Was wir euch gerne sagen würden - Fairer Handel: Wir feiern und genießen Nachgefragt: Warum macht es Sie glücklich, Brot zu retten? - Katholische ...
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Eine Welt Journal Baden–Württemberg Nr. 90 | Sept. ’21 | 5 Euro
:
Interkultur rne sagen würden
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Was wir euc eßen
Wir feie rn und geni
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Fairer Hand
t es Sie glücklich,
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hgefragt : Warum mac
Nac ten?
Brot zu retInhalt Editorial
Interkultur
3 Was wir euch gerne sagen würden
6 Wir haben Aha-Momente!
8 Die Nachfrage ist riesig
9 Unsere Buchtipps
10 Rassismus: Das geht gar nicht!
12 Eine Welt der Vielen Liebe Leserin, lieber Leser,
14 Glossar: Wie sage ich es richtig?
unser Redaktionsteam ist bei dieser Südzeit-Ausgabe
größer als üblich: das Schwerpunktthema „Was wir
Rezept euch gerne sagen würden“ haben Interkulturelle Pro-
motoren gemeinsam mit ihrer Koordinatorin kon-
15 Wir lieben es scharf: Aguachile zipiert. Die vier Frauen und ein Mann sind Teil des
„Interkulturellen Promotor*innen-Programms“. Sie
beraten, qualifizieren und begleiten Vereine, Einzel-
Asylpolitik personen und Kommunen in ganz Baden-Württem-
berg in allen Fragen rund um das große Thema In-
16 Unser moralisches Angebot terkultur. Gleich nach dem Start des Programms am
1. Januar 2021 war die Nachfrage nach Beratung,
Vernetzung und Vermittlung, trotz der Pandemie be-
Forum dingten Beschränkungen, groß. „Meine 70 %-Stelle
reicht bei weitem nicht aus, es fühlt sich an, als hätte
18 Das ist keine Droge! ich 300“, so eine Promotorin.
20 Die verkaufte Würde
Im Mittelpunkt stehen die migrantisch-diasporischen
Vereine, von denen es in Baden-Württemberg fast
Fairer Handel Tausend gibt. Viele ihrer Mitglieder sind seit Jahren
aktiv und leisten, oft unbeachtet von der Öffentlich-
22 Zukunft fair gestalten keit, wertvolle entwicklungspolitische Arbeit. Ein
wichtiges Ziel der Promotorinnen und des Promotors
ist es, diese Expertise sichtbar zu machen und die
Politik migrantischen Expertinnen und Experten mit Kom-
munen, Eine Welt-Vereinen und Geflüchteten-Un-
24 Forderungen: Was uns wichtig ist terstützungen zu vernetzen. Immer deutlicher wird,
welch vielfältige neue Möglichkeiten, welch Wissens-
zuwachs und Inspiration sich durch diese Zusam-
Zeit-Fragen menarbeit ergeben. Doch lesen Sie selbst, was Ihnen
die engagierten Akteure gerne sagen möchten …
26 Warum macht es Sie glücklich, Brot zu retten?
Ihre
Ser vice Susanne Schnell
27 Termine, Aktuelles, Fairer Handel, Impressum
31 Das war mein größter CoupWas wir euch gerne sagen würden
Hala Elamin
"Menschen mit
unterschiedlichen inter-
nationalen Hintergründen
und diversen Biografien
bereichern die
Gesellschaft."
Foto rechts:
Treffen der Promotoren
im Juli 2021 mit Referent
und Koordinatorin.
Was wir euch gerne sagen würden
Vier Frauen und ein Mann engagieren shops oder Veranstaltungen zu Frieden, Religion, Migra-
tion. Ich führe Angebote für das Empowerment und die
sich als Interkulturelle Promotoren Anti-Rassismus-Arbeit durch und stehe Hand in Hand
(IKP) für eine offene Gesellschaft. Ihre mit ehren- und hauptamtlichen Akteuren in der Region
Erfahrungen für Frieden und mehr Teilhabe.
Menschen mit unterschiedlichen internationalen Hinter-
gründen und diversen Biografien bereichern die Gesell-
schaft und ermöglichen neue Perspektiven.
Empowerment von Frauen
Hala Elamin, Interkulturelle Promotorin, Regierungsbezirk
ist ein wichtiges Ziel Stuttgart. Trägerverein: Freundeskreis Afrika e.V.
Ich freue mich, durch meine Arbeit als Interkulturelle
Promotorin unsere Heimat aktiv mitzugestalten und für
ein gutes Zusammenleben zu werben. Ich vernetze die un- Öffnet euch für
terschiedlichen Akteure und Initiativen, informiere bzw.
berate sie und tausche mich mit Expertinnen und Ex- migrantische Expertise!
perten aus. Ein Highlight meiner bisherigen Arbeit war
die Unterstützung von Frauen mit Gewalterfahrung. Ge- Meine Arbeit startete während der Pandemie. Mir wur-
meinsam mit der Diakonie und mithilfe von Psychologen de schnell klar, dass es ein Privileg ist, eine uneinge-
konnten wir traumatisierten Frauen, u.a. aus Togo, Af- schränkte Online-Präsenz zu haben. Für viele migran-
ghanistan und Syrien, Methoden vermitteln, die verhin- tische Vereine war es schwierig, sich im digitalen Raum
dern, dass es zu einem dramatischen Flashback kommt. zu bewegen. Sie hatten keine digitale Ausrüstung, kein
Außerdem gaben wir Tipps, um ihnen zu helfen, metho- ausreichendes Datenvolumen, litten unter Existenzäng-
disch mit ihrem Trauma umzugehen. Aus dieser Arbeit sten und unter geschrumpften Finanzen. Auch für Eine
entstanden weitere Programme zum Empowerment von Welt-Vereine war der Umgang mit digitalen Formaten
Frauen. Ein neues Interaktionskonzept der Stadt soll nun eine Herausforderung. Zu meinen wichtigsten Beratungs-
alle Akteure, von Polizei über Kirche und Zivilgesell- feldern gehörten deshalb u.a. die digitale Qualifizierung,
schaft vor Ort, miteinbinden. Fördermöglichkeiten, Stärkung der Vereinsstrukturen,
Ein anderes wichtiges Arbeitsfeld ist die internationale Netzwerkbildung, Werbung neuer Mitglieder und die ent-
und entwicklungspolitische Bildungsarbeit, um Perspek- wicklungspolitische Bildungsarbeit. Ich stellte fest, dass
tivenwechsel zu ermöglichen, z. B. im Rahmen von Work- die mehrheitsgesellschaftlichen Eine Welt-Vereine nicht
Nr. 90 3Dr. Rajya Farina
Karumanchi- Görmar
Dörsam "Die Verwirklichung der
Nachhaltigkeitsziele betrifft
"Glaubwürdigkeit ist ein nicht nur den Globalen Sü-
Thema bei einer Laufzeit den, sondern auch uns hier
des Programms von nur in der Region Stuttgart. Da-
einem Jahr. Um Beratungen für müssen alle Menschen
durchzuführen, muss man partizipieren können."
Vertrauen schaffen. Das
braucht Zeit."
immer bereit sind, sich interkulturell zu öffnen. Sie dazu Die Verwirklichung der Nachhaltigkeitsziele betrifft
zu bringen, migrantische Expertise wahrzunehmen und nicht nur den Globalen Süden, sondern auch uns hier
miteinzubeziehen, braucht viel Überzeugungsarbeit, be- in der Region Stuttgart. Für die Gestaltung einer viel-
sonders wenn Sie noch im „Wir-retten-die-Dritte-Welt“ fältigen und friedlichen Zukunft ist es wichtig, dass alle
Modus sind. Oder wenn sie trotz einer Partnerschaft mit Menschen gesellschaftlich partizipieren können, Chan-
einem Land des Globalen Südens behaupten, dass „un- cengleichheit gewährleistet ist und Machtdifferenzen ab-
ser Verein nichts mit Integration/Migration zu tun“ hat. gebaut werden.
