Polis aktuell 4/2021 partizipation von kindern und jugendlichen

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Polis aktuell 4/2021 partizipation von kindern und jugendlichen
polis aktuell                     4/2021

partizipation von kindern und jugendlichen

                          teilhaben

      mitentscheiden                                         mitwirken

                          mitbestimmen                         beteiligen

 Partizipationsbegriff
 Stufen und Qualität von Beteiligung
 Partizipation als Kinderrecht
 Partizipationsfelder: Schule, Gemeinden, E-Partizipation,
 europäische Ebene, gemeinnützige Organisationen
Polis aktuell 4/2021 partizipation von kindern und jugendlichen
Liebe Leserin, lieber Leser!

Von Partizipation ist oft die Rede und vielfach wird recht    gung – etwa Schul-Gemeinde-Kooperationen, e-Partizipa-
Unterschiedliches darunter verstanden. Zwischen „die          tion oder das Engagement in Non-Profit-Organisationen.
eigene Meinung sagen dürfen“ und „mitentscheiden“                 Linktipps und Vorschläge für Aktivitäten im Unter-
mit entsprechender Verantwortlichkeit liegt allerdings        richt runden wie immer das Thema ab.
ein weiter Weg. Kinder und Jugendliche werden von Er-
wachsenen häufig im Rahmen von Projekten motiviert,              Wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Umsetzung
sich aktiv einzubringen. Wesentlich seltener ist die tat-     des Themas und freuen uns über Feedback zum Heft.
sächliche Mit-Entscheidung oder Mit-Beteiligung.
   Einigkeit gibt es darüber, dass eine lebendige De-            Ihr Team von Zentrum polis
mokratie die soziale und politische Partizipation der            > service@politik-lernen.at
Bevölkerung braucht. Häufig wird aber gerade jungen
Menschen wenig Beteiligungsfreudigkeit attestiert. Sind
Initiativen, die Kinder und Jugendliche darin bestär-
ken, aktiv an der Gesellschaft teilzunehmen und sie                         Beitrag zur Leseförderung
mitzugestalten somit sowieso „verlorene Liebesmüh‘“?
Die Antwort ist klar: Junge Menschen sind keine homo-                                    Das Städtchen Drumherum
gene Gruppe und zweitens ist Partizipation kein punk-                                    Mira Lobe, Susi Weigel.
tuelles Ereignis, sondern ein Lernprozess. Empirische                                    Wien: Jungbrunnen Verlag.
Studien zeigen, dass erfolgreiche und vielfältige Erfah-                                 Ab 6 Jahren.
rungen in Sachen Beteiligung die Bereitschaft stärken,                                   Der Bürgermeister will
sich erneut einzubringen. Ernst gemeinte Angebote in                                     einen Wald fällen, um die
Schulen, Gemeinden und Freizeiteinrichtungen sind da-                                    Stadt zu vergrößern. Die
her umso maßgeblicher für die Entwicklung aktiver Bür-                                   Kinder und Tiere sind un-
gerInnenschaft und das viel zitierte „Einmischen in die                                  glücklich und werden aktiv.
eigenen Angelegenheiten“.                                                                Der Kinderbuchklassiker
   Das Heft lotet verschiedene Facetten des Themas aus,          eignet sich auch, um ihn von älteren SchülerInnen
u.a. die Stufen der Beteiligung, Qualitätskriterien oder         analysieren zu lassen. Was macht das Buch so er-
Partizipation als Kinderrecht. Darüber hinaus finden Sie         folgreich? Würde man die Geschichte heute ähnlich
einen Überblick zu politischen Gremien und Interessen-           schreiben? Etc.
vertretungen. Über den Tellerrand der Schule hinaus folgt        www.jungbrunnen.co.at/das-staedtchen-drumherum
ein Streifzug durch verschiedene Bereiche von Beteili-

        freiwilligeneinsätze                        Kinderrechte                             die gemeinde als
          polis aktuell 2/2020                    polis aktuell 7/2019                     politische akteurin
                                                                                            polis aktuell 1/2021
    • Beweggründe für Freiwilli-              • Die Rechte von Kindern
      geneinsätze                               und Jugendlichen                       • Die Gemeinde: Definition,
    • Seriöse Angebote                        • Die UN-Kinderrechts­                     Aufgaben, Finanzierung
    • Das Geschäft mit den                      konvention                             • Fallstudie Purkersdorf
      ­Waisenhäusern                          • Die Umsetzung der Kinder-              • Service-Learning – Lernen
    • Rassismus und Freiwilligen-               rechte in Österreich und                 durch Engagement
       einsätze                                 weltweit                               • Unterrichts- und Projekt-
    • Unterrichtsbeispiele:                   • Kinder und Jugendliche,                  ideen
       Faires Reisen | Entstehung               die für ihre Rechte                    • Links und Materialien
       von Klischees                            kämpfen                                > www.politik-lernen.at/
    > www.politik-lernen.at/                  • Unterrichtsideen,                        pa_gemeinde
       pa_freiwilligeneinsaetze                 Materialien, Linktipps
                                              > www.politik-­lernen.at/
                                                pa_kinderrechte

2                                                                                                 polis aktuell 4/2021
Polis aktuell 4/2021 partizipation von kindern und jugendlichen
1 Partizipationsbegriff, Stufen und
                         Qualität von Beteiligung
                               g                                                      „Ich habe m
                          einun                                                                     ich zum Klas
             e n i hre M rin-                                                         aufstellen la
                                                                                                    ssen, weil ic
                                                                                                                   sensprecher
       könn             ein b                                                        Kindergemei                  h beim
„Alle und Ideen ann                                                                                nderat bin.
                                                                                                                 Da habe ich                 „Weil
     e n            e n d                                                  in-       gesehen, w                                                    m
 sag            erd           en                                 dergeme                         ie toll das is                             Geme an seine
         Die w           erInn                          eim Kin                     umzusetzen                  t, so Projek                     inde e
  gen. on Politik                       „Wir   s ind  b
                                                               itbesti m m  en                    und sich fü                te                               M
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          v              t                          eil wir m                       einzusetzen.               r die Kinder                                   gen k      r
   auch und erns                         de ra t, w                w a s fü r                     “                                                                ann!“
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    gehö men.“                                   n  u n d weil wir     ö n n en.“
                                         dürf  e                 tun k
     geno
            m                                          emeinde
                                          unsere G

                                                                           in-
                                                                 dergeme
                                            h b in  beim Kin le Ideen
                                        „Ic                    o vie
                           ch Ki
                                 n-                eil ich s               Ge-                  „Es ist super,
                    it au                derat, w          ir in unserer                      gehört zu werden
                                                        w
             „Dam te in die              ha b e, w  a s              ö n nte n.“
                     ch            .“                    rb essern k                          und gemeinsame                      „Damit
              derre kommen                mein  d e  v e
                                                                                                                                  ALLE
                   i t i k                                                                     Entscheidungen
               Pol
                                                                                                 zu treffen.“                     entscheiden
                                                                                                                                  dürfen.“

