen. So behalte ich sie gleich an und ziehe sie «Soll ich dir nicht doch ein Aspirin holen?» Bei den ersten auch auf der Treppe nicht aus. Ich stolziere in der Wohnung Anzeichen eines drohenden Schlaganfalls, eines Herzin- auf und ab, setze mich aufs Sofa, strecke meine Füsse aus farkts solle er gleich eine Hand voll einwerfen, hat ein Arzt und drehe sie im Licht hin und her, so dass die Schnallen gesagt. Ich stehe auf, gehe ins Bad am Ende des Flurs. Suche aufblitzen. Ich liebe diese Stiefel. Ich weiss, das klingt idio- nach der grossen Flasche. Es ist eine Familienpackung. tisch. Aber so ist es nun mal. Ich habe sie im Vorbeigehen in einem Schaufenster gesehen und diesen kleinen Zwick in Als ich zurückkomme, sitzt V. mit versteinerter Miene am der Brust verspürt. Den Bruchteil eines Augenblicks ver- Tisch. schlug es mir den Atem. Zehn Tage lang versuchte ich, die- «Was hast du denn da an den Füssen?», fragt er. Etwas ten von der Strasse weg gekidnappt, in einem Keller gefangen sein Land verlassen, fluchtartig und für immer. Seither er- sen Moment zu verdrängen. Die Stiefel zu vergessen. Es ist ja grob. So kenne ich ihn gar nicht. gehalten, geschlagen, getreten, gefoltert wurde. Wie lange, trägt er den Geruch von filterlosen Zigaretten und Marihua- nicht so, dass ich barfuss gehen müsste. Dann gebe ich nach. «Oh, das? Ich hab mir heute ein Paar Stiefel gekauft.» Ich das weiss er nicht mehr. Zwei Tage oder vier? na nicht mehr. Und den schweren Schritt von klobigen Ab- Ich kaufe die Stiefel und bin unsinnig glücklich. Natürlich fülle sein Glas noch einmal mit Wasser. «Sie waren auch gar «Ich habe sie zum Lachen gebracht», hat er mir erzählt. sätzen. Jahrelang wachte er nachts schreiend auf. Bis ihn schäme ich mich für diese Koketterie. Bin ich so oberfläch- nicht teuer», schwindle ich. Dabei ist er doch der Letzte, der «Ich habe sie dazu gebracht, dass sie übereinander lachen. zwei Freunde, mit denen er auf einer Bergwanderung das lich? Die Welt ist erschüttert und ich freue mich über neue mir eine solche Freude missgönnen würde. Ich stelle das Ich habe sie dazu gebracht, dass sie den Dicken den Frosch Zelt teilte, eine ganze Nacht lang festhielten. Amerikanische Stiefel. Aber sollen wir uns denn gar nicht mehr freuen? Glas vor ihn auf den Tisch, öffne die Aspirinflasche und halte nannten. Ich spielte sie gegeneinander aus, damit sie mich Männer, die körperliche Nähe scheuen. Sie hielten ihn fest, sie ihm hin. Er schiebt meine Hand weg. für einen Moment vergassen.» bis er sich beruhigt hatte. Und jedes Mal, wenn er wieder Ich stehe wieder auf und schreite durchs Wohnzimmer. «Danke. Nicht mehr nötig!» John Lennon hat so etwas Ähnliches gesagt. «Wenn du aufwachte. «Du bist hier. Du bist sicher», sagten sie. Wieder Die Stiefel machen mir lange Schritte. Ich fühle mich stark in Ich verstehe nicht. auf Gewalt mit Gewalt reagierst, haben sie dich. Das kennen und wieder. Seither hat er keine solchen Albträume mehr. Er ihnen. Ich traue mir alles zu. In diesen Stiefeln kann ich eine «Es sind die Stiefel!», sagt er. Er lacht vor Erleichterung. sie. Das Einzige, womit sie nicht umgehen können, ist Ge- denkt nicht mehr oft daran. Es ist so lange her. Es ist vorbei. Revolution anzetteln, rechtfertige ich mich vor mir selber. Ich verstehe immer noch nicht. waltfreiheit – und Humor.» Aber V. muss ich nicht mit John Aber sein Körper weiss noch alles. Oder wenigstens gegen die herrschenden Zustände demons- «Die Stiefel?» Lennon kommen. Ich schaue meine Stiefel an. Erst haben sie mir den Atem trieren! Ich muss über mich selber lachen. «Du bist da so über meinem Kopf hin und her marschiert. verschlagen, dann ihm. Ich werde sie nie mehr tragen kön- Dann kommt V. aus seiner Werkstatt. Mit schwerem Wie ein Soldat, verstehst du? Da war ich sofort wieder in die- Nach zwei Tagen oder vier stand dann plötzlich ein Soldat nen, ohne an diese Soldaten zu denken. Schritt die Treppe hoch. Er schenkt sich ein Glas Wasser ein, sem Keller.» in einer anderen Art von Uniform in dem Keller. «Was macht Am nächsten Tag bringe ich sie zurück. Ich weiss auch setzt sich an den Küchentisch. Sein Gesicht ist bleich und Kein Herzinfarkt! Kein Schlaganfall! Nur eine böse Erin- ihr denn mit dem, wer ist das?», fragte er. «Wer hat das ange- schon, was ich mit dem Geld machen werde. Und dass ich in glänzt vor Schweiss. Ich erschrecke sofort. nerung. Mehr als dreissig Jahre ist es her, dass er von Solda- ordnet?» Dann wurde V. freigelassen. Kurz darauf musste er der Wohnung nur noch Socken trage. 12 13 AMNESTY März 2017 AMNESTY März 2017
