Diagnose der digitalen Gesellschaft Diagnosis of the digital society - Zukunft menschlich gestalten Shaping a Humane Future - Uni Siegen

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Diagnose der digitalen Gesellschaft Diagnosis of the digital society - Zukunft menschlich gestalten Shaping a Humane Future - Uni Siegen
Das Forschungsmagazin der Universität Siegen              01 / 19
                               University of Siegen Research Magazine

                                         Medien der Kooperation / Media of Cooperation

                                         Diagnose der
                                         digitalen Gesellschaft
                                         Diagnosis of
                                         the digital society

Zukunft menschlich gestalten
Shaping a Humane Future
Diagnose der digitalen Gesellschaft Diagnosis of the digital society - Zukunft menschlich gestalten Shaping a Humane Future - Uni Siegen
Editorial

»Veniet tempus quo ista
quae nunc latent in lucem                                                       Ein wissbegieriger Geist liegt in
dies extrahat et longioris                                                      der Natur des Menschen, das zeigt uns das Zitat von
                                                                                Seneca. Wissbegier ist der Motor für die gewissen­
                                                                                hafte Suche nach Neuem. Forscherinnen und Forscher

aeui diligentia.«                                                               der Universität Siegen stellen mit ihren vielfältigen
                                                                                Kompetenzen und ihrer intrinsischen Motivation ein
                                                                                außerordentlich reichhaltiges und kreatives Poten­
                                                                                                                                               Prof. Dr. Peter Haring Bolívar

                                                                                tial dar. Gemäß dem Leitmotiv unserer Universität
                                                                                »Zukunft menschlich gestalten« setzen sie sich für
                                                                                eine verantwortbare und verantwortungsvolle, nach­
                                                                                haltige Zukunft ein.
                                                                                                                                               An inquisitive mind lies in the
                                                                                Die Universität Siegen hat sich in den vergangenen             human nature, as Seneca’s quote shows us.
                                                                                Jahren beeindruckend entwickelt. Wir können mit                Curiosity is the motor for the conscientious
                                                                                Stolz auf Erreichtes zurückblicken und mit positiver           search for the new. Researchers at the Uni­­
                                                                                Erwartung in die Zukunft schauen. Diese kreative               versity of Siegen, with their wide-ranging
                                                                                Wirkungskraft, diese Begeisterung für die Suche nach           skills and intrinsic motivation, represent an
                                                                                Neuem, möchten wir mit Ihnen teilen. Unser neues               extra­ordinarily diverse and creative p
                                                                                                                                                                                     ­ otential.
                                                                                Forschungsmagazin future nimmt Sie deshalb mit                 According to the leitmotif of our univer­
»Die Zeit wird kommen, wenn durch                                               in die Welt der Forschung hier in Siegen, mit zu den           sity »Shaping a Humane Future«, they are
                                                Lucius Annaeus Seneca
lange Zeit der Gewissenhaftigkeit,              (4 a.C. – 65 d.C.),             Menschen an unserer Universität.                               committed to a responsible and sustainable
                                                Naturales quaestiones VII                                                                      future.
das, was sich nun verbirgt, an das Licht        wikimedia / Peter Paul Rubens   Ich freue mich, Ihnen die erste Ausgabe von future
                                                                                präsentieren zu dürfen. Sie widmet sich schwer­                The University of Siegen has developed impres­
des Tages hervorgebracht wird.«                                                 punktmäßig dem tradierten Exzellenzbereich der                 sively in recent years. We can look back with
                                                                                Medienwissenschaft an unserer Universität, der seit            pride on what we have achieved and into the
                                                                                der 1980er Jahre eine Inspiration für medienwis­               future with confident anticipation. We would
»The time will come when diligent research                                      senschaftliche Forschung auf internationaler Ebene             like to share this energy, this enthusiasm for
                                                                                darstellt.                                                     research, with you. Our new research maga­
over long periods of time will bring to light                                                                                                  zine future takes you into the world of research
things which now lie hidden.«                                                                                                                  here in Siegen, to the people at our u
                                                                                                                                                                                    ­ niversity.

                                                                                                                                               I am delighted to be able to present the first
                                                                                                                                               issue of future to you. It focuses on the tradi­
                                                                                Ihr / Yours                                                    tional field of excellence of media science at
                                                                                Prof. Dr. Peter Haring Bolívar                                 our university, which has been an inspiration
                                                                                Prorektor Forschung und wiss. Nachwuchs                        for media science research on an international
                                                                                Vicerector for Research and Young Scientists
                                                                                                                                               level since the 1980s.

                                                                                                                                                                                                   03
Diagnose der digitalen Gesellschaft Diagnosis of the digital society - Zukunft menschlich gestalten Shaping a Humane Future - Uni Siegen
Inhalt / Contents                                                                                                                   Inhalt / Contents

                                           Medien der Kooperation / Media of Cooperation
                                                                                                                                                                                         32               Und sie wissen doch, was sie tun
                                                                                                                                                                                                          They do indeed know what
                                                       04          Diagnose der digitalen
                                                                   Gesellschaft
                                                                                                                                                                                                          they are doing
                                                                                                                                                                                                          Sind junge Menschen wirklich Digital ­Natives?
                                                                                                                                                                                                          Wie gut sind ihnen die Gefahren der digitalen Welt
                                                                                                                                                                                                          bekannt? Are young ­people really digital natives?
                                                                   Diagnosis of the digital society                                                                                                       What is their degree of awareness of the dangers of
                                                                   Wie hat sich unsere Gesellschaft durch                                                                                                 the digital world?
                                                                   digital vernetzte Medien verändert?                                                                                                    Foto / Photo unsplash / Jay Wennington
                                                                   How has our society changed through
                                                                   digitally networked media?

                                                                   12   »Medien waren schon
                                                                        immer sozial«                                                                                                                     38
                                                                        »Media have always                                           Nach Facebook – was jetzt?
                                                                        been social«
                                                                                                                                     After Facebook – what’s next?
                                                                                                                                     Gastkommentator Geert Lovink sammelt
                                                                                                                                     an seinem Institut Erfahrungen mit alternativen

              Wenn die Oma gleichzeitig
                                                                  18                                                                 sozialen Medien. Guest author Geert Lovink
                                                                                                                                     gathers experiences with alternative social media
                                                                                                                                     at his institute.
              da und nicht da ist                                                                                                    Foto / Photo unsplash / Chien Nguyen Minh

              When grandma is here and
              not here at the same time
              ForscherInnen untersuchen, welche Rolle
              Smartphones in Familien mit kleinen Kindern
              spielen. Researchers are investigating the role                                                             Aus den Fakultäten / From the Schools
              of smartphones in families with small children.
                                                                                                                          40   Meine Doktorarbeit in einem Tweet                 54   3 Fragen an …                                      68        Unsere Start-Ups Our Start-Ups
              Foto / Photo Dr. Bina Mohn
                                                                                                                               My PhD in a Tweet                                      Prof. Dr. ­Torsten ­Leutbecher
                                                                                                                                                                                      3 questions for …                                            Gestern Uni, heute
                                                                                                                               Yes we scan? Wer kontrolliert                          Prof. Dr. Torsten Leutbecher                                 ­Weltmarktführer
                                                                                                                               die Wächter der Daten?

                                                        24
                                                                                                                                                                                      Wie sicher sind unsere Brücken                                Yesterday uni, today world
                                                                                                                               Yes we scan? Who watches the                                                                                         ­market leader
                                                                                                                                                                                      in Deutschland?
                                                                   Die App zeigt, wo es kneift                                 data watchmen?
                                                                                                                                                                                      How safe are our bridges                           74        Faktencheck Fact Check
                                                                   An app which shows                                     42   Universität und Gesellschaft
                                                                                                                               University and Society
                                                                                                                                                                                      in Germany?
                                                                                                                                                                                                                                                   Stimmt es wirklich, dass …?
                                                                   where it hurts                                              Der Wundverband wird digital
                                                                                                                                                                                 56   Streitgespräch Pro and Contra                                Is it really true, that …?

