KOMPASS - Alles in - 05I21 - Katholische Militärseelsorge

 
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KOMPASS
                      Die Zeitschrift des Katholischen Militärbischofs für die Deutsche Bundeswehr

                      Soldat in Welt und Kirche                                      05I21
© Nils Chr. Bierdel

                                                                            Alles in
                                   UNIFORM
ISSN 1865-5149
KOMPASS - Alles in - 05I21 - Katholische Militärseelsorge
INHALT

Titelthema
Alles in UNIFORM

4    Black is beautiful

5    Übrigens ...

                                                                                                                                       © Godong Photo – stock.adobe.com
6    Vom Überrock zur Schutzbekleidung

8    Interview mit einer Polizeibeamtin

10 Die Heilsarmee und ihre Uniformen

13 uni·form [die]

14 Auslegeware: Männer in Frauenkleidern?

Glaube, Kirche, Leben                                                             Rubriken
20 Ökumene und Interreligiöser Dialog                                             16 Kolumne der Wehrbeauftragten

                                                                                  23 zum LKU: Mündigkeit

Aus der Militärseelsorge                                                          24 Auf ein Wort: „Mary, did you know?“

18 10 Jahre Militärbischof Overbeck                                               25 Film-Tipp: SHORT TERM 12

22 Wir tragen unser Päckchen                                                      26 Buch-Tipp: Die Orgel: Instrument des Jahres

                                                                                  26 VORSCHAU: Unser Titelthema im Juni

Titelbild: © Nils Chr. Bierdel                                                    27 Rätsel

    Impressum                                    Herausgeber                             Hinweis
    KOMPASS. Soldat in Welt und Kirche           Der Katholische Militärbischof          Die mit Namen oder Initialen gekennzeich-
    ISSN 1865-5149                               für die Deutsche Bundeswehr             neten Beiträge geben nicht unbedingt die
                                                                                         Meinung des Herausgebers wieder. Für das
    Redaktionsanschrift                          Verlag und Druck                        unverlangte Einsenden von Manuskripten und
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    Chefredakteurin Friederike Frücht (FF)
    Redakteur Jörg Volpers (JV)                                                          Social Media
    Bildredakteurin, Layout Doreen Bierdel
    Lektorat Schwester Irenäa Bauer OSF

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EDITORIAL

                                                       Liebe Leserin, lieber Leser,
                                                       bei dem von uns selbst gestellten Schwerpunkt-Thema „Men-
                                                       schen in Uniform“ hatte die Kompass-Redaktion rasch viele
                                                       Ideen – auch weit über die Bundeswehr hinaus. Dabei ist die
                                                       optisch einheitliche Kleidung im Sinne von „Kluft, Montur,
                                                       Habit, ...“ durchaus großzügig zu verstehen.

                                                       Ein Sprichwort sagt: „Kleider machen Leute.“ Aber machen
                                                       Uniformen auch Menschen zu Soldatinnen oder Soldaten?
                                                       Zumindest sind Uniformen, Rangabzeichen und einheitliche
                                                       Kampfanzüge typisch für das Militär – und das bereits seit Jahr-
                                                       hunderten. So blicken wir in diesem Heft von den Kleidungs-
                                                       vorschriften in alttestamentlicher Zeit über die Entwicklung der
                                                       Bekleidung von Militärgeistlichen bis hin zu den vielen Feldern,
                                                       in denen heute die besondere Berufskleidung eine Rolle spielt.
                                                       Wie fühlt sich eine junge Polizistin im Dienst? Warum tragen
                                                       die Gemeindeleiterinnen und -leiter der Heilsarmee militärisch
                                                       anmutende Uniformen und Dienstgrade?

                                                       Gerne hätten wir manche von Ihnen auch beim 3. Ökume-
                                                       nischen Kirchentag in Frankfurt/Main oder bei der 62. Inter-
                                                       nationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes getroffen. Beides
  © KS / Doreen Bierdel

                                                       kann nun leider nur eingeschränkt bzw. digital stattfinden –
                                                       vielleicht ist trotzdem eine Begegnung im Internet oder bei der
                                                       regionalen „Web-PMI 20.21“ (Pèlerinage Militaire International)
                                                       möglich.

                                                       Wir wünschen Ihnen einen schönen Wonne- und Marienmonat!

„Sage mir, was du
 „Sage mir, was du anziehst,                                                                  Jörg Volpers, Redakteur

anziehst,        und ich sage
 und ich sage dir, was du bist.“
dir, nach
     was       du bist.“
          Jean-Anthèlme Brillat-Savarin (1755–1826)

                                                                           Kompass 05I21                             3
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TITELTHEMA

    BLACK                is beautiful

          E   s vergeht beinahe kein Tag, an denen wir ihnen nicht begeg-
              nen. Sei es z. B. in der Kaserne, im Zug, am Flughafen, in der
          Fußgängerzone, bei einem Brand oder einer technischen Hilfeleis-
          tung. Soldatinnen und Soldaten, Zugbegleiter, Kabinenpersonal,
          Polizeibeamte, Feuerwehrleute, Einsatzkräfte des Technischen
          Hilfswerks usw. Sie haben alle etwas gemeinsam: Sie tragen Uni-
          formen. Laut Duden ist es eine „im Dienst getragene, in Material,
          Form und Farbe einheitlich gestaltete Kleidung“. Somit wissen wir
          sofort, mit wem wir es zu tun haben und an wen wir uns wenden
          können, wenn wir ein Anliegen haben.

          Auch bestimmte, im Dienst der römisch-katholischen Kirche ste-
          hende Personen tragen Uniformen. Hier seien die Schweizer
          Garde sowie die Vatikanpolizei erwähnt. Aber auch katholische
          Priester tragen so etwas wie eine Uniform, denn sie sind an
          ihrer Priesterkleidung erkennbar. Die klassische und schon seit
          Jahrhunderten existierende Priesterkleidung ist die Soutane. Sie
          ist ein knöchellanges, tailliert geschnittenes und aus schwarzem
          Stoff gefertigtes Gewand mit 33 Knöpfen. Dazu wird ein Zingulum
          (breites Band) um die Hüfte getragen. Als Kopfbedeckung dienen
          das Birett oder der Pileolus. Je nach Rang des Klerikers variieren
          die Farben für Zingulum, Soutane, Birett und Pileolus. Nur das
          Gewand des Papstes ist komplett in weiß.

          Aus praktischen Gründen kommt im Alltag jedoch meist eine zwei-
          te Bekleidungsvariante zum Einsatz. Bei dieser trägt der Priester
          eine schwarze Hose, ein schwarzes Kollarhemd und ein schwar-
          zes Sakko. Gemäß dem Motto: Black is beautiful  Jahreszeitlich
          bedingt kann diese Kombination durch Tragen eines schwarzen
          Pullovers oder einer schwarzen Weste ergänzt werden.

          Jedoch sind heutzutage farbliche Variationen von Hemd, Hose,
          Sakko, Pullover und Weste jederzeit möglich. Wer es legerer mag,
          der trägt gepflegte Zivilkleidung. Hier ist jedoch der Erkennungs-
          wert vor allem in der Öffentlichkeit kaum gegeben.

          Bei Begleitung oder Besuch der übenden Truppe im Feld trägt der
          Militärseelsorger oder die Militärseelsorgerin den Schutzanzug
          Tarndruck, allgemein. Während der Einsatzbegleitung im Ausland
          kommen neben dem Schutzanzug Tarndruck, allgemein auch der
          Schutzanzug, Tarndruck, Tropen zum Einsatz. An den beiden Auf-
          schiebschlaufen mit dem Kreuz der Katholischen Militärseelsorge
          sind die Seelsorgenden erkennbar.

                                          Militärdekan Alexander Prosche,
                                        Katholisches Militärpfarramt Ulm I

4      Kompass 05I21
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                            Soutane                                    Zingulum

                                                               Pileolus

                                                               Übrigens …
                                                               Die Katholische Militärseelsorge gibt es,
                                                               weil Soldatinnen und Soldaten eine eige-
                                                               ne soziale Gruppe darstellen, die wegen
                                                               ihrer besonderen Lebensbedingungen ei-
                                                               ner konkreten und besonderen Form der
                                                               Seelsorge bedürfen (Spirituali Militum Cu-
                                                               rae, Apostolische Konstitution von Papst
                                                               Johannes Paul II. über die Militärseelsorge,
                                                               21. April 1986). Die Katholischen Militärbi-
                                                               schöfe werden vom Heiligen Stuhl ernannt.
                                                               In Deutschland geschieht dies unter Berück-
                                                               sichtigung des Artikels 27 des am 20. Juli
                                                               1933 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem
                                                               Deutschen Reich geschlossenen Konkor-
                                                               dats. Der Katholische Militärbischof für die
                                                               Deutsche Bundeswehr ist gemäß den Statu-
                                                               ten immer ein in Deutschland residierender
                                                               Diözesan-bischof.

