Ferdinandea DIE ZEITUNG DES VEREINS TIROLER L ANDESMUSEUM FERDINANDEUM - ferdinandea Nr 5 4 November 2020 - Jänner 2021 - DIE ZEITUNG DES VEREINS ...

 
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Ferdinandea DIE ZEITUNG DES VEREINS TIROLER L ANDESMUSEUM FERDINANDEUM - ferdinandea Nr 5 4 November 2020 - Jänner 2021 - DIE ZEITUNG DES VEREINS ...
ferdinandea
                                                                                                                   DIE Z E I T UNG DE S V E R E IN S T IROL E R L A NDE SMUSE UM F E R DIN A NDE UM

                                                                                                                                                 f er dina nde a Nr 5 4   N o v ember 2 0 2 0 – J ä nner 2021
Franz von Defregger, Porträt Rocky Bear (Ausschnitt), 1890, Öl auf Leinwand, 90 x 70 cm, Privatbesitz. Foto: TLM
Ferdinandea DIE ZEITUNG DES VEREINS TIROLER L ANDESMUSEUM FERDINANDEUM - ferdinandea Nr 5 4 November 2020 - Jänner 2021 - DIE ZEITUNG DES VEREINS ...
2          In t er v ie w                                                                                                                 f er din a nde a Nr 5 4          November 2020 – Jänner 2021

editorial
Editorial                                                                  Interview mit
                                                                           Peter Assmann

    Foto: Wolfgang Lackner                                                                                                   Foto: Wolfgang Lackner

    Liebe Mitglieder, liebe Leserinnen und Leser,
    die Museen sind aus dem Corona-bedingten Stillstand wieder
    erwacht, aber leider ist es nicht so wie im Märchen, dass dann alles
    weitergeht wie vorher. Die Rückkehr ist schwierig, die Realität ist    Die europaweite Ausschreibung für den Um- und Aus-                    Haben Sie schon konkrete Pläne für das Publikum wäh-
    dramatischer. Die Besucher*innenzahlen sind gesunken, es gibt          bau des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum läuft auf                  rend der Bauzeit?
                                                                           Hochtouren. Worauf sich die Vereinsmitglieder wie auch                Wir haben ja noch die anderen Häuser, das Volkskunst-
    kaum Tourist*innen, die unsere Museen aufsuchen, die Einnahmen
                                                                           andere Museumsbesucher*innen während der Bauzeit                      museum, das Zeughaus, die Hofkirche und das Tirol
    sinken, Wiedereröffnung von Ausstellungen, Veranstaltungen kön­-       einstellen müssen, erklärt Museumsdirektor Mag. Dr.                   Panorama. Ich bemühe mich, die Angel auszuwerfen,
    nen mit Abstand und Anstand zwar stattfinden, aber die Planungs-       Peter Assmann im Gespräch mit der ferdinandea.                        um unsere Sammlungen auch noch an anderen Orten
    unsicherheit bleibt groß. Wir müssen Masken tragen. Und dass auch                                                                            präsentieren zu können – etwa durch Anmietung eines
                                                                           Wird das Ferdinandeum während der Bauarbeiten ge-                     Ausstellungsraumes. Dies wäre zum Jubiläum ein be-
    dieses Phänomen nicht als kurzfristig vorübergehendes wahrge-
                                                                           schlossen sein – wenn ja, ab wann kommen die Bagger                   sonderes Zeichen. Allerdings ist mir bewusst, dass dies
    nommen wird, sondern sich als neue Realität etabliert, zeigt sich      und wie lange?                                                        wirtschaftlich sehr schwierig sein wird.
    mittlerweile an der kreativen Vielfalt des Mund-Nasenschutzes,         Da der Umbau sehr umfassend ist und das ganze Haus
    der durchaus auch modisches Statement ist.                             betrifft, muss das Ferdinandeum zur Gänze geschlossen                 2023 wird der Museumsverein 200 Jahre alt. Bis dahin
                                                                           bleiben. Die Arbeiten beginnen im Frühsommer 2022                     werden die Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen sein.
    Es ist daher erfreulich, dass die Besucher*innenzahlen insbe-
                                                                           und werden rund eineinhalb Jahre dauern.                              Wie wird da wohl gefeiert?
    sondere im Ferdinandeum in den Sommermonaten erstaunlich                                                                                     Wir werden nicht einmal, sondern in mehreren Statio­nen
    gut waren. Die Tiroler*innen haben großes Interesse am Museum          Wohin werden die derzeit im Haus befindlichen Kunstge-                feiern! Ein Projekt ist der digitale Zugang zu den Samm-
    und den neuen Ausstellungen gezeigt und wir hoffen, dass das           genstände gebracht?                                                                             lungsinhalten über das historische
    neue Angebot, wie die Ausstellung Anton Christian im Volkskunst-
    museum, die Neuaufstellung unserer Sammlungen, besonders
                                                                           Diese kommen ins Sammlungs-
                                                                           und Forschungszentrum nach              „Ich appelliere an die                                  Tirol. 2023 ist das Zeughaus als
                                                                                                                                                                           Museum ja auch 50 Jahre in Be-
                                                                           Hall. Das Ferdinandeum muss                                                                     trieb. Hier sind wir schon dabei,
    der Grafikkabinette und die Defregger-Ausstellung weiterhin das        komplett leer sein. Darüber hin-
                                                                           aus bemühen wir uns, Ausstel-
                                                                                                                  Vereinsmitglieder, sich                                  eine Umstrukturierung und völ-
                                                                                                                                                                           lige Neuaufstellung der musealen
    Interesse der Menschen aus der Region, die Freude an Begegnung
    mit Kunst weckt.
                                                                           lungspakete an interessierte
                                                                           Häuser im Ausland zu verkaufen
                                                                                                                 bei der Wiedereröffnung                                   Inhalte anzugehen. Ob es Ende
                                                                                                                                                                           2023 noch eine große Jubilä-
    Dass unser Projekt „Umbau des Ferdinandeum“ auch in dieser
    Krisenzeit weiterentwickelt werden kann, verdanken wir der weit­-
                                                                           und dafür Geld zu bekommen.
                                                                                                                    des Ferdinandeums                                      umsausstellung im Ferdinandeum
                                                                                                                                                                           geben wird, hängt hauptsächlich
    blickenden Unterstützung des Landes Tirol. In enger Zusammen-
    arbeit mit Direktor Assmann und Vertreter*innen des Landes Tirol
                                                                           Wo arbeiten Sie und Ihr Team
                                                                           während der Schließzeit?                stark einzubringen!“                                    vom Baufortschritt ab.

                                                                           Da der Verwaltungstrakt vom                                                                    Wenn Sie und Ihre Mitarbei­
    hat der Verein als Bauherr offiziell den Wettbewerb im August          Umbau wenig bis gar nicht betroffen ist, arbeiten wir alle            ter*innen in das sanierte Ferdinandeum einziehen, wie
    mit der Ausschreibung eines „EU-weiten zweistufigen anonymen           hier weiter – beeinträchtigen wird uns halt der Lärm und              soll sich das Haus den Besucher*innen präsentieren?
    Generalplaner-Wettbewerb mit anschließendem Verhandlungsver-           Staub vor den Bürotüren.                                              Im Zuge der schrittweisen Neueröffnung des Hauses im
                                                                                                                                                 Frühjahr 2024 – vor 200 Jahren traf die „Nichtuntersa-
    fahren für das Projekt Um- und Ausbau des Tiroler Landesmuseum
                                                                           Wie sind die rund 3.000 Mitglieder des Museumsvereins                 gungserklärung“ des Kaisers auf die Vereinsgründung in
    Ferdinandeum zur Modernisierung und Attraktivierung des                in die Umbauarbeiten eingebunden?                                     Innsbruck ein – erwartet uns eine harte Arbeit. Denn es
    Museum“ gestartet. Erfreulich viele Architekturbüros haben sich        Sobald die Jury ihre Entscheidungen über die einge­                   geht nicht darum, eine Sonderausstellung zu organisie-
    beworben und das Preisgericht konnte im Oktober die Sieger             reichten Arbeiten des Architekturwettbewerbes freigibt,               ren. Vielmehr müssen wir das ganze Haus so „ausstel-
                                                                           gibt es eine permanente Information für alle Interessier-             len“, dass es einige Jahre hält. Dies wollen wir auch mit-
    der ersten Wettbewerbsstufe auswählen. Sie sind eingeladen
                                                                           ten. Parallel zur Bekanntgabe der Siegerprojekte werden               tels Diskussionsforen mit dem Publikum begleiten. Hier
    Vorentwurfs-Konzepte für den Umbau zu erstellen und bis zum            diese in einer eigenen Ausstellung der Öffentlichkeit                 appelliere ich gerade an die Vereinsmitglieder, sich stark
    Februar einzureichen. Die Jury wird das Siegerprojekt ermitteln,       präsentiert. Die Bauarbeiten selbst werden laufend und                einzubringen. Es besteht die ungeheure Chance, ein Mu-
    das die gewünschten architektonischen, funktionalen, städtebau-        transparent in einem Container am Museumsvorplatz                     seum für das 21. Jahrhundert innovativ zu gestalten und
                                                                           und vor allem digital im Internet dargestellt. Wir den-               trotzdem auf eine extrem reiche Geschichte zurückgrei-
    lichen und ökonomischen Qualitäten erfüllt. Ich bin zuversichtlich,
                                                                           ken auch daran, die ersten Schritte des „Auszuges“ als                fen zu können. Das ist ein besonderer Moment und eine
    dass das Ferdinandeum sich im Jubiläumsjahr 2023 zwar nicht zur        künstlerische Schritte zu inszenieren. Das wären dann                 große Verantwortung.
    Gänze, aber in wesentlichen Bereichen schon neu präsentieren           Installationen mit Verfallsdatum – je nachdem, wann die
    kann. Inzwischen unterstützen auch Sie bitte Ihr ­Ferdinandeum         Behörden grünes Licht zum Baustart geben.                             Die Fragen stellte Mag. Dr. Bernhard Platzer, Redakteur
                                                                                                                                                 der ferdinandea
    im Rahmen all Ihrer Möglichkeiten und – das Museum ist offen,          Für den Um- und Ausbau stellt das Land Tirol rund
    kommen Sie, bringen Sie Familie und Freund*innen mit, ein reiches      36 Millionen Euro bereit. Wird dieses Budget überschrit-
    Angebot erwartet Sie!                                                  ten, haften dann die Vereinsmitglieder?                               Der aus Zams stammende Kunsthistoriker Mag. Dr. Peter Assmann
                                                                           Eine Überschreitung des Budgets ist in keiner Weise                   (Jahrgang 1963) ist seit 1. November 2019 Geschäftsführer der Tiroler
    Ihre                                                                   möglich. Es wurden – vom aktuellen Stand aus – alle                   Landesmuseen. Diese umfassen neben dem Ferdinandeum noch das
                                                                           denkbaren Szenarien einkalkuliert und auch entspre-                   Volkskunstmuseum, die Hofkirche, das Tirol Panorama und das Zeug-
    Dr.in Barbara Psenner, Vorsitzende des Vereins                         chende Puffer eingeplant. Das einzelne Vereinsmitglied                haus. Von 2000 bis 2013 war Assmann Direktor der Oberösterreichischen
                                                                           hat daher keinesfalls etwas zu befürchten.                            Landesmuseen. Anschließend leitete er den Palazzo Ducale in Mantua.
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A k t uel l e A u s s t el l ungen   3

