Es ist angerichtet - Juni 2014 - Partnerschaft, Ehe und Familie
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Unsere Seelsorge
4 Ehe und Familie 32 Neustart
Verbindlichkeit auf Dauer angesichts moderner Glücklich verheiratet – unglücklich getrennt
Unverbindlichkeit? – und dann?
10 Kein Speed-Dating! 34 Wenn Wege sich trennen
Familien brauchen Zeit Gottesdienst für und mit Menschen in Trennung
und Scheidung
14 Heute noch relevant?
Katholische Sexualmoral 36 Höchste Zeit!
Erfahrungen mit Geschiedenen und Wieder-
18 Priorität für Partnerschaft, Ehe und Familie verheirateten – Konsequenzen für die Seelsorge
Annäherung an den Pastoralplan für das
Bistum Münster 38 Treffpunkt•Gott
Im Glauben wachsen mit allen Generationen
22 Was glaubst Du?
Glaubens-, Konfessions- und Religionsunterschiede 40 Wenn Frau und Frau sich lieben
in Ehevorbereitungskursen Gleichgeschlechtliche Partnerschaften in der Pfarrei
24 „Wir wollen einen Segen ...“ 42 Zeit schenken
Segnungsfeier für Liebende Familienpaten bieten Hilfe zur Selbsthilfe
26 Entfalten! 44 Einer für alle
Familienbildung als Wegbegleitung Hilfekompass Friesoythe
30 Von den Familien lernen 46 Service
Kindertageseinrichtungen als pastorale Orte 47 Internet
Impressum Unsere Seelsorge www.unsere-seelsorge.de
Das Themenheft der Hauptabteilung Seelsorge im Bischöflichen Generalvikariat Münster er-
scheint vierteljährlich und erreicht alle hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger, die Vor-
sitzenden der Pfarrgemeinderäte, die Bildungseinrichtungen und die Katholischen Öffentlichen
Büchereien im Bistum Münster.
Herausgeber und Verleger Bischöfliches Generalvikariat Münster, Hauptabteilung Seelsorge,
Pater Manfred Kollig SSCC Redaktion Donatus Beisenkötter, Georg Garz
Redaktionsbeirat Johannes Bernard, Dominik Blum, Michael Seppendorf
Konzeption Eva Polednitschek-Kowallick, Sabine Orth
Layout und Satz kampanile | MEDIENAGENTUR im dialogverlag | www.kampanile.de Der Ausgleich der Treibhausgasemissionen
Druck Druckerei Joh. Burlage, Münster | www.burlage.de erfolgte durch die Unterstützung anerkann-
Redaktionssekretariat Heidrun Rillmann, Bischöfliches Generalvikariat Münster, Hauptabteilung ter Klimaschutzprojekte. Wir unterstützen
Seelsorge, Domplatz 27, 48143 Münster, Telefon 0251 495-1181, redaktion@unsere-seelsorge.de mit diesem Druck ein Klimaschutzprojekt
Titelbild Kay Fochtmann (photocase.com) Fotos MPower., FrancieT, birdys, Flügelfrei, apl_d200, im brasilianischen Staat Ceará. Das Projekt
an.ma.nie, kallejipp, cydonna, pauajusa, markusspiske (alle photocase.com), Archiv, privat umfasst fünf Keramikproduktionsstätten,
die nachhaltig produzierte, erneuerbare
Biomasse zur Befeuerung nutzen.
Einzelbezugspreis 3,50 Euro Jahresabonnement 12 Euro ZKZ 74165 ISSN 1863-71403
Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
noch nie haben in Deutsch- Zwei Wirklichkeiten ermutigen, gerade zum Beispiel: Gleichgeschlechtliche
land so viele Menschen so zum jetzigen Zeitpunkt das Thema Partnerschaften in einer Pfarrei; Mög-
lange in einer monogamen aufzugreifen: Zum einen der Pastoral- lichkeiten, Paare zu segnen, die nicht
Ehe gelebt wie heute. Diese plan für das Bistum Münster, der ein- kirchlich heiraten wollen oder können;
Erkenntnis ist eine von lädt, sich im Vertrauen auf Gott und die die Frage nach dem Wirken des Geistes
vielen Tatsachen, die uns zum jetzigen Menschen der Wirklichkeit zu stellen. Gottes in einer Partnerschaft, in der
Zeitpunkt bewegt, diese Ausgabe von Wie die Welt als ganze sind auch Part- Menschen sich nicht das Sakrament der
Unsere Seelsorge dem Thema „Partner- nerschaft, Ehe und Familie Gottes voll. Ehe gespendet haben.
schaft, Ehe und Familie“ zu widmen. In ihnen gibt es auch heute Geistesga-
ben zu entdecken. Zum anderen lädt Bei aller Vorläufigkeit vieler Antworten
Die Ideale der katholischen Kirche wer- die Umfrage zur Bischofssynode, deren und der denkbaren Einwände, die gegen
den im Kontext biografischer und gesell- erster Teil im Herbst 2014 in Rom statt- bestimmte Positionen aus anderer Pers-
schaftlicher Veränderungen reflektiert. findet, zum Nachdenken ein. Bereits im pektive geltend gemacht werden können,
Neue Herausforderungen, denen sich Dezember 2013 gab es hierzu eine breit wünsche ich allen Leserinnen und
die Familien stellen müssen, werden angelegte Befragung in der Weltkirche, Lesern eine gute Lektüre. Sie helfe vor
in den Blick genommen. Wir fragen uns die ebenfalls in dieser Ausgabe berück- allem denen, über die in diesem Heft
nicht nur, wie sich die Kirche Partner- sichtigt wird. geschrieben wird, damit sie, bevor sie
schaft, Ehe und Familie vorstellt. Wir einander lieben, erfahren, wie sehr sie
fragen auch: Was suchen die Menschen, Gleichzeitig widmen wir uns diesem von Gott durch die Kirche geliebt sind.
wenn sie nach Freundschaft und Partner- Thema zu einem Zeitpunkt, in dem
schaft, Ehe und Familie suchen? Die viele Fragen offen sind. Einige Artikel Herzlich
Artikel setzen sich unter anderem mit berichten über Erfahrungen aus ande-
der Frage nach einer angemessenen ren Diözesen, in denen zum Teil bereits Ihr
pastoralen Antwort auf die aktuelle pastorale Antworten gegeben werden,
Situation auseinander. Sie stellen sich wo wir in unserem Bistum bisher ledig-
im Geiste Jesu bleibenden Werten lich die Fragen wahrnehmen.
unter veränderten Bedingungen. Dabei
spielen auch Beratungssysteme und Neben meinem Dank an alle Autorinnen
Verbände eine Rolle, weil sie Menschen und Autoren, die sich der schwierigen
in ihren konkreten Lebenskontexten Thematik stellen, gilt mein besonderer
unterstützen, Partnerschaft, Ehe und Dank denen, die sich Themen widmen,
Familie zu gestalten. die oftmals ausgeblendet werden wie
Pater Manfred Kollig SSCC
Bischöfliches Generalvikariat Münster
Leiter der Hauptabteilung Seelsorge4 Unsere Seelsorge Ehe und Familie Verbindlichkeit auf Dauer angesichts moderner Unverbindlichkeit? „Drahtseilakt Ehe“ – lautet die Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz zum Familiensonntag 2014: ein ungewöhnliches und ungewohntes Bild für eine Lebensform, die mit zu den ältesten Institutionen un- serer Zivilisation gehört. Dieses Bild ist irritierend anders als die Vorstellungen, die traditionell mit Blick auf die Ehe Verwendung finden. Da ist etwa die Rede vom „Topf, der seinen Deckel gefunden hat“, als ob diese wechselseitige Bestimmung und Passung naturgegeben wäre. Dann läuft das Paar in den „Hafen der Ehe“ ein, die unsicheren Gewässer sind verlassen, am sicheren Ankerplatz kann der Nestbau begin- nen in Verbundenheit mit all den anderen, die dort bereits vertäut sind. Dort übernimmt das Ehepaar dann seine Aufgaben in Familie, Welt und Kirche vor Ort.
