LIVING WAGES IM FAIREN HANDEL
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
Das Forum Fairer Handel ist der bundesweite Verband des Fairen Handels. Sein Ziel ist, das Profil des Fairen Handels zu schärfen, gemeinsame Forderungen gegenüber Politik und Handel durchzusetzen und eine stärkere Ausweitung des Fairen Handels zu erreichen. Das Forum versteht sich als die politische Stimme der Fair-Handels-Bewegung in Deutschland und setzt sich für gerechte Regeln für Handel und Landwirtschaft weltweit ein. Das Forum Fairer Handel ist in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Bildung sowie Kampagnen- und Advocacyarbeit tätig. Einmal im Jahr veranstaltet das Forum Fairer Handel die Faire Woche, die größte Aktionswoche des Fairen Handels in Deutschland, mit. Die Mitglieder des Forum Fairer Handel sind Organisationen, die ausschließlich im Fairen Handel arbeiten und Akteure, die die Förderung des Fairen Handels als einen der Schwerpunkte ihrer Arbeit ansehen: Weltladen-Dachverband e.V., die Fair-Han- dels-Importeure, GEPA – The Fair Trade Company, EL PUENTE, dwp eG Fair-Handels-Genossenschaft, BanaFair e.V. und GLOBO – Fair Trade Partner sowie Naturland – Verband für ökologischen Landbau e.V. und Fair-Band e.V. Ein breites Netz- werk von Partnerorganisationen arbeitet in den Arbeitsgruppen des Forum Fairer Handel mit. vorläufiges Mitglied Herausgeber Forum Fairer Handel e.V. text Olaf Paulsen, mit Beiträgen von Martin Schüller (TransFair e.V.) und Verena Albert (GEPA – The Fair Trade Company) Redaktion Katrin Frank, Manuel Blendin (Forum Fairer Handel e.V.) Bilder S. 6: GEPA – The Fair Trade Company/ A. Welsing, Forum Fairer Handel e.V./ J. Lorenz, El Puente GmbH; S. 7: dwp eG Fairhandels genossenschaft/ M. Lang, Forum Fairer Handel e.V./ J. Lorenz, TransFair e.V. / Sean Hawkey; S. 10: El Puente GmbH / Fair Trade Connection, Ronny Hermosa, Forum Fairer Handel e.V./ J. Lorenz, GEPA – The Fair Trade Company/ C. Nusch; S. 11: El Puente GmbH Grafik www.24zwoelf.de, Hannover Druck UmweltDruckerei, Hannover Auflage 5.000 Berlin, September 2016 Für den Inhalt dieser Publikation ist allein das Forum Fairer Handel e. V. verantwortlich; die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt von Engagement Global gGmbH und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wieder. Die Erstellung der Broschüre wurde gefördert aus Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes durch Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst, MISEREOR sowie von ENGAGEMENT GLOBAL im Auftrag des BMZ. Forum Fairer Handel Chausseestr. 128/129 10115 Berlin Tel.: 030 28040-588 info@forum-fairer-handel.de www.forum-fairer-handel.de
1. EINLEITUNG In den letzten 10 Jahren wird in verschiedenen gesellschaft- 1. EINLEITUNG 3 lichen Zusammenhängen verstärkt über die Frage existenz- sichernder Löhne diskutiert. 2. WAS SIND „LIVING WAGES“? 4 Etliche Katastrophen wie die des Rana Plaza in Bangladesch, bei der viele Arbeiter/innen ihr Leben verloren, haben mit 2.1 DIE GRUNDLAGEN 4 dazu geführt, dass sich Politik, Akteure der Entwicklungs- 2.2 UMFANG EINES EXISTENZSICHERNDEN LOHNES 5 zusammenarbeit und Unternehmen vermehrt Gedanken zu dringend nötigen Verbesserungen der Lebens- und Arbeits- 2.3 METHODISCHE ANSÄTZE 5 bedingungen machen. Vor allem der Textilsektor beschäftigt sich seitdem neben der Arbeitssicherheit verstärkt mit der Frage von existenzsichernden Löhnen. 3. FAIRE PREISE IM FAIREN HANDEL 8 Der Faire Handel setzte von Anfang an auf das Konzept des „Fairen Preises“. Ganz allgemein ist damit ein Preis gemeint, 4. AUF DEM WEG ZU LIVING WAGES IM FAIREN HANDEL 10 der die Produktions- und Lebenshaltungskosten der Pro- 4.1 FAIRTRADE INTERNATIONAL 10 duzent/innen abdeckt. Im Laufe der Diskussion über Living Wages stellte sich allerdings heraus, dass im Fairen Handel 4.2. WFTO 12 nicht immer klar gesagt werden kann, ob der gezahlte Preis auch tatsächlich diesem allgemeinen Anspruch der Existenz- sicherung gerecht wurde. Dies ist in vielen Fällen der Tat- 5. AUSBLICK 15 sache geschuldet, dass die erforderlichen Vergleichsdaten fehlten. Zudem bezog sich der „faire Preis“ oft auf gesetzlich festgelegte Mindestlöhne, die aber in vielen Fällen unter dem 6. WEITERE INFORMATIONEN 15 heute als Living Wage kalkulierten Niveau liegen. Diese Dis- krepanz zwischen Mindestlöhnen und Living Wages wurde in vielen Ländern, insbesondere des Globalen Südens, in den letzten Jahren immer größer. Durch die gesellschaftliche Debatte wurde das Thema im Fairen Handel verstärkt in den Fokus gerückt. Vor diesem Hintergrund haben Akteure verschiedener frei- williger Nachhaltigkeitsinitiativen in der „Global Living Wage Coalition“ (GLWC) - darunter Fairtrade Internatio- nal - damit begonnen, sich gemeinsam konkrete Schritte zu überlegen, wie eine Berechnung existenzsichernder Löhne aussehen sollte und wie diese dann als Pflicht-Kriterium in ihre Zertifizierungssysteme integriert werden könnte. Auch die WFTO hat 2013 eine Arbeitsgruppe gegründet und damit beauftragt, eine Strategie zur Umsetzung der Zahlung existenzsichernder Löhne zu entwickeln. Die vorliegende Broschüre greift die aktuelle Diskussionen um Living Wages auf und erläutert, was die Thematik für den Fairen Handel bedeutet. Beginnend mit der Definition und Erklärung von „existenzsichernden Löhnen“ in Kapitel 2 folgt in Kapitel 3 der Bezug zum Fairen Handel. In Kapitel 4 wird die Arbeit der zwei internationalen Netzwerke am Thema „Living Wages“, die Global Living Wage Coalition sowie die Arbeitsgruppe der WFTO dargestellt. Living Wages im Fairen Handel 3
2. WAS SIND „LIVING WAGES“? 2.1 Die Grundlagen Der „gesetzliche Mindestlohn“ ist grundsätzlich dafür Die Idee von existenzsichernden Löhnen gibt es schon sehr gedacht zu gewährleisten, dass abhängig Beschäftigte einen lang. Schon Thomas Morus und Adam Smith haben sich Lohn erhalten, von dem sie auch ein würdiges Leben füh- damit auseinandergesetzt (s. Zitate). Und nach Meinung des ren können. Leider sieht die Praxis in vielen Ländern völlig französischen Aufklärers Montesquieu schuldet der Staat anders aus – der gesetzliche Mindestlohn besteht teilweise allen Einwohner/innen einen sicheren Lebensunterhalt und unverändert seit vielen Jahren und ist oftmals weit davon einen Lebensstil, der ihre Gesundheit nicht beeinträchtigt. entfernt, den Arbeiter/innen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen2 – oder zumindest deren Grundbedürfnisse Wie sich zeigt, geht es hierbei vor allem darum sicherzustel- zu befriedigen. Vielerorts ist die Höhe des gesetzlichen Min- len, dass Menschen von den Erlösen