    1.1. Partizipation: ein schillernder                                                 Neues und wird vielleicht mit einem Gähnen abgenickt.
    Begriff mit Fragezeichen                                                             Ja, schon, denken viele, aber davon ist immer weniger
    Der Partizipationsbegriff ist in diesem Heft weit gefasst.                           zu merken und das politische Geschehen lässt sie daran
    Er bezieht sich sowohl auf die politische als auch auf                               zweifeln, ob ihre Beteiligung auch wirklich etwas verän-
    die zivilgesellschaftliche und soziale Beteiligungspra-                              dern kann. Sie argumentieren, dass Demokratien durch
    xis von Kindern und Jugendlichen in schulischen und                                  den globalen Finanzkapitalismus, die Wirtschaftskrise
    außerschulischen Bereichen.                                                          und den Vertrauensverlust in politische Institutionen
        Partizipation klingt positiv. Es geht um Mitreden                                (Stichwort Korruption) ausgehöhlt werden oder wurden
    und Mitentscheiden – im eigenen Lebensumfeld, in der                                 (vgl. Colin Crouch, Postdemokratie, siehe Weiterlesen,
    Gemeinde, im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, in                                  Seite 4). Wie viel Spielraum gibt es für „Mitentschei-
    der Schule oder bei wichtigen gesellschaftspolitischen                               dung“, wenn Entscheidungen in globalen Zusammen-
    Angelegenheiten. Der Begriff Partizipation hat seine                                 hängen zusehends undurchschaubar werden und sich
    Wurzeln im Lateinischen und leitet sich von pars (der                                erfahrbaren Mitwirkungsmöglichkeiten entziehen?
    Teil) und capere (ergreifen, sich aneignen, nehmen) ab.                                  Es gibt zahlreiche Gründe für (berechtigte) Skep-
    Gemeint ist also Beteiligung, Teilhabe, Mitwirkung, Mit-                             sis angesichts der Krisen repräsentativer Demokratien.
    bestimmung und auch Mitentscheidung.                                                 Die zentralen Fragen, die bleiben, sind: Was sind die
        Wie das in der Praxis umgesetzt wird, ist recht un-                              Alter­nativen? Welche Modelle und Ideen eröffnen Per-
    terschiedlich. Für die einen bedeutet Beteiligung, sich                              spektiven für eine „Demokratie von unten“, für eine
    freiwillig für eine Sache zu engagieren (im Gemeinwe-                                partizipative, inklusive Demokratie und eine starke Zi-
    sen, in BürgerInnenbeteiligungsverfahren, bei Interes-                               vilgesellschaft?
    senvertretungen, Parteien oder in Initiativen der Zivil-                                 Eine wachsende Zahl von AutorInnen und Initiativen
    gesellschaft), für andere, alle paar Jahre zu wählen und                             versucht, darauf Antworten zu finden. Der Historiker
    in der Zwischenzeit der Demokratie „zuzuschauen“.                                    Paul Ginsborg sieht z.B. gerade die kontinuierliche Parti-
        Dass funktionierende Demokratien von der Betei-                                  zipation der BürgerInnen als unbedingte Voraussetzung
    ligung der Bevölkerung leben und auf ihre politische                                 dafür an, die Qualität der Repräsentation sicherzustellen
    und soziale Partizipation angewiesen sind, ist nichts                                und zu kontrollieren, aber auch, diese zu stimulieren.

    Alle „Sprechblasen“-Zitate: beteiligung.st, die Fachstelle für Kinder-, Jugend- und BürgerInnenbeteiligung, hat junge Menschen gefragt, warum für sie
    Mitsprache und Mitbestimmung wichtig sind und warum sie selbst mitmachen. (Zitate von Kindern und Jugendlichen aus Kindergemeinderäten, Jugend­
    räten und Beteiligungswerkstätten)

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Polis aktuell 4/2021 partizipation von kindern und jugendlichen
Partizipation braucht einerseits das Engagement             – als Weg zu mehr Gerechtigkeit in Institutionen, Ar-
von Menschen, auf der anderen Seite das Teilen              beitswelt und Verwaltung. Emanzipatorische Lernpro-
von Verantwortung und Macht.                                zesse der „Ermächtigung“ und „Selbstermächtigung“
                                                            („Empowerment“) jener sozialen Gruppen, die bislang
                                                            von Mitbestimmung und Teilhabe an Gesellschaft und
Grundprinzip von Partizipation                              Politik ausgeschlossen waren, sollten den Weg dorthin
                                                            bereiten. In diesem Zusammenhang hinterließen vor al-
                                                            lem die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA, die
    partnerschaftliches                                     Frauenrechtsbewegung und die politische Bildungs- und
    Verhältnis;                            Bereitschaft,
    Bereitschaft, Macht              sich zu engagieren     Gemeinwesenarbeit von Paolo Freire nachhaltige Spuren.
    abzugeben
                                                            Chancengleichheit und Inklusion sind nach wie vor die
                                                            markantesten Ziel- und Wegmarkierungen für Partizipa-
                                                            tion. Die Herausforderung liegt für InitiatorInnen von
Genau in diesem Spannungsfeld findet Partizipation          Partizipationsprozessen daher vor allem darin, Men-
statt – egal ob es sich um Familie, Schule oder Betrieb     schen mit ganz verschiedenen gesellschaftlichen Orien-
handelt. Das Potenzial einer aktiven Praxis von Demo-       tierungen zu erreichen, vielfältige Bedürfnisse (z.B. von
kratie endet nicht bei Wahlen, Volksabstimmungen oder       Mädchen und Burschen, rhetorisch mehr oder weniger
Volksbefragungen. Es betrifft alle Bereiche des gesell-     Begabten usw.) zu berücksichtigen und sehr genau da-
schaftlichen und politischen Lebens. Im Kern geht es        rauf zu achten, dass sich auch wirklich ALLE beteiligen
darum, was aktive BürgerInnenschaft ausmacht: die           können.
Erfahrung und Einstellung des Individuums, dass es
selbstwirksam ist und durch verantwortliche Beteiligung
Veränderungen erreichen kann, die Auswirkungen auf
Gegenwart und Zukunft haben. Oder einfacher gesagt:           > weiterlesen
das Vertrauen auf das persönliche und gesellschaftspoli-          Colin Crouch: Postdemokratie. Frankfurt am
tische Veränderungspotenzial.                                     Main: Suhrkamp, 2008
    Partizipation ist ein Erfahrungsprozess, in dem für
                                                                  Paul Ginsborg: Wie Demokratie leben.
alle Beteiligten viel zu lernen ist. Unter anderem auch
                                                                  Berlin: Wagenbach, 2008
deswegen, weil man vielleicht etwas riskiert, indem man
die eigenen Ideen und Einstellungen zu erkennen gibt.             David Van Reybrouck: Gegen Wahlen.
Und zweitens, weil es um das Aushandeln unterschiedli-            Warum Abstimmen nicht demokratisch ist.
cher Interessen, Sichtweisen und Bedürfnisse geht – was           Göttingen: Wallstein, 2016
manchmal anstrengend ist. Hier gilt bekanntlich: Parti-
zipieren lernt man durch Partizipation. Die Kompe-
tenzen, die sich dabei langfristig entwickeln (können) –
kommunizieren, Meinungen vertreten und argumentie-          1.2. Im Fokus: Kinder und Jugendliche
ren, Eigeninitiative und kreatives Potenzial entwickeln     Wenn es um junge Menschen im Zusammenhang mit Par-
– spielen in der Politischen Bildung ebenso wie in der      tizipation geht, fallen vor allem drei Dinge auf:
Bildung für nachhaltige Entwicklung und im Rahmen der
Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen (siehe            Meistens ist von einem (außerschulischen) Projekt
www.kompetenzrahmen.de/files/europaeischekommis-               die Rede – einer Sache, die „besonders“ ist und sich
sion2007de.pdf) eine zentrale Rolle.                           vom Alltag abhebt. Langfristige, in den Alltag inte-
    Das Verständnis von Partizipation hat sich im Lauf         grierte Formen ziehen schulisch oder außerschulisch
der Jahrzehnte gewandelt. War sie bis in die 1970er-           wesentlich seltener Aufmerksamkeit auf sich.
Jahre hinein in erster Linie auf formelle politische Ins-      Zweitens: Jüngeren Generationen werden (über Pro-
trumente und Handlungen bezogen, durch die BürgerIn-           jekte hinaus) nur wenige Möglichkeiten eingeräumt,
nen Einfluss auf politische Entscheidungen und Macht           sich bemerkbar zu machen oder gar mitzuentschei-
nehmen konnten (z.B. durch das Wahlrecht), weitete             den – gerade dann nicht, wenn es um zukunftswei-
sich die Bedeutung allmählich auf ganz unterschiedliche        sende Angelegenheiten für die nächsten Generatio-
Lebenszusammenhänge aus. Es ging immer mehr um die             nen geht.
Frage, wie das Gestaltungsprinzip Demokratie auf allen
gesellschaftlichen Ebenen verwirklicht werden könnte

