STUDIE Kultur und Entwicklung - Die Bedeutung von Kulturkooperation und Kunstvermittlung im entwicklungspolitischen Kontext - VIDC

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STUDIE

Kultur und Entwicklung
Die Bedeutung von Kulturkooperation und Kunstvermittlung
im entwicklungspolitischen Kontext

Sanda Üllen
STUDIE Kultur und Entwicklung - Die Bedeutung von Kulturkooperation und Kunstvermittlung im entwicklungspolitischen Kontext - VIDC
2                                                                                       KULTUR UND ENTWICKLUNG

Sanda Üllen ist Kultur- und Sozialanthropologin und arbeitet als Lektorin am Institut
für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Der Forschungsschwer-
punkt ihrer Arbeit liegt im Bereich der Migrations- und Erinnerungsforschung mit der
regionalen Fokussierung auf den Westbalkan, sowie Skandinavien. Neben der Lehrtä-
tigkeit hat sie an diversen Projekten mitgearbeitet („Migration(en) im Schulbuch“ am
Ludwig Boltzmann Institut für europäische Geschichte und Öffentlichkeit“ 2011-2013;
„Familiy migration and integration“ am ICMPD 2013; EU NODE - Projekt „Contesting
Multiculturalism. Gender Equality, Cultural Diversity and Sexual Autonomy am Institut
für Kultur- und Sozialanthropologie 2007). 2016 war sie „Visiting Fellow“ am Zentrum
für Südosteuropaforschung an der Universität Graz. Sie hat 2017 ihre Dissertation mit
dem Titel „Zuhause Erinnern? Transnationale Familien und die Ambivalenzen des Er-
innerns im bosnisch-herzegowinischen Nachkriegskontext“ beendet.

Impressum
Herausgeber und Medieninhaber:
VIDC – Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation Möllwaldplatz 5/9,
A-1040 Wien, www.vidc.org
Fotos Cover (v. l. n. r.):
1. Reihe: Moonchild Sanelly X Fem*Friday © Abiona Esther Ojo; Culture X Change ©
kulturen in bewegung; Culture X Change © Georg Cizek-Graf; La Philosophie Banane ©
Maria Noisternig
2. Reihe: Poetic Pilgrimage X Fem*Friday © F-filmTec.; Amadinda Sound System © Seayou
Records; Syrian Links © Shergo Abdulghani; Reflect Festival © Camillus Konkow
3. Reihe: Kick it © Karo Pernegger; Perwanas Abend © Karo Pernegger; Wien im Fluss ©
Fesih Alpagu; Südnovation © kulturen in bewegung
Autorin: Sanda Üllen
Redaktion: Cosima Sindlhofer
Grafik: typothese.at, 1150 Wien
Offenlegung gemäß § 25 des Mediengesetzes
Copyright: Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation, März 2021
Grundlegende Themen: Kultur und Entwicklung, entwicklungspolitische Kulturarbeit in
Österreich bzw. Europa
Die in dieser Publikation geäußerten Ansichten sind die des Autors und nicht
notwendigerweise die des Herausgebers/VIDC
STUDIE Kultur und Entwicklung - Die Bedeutung von Kulturkooperation und Kunstvermittlung im entwicklungspolitischen Kontext - VIDC
DIE BEDEUTUNG VON KULTURKOOPERATION UND KUNSTVERMITTLUNG IM ENTWICKLUNGSPOLITISCHEN KONTEXT                                                                                3

INHALT

1. Einleitung................................................................................................................................................ 4

1.1. Methodisches Vorgehen....................................................................................................................................5

2. Meilensteine des Kultur-Entwicklung-Nexus............................................................................................. 6

2.1. Die Rolle der UNESCO........................................................................................................................................6

2.2. Kulturpolitik auf europäischer Ebene................................................................................................................9

2.3. Nationale Entwicklungsagenturen ..................................................................................................................11
             2.3.1. Österreich.......................................................................................................................................12
             2.3.2. Dänemark........................................................................................................................................13
             2.3.3. Deutschland....................................................................................................................................13
             2.3.4. Schweiz ..........................................................................................................................................14

2.4. Transnationale Netzwerke & Zivilgesellschaft . ..............................................................................................15

3. kulturen in bewegung – ein fester Bestandteil österreichischer kultur­politischer
    Entwicklungs­zusammenarbeit................................................................................................................ 19

3.1. Kultur und Kunst als Kommunikation – Vermittlung und Kulturaustausch......................................................20
             3.1.1. Spannungsfeld Mobilität und Koproduktion...................................................................................21

3.2. Festivalisierung und Eventisierung von Kultur.................................................................................................24
             3.2.1. Spannungsfeld Repräsentation - Kultur – Entwicklung..................................................................25
             3.2.2. Spannungsfeld Kommerzialisierung von Kultur..............................................................................25

3.3. Inklusion von migrantischen Stimmen . ..........................................................................................................26

3.4. Kultur, Gender Equality und Empowerment ...................................................................................................26

3.5. Kinder und Jugendliche als besondere Zielgruppe..........................................................................................27

3.6. Kulturarbeit und Identitätspolitik.....................................................................................................................28

4. Conclusio............................................................................................................................................... 30

5. Literaturverzeichnis............................................................................................................................... 33

Weitere Quellen......................................................................................................................................................35
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1. EINLEITUNG
Die Frage, welche Rolle Kultur für die Entwicklungspo-       Kultur wurden vermehrt als Schlüsselfaktoren mensch-
litik spielt bzw. spielen kann, eröffnet die Diskussion in   licher Entwicklung gesehen. Zusätzlich brachte die Dis-
einem weiten Feld. Beide sind auf komplexe Weise mit-        kussion um Kultur und Rechte rechtsbasierte Zugänge
einander verwoben und betreffen gesamtgesellschaftli-        in entwicklungspolitische Diskurse und machte kulturel-
che, soziale, wirtschaftliche und politische Ebenen. Sei     le Rechte zum wichtigen Instrument internationaler Ko-
es, wenn es um Konsum kultureller Güter, um Fragen           operation. Herausfordernd bleibt dabei, dass es in der
von Meinungsfreiheit, bildungspolitische Initiativen,        Entwicklungspolitik und der Entwicklungszusammen-
Demokratisierungsprozesse, Menschenrechte, Fragen            arbeit auch nach jahrzehntelanger Diskussion um das
von Geschlechtergleichheit geht – Entwicklungspoli-          Thema Kultur keinen Konsens über einen bestimmten
tik kommt ohne die kulturelle Ebene nicht aus. Bereits       Kulturbegriff gibt. Aus diesem Grund blieb Kultur noch
1966 wies die UNESCO auf die Bedeutung von Kultur            jahrelang von Entwicklungs- und Kooperationsprogram-
für internationale Kooperationen hin. Jedoch blieb die       men ausgeschlossen bzw. wird auch heutzutage noch
enge Verbundenheit zwischen Entwicklung und wirt-            als ein Randthema behandelt.
schaftlichem Wachstum lange Zeit ein Hindernis für              Die vorliegende Studie will sich somit näher mit dem
Inklusion sozio-kultureller Zugänge im entwicklungspo-       Beitrag von Kunst- und Kulturarbeit innerhalb der Ent-
                                                                                                                          EsRAP X Reumannblast © F-filmTec

litischen Kontext. Andererseits wurde Kultur lange Zeit      wicklungszusammenarbeit beschäftigen. Der Schwer-
als Hindernis für erfolgreiche Umsetzung von Entwick-        punkt liegt auf der Auseinandersetzung mit der Frage,
lungsprogrammen gesehen. Die Erkenntnis um die Viel-         wie sich die Kulturarbeit und Kulturvermittlung im Kon-
schichtigkeit menschlicher Entwicklung und die breitere      text der Entwicklungszusammenarbeit in den letzten
Konzeptualisierung von Armut ab den 1990er erwei-            Jahrzehnten verändert bzw. entwickelt haben. Dabei
terte den entwicklungspolitischen Zugang jenseits von        wird ein historischer Überblick über die wichtigen Maß-
ökonomisierenden Faktoren: Bildung, Gesundheit und           nahmen auf internationaler und nationaler gegeben.
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DIE BEDEUTUNG VON KULTURKOOPERATION UND KUNSTVERMITTLUNG IM ENTWICKLUNGSPOLITISCHEN KONTEXT                                      5

