VERNEBELT - www.null41.ch Februar 2019 SFr. 9.
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RECK FILM PRESENTS
TRUE STORIES OF ETHICAL BUSINESS
nominated 2019
PRIX DE SOLEURE
Solothurn
A FILM BY NINO JACUSSO
AB 14. FEBRUAR IM KINO
teff is
Käptn S ahrt
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80 Seite iefgang
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Jetzt erh nversand.ch
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C L U B TO U R 2 018/2 019
11.02.2019
KAUFLEUTEN, ZÜRICH
TICKETS:STARTICKET.CHEDITORIAL
OH SCHANDE!
die Anfänge des Maskentragens. Nina
Laky interviewt Sabina Koch und Hanni
Troxler, die als zwei der wenigen weibli-
chen Tambourmajorinnen ihren Guggen-
musigen den Takt angeben.
Liebe Leserinnen, liebe Leser
Tobias Brücker, Kulturwissenschaft-
Der Urknall: «041 – Das Kulturmagazin» ler, verfasst ein Plädoyer für das befreien-
hat sich an das grosse Tabuthema der Kul- de und berauschende Aufgehen in der
turszene gemacht – die Fasnacht. Masse, sei es nun an der Fasnacht oder am
Sophie Grossmann Unsere anfängliche Skepsis als Fussballmatch. Doch wozu überhaupt
Redaktionsleiterin Kulturmenschen an den ur- Rausch? In unserer Überdacht-Kolumne
sprünglichen Vorfeierlichkeiten setzen sich die zwei Repliken von Andreas
der Fastenzeit wich schnell der Neugier am Pfister und Remo Bitz ganz unterschied-
rauschenden modernen Volksfest. lich mit dieser Frage auseinander.
So vielfältig wie der Themenkomplex Ich wünsche eine gute Lektüre unse-
von Rausch und Fasnacht selbst ist unsere rer Februarausgabe und frohe Narrenzeit!
Autorenschaft für die Februarausgabe, zwar
narrenfrei, aber hoffentlich informativ und
unterhaltsam. Kurt Lussi war bis 2018 wis-
senschaftlicher Mitarbeiter am Historischen
Museum Luzern und schreibt für uns über
Februar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 3INHALTSVERZEICHNIS
Einblick ins Labor Luzern > Seite 18 Christoph und Annette von Goumoëns in «Diamonds Are Forever» > Seite 30
FIRST Editorial > Seite 3
Guten Tag > Seite 5
Poliamourös
LADIES
Wo der Spass aufhört, bestimmen Männer, die Kolumne
von Anna Chudozilov > Seite 6
Kosmopolitour
Matthias Bolliger trifft einen Totengräber in Beirut > Seite 7
Hanni Troxler und Sabina Koch geben in wilden Zeiten ihren
Musikerinnen und Musikern den Takt an > Seite 10 Stadt – Land
Blick durch die Linse > Seite 8
Überdacht
BÄRZELI
Wozu Rausch? Zwei ganz unterschiedliche Antworten von Remo Bitzi
und Andreas Pfister > Seite 20
Nachschlag
BUEBE
Carole Barmettler feierte nüchtern und hatte trotzdem Spass – für
eine Weile > Seite 22
Ausgefragt
Die Geschichte des Maskentragens, aufgeschrieben Michel Truniger leitet seit Anfang 2019 das Theater Uri > Seite 33
von Kurt Lussi > Seite 14
Käptn Steffis Rätsel > Seite 54
Gezeichnet > Seite 55
WIR SIND
KULTURKALENDER
BERAUSCHT
Tobias Brücker über den kollektiven Rauschzustand FEBRUAR 2019
im Fussballstadion > Seite 16
Literatur > Seite 23
Musik > Seite 24
STÖRSIGNAL
Robyn Muffler zu Besuch bei Waschmaschinen und Hackern
Kunst > Seite 28
Bühne > Seite 30
im Labor Luzern > Seite 18
Veranstaltungen > Seite 34
Ausstellungen > Seite 47
Titelbild: Thomas Studhalter Ausschreibungen > Seite 50
Stürmisch und lärmend begrüssen die Bärzeli-Buebe das neue Jahr.
Der Straumaa (Strohmann) umarmt jeden, der ihm in die Quere kommt. Adressen A-Z > Seite 52
4 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Februar 2019GUTEN TAG
GUTEN TAG,
STADTLUZERNER SVP
Ihr konntet es nicht lassen. Aufgrund der
«übertrieben positiven» Jahresabschlüsse der
Stadt Luzern sammelt Ihr gemeinsam mit den
Jungfreisinnigen fleissig Unterschriften fürs GUTEN TAG, PROF. DR.
Referendum gegen das Budget. Ihr habt eben CHRISTOPH SCHALTEGGER
die Chance auf Steuersenkungen erkannt.
Endlich! «Get rich or die tryin’»: Den ersten Album-
Dass öffentliche und halböffentliche In- titel von 50 Cents und das inoffizielle Motto
stitutionen, ja, die IG Kultur ist davon selbst Ihrer Habilitationsstätte in St. Gallen haben
betroffen, durch den budgetlosen Zustand in Sie sich ganz schön zu Herzen genommen. In
ihrer Arbeit eingeschränkt werden, ist Euch Ihrer viel diskutierten Studie «Arbeitsanreize
egal. Dass die Steuern in einem Jahr wahr- in der sozialen Sicherheit» fordern Sie, dass der
scheinlich eh gesenkt werden, tant pis. Viel- Grundbetrag der Sozialhilfe in der Schweiz ge-
mehr zieht Ihr gegen unnötige Ausgaben wie senkt werden soll. Anstatt zu «versorgen» sol-
die Neubad-Subventionen (wie bitte?) oder die len Anreize geschaffen werden. Das soll dann
Industriestrasse ( ... ) ins ideelle Gefecht. Na, so funktionieren: Der Betrag der Sozialhilfe
wenigstens wird der budgetlose Zustand nicht wird abhängig von der individuellen Motivati-
grundlos in Kauf genommen, hm? on zu Arbeitsintegrationsmassnahmen, statt
Also ab auf die Barrikaden, mal wieder da- wie jetzt sorglos steuerbefreit ganze 986
gegen sein, Neinsagen tut der Seele gut. Da ist Schweizer Franken vom Staat zu bekommen.
es auch egal, dass es für Institutionen aus dem Armut wird bei Ihnen zu einer Frage des Wil-
Kultur-, Sozial- und Sportbereich drei Monate lens. So funktioniert Leistung! Ohne Frage,
lang kein Geld gibt – bekommt Ihr Recht, so- dass die Arbeitsmarktsituation in der Schweiz
gar bis Ende Oktober. Aber wer braucht denn einwandfrei funktioniert – wer will, der findet,
schon einen Lohn für seine Arbeit. ungeachtet seines Alters (ü50), seiner Gesund-
heit, Ausbildung (gering qualifiziert) oder fa-
Das High-Five gibt’s gratis, miliären Situation (alleinerziehend mit Klein-
«041 – Das Kulturmagazin» kindern) einen existenzsichernden Job. Kinder
wären übrigens von Ihren Sozialhilfekürzun-
gen am stärksten betroffen. Die individuelle
Resilienz, auf die Sie, wie viele Neoliberalisten,
setzen, entsteht im Kindesalter. Schön gedacht,
nur ganz schön realitätsfremd. Armut stählt
nicht, sondern riskiert Kompetenzen und Ge-
sundheit – mit langfristigen Kosten. Aber
übers Geld, Herr Professor, können wir uns
sehr gerne unterhalten. Denn das ist bei uns in
der Kultur immer Thema, weil – oh, jetzt
kommt wieder das Geheule – man zu wenig da-
von hat. Aber wir Kulturschaffenden arbeiten
ja auch nicht fürs Geld, sondern für den Leben-
sinhalt.