ihrer Arbeit ein men- destlohnes seit vielen Jahren nicht mehr angepasst worden schenwürdiges Leben führen können. Bei der Recherche nach und so niedrig, dass er nicht einmal mehr für die absoluten einer übergreifenden Definition „existenzsichernder Löhne“ Grundbedürfnisse der Menschen ausreicht. fanden sich mehr als 60 verschiedene Beschreibungen und Definitionen – je nachdem, aus welcher Perspektive das Der Mindestlohn gilt darüber hinaus nicht für Selbständige Thema betrachtet wurde (UN, ILO, Kirche, NGOs, etc.). wie (Klein-)Bäuer/innen, Handwerker/innen, etc. und ist somit auch nur schwierig anwendbar für Fair Handels-Sys- Unter einem „existenzsichernden Lohn – Living Wage“ teme wie die WFTO, deren Mitglieder überwiegend zu eben wird von der Global Living Wage Coalition Folgendes ver- dieser Gruppe von Produzent/innen gehören. standen: Bei den „Living Wages“ geht es in erster Linie um die Ent- „Die Entlohnung eines Arbeiters an einem bestimmten lohnung der Arbeit, die für eine/n Arbeitgeber/in geleistet Ort für eine Standard-Arbeitswoche, die dafür ausreicht, wird (lohnabhängig Beschäftigte in größeren Firmen, Plan- dem Arbeiter und seiner Familie einen menschenwür- tagen, Fabriken, etc.); das sieht bei selbständigen Bäuer/ digen Lebensstandard zu ermöglichen. Elemente eines innen oder Kunsthandwerker/innen etwas anders aus, da sie anständigen Lebensstandards sind Ernährung, Was- keinen „Lohn“ erhalten – sie finanzieren ihren Lebens-Stan- ser, Wohnen, Ausbildung/Schule, Gesundheitsvorsorge, dard durch den Verkauf ihrer produzierten Güter. Transport, Kleidung sowie andere essenzielle Bedürf- nisse inklusive einer Reserve für unerwartete Ereig- Um den unterschiedlichen Realitäten abhängig Beschäftigter nisse“.1 sowie selbständiger Bäuer/innen und Handwerker/innen gerecht zu werden, fand der Begriff des „Living Income“ Doch worin unterscheidet sich diese Definition von einem Einzug in die Debatten. „gesetzlichen Mindestlohn“, der doch eben das sicherstel- len sollte? Thomas Morus (1516), ein englischer Staatsmann und huma- Juan Luis Vives (1526) Er entwickelte die Gedanken von Tho- nistischer Autor, schrieb bereits vor 500 Jahren seinen Roman mas Morus in „Über die Unterstützung der Armen“ weiter. Er „Utopia“. Ein Reisender erzählt von einem fiktiven Staat, in hielt ein garantiertes Minimaleinkommen und ein öffentli- dem es kein Privateigentum und kein Geld gibt und der vor- ches Fürsorgewesen für effizienter als private Almosen. nehmlich auf dem Grundsatz der Gleichheit basiert. 4 Living Wages im Fairen Handel
„Living Income“, übersetzt „existenzsicherndes Einkom- definierter Mindeststandard für menschenwürdiges Woh- men“, folgt der gleichen Logik wie Living Wages in Bezug auf nen wird dann entsprechend kalkuliert, z.B. über die lokalen die Befriedigung der oben erwähnten Grundbedürfnisse, geht Mietkosten für eine derartige Wohnung. aber einen Schritt weiter. Zum Lohn bzw. dem Produkterlös werden noch eventuelle andere Einkommen hinzugerechnet Weitere Grundbedürfnisse wie Kleidung, Gesundheitsver- (z.B. Pacht, Einkommen aus Nebentätigkeiten, etc.). Somit sorgung, Erziehung/Bildung, Kommunikation und Trans- kommt beispielsweise bei einem Bauern zu den Erlösen aus port ebenso wie die anderen Kostenfaktoren detailliert und dem Verkauf seiner Feldfrüchte und anderer Produkte aus umfassend zu erheben, ist mit einem sehr hohen Aufwand an der Landwirtschaft noch dazu, was er z.B. durch die Verpach- Zeit und Geld verbunden. Daher wird in der Regel darauf ver- tung von Farmland verdient hat, oder durch einen Hilfsjob zichtet und das durchschnittliche Verhältnis von Food und auf dem Bau, dem er außerhalb der Saison nachgeht. Non-Food in einem bestimmten Land oder einer Region als Kalkulationsbasis verwendet. 2.2 Umfang eines existenzsichernden Lohnes Ein existenzsichernder Lohn sollte so ausgelegt sein, dass Zu einem existenzsichernden Lohn gehört die Abdeckung ein Teil des Geldes als Reserve für unvorhergesehene der Kosten für eine ausgewogene und gesunde Ernährung Ereignisse zurückgelegt werden kann. (Food), menschenwürdiges Wohnen sowie weiterer Grund- bedürfnisse wie Kleidung, Gesundheitsversorgung sowie Bildung (Non-Food). 2.3 Methodische Ansätze Es gibt verschiedene methodische Ansätze zur Erfassung Basis der Kalkulation für Essen und Trinken sind Empfeh- existenzsichernder Löhne. Grundlegend dafür ist eine trans- lungen der WHO (Weltgesundheitsorganisation) und der parente und an die Realität der Menschen angepasste Kalku- FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Ver- lation der einzelnen Grundbedürfnisse des Lebens. Im Fol- einten Nationen), wie eine solche Ernährung in Bezug auf genden werden exemplarisch einige methodische Ansätze Kalorien, Eiweiß, Obst und Gemüse, genügend Fette, Zucker kurz dargestellt. Die Auswahl begründet sich mit der Rele- und Kohlehydrate aussehen sollte. Hierzu werden lokal/regi- vanz, die diese Ansätze für den Fairen Handel haben (vgl. onal Preiserhebungen für einen typischen Warenkorb gemäß Kapitel 3). der Vorgaben durchgeführt, um herauszufinden, was eine solche Ernährung vor Ort jeweils kostet. Anker-Methode Diese Methode geht zurück auf den renommierten, mittler- Von etlichen Stellen (UN Habitat, ILO, etc.) gibt es klare Vor- weile pensionierten Ökonom Richard Anker, der viele Jahre gaben, wie menschenwürdiges Wohnen – im jeweiligen lan- bei der International Labor Organisation (ILO) tätig war und destypischen Kontext - praktisch aussehen sollte. Ein daraus viel zum Thema existenzsichernde Löhne gearbeitet hat. Er Adam Smith (1776) „Sicherlich kann keine Gesellschaft blü- ILO Erklärung von Philadelphia (1944) “Gewährleistung eines hend und glücklich sein, deren meiste Glieder arm und elend gerechten Anteils aller an den Früchten des Fortschritts hin- sind. Überdies ist es nicht mehr als billig, dass die, die die sichtlich der Löhne und des Einkommens, der Arbeitszeit gesamte Masse des Volkes mit Nahrung, Kleidung und Woh- und anderer Arbeitsbedingungen sowie eines lebensnotwen- nung versorgen, einen solchen Anteil von dem Produkt ihrer digen Mindestlohnes für alle Arbeitnehmer, die eines sol- eigenen Arbeit erhalten, um sich selbst erträglich nähren, chen Schutzes bedürfen.“ kleiden und wohnen zu können.“ Living Wages im Fairen Handel 5