                                                                   WissenschaftlerInnen und ÄrztInnen entwickeln               Wound dressings go digital                             Wenn Maschinen helfen sollen
                                                                   eine App, um Arbeitsabläufe im K   ­ rankenhaus                                                                    When machines are supposed
                                                                                                                          48   Universität und Gesellschaft                           to help                                                      76   Zahlen und Fakten
                                                                   zu erleichtern. Scientists and doctors are                  University and Society                                                                                                   Facts and Figures
                                                                   ­developing an app to facilitate hospital workflows.                                                          62   Universität und Wirtschaft
                                                                                                                               Neue Schule, neuer Anfang! –                                                                                        79   Media Mentions
                                                                                                                                                                                      University and Business
                                                                                                                               neue Enttäuschung?
                                                                                                                               New school, new beginning! –                           Ein Stuhl zum Anziehen                                       80   AutorInnen
                                                                                                                                                                                      A chair to wear                                                   Authors
                                                                                                                               new disappointment?
                                                                                                                                                                                                                                                   81   Impressum
                                                                                                                                                                                                                                                        Imprint

04   future                                                                                                                                                                                                                                                                         05
Diagnose der digitalen Gesellschaft Diagnosis of the digital society - Zukunft menschlich gestalten Shaping a Humane Future - Uni Siegen
Themenschwerpunkt / Medien der Kooperation

              Diagnose                             der ­digitalen
                                           Gesellschaft
                                           Diagnosis of the digital society                                                        R Page 09

                                            AutorInnen / Authors Tanja Hoffmann & Tobias Treude   Fotos / Photos Dirk Manderbach

              Foto / Photo iStock.com / PaulPaladin
06   future                                                                                                                                    07
Diagnose der digitalen Gesellschaft Diagnosis of the digital society - Zukunft menschlich gestalten Shaping a Humane Future - Uni Siegen
Themenschwerpunkt / Medien der Kooperation                                                                                                Themenschwerpunkt / Medien der Kooperation
DE                                                                                                                                                                                                                                                                           EN

                                                                                                                                                        »Es gibt im Internet keine Hierarchiefreiheit.«
                                                                                                                                                        »There is no freedom from hierarchies on the Internet.«
                                                                                                                                                        Prof. Dr. Tristan Thielmann
        Wie hat sich unsere Gesellschaft durch digital vernetzte Medien
        verändert? Und wie lassen sich aktuelle Phänomene der digi­
        talen Gesellschaft medientheoretisch erklären? Das untersuchen
        die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Siegener
        Sonderforschungsbereich »Medien der Kooperation«. Sie gehen
                                                                                                                                              Weg von großen Einzelmedien,
        dabei davon aus, dass viele Praktiken unserer digitalen Zeit                                                                          hin zu sozialen Medien
        gar nicht so neu sind, wie sie zunächst scheinen.                                                                                                                                                     Hintergrund zum SFB
                                                                                                                                              Die Medienpraktiken – also unseren alltäglichen
                                                                                                                                              Umgang mit Medien – möglichst detailliert zu erfor­
                                                                                                                                                                                                              »Medien der Kooperation«
                                                                                                                                              schen, darum geht es den WissenschaftlerInnen am SFB            • Sonderforschungsbereich 1187 der Deutschen
                                                                                                                                              »Medien der Kooperation«. Sie gehen dabei von einem               ­Forschungsgemeinschaft
                                                                                                                                              infrastrukturell gefassten Medienbegriff aus, erklärt           • Laufzeit der ersten Phase von 2016 bis 2019,

                                       Als Forschende                     der Universität Siegen
                                                                                                                                              Nachwuchsgruppenleiter Dr. Sebastian ­Gießmann:
                                                                                                                                              »Was Medien sind, hat sich in den letzten 15 bis
                                                                                                                                                                                                                 ­Gesamtdauer bis zu zwölf Jahre
                                                                                                                                                                                                              • 14 Projekte in drei Projektbereichen:
                                       erstmals im Rahmen eines Sonderforschungsbereiches                                                     20 Jahren radikal verändert. Wir sprechen eigentlich                ­Infrastrukturen, Öffentlichkeit, Praxistheorie
                                       (SFB) das Thema »Bildschirmmedien« erörterten,                                                         nicht mehr von Massenmedien, weil es die klassische             • Mehr als 60 WissenschaftlerInnen
                                       ­feierte der spätere Facebook-Gründer Mark Zucker­                                                     Adressierung einer massenmedialen Instanz an ein                • Interdisziplinär: Medienwissenschaft, ­Ethnologie,
                                        berg gerade seinen zweiten Geburtstag. In der Alten                                                   großes, nationales Publikum so nicht mehr gibt.« Die                 Soziologie, Philosophie, ­Germanistik, Informatik
                                        Oper in Frankfurt stellte Frank Elstner den Amiga                                                     Nutzungsgewohnheiten hätten sich mit der Verbrei­                    und Medizin sowie Geschichts-, Erziehungs-, ­
                                        1000 vor – inklusive »Rollkugel-Eingabegerät«, heu­                                                   tung des Internets massiv geändert. Die Entwicklung                  Rechts- und ­Ingenieurswissenschaften ­kommen
                                        tigen PC-NutzerInnen als »Maus« bekannt. Gefühlt                                                      weg von großen Einzelmedien wie dem Fernsehen hin                    zusammen
                                        hat sich die Welt der Medien seit damals – 1986 – auf                                                 zu den sogenannten »sozialen Medien« werfe auch                 • Vorstand: M.A. Kathrin Englert, Prof. Dr. ­Carolin Gerlitz
                                        den Kopf gestellt. War man einst zur Kommunikation                                                    für die Wissenschaft neue Fragen auf, sagt Gießmann:                 (stellv. Sprecherin), Dr. Sebastian Gießmann,
                                        an ein Telefon mit Kabel und zur Abendunterhaltung                                                    »Wir möchten herausfinden: Was sind denn eigentlich                  Prof. Dr. Tristan Thielmann (Sprecher),
                                        an den Fernseher gebunden, so läuft beides längst                                                     die viel grundlegenderen Vermittlungsprozesse und                    Prof. Dr. Jutta Wiesemann
                                        selbstverständlich über das Smartphone. Über den                                                      Praktiken, die unsere heutigen Mediengesellschaften
                                        neuesten Serienhit wird parallel zum Stream auf Twit­                                                 erzeugen?«                                                      Background to the CRC
Dr. Sebastian Gießmann
                                        ter diskutiert, während in einer Foto-App noch schnell     Kontinuitäten auf. Haben wir unsere                                                                        »Media of Cooperation«
                                        das Bild für Instagram aufgehübscht wird. Doch ist         Urlaubsfotos früher noch entwickeln        Die Siegener MedienwissenschaftlerInnen richten den
ist Akademischer Rat am Medien­                                                                                                                                                                               • Collaborative Research Center 1187 of the
                                        diese Art mit Medien umzugehen, sind die digital ver­      lassen und anschließend mit Fotoecken      Blick dabei insbesondere auch auf Medien, die ihre
wissenschaftlichen Seminar der
                                        netzten Medien tatsächlich eine Besonderheit des           in ein Album geklebt, so archivieren wir   Disziplin lange Zeit eher vernachlässigt hat: Die so              German Research Foundation (DFG)
Universität Siegen und Leiter der
Werkstatt Praxistheorie am Sonder­      21. Jahrhunderts? Oder gab es Vergleichbares nicht         Bilder inzwischen meist digital auf dem    genannten »Arbeitsmedien«. Sie wurden und werden                • First phase of funding from 2016 to 2019,
forschungsbereich »Medien der           schon viel früher, weit über den Amiga 1000 hinaus?        Rechner. »Die Technik hat sich verän­      im professionellen Bereich zunächst für den Eigen­                total duration up to twelve years
Kooperation«. Als wissenschaftlicher                                                                                                                                                                          • 14 projects in three project sections:
                                        Solche und ähnliche Fragen ergründet an der Univer­        dert, aber die Idee dahinter ist immer     bedarf und meist für sehr spezielle Zwecke entwickelt.
Mitarbeiter beschäftigt er sich
                                        sität Siegen der 2016 gestartete Sonderforschungsbe­       noch dieselbe. Es geht darum, Bilder       So hat beispielsweise das World Wide Web als wich­                Infrastructures, Publics, Practice Theory
in einem der SFB-Forschungsprojekte
mit digital vernetzten Medien­          reich »Medien der Kooperation«.                            zu sortieren und als Erinnerung aufzu­     tigste Anwendung des Internets ihren Ursprung am                • More than 60 researchers
systemen, speziell mit der Medien­                                                                 bewahren«, erklärt Thielmann. Häufig       Kernforschungszentrum CERN: Die beteiligten inter­              • Interdisciplinary: Uniting media studies,
geschichte des digitalen Bezahlens.    Was wir mit Medien tun, hat sich nicht                      werde die Praktik, ein Fotoalbum zu        nationalen WissenschaftlerInnen benötigten ein welt­              anthropology, sociology, philosophy, German
is Senior Lecturer in the Media        so sehr verändert                                           erstellen, sogar mit digitalen Mitteln     weit verbundenes Informationssystem, um zusammen­                 ­language and literature studies, computer
Studies Department at the University                                                               »rückübersetzt«: »Mit wenigen Klicks       zuarbeiten und sich untereinander auszutauschen – in               science and medicine, as well as history,
of Siegen and Research Group Leader
                                       SFB-Sprecher Prof. Dr. Tristan Thielmann ist über­          lassen sich aus digitalen Bildern Alben    diesem Zusammenhang wurde die erste Website pro­                   ­education, jurisprudence and engineering
within the Collaborative Research
                                       zeugt: So groß wie er zunächst scheint, ist der Unter­      erstellen, die dann als gebundene Foto­    grammiert. Auch viele andere, heute weit verbreitete            • Executive board: Kathrin Englert M.A.,
Centre »Media of Cooperation«.
As scientific researcher, he contri­   schied zwischen den analogen und unseren heutigen           bücher gedruckt werden. Der Wunsch         digitale Medienpraktiken wurden ursprünglich von                    Prof. Dr. Carolin Gerlitz (deputy speaker),
butes to one of the CRC research                                                                                                                                                                                  Dr. Sebastian Gießmann, Prof. Dr. Tristan ­Thielmann
                                       digitalen Medien eigentlich gar nicht. Und auch die         nach einem »klassischen« Fotoalbum,        ProgrammiererInnen für den eigenen ­Austausch ent­
­projects dealing with digitally                                                                                                                                                                                  (speaker), Prof. Dr. Jutta Wiesemann
 networked media systems, looking
                                       Art und Weise, wie wir mit diesen Medien umgehen            in dem man blättern und das man ande­      wickelt – die E-Mail, das »Computer-­Aided Design«
 specifically at the media history     oder was wir mit ihnen tun – in der Wissenschaft als        ren zeigen kann, ist nach wie vor da«,     (CAD) oder das Weitergeben von Dateien via Filesha­             www.mediacoop.uni-siegen.de
 of digital payment methods.           »Medienpraktik« bezeichnet – weist erstaunliche             sagt Thielmann.                            ring sind nur einige Beispiele.                    p

