MEDIKAMENTE IN ENTWICKLUNGSLÄNDERN
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MEDIK AMENTE FÜR MENSCHEN HEUTE FORSCHEN, UM MORGEN ZU HEILEN Einleitung Die weltweite Armut ist ein Problem, das uns alle angeht – und der Schaden, den ex I nha l t treme Armut anrichtet, tritt nirgendwo deutlicher zutage, als in der Gesundheit der Menschen. Einleitung 2 Ein Mangel an Grundnahrungsmitteln, menschenwürdigen Wohnungen und sauberem Weltweite Gesundheit Wasser führt dazu, dass die betroffenen Menschen leichter krank werden. Armut hat Aus- Die Bekämpfung wirkungen auf die grundlegende Gesundheitsinfrastruktur wie etwa Krankenhäuser, Gesund- endemischer/pandemischer heitszentren, ausgebildete medizinische Fachkräfte etc., d.h. die medizinischen Ressourcen Krankheiten 3 sind schlicht und einfach völlig unzureichend oder überhaupt nicht vorhanden. Krankheit hindert die Betroffenen sehr oft daran, erwerbstätig zu sein, sodass die Menschen im Teufels- Die Belastung durch kreis der Armut gefangen sind. Krankheiten in Entwicklungsländern 8 Als globale Industrie, deren Ziel es ist, die Gesundheit der Menschen zu verbessern, trägt die pharmazeutische Industrie die klare Verantwortung, gemeinsam mit Regierungen, Hilfsor- • Afrikanische ganisationen und anderen großen Unternehmungen ihren Beitrag zu leisten, um diesen Be- Trypanosomiasis oder dürfnissen gerecht zu werden. Der Zugang zu geeigneter Behandlung ist für viele der Ärms- Schlafkrankheit 8 ten der Welt von entscheidender Bedeutung, doch dieser Zugang zur Gesundheitsversorgung • Chagas-Krankheit 9 kann nur verbessert werden, indem die Ursachen der Armut bekämpft werden. • Dengue-hämorrhagisches Um das Ausmaß des Problems zu erkennen, müssen wir einen Blick auf die Zugangshin- Fieber 10 dernisse werfen, die weit über das Versagen des Marktes und fehlende wirtschaftspolitische Maßnahmen hinausgehen. Die grundlegende Infrastruktur, die in wohlhabenderen Ländern • Filariose 12 für selbstverständlich genommen wird – wie etwa Transport, Lagerhäuser, Elektrizität, sau- • HIV/AIDS 13 beres Wasser, etc. – ist meist nicht ausreichend entwickelt, um Regionen zu versorgen, in • Leishmaniose 14 denen eine bessere Gesundheitsfürsorge dringend nötig wäre. Die vorhandene Gesundheits- infrastruktur ist oft auf Städte beschränkt, während die medizinische Versorgung in den länd- • Lepra 16 lichen Regionen vernachlässigt wird. • Malaria 17 Die pharmazeutische Industrie ist davon überzeugt, dass die Partnerschaft zwischen dem • Meningokokken- öffentlichen und dem privaten Sektor der Schlüssel ist, um die vielen eng miteinander ver- meningitis 18 knüpften Herausforderungen zu bewältigen, die mit Armut und Krankheit einhergehen. Das Modell der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung bringt auch weiterhin eine Qua- • Poliomyelitis 19 lität und Auswahl von Medikamenten hervor, die die Lebensqualität verbessern und der Ge- • Tollwut (Rabies) 21 sellschaft nutzen. Deshalb müssen die wirtschaftlichen Bedingungen, die Innovationen und künftige Forschung ermöglichen, geschützt werden. Darüber hinaus können Nichtregierungs- • Geschlechts- organisationen (NGO), Regierungen und zwischenstaatliche Einrichtungen am besten sicher- krankheiten 22 stellen, dass der Nutzen dieser Medikamente auch Gemeinschaften erreicht, in denen die Ver- • Trachom 23 sorgung durch den Markt allein nicht sichergestellt werden kann. Es entstehen zunehmend • Tuberkulose 24 gut durchdachte Partnerschaften, um die Talente und Fähigkeiten aller Beteiligten optimal auszuschöpfen. • Typhus 26 „Medikamente für Menschen” befasst sich nicht nur mit den bisherigen Erfolgen pharma- • Virushepatitis 27 zeutischer Innovationen, sondern richtet den Blick vor allem auch auf aktuelle und zukünftige Partnerschaften zur Entwicklungen, die die Behandlung von Patienten in Europa und weltweit in Zukunft weiter Schaffung gesünderer verbessern werden. Gesellschaften 29 Diese Veröffentlichung beschreibt die erzielten Fortschritte und die laufenden Forschungs- aktivitäten im Bereich der Krankheiten, die in den ärmsten Ländern der Welt weit verbreitet Schlussfolgerungen 34 sind. Ein weiteres Thema ist die Beteiligung von Pharmaunternehmen an zahlreichen öffent- lich-privaten Partnerschaften, die dazu beitragen, die Gesundheit ärmerer Bevölkerungen in ressourcenarmen Ländern zu verbessern. Doch nicht nur in den ärmsten Ländern der Welt gibt es Ungleichheiten hinsichtlich der Gesundheit. Auch in Staaten mit mittlerem Einkommen können große Unterschiede beim Zu- gang der Bevölkerung zur Gesundheitsversorgung bestehen. Die pharmazeutische Industrie engagiert sich auch weiterhin, allein oder in Zusammenarbeit mit Partnern, und leistet ihren nachhaltigen Beitrag zu einer besseren Gesundheit für alle.
M E D I K A M E N T E I N E N T W I C K L U N G SL Ä N D E R N Weltweite Gesundheit Die Bekämpfung endemischer/ pandemischer Krankheiten Die Millenniumsziele der Vereinten Nationen Im Jahr 2000 beschlossen 189 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen acht so genannte Millenniumsentwicklungsziele (MDG). Sie sollen unter anderem Armut und Analphabetismus verringern, doch drei dieser Ziele betreffen speziell die Ge sundheit: Ziel Nr. 4 ist der Senkung der Kindersterblichkeit, Ziel Nr. 5 ist der Redu zierung der Müttersterblichkeit und Ziel Nr. 6 ist der Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen Infektionskrankheiten gewidmet. Was die Müttersterblichkeit betrifft, haben Epidemiologen eine Reihe von Methoden entwickelt und verwendet, um vergleichbare nationale, regionale und globale Schät- zungen der Müttersterblichkeitsraten für das Jahr 2005 zu erhalten und die Entwicklung von 1990 bis 2005 zu untersuchen. Laut ihren im Oktober 2007 veröffentlichten Ergebnissen schätzen die Wissenschaftler, dass 2005 weltweit 535.900 Mütter an den Folgen von Schwangerschaft oder Geburt starben. Dies entspricht einer Mütter- sterblichkeitsrate von etwa 400 Todesfällen pro 100.000 Lebendgeburten. Die meisten mütter- lichen Todesfälle waren 2005 in Afrika südlich der Sahara (270.500 bzw. 50 Prozent) und in Asien (240.600 bzw. 45 Prozent) konzentriert. Für alle Länder, aus denen Daten vorliegen, wur- de von 1990 bis 2005 insgesamt eine Abnahme der Müttersterblichkeitsrate um 2,5 Prozent fest- gestellt. In den afrikanischen Ländern südlich der Sahara hingegen gab es in diesem Zeitraum kei- ne Anzeichen für einen nennenswerten Rückgang der Müttersterblichkeit. Die Forscher stellen fest, dass „seit 1990 einige Regionen gewisse Fortschritte bei der Senkung der Müttersterblichkeit erzielt haben, während die Müttersterblichkeitsraten in Afrika südlich der Sahara nach wie vor sehr hoch sind und kaum etwas auf eine Verbesserung in den vergangenen 15 