Band 1 Das Weinviertel-ABC - Wissenswertes aus dem östlichen Weinviertel
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Das Weinviertel-ABC
Wissenswertes aus dem östlichen Weinviertel
B a n d 1
www.weinviertelost.at
www.weinviertel.at
Mit Unterstützung von Bund, Land und Europäischer UnionA von Altlichtenwarth
bis Zistersdorf
D ieser erste Band des Weinviertel-ABC soll
gleichzeitig auch der Auftakt für eine Rei-
he von anekdotischen und wissenswerten Bei-
Auftakt
trägen sein. Mit etwas Glück finden wir eine
interessante Mischung und tragen so dazu bei,
dass wir selbst mehr über unser Weinviertel
Kapellmeister Christian Peter © Musikverein Spannberg / Marlene Bugl
Von einem Auftakt spricht man in der Musik, lernen und einiges davon unseren Gästen ver-
wenn eine oder mehrere Noten auf den Beginn mitteln können. Wir hoffen, dass auch andere
einer musikalischen Phrase hinführen und so Personen und Organisationen diese Idee auf-
den Einstieg in das eigentliche Stück erleichtern greifen und die „erlesene Einstiegshilfe“ in die
oder ankündigen. Mit der vorliegenden Broschü- „Materie Weinviertel“ durch eigene Bände er-
re wollen wir ähnliches erreichen: Anhand eini- gänzen.
ger Begriffe, sortiert in alphabetischer Reihen- Den Anfang dürfen wir im Namen der LEADER
folge, bieten wir eine erste Orientierung für eine Region Weinviertel Ost machen. Das hat zur
Reise in ein besonderes Stück Österreich: in das Folge, dass zumindest dieser erste Band viel-
Weinviertel. leicht etwas „ostlastig“ ausfällt. Die interes-
Das ist notwendig, weil das Weinviertel weder zu sierte Leserin und den interessierten Leser
den bekanntesten noch zu den lautesten Regio- bitten wir daher, nicht nach geografischer Aus-
nen zählt und einige Schätze erst beim zweiten gewogenheit zu suchen. Beide bitten wir üb-
Hinsehen erkannt werden. Für manche Entde- rigens auch, sich in der Folge immer gleicher-
ckungen muss man überhaupt erst auf den Ge- maßen angesprochen zu fühlen, selbst wenn
schmack kommen und tiefer in die Erlebniswelt wir nicht immer jede geschlechterspezifische
Weinviertel eintauchen. Und so bieten wir einige Endung anführen werden.
hoffentlich interessante und wissenswerte Kost- Dieser Band deckt natürlich nur einen Bruchteil
proben. Ihre Entdeckungsreise wird aber so indi- dessen ab, was es in der Region zu erkun-
viduell und vielseitig sein, wie das Land selbst. den gibt. Der Anspruch auf Vollständig-
keit kann nicht erhoben werden. Vielmehr
bleibt den interessierten Heimatforschern
und den geschätzten Besuchern das
Glück, sich mit großer Lust und Freude
auf Entdeckungsreise zu begeben und
den einen oder anderen Vermerk zu er-
gänzen. Vielleicht entsteht dabei auch
Ihr ganz persönliches Weinviertel-ABC.
Viel Spaß dabei! p
DI Johannes Wolf sch
ntschit
Kurt Ja
2Wolkersdorf a. d. Ostbahn 1820 © Stefan Eminger
B
Mit Betty Bernstein, dem Maskottchen der
Bernsteinstraße, können Kinder die spannendsten
Betty Bernstein © Die Österreichische Bernsteinstraße
Abenteuer in Museen, Burgen und Naturparks
Brünner Straße erleben. www.betty-bernstein.at
Doch auch unzählige Kriegsheere waren auf
Die Weinviertler Verkehrsader diesen Straßen unterwegs und oftmals war das
Weinviertel Schauplatz von Kämpfen und teils
historischen Schlachten. In Friedenszeiten stand
D ie Brünner Straße (B7), die vormals den
klingenden Namen „Kaiserstraße“ trug,
war seit jeher die wichtigste Nord-Süd-Verbin-
der Transport von Waren im Vordergrund, und so
fand nicht nur der Bernstein an die Adria, sondern
etwa auch der Weinviertler Wein seinen Weg bis
dung im Osten Österreichs. Seit dem Bau der an den Hof des russischen Zaren. Unter dem Titel
„Weinviertel-Autobahn“ (A5 Nordautobahn) hat „Straßengeschichte(n) – Handelswege quer durch
sie jedoch als Hauptverkehrsweg ausgedient. Europa und mitten durchs Weinviertel“ gestal-
teten Stefan Eminger und Wolfgang Galler 2013
Die Bernsteinstraße eine ausgezeichnete Ausstellung samt Katalog
im Schloss Wolkersdorf. p
Ein ebenso wichtiger und historisch bedeu-
tender Verkehrsweg durch das Weinviertel abgeschnitten und inmitten
war und ist die sogenannte „Bernsteinstraße“.
Vor rund 25 Jahren war das Weinviertel das
Diese legendäre und sagenumwobene Straße Ende der westlichen Welt am Eisernen Vor-
ist der älteste Handelsweg Mitteleuropas, der hang. Heute gehört es zur „Europa Region
den Bernstein (ein fossiles Harz, dass vor ca. Mitte“, in der rund 6,5 Millionen Menschen am
40 bis 50 Millionen Jahren in nördlichen Pini- Schnittpunkt von 4 Staaten und 4 Sprachen
enwäldern entstanden ist) auf seinem Weg von leben. Inmitten Europas gelegen, sorgten die
Wendungen der europäischen Geschichte
den Bernsteinküsten der Ostsee zu den Han-
immer auch für große Herausforderungen für
delshäfen des Mittelmeeres auch durch das
das Weinviertel und seine Bewohner.
Weinviertel führte.
3Chöre & Klänge C
Marschierender Musikverein Hochleithen © Musikverein Hochleithen / Christine Friedl
Der Chorgesang hat in seiner kirchenhistori-
Musik und Kunst – schen Bedeutung auch immer wieder die Men-
klingendes Weinviertel schen im Weinviertel inspiriert und so gibt es
bis heute zahlreiche Chöre und Vokalensemb-
les, die sich im Weinviertel von aufmerksamen
Ohren immer wieder gerne entdecken lassen.p
W ie überall gibt es natürlich auch im
Weinviertel eine lange Tradition an
Musikvereinen und Blasmusikkapellen. In der Weinviertler Komponisten
Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten sich im
Weinviertel sogenannte „Kirtagsorchester“. › Julius Bittner (1874 –1939)
Wie bei den Wiener Walzerkomponisten war › Max Brand (1896 –1980)
› Nico Dostal (1895 –1981)
auch hier der Kapellmeister „Stehgeiger“ – in
› Gottfried von Einem (1918 –1996)
weiterer Besetzung mit 2. Geige, Viola, Kon-
› Franz Xaver Frenzel (* 1945),
trabass, Flöte, 1. und 2. Klarinette, 1. und 2. (wirklicher Name: Friedemann Katt)
Trompete, 1. und 2. Waldhorn und Posaune. › Thaddäus Huber (1742 –1798)
› Ignaz Josef Pleyel (1757–1831)
Musik mit Tradition › Gottfried von Preyer (1807–1901)
› Kaspar Schrammel (1811–1895)
Heute gibt es wieder Musikensembles, die › Johannes Matthias Sperger
(1750 –1812)
sich dieser Tradition annehmen, wie etwa die
„Weinviertler Kirtagsmusi“, die in traditionel-
3 NÖ-Blasmusikverband: www.noebv.at
ler Besetzung Stücke von Weinviertler Kompo-
3 Chorverband NÖ & Wien:
nisten spielen, beispielsweise von Josef Krickl www.noe-chorverband.at
(1870 –1953, aus Eichenbrunn).