                                           Die historische Kontextualisierung soll helfen, nationale                und Auswerten subjektiver Positionen ergänzt. Dabei
                                           Entwicklungspolitiken und die praktische Arbeit im ent-                  sollen Rückschlüsse über die zukünftige Positionierung
                                           wicklungspolitischen Kontext zu verstehen. Das Ziel ist                  der Kunst- und Kulturvermittlung in der EZA gewonnen
                                           es, den Diskurs um Kultur und Entwicklung in den letz-                   werden: Was gelang besonders gut? Wo gibt es Ver-
                                           ten Jahrzehnten theoretisch und praktisch aufzuzeigen.                   besserungspotential? Wo sind Widersprüche sichtbar
                                              Einerseits wird somit der Frage nachgegangen, wel-                    geworden? Wie ging man damit um? Was hat sich auf
                                           che Funktion Kultur und Kunst in der Gesellschaft ha-                    sprachlicher und visueller Ebene im Laufe der Zeit ver-
                                           ben. Andererseits werden Schwerpunkte vorgestellt,                       ändert? Was hat man generell aus den letzten 25 Jah-
                                           die sich innerhalb der Entwicklungszusammenarbeit                        ren gelernt? Wie möchte man die zukünftige Kulturar-
                                           definieren. Durch die Diskussion der Arbeit von kulturen                 beit gestalten? In einer ersten gemeinsamen Sitzung
                                           in bewegung als bedeutendste Organisation in diesem                      wurde ein Zeitleistencluster erstellt (siehe Abbildung 1).
                                           Kontext soll aufgezeigt werden, welche Positionierung                    Dabei wurde die Menge an unterschiedlichen Projek-
                                           zu Kunst und Kultur in der Entwicklungszusammenarbeit                    ten und Initiativen sichtbar, die kulturen in bewegung
                                           die am VIDC angesiedelte Institution dabei hat und was                   in den letzten 25 Jahren begleitet hat. Ergänzt wurde
                                           sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat.                           das Clustern durch Fragebogenbefragungen. Die Fragen
                                                                                                                    richteten sich einerseits nach der emischen Perspektive
                                                                                                                    zu Kunst und Kultur, der Einschätzung der Positionie-
In meiner Hand eine Wolke © Andreas Kurz

                                           1.1. Methodisches Vorgehen                                               rung von kulturen in bewegung im entwicklungspoli-
                                                                                                                    tischen Kontext, den größten Herausforderungen und
                                              Der Überblick über die historische Entwicklung und                    Widersprüchen sowie einem Ausblick in die Zukunft.
                                           das Angebot an kulturellen Aktivitäten unterschied-                      Abgerundet wurde dies durch eine weitere Teamsit-
                                           licher Institutionen wurde anhand der Literatur- und                     zung, wobei die Antworten aus den Fragebögen dis-
                                           Dokumentenrecherche erhoben. Dazu wurden Home-                           kutiert und vertieft wurden. Zusätzlich dazu wurden
                                           pages, Auftritte in den sozialen Medien, sowie die be-                   semi-strukturierte Interviews mit ehemaligen Mitarbei-
                                           reits vorhandenen Publikationen ausgewertet. Die Ana-                    terinnen sowie mit Kunstschaffenden geführt. Die Er-
                                           lyse zu kulturen in bewegung wurde durch das Erheben                     gebnisse werden auf den folgenden Seiten vorgestellt.
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6                                                                                              KULTUR UND ENTWICKLUNG

2. M
    EILENSTEINE DES KULTUR-
   ENTWICKLUNG-NEXUS
Die Diskussion um die Bedeutung von Kultur im ent-         und Fluidität geprägt wird. Durch den Einsatz eines bre-
wicklungspolitischen Kontext ist nicht neu. Globalisie-    iten Kulturbegriffes wird der Versuch unternommen,
rungsprozesse, geopolitische Umwälzungen, die Er-          Kultur und Entwicklung als eine Einheit zu verstehen
kenntnis über die Bedeutung von Kultur und Kunst als       und nicht als Gegensatz. Schwierig, da noch immer
ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, Veränderun-         schwammig, ist die Unterscheidung zwischen Kultur
gen entwicklungspolitischer Paradigmen sowie institu-      und Kunst. Kunst spielt eine zentrale Rolle im Feld von
tionelle Schwerpunktsetzungen der UN-Institutionen         Kultur, die durch Musik, Film, Bilder eine Ausgestal-
trugen wesentlich dazu bei, dass Kultur und Kunst im       tungsform hat und als kulturelle Ressource besonders
entwicklungspolitischen Kontext zu einem wichtigen         wertvoll ist. Aus diesem Grund spricht Faschingeder
Thema wurde.                                               von Kultur-als-Kunst-Kulturbegriff (Faschingeder 2010:
                                                           36): Kunst kann Unsagbares ausdrücken, sowie Grenzen
                                                           des Sagbaren verschieben und ist demnach ein wichti-
2.1. Die Rolle der UNESCO                                  ges Instrument emanzipatorischer (Selbst)Repräsenta-
                                                           tion. Künstlerische Interventionen sprechen entwick-
   Besonders die Diskurse innerhalb der UNESCO ha-         lungspolitisch relevante Themen an, wie Ausbeutung,
ben den entwicklungspolitischen Diskurs der letzten        undemokratische Verhältnisse, Korruption, Intranspa-
Jahrzehnte geprägt. Die UNESCO operiert dabei mit ei-      renz etc. an und daher verwundert es nicht, dass Schutz
nem breiten Kulturbegriff, der die Künste inkludiert und   von Meinungsfreiheit eines der Ziele kulturpolitischer
viel Raum für Interpretationen offenlässt:                 Entwicklungszusammenarbeit ist.
                                                               Lange Zeit, vor allem geprägt durch Dependenz- und
        „Kultur [kann] in ihrem weitesten Sinne            Modernisierungstheorien galt Kultur als ein Hindernis
       als die Gesamtheit der einzigartigen                für Entwicklung. Angesichts der weltweiten Industria-
       geistigen, materiellen, intellektuellen und         lisierung und der damit erwarteten ökologischen und
       emotionalen Aspekte angesehen werden                wirtschaftlichen Folgen kam es Ende der 1980er Jahre
       (...), die eine Gesellschaft oder eine soziale      entwicklungspolitisch zu einem Paradigmenwechsel,
       Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht            indem der Aspekt der Nachhaltigkeit in die Programme
       nur Kunst und Literatur ein, sondern                Einzug gehalten hat. Der aus der Forstwirtschaft stam-
       auch Lebensformen, die Grundrechte des              mende Begriff „nachhaltige Entwicklung“ wird ver-
       Menschen, Wertsysteme, Traditionen und              standen als „Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft“ der da-
       Glaubensrichtungen.“ (UNESCO 1982)                  durch auch eine soziale sowie soziokulturelle Dimensi-
                                                           on mitimpliziert (Gad 2014: 39). Aufbauend auf diesen
    Der Anspruch der 1982 auf der UNESCO Konferenz         Erkenntnissen brachte die eingangs erwähnte UNESCO
vorgetragenen Definition von Kultur war es somit, die      Konferenz 1982 in Mexiko-Stadt einen Paradigmen-
kulturelle Dimension von Entwicklung zu betonen und        wechsel, welcher nicht nur den Kulturbegriff, sondern
die Förderung von Kultur und Kunst zu einem explizi-       auch den Entwicklungsbegriff wesentlich erweiterte.
ten Ziel der Entwicklungspolitik zu machen. Obwohl die     Die Entwicklungszusammenarbeit, als ein „kulturel-
Diskussion um die Definition von Kultur eine lange ist,    les Produkt des Westens“ (Gieler 2010: 40) beruhte in
führte die breitere, „anthropologische“ Konzeptualisie-    Bezug auf Zielsetzung als auch die Methodik lange auf
rung von Kultur zur Ankerkennung kultureller Vielfalt      westlichen Modellen. Die Anerkennung kultureller Di-
und in weiterer Folge zum Prinzip kultureller Politik.     mension von Entwicklung verstärkte die Einsicht, dass
Weiters wird Kultur nicht als statisch, unbeweglich und    kulturelle Identität bedeutsam für Entwicklungsprozes-
fix, sondern als ein Prozess verstanden, welcher ständig   se sei. Die Erkenntnis, dass lokale Vorstellungen von
(neu)ausverhandelt, umstrukturiert und von Dynamik         Kultur, kulturelle Begebenheiten vor Ort, Traditionen
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DIE BEDEUTUNG VON KULTURKOOPERATION UND KUNSTVERMITTLUNG IM ENTWICKLUNGSPOLITISCHEN KONTEXT                                    7

