Der energiepolitische Trumpf der Schweiz - Bulletin.ch

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Der energiepolitische Trumpf der Schweiz - Bulletin.ch
WA S S E R K R A F T | D O S S I E R

                       Der energiepolitische
                       Trumpf der Schweiz
                       Schlüsseltechnologie | Schweizer Wasserkraft ist die zentrale Energiequelle zur
                       Umsetzung der Energiestrategie 2050. Allerdings steht sie vor grossen wirtschaftli-
                       chen, ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Diese müssen
                       gesamtheitlich, also inklusive der Heimfallthematik, angegangen werden. Nur so
                       kann die Schweiz diesen energiepolitischen Trumpf erfolgreich ausspielen.

                       M I C H E L P I OT

                       W
                                   asserkraft ist seit Anbeginn   gemäss neuestem Monitoringbericht        Wirtschaftlichkeit
                                   der Nutzung von Strom die      des BFE [1] der jährliche Nettozuwachs   Die Wirtschaftlichkeit der Wasserkraft
                                   wichtigste Produktions-        bis 2035 durchschnittlich 83 GWh         misst sich als Differenz zwischen den
                       technologie in der Schweiz. Heute trägt    betragen. Da aber gleichzeitig gemäss    Erlösen und den Kosten. Die Kosten-
                       sie auf Jahresbasis knapp 60 % zur Lan-    aktuellstem Bericht des BFE zum Was-     seite lässt sich aufteilen in Kapitalkos-
                       deserzeugung bei; im Winter waren es       serkraftpotenzial der Schweiz [2] eine   ten, Abgaben und Betriebskosten
                       in den vergangenen Jahren stets über       Produktionseinbusse durch Restwas-       (Bild 2 links); die Erlösseite setzt sich
                       50 %. Das Energiegesetz sieht zudem        serbestimmungen von 1,9 TWh bis          einerseits überwiegend aus Einnah-
                       eine Steigerung der erwarteten Pro-        2050 unterstellt wird, erhöht sich der   men aus dem Strommarkt und ander-
                       duktion aus Wasserkraft vor und zwar       notwendige jährliche Zuwachs auf         seits aus Zusatzerlösen aus der Ver-
Bild: Joujou/pixelio

                       auf 37,4 TWh bis in das Jahr 2035 und      rund 140 GWh pro Jahr. Ein solch hoher   marktung von Systemdienstleistungen
                       gemäss Botschaft zur Energiestrate-        Wert wurde letztmals im Jahr 2010        und Herkunftsnachweisen sowie aus
                       gie 2050 auf 38,6 TWh im Jahr 2050.        durch den Neubau des Kraftwerks          dem Handel am Intraday-Markt
                       Um diese Ziele zu erreichen, müsste        Rheinfelden erreicht.                    zusammen. Mit den aktuell erwarteten

                                                                                                                                 bulletin.ch 2 / 2020      25
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                Politische Massnahmen                                     Gesetzliche Grundlagen                                   Politische Massnahmen
                – Pa. Iv. Rösti                                           – Energiegesetz                                          – Kostendeckende Einspeise-
                – Pa. Iv. Eder                                            – Stromversorgungsgesetz                                 – vergütung (KEV) (bis 2022)
                                                                          – Wasserrechtsgesetz                                     – Marktprämie (bis 2022)
                Exogene Einflüsse                                         – Gewässerschutzgesetz                                   – Investitionsbeiträge (bis 2031)
                – Klimaänderung                                           – Fischereigesetz
                                                                          – Natur- und Heimatschutzgesetz                          Kosten
                Ökologische Faktoren                                                                                               – Kapitalkosten
                – Ausgleichsmassnahmen                                                                                             – Abgaben (Wasserzins, Dividenden)
                – Restwasservorschriften                                      Konzessionserneuerungen                              – Steuern
                – Schwall & Sunk
                                                    Umwelt & Gesellschaft                                   Wirtschaftlichkeit
                – Sanierung Fischgängigkeit                                                                                        Erträge
                – Sanierung Geschiebehaushalt                                                                                      – Strompreise (CO2-Preise)
                                                                                                                                   – Weitere
                                                                                   Wasserkraft
                Gesellschaftliche Faktoren
                                                                                   – Erhalt
                – Akzeptanz                                                                                                        Berichte
                                                                                   – Erneuerungen
                – Zahlungsbereitschaft                                                                                             – SE (2017) Wirtschaftlichkeit
                                                                                   – Erweiterungen
                                                                                                                                   – Wasserkraft
                                                                                   – Neubauten
                Berichte                                                                                                           – SWV (2018) Ersatzinvestitionen
                – BFE (2019) Wasserkraftpotenzial     Heimfallstrategie                                     Eigentümerstrategie    – in die Schweizer Wasserkraft
                – der Schweiz                                                                                                      – VSE (2019) Abgaben auf
                – SWV (2018) Minderproduktion                                                                                      – der Wasserkraftnutzung
                – aus Restwasserbestimmungen
                – WSL (2019) Auswirkungen
                – Klimaänderung auf Wasserkraft
                                                                               Versorgungssicherheit