4ernkrieg (1523 –1526) damit, und während der
Hussitenkriege (1419 –1434 bzw. 1439) waren
Dreschflegel die stärksten Waffen. Der
D
„Nunchaku“, den man aus den asiati-
schen Kampfkünsten kennt, ist ebenfalls
ein Dreschflegel, den Bauern zum Reis-
Dreschen benutzten.
Dreschflegel Getreide mit Geschichte
Drischl dreschen © Sammlung augustin / Museumsdorf Niedersulz
Auch im Weinviertel war und ist Agrarwirt-
schaft wichtig. Der Bezirk Hollabrunn etwa
die Spreu vom Weizen trennen
war schon vor 6.000 Jahren mit Bauern be-
siedelt, die in Flechtwerkhäusern lebten und
D as Wort Flegel leitet sich vom lateini-
schen Wort für Peitsche ab: „flagellum“.
Der Dreschflegel besteht aus einem hölzernen
Ackerbau und Viehzucht betrieben.
Der Stellenwert der Getreideernte zeigt sich in
den Erntedankfesten, die in vielen Gemeinden
Stiel, an dem ein beweglicher Holzprügel be- aufwendig begangen werden.
festigt ist. Mit diesem wurde mit großer Kraft Während in den letzten Jahrzehnten die Sor-
auf die am Boden liegenden Getreidebündel tenvielfalt der Getreidearten großteils der In-
eingedroschen, um die Getreidekörner heraus- dustrialisierung der Landwirtschaft zum Opfer
zuschlagen, welche aufgrund ihres Gewichts fiel, ging man in den letzten Jahren auch im
liegen blieben, während die leichteren Anteile Weinviertel dazu über, wieder alte Kultursor-
vom Wind weggeweht wurden. ten anzubauen. Seither finden sich vermehrt
Dieses Arbeitsgerät ist eines der ältesten Ern- schmackhafte und widerstandsfähige Sorten
tegeräte. Seine Bedeutung für die Menschen wie Buchweizen und Amaranth in den Getrei-
zeigte sich beispielsweise im alten Ägypten, demühlen des Weinviertels. p
wo er neben dem Hirtenstab das wichtigste At-
tribut der ägyptischen Gottheit Osiris war. Er
wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Fakten: Anbauflächen
Österreich und Deutschland durch maschinelle
Anbau auf dem Ackerland in NÖ 2012:
Dreschmaschinen ersetzt.
Brotgetreide auf 230.865 ha
Quelle: STATISTIK AUSTRIA
Waffe der Bauern
Ackerland 2012 in den Bezirken
Gänserndorf: 84.730 ha
Wegen seiner enormen Schlagkraft wurde der
Mistelbach: 95.000 ha
Dreschflegel im Mittelalter häufig als einfache
Hollabrunn 59.400 ha
Bauernwaffe verwendet. Ein Großteil der Bau- Quelle: LK Mistelbach, Gänserndorf, Hollabrunn
ern kämpfte beispielsweise im deutschen Bau-
5E
Vom Wind zum Öl
und wieder retour
W ährend das letzte Jahrhundert im
Weinviertel von der Förderung des
Erdöls geprägt wurde, scheint das neue Jahr-
hundert ganz im Zeichen der Windenergie zu
stehen. Das Erdölgebiet „Matzner Feld“ (rund
um die Gemeinden Matzen und Prottes) war,
als noch ergiebig gefördert wurde, das „größte
geschlossene Erdölfeld Mitteleuropas“. Durch
Energie die fossilen Ablagerungen urzeitlicher Mee-
resbewohner konnten seit Ende der 40er-Jahre
Energie im Weinviertel © Leader Region Weinviertel Ost / Sophie Doppler
des vorigen Jahrhunderts gigantische Mengen
Fakten: Erdöl Erdöl gefördert werden. Das Erschließen des
Matzner Feldes trug maßgeblich dazu bei, dass
Die von 1930 bis 2012 in Österreich geför-
Österreich mit den Reparationszahlungen nach
derte Menge Erdöl beträgt rund 120,5 Mio.
Tonnen. Davon stammen 111,2 Mio. – also dem zweiten Weltkrieg wesentlich früher fertig
über 92 % – aus dem Wiener Becken, was war, als ursprünglich geplant.
im Bezug auf die Erdöl- und Erdgasförde-
rung mit dem Weinviertel (inkl. Marchfeld) Der Wind kommt wieder
gleichzusetzen ist.
Im Jahr 2012 wurden 738.443 Tonnen Öl Heute sind die Erdölvorkommen weitgehend
produziert. In den Statistiken werden noch erschöpft und auf der Suche nach alternativen
80.000 Tonnen NGL (Natural Gas Liquids
Energieformen wurde das Weinviertel als öster-
wie z. B. Propan, Butan ...) dazugezählt.
reichischer Windkraftstandort entdeckt. Wäh-
Diese werden aus Gas abgeschieden und,
weil flüssig, dem Erdöl zugerechnet, sodass rend in früherer Zeit Windmühlen das Land-
als Erdölförderung auch rund 817.600 Ton- schaftsbild prägten, drehen sich heute allerorts
nen für das Jahr 2012 ausgewiesen werden. Windkraftanlagen. Die Anzahl der vereinzelt
Bei einer österreichischen Gesamtförderung in der Landschaft verteilten Windkraftanlagen
von 917.300 Tonnen stammen also 89,1 % steigt jährlich und der Ausbau der Windenergie
aus dem Wiener Becken. Mit seiner Erdöl- ist ein Schwerpunkt in der Energiepolitik des
produktion kann Österreich knapp 8 % sei-
Landes. Schon heute wird ein Vielfaches der im
nes Bedarfes decken. Bei gleichbleibender
Weinviertel benötigten Energie mit Windstrom
Förderung und keinen Neufunden hätten
erzeugt – ein Ende dieser Entwicklung ist der-
wir noch Öl für rund 12 Jahre.
zeit nicht abzusehen. p
Quelle: Univ.Prof. Dr. Gerhard Ruthammer, OMV AG
6Kellergassenführer Richard Stöger © AGRAR Plus
F
Fiata
Der Fiata war der integrative Bestandteil win-
Das Fürtuch – zerlichen Arbeitseifers. Kaum angelegt, über-
Der Weinviertler Lendenschurz zeugte er Träger und Mitmenschen von Fleißig-
keit und Arbeitseifer und wurde auch während
des Hauerrasterls kaum abgelegt. p
D as Fürtuch, also eigentlich „das“ Fiata,
wurde zu allererst, wie im Weinviertel
nführerInnen
/ SEYMANN
üblich, mit dem falschen Artikel versehen und
sollte als „der Fiata“ die Kleidung vor Ver-
im Weinviertel
rein Kellergasse
schmutzung schützen. Der Fiata wurde wäh-
rend der Arbeitswoche – also fast immer – über
dem normalen „Olle-Tag-G’wand“ „aug’legt“.