5
Wie anders und verstörend mutet dage- 15. und 25. Ehejahr – ein Zeitraum der
gen das Bild vom Drahtseilakt an. Nichts vor hundert Jahren im Durchschnitt
scheint jemals dauerhaft gesichert. Fort- noch gar nicht erreicht wurde. Im Jahr
während droht der (Zer-)Fall in die eine 1963 lag der Anteil der Spätscheidungen
oder andere Richtung. Wenn man das an der Anzahl aller Scheidungen noch
Bild vor seinem inneren Auge entstehen bei 4,5 Prozent, Anfang der 1990er be-
1
lässt, möchte man fast den Atem an- reits bei über 30 Prozent .
halten. Was aber hat sich in den letzten Seit Jahren wird auf die deutlich gestie-
Jahrzehnten verändert rund um Ehe und gene Zahl von Ehescheidungen verwie-
Familie, sodass selbst die Bildsprache sen. Korrekterweise müsste man formu-
einen eindrücklichen Wandel sichtbar lieren: Die Anzahl der Ehescheidungen
werden lässt? Und vor allem: (wie) passt stagniert seit über zehn Jahren auf ho-
unser kirchlich-pastorales Denken und hem Niveau. Neueste Zahlen aus NRW
Handeln dazu? deuten sogar auf einen rückläufigen
Trend hin. So erfreulich diese Entwick-
Biografische Veränderungen lung auch ist, gibt sie jedoch noch keinen
Die biografischen Veränderungen – Anlass, die Hände in den Schoß zu
vor allem durch den Fortschritt in der legen. Die Scheidungsquote ist mit etwa
medizinischen Versorgung – führen zu 30 Prozent anzugeben – mit einem
einer deutlich gestiegenen Lebenserwar- deutlichen Stadt-Land- und Ost-West-Ge-
tung. Im gleichen Atemzug verlängert fälle. Durchschnittlich endet jede dritte
sich die Latenzphase zwischen dem Ehe vor dem Scheidungsrichter. Dem
Eintritt in das Erwachsenenalter und korrespondiert die Tatsache, dass die
der Gründung einer Familie. Längere
Ausbildungszeiten bedingen ein späteres
Heiratsalter. Unter diesen Veränderun-
„ Die Anzahl der Ehescheidungen stagniert
gen und im Kontext einer kindorientier- seit zehn Jahren auf einem hohen Niveau.
ten Eheschließung, wenn erst bei beider-
seits vorhandenem Kinderwunsch oder
schon vorliegender Schwangerschaft Zahl der Eheschließungen in den letzten
geheiratet wird, entsteht der Raum für Jahrzehnten deutlich rückläufig war.
differenzierte Formen nichtehelicher Während noch 1950 10,7 Ehen pro 1000
Lebensgemeinschaften. Mit dem Anstieg Einwohner geschlossen wurden, waren
der Lebenserwartung hat auch die es 1990 nur noch 6,6 Ehen und 2009
Ehedauer zugenommen. Um 1900 lag nur noch 4,6 Ehen. In NRW waren es
die durchschnittliche Ehedauer noch 2013 fünf Ehen pro 1000 Einwohner. Auf
bei 17 bis 18 Jahren, 1980 dagegen schon der anderen Seite entstehen alternative
bei 40 Jahren. Nachdem die Kinder das Lebensformen, die an Bedeutung zuneh-
familiäre Nest verlassen haben, wartet men. Seit Jahren wird eine zunehmende
auf das Paar noch eine beträchtliche Le- Pluralisierung der Lebensformen festge-
benszeit, die nicht einfach nur ausgeses- stellt. Ob Ehe oder nichteheliche Lebens-
sen werden kann und will, sondern einer gemeinschaft, Zweit- oder Drittehe – was
Neuorientierung bedarf. Gerade diese auch immer – es ist eine Entscheidung,
nachfamiliäre oder nachelterliche Phase die dem Einzelnen anheim gestellt ist.
ist oft sehr krisenanfällig. Das scheint Die Ehe ist ein Partnerschaftsmodell
nicht verwunderlich, ist man doch unter anderen geworden.
mehr oder weniger plötzlich wieder mit
seinem Partner allein und kann nicht Ökonomische Eckdaten
mehr – weder bei Aktivitäten noch in Gleichzeitig ist unsere Arbeitswelt von
Konflikten – auf die Kinder ausweichen. vielfältigen Umbrüchen durchzogen. In
Das Paar ist auf sich selbst verwiesen. der Tendenz werden lebenslange Berufs-
biografien bei ein und demselben Arbeit-
Pluralisierte Lebensformen geber zu einer Ausnahmeerscheinung.
Im Zuge dieser Veränderungen gibt es Die Zahl befristeter Arbeitsverträge hat
einen sprunghaften Anstieg so genann- in den vergangenen zwei Jahrzehnten
ter Spätscheidungen zwischen dem deutlich zugenommen.6 Unsere Seelsorge
Seit 1991 war der Anteil atypisch Wirtschaft, die angesichts des demogra-
Beschäftigter (12,8 Prozent) nahezu phischen Wandels und Fachkräfteman-
kontinuierlich gestiegen und hatte gels das Humankapital gut ausgebildeter
2007 seinen bislang höchsten Wert von Frauen genutzt sehen wollte, hat sich ein
22,6 Prozent erreicht. Seitdem blieb Leitbild der Vereinbarkeit von Familie
er knapp unter diesem Niveau. Zu den und Beruf etabliert, das als vollzeitnahe
so genannten atypischen Beschäfti- Teilzeitbeschäftigung bezeichnet wird.
gungsverhältnissen zählen solche mit Zuletzt schlug Anfang 2014 Familien-
befristetem Arbeitsvertrag ebenso wie ministerin Manuela Schwesig eine um
Jobs mit einer Arbeitszeit von weniger circa 20 Prozent verringerte Wochen-
als 21 Stunden pro Woche, geringfügige arbeitszeit für Eltern mit steuerfinan-
Beschäftigungen oder Beschäftigun- ziertem teilweisen Lohnausgleich vor.
gen bei Zeitarbeitsfirmen. Atypische Davon betroffen sind natürlich auch die
Beschäftigungsverhältnisse bieten dem Kinder. Der in den letzten Jahren massiv
Arbeitgeber flexiblere Möglichkeiten betriebene Ausbau der Kinderbetreuung
des Personaleinsatzes, gehen aber für ist Voraussetzung dafür, dieses Leitbild
den Arbeitnehmer im Allgemeinen mit in der Praxis zu verwirklichen.
„ Eine Ehe, die nicht (mehr) wegen wirtschaftlicher Notwendigkeiten
Mobilität und Familienalltag
Eine berufsbezogene Mobilität – sei es
geschlossen und aufrechterhalten werden muss, bringt auch deutlich beim gleichen Arbeitgeber an unter-
andere Erwartungshorizonte mit sich. schiedlichen Standorten oder Verlage-
rung des Lebensschwerpunktes an den
Ort des (nächsten) Arbeitgebers – sind
geringerer sozialer Absicherung einher. mittlerweile Bestandteil des individu-
Insgesamt sind es häufiger die jüngeren ellen und gesellschaftlichen Erwar-
Beschäftigten, die sich in befristeten tungshorizonts. Eltern können nicht
Arbeitsverträgen wiederfinden. In der mehr davon ausgehen, dass ihre Kinder
Altersgruppe der 20- bis unter 25-Jähri- nach Erreichen des Erwachsenenalters
gen arbeitet gut jeder Vierte mit befris- ihren Lebensschwerpunkt in kurzfris-
tetem Vertrag. Bei Beschäftigten ab tig erreichbarer Nähe aufbauen. Damit
etwa dem 30. Lebensjahr geht der Anteil verbunden ist, dass die Gestaltung
zeitlich begrenzter Beschäftigungen der Beziehung der Großeltern zu den
merklich zurück. Verheiratete Personen Enkelkindern einen eigenen logistischen
arbeiten verglichen mit ledigen Personen Aufwand erfordert, weil sie sich nicht
gleichen Alters seltener in befristeten einfach in den Alltag integrieren lässt.
Arbeitsverhältnissen. Die Häufigkeit be- Auf der anderen Seite können damit die
fristeter Arbeitsverhältnisse wird unter jungen Eltern auch nicht mehr spontan
anderem auch durch geänderte gesetzli- auf die Großeltern zurückgreifen, wenn
che Rahmenbedingungen – insbesonde- entweder die Kinderbetreuung ausfällt
re durch das am 1. Januar 2001 in Kraft oder das Kind krankheitsbedingt zu
getretene Teilzeit- und Befristungsgesetz Hause betreut werden muss. Selbst
beeinflusst. Auf diese Weise greift der eine gut organisierte Vereinbarkeit von
Gesetzgeber die Entwicklungen auf und Familie und Beruf kommt hier an die
schafft Rahmenbedingungen, unter de- Grenzen.
nen neue Entwicklungen möglich sind.