                                                               Die Regelungen des Heiligen Stuhls für die
                                                               Katholischen Militärbischöfe gelten welt-
                                                               weit. Sie wurden zuletzt 1986 erlassen
                                                               und werden auf die einzelnen Nationen hin
                                                               konkretisiert. Die Statuten für den Jurisdikti-
© KS / Doreen Bierdel (4)

                                                               onsbereich des Katholischen Militärbischofs
                                                               für die Deutsche Bundeswehr traten in ihrer
                                                               aktuellen Fassung zum 1. Januar 1990 in
                                                               Kraft und lösten ihre Vorgänger aus dem
                            33 Knöpfe = 33 Lebensjahre         Jahre 1965 ab.
                                                                                         Salvatore Di Noia,
                            von Jesus Christus                             Referent für das Laienapostolat
                                                                                    und Kirchenrecht, KMBA

                                                                            Kompass 05I21                        5
KOMPASS - Alles in - 05I21 - Katholische Militärseelsorge
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                                                                                                                                      © Jakob Altenhofer
                                        Die Kleidung der Militärseelsorge

                        Vom Überrock zur Schutzbekleidung

D   ie Katholische Militärseelsorge geht
    in ihren Ursprüngen auf das 17. Jahr-
hundert zurück, bekam aber erst im 18.
                                            Taufen oder Hochzeiten konnten dage-
                                            gen im Priesterornat vollzogen werden.
                                            Im Ersten Weltkrieg trugen die Militärseel-
                                                                                          Die Schirmmütze des Militärseelsorgers
                                                                                          zeigte das Hoheitsabzeichen und ein sil-
                                                                                          bern gesticktes gotisches Kreuz. Auffäl-
Jahrhundert eine größere Bedeutung, als     sorger im Feld eine Mütze, einen Über-        lig war das Brustkreuz auf der Höhe des
die preußische Armee die seelsorgliche      rock mit Hose, alles in feldgrau, sowie       dritten Knopfes der Feldbluse. In den von
Betreuung ihrer katholischen Soldaten       am linken Arm eine Binde mit dem Roten        der Wehrmacht besetzten Ländern durf-
förderte. In der Kaiserlichen Armee nach    Kreuz. Dadurch wurden sie als nichtwaf-       ten die Militärseelsorger bei ernsten Ge-
der Gründung des Zweiten Deutschen          fenführende Personen der Armee unter          fahren eine Waffe zur Selbstverteidigung
Kaiserreichs 1871 mussten sich die Feld-    denselben besonderen Schutz wie das           tragen. Sie trugen ihren Kultkoffer oder
bzw. Militärseelsorger an Regeln halten,    Sanitätspersonal gemäß der Genfer Kon-        Kulttornister mit sich, der die wichtigs-
wozu das Tragen einer bestimmten Klei-      vention im Kriegsfall gestellt.               ten liturgischen Geräte für den Gottes-
dung gehörte. So waren bei allen dienst-                                                  dienst im Feld beinhaltete. Ihre Uniform
lichen Aufgaben ein markanter schwarzer      Offizieruniformen in dunkleren Zeiten        sorgte in der Wehrmacht gelegentlich
Überrock mit einer Reihe Knöpfe und mit                                                   für Verwirrung unter den Soldaten, denn
einem stehenden Kragen zu tragen. Bei       Mit Beginn der Wehrmachtseelsorge             Wehrmachtangehörige, obwohl diese
besonderen militärischen Feiern kamen       1936 wurde festgelegt, dass bei allen         sich damals in der Mehrzahl noch einer
die Soutane, die Schärpe, das Kollar und    kirchlichen Amtshandlungen die Militär-       Konfession verbunden fühlten, konnten
der Pastoralhut als äußere Erkennungs-      seelsorger weiter kirchliche Gewänder         mit dieser besonderen Uniform nicht im-
zeichen zur Geltung. Um den Hals trug       tragen durften. Im Dienst dagegen trugen      mer etwas anfangen. Selbst Militärseel-
der Militärseelsorger an einer Kette ein    sie Offizieruniform ohne Dienstgradabzei-     sorger sahen nicht immer ein, warum
gut sichtbares Kreuz. Die Gottesdiens-      chen und Schulterklappen, dazu Offizier-      sie keine Rangabzeichen tragen durften.
te und sonstigen liturgischen Feiern wie    stiefel und einen violetten Kragenspiegel.    Der theologische Sinn dahinter war, dass

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KOMPASS - Alles in - 05I21 - Katholische Militärseelsorge
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           © KS / Doreen Bierdel (2)

                                       Rotkreuzbinde eines Kriegspfarrers im 2. Weltkrieg                      Armbinde mit Rotem Kreuz – heute

                               Militärseelsorger für alle, also vom Re-       Dienst- und Schutzbekleidung bzw. ei-        ein wichtiges Erkennungsmerkmal eines
                               kruten bis zum General, da waren, und          nem Schutzanzug. Der Militärseelsorger       Militärseelsorgers während der Einsatz-
                               deshalb keiner militärischen Hierarchie        war kein Soldat, sondern ein Zivilist und    begleitung. Denn auch heute stehen die
                               unterworfen sein sollten.                      unterstand auch keinen militärischen         Seelsorgerinnen und Seelsorger gemäß
                                                                              Befehlen. Die staatlichen Vorstellungen      dem Humanitären Völkerrecht in bewaff-
                               Ein Neuanfang in der Schutzbekleidung          der Ausrüstung für die Militärseelsorger     neten Konflikten unter dem gleichen be-
                                                                              entsprachen auch nicht ganz den kirch-       sonderen Schutz wie das Sanitätsperso-
                               Bei den Vorbereitungen einer Militär-          lichen, als 1961 das Verteidigungsminis-     nal. Bei liturgischen Handlungen legen
                               seelsorge im Prozess der Gründung der          terium Vorschriften zur Kleidung und Aus-    Seelsorger die Stola mit aufgesticktem
                               Bundeswehr zu Beginn der 1950er-Jahre          rüstung erließ. Der Militärseelsorger in     Militärseelsorgekreuz um den Hals.
                               sprachen sich die beteiligten Bischöfe für     der Bundeswehr im feld- oder olivgrauen
                               eine Uniform für Militärseelsorger aus.        Schutzanzug hatte auch eine Dienstmüt-       In dieser geschichtlichen Entwicklung
                               Ihrer Meinung nach würden Pfarrer, die         ze mit Kokarde und dem Kreuzzeichen          betrachtet, hat die Kleidung der Mili-
                               keine Uniform tragen wollten, auch nicht       auf dem Kopf.                                tärseelsorge in den vergangenen 150
                               die innere Eignung für die Arbeit im militä-                                                Jahren erkennbare Veränderungen und
                               rischen Umfeld haben und seien deshalb         Als seine markanten Erkennungsabzei-         Anpassungen erfahren. Diese erleichtern
                               für diesen Dienst ungeeignet. Dennoch          chen sind die Aufschiebschlaufen mit         es heute wie auf historischen Bildern, sie
                               wurde das Nichttragen von Rangabzei-           dem Militärseelsorgekreuz erkennbar.         bei Einsätzen zu erkennen.
                               chen auch kritisch gesehen. In der Bun-        Zu bestimmten Anlässen wird manch-
                               deswehr wurde bei den Militärseelsor-          mal auch noch ein Bronzekreuz getragen.                           Maik Schmerbauch,
                               gern von Beginn an nicht mehr von einer        Die Armbinde mit Rotem Kreuz und den                            Leiter des Archivs des
                               Uniform gesprochen, sondern von einer          violetten Streifen am linken Arm bleibt                   Katholischen Militärbischofs
© KS / Marlene Beyel

                                                                              Kulttornister der Wehrmacht in einer Vitrine der Dauerausstellung „Militärseelsorge“
                                                                                                            in der Kurie des Katholischen Militärbischofs in Berlin

                                                                                                                          Kompass 05I21                            7
KOMPASS - Alles in - 05I21 - Katholische Militärseelsorge
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                       „Auch wenn wir in Uniform
                            alle gleich aussehen,
                           bin ich ja kein anderer
                        Mensch, nur weil ich eine
                                   Uniform trage.“
                                                   Interview mit Rebecca Hillen,
                                                        sie trägt die Uniform als
                                                  Polizeibeamtin seit 12 Jahren.

                         Kompass: Frau Hillen, Sie sind Polizeibeamtin in Nordrhein-
                         Westfalen. Sie tragen Uniform. Warum?
                         Rebecca Hillen: Ich trage Uniform, weil es als Polizistin im
                         Bereich des operativen Dienstes in Nordrhein-Westfalen da-
                         zugehört, eine Uniform zu tragen. Als Polizistin ist es sinnvoll,
                         auch als solche erkennbar zu sein.

