Gesundheitsförderung for future Klima- und Gesundheits-politik gehören zusammen! - Gesunde Städte - Das Gesunde Städte ...
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Gesunde Städte
Gesunde Städte-Netzwerk
2020 der Bundesrepublik Deutschland
Gesundheitsförderung
for future
Klima- und Gesundheits-
politik gehören zusammen!2 Impressum
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gesunde-staedte-netzwerk.de
© Bild: guteksk7, shutterstock.com
Impressum
Ausgabe Nr. 1 / Mai 2020
Anschrift Herausgeber und Redaktion Redaktion Die Gesunde Städte-Nachrichten sind ein Forum des Infor-
Gesunde Städte-Sekretariat Reiner Stock, Marion Wolf, mationsaustausches. Die Beiträge müssen daher nicht der
Meinung der Redaktion und des Herausgebers entsprechen.
c/o Stadt Frankfurt am Main Dr. Hans Wolter (V.i.S.d.P.)
- Der Magistrat - Gender-Formulierung
Gesundheitsamt Gestaltung und Konzeption
Die Redaktion hat darauf verzichtet, in den Texten eine einheit-
Breite Gasse 28 · 60313 Frankfurt am Main Kathrin Blumentritt, joost@blume-im-inter.net liche Verwendung geschlechtsbezogener Sprachformen festzu-
legen. Wir möchten damit die bevorzugten Schreibweisen der
Titelbild unterschiedlichen Autor*innen respektieren.
Gesunde Städte-Telefon: 069 212-37798 dieterkowallski, photocase.de
gesunde.staedte-sekretariat@stadt-frankfurt.de Nachdruck einzelner Artikel nur mit ausdrücklicher Genehmi-
www.gesunde-staedte-netzwerk.de ISSN 2509-3045, 23. Jahrgang, gung der Redaktion und der Autorinnen und Autoren.
Twitter: Salutogenese@gesunde_staedte 1. Auflage 3.500 StückInhalt 3
Inhalt
Titel 18 Der 1. Mittelfränkische Aus dem Netzwerk
Selbsthilfepreis ist in
4 Editorial Nürnberg verliehen worden: 33 Neu dabei im
Engagement – Gesunde Städte-Netzwerk
6 Gesundheit und Klimaschutz darauf kommt es an! - Bremen
in der GesundRegion
- Rhein-Sieg-Kreis
Wümme-Wieste-Niederung 20 Neue Initiative gegen
- Schlangenbad
Altersarmut
8 Erste Schritte auf einem langen - Schwerin
Gesunde Stadt Kiel
Weg zur Klimaanpassung
41 Gesunde Städte-Netzwerk
Gesunde Stadt Dresden 21 Eine gute
Gute Gründe für Ihren Beitritt
Impfentscheidung treffen
10 Hitzeaktionsplan Amt für Gesundheit startet
für Menschen im Alter für die Kampagne in Kiel
Stadt Köln Der Blick über den Tellerrand
22 „Es gab ein kaum stillbares
12 Lebensweltliche Bedürfnis gemeinsam zu
43 Dr. Heinrich Hoffmann:
Profile für Gesundheit lernen“
Arzt, Demokrat, Gesundheits-
Stadtteilbezogene Planung Klaus-Peter Stender über
förderer und Erfinder des
in Nürnberg Entstehung und Entwicklung
Struwwelpeter aus Frankfurt
des Gesunde Städte-Netzwerks
14 GRAU ist BUNT oder am Main
Forever Young? 27 Strategie-Treffen des
Klimawandel und Gesunde Städte-Netzwerks
die Generation Ü-55 in München
in Saarbrücken - Die Zukunftsfähigkeit des
Gesunde Städte-Netzwerks
stärken
Aus den Kommunen - Die Wirksamkeit des
Netzwerks erhöhen
16 Arztpraxisinterne Sozialberatung - Die weitere Entwicklung
als Modellprojekt im gesunden gestalten!
Bezirk Berlin-Lichtenberg
30 Kommunale Gesundheits-
Raus aus der Unsichtbarkeit –
förderung
Für mehr Lebensqualität und
als gesundheitspolitische
Teilhabe im hohen Alter
Aufgabe in Deutschland
32 Norbert Lettau
Nachruf4 Editorial
Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
das Schwerpunktthema dieses Heftes, das wir vor der benannte Gefahrenabwehr, insbesondere auf schnelle
Corona-Krise festgelegt und bearbeitet haben, ist der und effiziente Klimaschutz-Maßnahmen mit Blick auf das
Zusammenhang von Klima- und Gesundheitspolitik. im Weltklimaabkommen beschlossene 1,5-Grad-Ziel der
Beide verliefen jahrelang getrennt voneinander. Das Vereinten Nationen.
war und ist nicht nachhaltig, wie wir heute sehr genau
wissen. Auch auf das häufigere Auftreten von Pande- Durch die Corona-Krise ist – wie durch die globale Klima-
mien durch Arten- und Umweltvernichtung wird in der krise – aufs Neue sehr deutlich geworden, dass Wohl-
Wissenschaft schon länger hingewiesen. Eine schein- stand, Gesundheit und Sicherheit im 21. Jahrhundert
bar aus dem Nichts entstandene „basisdemokra- von öffentlich bereitgestellten Gütern abhängen. Ohne
tische Graswurzelbewegung“ von unten, wie „Fri- ausreichende kommunale Daseinsvorsorge werden pre-
days for Future“ sich selbst bezeichnet, hat den käre Lebenslagen immer weiter zunehmen. Das Gesunde
Blick auf vieles bereits verändert. Dabei drängt diese Städte-Netzwerk tritt deshalb seit Jahren für eine ver-
Bewegung auf eine seit Jahrzehnten von der Wissenschaft hältnispräventive Politik ein – lokal und global, eine
Stadtansicht aus Hamburg © Bild: Gesunde Städte-SekretariatEditorial 5
Politik, die die Menschen in den Lebenswelten unter- und muss Kommunalpolitik sich artikulieren. Dass Städte
stützt und demokratische Beteiligung ermöglicht. Der und Gemeinden zum Beispiel nicht selbstständig inner-
berühmte Tunnelblick von Experten führt häufig dazu örtliche Tempolimits verhängen dürfen (nur in sensiblen
– so auch in der Corona-Krise – dass viele wichtige Bereichen), geht gar nicht. Die 17 globalen Ziele für nach-
Aspekte des Lebens, manchmal sogar die wichtigsten, haltige Entwicklung der Agenda 2030 (SDGs) sind von
aus dem Auge verloren werden. Gesundheitschancen großer Bedeutung, müssen aber in Städten, Kreisen und
und Erkrankungswahrscheinlichkeiten können aber Gemeinden umgesetzt werden. Bestimmte gesundheits-
schlüssig nur interdisziplinär begründet werden. Dies fördernde Maßnahmen, wie z. B. die Wiedereinführung
kann am besten in demokratischen Verfahren erreicht der in Deutschland abgeschafften Zuckersteuer, die zu-
werden. Das benötigt zwar Zeit, entspricht aber unseren letzt beim Mitgliedertreffen des Gesunde Städte-Netz-
gesellschaftlichen Werten und liefert Ergebnisse und werks am 24. Januar 2020 in München gefordert wurde,
Entscheidungen, die jede/r Einzelne mittragen kann. können nur zentralstaatlich getroffen werden. Aber alle
nachhaltigen Maßnahmen für die menschliche Gesund-
Menschliche Selbstbestimmung, Chancengleichheit und heit müssen alltagstauglich und lebensweltnah vermittelt
Lebensweltorientierung haben wir deshalb in unseren ge- werden, damit die Mehrheit mitzieht.
sundheitsfördernden Konzepten als handlungsleitend her-
ausgearbeitet. Im Interview mit Klaus-Peter Stender gehen Ob Corona- und Klimakrise dazu beitragen, dass die
wir auf diese Zusammenhänge ein, die unser Netzwerk kommunalen Leistungen der Daseinsvorsorge in allen
von Beginn an prägten (siehe Seite 22). Lebensbereichen wieder ausgebaut und die demokra-
tische Teilhabe von unten nach oben auch in Zukunft
Der Slogan „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere anerkannt und gefördert wird, bleibt gerade heute
Zukunft klaut“ wird aber nicht nur wirksam, weil klar (Stand: 31.03.2020) zu hoffen.
benennbare und messbare klima- und umweltpolitische
Ziele erkennbar sind. Zusammen mit anderen Bedro- Mit herzlichen Grüßen aus der Frankfurter Redaktion.
hungen, die im Alltagsleben sichtbar werden, wie die Dr. Hans Wolter, Marion Wolf, Reiner Stock
Autoabgas- und Plastikkrise, hat sich ganz offenbar die
Mehrheit der Bevölkerung sehr klar die gesundheitlichen
Auswirkungen und Gefahren bewusstgemacht.