Institutionalisierte Mehrfachbelastung
Vereinbarkeit von Familie und Beruf Man mag von diesen Entwicklungen
Die Rollenveränderung von Frauen in halten, was man will. Kontroverse Dis-
der Gesellschaft und das gestiegene Bil- kussionen zu den einzelnen Punkten
dungsniveau von Frauen haben Maßnah- gibt es. Die Kontroverse betrifft vor allem
men notwendig gemacht, um die Verein- die Frage, ob wir mit den ausufernden
barkeit von Familie und Beruf voranzu- Kinderbetreuungszeiten vor allem die
treiben, damit gut ausgebildete Mütter Kleinsten der Kleinen nicht überfor-
nicht zu traditionellen Familienformen dern. Gleichzeitig werden Studien ins
verurteilt sind. Auch im Interesse der Feld geführt, die darauf verweisen, dass7
gleichberechtigte und vor allem Doppel- Neben diesen wirtschaftlichen und (mehr) wegen wirtschaftlicher Notwen-
Verdiener-Familien unzufriedener sind, gesellschaftlichen Zusammenhängen digkeiten geschlossen und aufrechterhal-
weil es nach wie vor einfacher sei, tradi- mit all ihrem Druck auf das Ehe- und Fa- ten werden muss, auch deutlich andere
tionellen Rollenmustern zu folgen. Die milienleben wurde noch nicht erwähnt, Erwartungshorizonte mit sich bringt.
Entwicklungen haben in jedem Fall tief wie auch das Freizeitverhalten einen Es geht heute in besonderem Ausmaß
greifende Auswirkungen auf das famili- weiteren Baustein darstellt, der die Welt allem voran um das persönliche Glück
äre Leben. von Familien verkomplizieren kann. und das ganzmenschliche, individuelle
Denn die Freizeit-, Sport-, Kultur- und Angenommen-Sein in einer Liebesbezie-
Vor allem die Doppelbelastung von Be- Konsumwünsche der Eltern als Paar hung. Nave-Herz schreibt deshalb: „Die
ruf und Haushalt, „Organisationsstress“, und als Einzelne müssen ausbalanciert Zunahme der Ehescheidungen ist nicht
Kinderbetreuung, die Arbeitszeit beider werden mit den Freizeit- und Förderakti- die Folge eines gestiegenen Bedeutungs-
Elternteile und die Familienzeit zu vitäten der nachwachsenden Generation, verlusts der Ehe; nicht die Zuschreibung
koordinieren, trifft Frauen nach wie vor sodass freie und unverplante Tage oder der ‚Sinn’-losigkeit von Ehe hat das
stärker als Männer und wirkt sich auf die Wochenenden oft die Ausnahme darstel- Ehescheidungsrisiko erhöht und lässt
Qualität und Stabilität von Paarbeziehun- len. In diesem Konglomerat etwa noch Ehepartner heute ihren Eheentschluss
gen aus. Nicht zuletzt sei darauf verwie- eine wöchentliche Kommunionvorberei- eher revidieren, vielmehr ist der Anstieg
sen, dass viele Familien finanziell darauf tung zu platzieren, kann zur logistischen der Ehescheidungen Folge gerade ihrer
angewiesen sind, dass beide Elternteile Meisterleistung avancieren. hohen psychischen Bedeutung und
arbeiten – obwohl sie sich ein anderes Wichtigkeit für den einzelnen, so dass
Modell wünschen. Einiges deutet darauf Folgen für das Leitbild moderner Paar- die Partner unharmonische eheliche
hin, dass gerade die Finanzlage, die für beziehung Beziehungen heute weniger als früher
die Lebenszufriedenheit von großer Be- Fasst man die Entwicklungen wie in ertragen können und sie deshalb ihre
deutung ist, die Ambitionen von Vätern einem Brennglas zusammen, kann man Ehe schneller auflösen. Ehescheidungen
begrenzt, Teilzeit zu arbeiten. konstatieren, dass eine Ehe, die nicht sind also auch eine Folge hoher, ideali-8 Unsere Seelsorge
sierter Erwartungen, die sich mit einer Recht gestellt werden. In Deutschland
2
Eheschließung verbinden.“ Gestützt hat dieses Recht sogar Verfassungsrang.
wird diese Feststellung von neueren Ein Ehepaar erwirbt sich damit gewis-
Forschungsergebnissen. Bodenmann se Vorteile, vor allem in steuerlicher
konstatiert, dass der Entschluss zur Hinsicht. Im Falle eines Scheiterns ist es
Trennung und Scheidung nicht mehr dann an die Vorgaben des Scheidungs-
nur das Ergebnis einer nicht mehr zu- und Unterhaltsrechts gebunden. Inwie-
frieden stellenden ehelichen Beziehung weit dieses Scheidungs- und Unterhalts-
und eines dementsprechend hohen recht jeweils dem entspricht, was als ge-
Konfliktpotentials ist. Scheidungen sind recht empfunden wird, ist nicht immer
in zunehmendem Maß auch in Fällen eindeutig. Somit kann das Eherecht in
zu verzeichnen, in denen psychologische einer Zeit, in der die Wahrscheinlichkeit
Messinstrumente keine krisenhaften als relativ hoch eingestuft werden muss,
Indikatoren anzeigen. Die gefährdete mit den Ecken und Kanten des Schei-
Größe findet sich zunehmend im Com- dungs- und Unterhaltsrechts Bekannt-
mittment, also in der inneren Loyalität schaft zu machen, seinen Schutzcharak-
und Gebundenheit der Partner anein- ter verlieren.
ander. Auch als zufrieden erlebte Ehen Historisch gesehen ist dies eine interes-
werden gelöst, weil externe Alternati- sante Entwicklung. Denn das Eherecht
ven als (noch) vielversprechender und hat in seinem Kern als ein Freiheitsrecht
erfüllender wahrgenommen werden. Die zu gelten, nämlich als Recht auf die
Eheschließung. In der Vormoderne war
„ Die Ehe ist zwar immer noch der Standard, aber
die Eheschließung ein Privileg, das nur
einer Minderheit der Gesellschaft zuteil
wer begnügt sich auf Dauer mit dem Standard? wurde. Für eine Eheschließung musste
eine Erlaubnis eingeholt werden: von den
Eltern, von der Zunft, vom Landesherren
Trennung ist sozusagen Ergebnis einer oder anderen Autoritäten, was zur Folge
inneren Bilanzierung von zu erwarten- hatte, dass der Großteil der einfachen
3
den Glückserfüllungen . Die Ehe ist Landbevölkerung von der Eheschließung
zwar immer noch der Standard, aber ausgeschlossen blieb.
wer begnügt sich auf Dauer mit dem
Standard? Neoromantischer Erwartungshorizont?
Zurückgehende Heiratsraten und die Gleichzeitig ist der Wert einer gelun-
Zunahme nichtehelicher Lebensgemein- genen Partnerschaft oder Ehe in der
schaften erscheinen in diesem Licht Moderne hoch, vielleicht weil die Paar-
nicht als moderne Ausdrucksformen beziehung und die Ehe als der einzig
jugendlicher Bindungsangst, sondern konkrete Ort erscheinen, an dem sich
vielmehr als ein gutes Stück Realismus die Sehnsucht nach einem gelungenen
angesichts der veränderten Grundlagen und erfüllten Leben verwirklichen lässt.
der Ehe in der Moderne. In einer Welt, in der Leistungsvermögen,
Rationalität, soziale Segmentierung und
Rechtsinstitution Ehe? Funktionalisierung den Ton angeben, er-
Selbst der staatliche Schutz von Ehe scheinen der soziale Nahraum und hier
gerät in den Strudel einer Ambivalenz insbesondere die intime Paarbeziehung
von Schutz, Sicherheit und Vorteilsge- als Glücksversprechen par excellence.
währung auf der einen Seite, aber eben Nur hier kann man noch hoffen, so an-
auch von Reglementierung, Tren- genommen zu werden, wie man wirklich
nungshindernis und unkalkulierbaren ist, unabhängig von Leistungsvermögen
Langzeitfolgen andererseits. Die Ehe ist und Geld. Die Paarbeziehung und die
eine Institution, die manifeste rechtliche Ehe geraten damit unter neoromanti-
Relevanz besitzt. Das Zustandekommen sche Vorstellungen, die zum Leitbild
einer Ehe ist an eine öffentlich greifbare der modernen Beziehung von Frau und
Form gebunden, in deren Konsequenz Mann avancieren. Unter dem Primat
eigene Handlungs- und Entscheidungs- des Gefühls und des fortwährenden
freiheiten unter allgemein normiertes Glückserlebens erscheint Intimität die9
größtmögliche menschliche Nähe und welcher Qualität auch immer. Nave-Herz sondern vielfach auch kirchlicherseits ist
damit Glück zu versprechen. Die Ehe fasst dies pointiert dahingehend zusam- die kirchen- und gesellschaftstragende
wird so gleichzeitig mit der Hypothek men, dass „noch nie so viele Menschen Bedeutung der Ehe noch nicht umge-
6
belastet, die Dauerhaftigkeit der Gefühle in einer zeitlich so langen monogamen setzt.“
5
von Sympathie und Zuneigung zu ge- Ehe gelebt haben wie heute“ .