Jahren hindeutet. Um das Millenniumsziel Nr. 5 bis 2015 zu verwirkli- chen, sind in allen Entwicklungsländern verstärkte und nachhaltige Maßnahmen zur Ver- besserung der Versorgung während der Schwangerschaft und bei der Geburt dringend erforderlich.” Es ist erschreckend, dass in vielen Ländern auf der ganzen Welt jedes Jahr immer noch Millionen von Menschen an Krankheiten sterben, die leicht verhindert oder wirksam be- handelt werden können. Erkrankungen wie Durchfall und Atemwegsinfektionen, die in wohlhabenden Ländern weitgehend ausgerottet sind oder an Bedeutung verloren haben, sind in ärmeren Ländern weiter auf dem Vormarsch und fordern viele Menschenleben. Die Zahlen und die Ungleichheiten, die sie offenbaren, sind beängstigend: Es treten schätzungsweise bis zu 500 Millionen Fälle von Malaria pro Jahr auf – und bis zu drei Mil- lionen Menschen sterben daran. Die weltweite HIV/AIDS-Epidemie hat den Schätzungen zufolge im Jahr 2006 etwa drei Millionen Todesfälle verursacht, und etwa 40 Millionen Menschen leben zurzeit mit der Krankheit. Die Tuberkulose, eine Infektion, die bei Men-
MEDIK AMENTE FÜR MENSCHEN HEUTE FORSCHEN, UM MORGEN ZU HEILEN schen mit geschwächtem Immunsystem in neuen Formen auftreten kann, hat bereits ein Drittel der Weltbevölkerung infiziert, und jedes Jahr sterben zwei Millionen Menschen dar- an. Daher konzentriert sich die Aufmerksamkeit in jüngster Zeit zu Recht verstärkt auf die Krankheitsbelastung durch Malaria, HIV/AIDS und Tuberkulose. Es ist jedoch vielsagend, dass nach wie vor mehr Menschen an infektiösen Atemwegs- infektionen und Durchfallerkrankungen sterben. Die Kindersterblichkeitsrate liegt in Län- dern mit hohem Einkommen unter 20 von 100.000 Kindern – in Afrika südlich der Saha- ra beträgt sie hingegen mehr als 1.600. Etwa ein Drittel dieser Todesfälle werden durch Atemwegsinfektionen und Durchfallerkrankungen verursacht. Diese Erkrankungen wären durch eine medizinische Grundversorgung leicht vollständig heilbar. Die Behandlung ist billig und die erforderlichen Medikamente werden seit Jahrzehnten als Generika produ- ziert, und dennoch ist die entsprechende Versorgung immer noch unzureichend. Tatsäch- lich sind 95 Prozent der Arzneimittel, die auf der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellten Liste der unverzichtbaren Medikamente stehen, nicht patentgeschützt und können daher als Generika hergestellt werden – doch ein Drittel der Weltbevölkerung hat keinen zuverlässigen Zugang zu diesen Medikamenten. Bewältigung der gesundheitlichen Herausforderungen Viele Entwicklungsländer sind noch weit davon entfernt, die Millenniumsziele für die Verringerung extremer Armut und die Bekämpfung der großen gesundheitlichen Heraus- forderungen zu erreichen. Einige drastische Beispiele mögen dies verdeutlichen: die Sterb- lichkeitsrate der unter Fünfjährigen sank in den Ländern südlich der Sahara nur leicht von 185 pro 1.000 Kinder im Jahr 1990 auf 166 im Jahr 2005, eine von 16 Frauen stirbt in Afrika südlich der Sahara an Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen, gegenüber einer von 3.800 in den Industrieländern, und die Zahl der Menschen, die an HIV/AIDS sterben, steigt weiter und erreichte im Jahr 2006 trotz der ermutigenden Ausweitung des Zugangs zur Behandlung zwei Millionen. Schlimmer noch, die Zahl der Neuerkrankungen wächst weiter und steigt schneller als der Ausbau der Behandlungsdienste. Auf die WHO-Region Afrika entfallen mehr als 24 Prozent der weltweiten Krankheits- belastung. Gleichzeitig verfügt sie nur über drei Prozent der medizinischen Fachkräfte auf der Welt. In Ländern mit hohem Einkommen haben etwa 70 Prozent der Menschen eine Lebenserwartung von über 70 Jahren, in Ländern mit niedrigem Einkommen errei- chen hingegen nur 20 Prozent dieses Alter. Doch nicht nur in den ärmsten Ländern der Welt gibt es Ungleichheiten hinsichtlich der Gesundheit. Auch in Staaten mit mittlerem Einkommen können große Unterschiede beim Zugang der Bevölkerung zur Gesundheits- versorgung bestehen. In anderen Bereichen sind die Ergebnisse ermutigender: infolge breit angelegter Impf- programme sank die Zahl der Masernerkrankungen und ‑todesfälle auf dem Kontinent zwischen 1999 bis 2005 um fast 75 Prozent. In Ländern wie Niger, Togo, Sambia und Sansibar sind rasche und große Fortschritte bei der Malariabekämpfung erzielt worden. Diese ermutigenden Beispiele zeigen deutlich, dass schnelle Fortschritte im Hinblick auf die Millenniumsentwicklungsziele durchaus möglich sind, insbesondere im Bereich der Gesundheit. Die Menschen wissen, dass die Voraussetzungen für nachhaltige Entwicklung hin zu Frieden, Sicherheit, verantwortungsbewusster Regierungsführung und wirtschaftlichem Wachstum geschaffen werden müssen. Dazu sind unmittelbare Maßnahmen erforder- lich, die sich auf die Eigenverantwortung des Partnerlandes, gute politische Rahmen- bedingungen und praktische Strategien für den Ausbau des Zugangs zur medizinischen Grundversorgung stützen. Dies erfordert aber auch, dass sich die Geber besser unterein- ander abstimmen und die Prioritäten der Partnerländer unterstützen. Um die Herausfor- derungen zu meistern, muss die Politik die Finanzierungsfrage lösen und für eine ausrei- chende, nachhaltige und sichere Langzeitfinanzierung sorgen. Öffentlich-private Partnerschaften In den letzten Jahren hat der private Sektor beachtliche Erfolge im Hinblick auf die Mo- bilisierung von Ressourcen, die Unterstützung für Gesundheitsinitiativen vor Ort, einen besseren Zugang zu medizinischer Versorgung und Interessensvertretung auf nationaler und globaler Ebene erreicht. Eines der Beispiele für eine öffentlich-private Partnerschaft
M E D I K A M E N T E I N E N T W I C K L U N G SL Ä N D E R N im Gesundheitssektor ist der Globale Fonds zur Bekämpfung von HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria. Dank dieser Initiative konnten Millionen von Menschenleben gerettet und die Lebensqualität vieler weiterer Millionen Menschen verbessert werden. Andere innovative Finanzierungsmechanismen wurden eingeführt, die weitere finan- zielle Mittel für die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten beschafft haben. Ebenfalls erwähnt werden sollte die Initiative einer Reihe nationaler Regierungen zur Gründung der International Drugs Purchase Facility (oder UNITAID) zur Beschaffung von Arzneimitteln. Auf dem Gebiet der Forschung entwickeln die International Partnership for Microbiocides und die International AIDS Vaccine Initiative neue Instrumente zur Bekämpfung der Ausbreitung übertragbarer Krankheiten. Die Rolle des privaten Sektors geht in der Tat weit über die Mobilisierung von Ressourcen hin- aus: eine Reihe von Unternehmen des privaten Sektors steuern ihre Expertise und strategische