Die Trennung von Umwelt- und Gesundheitspolitik wird
© Bild: Gesunde Städte-Sekretariat
nicht nur wissenschaftlich, sondern auch im alltäglichen
Verhalten aufgehoben. Veränderungen wie die von Ernäh-
rungsgewohnheiten, Plastikvermeidung, Forderung nach
Erhalt der Artenvielfalt, die Berechnung unseres persön-
lichen ökologischen Fußabdrucks deuten darauf hin.
Gesundheit in allen Politikbereichen (Health in All Poli-
cies) rückt näher. Und zwar von unten. Genau hier kann
v.l.n.r.: Dr. Hans Wolter, Marion Wolf und Reiner Stock6 Titel
Gesundheit und Klimaschutz
in der GesundRegion Wümme-Wieste-Niederung
Schon seit Ende der 80er-Jahre besteht der Ansatz, Um- So stehen hier bei der Entwicklung neuer touristischer
welt und Entwicklung nicht unabhängig voneinander zu Angebote Nachhaltigkeit, Naturerleben und körperliche
betrachten. Die Gesundheit ist ein Thema, bei dem jeder Aktivität im Vordergrund. Beispielhaft zeigt sich dies am
Mensch eine unmittelbare Betroffenheit empfindet, was Wanderprojekt „Nordpfade“, das der Touristikverband
die Möglichkeit bietet, die Bevölkerung für neue Heraus- Landkreis Rotenburg (Wümme) als gesundheitsförder-
forderungen zu sensibilisieren und Schritte in Richtung liches, nachhaltiges Angebot entwickelt hat. Die Nach-
einer nachhaltigeren Zukunft zu initiieren. Die Gesund- frage nach Entschleunigung, naturnaher Erholung und
Region Wümme-Wieste-Niederung, gelegen zwischen den körperlicher Aktivität soll bei einer gleichzeitig mög-
Metropolen Hamburg und Bremen, hat bereits 2006 das lichst geringen Belastung für Natur und Umwelt gefördert
Thema Gesundheit als übergeordnetes Thema erkannt werden. In einem weiteren Projekt wurden Betriebe aus
und legt ihren Zielen und Aktivitäten die WHO-Definition der Ernährungs- und Lebensmittelbranche ausgezeich-
„Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, net, die gezielt eine gesundheits- und umweltbewusste
geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Ernährung ermöglichen. Die Auszeichnung erfolgte u. a.
Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ zugrunde. Auch für die Verwendung oder Verarbeitung regionaler und
Klimaschutz und Klimaanpassung zielen beide darauf saisonaler Lebensmittel sowie das Angebot vegeta-
ab, negative Auswirkungen auf die Gesellschaft und die rischer Speisen.
eigene Person abzuwehren. Der integrierten Regionalent-
wicklung der Region mit den Akteur*innen aus Politik, Auch bei der Schaffung neuer Gebäude
Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft fällt somit die können Synergien aus bereits durch-
Chance zu, Synergien beider Themenfelder zu nutzen. geführten Projekte sowie im Rah-
men der Baumaßnahmen genutzt
Den Rahmen für dieses Handeln bietet die 2015 verabschie- und gemeinsam vorange-
dete UN-Agenda 2030 (durch 193 Staaten mit 17 Nachhal- bracht werden. Im Flecken
tigkeitszielen [Sustainable Development Goals] und 169 Ottersberg wurde ein
Unterzielen verabschiedet). Sie ruft Regierungen von Gesundheitszent-
Staaten, Ländern, Kreisen, Kommunen sowie die Zivil- rum zur Sicherung
gesellschaft zur Umsetzung der Ziele auf. Die Sustainable der gesundheit-
Development Goals (SDG) 3: „Ein gesundes Leben für lichen Versorgung
alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohler- geschaffen. Die
gehen fördern“ und das SDG 13: „Umgehend Maßnah- bautechnische Um-
men zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Aus- setzung berücksichtigte gesund-
wirkungen ergreifen“ bilden für die GesundRegion Wümme- heitsförderliche Aspekte sowie die Ziele des
Wieste-Niederung einen wichtigen Handlungsrahmen. Klimaschutzes durch eine entsprechende Gebäude-Titel 7
isolierung. Darüber hinaus wurden ökologische und um-
Autoren*innen:
weltverträgliche Baumaterialien verwendet. Das Außen-
gelände wurde unter Mithilfe des NABU als Biotop mit Regionalmanagement GesundRegion:
angrenzender Blühwiese für Insekten und entsprechen-
den Erläuterungstafeln gestaltet. Birgit Böhm, mensch und region,
Geschäftsführerin und Gesellschafterin von
Die oben genannten Projekte wurden oftmals mit Hilfe mensch und region, Birgit Böhm, Wolfgang
von Fördermitteln umgesetzt. Spezielle Förderanreize Kleine-Limberg GbR
bieten die Möglichkeit, die Umsetzung bestimmter Ziele Studium Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeogra-
zu unterstützen. Förderprogramme, die in ihrer Ziel- phie in Hannover, berufsbegleitendes Studium
richtung Gesundheit und Klimaschutz zusammen in den der Arbeitswissenschaften mit dem Schwer-
Blick nehmen, fehlen bisher. Möglicherweise können punkt systemische Organisationsentwicklung.
entsprechende Programme, wie an den Beispielen der Seit 2015 als Regionalmanagerin in der Gesund-
GesundRegion deutlich wird, dazu beitragen, bei den Region tätig. Seit 2016 Praxispartnerin beim
verantwortlichen Projektträgern*innen, wie z. B. Kommu- Leibniz Forschungszentrum TRUST Räumliche
nen und Unternehmen, den Fokus auf das Potenzial für Transformation – Zukunft für Stadt und Land.
die synergetische Wirkung der Themen zu lenken und
damit das Bewusstsein der Menschen vor Ort für die Carsten Stimpel, mensch und region
zunehmend an Bedeutung gewinnenden Handlungsfelder Mitarbeiter von mensch und region
Gesundheit und Klimaschutz zu schärfen. Studium der Humangeografie und Geoinforma-
tik in Hannover und Mainz. Seit 2005 in der
Regionalentwicklung und seit 2007 (mit Un-
terbrechungen) in der GesundRegion Wüm-
me-Wieste-Niederung tätig. Zertifizierter Coach
zur Einstiegsberatung Kommunaler Klimaschutz.
Marcel Bonse, Land und Wandel
Integrierte Europastudien in Bremen und Kom-
munikationswissenschaften in Auckland (NZ).
Seit 2010 in der Regionalentwicklung und in der
GesundRegion Wümme-Wieste-Niederung tätig.