                Berichte                             Politische Massnahmen                  Politische Ziele                       Berichte
                – Wasserkraftstrategie Kt. Wallis    – Strategische Reserve                 Standort- und Industriepolitik         – SWV (2019) Wem gehört
                                                     – (in Bearbeitung)                                                            – die Schweizer Wasserkraft?
                                                                                            Dienstleistungen
                                                                                            – Energie
                                                     Berichte
                                                                                            – Leistung
                                                     – BFE (2017), ElCom (2018)
                                                                                            – Flexibilität
                                                     – System Adequacy
                                                     – BFE (2019) Monitoringbericht
                                                     – BFE Energieperspektiven 2060
                                                     – UREK-S Motion 18.3000/19.3004
                                                     – VAW (2019) Gletscherseen

            Bild 1 Übersicht über aktuelle Themen und Berichte der Wasserkraft.

            Strompreisen am Markt ergibt sich für             kosten weitgehend ausgeschöpft ist.                         heutigen Marktlogik deutlich näher-
            das Jahr 2020 ein Defizit von rund                Folglich kommt der Abgabenlast eine                         kommen würde.
            1 Rp./kWh (Bild 2 rechts). Dank der               besondere Bedeutung zu, weil die Staa-
            Marktprämie, die noch bis in das Jahr             ten sie autonom und frei festsetzen                         Umwelt und Gesellschaft
            2022 weiterläuft, können Wasserkraft-             können und die Abgaben das wirt-                            Die gesellschaftlichen Erwartungen
            produzenten, die dem Markt ausge-                 schaftliche Ergebnis und somit indi-                        an die Renaturierung der Gewässer
            setzt sind, bis zu maximal 1 Rp./kWh              rekt die Wettbewerbsfähigkeit zwi-                          sind in den letzten Jahrzehnten erheb-
            an ihre ungedeckten Gestehungskos-                schen den Ländern und den                                   lich gestiegen. Bereits in der ursprüng-
            ten zurückfordern. Für das Jahr 2018              Technologien beeinflussen. Damit                            lichen Fassung des Gewässerschutz-
            wurden 27 Kraftwerksgesellschaften                können Standortvorteile beziehungs-                         gesetzes vom 24. Januar 1991 wurde
            mit einer Produktion von 8,9 TWh mit              weise -nachteile geschaffen werden,                         die Sicherung angemessener Restwas-
            CHF 66 Mio. unterstützt, was die wirt-            was unmittelbare Auswirkungen auf                           sermengen geregelt. Während die vor-
            schaftlichen Auswirkungen der Markt-              die Investitionsbereitschaft in die                         gesehenen Sanierungen bei bestehen-
            verzerrungen lindert.                             Schweizer Wasserkraft hat. Ein Ver-                         den Konzessionen mit einiger
               Die Erlösmöglichkeiten am europäi-             gleich der gewinnunabhängigen Abga-                         Verzögerung inzwischen fast abge-
            schen Markt sind für alle Marktteilneh-           ben zeigt, dass die Schweizer Wasser-                       schlossen sind [3], stehen in den nächs-
            mer dieselben. Folglich kann die Wett-            kraftproduzenten in Europa, insbe-                          ten Jahren und Jahrzehnten die Kon-
            bewerbsfähigkeit der Schweizer                    sondere aufgrund der Wasserzinsen,                          zessionserneuerungen mit deutlich
            Wasserkraft a priori nur auf der Kosten-          mit Abstand der höchsten Abgabenlast                        höheren gesetzlichen Anforderungen
            seite gesteigert werden. Die Kapital-             unterliegen (Bild 3). Das Parlament hat                     an die Restwassermengen im Vorder-
            kosten unterliegen allerdings einem               im Herbst 2019 beschlossen, bis Ende                        grund. Die daraus resultierenden Pro-
            effizienten Finanzmarkt. Im Weiteren              2024 an der bisherigen Höhe festzuhal-                      duktionseinbussen fallen umso höher
            haben die Betreiber in der jüngeren               ten, obschon der Bundesrat in der Bot-                      aus, je strenger die ökologischen
                                                                                                                                                                        Bild: Michel Piot