Wichtig ist, auf die Sprache und Wortwahl zu achten,
wenn man die verschiedenen Zielgruppen erreichen will. Als IKP möchte ich deshalb transkulturelle Bürgerbetei-
ligung fördern und gemeinsam mit Verantwortlichen und
Auch Glaubwürdigkeit ist ein Thema bei einer Laufzeit Akteuren neue Ideen entwickeln, um Partizipationsmög-
des Programms von nur einem Jahr. Um Beratungen lichkeiten auszubauen, und eine gesellschaftliche Spal-
durchzuführen, muss man Vertrauen schaffen. Das tung in „Wir“ und „die Anderen“ in der Region Stuttgart
braucht Zeit und viele Gespräche. Meine Stelle reicht zu verhindern. Es ist dabei wichtig, MDO als zivilgesell-
nicht, um den Beratungs-Bedarf aller Akteure zu stem- schaftliche Akteure mitzudenken, ihre Expertisen ein-
men. zubeziehen sowie die Öffentlichkeit für Fluchtursachen,
globale Zusammenhänge und soziale Gerechtigkeit zu
Der neue Koalitionsvertrag enthält Punkte, die die För- sensibilisieren. Gerade junge Migranten sollten unter-
derung von migrantischen Vereinen und migrantischer stützt werden, damit sie ihre Vorstellungen, insbesondere
Partizipation betreffen und es ist gewinnbringend, bei im Bereich Nachhaltigkeit, adressieren können.
den verschiedenen Zielgruppen darauf hinzuweisen. Die ersten sechs Monate als IKP zeigten, dass unse-
Viele Akteure, besonders migrantische Organisationen, re Aufgabe als beratende Schnittstelle zwischen MDO,
freuen sich, dass die Entwicklungs- und Integrationspoli- Politik, Verwaltung, Eine Welt-Akteuren, Geflüchteten-
tik einen sichtbaren Platz in der Landespolitik einnimmt. Unterstützung und Zivilgesellschaft gut angenommen
wird. Es gab viele Vernetzungs- und Beratungsanfragen
Dr. Rajya Karumanchi-Dörsam, Interkulturelle Promotorin, zu Themen der Interkulturellen Öffnung, Vermittlung
Regierungsbezirk Karlsruhe. migrantisch-diasporischer Expertisen und gemeinsamer
Trägerverein: SIMAMA - STEH AUF e. V.
Ausgestaltung nachhaltiger, entwicklungspolitischer
Themen-Veranstaltungen.
Nur gemeinsam schaffen Besonders gefreut hat mich das große Interesse von Kom-
munen, Bildungsakteuren und Schulen sowie die Of-
wir eine zukunftsfähige Welt fenheit der verschiedenen Zielgruppen voneinander zu
lernen und gemeinsam nachhaltige, chancengerechte Le-
bensräume zu gestalten. Die globale Situation erfordert
Der Start meiner Arbeit war Pandemie bedingt heraus-
gemeinsames Handeln, über soziokulturelle, politische
fordernd, aber ein wichtiger Meilenstein, denn migran-
und religiöse Grenzen hinweg. Nur gemeinsam können
tisch-diasporische Organisationen (MDO), Geflüchtete
wir uns stark machen für eine bessere und gerechtere Zu-
und Migranten sind besonders stark betroffen von den
kunft unseres Planeten
sozioökonomischen und sozialen Auswirkungen der Co-
ronakrise. Die Nachfrage nach Beratung war gleich zu Farina Görmar, Interkulturelle Promotorin für die Region
Beginn meiner Arbeit groß und stieg zunehmend an. Stuttgart. Trägerverein: Afrokids International e.V.
4 Nr. 90Ivonne Alex M.
Cadavid Moepedi
"Ich konnte erleben, "Migrantisch-diasporische
wie migrantische Organisationen sind die
Akteure ihre Expertise wichtigsten Akteure unserer
bei Projekten anderer Gesellschaft, um den Globa-
Organisationen einbrin- len Süden und den Globalen
gen, aber auch, wie Eine- Norden zu verbinden."
Welt-Bündnisse diese
Expertise annehmen und
damit wachsen."
Mein Anliegen: gerne einbringe, denn es fühlt sich nach einer sehr ge-
winnbringenden Tätigkeit für die Sichtbarkeit, Teilhabe
Vernetzt euch! und den Strukturenaufbau vieler Akteure sowie migran-
tisch-diasporischer Gruppen an. Wir als Gesellschaft
können hieran nur wachsen. Ganz nach dem Motto: „Al-
Im Regierungsbezirk Tübingen, in dem ich als Interkul- leine ist man schneller, gemeinsam kommt man weiter.“
turelle Promotorin (IKP) tätig bin, gibt es viele interes-
sante Projekte, Bündnisse und Initiativen, die schon gut Ivonne Cadavid, Interkulturelle Promotorin im
etabliert sind oder gerade neu entstehen. Als IKP gehört Regierungsbezirk Tübingen. Trägerverein: Telar e.V.
es zu meinen Aufgaben, eine Vernetzung herzustellen. Ich
stand vor der spannenden Frage: Wer soll denn vernetzt
werden – und wieso ist das so relevant?
Wer entwickelt wen?
Wichtig für meine Arbeit sind insbesondere Projekte und
Initiativen aus drei Bereichen: zum einen migrantisch- Seit ich mit Migrantinnen und Migranten sowie Geflüch-
diasporische Organisationen oder migrantische Akteure, teten arbeite, ist mir klar geworden, dass ihre Expertise in
zum anderen jene Initiativen, die im Bereich der Ent- unserer Gesellschaft unterschätzt wird. Ein wichtiger As-
wicklungspolitik sowie der Eine Welt-Arbeit tätig sind pekt meiner Arbeit als IKP ist es, diese Expertise sichtbar
oder tätig werden möchten und nicht zuletzt die Geflüch- zu machen. Wir müssen Migranten bzw. Geflüchtete in
teten-Unterstützung etwa in Form von Asyl- oder Inte- alle Entscheidungsprozesse der Projekte und Initiativen,
grationskreisen. die sie betreffen, einbeziehen! Viele Vorhaben und Initia-
Warum sollen sich diese Bereiche stärker vernetzen? Die tiven sind genau aus diesem Grund nicht erfolgreich: Die
Antwort war schnell gefunden: Projekte und Initiativen eigentlichen Akteure werden nicht eingebunden, sondern
können gegenseitig von den Expertisen und neuen Per- das Projekt wird für sie erledigt.
spektiven profitieren. Bei einer Zusammenarbeit besteht
die Möglichkeit, Synergien zu nutzen. Auch bestehen- Oft höre ich: „Probleme liegen im Süden, Wissen zur Lö-
de Strukturen wie Newsletter und Websites, aber auch sung der Probleme liegt im Norden.“ Doch der Globale
Räumlichkeiten oder Fördergelder können genutzt wer- Norden kennt nicht alle Antworten und Lösungen für
den und somit mehr Sichtbarkeit verleihen. den Globalen Süden. Migrantisch-diasporische Orga-
Es gibt unzählige Beispiele, wie diese Vernetzung und nisationen sind die wichtigsten Akteure unserer Gesell-
Kooperation aussehen kann. Bis jetzt konnte ich erleben, schaft, um den Globalen Süden und den Globalen Norden
wie migrantische Akteure ihre Expertise bei unterschied- zu verbinden. Ich bin in Kontakt mit Kommunen, Eine
lichen Projekten anderer Organisationen einbringen Welt-Vereinen und anderen Initiativen, um Kooperati-
konnten, aber auch, wie Eine Welt-Bündnisse in ihren onen zu ermöglichen. Wichtig finde ich auch, dass wir die
Strukturen Raum schaffen, um diese Expertise anzu- Kultur des Wissenstransfers und des Wissensaustauschs
nehmen und damit zu wachsen. Auch die Geflüchteten- zwischen dem Globalen Süden und dem Globalen Norden
Unterstützung wird durch die Expertise und das Enga- fördern. Eine offene Frage lautet nach wie vor: Wer wird
gement von migrantisch-diasporischen Organisationen entwickelt oder wer entwickelt wen?
beraten und unterstützt.
Alex M. Moepedi, Interkultureller Promotor,
Die Vernetzungsarbeit setzt Beratung und Betreuung vo- Regierungsbezirk Freiburg, Träger: Interkultureller Verein
raus und nimmt viel Zeit in Anspruch. Es ist Zeit, die ich FAIRburg e.V.
Nr. 90 5Was wir euch gerne sagen würden
Wir haben Aha-Momente!
Die einen wünschen sich migrantische Expertise, die
anderen mehr Teilhabe, manche haben nur eine Frage.
Und Sie? Wie konnten die Promotoren Ihnen weiterhelfen?