Dr. Christiane Sell-Greiser, Consultants
© Bild: Christos Georghiou, shutterstock.com
Sell-Greiser
Studium der Sozial- und Wirtschaftswissen-
schaften in Hamburg, Promotion Dr. phil., seit
1994 Geschäftsführerin und Gesellschafterin
von Consultants Sell-Greiser GmbH & Co. KG/
Greiser und Partner, seit 2015 als Regionalma-
nagerin in der GesundRegion tätig, Beteiligung
an internationalen wie nationalen sozioökonomi-
schen und -ökologischen Forschungsprojekten8 Titel
Erste Schritte auf einem langen
Weg zur Klimaanpassung
Gesunde Stadt Dresden
Mit der »Deutschen Anpassungsstrategie an den Klima- Eine Grundlage bildet die Meinungsumfrage zum Thema
wandel« der Bundesregierung wurde deutlich gemacht, Klimawandel, empfundener Betroffenheit durch Hitze
dass viele Maßnahmen auch auf kommunaler Ebene not- sowie zur Zufriedenheit mit der Grünversorgung des
wendig sind, um Deutschland widerstandsfähiger gegen- Wohnumfeldes. Die Erkenntnisse zeigen, inwieweit hohe
über den zukünftigen Klimaveränderungen zu machen. Sommertemperaturen bereits heute zu gesundheitlichen
Für Dresden bergen der erwartete Temperaturanstieg, Belastungssituationen führen. Es können Rückschlüsse
die Zunahme an Trockenheit und steigende Intensität gezogen werden, in welchen baulichen Strukturen hohe
von Starkregenereignissen die größten klimabedingten Sommertemperaturen zu besonders hohen Innenraumtem-
Herausforderungen und spielen daher auch für die zu- peraturen führen, die dann als belastend empfunden wer-
künftige Gesundheitsvorsorge eine wesentliche Rolle. den. Die Antwortverteilung gibt einen Überblick, inwiefern
Um Dresden lebenswert zu halten, gilt es, die Klima- sich die Bevölkerung auf Hitze einstellt und welche Maß-
anpassung voranzutreiben. Was wurde in Dresden bisher nahmen zur Anpassung an heiße Temperaturen besonders
auf lokaler Ebene initiiert? gewünscht und angenommen werden.
Die jeweiligen Lebensumstände (Lage der Wohnung und
Baualter des Hauses, Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Be-
schäftigungsverhältnis, Haushaltsgröße und Einkommen)
können einen entscheidenden Einfluss auf die subjektive
Wahrnehmung haben. Die Auswahl der Umfrageteilnehmer
erfolgte repräsentativ für die Dresdner Stadtbevölkerung.
Um mögliche Unterschiede innerhalb der Stadt herauszu-
filtern, wurde die Befragung für die Gesamtstadt sowie in
ausgewählten Fokusgebieten durchgeführt. Diese Fokus-
gebiete unterscheiden sich zum Teil erheblich hinsicht-
lich ihres potenziellen Überwärmungsgrades, ihrer Versor-
gung mit öffentlichem und privat nutzbarem Grün sowie
bezüglich der Sozialstruktur. So leben Menschen mit eher
geringem Einkommen auch häufiger in Wohngegenden
© Bild: Franziska Reinfried, Umweltamt DresdenTitel 9
© Bild: Simone Hogan, shutterstock.com
mit einem hohen Anteil an Plattenbauten sowie mit ge- tes werden Anpassungsmaßnahmen zur Reduzierung der
ringerem Anteil an öffentlichem bzw. privatem Grünanteil. sommerlichen Wärmebelastung in Gebäuden und Frei-
Zudem ist deren subjektiver Gesundheitszustand eher räumen in Dresden-Gorbitz entwickelt und umgesetzt.
schlechter ausgeprägt im Vergleich zur Gesamtbevölke- Ergänzend hierzu wurde im Sommer 2019 eine Aufklä-
rung. Die Kumulation verschiedener Faktoren, die die sub- rungs- und Informationsveranstaltung in Dresden-Gorbitz
jektive Wahrnehmung von Hitze negativ beeinflussen, wird für die Bürgerschaft durchgeführt. Hier gaben die Fach-
leute des Gesundheitsamtes ärztliche Tipps zur Gesund-
heit sowie Anregungen zum Bewegungs- und Ernährungs-
Erste Schritte zur verhalten bei hohen sommerlichen Temperaturen bzw. zur
Klimaanpassung sind also Hautkrebsprävention. Die Mitarbeitenden des Umwelt-
amtes standen den Bürger*innen für Fragen rund um die
bereits gemacht, aber auch
klimatischen Bedingungen im Stadtteil zur Verfügung.
der Stadt Dresden steht
noch ein langer Weg bevor. Erste Schritte zur Klimaanpassung sind also bereits
gemacht, aber auch der Stadt Dresden steht noch ein
langer Weg bevor. Es gilt, innovative Maßnahmen so zu
hier sichtbar. Damit wird deutlich, dass ein intersektora- entwickeln, dass sie von den einzelnen Fachbereichen
les Handeln von Umweltamt, Stadtplanungsamt, Sozial- und den Partnern (Wohnungseigentümer, neue Inves-
amt sowie Gesundheitsamt erforderlich ist, um geeignete toren etc.) mitgetragen werden. Voraussetzung dafür sind
Maßnahmen abzuleiten und umzusetzen. Eine Erkennt- wiederum Nachhaltigkeit und Bewohnerakzeptanz. Das
nis der Befragung ist, dass sowohl Maßnahmen für die sind entscheidende Handlungsziele für das Konzept der
Gesamtstadt initiiert werden müssen als auch stadtteil- Gesunde Stadt.
spezifische Maßnahmen, die die Besonderheiten der Peggy Looks & Franziska Reinfried
Stadtteile berücksichtigen.
So ist derzeit eines der untersuchten Fokusgebiete Ge- Kontakt
genstand im BMFB-geförderten Projekt „Heat Resilient Dr. Peggy Looks
City“ (www.heatresilientcity.de). Im Rahmen des Projek- PLooks@dresden.de10 Titel
HITZEAKTIONSPLAN
für Menschen im Alter in der Stadt Köln
Im Zuge des Klimawandels nehmen auch in Köln die hei- für die Stadt Köln“ einen besonderen Fokus auf über
ßen Tage mit Temperaturen über 30 Grad Celsius deut- 65-jährige Personen. In dieser Altersgruppe können Hil-
lich zu. Die Studie „Klimawandelgerechte Metropole Köln“ febedürftigkeit und soziale Isolierung dazu führen, dass
zeigt, dass auch Temperaturen von über 40 Grad Celsius Maßnahmen, wie zum Beispiel ausreichendes Trinken und
erreicht werden können. Lang anhaltende Hitzeperioden das Kühlen der Innenräume, unterlassen werden. In Hit-
heizen die Stadtquartiere auf und Kinder, Kranke, Men- zeperioden wurden höhere Sterberaten beobachtet und
schen im Alter sowie Menschen mit Behinderung reagie- das wärmere Stadtklima führt zu vermehrten gesundheit-
ren besonders anfällig auf solche Hitzebelastungen. Aber lichen Belastungen und Risiken.
auch bei gesunden Menschen kann Hitze zu Erschöpfung
und eingeschränkter Leistungsfähigkeit führen. Ziel des Projektes ist die Minimierung von gesundheit-
liche Risiken durch Hitzeperioden für Menschen im Alter
Im Hinblick auf den demographischen Wandel legt das und die Erhöhung der Gesundheitskompetenz insbeson-
Verbundprojekt „Hitzeaktionsplan für Menschen im Alter dere bei alleinlebenden Älteren. Umgesetzt werden soll
dies durch den Aufbau eines Aktionsplanes und eines
Informationssystems.
Das dreijährige Projekt wird vom Bundesministerium für
Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit gefördert,
ist am 1. Januar 2019 gestartet und gliedert sich in drei
Phasen.
In der ersten Phase wurden bereits die Zusammenar-
beit mit den Projektpartnern erfolgreich etabliert und ein
Expertenworkshop durchgeführt. Im Rahmen der Veran-
staltung wurden lokale Akteure vernetzt und es konn-
ten wichtige Erfahrungen aus der Praxis in das Projekt
einfließen. In Arbeitsgruppen sind folgende drei Themen-
felder bearbeitet worden:
Hitzeaktionsplan
Maßnahmen und Best Practice
Information und Kommunikation
Grundlage der zweiten Phase war eine Betroffenheits-
analyse, die hitzebelastete und weniger hitzebelas-
tete Gebiete mit einer hohen Anzahl an Menschen über
© Bilder: Stadt KölnTitel 11
65 Jahren ermittelte. Daraus abgeleitet konnten 258 ältere Hitzeperioden minimiert werden. Dies wird durch den
Menschen aus vier ausgewählten Stadtvierteln zu ihrem Aufbau und der Entwicklung eines Aktionsplans verstetigt.