hat eine sehr detaillierte und umfassende Methodik zur Kal- aber dennoch zielführende Kalkulation existenzsichernder kulation von „Living Wages“ entwickelt. Löhne ohne größeren Aufwand an Daten-Recherche. Etliche Mitgliedsorganisationen der ISEAL Allianz, einem Asia Floor Wage – Methode internationalen Netzwerk freiwilliger Gütesiegelsysteme im Diese Methode wurde überwiegend im Kontext der asia- Bereich Nachhaltiger Entwicklung, haben sich in der Global tischen Textilindustrie entwickelt. Eine Allianz verschie- Living Wage Coalition zusammengetan, um gemeinsam mit dener Akteure (u.a. auch die Clean Clothes Campaign – Kam- Richard Anker und seiner Methodik den Weg für die Einfüh- pagne für saubere Kleidung) hat sich zusammengefunden rung existenzsichernder Löhne zu ebnen. und eine Methode zur Kalkulation existenzsichernder Löhne im asiatischen Raum entwickelt, die den Ansätzen von SAI SAI-Methode und DAWS sehr ähnlich ist. SAI (Social Accountability International) ist eine amerika- nische gemeinnützige Nichtregierungs-Organisation, die 2.3.1 Kalkulations-Modelle auf Freiwilligkeit basierende verifizierbare Sozialstandards Im Folgenden werden die Ansätze von Anker, SAI und DAWS (z.B. die Norm SA8000 - Social Accountability 8000) entwi- näher betrachtet. Diese Kalkulations-Modelle haben das ckelt, implementiert und beaufsichtigt. Der SA8000 Stan- gleiche Grundverständnis: Basis der Kalkulation sind die dard wurde 1997 ins Leben gerufen und ergänzt vorhandene einzelnen Grundbedürfnisse des Menschen, wie sie in der Managementsysteme wie ISO 9000 oder ISO 14000. Er basiert Definition eines existenzsichernden Lohnes niedergeschrie- auf den Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeits- ben wurden. Hierbei wird zunächst generell zwischen „Food“ organisation (ILO), der UN-Menschenrechtscharta und der und „Non-Food“ unterschieden. UN-Kinderrechtskonvention. Die von SAI entwickelte Kal- kulationsmethode basiert auf Erfahrungen mit dem SA8000 „Food“-Bereich Standard, der ausschließlich für größere Unternehmen mit Die Kalkulations-Modelle haben einen Schwerpunkt auf die vielen Mitarbeiter/innen ausgelegt ist. Sie ist so konzipiert, Berechnung der Kosten für eine gesunde Ernährung gelegt. dass eine Kalkulation mit wenigen Eckdaten möglich ist. Es wurden Modelle entwickelt, mit denen die entspre- chenden Ausgaben für eine durchschnittliche Familie bis ins SAI arbeitet mittlerweile in der Global Living Wage Coalition Detail kalkuliert werden können. Denn in der Regel machen mit, die sich auf die Anwendung der Anker-Methode verstän- die Kosten für die Ernährung - insbesondere für abhängig digt hat (siehe oben). Beschäftigte im Globalen Süden – einen großen Teil der Gesamtausgaben aus. DAWS-Methode Alle drei Kalkulationsmodelle folgen dieser Logik – aller- Die „Dutch Association of World Shops“ (DAWS), das Nie- dings beziehen die Modelle von SAI und DAWS hier lediglich derländische Weltladen-Netzwerk hat sich vor allem damit den Kalorienbedarf mit ein. Das Anker-Modell schaut auch beschäftigt, wie auf möglichst einfache und pragmatische auf andere Bausteine einer gesunden Ernährung, wie z.B. der Art und Weise existenzsichernde Löhne kalkuliert werden Herkunft der Kalorien – also über Eiweiße, Fette und Koh- können. Die Bezugnahme auf die von der Weltbank regelmä- lehydrate und deren Ausgewogenheit, und ist hier umfas- ßig vorgenommene Einstufung einzelner Länder in verschie- sender und genauer. In der Konsequenz ist die Erhebung die- dene Einkommensklassen ermöglicht eine relativ einfache, ser Informationen auch erheblich aufwendiger. John D. Rockefeller (1925) „Ziel der Industrie ist es, die sozi- -bedingungen, eine angemessene Unterkunft, die Möglich- ale Sicherheit wie den materiellen Fortschritt gleicherma- keit zu spielen, die Messe zu feiern, zu lernen, zu lieben, sich ßen voranzutreiben. […] Jeder Mensch hat das Recht auf eine zu plagen und es obliegt der Industrie genau wie der Regie- Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, einen rung und Gesellschaft dafür zu sorgen, dass die Vorausset- fairen Lohn zu erhalten, auf angemessene Arbeitszeiten und zungen und Möglichkeiten erhalten bleiben.“ 6 Living Wages im Fairen Handel
„Non-Food“-Bereich wird landesweite der Quotient für das Verhältnis von Food Der verbleibende Teil der durch einen existenzsichernden und Non-Food recherchiert und angewandt – bei der GLWC- Lohn abzudeckenden Grundbedürfnisse (z.B. Wohnen, Klei- Methode (wie bereits erwähnt) ohne den Bereich des Woh- dung, Gesundheitsvorsorge, Erziehung/Bildung, Transport, nens, der separat per Kostenrecherche ermittelt wird. Das sowie eine Reserve für Unvorhergesehenes) wird bei allen Ergebnis inklusive der Reserve wird dann an die übliche drei Kalkulations-Modellen aus pragmatischen Gründen im Familiengröße (wie viele Personen einschließlich Kinder, Verhältnis zu den Kosten für Ernährung abgebildet. Dieses wie viele Verdiener) angepasst. DAWS verwendet hingegen Vorgehen entspricht der wissenschaftlich belegten Logik, einen Multiplikationsfaktor, der all diese Faktoren berück- dass sich mit zunehmendem Wohlstand das Verhältnis zwi- sichtigt. Dieser basiert auf der jeweiligen Landes-Klassifizie- schen Food und Non-Food in Richtung Non-Food verschiebt. rung durch die Weltbank (niedriges – mittleres – hohes Ein- Dies bedeutet, je ärmer Menschen in einem bestimmten kommen). Recherchen hierzu ergeben, dass sich durch die Land sind, desto größer ist der Anteil, den sie für Ernährung Anwendung eines Multiplikationsfaktors zwischen 4.3 und ausgeben müssen. 6.0 (je nach Einstufung der Weltbank) realistische Kalkulati- onsergebnisse ergeben. Besonderheiten der Anker-Methode: Der zweitgrößte Be- reich der Kosten für ein menschenwürdiges Leben betrifft Abschließend gibt es bei der Anker-Methode noch ein das Wohnen. Ernährung und Wohnen zusammen machen zusätzliches Kosten-Element, das bei den anderen beiden den größten Teil der gesamten Kalkulation aus. Als Kom- Modellen keine Berücksichtigung gefunden hat – das Thema promiss zwischen fakten- und normenbasierten Kalkula- Steuern und Abgaben. Hierzu wird bei der Anker-Methode tionen (die allesamt sehr kosten- und zeitaufwendig sind) der errechnete Lohn aus der Kalkulation wie oben beschrie- und der Übernahme einer Verhältnisrechnung, hat die ben als Netto-Lohn definiert und die anfallenden Steuern Global Living Wage Coalition sich dazu entschieden, den und Abgaben entsprechend dazu addiert, um zu einem trag- Bereich Wohnen ebenso wie die Ernährung auf eine soli- fähigen Brutto-Lohn zu kommen. dere Basis zu stellen und die dadurch entstehenden Kosten direkt per Recherche vor Ort zu verifizieren. Zu den entstehenden Gesamtkosten wird bei allen Kalkula- 1 Deutsche Übersetzung der Definition, auf die sich die Global Liv- tionsmodellen noch ein Betrag für „Unerwartetes“ addiert, ing Wage Coalition der ISEAL Allianz verständigt