4                                                                                              polis aktuell 4/2021
Polis aktuell 4/2021 partizipation von kindern und jugendlichen
ir unsere
                                          erat, damit w
                  be im   Ki ndergemeind             e ei nbrin-
       „Wir si nd
                                ngen in die Gem ei nd                    Partei übereinstimmen würden. Allgemein herrscht eher
                       es se ru                           es auch
       eigenen Verb                         d Spaß gibt
                nnen . Zw  is chen Spiel un       ge.“                   mäßiges Interesse an klassischer Politik, nur bei Wahlen
        gen kö                           Vorschlä
                        n über unsere                                    steigt es kurzfristig, um wenig später wieder abzufallen.
        Abstimmunge
                                                                         Viele junge Menschen haben den Wunsch, ihre Zukunft
                                                                         mitzugestalten, finden aber oftmals keinen Raum für
                                                                         ihre Anliegen. Abseits von Demonstrationen ist die Mo-
    Eine dritte Erkenntnis: Es ist wichtig, genauer hin-                 tivation für politisches Engagement weiterhin niedrig.
    zuschauen, was „Partizipation“ jeweils bedeutet. Was                     Längerfristige Beteiligungen wie etwa die Mitglied-
    steckt hinter einem Projektnamen und stimmt die                      schaft in einer Partei oder einer Bürgerinitiative stoßen
    Ankündigung mit dem Inhalt überein? Sind Kinder                      auf wenig Interesse. Auch die Teilhabe in Vereinen und
    und Jugendliche Objekte oder werden sie als Subjek-                  Verbänden ist nach wie vor gering. Traditionelles poli-
    te ernst genommen? Geht es um Mitsprache, um Mit-                    tisches und soziales Engagegement dürfte einem neu-
    wirkungsrechte oder um das Recht mitzuentschei-                      en Anspruch entsprechen, nämlich sich nicht binden
    den? Wird Partizipation als eine Zielvorstellung, als                zu wollen. Beteiligungsformen, die das einfache und
    eine Methode oder als eine Mode verstanden?                          kurzfristige Äußern von Wünschen ermöglichen, oder
                                                                         projektbezogene Möglichkeiten wie Workshops und
Partizipation hat in den letzten Jahrzehnten eine starke                 Diskussionen (auch online) wecken größeres Interesse.
Aufwertung erfahren, gerade im Kinder- und Jugendbe-                     Online-Partizipation eröffnet ein neues Feld für Kinder
reich ist sie sozial sehr erwünscht. Mittlerweile kommt                  und Jugendliche, aktiv zu werden. Sie bietet die Chance,
es nur selten vor, dass in Projektausschreibungen oder                   selbst Inhalte zu produzieren, Themenschwerpunkte zu
bei Wettbewerben nicht das Kriterium Partizipation                       setzen, Aufmerksamkeit zu erregen, zu mobilisieren und
nachgefragt wird.                                                        zu organisieren. In sozialen Netzwerken können sich
                                                                         Jugendliche positionieren, in Diskussionen einbringen
Auch Studien belegen, dass die soziale und politische                    oder auch Links zu Online-Petitionen und Spendenak-
Partizipation von Jugendlichen in den letzten zehn bis                   tionen weiterleiten und Protestmails verschicken („Mail
fünfzehn Jahren deutlich angestiegen ist.                                Bombing“).
    Die Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2019, die das                        Zu diesen Aspekten siehe auch die Ergebnisse des
Leben der 12- bis 25-Jährigen in Deutschland unter-                      Österreichischen Demokratie Monitor auf den folgenden
suchte, legt nahe, dass die stärker angestiegene Begeis-                 Seiten.
terung für politisches Engagement stark mit Umwelt-
themen verknüpft ist. Diese beiden Bereiche haben laut
Studienergebnissen am stärksten an Relevanz gewon-
nen: Fast drei Viertel (71 %) der Jugendlichen gaben                       > weiterlesen
an, dass ihnen der Schutz der Umwelt besonders wich-                           Deutsche Shell Holding GmbH (Hrsg.): 18. Shell
tig sei, und mehr als ein Drittel (34 %) bewertete das                         Jugendstudie – Jugend 2019. Eine Generation
eigene politische Engagement hoch. Die von Schülern                            meldet sich zu Wort. Weinheim: Beltz Verlag,
und Schülerinnen initiierte Fridays-for-Future-Bewe-                           2019.
gung zeugt von diesem gesteigerten Bewusstsein, ihre                           www.shell.de/ueber-uns/shell-jugendstudie
starke mediale Repräsentation von jungen Frauen (Gre-
                                                                               Antje Daniel, Anna Deutschmann: Umweltbe-
ta Thunberg, Vanessa Nakate, Luisa Neubauer) scheint
                                                                               wegung revisited? Fridays for Future in Wien:
Mädchen besonders zu inspirieren. Auch die Black-Lives-
                                                                               Profil und Einstellungen einer neuen Protest-
Matter-Proteste, die in Österreich zu den größten De-
                                                                               bewegung. Wien: Institut für Internationale
monstrationen der vergangenen 20 Jahre zählen, ver-
                                                                               Entwicklung, ieWorkingPaper No. 9, 2020.
zeichneten eine hohe Zahl an jugendlichen Beteiligten.
                                                                               https://bit.ly/3ecK5we
    Hauptantrieb für politische Partizipation dürfte sein,
dass Politik die Jugend häufig übergeht. So scheinen es zu-                    Deutsches Jugendinstitut/TU Dortmund
mindest die Jugendlichen zu empfinden, denn der Öster-                         (Hrsg.): Politische Partizipation Jugendlicher
reichischen Jugendwertestudie4 aus 2019 zufolge meinen                         im Web 2.0. Dortmund: Eigenverlag For-
80 % der jungen Menschen in Österreich, dass Politike-                         schungsverbund DJI/TU, 2015.
rInnen keine Ahnung hätten, wie es den meisten Men-                            https://bit.ly/3kOtSyr
schen geht. Fast 70 % geben an, dass sie bei Wahlen nur
„das geringste Übel“ wählen und eigentlich mit keiner
4 Zusammenfassung der Studie unter https://jugendkultur.at/wp-content/
uploads/Jugendwertestudie_2019_ab_sofort_erhaeltlich-1.pdf

polis aktuell 4/2021                                                                                                            5
Junge Menschen und Politik in Österreich2                         schen. Die Bedeutung der sozialen Medien als poli-
Der Demokratie Monitor befragt seit 2018 einmal pro               tische Informationsquelle hat über die Jahre hinweg
Jahr die Menschen in Österreich, wie es ihnen mit un-             also deutlich zugenommen. Ganz besonders gilt dies für
serem politischen System geht und in welcher Form sie             die Bilder- und Videoplattform Instagram, denn sie hat
sich an politischen Diskussionen und Entscheidungen               inzwischen alle anderen sozialen Medien überholt und
beteiligen. Ein besonderer Fokus liegt auf den jungen             ist erstmals das am meisten genutzte soziale Medium für
Menschen: Wo informieren sie sich über Politik und                den Bezug von politischen Informationen.
welche politischen Themen bewegen sie? Mit wem                        Ebenfalls rund die Hälfte der jungen Menschen infor-
sprechen sie über Politik? Wie beteiligen sie sich?               miert sich zumindest einmal wöchentlich in Druck- oder
Insgesamt 360 junge Menschen zwischen 16 und 26 Jah-              Online-Ausgaben von Zeitungen über Politik. Ein wich-
ren aus ganz Österreich haben dazu Auskunft gegeben.              tiger Unterschied zwischen den politischen Inhalten in
Sie wurden so ausgewählt, dass ihre Antworten reprä-              Zeitungen und sozialen Medien ist, dass erstere von Jour­
sentativ für die Altersgruppe sind.3                              nalistInnen überprüft werden. Dieser Faktencheck obliegt
    Das von der Corona-Pandemie geprägte Jahr 2020                bei Beiträgen in sozialen Medien den LeserInnen selbst.
hat auch für junge Menschen gravierende Veränderun-               In diesem Zusammenhang äußern die jungen Menschen
gen mit sich gebracht. Rund 40 % berichten davon, dass            ein beträchtliches Bedürfnis danach, zu lernen, wie
sich im Zuge der Pandemie ihre psychische Gesundheit              die Qualität von politischen Informationen in Medien
verschlechtert hat. Bei ebenso vielen jungen Menschen             beurteilt werden kann: 51 % von ihnen denken, dass
hat sich zu Hause die finanzielle Lage verschlech-                diese Form von Medienkompetenz in der Schule zu kurz
tert. Besonders weit verbreitet ist daran anschließend            kommt.
auch die Sorge, dass die soziale Ungleichheit in Öster-               Das erhöhte Informationsbedürfnis spiegelt sich
reich aufgrund der Pandemie größer wird – zwei Drittel            auch in einem gestiegenen Austausch über Politik wider:
der jungen Menschen sind diesbezüglich besorgt. Auch              Die jungen Menschen sprechen mit ihrem Umfeld häu-
Schule, Ausbildung oder Arbeit bereiten etwas mehr als            figer über politische Themen als in den Jahren zuvor.
der Hälfte Sorgen.                                                Die nach wie vor wichtigsten GesprächspartnerInnen
    Die Corona-Pandemie hat zu einem gestiegenen                  finden sich dabei im Freundeskreis und in den Famili-
Informationsbedürfnis unter den jungen Menschen                   en: Etwas mehr als die Hälfte der jungen Menschen dis-
geführt: 2020 haben sie sich wesentlich häufiger über             kutiert zumindest einmal wöchentlich mit FreundInnen
politische Themen informiert als in den Jahren zuvor.             (54 %) oder Familienmitgliedern (52 %) über politische
Stark gestiegen ist dabei die Nutzung von Social Media –          Themen. Auch mit KollegInnen aus Schule, Ausbildung
rund die Hälfte der jungen Menschen informiert sich               oder Arbeit tauschen sich 47 % der jungen Menschen
aktuell zumindest einmal wöchentlich in den sozialen              zumindest einmal pro Woche über Politik aus. Im Ge-
Medien über Politik. Im Jahr 2019 galt selbiges für ein           gensatz dazu ist der Anteil an jungen Menschen, die
Viertel, im Jahr 2018 für ein Fünftel der jungen Men-             sich weder mit FreundInnen, noch mit Familie oder Kol-