währleisten. Der Soziologe Beck spricht Die Frage einer den Zeichen der Zeit
in diesem Zusammenhang von der Konsequenzen für die Ehepastoral gerecht werdenden Ehepastoral bleibt ein
4
Liebe als „Religion nach der Religion“ . Die Theologie kann sich diesen Entwick- weitgehend unbearbeitetes Feld. Noch
Diese doch sehr viel anspruchsvolleren lungen und den damit verbundenen immer stehen Kirche und Pastoral eher
Erwartungen sind gleichzeitig ein sehr fundamentalen Umbrüchen im Hinblick mit angehaltenem Atem vor dem ein-
viel fragileres Fundament, als es etwa auf die Ehe nicht entziehen. Das Schei- gangs zitierten Drahtseilakt, unschlüssig
wirtschaftliche Erwägungen waren. Dies tern von Paarbeziehungen und Ehen ob und vor allem wie die Balancieren-
bedingt, dass das Gelingen einer Ehe in im gegenwärtigen Ausmaß kann nicht den gestützt werden können. Bei den
einem noch nie dagewesenen Ausmaß (länger) als massenhaftes individuelles Balancierenden selbst hat sich angesichts
an eine erfolgreiche Konfliktbewältigung Scheitern und moralisches Versagen ver- dieser Situation derweil weitgehend
und ebensolche Kompetenz gebunden ist standen werden. Begreift man die epo- Frust breit gemacht.
– über die gesamte Ehedauer hinweg, die chalen Umbrüche in ihrer Konsequenz
ihrerseits einen historisch nie dagewese- als Überforderung der Möglichkeiten
nen Umfang angenommen hat. des Einzelnen, wird deutlich, dass ein
gebetsmühlenartiges Wiederholen mo-
Ambivalenter Befund ralischer Appelle ebenso wenig fruchten
Der Gesamtbefund ist also ausgespro- wird wie die Einschärfung kirchlicher
chen ambivalent. Auf der einen Seite ist Lehren und Normen. Ein fortwährendes
ein Bedeutungsverlust der Ehe als Insti- Lamentieren über diese Entwicklun-
tution zu konstatieren. Die Ehe hat ihre gen und die Vergeblichkeit pastoralen
Bedeutung in ökonomischer Hinsicht Mühens droht zur Theaterkulisse im
und zur Legitimierung von Sexualität kirchlichen und pastoralen Handeln zu
und Paarbeziehung weitgehend verlo- werden. Die Wirklichkeit sieht längst
ren. Die veränderten gesellschaftlichen anders aus. Das Resumee von Dem-
Rahmenbedingungen und die größere mer in Sachen Ehepastoral ist recht
Fragilität der Ehe führen zu einer grö- ernüchternd: „Für die weitaus meisten
ßeren Eheskepsis. Auch das Fundament Menschen ist die Ehe der normale
der Ehe – die Liebe – ist fragiler gewor- Lebensstand; gleichwohl bleiben Kirche
den. Gleichwohl werden gerade mit der und Gesellschaft ihnen fundamentale
Paarbeziehung und der Ehe hohe Erwar- Hilfen zum Gelingen schuldig. Das wird
tungen verbunden. Vielleicht erklärt sich besonders leidvoll erfahren im Raum der
so der Befund, dass die große Mehrheit kirchlichen Öffentlichkeit. (…) Enga-
aller Deutschen bis zu ihrem 50. Le- gierte Christen wollen von der Kirche
bensjahr heiraten. Manche davon sogar wissen, wie die Ehe als Sakrament, als
mehrmals. Bei einer Scheidungsquote ganz persönliche Berufung im Kontext
von 30 bis 50 Prozent verbleiben dann einer säkularisierten, zerfließenden und Dr. Markus Wonka
immer noch 50 bis 70 Prozent der Ehen, profillosen Gesellschaft gelebt werden Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatung
die von dauerhaftem Bestand sind – in kann.“ Nicht nur gesellschaftlicherseits, wonka@bistum-muenster.de
1 Knapp, M. (1999): Glaube – Liebe – Ehe. München-Freising am 18.11.2010 in München. Kontinuität der Familie in der Bundesrepublik
Ein theologischer Versuch in schwieriger Zeit. 4 Beck, U. (1990): Freiheit oder Liebe. Vom Deutschland. Stuttgart. 89.
Würzburg. 16. Ohne-, Mit- und Gegeneinander der Geschlech- 6 Demmer, K. (1995): Der Ursprung einer
2 Nave-Herz, R. (1994): Familie heute. Wandel ter innerhalb und außerhalb der Familie. 37. Idee. In: INTAMS review 1/1, 23.
der Familienstrukturen und Folgen für die In: Ders. & Beck-Gernsheim, E. (Hrsg.): Das
Erziehung. 118. ganz normale Chaos der Liebe. 20-64.
3 Vgl. Bodenmann, G. (2010): Die Bedeutung 5 Nave-Herz, R. (1988): Kontinuität und Wan-
der Partnerschaftsqualität für Partner und del in der Bedeutung, in der Struktur und Stabi-
Kinder. Vortrag beim 40. Jubiläum der Ehe-, lität von Ehe und Familie in der Bundesrepublik
Familien- und Lebensberatung im Erzbistum Deutschland. In: Dies. (Hrsg.): Wandel und10 Unsere Seelsorge Kein Speed-Dating! Familien brauchen Zeit Was ist eine Familie und wie leben Familien? Auf diese Fragen kann es heute keine einfachen Antworten mehr geben. Auch dieser Artikel wird sie nicht liefern. Stattdessen soll versucht werden, einige bedeut- same Aspekte „aktuellen“ Familienlebens aufzuzeigen.
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Familien zeigen sich heute vielfältig, vollbringen. Feste Rollenvorbilder gibt ßen: „Die Beziehungen zwischen den
nicht nur in ihrer Gestalt, sondern auch es nicht mehr, „jede Familie muss sich Mitgliedern der Familiengemeinschaft
in der Gestaltung ihres Familienlebens. selbst erfinden“, wie Kardinal Lehmann werden vom Gesetz des unentgeltlichen
Unabhängig davon gilt aber für alle es einmal ausdrückte. Wenn Soziologen Schenkens geprägt und geleitet, das in
Familien: Sie erbringen unverzichtbare mittlerweile vom „doingFamily“ spre- Allem und in jedem Einzelnen die Per-
Leistungen für die einzelnen Mitglieder chen, wird darin deutlich, dass Famili- sonenwürde als einzig entscheidenden
und für die gesamte Gesellschaft, indem enleben nicht einfach „da ist“, sondern Wertmaßstab achtet und fördert, woraus
sie Verantwortung füreinander überneh- dass es einer bewussten Planung und sodann herzliche Zuneigung und Begeg-
men, Kindern ein (liebevolles) Zuhause Gestaltung bedarf, um Familie lebbar zu nung im Gespräch, selbstlose Einsatzbe-
schaffen und ihnen damit die wichtigs- machen. reitschaft und hochherziger Wille zum
te Voraussetzung für ein gelingendes
Leben mitgeben. In der öffentlichen
Diskussion und in den Medien wird
dagegen oftmals ein defizitäres Bild von
„ Familienleben ist nicht einfach da, sondern
bedarf einer bewussten Planung und Gestaltung.
Familie gezeichnet, während der norma-
le Familienalltag nicht der Erwähnung
wert zu sein scheint.
Dienen sowie tief empfundene Solidari-
Familientrends Beziehungsstil tät erwachsen können.“ (FC 43)
In der Familienforschung werden Wie sich die Rollen von Frauen und In der Sprache des Soziologen klingt das
mehrere Aspekte genannt, die für das Männern in den letzten Jahrzehnten eher so: „Der Output familialer Leistun-
Familienleben in unserer Gesellschaft verändert haben, hat sich auch die gen kann genauer beschrieben werden
charakteristisch sind. In einer Anfang Eltern-Kind-Beziehung zu einer eher als Bildung, Wohlbefinden und Glück,
des Jahres 2014 veröffentlichten Studie partnerschaftlichen Beziehung hin ver- Gesundheit, Lebensführungskompetenz
„Vater, Mutter, Kind?“ der Bertels- ändert. War der Erziehungsstil bis vor ei- ...“ 1
mann-Stiftung zeigt etwa Karin Jurczyk nigen Jahrzehnten noch durch Autorität Deutlich wird bei aller sprachlichen
(Deutsche Jugendinstitut | DJI) „Acht und Strenge geprägt, spricht man heute Unterschiedlichkeit an diesen Zitaten:
Trends, die Politik heute kennen sollte“ von einem „autoritativen“ Erziehungsstil, Es geht in der Familie um Liebe und
auf: der in den Familien praktiziert wird. El- Fürsorge!