08      future                                                                                                                                                                                                                                                               09
Diagnose der digitalen Gesellschaft Diagnosis of the digital society - Zukunft menschlich gestalten Shaping a Humane Future - Uni Siegen
Themenschwerpunkt / Medien der Kooperation                                                                       Main Topic / Media of Cooperation
DE                                                                                                                                                                                                                                                   EN

                                                                                                                             How has our society been changed
                                                                                                                             by digitally networked media?
                                                                                                                             And how can media theory help
                                                                                                                             to explain current phenomena
                                                                                                                             of the digital society? Those are
                                                                                                                             questions to which researchers
                Medien moderieren unser
              tägliches Miteinander                                                                                          are seeking answers through the
                                                                                                                             ­Siegen Collaborative Research         When researchers at the University of Siegen first
       Die mit solchen Entwicklungen bis heute verbun­                                                                                                              discussed the topic of »screen-based media« within the framework of
     denen Helden-Narrative, denen zufolge das WWW                                                                            Center »Media of Cooperation«.        a Collaborative Research Center (CRC), Facebook founder Mark Zuck­
     oder auch die E-Mail auf die geniale Idee eines ein­                                                                                                           erberg was just celebrating his second birthday. And at an event in the
     zelnen Erfinders zurückzuführen sind, seien falsch,
                                                                                                                              Their assumption is that many         Alte Oper in Frankfurt, TV presenter Frank Elstner had just unveiled the
     erklärt SFB-Sprecher Thielmann: »Medien entstehen                                                                        practices typical for the d
                                                                                                                                                        ­ igital    Amiga 1000 – together with a »rolling-ball input device«, better known
     immer gemeinschaftlich, eine Gruppe von Akteuren                                                                                                               to today’s PC users as a »mouse«. It seems that the world of media has
     entwickelt sie und richtet sie für ihre Interessen und                                                                   age are not actually as new           been turned upside-down since those days in 1986. Where communica­
     Zwecke ein.« MedienwissenschaftlerInnen sprechen                                                                         as they may seem at first sight.      tion was once bound to a telephone with a cable, and evening entertain­
     daher davon, dass Medien »kooperativ verfertigt«                                                                                                               ment to a television set, both have long since become standard functions
     sind. Gleichzeitig seien Medien ihrerseits Werkzeuge,                                                                                                          of a smartphone. The latest hit series is discussed in real time in a parallel
     die zwischenmenschliche Kooperation ermöglichen,                                                                                                               Twitter stream, while at the same time a screenshot is being touched up
     betont Thielmann: »Medien sind Kooperationsbedin­                                                                                                              for Instagram in a photo app. But is the way we handle media, and by
     gungen: Sie moderieren und organisieren unser täg­                                                                                                             extension the nature of digitally networked media, really specific to the
     liches Miteinander. Wenn es darum geht, dass unter­                                                                                                            21st century? Or is there evidence that comparable phenomena have
     schiedliche Akteure mit unterschiedlichen Hinter­                                                                                                              already existed for much longer, even well before the Amiga 1000? These
     gründen miteinander kooperieren müssen, dann rückt                                                                                                             and similar questions are being addressed by the Collaborative Research
     ganz häufig ein Medium in den Mittelpunkt, um diese                                                                                                            Center »Media of Cooperation«, which was established at the University
     Kooperation zu ermöglichen.«                                                                                                                                   of Siegen in 2016.
                                                                Digitale Medien und die Art und Weise, wie sie öffent­
     Auch das heutige Milliarden-Netzwerk Facebook              lich wahrgenommen werden, entwickeln sich generell                                                  The things we do with media
     entstand zunächst kooperativ: Es wurde in Harvard          ebenso dynamisch wie widersprüchlich – Facebook ist                                                 have not really changed
     als webbasierte Version der offiziellen, gedruckten        dafür nur ein Beispiel. Ein bewegliches Forschungs­
     Jahrbücher entwickelt und basierte auf dem Commu­          design zu entwickeln, um aktuelle Phänomene aller                                                   CRC speaker Prof. Dr. Tristan Thielmann is convinced: The differences
     nity-Charakter amerikanischer Eliteuniversitäten. Für      Unwägbarkeiten zum Trotz untersuchen und erklä­                                                     between our modern digital media and their analog predecessors are not
     Medienforscher Sebastian Gießmann ist Facebook             ren zu können, ist Ziel des Sonderforschungsbereichs                                                actually as great as they first appear. And the way in which we approach
     mit seiner Entwicklung hin zu einem »Big Data Bro­         »Medien der Kooperation«. Die Untersuchung von                                                      these media or what we do with them – referred to in academic research
     ker« ein Beispiel für die Entzauberung des »Web 2.0«:      Medienpraktiken unter besonderer Berücksichtigung                                                   as »media practices« – displays astounding continuities. Where we once
     »Facebook schlingert heute in der Kommerzialisierung       ihres kooperativen Charakters hat sich dazu als viel­                                               sent our vacation photographs to be developed and then used adhesive
     dessen, was zunächst sehr kooperativ begonnen hat«,        versprechender Ansatz erwiesen. »Zahlreiche Medien­                                                 corners to arrange them in an album, we today usually archive them in
     stellt Gießmann fest. »Wenn neue digitale Medien           praktiken weisen eine deutlich längere Kontinuität auf,                                             digital form on a computer. »The technology has changed, but the under­
     sehr groß werden, müssen sie Geschäftsmodelle ent­         als die von ihnen bespielten Einzelmedien«, erklärt                                                 lying idea has remained the same. The purpose is to sort images and to
     wickeln, wie jede andere Firma auch. Die Kommer­           Prof. Thielmann. Die Arbeit am SFB beschreibt er als                                                preserve them as memories,« says Thielmann. In many cases, the former
     zialisierung von Nutzerdaten, die viele als Missbrauch     interdisziplinär ausgerichtete digitale Grundlagenfor­                                              custom of creating a photo album is even revisited with digital means:
     empfinden, ist aus Sicht von Facebook eine ganz            schung; als kulturwissenschaftliches Projekt, das die                                               »A few clicks is all it takes to group digital photos into albums which can
     normale Vorgehensweise.« Die Aufgabe der Medien­           digitalen Praktiken des 21. Jahrhunderts erfassen und                                               subsequently be printed as bound photo-books,« Thielmann goes on.
     wissenschaft sei es, solche Praktiken transparent und      beschreiben möchte. Daraus ergebe sich auch ein neuer                                               »The desire to possess a ›traditional‹ photo album, which we can then
     sichtbar zu machen, betont Tristan Thielmann: »Der         Blick auf die Digitalisierung, sagt sein Kollege Sebastian                                          leaf through and show to friends, is still present as before.«           p
     kooperative Charakter digitaler Medien führt häufig        Gießmann: »Ich wundere mich immer, wie in Deutsch­
     zu idealistischen Vorstellungen. Aber soziale Medien       land über Digitalisierung gesprochen wird. Als hätte
     sind nicht hierarchiefrei, die Kooperation ist in vielen   sie gerade erst angefangen. Tatsächlich basiert sie auf
     Fällen eine Kooperation ohne Konsens.«                     Entwicklungen, die viele Jahrzehnte zurückreichen.«

