MITTEILUNGEN OSTERN 2014 - ENTDECKEN VERBORGENE RUDOLF STEINER SCHULE BERNER OBERLAND

 
MITTEILUNGEN OSTERN 2014 - ENTDECKEN VERBORGENE RUDOLF STEINER SCHULE BERNER OBERLAND
MITTEILUNGEN
OSTERN 2014

NEUES
VERBORGENE
KRÄFTE
ENTDECKEN

             RUDOLF STEINER SCHULE
             BERNER OBERLAND
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GESTERN
PÄDAGOGIK
Neues entdecken in Florenz      SEITE 2
Kunstgeschichte als Abbild      SEITE 6
Stimmen zum 8. Klass-Spiel      SEITE 8
Bildgalerie Oliver Twist        SEITE 11
Offene Türen
Auftakt mit Bernhard Pulver     SEITE 14

EIN MITTWOCH IM LEBEN VON...
Tanja Hiller                    SEITE 17

SCHÜLER
vis - à - vis                   SEITE 21

HEUTE
EHEMALIGE
                                            Impressum
Steinerschule - und was dann?   SEITE 22
                                            Herausgeber                         Auflage 1200 Ex.
ELTERN                                      Kollegium und Vereinigung
Die Entdeckung des Verborgenen SEITE 25    Rudolf Steiner Schule               31. Jahrgang, Nr. 127
                                            Berner Oberland
Ich verrate Euch ein Geheimnis SEITE 29    Astrastrasse 15                     Erscheinungsweise
                                            CH-3612 Steffisburg                 Vierteljährlich zu Michaeli,
                                                                                Weihnachten, Ostern und Johanni
                                            Beiträge und Artikel
VERÄNDERUNGEN                               Die Inhalte werden von den          Abonnementspreis
Neue Entdeckung                 SEITE 32   jeweiligen AutorInnen               Jahresabonnement Fr. 20.–,
                                            selbstverantwortet                  für Vereinsmitglieder gratis
Abschied nehmen                 SEITE 33
                                            Redaktion                           Bankverbindung
                                            Donath Aebi, Sonja Bärtschi,        PC 34-4839-5
BÜCHERTIPPS                                Matthias Giger, Gabriele
                                            Ortner-Rosshoff, Pascaline Rubin    Redaktionsschluss/Themen
Das Spielplatzbuch              SEITE 35   Rebecca Romano, Christian Wirz      1. März 2014 (Ostern)
Ungeborenheit                   SEITE 37   mitteilungen@steinerschulebo.ch
                                                                                Inserate
                                            Korrektorat                         Gabriele Ortner-Rosshoff
                                            Natalie Wacker                      c/0 Rudolf Steiner Schule
MORGEN
                                                                                Berner Oberland
Ankündigungen                   SEITE 38   Bildredaktion                       mitteilungen@steinerschulebo.ch
                                            Gabriele Ortner-Rosshoff
                                           info@bilder-spektrum.ch             1 Seite   121 x 180 mm Fr. 280.–
ZUKUNFT                                                                         ½ Seite   121 x 90 mm Fr. 150.–
                                            Fotos                               ¼ Seite   121 x 45 mm Fr. 80.–
Beschenkt werden und schenken SEITE 42     S. 8, 10-17, 22, 30-32, Titel und
                                            Rücktitel, Gabriele Ortner,         Layout
                                            S. 5, 7 Simon Bristle,              Gabriele Ortner-Rosshoff
ZEITLOS                                     S. 21, 26, 28 zVg                   www.bilder-spektrum.ch

INSERATE                        SEITE 43   Beilagen                            Druck
                                            Kulturfensterkarte                  Copyquick Thun
ADRESSEN                        SEITE 55
                                            Einzahlungsschein                   www.copyquick-thun.ch
FERIENORDNUNG                   SEITE 56
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editorial

Suche im Innern das Lichtvolle,
Und du findest die Welt;
Suche im Äußern das Sinnvolle,
Und du findest dich selbst.

			Rudolf Steiner

Liebe Leserinnen und liebe Leser

Am Ende seiner Lehr- und Wanderjahre erhält        In der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen
Wilhelm Meister einen Lehrbrief.                   begegnen wir täglich der Tatsache, dass die
                                                   Schülerinnen und Schüler zuerst einen „Boden“
Es ist darin das Folgende zu lesen:                brauchen, und sich mit einem Thema in künst-
                                                   lerischer Weise verbinden, um später darin
... Des echten Künstlers Lehre schließt den Sinn   selbständig „Neues“ zu entdecken. Es wird ein
auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat.    „Sinn“ aufgeschlossen, eine „Suchbewegung“ in
Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das      Gang gegesetzt und das Neue, das Unbekannte,
Unbekannte entwickeln und nähert sich dem          gewissermassen kommt dem Menschen aus der
Meister...                                         Zukunft entgegen.
            aus: Wilhelm Meister
            von Johann Wolfgang von Goethe         Dass dies so geschehen kann, entnehmen sie
                                                   den nachfolgenden Berichten der Zehntkläss-
                                                   ler/innen über ihre Florenzreise und den ande-
Solche Gedanken führen uns in schöner Weise        ren Artikeln.
zum Thema dieser Ausgabe „Neues entdecken“.
                                                   Nun wünschen wir Ihnen viel Freude beim Le-
                                                   sen dieser Mitteilungen und für die Frühlings-
                                                   und Osterzeit viele aufbauende und erneuernde
                                                   Kräfte!

                                                   Für die Schulgemeinschaft

                                                   Donath Aebi

                                                                                                1
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gestern - pädagogik

Neues entdecken in Florenz
Ein wichtiger Höhepunkt im zehnten             Bild oder einer Skulptur. Ein steter Wech-
Schuljahr ist die Kunstreise nach Florenz.     sel zwischen sich und dem Kunstwerk -
Es stellt sich für uns Lehrer/innen in jedem   ein Dialog entsteht. Durch die Tatsache,
Jahr erneut die Frage: Wie können wir die      dass alle Schüler zeichnen, entsteht ein
SchülerInnen zu echten Kunsterlebnissen        weiteres Gemeinschaftserlebnis.
hinführen? Gerade in einer Zeit, in der
„Wissen“ jederzeit durch einen einzigen        Die gemeinsamen Schulstunden am frü-
Knopfdruck, auf dem I-Phone zur Verfü-         hen Abend in der Unterkunft sind dazu
gung steht, spürt man deutlich, dass es        da, sich über das Erlebte auszutauschen,
auf einer Kunstreise nicht in erster Linie     die Erlebnisse in einem Buche zu notieren
um Wissensvermittlung gehen kann, son-         oder die Zeichnungen fertigzustellen.
dern dass wir Lehrer/innen es irgendwie
schaffen wollen, die Jugendlichen zu wirk-     Weil ja bekanntlich „Liebe durch den Ma-
lichen - echten Kunst-Erlebnissen hinzu-       gen geht“, ist das gemeinsame Abendes-
führen.                                        sen ebenfalls etwas Verbindendes. Ge-
                                               spräche, humorvolle Stimmung; man lernt
Ein nicht gerade leichtes Unterfangen,         die Schüler/innen beim Essen noch von
denn: So etwas kann man nicht „machen“,        einer ganz anderen Seite kennen – das
sondern wir Erwachsenen können nur Be-         Gleiche gilt natürlich auch für die Jugend-
dingungen schaffen, damit etwas in dieser      lichen; sie lernen die Lehrer/innen auch
Richtung möglich wird.                         anders kennen!

Wir haben es schon oft erlebt, dass gera-      Eine Besonderheit dieser Kunstreise war
de das Singen in den Kirchen am Morgen         auch, dass Jürg Voellmy das letzte Mal mit
und/oder Abend zu einer wertvollen Hilfe       dabei war.
werden kann.
                                               Wir danken ihm herzlich für die seit 25
Dieses „Einstimmen“ in die Gemeinschaft        Jahren durchgeführten Florenzreisen!
und in die Bauwerke ergibt einen Grund-
klang, der tief in der Seele über die ganze    Nun wollen wir die Schülerinnen und
Woche mitklingt.                               Schüler selbst zu Wort kommen lassen.