Beratung bei, während andere ihre spezialisierten Gesundheitseinrichtungen für Patienten zur Verfü- gung stellen, die im Rahmen öffentlich finanzier- ter Programme behandelt werden. In Mozambique initiierte eine öffentlich-private Partnerschaft zwi- schen dem Gesundheitsministerium und einem Pharmaunternehmen die größte Studie zur Wirk- samkeit eines Malariaimpfstoffes, die je in Afrika durchgeführt wurde. Sie führte zu einem wissen- schaftlichen Durchbruch und einem signifikanten Schutz für Kinder. Andere Unternehmen haben ihre Geschäfte, Läden und Praxen für Aufklärungskam- pagnen über HIV/AIDS genutzt. Sie entwickelten integrierte Ansätze zur Bekämpfung von HIV/AIDS, u.a. durch Koordinationsaktivitäten für Betriebsausschüsse, hochwertige klinische Versorgung für Mitarbeiter und deren Angehörige, Ausweitung der Programme auf Auftragnehmer und Investitionen in die kommunale Gesundheit. Als Reaktion auf den wachsenden Bedarf an Second-Line-Therapeutika in Afrika südlich der Sahara teilt die „AIDS Technology Transfer Initiative” das Wissen der Industrie zur Herstellung von Se- cond-Line-Medikamenten gegen HIV und leistet aktive Unterstützung für lokale Herstel- ler in Ländern südlich der Sahara oder Ländern, die von der UN als ‚am wenigsten entwi- ckelt’ eingestuft wurden. Innerhalb von neun Monaten nach Beginn der Initiative wurden drei Vereinbarungen mit Herstellern bekannt gegeben, während weitere 22 Unternehmen in 14 Ländern ihr Interesse bekundet hatten. Diese Beispiele zeigen, dass der private Sektor und öffentlich-private Partnerschaften eine Schlüsselrolle bei der Antwort auf die Gesundheitsherausforderungen der Entwick- lungsländer spielen, da sie wesentliche Beiträge zur groß angelegten und effizienten Mobilisierung und Kanalisierung von Ressourcen leisten können; sie können erhebliche Beiträge zur Forschung machen; sie können bei der Veränderung politischer Leitlinien mitwirken; sie können wirksame Maßnahmen ergreifen, um die Interessen Betroffener zu vertreten. Die Verbesserung der Gesundheit ärmerer Bevölkerungen in Ressourcen-armen Ländern stellt die Gesellschaft vor eine komplexe Herausforderung, die eine wesentlich größere Mobilisierung von Ressourcen, Kapazitäten und Fähigkeiten erfordert, welche weder der öffentliche Sektor noch ein einzelnes Unternehmen allein erreichen könnte. Öffentlich- Private Partnerschaften sind mittlerweile zu einem typischen Merkmal der Gesundheits- landschaft in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen geworden. Diese Länder, die die Last einiger der schlimmsten Krankheiten der Welt tragen und denen es gleich- zeitig an so vielem fehlt, brauchen sehr breit ausgelegte gesundheitliche Unterstützung, die, wie die Erfahrung gezeigt hat, nur durch verschiedene Sektoren umfassende Partner- schaften geleistet werden kann. Um einen Überblick über die zunehmende Zahl von Programmen zu geben, geht die- se Broschüre auf Beispiele zur Förderung der Gesundheit von Mutter und Kind ein, die
MEDIK AMENTE FÜR MENSCHEN HEUTE FORSCHEN, UM MORGEN ZU HEILEN auf die Millenniumsziele Nr. 4 und Nr. 5 ausgerichtet sind. Andere befassen sich mit Pro- grammen zur Behandlung chronischer Krankheiten (Millenniumsziel Nr. 6), die eine zu- nehmende Herausforderung für Länder mit niedrigem und sogar mittlerem Einkommen darstellen. Im Interesse einer klaren Darstellung werden in den einzelnen Kapiteln For- schungs- und Entwicklungsprogramme separat von der Ätiologie, der Epidemiologie und den verfügbaren therapeutischen Optionen behandelt. Die Forschung geht weiter Ein breiter, ganzheitlicher Ansatz ist erforderlich, um alle Hindernisse für die Verbesse- rung der weltweiten Gesundheit aus dem Weg zu räumen, von denen der mangelnde Zugang zu Arzneimitteln nur eines ist. Die Zahl der in dieser Broschüre dokumentierten Projekte der Industrie, die auch den Aufbau von Kapazi- täten wie die Schaffung einer medizinischen In- frastruktur und die Durchführung von Gesund- heitsschulungen umfassen, bringt dies ebenso zum Ausdruck wie die Zahl der Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Denn, wie wir bei HIV/AIDS, Malaria und Tu- berkulose gesehen haben, es gibt keine Garan- tie, dass die Behandlungen, die heute wirksam sind, auf lange Sicht wirksam bleiben werden. Früher oder später werden neue Medikamente benötigt, wenn der Fortschritt aufrechterhal- ten werden soll. Die Beiträge der Pharmaunter- nehmen, um die Millenniumsziele zu erreichen, sind erheblich und machen einen signifikanten Teil der gesamten Ressourcen aus, die von der Weltgemeinschaft zur Verfügung gestellt werden. Die medizinische Wissenschaft ist ständigem Wandel unterworfen. Genomik, Proteo- mik und andere Zweige der molekularen Biologie erzeugen eine Flut neuer Erkenntnisse, und die moderne Technik hat zu neuen Verfahren der Miniaturisierung, Automation und Parallelverarbeitung in Forschung und Entwicklung geführt. Das Verständnis des Zusam- menspiels zwischen den genetischen Merkmalen des Wirts und den pathogenen Merkma- len des Infektionserregers ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu einer gezielteren Therapie. Anwendungen der molekularen Biologie werden zur Entwicklung eines neuen Ansatzes in der Diagnose und Therapie führen, der so genannten molekularen Medizin. Um diesen Begriff gruppiert sich eine Vielzahl von modernen Forschungsmethoden und ‑disziplinen. Die Pharmakogenomik gehört ebenso dazu wie die Suche nach neuen Targets, den An- griffspunkten für Arzneimittel. Auch die Proteomforschung und die Suche nach den klei- nen aber bedeutsamen genetischen Unterschieden, den so genannten Single Nucleotide Polymorphisms oder SNPs, aber auch neue Methoden wie die Polymerasekettenreaktion (PCR) und DNA-Chips zählen dazu. Alle diese Bemühungen und Entdeckungen sind letztlich darauf ausgerichtet, präzisere Therapien bereitzustellen. Es gilt, die Ursachen einer Krankheit aufzuspüren, die Möglich- keiten für Eingriffe abzuwägen und schließlich eine wirksame Behandlung anzubieten. Diese Ziele sind heute wichtiger denn je, und auf dem Weg dahin macht die Forschung gegenwärtig den nächsten großen Schritt. Die Genetik, die Genomik und die Proteomik werden völlig neue Perspektiven in Diagnostik und Therapie eröffnen. Allerdings vergehen von der wissenschaftlichen Theorie bis zur Marktreife neuer Medi- kamente noch immer ungefähr zehn Jahre. In diesem Zeitraum werden Computermodel- le neuer Moleküle geprüft, Tausende von Varianten im Reagenzglas untersucht, und eine kleine Zahl von Kandidaten wird schließlich in Tiermodellen getestet. Wenn sich Ärzte, Pharmazeuten und andere Wissenschaftler sicher sind, dass kein unvertretbares Risiko be- steht, wird das potenzielle neue Arzneimittel anschließend beim Menschen geprüft.