Wissensstand, ihren Informationsquellen und ihren aktu-
ellen Verhaltensweisen bei Hitzeereignissen befragt wer- Der Hitzeaktionsplan für die Stadt Köln wird nicht
den. 80% der Befragten erleben eine Zunahme von Hit- nur direkte Maßnahmen in einer Hitzewelle enthalten,
zewellen und etwa die Hälfte verlässt ihre Wohnung in sondern auch mittelfriste und langfristige Vorsorgemaß-
dieser Zeit seltener als sonst. In einer zweiten Befragung nahmen beinhalten.
im ersten Quartal 2020 wird untersucht, wie Seniorenein-
richtungen ihr Handeln auf Hitzewarnungen einstellen und Das Projekt „Hitzeaktionsplan“ vereint Wissenschaft und
Maßnahmen umsetzen und ob eine Verhaltensänderungen Forschung mit kommunaler Verwaltung und einem Trink-
der Bewohnerinnen und Bewohner eintritt. wasserversorger.
Das Gesundheitsamt berücksichtigt die gewonnenen
Basierend auf den Untersuchungsergebnissen werden in Erkenntnisse zur Vorbeugung oder Minderung hitze-
der dritten Projektphase Maßnahmen konzipiert, imple- bedingter nachteiliger Gesundheitseinflüsse bei sei-
mentiert und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit getestet. Eine ner Aufgabenerledigung und trägt zur Verstetigung
wichtige Maßnahme wird die Entwicklung einer zielgerich- und Nachhaltigkeit der Projektergebnisse bei.
teten Öffentlichkeitsarbeit für Menschen im Alter (65+) Das Umwelt- und Verbraucherschutzamt bringt sein
sein, um Menschen in unterschiedlichen Lebenssituatio- Fachwissen im Bereich Klimawandelvorsorge ein.
nen und Stadtvierteln durch Multiplikatoren zu erreichen. Die Universität Bonn stellt die wissenschaftliche Be-
Vorsorgemaßnahmen können so besser geplant und Ver- gleitung, Dokumentationen und Veröffentlichungen
haltensänderungen initiiert werden. zum vorliegenden Thema sicher.
Die RheinEnergie AG unterstützt die Entwicklung von
Weiterhin ist die Erstellung eines Verhaltensplans mit all- Maßnahmen, die geeignet sind, ältere Menschen da-
gemeinen Verhaltenshinweisen für Menschen im Alter bei für zu sensibilisieren, ausreichend Wasser pro Tag zu
Hitzebelastung geplant. Weitere mögliche Maßnahmen trinken.
sind die Bildung eines helfenden Netzwerks, Trinkpaten-
schaften sowie Informationen für pflegende und versor-
gende Einrichtungen. Zudem soll durch die Ausgabe von Kontakt
Trinkflaschen an die Zielgruppe begleitet von Events vor Yvonne Wieczorrek
Ort das Thema „Hitze und Trinken“ kommuniziert wer- Umwelt- und Verbraucherschutzamt
den. Thematische Foren und Fortbildungen für z. B. Pfle- yvonne.wieczorrek@stadt-koeln.de
gedienste und Ärzte als Multiplikatoren sind geplant.
Weiterhin wird die nachhaltige Vernetzung der unterschied- Dr. Johannes Nießen, Prof. Dr. med. Gerhard A. Wiesmüller
lichen Akteure ausgebaut. Durch die Schaffung eines In- Gesundheitsamt der Stadt Köln
formationssystems können gesundheitliche Risiken durch gesundheitsamt@stadt-koeln.de12 Titel
Lebensweltliche
Profile für Gesundheit
Stadtteilbezogene Planung in Nürnberg
„Gesundheit für alle im Stadtteil“ besteht seit Mai 2017 um qualitative Aussagen von Akteur*innen und Anwoh-
bis April 2021 als kommunales Projekt des Gesundheits- ner*innen zur sozialen und gesundheitlichen Lage ergänzt.
amtes der Stadt Nürnberg, gefördert durch die AOK
Bayern. Ziel ist es, die gesundheitliche Lebensqualität in Anhand quantitativer Daten wird die Bevölkerungsstruk-
vier ausgewählten Projektgebieten zu verbessern. tur im Gebiet, im Vergleich zu gesamtstädtischen oder
bayrischen Landeswerten, beschrieben. Soziale Ressour-
Da die Auswirkungen der sozialen Lage auf die Gesund- cen und die soziale Infrastruktur werden mittels Daten zu
heit mittels Verhältnissen und Verhalten beschrieben wer- sozialer Einbindung, Bewertung der Nachbarschaft und
den, verfolgt das Projekt das Ziel, auf eine Veränderung vorhandener Infrastruktur abgebildet. Daten zur subjek-
der strukturellen Rahmenbedingungen einzuwirken und tiven Gesundheit und zu gesundheitsriskantem Verhalten
durch kostenfreie Informationen und Angebote zu Ent- von Erwachsenen werden wohnraumbezogen ausgewer-
spannung, Ernährung und Bewegung das Verhalten zu tet. Die gebietsbezogenen Einsatzzahlen des sozialpsy-
verbessern. Gemeinsam mit Netzwerken und Einrichtun- chiatrischen Dienstes zeigen, wo erhöhte psychiatrische
gen und in Absprache mit den Bewohner*innen werden Hilfebedarfe im Stadtgebiet bestehen. Informationen zum
passgenaue Strategien entwickelt und vor Ort etabliert. Körpergewicht/BMI von Vorschulkindern sowie zur sprach-
lichen, feinmotorischen und emotionalen Entwicklung
Die Handlungsgrundlage stellen jedes Gebiet beschrei- werden durch die amtliche Schuleingangsuntersuchung
bende Gesundheitsprofile dar. Bestehende kleinräumige und vom Zahngesundheitsdienst des Gesundheitsamtes
Daten werden für die Projektgebiete in einem Mixed- schulbezogen bereitgestellt. Informationen zur wohn-
Method-Design zusammengestellt und ausgewertet und räumlichen Lebensqualität, zu Grünflächen, Umweltbe-
© Stadt Nürnberg: Bewegungsangebot am Veit-Stoß-Platz im WestenTitel 13
Bevölkerungsstruktur Sozialstatus und Teilhabe
Statistische Daten (StA) Statistische Daten (StA, Gh)
Haushalts- und Familienform, Geschlecht, Alter, Erwerbsintegration, Transferleistungsbezug,
Migrationshintergrund KiTa-Besuch, Wahlbeteiligung
Qualitative Daten: Projekterhebung Quantitative Befragung (WoHaus 2015)
Experteninterviews, Gruppendiskussionen subjektive Armut
Qualitative Daten: Projekterhebung
Experteninterviews, Gruppendiskussionen
GESUNDHEIT
Raum und Umwelt Soziale Ressourcen und Infrastruktur
Statistische Daten (StA) Statistische Daten (StA)
Bebauungsstruktur Wohndauer, soziale Infrastruktur
Umweltdaten (UwA) Quantitative Befragung (WoHaus 2015)
Grünflächen, Lärm, Klima Wohnbindung, subjektive Bewertung von
Quantitative Befragung (WoHaus 2015) Nachbarschaft und Hilfen
Subjektive Bewertung von Grünflächen, Lärm, Luft Qualitative Daten: Projekterhebung
Qualitative Daten: Projekterhebung Experteninterviews, Gruppendiskussionen
Experteninterviews, Gruppendiskussionen Eigene Recherchen
Übersicht der Datenquellen: Statistisches Amt (StA), Umweltamt (UwA), Wohnungs- und Haushaltserhebung (WoHaus), Gesundheitsamt (Gh)
lastungen durch Verkehrslärm und Hitze und die Frischluft- und tamilischer (Frauen-)Gruppen ergeben, die sich mit
zuströme im Quartier beschreiben die Wohnumwelt. Stressreduktions-, Gesundheits- und Ernährungsfragen
beschäftigen. In einem anderen Stadtteil haben sich Ent-
Qualitative Daten wurden im Projekt mit Akteur*innen und spannungs- und Resilienzkurse für Erwachsene 50+ auf
Anwohner*innen aus unterschiedlichen Bevölkerungsgrup- Deutsch und mit russischer Übersetzung etabliert. In allen
pen anhand von Expert*inneninterviews und Gruppen- Projektgebieten werden wenig genutzte Grünflächen, die
diskussionen zur Lebenssituation und zu sozialpolitischen teils als vernachlässigt beschrieben wurden, durch Bewe-
und -pädagogischen Arbeitsfeldern im Quartier erhoben. gungsangebote im Sommer nutzbar gemacht.