hat. Dafür hat die meist sind es 10% der errechneten Kosten. Diese sollen, als GLWC über 60 verschiedene Beschreibungen und Definitionen, die „Reserve“ definiert, die Menschen in die Lage versetzen, für über die Jahre hierzu entstanden sind analysiert und die wichtig- unerwartet eintretende zusätzliche Kosten gewappnet zu sten Aussagen in ihrer Definition zusammengefasst. sein. 2 In etlichen Ländern in Asien und Afrika wurden Mindestlöhne Für die Berechnung der Kosten im Non-Food-Bereich speziell für „Export Trading Zones“ möglichst niedrig definiert, um Investoren anzulocken – nicht um die Arbeiter/innen zu schützen. sowie die Einbeziehung der durchschnittlichen Familien- größe gehen die Ansätze von GLWC, SAI und DAWS unter- schiedliche Wege. Bei der GLWC- und der SAI-Methode Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) „Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der mensch- lichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenen- falls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.“ (Artikel 23, 3) Living Wages im Fairen Handel 7
3. FAIRE PREISE IM FAIREN HANDEL Der Faire Handel ist mit dem Anliegen angetreten, benach- In den ersten Jahren des „Fairtrade Labeling“ (FLO, heute teiligte Produzent/innen in Ländern des Globalen Südens Fairtrade International) wurde vor Ort festgestellt, dass („Entwicklungsländer“) durch eine andere, faire Art des Han- die bestehenden gesetzlichen Mindestlöhne oftmals weit dels in die Lage zu versetzen, ihre Situation nachhaltig zu davon entfernt waren, den Arbeiter/innen ein angemes- verbessern. In diesem Kontext bezieht sich das Konzept des senes Leben zu ermöglichen. Aus diesem Grund wurde der „Fairen Preises“ auf den „Mindestpreis“ und den „gesetz- Begriff des existenzsichernden Lohnes im Standard für lichen Mindestlohn“. In den Systemen des Fairen Handels abhängig Beschäftigte verankert – allerdings als „con- wie Fairtrade International, Naturland Fair und WFTO ist der tinuous improvement“-Kriterium ohne zeitliche Vorgabe. Begriff des Fairen Preises eine stehende Größe. 2014 wurde bei der Überarbeitung des Standards für abhän- gig Beschäftigte verpflichtend eingeführt, dass die Zahlung Die Definition der WFTO zu Fairen Preisen besagt: ein existenzsichernder Löhne (bei Bedarf stufenweise) erreicht fairer Preis zeichnet sich dadurch aus, dass er den Produ- werden muss. zent/innen eine faire Bezahlung zusichert, die sich auch auf den Märkten durchsetzen lässt. Wesentliche Aspekte hierbei Dies bedeutet allerdings auch, dass die bisherige Logik eines sind, dass solch ein Preis von allen Beteiligten gemeinsam Fairen Preises aufgrund der bestehenden Realitäten beim definiert werden muss und dies durch Dialog und Partizipa- gesetzlichen Mindestlohn einer Überarbeitung bedarf. tion geschieht. Fairtrade International hat über die Jahre für die meisten Diskussion über Living Wages Produkte, die als Fairtrade-zertifiziert vermarktet werden, Vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung des The- einen Preis definiert, der stets mindestens an die Produzent/ mas existenzsichernde Löhne im öffentlichen Diskurs und innen gezahlt werden muss. Basis für solch einen Mindest- aufgrund der Erkenntnis, dass die bisherigen Instrumente preis ist die Kalkulation der Kosten für die nachhaltige Pro- oft nicht ausreichen, beschäftigen sich verschiedene Fair- duktion der jeweiligen Produkte – oftmals angeglichen an Handels-Akteure seit einigen Jahren mit dem Thema Living den regionalen/nationalen Kontext der Produzent/innen. 1 Wages. Bei der Berechnung des „Mindestpreises“ für ein bestimm- Innerhalb der Fair-Handels-Bewegung wird die Auseinan- tes Produkt wird von Fairtrade International als Grundlage dersetzung mit dem Thema sehr unterschiedlich bewertet: die Entlohnung der Arbeiter/innen einbezogen, zumeist der Von Euphorie („Endlich geht es mit diesem wichtigen Thema gesetzliche Mindestlohn, der geringstenfalls bezahlt wer- voran!“) bis zu tiefer Skepsis ob der praktischen Umsetzbar- den muss. Für die Kleinbäuer/innen gilt entsprechend, dass keit sind alle Positionen vertreten. der Produkterlös umgerechnet zum Stücklohn mindestens dem jeweils gültigen gesetzlichen Mindestlohn entsprechen An der Umsetzung von Living Wages arbeiten derzeit vor muss. allem zwei Initiativen mit Relevanz für den Fairen Handel: Während Fairtrade International überwiegend mit (teils regi- Die Global Living Wage Coalition der ISEAL-Allianz – onal abgestuften) Mindestpreisen arbeitet, die vom System bestehend aus deren Mitgliedsverbänden Fairtrade Internati- vorgegeben werden, setzen andere Fair Handels-Systeme onal, SAN/RA (Sustainable Agriculture Network – Rainforest wie die WFTO aber auch Naturland Fair, IMO Fair for Life Alliance), UTZ Certified, FSC (Forest Stewardship Council), und Ecocert Fair auf einen transparenten Kalkulationspro- GoodWeave und SAI (Social Accountability International zess zwischen Produzent/in und Käufer/in. Im Rahmen von – SA8000) - hat sich hierbei den Lohnsektor vorgenommen Verhandlungen auf Augenhöhe definieren beide Parteien und gemeinsam mit Richard Anker eine solide aber auch sehr gemeinsam den „Fairen Preis“, im Ergebnis häufig derjenige, umfangreiche Methodik zur Kalkulation eines existenzsi- den die Produzent/innen selbst kalkuliert und vorgeschla- chernden Lohnes entwickelt (vgl. Kapitel 2.3). gen haben. Für die Kalkulation des Preises gibt es Handrei- chungen inklusive Rechenmodellen, an denen sich die Pro- Die Arbeitsgruppe der WFTO hat sich mit diversen Kal- duzent/innen orientieren können. kulationsmodellen beschäftigt und sich letztlich dafür ent- schieden, zwei Modelle in der Praxis zu testen. Diese sind am Alle genannten Fair-Handels-Systeme haben in ihren Stan- ehesten geeignet, den Mitgliedern der WFTO – überwiegend dards als Minimum definiert, dass die gesetzlichen Mindest- Kunsthandwerkergruppen und Kleinbäuer/innen-Verbände löhne gezahlt werden müssen (wenn es keine Tarifabschlüsse – eine funktionierende Methode zur Verfügung zu stellen, gibt, die höher sind). Bei der Definition der Kriterien für den um in ihrem jeweiligen Kontext eine existenzsichernde Ent- Fairen Handel wurde davon ausgegangen, dass ein gesetz- lohnung zu berechnen. Die hierbei verwendeten Ansätze licher Mindestlohn dem Anspruch der Existenzsicherung – wurden von SAI und DAWS entwickelt (vgl. Kapitel 2.3). zumindest auf niedrigem Niveau – entspräche. Das trifft für einige Länder zu, für andere leider nicht. 8 Living Wages im Fairen Handel