10   future                                                                                                                                                                                                                                          11
Diagnose der digitalen Gesellschaft Diagnosis of the digital society - Zukunft menschlich gestalten Shaping a Humane Future - Uni Siegen
Main Topic / Media of Cooperation                                                                                                               Main Topic / Media of Cooperation
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                                                                                                                                          »Ich wundere mich immer, wie in Deutschland
                                                                                                                                          über Digitalisierung gesprochen wird. Als hätte
                                                                                                                                          sie gerade erst angefangen.«
                                                                                                                                          »I am continually surprised at how we speak
                                                                                                                                          about ­digitization in Germany. As if it had only
                                                                                                                                          just begun.«
                                                                                                                                          Dr. Sebastian Gießmann

                                                                                             The Siegen media researchers are also        same time, Thielmann emphasizes, media are themselves
                                                                                           placing a special focus on media which         tools which enable inter-personal cooperation: »Media
                                                                                      their discipline has tended to neglect in the       represent conditions for cooperation: They moderate
                                                                                 past: The so-called »media of work«. These media         and organize our daily interactions. Whenever it is nec­
                                                                          were – and still are – developed initially in professional      essary for different players from different backgrounds
                                                                          environments and mostly for very specific own purposes.         to cooperate with each other, then attention is very fre­
                                                                          The World Wide Web, as the most important application           quently turned to a medium as a means to enable this
                                                                          of the Internet, for example, originates from the CERN          cooperation.«                                                  Developments in the digital media and the way in which
                                                                          nuclear research laboratory: The international scientists                                                                      they are perceived in public spheres are generally both
              Away from large individual media,                           involved in research there needed a globally linked infor­      Even the billion-user network Facebook was initially           dynamic and contradictory – Facebook is just one exam­
              towards social media                                        mation system to facilitate cooperation and the sharing         formed as a cooperative project: It was developed in           ple of that. The elaboration of a flexible research design
                                                                          of their results – it was in this context that the first web­   ­Harvard as a web-based version of the official, printed       with which current phenomena can be explored and
              One goal of the CRC »Media of Cooperation« is to explore    site was programmed. Many of today’s other widespread            yearbooks and built upon the community character              explained, despite all the uncertainties, is an important
              media practices – in other words our daily interactions     digital media practices were similarly programmed to             of American elite universities. For media researcher          objective of the Collaborative Research Center »Media of
              with media – in the greatest possible detail. The start­    simplify internal exchanges – e-mail, computer-aided             ­Sebastian Gießmann, the evolution of Facebook into a         Cooperation«. An exploration of media practices which
              ing point is an infrastructure-driven concept of media,     design (CAD) and file sharing are just three examples             »big data broker« is an example for the demystification      pays particular attention to their cooperative character
              as the head of the junior research group, Dr. Sebastian     which immediately spring to mind.                                 of Web 2.0: »Facebook is floundering in the commercial­      has proved to be a very promising approach. »Numerous
              Gießmann, explains: »The concept of what constitutes                                                                          ization of something which began very cooperatively,«        media practices display significantly longer continuity
              media has changed radically over the past 15 to 20 years.   Media moderate our                                                Gießmann says. »When new digital media grow very             than the individual media which they employ,« says
              We can no longer speak about ›mass media‹, because          daily interactions                                                large in scale, they must develop business models just       Prof. Thielmann. He describes the work of the CRC as
              the classic form of targeting a mass-media instance to a                                                                      like any other company. The commercialization of user        interdisciplinary digital basic research, as a cultural
              broad national audience no longer exists as such.« User     The hero narratives which are still often associated with         data, which many view as abuse, is a perfectly normal        studies project which seeks to identify and describe
              habits have been transformed by the spread of the Inter­    such developments, the notions that the WWW or e-mail             course of action from the perspective of Facebook.« The      the digital practices of the 21st century. It follows
              net. The development away from large »mass media«           can be attributed to the brilliant idea of a single inventor,     task for media studies is to make such practices trans­      that this will place digitization in a new light, adds
              such as television towards the so-called »social media«     are actually false, as CRC speaker Thielmann explains:            parent and visible, says Tristan Thielmann: »The cooper­     his colleague Sebastian Gießmann: »I am con­
              also throws up new questions for academic research, says    »Media are always the product of a community. A group             ative character of digital media often leads to idealistic   tinually surprised at how we speak about digiti­
              Gießmann: »Our aim is to better understand the actually     of interested players develops them and shapes them to            perceptions. But the social media are not free of hierar­    zation in Germany. As if it had only just begun,
              much more fundamental mediation processes and prac­         suit their own needs and purposes.« In media studies,             chies; cooperation is in many cases cooperation without      when, in fact, it is based on developments which
              tices which are triggered by today’s media.«                media are said to be »cooperatively produced«. At the             consensus.«                                                  reach back over many decades.«

12   future                                                                                                                                                                                                                                                           13
Diagnose der digitalen Gesellschaft Diagnosis of the digital society - Zukunft menschlich gestalten Shaping a Humane Future - Uni Siegen
Themenschwerpunkt / Medien der Kooperation                                                                                                                                               Themenschwerpunkt / Medien der Kooperation
DE                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  EN

     »Medien waren
                                                                                                                                                                                                  »Unsere Daten werden ­eingespeist und
                                                                                                                                                                                                  ­ausgewertet. Wir ­müssen ­wegkommen vom
                                                                                                                                                                                                   Gedanken, dass das Interesse des Nutzers

     schon immer                                                                                                                                                                                   im Vordergrund steht.«
                                                                                                                                                                                                  Prof. Dr. Tristan Thielmann