Kalmuck © Ve
Man zog sich damals nicht an,
man legte an … Der „Kalmuck“ oder auch
„Kalmuk“ – eine Bezeich- Kalmuck-Janker
In der ländlichen Bevölkerung unterschied sich nung für sein Baumwoll-
das „Olle-Tag-G’wand“ in der Regel nicht sehr Doppelgewebe – gab dem
vom „Sunndag’wand“ (Sonntagsgewand). Die Janker den Namen, der wegen seiner Robustheit
ursprünglich gerne von den Donau-Flößern getragen
Herstellung von Kleidung war meist kostspielig
wurde. Der Kalmuck wurde mit seinem typischen
und zeitaufwendig, man – oder besser: frau – Muster in einigen Regionen Österreichs u. a.
musste ja noch selber nähen. als Winzer-Tracht übernommen.
7G
geh
Meist in der Zeit um Ostern In die Grea
Gmorigeh, als besinnlicher Spaziergang
und Treffen in der Natur
Grea & …
unter freiem Himmel praktiziert, um
das erwachende Frühjahr zu begrüßen.
Beide Fotos: Lewa bessern © Leader Region Weinviertel Ost / christine Friedl
wieder auf. Heute noch wird in vielen Gemein-
Kulturgut oder biederer Kitsch den das „Gmahrischau’n“ als feierlicher Akt am
1. Mai betrieben und beworben.
Ein weiterer, bis heute lebendiger Brauch im
D ie Herkunft der im Weinviertel zu fin-
denden Bräuche ist so vielfältig und
verschieden wie die Bräuche selbst. Ob reli-
Frühjahr erinnert an den Gang der Jünger nach
Emmaus (Neues Testament). Im Weinviertel ist
dieser Brauch als „in die Grea geh“ (Gang ins
giösen Ursprungs oder einfach dem Lauf der Grüne) erhalten. p
Jahreszeiten – und daher mit den bäuerlichen
Feldrhythmen – verbunden: bis zum einfachen
Abgehen der Dorfgrenzen wurden viele lebens- Emmausgang
notwendige Tätigkeiten in den Stand eines Ri-
tuals erhoben. Der Emmausgang ist heute noch lebendi-
Das „Gmorigeh“, „Gmahrischau’n“ oder „Le- ger christlicher Brauch, vor allem in Süd-
wabessern“ ist die einmal jährlich praktizierte deutschland und in Österreich, in Erinne-
Begehung der Dorfgrenzen. Vom Bürgermeister rung an den Gang der Jünger nach Emmaus,
bis zum Schulkind beteiligen sich die Dorfbe- denen sich Jesus Christus unerkannt an-
schloss (Lukas 24, 13 –29).
wohner an diesem „Wandertag“. Mit Pinsel und
Ausgeführt wird der Emmausgang als ein
Kübel werden die Grenzsteine abgegangen und
geistlicher Gang mit Gebet und Gesang oder
neu gekalkt. Da dies meist in den heißen Mona- als ein besinnlicher Spaziergang durch die
ten praktiziert wird, löst sich die Wandertruppe erwachende Natur am Ostermontag, der
naturgemäß erst nach ausgiebigem Umtrunk deshalb auch Emmaustag heißt.
im Dorfwirtshaus zu sehr später Abendstunde
8H I
Hintaus Introvertiert
© Weinviertel Tourismus GmbH / MICHAEL HIMML
Scheunen in Pettendorf © Thomas Hofmann
Das Gegenteil von voraus ein Weinviertler Urzustand
W ährend nach vorne hin alles seine
Ordnung hatte (Fassade, Fenster- und
Türanstrich, penible Gestaltung der schmu-
A ls der Schweizer Psychologe Carl Gustav
Jung (1875 –1961) den Begriff der Intro-
vertiertheit definierte, war er wahrscheinlich
cken Vorgärten etc.), durfte sich im Hintaus kurz davor im Weinviertel zu Besuch. Die Er-
diese Ordnung sanft auflösen. Hintaus waren kenntnis, dass introvertierte Menschen ihre
die Stadl fürs Arbeitsgerät, die Stallungen samt Aufmerksamkeit und Energie stärker auf ihr
Misthaufen und auch so mancher Platz zum Innenleben richten und in Gruppen dazu nei-
Abstellen alter Feldgeräte und Wagenteile. Das gen, zu passiven Beobachtern zu werden, kann
Hintaus war der Ort, wo sich die Strenge der wahrlich nur im Weinviertel gewonnen werden!
Welt in der geordneten Unordnung verlieren Die sprichwörtliche „Gelassenheit“ der Wein-
konnte. Die Hintausstraße verläuft parallel zur viertler lässt sich in kurzer Form nicht erklä-
Straße an der die Haupteingänge sind. Von dort ren, begründen lässt sie sich noch schwerer.
konnte man mit Fuhrwerk und Geräten bequem Die Menschen in diesem Landstrich haben ihre
ein- und ausfahren. p „Geschwindigkeit“ dem Lauf der Zeit eben nicht
angepasst.
Der Eindruck der Introvertiertheit, die den
Kultur hintaus
Weinviertlern zugeschrieben wird, ermöglicht es
ihnen, viele Entwicklungen und Veränderungen
Der Begriff „Hintaus“ wurde in den letzten
aus einer „Beobachterposition“ zu beurteilen
Jahren von verschiedenen Kulturschaffenden
und Vereinen als romantisch-philosophischer – diese ist jedoch nicht mit Teilnahmslosigkeit
Begriff entdeckt und wird seitdem in diversen zu verwechseln, denn das sind die Weinviertler
Publikationen, Bildern, Liedern und Festen trotz aller Gelassenheit nicht. Anstatt auf über-
als der „Inbegriff des Weinviertler Wesens“ schwängliche Begeisterung hat man aber hier-
gehandelt. orts die Chance, auf ehrliches Interesse und Ver-
3 www.hintaus.at bundenheit zu stoßen, sobald man sich die Zeit
und die Muße nimmt, dies auch zuzulassen. p
9J sich um Lebensräume und gesunde
Wildtierbestände sorgt, ist Grund-
lage der Genussregion Weinviertler
Wild. Dank spezieller Qualitätsrichtli-
nien finden hochwertige und gesunde Pro-
dukte aus heimischen Beständen und freier
Wildbahn den Weg auf die Teller und in die
Regale der Region. Schutz durch Nutzung
bleibt hier kein leeres Motto, die Genussregion
trägt maßgeblich dazu bei, dass Feldhase, Fa-
Jagdhorn san, Wildschwein und Co fixer Bestandteil der
Weinviertler Landschaft bleiben. p
Jagdhornbläser © © Leader Region Weinviertel Ost / christine Friedl
VOM SIGNAL ZUR MUSIK
I n ihrer ursprünglichen Verwendung dienten
Jagdhörner zum Abgeben von Signalen und
zum Informationsaustausch über große Ent-
fernungen. Musik war demnach nicht schmü-
ckendes Beiwerk, sondern entscheidend für
Erfolg und Sicherheit der Jagd in der Gruppe.