Wir sind ganz schön abgehärtet,
«041 – Das Kulturmagazin»
Februar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 5POLIAMOURÖS
Vor kurzem hat ein junger Mann in Spass verstehen, das muss man
einer Sitzung erzählt, dass er mal ver- können an der Fasnacht. Und was
prügelt wurde. So richtig heftig. Die Spass ist, bestimmt der Stärkere. Das
ganze Runde hat gelacht, ein paar ist immer so, im Rausch einfach noch
Sprüche wurden geklopft, obwohl wir etwas mehr. Ein bisschen ungehemm-
doch alle nüchtern waren. Gelacht ter, direkter. Schon Mani Matter
Spassgrenzen
habe ich auch, auch wenn ich mir das wusste, dass die «Manne» nur dank
Ganze ziemlich traumatisch vorstell- der Hemmungen den hübschen Mäd-
te. Gruppendruck halt. Und dieses un- chen «höchstens chly uf d’Bei luege».
bestimmte Die Hemmungen, die fallen mit
Text: Anna Chudozilov
Gefühl, dass jedem Holdrio und Kafi Schnaps, mit
Illustration: Stefanie Sager
er irgendwie jeder überteuerten Stange aus dem
mitschuldig sein muss, jedenfalls Plastikbecher. Weil wir in Gruppen
mindestens selber schuld. Schliesslich unterwegs sind und scheinbar nie-
wurde er an der Fasnacht verkloppt mand Regeln einhält, weil so viele da
und da muss man halt mit allem rech- sind, dass der Einzelne für nichts gera-
nen. destehen muss. Weil genau das Sinn
Was da auch passieren kann: Er- und Zweck der Fasnacht ist: Die An-
wachsene Männer schnappen sich standsregeln hinter uns lassen, die
Teenagermädchen und stopfen sie mit Verkehrsregeln gleich mit, und über-
Konfetti voll, bis in die Unterhose, haupt brauchen Menschen doch ein
sogar noch ein kleines bisschen weiter. Ventil, wenn sie an all den anderen
Aber wer Spass nicht verträgt, soll zu Tagen so sauber funktionieren sollen,
Hause bleiben. Wer den Paukenschlä- wie wir es hierzulande tun. Schade
ger nicht im Bauch und fremde Hände nur, kommt bei dem Ventil neben Le-
nicht am Hintern spüren will, den bensfreude und Kreativität auch so
zwingt ja keiner. viel Aggression, sexistischer Mist und
Rassismus raus.
Doch die Fasnacht ist alles machen dürfen alle. Dass die Fasnacht
andere als ein regelfreier Raum, gren- im Grunde noch immer von Zünften
zenloser Rausch ist niemals Realität. ausgerichtet wird, die reine Männer-
So ist etwa die Basler Fasnacht, mit der bünde bleiben wollen, kann man
ich aufgewachsen bin, geprägt von Ex- leicht ignorieren.
klusion: Draussen auf der Strasse wird Aufgeschreckt durch den Kölner
streng unterschieden zwischen Zu- Silvester von 2015 liess der Luzerner
schauern und den «Aktiven» – ange- Regierungsrat allerdings Flyer dru-
malte Elsässerinnen und vermeint- cken, die Asylsuchende ähnlich hin-
lich witzig eingepackte Touristen sind terwäldlerische Einstellungen zur
verpönt. Von all den Ausländerkin- Gleichberechtigung unterstellten,
dern in meiner Kleinbasler Primar- wie sie unsere Zunftmeister pflegen.
schulklasse war kein einziges mit Pic- Ausgerechnet anlässlich der Fasnacht,
colo oder Trommel unterwegs. Der und dann auch noch komplett humor-
Bär tanzt im privaten Cliquenkeller. frei. Wo der Spass aufhört, bestimmt
Die Luzerner Volksfeststim- eben auch der Stärkere, so leicht
mung, die Offenheit gefällt mir. Egal kommen Machtverhältnisse nicht ins
ob mit Tischbombennase oder liebe- Wanken. Daran ändert auch die Fas-
voll gebasteltem Grind, egal ob man nacht nichts, egal wie sehr wir das
wirklich Posaune spielen kann oder nach dem letzten Holdrio glauben.
nur das Mundstück vollsabbert: mit- Schade.
6 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Februar 2019KOSMOPOLITOUR
Wer den Libanon ver-
sche Polizei noch das Militär dürfen
das Lager seit dem Kairo-Abkommen
betreten. Nach einem kurzen Marsch
steht, kennt ihn nicht
durch den Wald von selbst verlegten
Strom- und Telefonkabeln treffen wir
vor dem palästinensischen Human
Rights Center ein, bewacht von einem
Begegnungen mit Totengräbern, Pelzträgern und non-Konflikt der letzten selbst ernannten Soldaten mit Kalasch-
Jahre soll nur aus Inter- nikow im Anschlag. Unter dem Bild
dem Schweizer Kreuz prägten die Dreharbeiten
views und Archivmaterial von Fidel Castro will uns ein ehemali-
von Matthias Bolliger in Beirut. Der Filmemacher bestehen: «Narrative ger Vertreter der Palästinensischen
aus Luzern war mit seinem letzten Projekt, einem History», kein Sprecher Befreiungsorganisation ein Interview
«Narrative History»-Dokumentarfilm, im Libanon ordnet die Geschehnisse geben, doch die vorhandene Stromspan-
unterwegs. ein, die Gespräche mit nung ist zu schwach, unsere Filmlam-
Vertretern unterschiedli- pen zünden nicht. Zwei zehnjährige
Als Filmemacher und Kameramann cher Lager stehen für sich alleine. Als Jungs klettern aufs Vordach, kabeln
war es mein Nahost-Jahr. Frühjahr Sinnbild dieses Konflikts hören wir die etwas um, bis das Licht angeht. Gerade
2018 –Berlin-Neukölln, die Dreharbei- Geschichte eines Totengräbers, der in in dem Moment beginnt draussen das
ten zur zweiten Staffel der arabischen den Wirren des Bürgerkriegs immer Mittagsgebet und übertönt alles. Nach
Mafia-Serie «4 Blocks» waren arabi- weiter seine Pflicht erfüllte und begrub, dem Interview verabschiedet sich
sches Testosteron pur. Dann ein
Filmprojekt über den wohl verrücktes-
ten Schönheitswettbewerb der Welt
«Miss Holocaust Survivor» in Haifa,
Israel, und jetzt ... Ich drehe mich im
weichen Bett, ein Muezzin beginnt
über Strassenlautsprecher das musli-
mische Morgengebet zu sprechen, ich
schaue auf die Uhr, 5 Uhr morgens, ach
ja – Beirut, Libanon. Die Anreise ging
gestern Abend dann doch ziemlich
reibungslos, der Zoll am Flughafen
hatte Feierabend, niemand stellte
Fragen zu Equipment und offizieller
Dreherlaubnis. Hier sind wir also, aus
israelischer Sicht im Land des Feindes.
Aber feindlich wirkt es hier so gar nicht.
Das Schawarma an der Strassenecke
war so lecker wie selten. «He will be back» – Matthias Bolliger unterwegs
Der erste Drehtag – wir treffen
ehemalige Kämpfer, die mit ihren wer zu ihm gebracht wurde. Im Winter unser Gastgeber mit einem Klemm-
Milizen und Clans in wechselnden aber war der Boden gefroren, und neben brett in der Hand, darauf fällt mir das
Bündnissen Beirut fast zugrunde ge- ihm lagen je ein toter christlicher sowie eidgenössische Wappen auf: «Oh yes,
richtet hatten. Im Laufe der letzten ein muslimischer Kämpfer. Der Toten- Switzerland is supporting us, merci.»
dreissig Jahre kämpfte jeder gegen gräber schaffte es nur, eine Grube Unser letztes Abendessen in
jeden, Christen gegen Moslems, Chris- auszuheben, und beschloss schliesslich, Downtown Beirut. Teuerste Autos
ten gegen Christen, Moslems gegen die beiden Arm in Arm miteinander zu parken in zweiter Reihe, Pelztragen
Moslems, dann besetzten israelische bestatten. Wenn sie im Leben schon scheint wieder «in»,– es sind auch
Truppen zwischenzeitlich die Stadt. nicht miteinander reden wollten, soll- winterliche 20 Grad. Wer den Libanon
Manchmal waren Kämpfer auf der ei- ten sie es nun auf ewig tun … versteht, kennt ihn nicht. Mein Gefühl:
nen, später dann auf der anderen Seite. «I will be back.»
«Wer den Libanon versteht, kennt ihn Am nächsten Tag besuchen wir
nicht», ein geflügeltes Wort, welches Mar Elias, ein palästinensisches Flücht-
Matthias Bolliger
mich die kommenden Tage begleiten lingslager mitten in Beirut. Es ist *1975 in Luzern, seit 1998 unterwegs
wird. Unser Film über den Liba- «No-Man’s-Land», weder die libanesi- www.matthias-bolliger.de
Februar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 7STADT
17. JANUAR, LICHTFESTIVAL, LUZERN
«Wenn ein Oktopus über dem Wasser vor dem
Löwendenkmal schwebt, dann ist wohl das
Luzerner Lichtfestival dafür verantwortlich.»