Defregger: Mythos – Missbrauch – Moderne
Peter Scholz

Im 100. Todesjahr widmen die Tiroler Landesmuseen Franz von Defregger eine spektakuläre Retrospektive. Diese erste große Ausstellung
zum berühmten Tiroler Maler seit Jahrzehnten verbindet zeitgemäße Fragestellungen mit der Neuentdeckung bisher unbekannter Werke und
einer Gegenüberstellung mit herausragenden Künstlern der Moderne.

Franz von Defregger, Die Kraftprobe (Ausschnitt), 1898, Öl auf Leinwand, 131,5 x 174 cm, Belvedere, Wien. Foto: ©Belvedere

Franz von Defregger (1835–1921) gehörte als einer der                     und sogar den USA zusammen. Gerade durch die erstma-         auf sein künstlerisches Schaffen hatte, auch wenn sich
„Münchner Malerfürsten“ zu den erfolgreichsten Kunst-                     lige Einbindung von kulturwissenschaftlichen Fragestel-      dies in seinem öffentlichen, für den Verkauf bestimm-
schaffenden um 1900. Doch fällt seine heutige Stellung                    lungen zu Identität und Geschlechterrollen, der Ökono-       ten Œuvre kaum widerspiegelt, umso stärker hingegen in
und Rezeption in der öffentlichen Wahrnehmung voll-                       misierung der Kunst durch die Reproduktionsindustrie,        seinen privaten Bildern. Anders als die in akademischer
kommen unterschiedlich aus: Während seine Kunst in                        der bildmagischen Wirkung von Defreggers Werken als          Malweise ausgeführten Kassenschlager überraschen die-
Österreich, Bayern und vor allem Tirol durchaus populär                   Heilmittel gegen die Rasereien der Jahrhundertwende,         se durch einen freien, offenen Pinselstrich, der eine in-
ist und immer noch identitätsstiftend wirkt, ist er interna-              der politischen Aufladung seiner Historiengemälde und        tensive Rezeption der Schule von Barbizon voraussetzt.
tional einem breiten Publikum kaum mehr bekannt und                       posthumen missbräuchlichen Rezeption seiner Kunst            Gegenüberstellungen mit herausragenden Werken der
wird vom Kunstgeschichtsbetrieb – jenseits von Aukti-                     durch die Nationalsozialisten, des Blicks des Städters       wichtigsten Vertreter der Kunstströmung wie Gustave
onen, bei denen seine Werke noch immer hohe Preise                        auf Lebensweise, Tracht und Architektur der ländlichen       Courbet oder Jean-François Millet, von akademiekri-
erzielen – seit Jahrzehnten nahezu ignoriert.                             Bevölkerung und des beginnenden Tourismus sowie des          tischen Malern wie Wilhelm Leibl und Mathias Schmid
                                                                          Fortlebens Defregger’scher Motivik im Heimatfilm der         sowie von einigen der bedeutendsten Künstlern der Mo-
Zeitgemäße Fragen an bekannte Hauptwerke                                  Nachkriegszeit, wird jedoch deutlich, wie innovativ De-      derne wie Vincent van Gogh, dem Defregger-Schüler
In den 1870er- und 1880er-Jahren war Defregger einer                      freggers Werke teilweise sind und wie sehr sie sich in ei-   Lovis Corinth, Ernst Ludwig Kirchner oder Heinrich
der Superstars unter den deutschsprachigen Künstlern.                     nige wichtige Phänomene der Moderne einbinden lassen.        Campendonk ergeben spannende Einblicke.
Wurden seine akademisch „feingemalten“ Szenen aus
dem Tiroler Freiheitskampf, die seinen Ruhm begrün-                       Image und Irritation: der „unbekannte Defregger“             Zur Ausstellung, von Peter Scholz als Kurator sowie
deten, und seine Porträts von mythenhaften Heroen wie                     Eine Neubewertung seines Gesamtwerks ermöglichen             von den Co-Kuratoren Angelika Irgens-Defregger und
Andreas Hofer oder von kantigen Burschen und alten                        ebenso die nun erstmals raumgreifend ausgestellten           Helmut Hess entwickelt, erscheint bei Hirmer ein Kata-
Charakterköpfen sowie lieblichen „Dirndl“ und stolzen                     Werke des „unbekannten Defregger“, die sich größten-         log mit Beiträgen von Simone Egger, Helmut Hess, Gitta
Bauersfrauen zunächst als auf der Höhe der Zeit wahrge-                   teils noch immer in Familienbesitz befinden. Dieser of-      Ho, Christoph Hölz, Joseph Imorde, Angelika Irgens-
nommen, so erschien seine Kunst bereits in den Jahren                     fenbart sich einerseits in Motiven, die man gemeinhin        Defregger, Sigrid Ruby, Georg Seeßlen, Peter Scholz und
nach 1900 zunehmend als zu akademisch-konservativ                         nicht mit ihm verbindet: Aktdarstellungen, die in ihrer      Birgit Schwarz.
und bieder-reaktionär. Die ewig gleichen Motive aus                       Freizügigkeit und Erotik verblüffen; Innenraumszenen,        Retrospektive und Publikation werden realisiert durch die
dem bäuerlich-alpinen Milieu führten dazu, dass seine                     die mit ihrer Menschenleere zu Experimentierfeldern von      großzügige Unterstützung von UNIQA, Forchhammer-
Werke noch vor dem Ersten Weltkrieg wieder aus dem                        Räumlichkeit werden; oder Bildnisse von Menschen aus         Stiftung Grünwald und Tiroler Sparkasse Stiftung.
Kunstkanon zu verschwinden begannen und Defregger                         anderen Kulturen, die mit großer Detailgenauigkeit und
anschließend mehr und mehr als gefälliger „Bauernma-                      hoher Sensibilität gemalt sind. Andererseits zeigen die
ler“ verschrien war – eine Auffassung, die sich bis heu-                  vielen nun durch die Restaurierungsabteilung der Tiroler      Defregger: Mythos – Missbrauch – Moderne
te in der Kunstgeschichtsschreibung fortsetzt, die seine                  Landesmuseen gereinigten Arbeiten, welch ein brillanter       Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Werke jedoch nicht minder beliebt bei einem breiteren                     Kolorist und technisch versierter Maler er doch war.          11. Dezember 2020 bis 11. April 2021
Publikum macht. Die Präsentation führt erstmals seit                      Entscheidend war hierbei ein Paris-Aufenthalt in den          Eröffnung & Open House: 10. Dezember, 18–21 Uhr
Jahrzehnten viele der bekannten Hauptwerke aus Europa                     Jahren 1863 bis 1865, der einen lebenslangen Einfluss
Ferdinandea DIE ZEITUNG DES VEREINS TIROLER L ANDESMUSEUM FERDINANDEUM - ferdinandea Nr 5 4 November 2020 - Jänner 2021 - DIE ZEITUNG DES VEREINS ...
4     A k t ue l l e A us s t el l ungen                                                                                                        f er din a nde a Nr 5 4          November 2020 – Jänner 2021

Solace of Lovers/Trost der Liebenden
Tarlan Rafiee, Yashar Samimi Mofakham

                                                                            Weder für Iraner*innen noch für Nicht-Iraner*innen ist                  Die begleitende Publikation und verschiedene Texte in der
                                                                            es leicht, die Geschichte des Iran aus einem neutralen                  Ausstellung selbst komplettieren die Schau. Ohne sie wäre
                                                                            Blickwinkel zu betrachten. Jede Erzählung über die – vor                die Ausstellung nur eine Ansammlung von hübsch anzu-
                                                                            allem moderne und zeitgenössische – Geschichte dieses                   sehenden Werken, die aber keine speziellen Informationen
                                                                            Landes ist durchdrungen von Politisierung, Exotisierung                 vermitteln können, da viele der Symbole in diesen Werken
                                                                            (und Vorurteilen) und dem persischen Stolz.                             für ein des Persischen nicht mächtigen Publikums schwer
                                                                            Menschen verfolgen die Geschehnisse im Iran mit groß-                   zu dechiffrieren sind.
                                                                            em Interesse, ebenso ist es für sie spannend, ein exo-                  Ausgangspunkt für die Geschichte, die wir in dieser
                                                                            tisches Bild davon zu betrachten oder von der glorreichen               Ausstellung erzählen möchten, waren folgenden Fragen:
                                                                            Vergangenheit eines Landes zu erfahren, das einst die                   Was ist im letzten Jahrhundert passiert, dass die Welt heu-
                                                                            Perle des Ostens genannt wurde und heute in komplexe                    te so ein konträres Bild vom Iran hat? Mithilfe der Ar-
                                                                            politische Konflikte involviert ist.                                    beiten von Denker*innen und Künstler*innen soll in der
                                                                            Als Kurator*innen der Ausstellung „Solace of Lovers/                    Schau ein eigenständiges Bild des Iran präsentiert werden.
                                                                            Trost der Liebenden“ und als Erzähler*innen dieser Ge-                  „Solace of Lovers/Trost der Liebenden“ ermöglicht nicht
                                                                            schichte haben wir versucht, diese Aspekte auszuklam-                   nur dem österreichischen Publikum, mehr über den Iran zu
                                                                            mern, aber gleichzeitig sie auch anzusprechen. Vor allem                erfahren, sondern hat auch uns die Gelegenheit gegeben,
                                                                            in den vergangenen zwei turbulenten Jahrhunderten hat-                  die Geschichte unseres Landes erneut durchzudenken, un-
                                                                            te alles mit Politik zu tun. Daher ist die Schau auch eine              ser Verhältnis zur Welt und zu anderen Kulturen neu zu
                                                                            sozial-politische.                                                      deuten und darüber nachzudenken, welche Geschichte wir
                                                                            Sowohl für Iraner*innen als auch für Nicht-Iraner*innen                 einem nicht-persischen Publikum erzählen wollen.
                                                                            ist der Iran oder Persien ein exotisches und faszinierendes
                                                                            Land, das bekannt ist für Scheherazade und „Tausend-
                                                                            undeine Nacht“. Iraner*innen erinnert die Geschichte                      Solace of Lovers/Trost der Liebenden
                                                                            ihres Landes aufgrund der raschen und vielzähligen Ver-                   Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
                                                                            änderungen über die Jahrhunderte hinweg manchmal so-                      noch bis 31. Jänner 2021
                                                                            gar an Mythen und Fabeln.