Im Zeichnen entsteht ein ganz anderes Er-      Donath. Aebi
lebnis. Jede/r für sich: Begegnung mit sich
selbst, mit dem Kunstwerk und mit seinen
Fähigkeiten. Mit den Augen ist man ganz
draussen – in der Architektur, bei einem
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gestern - pädagogik

Nachfolgend einige Zitate aus den Tage-      Als das grösste zusammenhängende Mo-
büchern der Schüler/innen mit deren Ein-     saik der Welt auf mich herunterschaute,
verständnis.                                 fühlte ich mich unbeschreiblich klein…
                                             Alle Aufmerksamkeit war auf den riesigen
Die Vorfreude auf Florenz war schon in       Christus gerichtet, welcher mich, egal wo
der Vorbereitungswoche sehr gross… Wir       ich stand, immer anschaute.
sind die Kunstwerke vom Goldgrund bis
zur freistehenden Skulptur „durchgegan-      Jeden Tag entdeckte man etwas Neues
gen“ und zum Schluss wieder zum Gold-        und begann sich immer mehr in die frühere
grund ins Battistero zurück gekehrt … Ich    Zeit zurückzuversetzen. Ich betrachtete
habe für die Woche einfach alles andere      die Bilder und Statuen mit anderen Augen.
abgeschaltet und mich nur auf „Florenz“      Man konnte über ihre Bedeutung rätseln,
konzentrieren können. Ich danke Ihnen        sich austauschen und die Entwicklung der
und allen anderen die dabei waren für die-   Künstler mitverfolgen.
se Hammerzeit.

Etwas vom Eindrücklichsten war die Ar-
chitektur und die immense Grösse des
Doms. An diesem, wie auch an der Gold-
kuppel des Battistero sieht man den enor-
men Reichtum und die Kunstfertigkeiten
der Renaissance. Mich haben die Kunst-
werke der verschiedenen Künstler alle be-
geistert. Am meisten haben mich aber die
Bildhauerarbeiten fasziniert. Ein schöner
Nebeneffekt war auch die gute Stimmung
in der Klasse. Es hat Spass gemacht ge-
meinsam Florenz zu entdecken.

In Florenz war ich sehr beeindruckt von
den Werken die wir sahen. Die Zeich-
nungen sind mir teils gelungen. Manchmal
war ich zu ungeduldig. Die Akustik-Proben
haben mir sehr gefallen und sie tönten wie
Engelsgesang.

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gestern - pädagogik

Ich finde, in dieser Florenzwoche hab        Ende der Woche kamen wir dann zu den
ich sehr viel Neues gelernt und wir ha-      Skulpturen von Michelangelo aus der Re-
ben einen kleinen Einblick in die Welt der   naissance. Dass wir den Bogen schlos-
Kunst bekommen… Das schmackhafte             sen, als wir noch einmal ins Battistero
Abendessen und der Kaffeeautomat in          gingen und sangen, fand ich sehr schön,
der Pension komplettierten diese mehr als    passend und vor allem sehr spannend. Ich
gelungene Klassenfahrt. Und wie schon        konnte sehr gut nachvollziehen, was die-
geschrieben: jederzeit gerne wieder!         se Menschen für eine Entwicklung durch-
                                             machten und durchlebten… Auch fand ich
Die Woche in Florenz war sehr lehrreich      den Tagesablauf sehr passend… Ich finde
und spannend. Wir besuchten verschie-        es sehr schön, dass wir nicht ein norma-
dene Museen und Archive… Mir gefiel das      les Heft gestaltet haben. Es ist eine tolle
Battistero sehr gut. Wenn man nach oben      Erinnerung an Florenz. Für mich persön-
blickte, sah man eine goldene Decke mit      lich bildete die Accademia mit dem David
sieben verschiedenen Himmels-Sphären.        und den Sklaven das Highlight der Wo-
In den Museen, die wir besuchten (z.B.       che. Diese Sklaven finde ich sehr beein-
Casa Buonarotti), zeichneten wir Skulp-      druckend. Sie gefallen mir sehr. Auch den
turen von Michelangelo ab, aber auch in      David finde ich wirklich beeindruckend…
den jeweils verschiedenen Kirchen zeich-     Diese Reise werde ich niemals vergessen.
neten wir Bilder. Was ich noch spannend
fand: wir sangen in jeder Kirche. Im Ver-
lauf der Woche führten wir ein Florenz-
tagebuch, in das wir Bildbeschreibungen
hinein schrieben und Kirchen, Statuen
oder Bilder zeichneten.

Die Basilika „San Miniato al Monte“ steht
auf einem Hügel, umgeben von Bäumen
und einem Kloster… Mein Blick wanderte
sofort zum goldenen Altar, am Ende des
Mittelganges… Wir sangen Lieder, die
wunderbar geklungen haben. In der Kup-
pel der Apsis ist der heilige Christus als
Mosaik dargestellt.

Zu Beginn schauten wir verschiedene
Kunstwerke aus dem Mittelalter an. Am
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gestern - pädagogik

Die ganze Epoche hat mir sehr gut gefal-
len und war sehr begeisternd für mich. Ich
werde in einigen Jahren Florenz noch ein-
mal besuchen.

Ich habe eintauchen können in die Fas-
zination der Kunst. Jede einzelne Kirche
und alle Bauwerke fand ich sehr interes-
sant und ich staunte jedes Mal, wenn
ich die Malereien und die verschiedenen
Skulpturen betrachtete…

Ich genoss die Zeit in den Kirchen, im
Turm neben dem Battistero und natürlich
auch als ich durch die vielen Strassen und
die Gassen von Florenz lief.

Besonders schön fand ich die Abende, die
immer mit Gesang und italienischen Lie-
dern zu Ende gingen.

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gestern - pädagogik

Kunstgeschichte als Abbild der Entwick-
lung innerer Bewusstseinsstufen
„Es gibt Namen, die etwas von einer Zauberformel in sich tragen.

Man spricht sie aus und wie der Prinz aus tausendundeiner Nacht
fühlt man sich vom Boden der Erde in die Wolken erhoben.

Nichts bestimmtes, keine einzelnen Gestalten erblicken wir.

Aber: Wolkenzüge aus herrlichen Menschenscharen gebildet –
sie ziehen am Himmel hin, und – ein Hauch berührt uns,
der wie der erst laue Wind im Jahre mitten im Schnee
den Frühling schon zu gewähren scheint.“

Hermann Grimm

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gestern - pädagogik

25 Jahre Florenz                            Madrigale

An dieser Stelle möchte ich allen danken,   Come può esser ch‘io non sia più mio?
auch durch den nachfolgenden Text, mit      O Dio, o Dio, o Dio … !
dem Gedicht Michelangelos, das uns be-      Chi m’ha tolto a me steso,
gleitet hat.                                Ch’a me fosse più potessi, che possio?
                                            O Dio, o Dio, o Dio …!
Ich will danken insbesondere den Schü-      Come m’passe il cuore
lern, dann den Kollegen und denjenigen,     Chi non par che mi occhi?
die durch Spenden unser Kunstprojekt im-    Che cos’é queste – Amore …
mer wieder ermöglicht haben.                Ch’al cuore entra per gli occhi
                                            Per poco spazio dentro par che cresca?
Sehr dankbar bin ich, dass Donath Aebi      E s’avvien che trabocchi.
und Magali Kniel den Impuls mit Begeis-
terung weitertragen.                        Michelangelo Buonarotti, 1511

Jürg Voellmy

                                            Übersetzung von Jürg Voellmy:

                                            Wie kann es sein, dass ich mich selbst
                                            verlor?
                                            Mein Gott, mein Gott, mein Gott!
                                            Wer hat mich mir genommen?
                                            Der, näher meiner selbst,
                                            Mehr vermöchte über mich, als ich?
                                            Mein Gott, mein Gott, mein Gott …!
                                            Was durchdringt mich jetzt,
                                            Wie lebt es mir im Herzen?
                                            Oh, kann das Liebe sein –
                                            Die eintritt durch das Auge:
                                            Und innen wächst im Herzensraum?
                                            Was wird wohl, wenn’s nach aussen
                                            bricht.

                                            Michealangelo Buonarotti, 1511

                                                                                     7
gestern - 8. klass-spiel

Stimmen nach dem 8. Klass-Theater
„Oliver Twist“
Eindrücke und Schilderungen von Schü-          Wir probten nach Weihnachten möglichst
lern zur Arbeit am Klassenspiel „Oliver        ohne Buch, damit wir spielen konnten.
Twist“ und zu den Aufführungen                 Ich war immer kurz vor meinen Auftritten
                                               nervös.                              Kai

                                               Ich konnte mich gut in meine Rollen ver-
                                               setzen. Zuerst verstand ich den Charak-
                                               ter des „Monks“ nicht. Mit der Zeit begann
                                               ich den „Monks“ zu verstehen. Am Anfang
                                               fand ich es schwierig, anders als Noé auf
                                               der Bühne zu stehen.                   Noé

                                               Als wir das Theaterheft bekamen, begann
Als ich den Text meiner Rollen mit der Far-    für mich die Theaterarbeit. Wir haben
be angestrichen hatte, bekam ich das Ge-       uns intensiv mit dem Inhalt auseinander-
fühl, dass ich in die Gestalt hineinwachse.    gesetzt.                            Miro
                                      Luca
                                               Die Texte lernte ich, indem ich sie oft durch-
Ich fühlte mich bei den Aufführungen           las und wir zusammen übten. Dies war für
super auf der Bühne, jedoch vor                mich ziemlich einfach, da ich mir schnell
den Auftritten war ich sehr nervös.            etwas merken kann. Die Probezeit war
                              Jeremy           zwar sehr anstrengend und kräfteraubend,
                                               doch es war eine sehr schöne Erfahrung.
Also am Anfang haben wir es nur ab                                                      Livia
und zu gelesen. Erst nach den Herbst-
ferien sind wir so richtig dran gegangen.      Ich habe durch das Spiel gelernt, selbst-
                                    Devis      bewusster zu sein, sich noch mehr zu
                                               trauen. Denn das macht es aus, auf der
Die Probezeit war für mich witzig und schön,   Bühne kräftig da zu stehen und ohne Hem-
so mit der ganzen Klasse etwas zu machen       mungen etwas laut und deutlich zu sagen.
.                                     Tomek    .                                 Romina