Bild & Wort: Caroline SchniderLAND
16. JANUAR, KUNSTHAUS SURSEE
«Artgerechtes Shopping: Gerda
Steiner und Jörg Lenzlinger zu sehen
im Kunsthaus Sursee.»
Bild & Wort: Gabriela AcklinFOKUS: RAUSCH
Hanni Troxler gibt den Ton an.
10 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Februar 2019FOKUS: RAUSCH
Das gemeinsame Geistervertreiben mit Bläsern, Trom-
meln, Konfetti und Orangen passiert nicht ganz so chao-
tisch und unorganisiert, wie es an der Fasnacht manch-
mal scheint. Sabina Koch und Hanni Troxler sind zwei
von wenigen Frauen, die ihre Guggenmu-
Text: Nina Laky
siker und -musikerinnen durch die wilden
Bilder: Matthias Jurt
Tage bringen. Das Spiel der Willisauer
Napfrugger sei auch schon als «weiblich» bezeichnet
worden: «Wir spielen keine Kompressor-Musik und
haben keine Schlagzeugwagen. Wir spielen anders, leiser,
bluesiger», sagt Hanni Troxler.
«DER RAUSCH IST IM
BESTEN FALLE FEIN
UND SANFT UND NICHT
AGGRESSIV UND GROB»
Sabina Koch (62) aus Luzern und Die beiden Frauen kennen sich eigentlich nur
verkleidet und vom Hörensagen. Das folgende Ge-
Hanni Troxler (55) aus Willisau sind spräch ist so lustig und herzlich wie die Fasnacht
bestenfalls selbst – beide lachen viel und tauschen
zwei von wenigen Tambourmajo- am Ende dann noch die Nummern aus, um sich
rinnen im Kanton Luzern. Sie füh- auch mal ohne «Grend» zu treffen.
ren ihre beiden Guggenmusigen, Sabina Koch und Hanni Troxler, Sie sind beide Tambour-
die Napfrugger und die Bohème, majorinnen beziehungsweise Hanni Troxler, Sie bezeich-
nen sich als «Oberkapellmeisterin». Was ist der Unter-
seit Jahren an der Fasnacht durch schied und wie kamen Sie beide zu Ihrem Amt?
Sabine Koch: Ich bin seit 14 Jahren Tambourmajo-
die Stadt. Die Hühnerhaut beim rin und war vorher Paukerin. Kurz vor der Fasnacht
Zapfenstreich, das sei ihr Rausch. 2005 ist unser Major ausgestiegen und ich hatte
gerade meinen Ellbogen gebrochen. Mir wurde
dann das Amt vorgeschlagen, da man als Tambourmajo-
rin «nur» mit dem rechten Arm den Majorenstab schwin-
gen muss.
Hanni Troxler: Ich spiele immer mit, ich kann nicht nur
einen Stab halten, das wäre mir zu langweilig. Ich leite
zudem die Proben und arrangiere die Stücke. Das lassen
heute viele Guggenmusigen extern machen. Der Präsi-
dent der Napfrugger ist eigentlich ein «Gouverneur», so
wurde ich zur Oberkapellmeisterin.
Wie klingen die Bohème und die Napfrugger unter Ihrer
Feder respektive Stab?
HT: Ich arrangiere eher Big-Band-mässig, da bei uns auch
Februar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 11FOKUS: RAUSCH
«Genau, raus aus dem Trott!
Ich bin ich! Ob es dazu Alkohol
braucht oder nicht.»
Hanni Troxler
viele Saxofone mitspielen. Mein Vorbild sind
die New Orleans Bands.
SK: Bei uns ist das ganz anders, viel traditionel-
ler. Wir sind einige der wenigen Musiken, die
noch die ganz alten Stücke spielen, und wir spie-
len ohne Noten. Das Zuhören ist bei uns zent-
ral, alles ist ad hoc. Wir haben zehn Proben und
letztes Jahr habe ich drei neue Märsche da rein-
gemurkst, ein bisschen viel! (lacht)
HT: Wir haben nur fünf Proben vor der Fas-
nacht und mit Noten sind wir effizienter. Als ich
aber das erste Mal mit Noten auftauchte, haben
mich einige Männer ausgelacht, wir sassen
dann halt plötzlich da, wie ein Orchester.
Von 80 offiziellen Guggenmusigen und Wagen-
sowie Maskengruppen in der Stadt Luzern
werden nur ganz wenige von Frauen geleitet.
Was, denken Sie, machen Sie anders als die zahl-
reichen Männer in dieser Funktion? Hanni Troxler, *1964, aus Willisau ist seit 1989 Mit--
SK: Ich probiere einfach gerne aus, die drei Mär- glied bei den Napfrugger Willisau und seit 1992 ihre
Tambourmajorin. Sie schreibt und arrangiert alle
sche habe ich dann einfach angepfiffen, es ist ja Stücke. Die Napfrugger gibt es seit 1961.
Fasnacht und wenn man falsch spielt, tant pis.
Wir spielen ein Lied von Anfang bis Ende und
fertig … wenn es geht einstimmig. (lacht) Respek-
tiert werde ich aber total, man spricht mich mit «First seele haben und in eine Guggenmusig gehen, da kristallisiert
Lady» an und die Jungen fragen mich, ob sie mich duzen man sich dann schnell heraus.
dürfen. Ich geniesse diesen Bonus im Männerverein. SK: Das glaube ich auch, wir sind ja schon eher Unikate. (Beide
HT: Ich mache es anders, aber nicht, weil ich eine Frau lachen) Ich hatte schon einmal eine Co-Tambourmajorin,
bin, sondern weil unsere Guggenmusig anders ist. meine Nichte. Sie sagte bereits, wenn ich dann nicht mehr
Unsere «Kakojazzkonzerte» sind legendär, unsere Kostü- wolle, würde sie dann vielleicht …
me individuell und unsere Songs wurden auch schon
durch einen Songcontest ausgewählt. Ich lebe die Spiel- Ist das schon bald oder machen Sie noch lange Fasnacht?
freude vor und arbeite an einem warmen Klang. Musik HT: Meine Mutter ist 80 und geht noch an die Fasnacht, ich
soll ausstrahlen, nicht wehtun. nehme sie mir zum Vorbild. Sobald aber ein Napfrugger
kommt, der Tambourmajor sein will, gebe ich sehr gerne ab.
Kennen Sie Frauen, die an solch einem Amt Interesse SK: Wenn ich am Donnerstagmorgen den Zapfenstreich an-
haben könnten? Seit Jahren wird der Frauenanteil ja nicht pfeife und ich keine Gänsehaut mehr bekomme, höre ich auf.
grösser.
HT: Die Frage ist eher, wie man zu diesem Amt kommt. Hühnerhaut, ein schöne körperliche Auswirkung des Fas-
Viele ziehen einfach den besten Schlagzeuger oder den nachts-Rausches …
besten Bläser nach, diese Instrumente spielen oft SK: Die Fasnacht ist für mich nur Rausch, und zwar darum,
Männer. Als Allererstes muss man einfach eine Narren- weil ich eine Woche einfach weg bin. Alle reden mit allen,
12 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Februar 2019FOKUS: RAUSCH
man duzt sich, jeder ist gleichwertig und ich kann plötz-
lich drei Stunden schlafen und mir geht es tipp topp.
«Ich probiere einfach gerne aus, die
HT: Genau, raus aus dem Trott! Ich bin ich! Ob es dazu Al- drei Märsche habe ich dann einfach
kohol braucht oder nicht. Ich trinke quasi keinen, mir angepfiffen, es ist ja Fasnacht und
schmeckte das nie. Ich finde den Rausch im Tanzen und
der Musik und in den Gesprächen mit den gut gelaunten wenn man falsch spielt, tant pis.»
Leuten, die ich treffe. Der Rausch ist im besten Falle fein,
sanft, und nicht aggressiv und grob.
Sabina Koch
Der Rausch wird aber auch kritisiert, die Saufgelage und
dass es an der Fasnacht nur um Sex und Drogen gehe … Für
euch ist der Rausch also positiv?