Dachverband Entwicklungspolitik Menschen vor Ort, die sich enga-
Baden-Württemberg (DEAB) kann gieren für und mit Menschen aus
ich ganz konkret an der Arbeit un- anderen Kulturkreisen, sei es aus
serer Interkulturellen Promotorin entwicklungspolitischer Motivation
festmachen. Mit ihrem Erfahrungs- oder im Engagement für Integrati-
hintergrund als Geflüchtete ist sie on und gegen Rassismus. So wer-
ein lebendiger Teil der Stadtge- den Gemeinsamkeiten sichtbar und
sellschaft, die neue Impulse setzt für die zivilgesellschaftliche Arbeit
für interkulturelles Lernen in den fruchtbar gemacht. Migrantinnen
verschiedensten Kontexten. Das und Migranten werden auf ihrem
Interkulturelle Promotor*innen- Weg zu selbstbewussten Bürgern
Programm ist dafür die Plattform. unterstützt, für ihre Rechte einzu-
Damit wird Engagement sichtbar treten. Zugleich fungieren sie als
gemacht und erfährt Wertschätzung. Brückenbauer ins Ausland.
Menschen vor Ort werden Das Interkulturelle Promotor*innen-
vernetzt und ermutigt Programm öffnet Räume für Neuan- Jutta Niemann, MdL, Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen im Landtag
kömmlinge und Alteingesessene, es Baden-Württemberg, Sprecherin für
Die Stärken des Interkulturellen verbindet und initiiert gemeinsames Energie- und Klimapolitik
Promotor*innen-Programms des Lernen. Es vernetzt ganz konkret
Durch neue Kontakte ker, da brauchen wir die Sichtwei- en Kontakte gibt es viele Aha-Mo-
haben wir Aha-Momente se und Expertise von Menschen aus mente bei unseren Netzwerktreffen,
dem Globalen Süden. Durch die neu- denn der Blick auf bestimmte Dinge
Die Interkulturelle Promotorin (IKP) ist oft überraschend unterschiedlich.
berät uns und begleitet unsere Ar- Die IKP und unsere neuen Netz-
beit. Sie gestaltet Prozesse mit und werkmitglieder erweitern nicht nur
ermöglicht uns, Kontakte zu Grup- unser fachliches Wissen und unseren
pen und Organisationen zu knüpfen, Horizont, es ist auch mehr Dynamik
zu denen wir sonst keinen Zugang in den Treffen vorhanden. Und auch
hätten. In der Vergangenheit ha- auf der persönlichen Ebene fühle ich
ben wir schon mehrfach versucht, mich durch die IKP und die neuen
Menschen aus migrantisch-diaspo- Mitglieder sehr bereichert.
rischen Vereinen zu unseren Treffen
Hanna Smitmans, Geschäftsführung
einzuladen, das hat jedoch nie ge- und Koordination des Vereins
klappt. Wir beschäftigen uns mit den „FAIRstrickt – wer bezahlt den Preis
Themen globaler Gerechtigkeit und der Mode?“
sind eine Gruppe weißer Akademi-
6 Nr. 90Wir fühlen uns als sere Lebensbedingungen zu fordern einer demokratischen Gesellschaft
Migranten gestärkt! und Menschenrechtsverletzungen in diskutieren. Durch die Beratung und
Kolumbien durch die Polizei anzu- Mitwirkung des Interkulturellen
Es gibt unterschiedliche Gründe, klagen. Promotors haben wir neue Wege zur
warum mehr als 20.700 Kolum- Ich gehöre zu einer Gruppe von Ko- Verwirklichung unserer Integration
bianerinnen und Kolumbianer in lumbianerinnen und Kolumbianern gefunden und fühlen uns als Mi-
Deutschland einen Ort gefunden in Freiburg. Hier finden wir Unter- granten im Bereich Bildung, Frieden
haben, ihr Lebensprojekt zu ver- und Demokratie gestärkt.
wirklichen: Sie sind hier für ein Stu-
dium, für bessere Arbeitschancen, Wir danken dem IKP für die Bereit-
aufgrund der Liebe oder wegen po- schaft, uns bei der Bildung und bei
litischem Asyl. Viele kolumbianische der Festigung einer Gruppe kolum-
Migranten spüren immer noch die bianischer Migranten zu begleiten.
physischen und emotionalen Aus- So können wir Projekte für unser
wirkungen, die das Leben in einem Herkunftsland umsetzen und unsere
Land mit sich bringt, das von sozi- Anliegen sichtbarer machen sowie
aler Ungleichheit, Korruption und unseren Beitrag zur Bereicherung
Gewalt geprägt ist. Manche wollen der deutschen Gesellschaft leisten.
mit den in Deutschland gesammel- Wir können die Stimme erheben,
ten Erfahrungen zurückkehren, um um die internationale Gemeinschaft
zur Veränderung Kolumbiens beizu- aufzufordern, ihre Beteiligung an
tragen. Vor zwei Monaten kam es zu den Ursachen von Konflikten auf der
Protesten in Kolumbien gegen eine ganzen Welt anzuerkennen und mög-
Politik, die soziale Ungleichheiten stützung bei Projekten wie dem Lese- liche Lösungen einzuleiten.
vergrößert. Tausende Kolumbianer kreis „Für den Frieden Denken: Bil-
Camila Morales, Mitglied einer
in ganz Deutschland hat dies inspi- dung für Soziales Engagement”, bei Kolumbien-Gruppe in Freiburg
riert, gemeinsam für den nationalen dem wir die Rolle und die Möglich-
Streik zu mobilisieren und u.a. bes- keiten von Bildung für den Aufbau
gramm „Demokratie leben!“. Auf rin hat die Begrüßung, Übersetzung
diese Weise möchte die Stadt einen sowie das Programm gestaltet. Zu-
Beitrag zur Förderung der Demo- dem hat sie einen Vortrag für die
kratie und zur Bekämpfung von Ras- Eltern Schwarzer Kinder gehalten
sismus und Diskriminierung leisten. sowie das Kinderprogramm für die
Wir organisieren Lesungen, Fußball- Schwarzen Kinder konzeptioniert.
turniere, Trommelworkshops oder
auch Podiumsdiskussionen. Dabei Es ist gut, eine fachlich kompetente
kam die Idee auf, auch ein „Treffen Ansprechpartnerin zu haben, die die
Schwarzer Kinder“ anzubieten. Da- erste Organisation solch eines Tref-
für haben wir die für uns zuständige fens eng begleitet. Einen Mehrwert
Interkulturelle Promotorin kontak- für uns haben auch die kostenlosen
tiert. Sie hat uns bei der Organisa- Workshops für verschiedene Ziel-
tion fachlich unterstützt, begleitet gruppen. Die Interkulturelle Promo-
„Treffen Schwarzer und insbesondere den Start des Pro- torin hilft bei der Sensibilisierung
Kinder“ wurde möglich jekts befördert: die Konzeption, das und Reflexion.
erste Treffen sowie den Übergang
In Weinstadt beteiligen wir uns un- in ein regelmäßiges Angebot. Das Stefanie Falk, Integrationsbeauftragte
der Stadt Weinstadt
ter anderem an den Interkulturellen erste Treffen fand am 10. Juli in der
Wochen und auch am Bundespro- Stadtbücherei statt. Die Promoto-
Nr. 90 7Was wir euch gerne sagen würden
Die Nachfrage ist riesig
Seit acht Monaten sind te Öffentlichkeit zur Zielgruppe des Ebenso konnten die Promotoren Ge-
Programms. flüchtete als Multiplikatoren gewin-
die Interkulturellen nen.
Promotoren aktiv. Sind schon Erfolge sichtbar?
Eine Zwischenbilanz Den Promotoren ist es gelungen, in Das Programm begann inmitten der
einigen integrations- und entwick- Pandemie. Das war schwierig?
lungspolitischen Strukturen den Die Corona-Regelungen reduzierten
Mehrwert migrantischer Expertise die Gespräche der fünf Promotoren
und Beteiligung deutlich zu ma- aus den Regierungsbezirken Karls-
chen. Sie stellten Kontakte zu mi- ruhe, Tübingen, Freiburg, Stuttgart
grantischen Gruppen her, die dann und der Region Stuttgart auf den
zu Kooperationspartnern wurden. digitalen Raum. Das war schwierig.
Manche Migrantinnen und Mi- Andererseits ermöglichten Online-
granten wurden sich durch ihre so plattformen, interessierte Gruppen
erlangte Sichtbarkeit ihres politi- und Personen Land- und Stadtkreise
schen Einflusses bewusst. übergreifend und sogar Kontinente
übergreifend zu vernetzen, zu bera-
Warum brauchen wir in Baden- Mit welchen Themen wenden Sie ten und zusammenzubringen.