                                                    usw. eine relevante Größe für Erfolge von Entwicklungs-                  licht. 1992 verabschiedete die UNO auf der Konferenz
                                                    projekten sind, verstärkte somit die Bedeutung sozio-                    für Umwelt und Entwicklung das Leitpapier Agenda 21
                                                    kultureller Dimension. Des Weiteren rückte der Mensch                    welches für die stärkere Partizipation von Bevölkerung
                                                    in den Mittelpunkt von Entwicklung. Immer bewusster                      an Gestaltung der Gesellschaft plädiert (vgl. Vereinte
                                                    wurde, dass lokale kulturelle Vorstellungen immens                       Nationen 1992). Jedoch, auch wenn inzwischen Parti-
                                                    relevant sind und deren (Nicht)Berücksichtigung zum                      zipation und Kooperation erwünscht sind, sind sie wie
                                                    Erfolg oder Misserfolg von Projekten führen kann. Die                    Gad anmerkt, „nur selten ernsthafte Ausgangsbasis“
                                                    kulturellen Differenzen sollen wahrgenommen werden,                      (Gad 2014: 34). Die Problematik dabei bleibt die Lo-
                                                    ohne reduktionistisch und simplifizierend zu operieren                   gik von Entwicklungsprogrammen, die auf Messbarkeit
                                                    und daraus abwertende und klischeehafte Einstellun-                      und Erfolge ausgerichtet sind. Auch wenn die UNESCO
                                                    gen zu beziehen. Damit konnten bis zu einem gewissen                     versucht hat, valide kulturelle Indikatoren für Entwick-
                                                    Grad Eurozentrismus und der Paternalismus in ent-                        lung zu definieren, bleiben quantifizierende Aussagen
                                                    wicklungspolitischen Projekten aufgebrochen werden.                      über den Einfluss kultureller Projekte auf Entwicklung
                                                    Jedoch, wie Gieler anmerkt, stehen Entwicklung und                       schwer greifbar. Außerdem sind Beurteilungskriterien
                                                    Kultur zum Teil noch immer synonym für den Ethnozen-                     immer Machtkriterien aus einer bestimmten und insti-
Graffiti-Workshop X Reumannblast © Maria Hruschka

                                                    trismus, „da sie westliche Modernisierung zur Univer-                    tutionalisierten Perspektive.
                                                    salie erheben und unabhängige Sonderwege missach-                           In diesem Sinne kam es ab den 1990er Jahren zu ei-
                                                    ten“ (2010: 48). Daher bleibt es noch immer wichtig,                     nem Kultur-Boom im entwicklungspolitischen Kontext:
                                                    Machtverhältnisse zu hinterfragen, denn „jede kultur-                    „Kultur statt Politik“ (Faschingeder 2003: 10) lautete
                                                    sensible Entwicklungszusammenarbeit ist zum Schei-                       die Formel. Der neoliberale Zugang der 1990er Jahre
                                                    tern verurteilt, wenn sie Kultur nicht aus als Ausdruck                  prägte auch den entwicklungspolitischen Diskurs: De-
                                                    [...] von Machtverhältnissen interpretiert und entwick-                  regulierung, Öffnung der Märkte, der Ruf nach harter
                                                    lungspolitische Maßnahmen setzt“ (ebd. 18). Einen                        Währungspolitik bedeuteten u.a. einen anderen Um-
                                                    möglichen Ausweg stellt ein interdisziplinärer, kultu-                   gang mit Kultur. Das Ziel der „Weltdekade für kulturelle
                                                    rübergreifender Diskurs, der partnerschaftlichen und                     Entwicklung“ der UNESCO von 1988 bis 1997 war es,
                                                    beiderseitigen Zugewinn, sowie Partizipation ermög-                      den Diskurs um kulturelle Dimension multiperspekti-
STUDIE Kultur und Entwicklung - Die Bedeutung von Kulturkooperation und Kunstvermittlung im entwicklungspolitischen Kontext - VIDC
8                                                                                                 KULTUR UND ENTWICKLUNG

visch und ausdifferenziert zu führen. Kultur soll inner-        Ein weiterer Punkt der für kultursensible Entwick-
halb wirtschaftlich orientierter Entwicklungsprogram-        lungspolitik wichtig wurde, wurde im Rahmen der Welt-
me einen Platz bekommen und anerkannt werden. Kul-           konferenz für Kulturpolitik 1998 in Stockholm und dem
tur innerhalb der Entwicklungszusammenarbeit stellte         dort ausformulierten Aktionsplan „The Power of Cul-
zum Teil einen Markt da, der vor allem durch das Label       ture“ in den Fokus gerückt: „kulturelle Kreativität“
„Weltmusik“ zu einem künstlerischen Produkt wurde.           wurde zur „Quelle menschlichen Fortschritts“ erklärt
Solidarität mit dem globalen Süden wurde durch Mu-           (Deutsche UNESCO Kommission 1998: 2). Gleichzeitig
sik/Events konsumierbar. Obwohl hierbei entwicklungs-        wird kulturelle Vielfalt zum Entwicklungsfaktor für
politische Diskurse den Rahmen bildeten, kritisiert Fa-      nachhaltige Entwicklung erklärt (vgl. Gad 2014). Die-
schingeder, kam es zu einer neuen Form der Beziehung,        se Überlegungen gipfelten im 2005 ausformulierten
welche durch ein „marktwirtschaftlich organisiertes          „Übereinkommen über Schutz und Förderung der Viel-
Austauschverhältnis“ (ebd. 12) gekennzeichnet war.           falt kultureller Ausdrucksformen“ der UNESCO:
   Gleichzeitig rückte anfangs der 1990er Jahre die
UNO im Rahmen des Entwicklungsprogrammes der Ver-                   „’Kulturelle Vielfalt’ bezieht sich auf die
einten Nationen (UNDP) unter Amartya Sen den Begriff                mannigfaltige Weise, in der die Kulturen
der „menschlichen Entwicklung“ als Entwicklungsin-                  von Gruppen und Gesellschaften zum
dikator in den Vordergrund. Ergänzend zu den wirt-                  Ausdruck kommen. Diese Ausdrucksformen
schaftlichen und politischen Indikatoren wurde der Zu-              werden innerhalb von Gruppen und
gang zu Bildungsangeboten eingeführt (vgl. Gad 2014).               Gesellschaften sowie zwischen ihnen
Das Konzept, welches sich auf sieben Freiheiten des                 weitergegeben.
Menschen stützt, inkludiert das Recht auf Mitbestim-                Die kulturelle Vielfalt zeigt sich nicht nur
mung und Mitgestaltung. In weiterer Folge fand die                  in der unterschiedlichen Weise, in der
Auseinandersetzung mit dem Thema Eingang in die Dis-                das Kulturerbe der Menschheit durch
kussion um kulturelle Rechte. Das Recht auf kulturelle              eine Vielzahl kultureller Ausdrucksformen
Rechte findet sich bereits in der Allgemeinen Erklärung             zum Ausdruck gebracht, bereichert und
der Menschenrechte 1948, wird jedoch erst im Jahr                   weitergegeben wird, sondern auch in
1966 völkerrechtlich bindend.                                       den vielfältigen Arten des künstlerischen
   Das Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben findet               Schaffens, der Herstellung, der Verbreitung,
sich weiters explizit in der „Recommendation on Parti-              des Vertriebs und des Genusses von
cipation by the People at Large in Cultural Life and their          kulturellen Ausdrucksformen, unabhängig
Contribution to It“ der UNESCO 1976, wobei es beson-                davon, welche Mittel und Technologien
ders um drei Schlüsselaspekte geht: Zugang zu Kultur,               verwendet werden.“ (UNESCO 2005: 13)
Partizipation am kulturellen Geschehen sowie Möglich-
keiten, an Kommunikation (im Sinne von Austausch,               Das Übereinkommen von 2005 basiert auf den Welt-
aber auch Freiheit zu kommunizieren) teilzunehmen            konferenzen für Kultur in Venedig (1970), Mexiko-Stadt
(UNESCO 1976). Im UNDP-Bericht 2004 „Kulturelle Frei-        (1982) und Stockholm (1998), sowie der Weltdekade
heit in unserer Welt der Vielfalt“ wird kulturelle Frei-     für kulturelle Entwicklung (1988-1997) und zahlreichen
heit selbst zum Bestandteil des Konzepts, wodurch der        zum Thema verfassten Weltberichten (z.B. Unsere kre-
Bedarf nach „kulturpolitisch motivierten Strategien“         ative Vielfalt 1995). Die in 2007 in Kraft getretene Kon-
(Gad 2014: 46) geltend gemacht wird. Resümierend             vention wurde von 149 Vertragsparteien ratifiziert und
stellt Gad fest, dass das „Konzept der kulturellen Ent-      dient als ein „Orientierungsrahmen der UNESCO für
wicklung (...) zu einem Zeitpunkt, an dem offensichtlich     die Stärkung der Kapazitäten zur Schaffung, Produkti-
wurde, dass ein allein technisch-materieller Fortschritt     on und Verbreitung kultureller Güter, Dienstleistungen
nicht ausreiche, um eine umfassende, ganzheitliche           und Aktivitäten.“ Das Übereinkommen ist durch seine
Entwicklung einer Gesellschaft zu fördern“ entstand          Konzeptualisierung in der „Kultur und kulturpolitisches
(2014: 47). Die Diskussion um kulturelle Rechte zieht        Handeln eine Schlüsselkomponente von eigenständi-
sich dennoch bis in die Gegenwart und trotz ihrer völ-       ger und nachhaltiger Entwicklung verstanden wird“ ein
kerrechtlichen Verankerung erfahren kulturelle Rechte        wichtiges Grundlagendokument für die Debatte über
wenig Beachtung im entwicklungspolitischen Kontext.          internationale Kulturpolitik (Gad 2014: 87). Durch den
STUDIE Kultur und Entwicklung - Die Bedeutung von Kulturkooperation und Kunstvermittlung im entwicklungspolitischen Kontext - VIDC
DIE BEDEUTUNG VON KULTURKOOPERATION UND KUNSTVERMITTLUNG IM ENTWICKLUNGSPOLITISCHEN KONTEXT                                     9