     sozial«                                             R English version on page 15
                                                                                                                                                                                                  Sie verfolgen damit einen anderen Ansatz als die
                                                                                                                                                                                                  ­traditionelle Medienwissenschaft. Was bedeutet das
                                                                                                                                                                                                                                                                   stellbar, wie die Praxis des Surfens in den Anfangszeiten des
                                                                                                                                                                                                                                                                   Internets aussah, wie lange man warten musste, bis eine Seite
                                                                                                                                                                                                   für Ihre Forschung?                                             geladen war.
     Ob Digitalisierung der Medizin oder Überwachung in sozialen
                                                                                                                                                                                                  Thielmann Entscheidend für uns sind die Medienpraktiken.         Was erhoffen Sie sich von diesem Kompendium
     Netzwerken: Die Projekte des SFB »Medien der ­Kooperation«                                                                                                                                   Man muss stark unterscheiden zwischen den Idealvorstel­          der digitalen Praktiken?
     könnten vielfältiger nicht sein. Im Interview erklärt SFB-­                                                                                                                                  lungen, die sich Ingenieure ausdenken oder die man aus der
                                                                                                                                                                                                  allgemeinen Kulturgeschichte zu kennen glaubt, und der tat­      Thielmann Es soll dazu dienen, rückblickend sagen zu können,
     Sprecher Prof. Dr. Tristan Thielmann, warum sich sein Team                                                                                                                                   sächlichen Nutzung. Dieses tradierte Wissen muss hinterfragt     was die digitale Gesellschaft war oder ist, in der wir leben –
     mit solch unterschiedlichen Medienpraktiken beschäftigt                                                                                                                                      werden, in dem wir uns anschauen, wie die Mediennutzung          eine Art Gesellschaftsdiagnose. Was ist digitale Gesundheit
                                                                                                                                                                                                  tatsächlich in der Praxis aussieht oder früher aussah. Das ist   oder digitales Lesen überhaupt? Wir betreiben in dieser Hin­
     und wie daraus eine Diagnose der digitalen Gesellschaft                                                                                                                                      natürlich nicht ganz so einfach. Es geht auch um die Frage,      sicht Grundlagenforschung und haben den Anspruch, für
     ­entstehen soll.                                                                                                                                                                             wie man historische Medienpraktiken rekonstruieren kann.         diese Epoche eine fundamentale Aussage zu treffen. Darauf
                                                                                                                                                                                                                                                                   aufbauend lassen sich weitergehende Analysen erstellen,
     Interview Tobias Treude                                                                                                                                                                      Wo liegen darin die Schwierigkeiten?                             etwa zu Themen wie Crowdsourcing oder digitalen politi­
                                                                                                                                                                                                                                                                   schen Bewegungen bis hin zu der Frage, wie die postdigitale
                                                                                                                                                                                                  Thielmann Im SFB werfen wir den Blick ganz bewusst auf           Gesellschaft aussehen könnte.
                                                                                                                                                                                                  Medientechnologien, die weniger im Fokus stehen. In meinem
                                                                        Die WissenschaftlerInnen des SFB haben einen sehr                                                                         Forschungsprojekt geht es beispielsweise um Fotofahrten­         Warum gehen Sie dafür bis ins 19. Jahrhundert zurück?
                                                                        weit gefassten Begriff von Medien, wie die Forschungen                                                                    bücher aus der Zeit um 1900, die Autofahrern in den USA mit
                                                                        etwa zu Kreditkarten oder Foto-Fahrtenbüchern aus                                                                         Bildern und Karten beim Navigieren helfen sollten. Solche        Thielmann Unser Ansatz und die gegenwärtigen Medien
     Prof. Dr. Tristan Thielmann                                        dem 19. Jahrhundert zeigen. Was verstehen Sie vor diesem                                                                  Alltagsgegenstände waren es aber nicht wert, aufbewahrt zu       schaffen ein Bewusstsein dafür, dass in der historischen Kons­
     ist Professor für Science, Tech-                                   Hintergrund unter sozialen Medien?                                                                                        werden. Den Shell-Straßenatlas aus den 1950er Jahren haben       truktion bislang Dinge übersehen worden sind. Ein Beispiel ist
     nology and Media Studies an                                                                                                                                                                  ja auch die wenigsten aufgehoben. Deswegen ist es wichtig,       ENIAC, der erste digitale Großrechner. Dieser verfügte bereits
     der ­Universität Siegen und Sprecher
                                                                        Prof. Dr. Tristan Thielmann Wir gehen von dem Standpunkt                                                                  auf frühe journalistische Dokumente oder Filmaufnahmen           über ein digitales Display um den Rechenprozess anzuzeigen.
     des DFG-Sonder­forschungsbereichs
     »Medien der Kooperation« sowie                                     aus, dass Medien schon immer auch soziale Medien waren. Wir                                                               zurückzugreifen.                                                 Das wurde aber nur als Nebenbeimedium betrachtet, die
     Co-Sprecher des DFG-Graduier-                                      bezweifeln, dass es eine starke Differenz zwischen analogen                                                                                                                                Bedeutung des Displays wurde damals noch nicht erkannt.
     tenkollegs »Locating Media«.                                       und digitalen Medien gibt.                                                                                                Warum ist es entscheidend, sich mit diesen »kleinen«             Heute verstecken sich die Computer hinter Displays. Gerade
     Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen                                                                                                                                                     ­Medienpraktiken auseinanderzusetzen?                            weil sich Medien scheinbar so schnell entwickeln, ist es wich­
     Mediengeographien, Ethno- und Techno­
                                                                                                                                         Foto Bleistift / Photo pencil unsplash / Kelly Sikkema

     methodologien, ­Medien-, Sozial- und Tech-                         Wie begründen Sie diesen Standpunkt?                                                                                                                                                       tig, ein historisches Bewusstsein zu schaffen.
     nikgeschichte, Navigation Studies sowie                                                                                                                                                      Thielmann Weil die Mediennutzung sehr vielschichtig ist.
     kulturelle Kartographien.                                          Thielmann Medien sind kooperativ verfertigt. Sie dienen                                                                   Häufig wird eine einzelne App analysiert. Aber in der Praxis     Was meinen Sie, wenn Sie sagen, Medien würden sich
     is Professor of Science, Technology and Media                      nicht nur zur gemeinsamen Nutzung, sondern werden auch                                                                    switchen die Menschen zwischen verschiedenen Apps, nutzen        scheinbar schnell entwickeln?
     Studies at the University of Siegen, speaker                       in einem gemeinsamen Prozess erstellt und konfiguriert. In                                                                sie gleichzeitig oder telefonieren noch nebenher. Unser Ziel
     of the DFG Collaborative Research Centre                           die Gestaltung eines solchen Mediums laufen zum Beispiel                                                                  ist es, solche Situationen vollumfänglich zu erfassen und zu     Thielmann Es gibt universelle Praktiken und sehr bestän­
     »Media of Cooperation« and co-speaker of
     the DFG Research Training Group ­»Locating
                                                                        unterschiedliche soziale Erwartungen ein. Wir lösen uns von                                                               beschreiben, um Medienpraktiken zu verstehen und daraus          dige Kulturtechniken. Die traditionelle, analoge Praktik des
     Media«. His research priorities include                            der avantgardistischen Idee aus dem Kunstkontext, dass es                                                                 Erkenntnisse für zukünftige Entwicklungen ableiten zu kön­       Blätterns und Suchens ist in gewisser Weise digital transfor­
     media geographies, ethno- and technometho­                         ein Genie gibt, das etwas Unikes erfindet. Es gibt nicht einen                                                            nen. Wir erstellen ein Kompendium der digitalen Praktiken        miert worden zum Wischen auf Touchscreen-Geräten. Es gibt
     dologies, media, social and technical history,                     Erfinder des Buchdrucks, als der Gutenberg gilt. Der Buch­                                                                des 21. Jahrhunderts. Dieses Wissen droht ansonsten verlo­       in Medienpraktiken zum Beispiel auch starke Verbindungen
     navigation studies and cultural cartographies.
                                                                        druck ist in Werkstätten kooperativ verfertigt worden.                                                                    ren zu gehen. Schon heute ist es ja zum Beispiel schwer vor­     zur Buchführung. Sebastian Gießmann bezeichnet die p

14   future                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         15
Diagnose der digitalen Gesellschaft Diagnosis of the digital society - Zukunft menschlich gestalten Shaping a Humane Future - Uni Siegen
Themenschwerpunkt / Medien der Kooperation                                                                                                      Main Topic / Media of Cooperation
DE                                                                                                                                                                                                                                                                             EN