Württemberg ein Interkulturelles sich an die Gesamtgesellschaft?
Promotor*innen-Programm? Wir möchten die breite Öffentlich- Zur Person: Jenny Mushegera,
Dachverband Entwicklungspolitik
Unter politisch-gesellschaftlichen keit für Themen wie Migration und Baden-Württemberg, DEAB,
Rahmenbedingungen wie der Black Entwicklung, Flucht und Entwick- koordiniert das Interkulturelle
Lives Matter Bewegung, Fridays for lungspolitik, Menschenrechte sowie Promotor*innen-Programm
Future, Agenda 2030 und den gesell- Rassismus und Diskriminierung sen-
schaftlichen Auswirkungen der Co- sibilisieren. Hierfür wurden in den
rona-Pandemie zeigt das Interkul- vergangenen Monaten über 60 Ver-
turelle Promotor*innen-Programm anstaltungen organisiert. Die Digita- Das Interkulturelle
(IKPP) seine Stärken. Es bringt un- lisierung hatte den Vorteil, dass sich
terschiedliche Akteure miteinander Menschen aus verschiedenen Regi-
Promotor*innen-
ins Gespräch, qualifiziert sie weiter onen Baden-Württembergs zu Ver- Programm (IKPP)
und macht die Schnittstelle von In- anstaltungen dazuschalten konnten.
Wer kann sich an die Promotoren wen-
tegrations- und Entwicklungspolitik den? Alle, die sich für globale Verantwor-
deutlich. Tatsächlich war die Nach- Was bieten Sie Asylkreisen? tung und Solidarität engagieren
frage nach Beratung gleich zu Be- Ein Ziel des IKPP ist es, Geflüchte- Tätigkeit der Promotoren: Information,
ginn des Programms riesig. Und nun ten-Unterstützungen, wie beispiels- Beratung, Vernetzung, Qualifizierungen
nimmt sie immer weiter zu. weise Asylkreisen, Zugang zu ent- Ziele des IKPP:
wicklungspolitischen Fortbildungen • Mehr Teilhabe von Migranten durch
Wer gehört zur Zielgruppe? Stärkung ihrer zivilgesellschaftlichen
zu ermöglichen. Hierfür ermitteln
Strukturen
Die Hauptzielgruppe sind migran- wir in Gesprächen mit z. B. Integra- • Mehr Interkulturelle Öffnung von Eine
tisch-diasporische Organisationen. tionsmanagern, Asyl-Arbeitskreisen, Welt-Akteuren in Baden-Württemberg
(MDO). Die fünf Interkulturellen • Geflüchteten-Unterstützungen entwick-
Stabsstellen und dem Flüchtlings-
lungspolitisch weiterqualifizieren
Promotoren haben in den ersten rat Baden-Württemberg e.V. ent- • Die Integrationsbereitschaft der Ge-
sechs Monaten ihrer Arbeit fast 500 wicklungspolitische Themen, die samtgesellschaft erhöhen
MDO in Baden-Württemberg iden- Geflüchteten-Unterstützungen in Struktur: Der Dachverband Entwicklungs-
tifiziert und sie zu Themen wie För- ihrer Arbeit beschäftigen. Folgende politik Baden-Württemberg (DEAB) koordi-
dermöglichkeiten, Digitalisierung, niert das Programm. Es wird durch das
Themen konnten wir u.a. ermitteln:
Ministerium für Soziales, Gesundheit und
Vereinsgründung und Vernetzung Klimawandel, Bildung, Konflikte, Integration aus den Mitteln des Landes
beraten. Ebenso gehören Geflüch- kapitalismuskritische Arbeit, Em- Baden-Württemberg unterstützt.
teten-Unterstützungen, Politik und powerment, friedliches Zusammen- Kontakt und Information: www.deab.de
Verwaltung und natürlich die brei- leben, Gender-basierte Mehrbedarfe.
8 Nr. 90Unsere Buchtipps
Lesen eröffnet neue Perspektiven.
Und diese Autorinnen weiten Ihren Blick. Garantiert!
n J .
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Ro elo
iA ng
D
Die Soziologin forscht seit vielen Jahren zum
Thema Rassismus. 2011 prägte sie den Be-
griff „White fragility“. Dieser bezeichnet die
abwehrende Reaktion vieler Weißer, wenn sie
mit dem Rassismus konfrontiert werden, der
von ihnen ausgeht. Nun wurde ihr Buch ins
Deutsche übersetzt. Es hilft dabei, den eige-
nen Rassismus zu überwinden.
ita
Robin J. DiAngelo: Wir müssen über
Lup ‘o Alice
Rassismus sprechen. A. d. Englischen von
Ulrike Bischoff, Hoffmann und Campe.
g rs
Ab 5. Oktober 2021 als Taschenbuch
Nyon Haste
Lupita Nyong‘o ist eine kenianisch-mexika- Alice Hasters, geboren in Köln, ist eine
nische Schauspielerin und Autorin. Im Mit- studierte Journalistin. Schon in der Schule
telpunkt ihres Bilderbuchs steht die kleine musste sie sich mit alltäglichem Rassismus
Sulwe, die sich nichts sehnlicher wünscht auseinandersetzen. In ihrem Buch beschreibt
als eine hellere Haut zu haben. So lange, bis sie, wie Rassismus ihren Alltag als Schwarze
sie eine Reise durch die Nacht und zu sich Frau bestimmt. Und sie macht klar, dass jede
selbst antritt. Das Buch gewann mehrere Person Rassismus nur überwinden kann,
Preise. wenn sie sich damit in einem oft schmerz-
haften Prozess auseinandersetzt.
Lupita Nyong‘o: Sulwe. A. d. Englischen
von Maureen Maisha Auma, Mentor Verlag, Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht
2021. Empfohlen für Kinder ab 4 Jahren. über Rassismus hören wollen aber wissen
sollten. hanserblau, 2019
rn ardine
Be aristo Stefanie-Lahya
Ev Aukongo
Die Professorin für Kreatives Schreiben an
der Brunel University London wurde für ih- Schon als Kind führt die Autorin ein Leben
ren Roman "Mädchen, Frau etc." als erste zwischen den Kulturen voller Gefahren und
Schwarze Schriftstellerin mit dem Booker mit vielen Verletzungen. Bekannt wurde sie
Prize 2019 ausgezeichnet. In ihrem Buch be- durch ihre Autobiografie "Kalungas Kind“. In
schreibt sie Geschichten Schwarzer Frauen ihrem Buch "Buchstabengefühle" schreibt
über ein Jahrhundert hinweg. Ein leiden- sie Poesie voll Liebe und Protest.
schaftlicher, berührender und humorvoller
Roman. Stefanie-Lahya Aukongo,
Buchstabengefühle. w-orten& meer, 2018
Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc.
A. d. Engl. von Tanja Handels, Tropen, 2021
Nr. 90 9Was wir euch gerne sagen würden
Das geht gar nicht!
Über Rassismus, über uns und wie wir
alle gut zusammenleben könnten Du sprichst aber gut Deutsch!
Du bist Deutsche?!
Viele fragen sich, warum sie Wörter und Begriffe, die sie
schon immer verwendet haben, nun nicht mehr benutzen
sollen.
Viele fühlen sich befangen, weil sie ihre Äußerungen kon-
trollieren müssen.
Viele sind gestresst von so vielen neuen Formulierungen
zum Thema Rassismus, von so vielen Einschränkungen
in der Sprache und Interaktion zu anderen. Hilfe, unsere „Sie ist Schwarz, aber sie spricht super Deutsch!“ Auch
Meinungsfreiheit ist in Gefahr! eine solche Aussage ist kritisch zu betrachten, denn es
Das ist wirklich zu viel, das geht gar nicht! Oder doch? gibt Deutsche, die sich als Afrodeutsche bezeichnen und
in Deutschland leben, und zwar seit Generationen. Sie
Vielleicht wäre es gut, Menschen zuzuhören, die gezwun- sprechen einfach Deutsch als Muttersprache, wie ande-
gen sind, Zuschreibungen durch andere zu ertragen. Viel- re weiße Menschen, die z. B. aus Polen oder Frankreich
leicht wäre es auch gut, einen Blick auf die Privilegien vor langem nach Deutschland immigriert sind. Darüber
zu werfen, die uns erlauben, andere zu benennen und zu hinaus gibt es in Deutschland viele weiße Menschen, die
entscheiden, wie sie genannt werden sollen. Deutsch nicht als Muttersprache sprechen, ebenso wie
viele Schwarze Menschen, die hier geboren sind. Also, ist
Nur weil eine Handlung in der Vergangenheit normal es wirklich ein Kompliment, wenn Sie einer Schwarzen
war, heißt das nicht, dass sie richtig war und Menschen- Person sagen, dass sie gut Deutsch spricht? Empfinden
rechte geachtet wurden. Die Normalität, die die Mehrheit Sie es als etwas Besonderes, wenn eine Schwarze Person
für sich selbst definiert, ist nicht immer mit einem Kon- ihre Arbeit gut macht? Benutzen Sie als Kollege, Kunde
text der Menschenrechte, sondern mit einem Kontext der oder gar Führungskraft solche Aussagen? Ganz einfach,
Privilegien verknüpft. Und das geht gar nicht! es ist rassistisch! Und das geht auch nicht!