völkerrechtlich bindenden Charakter der Konvention                       auch potentiell problematisch. Obwohl die Konvention
werden Nationalstaaten dazu verpflichtet, Strategien                     mit dem Anspruch angetreten ist, die Schieflage zwi-
zur Entwicklung einer Kulturpolitik umzusetzen. Vor al-                  schen Nord und Süd zu entschärfen, gibt es hier noch
lem die Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure gilt                  viel Verbesserungspotenzial. Der Wert der weltweiten
als ein Kernstück um die vier wesentlichen Bereiche vo-                  Exporte kultureller Güter ist von 2013 auf 2014 um
ranzubringen:                                                            knapp US$ 40 Mrd. gestiegen und wie Merkel anmerkt,
• Stärkung von Governance im Kulturbereich                               hat der Kultursektor in zwischen mehr Beschäftigte als
• Verbesserung der Bedingungen für die Mobilität von                     die Autoindustrie (vgl. Merkel 2010). Jedoch bleibt der
   Kunstschaffenden                                                      Anteil von Exporten ungleich verteilt: 26,5% der Expor-
• Integration von Kultur in nachhaltige Entwicklungs-                    te entfallen auf sogenannte Entwicklungsländer (außer
   strategien                                                            China und Indien) und nur 0,5% auf die am wenigsten
• Förderung der Menschenrechte und Grundfreiheiten                       entwickelten Länder (UNESCO 2018).
                                                                            Eine weitere Herausforderung bleibt somit die bud-
   Die Konvention definiert Kultur sowohl als Ware und                   getäre Situation der teilnehmenden Länder. Obwohl
Träger von Wertvorstellungen und sieht Kultur als ein                    viele Vertragsländer Kultur in nachhaltige Entwicklungs-
„strategisches Element von Entwicklungspolitik und re-                   pläne einbeziehen , sinkt der Anteil an für Kultur auf-
gionaler Entwicklung“ (Merkel 2010: 68). Die Verortung                   gewendeter öffentlicher Entwicklungshilfe jährlich und
von Kultur als strategisches Element hat die Stärkung                    war im Jahr 2018 der niedrigste seit 10 Jahren. Posi-
unabhängiger lokaler und regionaler Kulturwirtschaf-                     tiv wird hervorgestrichen, dass es vor allem auf städ-
ten zum Ziel, die durch internationale Kooperationen                     tischer Ebene eine Steigerung in Investitionen in Kul-
und Abkommen erreicht werden sollen. Der Artikel 16                      turwirtschaft und Entwicklung gibt, dabei wird jedoch
der Konvention verpflichtet die teilnehmenden Länder                     – laut den Studienautor*innen – zu wenig auf ökolo-
zu einer „Vorzugsbehandlung für Entwicklungsländer“,                     gische Auswirkungen von kultureller Produktion und
die u.a. die Kunstsektoren Film, Musik und Fernsehen                     künstlerischem Wirken geachtet. Weiterer positiver Ef-
betreffen. Mit diesen verbindlichen Klauseln soll gesi-                  fekt ist, dass der durch die UNESCO angeregte Diskurs
chert werden, dass sowohl Individuen als auch Gesell-                    um kulturelle Vielfalt, deren Schutz und Anerkennung
schaften längerfristigen Nutzen von der Konvention                       zum weiteren Umdenken und Neukonzeptualisierung
haben. Die Vorzugsbehandlungen für Kunstschaffende                       des Entwicklungsbegriffes beigetragen hat (vgl. UNES-
dienen somit dem Ziel, eigene kulturelle Ausdrucksfor-                   CO 2018).
men zu stärken und zu verbreiten. Dies soll besonders
der Schieflage im Güteraustausch zwischen dem Globa-
len Süden und dem Globalen Norden entgegenwirken.                        2.2. Kulturpolitik auf europäischer
Jedoch zeigt der 2018 veröffentlichte Bericht über die                   Ebene
Umsetzung der Konvention, dass trotz der positiven Si-
gnale vieles noch unzureichend umgesetzt worden ist.                         Im Kontext der Europäischen Union wird Kulturpoli-
Die transnationale Zusammenarbeit, sowie die Mobili-                     tik ab den 1990er Jahren zum sichtbaren Thema. Im am
tät im globalen Süden nehmen zwar zu, dennoch blei-                      1.11.1993 in Kraft getretenen Vertrag über die Europäi-
ben Reisebeschränkungen und somit ein Ungleichver-                       sche Union verpflichtet sich die Union im „Kulturartikel“
hältnis im globalen Austausch zwischen dem Globalen                      (§167 des Vertrags von Lissabon) zur Wahrung der kul-
Süden und Norden bestehen. Trotz der Vorzugsklausel                      turellen Vielfalt Europas und zum Schutz des gemeinsa-
sind nur 18% der Kunstschaffenden aus dem Globalen                       men Kulturerbes. Diese vorerst EU-intern ausgerichte-
Süden für Mobilitätsprogramme aus dem Globalen Nor-                      te Politik wird im Laufe der Jahre ausdifferenziert und
den antragsberechtigt. Jedoch bleibt anzumerken, dass                    1997 beschreibt der Europarat im Bericht „In from the
bilaterale und regionale Handelsabkommen immer                           Margins“ Kulturpolitik als öffentliche Aufgabe:
stärker kulturelle Klauseln beinhalten. Auch ist die Stär-
kung regionaler Binnenmärkte nicht zu vernachlässi-                              „We define cultural policy as the overall
gen. Weiters ist die Ökonomisierung und Kommodifizie-                            framework of public measures in the
rung von Kultur, begleitet von Wahrnehmung von Kul-                              cultural field. They may be taken by
tur als Ware und einer steigenden Kommerzialisierung                             national governments and regional and
STUDIE Kultur und Entwicklung - Die Bedeutung von Kulturkooperation und Kunstvermittlung im entwicklungspolitischen Kontext - VIDC
10                                                                                                 KULTUR UND ENTWICKLUNG