Schließlich können nur die Bewohner*innen selbst die
Perspektive des subjektiven sozialräumlichen Wohlbefin- Die Stadt Nürnberg ist damit auf dem Weg, Gesundheits-
dens einbringen. Da die Bevölkerungsgruppen je nach förderung vor Ort auf einer verlässlichen Datenbasis auf-
Herkunft, sozialer Lage und Alter hinsichtlich der Problem- zubauen, die die Perspektiven aller Ebenen einschließt.
lagen sehr heterogen sind, wird erst durch die Aussagen zu So können bedarfsgerechte Angebote konzeptualisiert
den jeweiligen Themenfeldern greifbar, was die Lebensrea- werden, die die tatsächlichen Lebensbedingungen der
litäten ausmacht und wo die dringendsten Bedarfe liegen. Menschen vor Ort im Blick haben.
Auf Basis dieser differenzierten Datengrundlage lassen sich
in Abgrenzung zu den gesamtstädtischen Werten Gesund-
heitsprofile erstellen, in denen gemeinsam mit den umwelt- Kontakt
bezogenen Informationen und strukturellen Daten städte- Sarah Hentrich & Katharina Seebaß
bauliche und strukturelle Förderbedarfe abgeleitet werden. Stadt Nürnberg, Gesundheitsamt
Für das Projekt haben sich aus den Gesundheitsprofi- Stabstelle Gesundheitskoordination im Stadtteil
len bspw. die Implementierung arabischer, türkischer gesundheitimstadtteil@stadt.nuernberg.de14 Titel
GRAU ist
BUNT oder
Forever
© Bilder: Angelika Kraus
Young?
Klimawandel und
die Generation Ü-55
in Saarbrücken
Die Generation der Gesunde Städte-Netzwerk-Gründer/ Wo verortet sich die heutige Generation Ü-55? Wo werden
innen und die darauf folgende sind inzwischen Gegen- Ressourcen, Gestaltungsräume und Handlungsbedarfe
stand der Gesundheitsforschung. Die „Jungen Alten“ gesehen, um gut und gesund älter zu werden? Damit
(55–65) wurden in zwei Expertisen untersucht . Laut der
1
befasst sich das von der TK geförderte Projekt „Gesund
neuesten Expertise sind sie sozial gut eingebunden, ins- Ü-55“. In Interviews, After-Work-Veranstaltungen und
besondere Frauen sind an der Pflege von Angehörigen World-Café-Runden fragen wir 55–69 Jährige nach ihren
überdurchschnittlich häufig beteiligt, haben die höchste Bildern, Erwartungen, Befürchtungen, Ressourcen und
alkoholbedingte Mortalitätsrate und erwarten, dass die Ideen. „Wie sehen Sie dem Übergang Beruf-Rente entge-
gesetzliche Rente nicht ausreichen wird, den Lebens- gen? Was für ein Bild haben Sie vom Alter? Wie kann man
standard abzusichern . 2
gesund älter werden?“
Die Ausstellung „Grey is the new Pink“ im Frankfurter Das Ergebnis ist überraschend positiv, ohne dass Rea-
Weltkulturenmuseum 2019 zeigte eine Vielfalt kulturel- litäten ausgeblendet werden. Vermisst wird z. B. Wert-
ler, gesellschaftlicher, künstlerischer und individueller Be- schätzung in den letzten Berufsjahren und vor allem bei
trachtungen des Alters . Während in den USA und West-
3
Frauen eine auskömmliche Rente. Trotz Beziehungskrise,
europa der sportlich aktive Alte, der es sich leisten kann, gesundheitlichen Problemen und familiären Verpflichtun-
andere Länder bereist, am gesellschaftlichen Leben und gen sehen sich viele gut gerüstet, gesund älter zu werden.
am Konsum teilnimmt, neue Freiheiten genießt und sich Gelassenheit, Achtsamkeit, Genussfähigkeit, Mut Träume
auch gerne „schräg“ designen darf, wird Alten in ande- zu verwirklichen, Freude am lebenslangen Lernen, Freunde,
ren Ländern und Ethnien eine klar umrissene, für das Zu- Netzwerke, Zeit in der Natur sowie Mut zu Veränderung wer-
sammenleben unverzichtbare Rolle zugewiesen, z. B. die den an vorderster Stelle als hilfreiche Ressourcen genannt.
der Bewahrerin der Tradition, die mit großer Wertschät-
zung verbunden ist. Wertschätzung, die sich unsere Alten Wie bunt und positiv die Visionen vom Leben im Alter
anderswie suchen müssen. sind, visualisieren Antworten auf die Frage „Wie will ich in 10
Jahren leben?“ von After-Work-Teilnehmenden (Abb. oben).Titel 15
Die Projektbeteiligten aus der Generation Ü-55 sind lich. Nicht Omas und Opas sind schuld am Klimawandel,
bereit, ihren individuellen Beitrag zum gesund Älter- sondern Strukturen und Interessen, die klimaschädliche
werden zu leisten. Sie reden Klartext, was die Hausauf- Verhältnisse ermöglichen, geschaffen haben und davon
gaben von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum ge- profitieren. Die zu benennen (!) und deren Macht und Ein-
sund Älterwerden betrifft. Z. B. bezahlbares generationen- fluss einzudämmen kann nur gemeinsam gelingen – mit
gerechtes Wohnen und Wohnumfeld, ein attraktiver ÖPNV, langem Atem und gegen viele Widerstände. „Tempo 130
barrierefreier Zugang zu Bildung, Kultur und Freizeit, Grün Ja bitte!“ könnte ein gemeinsamer Nenner sein.
im Quartier, neue Angebote der Beratung für Ü-55/60-Jäh-
Angelika Kraus, Diplom-Soziologin,
rige (vgl. FFM), alltagstaugliche Wege aus der Armuts-
Landeshauptstadt Saarbrücken
falle, differenzierte Möglichkeiten der Sinnstiftung und
Wertschätzung durch bezahlte und ehrenamtliche Arbeit4,
Unterstützung für gelebte Nachbarschaft (vgl. Netzwerke Kontakt
Gute Nachbarschaft, Saarbrücken). Angelika Kraus
angelika.kraus@saarbruecken.de
Die Generation Ü-55 ist in einer Zeit des Friedens, des
wachsenden Wohlstands und des zunehmenden politi-
schen Engagements aufgewachsen. Jetzt sind der Über-
gang ins Alter und große gesellschaftliche Herausforde-
1
BZgA (Hg.), Die jungen Alten – Expertise zur Lebenslage von
Menschen im Alter zwischen 55 und 65 Jahren, Köln, 2011, und
rungen zu bewältigen: z. B. Demokratie erhalten („Omas BZgA (Hg.), Die „jungen Alten“ II. Aktualisierte Expertise zur
gegen rechts“) und Klimawandel stoppen. Lebenslage von Menschen im Alter zwischen 55 und 65 Jahren,
Köln, 2019
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BZgA (Hg.), Die „jungen Alten“ II, S. 156-158
Bei „Fridays for Future“ mischen zunehmend „Omas und 3
Alice Pawlik (Hg.), Grey is the new Pink. Momentaufnahmen des
Alterns, Bielefeld/Berlin, 2018
Opas for Future“ mit. Klimawandel betrifft Jung und Alt, 4
Generation ü, Plattform für Anbieter und Nachfrager von
Junge zwar länger, Alte dafür härter, weil lebensgefähr- Dienstleistungen Älterer, www.generation-ue.de
After-Work-Veranstaltung vom 9.9.2019
links: Begrüßung durch Amtsleiterin Ilka Borr im Rathausfestsaal., rechts: Am World-Café-Tisch mit Gastgeber Franz Gigout © Bilder: Bert Romann16 Aus den Kommunen
Arztpraxisinterne Sozialberatung als Modellprojekt
im gesunden Bezirk Berlin-Lichtenberg
Raus aus der Unsichtbarkeit –
Für mehr Lebensqualität und Teilhabe
im hohen Alter
Menschen werden mit zunehmendem Alter immer unsicht- einem Krankenhausaufenthalt, bei einem Besuch des
barer. Viele, deren Zahl kaum bekannt ist, leben isoliert. Medizinischen Dienstes der Krankenkassen und bei sozial
Das Gespräch mit dem Hausarzt oder der Hausärztin ist bedingten körperlichen und psychischen Beschwerden.