Es wird sehr viel über rassistische Polizeigewalt in den Und das geht, klar! Beim Thema Rassismus geht es nicht
USA gesprochen. Aber es ist auch Zeit, über Rassismus nur um Menschenfeindlichkeit, Stereotypisierung und
in Deutschland zu sprechen – nicht nur in Bezug auf die Vorurteile im Alltag, sondern auch um den damit verbun-
Polizei, sondern auch auf Behörden, Universitäten, Un- denen Anspruch auf Selbstbestimmung und Souveränität
ternehmen etc. Rassismus ist strukturell und in vielen Be- auf struktureller Ebene. Kritische Perspektiven auf Ras-
reichen in Deutschland verankert. sismus und Dekolonisierungsprozesse können daher nur
wirksam sein, wenn die Bemühungen auf der individu-
Mai 2020: In einem auf Instagram verbreiteten VW-Wer- ellen Ebene von Bemühungen auf der strukturellen Ebe-
bespot war eine überdimensionale weiße Hand zu sehen, ne begleitet werden und umgekehrt. Nur so können wir
die einen Schwarzen Menschen herumschubst und in den das koloniale Erbe und die damit verbundenen Struk-
Eingang eines Gebäudes schnippt, über dessen Tür „Petit turen der Ungleichheit aufbrechen.
Colon“ (übersetzt „Kleiner Siedler“) steht. Gegen Ende
erschien eine Buchstabenfolge, deren Einblendung das Wir haben durch unser Sozial- und Bildungssystem so
N-Wort nahelegt. Wie nehmen Unternehmen die Belei- viel rassistisches Verhalten verinnerlicht, dass es wichtig
digung Schwarzer Menschen in ihrer Organisation wahr, ist, die heutigen und künftigen Generationen vor solchen
wenn sie sich solche Werbungen leisten? Wenn Rassismus Menschenrechtsverletzungen zu schützen. Dafür sollten
so verharmlost und die gewaltvolle koloniale Geschich- wir uns mit der kolonialen und gewaltvollen Geschichte
te dahinter als Werbespot verwendet wird, dann dürfen Deutschlands bzw. Europas auseinandersetzen. Die Bil-
Schwarze Menschen in vielen Unternehmen noch immer dungsmaterialien müssen hinterfragt und das Personal
nicht frei atmen. Und das geht auch nicht! geschult werden. Schulen sind ein Produkt der Gesell-
10 Nr. 90Dein Name ist so kompliziert,
darf ich dich Sarah nennen?
Das ist zu teuer für Sie!
Du bist ja gar nicht richtig schwarz
Kannst du deine
Für eine Muslima
Haare waschen?
siehst du aber
nice aus.
schaft genauso wie die Polizei und Mitarbeitende wei-
terer Institutionen, wo rassistische Haltungen verankert
Stellen wir uns dann unser gemeinsames Leben als eine
sind. Bestimmte Haltungen und Vorstellungen, bestimmte
Straße mit Kreuzungen und Ampeln vor. Wir benutzen
Narrative sind nicht mehr akzeptabel; sie waren es auch
verschiedene Verkehrsmittel, aber wir müssen die glei-
nie, wir wussten es nur nicht. Jetzt wissen wir es!
chen Verkehrsregeln beachten, damit wir selbst und alle
Damit wir vorankommen, müssen wir den Menschen die
anderen sicher nach Hause kommen. Vielleicht brauchen
Möglichkeit geben, ihre Werte neu zu definieren. Das be-
wir einen Führerschein des Zusammenlebens? Stellen
deutet, dass die Arbeit auf allen Ebenen geleistet werden
wir uns also eine Welt vor, in der wir eigenverantwort-
muss. Wir haben die Pflicht, das Problem an der Basis zu
lich bestimmte Regeln einhalten, um niemanden zu ge-
beheben. Es kann nicht hingenommen werden, dass der
fährden. Das liegt in unserer Verantwortung und es fühlt
Lehrplan so voll ist, dass grundlegende Menschenrechts-
sich gut an, wenn alle gesund und unfallfrei nach Hause
themen keinen Platz mehr haben. Wenn wir die Realität
kommen. Und das geht auch, klar!
des Rassismus unterdrücken, wird uns die Geschichte
einholen, und zwar schneller als wir denken. Das können Nicole Amoussou, Eine Welt-Fachpromotorin Migrantische
wir verhindern! Und das geht, klar! Partizipation und Postkolonialismus
Kein besonderer Tag wird niemand von Ihnen erwarten, dies unentgeltlich zu tun,
weil es „für Sie doch toll sei, dabei gewesen zu sein“. Nie-
Wenn Sie der weißen Mehrheitsgesellschaft angehören, mand ist überrascht, dass Sie einen fachlich guten Beitrag
werden Sie folgendes Scenario als „normal“ wahrnehmen: leisten „obwohl Sie weiß sind“.
Wenn Sie Ihr Frühstück auf dem Weg zur Arbeit beim Bäcker Sollten Ihre Kinder in der Schule Schwierigkeiten haben,
kaufen, werden Sie weder vom Personal noch von Kunden wird niemand dies darauf zurückführen, dass Sie aufgrund
erstaunt angeschaut, niemand wird Sie für Ihr gutes Schwä- Ihrer schwäbischen Herkunft nicht in der Lage sind, Ihrem
bisch loben oder nach Ihrer Herkunft fragen. Kind Tagesstruktur zu vermitteln. Als Eltern werden Sie bei
Schulfesten nicht nur angefragt, um Kulinarisches aus Ih-
Kommen Sie auf der Fahrt ins Büro in eine Verkehrskontrol- rem Herkunftsland beizusteuern.
le, können Sie sicher sein, dass es sich um eine Routine-
kontrolle handelt. Die Polizei wird nicht vermuten, dass Ihr Beim Abendspaziergang in den Weinbergen wird Sie nie-
Ausweis gefälscht ist. mand anhalten, um zu fragen „woher Sie kommen und wann
Sie wieder dorthin zurückgehen“. Niemand wird Ihr Haar
Sollten Sie in Ihrer Mittagspause essen gehen, wird Ihnen ungefragt berühren oder fragen, ob Sie es waschen kön-
beim Betreten des Restaurants niemand suggerieren, dass nen. Niemand wird Ihnen zunahetreten, im Irrglauben, dass
das Angebot „Ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigt“. „alle weißen Menschen sexuell besonders aufgeschlossen“
Werden Sie, zurück bei der Arbeit, als Referent angefragt, seien. (F.G.)