            Vergangenheit erhebliche Kostensen-               schaft Handlungsbedarf erkannt und                          Anforderungen ausgelegt werden. Der
            kungsprogramme umgesetzt, sodass                  darauf hingewiesen hatte, dass eine                         SWV rechnet in Abhängigkeit der
            der Spielraum im Bereich der Betriebs-            Flexibilisierung der Wasserzinsen der                       betrachteten Szenarien mit Einbussen

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                                                                                                                                                     verträglichkeitsprüfung zu erstellen.
              8,0                                                                                                                                    Der dazu gehörige Umweltverträg-
                                                                                                                                                     lichkeitsbericht enthält alle Angaben,
              7,0                                                                                                                                    die zur Prüfung des Vorhabens nach
                                            Betriebs-                    Verlust                                                                     den Vorschriften über den Schutz
              6,0
                                             kosten                                                                                                  der Umwelt nötig sind. Dazu gehört
                                                                       Zusatzerlöse
              5,0                                                                                                                                    auch die Beschreibung des relevan-
                                                                                                                                                     ten Ausgangszustandes: Gestützt auf
  Rp./kWh

                                            Abgaben
              4,0                                                                                                                                    den Vergleich zwischen dem Zustand
                                                                                                                                                     vor und nach dem Vorhaben werden
              3,0                                                         Erlöse                                                                     die Umweltauswirkungen dargestellt
                                                                          Markt
                                                                                                                                                     und die Umweltschutzmassnahmen
              2,0
                                            Kapital-                                                                                                 geplant. Gemäss einer vor rund zehn
                                            kosten
                  1,0                                                                                              Bild 2 Aufteilung der             Jahren verschärften Vollzugspra-
                                                                                                                   Kosten (links) und                xis galt bisher als Ausgangszustand
              0,0                                                                                                  Erlöse (rechts) der               anlässlich der Konzessionserneuerung
                                                                                                                   Wasserkraft.[4]                   jener Zustand, der bestünde, wenn die
                                                                                                                                                     frühere Konzession nie erteilt und die
                                                                                                                                                     bestehende Anlage nie gebaut worden
                                                                                                                                                     wäre. Diese Regelung hat vor allem zu
                           Abgaben Laufwasserkraftwerke                                                    Abgaben Speicherkraftwerke
                                                                                                                                                     viel Planungs- und Rechtsunsicherhei-
            2,0                                                                              2,0
                                                                                                                                                     ten geführt. Mit der Parlamentarischen
                                                                                                                                                     Initiative «Ausbau der Wasserkraft zur
                                                                                                                                                     Stromerzeugung und Stromspeiche-
            1,5                                                                              1,5
                                                                                                                                                     rung. Anpassung der Umweltverträg-
                                                                                                                                                     lichkeitsprüfung», die am 20. Dezem-
  Rp./kWh