SK: Ich bedauere es sehr, dass viele Menschen schon be-
trunken an die Tagwache kommen – dieses Kribbeln in
der Nacht auf Donnerstag gehört für mich stark dazu, das
Aufgeregtsein. Auf dem Weg an die Tagwache sind
früher alle nur ehrfürchtig und leise «getrippelt».
HT: Ich werde in meiner Musikerszene auch aus-
gelacht und gefragt, wieso ich mich auf die Fas-
nacht «herunterlasse». Es geht mir aber nicht
primär um die Musik, sondern um das An-
ders-Sein. Für mich fängt der Rausch mit einem
Lockerwerden an, und das passiert individuell.
All denen, die meinen, es sei nur ein Saufgelage,
sollen nüchtern mal schauen kommen.
Also Sie empfehlen kritischen Leuten, nüchtern
an die Fasnacht zu gehen?
HT: Jeder, wie er will und kann, es soll ein mass-
volles Gehenlassen sein: Tanz mal ausgelassen
und sing mal falsch, lass den Künstler oder die
Künstlerin raus! Was ich mir wünsche, ist mehr
Vielfalt und Kreativität.
SK: Es gibt so viele schöne Sachen zu sehen! All
diese Theater und Masken. Es wird so viel gebas-
telt, und das zu erleben ist sogar gratis. Bei der
Musik muss man aufpassen, dass die Melodien
nicht verloren gehen und es nur noch dröhnt.
HT: Dieses Dröhnen ist für mich eher männlich,
braucht es aber auch. Diese archaischen Stücke,
das gefällt mir zwischendurch. Es braucht viel-
leicht auch einen vielfältigeren Rausch, einen
durch die Rolle. Alle Männer sollten einmal als
Frau an die Fasnacht … Da benimmt man sich
nachher ganz anders, Verkleiden schafft Ver-
ständnis. Für mich ist die Fasnacht drum eigent-
lich geschlechterlos.
Sabina Koch, *1956, ist in der Luzerner Altstadt aufgewachsen, ihr
Vater Bruno Koch hat die drittälteste Guggenmusig der Stadt, die
Bohème, 1950 gegründet. Seit 1964 geht Sabina Koch an die Fasnacht.
Februar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 13FOKUS: RAUSCH
REGLEMENTIERTE
Ende der Fastnacht mit dem Os-
tertermin zusammen, dessen
Berechnung auf das im Jahr 325
AUSGELASSENHEIT
einberufene Konzil von Nicäa
zurückgeht. Es bestimmte, dass
für die Berechnung des Oster-
festes immer vom 21. März als
Das Maskentragen ist seit jeher an feste Ter- dem Datum des Frühlingsbeginns auszugehen sei,
unabhängig von den astronomischen Gegebenheiten.
mine gebunden: weltliche, kirchliche oder
Man einigte sich zudem darauf, dass der Ostertermin
von der Tradition bestimmte. Das hat mit den auf den Sonntag nach dem jüdischen Pessachfest fest-
heidnischen Wurzeln der Fastnacht zu tun. zusetzen sei. Da das Pessachfest in biblischer Zeit an
Am Fastnachtsdienstag oder dann am Aschermittwoch, einem Vollmondtag abgehalten wurde (und nicht wie
schreibt der deutsche Philologe und Volkskundler Paul seit dem 10. Jahrhundert am 15. Tag des ersten Frühlings-
Sartori in seinem zwischen 1910 und 1914 erschienenen monats), feiern wir Ostern bis heute am Sonntag nach
und drei Bände umfassenden Werk «Sitte und Brauch», dem ersten Frühlingsvollmond.
wird das definitive Ende der Fast-
Text: Kurt Lussi
Bilder: Thomas Studhalter
nacht an vielen Orten durch ein Kampf der Titanen
Scheinbegräbnis zum Ausdruck ge- Die Beschränkung auf bestimmte Tage des Jahres
bracht. Eine Puppe oder sonst ein Gegenstand, der die hat auch mit den heidnischen Wurzeln des Maskenlau-
Fastnacht repräsentiert, wird vor ein Narrengericht ge- fens zu tun. In den Figuren und ihrem Treiben manifes-
stellt und danach oft unter Nachäffung kirchlicher Zere- tiert sich der ewige Streit zwischen dem Winter und dem
monien bestattet. Danach ist Schluss mit Ausgelassen- Frühling, zwischen lebensfeindlichen und lebensför-
heit und Berauschung. dernden Mächten. In reformierten Gegenden treten be-
Weltlicher zu und her ging es vor rund dreissig reits in den ersten Tagen nach Weihnachten dämonische
Jahren in Luzern. 1986 verabschiedete der Grosse Rat, Gestalten auf, die sich oft wie in Trance heftige Schau-
wie der Kantonsrat früher hiess, das «Fasnachtsgesetz», kämpfe liefern. An diesen Orten sind die Tage, an denen
das heute Teil der Gastgewerbeverordnung ist. Darin das Maskentreiben stattfindet, von der Tradition vorge-
sind unter anderem die Tage festgehalten, an denen das geben. So ziehen in Hallwil im Kanton Aargau die Bärze-
Maskentragen gestattet ist. Gegenstand der grossrätli- libuebe, fünfzehn wilde Maskengestalten, ausschliesslich
chen Diskussionen war auch, ob man künftig Fastnacht am Berchtoldstag (2. Januar) umher. Sie unterteilen sich
(abgeleitet vom Mittelhochdeutschen «vastnaht») oder in Dürre und Grüne – Personifikationen des Winters und
Fasnacht schreiben solle. Nach einer hitzigen Debatte des bald anbrechenden Frühlings.
entschieden sich die Räte für Letzteres. Einen ähnlichen Brauch finden wir im aargaui-
schen Effingen. Dort liefern sich am Sonntag nach
Vergessenes Wissen Ostern – und nur dann – dürre Gestalten wie der Ho-
Der Beschluss des Grossen Rates ist symbolträch- buspöönig oder der Schnäggehüüslig mit den grünen Vegeta-
tig. Er kann als Eingeständnis gedeutet werden, dass sich tionsfiguren erbitterte Kämpfe, wobei die Grünen, die
die Fastnacht in ihrer gegenwärtigen Form von ihren Repräsentanten des Frühlings und des neu erwachenden
Wurzeln und ihrer ursprünglichen Bedeutung entfrem- Lebens, naturgemäss als Sieger hervorgehen.
det und neue Formen angenommen hat. In Unkenntnis In diesen oft wiederbelebten Bräuchen, deren Ter-
ihrer Entstehung und Bedeutung ist sie denn auch an mine von der Tradition festgesetzt sind und nicht vom
vielen Orten zu einem durchorganisierten Festanlass ge- Gesetzgeber oder der Kirche, manifestiert sich die in
worden, der sich, wie alle anderen öffentlichen Veranstal- allen Kulturen beheimatete Vorstellung vom ewigen
tungen, nach gesetzlich festgelegten Terminen und Kreislauf der Natur, die im Herbst abstirbt, um im Früh-
Reglementen zu richten hat. ling neu zu erwachen. Ohne Tod gibt es kein neues Leben.
Der Tod ist folglich nicht das Ende aller Dinge, sondern
Das Konzil von Nicäa Ende und Anfang zugleich. Insofern hat das Maskenlau-
Doch auch vor der Verabschiedung des Luzerner fen des Frühjahrs nebst aller Fröhlichkeit und Ausgelas-
«Fasnachtsgesetzes» war das fastnächtliche Treiben mit senheit auch eine ernste Seite, die in der Zentralschweiz
all seinen Auswüchsen an bestimmte Tage gebunden. Bis von Gestalten verkörpert wird, die den Tod und somit
heute hängen in katholischen Gegenden Beginn und den sich verabschiedenden Winter darstellen.
14 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Februar 2019Hobuspöönig (Hobelspäne), Symbol für den Tannreesig (Tannreisig), Symbol für den Frühling und das
leblosen Winter immergrünende Leben
Stächpaumig (Stechpalme), Symbol für die Fruchtbarkeit Straumaa (Strohmann), Symbol für den unfruchtbaren Winter#Zerscht#de#Urknall#jetzt#de#Öberfall#FCL#Fans
SELBSTVERLUST AHOI!