oft der letzte soziale Kontakt. Es scheint, dass gerade sie
durch das soziale und gesundheitliche Netz fallen. Es wird deutlich, dass die Arztpraxisinterne Sozialbera-
tung eine arztentlastende Struktur ist. Hausarztpraxen
In Berlin-Lichtenberg hat sich deswegen vor sieben werden mit verschiedenen sozialen und gesundheit-
Jahren eine bisher einzigartige Arztpraxisinterne Sozial- lichen Angeboten besser verzahnt. Die Wirksamkeit und
beratung mit Case und Care Management für Menschen Qualität der Behandlung steigt. Mit diesem Projekt ist
jeden Alters gegründet. Sie versucht bei sozialen und deshalb die Erwartung verknüpft, die Lebensqualität
psychosozialen Problemen rechtzeitig zu intervenieren, älterer Menschen zu verbessern.
damit diese nicht auf die Gesundheit „durchschlagen“.
Mit den Möglichkeiten dieses Angebotes des Vereins Das hohe Alter vieler Patienten verlangt nach einem spe-
Soziale Gesundheit e. V. werden gesundheitliche Ver- ziellen Gerontologischen Case und Care Management.
sorgung, sowie Gesundheitsförderung und Prävention Entsprechend wurde hier das Angebot erweitert. Bera-
miteinander verbunden. Der gemeinnützige Verein unter- tung, Begleitung und Beistand finden an vertrauten Orten
stützt dort, wo die Kapazität der Arztpraxis endet – bei in der Arztpraxis oder in der eigenen Häuslichkeit statt.
bedrückenden sozialen Fragen beim Älterwerden, nach Menschen in schwierigen Lebenslagen erfahren psycho-
Ein Beispiel
Eine Seniorin wurde über ihre Hausärztin auf das Ange- gleitete durch Phasen von Verzweiflung und Trauer.
bot der Arztpraxisinternen Sozialberatung aufmerksam. Ihre Reaktion: „Ich danke Ihnen für die Unterstütz-
Sie war stark geschwächt durch die langandauernde ung und Begleitung bis zum Schluss. Dadurch ist es
Pflege ihres schwerkranken Mannes. Die arztpraxis- mir und meinem Mann leichter gefallen, die Krank-
interne Sozialberatung hat mit Vermittlung von Palli- heit anzunehmen und meinen Mann in Frieden
ativversorgung und Hospizdienst unterstützt und be- gehen zu lassen.“Aus den Kommunen 17
soziale Unterstützung orga-
nisiert und koordiniert von
nur einer Anlaufstelle. So
lässt sich Unterstützung um-
gehend, direkt und auf kur-
zem Weg organisieren und
steuern. Die Hausärztin oder
der Hausarzt ist in die In-
terventionen mit einbezo-
gen und stimmt sich mit der
Sozialberatung ab. Gesund-
heitliche Risiken können so
frühzeitig erkannt werden.
Die Patient*innen und ihre
Angehörigen bekommen ihre
Entscheidungs- und Hand-
lungsfähigkeit zurück.
Das Bezirksamt Lichten-
berg von Berlin unterstützt
das Projekt maßgeblich –
zunächst in Form einer An-
schubfinanzierung. Zudem
wurden Kontakte zur Kom-
munalpolitik und Landesver-
waltung aufgebaut. Durch
das Gesunde Städte-Sym-
posium 2019 und weitere
Fachveranstaltungen sind
bundesweit Kontakte ent- © Bild: Franziska Ruhnau
standen. Ein Antrag bei der
Deutschen Stiftung Klassen- Management der demografi-
lotterie Berlin wurde mit
Hilfe eines „Letter of In-
schen und sozialen Entwick-
lung folgend über den Bezirk
Case Management
umfasst die Arbeit mit den Klienten als
tent“ des Bezirksamtes posi- hinaus verbreitet werden.
individuellen Einzelfall. Klienten werden
tiv bewertet, sodass das An-
durch das gesamte Versorgungsgeschehen
gebot nun für drei Jahre in Kontakt
bereichsübergreifend begleitet.
acht Hausarztpraxen in Ber- Initiativenvertretung
lin-Lichtenberg eingeführt
wird. Bei erfolgreichem Ver-
für Berlin-Lichtenberg
Dr. Martyna Voß
Care Management
organsiert das Netzwerk der Leistungsanbieter
lauf des Projektes könnte soziale Gesundheit e. V.
und steuert das System der Unterstützung.
die Arztpraxisinterne Sozial- kontakt@sozialegesundheit.de
beratung mit Case und Care www.sozialegesundheit.de18 Aus den Kommunen Der 1. Mittelfränkische Selbsthilfepreis ist verliehen worden Engagement – darauf kommt es an! Die Selbsthilfekontaktstelle Kiss Mittelfranken e. V. Liberova durch den Preisverleihungsabend. „Die Selbst- hat gemeinsam mit der Bürgerstiftung Kerscher den hilfe ist nicht nur wichtig, sondern ohne diese ist heutzu- 1. Mittelfränkischen Selbsthilfepreis vergeben. Der Grund: tage eine wirkliche Heilung nicht möglich!“ Auf den Punkt Den ehrenamtlichen Einsatz von Menschen in Selbsthil- gebracht hat es Prof. Dr. med. Ascherl in seiner Lauda- fegruppen würdigen und die Anerkennung der Leistung tio für die Selbsthilfegruppe der Gliedmaßenamputierten und des Stellenwertes von gemeinschaftlicher Selbsthilfe mit den Worten „Wir brauchen die Dynamik und den Rat in der Öffentlichkeit fördern. „Wir freuen uns über die der Selbsthilfegruppen, um Themen zu lösen, die schwer gelungene Kooperation mit Kiss und dass wir so tolle sind!“ Die Selbsthilfe ist inzwischen auch bekannt für ihre Preisträger*innen gefunden haben! Ganz im Sinne des Stifters wollen wir auch die Selbsthilfe als einen wichtigen Bereich des bürgerschaftlichen Engagements fördern.“ sagte dazu Stefan Müller, Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung Kerscher. Eine unabhängige Jury, mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und des Öffentlichen Lebens, kürte aus zahlreich eingegangen Bewerbungen drei Preisträger. Die Jurymitglieder Prof. Dr. Doris Rosenkranz und Ulla Krämer betonten, wie schwer die Entscheidung bei die- ser bunten Vielfalt fiel. „Den Preis hätten eigentlich alle Selbsthilfegruppen verdient.“ Ausgezeichnet wurden die Gruppen „Dicke Freunde“ Selbst- hilfegruppe für Menschen mit Adipositas, die „Initiativgruppe Gliedmaßenamputierter“ und „Komm mit ins Boot“ Onko-Ruder- sportgruppe Victoria. Das Preis- geld in Höhe von jeweils 2.000 Euro stellt die Bürgerstiftung Ker- scher zur Verfügung. Mit großer Wertschätzung für die Selbsthilfe führte die Moderatorin und Stadträtin Diana
Aus den Kommunen 19
innovativen Ideen, um das Angebot für Interessierte lau- in der Dankesrede schön zum Ausdruck: „Uns ist es ein
fend zu erweitern. Eine der Laudator*innen fand dafür die wichtiges Anliegen, ältere Menschen mit Migrationsge-
richtigen Worte: „Die Onko-Rudersportgruppe hat es ge- schichte auf ihrem Weg zu begleiten, sie zu unterstützen
schafft, verschiedene Elemente zu integrieren – Sport, Ent- und in ihrer Muttersprache zu informieren – denn es geht
spannung und Austausch – und ich hoffe, dass es noch nur gemeinsam!“ Begeistert von der Vielfalt der Selbst-
lange so weitergeht!“ Aber auch für ihre ganz klassische hilfe war auch Schirmherr Armin Kroder, mittelfränkischer
Unterstützungsarbeit, die häufig gar nicht mehr wahrge- Bezirkstagspräsident: „Der 1. Selbsthilfepreis ist eine
nommen wird, fand die Selbsthilfe Wertschätzung. „Men- Premiere, wenn nicht sogar oscarverdächtig!“ Die Fort-
schen mit Adipositas brauchen viel Mut und Unterstüt- setzung folgt im Jahr 2021 mit dem 2. Mittelfränkischen
zung, um es aus diesem belastenden Kreislauf zu schaffen Selbsthilfepreis, wenn es wieder heißt: „Selbsthilfe muss
– dabei spielt die Selbsthilfe eine große Rolle!“ ordentlich geehrt werden.“
Kiss Mittelfranken e. V.