                                                                                                                                            »Media have
                                                                                                                                            always
                                                                        Fotofahrtenbücher aus der Zeit um 1900, die AutofahrerInnen
                                                                        in den USA mit Bildern und Karten beim Navigieren helfen sollten.
                                                                                                                                            been social«
                                                                        Road books from the time around 1900, whose illustrations and
                                                                        maps were intended to assist navigation for drivers in the USA.     From the digitization of medicine to monitoring in social ­networks:
                                                                                                                                            The projects of the CRC »Media of Cooperation« could hardly be
                                                                                                                                            more diverse. In an interview, CRC speaker Prof. Dr. Tristan ­Thielmann
                                                                       Der Sonderforschungsbereich trägt den Titel »Medien der
                                                                       Kooperation«. Wo liegt letztlich der Unterschied zwischen            explains why his team is looking at all these different media
                                                                       kooperativen und sozialen Medien?                                    ­practices, and how their results could be formed into a diagnosis
                                                                       Thielmann Es gibt eine idealistische Vorstellung vom Begriff          of the digital society.
                                                                       der sozialen Medien. Man soll sich einem Gemeinzweck ver­
                                                                       bunden fühlen, das sind moralische Kategorien. Der Blick auf         Interview Tobias Treude
                                                                       das Internet war am Anfang von viel Idealismus geprägt, dem
                                                                       Glauben an die Demokratisierung von Strukturen. Wir nutzen
                                                                       statt soziale Medien den Begriff der Kooperation. Denn wir
     Kredit­karte als erste App, weil dort erstmals digital Daten      gehen davon aus, dass es diese Hierarchiefreiheit nicht gibt,
     gespeichert und mit einem Konto verknüpft worden sind.            dass unterschiedliche Interessen zusammenkommen. Diese               The CRC has defined a very broad concept of media,               You are thus taking a different approach to that
     Ähnlich sieht es aus, wenn ich einen Account bei Twitter oder     unterschiedlichen Interessen muss man sich anschauen.                as is shown by its research addressing topics such as credit     of ­traditional media studies. What does that mean
     Facebook eröffne, wo man Listen und Protokolle führt. Man                                                                              cards or illustrated road books from the 19th century.           for your research?
     hat es also auch in digitalen Medien mit Listenpraktiken zu       Zu welcher Erkenntnissen hat das bereits geführt?                    What, against this background, do you understand by
     tun, ein permanentes Controlling unseres eigenen Lebens,                                                                               social media?                                                    Thielmann Media practices are for us the decisive elements.
     eine Buchführung, die öffentlich gemacht wird. Jeder wird         Thielmann Wäre das früher geschehen, hätte man vielleicht                                                                             A clear distinction must be made between perceptions of an
     zum Buchhalter seiner selbst. Ein weiterer Schritt sind Likes     von Anfang an festgestellt, dass Facebook eben nicht nur ein         Prof. Dr. Tristan Thielmann Our standpoint is that media         ideal, which are elaborated by engineers or which we purport
     als eigene Währung. Das alles steht für eine Kontinuität von      Freundschaftsnetzwerk ist, sondern auch ein Datenhändler.            have always also been social media. We doubt that there is       to know from general cultural history, and actual use. This
     Medienpraktiken, die heute in digitaler Art nur funktionieren,    Die Interessen des Unternehmens und die des Kunden sind              actually a strong difference between analog and digital media.   traditional knowledge must be challenged by considering the
     weil wir das kulturelle Bewusstsein dafür haben.                  unterschiedlich. Für uns ist interessant, wie sich im öffent­                                                                         actual manifestations of present-day or earlier media use.
                                                                       lichen Bewusstsein etwas verändert, wenn diese Prozesse              How do you explain this standpoint?                              That is by no means easy, of course. There is also the question
     Worin besteht dieses kulturelle Bewusstsein?                      transparent werden. Mittlerweile wird Facebook weniger mit                                                                            of how historical media practices can be reconstructed.
                                                                       einer Medienpraktik als vielmehr mit einer Datenpraktik ver­         Thielmann Media are cooperatively produced. They not only
     Thielmann Es ist eine anthropologische Konstante. Medien­         bunden. Diese Dinge sichtbar zu machen, ist eine wesentliche         serve a joint purpose, but are also created and configured in    Where do the difficulties lie?
     praktiken unterscheiden sich nicht unbedingt von sehr archa­      Aufgabe des SFB. Das gilt nicht nur für Facebook, sondern            a joint process. Various social expectations contribute to the
     ischen Praktiken, wenn man etwa an die Kultur der Gabe            auch für viele andere Medien, die meist unhinterfragt genutzt        design of such media, for example. We are moving away from       Thielmann Within the CRC, we are deliberately addressing
     denkt. Dort gibt es immer das Bedürfnis, etwas zurückzugeben,     werden – etwa Apps, Wikipedia oder Navigationssoftware.              the avantgardistic idea taken from the context of art, namely    media technologies which are otherwise seldom at the focus
     es ist nie eindirektional. Dieser wechselseitige Prozess lässt    Unsere Daten werden eingespeist und ausgewertet. Wir                 that a genius comes along and invents something unique.          of attention. In my research project, for example, I look at
     sich übertragen. Jeder, der ein Like verteilt, hat das Bewusst­   müssen wegkommen vom Gedanken, dass das Interesse des                There is no single inventor of book printing, as Gutenberg       illustrated road books from the time around 1900, whose
     sein, dass er im Gegenzug Likes empfangen könnte, wie zum         Nutzers im Vordergrund steht. Dieses hierarchische Gefälle           is held to be. Book printing was developed cooperatively in      illustrations and maps were intended to assist navigation for
     Beispiel Kollege Johannes Paßmann in seiner Twitter-Ethno­        unterscheidet sich womöglich gar nicht so sehr von dem der           workshops.                                                       drivers in the USA. In most cases, however, no-one considered
     grafie aufgezeigt hat.                                            traditionellen Medien.                                                                                                                it worthwhile to save such items designed for daily use. p

16   future                                                                                                                                                                                                                                                                    17
Diagnose der digitalen Gesellschaft Diagnosis of the digital society - Zukunft menschlich gestalten Shaping a Humane Future - Uni Siegen
Main Topic / Media of Cooperation                                                                                                        Main Topic / Media of Cooperation
DE                                                                                                                                                                                                                                                      EN

                                    »Our data are collected and evaluated.
                                    We must get away from the idea
                                    that the user’s interests stand in the                                                                      What constitutes this cultural awareness?
                                    foreground.«                       Prof. Dr. Tristan Thielmann
                                                                                                                                                Thielmann It is an anthropological constant. Media
                                                                                                                                                practices are not necessarily different from other
                                                                                                                                                very ancient practices, for example the culture of
                                                                                                                                                exchanging gifts. That always entails the desire to give
                                                                                                                                                something back; it is never unidirectional. This mutual
                                                                                                                                                process can be transferred. A person who posts a like
                                                                                                                                                does so in the awareness that he could receive likes in
                                                                                                                                                return, as my colleague Johannes Paßmann demon­
                                                                                                                                                strated in his Twitter ethnography.

                                                                                                                                                The Collaborative Research Center bears the title
     Very few of us will still have their old Shell Road Atlas from         Why go back to the 19th century?                                    »Media of Cooperation«. What, in the end, is the
     the 1950s. For that reason, it is important to fall back on early                                                                          difference between cooperative and social media?
     journalistic documents or film footage.                                Thielmann Our approach and the nature of current media
                                                                            have created an awareness that certain aspects have been            Thielmann There is an idealistic perception of the
     Why is it so important to analyze these »small«                        overlooked in the historical construct to date. One example         concept of social media. Users are supposed to feel
     media practices?                                                       is ENIAC, the first digital mainframe computer, which already       affinity to a common purpose, which is a reference
                                                                            incorporated a digital display for output from the computing        to moral categories. The Internet was initially viewed
     Thielmann Because media use is extremely multi-faceted.                process. But that was only treated as an auxiliary medium;          with a great deal of idealism, belief in the democra­
     Analyses often target a single app. But in practice, people            the significance of the display had not yet been recognized at      tization of structures. Instead of social media, we use
     are constantly switching between different apps, using them            that time. Today, computers are concealed behind displays.          the concept of cooperation, because we believe that
     simultaneously or making phone calls at the same time. Our             Precisely because media development is apparently so fast,          the supposed freedom from hierarchies does not exist,
     goal is to capture and describe the full extent of such situ­          it is important to establish historical awareness.                  that different interests come together. These different
     ations, in order to understand media practices and to derive                                                                               interests have to be studied.
     knowledge which will benefit future developments. We are               What do you mean when you say that media development
     creating a compendium of the digital practices of the 21st             is apparently so fast?                                              Can you already point to findings?
     century. There is otherwise a risk that this knowledge will be
     lost. For example, it is today already difficult to imagine how        Thielmann There are universal practices and highly durable          Thielmann If we had conducted these studies earlier,
     web browsing was in the early years of the Internet, how long          cultural techniques. The traditional analog practice of search­     it might have been clear from the beginning that Face­
     we had to wait for a page to be displayed.                             ing by leafing through pages has to a certain extent been           book is not just a friendship network, but precisely
                                                                            digitized in the swipe function of touchscreen devices. There       also a data trader. The interests of the company differ
     What do you hope to gain from this compendium                          are also strong ties between media practices and account­           from those of the customer. The interesting point for
     of digital practices?                                                  ing, for example. Sebastian Gießmann describes the credit           us is how public awareness changes when these pro­
                                                                            card as the first-ever app, because this was the first time that    cesses become transparent. In the meantime, Face­
     Thielmann It is to enable us to determine – retrospectively –          digital data were saved and associated with an account. The         book is viewed more often as a data practice than as
     what the digital society in which we live once was or still is –       situation is similar if I open an account with Twitter or Face­     a media practice. It is a central objective of the CRC
     a kind of diagnosis of society. What does digital health or digital    book, where lists and reports are also maintained. Our use of       to bring these things to light. That applies not just to
     reading really mean? In this respect, we are conducting basic          digital media is thus likewise an implementation of list prac­      Facebook, but also to many other media which most