•• die Vervielfältigung der Lebensformen tern, die ihre Kinder autoritativ erziehen, Hierin liegt kurz gefasst die Einzig-
(unterschiedliche Familienformen, gehen liebevoll auf diese ein und üben artigkeit der Familie und der Grund,
Zunahme nichtehelicher Lebensge- gleichzeitig ein hohes Maß an Autorität warum bei Jugendlichen die Familie
meinschaften), aus. Dieser Erziehungsstil beinhaltet das nach wie vor hoch im Kurs ist, wie die
•• die Erosion des Ernährermodells Einbeziehen der Kinder in Entscheidun- Shell-Jugendstudien belegen. Dies sind
(oftmals sind beide Elternteile erwerbs- gen (beispielsweise über den Famili- die Stärken, oder mit der Sprache des
tätig, ein Einkommen reicht nicht aus, enurlaub, die Gestaltung von Freizeit Pastoralplans für das Bistum Münster
um die Familienausgaben zu decken), und Festen). Selbstständigkeit und freier gesprochen, die Charismen der Famili-
•• die Entgrenzung von Erwerbsbedin- Wille haben Gehorsam und Anpassungs- en, die weiter ge- und bestärkt werden
gungen (Mobilitäts- und Flexibilitäts- fähigkeit als Erziehungsziele abgelöst. In müssen.
anforderungen in der Arbeitswelt), diesem Zusammenhang wird auch von
•• Eltern stehen unter Druck (Schwierig- der Familie als „Verhandlungsfamilie“ „Zeit für Familie“
keiten, Familie und Beruf zu verein- gesprochen. Dieses Verhandeln setzt lautet der achte Familienbericht der
baren), nicht nur bei Erziehungsfragen eine Bundesregierung aus dem Jahr 2012
•• die Polarisierung von Lebenslagen, hohe Kommunikationsfähigkeit der Fa- betitelt. Dass Familien neben einem
•• eine kulturelle Diversifizierung – Zu- milienmitglieder voraus. Dass es auch zu finanziellen Lastenausgleich und einer
nahme von Familien mit Migrations- Unsicherheiten kommt, wenn es keine guten Infrastruktur auch Zeit benöti-
hintergrund, starren Rollen – beziehungsweise Erzie- gen, hat in den letzten Jahren Einzug
•• neue Gestaltungsräume von Kindheit hungsvorbilder gibt, zeigt sich etwa an in Wissenschaft und Politik gefunden.
und der Fülle von Erziehungsratgebern, die Liebe, Fürsorge, Bindung, Beziehun-
•• die schwindende Passfähigkeit von jedes Jahr veröffentlicht (und verkauft) gen, – also die wesentlichen Merkmale
Infrastrukturen für Familien. werden. der Familie – brauchen Zeit! Mit diesem
Bedürfnis steht die Familie allerdings
Anhand dieser aktuellen Trends wird Was macht Familie aus? in krassem Gegensatz zu einer schnell-
schon deutlich, welche Leistungen Das apostolische Schreiben Familia- lebigen Gesellschaft, die beispielsweise
Familien allein durch das „Managen“ risConsortio beschreibt das Wesen der gekennzeichnet ist durch eine Konsumo-
und Gestalten ihres Familienalltags Familie unter anderem folgenderma- rientierung, die Einkaufen permanent12 Unsere Seelsorge
möglich macht, in der 24-Stunden-Nach- vollbeschäftigten Arbeitnehmer ihre
richtenübermittlung selbstverständ- Kinder zu glücklichen, kreativen und
lich ist, Finanz-, Versicherungs- und bindungsfähigen Menschen erziehen
andere Dienstleistungen in „Callcenter“ sollen, einfach: Quality Time. Das klingt
verlagert werden und Paare sich beim vielversprechend. Ins Deutsche übersetzt
„Speed-Dating“ kennen lernen. heißt Quality Time in etwa: Die lange
Normalzeit gehört dem Unternehmen,
Die sozialen Systeme, denen die Fami- für das man arbeitet. Die kurze Zeit
lienmitglieder angehören, also etwa gehört den Kindern und heißt, weil sie
Arbeitswelt, Tageseinrichtung oder so kurz ist, eben Qualitätszeit (…) Wenn
Schule, haben unterschiedliche Zeittakte Kinder etwas brauchen, dann ist es Zeit
– den Familienmitgliedern kommt die und nicht Qualitätszeit. Sie brauchen
Aufgabe zu, diese Zeittakte in Einklang Verlässlichkeit und Freiheit, Zuwendung
zu bringen, um etwa eine „Ko-Präsenz“ und Entfaltungsmöglichkeiten und si-
am Familientisch herzustellen. Das cher noch eine ganze Menge mehr. Was
Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat schon sie ganz und gar nicht brauchen, sind
2009 festgestellt, dass regelmäßige Eltern, die zwischen Feierabend und
Mahlzeiten für das Familienleben eine Tagesschau ein pädagogisches Qualitäts-
wichtige Rolle spielen. Mahlzeiten sind feuerwerk abfackeln.“
häufig eine der wenigen Gelegenheiten,
Zeitwünsche von Kindern
„ Die sozialen Systeme, denen die Familienmitglieder
Acht- bis 14-jährige Kinder, die nach
ihren Zeitwünschen mit den Eltern
angehören, also etwa Arbeitswelt, Tageseinrichtung befragt wurden, haben das sehr treffend
oder Schule, haben unterschiedliche Zeittakte. auf den Punkt gebracht: Sie wünschen
sich verlässliche Zeiten mit den Eltern
und bei Bedarf auch Flexibilität. Sie
zu denen die gesamte Familie regelmä- wünschen sich erreichbare Eltern und
ßig zusammenkommt. Die gemeinsa- beiläufige Zeiten mit ihnen. Darüber
men Mahlzeiten „beinhalten nicht nur hinaus möchten sie Zeit für „kostbare“
Aspekte von Ernährung, sondern von Gelegenheiten wie Geburtstage oder
Familienzusammengehörigkeit, von andere Feste. Ebenso wünschen sie sich
Fürsorge im emotionalen und körper- aber auch Zeit mit ihren Freunden und
lich-gesundheitlichen Bereich, von Zeit für sich selber, die sie ohne Eltern
kulturellen, sozialen und kognitiven verbringen wollen. 3
Lern- und Bildungsprozessen und mehr.
Sie repräsentieren, prototypisch für die An diesen Zeitwünschen der Kinder
meisten Aktivitäten in Familien, flexible wird deutlich, dass Familienzeit sowohl
Arrangements von Einzeltätigkeiten, ein quantitative als auch qualitative Aspekte
Gemisch von Beabsichtigtem und Unbe- haben muss: Es geht oftmals darum,
absichtigtem, Routine und Kreativität.“ 2 im „rechten Augenblick“ da zu sein.
Bedürfnisse von Kindern (und auch
Qualitätszeit als Antwort? von älteren, vielleicht pflegebedürftigen
Am Beispiel der Familienmahlzeit, die Familienmitgliedern!) ergeben sich. Sie
beiläufiges und geplantes Tun verbindet, lassen sich nicht ohne weiteres vorherse-
wird deutlich, dass es nicht allein mit hen, planen oder verschieben – und das
„Zeitmanagement“ getan ist: Familie gilt in gleichem Maß für Gelegenheiten,
ist kein Unternehmen, das gemanagt etwa für Gespräche über schwierige The-
werden kann, in dem alles geplant wer- men oder Lernprozesse, die beim Schopf
den kann. Nicht jeder Zeitmangel kann gepackt werden müssen. Es ist also gut,
durch „Qualitätszeit“ ausgeglichen und dass die Eltern dann da sind, wenn sie
kompensiert werden. Iris Radisch schil- gebraucht werden.
dert das in ihrem Buch „Die Schule der
Frauen. Wie wir die Familie neu erfin- Zeitwünsche von Eltern
den“ drastisch so: „ Man nennt die kurze Ein anderer der „Trends, die Politik
Zeit zwischen 18 und 19 Uhr, in der die heute kennen sollte“, ist die „Erosion des13
Ernährermodells“. Laut Statistischem petenzen, um die nötigen „Aushandlun- Familien Hilfen bei der Gestaltung
Bundesamt gab es 2013 in 24 Prozent der gen“ bewältigen zu können. solcher Zeiten anbieten. Ebenso könnte
Familien mit minderjährigen Kindern überlegt werden, welche kostenfreien
im Haushalt das Modell „Mann Vollzeit Pastorale Konsequenzen? Möglichkeiten der Freizeitgestaltung es
erwerbstätig, Frau nicht erwerbstätig“. Aus diesen Skizzen sollte deutlich ge- für Familien geben kann.