Unsere Theaterarbeit begann im The-            Ich konnte mich recht gut in die Rolle des
aterlager, als wir unsere Rollen be-           Olivers hineingeben. Bei Mrs. Sowerberry
kamen.     Meine   Sicherheit  wuchs           war es eine kleine Herausforderung, die
mit der Wiederholung der Szenen.               ich aber, glaube ich, gut gemeistert habe.
                                Said           Ich fand es mühsam und anstren-
8
gestern - 8. klass-spiel

gend, wenn Mitschüler ihre Texte nicht           Für mich begann das Theater als ich
konnten. Doch als alle ihre Texte be-            das erste Mal hier in die Schule gekom-
herrschten, fand ich es lustig und toll.         men war. Jeder hat von „Oliver Twist“
                                  Anna           gesprochen, und ich musste mich erst
                                                 erkundigen, was das ist, bevor ich mitre-
Die Texte las ich einfach ein paar Mal           den konnte. Die ganzen Probearbeiten
durch, übte vor dem Spiegel, lernte die          empfand ich als eine sehr schöne Zeit.
Texte morgens im Bus. Die Probezeit war          Wir konnten an einem grossen Projekt
anstrengend, je nachdem auch ein wenig           arbeiten und es zusammen lustig haben.
langweilig. Aber immer war es eine Freu-                                         Angelina
de, zu sehen, was wir gearbeitet hatten.
                                   Mattea        Ich fühlte mich sehr sicher im 8. Bild als
                                                 Mr. Bumble und in der anderen Beset-
Ich verband mich mit meinen Rollen, indem        zung als Mrs. Bumble. Ich habe gelernt,
ich mir Fagin und danach Mrs. Bedwin bis         dass man mehr aus sich heraus kom-
ins Detail ausgemalt und erfunden hatte.         men kann, als man eigentlich glaubt.
Ich habe mir zum Beispiel überlegt, wie die                                       Kayleen
jeweilige Gestalt isst, schreibt oder schläft.
Viele Proben kamen mir überflüssig vor.          Die ganzen Proben waren für mich sehr
Etwas mehr Kritik oder Verbesserungsvor-         anstrengend, witzig, aber auch ernst. Das
schläge wären hilfreich gewesen. Mit der         Wiederholen der Szenen hatte ich nicht so
Zeit fielen wir dann so ein bisschen in ei-      gerne.Bevor die Aufführung jeweils begon-
nen Trott, was einem leicht die Spielfreude      nen hat, war ich sehr aufgeregt. Doch als
rauben konnte.			                        Zoé     ich dann auf der Bühne stand und meinen
                                                 Text sprach, war die Aufregung einfach
Ich versetzte mich in meine Rolle als Fa-        weg.                              Jeanine
gin, indem ich mir vorstellte, wie eine alter
Mann geht, sitzt, aufsteht usw. Wenn man         Meine Sicherheit wuchs als ich den Text
ältere Menschen kennt, beginnt man zu            gut konnte und dadurch auf mein Ge-
achten, wie sie sich bewegen. Das richtige       genüber achten konnte. Es ging besser
Hineinversetzen kam dann, als wir anfin-         mit dem Text, als wir spielten. Wenn ich
gen, Szenen zu üben und mit den Ko-              ihn alleine übte, war es schwieriger. Ich
stümen zu arbeiten. Meinen eigenen Text          habe gelernt, in verschiedene Rollen zu
konnte ich eigentlich erst gegen Schluss         schlüpfen ohne einen Riesenaufwand.
richtig. Den Text der andern, mit welchen                                        Pascalle
ich spielen musste lernte ich viel schneller
und besser.                         Jessica
                                                                                             9
gestern - 8. klass-spiel

                           Voller Dankbarkeit blicke ich auf die in-
                           tensive Zeit mit den Jugendlichen zurück
                           und auf die wunderbare Zusammenar-
                           beit mit Edith Brügger, welche sich der
                           reichen Kostüme angenommen hat, mit
                           Donath Aebi, welcher die mitreissenden
                           Lieder einstudiert und mit den Schülern
                           und Schülerinnen zusammen mit Eltern
                           das wunderbare Bühnenbild gestaltet hat.
                           Daniela Steger hat die Tänze einstudiert
                           und Magali Kniel die stimmungsvollen Pla-
                           kate mit den Jugendlichen gestaltet. Auch
                           diesen beiden einen herzlichen Dank. Im
                           Hintergrund haben noch hundert unsicht-
                           bare Helfer mitgewirkt. Ohne ein solches
                           Zusammenstehen wäre ein solches Unter-
                           nehmen nicht möglich.

                           Magdalena Reinhard

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gestern - 8. klass-spiel

Bildgalerie
				Oliver Twist

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gestern - 8. klass-spiel

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gestern - 8. klass-spiel

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gestern - Tage der offenen Türen

Bernhard Pulver plädiert für Vielfalt
und Freiräume
Erziehungsdirektor Bernhard Pulver zu       Da seien reglementierte, obligatorische
Gast an der Auftaktveranstaltung zu den     Lehrmittel, zentralistisch formulierte Prü-
diesjährigen Offenen Türen der Rudolf       fungen und Vorgaben kontraproduktiv
Steiner Schulen im Kanton Bern und So-      und nicht geeignet, Chancengleichheit
lothurn                                     zu sichern. Es gehe darum, Herausfor-
                                            derungen und Fragen aus verschiedenen
Ein sichtlich frohgestimmter Erziehungs-    Blickwinkeln zu betrachten (hier verwies
direktor eröffnete am 22. Januar die Im-    er augenzwinkernd auf Mani Matter) und
pulsveranstaltung zum Auftakt der dies-     dabei zu wissen, dass es auch in der Pä-
jährigen Offenen Türen der Rudolf Steiner   dagogik nicht einen einzigen Königsweg
Schulen im Kanton Bern und Solothurn.       gäbe; vielmehr müsse das Kind als wer-
Offene Türen seien in der Pädagogik wie     dender, sich entwickelnder und in Bezie-
in der Politik vonnöten, meinte Regie-      hung stehender Mensch im Zentrum ste-
rungsrat Bernhard Pulver und erläuterte     hen. Es müsse heute darum gehen, als
dem Publikum offen und engagiert seine      Schule an einem bestimmten Standort mit
Haltung zur aktuellen Bildungssituation.    einem bestimmten Lehrkörper einen Ent-
Dabei offenbarte er seine zutiefst men-     wicklungsweg zu gehen und den Dialog zu
schenfreundliche Haltung und Überzeu-       folgenden Fragen zu eröffnen:
gung, indem er vom erkennenden, sich
seine subjektive Wirklichkeit fortlaufend   Welche Haltung haben wir? Welche Ziele
konstruierenden Menschen sprach - einem     streben wir an? Mit welchen Mitteln wollen
Menschen, der Freiräume brauche, um         wir diese Ziele erreichen? Sollen wir mu-
sich zu entwickeln, einem Menschen, der     sische oder künstlerische oder naturbezo-
Impulse benötige, um seine einmalige Be-    gene oder handlungsorientierte Schwer-
stimmung zu entfalten, einem Menschen,      punkte setzen? Wollen wir in Epochen
der denken, erkennen und gestalten kann,    unterrichten? Bernhard Pulver wünscht
darf und soll.                              sich Lehrpersonen, die die Inhalte, die
                                            sie vermitteln, durchdringen und verin-
                                            nerlichen, die Feuer entfachen, wünscht
                                            sich, dass jedes Kind einige Male in seiner
                                            Schulzeit etwas von diesem Feuer erleben
                                            darf – erfahren darf, wie jemand begeis-
                                            tert, ansteckt… und damit die Lust genährt
                                            wird, das eigene innere Feuer zu suchen.
                                            Schule darf nicht zu einem Ort werden,
                                            der Schülerinnen und Schüler abfüllt,
                                            sondern soll ein Ort sein, an dem Bezie-
14
Gestern - Tage der offenen türen