In diesem Kontext hat die WFTO-Arbeitsgruppe neu defi- Die Arbeitsgruppe der WFTO stand vor dem Problem, dass niert, was ein „Fairer Preis“ ist und wie dieser zu bestimmen sich „Living Wages“ auf Lohnarbeit bezieht. Selbständige ist: Bäuer/innen oder Kunsthandwerker/innen erhalten aber kei- nen Lohn, sie leben von dem Verkauf der von ihnen produ- • Um einen Fairen Preis zu erreichen, müssen wir einen zierten Güter. In diesem Zusammenhang wurde auch über Fairen Lohn definieren; die Einbeziehung einer „Living Income“ diskutiert. Dieser • um einen Fairen Lohn definieren zu können, müssen wir Ansatz wird aktuell nicht weiter verfolgt, da die Berechnung einen existenzsichernden Lohn definieren. 2 einer „Living Income“ die Berücksichtigung vieler zusätz- licher Faktoren erfordert, die eine einfache und flexible Berechnung verkomplizieren würden. „A FAIR PRICE is one that has been negotiated Für ihre Arbeit am Thema haben sich die Akteure der WFTO- through dialogue and transparent price set- Arbeitsgruppe daher darauf verständigt, den Begriff „Living Wages“ sowohl für lohnabhängig Beschäftigte als auch für ting, which includes: an analysis of produc- selbständige Produzent/innen zu verwenden – mit unter- tion and trade costs, a fair wage and provides schiedlichen, den Realitäten angepassten Methoden der a fair profit. Kalkulation – aber mit dem gleichen Ziel. Denn eine Living Wage kann auch mit den von der Arbeitsgruppe vorge- schlagenen Kalkulationsmodulen für eine/n selbständige/n A FAIR WAGE represents an equitable, Bäuer/in bzw. Kunsthandwerker/in berechnet werden, indem der Erlös des verkauften Produkts auf Basis der geleisteten negotiated share of the value chain of Arbeitsstunden zum Stücklohn umgerechnet wird. the product and presumes the payment of a least a living wage. Dies ist auch der Hauptgrund dafür, warum es für den Fairen Handel zwei verschiedene Ansätze gibt, an diesem Thema zu arbeiten. Die Global Living Wage Coalition konzen- triert sich auf den Lohnsektor (Firmen mit lohnabhängig A LIVING WAGE is the remunera- Beschäftigten), die WFTO-Arbeitsgruppe verfolgt einen tion received for standard working etwas allgemeineren und pragmatischeren Ansatz, um den unterschiedlichen Realitäten der WFTO-Mitglieder gerecht hours (without overtime), which is zu werden. Der Schwerpunkt liegt derzeit allerdings vor sufficient to meet the basic needs allem auf den Handwerker/innen, da diese den Großteil der of an individual and his/her depen- WFTO-Mitglieder darstellen. dents, and allow for some savings Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Ansät- and/or discretionary expenditure. zen besteht auch in den Instrumenten: Während die GLWC derzeit überwiegend Länder-/Regionsspezifische Studien zu Elements of a decent standard of den einzelnen Produkten erstellt, will die WFTO den Pro- living include food, water, housing, duzent/innen und Händlern ein Tool an die Hand geben (Excel-Tabelle), damit diese selbst gemäß ihrer jeweiligen education, health care, transport, Realitäten die für sie angemessene Living Wage errechnen clothing and other essential needs, können. including provision for discretio- nary expenditure.” 1 Siehe Fairtrade International: Guideline for Estimating Costs of Sustainable Production, November 2011 (Online) 2 Siehe: Bericht der WFTO Arbeitsgruppe „Fair Prices, Fair Wages“ an den Vorstand, März 2015 Living Wages im Fairen Handel 9
4. AUF DEM WEG ZU LIVING WAGES IM FAIREN HANDEL Die Global Living Wage Coalition hat mittlerweile für etliche Vor diesem Hintergrund hat Fairtrade International späte- Länder und Produkte umfangreiche Studien durchgeführt, stens mit der Veröffentlichung der Neuüberarbeitung des um so die Basis für die Definition eines stimmigen existenz- Standards für lohnabhängig Beschäftigte (Hired Labour sichernden Lohnes zu schaffen. Den aktuellen Stand und Standard) im Januar 2014 das Thema living wages als erster die nächsten Umsetzungsschritte schildert Martin Schüller maßgeblicher Standardsetzer zu einem der Hauptprobleme (TransFair) in seinem Beitrag. im Lohnarbeitssektor benannt und zum Gegenstand seiner Standards gemacht. Mit der Veröffentlichung des Textilstan- Die Mitglieder der WFTO-Arbeitsgruppe befinden sich gerade dards im März 2016 wurde das Thema existenzsichernde in der Pilotphase, in der u.a. beide Modelle vor Ort getestet Löhne dann sogar zum Hauptanliegen des „stand-alone“1- werden. Der Beitrag von Verena Albert (GEPA) beschäftigt Fairtrade-Standards für die textile Herstellungskette. sich damit, welche Strategie die WFTO im Hinblick auf die Zahlung von existenzsichernden Löhnen verfolgt und welche Beide Standards gehen unterschiedlich mit dem Thema die nächsten Schritte zur Umsetzung sind. existenzsichernde Löhne um: Bei den anderen Systemen des Fairen Handels (Naturland Im Lohnarbeits-Standard werden existenzsichernde Löhne Fair, IMO Fair for Life und EcoCert Fair) werden die Entwick- als eines unter vielen Problemen betrachtet, die es zu lösen lungen bei der WFTO und der Global Living Wage Coalition gilt. Die entsprechenden Kriterien sind damit ein Instru- (GLWC) mit großem Interesse verfolgt. An eigenen Systemen ment unter vielen, die dieser Standard anwendet, um die und Modellen werden derzeit noch keine konkreten Verän- Arbeits- und Lebensverhältnisse lohnabhängig Beschäftigter derungen vorgenommen. zu verbessern. Dazu zählen z.B. das Recht auf Versamm- lungsfreiheit und Tarifverhandlungen, gleiche Arbeits- und Entlohnungsbedingungen für Vollzeitkräfte wie für Wander- 4.1 Fairtrade International und Saisonarbeiter, und vor allem ein verbesserter Umgang Schon in den ersten veröffentlichten Fairtrade-Standards mit einem anderen wesentlichen Instrument im Lohnar- war die Zahlung von mindestens nationalen oder sektorwei- beitssektor, der Fairtrade-Prämie; wie z.B. die Möglichkeit ten Mindestlöhnen als Pflichtkriterium enthalten. Da sich der Teilauszahlung von maximal 20% von Prämiengeldern diese in bestimmten Sektoren/Branchen als unzureichend an Beschäftigte. Für manche Produkte kann das bis zu zwei zur Bestreitung des Lebensunterhaltes erweisen, wird auch Monatsgehältern entsprechen, und auch hier über existenz- bei Fairtrade International die Diskussion geführt, wie dem sichernde Löhne erreicht werden. Hinsichtlich existenzsi- im Rahmen der Möglichkeiten von Fairtrade zu begegnen sei. chernder Löhne schreibt der Lohnarbeits-Standard vor: „If remuneration (wages and benefits) is below the living wage benchmarks as approved by Fairtrade International, your company ensures that real wages are increased annually to continuously close the gap with living wage“. Das bedeutet, dass ein überprüfbarer Prozess zur schrittweisen Erreichung existenzsichernder Löhne eingeleitet werden muss, dessen Kernmerkmale reguläre Lohnverhandlungen und die jähr- liche Lohnerhöhung oberhalb der jeweiligen Inflationsrate darstellen. Eine zeitliche Begrenzung für diesen Prozess ist aufgrund der weltweiten Gültigkeit über viele Produkte und Branchen hinweg und der dementsprechend sehr unter- schiedlichen Ausgangssituationen für einen solchen Prozess allerdings nicht möglich. 10 Living Wages im Fairen Handel