DOSSIER_SCHRIFTSTELLERiNNEN DOSSIER_SCHRIFTSTELLERiNNEN Hätte Hätte ich etwas sagen sollen? Hätte ich etwas tun sollen? Hätte ich nicht zu viel riskiert dabei? Von Franz Hohler Franz Hohler ist aktiver Hätte ich mich nicht lächerlich gemacht? Schriftsteller sowie Hätte ich mich da nicht in etwas hineingeritten? pensionierter Kabaret- tist und Liedermacher. Hätte ich da nicht den Chef brüskiert? Er hat für seine Hätte ich je wieder dorthin gehen können? Publikationen zahl reiche Preise gewonnen. Hätte ich irgendwie reagieren sollen? Franz Hohler wurde Hätte ich überhaupt eine Chance gehabt? 1943 in Biel geboren. Er wuchs in Olten auf und Hätte ich das ohne Hilfe geschafft? lebt heute in Zürich. Hätte man das nicht viel früher anpacken müssen? Hätte es überhaupt eine Wirkung gehabt? Hätte ich da vielleicht meine Stelle riskiert? Hätte das nicht ein anderer tun müssen? Hätte es da nicht eine Uniform gebraucht? Hätte ich mich bemerkbar machen sollen? Hätte ich da nicht mehr Zeit gebraucht? Hätte ich einfach eingreifen müssen? Hätte ich die Polizei benachrichtigen müssen? Hätte ich den zur Rede stellen müssen? Hätte ich rufen müssen? Hätte ich Hilfe holen müssen? Hätte ich mich zuvorderst hinstellen müssen? Hätte ich mich da nicht vorgedrängt? Hätte ich mich da nicht – Hätte ich da nicht – Hätte ich nicht – Hätte ich nur – Hätte ich doch – Hätte ich – Aus: «Alt?», Gedichte, Luchterhand Verlag, 2017 Illustration: Anne-Marie Pappas 14 15 AMNESTY März 2017 AMNESTY März 2017
DOSSIER_SCHRIFTSTELLERiNNEN Mara war in Hochstimmung, die unheimliche Frau vor dem Haus war abgezogen worden. Mara B. In meiner Erinnerung ist es stets Sommernacht, bei weit geöff- Das Wort, am Anfang aller Dinge! neten Fenstern, und wir haben alle Lichter an, dass es blendet. Wenn es kühl wird, legen sich die Frauen Pelzmäntel über die von überzeugt, dass er früher bei einem Verhör bestrahlt worden Schultern – Tomescu schickte sie aus Deutschland, weil einen da war und dass man sie ebenfalls bestrahlt haben musste. Sie trug Von Dana Grigorcea die Tierschützer mit Farbe bewerfen, wenn man sie trägt. Man er- Trauer, lebte zurückgezogen im alten Appartement und schrieb zählte sich viel, und ich schlief ein im Wohnzimmer bei Freunden, ihre Kolumnen zu Hause. Dana Grigorcea (geb. 1979) ist mit dem grossen Glücksgefühl jener Zeit, alles verstanden zu ha- Sie hatte sich in Marco Bella verliebt, den stattlichen Schauspie- eine schweizerisch-rumänische ben. Als hätte man in der Zukunft gelebt, die im 1. Korintherbrief ler, der früher immer den Prinz gegeben hatte in den Märchenver- Schriftstellerin und Philologin. 13 vorausgesagt wurde: «Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in ein filmungen und der ein paar für die damalige Zeit aufregende Frei- S Sie wuchs in Bukarest auf und ie war schon immer unse- Im Sommer 1985 entstand Maras Sonnet zu den Kletterrosen, dunkles Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erken- schärler-Rollen gespielt hatte, mit schwarzem Schnurrbart und lebt seit 2007 in Zürich. Für re Nachbarin, aber ich das sie im inneren Dialog mit Carl Spitteler und seinem «Olympi- ne ich’s stückchenweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie langen, schwarzen Haaren. Mara blühte auf, interviewte Marco einen Auszug aus dem Roman wurde ihrer erst an einem schen Frühling» geschrieben hatte. Im Herbst desselben Jahres ich erkannt bin.» Bella fürs Fernsehen, und ihr Gespräch, in dem sie den Sarkasmus «Das primäre Gefühl der kalten Winternachmittag ge- machte ihr Mutter Rosenmarmelade ein, und dadurch entstand Wie verheerend die Ernüchterung, als man merkte, dass die des kommunistischen Regimes anprangerten, das Filme über Frei- Schuldlosigkeit» wurde sie am wahr, nachdem ich, sechsjäh- Maras berühmtes Hohngedicht auf das