                         Kompass: Was bedeutet Ihnen Ihre Uniform?
                         Rebecca Hillen: Meine Uniform bedeutet mir sehr viel. Sie be-
                         deutet meinen Beruf. Und das ist für mich auch der Weg, von
                         meinem Privatleben ins Berufliche zu gehen und mich dadurch
                         auch von dem Privaten abzugrenzen.

                                                                                             © Hintergrund: Shawn Hempel – stock.adobe.com I Polizistin: Friederike Frücht
                         Kompass: Wie wirkt das auf andere, können Sie das allgemein
                         sagen? Oder ist es unterschiedlich?
                         Rebecca Hillen: Ich habe unterschiedliche Erfahrungen ge-
                         macht. Durch eine deutliche Erkennbarkeit, die das Tragen
                         der Uniform mit sich bringt, sind wir für jeden ansprechbar.

                         Kompass: Und haben Sie dabei schon einmal Anfeindungen
                         erlebt?
                         Rebecca Hillen: Ja, durchaus. Es reagiert nicht jeder positiv
                         auf die Uniform. Ich habe eine Zeit lang auch in einer Hundert-
                         schaft gearbeitet. Da war ich ja als Polizistin erkennbar und
                         wurde dann durchaus auch mal von Fußballfans oder anderen
                         angepöbelt, die die Aufschrift „Polizei“ als Grund nehmen, um
                         zu sagen: „Dich mag ich nicht“. Aber auch wenn wir in Uniform
                         alle gleich aussehen, bin ich ja trotzdem kein anderer Mensch,
                         weil ich Uniform trage.

                         Kompass: Haben Sie auf der anderen Seite auch schon mal
                         positive Rückmeldungen erlebt?
                         Rebecca Hillen: Ja, auch das passiert. Viele Menschen haben
                         schon mal gesagt, dass es schick aussieht oder dass es schön
                         ist, dass die Polizei so erkennbar ist.

8   Kompass 05I21
KOMPASS - Alles in - 05I21 - Katholische Militärseelsorge
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Kompass: Wie beeinflusst Sie das Tragen Ihrer Uniform? Sie
haben gerade gesagt, dass es auch eine Art Abgrenzung
zwischen Privatem und Dienstlichem ist. Ziehen Sie auch eine
andere Identität an, wenn Sie die Uniform anziehen?
Rebecca Hillen: Durch das Tragen der Uniform repräsentiere
ich die Polizei nach Außen und bin mir dieser Wirkung auch
bewusst. Die Menschen erwarten von mir, dass ich Ihnen

                                                                                                     © IM NRW
helfe, schnell handle und mit Problemen bzw. Sachverhalten
umgehen kann. Dahingehend beeinflusst mich das Tragen der
Uniform, da ich mir der Außenwirkung bewusst bin.

Kompass: Tragen Sie Ihre Uniform jetzt im Innendienst auch
immer?
Rebecca Hillen: Ja, ich trage die Uniform täglich. Jeden Tag,
wenn ich arbeite, trage ich Uniform.                                       „Ich würde mich immer
Kompass: Ich gehe noch mal einen Schritt zurück. Sie be-                        dafür entscheiden,
richteten, dass es ganz unterschiedliche Reaktionen auf Sie
gibt, positive, aber auch negative. Gibt es einen Unterschied             eine Uniform zu tragen,
in den Altersgruppen? Reagieren Kinder anders auf Sie als
ältere Personen?                                                     weil ich gerne Uniform trage
Rebecca Hillen: Hm. Das kann man so pauschal nicht sagen.
Es gibt positive und auch negative Reaktionen durch alle Alters-              und weil ich es auch
gruppen. Man kann nicht sagen, dass jetzt zum Beispiel ältere
Menschen respektvoller mit einem uniformierten Menschen            schön finde. Der Beruf an sich
umgehen. Ich denke, dass da die Grundlagen woanders liegen,
ob und wie man einen Menschen mit Uniform wahrnimmt.                       mit all seinen Facetten
Kompass: Welche Gedanken hatten Sie, als Sie das erste Mal                      und Möglichkeiten
die Uniform getragen haben?
Rebecca Hillen: Es hat mich damals sehr stolz gemacht, eine             hat mich immer gereizt.“
Uniform zu tragen, da ich wusste, dass ich nun meinen Traum-
beruf ausüben kann. Obwohl ich noch in der Ausbildung war
und studiert habe, hatte ich das Gefühl, ein Teil der ganzen
Polizei zu sein.
                           Die Fragen stellte Friederike Frücht.

                                                                           Kompass 05I21         9
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               Vor Gott sind alle
               Menschen gleich
                – also uniform?
                Interview-Antworten und Informationen
                  zu ganz besonderen „Streitkräften“

                     E  ine Kirche und zugleich eine Armee:
                        So etwas gibt es seit gut 150 Jahren
                     und passt zum Titelthema dieser Ausga-
                     be. Aber was hat die Heilsarmee gemein-
                     sam mit der katholischen Kirche oder der
                     Bundeswehr – vor allem im Hinblick auf
                     Uniformen und „Dienstränge“?

                              Was ist die Heilsarmee?
                     Als weltweite christliche Bewegung ist
                     The Salvation Army eine evangelische
                     Freikirche und Hilfsorganisation zugleich.
                     Sie wurde 1865 von dem Methodisten-
                     prediger William Booth gegründet, um
                     notleidenden Menschen zu helfen und
                     das Evangelium von Jesus Christus zu
                     verbreiten. Alles, was die Heilsarmee tut,
                     soll im Glauben ihrer Mitglieder wurzeln.
                     Das Vertrauen in einen liebenden und
                     fürsorglichen Gott findet seinen Ausdruck
                     im Dienst an den Menschen. In Deutsch-
                     land ist sie nicht mehr stark vertreten
                     und oft werden ihre Mitglieder nicht auf
                     Anhieb erkannt.

                     Wir sprachen mit dem Ehepaar Oberst-
                     leutnantin Marsha-Jean und Oberst-
                     leutnant David Bowles, die aus Kanada
                     stammen und die Gemeinde (Korps)
                     Berlin-Südwest leiten.
                     D. Bowles: „Weltweit ist die Heilsarmee
                     so aufgebaut: Wir haben ein Internatio-
                     nales Hauptquartier (IHQ), das die Arbeit
                     in allen rund 131 Ländern überblickt, in
                     denen wir aktiv sind. Seine Aufgabe ist
                     es zu sehen, dass auf der ganzen Welt
                                                                  © KS / Doreen Bierdel (2)

                     die gleiche Theologie vertreten wird und
                     die allgemeinen Richtlinien eingehalten
                     werden. So können wir überall hingehen,
                     auch wenn wir nicht dieselbe Sprache
                     sprechen, und sind eine Heilsarmee.“