Die Aussagen bezüglich existenzsichernder Löhne im Fair- • Empowerment von Arbeiter/innen für Lohnverhand- trade-Standard für lohnabhängig Beschäftigte werden aus- lungen, Durchsetzung von Versammlungs- und Vereini- drücklich nicht als einziger Hebel verstanden, diese umzu- gungsfreiheit, Unterstützung lokaler/regionaler/natio- setzen. Deswegen engagiert sich Fairtrade International als naler Gewerkschaften, Unterstützung lokaler/regionaler/ einer ihrer Initiatoren auch in der Global Living Wage Coali- nationaler Tarifverhandlungen (CBAs, Collective Bargai- tion2 unter dem Dach von ISEAL, sowie in Sektorinitiativen ning Agreements). zur Erreichung existenzsichernder Löhne wie z.B. im mala- • Erweiterung des Prämienmodells um die Möglichkeit wischen Teesektor. einer direkten Teilauszahlung der Prämien an Arbeiter/innen (maximal 20% der Prämieneinnahmen). Im Textilsektor werden Dumpinglöhne als das zentrale Pro- • Indirekte Reduzierung der Lebenshaltungskosten durch blem des Sektors betrachtet, und deshalb ist die verpflich- verbesserten Zugang zu kostengünstiger Gesundheits- tende Einführung existenzsichernder Löhne innerhalb von versorgung, Ausbildung und Wohnungen mittels gemein- sechs Jahren ab Zertifizierungsbeginn das wichtigste Krite- schaftlicher Prämienprojekte. rium im neuen Textilstandard. Diese Fokussierung erklärt • Fairtrade führt aktuell ein systemweites Projekt durch, sich daraus, dass aufgrund der komplexen Lieferketten im um mit Hilfe von Fachleuten aus dem kommerziellen Textilsektor ein Prämienmodell viel zu komplex und teuer Bereich, von Produzentenvertretern und Arbeitsrechts- wäre, und deswegen weder sinnvoll noch durchsetzbar ist3. experten die Festlegung von Mindestpreisen und die Auch für den Textilsektor ist Fairtrade International der Verwendung der Fairtrade-Prämie besser im Hinblick auf Auffassung, dass Standardvorschriften und Audits alleine spürbare Lohnerhöhungen auszurichten. nicht ausreichen, und hat daher die begleitenden Textil- • Kooperation mit anderen relevanten Standards unter dem Programme eingeführt, die für Fairtrade-Lizenznehmer wie Dach der ISEAL Global Living Wage Coalition. für Dritte offenstehen, um den notwendigen Veränderungs- • Unterstützung sektorweiter living wage-Initiativen/multi prozess in der Textilbranche in Richtung existenzsichernde stakeholder-initiatives5. Löhne und mehr Nachhaltigkeit proaktiv zu unterstützen. • Mitarbeit und Kooperation mit den Akteuren entlang Fairtrade-zertifizierter Lieferketten. Für beide Fälle gilt, dass die Höhe existenzsichernder Löhne • Lobbyarbeit (direkt oder via FTAO) auf nationaler, mittels der „Anker-Methode“ der ISEAL Global Living Wage internationaler/EU-Ebene für existenzsichernde Löhne/ Coalition4 jeweils lokal/regional und branchenspezifisch nachhaltige Lieferketten (Beispiel: Teilnahme an der ILO ermittelt werden muss. Derzeit liegen für fünf Länder/ Conference on decent Work in global supply Chains in Produkte/Regionen entsprechende Berichte vor, weitere 2016). Berichte sind in der Durchführung. Für Lohnarbeitsbetriebe unter dem Textil-Standard: Strategie • Standardbasierter Ansatz mittels überprüfbarer Kriterien Die Fairtrade-Strategie zur Erreichung existenzsichernder für einen vom jeweiligen Lohnarbeitsbetrieb durchzu- Löhne besteht aus mehreren Komponenten: führenden schrittweisen und zeitlich befristeten Prozess (maximal sechs Jahre) zur Erreichung existenzsichernder Für Lohnarbeitsbetriebe unter dem Hired Labour-Standard: Löhne. • Standardbasierter Ansatz mittels überprüfbarer Kriterien • Ermittlung existenzsichernder Löhne im Textilsektor für einen vom jeweiligen Lohnarbeitsbetrieb durchzufüh- anhand der Methode der ISEAL Living Wage Coalition. renden schrittweisen Prozess zur Erreichung existenzsi- • Selbstbestimmung von Arbeiter/innen für Lohnverhand- chernder Löhne. lungen, Durchsetzung von Versammlungs- und Vereini- • Ermittlung existenzsichernder Löhne anhand der gungsfreiheit, Unterstützung lokaler/regionaler/natio- Methode der ISEAL Global Living Wage Coalition. naler Gewerkschaften, Unterstützung lokaler/regionaler/ nationaler Tarifverhandlungen (CBA, Collective Bargai- ning Agreements), Unterstützung lokaler/regionaler/nati- onaler Tarifverhandlungen im Textilsektor. Living Wages im Fairen Handel 11
• Mitarbeit und Unterstützung von living wage-Initiativen/ 4.2. WFTO multi stakeholder-initiatives im Textilsektor. Innerhalb der Fair-Handels-Bewegung - aber auch in der • Mitarbeit und Kooperation mit den Akteuren entlang Öffentlichkeit - hat die Bezahlung von fairen Löhnen immer Fairtrade-zertifizierter Lieferketten im Textilsektor. mehr an Bedeutung gewonnen. Die Zahlung eines fairen • Lobbyarbeit (z.B. Textilbündnis, European Garment Preises war schon immer und ist nach wie vor ein wichtiger Initiative) auf nationaler, internationaler/EU-Ebene für Teil der Fair-Handels-Kriterien und damit grundlegende Pri- existenzsichernde Löhne im Textilsektor. orität von Fair Handels-Organisationen. • Über Audits & Zertifizierung hinausgehende begleitende Textilprogramme (u.a. zu living wages). • Kommunikationsstrategie am Textilprodukt zur differen- zierten Auslobung je nach Stand des Fortschritts bzgl. Erreichung existenzsichernder Löhne. Eine Sondersituation besteht hinsichtlich lohnabhängig Beschäftigter in Fairtrade-zertifizierten Kooperativen. Mittlerweile wird vor allem von außen auch die Forderung erhoben, dass kleinbäuerliche Kooperativen o.