       local authorities, or their agencies. A               ziehungen“ gefördert (Europäische Kommission 2018).
       policy requires explicitly defined goals. In          Die Agenda hebt weiters die Bedeutung kultureller
       order to realise these goals, there need              Dimension für nachhaltige Entwicklung hervor und
       to be mechanisms to enable planning,                  verfolgt dabei drei strategische Ziele: eine soziale, eine
       implementation and evaluation.”                       wirtschaftliche und eine außenpolitische Dimension.
       (Europarat 1997: 33)                                  Der EU-Arbeitsplan für 2019-2022 setzt somit folgende
                                                             Schwerpunkte:
Die Aufgabe der Kulturpolitik umfasst dabei folgende         • Nachhaltigkeit des Kulturerbes
Ziele:                                                       • Beitrag von Kultur zum Zusammenhalt in der Gesell-
1. Förderung von kultureller Identität                          schaft
2. Förderung von kultureller Vielfalt                        • Unterstützung von Kultur- und Kreativschaffenden
3. Förderung von Kreativität                                    und europäischen Inhalten
4. Förderung gesellschaftlicher Teilhabe als Teil einer      • Gleichstellung der Geschlechter
   globalen Gesellschafts- und Friedenspolitik (Europa-      • Internationale Kulturbeziehungen (Europäische Kom-
   rat 1997: 45-50, zit. nach Gad 2014: 93)                     mission 2018)

   2007 veröffentlichte die Europäische Kommission           Bezüglich außenpolitischer Dimension will man beson-
die „Europäische Kulturagenda im Zeichen der Globali-        ders die internationalen Kulturbeziehungen stärken und
sierung“, die zwischen einem breiten und einem engem         fokussiert sich auf Förderung von:
Konzept von Kultur oszilliert:                               • Kultur als Motor für nachhaltige soziale und wirt-
                                                                schaftliche Entwicklung
       „Kultur ist die Seele der menschlichen                • interkulturellem Dialog
       Entwicklung und Zivilisation. Die Kultur lässt        • Kulturerbe – Stärkung der Zusammenarbeit (Europäi-
       uns hoffen und träumen, indem sie unsere                 sche Kommission 2018)
       Sinne anregt und neue Sichtweisen der
       Wirklichkeit bietet. Sie bringt die Menschen             Bei der Umsetzung der Projekte wird auf partizipa-
       zusammen, indem sie den Dialog anfacht                tive, bottom-up Zugänge wert gelegt und die Bedeu-
       und Leidenschaften weckt, aber auf eine               tung lokaler Verantwortlichkeit betont. Das Netzwerk
       Art, die eint anstatt entzweit.“ (Kommission          der kulturellen Institutionen der EU, EUNIC, übernimmt
       der europäischen Gemeinschaften 2007: 1).             dabei die Implementierung der Projekte mit der Unter-
                                                             stützung lokaler EUNIC Institutionen und in Kooperati-
    2009 kam es zur Verabschiedung der „Brüsseler De-        on mit EU Delegationen und lokalen Partner*innen.
klaration“, die die Zusammenarbeit zwischen der EU              Wie der UNESCO Bericht 2018 jedoch betont, gibt
und den AKP-Staaten fördern soll. Unter dem Titel „Cul-      es auch auf europäischer Ebene noch einiges an Han-
ture and Creativity, Vectors for Development“ wurde          dlungsbedarf. Auch Gad stellt fest: „Kulturpolitik bleibt
vor allem die ökonomische Dimension von Kultur und           bis auf weiteres kein vorrangiges Thema in der Entwick-
Entwicklung diskutiert. Nachdem die EU die UNESCO            lungspolitik“ (2014: 98). Maßnahmen der Kulturpolitik
Konvention ratifiziert hatte, entwickelte sie 2016 die ge-   konzentrieren sich immer mehr auf die „Stärkung der
meinsame Mitteilung „Künftige Strategie der EU für in-       kulturellen Wertschöpfungskette: Schaffensprozess,
ternationale Kulturbeziehungen“. In dieser im Einklang       Produktion, Vertrieb/Verbreitung und Zugang.“ (ebd.)
mit der UNESCO Konvention stehenden Erklärung wird           Was nötig ist, ist ein integrativer Politikansatz und
die Kulturdiplomatie zu einem neuen Bereich für das          die Einbindung von Akteurer*innen unterschiedlicher
gemeinsame auswärtige Handeln der Union erkoren.             Bereiche (Zivilgesellschaft und Politik). Das Ziel muss
Des Weiteren wird die Rolle von Kultur als „wichtige         es daher sein, „Kulturpolitik als integralen Bestandteil
Komponente und als Impulsgeber der Entwicklung“ im           von Gesellschaftspolitik zu begreifen“, welche auf „ei-
neuen europäischen Konsens über die Entwicklungspo-          nem Verständnis von Kultur, Politik und Gesellschaft
litik anerkannt. Kultur wird „als Identitäts- und Kohäs-     als einem Dreieck mit gegenseitiger Wechselwirkung“
ionsträger, als Motor für soziale und wirtschaftliche        beruht (Gad 2014: 99). Darüber hinaus werden neue
Entwicklung und als Faktor für die Pflege friedlicher Be-    Technologie- und Vertriebsmöglichkeiten (Internet, Te-
DIE BEDEUTUNG VON KULTURKOOPERATION UND KUNSTVERMITTLUNG IM ENTWICKLUNGSPOLITISCHEN KONTEXT                                    11