10   Kompass 05I21
TITELTHEMA

                            „Aber die Uniformen sind überall ein          dreimal der Fall. M.-J. Bowles: „Schon
                            bisschen anders. Früher mussten in            seit dem Anfang der Heilsarmee gibt es
                            Deutschland Frauen einen Rock tragen          Gleichberechtigung für die Frauen.“
                            und Schuhe mit hohen Absätzen. Seit
                            ein paar Jahren dürfen sie hier auch ei-      Bis heute verzichtet die Heilsarmee auf
                            nen Hosenanzug tragen – das finde ich         Kirchengebäude und Sakramente. Statt-
                            besser. Doch in Indien tragen die Frauen      dessen lädt sie zu Gottesdiensten in den
                            einen Sari. Es gibt also Einheitlichkeit      Gemeindezentren ein und zeigt sich, oft
                            und zugleich kulturelle Unterschiede: In      begleitet von Blechbläsern, in der Öffent-
                            Deutschland werde ich keinen Sari tra-        lichkeit, um Spenden für Notleidende zu
                            gen“, sagt M.-J. Bowles.                      sammeln und um Gott den Menschen
                            Heute ist die Heilsarmee eine internati-      nahe zu bringen.
                            onale christliche Bewegung mit ca. 1,7
                            Millionen Mitgliedern weltweit. Als „fried-   D. Bowles: „In Deutschland gibt es zur-
                            lichste Armee der Welt“ kämpft sie gegen      zeit gut 1.300 Mitglieder und etwa 60
                            Armut und Ungleichheit.                       aktive Offiziere und Offizierinnen. Diese
                                                                          Zahlen und auch die der Korps wurden
                               Vor Gott sind alle Menschen gleich         durch die Verbote im Dritten Reich und
                            William Booth praktizierte den Gottes-        in der DDR stark dezimiert, wobei vor al-
                            dienst ohne Kirchengebäude in der Öf-         lem Frauen den Bestand sicherten bzw.
                            fentlichkeit auf Straßen und Plätzen.         ab 1990 am Wiederaufbau im Osten
                            „Wenn die Menschen nicht in die Kirche        Deutschlands mitwirkten. Vereinzelt gibt
                            kommen, so müssen wir zu den Men-             es wohl auch Salutisten in der Bundes-
                            schen gehen“, war sein Credo. Und so          wehr – einer fliegt beispielsweise Hub-
                            erreichte er auch die Armen und Hoff-         schrauber.“
                            nungslosen, die sich – zerlumpt und
                            schmutzig – nicht in die Kirchen trauten.              Uniform und Dienstränge
                            Um ihre Arbeit effektiver durchführen zu      Die Uniform ist die Bekleidung der Offi-
                            können, bedurfte es einer straffen Orga-      ziere sowie der hauptamtlich mitarbeiten-
                            nisation. Darum nahm die Missionsbe-          den Heilssoldaten. Aber auch von den
                            wegung nach und nach eine militärische        ehrenamtlichen Soldaten wird erwartet,
                            Struktur an. 1878 erhielt sie schließlich     dass sie – insbesondere im Gottes-
                            ihren Namen Die Heilsarmee. Die Ge-           dienst und bei öffentlichen Anlässen –
                            meinde-Niederlassungen nannte man             die Uniform tragen. Dies ist zum einen
                            nun Korps, die hauptamtlichen Gemein-         sichtbares Bekenntnis des persönlichen
                            deleiter Offiziere, die Mitglieder Soldaten   Glaubens an Jesus Christus, zum ande-
                            und William Booth war ihr General. Eine       ren, um für Menschen in Not erkennbar
                            eigene Fahne und die Uniform wurden           zu sein und sich als Ansprechpartner zu
                            eingeführt.                                   zeigen. „Im Dienst“ Uniform zu tragen,
                                                                          ist für Heilsarmeeoffiziere, Heilssoldaten,
                            Booths Ehefrau Catherine war Mitbegrün-       Musiker und Lokaloffiziere Pflicht.
                            derin der Heilsarmee und setzte sich von
                            Beginn an für die Gleichberechtigung ein.     M.-J. Bowles: „Das ist wie mit einer
© KS / Doreen Bierdel (2)

                            So steht schon in der Gründungsakte der       Schul-Uniform, damit alle gleich sind,
                            Heilsarmee, dass Frauen die gleichen          egal, was für einen sozialen Hintergrund
                            Rechte haben und Positionen bekleiden         sie haben. Und dann fangen sie doch an
                            sollen wie Männer. Zur Gleichheit ge-         mit Marken-Turnschuhen oder was auch
                            hört auch, dass Frauen in das höchste         immer. Man findet immer einen Weg,
                            Amt als Generalin gewählt werden kön-         sich doch etwas abzuheben.“
                            nen – das war in der Geschichte bislang                                             >>

                                                                                                                        Kompass 05I21   11
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                            Offiziere und Offizierinnen tragen rote
                            Schulterklappen mit einem aufgestick-
                            ten „H“ für Heil. Salutisten tragen blaue
                            Schulterklappen. Alle Abzeichen sind mit
                            weißem oder silbernem Garn aufgestickt.
                            Die Offiziersränge wie Kapitän oder Major
                            werden nach der Zahl der Dienstjahre
                            verliehen.

                            Der Rang eines Oberstleutnants, Obers-
                            ten oder Kommandeurs ist nur für be-
                            stimmte Ämter vorgesehen. General bzw.
                            Generalin gibt es als weltweite Leitung
                            nur einmal und wird als einziges Amt ge-
                            wählt, während die anderen Ränge von
                            General oder Generalin eingesetzt wer-
                            den bzw. vom Dienstalter abhängen. Hier
                            sind die Schulterklappen wie beim Kom-
                            mandeur, aber die Zeichen sind in Gold
                            aufgestickt. Darüber hinaus gibt es noch
                            eine Vielzahl spezieller Schulterklappen
                            in bestimmten Funktionen, so zum Bei-
                            spiel für die Musiker in den Musikkorps
                            der Heilsarmee.

                               Wie wird man eigentlich Mitglied
                                        der Heilsarmee?
                                                                          Über die Arbeit als Offizier in Uniform hat die TV-Sendung Galileo
                            M.-J. Bowles: „Es gibt keine Taufe wie in            ein Video erstellt: www.heilsarmee.de/unser-auftrag.html
                            den meisten christlichen Kirchen. Man
                            muss an Jesus Christus glauben und
                            den Wunsch haben, Mitglied zu werden.       „Und es gibt Soldaten. Sie müssen na-       darum, eine Art Versprechen abzugeben.
                            Man kann auch als Angehöriger Mitglied      türlich auch an Jesus glauben als Retter    Zuerst ist es eine Glaubenserklärung: Ich
                            sein, das heißt dann, dass du an Jesus      und Herrn und auch den Wunsch haben,        glaube das. Und dann das Anerkennen
                            Christus glaubst, du möchtest die Heils-    ein Soldat in der Heilsarmee zu sein. Ein   der Doktrin der Heilsarmee mit ihren elf
                            armee als deine Gemeinde sehen. Das         Heilssoldat legt ein Gelübde ab. Nicht      Glaubensartikeln“, ergänzt D. Bowles.
                            beinhaltet Kinderweihe, Hochzeit, Beer-     zwischen der Heilsarmee und ihm selbst,
                            digung und solche Sachen.“                  sondern zwischen Gott und sich. Es geht                                 Jörg Volpers

                                                                                                                                                                © The Salvation Army, England
© KS / Doreen Bierdel (3)

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                                    Wie ist das eigentlich bei Ihnen ...
                                    Herr Bischof,war es eine Umstellung für Sie,
                                    bischöfliche Kleidung zu tragen?
                                    Haben Sie noch zivile Kleidung?

                                    Franz-Josef Overbeck: Selbstverständlich trage ich weiter-
                                    hin zivil, allerdings als Priester und Bischof grundsätzlich in
                                    schwarz und das mit einem – salopp gesagt – Priesterkragen,
                                    der mich erkennbar macht. Dies gilt zumindest für diejenigen,
                                    die sich in diesen Gepflogenheiten auskennen. Bischöfliche
                                    Kleidung zu tragen, also eine Soutane anzuziehen, gehört bei
                                    festlichen und besonderen Anlässen selbstverständlich zu
                                    den Obliegenheiten eines Bischofs. Dies braucht zwar eine
                                    gewisse Gewöhnung, die sich aber schnell einstellt.

                                    Legere Kleidung, u. a. auch Jeanshosen, besitze ich, trage
                                    sie aber nur ganz privat. Entsprechend im Alltag gekleidet zu
                                    sein, wie oben gesagt, fällt mir leicht und bedeutet keinerlei
                                    Belastung für mich. Deutlich ist nur, dass Amtskleidung in un-
                                    serer Gesellschaft in Deutschland öffentlich weniger sichtbar
                                    ist als in anderen Gesellschaften. Da ich weiß, dass damit

                                                                                                                                                                      © KS / Doreen Bierdel
                                    aber dennoch eine gewisse Signalwirkung für die Kirche und
                                    für die Religion ausgeht, tue ich das gerne.

                                    Ich empfinde meine Kleidung in keiner Weise als Belastung,
                                    sondern trage sie einfach und selbstverständlich. Um es
                                    schlicht und einfach zu sagen: Umziehen mag ich mich wäh-
                                    rend des Tages gar nicht! Also bleibe ich beim einmal Ent-
                                    schiedenen.

                                                                                                      uni·form [die]
                                                                                                      Uniform, die; Substantiv, feminin; -, -en 

                                                                                                      Uniformen sind entweder vorgeschrieben (z. B. im öffentlichen
                                                                                                      Dienst) oder üblich. Soldaten, Angehörige von Hilfsdiensten
                                                                                                      sowie Polizeivollzugsbeamte im Auslandseinsatz sind zudem
                                                                                                      aufgrund des Völkerrechts (notwendige Bedingung für den
                                                                                                      Kombattantenstatus) verpflichtet, Uniformen zu tragen.

                                                                                         Wie beeinflusst Sie
© Stabsfeldwebel Magdalena Gorska

                                                                                         die Uniform, wenn
                                                                                         Sie diese tragen?                          WEBTIPP:
                                                                                         Stabsfeldwebel                         Im Internet finden
                                                                                         Magdalena Gorska:                           Sie unter
                                                                                         „Durch die Uniform verändert          milseel.de/kleidung
                                                                                         sich automatisch meine
                                                                                                                                  kurze Videos
                                                                                         Haltung. Die Uniform gibt
                                                                                         mir das Gefühl des Schutzes,
                                                                                                                               und Interviews zum
                                                                                         aber auch des Stolzes.“                 Thema Uniform.