Nr. 90 11Was wir euch gerne sagen würden
Eine Welt der Vielen
Diversität und Inklusion sind Grundlagen wir wahrgenommen werden oder welche gesellschaft-
liche Position wir haben. Diversität bedeutet daher, die
einer zukunftsfähigen Eine Welt-Arbeit. Unterschiedlichkeit (Differenz) wahrzunehmen und an-
Doch wie können sie erreicht werden? zuerkennen und, von den unterschiedlichen Positionen
und Zugängen ausgehend, die Selbstverwirklichung und
gesellschaftliche Teilhabe jedes Individuums zu ermög-
lichen. Deshalb verfolgen Diversität und Inklusion als
Deutschland ist eine Migrationsgesellschaft und Vielfalt
Konzept das Ziel, Menschen unabhängig von Herkunft,
ihre Realität. Und doch spiegelt sich diese gesellschaft-
Geschlecht, sexueller Orientierung, Religionszugehörig-
liche Vielfalt in unseren Verwaltungen, Organisationen
keit, Lebensalter, psychischen/physischen Fähigkeiten
und Strukturen noch nicht wider. Gesellschaftliche Bar-
oder dem sozialen Status als vielfältige Menschen wert-
rieren und Machtverhältnisse in staatlichen wie auch zi-
zuschätzen. Mehr noch, Diversität geht davon aus, dass
vilgesellschaftlichen Organisationen tragen immer noch
nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten
dazu bei, dass Menschen aufgrund zugeschriebener oder
die Grundlage für ein solidarisches Miteinander bilden
tatsächlicher Zugehörigkeit(en) ungleich behandelt wer-
können. Denn Menschen können verschiedene Herkunfts-
den und sie durch strukturelle Diskriminierung ihre viel-
geschichten oder Weltanschauungen haben, aber sie kön-
fältigen Potenziale nicht entfalten oder nicht aktiv an
nen auch im gleichen Alter sein, dem gleichen Geschlecht
unserer Gesellschaft teilhaben können. Gerade Diversität
angehören oder ähnliche politische Interessen teilen. Die
als ganzheitliches Konzept und die diversitätsorientierte
Gleichzeitigkeit von Unterschieden und Gemeinsam-
Öffnung von Strukturen und Organisationen können
keiten ist als Bereicherung für alle zu verstehen: Wenn
dazu beitragen, Herrschaftsverhältnisse zu reflektieren,
Räume für die Artikulation und Repräsentation von Be-
soziale Barrieren abzubauen und aktiv gegen Diskrimi-
dürfnissen und Interessen unterschiedlicher Menschen(-
nierung und Ausgrenzung vorzugehen.
gruppen) geschaffen und ihre Potenziale, Kompetenzen
und Perspektiven gewinnbringend einbezogen werden,
Definition: Diversität und Inklusion gestalten sich demokratische Prozesse und gesellschaft-
liches Zusammenleben frei, selbstbestimmt, vielfältig
und konstruktiv. Um Diversität umzusetzen, müssen
Diversität beschreibt zunächst einmal nichts anderes als
Räume inklusiv gestaltet sein, gewachsene Machtstruk-
Vielfalt – wir alle sind vielfältige Menschen. Auch unsere
turen reflektiert werden und Organisationen im Sinne
sozialen Zugehörigkeiten setzen sich aus den unterschied-
einer diversitätsorientierten Öffnung bzw. Diversitätsori-
lichsten Versatzstücken zusammen. (Soziale) Inklusion
entierung transformiert werden.
ist dagegen ein Begriff, der seinen Ursprung in der päda-
gogischen Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung hat
Das klassische Konzept von "Diversity Management"
und in einem erweiterten Sinne auf alle marginalisierten
geht im Sinne wirtschaftlicher Attraktivität eines Un-
Menschen übertragen werden kann. Er impliziert kon-
ternehmens von sechs Kerndimensionen aus (Alter, Ge-
krete Handlungsziele und Handlungsstrategien und zielt
schlecht, Behinderung, Ethnizität/Herkunft, Religion/
auf die gleichberechtigte Partizipation von Menschen, die
Weltanschauung und sexuelle Orientierung). Die soge-
Ausschlüsse auf verschiedenen Ebenen erfahren. Diver-
nannte „interkulturelle Öffnung“ geht nur von einer die-
sität und Inklusion sind, wenn man so will, zwei Seiten
ser Dimensionen (Ethnizität/Herkunft) aus. Gesellschaft-
einer Medaille – und diese nennt sich Gleichstellung.
liche Vielfalt wird dabei auf angenommene kulturelle
Unterschiede reduziert, Menschen zu „Anderen“ gemacht
Unterschiede anerkennen, und Praktiken des Ausschlusses weiter verstärkt. Diver-
Gemeinsamkeiten entdecken! sitätsorientierung geht dagegen von einem umfassende-
ren Verständnis von Vielfalt aus und berücksichtigt, dass
Ein vielfältiges Team besteht nicht nur aus Menschen mit die vielschichtigen Ausschlussmechanismen miteinander
unterschiedlichen Stärken und Interessen, sondern auch verbunden sind und sich gegenseitig bedingen. Die Dis-
aus Menschen, die in unserer Gesellschaft unterschied- kriminierungsdimensionen werden dabei nicht hierar-
lich markiert sind. Einzelne (sichtbare) Merkmale werden chisiert oder gegeneinander ausgespielt (Welche Gruppe
ungleich bewertet und stehen in hierarchischen Bezie- wird „stärker“ ausgegrenzt?), sondern in ihrem Zusam-
hungen zueinander. Das hat Auswirkungen darauf, wie menspiel erfasst und die Transformation von Organisa-
12 Nr. 90tionen und Strukturen als Entwicklungsprozess in den Jeasuthan Nageswaran, Bundeskoordinator für „Mi-
Blick gerückt (Wie können wir Ausschlüsse intersektio- gration, Diaspora & Entwicklung“ bei der Arbeitsge-
nal verstehen und gemeinsam dagegen vorgehen?). Diver- meinschaft der Eine Welt-Landesnetzwerke. Er vernetzt
sitätsorientierung ist ein Prozess, den wir alle gemeinsam und koordiniert Akteure im Kontext des Eine Welt-
mitgestalten können. Dafür muss sich eine Organisation Promotor*innen-Programms und berät Organisationen
bewusst für einen diversitätsorientierten (Weiter-)Ent- und Teams zu rassismuskritischen und diversitätsorien-
wicklungsprozess entscheiden und mit allen Beteiligten tierten Veränderungsprozessen.
ein gemeinsames Verständnis und eine Gesamtstrate-
gie von Diversität und Antidiskriminierung entwickeln.
Ist dieser Schritt getan, kann eine fachliche Instanz, die
den Prozess begleitet, auf Grundlage ihrer (Diskriminie- Selbsttest für
rungs-)Erfahrungen und ihres Wissens entsprechende
Maßnahmen gegen Diskriminierung einleiten und pas-
(Eine Welt-) Organisationen
sende Interventions-Tools bereitstellen. Eine wichtige
Grundlage, um Ausschlussmechanismen zu erkennen und Ihre Organisation hat eine Gesamtstrategie für
proaktiv gegen strukturelle Diskriminierung vorzugehen, mehr Diversität und Antidiskriminierung.
ist die Erfassung von Daten zur Gleichstellung und An-
tidiskriminierung. Kommen die genannten Ausgangsbe- Es gibt eine Instanz, die bei Diskriminierung
dingungen zusammen, kann die Diversitätsorientierung Maßnahmen/Erfahrungen bereitstellen kann.
dazu dienen, gesellschaftliche Vielfalt in Organisationen
und Strukturen abzubilden und Unterschiedlichkeit wie Ihre Einrichtung erfasst Daten zu
auch Gleichberechtigung gleichsam zu ermöglichen und Antidiskriminierung und Gleichstellung.
so Diversitätskompetenzen nachhaltig aufzubauen.
Führungskräfte werden regelmäßig zu
Vielfaltskompetenzen geschult.
Eine Welt der Vielen – Vision für die
Es werden regelmäßige Qualifikationen für
Eine Welt-Arbeit Mitarbeitende zum Thema Diversität angeboten.
"Eine Welt der Vielen" ist eine Vision für die Eine Welt- Ihre Organisation setzt eine
Arbeit wie auch für die Entwicklungspolitik insgesamt, in diskriminierungssensible Öffentlichkeitsarbeit um.
der wir die Diversitätsorientierung und gesellschaftliche
Es werden anonymisierte Bewerbungsverfahren
Vielfalt als Stärke und Potenzial umsetzen. Dies konkre-
eingesetzt.
tisiert sich bei der Besetzung von Stellen, der Zusammen-
setzung von Entscheidungsgremien wie auch darin, dass Marginalisierte Gruppen werden bei gleicher
wir in der inhaltlichen Ausgestaltung entwicklungspo- Qualifikation bevorzugt berücksichtigt.
litischer Bildungsarbeit und dem Selbstverständnis von
Deutschland als (Post-)Migrationsgesellschaft Diversität Arbeitsorte/Räumlichkeiten sind inklusiv,
und Inklusion stets mitdenken und aktiv leben! Vielfalt barrierearm und gendergerecht ausgestattet.
als Realität in allen (sozialen) Ebenen abzubilden, wirkt
gleichsam Projektionen und projektiven Ideologien ent- Es gibt Kooperationen zu marginalisierten
Netzwerken und Selbstorganisationen.
gegen und ist insgesamt als gesellschaftlicher Gegenent-
wurf zu Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung
zu verstehen. In Zeiten erstarkenden Nationalismus, Ras-
Treffen mehr als die Hälfte der 10 Punkte auf Ihre
sismus und der voranschreitenden Spaltung unserer Mi- Organisation zu, dann haben Sie sich auf den Weg
grationsgesellschaft brauchen wir positive Gesellschafts- gemacht, eine machtkritische, diskriminierungssensible
modelle dringender denn je. Gerade die Eine Welt-Arbeit und diversitätsorientierte Organisation zu werden oder
kann einen Beitrag dazu leisten und aufzeigen, dass zivil- Sie sind es bereits. In allen anderen Fällen: Lassen Sie
gesellschaftliches, entwicklungspolitisches Engagement uns heute damit beginnen!
schon immer Einsatz für eine offene, vielfältige und in-
klusive Gesellschaft bedeutet.