M E D I K A M E N T E I N E N T W I C K L U N G SL Ä N D E R N In einigen Fällen muss auch unterschieden werden zwischen dem, was machbar ist, und dem, was sinnvoll, wünschenswert und wirtschaftlich vertretbar ist. So lässt sich z.B. die Häufigkeit einer Krankheit, ab der die Entwicklung von speziell auf diesen Patientenkreis zugeschnittenen Arzneimitteln wirtschaftlich rentabel ist, nicht immer vorhersagen – zu- mindest so lange nicht, bis sich neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Gesellschaft und Industrie, wie etwa öffentlich-private Partnerschaftsprogramme für besonders sel- tene Krankheiten, etabliert haben. Die Essenz jeder solchen Partnerschaft beruht darauf, dass sie nur durch den koopera- tiven Einsatz all jener erfolgreich sein kann, die bereit und fähig sind, einen Beitrag zu leisten. Die pharmazeutische Industrie engagiert sich auch weiterhin, allein oder in Zu- sammenarbeit mit Partnern, und arbeitet daran, die Millenniumsziele zu erreichen, indem sie einen nachhaltigen Beitrag zu gesünderen Gesellschaften leistet. Die Erforschung und Entwicklung neuer Arzneimittel geht weiter. In diesem Zusammen- hang wird sich die Gesellschaft mit der Frage befassen müssen, woher die Gelder kommen werden, um Durchbrüche im Gesundheitswesen zu finanzieren. Dafür wird eine gemein- same Strategie erforderlich sein: die Regierungen werden eine wesentliche Rolle dabei spielen, Investitionen in Innovationen auf den Gebieten der medizinischen und pharma- zeutischen Wissenschaft zu stimulieren. Nur durch die Erforschung neuer Arzneimittel werden die Patienten in Entwicklungsländern die Therapien erhalten, die sie so dringend brauchen. Fortschritte in der Gesundheitsdebatte Die Debatte, wie man die Gesundheit in Entwicklungsländern am besten fördern könnte, vereint alle Probleme, denen man begegnet – sachlich, emotional, praktisch und strukturell zugleich – wenn die etablierten und die aufstrebenden Wirtschaften der Welt aufeinandertreffen. Pharmaunternehmen, die in marktwirtschaftlich orientierten Ländern der westlichen Welt tätig sind, haben in den letzten 50 Jahren auf äußerst effiziente Wei- se enorme gesundheitliche Verbesserungen bewirkt. Es erweist sich als schwierig, dassel- be auch in ärmeren Ländern zu erreichen, in denen der Markt allein nicht leistungsfähig ist, aber die Industrie schreckt vor dieser Herausforderung nicht zurück. Die Lösung dieser Probleme erfordert gut durchdachte Ansätze und das langfristige En- gagement aller Partner, von Regierungen über internationale Organisationen bis hin zum freiwilligen Sektor und der Privatwirtschaft. Die Finanzierbarkeit von Therapien ist wich- tig, aber nur eines – und keineswegs das schwierigste – von vielen Problemen, die über- wunden werden müssen, wenn ein besserer Zugang zu einer hochwertigen Gesundheits- versorgung erreicht werden soll. Die globale Pharmaindustrie engagiert sich schon seit geraumer Zeit bei der Bekämp- fung von Krankheiten in den Entwicklungsländern. Die ersten Programme mit Arzneimit- telspenden und Impfkampagnen wurden in den 1980er Jahren angestoßen. Seit dem Jahr 2000 hat dieses Engagement drastisch zugenommen, da sich immer mehr Unternehmen an öffentlich-privaten Partnerschaften beteiligen. Seit dem Beginn des Jahrtausends wur- den über 120 dieser Partnerschaften ins Leben gerufen, und sie haben genügend Maß- nahmen im Gesundheitswesen ermöglicht, um mehr als 500 Millionen Menschen zu be- handeln. Der Wert der entsprechenden Spenden und Investitionen der Pharmaindustrie in den letzten sieben Jahren beläuft sich auf über 4 Milliarden Euro. Als globale Industrie, deren Ziel es ist, die Gesundheit der Menschen zu verbessern, trägt die Pharmaindustrie die klare Verantwortung, gemeinsam mit Regierungen, Hilfsor- ganisationen und anderen großen Unternehmungen ihren Beitrag zu leisten, um diesen Bedürfnissen gerecht zu werden. Der Zugang zur richtigen Behandlung ist für viele der Ärmsten der Welt lebensnotwendig – doch gleichzeitig müssen auch die Ursachen der Ar- mut bekämpft werden. Diese Publikation des europäischen Verbands der pharmazeutischen Industrien und Verbände (EFPIA, European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations), erläutert den Ansatz der europäischen Industrie für einige der kompliziertesten Probleme der Weltgesundheit, zeigt, was die Unternehmen bereits tun, um die Gesundheit armer Nationen zu verbessern, und gibt einen Ausblick darauf, was in Zukunft noch getan wer- den kann.
MEDIK AMENTE FÜR MENSCHEN HEUTE FORSCHEN, UM MORGEN ZU HEILEN Die Belastung durch Krankheiten in Entwicklungsländern Afrikanische Trypanosomiasis oder Schlafkrankheit Schlafkrankheit ist eine harmlos klingende Bezeichnung für eine Krankheit, die durch Parasiten der Gattung Trypanosoma verursacht wird und unbehandelt unweigerlich zu einem schrecklichen Tod führt. Die Erreger sind Trypanosoma brucei gambiense in West- und Mittelafrika und Trypanosoma brucei rhodesiense in Ostafrika. Die Parasiten werden durch den Stich der Tsetsefliege (Gattung Glossina) auf den Menschen übertragen. In der ersten Phase vermehren sich die Parasiten im Blut und den Lymphdrüsen. Die Schlaf- krankheit wird in ihrer zweiten Phase gefährlich, wenn die Parasiten die Blut-Hirn-Schran- ke durchdringen und das Zentralnervensystem infizieren. Bei rechtzeitiger Diagnose und Behandlung ist die Infektion heilbar. Beginnt die Behandlung jedoch zu spät, können neurologische Schäden zurückbleiben, auch wenn der Patient von der Krankheit selbst geheilt wird. Die humane afrikanische Trypanosomiasis (HAT) ist eine tägliche Bedrohung für mehr als 60 Millionen Menschen in 36 afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Die epidemio- logische Überwachung erfasst nur 3 bis 4 Millionen dieser Menschen, und die jährlich berichteten 50.000 Fälle ent- sprechen nicht der tatsächlichen Situation, sondern zei- gen einfach, dass es keine Fallerfassung gibt. Die Zahl der Menschen, die mit der Krankheit infiziert sind, wird auf 300.000 bis 500.000 geschätzt. Die Schlafkrankheit hat erhebliche wirtschaftliche und soziale Auswirkungen auf die Entwicklung ländlicher Regionen, da sie die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte verringert und die Produk- tions- und Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Sie behindert nach wie vor die Entwicklung ganzer Regionen. Die wichtigsten Medikamente zur Behandlung beider Formen der HAT sind Suramin, Pentamidin, Melarsoprol und Eflornithin. Sie müssen durch intravenöse oder intra- muskuläre Injektion verabreicht werden. Die Schlafkrank- heit ist eine der wenigen übertragbaren Krankheiten, bei der ein systematisches Bevölke- rungsscreening notwendig ist, vor allem bei T. b. gambiense mit seinem langen, nahezu asymptomatischen Stadium. Die Gründe hierfür sind unter anderem die Schwierigkeit der Diagnose, die in entlegenen Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung norma- lerweise nicht möglich ist, die Schwierigkeit und das höhere Risiko der medizinischen Be- handlung des späteren Stadiums, für die spezielle Fähigkeiten und Kenntnisse benötigt werden, sowie die Tatsache, dass eine Vektorbekämpfung nahezu unmöglich ist. Im Mai 2001 kündigte die WHO die Ausweitung ihres Programms zur Ausrottung der Schlafkrankheit an, eine öffentlich-private Partnerschaft mit mehreren großen Pharmaun- ternehmen, um alle Anstrengungen der Organisation zur Bekämpfung der Krankheit zu bündeln. Weitere Partner sind Médecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen), die Regie- rungen von Belgien und Frankreich sowie die Bill and Melinda Gates Foundation. Das