AUF IN DEN KOLLEKTIVEN
RAUSCH
Die «Masse» hat im Kulturbereich einen schweren Stand: werden – und das bereitet
Lust und macht zugleich
Mainstream, Stillosigkeit und Mitläufertum sind nur einige Angst!
der vielen Vorurteile. Im Februar liegen Angst und Faszination Es handelt sich um die
des Massenrausches eng beisammen: Es erwarten uns Angst, nicht mehr sich
Konzerte, Sportevents, Après-Ski-Zelte und die Fasnacht. selbst zu sein, peinlich zu
wirken, sich entgegen den
Die berauschte Masse wurde vielfach als Phänomen pri- eigenen Prinzipien zu benehmen, zurückgehaltene Ge-
mitiver Gesellschaften beschrieben und scheint einer fühle aufzuwecken, im Rausch wahnsinnig zu werden
kultivierten Zivilisation entgegenzustehen. Seit der Auf- oder gar in ein politisch extremes Fahrwasser zu geraten.
klärung gilt das mündige und kritische Individuum als Als Schutzwall gegen kollektive Räusche dient eine
Grundpfeiler der Demokratie. Im Wider- kritische Haltung. Michel Foucault definierte die Kritik
Text: Tobias Brücker spruch dazu steht der Rausch, welcher die als den Willen, nicht regiert zu werden. 1 Die Kritik
individualisierenden Kräfte aufhebt und schafft Distanz, indem sie das eigene Selbst in ein reflek-
das Allgemeine, Menschliche und Triebhafte vorführt. tiertes Verhältnis zum Kritisierten setzt. Das bewirkt
Denn im Rausch verlieren wir die Kontrolle über uns politisch gesehen einen Schutz vor Verblendung, blinder
selbst. Der eigene Wille wird von der Willkür abgelöst, Wut und Extremismus. Angesichts historischer Erfah-
die Selbstkontrolle vom Ergriffensein und die Vernunft rungen ist dies gut und sinnvoll. Es gibt aber auch kollek-
von der Leidenschaft. Im kollektiven Rauschzustand tive Räusche, die nur halb so schlimm sind und viel
drohen wir zu Marionetten eines primitiven Spiels zu Spass bereiten.
16 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Februar 2019FOKUS: RAUSCH
Im kollektiven Rauschzustand drohen gebildet. Während der kollektive Rausch die einen
schlicht und einfach nicht fasziniert, beginnen andere
wir zu Marionetten eines primitiven ihn schlechtzureden. Gegenüber dem Pöbel, den Alkoho-
Spiels zu werden – und das bereitet likern und den Minderbemittelten darf man sich mora-
lisch erhaben fühlen.
Lust und macht zugleich Angst! Bis heute werden kollektive Rauschzustände für
die zeitweilige Aufhebung von Herkunft und Stand
gelobt. So schreibt der Kulturwissenschaftler Klaus The-
weleit: «In dieser Möglichkeit, sich als Einzelner aufzu-
lösen und aufzugehen als integrierter, klassenloser Teil
eines Ganzen, liegt die Faszination beim Besuch eines
Fussballspieles.» 2 Dies ist zwar richtig, verleitet jedoch
zur falschen Annahme, dass kollektive Ausnahmezu-
stände soziale Gründe oder gar heilsame Wirkungen
haben müssen. Damit übersieht man, dass das im Rausch
erlebte Wir-Gefühl schon Lust genug bereitet. Im
Grunde genommen wird nicht die Klassenlosigkeit gefei-
ert, sondern die Selbst- bzw. Wir-Genügsamkeit des be-
rauschten Kollektivs.
Das lustvolle Wir-Gefühl lässt sich jedoch nicht
vorprogrammieren, weil kollektive Räusche nicht nur
positive Emotionen bilden. Wer viel Zeit in Stadien und
Im Stadion und an der Fasnacht an der Fasnacht verbringt, sieht auch aufgelöste, trübsin-
An der Fasnacht trinkt man hochprozentige Alko- nige und aggressive Menschen. Die aufgebaute Energie
holika. Schon nach wenigen Holdrios und Kafi Zwätsch- des Rausches kann sich verschiedentlich entladen, und
ge wird die visuelle Wahrnehmung unscharf und die teils trotzdem ist es diese Gefahr, welche erst das einmalige
kakofonen Töne der Guggenmusig verwandeln sich in Gefühl verleiht, etwas Einzigartiges, Wahnsinniges und
Symphonien – zu gut spielende Guggenmusigen verweh- Rüüdiges erlebt zu haben. Es ist der Reiz des Unvorher-
ren den Fasnächtlern diese schöne Umwandlungsarbeit sehbaren, dass es so oder anders hätte ausgehen können.
und werden deshalb zu Recht als «Orchester» verun-
glimpft. Das gemeinsame Wippen vor den Bühnen sowie Plädoyer, die Rollenvielfalt zu
das Verkleidet- und Anonymsein verbindet die Fasnächt- geniessen
ler zu einem feiernden Kollektiv. Im Wissen, dass die an- Fasnächtlerinnen und Kurvengänger haben,
deren ebenfalls berauscht sind, verbreitet sich ein wohli- anders als die prinzipiellen Skeptiker, oft ein humorvol-
ges Gefühl, dass einem die Dummheiten und Masslosig- les Verhältnis zur Masse. In einer singenden Fankurve
keiten zu einem späteren Zeitpunkt nicht vorgehalten lernt man, dass nicht jede Geste und jedes Wort überlegt
werden. Hierin liegt eine Eigenheit der Luzerner Fas- und verantwortbar sein muss. Kollektive Räusche trai-
nacht, an der vergleichsweise viele Menschen verkleidet, nieren die Fähigkeit, verschiedene Rollen innerhalb
berauscht und tanzend sind – wodurch die Konfrontati- «einer» Identität auszuleben. Wie so oft ist es die Verhält-
on mit den bloss Zuschauenden, Nüchternen und Unver- nismässigkeit und nicht die prinzipielle Ablehnung,
kleideten den kollektiven Rausch kaum tangiert. Dies welche den mündigen Selbstschutz auszeichnet. Als mo-
macht die aktiven Fasnächtler zu geselligen Komplizen, derne Menschen können wir an unterschiedlichen sozi-
weshalb man «Wildfremde» plötzlich wie alte Freunde alen Wirklichkeiten in verschiedensten Rollen teilneh-
behandelt. men. Tagsüber als Lehrerin im Klassenzimmer, abends
Im Stadion wiederum besteht der kollektive als bärtiger Zwerg an der Fasnacht. Oder als gärtnernder
Rausch darin, das erlebte Spiel nicht bloss der eigenen Papi im Blumenbeet und als Death-Metal-Fan im Sedel.
Wahrnehmung, sondern jener von Tausenden Menschen Der Februar lädt dazu ein, dem eigenen Selbst eine Aus-
zuzurechnen. Dies verlangt von den Zuschauenden, dass zeit zu schenken, um es danach wieder umso mehr lieb-
sie sich ins Spielgeschehen reinsteigern (Fanatismus), zuhaben.
dass sie einen Kontrollverlust zulassen (oder mit Alkohol
und Drogen herbeiführen), dass sie sich für ihre Ekstase
nicht schämen (Selbstironie, Hemmungslosigkeit und
Humor) und dass sie gestisch mitmachen (La-Ola-Welle,
Torjubel und Fangesänge). Diese scheinbar simplen
1
Michel Focault: Was ist Kritik?, Berlin 1992, S. 11.
2
Klaus Theweleit: «Hexenkessel». In: Kultort Stadion.
Kompetenzen sind längst nicht bei allen Menschen aus- Hannover 2004, S. 96.