                                                                                   Rp./kWh

            1,0                                                                              1,0                                                     ber 2019 vom Parlament verabschiedet
                                                                                                                                                     wurde, wird neu im Wasserrechtsgesetz
                                                                                                                                                     präzisiert, dass als Ausgangszustand
            0,5                                                                              0,5                                                     der Zustand bei Gesucheinreichung
                                                                                                                                                     (Ist-Zustand) gilt, was insbesondere zu
                                                                                                                                                     Rechtssicherheit und dem Abbau von
            0,0                                                                              0,0                                                     Verfahrenshürden führt.
                                                                                                                                                        Schliesslich hat auch der Klimawan-
                        CH-VS

                                        F
                                             D-BY

                                                           I
                                                    D-BW

                                                               A
                                                                   N
                                                                        S

                                                                                                   CH-VS

                                                                                                                   F
                                                                                                                       D-BY

                                                                                                                                     I
                                                                                                                              D-BW

                                                                                                                                         A
                                                                                                                                             N
                                                                                                                                                 S
                                CH-GR

                                                                                                           CH-GR

                                                                                                                                                     del etliche Auswirkungen auf die Was-
                                                                                                                                                     serkraft.[7] Die Temperatur ist in der
                                        Kausalabgaben                   Grundsteuern                         übrige Abgaben                          Schweiz seit 1864 in allen Regionen
                                                                                                                                                     markant angestiegen. Die stärksten
Bild 3 Übersicht über die gewinnunabhängigen Abgaben in Europa. Abkürzungen: CH:                                                                     Zunahmen zeigen sich im Winter im
Schweiz, F: Frankreich, D: Deutschland, I: Italien, A: Österreich, N: Norwegen, S: Schwe-                                                            Mittelland sowie im Sommer in den
den, VS: Wallis, GR: Graubünden, BY: Bayern, BW: Baden-Württemberg.[5]                                                                               Alpen. Dieser Trend hat in den letz-
                                                                                                                                                     ten Jahrzehnten zu einem beschleu-
                                                                                                                                                     nigten Abschmelzen der Gletscher in
zwischen 2,3 und 6,4 TWh.[6] Wäh-                                                    handelt, sind der Betreiberin gemäss                            der Schweiz geführt.[8] So kann dem
rend der tiefere Wert dem «Weiter wie                                                Art. 34 Energiegesetz die vollständigen                         Massenverlust der Gletscher für den
bisher» entspricht – und deshalb in                                                  Kosten zurückzuerstatten. Dazu wer-                             Zeitraum 1980–2010 eine Produktion
ähnlicher Grössenordnung wie die                                                     den jährlich höchstens 0,1 Rp./kWh                              von 1,0–1,4 TWh pro Jahr zugeschrie-
Schätzung des Bundes liegt –, kann                                                   aus dem Netzzuschlagsfonds zur Ver-                             ben werden. Modellbasierte Projek-
eine strengere Auslegung rasch zu                                                    fügung gestellt.                                                tionen zeigen, dass diese Produktion
massiv höheren Werten führen.                                                          Mit der Inkraftsetzung des neuen                              für die Periode 2070–2090 auf etwa
  Am 11. Dezember 2009 hat das Par-                                                  Energiegesetzes per 1. Januar 2018                              0,4 TWh zurückgehen dürfte.[9]
lament Verschärfungen des Gesetzes                                                   erhält die Nutzung erneuerbarer Ener-                           Gleichzeitig ist einerseits mit einer
verabschiedet, welche die Verminde-                                                  gien den Status des nationalen Inte-                            Veränderung der Abflussverhältnisse
rung der Auswirkungen von Schwall-                                                   resses. Somit darf bei Projekten, die                           zu rechnen, hin zu einer Reduktion
Sunk, der Reaktivierung des Geschie-                                                 ein Objekt von nationaler Bedeutung                             der Sommer- und einer Erhöhung der
behaushaltes sowie die Wiederherstel-                                                tangieren, neu gemäss Natur- und                                Winterabflüsse, und anderseits mit
lung der Fischgängigkeit betreffen. So                                               Heimatschutzgesetz ein Abweichen                                einer Verstärkung der Niedrigwasser-
sollen sämtliche bestehenden Anlagen                                                 von der «ungeschmälerten Erhal-                                 situationen im Spätsommer als Folge
bis 31. Dezember 2030 saniert werden.                                                tung» in Erwägung gezogen werden.                               der Kombination von Niederschlag-
Da es sich um einen Eingriff in ein                                                  Für die Prüfung eines Vorhabens ist                             sarmut mit rasch abgeschlossener
bestehendes Sondernutzungsrecht                                                      in den meisten Fällen eine Umwelt-                              Schneeschmelze.