                                                                                                                                                                                                           Foto / Photo @ unsplash / element5 Digital
     research, with the ambition of being able to reach fundamen­           tices – permanent management of our own life in the sense           people simply use without questioning, whether apps,
     tal statements for our epoch. On this basis, further-­reaching         of publicly accessible accounting. Everyone becomes their           Wikipedia or navigation software. Our data are col­
     analyses could be drawn up on topics such as crowdsourcing or          own accountant. Another step is that of likes as a personal         lected and evaluated. We must get away from the idea
     digital political movements, right up to questions regarding the       currency. All of this stands for a continuity in media practices,   that the user’s interests stand in the foreground. This
     appearance of a post-digital society.                                  which today only function in digital form because we possess        hierarchical gradient is perhaps not so different from
                                                                            the necessary cultural awareness.                                   that in traditional media after all.

18   future                                                                                                                                                                                                                                             19
Themenschwerpunkt / Medien der Kooperation
                                                                                                                                                                                                                                    EN

         Wenn die Oma
         gleichzeitig da und
         nicht da ist When   grandma
                      is here and
                                                                                                      Foto / Photo Dr. Bina Mohn

          Autorin / Author Nora Frei                                                Wenn Max                über das Smart­

                                       not here at the                              phone mit seiner Oma skypt, weiß
                                                                                    er ganz genau, was er tut. Er hält das
                                                                                    Handy so, dass seine Oma ihn und er
                                                                                                                                                                    Durch die virtuelle Anwesenheit eines Familienmitglieds
                                                                                                                                                                    können die ­klaren Grenzen verschwimmen.
                                                                                                                                                                    The distinction between presence and absence is blurred

                                       same time
                                                                                                                                                                    by the virtual presence of a family member.
                                                                                    seine Oma sieht. Dabei ist Max erst zwei
                                                                        R Page 21                                                                                   Foto / Photo Dr. Bina Mohn
                                                                                    Jahre alt. Wie Kinder zwischen null und
                                                                                    sechs Jahren mit Smartphones umgehen
                                                                                    und welche Rolle die digitalen Geräte in
                                                                                    Familien rund um die Welt spielen – das
                                                                                    erforschen Professorin Dr. Jutta Wiese­             »Wir stellen wie-Fragen und filmen ganz         manchmal gar nicht getraut, das Handy
                                                                                    mann, Dr. Bina Mohn und ihr Team im                 bewusst in Situationen, die uns bei der         überhaupt rauszuholen. Das hat sich
                                                                                    Forschungsprojekt »Frühe Kindheit und               Beant­wortung der Fragen helfen: Wie            aber sehr schnell gegeben, und dann
                                                                                    Smartphone«.                                        machen sich Familienmitglieder an- und          ist wieder der normale Alltag einge­
                                                                                                                                        abwesend? Wie positioniert sich das             kehrt.« Mittlerweile ist die gesamt
                                                                                    Die WissenschaftlerInnen filmen in rund             Kind selbst innerhalb der Familie? Wie          Familie Baum mit der Filmerin sehr gut
                                                                                    20 Familien, teils über mehrere Jahre.              wird gelacht und geweint, gespürt und           befreundet. Sie sei fast Teil der Familie
                                                                                    Sie wohnen in Deutschland, Indien,                  gehört, gesehen und gegriffen?« Dabei           geworden.
                                                                                    Marokko, Österreich und der Schweiz.                geht es den ForscherInnen vor allem
                                                                                    Bewusst wurden für das Projekt Eltern               darum, wie digitale Medienpraktiken in          Vertrauen sei bei diesem Projekt die
                                                                                    und Kinder mit unterschiedlichen sozia­             der frühen Kindheit die Selbstbezüge,           wichtigste Voraussetzung, meint auch
                                                                                    len Hintergründen ausgewählt, man­                  den Bezug auf Andere, die Sachbezüge            Dr. Mohn. »Wir gehen in private Räume.
                                                                                    che leben in Großstädten, andere auf                und das Familie-Sein mit konstituieren.         Da ist es ganz wichtig, dass die Fami­
                                                                                    dem Dorf. Bei ihren Besuchen haben                                                                  lien entscheiden, was sie uns zeigen
                                        Die Erziehungswissenschaft-
                                        lerin ­Prof. Dr. Jutta Wiesemann
                                                                                    die WissenschaftlerInnen fast immer                 »Wir wurden gefilmt,                            möchten und was nicht.« Interessant
                                        forscht an der Universität Siegen           auch eine Kamera dabei. Das Ziel: an                so wie wir sind«                                wird es für Dr. Mohn vor allem dann,
                                        unter anderem zu den Themen                 ganz alltäglichen und realen Szenen aus                                                             wenn etwas Unerwartetes passiert. Sie
                                        Unterrichts- und Lernforschung,             dem Familienalltag zu forschen. Ethno­              Familie Baum* gehört zu den Protago­            erinnert sich an eine Situation, als ein
                                        Ethnografie, Digitalisierung
                                                                                    grafische Forschung nennt sich diese                nisten der Langzeitstudie. Max Baum             kleines Kind mit seiner Oma skypte. Das
                                        und Mediengebrauch in Kindheit
                                        und Schule.                                 Methode.                                            war zu Beginn des Projekts knapp ein            Kind wollte die Oma beim Spielen mit
                                                                                                                                        Jahr, Tochter Maya drei Jahre alt. »Wir         einbinden und schob einen Anhänger
                                        Key areas of education studies              Das Projekt profitiert dabei von den                konnten uns am Anfang noch nicht                voller Bauklötze zum Tablet, auf dem
                                        research conducted by Prof.
                                        Dr. Jutta Wiesemann at the
                                                                                    langjährigen Erfahrungen der Kamera­                genau vorstellen, worauf wir uns ein­           die Oma zu sehen war. Daraufhin konnte
Foto / Photo Dr. Bina Mohn
                                        University of Siegen include                ethnografin Dr. Bina Mohn. »Wir stellen             lassen«, erzählt Mutter Bettina Baum.           die Oma nichts mehr sehen, weil die
                                        ­teaching and learning, ethno­              die Kamera nicht bloß auf und lassen                Heute weiß sie: »Es gab keine erzwun­           Kamera verdeckt war. Die Mutter griff
                                         graphy, digitalization and media           sie dann laufen«, erklärt sie.                      genen oder gestellten Situationen. Wir          korrigierend ein und stellte das ­Tablet
                                         use during childhood and in
                                                                                                                                        wurden gefilmt, so wie wir sind. Am             mit der Oma woanders hin, woraufhin
                                         schools.
                                                                                    * Die Namen der Familie sind                       Anfang fanden die Kinder die Kamera             das Kind zu weinen begann. Die Oma
                                                                                       auf Wunsch anonymisiert.                         noch aufregend und ich habe mich                schaffte es aber recht schnell, die p

20        future                                                                                                                                                                                                                    21
Themenschwerpunkt / Medien der Kooperation                                                                                                    Main Topic / Media of Cooperation
DE                                                                                                                                                                                                                                                                                  EN