Das Modell „Mann Vollzeit / Frau worden sein, dass vor allem Politik und
Teilzeit“ wurde in 45,1 Prozent der Arbeitswelt gefordert sind, diejenigen „In den Familien sind die Menschen
Familien praktiziert, in 18 Prozent der in den Fokus zu nehmen, zu unterstüt- zuhause oder sie suchen dort zumindest
Familien waren beide Elternteile Vollzeit zen und zu schützen, die sie zu ihrem ein Zuhause. In den Familien trifft die
erwerbstätig (mit großen Unterschieden eigenen Erhalt und Fortbestand drin- Kirche auf die Wirklichkeit des Lebens.
zwischen Ost- und Westdeutschland). gend benötigen: die Familien. Es braucht Darum sind diese Testfall der Pastoral
Bezüglich der Arbeitszeiten zeigt sich, tatsächlich einen Dreiklang von Zeit, und Ernstfall der neuen Evangelisie-
dass Väter oft mehr als Vollzeit arbeiten Geld und Infrastruktur, damit Familien rung. Familie ist Zukunft. Auch für die
und sich eine Reduzierung ihrer Arbeits- auch weiterhin ihre wesentlichen Aufga- Kirche ist sie der Weg in die Zukunft.“ 4
zeit wünschen. Mütter, die in Teilzeit ben für die Familienmitglieder, für die
oder in „Minijobs“ arbeiten, wünschen Gesellschaft – gleichermaßen aber auch 1 Walter Kardinal Kasper. Das Evangelium von
sich dagegen häufig eine Ausweitung für die Kirche – erfüllen können. Was der Familie, S.68
ihrer Arbeitszeit. Bei einer Umfrage des können Pfarreien tun? Zum Abschluss 2 Andreas Lange in: Stimme der Familie 3/2012
Forsa-Instituts 2013 gaben zum Beispiel möchte ich einige Anregungen geben, 3 Deutsches Jugendinsti-
38 Prozent der befragten Familien an, wobei auch diese Aspekte als erste tut (DJI) Bulletin, 4/2009
sich eine wöchentliche Arbeitszeit von 30 Anregungen zu verstehen sind, die vor 4 Nach Jurczyk, Zeit für die Familie, Vortrag
Stunden für Mutter und Vater zu wün- Ort ergänzt und ausgestaltet werden in der Akademie Franz Hitze Haus, Münster
schen und dann Hausarbeit und Kinder- könnten:
betreuung gleichermaßen aufteilen zu
wollen. Praktiziert wird dieses Modell Familien brauchen Wertschätzung
derzeit von lediglich sechs Prozent der Oftmals ist Familien selbst nicht mehr
Familien. (Interessant ist, dass diese bewusst, was sie eigentlich leisten. Ein
Aufteilung auch von befragten acht- bis wertschätzender Blick auf die Stärken
14-jährigen Kindern gewünscht wird.) und Charismen der Familien kann er-
Wunsch und Wirklichkeit gehen jedoch mutigen und neue Kräfte freisetzen.
oft auseinander.
Familien brauchen Vernetzung
Ein weiterer Trend, die „Entgrenzung Vernetzung kann der Individualisierung
von Erwerbsbedingungen“ kommt entgegenwirken. Der Austausch mit
erschwerend hinzu: Normalarbeitsver- anderen Familien in ähnlichen Situatio-
hältnisse nehmen ab, zeitliche Flexibili- nen (etwa in Familienkreisen) kann sehr
tät und Mobilität werden vorausgesetzt, entlastend und hilfreich für die Gestal-
feste Zeiten für den Feierabend werden tung des Familienlebens sein.
rar und vielen Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmern fällt es schwer, nach der Familien brauchen Begleitung
Arbeit abzuschalten. Familien werden Die Kommunikations- und Aushand-
dadurch zunehmend herausgefordert, lungsprozesse in den Familien setzen
sich von der Arbeitswelt als „Taktgeber“ eine hohe Kommunikations- und Pro-
abzugrenzen, um das Familienleben zu blemlösungsfähigkeit voraus. Kommu-
schützen. Wenn die Zeit knapp ist, spa- nikations- und Erziehungskurse und
ren Eltern eher an der Zeit für sich selbst professionelle Beratungsmöglichkeiten
und an der Zeit für den Partner und für sind hilfreiche Angebote.
Freunde (Jurczyk). Bemerkenswert ist, Eine gute Paarbeziehung ist die Grund-
dass mit der Fokussierung auf das The- lage für ein gelingendes Familienleben.
ma „Familie und Zeit“ auch der lange Welchen Stellenwert haben zum Beispiel
vernachlässigte Aspekt „Paarbeziehung die Paarvorbereitung und -begleitung in
der Eltern“ als bedeutsame Basis für die der Gemeinde im Vergleich zu Erstkom-
Familie wieder Beachtung findet. Auch munion- und Firmvorbereitung? Sigrun Jäger-Klodwig
hier wird deutlich: Beziehungen wollen Familienbund der Katholiken im
gepflegt werden, es braucht Zeit für Feste und Rituale sind wichtig für Fami- Bistum Münster
Kommunikation und es braucht Kom- lien (Qualitätszeit!). Gemeinden können klodwig@familienbund-ms.de14 Unsere Seelsorge Heute noch relevant? Katholische Sexualmoral Wie steht es mit der katholischen Sexualmoral? Faktisch spielt sie kaum eine Rolle. Die sexualethische Bot- schaft der katholischen Kirche wird noch nicht einmal von der Mehrheit der eigenen Gläubigen ernst ge- nommen. Dabei zeigen einerseits die Sehnsüchte und Hoffnungen der Menschen und andererseits die Verdinglichung der Sexualität durch Kommerzialisierung und Instrumentalisierung, dass die Sexualmoral der katholischen Kirche eine wichtige orientierende und unterstützende Funktion übernehmen könnte und sollte. Elmar Kos, Professor für Moraltheologie an der Katholischen Fakultät der Universität in Vechta, be- schreibt das Dilemma und mögliche (Aus-)Wege.
15
Offenkundige Differenz Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen
Die Umfrage für die außerordentliche damit, dass das wohl größte unbewäl-
Vollversammlung der Bischofssynode tigte Problem der katholischen Kirche
2014 hat unter anderem in Fragen der seit dem Konzil die Sexualmoral ist.
Sexualmoral offenkundig gemacht, was Papst Franziskus stellt sich jetzt der
eigentlich schon seit langem bekannt innerkirchlichen Realität und zeigt sich
ist. Es besteht eine große Differenz diskussionsbereit. Allein der Umstand,
zwischen der kirchlichen Lehre und dem dass der Papst nach der Meinung der
Leben der Gläubigen. Diese Differenz Gläubigen zu diesen Themen fragt,
wird auch von der Zusammenfassung zeigt, wie sehr er die Kompetenz
der Antworten durch die DBK in wün- der Betroffenen ernst nimmt. Papst
schenswerter Offenheit festgehalten. Franziskus formuliert ausdrücklich
Die Gläubigen lehnen die kirchlichen seine Befürchtung, dass die kirchliche
Aussagen zu vorehelichem Geschlechts- Sexuallehre das christliche Kerygma, die
verkehr, zur Homosexualität und zur Verkündigung der frohen und befreien-
Geburtenregelung überwiegend explizit den Botschaft, erschwert und überlagert.
ab. Die katholische Sexualmoral wird Demgegenüber will er verhindern, dass
als reine Verbotsmoral erfahren. Dies
liegt einerseits am sprachlichen Duk-
tus und am autoritativen Anspruch der
lehramtlichen Aussagen. Die Wahrneh-
„ Papst Franziskus stellt sich jetzt der inner-
mung bezieht sich aber vor allem auf kirchlichen Realität und zeigt sich diskussionsbereit.
die inhaltlichen Aspekte. Die kirchliche
Weigerung, homosexuelle Lebenspart-
nerschaften anzuerkennen, wird als Dis- die Verkündigung der Kirche in Fragen
kriminierung von Menschen aufgrund der Ehe und Familie scheitert, weil man
ihrer sexuellen Orientierung wahrge- die Gläubigen aufgrund der norma-
nommen. Das Verbot der Verwendung tiv-dogmatischen Aussagen nicht mehr
künstlicher Empfängnisverhütung wird erreicht.