                                                                                                                          Kompass 05I21                         13
AUSLEGEWARE

              Männer in Frauenkleidern?

S    eit dem Erscheinen der Novelle „Klei-
     der machen Leute“ des Schweizers
Gottfried Keller (1819–1890) im Jahr
                                             Wer einmal einen solchen Mann gesehen
                                             hat – und das kann schon mitten am Tag
                                             hin und wieder in Berlin passieren – der
                                                                                           samten Bataillons
                                                                                           diesem den Spie-
                                                                                           gel vorzuhalten,
1874 ist dieser Titel nicht nur sprich-      ist zumindest für ein paar Augenblicke        freilich auf eine
wörtlich geworden, sondern er stimmt.        irritiert oder als Berliner auch nicht.       humorvolle und
Kleidung war schon immer mehr als                                                          augenzwinkernde
nur das Bedecken der Nacktheit (Gen             Also – so einfach ist das                  Art und Weise.
3,7.10f.), sei sie körperlich oder psy-        mit der Bekleidung bei Leibe
chisch. Dass Kleidung keine Nebensache              noch lange nicht.                      Dennoch bleibt die Fra-
ist, kann man nicht zuletzt in den schon                                                   ge bestehen, weshalb das
sprichwörtlich gewordenen „Zeiten von        Schaut man in das Alte Testament, so          Alte Testament eine solch
Corona“ fast täglich per Videokonferenz      liest man im Buch Deuteronomium 22,5          streng sanktionierte Forde-
im wahrsten Sinne des Wortes live mit-       Folgendes: „Eine Frau soll nicht die Aus-     rung aufstellt? Sicherlich wird
erleben, und zwar wie Kollegen, ja sogar     rüstung eines Mannes tragen und ein           eine eindeutige Antwort nicht
Vorgesetzte im Kleidungstil regelrecht       Mann soll kein Frauenkleid anziehen.“         leicht zu geben sein. Jedoch, so
„verkrauten“.                                Dass dies hier nicht im Sinne eines Stil-     wird vermutet, haben die Kulturen
                                             coaches zu verstehen ist, verdeutlicht        um Israel herum gewisse religiöse
Dass Kleidung äußerst wichtig ist, wird      unmissverständlich der unmittelbar da-        Riten und Bräuche gepflegt, in denen
schon auf den ebenso sprichwörtlich ers-     rauffolgende Begründungssatz: „denn           Männer in Frauenkleidern auftraten.
ten Seiten der Bibel erzählt.                jeder, der das tut, ist dem Herrn, dei-       Ebenso spielten darüber hinaus ver-
                                             nem Gott, ein Gräuel.“ Und wer Gräuel         mutlich auch noch sexuell-konnotierte
   Gott hat die Kleidung zur                 begeht, ist aus der Mitte des Volkes          Praktiken eine Rolle. Denn in Bezug
Chefsache erklärt und diese für              (Israels) auszumerzen. Und das ist kein       auf gewisse Sexualpraktiken ist
                                             Scherz. Bis heute wird in einigen religi-     im Buch Levitikus ebenso un-
Adam und seine Frau nicht nur
                                             ös-sozialen Kontexten immer noch sehr         missverständlich vom Aus-
eigens „gemacht“, sondern er                 viel Wert daraufgelegt, dass Männer als       merzen die Rede (vgl.
selbst nimmt sogar auch noch                 Männer und Frauen als Frauen sofort und       Lev 18). Vor dem Hin-
 die Anprobe vor (Gen 3,21).                 zweifellos als solche zu erkennen sind.       tergrund, dass Isra-
                                                                                           el sich aber in all
Gott ist sozusagen ein Karl Lagerfeld        Freilich kennt die europäische Kulturge-      solchen Punk-
des Garten Eden. Verräterisch ist, dass      schichte Praktiken, die der Forderung des     ten von jenen
Kleidung erst an Bedeutung im Zusam-         Buchs Deuteronomium diametral entge-          Kulturen eben-
menhang des „Sündenfalls“ gewinnt.           genstehen. Denn von der klassischen           falls eindeutig
Und Sündenfälle in Sachen Kleidung gibt      Antike – zu erinnern ist an die drei großen   unterscheiden
es wie Sand am Meer, obzwar die soge-        Tragiker Aischylos, Sophokles und Euri-
nannte Stilcoach-Literatur ebenso uferlos    pides – bis hin in die Zeiten von William
zu sein scheint. Bemerkenswert bleibt,       Shakespeare sind Frauenrollen nahezu
dass erst die Erkenntnis von Adam und        ausschließlich von Männern gespielt wor-
seiner Frau, nackt zu sein, mit dem          den. Sogar bis in die jüngste Vergangen-
dringenden Bedürfnis nach Kleidung in        heit hinein war es bei der Bundeswehr
einem unmittelbaren Zusammenhang             noch Brauch, dass am Fest der Heiligen
steht. Aber ist Kleidung einmal da, dient    Barbara (4. Dezember), welche u. a. die
sie nicht nur zur Bedeckung der Scham,       Schutzpatronin der Artillerie ist, dem
sondern zugleich als Demonstration des       jüngsten Leutnant eines Artilleriebatail-
sozialen und gesellschaftlichen Status,      lons die durchaus verantwortungsvol-
aber lange Zeit auch der Geschlechter-       le Aufgabe zugedacht worden war,
differenz. Frauen in Hosen? – Darüber        beim zünftigen Bataillonsabend
konnten sich Großeltern und Urgroßel-        die Heilige Barbara zu spie-
tern noch lange streiten. Keiner regt sich   len. Denn dieser bzw. die-
darüber heute noch auf. Aber Männer in       se hatte die Aufgabe, in
Röcken und echten Damenstrümpfen …?          Anwesenheit des ge-

14                         Kompass 05I21
AUSLEGEWARE

        „Wer eine Jogginghose
        trägt, hat die Kontrolle
        über sein Leben verloren.“
                                                                  Karl Lagerfeld

sollte, um ebenso auf diese Weise die       Kopftuch muslimischer Frauen immer
ausschließliche JHWH-Zugehörigkeit zu       wieder aufs Neue, und zwar bis hin zu
dokumentieren, wird diese strenge For-      Urteilen des Bundesverfassungsgerichts.
  derung verständlich. Kleidung ist eben    So lautet ein Beschluss vom 14. Februar
         auch eine Bekenntnissache.         2020, dass das Kopftuchverbot für
             Dass dies kein Thema von       Rechtsreferendarinnen verfassungsge-
                 gestern ist, zeigt die     mäß sei (2 BvR 1333/17). Aber das ist
                    Diskussion um das       wieder ein anderes Thema.

                                                                  Thomas R. Elßner

                                                           TIPP:
                                                      Sie fragen sich:
                                                 „Was bedeutet denn das
                                                schon wieder in der Bibel?“
                                                      Senden Sie uns
                                                   Ihre Frage – hier wird
                                                        sie geklärt.
                                                                                        © ronstik – stock.adobe.com

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                © Deutscher Bundestag / Inga Haar   © SidorArt – stock.adobe.com
KOLUMNE