Nr. 90 13Was wir euch gerne sagen würden
Wie sage ich es richtig?
Viele Begriffe sind unklar oder werden Alternativen: Menschen aus Einwandererfamilien oder
Menschen mit internationaler Geschichte.
falsch gebraucht. Ein Glossar hilft weiter
Schwarze
Migranten „Wenn es um Rassismus, unterschiedliche Erfahrungen
werden vom Statistischen Bundesamt als Menschen defi- und Sozialisationen geht, ist der politisch korrekte Be-
niert, die nicht auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepu- griff Schwarze. In allen anderen Fällen gibt es aber mei-
blik, sondern im Ausland geboren sind. Rund die Hälfte stens gar keinen Grund, dazu zu sagen, ob eine Person
davon sind Deutsche, die andere Hälfte hat eine auslän- Schwarz oder weiß ist.“ (zitiert von www.derbraunemob.
dische Staatsangehörigkeit. Im Diskurs wird dieser Be- info). Farbige / farbig ist ein kolonialistischer Begriff und
griff häufig irrtümlich als Synonym für Menschen mit negativ konnotiert. Eine Alternative sind die Selbstbe-
Migrationshintergrund verwendet. zeichnungen People of Color (PoC, Singular: Person of
Color), Black and People of Color (BPoC) oder Black and
Menschen mit Migrationshintergrund Indigenous People of Color (BIPoC).
sind nach statistischer Definition
• in Deutschland lebende Ausländerinnen und Ausländer Mischehe
• eingebürgerte Deutsche, die nach 1949 in die Bundesre- beruht als Begriff auf der Rassentheorie und wurde vor
publik eingewandert sind allem im Zuge der „Rassenhygiene“ zur Zeit des Natio-
• sowie in Deutschland geborene Kinder mit deutschem nalsozialismus verwendet. Gute Alternativen sind binati-
Pass, bei denen sich der Migrationshintergrund von min- onale, bikulturelle oder ggf. interreligiöse Ehe.
destens einem Elternteil ableitet.
Zunächst wurde »Personen mit Migrationshintergrund« Wir
in der Verwaltungs- und Wissenschaftssprache verwen- kann missverständlich wirken, wenn beispielsweise von
det. Doch als durch Einbürgerungen und das neue Staats- »wir Deutschen« die Rede ist, aber nur Deutsche ohne
angehörigkeitsrecht von 2000 der Begriff Ausländer nicht Migrationshintergrund gemeint sind. Als Alternative
mehr zutraf, um Einwanderer und ihre Nachkommen kann Herkunftsdeutsche passender sein.
zu beschreiben, ging die Formulierung auch in die Um-
gangssprache ein. Heute wird der Begriff oft als stigma- Diese und weitere Definitionen sind zu finden im
tisierend empfunden, weil damit mittlerweile vor allem Glossar der Neuen deutschen
Medienmacher*innen
(muslimische) »Problemgruppen« assoziiert werden. Gute (www.glossar.neuemedienmacher.de)
Die Interkulturellen Promotoren mit Kontaktdaten
Wir sind für Ihre Fragen da:
Regierungsbezirk Stuttgart Regierungsbezirk Karlsruhe
Regierungsbezirk Tübingen Hala Elamin Dr. Rajya Karumanchi-Dörsam
Ivonne Cadavid Telefon: 07 91.9 70 66-31 Handy: 0 15 90.6 75 27 95
Handy: 01 57.80 78 14 13 Handy: 01 52 .05 91 32 67 rajya.ikp@simama-stehauf.de
ivonne.cadavid@telar-ev.org elamin@afroprojects.org
Regierungsbezirk Freiburg
Region Stuttgart Alex M. Moepedi
Farina Görmar Handy: 01 76.72 97 62 52
Telefon: 07 151.1 33 10 70 E-Mail: alex.moepedi@fairburg.de
Handy: 0 15 21.2 96 86 49
ik.promotorin@afrokids-international.org Informationen: www.deab.de
14 Nr. 90Rezept
Wir lieben es schar f: Aguachile
Mauricio Salazar ist ein kluger Menschenrechts-Experte erst Salz, dann Limettensaft dazu geben, Fisch etwa 20
und ein begnadeter Hobbykoch. Freunde, Nachbarn, Minuten kühl stellen.
Kollegen und Studierende aus allen Ländern scharen sich Zwiebeln und Gurken in Halbringe schneiden, Tomaten
gerne um seinen Tisch. Lebhafte Diskussionen werden würfeln. Sobald der Fisch eine feste Konsistenz hat und
bei seinen Speisen geführt und so manches Herzensleid mit Zitronensäure vollgesaugt ist: verbleibenden Limetten-
gemildert – Effekte, die der engagierte Studienleiter gern saft mit Chili-Schoten, einer halben Gurke und Koriander
auf die Schärfe seines Essens und seine geliebten Chilis im Mixer mixen. Die Mischung zu den Gurken, Zwiebeln
zurückführt. Nun nimmt Salazar eine neue Herausforde- und Fisch geben, gut vermischen. Am Schluss mit Korian-
rung in seiner Heimat Mexiko an. Zum Abschied schenkt derblättern und dünnen Chili-Rädchen dekorieren.
er uns eines seiner Rezepte und rührt uns damit wieder
einmal zu Tränen: Aguachile mit Fisch oder Pilzen. Vegane Pilz-Variante: statt Fisch 500 g Pilze (Austernpilze
und Champignons) trocken mit einer Bürste oder Serviet-
Zutaten*: 500 g Fisch (Sushi-Qualität), 8 Limetten, te putzen, in Streifen schneiden und in der Pfanne ohne
2 rote Zwiebeln, 2 Tomaten, 2 Gurken, 4 grüne Fett kurz rösten (mittlere Temperatur), dabei rühren, bis
Chili-Schoten (sehr scharf! Wer es weniger scharf mag, sie braun sind. Dann in eine Schüssel geben. 4 Limetten
nimmt nur 1 Chili-Schote ohne Kerne), 1 Bund Koriander (statt 8 wie beim Fisch) pressen, Saft zu den Pilzen geben
oder Petersilie, 10 Tortillas / Tostadas, Meersalz, und 20 Minuten ruhen lassen. Danach den gleichen
1 EL Olivenöl (Extra Vergine) Schritten wie beim Fischrezept folgen.
*möglichst in öko-fairer Qualität
Servieren mit „Tostadas“ (Mais-Tortillas), die auf dem
Zubereitung: Limetten auspressen (ohne weiße Innen- Blech für 10 – 15 Minuten bei 180 Grad gebacken werden.
haut, die bitter schmeckt). Fisch in Würfel schneiden, Alternativ: Tortilla-Chips oder Dinkelbaguette.
Nr. 90 15Asylpolitik
Unser moralisches Angebot
Immer mehr Kommunen Größe unserer Stadt liegt. Wir stre- fahren muss nicht auf Lesbos statt-
ben eine Kooperation mit Bund und finden, die Lasten könnten auf die
erklären sich zu Sicheren Land, Innenministerium, Polizei Länder verteilt werden.
Häfen. Sie bieten der Poli- und Verfassungsämtern an, damit
tik ihre Hilfe an, doch die höchstmögliche Sicherheit vorhan- In Palermo wurde im Juni 2021 von
den ist und wir keine Terrorverdäch- 33 Bürgermeistern die Internationa-
duckt sich weg. Und nun? tigen holen. Die Veränderung wäre, le Allianz der Städte Sicherer Häfen
dass die Politik das Angebot der gegründet. Was erhoffen Sie sich da-
Kommunen annimmt! von?