                                                                            Parviz Tanavoli, Farangi-Frau (aus: Farangi-Frauen-Teppiche), 2019, handgewebter Teppich (bidscharische Webart) und Neon, 123 x 93 cm.
                                                                            Foto: Parviz Tanavoli, Parviz Tanavoli Museum and KA:V Editions. Image courtesy of KA:V Editions.

Anton Christian
Günther Dankl

Dass die Ausstellung zum 80. Geburtstag von A          ­ nton               Ausgehend von einem „Selbstbildnis mit Familie“ von
Christian im Tiroler Volkskunstmuseum stattfindet,
­                                                                           ­A nton ­K irchmayr, dem Vater von ­A nton ­Christian, aus
ist mehr als passend. Denn damit bespielt der bekannte                        dem Jahre 1915 und dem Bildnis seiner Mutter von 1961,
Tiroler Künstler nicht nur einfach einen weiteren Aus-                        reicht der Bogen der im Volkskunstmuseum gezeigten
stellungsort der Tiroler Landesmuseen, sondern zugleich                       Werke von den frühen konzeptuellen Arbeiten bis zu
auch einen Ort, dessen Sammlung ihm nahezu von Beginn                         seinem aktuellen Schaffen. Dabei ist es dem Künstler
seines künstlerischen Schaffens an wichtige Bezugs- und                       wichtig, neben den Gemälden auch seine Skulpturen und
Inspirationsquelle gewesen ist. A  ­ nton C
                                          ­ hristians Gemäl-                  Installationen zu präsentieren. Den Abschluss bildet ein
de, Skulpturen und Objekte, die um die zentralen Themen                       Gemälde seines Sohnes ­Jakob von 2019. Es steht am Ende
Sexualität, Schmerz, Angst und Einsamkeit kreisen, sind                       einer Ausstellung über das umfangreiche Werk eines
damit eingebettet in das Konzept einer Schausammlung,                         Künstlers.
die uns in zahlreichen Facetten das Nachleben traditio-                       Parallel zu seinem malerischen, zeichnerischen und
neller volkskundlicher Kulturformen und ihre emotionale                       skulpturalen Schaffen hat sich ­A nton ­Christian auch stets
Bedeutung für die Gegenwart in Tirol vor Augen führt.                            fotografisch betätigt. Vor allem auf seinen Reisen nach
Als gemeinsame Schau angelegt, wurden bis Ende Okto-                          ­G riechenland, in den Vorderen Orient, nach ­Spanien und
ber in der Villa ­Schindler in T
                               ­ elfs Zeichnungen und Skiz-                    ­Portugal sowie F ­ rankreich hat er sich bei seinen Aufnah-
zenbücher und im Rabalderhaus Schwaz Fotografien und                          men auf jene Motive und Gegenstände konzentriert, die
Fotocollagen präsentiert.                                                     seiner Neugierde und Faszination oder selbst gestellten
                                                                              Themenbereichen entsprachen. Zugleich hat der Künstler
                                                                              seine Fotos auch direkt malend bearbeitet oder als Collage
                                                                              in die Gemälde integriert. Die Fotografie wird damit Be-
                                                                              standteil des Gemäldes. Ähnlich den ins Bild aufgenom-
                                                                              menen Wörtern und Texten ist bei A      ­ nton ­Christian auch
                                                                                die Fotografie bildprägend. In den ab den 1970er-Jahren
                                                                                entstandenen Zeichnungen, die in der Villa S    ­ chindler in
                                                                                ­Telfs ausgestellt waren, erweist sich der Künstler als ge-
                                                                              nauer Beobachter der Welt. Mit zeichnerischem Können
                                                                              und geballter Energie vereint er in ihnen „Mikro- und                 Anton Christian, Notizen, 2020, Gips beschriftet, 29,5 x 16 x 8 cm.
                                                                              Makrokosmos, Mythologie und Metapher, Natur und                       © Anton Christian, Foto: Martin Vandory, Innsbruck
                                                                              Illusion, Wasser und Luft, Leben und Tod“. (­Ruth ­Haas)
                                                                            Zur Ausstellung erschien ein Katalog mit Beiträgen und
                                                                            Texten von H. C. ­A rtmann, Karl C. ­Berger, ­Bazon ­Brock,               Anton Christian
                                                                             ­Günther ­Dankl, ­Ruth ­Haas und ­Christa ­Hauser und einem              Tiroler Volkskunstmuseum
Anton Christian, Im Garten, 2015, Foto-Collage, Mischtechnik, 63 x 91 cm.   Vorwort von P     ­ eter ­Assmann sowie Abbildungen der aus-              noch bis 7. Februar 2021
© Anton Christian, Foto: Martin Vandory, Innsbruck                          gestellten Werke, 220 S., ISBN 978-90000083-886.
Ferdinandea DIE ZEITUNG DES VEREINS TIROLER L ANDESMUSEUM FERDINANDEUM - ferdinandea Nr 5 4 November 2020 - Jänner 2021 - DIE ZEITUNG DES VEREINS ...
A u s dem Fer dina ndeum               5

FRITZ BERGER faces | nudes
Ralf Bormann
Anlässlich des Erwerbes von zehn Zeichnungen des Büh-          rechten Armes auf den gesunden linken übertrug, brachte
nenbildners, Illustrators und Malers Fritz Berger aus Mit-     Berger sich selbst das Zeichnen mit der linken Hand bei.
teln des Vereins Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum für         Viele der in der Folge entstandenen, hier präsentierten
die Grafische Sammlung zeigen wir die Sammlungsprä-            Bildnisse und Akte zeigen mutmaßlich Schülerinnen
sentation FRITZ BERGER faces | nudes. Eine Auswahl             Emmi Bergers, der Ehefrau des Künstlers und Pionierin
aus einer hochherzigen Dauerleihgabe aus dem Nachlass          der modernen Bewegungslehre in Tirol. Diese Lehre zielt
des 2002 gestorbenen Künstlers ergänzt die Schau. Der          nicht so sehr auf die rein motorischen Funktionen des
1916 in Innsbruck geborene Berger wandte sich nach dem         menschlichen Körpers, sondern strebt nach den tiefer ge-
Krieg dem abstrakten Expressionismus etwa des US-­             legenen, abstrakteren Gründen der Bewegung, die insbe-
amerikanischen Künstlers Franz Kline (1910 –1962) zu;          sondere im bewegungsfordenden Element des Rhythmus
auch der Fauvismus ist an der Stilbildung Bergers nicht        in Erscheinung treten und auch den expressiven Zeichen-
unbeteiligt. Die Schwelle zur Gegenstandslosigkeit über-       duktus Fritz Bergers anleiten.
schreitet er indessen nicht.
Bergers künstlerischem Werdegang standen beträchtliche
Hindernisse entgegen: Eine schwere, wie durch ein Wun-          FRITZ BERGER faces | nudes
der überlebte Kriegsverletzung raubte ihm 1941 gleich-          Ferdinandeum, Grafische Sammlung, Grafik-Kabinette im 2. OG
wohl das rechte Auge und die rechte Hand. Mittels einer         noch bis 10. Jänner 2021                                                Fritz Berger, Stehender weiblicher Akt mit hinter den Körper geführten
eigens ersonnenen Konstruktion von Stricken, die einer          tiroler-landesmuseen.at/ausstellung/fritz-berger-faces-nudes/           Armen und angewinkeltem linken Bein, 1950er Jahre, Pinsel in Schwarz
Marionette gleich die Bewegungen des verstümmelten                                                                                      (Tusche) auf Papier, max. 635 x 488 mm. Foto: TLM