M E D I K A M E N T E I N E N T W I C K L U N G SL Ä N D E R N Konsortium beteiligt sich auch an Vektorbekämpfungsaktivitäten der Pan African Trypa- nosomiasis and Tsetse Eradication Campaign (PATTEC). Im Rahmen des WHO-Programms werden neue Medikamente untersucht. Eines der größten Probleme bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe ist die Frage, ob sie die Blut- Hirn-Schranke, die natürliche Barriere des Körpers zwischen dem Blutkreislauf und dem Nervensystem, überwinden können. Ein Pentamidin-Derivat zur oralen Verabreichung hat Phase 3 der klinischen Prüfung abgeschlossen. Die Wirkweise der Verbindung beruht auf der Veränderung der DNA der Trypanosomen. Die amerikanische FDA hat dieser neuen Verbindung den Status des beschleunigten Zulassungsverfahrens gewährt. Es wäre das erste orale Präparat, das für diese Krankheit auf dem Markt kommt. Gemeinsame Anstrengungen sind unbedingt erforderlich, um diese folgenschwere Krankheit zu bekämpfen. Das Aufspüren der Menschen, die mit der Schlafkrankheit in- fiziert sind, und die anschließende medizinische Versorgung erfordert gut ausgebildetes Personal, hoch entwickelte technische Ressourcen, Medikamente und gut ausgestatte- te Gesundheitszentren. Um den wissenschaftlichen Herausforderungen der Zukunft zu begegnen und neue Forschungs- und Entwicklungsvorhaben auf dem Gebiet der Schlaf- krankheit zu unterstützen, sollten besonders auf den folgenden Gebieten verstärkte An- strengungen unternommen werden: 1.) Identifizieren von Möglichkeiten, um Resistenzen gegen aktuelle Therapien zu vermeiden; 2.) Anpassen vorhandener Therapien: orale Dar- reichungsformen anstelle von Injektionspräparaten und kürzere Behandlungszyklen; 3.) Prüfung neuer Kombinationen vorhandener Produkte und 4.) Entdeckung neuer Wirkstof- fe für zukünftige Therapien. Chagas-Krankheit Die Chagas-Krankheit kommt nur auf dem amerikanischen Kontinent vor. Die auch als südamerikanische Trypanosomiasis bezeichnete Krankheit wird durch Trypanosoma cru- zi verursacht, einen Parasiten, der durch Insektenstiche auf Menschen übertragen wird. Das akute Stadium tritt meist bei Kindern auf und ist durch Fieber, Lymphknotenschwel- lungen, Vergrößerung von Leber und Milz oder örtliche Entzündungen an der Eintritts- pforte der Infektion gekennzeichnet. Häufig entwickeln die Infizierten keine Symptome. Nach einem asymptomatischen Zeitraum von einigen Jahren bis hin zu Jahrzehnten der persistierenden Infektion entwickeln etwa 25 Prozent der Patienten kardiale Symptome, die zum plötzlichen Herztod führen können. In Lateinamerika ist die Chagas-Krankheit die Hauptursache von Herzinsuffizienz. Ihre geographische Verbreitung reicht von Mexiko bis Argentinien. In Mittel- und Süda- merika sind schätzungsweise 16 bis 18 Millionen Menschen betroffen, und alljährlich fal- len der Krankheit etwa 50.000 Menschen zum Opfer. Weitere 100 Millionen Menschen oder etwa 25 Prozent der Bevölkerung in Lateinamerika sind infektionsgefährdet. Das Infektionsrisiko steht in einem unmittelbaren Zusam- menhang mit Armut: die blutsaugende Raubwanze, die den Parasiten überträgt, findet in den Rissen und Spalten von Wänden und Dächern ärmlicher Behau- sungen in ländlichen Gegenden und in Vorstadtslums einen günstigen Lebensraum. Die in den 1970er und 1980er Jahren in Lateinamerika einsetzende Land- flucht veränderte das klassische epidemiologische Muster der Chagas-Krankheit und machte sie zu einer urbanen Infektion. Es gibt bislang keine Medikamente zur Heilung der Chagas-Krankheit. Die zur Verfügung stehenden Me- dikamente wurden bereits vor längerer Zeit entwickelt und sind nur zur Behandlung der frühen Akutphase geeignet. Ein Antimykotikum aus der Gruppe der Azo- le und ein Antiprotozoikum sind nur bei jungen Men-
MEDIK AMENTE FÜR MENSCHEN HEUTE FORSCHEN, UM MORGEN ZU HEILEN schen relativ wirksam, befreien den Patienten allerdings nicht von der Krankheit. Inzwi- schen haben die Pharmahersteller die Patentrechte sowie die Technologie zur Herstellung der Medikamente unentgeltlich den Regierungen in der Region und der WHO zur Verfü- gung gestellt. Die Bekämpfungsstrategie der WHO zur Ausrottung der Chagas-Krankheit bis 2010 stützt sich auf die Unterbrechung der Übertragung durch den Vektor und das systematische Screening von Blutspendern. Bisher war die Bekämpfung des Überträgerinsekts die erfolgreichste Methode, um das Auftreten der Krankheit auf ein Mindestmaß zu verringern. Insektensprays, insektizide Anstriche, Begasungsbehälter, die Verbesserung der Wohnverhältnisse, Gesundheitserzie- hung und laufende Überwachung der Infektion von isolierten Populationen haben die In- 10 zidenz der Krankheit in vielen südamerikanischen Ländern verringert, und einige wurden aufgrund der Erfolge von Bekämpfungsprogrammen wie dem Southern Cone Program als übertragungsfrei deklariert. Bei der Eindämmung der über Blut übertragenen Infektionen hat man sich zum Ziel gesetzt, alle Blutspender aus endemischen Ländern auf T.-cruzi-An- tikörper zu untersuchen. Hinweise darauf, dass Azolverbindungen bei bis zu zwei Dritteln der Kleinkinder in den Frühstadien der chronischen Phase möglicherweise Herzschädigungen verhindern kön- nen, haben der Suche nach besseren Behandlungsmöglichkeiten neue Impulse verliehen. Seit 2003 wird eine neuartige Klasse von Azolverbindungen zur Behandlung der Chagas- Krankheit erprobt. Darüber hinaus prüfen Forscher einen neuen antiparasitären Wirkstoff, der als Proteasehemmer gezielt auf ein Enzym wirkt, das T.cruzi zum Überleben braucht. Die Molekularbiologie bietet die Gelegenheit, noch spezifischer nach neuen Ansatz- punkten für Impfstoffe zu suchen. Die derzeit erforschten Angriffspunkte für Impfstof- fe sind die Paraflagella-Rod-Proteine. Dies sind für Trypanosomen spezifische Proteine, die zur Ausbildung ihrer Geiseln erforderlich sind und es dem Erreger ermöglichen, in die bevorzugten Gewebe zu wandern. Die Trans-Salidase-Gene von T.cruzi, ASP-1, ASP-2 und TSA-1, sind weitere mögliche Zielantigene. Diese Proteine kommen in großer Menge auf der Oberfläche des Parasiten vor und erfüllen offenbar wichtige enzymatische Aufgaben für das Überleben von T.cruzi. DNA-Impfstoffe könnten eine Möglichkeit darstellen, einen Schutz vor der Chagas- Krankheit herbeizuführen, da sie relativ leicht herzustellen sind und billig produziert wer- den können, so dass sich auch ärmere Länder die Impfung leisten könnten. Die Tests stecken noch in den Kinderschuhen, und der Impfschutz durch die bisher getesteten Impf- stoffe war von unterschiedlicher Dauer. Im Juli 2005 sequenzierten Wissenschaftler das Genom des Überträgerparasiten mit etwa 8.000 bis 10.000 Genen. Die Forscher fanden zahlreiche Gene für Enzyme, die beim Menschen unbekannt sind. Medikamente, die an diesen Enzymen angreifen, könnten erfolgreiche therapeutische Ansatzpunkte darstellen, da die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass sie Auswirkungen auf den Wirt haben. Dengue-hämorrhagisches Fieber Das Dengue-hämorrhagische Fieber (DHF) ist eine ernste Komplikation des Dengue- Fiebers. Die Krankheit wird durch vier eng miteinander verwandte, jedoch unterschied- liche Dengue-Viren verursacht und durch den Stich von Mücken der Art Aedes aegypti verbreitet. Das Insekt überträgt die Krankheit, wenn es nach einer infizierten Person an- dere Menschen sticht. Die Stechmücken brüten in der Nähe menschlicher Behausungen in herumliegenden Autoreifen, alten Ölfässern und Wasserbehältern. Im Gegensatz zu den Anopheles-Mücken, welche die Malaria übertragen, sind Aedes-Mücken nicht in der Däm- merung sondern tagsüber aktiv. Eine Infektion mit einem der vier Viren schützt nicht vor der Infektion mit einem anderen. Menschen, die schon einmal infiziert wurden, haben ver- mutlich ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung des DHF bei erneuter Infektion mit einem anderen Serotyp. Das Dengue-Fieber beginnt nach einer Inkubationszeit von 4-6 Tagen plötzlich mit hohem Fieber, Hautausschlag, starken Kopfschmerzen, Schmerzen hinter den Augen, in Muskeln und Gelenken. Die starken Gelenkschmerzen haben dem Dengue-Fieber den Na-