Regime, «Marmelade aus «Revolution» von 1989 nur ein Putsch der Nomenklatura selbst schärler aus dem Mittelalter in Auftrag gab, während es seinerseits Klagenfurter Ingeborg-Bach- rig, mit der Schultasche auf Rosen und Dornen». gewesen war! Ion Iliescu, der sie protegierte; die Antikommunis- antikommunistische Freischärler in den Karpaten jagte, brachte mann-Wettbewerb 2015 mit dem Rücken, eine gefühlte Obwohl ich damals in der Schule frisch zur Pionierin gemacht mus-Demos am Universitätsplatz; die Demo-Lieder, manche wie- eine Wende in die rumänische Geschichtsaufarbeitung: Man be- dem 3sat-Preis ausgezeichnet. Ewigkeit in der Schlange für worden war, mit blütenweissem Hemd und roter Krawatte, und da- der zu Maras Gedichten – jeden Tag erreichten uns andere Nach- gann, sich mit den antikommunistischen Widerstandskämpfern Orangen angestanden hatte. rauf auch noch sehr stolz war, wurde ich zur Bettnässerin, und un- richten und Gerüchte. Mara war auf der Höhe der Zeit, schien alles aus den Bergen zu beschäftigen. Kurz nachdem auch Mutter sere ganze Wohnung roch nach Urin, weil Mutter sich weigerte, zu erfassen, trug nun Trachtenblusen mit gestickten Blumen und gekommen war, fuhr der Lastwagen mit der teuren Ladung heran, die Bettdecken über den Fenstersims zu werfen. Vor dem Haus hielt Ansprachen vom Balkon der Universität. Ihr Bild mit der ge- Mara und Marco eröffneten auf den Ruinen eines ehemaligen und ich erinnere mich an die grosse Angst, die ich davor hatte, dass stand nämlich die Frau – immer dieselbe, von morgens um fünf reckten Faust hing lange über meinem Bett; später gab es auch ei- Gefängnisses eine Gedenkstätte mit Museum, das bald zu einem Mutter noch nicht da gewesen und ich von den drängelnden Men- bis nachmittags um halb fünf; anschliessend musste wohl eine an- nen Holzdruck davon. Ausflugsziel für Schulklassen wurde. Sie bezogen ein Haus unweit schen herumgeschoben worden wäre. Coupons wurden in der Luft dere Frau übernommen haben, von wo auch immer sie uns zusah. Ihre Gedichtbände wurden neu aufgelegt, im Humanitas Verlag, des Museums und gaben die meisten Führungen selber, erzählten gewedelt; das Geschrei von Frauen, «mein Coupon ist heruntergefal- in der Autorenreihe, und ich lernte sie alle auswendig. Beim Rezitie- beseelt vom Märtyrertum der Widerstandskämpfer. len, bitte nicht drauftreten», «zur Seite, ich kriege keine Luft.» Män- Im Sommer 1987 freuten sich meine Eltern im Stillen, aber ren hatte ich das Gefühl, sie seien schon lange vor meiner Zeit ge- Neulich sah ich einen Videoclip mit einer Rede von Mara an der ner traten aus der Reihe nach vorn, kamen besorgt zurück, «warum umso heftiger, dass dem jungen Tomescu, einem Verehrer von schrieben worden, in einer sagenumwobenen Vergangenheit. Universität Bukarest. Vom Rednerpult aus erzählte sie mit zarter geben die denn nicht weniger aus, damit es für alle reicht?» Mara, die Flucht in den Westen gelungen war. Er war über die Do- Als Iliescu die als Bergarbeiter getarnten Schläger nach Buka- Stimme von der Zensur, die sie als Dichterin erfahren hatte im Wir standen also da – und kurz bevor wir drankamen, gingen nau nach Serbien geschwommen. Ob ich mich an ihn erinnere, rest kommen liess, um die Demonstranten niederzuknüppeln und Kommunismus. Manchmal sei ein Vers gestrichen worden oder die Orangen aus. «Aus, die Orangen sind aus», riefen die Verkäu- kann ich nicht sagen, sein Bild überlappt sich mit dem Bild, das ich die sogenannte Ordnung wiederherzustellen, zog sich Mara mit ein ganzes Gedicht, ihre grosse Angst aber war, dass man die Titel fer von dem Lastwagen herab, «geht jetzt nach Hause.» Die Leute aus Maras Gedichtband «Sandburgen» habe. Sie muss ihn sehr ge- Petreanu auf das Land zurück. Sie bewohnten eine alte Lehmhütte nationalistisch veränderte. Diese äussere Zensur hätten viele verharrten ungläubig in der Schlange. Nur Mutter zog mich weg, liebt haben. Tomescu brachte Maras Manuskripte einem deutschen mit Schilfdach und bauten einen Obstgarten an. Eigenhändig Künstler mit der Zeit verinnerlicht, man habe gewusst, was gestri- «aus jetzt, aus!» Sie fürchtete Schlägereien. Ich wollte nicht weg Verlag, worauf sie