Grüß Göttin und Aura von Ursula Beiler
Rosanna Dematté

Am Dach des Tirol Panoramas präsentiert die Künstlerin         ausgehend von den Gedanken um „Grüß Göttin“ auf das
Ursula Beiler ab November 2020 eine neue Edition ihrer         Göttliche in jedem Mensch verweist. Die Künstlerin fo-
Arbeit „Grüß Göttin“. Von 2009 bis 2016 empfing das            tografiert dafür Personen in unterschiedlichem Alter vor
Schild an der Autobahn bei Kufstein alle Fahrer*innen,         einem Heiligenschein und baut die so entstandenen Aura-
die Tirol über die A12 erreichten. Es wurde dann von der       Porträts in ikonostasenähnliche Ikonenwände ein, die sich
Stadt Innsbruck übernommen und ist seit 2019 auf der           als großflächige Projektion oder Ummantelung für eine
Insel des Kreisverkehrs der Ausfahrt Innsbruck Mitte zu        Rekontextualisierung traditionsverbundener Orte eignen.
sehen. Durch die temporäre Aufstellung der Schrift am          Ein Rahmenprogramm mit öffentlichen Gesprächen im
historischen Schlachtort Bergisel, wo das Tirol Panorama       Jänner und Februar 2021 wird die von Beilers Werk her-
mit dem Kaiserjägermuseum ein männlich konnotiertes            vorgerufenen aktuellen Spannungsfelder vertiefen.
Heldentum zelebriert, wird die Irritation der Verweibli-
chung Gottes gestärkt.                                                                             Ursula Beiler, Aura, 2010 bis 2020
Die Intervention entfaltet sich im Innenraum des Tirol
Panoramas mit einer Dokumentation der anonymen Um-
gestaltungen des Schildes, Leser*innenbriefen oder an           Grüß Göttin und Aura von Ursula Beiler
Beiler gerichtete Rückmeldungen, die seit 2009 von der          TIROL PANORAMA mit Kaiserjägermuseum
Künstlerin archiviert werden und wird mit einer Installa-       4. November 2020 bis 28. März 2021
tion aus der Werkgruppe „Aura“ erweitert, womit Beiler

Ein in Persien tätiger Tiroler
Roland Sila

In der aktuellen Ausstellung „Solace of Lovers“, die künst-    In den Sammlungen des Ferdinandeums finden sich zwar
lerische Positionen aus dem Iran vorstellt, finden sich auch   keine Scalpe oder Strohköpfe, doch Gasteiger hat dem
Objekte aus den Sammlungen des Albert Gasteiger Khan,          Tiroler Landesmuseum bereits vor seiner Rückkehr nach
der über viele Jahre am Hof des Schahs von Persien diente.     Tirol über seinen Bruder zahlreiche Schenkungen zukom-
Gasteiger war sehr mit seiner Heimat verbunden und über-       men lassen. Neben den persischen Miniaturen, die auch in
sandte regelmäßig Reisebriefe, die in Tiroler Zeitungen        der Ausstellung zu sehen sind, wurden 1882 altpersische
abgedruckt wurden. So findet sich etwa ein Bericht über        Waffen an das Ferdinandeum gebracht, ein Helm, eine
einen Besuch in der südiranischen Stadt Bam im Jahre           Streitaxt, zwei Schwerter, ein Handschar, fünf persische
1881, wo er in einem Quartier einen grausigen Fund mach­       Dolche und ein afghanischer Dolch. Diese Stücke, die für
te: „Eine Anzahl von circa 30 Scalpen, abgezogene, mit         das damals noch existierende ethnographische Cabinet
Stroh ausgestopfte Kopfhäute von Menschenschädeln,             im Ausstellungsbereich des Ferdinandeums bestimmt wa-
waren auf einem Gestelle aneinandergereiht aufgesteckt         ren und dort auch ausgestellt waren, wurden allerdings
und grinsten mir mit ihren hohlen Augen fürchterlich           später wieder an die Familie zurückgegeben.
entgegen.“ Einige Tage später kam er hier wieder vorbei
und suchte den Ort wieder auf: „Ich zählte die Häupter               Der Tiroler Ingenieur Albert Gasteiger Khan (1823–1890) erhielt
meiner Lieben, und siehe da, es waren, wie ehedem, ihrer             für seine mehr als zwei Jahrzehnte umfassenden Verdienste im
30 Stücke. Bart und Haupthaar haftete noch an den mei-               Iran den Rang eines „Mir-Panj“ (General) sowie die Titel „Khan“
sten dieser Strohköpfe; ich werde mir aus ihrer Mitte ein        (persischer Adelstitel) und „Mohandes Bashi“ (Chef der Ingenieure).
Stück für das Ferdinandeum beilegen.“                                          Fotografie von Albert Gasteiger Khan, 1878. Foto: TLM
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6 Ver ein                                                                                                                                 f er din a nde a Nr 5 4          November 2020 – Jänner 2021

Klavierspielen ohne Klavierspielen zu können…
Meinhard Neuner

                                                                 Die ersten Pianolas waren Vorsetzer, also Vorsatzgeräte,                      wurde. Bei der Phonola werden durch Lochstreifen aus
                                                                 die keinerlei Klaviertechnik enthielten. Diese spiel­     -                   Papier, die sogenannten Klavierrollen, vorgefertigte
                                                                 t­en mit gepolsterten Holzfingern auf einem vorhandenen                       Musikstücke auf den Instrumenten wiedergegeben. Die
                                                                 Klavier oder Flügel, vor das sie gestellt bzw. gesetzt wur-                   Saugluft wurde anfangs mittels zweier Pedale am Vor-
                                                                 den. Später gab es auch Pianolas, bei denen die Mecha-                        setzer erzeugt, ähnlich denen des Harmoniums, später
                                                                 nik in ein normales Klavier oder einen Flügel eingebaut                       durch einen elektrischen Motor. In diesem Fall spricht
                                                                 wurde. Vor dem Pianola hatte nun ein „Pianolist“ Platz,                       man vom elektrischen Klavier, englisch Pianola Piano.
                                                                 der die Betonung, die Lautstärke und die Geschwindig-                         Die Lochstreifen-Notenrollen umfassen unzählige ver-
                                                                 keit der Musik beim Abspielen gestaltend beeinflussen                         schiedene Titel und bilden heute ein wertvolles Archiv
                                                                 konnte.                                                                       pianistischer Kunst. Dabei kommen den sogenannten
                                                                 Ursprünglich aus den USA stammend, fertigte die Fir-                          Künstlerrollen, die von namhaften Komponisten und Pi-
                                                                 ma Hupfeld in Leipzig seit 1902 ein ähnliches, bereits                        anisten, z. B. Edvard Grieg, Claude Debussy und Sergei
                                                                 weiter entwickeltes System, die sogenannte Phonola,                           Rachmaninow selbst aufgenommen wurden, große Be-
                                                                 welche in Deutschland und Europa zum Marktführer                              deutung für die Interpretationsforschung zu, welche
                                                                                                                                               von führenden Universitäten, etwa Stanford/USA, zu-
                                                                 Phonala, um 1905. Foto: TLM                                                   nehmend betrieben wird.

Umbaupläne und Statutenänderung
Mitgliederversammlung vom 17. September 2020
Renate Telser

In der Mitgliederversammlung am 17. September infor-             Anschließend schilderte Direktor Dr. Peter Assmann, wie                       wie folgt lautet: „Der Ausschluss wird vom Vorstand be-
mierte die Vorsitzende Dr.in Barbara Psenner die anwe-           Homeoffice sowie diverse Arbeiten in den Museen im Hin-                       schlossen; dieser Beschluss bedarf der einfachen Mehrheit
senden Mitglieder über den Fortschritt der Umbaupläne            tergrund der Ausgangssperre es ermöglichten, die Museen                       der Stimmen aller Vorstandsmitglieder. Das solchermaßen
des Ferdinandeums, die trotz Corona termingerecht in ei-         im Mai stufenweise wieder öffnen zu können und der Öf-                        ausgeschlossene Mitglied kann die Entscheidung der Mit-
nen anonymen EU-weiten zweistufigen Wettbewerb mün-              fentlichkeit neue Präsentationen zu zeigen. Mag. Wilfried                     gliederversammlung verlangen; die diesbezügliche Ent-
deten. Am 20./21. Oktober wählte eine zehnköpfige Jury           Stauders Ausführungen zum Jahresabschluss bestätigten                         scheidung der Mitgliederversammlung ist – vorbehaltlich
20–25 Ein­reichungen für die nächste Runde aus. Nach einem       ein solides wirtschaftliches Ergebnis. Die Versammlung                        § 6 Abs (5) – abschließend, wobei das Mitglied bei dieser
Hearing am 23. November und einer vertiefenden Vorpro-           stimmte anschließend einer Statutenänderung zur Been-                         Beschlussfassung kein Stimmrecht hat.“ (ferdinandeum.at/
jektphase wird das Siegerprojekt im März 2021 gekürt.            digung der Mitgliedschaft zu, dessen neuer § 6 Abs (3)                        info/ueber-uns).

Ein würdiger Träger der Franz-von-Wieser-Medaille
Univ.-Prof. Dr. Josef Riedmann zum 80. Geburtstag
Renate Telser

Seit seiner Gründung 1823 versteht sich das Ferdinandeum
als Gedächtnis des Landes Tirol. Dieses besteht nicht nur
aus der Summe der gesammelten Museumsobjekte, son-
dern auch aus deren wissenschaftlicher Aufarbeitung. Die
1959 eingeführte Franz-von-Wieser-Medaille sollte daher
an jene Persönlichkeiten verliehen werden, „die sich um die
Kunst und Wissenschaft, insbesondere um die Erforschung
Tirols, besonders verdient gemacht haben.“ Bei Einführung
dieser Medaille ahnte niemand, so die Laudatorin ao. Univ.-
Prof.in Dr.in Julia Hörmann, dass zehn ­Jahre später der junge
Historiker Josef Riedmann Vereinsmitglied und Vorstands-
vorsitzender wird, der das Gedächtnis Tirols maßgeblich
prägen sollte. Er war wesentlich an der Gründung des (Ge-
samt-)Tiroler Geschichtsvereins im Zeughaus oder der er-
sten Gesamttiroler Landesausstellung 1995 beteiligt, setzte
sich stark für die Restitutionsforschung am F  ­ erdinandeum
ein und fungierte als Herausgeber diverser Publikationen
(Veröffentlichungen des Ferdinandeums, Schlern-Schrif-
ten, Tiroler Heimat, Tiroler Urkundenbuch etc.). Ein Blick
in seine Publikationsliste weist ihn als profunden Kenner,
Wissenschaftler und Experten in der Erforschung Tirols
aus. Seit dem 17. September 2020 reiht sich Univ.-Prof. Dr.
Josef Riedmann würdig in die Liste der Wieser-Medaillen-
Träger ein. Dafür gebühren ihm an dieser Stelle die höchste
Anerkennung und unser herzlichster Dank.                         V. l. n. r.: Franz Pegger, Medaillen-Träger Josef Riedmann, Barbara Psenner, Laudatorin Julia Hörmann und Bernhard Platzer. Foto: TLMF/Maria Wanker
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Ver a n s t a l t ungen              7