                                                                                                                                                                          bulletin.ch 2 / 2020      27
Der energiepolitische Trumpf der Schweiz - Bulletin.ch
D O S S I E R | WA S S E R K R A F T

               Angaben in GWh                                                     Beteiligung: 3078 GWh                                                                                  Kanton Zürich

                                                                                 Beteiligung > 1 GWh
                                                                                 1) Aarekraftwerk Klingnau   2) AKW                  3) ALK                       4) Axpo Kleinwasserkraft   5) Axpo Power
                           (0, 100]       (100, 500]      (500, 1000]            6) CKW
                                                                                 11) EM
                                                                                                             7) Cleuson-Dixence
                                                                                                             12) ERAG
                                                                                                                                     8) EKW
                                                                                                                                     13) EWA
                                                                                                                                                                  9) EKZ
                                                                                                                                                                  14) FM de la Borgne
                                                                                                                                                                                             10) ELIN
                                                                                                                                                                                             15) FMM
                                                                                 16) Grande Dixence          17) Hydro Surselva      18) KHR                      19) KLL                    20) KRA
                           (1000, 2000]   (2000, 5000]    (5000, 10000]          21) KRS                     22) KSL                 23) KVR                      24) KW Ackersand 1         25) KW Aegina
                                                                                 26) KW Bristen              27) KW Calancasca       28) KW Eglisau-Glattfelden   29) KW Fätschbach          30) KW Ferrera
                                                                                 31) KW Frisal               32) KW Göschenen        33) KW Gurtnellen            34) KW Löntsch             35) KW Reichenau
                                                                                 36) KW Rüchling             37) KW Russein          38) KW Sagenbach             39) KW Schaffhausen        40) KW Tasnan
                                                                                 41) KW Tschar               42) KWI                 43) KWM                      44) KWZ                    45) Misoxer KW
                                                                                 46) Ofible                  47) Ofima               48) Repower                  49) RKN                    50) RKR
                                                                                 51) RKS                     52) Steiner Energie

            Bild 4 Jahresproduktion (links) und Eigentum (rechts) von Wasserkraft des Kantons Zürich.[13]