in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. pflanzten sie Apfelbäume und Kirschbäume nach kabbalistischen chen werden würde, und war geneigt, es gar nicht mehr so zu und begann zu weinen. Mara war in Hochstimmung, die unheimliche Frau vor dem Zahlen. Dort schrieb Mara weiterhin ihre Kolumnen für die Presse. schreiben, wie man eigentlich wollte. Da kam die alte Frau Doktor Irimescu zu uns, sie war meine Haus war abgezogen worden. Das Wort, am Anfang aller Dinge! Auch als Iliescu abgewählt worden war, wollte sie Bukarest fern- Von hier spannt Mara im Videoclip den Bogen zur Zensur im Kinderärztin bei der Polyklinik und sie verfluchte mich und lachte Maras Gedichte wurden immer biblischer, die Liebesgedichte, bleiben. Mutter kochte weiterhin Rosenmarmelade für sie, lagerte heutigen Europa. Man könne gar nichts mehr sagen gegen die mich aus, wie sie einen immer auslachte, zur Ermutigung, und auch wenn gewagter jetzt, mit explizitem Eros, wurden zu Hohelie- die Gläser nach dem Jahrgang, 1996, 1997, 1998 ... Flüchtlinge aus Nahost, die doch ihren Krieg selbst, mit ihrer Reli- dann gab sie mir eine Orange ab. Meine allererste Orange! dern auf den einzigen Bräutigam, auf Gott. Tomescu rief sie mehr- Maras Lehmhütte wurde zur Pilgerstätte für die Studenten und gion, entfacht haben; sie sollten bei sich bleiben, weil sie nicht hier- «Wünsch dir was!» Es war Winter, und winzige Schneeflocken fach an und bat, dass sie bei der Tragik bliebe, bei Klaustrophobie die Nonnen des nahen Klosters Hl. Paraschiva. Aus der Zeit stam- her passen, zu uns, in unser friedliches Europa mit seiner zweitau- kreisten durch die Luft. Ich hielt meine Orange wie ein kleines Le- und Verfall. Religiöse Dichtung sei in Deutschland und Frankreich men ihre Gedichtbände «Frau Lot», «Die drei Fremden» und sendjährigen christlichen Tradition. bewesen und streichelte sie, ich nahm mir vor, ihr Puppenkleider schwer zu vermitteln. «Aufstieg». Aber sie, Mara, wolle es unerschrocken herausschreien: Die anzuziehen. Nun war der leutselige Petreanu der einzige Mann an Maras Grenzen sollten gesichert werden und neue Mauern gebaut, damit Auf dem Weg nach Hause holte uns Mara B. ein mit ihrer bunt Seite, und er war Priestersohn, sein Vater hatte gemeinsam mit 2009 oder 2010, während eines Urlaubsbesuchs in Bukarest – jeder wieder frei ist und hier bei sich. gehäkelten Tasche, die leer war, «habt ihr Glück gehabt?» Mutter Pater Anania das kleine Buch über das Herzgebet geschrieben, das ich hatte unterdessen im Ausland studiert und war dort geblie- Ich wollte Mara etwas schreiben, wusste aber nicht, was. Ich hat- nahm mir die Orange aus der Hand und gab sie ihr, weil sie Dich- nun in allen Kirchenkiosks aufliegt. ben –, traf ich Mara wieder, im Treppenhaus. Sie war gealtert und te ihr nie etwas geschrieben. Ich hatte ihr auch nie etwas von mir terin war und Vitamine brauchte, für die Kunst. Petreanu stieg die Treppe immer schwungvoll hinauf, über- stark geschminkt. Sie umarmte mich fest und innig, «mein Kind», mitgeteilt. Und dann erinnerte ich mich doch an einen Brief, den Viel später besuchte ich Mara zum ersten Mal und erblickte die sprang stets eine Stufe, seine Freude freute uns alle, und wenn er nannte sie mich, ich sei immer ihr Kind gewesen und ihr doch sehr ich ihr als Kind zwar geschrieben, aber nicht in den Briefkasten Orangenschale, sie lag braun und gekringelt auf dem Heizkörper. mal verhört worden war, rief er schon im Treppenhaus: «schon ähnlich. gesteckt hatte, damals, als sie mir die Orange weggenommen hatte. Ich wollte sie berühren, aber Mara sprang auf und rief «bitte nichts wieder die Treppe hinuntergerutscht», worauf er lachte, anste- Man erzählte mir, dass Petreanu an Krebs gestorben war, nach Ich schüttelte mich vor Lachen. Was ich über Mara geschrieben anfassen», und Mutter schickte mich weg. ckend. schwerem Leiden und teuren Arztbehandlungen. Mara war fest da- hatte, traf immer noch zu. 16 17 AMNESTY März 2017 AMNESTY März 2017