    A U S S T E L L UNG S - UND V E R A N S TA LT UNG S K A L E NDE R
    November bis Jänner                                                       EUROPA SCHAUEN – DER BRENNER BASISTUNNEL                                 ANTON CHRISTIAN                                                           DEKADENZ UND DUNKLE TRÄUME
                                                                              Erklärungen, Exponate, Infotafeln, Modelle                               Kuratorenführung mit Günther Dankl                                        Der belgische Symbolismus
    TIROLER LANDESMUSEEN                                                      in Kooperation mit BBT                                                   Volkskunstmuseum, 22.11. und 17.1., 11 Uhr                                Alte Nationalgalerie, Berlin
                                                                              TIROL PANORAMA mit Kaiserjägermuseum                                                                                                               Noch bis 17.1.2021
    SOLACE OF LOVERS                                                          14.12., 14–15 Uhr, Eintritt frei                                         GOLNAR SHAHYAR                                                            www.smb.museum
    Kurator*innenführung in Englisch                                                                                                                   Konzert im Rahmen von „Solace of Lovers“
    mit Tarlan Rafiee und Yashar Samimi Mofakham                              CI VEDIAMO AL MUSEO!                                                     Ferdinandeum, 12.1., 20 Uhr                                               CHRISTIAN ROHLFS: AUGENMENSCH!
    im Rahmen der Premierentage                                               Führung auf Italienisch (ab Sprachniveau A2)                                                                                                       Kunstmuseum Ahlen
    Ferdinandeum, Online-Stream in der Aula                                   Volkskunstmuseum, 17.12., 16 Uhr. Anmeldung unter:                       ANDERSWO                                                                  29.11.2020–21.2.2021
    6.11., 14 Uhr, Eintritt frei                                              besucherservice@tiroler-landesmuseen.at                                                                                                            www.kunstmuseum-ahlen.de
                                                                                                                                                       THE BLUE PLANET
    KARL AMADEUS HARTMANN                                                     RUNDUM WEIHNACHT                                                         Zentrum für Gegenwartskunst                                               HERBERT BRANDL. MORGEN
    Klaviersonate „27. April 1945“ und Gespräch.                              Warten auf das Christkind, mit Spezialprogramm,                          Glaspalast Kunstsammlungen und                                            Kunsthaus Graz
    Mahnmal an den Todesmarsch der Häftlinge                                  Apfelbraten und der Sonderausstellung                                    Museen Augsburg                                                           Noch bis 7.3.2021
    bei der Auflösung des KZ Dachau                                           „Vom kleinen Saurier zum Ritter Rost“                                    Noch bis 31.12.2020                                                       www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz
    Ferdinandeum, 9.11., 19 Uhr                                               Zeughaus, 24.12., 14 –17 Uhr                                             www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

                                                                                                                                                                                                         Fotos: Wolfgang Lackner, Martin Gamper, Bogentheater, Jacopo Salvi , TLM

Eröffnung der Sammlungspräsentation „FRITZ BERGER faces | nudes“                             Eröffnung der ersten virtuellen Ausstellung „Sichtweisen“ am 24.9.                        Ehrung von 17 langjährigen Mitarbeiter*innen und Ehrenamtlichen am 7.9. im Zeughaus.
am 1.10. im Ferdinandeum.                                                                    (tiroler-landesmuseen.at/online-ausstellungen).

Eröffnung der Schau „Anton Christian. Gemälde und Skulpturen“ am 3.9. im Volkskunstmuseum.                               Der Kultursommer lockte zahlreiche Besucher*innen zu ­Museum,                           Ein abwechslungsreiches „Fest für Goethe“ im Ferdinandeum am 28.8.
                                                                                                                         Theater, Konzerten und Kino ins Zeughaus.

                                WERBEN ODER WERDEN SIE JETZT EIN MITGLIED
                                                                                                                                                                                                                                                 MITGLIEDSCHAFT
        und GENIESSEN SIE folgende Vorteile:                                                        Mitgliedsbeitrag 2021:

        • freien Eintritt in die Tiroler Landesmuseen                                                   Einzelperson: 35 Euro
        • freien Eintritt in alle österreichischen Landesmuseen sowie                                   Studierende: 12 Euro
          ermäßigten Eintritt in Partnermuseen                                                          Familie/Lebensgemeinschaft: 55 Euro
        • Ermäßigungen bei Konzerten und Vereinsfahrten                                                 Gemeinde/Institution: 110 Euro
        • Rabatte auf TLM-Publikationen und -CDs im Museumsshop
        • kostenlose Zusendung der ferdinandea und von Einladungen zu
                                                                                                                                                                                                     VEREIN
          Veranstaltungen und Eröffnungen
        • kostenlose Begutachtungen
                                                                                                                                                                         TIROLER LANDESMUSEUM FERDINANDEUM

Impressum: Medieninhaber, Herausgeber, Verleger und Hersteller: Verein Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum: Museumstraße 15 · 6020 Innsbruck · verein@tiroler-landesmuseum.at · T +43 512 59 489-105; Redaktion: Barbara Psenner, Bernhard Platzer, Isabelle Brandauer, Astrid Flögel, Josefine Justic,
Clara Maier, Maria Mayrl, Birgit Schönegger, Renate Telser, Michael Zechmann. Die ferdinandea erscheint 4 x im Jahr; Vereinszweck: Förderung von Kunst, Kultur und Wissenschaft in Tirol; Blattlinie: Informationsorgan der Mitglieder.
Organe: Vorstand (B. Psenner, B. Platzer, F. Pegger); Aufsichtsrat (J. Hörmann-Thurn und Taxis, V. Zingerle, S. Höller, L. Madersbacher); Grafik: büro54; Druck: Athesia-Tyrolia Druck · Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die persönliche Meinung der Autor*innen wieder. Im Sinne der besseren
Lesbarkeit wird fallweise auf eine geschlechtergerechte Formulierung verzichtet. Alle Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autor*innen.
Ferdinandea DIE ZEITUNG DES VEREINS TIROLER L ANDESMUSEUM FERDINANDEUM - ferdinandea Nr 5 4 November 2020 - Jänner 2021 - DIE ZEITUNG DES VEREINS ...
8        Ver a ns t a l t ungen                                                                                                  f er din a nde a Nr 5 4           November 2020 – Jänner 2021

Ohrenschmaus vom Feinsten                                                                                                              Benötigen Sie noch ein Weihnachtsgeschenk?
                                                                                                                                       Vom 29. November 2020 bis 6. Jänner 2021 erhalten Sie im
                                                                                                                                       Museumsshop viele CDs zum halben Preis sowie 10 % Rabatt auf
Über fünfzig musikalische Schätze unter dem Label „musikmuseum“                                                                        alle TLM-Publikationen. Auch einzigartige Geschenke mit
                                                                                                                                       Museumsmotiven können Sie dort finden: Tiroler Kulturbeutel,
Franz Gratl                                                                                                                            Maximiliantücher, Upcyclingtaschen, Regenschirme, Magnete usw.

                                                                 47 O mirandum mysterium                                             50 Tiroler Weihnachtskonzert 2019
                                                                 Sakralwerke von Giovanni Legrenzi aus                               Stille Nacht revisited
                                                                 dem Musikarchiv des Benediktinerklosters ­                          Werke von Franz Baur, Elias Praxmarer
                                                                 Marienberg in Südtirol                                              und Arnold Schönberg
                                                                                                                                     CHORrekt ∙ Orchester der Akademie St. Blasius
                                                                 48 Michael F. P. Huber – Klavierkonzert op. 61,                     Karlheinz Siessl
                                                                 Symphonie Nr. 4 op. 64
                                                                 Michael Schöch, Maria Ladurner                                      51 Apparatus Musico-Organisticus
                                                                 Orchester der Akademie St. Blasius                                  Barocke Orgelwerke aus Tiroler Quellen
                                                                 Karlheinz Siessl                                                    Peter Waldner an den historischen Orgeln von
                                                                                                                                     Ramosch und Taufers im Münstertal
                                                                 49 Junge Solist*innen am Podium 2
                                                                 Zeitgenössische musikalische Grenzgänge von Manu                    52 Tiroler Gröstl 1710
                                                                 ­D elago, Johanna Doderer, Eric Ewazen, Martin R
                                                                                                                ­ ainer,             Händel in Innsbruck
                                                                  Andrea Oberparleiter, Tiroler Kammerorchester                      eine literarisch-musikalische Spurensuche
                                                                  InnStrumenti (Leitung Gerhard Sammer)                              Ensemble rosarum flores