                                                                                     „Alle Soldatinnen
Liebe Soldatin, lieber Soldat,
                                                                                und Soldaten, die in
                                                                           „Alle Soldatinnen und Soldaten,
                                                                           Afghanistan         eingesetzt
seit fast 20 Jahren ist die Bundeswehr in Afghanistan, zunächst               die in Afghanistan eingesetzt
im Rahmen der internationalen Schutzmission ISAF, aktuell mit                         waren und sind,
der Ausbildungsmission Resolute Support. Vieles wurde in den              waren und sind, müssen wissen,
letzten zwei Jahrzehnten erreicht.                                          müssen        wissen, wofür
                                                                                   wofür sie dort eintreten.“
Afghanistan ist nicht mehr Hort des internationalen islamis-                      sie dort eintreten.“
tischen Terrorismus. Ein politisches System mit rechtsstaat-
lichen und demokratischen Prinzipien wurde etabliert. Afgha-
nische Sicherheitskräfte wurden aufgebaut und ertüchtigt.            „großen Krieg“ gedroht, wenn die internationalen Kräfte länger
Es gibt mehr Freiheiten, Wirtschaftswachstum und Bildungs-           bleiben. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Entsprechendes
chancen.                                                             Personal sowie Fähigkeiten für besseren Schutz werden be-
                                                                     reitgehalten.
Das alles ist ein Verdienst des internationalen Engagements
– auch des Einsatzes der Bundeswehr. Bis heute waren über            Zweitens: Nach dem Abzug braucht es eine kritische, offene
158.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan.            und schonungslose Bilanz des Afghanistan-Einsatzes. Was wa-
Sie haben einen wichtigen Beitrag zu Frieden, Freiheit, Demo-        ren unsere Ziele? Was haben wir erreicht? Und was bedeutet
kratie und Stabilität im Land geleistet.                             das für künftige Einsätze? Eine Enquetekommission im Deut-
                                                                     schen Bundestag könnte diese Fragen ausführlich erörtern.
Wie geht es weiter in Afghanistan? Diese Frage beschäftigt           Afghanistan ist zweifelsohne der umfangreichste und prä-
uns alle zurzeit sehr. Für viel Unruhe hat die Absicht des ehe-      gendste Einsatz in der Geschichte der Bundesrepublik. Alle
maligen US-Präsidenten Trump gesorgt, die US-Truppen kurz-           Soldatinnen und Soldaten, die in Afghanistan eingesetzt waren
fristig und ohne Absprachen mit Verbündeten abzuziehen.              und sind, müssen wissen, wofür sie dort eintreten. Nur so
Das hätte katastrophale Folgen für Afghanistan und darüber           identifizieren sie sich mit ihrem Auftrag. Nur so können sie stolz
hinaus gehabt. Denn die aktuelle Situation ist äußerst fragil.       auf das im Einsatz Geleistete sein. Eine Zäsur war gewiss das
Die Sicherheitslage ist in Teilen des Landes nicht kontrollierbar.   Jahr 2010 – dem mit acht Gefallenen bislang verlustreichsten
Die Taliban verüben weiterhin blutige Anschläge. Und die inner-      Jahr in der Geschichte der Bundeswehr. Insgesamt ließen 59
afghanischen Friedensverhandlungen stecken fest.                     Soldaten ihr Leben in Afghanistan. Auch die Hinterbliebenen
                                                                     aller Gefallenen müssen wissen, wofür ihre Angehörigen ums
Mit der neuen US-Administration sind die überstürzten Ab-            Leben gekommen sind.
zugspläne vom Tisch. Das ist gut so. Präsident Biden hat ent-
schieden, bis zum 11. September 2021 – also 20 Jahre nach            Eine solche Bilanz ist auch für andere Einsätze und Missionen,
den Anschlägen auf das World Trade Center – die US-Truppen           etwa in der Sahelzone, von großer Bedeutung. Aus Afghanis-
abzuziehen. Die Bundeswehr wird bis Mitte August das Land            tan gilt es zu lernen – und gegebenenfalls Konsequenzen zu
verlassen. Die Devise lautet nun also: gemeinsam rein, ge-           ziehen.
meinsam raus.
                                                                     Drittens: Nicht zuletzt verbinde ich mit einem solchen Rück-
Unser Engagement darf jedoch mit dem Abzug nicht enden.              und Ausblick des Afghanistan-Einsatzes auch den Wunsch,
Wir müssen unsere afghanischen Partner weiter unterstüt-             dass wir über die Auslandseinsätze der Bundeswehr insgesamt
zen – politisch, zivil und humanitär. Denn nur so kann das           wieder mehr diskutieren. In der Öffentlichkeit werden sie nur
bisher Erreichte bewahrt und der Friedensprozess weiter vo-          wenig wahrgenommen. Das spüren unsere Soldatinnen und
rangetrieben werden. Die Absicht von Verteidigungsministerin         Soldaten. Es wird ihrem Dienst, den sie oftmals unter lebens-
Kramp-Karrenbauer, afghanischen Helferinnen und Helfern              bedrohlichen Bedingungen erbringen, nicht gerecht. Unsere
der Bundeswehr eine Perspektive in Deutschland zu eröffnen,          Soldatinnen und Soldaten verdienen Anerkennung, Respekt
begrüße ich sehr.                                                    und Wertschätzung für ihre Leistung – in Afghanistan und allen
                                                                     weiteren elf Auslandseinsätzen der Bundeswehr!
         Als Wehrbeauftragte sind mir drei Anliegen
                    besonders wichtig.                               Mit herzlichen Grüßen

Erstens: Oberstes Gebot für das weitere Engagement der Bun-
deswehr ist die Sicherheit unserer Soldatinnen und Soldaten.
Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Sicherheitslage
in Afghanistan verschlechtert. Die Taliban haben mit einem                            Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages

                                                                                          Kompass 05I21                             17
AUS DER MILITÄRSEELSORGE

                                                                      Was haben Sie
                                                                      in der Katholischen
                                                                      Militärseelsorge gelernt?

                                                                      Franz-Josef Overbeck: Die Katholische Militärseelsorge ist bei
                                                                      den Soldatinnen wie Soldaten und ihren Familien und den Men-
                                                                      schen, mit denen sie leben, auf vielen Ebenen präsent. Das
                                                                      betrifft die Begleitung in den Einsätzen wie auch den konkreten
                                                                      Alltag in Deutschland. Das zeigt sich beim Lebenskundlichen
                                                                      Unterricht und in den vielen Seelsorgegesprächen, aber auch
                                                                      bei Begleitungen in Lebens- und Glaubensfragen. Hinzu kom-
                                                                      men die Familienseelsorge und die vielfachen Bezüge zu den
                                                                      alltäglichen Lebenssituationen und Herausforderungen aller
                                                                      in der Bundeswehr.

                                                                      Besonders deutlich werden die Überzeugungen und Haltun-
                                                                      gen der Soldatinnen und Soldaten, wenn es darum geht, in
                                                                      ihrem Engagement für die Werte des Grundgesetzes und ihre
                                                                      soldatischen Verpflichtungen einzustehen, das heißt immer
                                                                      konkret lokal und global zu denken und zu handeln, wie es an
                                                                      den Auslandseinsätzen der Bundeswehr und im alltäglichen
                                                                      Dienst an den Standorten in Deutschland abzulesen ist.
                                              © KS / Doreen Bierdel

                                                                      Die Militärseelsorge ist im besten Sinne ein besonderer Be-
                                                                      reich der Seelsorge, in dem wir als katholische Kirche in einer
                                                                      hochkomplexen und vernetzten Welt mit unseren Glaubens-
                                                                      überzeugungen und Haltungen präsent sind und vielfache Un-
                                                                      terstützung anbieten.

                                                                              10 Jahre
                                                                              Franz-Josef Overbeck,
                                                                              Katholischer Militärbischof
     6. Mai 2011 – Einführung als
                                                                              für die Deutsche Bundeswehr
     Katholischer Militärbischof für die
     Deutsche Bundeswehr in der
     St. Johannes-Basilika in Berlin. Der
     Apostolische Nuntius, Erzbischof
     Jean-Claude Périsset, überreicht
     die Päpstliche Ernennungsurkunde
     und den Bischofsstab.

18                   Kompass 05I21
AUS DER MILITÄRSEELSORGE

                                                                                Können Sie sich noch erinnern,
                                                                                was Sie über die Militärseelsorge
                                                                                gedacht und gewusst haben,
                                                                                bevor Sie Militärbischof wurden?
       © Stefan Sättele

                                                                                Franz-Josef Overbeck: Durch den Kontakt mit verschiedenen
                                                                                Soldatinnen und Soldaten wusste ich natürlich von der Ka-
                                                                                tholischen Militärseelsorge, ebenso auch durch meine Be-
                                                                                kanntschaft mit Priestern und Pastoralreferenten, die in der
                                                                                Militärseelsorge tätig waren. Schließlich wusste ich natürlich
                          Informations- und Truppenbesuch des Katholischen      über die Deutsche Bischofskonferenz, dass es einen Katholi-
                                               Militärbischofs in Afghanistan
                                                                                schen Militärbischof gibt.

                                                                                Ich selber tue diesen Dienst ausgesprochen gerne, weil ich
                                                                                hier erkennen kann, dass es einen tiefen Sinn hat, Menschen
                                                                                in einem herausforderungsvollen Beruf im Namen von Glauben
                                                                                und Kirche zu stärken und zu stützen, der ihre ganze Persön-
                                                                                lichkeit und Person in Anspruch nimmt und somit auch ihre
                                                                                Familien und die Menschen, mit denen sie leben. Hinzu kommt
                                                                                die Bedeutung der Ethik auf einem christlichen Fundament,
                                                                                für das einzustehen Aufgabe der Kirche ist. Hier kann vieles
© KS / Doreen Bierdel

                                                                                gesagt und in Auseinandersetzungen geklärt werden sowie
                                                                                in Gesprächen seine Kontur finden, was für das Leben von
                                                                                Bedeutung und gerade auch für den Glauben sehr wichtig ist.

                                                                                Darum gehört es zur Militärseelsorge, dass sie zum einen
                                                                                einen weiten Blick auf die ganze Welt hat, zum anderen aber
                                                                                die gesamte Kirche in Deutschland selber wegen der so wei-
                                 38. Sitzung des Verteidigungsausschusses
                                                                                ten Einsatzfelder immer besser kennenlernt und weiß, dass
                                  zu aktuellen Themen der Militärseelsorge
                                                                                wir nur ein kleiner Teil der gesamten Weltgemeinschaft sind.