Heute werden Jagdhörner auch als reine Mu-
sikinstrumente verwendet. Dabei bilden die
notwendigen Signale der Jäger den Ursprung
der gesamten jagdmusikalischen Entwicklung,
die mittlerweile bis zu hochwertigsten Jagd- AUSGEZEICHNETE QUALITÄT
hornbläserkonzerten reicht.
Wildfleisch hatte stets seinen festen Platz in
Die Genussregion Weinviertler Wild der Weinviertler Gastronomie. In den letzten
Jahren sind zudem eine Reihe hochqualita-
Vielfältig und fruchtbar präsentiert sich das tiver Veredelungsprodukte entstanden. Um
Weinviertel seinen Besuchern ebenso wie den diese näher zu erfassen, wurde 2009 der
heimischen Wildtieren. Von solcherlei Arten- Produktwettbewerb LEPUS – benannt nach
vielfalt können andere Regionen – ausgeräumte dem lateinischen Namen des Feldhasen –
ins Leben gerufen. Seither werden die bes-
Agrarlandschaften oder technisch überformte
ten Pasteten, Sulzen, Pökelwaren, Roh– und
Ballungsräume – nur noch träumen.
Brühwürste rund um das Weinviertler Wild
Ein nachhaltiges Jagdwesen, das Wildtie- auch offiziell ausgezeichnet.
ren mit Achtung und Respekt begegnet und
10Bedrohte Idylle
Heute hat sich die Weinproduktion so weit
verändert, dass den Kellergassen kaum mehr
wirtschaftliche Bedeutung zukommt. Die Win-
zer produzieren ihre Weine in großen
K
Hallen und haben zur Verarbeitung
und Lagerung Metalltanks, die sich
leichter handhaben lassen als Holz-
fässer in verwinkelten Kellergewöl-
ben. Lediglich die Rotweine werden noch von
manchen Winzern in den dafür sehr geeigneten
kleinen Holzfässern im Dunkel der Erde gela-
gert. Doch allen technischen Errungenschaften
zum Trotz wird eine „Kellerpartie“ erst dann
romantisch, wenn man sich beim Genuss der
Kellergasse edlen Tropfen im feuchten Erdreich im Endlos
der Zeit verlieren kann …
Kellergasse © Leader Region Weinviertel Ost / Sophie Doppler
Die Menschen im Weinviertel sind sich der
Verantwortung gegenüber der Kultur der Kel-
das Dorf im Dorf lergassen sehr wohl bewusst und es gibt immer
mehr Initiativen zur Erhaltung dieser einzigar-
tigen Denkmäler erhabener Trinkfreude. p
D ie Wein- und Erdkeller haben im Wein-
viertel eine sehr lange Geschichte. Seit Ur-
zeiten haben sich die Menschen die Löss- und
Lehmböden des Weinviertels zunutze gemacht
und die gegrabenen Stollen als Kühl- und La-
gerräume, aber auch als Verstecke genutzt. Der
Umstand, dass die Lufttemperatur im Wein-
keller relativ gleichbeibend ist, machte die Erd
LeseTipp
Broschüre
stollen zum idealen Lagerplatz für Wein. Dieser „Kellergassen im Weinviertel“
hat es gerne konstant und schätzt keine großen
Temperaturschwankungen. Herausgegeben von der
Um den Arbeitsablauf zu vereinfachen, wurde LEADER Region Weinviertel Ost.
Mit Wissenswertem zu Geschichte
das „Presshaus“ gleich an die „Kellerröhre“ an-
und Entstehung der Kellergassen
gebaut – und so kam das Weinviertel zu seinen sowie deren Architektur, Nutzung
unverwechselbaren Kellergassen. und richtige Instandhaltung.
11L Fast vergessen – jetzt wiederentdeckt
Im letzten Jahrhundert kam Lehm als „Arme-
Leute-Baustoff“ in Verruf und wurde immer
mehr von industrialisierten Produkten ersetzt.
Erst Mitte der 80er-Jahre wurde er als Baustoff
wiederentdeckt. Die Vorteile von Lehm als Bau-
stoff sind bis heute unerreicht: lange Haltbarkeit
und hohe Wartungsfreundlichkeit. Lehm ist
zu 100 % recyclingfähig, konserviert pflanzli-
che Stoffe wie Holz, bindet Schadstoffe aus der
Lehm & Löss Raumluft und reguliert die Luftfeuchtigkeit. p
Langhaus © Urgeschichtemuseum NÖ Asparn a.d. Zaya
Bauformen im Weinviertel
Baustoff der Urzeit
Schon wegen der frühen Besiedlung ist das
Weinviertel ein siedlungsgeschichtlich inter-
L ehm ist als Baustoff seit mehr als 9.000
Jahren bekannt und noch heute lebt etwa
ein Drittel der Erdbevölkerung in Lehmhäu-
essantes Gebiet. Anger- oder Straßendör-
fer gelten hier als klassische Siedlungsfor-
men. Das Anordnungssystem blieb immer
sern. Die Wichtigkeit des Lehms war enorm dasselbe: die Hausparzelle mit dem Gehöft
und so ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass an der Straßenseite, gefolgt vom Hof, dem
in der Bibel Gott den ersten Menschen auch aus Hausgarten und dem Hausacker. Die Gehöfte
diesem Material formte ... standen dicht nebeneinander, lediglich eine
So wie überall wurde auch im Weinviertel mit schmale „Reihe“ zum Abrinnen des Regen-
wassers bildete die Grenze. Gelegentlich gab
Lehmziegeln gebaut. Die Ziegel wurden meist
es einen Durchgang in der lang gestreckten
von den Menschen selbst gestochen und ge-
Dorfzeile zur Hintausgasse oder zur Bachzeile.
formt. Gebrannt werden durften sie aber nur Wesentlicher Bestandteil des Bauernho-
von den Herrschenden der jeweiligen Zeit. Das fes war der Wohnbau, der ausgehend vom
Ziegelbrennen war bis 1848 ein Privileg der Streckhof durch Erweiterung oder Drehung
Adelsschicht, die damit gutes Geld verdiente. des Quertraktes die Bezeichnung „Zwerch-
Erst nach der Revolution von 1848, als es je- hof“ erhielt und in den Weinbaugebieten
dem freigestellt war ein Gewerbe auszuüben, zur bevorzugten Hausform wurde. In der li-
nearen Abfolge der Bereiche Wohnen, Vorrä-
schossen Ziegelöfen im ganzen Land wie Pilze
te, Stall erfolgte eine straßenseitige Erweite-
aus dem Boden.
rung durch eine Stube.