lekommunikation) kulturpolitisch immer bedeutsamer.                      • Ziel 11 – Nachhaltige Städte und Gemeinden, unter
Da in vielen Ländern noch immer kohärente strategi-                        Punkt 11.4:
sche Papiere fehlen, welche die Ziele und die Zusam-                       „Die Anstrengungen zum Schutz und zur Wahrung
menarbeit zwischen Entwicklung und Kultur definieren                       des Weltkultur und -naturerbes verstärken.“
fordert Wilhelm, die Verknüpfung von Kultur und Ent-
wicklung zu einem „institutionalisierten Faktor“ bei der                 • Betrachtet man Kultur im breiten Sinne als Wirkungs-
Implementierung von Projekten zu machen (Wilhelm                           feld und Handlungsfeld, kann man Kultur bei Zielen
2010). Nachdem Kultur ein Nebenthema bei den Mil-                          13 (Maßnahmen zum Klimaschutz) und 16 (Frieden,
leniumszielen der Entwicklung (MDGs) war, bleibt sie                       Gerechtigkeit und starke Institutionen) als mitimpli-
auch bei den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDG)                      ziert denken.
ein Unterthema, auch wenn die UNESCO betont, Kul-
tur wäre ein „Herzstück der sustainable development                         Die Agenda 30 spiegelt somit die drei wichtigen Di-
goals“:                                                                  mensionen Wirtschaft, Soziales und Ökologie wieder
                                                                         und der Anspruch, Kultur als eine vierte Dimension von
        „Wenn die SDGs nach ökonomischen,                                Entwicklung zu etablieren, wurde nicht erreicht. Rah-
        sozialen und ökologischen Zielen als die drei                    menpläne für nachhaltige Entwicklung zeichnen sich
        Säulen nachhaltiger Entwicklung gegliedert                       laut dem UNESCO Bericht somit immer noch durch eine
        sind, dann tragen Kultur und Kreativität                         Absenz kultureller Dimension aus (UNESCO 2018).
        zu jeder dieser Säulen transversal bei. Im                       Nichtsdestotrotz ist Kultur immer mehr zu einem mehr
        Gegenzug trägt die ökonomische, soziale                          oder weniger sichtbaren, jedoch fixen Bestandteil zahl-
        und ökologische Dimension nachhaltiger                           reicher internationaler und nationaler Programme ge-
        Entwicklung zum Schutz des kulturellen                           worden, die von staatlichen Organisationen getragen
        Erbes sowie zur Förderung von Kreativität                        werden. Im nächsten Abschnitt erfolgt eine Übersicht
        bei.“ (UNESCO Internetquelle a)                                  über ein paar ausgewählte nationale, internationale
                                                                         und transnationale Akteure, die sich mit dem Thema
   Im Vergleich zu den MDGs bringen SDGs somit eini-                     Entwicklung und Kultur beschäftigen.
ges an Fortschritt in diesem Bereich, aber es gibt noch
immer keine Anerkennung für Kultur als Treibkraft für
nachhaltige Entwicklung. Die SDGs bestehen aus 17 Zie-                   2.3. Nationale
len mit Unterzielen. Keines der 17 Ziele ist explizit der                Entwicklungsagenturen
Kultur gewidmet, vielmehr findet sich Kultur als Unter-
punkt bei u.a. folgenden Zielen:                                            Neben den supranationalen Institutionen wie der
• Ziel 4 – Hochwertige Bildung, Unterpunkt 4.7:                          UNESCO oder der EU spielen nationale Akteure, wie
   „Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die not-                 nationale Entwicklungsagenturen bei der Implemen-
   wendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur För-                      tierung entwicklungspolitischer Programme eine we-
   derung nachhaltiger Entwicklung erwerben, unter                       sentliche Rolle. Gerade Kulturpolitik zeichnet sich durch
   anderem durch Bildung für nachhaltige Entwicklung                     internationale Zusammenarbeit aus, obwohl laut der
   und nachhaltige Lebensweisen, Menschenrechte,                         UNESCO Konvention 2005 Kulturpolitik als „souverä-
   Geschlechtergleichstellung, eine Kultur des Friedens                  ne Aufgabe jedes einzelnen Staates für sich selbst“ ist
   und der Gewaltlosigkeit, Weltbürgerschaft und die                     (Gad 2014: 92). Dabei wird Kunst und Kultur eine unter-
   Wertschätzung kultureller Vielfalt und des Beitrags                   schiedliche Gewichtung zugeteilt. Während Länder wie
   der Kultur zu nachhaltiger Entwicklung.“                              Dänemark, Schweden oder die Schweiz eine stärkere
                                                                         Verankerung von Kultur in entwicklungspolitischen
• Ziel 8 – Menschenwürdige Arbeit und Wirtschafts-                       Strategiepapieren entwickelt hatten, ist in Ländern
  wachstum, unter Punkt 8.9:                                             wie beispielsweise Österreich Kultur eher ein Quer-
  „Bis 2030 Politiken zur Förderung eines nachhaltigen                   schnittsthema. Gemeinsam ist jedoch den meisten Ent-
  Tourismus erarbeiten und umsetzen, der Arbeitsplät-                    wicklungsinstitutionen, dass Kultur und Kunst spätes-
  ze schafft und die lokale Kultur und lokale Produkte                   tens seit der Implementierung der UNESCO Konvention
  fördert.“                                                              nicht mehr vollkommen außer Acht gelassen wird. Im
12                                                                                             KULTUR UND ENTWICKLUNG

Folgenden wird auf ein paar ausgewählte Institutionen      beziehung von Expert*innen aus der Zivilgesellschaft.
und Schwerpunkte eingegangen.                              Nach diesem Dreijahresprogramm wird Kultur wieder
                                                           zum Randthema und die Schwerpunktsetzung der ADA
2.3.1. Österreich                                          orientiert sich stark an den SDGs. Diese zeichnet sich
   Die österreichische Entwicklungszusammenarbeit          durch einen menschenrechtsbasierten Ansatz aus und
(OEZA) wurde 2004 operativ in die Austrian Develop-        liegt schwerpunktmäßig ab 2016 auf folgenden The-
ment Agency (ADA) umgesetzt. Schon ab dem ersten           men:
Dreijahresprogramm 2005-2007 war der Dialog der            • Bildung
Kulturen, der unter dem Punkt Menschenrechte sub-          • Sicherung des Friedens und menschlicher Sicherheit,
summiert wurde, ein Bestandteil der Entwicklungs-             Menschenrechte und Migration
zusammenarbeit. Weiters wurde von Beginn an die            • Wasser – Energie, Ernährungssicherheit
Bedeutung von entwicklungspolitischer Informations-,       • Wirtschaft und Entwicklung
Bildungs-, Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit in Öster-
reich als wichtig erachtet. In diesem Zusammenhang            Querschnittsthemen sind Umwelt und Klimaschutz,
betont die ADA besonders die Bedeutung von NGOs            sowie Geschlechtergleichstellung. Kultur wird einer-
und dem zivilgesellschaftlichen Sektor, die sich durch     seits mit Bildung in Zusammenhang gebracht (Bildung
Erfahrung, Kompetenzen und Kontakten in diesem Be-         als wesentlicher Faktor für kulturelle Entwicklung), an-
reich auszeichnen, wie weiter unten noch genauer dar-      dererseits mit Menschenrechten (Förderung der wirt-
gestellt wird. Von Anfang an sind die Schwerpunkte der     schaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte)
ADA großteils in den Bereichen Armutsbekämpfung,           und Frieden (Förderung des Menschenrechts- und in-
Friedenssicherung und Schutz der natürlichen Um-           terkulturellen Dialogs). Ab 2016 erfolgt im Umgang mit
welt positioniert. Schwerpunktländer der ADA sind da-      Migration eine Zäsur im entwicklungspolitischen Kon-
bei Burkina Faso, Äthiopien, Uganda, Mosambik, Bhu-        text. Waren Migration und Mobilität in früheren Pro-
tan mit besonderem Schwerpunkt Armutsbekämpfung.           grammen durchaus positiv dargestellt, wird Migration
Nachhaltige Wirtschafsentwicklung wird besonders in        nun im Zusammenhang mit post-konflikt Gesellschaf-
Ländern Kosovo, Albanien, Moldau, Georgien und Ar-         ten, Radikalisierung, gewaltbereitem Extremismus und
menien priorisiert. Besonders Friede und Sicherheit,       terroristischer Rekrutierung problematisiert (ADA Ak-
Stabilität und Wiederaufbau sowie Aufbau von Struk-        tualisierung Dreijahresprogramm 2017). Schwerpunkt
turen betrifft Projekte in palästinensischen Gebieten.     Migration und Entwicklungszusammenarbeit bleiben
Daneben unterstützt die ADA durch Kooperation mit          auch in den folgenden Jahren einer der Foci österrei-
der Zivilgesellschaft und Wirtschaft Projekte in anderen   chischer Entwicklungszusammenarbeit (Dreijahrespro-
Ländern.                                                   gramm 2019-2021).
   Ab dem Jahr 2006 wird Gendergleichstellung in al-          Somit ist auch heute noch ein strukturierter Zu-
len Aktivitäten der Entwicklungszusammenarbeit als         gang zum Thema Kultur und Entwicklung in über-
Querschnittsmaterie systematisch umgesetzt. Ange-          geordneten entwicklungspolitischen Zugang Öster-
regt durch die „Women Leaders“ Konferenz erfolgt im        reich absent. Kultur bleibt von vielen Akteuren*in-
Rahmen des Dreijahresprogrammes 2007-2009 die Er-          nen und Faktoren beeinflusstes Querschnittsthema.
richtung einer Taskforce zum „Dialog der Kulturen“,         Jedoch wird im Bericht an die UNESCO Konvention be-
welche sich besonders dem Thema Frauen in Friedens-        tont, dass die Konvention ein effektives Instrument dar-
prozessen widmet. Im Jahr 2006 ratifiziert Österreich      stellt, um interministeriellen Dialog anzuregen und den
die UNESCO Konvention zum Schutz kultureller Vielfalt,     Einsatz zivilgesellschaftlicher Akteure im kulturellen
jedoch wird Kultur erst im Dreijahresprogramm 2009-        Sektor zu garantieren, beispielsweise Institutionen wie
2011 explizit als eigener Punkt angesprochen. Kultur       dem VIDC und kulturen in bewegung, wie weiter unten
soll laut dem Programm in alle Politikbereiche, inkl.      ausgeführt wird (vgl. Österreichischer UNESCO-Jahres-
Entwicklungszusammenarbeit inkludiert werden. Das          bericht 2020).
Ziel ist, angelehnt an die UNESCO Ziele, die Stärkung
kultureller Vielfalt und das Fördern wechselseitigen       2.3.2. Dänemark
Verständnisses von Gesellschaft. Es kommt zur Bil-           Wie weiter oben erwähnt, zeichneten sich vor al-
dung einer interministeriellen Arbeitsgruppe unter Ein-    lem die nordischen Länder (Dänemark, Schweden,
DIE BEDEUTUNG VON KULTURKOOPERATION UND KUNSTVERMITTLUNG IM ENTWICKLUNGSPOLITISCHEN KONTEXT                                    13