              Zeitungen
           Druck/Online

         soziale Medien

                  Radio

              Fernsehen                                                                                               2020

                                                                                                                      2019

                YouTube
                                                                                                                      2018

                          0%             20%              40%              60%             80%             100%

Frage im Wortlaut: „Wie oft informieren Sie sich über politische Themen auf/in …? Täglich, mehrmals pro Woche, einmal pro
Woche, seltener oder nie?
Anmerkung: In der Abbildung zusammengefasst sind die Antworten „täglich“, „mehrmals pro Woche“ und „einmal pro Woche“.

6                                                                                                       polis aktuell 4/2021
legInnen über politische Themen unterhalten, über die           gerade auch in schwierigen Zeiten einen wichtigen Bei-
Jahre hinweg gesunken. Lag dieser Anteil 2018 noch              trag geleistet.
bei fast 20 %, sank er im Jahr 2019 bereits auf 7 %.                Auch in einem Verein oder einer BürgerInneninitia-
Grund hierfür war das „Ibiza-Video“ und die darauffol-          tive hat sich fast ein Drittel der jungen Menschen en-
gende Staatskrise, die auch das Interesse jener jungen          gagiert. Auf die Demonstrationsfreudigkeit der jungen
Menschen geweckt hat, die sich bislang wenig mit poli-          Menschen hatte wiederum die Fridays-for-Future-Be-
tischen Themen auseinandergesetzt haben. Auf das „Ibi-          wegung Auswirkungen: Während 2018 rund ein Viertel
za-Jahr“ 2019 folgte das „Corona-Jahr“ 2020 und nun             davon berichtet hat, in den letzten fünf Jahren an einer
sind es nur noch 2 %, die nie mit FreundInnen, Fami-            Demonstration teilgenommen zu haben, gilt dies 2020
lienmitgliedern oder KollegInnen über Politik diskutie-         für ein Drittel. Für die Mitarbeit in der Politik kann sich
ren. Wenig überraschend ist die Corona-Pandemie auch            wiederum nicht ganz ein Fünftel der jungen Menschen
jenes Thema, das die jungen Menschen in den vergange-           begeistern.
nen Monaten besonders beschäftigt hat (für 37 % war                 Das politische Engagement der jungen Menschen ist
Corona das Thema Nummer 1). Darauf folgt der 2019               dabei insgesamt stärker in informellen Gruppen als
dominierende Umwelt- und Klimaschutz – rund einem               in klassischen Vereinen, Parteien oder Interessenvertre-
Viertel der jungen Menschen liegt dieser nach wie vor           tungen zu finden: Ein Fünftel engagiert sich in Gruppen
besonders am Herzen. Für jeweils rund 10 % der jungen           von jungen Menschen, die sich für eine bestimmte Sache
Menschen stehen Rassismus, allen voran die Black Lives          einsetzen, 18 % in einem Sozial- oder Hilfsverein. In ei-
Matter-Bewegung, sowie soziale Themen (die finanzi-             ner Interessenvertretung, z.B. in der Gewerkschaft oder
elle Situation der eigenen Familie oder Arbeitslosigkeit)       einer NGO, sind wiederum 14 % der jungen Menschen ak-
an erster Stelle.                                               tiv. Mit 10 % fällt die Beteiligung in politischen Parteien
    Nicht nur das Interesse an und der Austausch über           bzw. in deren Jugendorganisationen am geringsten aus.
politische Themen sind unter den jungen Menschen im                 Nach wie vor aufrecht ist die soziale Schere im Hin-
letzten Jahr angestiegen, auch ihre politische Beteili-         blick auf politische Beteiligung: Junge Menschen mit
gung hat etwas zugenommen. Nach wie vor nehmen                  geringeren finanziellen Mitteln beteiligen sich seltener
die jungen Menschen dabei – wie auch der Rest der Be-           am politischen Geschehen, obwohl auch ihnen zahlrei-
völkerung – am häufigsten an Wahlen teil: Drei Viertel          che politische Themen am Herzen liegen. Entlang ihrer
von ihnen haben in den letzten fünf Jahren von ihrem            sozialen Lage, die sich im Zuge der Corona-Pandemie
Wahlrecht Gebrauch gemacht. Außerdem haben sich                 weiter verschlechtert hat, fühlen sie sich weniger in die
zwei Drittel der jungen Menschen in der Nachbarschaft,          Gesellschaft und ihre demokratischen Strukturen einge-
der Schule oder der Arbeit für einen anderen Menschen           bunden.
oder für ein bestimmtes Thema eingesetzt – 2019 lag
dieser Anteil noch bei 57 %. Zum sozialen Zusammen-             Mehr Informationen unter: www.demokratiemonitor.at
halt in ihrem Umfeld haben die jungen Menschen also

                                                                                     2 Zusammengestellt von Martina Zandonella
            an Wahlen                                                                  (www.sora.at)
       teilgenommen
                                                                                     3 Eine Befragung ist dann repräsentativ,
                                                                                       wenn ihre Ergebnisse nicht nur für die
 sich in Schule/Arbeit                                                                 Stichprobe (die 360 Befragten), sondern
   / Nachbarschaft für                                                                 für die Grundgesamtheit (das sind alle
     Thema eingesetzt                                                                  jungen Menschen in Österreich von 16 bis
                                                                                       26 Jahren – aktuell sind das etwas mehr
   im Verein/in einer
     Bürgerinitiative                                                                  als 1,1 Millionen) gelten. Dazu müssen
         mitgemacht                                                                    die Befragten so zusammengesetzt sein,
                                                                                       dass sie die Grundgesamtheit in wichtigen
                                                                                       Merkmalen widerspiegeln. Zu diesen Merk-
    an Demonstration                                                    2020           malen zählen z.B. das Geschlecht, Stadt/
       teilgenommen
                                                                                       Land oder auch SchülerInnen/Lehrlinge/
                                                                        2019           Studierende/Berufstätige.
        in der Politik
        mitgearbeitet                                                   2018

                         0%    20%    40%      60%      80%    100%

Frage im Wortlaut: „Haben Sie in den letzten fünf Jahren …?“

polis aktuell 4/2021                                                                                                           7
>    tipp methode: beteiligungserfahrung von schülerinnen
    (ab der 7. Schulstufe, Dauer: ca. 20 Minuten)

    Die SchülerInnen führen Kurzinterviews mit KlassenkollegInnen zum Thema Beteiligung durch und machen Notizen
    (Was war der genaue Hintergrund? Aus welchen Gründen hat sich jemand beteiligt oder nicht beteiligt?).
    Danach Diskussion.
    Ziele: Erfahrungen der KlassenkollegInnen zum Thema Partizipation/Beteiligung kennenlernen und miteinander
    ins Gespräch kommen. Reflexion zur Frage der Motivation für Beteiligung.
    Vorbereitung: Die Lehrkraft bereitet Kärtchen auf festerem A4-Papier vor (am einfachsten mehrere auf einer Seite
    ausdrucken und dann als Papierstreifen zuschneiden). Abhängig von der Gruppengröße können die Inhalte mehr-
    fach verwendet werden.
    Kärtchen: Suche jemanden in deiner Klasse, die/der ...
    ... schon einmal an einer Demonstration teilgenommen hat.
    ... schon einmal einen LeserInnenbrief zu einem politischen
        Thema geschrieben hat.
    ... schon einmal bei einer Wahl (in und außerhalb der Schule)
        beteiligt war.
                                                                                                     n
    ... schon einmal auf Bezirks- oder Gemeindeebene bei einem                                   cho
                                                                                            ... smal -
                                                                                             ein Inter
        partizipativen Projekt (= Beteiligungsprojekt) mitgemacht                             im ...
                                                                                                net

        hat.