von der Mehrheit der Katholikinnen
und Katholiken abgelehnt und nicht als Grenzen jeder Verbotsethik
sündhaft betrachtet, wobei gleichzeitig Die Rezeption der Enzyklika Humanae
eine grundsätzliche Offenheit der Ehe Vitae (HV) zeigt, wie berechtigt die
für Kinder von der großen Mehrheit der Befürchtung des Papstes ist. Die Ab-
Gläubigen bejaht wird. Im Blick auf die lehnung der Unterscheidung zwischen
HIV-Prophylaxe wird das Verbot künst- natürlicher und künstlicher Methode der
licher Verhütungsmethoden (Kondome) Geburtenregelung und damit des Ver-
explizit als unmoralisch empfunden. bots der künstlichen Methoden hat die
Verdienste dieses Dokuments nahezu
Biologistische Verengung? völlig verdeckt. Das Bemühen der En-
Diese Differenzen gehen weitgehend zyklika, ein ganzheitliches Verständnis
auf die naturrechtliche Begründung menschlicher Partnerschaft vorzustellen
des Lehramtes für den inneren Zusam- und die eheliche Liebe in ihrem sin-
menhang zwischen Liebe, Sexualität nenhaften und geistigen Charakter zu
und Fruchtbarkeit zurück. Die daraus verstehen, ist aktueller denn je und wird,
gefolgerte Verpflichtung, jeden Sexual- das zeigen die Antworten der Umfrage
akt für Fortpflanzung offen zu halten, ebenfalls, von der Mehrheit der Gläu-
ist für die meisten Gläubigen nicht bigen durchaus geteilt. Auch hier zeigt
nachvollziehbar. Für die Mehrheit der sich die Grenze (wie sie die DBK auf
Gläubigen wird auf diese Weise Nor- der Grundlage der Umfrage formuliert)
mativität unmittelbar aus bestimmten jeder Verbotsethik. Eine Verbotsethik,
Naturgegebenheiten abgeleitet. Eine die versucht, das ihr Wichtige in sankti-
solche biologistisch verengte Auffassung onsbewehrte Anweisungen und Verbote
von Naturrecht wird scharf kritisiert zu fassen, ruft mit diesen rigorosen
und als Widerspruch zum christlichen Anforderungen eine ablehnende Grund-
Menschenbild verstanden. haltung hervor.16 Unsere Seelsorge
Akzentverschiebungen ten binden, sondern die Würde der Per-
Wenn das Lehramt jetzt konstruktiv und son auf die Person als Verantwortungs-
im Sinne des Papstes dialogisch auf die träger beziehen. Dann hat die Person die
abweichende Lebenspraxis von zahlrei- physischen Akte auf ihre geistige und
chen Gläubigen eingeht, ist dies keine soziale Bedeutung hin zu bestimmen.
falsche Anpassung. Es geht vielmehr Durch diese Öffnung wäre auch die
darum, die Kompetenz der Betroffenen Möglichkeit geschaffen, die soziologi-
zu berücksichtigen. Darüber hinaus schen Erkenntnisse zum Strukturwan-
gibt es triftige inhaltliche und sachliche del bezüglich sexueller Erfahrung und
Gründe für eine Revision beziehungs- Partnerschaft der letzten Jahrzehnte und
weise Weiterentwicklung der lehramtli- die humanwissenschaftlichen Erkennt-
chen Position. nisse zur Sexualität des Menschen zu
Bereits die Entwicklung der kirchlichen integrieren. Dazu gehört die Einsicht,
Lehre im 20. Jahrhundert geht von Argu- dass Sexualität immer auch durch die
menten, die auf einem empirisch-biolo- jeweilige Kultur geprägt wird. Der
gischen Naturverständnis beruhen, über klassische, tradierte Normenbestand
der katholischen Sexualmoral realisiert
„ Heute steht die Sexualmoral jedoch vor der Aufgabe, die tiefgreifenden
hauptsächlich die vormals gewohnten
Umstände gelebter Sexualität und Ehe.
lebensweltlichen Veränderungen konstruktiv-kritisch aufzunehmen. Heute steht die Sexualmoral jedoch vor
der Aufgabe, die tiefgreifenden lebens-
weltlichen Veränderungen konstruk-
zu einer Argumentation, die von der Per- tiv-kritisch aufzunehmen.
sonalität des Menschen und seiner damit
gegebenen Würde ausgeht. Besonders Diese Berücksichtigung der kulturellen
deutlich wird diese Akzentverschiebung Prägung jeder Gestaltung der Sexualität
in der so genannten „Ehezweckelehre“, führt jedoch nicht einfach zur Beliebig-
wie sie das II. Vatikanische Konzil doku- keit, da die humanen Sinngehalte der
mentiert. Dort wird weniger von der phy- Sexualität als Konstanten jenseits der
sischen Integrität des Aktes und mehr unterschiedlichen kulturellen Ausprä-
von personalen Werten her gedacht. gungen festgehalten werden können.
Die Fortschreibung von Humanae vitae Setzt man bei den Sinngehalten der
durch Familiaris consortio versucht, Sexualität an, dann ergibt sich als Kern
dieser Akzentverschiebung (angesichts der sexualethischen Botschaft, Sexualität
der Kritik an HV) gerecht zu werden. als Lebensfreude und Freude am Leben
Deshalb wird die naturale Ausrichtung zur Geltung zu bringen. Der Sinn von
des sexuellen Geschehens zur Fortpflan- Sexualität besteht in der Freude am
zung zum Ausdrucksgehalt des perso- anderen und in der Kreativität durch die
nalen Begegnungsgeschehens selber Zeugung neuen Lebens. Die primäre
gezählt. Demnach soll die biologische Sinnbestimmung besteht allerdings im
Naturwirklichkeit (Fruchtbarkeit des Ausdruck gegenseitiger Liebe. Grund-
Aktes) unmittelbar in die personale lage der katholischen Sexualmoral
Wirklichkeit gehören. Dann ist aber wäre dann die Einsicht, dass Sexualität
die Gestalt des personalen sexuellen einen Sinn in sich selbst als leibhaftiger
Verhaltens doch wieder primär von der Ausdruck der Liebe, Begegnung und
biologischen Sicht her interpretiert und Zuwendung hat. Die Kreativität der
an sie gebunden. Ethisches Verhalten Sexualität kann dabei mehr meinen als
bleibt dann an biologische Vorgänge die physische Zeugung. Gleichzeitig
gebunden. ist humane Sexualität auf Totalität und
Ganzheit angelegt und zielt von daher
Leibhaftiger Ausdruck der Liebe, Be- auf Dauer (Treue).
gegnung und Zuwendung
Im Bereich der Moraltheologie liegen Orientierende sexualethische Botschaft
demgegenüber Vorschläge vor, die die Wie steht es also mit der Relevanz der
Würde der Person nicht an die unange- katholischen Sexualmoral? Faktisch
tastete physische Integrität von Sexualak- spielt sie kaum eine Rolle. Aufgrund der17
„ Es geht dabei nicht um eine Anpassung an die faktischen
Gegebenheiten oder an die Meinungen der Menschen.
genannten Faktoren wird die sexual- eingesehenen und bejahten Werte und
ethische Botschaft der katholischen Haltungen anknüpft. Es geht dabei nicht
Kirche in ihrer bisherigen Ausprägung um eine Anpassung an die faktischen
noch nicht einmal von der Mehrheit der Gegebenheiten oder an die Meinungen
eigenen Gläubigen ernst genommen. der Menschen, sondern um die Entfal-
Dabei zeigen einerseits die Sehnsüchte tung der Lebbarkeit und Tauglichkeit
und Hoffnungen der Menschen und der Sexualmoral für die Lebensführung.
andererseits die Verdinglichung der Sexualmoral arbeitet dann nicht mit
Sexualität durch Kommerzialisierung starren Verboten, sondern sie versteht
und Instrumentalisierung, dass die Se- sich als Beratung für die Menschen, wie
xualmoral der katholischen Kirche eine sie fähig werden können, Freundschaft,
wichtige orientierende und unterstützen- Treue und Liebe zu gestalten und worauf
de Funktion übernehmen könnte und es in der Vielfalt der Möglichkeiten
sollte. Sie könnte eine wichtige Stimme ankommt, wenn das Leben gelingen
und Orientierungsgröße sein gegen jede soll. Es geht nicht um blinden Gehorsam
Verkürzung von Sexualität auf die aus- im Sinne von Unterordnung, sondern
schließliche Befriedigung von Lust und um Hilfen zum Gestalten, Verantwor-
gegen die Reduktion von Sexualität auf ten und Weiterentwickeln der eigenen
eine Ware, die konsumiert wird. Liebesfähigkeit.