Im Freiluft-Urgeschichte-Museum Asparn an
Der Hakenhof erhielt den Quertrakt hofsei-
der Zaya demonstriert ein jungsteinzeitliches tig, dabei konnte es sich um eine Erweiterung
Langhaus den Einsatz von Lehm als Baustoff zu Wohn- oder Wirtschaftszwecken handeln.
vor ca. 12.000 Jahren (www.urgeschichte.at).
12M
LeseTipp
Mühlen Wolfgang Galler: „Unser täglich Brot“
Von Bäckern, Müllern und Bauern
im Weinviertel. Mit traditionellen
Hofmühle aus Walterskirchen © Museumsdorf Niedersulz/Michael Loizenbauer
Brotgerichten von Manfred Buchinger.
Edition Winkler-Hermaden
Wenig Wasser, viel Wind
D as Weinviertel ist und war eher arm an
Wasser führenden Bächen, die zum Be-
trieb von Wassermühlen geeignet wären. Wäh-
mühlen zusehends an Bedeutung. So ging mit
den Mühlen wohl auch ein Stück kultureller
Identität verloren und es stellt sich die „augen-
rend entlang der Donau und der March ab dem zwinkernde“ Frage, warum bei so vielen „Still-
15. Jahrhundert zahlreiche Schiffsmühlen in legungen“ die Welt immer lauter wird ... p
Betrieb waren, drohte anderswo im Weinvier-
tel, besonders in heißen Sommern, eine Unter-
versorgung an Mühlen. Typische Mühlen
Der Plan Kaiser Josephs II., das Land flächen-
deckend mit Lebensmitteln zu versorgen, führ- Anfangs waren die Windmühlen im Wein-
te zum Bau von zahlreichen Windmühlen im viertel „Bockwindmühlen“. Sie waren aus
Weinviertel. Holz und im Gesamten auf einem Holzbock
platziert, so dass bei Bedarf das ganze Mühl-
haus mit den Windflügeln in die Windrich-
Dampfkraft und
tung gedreht werden konnte. Diese Mühlen
Ökologischer Fußabdruck waren eher klein und hatten daher nur ge-
ringe Mahlkapazitäten.
Viele der alten Mühlen wurden dem architekto-
nischen Zeitgeschmack angepasst. Meist wur- Weitere Mühlentypen im Weinviertel:
den Wind- und Wasserkraft genutzt, wodurch › Ober-/Unterschächtige Wassermühlen
der heute viel diskutierte „Ökologische Fußab- › Unterschächtige Schiffsmühlen
druck“ sehr klein gehalten werden konnte. Mit 3 www.mehl.at/geschichte.html
Einführung der Dampfkraft verloren die Wind-
13N
D as Weinviertel zählt, floristisch betrach-
tet, zur sogenannten Pannonischen
Florenprovinz, welche Teil der Südsibirisch-
Pontisch-Pannonischen Florenregion ist. Ein
submediterraner Einfluss ist durch die trocke-
nen und warmen Sommer hierzulande deutlich
erkennbar. Aufgrund der jahrhundertelangen
Nutzung als Acker- und Weideland wurde das
Weinviertel gerodet und ist somit vorwiegend
unbewaldet. Das Weinviertel ist weitgehend
mit Löss bedeckt, einem Sediment, das wäh-
rend der Kaltzeiten vom Wind hierher getragen
Natur und abgelagert wurde. Durch das Pannonische
Klima und die Lössböden ist das Weinviertel,
Naturpark Leiser Berge © KEM Leiser Berge
wie der Name schon verrät, hervorragend für
den Weinbau geeignet – es ist das größte Wein
Von warmen Sommern anbaugebiet Österreichs.
und Sandigen hügeln Bedeutend für die Region sind die March-Taya-
Auen, eine einzigartige Natur- und Kulturland-
schaft, die eine außergewöhnlich hohe Vielfalt
an Tier- und Pflanzenarten beherbergt. Sie bie-
Naturpark Leiser Berge tet Lebensraum für seltene Vogelarten wie z. B.
den Kaiseradler, den Rotmilan oder auch den
Auf den Spuren alter Kulturen Schwarzstorch. Der Pulsschlag jeder intakten
Der Naturpark Leiser Berge liegt im Herzen Aulandschaft sind regelmäßige Überflutungen. p
des Weinviertels. Von der Aussichtswarte
am Oberleiser Berg überblickt man die viel-
fältige Landschaft mit ihren Äckern, Wäl-
Ramsar-Gebiet March-thaya
dern und Trockenwiesen, die seit der Jung-
steinzeit bewirtschaftet werden. Die Felder
schmiegen sich in geometrischen Figuren 1971 wurde in der iranischen Stadt Ramsar
an die sanften Hügel und wechseln bis zur eine Konvention zum Schutze von Feucht-
Ernte ständig ihr Farbenkleid. Aufgrund gebieten mit internationaler Bedeutung ins
des teilweise plateauartigen Charakters der Leben gerufen. Seit 1983 ist Österreich Mit-
Wald- und Heideberge ist das weitläufige glied dieser Konvention.
Gebiet des Naturparks für bequeme Fami- Die March-Thaya-Auen zählen, in Verbindung
lienwanderungen besonders gut geeignet. mit den Donau-Auen, zu den bedeutendsten
Ramsar-Gebieten Mitteleuropas.
3 www.naturparke.at/de/Naturparke/
Niederoesterreich/Leiser_Berge 3 www.march-thaya-auen.at
14Erntedankfest in Spannberg © Maria wiesinger
Odamasch O
Tradition trifft Zeitgeist
Vom Ernten und Feiern
Die Tradition der Erntedankfeste im Herbst ist
im Weinviertel noch sehr lebendig und wird vie-
D ie Feier von Erntedankfesten geht weit
in die vorchristliche Zeit zurück. Rituelle
Feiern sind vor allem aus Nordamerika, Israel,
lerorts in Verbindung mit der Kirche gepflegt.
Dem heutigen Zeitgeist entsprechend, werden
diese traditionellen Feste oft auch eventartig
Griechenland oder aus dem Römischen Reich aufgezogen – wie etwa das Laaer Zwiebelfest,
bekannt. In der katholischen Kirche ist das das alljährlich viele Besucher anlockt. p
Erntedankfest seit dem 3. Jahrhundert belegt.
Einen einheitlichen Termin gab es nie, da die
Erntedankessen
Ernte je nach Klimazone zu verschiedenen
Zeiten eingebracht wird.