hungen gelebt und gepflegt werden. Dabei       viduell gestaltet, auf die Lerngemeinschaft
betonte Regierungsrat Pulver die Wichtig-      angepasst werden)?
keit des Beziehungsdreieckes Lehrperson
– Schülerin/Schüler und Eltern. Er räumte
ein, dass er, wenn er derart argumentiere,
nicht nur in politischen Diskussionen, son-
dern auch in Diskussionen in der Erzie-
hungsdirektorenkonferenz schnell gefragt
werde, ob er denn Wildwuchs wolle. Ist
das denn Wildwuchs, wenn Kompetenzen
als Richtwerte angegeben werden, die
Wahl und Ausgestaltung des Weges zu
diesen Kompetenzen aber der Lehrperson
oder einem Kollegium offen bleibe? Es          Warum entwickeln Schulen, die in Engpäs-
gehe darum, Mischwälder, Vielfalt zu pfle-     se geraten – entweder finanziell oder weil
gen statt Monokulturen, Gleichschaltung        ihnen die Schülerzahlen zurückgehen –
anzustreben. Das Wichtigste sei doch die       plötzlich ganz spannende, neue Projekte,
Lehrperson; interessant sei ja, dass oft       die gelingen und viel Zufriedenheit aus-
jene Projekte erfolgreich seien, die von       lösen? Was sind Gelingensbedingungen
Schulen und Eltern freiwillig entwickelt       für eine lebendige, bewegte Schule? Wie
und getragen wurden.                           müssen die Rahmenbedingungen sein,
                                               damit Vielfalt möglich ist und Freiräume
Auch im anschliessenden Podiumsge-             entstehen, die genutzt werden? Wenn die
spräch mit Lehrkräften und Schulleitenden      kurz abgefassten Lernziele der 70er Jahre
aus staatlichen Schulen und Steinerschu-       den 572 Kompetenzen des Lehrplanes 21
len wurde der von Bernhard Pulver ange-        gegenübergestellt werden - ist das nicht
legte pädagogische Dialog offen, ehrlich       ein Widerspruch zum Wunsch nach Viel-
und selbstkritisch weitergeführt. Es ging in   falt? Hier erwiederte Erziehungsdirektor
keiner Weise darum darzustellen, welche        Pulver, dass der Lehrplan 21 noch abge-
Schule nun besser sei, sondern gemein-         speckt werden könne. Würden die Vor-
sam zu fragen und zu suchen. Kann es           schläge, wie man zu diesen Kompetenzen
sein, dass die Steinerschulen einen Vorteil    gelange, weggelassen, wäre dieser rank
haben, weil ein gemeinsamer Wertedis-          und schlank.
kurs als Fundament da ist und weil sich
Lehrkräfte und Eltern für eine Richtung,       Bildet nicht erst das eigene Erarbeiten,
eine Haltung entschieden haben (deren          Ringen und Verbinden mit Inhalten die Vo-
inhaltliche Wege von jeder Lehrkraft indi-     raussetzung, Verantwortung zu überneh-
                                                                                         15
Gestern - Tage der offenen türen

men und als lebendiger, ganzer Mensch          Dank an die Mitwirkenden
mit den Kindern unterwegs zu sein? Bern-
hard Pulver betonte, dass gerade bei           Eingeladen zum Podiumsgespräch mit
diesen und anderen Fragen, die Privat-         Erziehungsdirektor Bernhard Pulver hat-
schulen eine wichtige Anregung und Er-         te die Interessengemeinschaft der Rudolf
gänzung in der Schullandschaft seien, die      Steiner Schulen (IGRSS) des Kantons
er sich nicht wegdenken möchte. Er strebt      Bern. In ihrem Namen konnte Bruno Va-
ein Ende der vielen Umstrukturierungen         noni im Kongresshotel Ador in Bern rund
an – er will in nächster Zeit keine neuen      180 Interessierte begrüssen.
Reformprojekte lancieren, ausser dass die
Zukunft Raum bieten müsse, um Schule           Am Podiumsgespräch mit Bernhard Pulver
zu entwickeln, den pädagogischen Dialog        wirkten mit: Rahel Ott und Richard Begbie
zu entfalten. Dass die Ausbildung zukünf-      aus der Rudolf Steiner Schule Bern Ittigen
tiger Lehrpersonen auf diese Freiräume,        Langnau, Martin Bertschi, Schulleiter Pri-
auf Vielfalt, Dialog mit Eltern und im Team,   marschule Hessgut Liebefeld, und Ruth
Wertediskurs, auf Fragen zum Menschen-         Bigler, die als Lehrerin einen städtischen
bild vorbereiten müsse, ist zwingend.          Kindergarten führt und die Freie Pädago-
                                               gische Vereinigung (FPV) des Kantons
Ob die Bernerinnen und Berner wissen,          Bern präsidiert. Geleitet wurde das Ge-
welch ein Glück sie haben, dass sie mit        spräch von Christian Frey, Schulleiter in
diesem visionären, feurigen und authen-        Burgdorf und Präsident des dortigen Stei-
tischen Erziehungsdirektor eine Schule         ner-Kindergartenvereins. Ihm sei für seine
der Zukunft entwickeln, denken und ge-         originelle, sach- und fachkundige Modera-
stalten dürfen, deren Fundament Vertrau-       tion ganz besonders gedankt!
en heisst?
                                               Weitere Informationen:
Cornelia Crugnola, Vechigen/Boll
                                               - zur IG Steinerschulen Kanton Bern und
(Schulmutter in der Steinerschule in It-       den angeschlossenen Schulen:
tigen, Dozentin IHP/PH Bern, Superviso-
rin, Coach BSO)                                www.steinerschulen-regionbern.ch

                                               - zur Freien Pädagogischen Vereinigung
                                               FPV des Kantons Bern:

                                               www.fpv.ch

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ein mittwoch im leben von...

Ein Mittwoch im Leben von
Tanja Hiller

                                                      17
Ein Mittwoch im lEben von...

Sag es mir und ich werde es vergessen,              süsslichen Duft der Aprikose und beob-
Zeig es mir und ich werde es vielleicht behalten,   achten die Bienen beim Nektarsammeln.
Lasse es mich tun, und ich werde es können.
                                                    „U lueg Frau Hiller hi liegt e gringlete
Johann Wolfgang von Goethe                          Schuhebändel.“

Um 5.15 Uhr beginne ich den Morgen.                 Das Kind entdeckte einen dicken Regen-
                                                    wurm auf der Strasse, vorsichtig und mit
Ich lasse mir Zeit um zu frühstücken, oft           viel Liebe tragen wir jeweils die Würmer
reicht es noch für kleine Hausarbeiten, die         in das Gras.
ich in der Früh erledigen kann.
                                                    Inzwischen ist es 8.30 Uhr und wir sind
Noch ein Blick auf das vorbereitete Kinder-         wieder zurück im Kindergarten. Ich helfe
gartenprogramm und um 6.20 Uhr gehe ich             den Kindern aus der Jacke und wenn alle
auf den Zug.                                        soweit sind, versammeln wir uns in der
                                                    Mitte des Raumes, für unseren Reigen.
Die ersten Begegnungen habe ich mit den             Es handelt sich dabei um eine Kompositi-
Schülern im Bus nach Steffisburg. Sie er-           on mit ausgewählten Liedern und Reimen
zählen mir manchmal von ihren Plänen. In            der Jahreszeiten. Diese werden mit Bewe-
der Schule angekommen, gehe ich zuerst              gungen unmittelbar erlebbar gemacht. Im
in das Lehrerzimmer und tausche mich mit            Mittelpunkt sind allerlei Bewegungsquali-
den Lehrer-Kollegen kurz aus. Auch Pas-             täten wie leicht/schwer, auf Zehenspitzen/
caline Rubin begrüsse ich noch kurz und             ganze Füsse, hüpfend/kriechend, grob-
gehe dann zum Kindergarten.                         motorisch/feinmotorisch. Bedeutsam sind
                                                    aber auch die Dynamik schnell/langsam,
Vor dem Rosenhof warten schon die ers-              laut/leise und räumliche Dimensionen,
ten Eltern mit ihren Kindern. Es ist nun            also oben/unten, hinten/vorne, Drehung
7.50 Uhr und alle Kinder sind eingetrof-            im Kreis/um sich selber. Einige können
fen. Wir begrüssen uns und machen uns               schon den Text an ein paar Stellen mit-
startbereit für einen Spaziergang. Wir spa-         sprechen, je nach Alter wird auf eine be-
zieren singend oder plaudernd fröhlich bis          stimmte Lieblingsstelle hingefiebert oder
zum Feldweg, wo wir lachend über und in             verträumt zugeschaut.
die Regenpfützen springen. „Das macht so
viel Spass, denn das Wasser spritzt bis an          Anschliessend dürfen die Kinder ins Frei-
die Nas!“ Einige Kinder sind weit voraus            spiel gehen. Sie spielen und sammeln
gesprungen, andere betrachten die wun-              Schätze, aus denen sie ihr ganzes Leben
derschönen Blüten, riechen den feinen               lang schöpfen können.
18
ein mittwoch im leben von...