                                                      Norwegen, Finnland) durch innovative und im ent-                         wie in Österreich orientieren sich zivilgesellschaftliche
                                                      wicklungspolitischen Diskurs verankerte und etablierte                   Organisationen wie das CKU an den Schwerpunkten so-
                                                      Konzeptualisierungen zu Kultur und Entwicklung aus.                      wie Schwerpunktländern der DANIDA. Unterschied zu
                                                        Die dänische Entwicklungskooperation (DANIDA),                         Österreich ist, dass Kulturpolitik unter einem Dach ist
                                                      angesiedelt am Ministerium für auswärtige Angelegen-                     (wie beispielsweise Botschaften als kulturelle Träger,
                                                      heiten ist verantwortlich für die Implementierung ent-                   die in Österreich Teil der Auslandskultur und getrennt
                                                      wicklungspolitischer Programme mit Schwerpunktlän-                       von der ADA sind). Auch die Länge der Projektfinanzie-
                                                      dern in Afrika, Asien und dem Mittleren Osten. Um eine                   rung unterscheidet sich von der ADA: In Dänemark sind
                                                      möglichst reiche und vielfältige kulturelle Umgebung zu                  es 3 Jahre, im Unterschied zu 2-jährigen Projekten in
                                                      erschaffen, ist das oberste Ziel dänischer Kulturpolitik,                Österreich.
                                                      Zugang zu Kultur und Kunst, sowie die Sicherung der                         2013 wurde die dänische Strategie für Kultur und
                                                      freien Äußerung in Kunst und Kultur zu fördern und zu                    Entwicklung „The Right to Art and Culture“, entwickelt
                                                      gewährleisten. Daher sieht sich die Entwicklungspoli-                    und vom CKU implementiert. Dabei verfolgte man fünf
                                                      tik Dänemarks durch die UNESCO Konvention 2005 in                        strategische Prioritäten:
                                                      ihrem Weg bestätigt, welches sie schon seit knapp 60                     1. Empowerment der Menschen durch aktive Partizi-
Lalala – Konzerte für Kinder © kulturen in bewegung

                                                      Jahren verfolgt.                                                            pation an Kultur und Kunst
                                                         Einer der Schlüsselakteure bei der Umsetzung der                      2. Sicherung von Freiheit für Künstler*innen
                                                      Kulturpolitik ist das Dänische Zentrum für Kultur und                    3. Ökonomisches Wachstum durch Kreativwirtschaft
                                                      Entwicklung (CKU). Dieses 1998 am Ministerium für                           zu fördern
                                                      auswärtige Angelegenheiten gegründete Institut war                       4. Das Stärken von Friedens- und Versöhnungsprozes-
                                                      von Anfang an besonders für Kooperationen zwischen                          sen in post-Konflikt Gesellschaften durch Kunst und
                                                      Dänemark, den Entwicklungsländern in Asien, Afrika,                         kulturelle Aktivitäten
                                                      Mittlerem Osten und den lokalen Partnern, sowie däni-                    5. Förderung von interkulturellen Dialog und interkul-
                                                      schen Botschaften und Repräsentanten zuständig. Das                         tureller Zusammenarbeit
                                                      Institut fördert den Dialog und das Verständnis jenseits
                                                      kultureller Differenzen und nationaler Grenzen. Ähnlich
14                                                                                                KULTUR UND ENTWICKLUNG

   Dabei ging das CKU von der breiten Prämisse aus,         Vor allem auf städtischer Ebene wird in Deutschland
dass Kunst und Kreativität zentrale Parameter für nach-     auf den demokratisch-partizipativen Zugang gesetzt,
haltige und soziale Entwicklung seien und einen Beitrag     mit den Schwerpunkten kulturelle Bildung und Kultur-
zu Demokratisierungsprozessen, Stärkung der Men-            tourismus. Ab 2015 wurden besonders Kulturprojekte
schenrechte und ökonomischen Wachstum leisten. Die          zur Integration und Partizipation von Geflüchteten und
Programme richteten sich somit auf marginalisierte          Migrant*innen entwickelt, wodurch man auf die soge-
Gruppen in den Schwerpunktländern der dänischen             nannte „Migrationskrise“ künstlerisch einen Kontra-
Entwicklungszusammenarbeit, wie beispielsweise Viet-        punkt setzen wollte.
nam oder Uganda, wo vor allem Kunstausbildungspro-              Das 2018 initiierte Globalvorhaben „Kultur- und
jekte, die einerseits die ökonomische Selbstermächti-       Kreativwirtschaft“, angesiedelt am Bundesministerium
gung und andererseits soziale Kohäsion stärken sollen,      für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit
gefördert wurden. In Dänemark selbst lag der Fokus          (BMZ) und implementiert durch die Deutsche Gesell-
auf der Erhöhung von Wissen über Kunst und Kultur           schaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
aus Asien, Afrika und dem Mittleren Osten. Wegw, um         möchte das Potenzial von Kunst und Kultur nutzen, um
diese Ziele zu erreichen warwn durch das ‚Images Fes-       Entwicklung langfristig und vor allem inklusiv zu fördern.
tival’, sowie Einladungen von Künstler*innen aus Asien,       Der Zugang weist auf das Ungleichgewicht hin, dass
Afrika und dem Mittleren Osten nach Dänemark, um            dieses Potential aufgrund fehlender „staatlicher Un-
im Rahmen kreativer Workshops ihre Kunst vorzustel-         terstützung, bedarfsorientierten Ausbildungsmöglich-
len. Das Programm lief 2016 aus. Daher kommt Gad in         keiten, starken Interessensverbänden sowie passen-
seiner Betrachtung „nordischer Konzepte“ zur Schluss-       den Finanzierungsmodellen und Marktzugängen“ nicht
folgerung, dass die Konzepte keine primär kulturpoli-       ausgeschöpft werden kann (GIZ 2020). Aus diesem
tischen Konzeptionen sind, sondern „sie beschreiben         Grund werden Projekte unterstützt, die die Beschäfti-
eine erweiterte Entwicklungspolitik, die vor allem ande-    gungs- und Einkommenschancen für Kultur- und Kre-
re Ziele verfolgt, beziehungsweise kulturpolitische An-     ativschaffende in den sechs Partnerländern (Jordanien,
sätze für entwicklungspolitische Ziele nutzt“ (Gad 2014:    Libanon, Irak, Südafrika, Kenia und Senegal) fördern.
238). Auch wenn sich die Konzepte durch Innovation          Wie in anderen Ländern wird die Umsetzung der Pro-
und Verankerung in Programmen auszeichnen, wurde            gramme durch Kooperationen mit lokalen Partnerinsti-
„Kultur und Entwicklung“ nicht stärker mit den über-        tutionen und diversen zivilgesellschaftlichen Organisati-
greifenden Entwicklungspolitiken verknüpft. Während         onen statt. Das in dieser Periode stattfindende Projekt
Kultur noch 2015 in den Strategiepapieren der Agentur       zur Kultur- und Kreativwirtschaft hat bis März 2020 ca.
als „catalyst for democracy and participation in develo-    65 Aktivitäten umgesetzt: die Aktivitäten reichen von
ping countries“ definiert wird (DANIDA 2015), findet        Festivals (Fak’ugesi Digital Festival), Crowfunding-Kam-
sich seit 2016 kein expliziter Bezug auf Kultur mehr. Der   pagnen für Kreativprojekte in Kenia mit der Etablierung
Schwerpunkt hat sich auf folgende vier strategische Zie-    einer neuen lokalen Plattform „thundafund“, zu Quali-
le verlagert: Sicherheit und Entwicklung, Migration und     fizierungsprogrammen für Designer*innen in Jordani-
Entwicklung, Nachhaltiges Wachstum und Entwicklung          en, die sich im Rahmen der Amman Design Week im
sowie Freiheit und Entwicklung.                             Oktober 2019 präsentierten. Darüber hinaus wurden
                                                            Paneldiskussionen, Workshops und Kulturbeiträge auf
2.3.3. Deutschland                                          der re:publica 2019, dem 1. German-African ICT Forum
   Zeichnete sich die deutsche Entwicklungszusam-           und dem Zukunftsforum Globalisierung Gerecht Gestal-
menarbeit durch enge Kooperation mit der UNESCO             ten 2020 organisiert. Genauso wie in Österreich und
aus, fokussierte sie sich in den rezenten Programmen        Dänemark gibt es enge Zusammenarbeit mit zivilge-
vermehrt auf Wertschöpfungskette von Kultur- und            sellschaftlichen Akteuren, wie beispielsweise der Hein-
Kreativwirtschaft. Der zweite deutsche Staatenbericht       rich-Böll-Stiftung, die sich besonders für Gleichberech-
an die UNESCO 2016 zeigt, dass die Kulturbudgets von        tigung kultureller und ethnischer Minderheiten, sowie
Bund und Land gestiegen und besonders in interna-           für soziale und politische Partizipation von Migrant*in-
tionaler Kulturkooperation zahlreiche innovative Pro-       nen einsetzt. Die Stiftung ist in mehr als 60 Ländern mit
jekte entstanden sind. Der Bericht hebt hervor, dass        weiteren 100 Projektpartner*innen aktiv. Zu nennen ist
kulturelle Vielfalt nachhaltige Entwicklung stimuliert.     auch das Goethe-Institut, das weltweit tätige Kulturin-
DIE BEDEUTUNG VON KULTURKOOPERATION UND KUNSTVERMITTLUNG IM ENTWICKLUNGSPOLITISCHEN KONTEXT                                      15