                                                                                                           WEBTIPP:
                                                                                                     Im Internet finden
© Ludwig Dirscherl

                                                                                                          Sie unter
                                                                                                      milseel.de/6mai
                                                                                                   weitere Antworten und
                                                                                                    Berichte zu 10 Jahre
                                  Bei der 25. Soldatenwallfahrt nach Amberg
                                                                                                        Katholischer
                                                                                                       Militärbischof.

                                                                                                    Kompass 05I21                          19
GLAUBE, KIRCHE, LEBEN

                                Ökumene und Interreligiöser Dialog

                          Einheit in versöhnter
                            Verschiedenheit

                                                                                                                                         © ylivdesign – stock.adobe.com (3)
D   as Zeitalter des Trialogs ist vielerorts angebrochen. Mit
    dem Ausdruck Trialog wird näherhin ein von gegenseiti-
gem Verständnis und ein von Toleranz geprägtes Gespräch
                                                                    Diese lauten: „Und die eine, heilige, katholische und apostoli-
                                                                    sche Kirche“ (Et una, sancta, catholica et apostolica Ecclesia).
                                                                    Dieses Glaubensbekenntnis zählen sowohl die Altorientali-
zwischen den sogenannten drei großen monotheistischen               schen Kirchen, die Kirchen der Orthodoxie (Panorthodoxie),
Religionen – Judentum, Christentum und Islam, gern auch             die Lutherischen Kirchen, die Anglikanische Kirche als auch
abrahamitische Religionen genannt – bezeichnet. Abrahami-           die Römisch-katholische Kirche, um nur einige zu nennen, zu
tisch deswegen, weil alle drei in Abraham ihren Stammvater          ihren nicht aufgebbaren dogmatischen Grundlagen. Was aber
sehen (vgl. Gen 17,4f.). Ob der biblisch konturierte Abraham        beispielsweise nun genau unter der Einheit (unitas / una) der
selbst als abrahamitisch zu verstehen ist, steht auf einem          Kirche theologisch zu verstehen sei, darüber gibt es recht un-
anderen Blatt.                                                      terschiedliche, durchaus auch divergierende Auffassungen. Zu-
                                                                    mindest wird deutlich, dass unter Ökumene ein theologisches
Jener Trialog beinhaltet nun theologische, aber auch gesell-        Ringen der Kirchen u. a. um das angemessene Verständnis
schaftliche Aspekte im umfassenden Sinne, freilich in un-           der vier sogenannten Kennzeichen der Kirche zu verstehen ist,
terschiedlichen Verdichtungs- und Verbindlichkeitsgraden vor        und zwar ebenso bis hin in seine auch sozialen und zeitlich
Ort. Jedoch ist es immer wieder angeraten, sich dessen zu           gebundenen Ausdrucks- und Erfahrensweisen.
vergewissern, was denn letztlich Ziel des Trialogs oder wie sein
vielbeschworener Weg zu gestalten sei. Daher tut es Not, sich       Dies alles trifft demzufolge nicht auf einen Interreligiösen Di-
auch über Begriffe wie Ökumene und Interreligiöser Dialog zu        alog zu, wenngleich er heute mehr denn je – allein schon aus
verständigen.                                                       religionsdiplomatischer Sicht – unverzichtbar ist. Freilich lassen
                                                                    sich Grundlagen benennen, die Judentum, Christentum und
Der Begriff Ökumene im heutigen theologischen Sprachge-             Islam gemeinsam haben, zumal diese monotheistisch genann-
brauch bezieht sich ausschließlich auf den Prozess der Kir-         ten Religionen entweder eine zum Teil gemeinsame Schrift-
chen in Bezug auf Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Der        grundlage besitzen oder sich auf eine durchaus gemeinsame
theologische nicht zur Disposition stehende Haft- bzw. Anker-       Glaubensüberlieferung beziehen. So haben Judentum und
punkt hierfür findet sich im Glaubensbekenntnis, wie es auf         Christentum im Kanon ihrer Heiligen Schrift die sogenannten
dem Ersten Konzil von Konstantinopel (381) ausgearbeitet und        Fünf Bücher des Moses gemeinsam, auch in deren Reihenfol-
letztlich für verbindlich erklärt worden ist. In diesem Glaubens-   ge. Zudem erkennen heute selbst die Kirchen den hebräischen
bekenntnis stehen die vier Prädikate, auch notae ecclesiae          Text der Fünf Bücher des Moses, auch Tora genannt, als Urtext
genannt, welche die wahre Kirche Jesu Christi kennzeichnen.         an. Aber auch ein Blick in den Koran zeigt, dass Motive und Er-

20                          Kompass 05I21
GLAUBE, KIRCHE, LEBEN

                                   zählungen der Hebräischen Bibel entnommen bzw. ihr entlehnt       genannt, wenn es in ihr heißt: „Der Heilswille (Gottes, ThRE)
                                   sind. Gemein ist allen drei Religionsfamilien das Bekenntnis zu   umfasst aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen,
                                   dem Einen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Deswegen         unter ihnen besonders die Muslim, die sich zum Glauben Ab-
                                   werden sie auch, wie bereits erwähnt, monotheistisch genannt,     rahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten …“ (LG
                                   wenngleich dem Christentum immer wieder im Hinblick auf           16). Bemerkenswert ist hier die Formulierung „die … mit uns
                                   die Trinität eine Aufweichung oder gar eine Verfälschung des      den einen Gott anbeten (nobiscum Deum adorant unicum)“,
                                   monotheistischen Glaubens vorgeworfen bzw. unterstellt wird.      so dass man fast schon von einem basalen gemeinsamen
                                                                                                     Glaubensbekenntnis sprechen könnte.
                                   Sieht man sich die Dokumente des Zweiten Vatikanischen
                                   Konzils (1962–65) einmal genauer an, so kann man in Bezug         Der fundamentale Unterschied zum Ökumenischen Dialog be-
                                   auf eine gemeinsame Glaubensgrundlage besonders auch              steht freilich darin, dass es für Judentum, Christentum und Is-
                                   im Hinblick auf den Islam Erstaunliches finden. So heißt es       lam, um es einmal sehr abstrakt zu sagen, kein gemeinsames
                                   in der „Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nicht-    Ziel ist, „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ zu
                                   christlichen Religionen“, nach ihren lateinischen Anfangswor-     werden bzw. zu sein. Aber ein diese Religionen verbindendes
                                   ten „Nostra aetate“ (In unserer Zeit) genannt: „Mit Hochach-      Band ist letztlich, dass sie sich mit allen Menschen als eine
                                   tung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen    gemeinsame Menschheitsfamilie verstehen. Wird dies von
                                   Gott anbeten (unicum Deum adorant), den lebendigen und in         allen gemeinsam vernünftigerweise anerkannt, so hat die be-
                                   sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer        kenntnispluriforme eine Menschheitsfamilie dann gemeinsam
                                   Himmels und der Erde“ (NA 3). Einen Schritt weiter geht die       für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ in
                                   „Dogmatische Konstitution über die Kirche“, ebenso nach ihren     der von dem einen Gott geschaffenen Welt einzutreten, nicht
                                   lateinischen Anfangsworten „Lumen gentium“ (Licht der Völker)     zuletzt mit Gottes Hilfe.
                                                                                                                                                    Thomas R. Elßner
© Godong Photo – stock.adobe.com

                                                                                                                          Kompass 05I21                            21
AUS DER MILITÄRSEELSORGE

Wir tragen                                                                                   Haben Sie
                                                                                         Lust, am 19. oder
unser Päckchen                                                                         20. Mai an einer regio-
                                                                                      nalen Wallfahrt teilzuneh-