ä. ihren lohn- abhängig Beschäftigten (z.B. Erntehelfer/innen, Lagerarbei- ter/innen, Verwaltungsangestellte, usw.) existenzsichernde Löhne zahlen sollen. Es wird also von benachteiligten Klein- bäuer/innen, welche oft selbst kein living income haben (z.B. aufgrund zu geringer Verkäufe unter Fairtrade-Bedin- gungen), erwartet, dass sie living wages zahlen. Als internationales Dach für Fair-Handels-Organisationen, in der sowohl Produzent/innen als auch Importeure ver- Angesichts der niedrigen Einkommen der Kleinbäuer/innen treten sind, ist die WFTO eine bedeutende Stimme in der ist das eine noch schwierigere und langfristigere Herausfor- Fair Handels-Bewegung. Seit über 27 Jahren unterstützt die derung als im Lohnarbeitssektor. Wie dies angegangen wer- WFTO benachteiligte Kleinproduzent/innen in der Verbesse- den kann, ist u.a. ein Thema in der aktuellen Revision des rung ihrer Lebensbedingungen. Standards für kleinbäuerliche Produzentenorganisationen. Diesbezüglich ist nicht von einer schnellen Lösung auszu- Die Zahlung eines fairen Preises ist seit Beginn ein verpflich- gehen. tendes Kriterium der WFTO. Bisher war die Mindestanforde- rung für den fairen Preis, der im Dialog und unter Mitbestim- mung aller Beteiligten festgelegt werden soll, die Zahlung Umsetzung des jeweiligen gesetzlichen Mindestlohns. Wo Preiskalkula- Anders als bei (gesetzlichen/branchenüblichen) Mindestlöh- tionen von Fair Handels-Systemen existieren, dienen diese nen gibt es so gut wie keine veröffentlichten oder überprüf- als Minimum7. baren Festlegungen zu existenzsichernden Löhnen. Fair- trade muss deshalb für jedes Produkt/Branche/Land/Region Im Zuge steigender Lebenshaltungskosten (vor allem in den die Höhe existenzsichernder Löhne ermitteln. Dies erfolgt Ländern des globalen Südens) und in Anbetracht der Tatsa- mittels der Anker-Methode der ISEAL Global Living Wage che, dass die Löhne – insbesondere die Mindestlöhne - nicht Coalition6 jeweils lokal/regional, national und branchenspe- kongruent zu den Lebenshaltungskosten ansteigen, wurde zifisch. Derzeit liegen für fünf Länder/Produkte/Regionen klar, dass die bisherigen Anforderungen der WFTO im Hin- entsprechende Berichte vor, weitere befinden sich in der blick auf die Zahlung eines fairen Preises nicht mehr aus- Durchführung. reichen. In den letzten Jahren hat sich zudem immer wieder gezeigt, dass der gesetzliche Mindestlohn in vielen Ländern Fairtrade International setzt die Prozesse hinsichtlich Errei- nicht mehr ausreicht, um den Lebensunterhalt einer Familie chung existenzsichernder Löhne v.a. im Rahmen des Hired zu bestreiten. Labour-Standards bereits seit 2014 um. Konkret betrifft dies aktuell 229 zertifizierte Lohnarbeitsbetriebe. Dabei Anfang 2013 hat die European Fair Trade Association (EFTA) gibt es sehr unterschiedliche Ausgangslagen; während z.B. eine Studie zu fairen Preisen und fairen Löhnen in Auftrag bei Lohnarbeitsbetrieben im südafrikanischen Weinanbau gegeben, um sich mit dem Thema genauer auseinanderzu- existenzsichernde Löhne fast erreicht sind, ist man im mala- setzen. Die EFTA-Studie wurde auf der WFTO-Vollversamm- wischen Teeanbau noch weit davon entfernt; und kooperiert lung in Rio de Janeiro im Mai 2013 vorgestellt und es bestand besonders in solchen Fällen mit sektorweiten living wage- Einigkeit darüber, sich mit dem Thema erneut intensiv zu Initiativen. beschäftigen. Ein halbes Jahr später wurde deshalb eine Resolution zu fairen Preisen und Löhnen verabschiedet, aus Unter dem erst kürzlich veröffentlichten Fairtrade-Textil- der im August 2014 die Gründung der Arbeitsgruppe „Fair standard werden aktuell die ersten Zertifizierungen durch- Prices, Fair Wages“ hervorging. geführt. Ein Bericht zur Höhe existenzsichernder Löhne in der für die Textilbranche wichtigen indischen Region Tirupur and Dakha-Region in Bangladesh wird in Kürze veröffentli- cht. 12 Living Wages im Fairen Handel
Das übergeordnete Ziel dieser Arbeitsgruppe war, eine Dafür sowie für die oben genannten Empfehlungen hat die Strategie zur Umsetzung der Zahlung einer Living Wage zu Arbeitsgruppe eine Resolution eingereicht, die auf der Gene- entwickeln. Diese strategischen Überlegungen sollen sich im ralversammlung im Mai 2015 einstimmig von den Mitglie- WFTO-Standard „Zahlung eines fairen Preises“ widerspie- dern verabschiedet wurde. Die Gründung einer Nachfolge- geln und entsprechend im WFTO Garantie System verankert Arbeitsgruppe, die diese Pilotphase begleitet, wurde kurz werden. darauf in die Wege geleitet. Die konkreten Aufgaben der Arbeitsgruppe bestanden In der Pilotphase, die im September 2015 gestartet ist, unter anderem darin, eine einheitliche Definition von fairen wurden die verschiedenen Instrumente getestet, wobei der Preisen, fairen Löhnen und existenzsichernden Löhnen zu Schwerpunkt vor allem auf den Living Wage Kalkulations- erarbeiten, bestehende Living Wage Kalkulations-Systeme systemen DAWS und SAI lag. Der Praxistest der beiden Kal- sowie Modelle von Kostenkalkulationen zu analysieren und kulationsmodelle hat gezeigt, dass beide Methoden äußerst geeignete Modelle auszuwählen. Eine weitreichendere Auf- verlässliche und glaubwürdige Ergebnisse erzielen. Beide gabe war es, Vorschläge für eine transparente Preisgestal- Methoden werden deshalb als geeignete Kalkulationssy- tung zu erarbeiten und Möglichkeiten auszuloten, wie mög- steme empfohlen. Allerdings muss grundsätzlich bedacht liche negative Auswirkungen bei der Einführung einer Living werden, dass es keine Kalkulationsmethode gibt, die ein Wage abgefedert werden können. absolutes Ergebnis einer Living Wage liefern kann, da die der Kalkulation zugrunde liegenden Daten Momentaufnah- Um allen Mitgliedern gerecht zu werden – und dies war und men sind. Eine regelmäßige Aktualisierung der berechneten ist die Aufgabe und das Ziel der Arbeitsgruppe -, müssen bei Living Wage ist deshalb wichtig und notwendig, um weiter- der Auseinandersetzung mit dem Thema Living Wage die hin ein realistisches Ergebnis zu erlangen. verschiedenen Realitäten und die Komplexität der Mitglie- der berücksichtigt werden. Denn die Mitglieder der WFTO Im Zuge der Pilotphase hat sich die WFTO zunehmend mit sind sehr heterogen und bringen unterschiedliche Voraus- Initiativen wie der Global Living Wage Coalition vernetzt, die setzungen mit. sich ebenfalls mit dem Thema Living Wages auseinanderset- zen. Eine zukünftige Kooperation mit diesen Initiativen ist Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe wurden auf der WFTO- erstrebenswert, zum einen um Kräfte zu bündeln und zum Vollversammlung im Mai 2015 vorgestellt und mit den Mit- anderen um unnötige Doppelarbeit zu vermeiden. gliedern diskutiert. Die Analyse der verschiedenen Living Wage Kalkulations- Wie sehen die nächsten Schritte aus? systeme8 hat ergeben, dass die DAWS und die SAI Methode Die Ergebnisse der Pilotphase sowie die strategischen Über- aus Sicht der Arbeitsgruppe geeignete Kalkulationssysteme legungen der Arbeitsgruppe im Hinblick auf die Implemen- darstellen, die - aufgrund ihrer flexiblen Handhabung - die tierung einer Living Wage wurden in einem Strategiepapier unterschiedlichen Realitäten der Mitglieder berücksichtigen zusammengefasst, das nun vom Vorstand und anschließend (z.B. Unterschiede zwischen Stadt und