                                                                                                                ... r/die en,
    ... sich irgendwo nicht beteiligen konnte, weil nur Mädchen/

                                                                                                                  de and
                                                                                                                    jem che
                                                                                                                      Su
        Burschen zugelassen waren.
    ... sich an einer Abstimmung im Internet beteiligt hat.
    ... sich im Internet an politischen Diskussionen (Foren, Blogs
        etc.) beteiligt hat.
    ... überlegt, sich für eine politische Partei zu engagieren oder dies bereits tut.
    ... überlegt, sich freiwillig in einer gemeinnützigen (Non-Profit) Organisation zu engagieren.
    ... als InteressenvertreterIn für andere tätig ist oder war (z.B. als KlassensprecherIn, SchülervertreterIn etc.)
        oder gerne wäre.
    ... unbezahlte Freiwilligenarbeit geleistet hat (außerhalb der Familie).
    ... in einer Jugendorganisation tätig ist/war.
    ... sich für eine religiöse Einrichtung engagiert (hat).

    Durchführung (ca. 20 Minuten):
    Schritt 1:
    Die SchülerInnen ziehen eine Karte und suchen jemanden, der/die die beschriebene Erfahrung entweder selbst
    gemacht hat oder jemanden kennt, auf die oder den das zutrifft.
    Anschließend Austausch im Klassenplenum. Dabei steht nicht so sehr im Vordergrund, wer welche Erfahrung
    gemacht hat, sondern z.B. Fragen wie:
    • Was habt ihr Neues erfahren (über eure KlassenkollegInnen, über Beteiligung)?
    • War es leicht/schwer, jemanden mit der entsprechenden Erfahrung zu finden?
    Schritt 2: Diskussionspunkte und Klassenbild
    • Was sind die Gründe für Beteiligung? In welchen Bereichen gibt es die stärkste Beteiligung, in welchen die
      geringste? Welche Gründe gibt es, sich nicht zu beteiligen?
    • Was bringt Partizipation für Kinder/Jugendliche?
    • Wo sollten Kinder und Jugendliche mehr mitreden und mitentscheiden dürfen?
    • Was wäre für euch besonders wichtig, wofür würdet ihr euch gern engagieren (Thema, Bereich, Organisation usw.)?

Quelle (adaptiert): www.reininsparlament.at > Unterrichtsmaterialien zur Vorbereitung auf das Jugendparlament

8                                                                                                                polis aktuell 4/2021
1.3. Intensität, Stufen und Qualität von Beteiligung: Wie weit geht Partizipation?

Intensität und Stufen der Beteiligung
Das Spektrum der Intensität von Partizipation reicht          sein oder werden ist zwar eine Voraussetzung, zählt aber
von Mitsprache über Mitwirkung und Mitbestimmung bis          noch nicht zur eigentlichen Partizipation. Das Modell
hin zu mitverantwortlicher Selbstbestimmung. Andere           der Partizipationspyramide eignet sich, um den Grad der
Gradmesser, die für Beteiligung herangezogen werden,          Mitentscheidung der Beteiligten einzuschätzen (im au-
sind etwa „Information“, „Konsultation“ und „Koopera-         ßerschulischen und schulischen Bereich) und zu bestim-
tion“. Jugendliche sehen „informiert sein“ und „Wissen“       men, was mit Partizipation jeweils gemeint ist.
als wesentlich für spätere Beteiligung an. Informiert

Stufen der Partizipation

 5) Selbstverwaltung                                                  Es gibt unterschiedliche Modelle, wie die Stufen
                                                                      und Qualität von Partizipation dargestellt wer-
 4) Mit-­Beteiligung                                                  den. Das bekannteste ist das Stufenleitermodell
                                                                      der Partizipation nach Hart (1992, 1997). Eine
 3) Mit-­Entscheidung                                                 sehr anschauliche und einfache Version wurde im
                                                                      funtasy projects.ch entwickelt, eine ausgefeiltere
 2) Mit-­Sprache                                                      Variante gibt es von Straßburger & Rieger 2019.
                                                                      Links: Partizipationspyramide aus dem funtasy projects.ch
 1) ­Information                                                      (inzwischen offline)

   Die Pyramide wird anhand des Beispiels eines fiktiven Jugendzentrums, das in einer Gemeinde gebaut werden
   soll, verständlich.

   1) ­Information: Die Jugendlichen werden vom Vorhaben in Kenntnis gesetzt bzw. informieren sich selbst.
   2) Mit-­Sprache: Jugendliche werden befragt und eingeladen, ihre Meinungen und Bedürfnisse zum Jugendzent-
   rum vor den EntscheidungsträgerInnen auszusprechen. Eventuell beeinflusst dieser Schritt das Vorhaben, jedoch
   bleibt die Letztentscheidung bei den politischen und/oder finanziell Verantwortlichen. Die Mehrzahl von Partizi-
   pationsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche gehört dieser Stufe an.
   3) Mit-­Entscheidung: Die Beteiligten können mitentscheiden, ob etwas zustande kommt oder nicht. Im Fall des
   Jugendzentrums haben sie bei der Planung ein Stimmrecht und sind auch in das Konzept und die Realisierung
   des Jugendzentrums eingebunden.
   4) Mit-­Beteiligung: Die Beteiligten sind sowohl in die Entscheidungen zur Planung als auch in die Gestaltung
   und Umsetzung des Projekts eingebunden – selbst wenn die finanziellen Mittel von den EntscheidungsträgerIn-
   nen kommen. Im Fall des Jugendzentrums übernehmen sie langfristig im laufenden Betrieb Verantwortung.
   5) Selbstverwaltung: Die Jugendlichen initiieren das Jugendzentrum entweder in Eigenregie oder es werden
   Ressourcen von Erwachsenen zur Verfügung gestellt, über welche die Jugendlichen entscheiden und die sie ver-
   walten.

polis aktuell 4/2021                                                                                                              9
Partizipationspyramide nach StraSSburger & Rieger 2019: www.partizipationspyramide.de

     Partizipation aus                                                         Partizipation aus der Perspektive
     institutionell-professioneller Perspektive                                der Bürgerinnen und Bürger
                                 stufen                    der           P artizipation

                                                                                      7 Zivilgesellschaftliche Eigenaktivitäten

                        6 Entscheidungsmacht übertragen                                   6 Bürgerschaftliche Entscheidungsfreiheit ausüben

      5 Entscheidungskompetenz teilweise abgeben                                                5 Freiräume der Selbstverantwortung nutzen

                     4 Mitbestimmung zulassen                                                        4 An Entscheidungen mitwirken

                                                                                                           3 Verfahrenstechnisch vorgesehene
         3 Lebensweltexpertise einholen
                                                                                                               Beiträge einbringen
                                                                                                                2 Im Vorfeld von Entscheidungen
                  2 Meinung erfragen                                                                                Stellung nehmen

                  1 Informieren                                                                                       1 Sich informieren

                           V orstufen                            der           P artizipation

Quelle: Gabi Straßburger, Judith Rieger (Hrsg.): Partizipation kompakt – Für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe, 2. Auflage, 2019.

Qualitätskriterien für Kinder- und Jugendbeteiligung
Was macht die Qualität von gelungener Partizipation von Kindern und Jugendlichen aus? Zugespitzt könnte man sagen,
die Qualität ergibt sich aus den Aspekten: „gut zu Entscheidungen kommen“ (Prozess) und „gute Entscheidun-
gen treffen“ (Ergebnis). Die Arbeitsgemeinschaft Partizipation (www.jugendbeteiligung.at), in der u.a. alle österrei-
chischen Landesjugendreferate und das Amt für Jugendarbeit Bozen vertreten sind, hat folgende Qualitätskriterien
erarbeitet (gekürzt aus https://jugendbeteiligung.at/grundlagen/#qualitaetskriterien):