Februar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 17FOKUS: RAUSCH
ABSTRAKTE KUNST MIT
DIGITALEM MATERIAL
Im Labor Luzern ist das Rauschen Kabelrollen hängen von der Wand, auf dem Tisch
stehen zwei 3-D-Drucker. Mitten im Atelier steht
mehr als nur indifferenter Lärm. Es eine vierbeinige Waschmaschine, blinkt, gibt
ist auch eine philosophische Angele- Töne von sich und winkt mit der Bedienungsan-
leitung. Die gehackte Maschine kann vieles,
genheit, ein kreatives Spielfeld, ein ausser Kleider waschen. Hacken heisst nicht bloss
mit Potenzial versehener Störeffekt. Eindringen in Computersysteme, wie der Begriff
umgangssprachlich verwendet wird. Hacken ist
Meistens gemieden, wird es in Fabio vielmehr als Haltung und Ethik zu verstehen, bei
Colledanis Kunstprojekt «Video- der es um das Erforschen, Tüfteln und den ver-
spielten Umgang mit Technik geht. Eine Wasch-
sounds» zum erklärten Ziel. maschine umfunktionieren, den Zahlencode
eines Schlosses knacken, oder – wie Colledani
Als das Radio kein Signal empfing, die Verbindung am Te- dies in seinem Projekt tut – Videosignale in einen Mixer
lefon gestört wurde oder das Bild des Fernsehers flacker- einspeisen. Das ist Hacken.
te, war früher ein Rauschen zu vernehmen. Mit dem digi-
talen Fortschritt verschwand dieses weitestgehend. Den- Technik als Blackbox
noch ist die Bedeutung des Rau- Ein Loch im Kleid ist als Defekt fassbarer als eine
Text & Bilder: Robyn Muffler schens als Störimpuls geblieben. Verbindungsstörung am WLAN-Router. Aber der grund-
Fabio Colledani, Mitglied des sätzliche Unterschied dieser beiden Störungen liegt in
Hackspace Labor Luzern, deutet in seinem aktuellen Pro- der Erwartungshaltung, die ihnen entgegengebracht
jekt «Videosounds» das Rauschen um; er möchte es nicht wird. Das Innenleben technischer Geräte wird als un-
umgehen, sondern künstlich erzeugen. Sein Wunsch ist durchsichtiges System akzeptiert, dessen Funktionswei-
es, ein visuelles Signal hörbar zu machen. «Jedes elektro- se den Nutzenden komplett verschleiert bleibt. «Das ist
nische ist auch ein potenziell akustisches
Signal.» Angeschlossen an einen Verstärker
kann er ein Bildsignal – modifiziert oder na-
turbelassen – hörbar machen. Er betreibt
hier also abstrakte Kunst mit digitalem Ma-
terial. Tatsächlich ergibt sich je nach Be-
schaffenheit der Eingabe bei der Übertra-
gung ein anderes Rauschen. Das hänge bei-
spielsweise von der Farbzusammenset-
zung, der Form oder dem Lichtanteil im
Video ab. «Natürlich ist es spekulativ: aber
tatsächlich kann man aus dieser Übertra-
gung gewisse Rückschlüsse ziehen, wie
sich ein Kreis oder die Farbe Rot anhört», so
Colledani.
Kunst des Hackens
Das Labor Luzern und dessen Com-
munity dienen Fabio Colledani als Ort
materieller und ideeller Ressourcen. Der
Luzerner Hackspace ist ein Tüftlerort son-
dergleichen. In den Regalen stapeln sich
Fernseher aus den 80er-Jahren, meterlange Buchstabensuppe mal anders
18 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Februar 2019FOKUS: RAUSCH
es, was mich aufregt! Die Idee der Technik als eine Black- ausschliesslich als Blackboxes zu sehen, die nur dazu da
box», so Felix Bänteli, Mitinitiant des Labors Luzern. sind, den Alltag zu erleichtern. Dazu meint Felix Bänteli:
Diese Vorstellung sei nicht nur falsch, sondern verhee- «Wir nutzen die Geräte nicht so, wie sie funktionieren
rend, weil sie die Hoffnung in die Technik als Retterin für sollten. Es geht vor allem darum, sich der Möglichkeiten
alles möglich mache. «Als ob die Technik irgendwann alle der technischen Systeme spielerisch zu bedienen, um
Probleme der Menschheit lösen würde». Die Leute seien Kunst zu machen.» Und, wie das bei Fabio Colledanis
bequem geworden, kauften sich einen neuen Stabmixer, Projekt zum Rauschen der Fall ist: einen Weg zu finden,
wenn der alte kaputt sei. Dabei funktionieren die Geräte sichtbare Signale erklingen zu lassen.
meist gar nicht so hochkomplex, wie geglaubt werde.
Und was sich nicht selber flicken lasse, sei dennoch toll –
Labor Luzern: Jeden Mittwoch ab 20.00 Uhr
weil es aufgebrochen, eingesehen und sich möglicherwei- steht der Hackspace allen Interessierten
se umfunktionieren, sprich: hacken lasse. offen, um an Projekten zu arbeiten, sich mit
Mitgliedern auszutauschen oder um einfach
mal Laborluft zu schnuppern. Mitglied kann
Wer Mitglied im Labor Luzern ist oder werden jeder und jede werden: Der jährliche Beitrag
beträgt 100 Franken im Jahr. Die öffentliche
möchte, benötigt keine Expertise im Umgang mit Tech- Werkstatt liegt an der Degenstrasse 3 in
nischem. Er oder sie braucht auch nichts über Hacking Kriens.
oder 3-D-Drucker zu wissen. Neugier allein ist wichtig,
und die Lust, sich ein bisschen der digitalen Entfrem-
dung zu stellen. Das Ziel lautet, technische Geräte nicht
Digital trifft Analog: Im Labor Luzern wird geforscht und gewerkt.
Februar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 19ÜBERDACHT
Wozu Rausch? Sich zu berauschen und damit
positive Gefühle zu verstärken, ist also
nicht der einzige Grund, weshalb psy-
choaktive Substanzen konsumiert
werden (Verstärkungsmotiv). Substan-
zen helfen vermeintlich, um gesellig
zu sein (soziales Motiv), Probleme zu
verdrängen (Bewältigungsmotiv) oder
um Zugang zu einer bestimmten
Gruppe zu erlangen (Konformitätsmo-
tiv). Für das Jugendalter gibt es sogar
noch mehr Gründe, indem der Subs-
tanzkonsum von Jugendlichen oft auch
dazu genutzt wird, sich an zentralen
Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz
Zigaretten & Zoff im britischen (Ablösung von zu Hause, Identitätsbil-
dung) abzuarbeiten. Die Eltern erleben
Königshaus dies manchmal als wenig berauschend.
Haben Sie einen Jugendlichen zu
Hause, der sich demonstrativ bekifft
Wozu Rausch? Um dazuzugehören, Das Studium war längst beendet, doch oder urige Männlichkeitsrituale in
sich einzigartig zu fühlen, sich abzu- die Zigarette blieb. Angedrohte gesund- Saufgelagen mit seinen Kumpels
grenzen, Grenzen auszuloten, Grenzen heitliche Folgen vermochten nicht zu zelebriert? Eben! Der Fachterminus
zu überschreiten, Gefühle zu intensi- überzeugen. Doch dann trat Camilla lautet hier: «Doing gender with drugs».
vieren, Gefühle zu betäuben … um zu Parker Bowles, genau genommen ein
vergessen, zu erinnern, zu rebellieren, Foto von ihr, in Dr. Igels Leben. Für Dr. Wozu also Rausch? – Die Gründe
zu geniessen, zu feiern, Igel war klar, jetzt ist Schluss. Sie hörte sind so vielseitig wie diejenigen zum
Prof. Dr. Andreas Pfister, Schmerzen zu lindern, wie Camilla mit dem Rauchen auf. Verzicht. Sie erinnern sich? Camilla
Sozialpädagoge, lehrt und forscht
an der Hochschule Luzern – Sozia- den Stress zu vergessen, Parker Bowles.
le Arbeit mit dem Arbeitsschwer- sich eine neue Liebe Die Gründe, weshalb Menschen
punkt «Chancengerechte Präven- zuzutrauen … psychoaktive Substanzen (Nikotin, PS: Denken Sie, es ist zu viel oder
tion und Gesundheitsförderung».
Derzeit leitet er u. a. ein vom Alkohol, Cannabis, Kokain etc.) neh- zu früh des Rausches, dann wenden
Schweizerischen Nationalfonds – Gründe gibt es men und ausnahmsweise oder regel- Sie sich vertrauensvoll an www.ak-
gefördertes Forschungsprojekt, viele, zweifellos auch mässig den Rausch suchen, sind nie zent-luzern.ch oder an Sucht Schweiz
das den Hintergründen der er-
schwerten Inanspruchnahme von widersprüchliche. nur individueller, sondern immer auch (Gratisnummer 0800 104 104).
Suchtprävention durch sozioöko- sozialer, gesellschaftlicher und biolo-
nomisch benachteiligte Familien
Ein Motiv, dem gisch-körperlicher Natur. Viele ver-
nachgeht.