Land). Zudem sind sie von der Generalversammlung der WFTO abgestimmt werden einfach in der Anwendung. Langfristig – so der Vorschlag der muss. Arbeitsgruppe – sollen sich die Mitglieder der WFTO für ein einheitliches Living Wage Kalkulationsmodell entscheiden. Die Arbeitsgruppe Fair Prices/Fair Wage empfiehlt fol- gende Strategie zur Erreichung der Zahlung einer Living Ein geeignetes Kostenkalkulations-Modell für Produkte, Wage9. das allen „Organisations-Strukturen“ gerecht wird, konnte hingegen nicht gefunden werden. Aus diesem Grund emp- • Übergeordnetes Ziel: alle WFTO Mitglieder verfügen bis fiehlt die Arbeitsgruppe, Kostenkalkulationen unter Berück- 2022 über eine glaubwürdige, verlässliche Strategie und sichtigung spezifischer Kostenpunkte (u.a. Betriebskosten, einen konkreten Arbeitsplan zur Erreichung der Zahlung Lohnkosten, Zölle, Gewinnspannen) individuell anzupassen. einer Living Wage; ein genauer Zeitrahmen erfolgt im Implementierungsplan Um mögliche Preissteigerungen durch die Zahlung einer • Einbindung der Living Wage Strategie im Standard 4 Living Wage so gering wie möglich zu halten, stellte die „Zahlung eines fairen Preises“ und schließlich in das Arbeitsgruppe anhand verschiedener Beispiele vor, wie durch WFTO Guarantee System Effizienzsteigerung, Kosteneinsparungen, Qualitätsverbes- • Erstellen einer „toolbox“: Zusammenstellung ver- serungen und geringe Absenkungen der Margen seitens aller schiedener Instrumente (u.a. die Living Wage Kalkula- Akteure Kosten mittelfristig gesenkt werden können. Aller- tionssysteme DAWS und SAI, eine Anleitung für eine dings ist dies nur mithilfe einer aktiven Beteiligung aller Kostenkalkulation, eine Gap-Analyse und einen Überbrü- Akteure innerhalb der Produktions- und Lieferkette möglich. ckungsplan) mit dem Ziel, die jeweilige Living Wage zu berechnen und mögliche Überbrückungsmaßnahmen zur Um die zuvor dargestellten Empfehlungen auf ihre Funk- Erreichung dieser Living Wage zu definieren tionalität hin zu überprüfen, schlug die Arbeitsgruppe die Durchführung einer einjährigen Pilotphase vor, in der die einzelnen Instrumente einem Praxistest unterzogen werden. Living Wages im Fairen Handel 13
• Förderung von transparenten Preisabsprachen und -ver- handlungen zwischen den Akteuren entlang der Kette 1 D.h. dieser Stand deckt auch die gesamte Lieferkette ab und ist (mit entsprechender Dokumentation) nicht wie beim üblichen Fairtrade-Ansatz geteilt in Organisations- • Capacity Building für Mitglieder, um die Anforderungen standard + Produktstandard + Händlerstandard. erfüllen zu können und z.B. aktiv an Preisverhandlungen teilzunehmen 2 Inklusive SAI, GoodWeave, SAN/RA, UTZ Certified and Forest • Einbeziehung aller Akteure der Produktions- und Lie- Stewardship Council. ferkette mit dem Ziel, Kosten einzusparen, um mögliche 3 Natürlich enthält der Textilstandard auch weitere wichtige Preiserhöhungen zu vermeiden (z.B. durch Effizienzstei- Kriterien, die aber hier nicht Gegenstand der Darstellung sind. gerung, Erhöhung der Produktivität, Verzicht auf Margen) • Entwicklung einer Strategie, um die Mitglieder aufzu- 4 Anker, Martha & Richard: A Shared Approach to Estimating Liv- fangen, die die Zahlung einer Living Wage - trotz Bemü- ing Wages, Short Description of the agreed methodology, Novem- hungen - nicht erreichen werden ber 2013 for the Global Living Wage Coalition (Online). 5 Z.B. World Banana Forum, Aktionsbündnis für nachhaltige Neben der Abstimmung des Strategiepapiers steht nun die Bananen, Ethical Tea Partnership Erarbeitung eines Implementierungsplans an, der die konkrete Umsetzung der Empfehlungen der Arbeitsgruppe 6 Anker, Martha & Richard: A Shared Approach to Estimating Liv- beinhalten soll. Dieser Plan wird neben einem genauen ing Wages, Short Description of the agreed methodology, Novem- Zeitrahmen und konkreten Vorschlägen für die Berechnung ber 2013 for the Global Living Wage Coalition (Online). einer Living Wage, auch Angaben zu Kontrollpunkten und 7 WFTO Standard 4: Zahlung eines fairen Preises: „Ein fairer Preis Zielvorstellungen beinhalten. Ebenfalls soll darin festgelegt wird im Dialog unter Mitbestimmung aller Beteiligten festgelegt, werden, welche Aufgaben dabei von der WFTO übernommen sichert den Produzentinnen und Produzenten faire Entlohnung werden und welche von der Arbeitsgruppe. und ist marktfähig. Wo Kalkulationsstrukturen für den Fairen Handel existieren, dienen diese als Minimum. Faire Bezahlung Da eine sofortige Umsetzung der Zahlung einer Living Wage heißt sozial verträgliche Entlohnung (im lokalen Kontext), die von bei den Mitgliedern der WFTO nur selten direkt möglich sein den Produzentinnen und Produzenten selbst als fair angesehen wird, ist es wichtig, dass die Einführung von Living Wages wird und dem Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit für Frauen und Männer folgt. Fair Handels-Organisationen für Vermarktung stufenweise erfolgt. und Import fördern das nötige Capacity Building für die Pro- duzent/innen, damit diese in der Lage sind, faire Preise zu bestim- Die WFTO sowie andere Fair Handels-System müssen davon men.“ ausgehen und dies in ihren Systemen entsprechend berück- sichtigen, dass es Mitglieder bzw. Produzenten-Organisati- 8 Die Unterscheidung von „Living Wage Kalkulationssystemen“ onen geben wird, die es trotz Bemühungen nicht schaffen und „Kostenkalkulationen eines Produkts“ ist an dieser Stelle sehr werden, ihren Produzent/innen und/oder Angestellten eine wichtig: Während „Living Wage Kalkulationssysteme“ Berech- nungssysteme sind, die eine Living Wage auf Basis der konkreten Living Wage zu zahlen. Deshalb muss sichergestellt werden, Angaben einer Familie für Lebensmittel, Transport, Gesundheit dass diese Organisationen nicht aus dem System fallen, son- etc. ermitteln, beziehen sich „Kostenkalkulationen“ auf das her- dern in ihren Bemühungen, der Zahlung von Living Wages zustellende Produkt und beinhalten die gesamten Kosten, die für soweit wie möglich nahe zu kommen, unterstützt werden. das entsprechende Produkt anfallen. Entscheidend und letztendlich ausschlaggebend ist, dass alle 9 Die strategischen Überlegungen sind zum aktuellen Zeitpunkt Akteure entlang der Wertschöpfungskette gemeinsam vor- noch als Vorschläge der Arbeitsgruppe zu verstehen und müssen erst von der Generalversammlung abgestimmt werden, bevor sie in gehen und alle auch ihren möglichen Teil zum Erfolg beitra- Kraft treten können. gen. Es ist ein fortwährender, sich entwickelnder Prozess, der einen engen Austausch aller Beteiligten erfordert. 14 Living Wages im Fairen Handel
Sie können auch lesen