Weil er keine Eier legt …
Ein typisches Erntedankessen lässt sich im
Das besonders im östlichen Weinviertel so ge- Weinviertel nicht finden, da es je nach fa-
läufige Wort „Odamasch“ (oder „Halamasch“) miliärer Tradition variierte. Zur Zeit der
stammt aus der Zeit, in der vor allem Erntehel- Lohndrescher und -schnitter fand sich im-
fer aus der heutigen Slowakei die Arbeitskraft mer wieder der Hahn auf dem Speisezettel.
in der heimischen Landwirtschaft verstärkten. Dieser wurde aus wirtschaftlichen Gründen
gewählt, weil er keine Eier liefert und so als
Slowakische Erntearbeiter aus Oberungarn, die
billiges Lebensmittel den hungrigen
sich in jedem Jahr sehr zahlreich bei der Ernte
Erntearbeitern serviert wurde.
verdingten, haben diesen Begriff mitgebracht.
15Produktkorb P
Weinsujet © Weinviertel Tourismus GmbH / christine wurnig
EIN LAND FÜR GENIESSER regionalen Produkten ist also reichlich gedeckt.
Weinviertel Genussrolle Edition © Leader Region Weinviertel Ost
Manchen werden eigene Feste gewidmet. Dazu
zählen etwa das Retzer Kürbisfest oder das
A ls Weinbaugebiet erfreut sich das Wein-
viertel zunehmender Bekannt- und Be-
liebtheit. Man könnte es unter anderem aber
Zwiebelfest in Laa an der Thaya. Erdäpfel fehlen
im Weinviertel natürlich nie. Spargel und Ge-
müse – vorwiegend aus dem Marchfeld – kennt
auch als Obstgarten, Gemüseland und – nicht und schätzt man in ganz Europa. Dem Thema
zuletzt – als Kornkammer Österreichs bezeich- „Brot und Wein“ wurde die Niederösterreichi-
nen. Denn fruchtbare Böden und das milde sche Landesausstellung 2013 gewidmet. Wo?
Weinbauklima sorgen im weiten Nordosten Natürlich im Weinviertel! p
Österreichs in der Regel für reiche Ernten. Das
gilt zumindest solange es Niederschläge gibt. Weinviertel genussrolle
Schließlich regnet es hier im Schnitt nur etwa
halb so viel wie in alpinen Lagen. So schmeckt das Weinviertel
Die Weinviertel Genussrolle bietet Kost-
Kostbares Weinviertel bares aus dem Weinviertel, edel verpackt
in verschiedenen Varianten als „Geschenk
mit Geschmack“. Seit der Landesaustellung
Die Palette an landwirtschaftlichen Rohproduk-
„Brot und Wein“ dient die Genussrolle ge-
ten und veredelten Kostbarkeiten ist enorm.
meinsam mit dem Weinviertel DAC auch als
So verwundert es wenig, dass das Weinviertel
Souvenir und Genuss-Botschafter.
eine eigene Ernährungspyramide zusammen- Weitere Details und Bezugsquellen finden
stellen kann, der es auch aus ernährungsphy- Sie unter 3 www.kostbares-weinviertel.at
siologischer Sicht an nichts fehlt. Der Tisch mit
16Hawelka Denkmal in Mistelbach © Christine Friedl
Q Hermann Nitsch (geb. 1938)
Maler und Aktionskünstler (Wr. Aktionismus)
„Auferstehung“
© www.nitsch.org
Querdenker
keller zu verbringen. Dort kann man schweigend
die Probleme der Welt „diskutieren“ oder – wie
das Weinviertel
es der Wolkersdorfer Literat und Anwalt Martin
als Künstler-enklave
Neid bezeichnet – sich der großen Weinviertler
Tugend hingeben: Der wunschlosen Trägheit!p
D as Weinviertel hat immer schon Denker,
Künstler und Philosophen inspiriert und
angelockt. Ob es die Unaufdringlichkeit der Weinviertler Originale
Landschaft oder der zurückhaltende Charme der
Eine unvollständige Liste
Menschen ist, darüber kann nur spekuliert wer-
› ferdinand Altmann – Grafiker
den. Fakt ist, dass sich Menschen verschiedens-
› Werner Auer – Musiker, Intendant
ter musischer Zünfte im Weinviertel wohl und › Hermann Bauch – Künstler
geborgen fühlen. Die im Weinviertel erfahrene › Nico Dostal – Filmkomponist
Inspiration manifestiert sich in diversen Publika- › Gottfried von Einem – Komponist
tionen und Produkten der Kunstschaffenden. Ob › Günther Frank – Schauspieler
Film, Bildende Kunst, Literatur, Lyrik und Prosa, › Franz Haas – Maler
Gedichte oder Lieder – das Weinviertel findet sich › Adolf Frohner – Maler
› Leopold Hawelka – Cafetier & Legende
in vielen Arbeiten „seiner“ Künstler wieder.
› Gottfried Helnwein – Maler
› Renate Holm – Opernsängerin
Querdenken ist ansteckend › Alfred Komarek – Schriftsteller
› Martin Neid – Autor
Die Weinviertler sind durchaus als Experten › Hermann Nitsch – Künstler
des Langmutes zu bezeichnen. Wer sich den › Eva Rossmann – Autorin
wichtigen Themen der Welt widmen möchte, › Jimmy SCHLAGER – Texter, Musiker
› Peter Turrini – Schriftsteller
sei hier herzlich eingeladen, sich Zeit zu neh-
men und den einen oder anderen Tag in einem und viele andere mehr …
Weinviertler Wirtshaus oder in einem Wein-
17R
D as Weinviertel weist im Vergleich zu
manch anderen Landschaften Österreichs
eine dichte ur- und frühgeschichtliche Besied-
lung auf. Ursachen dafür sind die günstigen
klimatischen Verhältnisse und die Beschaffen-
heit der Böden. Dieses Land zwischen Thaya
und Donau, March und Manhartsberg liegt im
Kreuzungsbereich der Bernsteinstraße und des
Donauweges und war durch Handel, aber auch
durch Kriegszüge beeinflusst.
Frühe menschliche Spuren finden sich etwa in
Regenten
Großweikersdorf und Stillfried. Nach dem Aus-
sterben der Babenberger in männlicher Linie
wurde Österreich zum Zankapfel europäischer
Ritterfest Jedenspeigen © RutH Trinkler
Dynastien, die um die Regentschaft in diesem
Die Habsburger waren’s ... begehrten Landstrich buhlten und das Land
mit Kämpfen und Schlachten überzogen. Die
wohl bedeutendste davon war die Schlacht bei
Dürnkrut und Jedenspeigen (1278), in der Ru-
Ritterfest in Dürnkrut dolf I. von Habsburg den Böhmenkönig Ottokar
II. Přemysl besiegte und so auch das Weinvier-
und Jedenspeigen
tel unter Habsburgische Herrschaft brachte.