Rausch zu entsagen, ist schiedene Faktoren bestimmen
Camilla Parker Bowles, die frühere demnach, ob und wie Menschen psy-
Geliebte und jetzige Ehefrau von choaktive Substanzen nutzen: Um-
Charles, dem englischen Kronprinzen. welt, Individuum und Substanz – die
Das Kettenrauchen von Camilla war sogenannte «Sucht-Trias» – beein-
ein dauerndes Ärgernis zwischen den f lussen sich dabei wechselseitig:
beiden. Camilla begegnete mir Ende Welche Kultur und welcher Umgang
2018 am Pensionsabschiedsfest von herrscht in einer Gesellschaft in Bezug
Eveline Winnewisser, der langjährigen auf gewisse Substanzen (z. B. Apéro-
Leiterin der Suchtpräventionsstelle der kultur in der Schweiz)? Ist man mit
Stadt Zürich. Am Abend wurde auch kritischen Lebensereignissen konfron-
referiert. Die Referentin – wir nennen tiert (etwa Unfall, Krankheit) und kann
sie hier Dr. Igel – brachte Camilla ins dabei auf ein sorgendes soziales Umfeld
Spiel. Dr. Igel schlug sich während ihres zurückgreifen? Welche individuellen
Studiums einer fest- und konsumfreu- und genetischen Dispositionen beste-
digen Studierendengruppe zu, so die hen? Wie ist die Substanz beschaffen?
Erzählung. Jahre zogen in die Lande. Ist sie leicht verfügbar?
20 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Februar 2019ÜBERDACHT
Wozu Rausch – im Club? der Autor dieses Textes einer ist, auf aus
anderen Breitengraden stammende
Menschen oder solche aus LGBT+
Zugegeben, der Club scheint ideale Aber was sind denn die Aspekte Communitys trafen und einen Umgang
Voraussetzungen zu bieten, um sich des Clubs, die spannender sind als der finden mussten.
dem Rausch hinzugeben: Entkoppelt Rausch? Der Club ist enorm facetten-
von den im Alltag geltenden Zeiten, reich – in ihm beziehungsweise anhand Es sind Facetten wie diese, die
domiziliert an vor nicht erwünschten von ihm kann eine Vielfalt von Fragen den Club spannender machen als die
Blicken sicheren Orten und befeuert verhandelt werden. Etwa ästhetischer Räusche, die darin zweifellos statt-
von repetitiven Rhythmen Natur: Welche neuen Kompositions- finden. Und wenn man dann doch
Remo Bitzi ist Redaktions-
mitglied des Zweikommasie- und je nach Szene Substan- und Aufführungspraxen (elektroni- will, kann man auch fragen: Wozu
ben Magazins und einer der zen, die dem Durchhalte- scher) Musik drängen sich aktuell auf? Rausch – im Club? Vielleicht, weil man
Verleger hinter Präsens Editio- vermögen, der Psychoakti- Hier bietet der Club mit seinem poten- einfach nicht weiss, was man Besseres
nen. Mitunter in diesen Rollen
hat er sich über mehr als eine vität und/oder dem Hor- ten Soundsystem, seinen einigermas- mit der zur Verfügung stehenden Zeit
Dekade ausführlich mit gegen- monhaushalt zugutekom- sen intimen Grössenverhältnissen anfangen soll. Vielleicht, weil man die
wärtiger Musik und Sounds – men. Wer an dieser Stelle und einem hoffentlich neugierigen Welt, den Alltag, sich selbst vergessen
und dabei auch mit dem Club –
auseinandergesetzt. nun aber ein flammendes Publikum optimale Voraussetzungen, möchte. Vielleicht, weil man eine
Plädoyer auf den Rausch um mit neuen Hörerlebnissen zu ex- Ausrede sucht für den nächsten Be-
Illustration: Till Lauer im Club erwartet, verfasst perimentieren. such eines Ortes, wo man auf Men-
in bester Gonzo-Manier Es sind ebenfalls gesellschaftli- schen treffen kann, die Fragen wie die
mit Erfahrungsberichten aus den che Fragen, die sich im Club aufdrän- obigen verhandeln wollen. So oder so
Berghains und Fabrics oder auch Ke- gen: Wie etwa gestaltet man einen sind Clubs wichtige Orte, die es zu
gelbahnen und Südpolen dieser Welt, Space, der für Minderheiten, die den schaffen und zu besuchen gilt.
wird enttäuscht. Denn der Rausch ist Club immer wieder für sich erobern
einer der Aspekte des Clubs – so die (müssen und mussten), safe ist, aber
Annahme des Autors –, über die es sich nicht exklusiv für andere? Wie kann
am wenigsten zu schreiben lohnt. Zu man einen Dialog zwischen den ver-
interessant sind andere Facetten. Und schiedenen Gruppen schaffen? Und «Überdacht», das sind zwei
davon abgesehen könnte man behaup- wie lässt sich das dabei Verhandelte in Antworten auf eine Frage:
Profis aus Theorie und Praxis
ten, dass – wie es so schön pathetisch den Alltag transferieren? Im Club äussern sich monatlich und
heisst – jene, die sich erinnern, gar nicht werden diese Fragen seit einiger Zeit aktuell zu Kultur und ihren
erst dagewesen sind. verhandelt, da weisse Cis-Heteros, wie Wirkungsbereichen.
Februar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 21NACHSCHLAG
tur-Ecke. Jedenfalls ennet dem grossen
Teich. Für jene, die dem Alkohol ab-
schwören, gibt es in Übersee längst
Ausgangsalternativen fernab jeglicher
Promillegrenzen, beispielsweise Juice
statt Pub Crawls und Raves mit Sonnen-
statt Strobolicht.
Ich wäre schon zufrieden gewe-
sen, hätte ich in Restaurants, Bars und
Clubs – ja, ich mutiger Mensch habe
weiterhin am sozialen Leben teilgenom-
men – zwischen mehr als fünf non-al-
koholischen Getränken wählen können.
Zu meiner eigenen Überraschung
war es tatsächlich eine der grössten
Herausforderungen, etwas Trinkbares
zu finden, das nicht direkt zu Karies,
Anti-Rausch
Schluckauf und/oder eingeschlafenen
Geschmacksnerven führte. Ich hatte
eher damit gerechnet, dass ich die
meiste Energie fürs Rechtfertigen der
Alkohol-Abstinenz aufwenden werde.
versehen hatte. Der Es blieb nicht bei diesen beiden Aha-Er-
Ich habe dem Alkohol abgeschworen. vorangehende Ne- lebnissen. Da das Experiment besser
Mit ernüchternder Bilanz. bensatz verrät im lief als erwartet, entschied ich mich, es
Übrigen alles, was es für unbestimmte Zeit fortzusetzen. Ich
Die Entscheidung, keinen Alkohol mehr über meinen Alkoholkonsum zu wissen stellte eher erstaunt fest, dass Ausgehen
zu konsumieren, fällte ich auf der Toi- gilt: A) Ich schätze virtuos gemixte nach wie vor Spass macht, wenn auch
lette eines Fünfsternehotels im Enga- Cocktails, mit Liebe gekelterte Weine weniger lang dauert. Ich lernte gleich-
din. Nicht etwa, weil ich und konsumiere beides regelmässig zeitig eine überhebliche Seite an mir
Text: Carole Barmettler die blitzblanke Keramik- und natürlich verantwortungsvoll. B) kennen, die mich aufrichtig anwiderte.
schü ssel au f g r u nd Ich fürchtete die sozialen Folgen meiner Manchmal ertappte ich mich dabei, wie
überteuerter, fancy-benannter Cock- WC-Erleuchtung. C) Die Disziplin war ich jede und jeden mit alkoholischem
tails vollkotzte und mich nie mehr in bis anhin nicht meine beste Freundin. Getränk in der Hand innerlich verur-
dieser Situation wiederfinden wollte. In keinem Lebensbereich, notabene. teilte: «Du hast dich nicht im Griff. Im
Nein, der eigentliche Grund war ein Mit meinem verhalten kommu- Gegensatz zu mir. Ich ertrage das Leben
anderer, günstiger wohl, aber nicht nizierten und überhaupt ziemlich lasch auch nüchtern, ich Heldin!» Für meinen
minder hässlich: Mein Magendarm- gesteckten 14-Tage-Ziel wäre ich von Hochmut bestrafte ich mich bald selber,
grippe-geplagter, ausgemergelter Kör- «Sober Curious»-Anhängerinnen und die Trink-Ausnahmen häuften sich.
per schrie nach Schonung. Und die be- -Anhängern zweifellos belächelt wor- Schliesslich kündigte mir die Disziplin
inhaltete mitunter, Alkohol aus meinem den. Sie überhöhen das Nicht-Trinken ungefähr neun Monate nach der Bade-
Leben zu verbannen. Während zwei zu einem achtsamen-Slash-produkti- zimmer-Erleuchtung ihre Freundschaft,
Wochen keinen Tropfen, so der Plan, ver-machenden-Slash-sich-selber-nä- riss mir mein selbst verliehenes Heldin-
den ich im Stillen für mich fasste und her-bringenden-Slash-alles-ermögli- nen-Abzeichen von der Brust und zog
um Enttäuschungen vorzubeugen, chenden-Lifestyle. Und der bewegt sich mit der Alkohol-Abstinenz von dannen.
sogleich mit dem Label «Experiment» gerade aus der Trend- in die Subkul- Vermutlich ins Engadin.