Ein kleiner Saurier zu Besuch im Zeughaus
Roland Sila
                                                                 Die heurige Winterausstellung im Museum im Zeughaus                 Klein und Groß zu werden. Je nach den aktuellen Mög-
                                                                 ist dem Zeichner Jörg Hilbert gewidmet, der mit seiner              lichkeiten ist auch ein breites Rahmenprogramm geplant.
                                                                 Kinderbuchfigur „Ritter Rost“ seit über 25 Jahren Kin-              Neben Führungen und Lesungen wird bereits für eine
                                                                 derherzen höher schlagen lässt (immerhin hat er bereits             Aufführung des Theaterstückes von Jörg Hilbert „Der
                                                                 knapp zwei Millionen Kinderbücher und andere Medien                 Schweinachtsmann“ geprobt. Und in Kooperation mit der
                                                                 verkauft). Und gerade dieser Ritter Rost ist mit seinen en-         Innsbrucker Abendmusik findet ein Kinderkonzert statt.
                                                                 gen Freunden, dem Burgfräulein Bö und dem Drachen
                                                                 Koks, zu Besuch im Zeughaus und erlebt in Innsbruck
                                                                 seine Abenteuer.                                                      Vom kleinen Saurier zum Ritter Rost. Der Zeichner Jörg Hilbert
                                                                 Im Mittelpunkt der Ausstellung steht ein nie publiziertes             Museum im Zeughaus
                                                                 Kinderbuch mit dem Titel „Der kleine Saurier“, das ein                28. November 2020 bis 1. April 2021
                                                                 Frühwerk des Zeichners darstellt. Eigentlich nicht für die            Eröffnung & Open House: 27. November, 15–19 Uhr
                                                                 Öffentlichkeit bestimmt, fand es über die Familie von Paul
                                                                 Flora, dem großen zeichnerischen Vorbild von H      ­ ilbert,         Jörg Hilbert liest Ringelnatz & Co
                                                                 den Weg ins Ferdinandeum und nun ins Z        ­ eughaus. Im           Ein vergnüglicher Abend
                                                                 Mittelpunkt der Geschichte steht mit dem kleinen Sau-                 Bibliothek des Ferdinandeums
                                                                 rier eine Figur, die als Vorbild für den ­D rachen Koks in            13. Jänner 2021, 19 Uhr, Eintritt frei
                                                                 den Ritter Rost-Büchern gelten kann. Er ist auf der Suche
                                                                 nach seiner Identität, ist er doch farblos und ohne Familie           Ritter Rost trifft den letzten Ritter
                                                                 auf die Welt gekommen.                                                Konzert in Kooperation mit der Innsbrucker Abendmusik
                                                                 Das Zeughaus wird, neben dem kleinen Saurier, von zahl-               Museum im Zeughaus
                                                                 reichen Figuren aus Jörg Hilberts Kinderbüchern bevöl-                15. Jänner 2021, 15 Uhr
Auch das Burgfräulein Bö trifft auf den Saurier. ©Jörg Hilbert   kert und die Ausstellung verspricht, ein großer Spaß für

O weih, o weih, o Weihnachtszeit...
Musiktheater und Märchen im Museum
Katharina Walter
                                                                 Was tun, wenn sich kurz vor Heiligabend ein Weihnachts-
    Der Schweinachtsmann von Jörg Hilbert                        mann beim Nüsse knacken verletzt und für den Rest des
    mit Antonia Neussl, Julia Hell, Marinus Kreidt               Jahres arbeitsunfähig ist? Das Schwein beim Weihnachts-
    Museum im Zeughaus                                           mann im Stall ist bereit, den Job als Aushilfsweihnachts-
    5. und 19. Dezember 2020, jeweils 14 Uhr                     mann zu übernehmen. Und hier ­beginnt die wunderbar ver-            Der Schweinachtsmann von Jörg Hilbert. © 2001 by Edition Conbrio.
    24. Dezember 2020, 14–17 Uhr                                 rückte Weihnachtserzählung „Der Schweinachtsmann“,                  Hug Musikverlage, Zürich. Mit freundlicher Genehmigung.
    ab 4 Jahren (in Begleitung), mit Anmeldung                   die weihnachtliche Rituale liebevoll parodiert. Die Ge-             www.edition-conbrio.ch
                                                                 schichte des Kinderbuchautors Jörg H  ­ ilbert, mit Musik
    Märchen aus fernen Ländern                                   von Felix Janosa, wird unter der Leitung der Musik- und             Volkskunstmuseums tun: Barbara Beinsteiner erzählt ein
    mit Barbara Beinsteiner, Brigitte Pfurtscheller,             Tanzpädägogin Antonia Neussl dramaturgisch inszeniert.              persisches Märchen voll orientalischer Poesie, in der die
    Hassan Ibrahim-Bercenzî                                      Das Musiktheater ist an zwei Samstagen in der Vor-                  Melodie der Nachtigall die Wahrheit ans Licht bringt und
    Volkskunstmuseum                                             weihnachtszeit und beim Familiennachmittag „Rund um                 Eltern und Kinder, die einander verloren glaubten, zuei-
    13. und 20. Dezember 2020, jeweils 15 Uhr                    Weihnacht“ am 24. Dezember im Zeughaus zu sehen und                 nander finden lässt. Musikalisch begleitet wird die Er-
    ab 6 Jahren (in Begleitung), mit Anmeldung                   zu hören. Und wer sich von Märchen aus fernen Ländern               zählung von Brigitte Pfurtscheller und Hassan Ibrahim-
                                                                 verzaubern lassen möchte, kann dies in den Stuben des               Bercenzî auf der Oud.
Ferdinandea DIE ZEITUNG DES VEREINS TIROLER L ANDESMUSEUM FERDINANDEUM - ferdinandea Nr 5 4 November 2020 - Jänner 2021 - DIE ZEITUNG DES VEREINS ...
W i s s en sc h a f t   9

Die Spanische Grippe in Tirol
Isabelle Brandauer
Vor 100 Jahren wurden die Menschen weltweit von einer Seuche ungeahnten Ausmaßes heimgesucht. Die Spanische Grippe forderte in drei
Wellen zwischen 1918 und 1920 zwischen 25 und 39 Millionen Tote. Die Dunkelziffer liegt wohl noch wesentlich höher.

Abb. 1: Sterbebild des Standschützen Alois Rabensteiner, der bei
seinem Heimaturlaub in Villanders an der Grippe verstarb.
tiroler-landesmuseen.at/forschung/tiroler-ehrenbuch-digital        Abb. 3: Die Bevölkerungsentwicklung in Innsbruck 1905–1946, in: Statistisches Handbuch der Stadt I­ nnsbruck, Innsbruck 1950, S. 58.

Eine „neuartige Erkrankung“                                        Auch Bozen folgte diesem Beispiel nur wenige Tage später.                  Fazit
Es ist zu vermuten, dass sich die Spanische Grippe in ­Tirol       Die große Ansteckungsfähigkeit und Schnelligkeit, mit der                  Rückblickend kann nicht eindeutig festgestellt werden,
von Frankreich über die Schweiz und Vorarlberg ausbrei-            sich die Krankheit auch in Tirol zu verbreiten begann, war                 wie viele Menschen in Tirol an der Spanischen Grippe
tete. Zumindest lassen zeitgenössische Zeitungsberichte            besorgniserregend. Begünstigt wurde der schwere Verlauf                    verstorben sind. Vorsichtige Schätzungen gehen in Tirol
sowie Forschungsergebnisse auf diesen Verbreitungsweg              der Epidemie sicherlich auch durch die Mangelernährung                     von 1.500 Todesfällen aus. Fehlende Meldepflicht, unsi-
schließen. Erschwert werden genaue Angaben aber durch              infolge des Krieges. Trotz der sich mehrenden Todesfälle                   chere Diagnosen und unterschiedliche Angaben bei den
den Umstand, dass die Krankheit in Österreich-Ungarn wie           wurde noch Anfang Oktober in den Tiroler Zeitungen im-                     Todesursachen sind nur einige der Faktoren, die eine Er-
in vielen anderen Ländern nicht meldepflichtig war.                mer wieder der harmlose Verlauf der Krankheit hervorge-                    fassung bis heute erschweren. Ein Blick in die Totenbe-
Bereits Mitte Juni 1918 tauchen Berichte über eine neuar-          hoben. Die Meldungen über eine kurze Dauer der Krank-                      schauscheine der Stadt Innsbruck gibt für den Zeitraum
tige, „spanische Krankheit“ in den Tiroler Zeitungen auf.          heit und die „gütliche Art“ der Grippe sollten wohl auch zur               September 1918 bis Mai 1919 181 Personen an, die an der
So meldete der „Tiroler Anzeiger“ bereits am 18. Juni 1918         Beschwichtigung der Bevölkerung dienen.                                    Grippe verstorben waren (Abb. 3).
47 Fälle in Innsbruck. Allerdings wurden zu diesem Zeit-           Mitte bis Ende Oktober hatte die Krankheit in Tirol ihren                  Angesichts der dramatischen Ereignisse in Tirol zum
punkt das Ausmaß und die Gefährlichkeit der ­Pandemie in           Zenit erreicht (Abb. 1). Die Sterblichkeit war vor allem in                Höhepunkt der Grippewelle im Herbst 1918 verwundert
Tirol, trotz der zunehmenden Infektionszahlen im Ausland,          Innsbruck recht beängstigend: Allein im Zeitraum vom                       es, dass sich diese Pandemie so wenig im kollektiven
völlig unterschätzt. Die Anfangsphase der Berichterstattung        20. bis 26. Oktober fielen 98 Personen, davon 60 Militär­                  Gedächtnis der Tiroler Bevölkerung eingeprägt hat.
in Tirol war, wie auch andernorts, von großer Unsicher­heit        personen und 38 Zivilisten, der Spanischen Grippe zum                      Im „Reststaat“ Österreich und vor allem in Tirol ist die
geprägt und gipfelte mitunter in kuriosen Falschmeldungen          Opfer. Bestimmte Personengruppen waren zudem beson-                        ­Spanische Grippe in der zeitgenössischen Wahrnehmung
und Spekulationen.                                                 ders gefährdet: nämlich Seelsorger und Ärzte, die von Be-                   und auch in der späteren Rezeption durch die unmittel-
                                                                   rufswegen in einem verstärkten Maße mit Erkrankten zu                       baren Folgen des Weltkrieges, den Zerfall der Monarchie
Der tödliche Höhepunkt                                             tun hatten. Ebenso stark von Infektionen betroffen waren                    und die Teilung Tirols überschattet worden.
Spätestens im Oktober 1918 hatte die Grippe Europa fest in         Zeitungsausträger und Eisenbahnbedienstete der Nord- und
ihrem tödlichen Griff. Auch die Tiroler Zeitungen berich-          Südbahn, was letztendlich auch zu bedeutenden Verkehrs-                    Dieser Beitrag ist im Wissenschaftlichen Jahrbuch der
teten nun täglich über die Seuche. Selbst wenn sie oft noch        beschränkungen führen sollte.                                              ­Tiroler Landesmuseen 2020 erschienen.
als „neuartige Erkrankung“ definiert wurde, war nun klar,          Bis Mitte November 1918 gab es landesweit kaum ein Dorf
dass die Grippe in Verbindung mit Lungenentzündungen               ohne Grippekranke. Allmählich änderte sich nun auch die
rasch zum Tode führen konnte und vor allem auch junge,             Wortwahl hinsichtlich der Krankheit: Bis Mitte Oktober noch
kräftige Personen betraf. Die Art der Übertragung war zu-          verharmlost und relativiert, wurden mit der steigenden Zahl
nächst nicht bekannt, jedoch schrieb der „Tiroler Anzeiger“        an Toten auch neue Begriffe wie „unheimlich“, „bösartig“
bereits am 17. Oktober davon, „daß sie [die Grippe; Anm.]          und „heimtückisch“ mit der Grippe in Verbindung gebracht.
besonders da auftritt, wo viele Menschen in nahe Berüh-            Ab Ende November begann die Epidemie in Tirol allmäh-
rung zueinanderkommen“. Da das Verbot von Massenan-                lich abzuflauen. Danach wurden in den Zeitungen nur mehr
sammlungen das öffentliche Leben lahmzuglegen drohte,              vereinzelte Fälle – teilweise bis 1920 – gemeldet. Die Sor-                Abb. 2: Inserat für den Verkauf von Desinfektionsmitteln, in:
wurde den Einzelnen dazu geraten, in Eigenverantwortung            ge, dass dieses punktuelle Aufflackern zu einer ähnlichen                  ­Innsbrucker Nachrichten, 28.10.1918, S. 6.
mit so wenig Menschen wie möglich in Kontakt zu treten.            Situation wie im Oktober 1918 führen konnte, blieb jedoch.
Generell gab es über die Art und das Ausmaß der Maßnah-            Im gesamten Zeitraum, in dem die Grippe in Tirol wütete,
men zur Einschränkung des öffentlichen Lebens keine ein-           kam erschwerend der Umstand hinzu, dass es keine gesi-                       Assmann, Peter (Hg.): Wissenschaftliches Jahrbuch der Tiroler
heitliche Regelung. Die erste Schulschließung in ­Innsbruck        cherte Behandlungsform gab, die wirksam gegen die Krank-                     Landesmuseen 2020, Innsbruck Studienverlag, Preis: 34,90 Euro
wird bereits am 9. Oktober 1918 gemeldet. Am 15. Oktober           heit eingesetzt werden konnte. Einstimmigkeit herrschte                      Erhältlich unter: shop.tiroler-landesmuseen.at, im Museumsshop
wurden auf Anordnung des ­Tiroler Landesschulrates alle            nur darin, dass Selbstschutz und hygienische Maßnahmen                       oder direkt beim Studienverlag.
Innsbrucker Mittelschulen auf drei Wochen geschlossen.             vor einer Ansteckung bewahren konnten (Abb. 2).
Ferdinandea DIE ZEITUNG DES VEREINS TIROLER L ANDESMUSEUM FERDINANDEUM - ferdinandea Nr 5 4 November 2020 - Jänner 2021 - DIE ZEITUNG DES VEREINS ...
10   S pe z ia l s a mml ungen / N ac hr u f e                                                                                          f er din a nde a Nr 5 4       November 2020 – Jänner 2021