M E D I K A M E N T E I N E N T W I C K L U N G SL Ä N D E R N men „breakbone fever” (Knochenbrecherfieber) gegeben. Die meisten Infektionen führen zu einer relativ leichten Erkrankung, doch mitunter kann die Infektion zum DHF fortschrei- ten. Beim DHF werden die Blutgefäße durchlässig, und es kommt zu Blutungen aus Nase, Mundschleimhaut und Zahnfleisch. Blutergüsse sind ein Anzeichen für Blutungen im Kör- per. Ohne sofortige Behandlung verläuft das DHF in etwa fünf Prozent aller Fälle tödlich, meist bei Kindern und jungen Erwachsenen. Das DHF wurde erstmals in den 1950er Jah- ren während der Dengue-Epidemien auf den Philippinen und in Thailand entdeckt. Bis heute sind in mehr als 35 Ländern DHF-Epidemien aufgetreten. Das DHF hat sich in eini- gen Ländern zu einer der häufigsten Ursachen von stationären Einweisungen und Todes- fällen bei Kindern entwickelt. Dengue-Viren kommen in den meisten tropischen Regionen der Welt vor. Weltweit le- 11 ben 2,5 Milliarden Menschen in Regionen, in denen Dengue-Viren übertragen werden können. Die Krankheit ist in Afrika, Asien, in der Pazifik-Region, Australien und auf dem ganzen amerikanischen Kontinent verbreitet. Auch im karibischen Becken ist Dengue weit verbreitet. In Entwicklungsländern treten schätzungsweise 50-100 Millionen Infektionen mit Dengue-Fieber pro Jahr auf, und etwa 500.000 davon verlaufen in der lebensbedroh- lichen hämorrhagischen Form. Experten führen etwa 24.000 Todesfälle pro Jahr auf das DHF zurück, was wahrscheinlich sogar noch untertrieben sein könnte – bis zu ein Pro- zent aller Infektionen enden möglicherweise tödlich. Alle Typen des Dengue-Virus sind weltweit wieder auf dem Vormarsch und verursachen immer häufigere und größere Epi- demien. Dengue tritt am häufigsten in tropischen Städten auf, kann aber auch in länd- lichen Regionen erworben werden. In Regionen über 1200 m ist die Infektion selten zu beobachten. Verschiedene Faktoren tragen zum Wiederaufleben des Dengue-Fiebers bei: 1.) viele Länder, in denen Dengue vorkommt, bemühen sich zu wenig um eine wirksame Bekämp- fung von Stechmücken; 2.) die öffentlichen Gesundheitssysteme sind nicht darauf einge- stellt, Epidemien zu erkennen und zu bekämpfen; 3.) rasches Wachstum von Städten in tropischen Ländern hat zu Übervölkerung und unzureichenden hygienischen Verhältnis- sen geführt; und 4.) die starke Zunahme des Luftverkehrs bringt Menschen, die mit Den- gue-Viren infiziert sind, leichter von Stadt zu Stadt. Die wichtigste Maßnahme zur Prophy- laxe und Eindämmung von Dengue und DHF ist die Bekämpfung der Überträger. Die von der WHO entwickelte globale Strategie konzentriert sich auf 1.) die Verstärkung der epi- demiologischen Überwachung, 2.) Leitlinien für eine klinische Standardbehandlung des DHF, 3.) die Förderung von Verhaltensänderungen auf der Ebene der einzelnen Menschen, der Haushalte und der Kommunen und 4.) die Beschleunigung der Forschung auf dem Ge- biet der Impfstoffentwicklung. Es stehen bislang noch keine spezifische Behandlung und kein Impfstoff gegen das Dengue-Fieber zur Verfügung. Die Patienten sollten ruhen und viel Flüssigkeit trinken. Sie sollten vor Stechmücken geschützt werden, damit die Infektion nicht weiter verbreitet werden kann. Das DHF wird behandelt, indem der Flüssigkeitsverlust ausgeglichen wird. In manchen Fällen sind Transfusionen von Plasma oder Blut erforderlich, um die Folgen der Blutungen zu behandeln. Die Grundlagenforschung konzentriert sich auf die Charakterisierung von virus- und wirtsspezifischen Faktoren, die für den Ausbruch der Krankheit verant- wortlich sind, und auf die Entwicklung kleiner Wirk- stoffmoleküle zu, die an diesen Faktoren angreifen. Wissenschaftler untersuchen klinische Daten und Pati- entengeschichten, um die genetischen Variationen der verschiedenen Serotypen besser zu verstehen, und stel- len Zusammenhänge zwischen viralen Genmarkern und dem klinischen Schweregrad der Erkrankung her. Die pharmazeutische Forschung sucht nach geeig- neten antiviralen Medikamenten. Verschiedene For- schergruppen haben Inhibitoren identifiziert, die in die Vermehrungsmechanismen des Virus im menschlichen Körper eingreifen. Die Ansatzpunkte sind virale Enzyme
MEDIK AMENTE FÜR MENSCHEN HEUTE FORSCHEN, UM MORGEN ZU HEILEN wie NS3-Helicase, NS3-Polymerase und NS3-Protease. Die Erforschung von Dengue-Impf- stoffen für öffentliche Gesundheitsprogramme ist im Gang, und auch die Entwicklung von rekombinanten Impfviren der zweiten Generation wird vorangetrieben. Filariose Filariose oder Filariasis ist der Überbegriff für eine Gruppe von Krankheiten, die Säu- getiere und auch Menschen befallen. Sie wird durch mikroskopisch kleine Fadenwürmer (Filarien) verursacht. Der Lebenszyklus eines Fadenwurms umfasst mehrere Entwicklungs- 12 oder Larvenstadien in einem Säuger als Wirtstier und ein Zwischenstadium in Mücken, die sowohl Wirt als auch Überträger sind. Die Parasiten werden nach dem Aufenthaltsort des adulten Wurms im menschlichen Körper unterschieden. Es gibt eine lympha- tische Gruppe, die das Lymphsystem infiziert, und eine ku- tane Gruppe, die hauptsächlich in der Haut siedelt. Es gibt wie gesagt zwei Hauptarten von Filariose – die lymphatische Filariose und die Onchozerkose. Akute Ma- nifestationen der lymphatischen Filariose sind episodisch auftretende Fieberattacken, die von Entzündungen der Leistenlymphknoten und Hoden, Lymphödemen oder einer Kombination dieser Symptome begleitet werden. Wieder- holte Episoden führen zu Schädigungen des Lymphsystem, chronischen Schwellungen und Elefantiasis der Extremi- täten. Das Krankheitsbild der Onchozerkose oder Fluss- blindheit umfasst Hautinfektionen, Hautknoten und Au- genschäden. Letztere werden durch eine anormale Immunreaktion auf Mikrofilarien im Auge verursacht. Durch Fadenwürmer ausgelöste Krankheiten sind selten tödlich, doch sie verursachen ein beträchtliches Maß an persönlichem Leid und sozioökonomischem Schaden. Der WHO zufolge ist die lymphatische Filariose nach der Lepra weltweit die zweithäufigste Ursache für dauerhafte Behinderungen und Langzeit-Invalidität. In den Tropen und Subtropen sind rund 120 Millionen Menschen mit der lymphatischen Filariose infiziert und 1,2 Milliarden Menschen sind dem Infektionsrisiko ausgesetzt. Die Krankheit kann Menschen jeden Alters befallen. Sowohl die lymphatische Filariose als auch die Onchozerkose sind dadurch gekennzeichnet, dass zwischen dem Stich des infi- zierten Insekts und der Entwicklung der adulten Würmer im menschlichen Körper eine lange Zeit vergeht, so dass Anzeichen und Symptome der Krankheit leicht falsch gedeu- tet werden können. Ziel der Pharmakotherapie ist es, die Parasiten im Körper zu eliminieren, die Erkran- kungsrate zu senken und Komplikationen vorzubeugen. Wenn die Krankheit früh erkannt und mit Anthelmintika der Azolgruppe behandelt wird, ist die Prognose gut. Im Rahmen der Global Alliance to Eliminate Lymphatic Filariasis (GAELF) sind seit 2000 in 37 Län- dern, in denen die Filariose endemisch ist, rund 80 Millionen Menschen, darunter 30 Mil- lionen Kinder, prophylaktisch behandelt worden. Der GAELF haben sich 80 Gesundheits- ministerien, zwei weltweit tätige Pharmaunternehmen, die WHO, die UNICEF und die Weltbank angeschlossen. Die Allianz hat sich zum Ziel gesetzt, die Krankheit bis 2020 vollständig auszurotten. Über die gesamte Dauer des GAELF-Programms werden die anti- parasitären Medikamente von Unternehmen als Spenden zur Verfügung gestellt. Im Falle der Flussblindheit haben neuere Studien die Eignung der Einmalgabe von Anthelmintika für groß angelegte Bekämpfungs- und Eliminierungsprogramme bestätigt. Im Dezember 2002 wurde das Onchocerciasis Control Programme (OCP) zur Ausrot- tung der Flussblindheit nach 28 Jahren offiziell abgeschlossen. In dieser Zeit sind in 11 westafrikanischen Ländern mehr als 250 Millionen Dosen Medikamente verteilt worden. Die WHO schätzt, dass auf diese Weise 9 Millionen Kindern, die seit 1974 geboren wur- den, die Erblindung erspart wurde, und dass mehr als eine Million Menschen geheilt wer- den konnten.