Es geht darum, Modelle gelingenden Le-
Worauf es ankommt, wenn das Leben bens zu beschreiben und an Kriterien zu
gelingen soll binden. Die Unterscheidung von Gelin-
Hier liegt eine unbestreitbare Bedeu- gen und Misslingen ist nur möglich, wo
tung der sexualethischen Botschaft. Sie dem Menschen von den Vorgaben seiner
müsste dann allerdings als realisations- naturalen Wirklichkeit her Möglichkei-
fähige Sexualmoral vermittelt werden, ten der Gestaltung gegeben sind. Dies
die an die von den Menschen schon gilt vor allem für die Sexualität.
Literatur:
Bernhard Fraling, Sexualethik. Ein Versuch
aus christlicher Sicht, Paderborn 1995.
Klaus Arntz, „Gelingendes Leben in
Ehe und Familie!“ Grundlagen der Se-
xualmoral, in: Klaus Arntz u.a. (Hrsg.), Prof. Dr. Elmar Kos
Orientierung finden. Ethik der Lebensbe- Universität Vechta
reiche, Freiburg i.Br. 2008, S.61-126. Lehrstuhl für Systematische Theologie:
Konrad Hilpert (Hrsg.), Zukunftshorizonte Moraltheologie
katholischer Sexualethik, Freiburg i.Br. 2011. elmar.kos@uni-vechta.de18 Unsere Seelsorge Priorität für Partnerschaft, Ehe und Familie Annäherung an den Pastoralplan für das Bistum Münster „Die zurückgehende Zahl an Familien mit Kindern sowie die Vielfalt der Lebensentwürfe (Familie, Single, Patchworkfamilie …) und ebenso die veränderten Rollenbilder von Männern und Frauen haben deutliche Auswirkungen auf gesellschaftliche Entwicklungen und das Miteinander.“ Mit diesem Satz benennt der Pastoralplan für das Bistum Münster in seinem ersten Teil (A) summarisch bedeutsame Veränderungen in Bezug auf Ehe, Familie und Partnerschaft, ohne die aufgezählten Phänomene weiter zu konkretisieren oder zu bewerten. Ist der Pastoralplan trotzdem geeignet, der Ehe- und Familienpastoral Impulse zu geben?
19
Der Pastoralplan lädt auch zum Sehen halt managt; der Vater, der Beruf und und kann auf diese Weise zunehmend
ein. Am Anfang steht die ebenso nüch- partnerschaftliches Familienleben seine Begabungen entdecken.
terne wie offene Wahrnehmung der Le- miteinander vereinbart; die Kinder, die
benswirklichkeiten, die in ihren Hinter- mit ihrem unverstellten Blick auf das Mit der Taufe können diese Begabun-
gründen und Folgen für das Leben der Leben den Erwachsenen neue Perspek- gen zu einer spezifischen Gabe für die
Menschen verstanden werden wollen. tiven eröffnen; so wie alle Männer und christliche Gemeinschaft werden. Die
Was motiviert genau diese Menschen, Frauen, die in ihren Partnerschaften das geschenkten Geistgaben finden ihren
ihr Leben so zu gestalten, wie sie es gemeinsame Leben verantwortungsvoll Ausdruck – wenn sie als solche wahrge-
konkret tun? Was treibt sie innerlich an, gestalten wollen, und natürlich auch alle nommen und gelebt werden – letztlich in
was behindert sie? Welche Schwierig- Frauen und Männer, die als getrennt der Übernahme von Aufgaben für Kirche
keiten müssen sie bewältigen, welche lebende oder allein erziehende Eltern ihr und Welt, wie es im Trauritus formu-
Hoffnung gibt ihnen Kraft? Gelingt es, Leben mit ihren Kindern zu meistern liert wird. Charismen sollen dem Heil
in ihren vielfältigen Wirklichkeiten „die versuchen – sie alle bringen ihre Gaben aller, dem Heil der Welt dienen. Sie sind
Spuren Gottes“ zu entdecken? in ihre jeweilige Form familiärer Lebens- nicht nur Gaben für den „Binnenraum“
gemeinschaft ein. persönlicher Beziehungen, sondern bein-
Der Pastoralplan empfiehlt einen solchen
Prozess der wertschätzenden Wahrneh-
mung für alle pastoralen Felder: Die kon-
krete Lebenswirklichkeit der Menschen
„ Gott hat jedem Menschen nicht nur sein Leben,
ist der unhintergehbare Kontext, in dem sondern auch seine Begabungen geschenkt.
das Grundanliegen des Pastoralplans
verwirklicht werden kann: die Bildung
einer lebendigen, missionarischen Kir- „Du bist so gewollt, wie Gott Dich ge- halten letztlich den Auftrag, sich für die
che. Der Pastoralplan entfaltet dieses schaffen hat, mit allem, was Du als Gabe Bewahrung der Schöpfung, Frieden und
Grundanliegen in vier Optionen, die geschenkt bekommen hast!“ Diese Aus- Gerechtigkeit zu engagieren.
keine Ergebnisse, sondern Kriterien be- sage drückt große Wertschätzung und
nennen, an denen sich jede Form der Annahme aus. Gott hat jedem Menschen Die Gemeinschaft mit anderen Men-
Verwirklichung messen lassen muss: die nicht nur sein Leben, sondern auch seine schen in der Pfarrei kann als ein Ort
Option für das Aufsuchen und Fördern Begabungen geschenkt. Diese Bega- erlebt werden, an dem die individuellen
der Charismen, die Option für die Ein- bungen als ungeschuldetes Geschenk Begabungen und Fähigkeiten erprobt,
ladung zum Glauben, die Option für die Gottes zu entdecken und nicht nur für gestärkt und als gottgeschenkte Cha-
Verbindung von Liturgie und Leben und sich selbst, sondern auch für andere rismen verstanden werden können. Ob
die Option für eine dienende Kirche. fruchtbar werden zu lassen, macht sie zu Eltern- und Familienkreise, Gruppen
Charismen. jeder Art, Jugendgruppen, Chöre, Kin-
Was ergibt sich aus einem wertschätzen- derfreizeiten und Jugendverbände und
den Wahrnehmungsprozess im Sinne Die Familie oder familiäre Lebensge- viele mehr, Voraussetzung ist dafür, dass
des Pastoralplanes, wenn die Ehe- und meinschaft ist der Ort, an dem mit der es in diesen Gruppen ähnlich wie in der
Familienpastoral in den Blick genom- Geburt eines jeden neuen Menschen die Familie nicht um die Leistung der Per-
men wird? Genese der Charismen beginnt. In der son, sondern um ihre Anerkennung mit
alltäglichen familiären Lebenswirklich- ihren Fähigkeiten und Talenten ebenso
Charismen entdecken und fördern keit, zwischen den Herausforderungen wie mit ihren Schwächen und Fehlern
An der ersten Stelle der vier Optionen der unterschiedlichen Rollen, dem geht.
steht die „Option für das Aufsuchen und permanenten Druck, familiäres Zusam-
Fördern der Charismen aller“. Sie fordert menleben und Beruf zu vereinbaren, In einem solchen Umfeld können die
dazu auf, bei sich selbst und bei den lernt das Kind, seine Fähigkeiten zu ent- von Gott geschenkten Talente, anders als
Menschen im eigenen Umfeld die von wickeln. Die Eltern-Kind-Beziehung ist im Berufsleben oder in der Schule, wo
Gott geschenkten Charismen zu ent- die erste und stärkste Beziehung, in der es zu oft nur um Leistung und Effizi-
decken, wertzuschätzen und jedes pasto- die Erwartungen des Kindes erfüllt oder enz geht, als Charismen zur Entfaltung
rale Handeln an diesen Gaben jedes Ein- frustriert werden, und in der aus dem kommen. Durch das Erleben offener
zelnen zu orientieren. Was kann das im gegenseitigen Zutrauen und Vertrauen Erfahrungsräume können besonders
Blick auf Ehe-, Familie und Partner- Selbstwert- und Mitgefühl oder aus Kinder befähigt werden, Verantwortung
schaft bedeuten? mangelnder Zuwendung grundlegendes für sich und andere zu übernehmen und
Misstrauen zu sich selbst und zum Le- lernen, über ihr Leben selbstständig zu
Jede und jeder bringt etwas Wertvolles ben werden können. Auf ein liebevolles entscheiden.
mit: Die Mutter, die als berufstätige Empfangen antwortet das Kind seiner- Erfahrungsräume anzubieten und zu
Frau und Familienfrau einen Haus- seits mit einem vertrauensvollen Geben unterstützen, in denen die CharismenSie können auch lesen