Zusätzlich wurde noch ein Ehrenpreis vergeben. Diesen
erhielt der Verein HeHanI e. V. – Helfende Hand Interna- Kontakt
tional für sein hervorragendes Engagement als selbstor- Elisabeth Benzing, Kiss Nürnberg Fürth-Erlangen
ganisierte Initiative. Annette Weigand-Woop brachte dies nuernberg@kiss-mfr.de
Die Preisträger*innen, Jurymitglieder*innen, Stifter*innen, Laudator*innen und Kiss-Mitarbeiterinnen © Bilder: A. Aslanidis/Kiss Mittelfranken e. V.20 Aus den Kommunen
Im Verein Groschendreher – Kieler Bündnis gegen Alters-
armut e. V. engagieren sich Institutionen und Akteur*
innen der Senior*innenarbeit in Kiel. Dazu gehören Im September 2019 hat sich der Verein Groschendreher
zum Beispiel die Landeshauptstadt Kiel, Wohlfahrtsver- in drei Auftaktveranstaltungen erstmals in der Stadt vor-
bände, Kirchengemeinden oder die Howe-Fiedler-Stiftung. gestellt. Zunächst wurde ein Infostand auf dem zentra-
Altersarmut ist oft mit Scham behaftet und führt zu len Wochenmarkt aufgestellt. Außerdem wurden jeweils
Vereinsamung und Isolation. Studien beweisen, dass Informationsnachmittage bei Kaffee und selbstgeba-
Armut krank macht – sowohl psychisch als auch körper- ckenem Apfelkuchen in Nachbarschaftstreffpunkten
lich. Armut verkürzt die Lebenszeit. Menschen mit höhe- „Anlaufstellen Nachbarschaften (anna)“ in zwei Stadttei-
rem Einkommen leben nicht nur länger, sie verbringen len organisiert. Die Veranstaltungen richteten sich an von
auch mehr Lebensjahre in guter Gesundheit. Altersarmut bedrohte und betroffene Ältere und die allge-
mein interessierte Öffentlichkeit. In engagierten Gesprä-
chen blieb Zeit für Klönschnack, aber natürlich auch für
das Thema Altersarmut selbst. Was sind Probleme von
Betroffenen? Was sind ihre Wünsche? Für die Zukunft
Daher setzt sich der Verein Groschendreher dafür ein, sind weitere derartige Veranstaltungen in anderen Stadt-
dass älteren Menschen trotz eines geringen Einkommens teilen geplant, um im Gespräch mit den von Altersarmut
in Kiel ein gesundes Leben ermöglicht wird. Zugänge zu betroffenen und bedrohten Menschen zu bleiben.
gesundheitlichen Versorgungsstrukturen, aber auch zu ge-
sunder Ernährung oder bewegungsfördernden Angeboten,
sollen verbessert werden.
Seit Anfang Oktober 2019 hat der Verein Groschen-
Ein Ziel der Vereinsarbeit ist es, die gesellschaftliche dreher ein eigenes Büro in den Räumlichkeiten des Nette-
Teilhabe von älteren Menschen in Armut zu verbessern. Kieler-Ehrenamtsbüros in der Kieler Innenstadt. Die
Betroffene sollen ermutigt und unterstützt werden, ihre Koordinatorin Svea Schnoor unterstützt hauptamtlich die
eigenen Interessen zu vertreten. In Kiel soll eine Diskus- Vereinsarbeit. Svea Schnoor hat Gesundheitsförderung
sion angeregt werden, wie die Lebenssituation von Be- und Prävention studiert und schreibt aktuell an ihrer
troffenen verbessert werden kann. Geplant ist, gemein- Masterarbeit mit dem Thema: Partizipation und Alters-
sam mit vielen Engagierten partizipativ Neues unter den armut. Ein besonderes Anliegen ist ihr, dass die Betrof-
Schwerpunkten Gesundheit, Digitale Teilhabe, Soziale fenen selbst im Verein zu Wort kommen können, denn
Isolation, Nachhaltigkeit und Sensibilisierung der Öffent- sie sind die echten Expertinnen und Experten für ihre
lichkeit zu entwickeln. Situation. Im Vernetzungsbüro besteht die Möglichkeit,Aus den Kommunen 21
sich über Unterstützungsangebote zu informieren und Ideen einzu-
bringen, wie in Kiel über Altersarmut gesprochen und diese gemein-
sam gemindert werden kann. Ein Ort, um herauszufinden, warum
Altersarmut ein wichtiges Thema in der Kieler Stadtgesellschaft ist.
Die Techniker Krankenkasse fördert den Verein mit 200.000 Euro
für fünf Jahre.
Kontakt
Andrea Böttger,
Landeshauptstadt Kiel, Amt für Gesundheit
andrea.boettger@kiel.de
Svea Schnoor,
Koordinatorin Vernetzungsbüro Verein Groschendreher –
Kieler Bündnis gegen Altersarmut
www.groschendreher.de
© Bild: Verein Groschendreher – Kieler Bündnis
gegen Altersarmut e. V.
Eine gute ausgeweitet. Der
Kieler Bevölke-
Impfentscheidung treffen rung wird um-
fassendes Infor-
Amt für Gesundheit startet mationsmaterial zur Verfügung gestellt. Viele Kieler
Kampagne in Kiel Einrichtungen wie Kitas, Schulen und Apotheken er-
halten Info-Flyer und Plakate. Ergänzend zu den Bera-
Jugendliche und junge Erwachsene suchen aufgrund ihres tungsangeboten der niedergelassenen Ärzt*innen bietet
meist guten Gesundheitszustandes deutlich seltener eine das Amt für Gesundheit einmal wöchentlich eine Impf-
ärztliche Sprechstunde auf und sind häufig nicht ausrei- sprechstunde für alle Kieler*innen an. Hier besteht
chend geimpft. Aus diesem Grund gab es im Rahmen der neben einer neutralen und umfassenden Impfberatung
Impfkampagne Kiel im letzten Jahr bereits Impfaktions- die Möglichkeit, sich bei Bedarf auch impfen zu lassen.
tage für die Student*innen der Christian-Albrechts-Univer- Das Besondere dieser Impfsprechstunde ist, dass nicht
sität zu Kiel. Beabsichtigt ist, dieses aufsuchende Angebot krankenversicherte Personen die Impfung kostenlos erhal-
in diesem Jahr auf weitere Hochschulen in Kiel auszu- ten. Bei Krankenversicherten werden die Kosten, wie bei
weiten. Zusätzlich wurden erstmalig bei der Begrüßung dem Besuch in der Hausarztpraxis, über die Krankenkasse
der Erstsemester an der Fachhochschule Kiel sowie der abgerechnet. Während der Grippezeit wird in der Impf-
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel wiederverwendbare sprechstunde, neben allen empfohlenen Impfungen wie
Organzabeutel gefüllt mit Informationsmaterialien zu den Tetanus, Mumps-Masern-Röteln und Windpocken, auch
Themen „Impfen“ und „sexuell übertragbare Krankheiten“ gegen Grippe geimpft.
sowie Kondomen ausgeteilt.