M E D I K A M E N T E I N E N T W I C K L U N G SL Ä N D E R N Mit dem OCP konnte die Übertragungsrate der Flussblindheit in den beteiligten 11 westafrikanischen Ländern erfolgreich minimiert werden. Die völlige Ausrottung der Krankheit ist hingegen nicht gelungen. Die vollständige Ausrottung ist nur möglich, wenn eine hohe anthelminthische Abdeckung während der gesamten Behandlungsdauer von mehreren Jahren aufrechterhalten werden kann und es in den betroffenen Regionen in dieser Zeit nicht zu einer Reinvasion durch infizierte Kriebelmücken kommt. Eine weitere Voraussetzung ist, dass die jeweilige Region von längeren politischen Unruhen verschont bleibt und die Versorgung mit Medikamenten sichergestellt ist. Da die Erreger bei häu- figerer Medikamentengabe möglicherweise resistent werden, sollte die Erforschung wei- terer sicherer und zuverlässiger Medikamente sowie erschwinglicher alternativer Eliminie- rungsstrategien Vorrang haben. 13 Derzeit laufen klinische Studien mit einer oralen Form eines anderen Anthelmintikums gegen die Flussblindheit. Die Verbindung wird schon seit vielen Jahren gegen Parasiten bei Tieren eingesetzt. Sollte sie sich auch beim Menschen als wirksam erweisen, hätte man eine weitere Alternative zu den bereits verfügbaren Medikamenten. Neuere For- schungsarbeiten zu Bakterien der Gattung Wolbachia, die als essentielle Endosymbionten in Fadenwürmern leben, eröffnen möglicherweise neue Wege zur Behandlung und even- tuell auch zur Eindämmung der lymphatischen Filariose wie auch der Onchozerkose. HIV/AIDS Infiltrat der Sklera des Auges bei Loa Loa Filariose Quelle: UNDP/Weltbank/WHO AIDS ist das Kürzel für Acquired Immunodeficiency Syndrome (Erworbenes Immundefi- zienz-Syndrom). Unter diesem Begriff sind eine Reihe von Symptomen zusammengefasst, die durch die Infektion mit dem sogenannten HI-Virus hervorgerufen werden, das 1981 erstmals identifiziert wurde. Die Infektion mit diesem Retrovirus führt zur Zerstörung des Immunsystems des Patienten – insbesondere einer bestimmten Gruppe von Blutkörper- chen, den T-Lymphozyten (T-Zellen). Mit dem Rückgang der Anzahl an T-Zellen steigt die Anfälligkeit des Körpers gegenüber infektiösen Erregern. Infektionen durch opportunisti- sche Erreger wie Candida spp., Mycobacterium tuberculosis, das Cytomegalievirus (CMV) und das Herpes simplex-Virus (HSV) können ebenfalls schwerwiegend und häufig sogar lebensbedrohlich werden. HIV/AIDS-Patienten haben ein erhöhtes Risiko für Tumoren wie das Kaposi-Sarkom und das Non-Hodgkin-Lymphom. Wenn die Infektionen überhand neh- men, führt dies meist zum Tod. Seitdem HIV/AIDS 1981 erstmals als Syndrom erkannt wurde, hat die Krankheit in Tei- len der Entwicklungsländer – insbesondere in den afrikanischen Ländern südlich der Sa- hara und in Südostasien – epidemische Ausmaße erreicht. Schätzungen der WHO zufolge haben sich seit 1980 weltweit 65 Millionen Menschen mit HIV infiziert, davon mehr als vier Millionen allein im Jahr 2005. Anfang 2003 prognostizierten Demographen der Ver- einten Nationen, dass es in den am stärksten von AIDS betroffenen Länder um 2050 zu einem deutlichen Geburtenrückgang kommen werde. Heute sind rund 20 chemisch unterschiedliche antiretrovirale Verbindungen zur Anwen- dung zugelassen. Je nach ihrer Wirkweise können die antiviralen Medikamente unterteilt werden in reverse Transkriptase-Inhibitoren (das Enzym reverse Transkriptase spielt eine zentrale Rolle für den Weg, auf dem das HIV sich verteilt, um neue Zellen zu infizieren), Protease-Inhibitoren (die dazu beitragen, für die Virusstruktur wichtige Entwicklungssta- dien zu blockieren), Fusionsinhibitoren und weitere Verbindungen, die verhindern, dass das Virus überhaupt in die T-Zellen eindringt, anstatt erst nach der Infektion die Replika- tion des Virus in der Zelle zu verhindern. Keines dieser Präparate ist jedoch in der Lage, das HIV im Körper zu eliminieren. Sie re- duzieren lediglich die Viruslast im Körper, bessern den Immunstatus und verzögern deut- lich das Auftreten schwererer Symptome. Das wesentliche Problem dieser Medikamente sind ihre Nebenwirkungen, komplizierte Einnahmeschemata und die Resistenzentwick- lung. Das HIV vermehrt sich sehr rasch, und es treten ständig neue resistente Formen auf. Diese extreme Wandlungsfähigkeit des Virus macht es auch schwierig, einen Impfstoff zu entwickeln, der eine Infektion verhindern könnte. Neuere Medikamente, die nur ein- oder
MEDIK AMENTE FÜR MENSCHEN HEUTE FORSCHEN, UM MORGEN ZU HEILEN zweimal täglich einzunehmen sind, sowie Kombinationspräparate, die zwei oder drei an- tivirale Wirkstoffe enthalten, fördern die Therapietreue und steigern damit die Wirksam- keit der Behandlung. Heute ist die Bandbreite der HIV/AIDS-Medikamente wesentlich größer und die Krank- heit lässt sich besser behandeln als vor zehn Jahren. Damit ist die Lebenserwartung nach Serokonversion von zwei bis drei Jahren im Jahre 1984 auf über 10 Jahre heute gestiegen. Sobald bei einem Patienten AIDS ausbricht, benötigt er Medikamente zur Behandlung von opportunistischen Infektionen und möglichen weiteren Komplikationen wie Krebs. Bei- spielsweise können bei 10–40 Prozent der AIDS-Patienten Cytomegalievirus-Augeninfektionen (Retinitis) auftreten. 