DOSSIER_SCHRIFTSTELLERiNNEN DOSSIER_SCHRIFTSTELLERiNNEN Das Herz der Schweiz Von Gabriel Vetter Der 1983 in Schaffhausen geborene Gabriel Vetter ist Slam-Poet, Autor, Kabarettist, Satiriker. 2006 wurde er als D jüngster Preisträger überhaupt ie Demokratie ist die höchste Form der Staatssysteme. Und dann heisst es, die Schweiz habe kein mit dem Kabarett-Preis Gut. Das heisst: Wenn man den Schweizer Souverän Herz. Natürlich hat die Schweiz ein Herz! «Salzburger Stier» ausgezeich- fragen würde: «Auf einer Skala von 1 bis 10, was ergibt 5 Grade für Minderheiten haben wir net. Vetter lebt derzeit in Oslo. plus 9?», und der Souverän dann sagen würde: «Ja, das gibt doch ein Herz. Da redeten immer 31, ganz klar!», dann würde dieses Resultat in der Verfas- alle von Occupy und wir sind die sung verankert, und basta. So funktioniert eine gesunde 99 Prozent. Ja, eben. Und was ist Demokratie, da kann der Mathematiker noch so blöd mit sei- mit dem letzten Prozent, diesem nem Taschenrechner rumfuchteln. Wenn der Schweizer letzten Einhorn der Vermögenden? Souverän das demokratisch so entscheidet, dann ist das so. Was ist mit dem vom Aussterben be- drohten einen Prozent der Superrei- Weil, und da kommen wir zum Menschen: In der Schweiz chen? Wo können die noch unbehel- zählt eben noch der Mensch, nicht der Taschenrechner. Hand- ligt sein? Nur noch auf den Bahamas arbeit wird da gross geschrieben! In der Schweiz schlagen wir oder bei uns. Aber auch bei uns müs- unsere Kinder auch nach wie vor von Hand, wie früher. Da sen sie eingepfercht wohnen in Indianer- braucht es doch keine Apparate aus dem Ausland; keine Robo- reservaten rund um den Zugersee! Zug, das ter. Gute alte Schweizer Handarbeit. ist kein Kanton, das ist ein Naturschutzgebiet! Und dann heisst es, all diese Millionen auf den Schweizer Ja, und dann, wenn man solche Sachen schreibt, dann kommt Konten, all diese Millionen aus Italien und diese Millionen aus den Europa mit den Menschenrechten. Menschenrechte! Ha! Zuerst USA auf unseren Konten. Ja, es ist doch gut, dass diese Millionen bei uns einmal: Ein Mensch, was ist das, ein Mensch? Der Mensch, das ist sein dürfen, wo sie behütet aufwachsen und gross und stark werden können, doch vor allem eine Frage der Definition. Solange der Souverän all diese Millionen! Jean Ziegler sagt es doch immer wieder: Jedes Jahr verhun- darüber noch nicht abgestimmt hat, was ein Mensch genau ist, und gern Millionen. Es ist unsere Pflicht als Schweizer, zu diesen Millionen zu vor allem wer ein Mensch ist, solange das nicht klipp und klar ist, schauen. Die Schweiz hatte schon immer eine humonetäre Tradition. solange ist das noch gar nichts, ein Mensch! Wer jetzt ein etwaiger Mensch ist und wer eben nicht ein etwaiger Mensch ist, das ist bei Und dann heisst es, die Schweiz hätte kein Herz. Sehen Sie, uns in der Schweiz sowieso von Kanton zu Kanton verschieden! Ich die Schweiz hat ein Herz! Ein riesiges Herz! Ich habe neulich meine, wo der Mensch aufhört und wo der Österreicher beginnt, ein Werbeplakat gesehen für den Gotthard. Also für den Berg, das ist doch ein fliessender Übergang, Entschuldigung, da muss den Gotthard. Darauf stand: «Der Gotthard: Das Herz der man doch sorgfältig sein! Ich meine, ein DJ Ötzi, oder ein La Palo- Schweiz.» Sehen Sie, die Schweiz hat durchaus ein Herz. ma oder auch ein Schni-Schna-Schnappi, das kleine Krokodil, so- Den Gotthard. Das Herz der Schweiz ist ein riesiger Brocken was war wochenlang in allen Radio-Hitparaden auf Nummer eins! aus Stein. Und dieser Stein ist mit Löchern durchbohrt, und Wochenlang, und da hat die Uno auch nicht interveniert von we- in diesen Löchern sitzen die Deutschen im Stau und singen gen Menschenrechten. «La Paloma». So sieht das Herz der Schweiz aus. 18 19 AMNESTY März 2017 AMNESTY März 2017