Kontakt
In diesem Jahr werden die Impfangebote der Landes- Vanessa Struve, Amt für Gesundheit, Landeshauptstadt Kiel
hauptstadt Kiel im Rahmen der Impfkampagne weiter Vanessa.Struve@kiel.de22 Aus den Kommunen
„ Es gab ein kaum stillbares
Bedürfnis gemeinsam zu lernen“
Klaus-Peter Stender über Entstehung und Entwicklung
des Gesunde Städte-Netzwerks
Wie sind Sie mit dem Thema Gesunde
Klaus-Peter Stender Städte in Berührung gekommen?
war in der zweiten
Hälfte der 80er als Das ist eine halbe Ewigkeit her. Ich hatte gerade bei der
Mitarbeiter der Ham- Hamburger Gesundheitsbehörde angefangen, die sich seit
burger Gesundheits- etwa Mitte der 1980er-Jahre neuen Ideen der Prävention
behörde mit der Ottawa-Charta der Welt- gegenüber öffnete und deshalb gegenüber dem innova-
gesundheitsorganisation und dem Thema tiven, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vertre-
Gesundheitsförderung in Berührung ge- tenen Gesundheitsförderungsansatz sehr aufgeschlossen
kommen. Er wurde mit dem Aufbau des war. Das Europabüro der WHO wollte nach dem großen
Gesunde Städte-Netzwerks beauftragt und Andrang auf das internationale Healthy Cities-Netzwerk
war der erste bundesweite Koordinator weiteren interessierten Städten die Möglichkeit der Mit-
des Gesunde Städte-Sekretariats bis 2004. wirkung bieten und hat dafür die Gründung nationaler
Danach wurde Klaus-Peter Stender in den Netzwerke angeregt. Nach mehreren Veranstaltungen u. a.
Sprecherinnen- und Sprecherrat des GSN in Düsseldorf und dem Kreis Unna hat die WHO 1988 die
gewählt. Er gehört zu den großen Stra- Gesundheitsbehörde in Hamburg gebeten, das Gesunde
tegen und engagierten Promotoren des Städte-Sekretariat für den deutschsprachigen Raum zu
Gesunde Städte-Netzwerks. organisieren, um in Deutschland, aber auch in Österreich
und der Schweiz, die Gründung von Gesunde Städte-
2020 verabschiedet sich Klaus-Peter Stender Netzwerken (GSN) vorzubereiten. Diese Aufgabe habe ich
in den Ruhestand und bleibt dem Netz- dann übertragen bekommen und bis 2004 übernommen.
werk hoffentlich weiterhin verbunden. Später habe ich dann über viele Jahre dem Sprecher/
innenrat angehört.
© Bild: Gesunde Städte-SekretariatAus den Kommunen 23 Lebensqualität in der Stadt: Szene aus Offenbach am Main © Bild: Gesunde Städte-Sekretariat
24 Aus den Kommunen
Was hat Sie an dem Thema Gesundheits- Welchen Stellenwert hatte die Kommune
förderung und am GSN begeistert? beim Thema Gesundheitsförderung für
Sie früher und welchen hat sie heute?
Vor allem anderen das gesundheitspolitische Leitbild
der Gesundheitsförderung. Bis noch weit in die 1980er- Die Kommune ist früh in den Fokus der neuen Gesund-
Jahre hinein waren ja die Gesundheitserziehung und ein heitsförderung geraten, weil allen recht früh klar wurde,
individuell-kurativer Umgang mit Gesundheit/Krankheit dass auf Bundes- und Länderebene eine lupenreine
die alles übergreifende Konzeption. gesamtgesellschaftliche Gesundheitsförderungspoli-
tik überhaupt nicht realisierbar ist. Eine kommunal-
Diese Ansätze bekamen spätestens 1986 durch die politische Verantwortung für Gesundheitsförderung hatte
Public Health-Perspektive der Ottawa-Charta der WHO dagegen aufgrund der überschaubareren Größe mehr
programmatisch Konkurrenz. Gesundheit wurde hier zwar Umsetzungschancen. Heute wissen wir, dass auch das et-
recht idealistisch als Schlüsselgröße politischer und ge- was vollmundig war.
sellschaftlicher Entscheidungen entwickelt, aber gleich-
zeitig wurden Gesundheitschancen und Erkrankungswahr- Aber die kommunale Ebene hat auch durch das Engage-
scheinlichkeiten sehr schlüssig multifaktoriell begründet ment der Gesunden Städte, auch der WHO, nicht zu-
und Selbstbestimmung, Chancengleichheit und Lebens- letzt auch durch das Präventionsgesetz ganz eindeutig
weltorientierung als handlungsleitend herausgearbeitet. über die Jahre an Bedeutung gewonnen. Kommunale
Diese progressive, wenn auch idealistische, Program- Gesundheitsförderung musste in den Anfangsjahren
matik hatte frischen Wind in die Gesundheitslandschaft des Netzwerkes noch aufwendig erklärt und begrün-
gebracht und viele Akteure, insbesondere auch mich, det werden. Heute ist das überhaupt nicht mehr nötig.
absolut motiviert, Gesundheitsförderung als intersekto- Dieser Fortschritt ist schon bemerkenswert. Er hat aller-
rale Aufgabe auf den Weg zu bringen. dings auch zur Folge, dass die Gesunden Städte so ehr-
geizig sein sollten, ihren besonderen und selbstgewählten
Als ein wichtiges Ergebnis dieser Anfangszeit wurde Stellenwert bei der Umsetzung kommunaler Gesundheits-
die Zusammenarbeit von Gesundheit und Stadtentwick- förderung qualitativ immer wieder zu belegen. Aber hier
lung neu belebt. Diese Aufbruchstimmung führte zu ist das GSN ja durchaus schon auf dem Weg.
zahlreichen – teilweise heftig geführten – Diskussionen
auf Tagungen, Mitgliederversammlungen, Workshops,
Wochenendseminaren usw. Es gab ein kaum stillbares Wie könnte man den Stellenwert
Bedürfnis gemeinsam zu lernen, wie dieser umfassende von Gesundheitsförderung in
Ansatz der Gesundheitsförderung kommunal konkret um- unserer Gesellschaft und in der
gesetzt werden kann. Dieser Wunsch war auch zentrales Politik erhöhen?
Motiv bei der Gründung des GSN und ist es bis heute
wesentlich geblieben. Die für mich alles entscheidende Messlatte hierfür ist
eine Entwicklung, in der deutlich mehr Bürgerinnen und
Im Laufe der folgenden Jahre setzten zwangsläufig Bürgern als heute Prävention und Gesundheitsförderung
Ernüchterungs- und Enttäuschungsprozesse ein, bei den „nachfragen“ und als wichtig in öffentliche Diskussionen
Bestrebungen die programmatisch abstrakten Formulie- einbringen. Solange beinah ausschließlich (unbestritten
rungen in politisch-praktische Umsetzungen zu übersetzen. wichtig) auskömmliche und qualitativ hochwertige Ge-
Die Distanz zwischen Anspruch und Realität hat uns – und sundheitsversorgung die bestimmenden Themen sind,
auch mir persönlich – damals schwer zu schaffen gemacht. werden Fortschritte kleine Schritte bleiben.Sie können auch lesen