Während des Spielens decke ich mit ein        Um 12.00 Uhr läuten die Glocken und ich
paar älteren Kindern den Znünitisch. Sie      verabschiede die Kinder. Ein schöner Mor-
zählen die richtige Anzahl der Stühle ab,     gen ist zu Ende. Noch kurz den Kindergar-
holen Schälchen und Teller.                   ten in Ordnung bringen und schon geht es
                                              mit meiner Turntasche und der Zmittagbox
Ein paar Kinder helfen mir Äpfel und Rüe-     in das Schulhaus. Die 2./3. Klasse war-
bli zu schneiden. Mittlerweile knurrt uns     tet auf mich. Alle sind hungrig und etwas
allen schon tüchtig der Magen und wir set-    müde von dem vielseitigen Morgen. Ge-
zen uns an den Tisch. Die Kerzen werden       meinsam nehmen wir unser Mittagessen
angezündet und wir lassen es uns schme-       ein und gehen anschliessend in die 15 Mi-
cken. Eine gemütliche Runde mit einem         nuten entfernte Turnhalle.
plaudernden Austausch.
                                              Im „Spielturnen“ haben die Kinder viel-
Mit dem kurzen Reim „Es ist soweit, es ist    fältige Möglichkeiten, ihre Bewegungsfä-
Aufräumzeit“ läute ich jene Phase ein, in     higkeit auszuprobieren. Viele kleine und
der wir alle miteinander überall Ordnung      grösse Geräte werden entdeckt. Balan-
machen und die gebrauchten Sachen wie-        cieren über Wassergräben, Seilspringen,
der an den gewohnten Ort bringen.             Kreis- und Fangspiele und, nicht zu ver-
                                              gessen, die so wichtigen Rollenspiele.
Bevor wir nach draussen gehen, zeichnen       Sie alle schulen das Gleichgewichtsemp-
wir in unsere Hefte ein Stimmungsbild.        finden, die Körperkoordination und be-
                                              sonders die sozialen Kompetenzen der
Dann geht es bei Wind und Wetter hinaus       Spielenden. Denn „verlieren können“ ist
in den Garten. Während des Anziehens          ebenso wichtig, wie „siegen wollen“ oder
fragt mich ein Kind: „Brauchen wir heute      seine persönlichen Ambitionen einem ge-
Gummistiefel?“ „Nein heute nicht: uff zum     meinsamen Ziel unterordnen zu können.
Glück nicht!“ „Ja, es scheint ja die Sonne
und vielleicht regnet es ja hinten. Wenn es   Um 14.30 Uhr sind wir wieder zurück im
so ist, spiele ich vorn im Garten!“           Schulhaus und ich verabschiede die Kin-
                                              der.
Im Garten warten viele Bewegungs- und
Spielmöglichkeiten auf die Kinder. Da wird    Einmal im Monat erzähle ich im „Forum“ in
geklettert, im Sand gebaut. Gerne helfen      der Oberen Hauptgasse in Thun Märchen.
mir die Kinder auch bei der Gartenarbeit.     Das heisst, direkt nach der Turnstunde
lockern die Erde oder wir säen kleine Sa-     nehme ich den Bus und meine Märchen-
men aus, rechen Laub, sammeln Steine          figuren, um mich dort in einem Raum ein-
ein oder wischen den Hof.                     zurichten.
                                                                                        19
ein mittwoch im leben von...

Gerne erinnere ich mich an meine Kind-
heit, als mein Grossvater mir Geschichten
erzählt oder vorgelesen hat. Vielleicht lese
ich den Kindern deshalb heute besonders
gerne Geschichten vor, zeige ihnen Bilder-
bücher oder erzähle ihnen Märchen.

Mit meinem Figurentheater voller Poesie
und Humor möchte ich mich in die Herzen
der Zuschauer spielen und Kreativität und
Empathie bei den kleinen und grossen
Zuschauern erwecken. Sämtliche Requi-
siten, die ich für die Märchenbühne brau-
che, entstehen aus meinen Händen. Vor
allem meine Liebe zur Sprache, zum Sin-
gen und zum Inszenieren kann ich dabei
ausleben. Auch das Filzen der Tiere und
der Figuren machen mir sehr viel Freude.

Nach einem vielseitigen, erfüllten und
bewegten Tag komme ich zu Hause an,
streife durch den Garten und lasse meine
Seele in der Hängematte baumeln. An-
schliessend setze ich mich an den Tisch,
um die Vor- und Nachbereitung des Un-
terrichts zu gestalten. Gemeinsam mit
meinem Partner lasse ich den Abend aus-
klingen.

Tanja Hiller

20
Schüler - vis - à - vis

vis - à - vis
Name: Alessia Holzer                          Was für ein Stück spielt ihr und was für
Alter: 15 Jahre                               eine Rolle hast du?
Klasse: 9
Hobby: Theater spielen                        Wir spielen das Stück „Choleseck u Siu-
                                              berpsteck “ und ich spiele ein freches, jun-
Warum spielst du gerne Theater?               ges Mädchen.

Ich finde es cool, dass man sich in eine      Wir wünschen dir viel Spass bei deiner
andere Rolle hinein versetzen kann. Das       ersten Aufführung und drücken dir na-
Interesse am Theaterspielen entdeckte         türlich ganz fest die Daumen.
ich bei unserem 8.Klass-Spiel „Das Haus
der Temperamente“.

Wie bist du auf das Theaterspielen ge-
kommen?

Während eines Theaterbesuches mit der
Schule im Theater „ Alte Oele Thun“ wurde
ich von Herrn Rudin, einem Schauspieler/
Regisseur, aus dem Publikum angespro-
chen. Er suchte noch eine Schauspielerin
für eine offene Rolle. Ich meldete mich bei
ihm und bekam die Rolle.

Wie oft probt ihr?

Die Proben sind immer am Donnerstag und
manchmal auch am Samstag. Auf Grund
meiner eher kleineren Rollen muss ich
aber nicht an jeder Probe anwesend sein.
Vor kurzem hatten wir auch ein Theater-
wochenende, an dem wir das ganze Wo-
chenende durch geprobt haben.

                                                                                            21
heute - ehemalige

Steinerschule und was dann?

22
heute - ehemalige

„Da schaff ig de mal“ sagte Donata als        spieler und Tänzer kennengelernt, die mir
kleines Kind anlässlich eines Spazier-        in Gesprächen nahe gelegt haben, erst
ganges in Interlaken beim Anblick des         einmal eine solide Ausbildung zu machen.
großen Grand Hotels Viktoria-Jungfrau In-
terlaken zu ihren Eltern.                     So bewarb ich mich mit nur einer einzigen
                                              Bewerbung beim Grand Hotel Viktoria-
Heute, 20 Jahre später, blickt Donata nicht   Jungfrau in Interlaken. Meine Eltern wa-
nur auf eine geborgene Kindheit im Kin-       ren darüber überhaupt nicht begeistert,
dergarten in Spiez und eine anregende         alles auf eine Karte zu setzen. Jedoch,
Schulzeit, später in Steffisburg an der       nach einem Auswahlverfahren und zwei
Rudolf Steiner Schule Berner Oberland         Schnupperwochen bekam ich einen Aus-
zurück,- heute arbeitet sie im Büro für Re-   bildungsplatz als Hotelfachfrau. Dass ich
servation des Grand Hotels Bellevue Pa-       gar kein Notenzeugnis lieferte, hat sie
lace in Bern.                                 wohl erst ein wenig irritiert, aber ich glau-
                                              be, sie haben mehr beobachtet, wie ich
„Nach dem ersten Schuljahr zog die ganze      mich in den zwei Schnupperwochen ein-
Schule von Spiez nach Steffisburg. Es war     gesetzt habe.
ein gewaltiger Wechsel vom ehemaligen
„Hotel Erika“ mit den heimeligen, alten,      Den Beruf Hotelfachfrau hatte mir die
gemütlichen Räumen als Klassenzimmer          Tochter des Bauern, bei dem ich das
nach Steffisburg in die neuen modernen        Landwirtschaftspraktikum  im   Tessin
Klassenzimmer, die uns so gross erschie-      machte, schmackhaft gemacht.
nen. Zum Glück waren die Wände farbig,
das gab etwas Wärme.“ Donatas Klasse          Die Ausbildung war total interessant, ich
hatte diverse Lehrerwechsel zu verkraf-       durchlief fast alle Abteilungen. Zwei Mal
ten. „Das hat uns allerdings zusammenge-      im Jahr gab es einen 5-wöchigen Theorie-
schweisst und als Arno Reichert uns in der    block, dazu musste man im Internat woh-
6. Klasse übernahm, musste er uns erst        nen um sich ganz aufs Lernen zu konzen-
einmal bändigen und Strukturen wieder         trieren. In meiner Abschlussarbeit konnte
neu beibringen.                               ich mich einem kulturellen Thema widmen
                                              und präsentierte die Geschichte des Tan-
Schon während der Schule waren Tanz           go Argentino.
und Musik meine Leidenschaften. Als ich
beim Casting für das Musical Anatevka         Nach der Abschlussprüfung blieb ich noch
auf der Seebühne angenommen wurde,            ein weiteres Jahr im Grand Hotel Viktoria-
schnupperte ich erste Bühnenluft. Es war      Jungfrau in Interlaken. Ich war als Gou-
eine tolle Erfahrung, ich habe dort Schau-    vernante tätig. Dann wollte ich noch auf
                                                                                         23
heute - ehemalige

anderen Fachgebieten des Gastgewerbes
Erfahrungen sammeln. Nach einer Saison
im Service zog es mich wieder zurück ins
Fünf Sterne Hotel. Nun bin ich seit drei
Jahren im Büro für Reservationen tätig,
derzeit im Grand-Hotel Bellevue Palace in
Bern.