Die präzise Achtlosigkeit der Natur
Rosanna Dematté
Die aktuelle Präsentation von fünf Arbeiten Lois Weinbergers im MAG (s. S. 12) ist der Anlass,
einen Nachruf für den im vergangenen April unerwartet verstorbenen Künstler nachzuholen
und über seine Bedeutung für das Ferdinandeum nachzudenken, die über den wichtigen
Sammlungsbestand von Werken zwischen 1977 und 2010 hinausgeht.

Lois Weinbergers „Feldarbeit“, wie er seine künstlerische     am Kamp in Niederösterreich. Seine aufmerksame Ana-
Tätigkeit definierte, begann in den frühen 1970er-Jahren      lyse der symbiotischen Beziehungen zwischen Kultur
am elterlichen Bauernhof in Stams in Tirol, wo er 1947        und Natur artikulierte er in „ethnopoetische“ Arbeiten
geboren wurde. Seit den 1980er-Jahren lebte und arbei-        und führte ihn zur metaphorischen Umdeutung des bota-
tete er mit Franziska Weinberger auch in Wien und Gars        nischen Begriffs des „Ruderals“ (rudis = wild und kunst-
                                                              los). Daraus entwickelte er ortsspezifische Installationen
                                                              für internationale Ausstellungen wie der documenta
                                                              in Kassel (1997, 2017) und der Biennale von Venedig
                                                              (2009), doch auch viele Arbeiten im öffentlichen Raum.
                                                              Unter anderem untersuchte er die „präzise Achtlosig-
                                                              keit“ der Natur als Bereich, der „unserer unsichtbaren
                                                              Natur“ sehr nahe steht, wie er selbst formulierte. Seine
                                                              künstlerische Arbeit distanzierte sich von jeglicher vor-
                                                              geschriebener Ordnung des Mensch-Natur-Verhältnisses.
                                                              Sie wird mit Statements wie „Der Umgang einer Gesell-
                                                              schaft mit Pflanzen ist auch ein Spiegelbild ihrer selbst“
                                                              jenseits ihrer kunstimmanenten Bedeutung für aktuelle                         Ansicht der Ausstellung „Schönheit vor Weisheit“ im Ferdinandeum mit
                                                              gesellschaftspolitische, ökologische, philosophische,                         Lois Weinbergers Arbeit „Debris Field – Erkundungen im Abgelebten“,
                                                              aber auch wissenschaftstheoretische Überlegungen äu-                          2010/2016. Foto: Günter R. Wett
                                                              ßerst relevant.
                                                              Das Ferdinandeum widmete ihm 2013 eine große, von                             Abgelebten“, bestehend aus Dachbodenfunden aus sie-
                                                              Günther Dankl kuratierte Einzelausstellung (s. ferdinan-                      ben Jahrhunderten, die er zwischen 2010 und 2016 im
                                                              dea 24), doch Weinbergers Arbeit war hier seit 1990 in                        Elternhaus in Stams ausgegraben und 2017 auf der
                                                              mehreren Gruppenausstellungen sowie Sammlungs-                                documenta in Athen gezeigt hatte (s. ferdinandea 49).
                                                              präsentationen zu sehen. Bis März 2020 präsentierte                           Unvergessen und vorbildhaft bleiben in seinen Inter-
                                                              Weinberger in der in Kooperation mit der Universität                          views und besonders für diejenigen von uns, die ihn ken-
                                                              Innsbruck entstandenen Ausstellung „Schönheit vor                             nenlernen durften, seine überzeugte Haltung bezüglich
                                                              Weisheit“ das Werk „Debris Field – Erkundungen im                             der Anliegen der Kunst bei gleichzeitiger respektvoller
                                                                                                                                            Umgänglichkeit und menschlicher Nähe. Von Juli bis
                                                              Lois Weinbergers Einzelausstellung im Tiroler Landesmuseum,                   Oktober 2021 wird im Belvedere 21 in Wien eine Aus-
                                                              Installation aus Plastikkübeln mit Erde auf dem Balkon des                    stellung stattfinden, die er teilweise vor seinem Tod kon-
                                                              Ferdinandeum, 2013. Foto: TLM/Wolfgang Lackner                                zipierte, auf die wir uns sehr freuen können!

Alois Kofler – ein großes Forscherleben ging zu Ende
Manfred Kahlen
Wenige Tiroler Naturforscher waren jemals von so umfassender Vielseitigkeit wie Alois Kofler. Über sechs Jahrzehnte lang erforschte er
unermüdlich die Natur und sammelte naturkundliche Objekte in Tirol und benachbarten Gebieten.

Sein Leben und Wirken ist bereits mehrfach gewürdigt          Bestimmungen dieses Materials. Über 400 wissenschaft-
worden, weshalb sein Lebenslauf hier nur kurz zusam-          liche Publikationen sind Ausdruck eines unermüdlichen
mengefasst wird: Alois Kofler wurde am 10. Oktober 1932       Lebens für Forschung und Wissenschaft.
am Heinfelserberg in Osttirol geboren. Er besuchte das        Für sein Wirken mehrfach geehrt (Theodor-Körner-
Paulinum in Schwaz, wo sein Onkel Prof. Dr. Franz Josef       Preis 1976, Ehrenzeichen der Universität Innsbruck
Kofler Biologie unterrichtete und ihm ein umfassendes         1980, Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft für En-
Fachwissen wie auch die Naturbegeisterung vermittelte.        tomofaunistik 2010, Friedrich-Brauer-Medaille 2011,
Das Biologiestudium an der Universität ­Innsbruck un-         Franz-von-Wieser-Medaille 2013) war Alois Kofler ein
ter den renommierten Professoren Otto Steinböck und           Naturhistoriker im klassischen Sinn, welche es heute
Heinz Janetschek (Zoologie) und Helmut Gams und               kaum mehr gibt. Seine gesamten naturkundlichen Ob-
Arthur Pisek (Botanik) promovierte er 1959 mit der Dis-       jekte – weit über eine Viertelmillion – sind in den Besitz
sertation „Faunistik, Ökologie und Cönotik Osttiroler         des Tiroler Landesmuseums übergegangen und stellen
Landschnecken“, an der er bereits ab dem dritten Seme-        hier einen fundamentalen Bestand der Naturwissen-
ster gearbeitet hatte. 1961 heiratete er und war Vater von    schaftlichen Sammlungen dar. Die Aufarbeitung dieser
drei Kindern.                                                 Schätze wird noch viele Jahre dauern. Auch seine gigan-
Nach Lehrtätigkeiten am BRG in Lienz war Alois Kolfer         tische Bibliothek ist dem Tiroler Landesmuseum über-
von 1972 bis 1992 Direktor des Bundeskonviktes in Lienz.      eignet worden. Am 25. Juni 2020 hat Alois Kofler seine
Hofrat Direktor i.R. Mag. rer. nat. Dr. phil. Alois K
                                                    ­ ofler   letzte Exkursion angetreten. Das Tiroler Landesmuseum
erarbeitete eine unfassbar reichhaltige Dokumentati-          ­Ferdinandeum wird ihm stets ehrend gedenken.
on an Pilzen, Pflanzen und Tieren. Schwerpunkt seiner
Arbeit war sein Heimatland Osttirol. Kontakte mit den          Auf das Sammeln folgt das Bestimmen, Alois Kofler im „Käfer-­Zimmer“.
besten Spezialisten Europas ermöglichten fachgerechte                                                             Foto: Martin Kofler
Mu s eum s w er k s t ä t t en   11