DOSSIER_SCHRIFTSTELLERiNNEN DOSSIER_SCHRIFTSTELLERiNNEN Der neue Nobelpreisträger Würden wir uns freuen zu erfahren, dass es auch kritische Stim- Würden wir uns freuen zu erfahren, dass der neue Roman des men gibt, die das Werk des Ausgezeichneten für überschätzt und neuen Literaturnobelpreisträgers die fiktive Geschichte eines abge- die Wahl des Komitees mehr für ein politisches Zeichen denn ein wiesenen Asylbewerbers und einer aus psychischen Gründen ar- profundes literarisches Urteil halten? beitslos gewordenen Schweizerin erzählt, denen von Behördensei- Von Guy Krneta te die Heirat verweigert wird? Gefällt mir nicht. Guy Krneta (geb. 1964 in Gefällt mir nicht. Bern) ist Bühnenautor Würden wir uns freuen zu erfahren, dass der neue Literaturno- und Schriftsteller. Er steht belpreisträger in seiner Heimat gefoltert wurde und darüber einen Würden wir uns freuen zu erfahren, dass die fiktive Geschichte regelmässig als Spoken- ausgezeichneten Roman verfasst haben soll, der nächstes Jahr auch im neuen Roman des neuen Literaturnobelpreisträgers aus auto- Word-Autor auf der auf Deutsch erscheint? biografischen Elementen besteht? Bühne, etwa mit der Autorengruppe «Bern ist Gefällt mir nicht. Gefällt mir. überall», und ist kultur politisch engagiert. 2015 Würden wir uns freuen zu erfahren, dass der neue Literatur Würden wir uns freuen zu erfahren, dass Schweden dem neuen erhielt er den Schweizer nobelpreisträger längere Zeit nicht ausfindig gemacht werden Literaturnobelpreisträger Asyl angeboten und Deutschland nachge- Literaturpreis. Guy Krneta konnte, da sein Asylantrag in der Schweiz nach drei Jahren Warte- zogen hat, sollte er mit seiner Schweizer Partnerin die Schweiz ver- lebt in Basel. zeit abgelehnt und der Autor aber nicht ausgeschafft wurde, weil lassen wollen? mit dem Herkunftsland kein Übernahmeabkommen besteht? Gefällt mir. Gefällt mir nicht. Würden wir uns freuen zu erfahren, dass der neue Literaturno- Würden wir uns freuen zu erfahren, dass die für Migration zu- belpreisträger in seiner Dankesrede in Stockholm die Schweiz mit ständige Bundesrätin in einem Tweet versprochen hat, auf eine keinem Wort erwähnt hat? Ausschaffung mindestens bis zur Preisverleihung in Stockholm zu W ürden wir uns freuen zu erfah- ren, dass der neue Literatur nobelpreisträger, dessen Name wir am verzichten? Gefällt mir. Gefällt mir nicht. Würden wir uns freuen zu erfahren, dass dem neuen Literatur- Radio eben zum ersten Mal gehört und nobelpreisträger in Online-Foren und Kommentarspalten Arro- uns nicht haben merken können, in der Würden wir uns freuen zu erfahren, dass in Online-Foren und ganz und Undankbarkeit vorgeworfen und bereits laut darüber Schweiz lebt? Würden wir uns freuen zu erfahren, dass etliche Schrift- Kommentarspalten bereits eine Kontroverse entbrannt ist, ob es in nachgedacht wird, ob in Zeiten des Internets und des sich wandeln- stellerinnen und Schriftsteller sich via Facebook den Glück- der Schweiz zweierlei Recht gebe, eines für Prominente und eines den Buchmarkts ein Literaturnobelpreis noch zeitgemäss sei? Gefällt mir. wünschen des obersten Kulturchefs angeschlossen haben, ob- für Nichtprominente? wohl auch sie den Namen des Ausgezeichneten bis vor Kurzem Gefällt mir nicht. Würden wir uns freuen zu erfahren, dass der neue Literatur nicht gekannt haben? Gefällt mir nicht. nobelpreisträger, dessen Name zu den grossen der Literatur aus Würden wir uns freuen zu erfahren, dass Schweizer Behörden Afrika gehören soll und dessen Werke in mehrere Sprachen über- Gefällt mir. Würden wir uns freuen zu erfahren, dass der neue Roman des angekündigt haben, dem neuen Literaturnobelpreisträger den drei- setzt wurden, vor vier Jahren in die Schweiz gekommen ist und neuen Literaturnobelpreisträgers, der die Entscheidung in Stock- jährigen Aufenthalt in der Schweiz und die damit verbundenen hier einen Asylantrag gestellt hat? Würden wir uns freuen daran erinnert zu werden, dass der letz- holm massgeblich beeinflusst haben soll, in der Schweiz spielt? Unkosten von mehreren tausend Franken in Rechnung zu stellen, te und bisher einzige Literaturnobelpreis an einen in der Schweiz was angesichts der hohen Nobelpreissumme von gegen einer Mil- Gefällt mir. Geborenen vor hundert Jahren verliehen wurde? Gefällt mir. lion Franken mehr als nur angebracht sei? Würden wir uns freuen zu erfahren, dass aufgrund dieser Tat Gefällt mir nicht. Würden wir uns freuen zu erfahren, dass der neue Roman des Gefällt mir nicht. sache der für Kultur zuständige Bundesrat dem neuen Literatur neuen Literaturnobelpreisträgers die Schweiz als fremdenfeindli- nobelpreisträger in einem Tweet gratulierte, während eine ent Würden wir uns freuen daran erinnert zu werden, dass erst vier ches Land zeichnet, welches die Grenzen schliesst für Kriegsflücht- Würden wir uns freuen zu erfahren, dass Personen und Hand- sprechende Reaktion aus dem eigentlichen Herkunftsland des Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Afrika den seit 1901 all- linge und aber gleichzeitig internationalen Firmen Schutz bietet lung in dieser Geschichte frei erfunden und Ähnlichkeiten mit le- Ausgezeichneten ausblieb? jährlich verliehenen Preis erhalten haben? für Steuerbetrug? benden oder toten Personen rein zufällig sind? Gefällt mir. Gefällt mir nicht. Gefällt mir nicht. 20 21 AMNESTY März 2017 AMNESTY März 2017