            Versorgungssicherheit                          Berücksichtigung der bis 2031 gesetz-                                   schaftlichkeit, Umwelt und Gesellschaft
            Die Schweizer Wasserkraft leistet              lich festgelegten Investitionsbeiträge                                  sowie Versorgungssicherheit kreist das
            einen namhaften Beitrag an den Bedarf          des Bundes für Neubauten, erhebliche                                    Thema Heimfall (Bild 1). Damit ver-
            der Schweiz an Energie, Leistung und           Erweiterungen und Erneuerungen                                          bunden sind wirtschaftliche Fragen
            Flexibilität und trägt somit wesentlich        von Grosswasserkraftwerken. Des-                                        zum Restwert der Anlagen, umweltspe-
            zur Gewährleistung der Versorgungssi-          halb sorgt sich die Politik zu Recht                                    zifische Aspekte zur Rekonzessionie-
            cherheit bei. Für den Erhalt der beste-        über die Sicherung der Schweizer                                        rung sowie regionalpolitische Themen
            henden Anlagen und damit alleine für           Wasserkraft: die Motion 18.3000                                         rund um den eigentlichen Heimfall.
            die Sicherung dieser Qualitäten sind           beauftragt den Bundesrat, im Rah-                                          Entscheidend für die Zukunft der
            jährlich rund CHF 500 Mio. an Investi-         men der laufenden Revision des                                          Wasserkraft ist, dass die kommenden
            tionen notwendig.[10]                          StromVG Vorschläge zu unterbreiten,                                     Heimfälle beziehungsweise Konzessi-
               Nebst erhöhten Naturgefahren als            um Investitions- oder Reinvestitions-                                   onserneuerungen die bestehende Pro-
            Folge des Klimawandels eröffnen sich als       anreize für den langfristigen Erhalt                                    duktion nicht gefährden, Investitionen
            Chance auch neue technische Ausbau-            der Schweizer Wasserkraft zu schaf-                                     in Erneuerungen nicht bremsen und
            potenziale in Gletscherrückzugsgebie-          fen. Und gemäss der Motion 19.3004                                      die Wasserkraft nicht weiter verteuern.
            ten. Gemäss aktuellen Untersuchun-             soll der Bundesrat dem Parlament                                        Konzessionserneuerungen sind Ver-
            gen [11] könnten mit den zwanzig am            eine Marktordnung unterbreiten, wel-                                    handlungssache und im Einzelfall zu
            besten geeigneten Standorten zusätzlich        che die langfristige Versorgungssi-                                     regeln. Dass die Gemeinwesen an
            1,7 TWh pro Jahr produziert und das            cherheit durch eine angemessene                                         einem höheren Anteil an der direkten
            Speichervolumen der Reservoire um              Inlandproduktion gewährleistet.                                         Wertschöpfung mittels Beteiligung
            rund 1,5 TWh erhöht werden, was gegen-                                                                                 interessiert sind, ist nachvollziehbar
            über heute einer Steigerung um 20 % ent-       Heimfall                                                                und legitim. Allerdings gilt es nicht nur
            spräche und somit einen substanziellen         Die Kantone sind die grösste Eigentü-                                   allfällige Gewinne abzuschöpfen, son-
            Beitrag an die Erhöhung der saisonalen         mergruppe der Wasserkraft mit                                           dern auch die Risiken mitzutragen.
            Umlagerung leisten würde. Zusätzlich           18,5 TWh [13], wobei die Eigentümer-                                    Die anstehenden Heimfälle führen
            liessen sich mit Staumauererhöhungen           kantone und die Standortkantone nicht                                   aktuell zu einer zusätzlichen erhebli-
            zwischen 5 und 20 % weitere 1,7–2,8 TWh        notwendigerweise die gleichen sind,                                     chen Unsicherheit und schmälern
            vom Sommer in den Winter verlagern.            was in der politischen Debatte um die                                   damit die Bereitschaft der jetzigen
            [12] Zu guter Letzt liesse sich mit Wasser-    Partnerwerksbesteuerung und bei den                                     Betreiber, mehr als in die Betriebs-
            kraft auch das Flexibilitätsangebot wei-       Wasserzinsen von Bedeutung ist. So                                      tüchtigkeit der Anlagen zu investieren.
            ter erhöhen. So stehen mit dem Projekt         liegt die gesamte Wasserkraftproduk-
            Lago Bianco der Repower und Grimsel 3          tion im Kanton Zürich bei 590 GWh                                       Schlussfolgerungen und
            der KWO zwei weitere Pumpspeicher-             (Bild 4 links), während der Kanton                                      Ausblick
            kraftwerke zur Realisierung bereit.            Zürich als Eigentümer eine Wasser-                                      Bei der Wasserkraft handelt es sich um
               Allerdings zeigt sich, dass die Wirt-       kraftbeteiligung von 3080 GWh besitzt                                   eine Technologie, deren Gesamtener-
                                                                                                                                                                                                                Bild: Michel Piot

            schaftlichkeit von Projekten sogar             (Bild 4 rechts). Dies könnte sich im Ver-                               giebilanz gemäss SATW «herausra-
            unter einer längerfristigen Perspek-           laufe der nächsten 30 Jahre ändern,                                     gend» und «als wichtigster Pfeiler der
            tive nicht gegeben ist – auch unter            denn rund um die drei Kriterien Wirt-                                   schweizerischen Stromversorgung