     Freiwilligkeit, Selbstbestimmtheit und Wertschät-                              Überparteilichkeit: Kinder und Jugendliche werden
     zung von Kindern und Jugendlichen (als gleichwerti-                            im selbstbestimmten politischen Denken gefördert
     ge PartnerInnen und ExpertInnen ihrer Lebenswelten)                            und nicht für politische Richtungen vereinnahmt.
     Kompetente Begleitpersonen stehen beratend und                                 Soziale Gerechtigkeit: Die Beteiligungsangebote sind
     unterstützend mit kinder- und jugendgerechtem me-                              gender- und diversitätsgerecht gestaltet.
     thodischen, sozialen und pädagogischen Repertoire                              Intergenerativer Dialog: Im Laufe des Mitbestim-
     zur Seite.                                                                     mungsprozesses findet ein Austausch zwischen jun-
     Aktivität und Selbstwirksamkeit: Kinder und Ju-                                gen Menschen und Erwachsenen verschiedenen Alters
     gendliche überlegen selbst, welchen Themen sie sich                            statt.
     widmen wollen und welche Schwerpunkte sie sich set-                            Öffentlichkeitsarbeit: Informationen sicherstellen,
     zen. Sie sind in möglichst allen Phasen der Projekte                           Resonanz für die Anliegen von Kindern und Jugendli-
     aktiv beteiligt.                                                               chen stärken.
     Gemeinsame Zielformulierung: Alle am Vorhaben                                  Transparenz und Dokumentation: Die Projektschritte
     Beteiligten definieren gemeinsam die Ziele und ste-                            und Prozesse werden dokumentiert und in verständli-
     cken den Rahmen ab (Zeit, Ressourcen, Verbindlich-                             cher Form allen Beteiligten zugänglich gemacht.
     keiten).                                                                       Evaluierung: Der Projektverlauf wird gemeinsam mit
     Verbindlichkeit: Gemeinsame Vereinbarungen wer-                                allen Beteiligten nachbesprochen.
     den verbindlich umgesetzt. Die dafür notwendigen                               Einbindung des Umfelds: Im Prozess wird das gesam-
     Ressourcen (finanziell, zeitlich, personell, räumlich                          te Umfeld mitgedacht und einbezogen.
     etc.) sind vor der Miteinbeziehung von Kindern und
     Jugendlichen vorzusehen.

Inhalte der Qualitätskriterien für Kinder- und Jugendbeteiligung finden sich auch in internationalen Dokumenten wie
der Agenda 21, in der UN-Kinderrechtskonvention, der (revidierten) Europäischen Charta der Beteiligung der Jugend am
Leben der Gemeinde und der Region (Europarat, 2003) und in der EU-Jugendstrategie 2019-2027 „Beteiligung, Begeg-
nung und Befähigung“.

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2 Partizipation von Kindern
                         und Jugendlichen

   Die Jugend von heute liebt den Luxus und verachtet            Anleitung zum Misslingen
  die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die       partizipativer Vorhaben
    Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.                 Erwachsene machen Dinge zum Thema, die
               Sokrates, 469 bis 399 v. Chr.                          für Kinder und Jugendliche belanglos sind.
                                                                      Kinder- und Jugendliche werden nicht ernst
                                                                      genommen.
2.1. Balanceakt                                                       Alibihandlungen für die Bedürfnisse der
Beteiligung ist im Zusammenhang mit Kindern und Ju-                   Erwachsenen.
gendlichen ein Balanceakt. Die Sozialpädagogin Rain-                  Instrumentalisierung von Kindern/Jugendli-
                                                                      chen in Vorzeigeprojekten.
gard Knauer meint damit eine Haltung von Erwachsenen
gegenüber jungen Menschen: Unterstützung ohne Be-
vormundung, Begleiten und Ermöglichen, ohne schon
vorwegzunehmen, was herauskommen soll, die Sicht der             In der Sekundarstufe I erweitert sich das Potenzial
Kinder wahrnehmen und sie in Planungen einbeziehen           für Abstraktionsvermögen und für das Erkennen von ge-
oder altersadäquate Beteiligungsangebote entwickeln          sellschaftlichen und politischen Strukturen.
und Grenzen transparent halten. Es geht darum, zwi-
schen Autonomie und Abhängigkeit Räume für Betei-
ligung zu schaffen oder zu erweitern. Räume, in denen           > weiterlesen
Kinder und Jugendliche auch andere Rollen als jene ei-             Philipp Mittnik (Hrsg.): Politische Bildung in
ner vorwiegend aufnehmenden und geführten auspro-                  der Volksschule. Wien, 2017.
bieren können.                                                     https://zpb.phwien.ac.at/files/2017/09/Poli-
    Darüber hinaus gibt es noch einen zweiten Balance-             tische_Bildung.pdf
akt: Gemeinsames Handeln, Planen und Mitentscheiden
bei Themen, die den Beteiligten am Herzen liegen, ist et-
was anderes als das Übertragen von „Erwachsenenpolitik“      2.3. Partizipation als Kinderrecht
auf Kinder. Dennoch braucht es auch wirksame Kinder-         Während soziale und politische Partizipation von Kin-
und Jugendpolitik als Querschnittsmaterie – politische       dern und Jugendlichen in aller Munde ist, bleibt oft ein
Strukturen für und mit jungen Menschen. Schließlich          Aspekt unterbelichtet: Partizipation ist nicht etwas,
geht es um Mitreden und Mitentscheiden in ALLEN Le-          das von Erwachsenen gewährt wird, sondern ein Kin-
bensbereichen und bei ALLEN Entscheidungen, die junge        derrecht. Eines der vier Grundprinzipien, von denen die
Menschen betreffen (nicht nur den Skaterpark!).              Kinderrechtskonvention (KRK) getragen wird, ist das
                                                             Kinderrecht auf Partizipation. Die 1989 verabschiede-
2.2. Entwicklung von Fähigkeiten                             te UN-Kinderrechtskonvention setzt neben der Schaf-
Der Rahmen von Partizipation ändert sich klarerweise         fung gesicherter Lebensgrundlagen für die persönliche
mit dem Alter und der Entwicklung kognitiver und sozi-       Entwicklung (provision) und dem Schutz vor Gewalt
aler Fähigkeiten junger Menschen. Kinder zwischen vier       (protection) Beteiligungsrechte als Schwerpunkt (parti-
und sechs Jahren können laut Entwicklungspsychologie         cipation). Diese Beteiligungsrechte sind der jüngste The-
ihre Meinung vertreten, wenn es um die eigene Wohn-          menkomplex in der Kinderrechtsdebatte.
umgebung oder um Spiel- und Aufenthaltsorte geht.                Zwei Artikel sind in diesem Zusammenhang maßgeb-
Zwischen sechs und zehn Jahren überblicken Kinder den        lich: Artikel 12 bezieht sich auf die Achtung vor der Mei-
unmittelbaren Lebensbereich (Wohnumfeld, Schule).            nung des Kindes sowie das Recht auf Partizipation.
Die Zahl der Klassenräte und Schulparlamente – auch in       Auch Artikel 3 spielt eine herausragende Rolle (bei po-
der Volksschule – ist im Ansteigen begriffen und es ist      litischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Ent-
klar: Kinder können mit entsprechender kompetenter           scheidungen sollen die Interessen und Belange der
Begleitung bereits in jungen Jahren soziale Verantwor-       Kinder vorrangig berücksichtigt werden).
tung übernehmen und sind sowohl zu Mitgestaltung als             Der Kinderrechtsansatz versteht Kinder (definiert
auch Mitentscheidung fähig.                                  als alle jungen Menschen unter 18 Jahren) als eigen-

polis aktuell 4/2021                                                                                                11
ständige und selbstberechtigte Persönlichkeiten und
                                                                Artikel 12 der KRK
stärkt sie darin, sich für ihre Rechte einzusetzen und
sie auch einzufordern. Im Schulkontext zählen zu den            „Die Vertragsstaaten sichern dem
Kinderrechten etwa Schutz vor Gewalt/Bullying, Recht            Kind, das fähig ist, sich eine eige-
auf Freizeit/Sport (z.B. Einhaltung von Pausen, Ausmaß
                                                                ne Meinung zu bilden, das Recht
von Turnstunden), adäquates Nahrungsangebot, ad-
äquate Lernumgebung (z.B. Klassengestaltung) bis hin            zu, diese Meinung in allen das Kind
zum Verbot der Diskriminierung, z.B. nach Herkunft,             berührenden Angelegenheiten frei
Geschlecht oder Behinderung.                                    zu äußern, und berücksichtigen die
    Mit dem Grundprinzip, Kinder in allen sie betref-           Meinung des Kindes angemessen
fenden Angelegenheiten zu beteiligen, werden sie als
AkteurInnen bestärkt, aktiv ihr Umfeld einzuschätzen,
                                                                und entsprechend seinem Alter und
Dinge nicht kritiklos hinzunehmen und Verantwortung             seiner Reife.
zu übernehmen.                                                  Zu diesem Zweck wird dem Kind ins-
    Österreich hat im Jahr 2011 das „Bundesverfassungs-
gesetz über die Rechte von Kindern“ beschlossen. Arti-
                                                                besondere Gelegenheit gegeben, in
kel 4 legt dabei folgendes fest:                                allen das Kind berührenden Gerichts-
                                                                oder Verwaltungsverfahren entweder
       „Jedes Kind hat das Recht auf angemessene                unmittelbar oder durch einen Ver-
           Beteiligung und Berücksichtigung
        seiner Meinung in allen das Kind betreffen-
                                                                treter oder eine geeignete Stelle im
        den Angelegenheiten, in einer seinem Alter              Einklang mit den innerstaatlichen
           und seiner Entwicklung entsprechenden                Verfahrensvorschriften gehört zu
              Weise.“                                           werden.“
     Kinderrechtskonvention,