                                                »Kinder lernen Situationen kennen, in denen Geben,
                                                Nehmen und ­Berühren nicht funktionieren, wo
                                                aber das g
                                                         ­ egenseitige Zeigen und gemeinsame Töne
                                                erzeugen durchaus erfreulich sein kann.«
                                                »Children learn to recognize situations in which
                                                giving, taking and touching no longer function
                                                ­physically, but where showing each other and verbal
                                                                                                                                                          Egal ob in Indien, Deutschland oder Marokko: Medienpraktiken
                                                 interaction are certainly sources of pleasure.«                                                          ­ähneln sich sehr, ganz egal, wo auf der Welt man sich befindet.
                                                                                                                                                           Whether in India, Germany or Morocco: Media practices are very
                                                                                                                                                           ­similar all over the world.
                                                Dr. Bina Mohn
                                                                                                                                                          Foto / Photo Pip Hare

                                                kann und das Zeigen, Gezeigt-Werden         sich befindet. »Erstaunt hat uns, wie     »Wir befinden uns mitten in                                                                     Foto / Photo Astrid Vogelpohl
                                                und Etwas-zu-Zeigen-Haben bedeutsam         ähnlich der Umgang mit einem Smart­       einem sozialen Großexperiment«
            Foto / Photo Dr. Bina Mohn          werden lässt«, erklärt Dr. Mohn.            phone in einer deutschen Großstadt

                                                Dass vor allem kleine Kinder oft keinen
                                                                                            oder im marokkanischen Atlasgebirge
                                                                                            sein kann: Das Smartphone eröffnet in
                                                                                                                                      »Der Alltag in den Familien hat sich
                                                                                                                                      bereits grundlegend geändert. Das                                 When Max                  picks up the smartphone to speak to his
                                                Unterschied zwischen digitalen und          beiden Fällen einen »Nah-Raum«, in        können wir global beobachten«, sagt                               grandmother via Skype, he knows exactly what to do. He holds the
                                                nicht digitalen Dingen machen, ist den      dem zu zweit Bedienen, Berühren und       Prof. Wiesemann. Als Erziehungswis­                               phone in just the right position so that she can see him and he can
                                                ForscherInnen schnell klar geworden.        Teilen stattfinden kann«, erklärt Pro­    senschaftlerin ist sie diesen Verände­                            see her. And that despite the fact that Max is only two years old.
     Krise durch Gesang zu beheben. »Kin­       Teilweise nutzen Kinder ein Smartphone      jektleiterin Prof. Wiesemann.             rungen auf der Spur. »Wir befinden uns                            The ways in which children between the ages of 0 and 6 approach
     der lernen Situationen kennen, in denen    genauso wie einen Bauklotz oder einen                                                 mitten in einem sozialen Großexperi­                              smartphones, and the role which digital devices play in families
     Geben, Nehmen und Berühren nicht           Ball. Sie stecken das Handy in den Mund     Die ForscherInnen arbeiten mit unter­     ment, dessen weiteren Verlauf wir aktiv                           around the world, are topics that Prof. Dr. Jutta Wiesemann, Dr. Bina
     funktionieren, wo aber das gegenseitige    oder lassen es herunterfallen, um damit     schiedlichen methodischen Ansätzen. Im    erforschen.« MedizinerInnen interessie­                           Mohn and their team are exploring in the research project »Early
     Zeigen und gemeinsame Töne erzeugen        zu experimentieren und die Folgen zu        Falle der Kamera-Ethnographie nutzen      ren sich zum Beispiel für die Gefahren                            Childhood and Smartphone«.
     durchaus erfreulich sein kann«, erklärt    beobachten. Oft kämpfen Geschwister         sie filmische Mittel zur Analyse: Dazu    dieses Experiments. Dazu gehört unter
     Dr. Mohn. Kinder lernen heutzutage neu,    um das Smartphone, um die Position          gehören das Hinschauen und die Wahl       anderem der Suchtdiskurs – also die                               The researchers have been visiting and observing around 20 families
     was An- und Abwesenheit bedeutet.          innerhalb der Familie auszuhandeln und      von Kameraeinstellungen beim Filmen.      potentielle Abhängigkeit junger Men­                              in Germany, India, Morocco, Austria and Switzerland, in some cases
     Denn durch die virtuelle Anwesenheit       zu bestimmen, wer größer und stärker        Dazu gehört aber auch das Zerlegen        schen von digitalen Geräten. Wiese­                               over several years. The project has deliberately chosen parents and
     eines Familienmitglieds können die kla­    ist. Dabei komme es nicht unbedingt         der gefilmten Beobachtungen am digi­      manns Projekt hingegen konzentriert                               children from different social backgrounds; some live in large cities,
     ren Grenzen verschwimmen: Die Oma          darauf an, dass das Smartphone digital      talen Schnittplatz und das analytische    sich auf die sozialen Konsequenzen, die                           others in villages. The researchers almost always take a video camera
     kann gleichzeitig da und nicht da sein.    ist, sondern, dass es als ein wertvoller    Zusammensetzen und Anordnen von           diese Veränderungen im Verhältnis der                             when they visit the families. The aim is to capture real, ordinary scenes
                                                Gegenstand angesehen wird, der kein         Filmfragmenten zu Forschungsfilmen        Generationen haben. »Die Realität der                             from everyday life. This method is called ethnographic research.
     Ein Smartphone ist für                     klassisches Spielzeug ist, sagt Dr. Mohn.   oder Videoinstallationen. Die Wissen­     heranwachsenden Generation unter­
     Kleinkinder oft nichts anderes                                                         schaftlerInnen stellen Videoausschnitte   scheidet nicht mehr eine Wirklichkeit, in                         The project benefits from the longstanding experience of camera
     als ein Bauklotz oder Ball                 Wo kulturelle Differenzen liegen, möch­     oder Standbilder zum Beispiel neben­      der sie sich körperlich befindet und die                          ethnographer Dr. Bina Mohn. »It is not just a matter of setting up
                                                ten die WissenschaftlerInnen in der         einander, hintereinander oder verbinden   medial-digitalen Wirklichkeiten außer­                            the camera and switching it on,« she explains. We ask pertinent
     Genauso faszinierend sei es Kinder         Zukunft noch genauer erforschen. Ist        sie miteinander. »Diese Vorgehensweise    halb«, erklärt die Erziehungswissen­                              questions and film in consciously chosen situations which help us
     dabei zu beobachten, wie sie Videos von    der Umgang mit dem Smartphone ein           setzt nicht die Ergebnisse von Analy­     schaftlerin. »Dies beginnt quasi mit der                          to answer specific questions: What determines whether a family
     sich selbst sehen. Die Mutter sagt dann    anderer, je nachdem, wo ein Kind auf­       sen um, sondern hierbei entsteht Ana­     Geburt. In der Familie erfährt das Kind,                          member is present or absent? How do children position themselves
     »Guck mal, das bist du«, zeigt aber        wächst? Gehen indische Kinder anders        lyse: Wir lernen zu unterscheiden und     dass das Smartphone eines der natür­                              within the family? How do they laugh and cry, feel and hear, see and
     nicht auf das Kind selbst, sondern auf     mit der Technik um als deutsche oder        Zusammenhänge zu erkennen«, erklärt       lichen Mittel ist, ein vielfältiges Verhält­                      touch? The central aspect for the researchers is to understand how
     das Video. »In Zeiten von Selfies und      marokkanische? Bisher haben die Wis­        Dr. Mohn. Selbst das Publikum kamera-­    nis zur Welt zu entwickeln.«                                      digital media practices in early childhood contribute to the develop­
     Videos löst sich Identität zunehmend       senschaftlerInnen bereits festgestellt,     ethnographischer Ausstellungen wird in                                                                      ment of a child’s sense of identity and family, interpersonal relation­
     vom Körper und nimmt Formen einer          dass sich einige Medienpraktiken sehr       einen solchen analytischen Prozess des                                                                      ships, and ways of engaging with the world and the things in it.« p
     Sozialität an, die medial geteilt werden   ähneln, ganz egal, wo auf der Welt man      »Sehen Lernens« einbezogen.

22   future                                                                                                                                                                                                                                                                         23
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