22 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Februar 2019LITERATUR
FEBRUAR 2019
Beobachtet scharf: Jürg Halter
KULTURERWACHEN IN
Programm schaffen, zugänglich für
alle. «Das ist jetzt nicht total innovativ,
aber hier gibt es das noch nicht. Dann
EBIKON machen wir das doch einfach mal!»
So schaut mit Jürg Halter am 15.
Februar bereits ein national bekannter
– Lesung – Der quadratische Sonnen-Saal ist Name in Ebikon vorbei. Der Berner
In Ebikon ist viel los. Aus der dörflichen ein charmanter Ort, dessen grosse Schriftsteller, Musiker und Performan-
Gemeinde entwickelt sich ein immer Fenster, hohe Wände und abgewetzter cekünstler liest aus seinem neu erschie-
urbaner werdender Lebensraum, der Holzboden sofort ein angenehmes nenen Debütroman «Erwachen im 21.
in den nächsten zehn Jahren rasant an Gefühl vermitteln. Obwoh l noch nicht Jahrhundert». Eine Geschichte von
Dichte zunehmen wird. Und wo sich ganz fertig, ist Bernhards Vision klar obsessiver Reflexion über die gegen-
Menschen ansiedeln, entstehen neue zu sehen. Die Plattform Kultursonne wärtige Gesellschaft. Mit Witz, Wut
Plätze für Kultur. sei aber nicht nur auf diesen schönen und scharfen Beobachtungen schaut
Das fiel Reto Bernhard auf, als er Raum verhaftet, betont er. Nur wenige Halter auf eine desaströse Wirklichkeit.
2017 mit seiner Familie nach Ebikon Gehminuten entfernt liegt der Löwen, Zusammen mit dem Luzerner Schlag-
zog. Für den freien Theaterschaffenden ein ehemaliges Hotel und Asylheim, zeuger Fredy Studer, der die Lesung
war schnell klar, dass er hier etwas auf dessen Säle ebenfalls neu belebt werden musikalisch begleiten wird, verspricht
die Beine stellen will. Auf der Suche und der Kultursonne als zweite Bühne das ein spannendes erstes Kapitel in
nach einem geeigneten Ort wurde er dienen. der neuen Kulturwelt Ebikons zu
im Zentrum Ebikons fündig. Der leer Wenn Bernhard von seinem werden.
stehende Saal des Restaurants Sonne «Kulturbaby» erzählt, strahlt er: «Einer- Nikola Gvozdic
– von den Einheimischen früher liebe- seits soll es lokale Kulturschaffende auf
voll Dorfplatz genannt – soll wiederbe- die Bühne bringen, aus Ebikon, aus dem
lebt werden. So entstand im September Rontal, aber auch nationale und inter- Lesung Jürg Halter mit Fredy Studer:
«Erwachen im 21. Jahrhundert»
letzten Jahres der Verein «Kultursonne nationale Gruppen.» Man wolle ein FR 15. Februar, 20 Uhr
Ebikon». breites und qualitativ hochstehendes Kultursonne, Ebikon
Februar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 23MUSIK
FEBRUAR 2019
gen. Und nicht zu vergessen
die Ravegemeinde sowie
damit verbunden elektroni-
sche Klänge, die zum Tanz
bis zum Morgengrauen an-
regen.
Mit Ausnahme letzte-
ren Beispiels bieten auch die
Triotage ein Programm,
welches das Prädikat «beson-
ders berauschend» verdient.
Allen voran schlägelt das
Marimba Trio, dessen Kom-
positionen an Steve Reichs
Omni Selassi und East Sister sind zu dritt unterwegs Minimal Music der Siebziger
erinnern. Wobei das doch
Trance ist? Jener Begriff, der
MUSIK ZUM RAUSCH
oft in Kombination mit Ekstase ge-
braucht wird, steht für einen Dämmer-
zustand, dessen bekannteste Form
Ein jeder Mensch weiss zum Rausch 1985 unter dem Titel «Di- jedes Wesen unter dem Begriff «Schlaf»
vine Horsemen: The Li- kennt. Nun schläft man im Neubad
zu erzählen. Doch was ist der Rausch ving Gods of Haiti». Der aber hoffentlich nicht ein, sondern
in der Musik? Eine kleine Rausch- Film zeigt im Rahmen ei- schreitet unbewusst in bewusstseins-
Recherche mit Rückschluss auf die nes Rituals tanzende erweiternde Zustände wie beispiels-
Triotage im Neubad. Menschen, die unter repe- weise beim Trio Süd: Eine extra zusam-
titiven Trommelklängen mengestellte Band um Marie-Cécile
– Festival – sowie Gesängen plötzlich wegtreten Reber (electr), Valeria Zangger (dr) und
Die Trio-Form ist seit jeher prädesti- und ihre Aussenwelt nicht mehr Patricia Bosshard (vio), die durch
niert für einen Rausch. Egal ob im Po- wahrnehmen: Eine Gottheit ist in sie Soundscaping Sphären entstehen lässt.
wertrio mit Leadinstrument, Tieftöner gefahren – der Zustand der Ekstase. Das Pendant bildet die erstmalige Zu-
und Schlagwerk oder bei anderen Ähnliche Szenarien lassen sich in sammenarbeit von Raphael Loher (p)
Konstellationen: Der f lotte Dreier grössenteils afroamerikanischen mit Manuel Troller (g) und Julian Sar-
sorgte schon des Öfteren für besonde- Kirchgemeinden beobachten, wo durch torius (dr): Drei Künstler, welche seit
re musikalische Momente der Verzü- Call’n’Response-Riten seitens der Jahren mit Ekstase-, Rausch- oder
ckung. Doch was kann ein Rausch in Priester sowie den immer gleichen Trancezuständen in der Musik arbeiten.
der Musik auch noch sein? Die an den Groove-Patterns ekstatische Zustände Bereits eingespielte Gruppen – Yser,
Neubad’schen Triotagen auftretenden hervorgerufen werden können – herr- Edward Bloom oder East Sister – sorgen
Musikerinnen sowie Musiker, welche lich dargestellt, oder besser: persifliert zudem für hoffentlich ebenfalls berau-
im Zuge der hier vorliegenden Recher- im Musikclip zu Disclosures «When A schende Momente im Popbereich, er-
che befragt wurden, nannten fast Fire Starts To Burn» oder in einer Szene gänzt durch ausserkantonale (Omni
ausschliesslich einen Begriff: Ekstase. der Musikkomödie Blues Brothers, Selassi, La Truffa) und internationale
Ein rauschhafter, tranceartiger Zu- worin James Brown den Pfarrer mimt; (Lotto, La Force, Liebeslied) Formati-
stand, ohne Kontrolle über das norma- «Do you see the light?!» Die Vielfalt der onen. Fehlt nur noch eins: rauschender
le Bewusstsein und oftmals im religi- Ekstase ist ohnehin riesig: Für den ei- Applaus.
ösen Kontext. nen ist das Konzert einer jazzigen Stoph Ruckli
Zu diesem Phänomen stellen Gnawa-Psychedelic-Rock-Band eine
Maya Derens Aufnahmen von Voo- solche berauschende, ekstatische Er-
doo-Ritualen erstmals ein eindrückli- fahrung. Die andere senkt ihren Kopf Triotage Festival
DO 21. bis SA 23. Februar, jeweils ab
ches Zeugnis dar, aufgenommen zwi- schwer geflasht zu Klängen von Stoner, 20.30 Uhr
schen 1945 und 1951, veröffentlicht Delta Wave Music oder Trommelklän- Neubad und Industrie 9, Luzern
24 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Februar 2019Sie können auch lesen