Blühende Erkenntnisse                                                                                                                              editorial
                                                                                                                                                   Zu guter Letzt
seit fast 200 Jahren                                                                                                                               von Peter Assmann

Die botanisch-mykologische Sammlung der Tiroler Landesmuseen                                                                                       Nicht nur flatterhaft …
Clara Maier                                                                                                                                        der Schmetterling
                                                                                                                                                   Die interessierten Museumsbesucher*innen, die sich
Anfang des 17. Jahrhunderts begann der Tiroler Arzt Hippolyt Guarinoni mit einer                                                                   in die neu präsentierte Sammlungspräsentation zur
Pflanzensammlung in Buchform. Dass sein Herbarium heute wieder in den Fokus                                                                        Niederländischen Malerei im Ferdinandeum begeben,
wissenschaftlichen Interesses rückt und Teil einer vielfältigen Sammlung wurde, ist nicht                                                          werden dort nicht nur auf so prominente Künstlerna-
                                                                                                                                                   men wie Rembrandt stoßen, sondern auch auf einen
zuletzt den Expert*innen der botanischen Sammlung zu verdanken. Viele der inzwischen                                                               Raum voll mit Stilllebengemälden. Zumeist handelt
mehr als 300.000 Objekte – vor allem Blüten- und Farnpflanzen, Pilze, Flechten und Moose –                                                         es sich um üppige Blumenbilder, die mit größter De-
sind wissenschaftlich weltweit gefragt.                                                                                                            tailgenauigkeit, aber auch sehr bewusst mit bunter
                                                                                                                                                   Farbigkeit gemalt worden sind. Diese niederländische
Wenn Michael Thalinger, der für die botanisch-myko-                               tungen. Neuzugänge und Rückkünfte integriert er fach-            Stilllebenmalerei des 17. und frühen 18. Jahrhunderts
logische Sammlung verantwortlich ist, am Wildseeloder                             gerecht in die Sammlung. Um sicherzustellen, dass kei-           zählt zu den Höhepunkten europäischer Malkunst.
in den Kitzbüheler Alpen wandert, kommt er nur wenige                             ne Schädlinge eingeschleppt werden, friert er sämtliche          Man ist immer wieder fasziniert von der Vielfalt und
Meter. Er kniet nieder und greift nach den Blättern ei-                           Belege oder unterzieht sie einem Sauerstoffentzug. Für           der Präzision, die sich hier vor dem Betrachterauge
ner kleinen Pflanze mit blassgelben Blüten. „Schau, ein                           die digitale Erfassung hat Mario ein eigenes Onlinetool          ausbreitet. Es sind aber nicht nur die Blumen in vieler-
Tiroler Kapuzen-Löwenzahn“, freut er sich und erklärt,                            programmiert.                                                    lei Gestalt, die hier so attraktiv wirken, zwischen den
dass die seltene Alpenpflanze in dieser Gegend erst ein                                                                                            Blüten und Stängeln finden sich zudem immer wie-
einziges Mal nachgewiesen wurde.                                                  Der Moosexperte                                                  der einzelne Tiere als besondere Aufmerksamkeits-
Viele Entdeckungen, die er und seine vier Kolleg*innen                            … ist Christian Anich, der auch im Betriebsrat tätig ist.        punkte. Auf fast jedem der präsentierten Gemälde ist
oft in der Freizeit machen, finden Eingang in die Samm-                           Er kümmert sich seit 2013 um die Restaurierung und               ein Schmetterling zu sehen.
lung. Der Dokumentationsauftrag wird, heute wie früher,                           wissenschaftliche Erschließung der lange vernachlässig­          Diese Insektenart zählt auch zu den absoluten Samm-
mit Hilfe zahlreicher Berufs- und Hobbybotaniker*innen                            ten Kryptogamensammlung. Eine Gruppe daraus, die                 lungs- und Forschungsschwerpunkten der Tiroler
erfüllt: durch eine gute Zusammenarbeit sowie wertvolle                           Moose, haben es ihm besonders angetan. Der Austausch             Landesmuseen. In den letzten Jahrzehnten ist es ge-
Vor- und Nachlässe. Mit der Betreuung der 1,4 Millionen                           mit Fachkolleg*innen an Universitäten und Museen ist             lungen, den diesbezüglichen Sammlungsbestand auf
Funde fassenden Datenbank, die laufend aktualisiert und                           ihm dabei wichtig und liefert wertvolle Anregungen.              über eine Million zu erweitern, darunter auch – was
erweitert wird, ist die botanisch-mykologische Samm-                                                                                               international ganz besonders wichtig ist, mehrere 100
lung gemeinsam mit der Universität die Anlaufstelle für                           Die Pflanzendetektivin                                           Exemplare, die einer neu gefundenen Art ihren Na-
Fragen zur Flora Tirols.                                                          … ist Ines Aster. Sie restauriert zurzeit vor allem Ob-          men geben – sogenannte „Holotypen“. Unsere For-
                                                                                  jekte der historischen Moossammlung, die 1985 ins                scher haben also viele neue Schmetterlingsarten ent-
                                                                                  Hochwasser geraten sind. Dadurch wird wichtiges Refe-            deckt und damit die Tiroler Landesmuseen zu einem
                                                                                  renzmaterial von Wuchsorten, an denen die Arten heute            internationalen Zentrum dieser Forschung gemacht.
                                                                                  nicht mehr zu finden sind, bis zu Typusbelegen wieder            Das Wort „Schmetterling“ hat übrigens nichts mit
                                                                                  für die wissenschaftliche Bearbeitung zugänglich. Bei            „schmettern“ zu tun, sondern leitet sich von der Be-
                                                                                  der digitalen Erfassung wird Ines zur Detektivin. Sie            obachtung ab, dass diese Tiere gern am Milchrahm
                                                                                  recherchiert Infos zu Sammler*innen sowie Fundorten              („Schmand“) naschen, die englische Bezeichnung
                                                                                  und ist geschickt darin, damit Informationen einzelner           „butterfly“ nimmt auch auf diesen Zusammenhang
                                                                                  Objekte zu rekonstruieren.                                       Bezug. Auf Altgriechisch heißen die Schmetterlinge
                                                                                                                                                   „psyche“ und sind damit gleichsam als fliegende
                                                                                  Die Pilzkonservatorin                                            Gedanken gekennzeichnet. In einigen italienischen
                                                                                  … ist Regina Kuhnert-Finkernagel, die ehrenamtlich               Gemälden der Renaissance wird auf diese Tatsache
                                                                                  das Team unterstützt. Bis zu ihrer Pensionierung be-             Bezug genommen, wenn die begleitenden Putti kei-
                                                                                  treute sie mit großem persönlichen Einsatz die mykolo-           ne Engels-, sondern Schmetterlingsflügel haben –
                                                                                  gische Sammlung der Universität Innsbruck mit mehr als           so etwa in der berühmten „camera degli sposi“ im
                                                                                  600 Typusbelegen, die mittlerweile im Sammlungs- und             ­Palazzo Ducale in Mantua. Auch der Jahresregent der
                                                                                  Forschungszentrum ihr neues Zuhause gefunden haben.               Hauptausstellung im Ferdinandeum Johann Wolfgang
                                                                                  Regina ist „ihrer“ Sammlung treu geblieben. Sie tauscht           von Goethe hat dieser Tierart ein Gedicht gewidmet,
                                                                                  sich mit internationalen Kolleg*innen aus, verleiht welt-         das wie folgt beginnt: „In des Papillons Gestalt
                                                                                  weit Belege und nimmt alle getrockneten Pilzbelege, die           Flattr‘ ich, nach den letzten Zügen
                                                                                  an der Universität Inns­bruck für Publikationen gesam-            Zu den vielgeliebten Stellen,
                                                                                  melt werden, in die Sammlung auf.                                 Zeugen himmlischer Vergnügen, … „

                                                                                  Das Sammlungsteam hält nicht nur bei der Arbeit zu-
Mario Baldauf, Christian Anich, Ines Aster und Michael Thalinger (v. l. n. r.),   sammen und sucht Kooperationen über die Fachgren-
nicht im Bild: Regina Kuhnert-Finkernagel                                         zen hinaus, häufig wird auch gemeinsam gekocht und
                                                                                  gegessen. Kulinarisch bleibt man dem Fach dabei gerne
Der Farn- und Blütenpflanzenspezialist                                            treu: reichhaltige Salate stehen besonders häufig auf dem
… ist Michael Thalinger, der die Sammlung leitet, ko-                             Speiseplan.
ordiniert und für Anfragen zur Verfügung steht. Bei na-
tionalen Arbeitstreffen unterstützt er Kolleg*innen der                           Info: Die Langversion des Artikels finden Sie unter
Universitäten Wien und Innsbruck dabei, die Rote Liste                            tiroler-landesmuseen.at/blog.
der gefährdeten Arten in Österreich zu aktualisieren.
„Da es praktisch unmöglich ist, eine vollständige Daten-
lage zu erheben, sind vereinte Erfahrung und Expertise                             Wanted: Hobbybotaniker*innen
nötig, um der Realität möglichst nahe zu kommen“, so                               Um die Entwicklung der Tiroler Artenwelt zu dokumentieren,
Thalinger.                                                                         sind interessante Funde und Beobachtungen von Hobby­
                                                                                   botaniker*innen herzlich willkommen – Fotos oder Belege
Der Ordnungshüter                                                                  erwünscht. Das Team freut sich über Infos und Gespräche mit
… und Sammlungswart ist Mario Baldauf. Er kümmert                                  Interessierten unter m.thalinger@tiroler-landesmuseen.at oder   Die kürzlich neu entdeckte Schmetterlingsart „Caryocolum
sich um die digitale Erfassung der Belege, verwaltet das                           c.anich@tiroler-landesmuseen.at                                 lamai“, die nach David Lama benannt wurde. Foto: TLM
Archiv und sorgt unter anderem für korrekte Beschrif-
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