     Wer bestimmt?                                           Alltag, Schule, Freizeit
     >   tipp methode: (Volksschule, Sekundarstufe I):
                                                             Wo sollten Kinder/Jugendliche eurer Meinung nach mehr
                                                             zu sagen haben? Und was sagt ihr dazu?
     In der Gruppenübung geht es um Fragen, die sich         Impuls (ab der 7. Schulstufe)
     darum drehen, wer in der Familie in welcher Situation      Schritt 1: Die SchülerInnen überlegen in Kleingrup-
     entscheiden soll (Kinder, Eltern, beide gemeinsam).        pen eine kurze Geschichte (Szene) zum Thema Mitre-
     Die Kinder halten wie im Ampelspiel nach jeder Frage       den/Beteiligung oder Nicht-Beteiligung von Kindern
     dafür eine Farbkarte hoch und signalisieren ihre Ant-      und Jugendlichen. Dafür bietet sich die Schule an,
     wort. Ältere Kinder können in der Kinderrechtskon-         aber auch Plätze, wo sich Jugendliche gerne aufhal-
     vention nachschauen, auf welche Rechte der Konven-         ten (z.B. Parks, Jugendzentrum etc.).
     tion sich die Fragen beziehen.                             Schritt 2: Zur Idee der Geschichte passend, machen
     Download der Übung aus dem COMPASITO – Handbuch            sie fünf bis zehn Fotos, die zu einer Bildgeschichte
     zur Menschenrechtsbildung mit Kindern (2009) unter         zusammengefügt werden können.
              www.compasito-zmrb.ch/uebungen =>                 Schritt 3: Die SchülerInnen gestalten eine Collage
              Übung 33: Wer bestimmt?                           mit zu den Bildern passenden Sprech- bzw. Gedanken-
                                                                blasen, Erzähltexten, Kreativelementen usw.
              Download der vereinfachten Fassung der
                                                                Dazu werden die Fotos entweder ausgedruckt oder
              Kinderrechtskonvention:
                                                                am PC bearbeitet.
                             polis aktuell 7/2019: Kinder-      Schritt 4: Präsentation in der Klasse.
                             rechte. www.politik-lernen.        Schritt 5: Nachbesprechung.
                             at/pa_kinderrechte                 Clustern und besprechen, was mit
                                                                den Ergebnissen passieren soll
                                                                (z.B. Ausstellung in der Schule oder
                                                                auf der Schulwebsite).

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2.4. Wo und Wie können sich Kinder und Jugendliche beteiligen?

                                                                                                                        }
                                                                              Interessen-
Kinder-                                 Vereine                                 vertre-              Stadt
garten             Gemein-                                                      tungen
                    nützige
                    Organi-
                   sationen
                                                                                                             Jugend-
                                                                                                             zentren
                                                            Gemeinde                                                             Alltags-
                                                                                      Arbeits-
                                                                                        welt                                   partizipation
                                        Internet

                       Schule
   Jugend-
    organi-                                                            Religiöse
   sationen                                                           Institutio-           Politische        Familie
                                                                         nen                 Parteien

Die oben dargestellte Grafik zeigt: Kinder und Jugend-                        litische Partizipation im weiteren Sinn. Je vielfältiger
liche sind in vielfältige Lebens- und Alltagswelten und                       und positiver die Möglichkeiten und Erfahrungen, des-
somit potenziell in zahlreiche Beteiligungssphären ein-                       to stärker die Bereitschaft, sich erneut einzubringen.
gebunden – von der Schule bis zu Freizeitbereichen und                        Jugendliche nutzen Beteiligungsangebote und -projekte
virtuellen Communities. Ab 16 Jahren ist durch das                            am Wohnort besonders intensiv, wenn sie
Wahlrecht auch die Möglichkeit der formellen politi-                          1. darüber gut informiert werden,
schen Partizipation gegeben.                                                  2. einen großen Erfahrungsschatz verbunden mit
                                                                                  einem hohen Qualifikationsempfinden in puncto
2.4.1. Partizipationsspirale                                                      Partizipation haben,
                                                                              3. viele Mitwirkungsmöglichkeiten in der Schule haben.
                                                                              Erleben Kinder und Jugendliche Beteiligung in einem
                                                                              Bereich erfolgreich, hat das auch günstige Auswirkun-
                                                                              gen auf andere Bereiche. Besonders unter diesem Blick-
                                                                              winkel sind erfolgreiche Kooperationen zwischen Schu-
                                                                              len und Gemeinden bzw. Schulen und außerschulischen
                                                                              Einrichtungen zukunftsweisend für alle Beteiligten.

                                                                              2.4.2. Alltagspartizipation
                                                                              Der Stellenwert jener Beteiligung, die dort passiert, wo
                                                                              der Alltag gelebt wird, sollte nicht unterschätzt werden.
                                                                              Denn Alltag ist das, was nicht auffällt, und Alltag gibt
                                                                              Sicherheit. Alltagspartizipation bedeutet, dass Beteili-
                                                                              gung selbst zum Alltag wird – etwa durch Beteiligungs-
                                                                              rituale (z.B. Klassenrat) und Feedback oder generell
                                                                              durch Mitsprache als Teil des Alltags. Die selbstverständ-
                                                                              liche, in den Alltag integrierte Beteiligung ist meistens
                                                                              unspektakulär, aber wirksamer als so manches Vorzei-
                                                                              geprojekt. Ihre wichtigsten Ressourcen sind der Dialog
                                                                              und die Zeit. Zeit, um zuzuhören, zu beobachten, Ideen
Quelle: Thomas Olk, Roland Roth: Mehr Partizipation wagen. Argu-              zu besprechen, Vereinbarungen auszuhandeln, Informa-
mente für eine verstärkte Beteiligung von Kindern und Jugendlichen.
Gütersloh: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), 2007                                 tionen weiterzugeben und zu planen.
                                                                                  Besonders diese Art der Beteiligung will gelernt sein –
Die groß angelegte empirische Studie mitWirkung! der                          nicht nur von Kindern und Jugendlichen. Für die Schule
Bertelsmann Stiftung (Deutschland) belegt: Positive Er-                       heißt das: Partizipation bleibt nicht alleine auf
fahrungen von partizipativen Prozessen in der Schule                          die Arbeit mit SchülerInnen eingegrenzt, sondern
haben günstige Auswirkungen auf die Beteiligung in                            sie wird von Lehrkräften selbst gelebt und von der
der Freizeit und in der Gemeinde, letztlich auch auf po-                      Schulleitung ermöglicht bzw. gefördert.