Noch immer sind Tanz und Musik meine
Leidenschaften und ich will versuchen,
diese in Zukunft besser in meinen Berufs-
alltag zu integrieren.

Als ich letzte Woche in unserer Schule das
8.Klass-Stück Oliver Twist sah, kamen mir
schöne Erinnerungen hoch. Es war ein
Déjà-vu. Erstens weil wir damals in der
8. Klasse auch „Oliver Twist“ spielten und
weil mir alles so bekannt vorkam, trotzdem
ist alles schon lange her. Zweitens, weil
meine Schulzeit so unbeschwert und so
reichhaltig war.“

aufgezeichnet von Gabriele Ortner

24
heute - eltern

Die Entdeckung des Verborgenen
Vor rund 100 Jahren haben die Forscher       Kommunikation sind also gefragte Kom-
und Entdecker den Gegenstand ihrer           petenzen, „Nerds“ sind in solchen Teams
Forschung meist noch mit ihren eigenen       fehl am Platz!
Sinnen wahrnehmen können, der Astro-
nom sah und vermass in seinem Fernrohr       Dazu möchte ich nachfolgend drei Bei-
einen stellaren Leuchtpunkt oder eine        spiele nennen:
Planetenscheibe, Kristallographen skiz-
zierten die Flächen der Kristalle und be-    • Higgs-Teilchen und das CERN: 1964
stimmten deren geometrische Eigenschaf-      formulierte der britische Physiker Peter
ten, Seefahrer suchten in antarktischen      Higgs eine physikalische Theorie über
Gewässern nach neuen Küsten und In-          das sogenannte Higgs-Energiefeld, wel-
seln. Aufhellungen sind im Südpolarmeer      che die Entstehung der Schwerkraft auf
selten und man stelle sich vor, wie durch    der Stufe der kleinsten Teilchen erklärt,
Auflösung der Nebelschwaden eine neue,       der Elementarteilchen (diese lassen sich
bisher nicht bekannte, vereiste Insel oder   nicht mehr weiter teilen). Falls sich die
Küste vor den Augen der Entdecker auf-       Higgs-Energie in Materie umwandelt,
tauchte! Auf diese Weise konnten auch die    kann ein energiereiches, sehr kurzlebiges,
letzten weissen Flecken auf dem Globus,      aber relativ schweres Elementarteilchen
die in der Jugend unserer Grosseltern        entstehen, das Higgs-Boson. Dieses hat
(etwa 1910) noch zahlreich waren, nach       eine verhältnismässig grosse Masse, die
und nach mit kartographischem Inhalt auf-    etwa jener von zwei Eisenatomen oder 56
gefüllt werden!                              Wasserstoffatomen entspricht. Um solch
                                             grosse Elementarteilchen durch Teilchen-
In jüngerer Zeit werden immer häufiger       kollisionen zu erzeugen, braucht es aber
Entdeckungen gemacht, die mit unseren        die weltweit grössten Teilchenbeschleuni-
Sinnen nicht mehr oder höchstens indi-       ger und ebenso grosse Detektoren. Unter
rekt zu fassen sind (z. B. als Datenstrom    der Mithilfe von rund 10‘000 Wissenschaf-
aus dem Weltall, als Statistik oder Com-     terInnen aus rund 100 Ländern konnte im
puter-Graphik). Dies hat in den letzten      CERN (Raum Genf) eine solche Anlage
Jahrzehnten auch den Charakter der For-      geplant, realisiert und 2008 in Betrieb ge-
schung total verändert: Waren vor hun-       nommen werden. Allein der Tunnel des
dert Jahren noch geniale Einzelkämpfer       ringförmigen Beschleunigers ist fast 27 km
und unerschrockene Seefahrer gefragt,        lang. Nach einigen technischen Anfangs-
braucht es heute in der Spitzenforschung     schwierigkeiten konnte das CERN am
Teamplayer, die in grossen Projektteams      4. Juli 2012 vermelden, dass das Higgs-
diszipliniert und abgestimmt auf Andere      Boson mit einer hohen Wahrscheinlich-
arbeiten können. Sozialkompetenz und         keit gefunden wurde. Die Detektoren des
                                                                                       25
Heute - eltern

CERN füllen unterirdische Hallen von bis       Bedeckungsmethode: Zieht ein dunk-
zu 40 m Höhe und messen Billionen von          ler Planet von der Erde aus gesehen di-
Teilchen-Kollisions-Ereignissen pro Jahr.      rekt vor seinem Hauptstern durch (siehe
Alle Ereignisse von bekannten Elementar-       Bild unten), dann nimmt die Sternhellig-
teilchen mit niedrigeren Energien mussten      keit vorübergehend leicht ab. Dies lässt
durch die Computer „ausgefiltert“ werden,      sich allerdings nur mit den modernsten,
um die hochenergetische „Higgs-Kollisi-        genauesten elektronischen Helligkeits-
on“ („Wechselwirkung“) aufzuspüren. Das        Messgeräten feststellen, welche, wie die
Higgs-Teilchen hat sich dem experimen-         DigitalKameras, auf dem CCD (charged-
tellen Nachweis fast 50 Jahre lang entzo-      coupled device) Prinzip basieren, das wie-
gen und konnte also erst dank modernster       derum auf dem photoelektrischen Effekt
Technologie und in einem wissenschaft-         beruht (dessen Entdecker ist Albert Ein-
lichen Grossprojekt des CERN entdeckt          stein). Durch die Beobachtung von aufein-
werden. Bei der Nobelpreis-Verleihung          anderfolgenden Bedeckungen lässt sich
2013 sind allerdings die vielen Mitarbeiter    die Umlaufzeit des Exoplaneten ableiten
des CERN und das CERN selbst leer aus-         und indirekt auch die Entfernung zwischen
gegangen, was zum Teil kritisiert wurde.       dem Hauptstern und dem Exoplanet.
Der Physik-Nobelpreis 2013 für die Vo-
raussage des Higgs-Bosons wurde dem
britischen Physiker Peter Higgs und dem
theoretischen Physiker François Englert
aus Belgien verliehen, der diese Zusam-
menhänge 1964 unabhängig von Higgs
postuliert hat.

• Entdeckung von Planeten ausserhalb
des Sonnensystems (Exoplaneten): Auch
mit den besten Teleskopen liessen sich         Bild: Ein Exoplanet (dunkle Scheibe) be-
die Planeten von Nachbarsternen im 20.         deckt seinen Hauptstern, einen orangen
Jahrhundert nicht beobachten, da die           Zwergstern, in vielen Lichtjahren Entfer-
Hauptsterne im Vergleich zu den Planeten       nung. Durch den von hier aus beobacht-
im sichtbaren Licht meist etwa eine Milliar-   baren, geringfügigen Helligkeitsabfall des
de Mal heller sind.                            Hauptsterns kann der Exoplanet mit den
                                               heute verfügbaren technischen Mitteln
Auf Umwegen konnten aber seit 1992             aufgespürt werden.
trotzdem viele verborgene Exoplaneten
aufgespürt werden, zum Beispiel mit der
26
heute - eltern