Die Bundesregierung wird nicht
Warum engagieren Sie sich so stark? müde darauf zu verweisen, dass wir
Viele Menschen haben eine lange eine europäische Lösung brauchen.
Fluchtgeschichte im eigenen Kon- Doch zu warten bis alle EU-Länder,
tinent. Wir möchten, dass sie eine insbesondere die osteuropäischen,
sichere Ankunft am Endpunkt der überzeugt sind, dauert zu lange.
Flucht haben und ein Asylverfah- Wenn zehn oder zwölf EU-Staaten
ren bekommen, das alle Ansprü- gemeinsame Sache machen würden,
che erfüllt. Natürlich muss es eine fiele es den anderen schwer, sich zu
Herr Neher, Rottenburg erklärt sich Rückführung geben, wenn das Asyl- entziehen. Mit der Allianz zeigen wir,
als Sicherer Hafen bereit, mehr Ge- verfahren scheitert. Die Zustände dass nicht nur deutsche Städte und
flüchtete als der Verteilschlüssel vor- in Lesbos und auf dem Mittelmeer Kommunen sich zu einer Aufnahme
gibt aufzunehmen. Seit zwei Jahren erfordern alle Anstrengungen, die von Geflüchteten und die Umsetzung
engagieren Sie sich außerdem im Menschenrechte, die wir in Euro- der Menschenrechte bekennen. Auch
Bündnis Städte Sicherer Häfen. Wa- pa hochhalten, zu leben. Lippen- Städte aus Ländern wie Italien, die
rum? bekenntnisse genügen nicht. Wir in als Grenzland sehr in Anspruch ge-
Es ist in der Vergangenheit zu wenig Rottenburg sind uns als Bischofs- nommen sind, treten dem Bündnis
geschehen. Bundesländer und Bun- stadt unserer christlichen Verant- bei. Gemeinsam möchten wir den
desregierung behaupten nach wie wortung bewusst. Druck auf europäische Politik erhö-
vor, es wären nicht genügend Kapa- hen. Jeder versucht, in seinem Land
zitäten vorhanden, um Geflüchtete Und der viel beschworene Pull-Ef- etwas voranzubringen.
aufzunehmen. Unser Ziel ist zu zei- fekt?
gen, dass wir das auf kommunaler Ich sehe keine Gefahr, dass es zu Die Bundestagswahl steht bevor.
Ebene nicht so sehen. Wir haben einem Pull-Effekt kommt. Die Not Wird sich etwas ändern?
sowohl Wohn- als auch Betreuungs- der Menschen ist so groß, dass sie Ich hoffe schon, dass sich in den
kapazitäten. Es sind Ehrenamtliche sich auf den Weg machen, unab- kommenden Monaten etwas bewegt.
da, die unterstützen möchten. Als hängig davon, was sie am Ende der Wir möchten auch auf Länderebe-
Teil des Bündnis Städte Sicherer Hä- Flucht erwartet. ne den Druck auf die Landesregie-
fen bieten wir der Bundesregierung rungen erhöhen, damit die Länder
unsere Kooperation an, um die Not Der Erste Bürgermeister von Rotten- im Bundesrat auf die Bundesregie-
auf dem Mittelmeer oder in Flücht- burg war in Lesbos. Was erlebte er? rung einwirken. Eine grün-schwarze
lingslagern wie in Griechenland zu Unser Erster Bürgermeister Thomas Regierung in Baden-Württemberg
mildern. Weigel berichtete, wie unwürdig die wäre eigentlich prädestiniert, sich
Zustände dort sind, insbesondere für für unser Anliegen einzusetzen. Die
Aber die Bundesregierung nimmt die Heranwachsenden. Kinder und CDU sollte ihre christlichen Werte
das Angebot nicht an. Welche Verän- Jugendliche haben keinen Zugang leben und die Grünen nicht nur re-
derungen wären nötig? zu Bildung, keine Perspektive, die den, sondern handeln.
Einige Städte Sichere Häfen fordern Menschen leben auf engstem Raum.
ein kommunales Aufnahmerecht. Weigel erzählte, dass er nachts im Gibt es auch Erfolge?
Wir sind da zurückhaltender, was Traum die Gerüche des Lagers nach Immer mehr Kommunen treten dem
vielleicht auch an der kleineren Kloake in der Nase hat. Das Asylver- Bündnis bei. Sie repräsentieren zu-
16 Nr. 90In Potsdam schlossen sich Kommunen zum Bündnis Städte Sicherer Häfen zusammen. Seit Juni 2021 gibt es eine Internationale Allianz.
sammen einen Großteil der Bevöl- Erfolg in Rottenburg: Wir konn- des Bündnis Städte Sicherer Häfen
kerung. Gerade in der Kommune ten fünf Bootsflüchtlinge aufneh- zählt und Teil der neugegründeten
Internationalen Allianz der Städte
sind wir sehr nah an den Bedürf- men und hoffen über das Programm Sicherer Häfen ist.
nissen der Menschen – die Bundes- „NesT“ der Bundesregierung weite-
regierung kann somit nicht sagen, ren Flüchtlingen aus den überfüllten „Neustart im Team“ (NesT):
Aufnahmeprogramm der
dass die Bevölkerung unsere Forde- Lagern helfen zu können. Bundesregierung für 500 besonders
rungen ablehnt. Wenn immer mehr schutzbedürftige Geflüchtete.
Menschen unsere Ziele unterstützen, Zur Person: Die Aufnahme ist nur möglich,
Stephan Neher ist Oberbürgermeister wenn sich einzelne Menschen oder
kann sich die Politik nicht entschul- der Stadt Rottenburg am Neckar, Organisationen zu einer Gruppe
digend wegducken. Und ein kleiner die zu den Gründungsmitgliedern zusammenschließen.
Sichere Häfen: Es werden immer mehr Internationale Allianz der Städte Sicherer Häfen: gegründet
am 25. Juni 2021 in Palermo (Italien). 33 Bürgermeister
Sichere Häfen: Auf Initiative der „Seebrücke“ sind seit Som- aus sieben europäischen Staaten verteidigen in der Erklä-
mer 2018 über 250 Kommunen in Deutschland zu „Sicheren rung „From the Sea to the City“ das Recht auf Asyl, wenden
Häfen” geworden und haben ihre Bereitschaft erklärt, mehr sich gegen Transitzonen an den europäischen Außengrenzen
Schutzsuchende aufzunehmen, als der Verteilschlüssel vor- und setzen sich für eine eigenständige und direkte kommu-
gibt. Sie treten ein für einen Wandel der europäischen Asyl- nale Aufnahme von Schutzsuchenden ein. Unterzeichner der
und Migrationspolitik. Basiserklärung: Palermo, Potsdam, Amsterdam, Athen,
Barcelona, Marseille, Villeurbanne, Trier, Kiel, München,
Bündnis Städte Sicherer Häfen: gegründet am 14. Juni 2019 Heidelberg, Gütersloh, Bergamo, Lampedusa, Pozzal-
in Potsdam. Das Bündnis vernetzt Sichere Häfen und bündelt lo, Reggio Calabria, Rottenburg, Flensburg, Göttingen,
die gemeinsamen Interessen, um den Forderungen mehr Ge- Braunschweig, Greifswald, Mannheim, Leipzig, Northeim,
wicht zu verleihen. Gründungsmitglieder: Freiburg, Marburg, Dormagen, Münster, Jülich, Bonn, Marburg, Dortmund,
Rottenburg am Neckar u. a. Mitgliederzahl: 100 (Juli 2021). Darmstadt, Würzburg, Tirana.
Mitmachen: minalisierung der zivilen Seenotretter und ein europäisches
Seenotrettungsprogramm. www.rettungskette.eu
Hand in Hand: Rettungskette für
Menschenrechte
Mit einer Menschenkette von Hamburg bis zum Mittelmeer
möchte die Aktion „Rettungskette für Menschenrechte“ am
18. September ein Zeichen für mehr Menschlichkeit und ge-
gen das Sterben im Mittelmeer setzen. Die Kette führt auch
durch 37 Städte in Baden-Württemberg, z. B. durch Mann-
heim, Karlsruhe, Pforzheim, Stuttgart, Eislingen, Göppin-
gen, Ulm. Reihen Sie sich ein für ein offenes, buntes und
friedliches Europa, die Schaffung sicherer Fluchtwege, einen
humanen Umgang mit Menschen auf der Flucht, die Entkri-
Nr. 90 17Sie können auch lesen