B   ei einer Wallfahrt kommt viel mit:
    Gedanken, die Pilgerinnen und Pilger
beschäftigen, die richtige Kleidung. Dazu
                                                                                       men? Alle Termine und
                                                                                       Orte finden Sie unter:
                                                                                         milseel.de/lourdes
die „Mit“-Wallfahrenden, die einen auf ei-
nem Teil des Weges begleiten, die beten
und Gespräche führen. Für die regiona-
le Web-PMI 20.21 hat die Katholische
Militärseelsorge einen Pilgerrucksack
gepackt. Er ist überall gleich und verbin-
det die Pilger über geografische Entfer-
nungen hinweg. In der ganzen Republik
ist es ein dunkelblauer Beutel mit dem
Logo der Katholischen Militärseelsorge,
der zeigt: Hier wallen Soldatinnen und
Soldaten und deren Angehörige, hier sind
sie gemeinsam im Gebet. Er zeigt auch
die Verbindung nach Lourdes, wohin wir
eigentlich wollten.                          regionale Wallfahrten zu Marienstätten       Beutelinhalt soll Neugier wecken, ein
                                             oder Lourdes-Grotten. Denn eines bleibt      Lächeln auf die Lippen bringen. Neugier
Da Corona die Internationale Soldaten-       gleich:                                      ist für die Wallfahrt wichtig: Was werde
wallfahrt verhindert, geht es eben in             Wallfahren heißt, miteinander           ich erfahren? Wird etwas mit mir gesche-
Deutschland auf den Weg. Zahlreiche                    unterwegs zu sein,                 hen? Das heißt, die Neugier umzusetzen
                                              im Gehen und in Gedanken. Vielleicht,       und offen für Eindrücke zu sein, die auf
                                                um etwas zu finden, vielleicht, um        der Wallfahrt kommen.
                                                einen Weg gemeinsam zu gehen.
                                                                                          Im Beutel ist neben dem Katholischen
                                             Beim Beutel könnte die Frage auftau-         Gebet- und Gesangbuch in Flecktarn
                                             chen: „Wozu soll ich denn noch mehr          ein Mundschutz, der zwar das Lächeln
                                             mit mir schleppen?“ Darin ist schon fast     verbirgt, aber dafür ein Risiko minimiert.
                                             die Antwort: Ich schleppe etwas mit mir,     Sollte der Wind der Gedanken zu frisch
                                             etwas, das die anderen auch haben. Wie       werden; was soll‘s? Dann ist ein Multi-
                                             viel besser könnte Gemeinschaft sicht-       funktionstuch die Hilfe. Der Druck lässt
                                             bar und erlebbar gemacht werden? Au-         viele Möglichkeiten zu, es zu falten, Logo
                                             ßerdem verbindet die Neugier auf den In-     oben oder vorne, als Mütze oder Schal –
                                             halt die Wallfahrer und wir wissen, es ist   der Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt.
                                             nicht die sprichwörtliche Katze im Sack!     Zur Erinnerung: Wallen heißt, sich bewe-
                                             Wir tragen gemeinsam eine Last, neh-         gen, also auch geistig. Ein Pilgerabzei-
                                             men sie an und zeigen das auch. Der          chen, ein Ärmelpatch sowie die Pilger-
                                                                                          plakette und eine Gebetskarte runden
                                                                                          des Wallfahrers Rüstzeug ab.

                                                                                          Der Beutel ist schließlich eine bleibende
                                                                                          Erinnerung an das merkwürdige Wallen
                                                                                          im Jahr 2021, als Menschen in über-
                                                                                          schaubar kleinen Gruppen auf Wallfahrt
                                                                                          gingen. Langanhaltend ist hoffentlich
                                                                                          auch die Erinnerung an das Erlebnis, sich
                                                                                          in Gedanken regional mit dem Marien-
                                                                                                                                       © KS / Doreen Bierdel

                                                                                          wallfahrtsort Lourdes in Südfrankreich
                                                                                          zu verbinden. Vielleicht gibt es ja 2022
                                                                                          wieder die Möglichkeit, denn viele kleine
                                                                                          Schritte ergeben zusammen auch eine
                                                                                          große Strecke.
                                                                                                                    Norbert Stäblein

22                         Kompass 05I21
ZUM LKU

                                                                       Zur Praxis moralischer Bildung

                                                                     Mün·dig·keit [die]

                                               O
                                                                                     Geistige Gesundheit – Teil III

                                      G   esellschaftlicher Garant geistiger
                                          Gesundheit ist der mündige Staats-
                                      bürger. Mit „gesundem Menschenver-
                                      stand“ versteht dieser in einem staat-
                                      lichen Gemeinwesen Verantwortung für
                                      sich und andere zu übernehmen. Auch in
© 2016 Bundeswehr / Sebastian Wilke

                                      schwierigsten Entscheidungssituationen
                                      vermag er – wenn nötig – nach bestem
                                      Wissen und Gewissen selbstbestimmt
                                      zu handeln. Nichts festigt auf allen ge-
                                      sellschaftlichen Ebenen die freiheitlich
                                      demokratische Grundordnung letztlich
                                      mehr als solidarische Vergesellschaftung
                                      von staatsbürgerlicher Mündigkeit und
                                      Kompetenz.

                                      Von daher fördert mittels sogenannter
                                      „Innerer Führung“ auch die Bundes-
                                      wehr den hohen sittlichen Anspruch von       Immanuel Kant formulierte Kernanspruch          Mut, dich deines eigenen Verstandes zu
                                      „staatsbürgerlicher Mündigkeit“. Genau       der Aufklärung letztlich verwirklicht wer-      bedienen!“ Nach Kant sind für die selbst-
                                      genommen ging es Wolf von Baudissin,         den kann – nämlich die wirksame Förde-          verschuldete Unmündigkeit des Staats-
                                      dem geistigen Vater derselben, nicht         rung des Ausgangs „des Menschen aus             bürgers aber nicht nur „Faulheit und
                                      nur um den „Staatsbürger in Uniform“,        seiner selbst verschuldeten Unmündig-           Feigheit“ als hauptsächliche Ursachen
                                      sondern vielmehr um die Förderung von        keit“. Nach Kant ist die Unmündigkeit           zu nennen, sondern der Staatsbürger
                                      dessen „Mündigkeit“ – also letztlich da-     das Unvermögen, sich seines Verstandes          sei auch deshalb unfähig „sich seines
                                      rum, „dem Individuum aus dem fatalen         ohne Leitung eines anderen zu bedienen.         eigenen Verstandes zu bedienen, weil
                                      Gefühl des ‚Nur-Objekt-Seins‘ herauszu-      Selbst verschuldet sei diese Unmündig-          man ihn niemals den Versuch davon ma-
                                      helfen“. Der vieldiskutierte Spruch „Wir     keit, wenn die Ursache derselben nicht          chen ließ.“
                                      kämpfen auch dafür, dass du gegen            am Mangel des Verstandes, sondern
                                      uns sein kannst.“ (2019) demonstriert        der Entschließung und des Mutes läge,           Diesen zentralen Bildungshinweis des
                                      diesen hohen Bildungsanspruch, der in        sich seiner ohne Leitung eines andern           Philosophen bezüglich des erforderlichen
                                      einer freiheitlich demokratischen Grund-     zu bedienen. „Sapere aude!“, ruft Kant          Ausgangs aus eventueller (selbstver-
                                      ordnung unter anderem auch den verant-       uns deshalb auch heute noch zu: „Habe           schuldeter) Unmündigkeit des Staatsbür-
                                      wortungsvollen Umgang mit Meinungs-                                                          gers in Uniform nimmt die Bundeswehr
                                      freiheit thematisiert.                                                                       seit Anfang an sehr ernst. Das soge-
                                                                                                                                   nannte Asch-Experiment (1951), aber
                                      Ein bewusst von der militärischen Aus-                                                       vor allem auch das Milgram-Experiment
                                      bildung entkoppeltes Gestaltungsfeld                                                         (1961), wie auch die heftige Diskussion
                                      dieser Inneren Führung ist der „Lebens-                                                      um das sogenannte „Luftsicherheits-
                                      kundliche Unterricht“ (LKU, vgl. ZDv                                                         gesetz“ (2005) unterstreichen nämlich
                                      A-2620/3, Nr. 503). In der Bundeswehr                                                        sehr ausdrücklich die Notwendigkeit und
                                      ist nicht nur in diesem, sondern auch        Eine Anregung für Militärseelsorgende:          Unverzichtbarkeit eines militärisch ent-
                                      in allen anderen militärisch gebundenen      Ein Filmausschnitt von „I wie Ikarus“ (1978)    koppelten ethischen Bildungsfreiraums.
                                      Gestaltungsfeldern der Inneren Führung       auf YouTube zeigt selbsterklärend und sehr      Diesen gewährleistet aber nur der LKU,
                                      – wie beispielsweise „Politische Bildung“    anschaulich in 20 Minuten die Kernaussa-        durchgeführt von Militärseelsorgenden
                                      oder „Historische Bildung“ – die ethische    gen des Milgram-Experiments: https://you-       – quasi als Übungs- und Ermutigungs-
                                      Bildung eine Querschnittsaufgabe (ebd.       tu.be/0MzkVP2N9rw – Weiteres vielfältiges       raum für staatsbürgerliche Mündigkeit
                                      Nr. 103). Aber nur im extra dafür geschaf-   Material zu dieser wichtigen Diskussion fin-    und Kompetenz.
                                      fenen ethisch-sittlichen Bildungsfreiraum    den Sie dann im zebis-Didaktik-Portal.                                  Franz J. Eisend,
                                      des LKU wird gewährleistet, dass der von                www.zebis.eu/didaktik-portal              Wissenschaftlicher Referent, KMBA

                                                                                                                                  Kompass 05I21                          23
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