Tradition und Geschichte als Event
Die Heirat brachte
Im August veranstalten die Orte Jedenspei-
gen und Dürnkrut ein Fest zum Gedenken
(damals noch) den Frieden
an die Schlacht zwischen Ottokar II. Přemysl
und Rudolf I. von Habsburg. Unter den Habsburgern wurde es im Weinvier-
Im Rahmen eines Ritterfestes finden Tur- tel nicht unbedingt friedlicher, denn das Adels-
nierkämpfe und Schlachten in historischen geschlecht der Luxemburger gab in Böhmen
Kostümen statt. Von alter Handwerkskunst und Mähren die politische Linie vor. Erst als
bis zu kulinarischen und gesellschaftlichen durch Beharrungsvermögen und Heiratsver-
Traditionen lässt sich im bunten Treiben der
träge das Erbe der Luxemburger auch auf die
Aussteller das Mittelalter neu erleben.
Habsburger überging, wurde das Weinviertel
3 www.ritter-jedenspeigen.at ein Kernland des sich entwickelnden Habsbur-
gerbesitzes. p
18Bäcker bei der Arbeit © Philipp Stoiber
Sauerteig S
zugt zur Herstellung von Roggenbrot und Rog-
was scheinbar verdorben,
genmischbrot verwendet. Für Weizenteige wird
bringt erst den Geschmack
meist Hefe als Triebmittel genommen. Diese
lässt den Teig mittels Kohlensäure aufgehen, die
S echs Getreidearten waren es, die den Men-
schen hauptsächlich ernährt haben: Hirse,
Hafer, Gerste, Reis, Weizen und Roggen.
durch die Vergärung des Zuckes entsteht. p
Weinviertel-Brot
Der Zufall führte Regie
Anlässlich der Niederösterreichischen Lan-
Vor ca. 5.000 Jahren begannen die Menschen desausstellung 2013 wurde das „Weinviertel
Brot zu backen. Durch Zufall entstand der Sau- Brot“ zum essbaren Botschafter der Genuss-
erteig. Ein liegengelassenes Stück Teig für die region Weinviertel.
Das Brot ist mit 1,5 kg ein gewichtiger Ver-
Weinviertel Brot © Leader Region Weinviertel Ost / Foto Semrad
Fladenbrotherstellung war in Gärung überge-
treter der Region und durch die quadrati-
gangen und wurde trotzdem gebacken. Das
sche Form sowie den inte-
Gebackene war nicht verdorben, sondern von grierten Brotstempel leicht
innen her durch viele kleine Gasbläschen porig zu erkennen. Je größer das
aufgelockert und daher besser kaufähig. Brot, desto saftiger bleibt
Bis heute ist Sauerteig im Wesentlichen ein es. Außerdem ist es durch
Roggenmehlteig, der hauptsächlich essig- und die Form das einzige Brot
milchsäurebildende Bakterien (Säurebakteri- mit vier „Scherzln“.
en) sowie Sauerteighefe enthält, wobei sich als
3 www.weinviertelbrot.at
Stoffwechselprodukte Kohlendioxyd (CO2) und
Gärungssäuren bilden. Sauerteig wird bevor-
19U
Tischgebet Umgangssprache
Stilvoller Tisch © Weinviertel Tourismus GmbH / Lois Lammerhuber
Kellergassenführung © Weinviertel Tourismus GmbH / Michael Himml
Das Weinviertler tischgebet Muida, da Bui haut d’kui
bis a(u)f’s Bluid
W as aufgesetzt wird auf den Tisch, das
segne uns, Herr Jesus Christ. Speis uns,
o Herr, mit deinem Wort, auf dass wir satt wer-
D ie im Weinviertel meist noch von den Äl-
teren gesprochene UI-Mundart ist leider
im Aussterben begriffen. Sie ist noch vereinzelt
den hier und dort. O lieber Herr, Du wollest uns in Südmähren und im Burgenland zu finden.
geben, nach dieser Welt das ewige Leben. Amen. Bezeichnet wird sie deshalb so, weil das mittel-
hochdeutsche lange „u“ durch ein „ui“ ersetzt
Das Weinviertler Tischgebet ist offizieller Bot- und so wiedergegeben wird. Aus der „Glut“
schafter der Niederösterreichischen Landesaus- wird so die „Gluit“. Um die Mitte des 19. Jahr-
stellung 2013 – und der Prolog für ein wohl- hunderts wurde dieser Dialekt auch von den
verdientes Mahl. Es ist Dank für die Gaben einfachen Leuten in Wien gesprochen. In der
der Natur, mit denen das Weinviertel so bäuerlichen Mundart gewinnt das Hochdeut-
reichlich gesegnet ist. Die erste schriftliche sche erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ei-
Überlieferung des Weinviertler Tischge- nigen Einfluss. Um 1920 sprachen noch etwa
bets stammt aus dem Jahr 1785. Aus den 5 Millionen Menschen die UI-Mundart. Im Lau-
zahlreichen Aufzeichnungen geht hervor, fe des letzten Jahrhunderts wurde sie auf Grund
dass das Weinviertler Tischgebet sowohl des Auspendelns aus der Region stark von der
gesprochen als auch gesungen wird. Da- „Wiener Verkehrssprache“ abgelöst. p
mit prägt das Weinviertler Tischgebet
seit Jahrhunderten das religiöse Leben
der Menschen der Region. p LeseTipp
Michael Staribacher:
„Weinviertler Dialektlexikon“
T
Band 1 & Band 2.