DOSSIER_SCHRIFTSTELLERiNNEN DOSSIER_SCHRIFTSTELLERiNNEN Bedrohte Freiheit des Wortes zählt die erwähnte Case List. Dabei gilt: Gefangene oder von PEN fördert die Literatur und verteidigt die freie Meinungsäusserung. Er der Justiz Verfolgte, die wegen Propagierung von Gewalt zählt zu den bekanntesten internationalen AutorInnen-Verbänden und oder gar ihrer Anwendung verurteilt wurden, und solche, die besteht aus einem Netzwerk von 144 Zentren in 102 Ländern. Das Deutsch- zum Rassenhass aufgerufen haben, figurieren nicht in dieser Schweizer PEN Zentrum (DSPZ) ist als Verein organisiert. In Luzern verfügt In vielen Ländern ist Schreiben gefährlich: Oder die türkische Sprachwissenschaftlerin und Buchau- Liste. das DSPZ über eine Wohnung, in der jeweils ein bedrohter Autor/eine be- torin Necmiye Alpay. Die kurdische Sprache, die in den Schu- Schriftstellerinnen, Dichter oder Kolumnisten len weiterhin verboten ist, war ihr Thema. Wegen einer sym- Der Stimme beraubt Medienschaffende, Schrift- drohte Autorin während 12 bis 24 Monaten fern der Heimat ungestört arbeiten kann. werden verfolgt, inhaftiert oder gar getötet. bolischen Unterstützung für die Zeitung «Özgür Gündem» stellerInnen, neuerdings auch Blogger, schreiben über ihr wurde sie letzten August verhaftet. Ihr wird Mitgliedschaft Land, schreiben Romane, Geschichten, Artikel, in denen der Von Michael Guggenheimer, PEN Schweiz bei einer illegalen Organisation vorgeworfen. Necmiye Alpay Alltag in ihrer Heimat geschildert wird, sie machen nicht sel- um den Bedrängten und Bedrohten Solidarität zu zeigen, sie sass zusammen mit der Schriftstellerin Aslı Erdogan im ten schreibend auf Ungerechtigkeiten, auf Missstände auf- zu unterstützen. Wir dürfen die Unterdrückten nicht alleine Frauengefängnis Bakirköy in Istanbul. Vor Kurzem wurden merksam. Mit den Verfahren gegen sie werden sie ihrer lassen. Gerade wir, die wir das Privileg haben, in einem Land beide aus der Haft entlassen, sie dürfen die Türkei aber nicht Stimme beraubt. Verhöre, Gerichtstermine, der Zwang, sich zu leben, in dem die Freiheit der Meinungsäusserung ge- A lle sechs Monate legt die Zentrale der weltweit tätigen Organisation PEN International ihre sogenannte «Case List» auf: Diese führt sämtliche PEN bekannt gewordenen verlassen. Noch ist nicht bekannt, wann Necmiye Alpay ei- nem Richter vorgeführt wird. Oder der saudi-arabische Herausgeber und Blogger Raif allwöchentlich auf einem Polizeiposten zu melden, der Ent- zug des Reisepasses, das Verbot das Land zu verlassen, Reise- beschränkungen im eigenen Land… Die Behördenschikanen währleistet ist. Weltweit waren im vergangenen Jahr gemäss Angaben von «Reporter ohne Grenzen» (ROG) 348 Medienleute im Gefäng- Fälle von Schriftstellerinnen, Übersetzern, Verlegerinnen Badawi. Er wurde wegen der «Gründung einer liberalen hindern die Autorinnen und Autoren weiterzuschreiben, an- nis. Das sind sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor. «Die Re- und Bloggern auf, die keinerlei kriminelle Aktivität ausgeübt Webseite» von einem Strafgericht zu einer zehnjährigen gesichts der permanenten Drohung im Gefängnis zu landen. pression gegen Journalisten nimmt weltweit mit rasender Ge- haben und dennoch im Gefängnis sind oder strafrechtlich Haftstrafe, 1000 Peitschenhieben, einer hohen Geldstrafe, Gegen die Einschränkung der Freiheit der Meinungsäus- schwindigkeit zu», sagte Christophe Deloire, Generalsekretär verfolgt werden – weil ein Text oder bloss ein Satz, den sie einem zehnjährigen Reiseverbot und einem zehnjährigen serung gilt es, die Stimme zu erheben. Nicht nur dort, wo von ROG zur Veröffentlichung des