Von Infrarot-Teleskopen im Weltraum           gangen ist dabei die 1958 mit 38 Jahren
konnten einige Exoplaneten mittlerwei-        verstorbene Rosalind Franklin, eine Kolle-
le auch direkt beobachtet werden: Viele       gin von Wilkins, deren qualitativ hochste-
Hauptsterne leuchten im Infrarotbereich       hende DNA-Röntgenaufnahmen viel zur
nur relativ schwach, also nur etwa hun-       DNA Struktur-Klärung beigetragen haben.
dert Mal heller als ihre planetarischen Be-   Wiederum konnte niemand das Molekül
gleiter. Aber auch in diesem Falle erfolgt    mit den eigenen Sinnen direkt erfassen,
die Wahrnehmung nicht direkt sondern          sondern allein aus der Beobachtung der
indirekt durch High-Tech-Detektoren und       Röntgenbeugung (ein Röntgenstrahl wird
Computer!                                     durch einen DNA-Kristall in Teilstrahlen
                                              aufgeteilt) Berechnungen anstellen und
• Die Biochemie der Vererbung: Vor rund       die DNA-Struktur indirekt ableiten!
hundert Jahren war die Erbsubstanz noch
absolut unbekannt. Man vermutete da-          Auch wenn in der physischen Welt und
mals, dass Proteine (Eiweisse) die Träger     naturwissenschaftlichen Forschung spek-
der Erbinformation sein könnten. 1903         takuläre Neuentdeckungen meist nur noch
stellte man fest, dass die Erbsubstanz in     mit grossem Aufwand möglich sind, kön-
den Chromosomen, Untereinheiten des           nen wir doch die Welt selbst immer wieder
Zellkerns, enthalten ist. 1940 konnte Ave-    neu entdecken, so im Frühjahr, wenn wir
ry aus verdauten Zellkernäquivalenten         das Spriessen und Wachsen der Pflanzen
von Bakterien eine fibrinöse Substanz         beobachten beziehungsweise auf Wande-
isolieren, die Erbsubstanz DNA oder           rungen durch für uns neue oder schon be-
DNS (Desoxyribonukleinsäure). Die DNA         kannte Landschaften!
besteht chemisch aus Phosphaten, Des-
oxyribose (Zuckerart) und vier verschie-      Matthias Giger
denen organischen Basen. Aufgrund der
röntgenographischen Untersuchung von
DNA-Kristallen gelang Watson und Crick
ab 1951 die Aufklärung der räumlichen
Struktur dieses Riesenmoleküls. Es zeigte
sich, dass das DNA-Molekül im Raum eine
Art Nano-Wendeltreppe („Doppelhelix“)
bildet. 1953 folgte die Publikation in der
renommierten Zeitschrift „Nature“. 1962
erhielten Watson, Crick und Wilkins, ein
Röntgenkristallograph, für ihre Arbeiten
den Nobelpreis für Medizin. Leer ausge-
                                                                                       27
heute - eltern

Bild: Stolz präsentieren der Amerikaner Watson (geboren 1928;
links) und der Brite Crick (1916-2004; rechts) das „wendeltrep-
penartige“ 3d-Modell der Erbsubstanz DNA. Durch die Aneinan-
derreihung der immer gleichen, biochemischen Grundeinheiten
entstehen so riesige Moleküle. Die DNA-Moleküle von höheren
Lebewesen können Hunderte von Genen enthalten!

28
heute - eltern

Psst! Ich verrate es euch allen:
Das Geheimnis des Lernens
Soll ich euch das Geheimnis verraten, wie       Welch ein Segen, denn damit können wir
Lernen gelingt ? Ähhm, ich muss mir das         unsere Aufmerksamkeit steuern. Und wie
noch überlegen – weil: Gerade im Schul-         steuern wir? Alle machen das gleich. Es ist
bereich ist das noch nicht offiziell bekannt.   unser Interesse welches steuert. Alle Pre-
Viele Lehrkräfte wüssten es eigentlich,         digten vom Lehrer und den Eltern, wieso
aber dieses Wissen wird noch selten kon-        etwas zu lernen wichtig und fürs spätere
sequent umgesetzt. Denn das wäre neu            Leben nützlich sei, fruchten nicht, wenn es
und man hofft immer noch, Lernen könnte         nicht gelingt, das Interesse der Kinder zu
auch so funktionieren, wie man es bisher        gewinnen. Das Geheimnis, wann Lernen
immer getan hat an den Schulen.                 funktioniert, heisst also einfach: Neugier
                                                wecken!
Aber gut, wir sind ja hier unter uns, als
Mitglieder einer autonomen Schulgemein-         Alle Eltern erinnern sich an folgende Ent-
schaft. Also, sagt es einfach nicht den         wicklungsphasen ihrer Kinder:
Andern von den gewöhnlichen Schulen
weiter, ja?                                     Der Wechsel vom Baby ins Krabbelalter.
                                                Plötzlich kann sich ein Kind fortbewegen
Also, wenn du das jetzt wirklich wissen         und am Bücherregal aufrichten und nichts
willst, dann lies einfach weiter. Sonst         unter einem Meter Höhe ist mehr sicher.
überspringst du diesen Artikel einfach.         Alles Erreichbare wird ergriffen und er-
Falls du nämlich nicht wissen willst, was       forscht, von allen Seiten ertastet und, um
ich schreibe, bringt dir das Lesen wenig,       auch den Geschmackssinn nicht auszu-
denn dann wirst du spätestens übermor-          lassen, meist auch noch in den Mund ge-
gen alles wieder vergessen haben.               steckt. Um nicht den ganzen Tag mit Auf-
                                                räumen zu verbringen, verriegeln wir die
Es ist drum so: Wir speichern in unserem        Küchenschubladen und verbannen entwe-
Hirn nicht einfach alles, was uns irgend-       der die Kinder oder die Blumentöpfe ins
jemand gerade erzählt hat, was wir ge-          Laufgitter.
lesen oder erlebt haben. Stell dir vor, du
wüsstest noch alles: jedes Erlebnis als         Ebenso anstrengend sind die Zeiten, in
Kleinkind, jede Schul- und Arbeitsstunde        denen uns die Kinder mit nicht enden wol-
deiner Biographie, jedes Gespräch, jede         lenden Warum-Fragen löchern und uns
TV-Sendung, jede Reklame,… Du wärst             damit an den Rand der Verzweiflung brin-
längst wahnsinnig geworden. Deshalb hat         gen.
uns unser Schöpfer zum Glück einen Fil-
ter eingebaut.                                  Kinder wollen dauernd lernen, erforschen,
                                                Neues entdecken. Sie sind neugierig auf
                                                                                         29
heute - eltern

die Welt und wollen sie Schritt für Schritt   Ihr Forschungsfeld und die betreuenden
erobern. So freuen sich auch die meisten      Erwachsenen weisen ihre anhaltende
Kinder darauf, in die Schule zu kommen,       Neugier in derart viele Schranken, dass
endlich das Tor zur Welt der Grossen zu       sie bald einmal in weiten Teilen versiegt.
durchschreiten.                               Die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ist
                                              für das Überleben wichtiger als die eige-
Die meisten der kleinen Entdeckerinnen        nen Absichten. So weicht die Neugier der
und Forscher erleben aber, sobald sie ihren   Anpassung an die Lebenswelt und ihre
eigenen Willen zu entwickeln beginnen,        Regeln, oder wie es Erwin Wagenhofer
eine grosse Enttäuschung. Ihre nächs-         im Untertitel seines neuen Films „ALPHA-
ten Bezugspersonen stellen sich plötzlich     BET“, der zurzeit in den Kinos läuft, aus-
gegen sie, ihre Neugier wird nicht genährt,   drückt: „98% aller Kinder kommen hoch-
sondern gebremst: „Nicht hier! Du hast die    begabt zur Welt. Nach der Schule sind es
falschen Kleider an, um im Sand zu spie-      nur noch 2%.“
len! Hör auf, das ist zu gefährlich! Wenn
das alle tun würden! Dazu bist du noch        Anders formuliert könnte also das Ge-
zu klein! Nicht jetzt, dieses Thema kommt     heimnis des Lernens auch heissen: Wir
später!“                                      sollten die angeborene Neugier der Kinder
                                              nicht behindern oder zerstören, sondern
                                              aufmerksam begleiten. Nicht dauernd auf
                                              die Kinder einreden, was sie zu tun oder
                                              lassen hätten, sondern unsere Wahrneh-
                                              mung für die Kinder und was sie antreibt
                                              verfeinern. Wenn wir besser erkennen,
                                              was in einem Kind gerade vorgeht und
                                              wohin es seine Entdeckungsfreude führt,
                                              wächst unser Verständnis für das Kind
                                              und seine eigene Handlung gewinnt ge-
                                              genüber unserer eigenen Absicht an Ge-
                                              wicht. Statt uns als Erwachsene einfach
                                              durchzusetzen, können wir dann be-
                                              wusster entscheiden, was gerade wich-
                                              tiger ist, oder wie wir sogar beides unter
                                              einen Hut bringen. Denn spätestens so-
                                              bald es um die Berufswahl geht, wollen wir
                                              ja plötzlich nicht mehr Kinder, die nur brav
                                              auf Anweisungen warten. Dann verlangen
30
heute - eltern

wir von den Jugendlichen Selbständigkeit,    In diesem Sinn sind die Kinder unsere
Initiative und wollen wissen, was sie wer-   besten Lehrer, um unsere Neugierde und
den wollen.                                  Begeisterung wieder zu finden, die wir
                                             vielleicht in unserer Kindheit selbst ver-
Wenn wir uns junge Menschen wünschen,        loren haben. Falls das gelingt, sind dem
die ihre Bedürfnisse und ihre Interessen     Lernen für alle Beteiligten keine Grenzen
kennen und sich in der Gesellschaft enga-    mehr gesetzt.
gieren, müssen wir Erwachsene neugierig
und erfreut auf die Willensentwicklung der   Christian Wirz
Kinder reagieren. Wenn die Neugierde der
Kinder auf die Welt von uns mit Begeis-
terung aufgenommen und unterstützt wird,
verbindet sich das Interesse der Kinder
mit unserer Begeisterung. Wenn wir mit
den Kindern etwas unternehmen, das uns
selbst begeistert, wird unsere Begeiste-
rung die Neugier der Kinder wecken und
sie werden unsere Begeisterung teilen.