Verlag Günther Hofer
© http://goestl.globl.net/Design/f. d. l. v.:
Knittelfelder/Bildungshaus Großrußbach
20Foto: Bildtitel © Max Mustermann
Volkskultur
Kulturorganisation
und Management
D ie KULTUR.REGION.NIEDERÖSTERREICH
GmbH bildet ein Netzwerk aus Institu-
tionen und Personen, die im Kulturbereich
tätig sind. Mit den Teilbereichen Volkskultur,
Musikschulmanagement und Museumsdorf
Volkstanzgruppe © Christian fichtinger
Niedersulz werden die strukturellen Voraus-
setzungen für ein professionelles Kulturma- Aufgaben & Zielsetzungen der
nagement in ganz Niederösterreich geschaffen. Volkskultur Niederösterreich
Museumsdorf Niedersulz › Geschäftsbesorgung für das Land NÖ
in den Bereichen Museums- und
Das Weinviertler Museumsdorf Niedersulz Volkskulturförderung
ist die zentrale museale Institution im Wein- › Abwicklung der Musikschulförderung auf
viertel. Einmalig ist die Idee des Gründers, Grundlage des NÖ Musikschulgesetzes
2000 sowie verschiedener Aufgaben in
mit der Schaffung eines dörflichen Ensembles
den Bereichen Musikausübung und
zur Abbildung der anonymen Architektur des
Musikvermittlung
Weinviertels auch das zugehörige Inventar zu › Organisation und Durchführung
erhalten, das eine Vielfalt von formalen Details landesweiter Großveranstaltungen
zeigt. Als Freilichtmuseum sammelt, bewahrt, › Umfangreiches Beratungs- und Service-
erforscht, präsentiert und vermittelt das Wein- angebot in allen volkskulturellen Belangen
viertler Museumsdorf: › Organisation von Veranstaltungen
› Baukultur und Sachzeugnisse in ihren und Schulungen
jeweiligen kulturellen, wirtschaftlichen › Führung des NÖ Volksliedarchivs
in St. Pölten
und gesellschaftlichen Zusammenhängen,
› Herausgabe zahlreicher Publikationen
› geistige Zeugnisse (die teilweise zum
und Tonträger
immateriellen Kulturerbe gehören) sowie › Durchführung von Projekten mit Partnern
› ökologischen Grünraum und historische aus dem Kreis der Mitglieder – seien dies
Gärten ab dem späten 18. Jahrhundert nun Gruppen oder Vereine, Kulturinitiati-
(mit Schwerpunkt auf dem 19. Jh.) p ven, Einzelpersonen, Unternehmen,
Gemeinden oder Schulen
V
3 www.volkskulturnoe.at
3 www.museumsdorf.at
21W Hiatahüttn – Hüter des edlen Schatzes
Reife Trauben in saftigen Weinbergen waren
oft begehrtes Ziel von Traubendieben. Um den
Lohn der intensiven Arbeit zu schützen, ver-
brachten die „Hiatamauna“ Tage und Nächte
Weinberge
in den Weinbergen. Als Behausung diente eine
karge „Hiatahüttn“, von der aus die – zum Teil
auch bewaffneten – Hiata durch die Weinberge
patrouillierten, um Dieben das Leben schwer
Hiatahüttn © Leader Region Weinviertel Ost / Christine Friedl
VON DER STOCKKULTUR zu machen. p
ZUR HOCHKULTUR
D ie Weinstöcke des Weinviertels wurden Rebsorten im Weinviertel
über viele Jahrhunderte als Stockkulturen
gezogen. Dabei wurde neben dem „Setzling“ – sortiert nach Anbaumenge
also der Rebpflanze – ein Stock eingeschlagen,
WeiSSweine Rotweine
an dem die Pflanze emporwachsen konnte. In
Grüner Veltliner Blauer Portugieser
den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ent- Welschriesling Zweigelt
wickelte der Wachauer Winzer und Önologe Müller Thurgau Blauburger
Lenz Moser die „Hochkultur“ und revolutio- Weißburgunder/ Gemischter Satz
nierte so den Weinbau. Er pflanzte die Reben Chardonnay Pinot Noir
mit einem Reihenabstand von 3 bis 3,5 Me- Riesling St. Laurent
tern und reduzierte die Anzahl der Rebstöcke Gemischter Satz Cabernet Sauvignon
Frühroter Veltliner Roesler
auf rund 3000 Reben pro Hektar. Der einzelne
Jubiläumsrebe Merlot
Weinstock hat somit drei bis vier Quadratmeter
Roter Veltliner Blaufränkisch
Platz, erhält mehr Sonnenlicht und wird besser
Neuburger Syrah
durchlüftet. Es werden Stammhöhen von 1,2 Rotgipfler Cabernet Franc
bis 1,4 Metern erreicht. Für die Triebe werden Scheurebe/Sämling 88
auf einem Unterstützungsgerüst mehrere Dräh- Traminer
te gespannt, sodass Stockpflegearbeiten nun Muskat-Ottonel
wesentlich leichter und in angenehmer Arbeits- Sauvignon-Blanc
höhe erledigt werden können. Außerdem bietet Goldburger
Grauer Burgunder
die Hochkultur zwischen den Reihen ausrei-
Muskateller
chend Platz für Zuggeräte. Mit ihrer regelmäßi-
Bouvier
gen Zeilenstruktur prägen die Weinstockreihen Sylvaner
der Hochkultur seither das Landschaftsbild der Zierfandler (Spätrot)
Weinberge des Weinviertels.
22geblieben ist.
Im Weinviertel gibt es natürlich noch vieles, was bis jetzt unerwähnt
Hier haben Sie die Möglichkeit, Weinviertler Begriffe für sich selbst
etwaige zukünftige Weinviertel-ABC-Bände festzuhalten.
oder für
XY
Senden Sie uns Ihre Ideen & Vorschläge: leader@weinviertelost.at
Hintergrund-Foto: Reife Weintraube © Christne wurnig
www.istock.com
23Z Zum Weiterlesen
Manfred Buchinger & wolfgang Krammer & Hans Traxler: Ferdinand altmann:
Wolfgang Galler: johannes Rieder: „Nur ka Wasser net. „A Gulasch und a Bier.
„Weinviertel Kochbuch. „Weinviertler Kellergassen Zur Geschichte von Weinbau und Von Wirtshäusern, Wirtsleuten
Mehr als Brot & Wein“ – Unsterblicher Kulturschatz“ Weingenuss im östlichen Weinviertel“ und deren Gästen im Weinviertel“
Metroverlag Edition Winkler-Hermaden Edition Winkler-Hermaden Edition Winkler-Hermaden
Christian Jostmann: Eva Rossmann & Reinhard Mandl & Freya Martin:
„Die Brünner Straße – eine Manfred buchinger: Thomas Hofmann: „Das etwas andere Weinviertel“
Gechichte des Verkehrsweges „Auf ins Weinviertel: Verborgenes. „Weinviertel – Land und Leute“ Styria Regional
von Wien nach Brünn in Bildern“ Kulinarisches. Skurriles Hubert Krenn Verlag
Edition Winkler-Hermaden – 55 Reiseverführungen“
Folio Verlag
Martin Neid: Martin Neid: Richard Edl: Maria Heinrich, Thomas
„Na ja ... und andere „Alles vorbei? „Östliches Weinviertel Hofmann & Reinhard roetzel:
Weinviertler Seufzer“ Geschichten von Hintaus“ – Alltag im Dorf“ „Geologie & Weinviertel“
Edition Winkler-Hermaden Verlag Günther Hofer Sutton Verlag Herausgeber:
Geologische Bundesanstalt
IMPRESSUM
Herausgeber: LEADER Region Weinviertel Ost, 2225 Zistersdorf, Hauptstraße 31
ZVR 220134510, Geschäftsführer: DI Johannes Wolf
Redaktion: DI Johannes Wolf (LEADER Region Weinviertel Ost), Marlene Bugl (LEADER Region Weinviertel Ost),
Christine Friedl (Regionale Vorbereitung, Weinviertel Tourismus GmbH), Jimmy Schlager (Texter, Musiker)
GrafikDesign: luisehofer.net | Druck: Riedeldruck Auersthal, Stand: Dezember 2013
Titelbild: In der grünen Wiese, MICHAEL HIMML | Bilder: Seite 15 & Seite 22 (Zeichnungen), Tafel-Foto: www.istock.com Eine Initiative der
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