ersten Teils ihrer Jahresbi- verfasst oder verbreitet haben, den Behörden nicht passt. Die Medienverbot verurteilt. diese unterbunden wird, sondern auch von der Schweiz aus, lanz. An der Spitze dieser traurigen Hitparade steht die Türkei, aktuelle Ausgabe der Case List zählt über 300 eng beschrie- Oder Daniel R. Mekonnen, Rechtsanwalt, Men- wo eine «veritable Hexenjagd» Dutzende bene Blätter im A4-Format! schenrechtsaktivist und Lyriker aus Eritrea. Er kann von Journalisten ins Gefängnis gebracht nicht in seine Heimat zurück, er würde sofort verhaftet und die Türkei zum «grössten Gefängnis Über 700 Blättert man in den Case Lists der letzten werden. Mekonnen war Mitbegründer der «Eritrean des Journalismus weltweit» gemacht hat. Jahre, dann findet man zum Beispiel den Namen Abderrah- Movement for Democracy and Human Rights» Den zweiten Platz nimmt China ein – mane Bouguermouh. Ein algerischer Autor und Filmer. Er (EMDHR). Die Bewegung ist in Eritrea nicht geduldet. mit dem Nobelpreisträger Liu Xiaobo, hat einen Film in der Sprache der Berber, einer Minderheit in Sieben Jahre hat Mekonnen in Südafrika im Exil ver- seit 2008 wegen bloss sieben Sätzen ein- seiner Heimat, realisiert. Die Sprache der Berber wird in sei- bracht. Wegen seines Engagements für die Menschen- gekerkert, sowie 39 weiteren eingesperr- nem Heimatland nicht anerkannt. Wegen dieses Films wur- rechte und für die Meinungsäusserungsfreiheit wurde ten Schriftstellern. Es folgen Eritrea und de er zum Tode verurteilt, entging nur knapp einem Attentat er mehrfach bedroht. In Twitter-Texten wurde aufgeru- Vietnam. Aber solche Zahlen sagen nicht und musste aus Algerien nach Europa fliehen. fen, ihn zu jagen und nach Eritrea zu verschleppen. alles. Nordkorea ist so totalitär, dass es Oder Pinar Selek, Autorin und Gründerin eines feministi- Seit 2003 hat er aus Angst vor einer Verhaftung seine dort nicht einmal «Autoren hinter Git- schen Netzwerks in der Türkei, die sich mit der Ausgrenzung Heimat nicht mehr betreten. Heute lebt Mekonnen als tern» gibt. Es existieren dort schlichtweg von Minderheiten in der Türkei beschäftigt. Ihre soziologi- Nomade in Europa und hält Gastvorträge über die Ver- keine Zeitung und kein Verlag, die ein sche Studie zur Kurdenfrage war manchen Kreisen in ihrer letzung der Menschenrechte in Eritrea und über die Manifest gegen Kim Jong Un publizieren Heimat ein Dorn im Auge. Um ihrem möglichen Einfluss Freiheit des Wortes in Afrika. würden. Grenzen zu setzen, wurde sie 1998 zu Unrecht beschuldigt, Was diese Beispiele zeigen wollen: Die Freiheit der Die Literaturnobelpreisträgerin Her- einen Bombenanschlag verübt zu haben. Sie kam für zwei- Meinungsäusserung, die Freiheit des Wortes in litera- ta Müller formulierte einmal: «Für ge- einhalb Jahre ins Gefängnis und wurde schwer gefoltert. Aus rischen Werken und in den Medien und damit auch rettete Verfolgte ist Heimat der Ort, wo der Untersuchungshaft entlassen, verbrachte sie den gröss- die Ablehnung von Zensur sind in vielen Ländern be- man geboren ist, lange gelebt hat und ten Teil des über zwölf Jahre dauernden Verfahrens auf droht. Früher weit entfernte Destinationen sind näher nicht mehr hin darf. Diese Heimat freiem Fuss. Dennoch forderte die Staatsanwaltschaft die gerückt; Länder, in denen die Meinungsäusserungs- bleibt der intimste Feind, den man hat. Höchststrafe: «Lebenslänglich unter verschärften Bedingun- freiheit bedrängt wird, sind heutzutage nicht mehr Man hat alle, die man liebt, zurückgelas- gen». Pinar Selek konnte ihre Heimat verlassen und lebt heu- weit weg. Es sind Länder, in die uns unsere Wochen- sen. Und die sind weiter so ausgeliefert, te in Strassburg. end-Städtereisen führen, in denen wir unsere Ferien wie man selber war. Über diesen verbringen. Ungarn, die Türkei, Ägypten, China, Mexi- Schmerz können wir kaum hinweghel- ko gehören zu ihnen ebenso wie der Iran, Russland, fen, aber wir können denen zuhören Michael Guggenheimer ist Präsident des DeutschSchweizer PEN-Zentrums. Indonesien, Äthiopien oder Eritrea. Über 700 Fälle und helfen, die darüber berichten.» 22 23 AMNESTY März 2017 AMNESTY März 2017
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