stitut, zuständig für interkulturelle Zusammenarbeit.                    Machtverhältnisse tatsächlich ausgewogener gestalten
In seinem knapp 70jährigen Bestehen hat das Institut                     werden können, bleibt kritisch zu hinterfragen, da allein
zahlreiche Projekte durchgeführt und ist in 92 Ländern                   durch den ungleichen Zugang zu Ressourcen und finan-
tätig.                                                                   zieller Unterstützung Asymmetrien zwischen den soge-
                                                                         nannten Geber- und Partnerländern bestehen.
2.3.4. Schweiz                                                              Die Schwerpunktsetzung der Schweizer Entwick-
    Die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit                             lungszusammenarbeit liegt in folgenden Bereichen:
(DEZA) stellt ihre Kulturarbeit unter das Motto „culture                 Stärkung kultureller Rechte, wobei besonders die Frei-
matters“. Der Ausgangspunkt ist die Prämisse, dass Di-                   burger Erklärung über kulturelle Rechte (2007) her-
alog und Kulturaustausch „das Fundament friedlicher                      vorgehoben wird, die auch international viel Anklang
Beziehungen zwischen Personen, Gemeinschaften oder                       gefunden hat. Kunst gilt als Ressource für die Verteidi-
Staaten“ bildet und somit das gegenseitige Verständ-                     gung der Meinungsfreiheit, jedoch ist in gewissen Kon-
nis und Toleranz fördert (DEZA Internetquelle c). Kultur                 texten die Sichtbarkeit von kritischen Kunstschaffenden
gilt dabei als Dimension von Entwicklung und Kunst als                   auch mit Gefahrenpotential verbunden. Das zeigt un-
relevanter Sektor auf sozio-ökonomischer Ebene. Be-                      ter anderem das Engagement der DEZA in Usbekistan:
sonders kulturelle Rechte, sowie die Anerkennung von                     das Ilkhom-Theater in Taschkent gilt als unabhängiger
Minderheiten gelten als inhärent für Menschenwürde                       kreativer Ort und ist politisch aufgrund der kritischen
und Persönlichkeitsentfaltung. Darüber hinaus hat das                    Ausrichtung höchst umstritten. Das Theater sieht sich
Bundesgesetz im Bereich der Entwicklungszusammen-                        immer wieder Anschlägen ausgesetzt, 2007 wurde der
arbeit bereits 1976 auf die Bedeutung von Vermittlung                    Gründer Mark Weil ermordet. Weiters weist auch der
von Wissen und Erfahrung hingewiesen, um wirtschaft-                     UNESCO Bericht 2018 aus, dass Angriffe auf Kunstschaf-
liche, soziale und kulturelle Entwicklung mitzuprägen.                   fende weltweit stark zunehmen, von 90 Angriffen im
Die Positionspapers weisen explizit auf die Unterschei-                  Jahr 2014 auf 430 im Jahr 2016. Dabei richten sich die
dung zwischen Kunst und Kultur, wobei besonders die                      meisten Angriffe auf Musiker. Gleichzeitig steigt die Zahl
Bedeutung von Kunst hervorgestrichen wird:                               der Initiativen, die gefährdete Kunstschaffende unter-
                                                                         stützt. Dies beinhaltet zivilgesellschaftliche Initiativen,
        „Einen speziellen Platz in einer Kultur nimmt                    aber auch bindende Rechtsgrundlagen zur Förderung
        die Kunst ein: Sie ist einerseits integraler                     von wirtschaftlichen und sozialen Rechten von Kunst-
        Bestandteil einer Kultur, nimmt aber                             schaffenden (vgl. UNESCO 2018). Die Entwicklungszu-
        zugleich eine Stellung ausserhalb dieser                         sammenarbeit kann dazu beitragen, Kunstschaffenden
        Kultur ein, indem sie kulturell Etabliertes                      einen sicheren Raum für ihre Stimmen zu erschaffen
        in Frage stellen kann. Von jeher bietet der                      und somit Toleranz und demokratische Teilhabe un-
        künstlerische Ausdruck den Menschen                              terstützen. Daher ist es ein großes Anliegen Schweizer
        und der Gesellschaft einen Anreiz, ihre                          Entwicklungszusammenarbeit junge Menschen, sowie
        Wahrnehmung zu verändern und sich                                Migrant*innen durch die Programme anzusprechen
        zu mobilisieren. Dadurch entsteht ein                            und durch Kulturbildungsprogramme deren Inklusion
        günstiges Umfeld für Reflexion, Selbstkritik                     zu fördern. 2010 beauftragte die DEZA die Kulturkoope-
        und Diskussion, das Meinungsvielfalt und                         ration Artlink mit der Verwaltung des SüdKulturFonds.
        soziale Transformation fördert.“ (DEZA                           Das Ziel des Fonds ist es, Kunstschaffenden aus den
        Internetquelle c)                                                sogenannten „Entwicklungsländern“ zu unterstützen.
                                                                         Artlink ist dabei die Kompetenzstelle für Kunst und Kul-
   Die DEZA vertritt somit einen holistischen Zugang:                    tur aus Afrika, Lateinamerika, Asien und Osteuropa. Die
Kultur wird als fester Bestandteil gesellschaftlichen Le-                Arbeit von Artlink zeichnet sich vorwiegend durch Ev-
bens gesehen und daher als ein Bestandteil von nach-                     entbezogenheit aus. Matarasso (2020) bescheinigt da-
haltiger Entwicklung in die Programme integriert. Die                    her der DEZA, trotz ihres bescheidenen Budgets, einen
DEZA betont dabei, Machtverhältnisse ausgewogener                        überproportionalen Mehrwert im Bereich Kultur und
zu gestalten, indem sie nicht auf das Ausüben kulturel-                  Entwicklung zu leisten.
ler Macht, sondern auf die Hilfe bei Stärkung eigener,
lokaler kultureller Ressourcen setzen. Inwieweit dabei
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