14 Geforscht wird auch nach Medikamenten für die Kompli- kationen der fortgeschrittenen Phasen, wie beispielsweise Tyrosinkinase-Inhibitoren der Angiogenese zur Behandlung des Kaposi-Sarkoms. Ein weiterer Ansatz ist die Prüfung von Aminosäureanaloga auf ihre Wirksamkeit zur Linderung von schmerzhaften peripheren Neuropathien, die bei einer län- geren antiviralen Therapie auftreten können. Die Forschung arbeitet intensiv an der Entwicklung im- mer besserer Therapien für HIV/AIDS und die damit ein- hergehenden Komplikationen. Die derzeit in Entwicklung befindlichen Medikamente lassen sich in vier Gruppen ein- teilen: 1.) Neue antiviral wirksame Substanzen und deren Kombinationen, die das Andocken und die Vermehrung von HIV verhindern; 2.) Immunmodulatoren und Zytokine, die das Immunsystem von HIV/AIDS-Patienten stärken; 3.) Prä- parate für die Behandlung von opportunististischen Infek- tionen und anderen Komplikationen, die im fortgeschrit- tenen Stadium von AIDS auftreten, sowie 4.) Impfstoffe für die HIV/AIDS-Prävention und -Behandlung. Neue Ansätze umfassen als Integrase-Inhibitoren bezeichnete Medika- mente, die die Viruslast bei Patienten mit signifikanter HIV-Arzneimittelresistenz herab- setzen. Andere neue Verbindungen binden an ein Rezeptorprotein, das auf der Oberfläche der menschlichen Zellen auftritt und hindern das HIV daran, in die Zelle einzudringen. Zahlreiche Unternehmen arbeiten an der Entwicklung einer HIV/AIDS-Schutzimpfung oder eines therapeutischen HIV/AIDS-Impfstoffs, doch bis diese zur Verfügung stehen, wird es noch mehrere Jahre dauern. Ein Prinzip besteht aus einer Kombination sogenann- ter ‚Snippets’ der HIV-DNA mit einem Protein, das die Immunantwort stärkt. Leishmaniose Die Leishmaniose ist eine Protozoeninfektion, die von etwa 20 verschiedenen Leish- mania-Arten – intrazellulären Parasiten – verursacht werden kann und durch den Stich infizierter Sandfliegen verbreitet wird. Sandfliegen werden infiziert, wenn sie infizierte Tiere wie etwa Nager oder Hunde oder infizierte Menschen stechen. Die Leishmaniose kann auch durch Bluttransfusionen oder kontaminierte Nadeln übertragen werden. Es gibt verschiedene Formen der Krankheit: am häufigsten sind die kutane Form, die Haut- geschwüre verursacht, und die viszerale Form, die einige innere Organe des Körpers wie Milz, Leber und Knochenmark befällt. Die Inkubationszeit der kutanen Leishmaniose beträgt gewöhnlich einige Wochen, wäh- rend sich die viszerale Leishmaniose im Allgemeinen innerhalb einiger Monate nach dem Stich der Sandmücke entwickelt. Es gibt keinen Immunschutz: Menschen, die schon ein- mal eine Leishmaniose hatten, können sich erneut infizieren. Betroffene mit Hautleishma- niose haben ein oder mehrere Hautgeschwüre, deren Größe und Aussehen sich im Laufe der Zeit verändern können. Die Geschwüre können schmerzhaft oder schmerzlos sein. Pa- tienten mit Hautleishmaniose leiden an Fieber und Gewichtsabnahme und ihre Milz und
M E D I K A M E N T E I N E N T W I C K L U N G SL Ä N D E R N Leber sind vergrößert. Sie haben meist eine erniedrigte Anzahl an Blutkörperchen mit An- ämie, erniedrigter Zahl weißer Blutkörperchen und erniedrigter Zahl von Blutplättchen. Wenn die Leishmaniose nicht behandelt wird, kann sie einen schweren Verlauf neh- men. Die Geschwüre der Hautleishmaniose heilen von selbst wieder ab, was jedoch Mo- nate oder gar Jahre dauern kann. Eine in der Haut aufgetretene Infektion kann auf Nase oder Mund übergreifen und eine Schleimhautleishmaniose hervorrufen. Wenn die visze- rale Leishmaniose nicht behandelt wird, kann sie tödlich verlaufen. Leishmania-Arten sind in einigen Regionen von fast 90 Ländern anzutreffen. In diesen Gebieten leben etwa 350 Millionen Menschen. Die Umwelt- bedingungen, unter denen die Leishmaniose auftritt, reichen von Regenwäldern in Mittel- und Südamerika bis zu Wüsten 15 in Westasien. Menschen jeden Alters können sich infizieren, wenn sie in Regionen leben oder reisen, in denen die Leish- maniose vorkommt. Die Krankheit tritt in ländlichen Gebie- ten häufiger auf als in Städten. Die Zahl der jährlich neu auftretenden Fälle von Hautleish- maniose beträgt vermutlich etwa 1,5 Millionen und die der viszeralen Leishmaniose etwa 500.000. Experten gehen von etwa 80.000 Todesfällen pro Jahr aus, doch bei einer Epide- mie, wie Anfang der 1990er Jahre im Sudan, können die Zah- len in die Höhe schnellen. Weltweit sind etwa 12 Millionen Menschen infiziert. Mehr als 90 Prozent der weltweit auf- tretenden Fälle von viszeraler Leishmaniose sind in Indien, Bangladesh, Nepal, Sudan und Brasilien zu beobachten. Impfstoffe und Medikamente zur Vorbeugung gegen die Infektion stehen noch nicht zur Verfügung. Vorbeugende Maßnahmen zielen darauf ab, den Kontakt mit Sandfliegen zu vermeiden. Insektenschutzmittel (so genannte Repellents), geeignete Kleidung, die Ausstattung von Fenstern mit Mückenschutzgittern und feinmaschige Mückennetze um das Bett verringern die Exposition in endemischen Gebieten. Öffentliche Gesundheits- maßnahmen zur Eindämmung der Sandfliegenpopulation und der tierischen Reservoire sind ebenfalls wichtig. Antimonpräparate sind die wichtigsten Medikamente zur Behandlung der Leishmani- ose. Zu diesen Präparaten zählen Meglumin-Antimon und Stibogluconat-Natrium, die in- travenös verabreicht werden. Weitere geeignete Medikamente sind Pentamidin und lipo- somales Amphotericin B zur Behandlung der Schleimhautleishmaniose und der viszeralen Leishmaniose. Bei Patienten mit Haut- und Schleimhautleishmaniose können plastische Operationen erforderlich sein, um Entstellungen infolge von Gesichtsläsionen zu korrigie- ren. Bei arzneimittelresistenten Fällen von viszeraler Leishmaniose wird die Milz entfernt. Es wird dringend eine neue Behandlung für die viszerale Leishmaniose benötigt, weil die derzeit verfügbaren Medikamente entweder schwer handhabbar sind oder aufgrund von Resistenzen zunehmend wirkungslos werden. Mehrere Pharmaunternehmen führen bereits klinische Studien mit neuen Wirkstoffen durch. Die Drugs for Neglected Disease Initiative (Initiative für Medikamente gegen vernachlässigte Krankheiten) führt klinische Studien zur Erprobung einer dreiwöchigen intravenösen Behandlung der viszeralen Leish- maniose durch. Eine weitere Substanz wird oral verabreicht und hat bisher eine gute Wirksamkeit ge- zeigt. Die Studien deuten auch darauf hin, dass eine kürzere Behandlungsdauer möglich sein könnte – so dass etwa nur die Hälfte der bei den bisherigen Medikamenten erforder- lichen vier Wochen ausreichend wäre.
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