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WA S S E R K R A F T | D O S S I E R

unbedingt zu erhalten» ist.[14] Die             Sinne eines Handelsgutes –, und damit
Möglichkeit, in hohem Masse Energie,            als energiepolitischer Trumpf der                               Der Heimfall
Leistung und Flexibilität bereitzustel-         Schweiz dienen.
len, verdeutlicht ihre Bedeutung in                                                                             Wasserkraftwerksgesellschaften
Bezug auf die Gewährleistung der Ver-           Referenzen
                                                                                                                bedürfen für die Verwertung des Was-
sorgungssicherheit. Damit kann sie als          [1] «Energiestrategie 2050 – Monitoring-Bericht 2019»,          sers zur Stromproduktion eines Son-
                                                     BFE, 2019.
Schlüsseltechnologie einen grossen              [2] «Wasserkraftpotenzial der Schweiz – Abschätzung
                                                                                                                dernutzungsrechts in Form einer Kon-
Beitrag zum Gelingen der Energie-                    des Ausbaupotenzials der Wasserkraftnutzung im             zession des verfügungsberechtigten
                                                     Rahmen der Energiestrategie 2050», BFE, 2019.
wende leisten.[15]                                                                                              Gemeinwesens. Dieses kann gemäss
                                                [3] «Restwassersanierung nach Art. 80ff GSchG: Stand
   Es darf aber nicht vergessen werden,              Ende 2018 und Entwicklung seit Ende 2016», BAFU,           Wasserrechtsgesetz für die Dauer von
dass der Bau, Erhalt und Betrieb von                 2019.                                                      maximal 80 Jahren vergeben werden
                                                [4] «Rentabilität der Schweizer Wasserkraft», Resultate
Wasserkraftwerken keine Selbstläufer                 einer Datenumfrage bei Betreibern von Schweizer            und soll dem Betreiber ermöglichen,
sind. Mit der losgetretenen Klimabe-                 Wasserkraftwerken im Auftrag der UREK-N, BFE, 2018.        die getätigten Investitionen wäh-
                                                [5] Michel Piot, «Abgaben auf der Wasserkraftnutzung»,
wegung sollten der Wasserkraft als kli-              Wasser Energie Luft 3/2019.                                rend dieser Periode zu amortisieren.
maschonendster Stromquelle zwar                 [6] Roger Pfammatter, Nadia Semadeni Wicki, «Energie-           Nach Ablauf der Konzession gehen
                                                     einbussen aus Restwasserbestimmungen – Stand und
gute Zeiten bevorstehen. Allerdings                  Ausblick», Wasser Energie Luft 3/2018.
                                                                                                                die Kraftwerke an das verleihende
zeigt sich, dass alleine mit der gesetzli-      [7] Tobias Wechsler, Manfred Stähli, «Climate change            Gemeinwesen über: die hydraulischen
                                                     impact on Swiss hydropower production», Synthesis
chen Verankerung von Richtwerten                     Report, 2019.
                                                                                                                Anlagen (sogenannte «nasse» Teile
und dem Unterzeichnen von Abkom-                [8] Matthias Huss et al., «Schnee, Gletscher und Perma-         wie Staumauer, Druckrohre, Turbinen)
                                                     frost 2017/18», Die Alpen 7/2019.
men noch nichts gewonnen ist. Für die                                                                           unentgeltlich, die elektromechani-
                                                [9] Bettina Schaefli et al., «The role of glacier retreat for
Wasserkraft sind regulatorische Rah-                 Swiss hydropower production», Renewable Energy             schen Komponenten (sogenannte
menbedingungen notwendig, die es                     132/2019.                                                  «trockene» Teile wie Generatoren
                                                [10] Michel Piot, «Ersatzinvestitionen in die Schweizer
einem Unternehmen unter Berücksich-                  Wasserkraft», Wasser Energie Luft 2/2018.                  und Leitsysteme) gegen eine «billige
tigung von Risikoaspekten erlauben, in          [11] Daniel Ehrbar et al., «Wasserkraftpotenzial in Glet-       Entschädigung». Dieser Vorgang
                                                     scherrückzugsgebieten der Schweiz», Wasser Energie
langlebige Infrastruktur zu investie-                Luft 4/2019.                                               wird als «Heimfall» bezeichnet und
ren, und es sind marktliche Instru-             [12] David Felix et al., «Ausbaupotenzial der bestehenden       der Konzessionär ist verpflichtet, die
                                                     Speicherseen der Schweiz», Wasser Energie Luft
mente zu schaffen, die die positiven                 1/2020 (noch nicht erschienen).
                                                                                                                Anlagen und Einrichtungen, an denen
Eigenschaften der Wasserkraft                   [13] Michel Piot, «Wem gehört die Schweizer Wasserkraft –       das Heimfallrecht besteht, in betriebs-
                                                     Methodik und Resultate», Wasser Energie Luft 1/2019.
honorieren. Nur eine langfristig inter-         [14] «Stromproduktion: Erneuerbare sind spitze», Studien-
                                                                                                                fähigem Zustand zu erhalten. Das
national wettbewerbsfähige Schweizer                 Kurzzusammenfassung, SATW, 2018.                           verfügungsberechtigte Gemeinwesen
Wasserkraft kann auf Dauer einen                [15] «Wasserkraft & Flexibilität – Der Beitrag der alpinen
                                                                                                                kann dann vollumfänglich über seine
                                                     Wasserkraft zum Gelingen der Energiewende», AGAW,
wichtigen Beitrag zur Gewährleistung                 2019.                                                      Wasserressourcen und die Anlagen
der Versorgungssicherheit leisten – im          Autor                                                           verfügen und die heimgefallenen
Sinne eines strategischen Gutes – und           Dr. Michel Piot ist Energiewirtschafter beim Schweizeri-        Werke selbst betreiben oder die Kon-
                                                schen Wasserwirtschaftsverband SWV.
einen volkswirtschaftlichen Nutzen              J SWV, 5401 Baden
                                                                                                                zession wieder neu verleihen.
durch Handel in Europa stiften – im             J michel.piot@swv.ch