                                                                                      31
Heute - Veränderungen

Neue Entdeckung

Auf Anfang des Schuljahres habe ich hier
an der Rudolf Steiner Schule Steffisburg
den Kunst- und Zeichnungsunterricht
übernommen. Nach meiner Erstausbil-
dung zur Kunstglaserin und nach vier Jah-
ren handwerklicher Arbeit habe ich mich
aufgemacht, Neues zu entdecken, indem
ich ein Studium in Kunst & Vermittlung
an der Fachhochschule Luzern absolviert
habe. Danach hatte ich das Glück, ein
Atelierstipendium in Berlin zu erhalten,
was mir die Möglichkeit gab, frei an mei-
ner Malerei zu arbeiten.

Nach jahrelangem Theorieunterricht in
Kunst freute ich mich darüber, die eigenen   Neben meiner Arbeit an der Schule und
Malereien nicht mehr erklären zu müssen,     vor der Leinwand tanze ich gerne Tango,
merkte dann aber schnell, wie einsam         reise durch die Welt, wann immer es mir
das Leben hinter einer Leinwand im Ate-      die Zeit erlaubt und begegne immer ger-
lier sein kann. So also suchte ich wieder    ne neuen Aufgaben, die mich motivieren,
nach einer neuen Herausforderung, und        meine Kunst weiter zu entwickeln.
wo sonst findet man besseren und frei-
eren Austausch über entstandene Werke,       Magali Kniel
wenn nicht mit Kindern im Unterricht?

Dies konnte ich mir nur an einer Steiner-
schule vorstellen; die hohe Wertschätzung
für musische Fächer war für mich aus-
schlaggebend, um mein Können weiterzu-
geben. Ein schöner Arbeitstag ist für mich
ein Tag, an dem ich merke, dass die Schü-
ler und Schülerinnen durch meinen Unter-
richt Neues entdecken und dies in ihnen
Neugier weckt.

32
Heute - veränderungen

Abschied nehmen - in die Zukunft
schauen
Nach neun Jahren intensiver und schö-         Wieso kam ich nun doch zum endgültigen
ner Tätigkeit werde ich die Schule im         Schluss, dass meine Zeit in der RSS BO
April 2014 verlassen. Mich begleitet eine     abgelaufen ist? Mir wurde viel zugetraut –
grosse Dankbarkeit. Aufgrund der an mich      ich durfte viel Verantwortung übernehmen.
herangetragenen Aufgaben konnte ich viel      Ich war immer wieder hin- und hergeris-
lernen, durfte viele neue Erfahrungen ma-     sen über die Wirkung dieses Handlungs-
chen. Ich blicke zurück auf viele schöne      freiraums. Sie machte mir bewusst, wie
zwischenmenschliche Begegnungen.              viel abhängt von meiner Initiativkraft, und
                                              damit verbunden, wie viel Verantwortung
Diese Jahre vergingen unbemerkt, viel         ich trage.
zu schnell. Ein Zeichen dafür, dass ich
die Balance zwischen Arbeit, Freizeit und     Öfters hörte ich: „Der Kassier einer Ru-
Familie nicht gefunden habe? Oder dass        dolf Steiner Schule sei ein Verschleiss-
ich mich zu stark verbunden habe mit den      Teil.“ Das muss nicht sein! Wieso wird
Aufgaben und den Menschen an dieser           er verschlissen, wieso wird er zum Teil?
Schule? Verlor ich das Zeitgefühl, weil       Als „verschlissen“ erlebe ich mich nicht.
ich einfach Freude an dieser Arbeit, der      Auch leben die Ideale, dich mich in die
Zusammenarbeit mit Kollegium, Vorstand        RSS BO führten, noch stark in mir. In den
und Eltern hatte? Vielleicht war es ein we-   letzten Jahren brauchte ich viel Ener-
nig von allem.                                gie, Prozesse zu steuern, die nicht be-
                                              liebt waren. Ich kam zum Schluss, dass
Es gab nebst vielem Schönen immer wie-        das Wirtschafts- und Rechtsleben der
der Situationen, die mich selbstkritisch      sozialen Dreigliederung in einer Rudolf
hinterfragen liessen, ob ich wirklich jener   Steiner Schule (nicht nur in der RSS BO)
Mensch bin, den diese Schulgemeinschaft       bewusstseinsmässig eine sehr unterge-
für den Finanz-, Organisations- und Ver-      ordnete Rolle hat, eher als Störfaktor oder
waltungsbereich sucht. Wenn ich in sol-       gar „Beschmutzer“ erlebt wird, obwohl es
chen Krisenmomenten von meinem Ar-            dem Geistesleben (in der Schule vorwie-
beitsplatz aus während einer Pause aus        gend der Pädagogik) die Existenzgrundla-
dem Fenster blickte oder die Kinder und       ge gibt. Ich denke, dass das Problem be-
Jugendlichen im Treppenhaus oder auf          treffend den „Kassier als Verschleissteil“
der Bühne erleben durfte, sah ich wun-        darin besteht, dass er sich (oft vermutlich
derschöne Bilder. Sie berührten mich und      relativ alleine) für etwas einsetzt, was der
gaben mir immer wieder Kraft und Orien-       Pädagogik indirekt zudient, jedoch als Auf-
tierung.                                      gabe lieber negiert wird. Zahlen und Ver-
                                              einbarungen schaffen Tatsachen, Struktur,
                                              Transparenz, jedoch auch Verbindlichkeit.
                                                                                        33
Heute - veränderungen

Das kann als schmerzhaft erlebt werden,         die ich gerne ausgeübt habe und viele
wenn es nicht in einem Entwicklungspro-         Menschen (auch aus der Schweizer Ru-
zess gesehen werden kann bzw. wenn              dolf Steiner Schulbewegung), mit denen
das Bewusstsein nicht da ist, dass sich         ich eine wertvolle Beziehung hatte, die
auch Gefestigtes wieder beleben und ver-        mich unterstützten. Das Loslassen war
ändern lässt. Die Gefahr besteht, dass          entsprechend schmerzvoll. Nach meinem
Menschen, die Unbeliebtes im Auftrag der        Austritt werde ich eine gewisse Zeit nut-
Gemeinschaft übernehmen oder sichtbar           zen, Erfahrungen aufzuarbeiten und mich
machen, gleichzeitig dafür verantwortlich       neu zu orientieren. Ich bin für viele Tätig-
gemacht werden. Wie die Schulsozialar-          keiten offen und freue mich auf die unbe-
beit in einem Rückblick so schön sagte:         kannte Zukunft.
Der Brandmelder wird zum Brandstifter.
Den „Verschleiss“ eines Kassiers oder           Ich wünsche meiner Nachfolgerin/meinem
eines Geschäftsführers einer Rudolf Stei-       Nachfolger, dass sie/er für die Ausübung
ner Schule sehe ich in dieser Problematik       ihrer/seiner verantwortungsvollen Aufgabe
und der Tatsache, dass er die Verantwor-        das Vertrauen der Eltern und Vereinsmit-
tung für das Gesamtunternehmen hat,             glieder erhält sowie die volle Unterstüt-
das Kollegium sich jedoch vorwiegend auf        zung durch Kollegium und Vorstand.
die Führung des täglichen Schulbetriebes
konzentriert.                                   Für die RSS BO und die gesamte Schul-
                                                bewegung erhoffe ich mir viele am Schul-
Ich war täglich mit neuen Herausforde-          impuls interessierte Lehrpersonen und El-
rungen, Entscheidungen und entspre-             tern. Ich selbst werde mit den Grundlagen
chend Verantwortung konfrontiert. Sie ga-       der Rudolf Steiner Schule immer verbun-
ben mir Energie. Eine so zentrale Stelle,       den bleiben.
wie ich sie wahrnehmen durfte in der RSS
BO, erntet viel Anerkennung, Aufmerk-           Herzlichen Dank an jene Menschen, die
samkeit und Kritik. Dankbar bin ich jenen       mich begleiteten, unterstützten, förderten,
Menschen, die ihre Kritik offen und ehrlich     mir vertrauten.
direkt an mich richten konnten. Sie gaben
mir den Impuls und die Möglichkeit, mich        Brigitta Beutler
selbstkritisch zu prüfen. Nicht greifbar, je-
doch sehr wirksam waren Kritiken, die in-       Kaufm. Verwaltung und Schulleitung
direkt an mich gelangten.

Ich habe mit dem Entscheid intensiv ge-
rungen, verlasse ich doch eine Aufgabe,
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