polis aktuell 4/2021                                                                                                                   13
> weiterlesen                                           Offene Formen
                                                             In unregelmäßigen Abständen artikulieren Kinder und
      ULTIMO Spezial. Das Fachmagazin zu Themen              Jugendliche ihre Meinung und Bedürfnisse (im Gespräch,
      der Jugendarbeit von Akzente Salzburg behan-           in Diskussionsrunden, in Umfragen) oder sie bringen sich
      delt in mehreren Ausgaben das Thema Partizipa-         in Organisationen ein.
      tion. Informationen und kostenlose Bestellung              Beispiele sind: Kinder- und Jugendforen in der Ge-
      www.akzente.net/rein-schauen/ultimo-spezial            meinde, Schul- und Klassenforum (z.B. zu Hausordnung,
      Kinder- und Jugendanwaltschaft Salzburg                Lehrplan, Leitbild etc.), Kinder- und Jugendbefragun-
      (Hrsg.): Meine Meinung zählt (2019). Down-             gen, Internetabstimmungen (E-Partizipation), Open-
      load unter www.kija-sbg.at/fileadmin/user_up-          Space-Konferenzen, Sprechstunden von Bürgermeiste-
      load/Meine_Meinung_zaehlt.pdf                          rInnen für Jugendliche, Freiwilligenarbeit in NPOs.
      Feedback und Alltagspartizipation im Schul-
      bereich: polis aktuell 7/2011 (aktual. 2013)           Parlamentarische Formen, verfasste Formen,
      Klassengemeinschaft                                    repräsentative Formen
      www.politik-lernen.at/pa_klassengemeinschaft           Modelle direkter Beteiligung, die durch Kontinuität
                                                             und formale Strukturen gekennzeichnet sind, z.B. Kin-
                                                             der- und Jugendgemeinderäte bzw. Jugendlandtag oder
2.4.3. Formen der Beteiligung von                            Möglichkeiten politischer Partizipation (Wahlen, euro-
Kindern und Jugendlichen                                     päische BürgerInnenintiative), Wahl der Klassen- und
                                                             SchulsprecherInnen, SchülerInnenparlamente.
Projektbezogene Formen                                          Jugendliche nehmen formal durch gesetzliche Maß-
Sie haben einen zeitlich begrenzten Planungs- und            nahmen an Entscheidungsprozessen teil, etwa durch die
Durchführungshorizont, sind von den Aufgaben her             Einführung des Wahlrechts ab 16 Jahren oder die Be-
überschaubar und zeigen sichtbare Ergebnisse. Ihre In-       stellung eines Kinder- und Jugendbeauftragten. Die Ins-
tegration in den Alltag ist allerdings nicht in allen Fäl-   trumente/Elemente direkter Demokratie und politischer
len möglich. Beispiele:                                      Partizipation, an denen sich Jugendliche ab 16 Jahren
   Schule: Projektunterricht, Schulprojekte, Schulräu-       in Österreich beteiligen können, sind Volksabstimmung,
   me oder Schulfreiräume                                    Volksbegehren, Volksbefragung, BürgerInneninitiative,
   Kommunalpolitische Projekte zu Spielplatz-, Sport–        Petitionen und Wahlen (EU-Ebene siehe Seite 21).
   und Freizeitanlagengestaltung, Verkehrsplanungen,
   Kulturveranstaltungen usw.
                                                               > weiterlesen
                                                                   Jugendseite des Vereins beteiligung.st: www.
                                                                   beteiligung.st/jugend
         Grundbegriffe und Verständnis                             ARGE Partizipation: Formen und Methoden der
               für Beteiligung                                     Jugendpartizipation: https://jugendbeteili-

  >    Methodentipp für die Sekundarstufe I
  Das Demokratiezentrum Wien hat Unterrichtseinheiten
                                                                   gung.at/formen-und-methoden

  zu zentralen politischen Partizipationsmöglichkeiten

                                                              >
  zusammengestellt.
  • Was kann, darf, soll ich tun?                                 Recherche-Impuls (ab der 4. Schulstufe)
  • Was hat das alles mit mir zu tun?                         Die SchülerInnen recherchieren gemeinsam mit den
  • Partizipation in der eigenen Lebenswelt                   Eltern und/oder Lehrkräften:
  • Wie treffe ich politische Urteile und wie kann ich        • Welche speziellen Einrichtungen für Kinder und
    sie durchsetzen?                                            Jugendliche gibt es in meiner Gemeinde?
  • Angebote politischer Organisationen nutzen                • Wer ist dort die Ansprechperson für kinder- und
  • Zeitlich begrenzte Fahrverbote vor Schulen?                 jugendspezifische Anliegen?
  www.demokratiezentrum.org/bildung/unterrichtsbei-           • Gibt es Jugendbeauftragte oder Sprechstunden des
  spiele/partizipation                                          Bürgermeisters/der Bürgermeisterin für Kinder und
  Arbeitsblatt: www.demokratiezentrum.org/fileadmin/            Jugendliche?
  media/pdf/ab_partizipation_zit.pdf

14                                                                                             polis aktuell 4/2021
Who is who? Politische Institutionen und Modelle
                             für Kinder- und Jugendpartizipation

    BUND                                                      Jugendrat
    Bundesjugendvertretung (BJV)                              Ein einfaches Modell der Jugendbeteiligung für Ge-
    Gesetzlich verankerte Interessenvertretung aller Kinder   meinden, um junge Menschen dafür zu gewinnen, sich
    und Jugendlichen in Österreich                            mit lokalen Themen intensiv auseinanderzusetzen. 10
    www.bjv.at                                                bis 18 Jugendliche werden per Zufall ausgewählt. Sie
                                                              entwickeln Lösungs- und Verbesserungsvorschläge zu
    LÄNDER                                                    Themen, die sie interessieren, und fassen die Ergeb-
    Jugendlandtag                                             nisse in einem gemeinsamen Statement zusammen.
    Jugendliche Abgeordnete aus verschiedenen Regionen        http://jugend-rat.at
    eines Bundeslands nehmen selbst Platz im Landes-
                                                              Jugendparlament
    parlament und übermitteln in Form von Anträgen ihre
                                                              Unter dem Begriff Jugendparlament werden sehr
    Wünsche und Forderungen an die zuständigen Mitglie-
                                                              unterschiedliche Strukturen verstanden – von außer-
    der der Landesregierung. Die Zahl der Abgeordneten-
                                                              schulischen Beteiligungsinitiativen (z.B. im Jugend-
    Plätze ist klar geregelt.
                                                              zentrum) bis zu Interessenvertretungen für Kinder
    • Burgenland: www.bgld-landtag.at/veranstaltungen/
                                                              und Jugendliche in Gemeinden, wo Jugendparlamente
      jugendlandtag
                                                              Anträge ausarbeiten, die den PolitikerInnen vorgelegt
    • Salzburg: www.salzburg.gv.at/pol/landtag/jugend-
                                                              werden. Im österreichischen Parlament findet halb-
      landtag
                                                              jährlich ein Jugendparlament mit Jugendlichen der
    • Steiermark: https://mitmischen.steiermark.at
                                                              9. Schulstufe statt (aus dem Bundesland, das gerade
                                                              dem Bundesrat vorsitzt). Einen Tag lang übernehmen
    GEMEINDEN
                                                              die SchülerInnen die Aufgaben von PolitikerInnen. Zu-
    Kinder- und Jugendbeauftragte sind Sprachrohre
                                                              sätzlich gibt es für Lehrlinge das Lehrlingsparlament.
    der Kinder und Jugendlichen in einer Gemeinde. Sie
                                                              www.reininsparlament.at
    beraten die Gemeinde in Jugendfragen und kümmern
    sich darum, dass diese Zielgruppen bei jugendrelevan-     ARBEITSBEREICH
    ten Projekten eingebunden werden (z.B. durch Abhal-       Jugendvertrauensräte/-rätinnen
    tung von Jugendgemeinderäten, Jugendsprechtagen).         Ab fünf Arbeitskräften unter 18 Jahren in einem Be-
                                                              trieb kann einE Jugendvertrauensrat/-rätin als Anlauf-
    Kinder- und Jugendgemeinderäte beraten Entschei-          stelle für Lehrlinge und jugendliche ArbeitnehmerIn-
    dungsträgerInnen in Kinder- und Jugendfragen. Die         nen und als VermittlerIn zwischen den Anliegen der
    Kinder/Jugendlichen können entweder gewählt und           jungen Belegschaft und der Betriebsleitung gewählt
    von den anderen Jugendlichen entsandt werden oder         werden (für zwei Jahre).
    der Zugang zum Kinder- und Jugendgemeinderat ist          www.gpa.at/die-gpa/jugend/jugenvertrauensraetinnen
    generell offen für alle Interessierten.
                                                              EUROPA
    Jugendforen als niederschwellige partizipatorische        European Youth Parliament (EYP)
    Form können auf verschiedene Arten gebildet wer-          Das Europäische Jugendparlament bietet dreimal
    den – als lose Zusammenkunft von Jugendlichen und         jährlich 250 SchülerInnen zwischen 16 und 19 Jahren
    Erwachsenen, über eine Wahl von VertreterInnen            aus ganz Europa die Möglichkeit, die Arbeit des Euro-
    des Jugendforums oder nach dem Delegationsprinzip         päischen Parlaments kennenzulernen. Jeweils zehn
    (Jugendorganisationen, -vereine und freie Jugendini-      TeilnehmerInnen aus Österreich können dabei in der
    tiativen entsenden VertreterInnen zu regelmäßigen         Diskussion mit Gleichaltrigen aus verschiedenen Staa-
    Treffen). Einem Jugendforum kann die Aufgabe über-        ten ihre eigene Meinung zu aktuellen europäischen
    tragen werden, Mitgestaltungsmodelle und -projekte        Themen vertreten. Sie erstellen eine Resolution, die
    zu initiieren und zu betreiben.                           dem Europäischen Parlament, der Europäischen Kom-
                                                              mission und dem Europäischen Rat übergeben wird.
                                                              https://eyp.at

polis aktuell 4/2021                                                                                                   15
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