 RÉSUMÉ
                L’atout de la Suisse en matière de politique énergétique
                Technologie clé

Pour mettre en œuvre la Stratégie énergétique 2050, l’hydrau-                    font pas tout seuls. Le mouvement pour le climat désormais
lique suisse est cruciale. Elle se trouve toutefois face à des défis             en marche devrait certes promettre des lendemains qui
économiques, écologiques et sociétaux de taille. Ceux-ci doivent                 chantent à l’hydraulique en tant que source de courant la plus
être abordés globalement, c’est-à-dire en traitant aussi la thé-                 respectueuse du climat. Il apparaît cependant que rien n’est
matique du retour des constructions. C’est le seul moyen pour                    encore gagné avec le simple ancrage dans la loi de valeurs de
la Suisse de jouer avec succès cet atout de politique énergétique.               référence et la signature d’accords. L’hydraulique a besoin de
   L’hydraulique est une technologie dont le bilan énergé-                       conditions-cadre régulatoires qui permettent à une entre-
tique global est excellent et dont le statut de pilier principal                 prise, en tenant compte de certains aspects liés aux risques,
de l’approvisionnement suisse en électricité doit absolu-                        d’investir dans une infrastructure qui durera longtemps, et il
ment être maintenu, selon la SATW. Sa capacité à mettre à                        faut créer des instruments de marché honorant les proprié-
disposition de grandes quantités d’énergie, de la puissance                      tés positives de l’hydraulique. Seule une hydraulique suisse
et de la flexibilité souligne son importance en vue de garan-                    concurrentielle à long terme à l’échelle internationale peut
tir la sécurité d’approvisionnement. Ainsi, l’hydraulique, en                    contribuer notablement à garantir la sécurité d’approvision-
tant que technologie clé, peut apporter une grande contri-                       nement sur la durée – au sens d’un bien stratégique – et en-
bution à la réussite de la transition énergétique.                               gendrer une utilité macroéconomique à travers le négoce en
   Il ne faut cependant pas oublier que la construction, le                      Europe – au sens d’une marchandise –, pour ainsi servir
maintien et l’exploitation de centrales hydrauliques ne se                       d’atout en matière de politique énergétique à la Suisse. MR

                                                                                                                                     bulletin.ch 2 / 2020      29
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