Wer bezahlt Trumps Handelskrieg mit China? - Benedikt Zoller-Rydzek* und Gabriel Felbermayr - CESifo Group Munich

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FORSCHUNGSERGEBNISSE

     Benedikt Zoller-Rydzek* und Gabriel Felbermayr

     Wer bezahlt Trumps Handelskrieg
     mit China?

     Seit dem 24. September 2018 erheben die USA Zölle auf chinesische Produkte im gegenwär-
     tigen Wert von ungefähr 250 Mrd. US-Dollar; das sind 50% der Importe aus China. In der
     Debatte wird oft davon ausgegangen, dass diese Zölle der amerikanischen Volkswirtschaft
     schaden. In diesem Beitrag zeigen wir, dass dies nicht stimmt, weil die Belastung zu etwa
     drei Viertel auf chinesische Produzenten überwälzt werden kann. Wir kalibrieren ein einfa-
     ches Partialmodell und finden, dass die Verbraucherpreise im Durchschnitt über alle betrof-
     fenen Produkte in den USA um ca. 4,5% steigen, während die chinesischen Anbieter ihre
     Exportpreise um durchschnittlich 20,5% absenken. Dieses Resultat entsteht, da die US-Be-
     hörden gerade jene Produkte verzollen, bei denen die Importelastizität hoch ist. Weil die Ver-
     braucherpreise nur moderat steigen, führen die Zölle zu einer Verringerung der Importe um
     lediglich 37%; daher geht auch das bilaterale Handelsbilanzdefizit der USA mit China nur um
     ca. 17% zurück. Die USA generieren Zolleinnahmen von 22,5 Mrd. US-Dollar, aber nicht ein-
     mal ein Viertel davon wird von Inländern getragen. Zwar verzerren die Zölle die Konsum­
     entscheidungen der Amerikaner; die Überwälzung führt aber dazu, dass die USA insgesamt
     einen Nettovorteil von 18,4 Mrd. US-Dollar erzielen.

     Autor, Dorn und Hanson (2013; 2016) zeigen, dass ein                 sident Trump veranlasste im Januar 2018 Schutzzölle
     chinesischer Importwettbewerb in den USA signifi-                    (safeguard tariffs) für beide Produktgruppen. Im April
     kante negative Folgen auf den US-Arbeitsmarkt hatte.                 2018 reagierte China mit Antidumpingzöllen auf ame-
     Gleichzeitig besteht unter Ökonomen ein Konsens,                     rikanische Hirse. Beinah zeitgleich veröffentlicht die
     dass internationaler Handel für die Volkswirtschaft                  Trump-Regierung eine Liste mit 1 333 chinesischen
     insgesamt positiv zu beurteilen ist, weil die Vorteile der           Produkten mit einem Handelsvolumen von 50 Mrd.
     Gewinner die Verluste der Verlierer übertreffen. Dies                US-Dollar, unter Berufung auf Section 301 des US-Han-
     spiegelt sich auch in der öffentlichen Meinung in den                delsgesetzes von 1974. Die US-Regierung begrün-
     USA wider. Stokes (2018) zeigt, dass die meisten Ame-                det die Zölle mit der unfairen chinesischen Handels­
     rikaner zwar glauben, dass internationaler Handel gut                praxis, insbesondere in Bezug auf Technologietrans-
     ist, aber sie persönlich nicht davon profitieren, speziell           fers und geistige Eigentumsrechte. Als Reaktion prä-
     nicht auf dem Arbeitsmarkt. Insbesondere der Handel                  sentiert China im Juni 2018 ebenfalls eine Zollliste
     mit China wird negativ gesehen. Wiederholt bezeich-                  mit US-Produkten. Seit dem 23. August 2018 erhe-
     net Präsident Trump China als unfairen Handelspart-                  ben beide Staaten Einfuhrzölle auf alle Produkte der
     ner und kritisiert das Außenhandelsdefizit.                          je­­weiligen Liste. Danach eskaliert die Situation noch
                                                                          weiter. Im September 2018 stellt die US-Regierung
     EIN ESKALIERENDER HANDELSSTREIT                                      eine zweite Zollliste mit chinesischen Produkten mit
                                                                          einem Handelsvolumen von ca. 200 Mrd. US-Dollar vor.
     Es ist nicht verwunderlich, dass die Handelsspan-                    War zunächst nur eine Erhöhung der Importzölle um
     nungen zwischen den USA und China in den letzten                     10 Prozentpunkte geplant, sollen die Zölle bis Ende
     Monaten dramatisch eskalierten. Bereits im Herbst                    des Jahres um 25 Prozentpunkte steigen. Am 24. Sep-
     2017 stellte die US-Handelskommission fest, dass                     tember begann die US-Regierung Zölle auf die Waren
     der Import von Waschmaschinen und Solarzellen aus                    der zweiten Zollliste zu erheben. Damit sind 50% der
     China unfair und schädlich für die US-Industrie ist. Prä-            US-Importe aus China, gemessen am Importvolumen
                                                                          2017, betroffen, bzw. 12% aller US-Importe. Bown und
     *
       Dr. Benedikt Zoller-Rydzek ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an
                                                                          Kolb (2018) haben eine ausführliche Zusammenfas-
     der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.                       sung des Handelsstreits erstellt.

30   ifo Schnelldienst   22 / 2018   71. Jahrgang   22. November 2018
FORSCHUNGSERGEBNISSE

ÖKONOMISCHE KOSTEN                                                        stieg schwächer ist als jene der Produzenten, dann
                                                                          er­­höhen Zölle primär den Verbraucherpreis. Im ge­
Da ein beträchtlicher Teil der US-Importe von hohen                       genteiligen Fall sinkt primär der Produzentenpreis,
Einfuhrzöllen betroffen ist, ist es wichtig, die ökono-                   zum Beispiel, weil die Unternehmen auf Gewinn-
mischen Konsequenzen und Effekte zu verstehen. Es                         marge verzichten. Dieser relative Effekt hängt unter
wird oft nur über das betroffene US-Importvolumen                         anderem mit der Verfügbarkeit von Substitutions-
diskutiert; die Frage, wer die Zolllast letztlich trägt,                  gütern zusammen. Wird zum Beispiel ein Einfuhr-
wird kaum angesprochen oder gar ganz vernachläs-                          zoll auf Salz erhoben, können Konsumenten es nicht
sigt. Ein prominentes Beispiel für eine solche Vor-                       einfach durch Pfeffer ersetzen. Daher würde ein Zoll
gangsweise ist der Beitrag von Gloe Dizioli und van                       vor allem von Konsument getragen werden. Einen
Roye im ECB Bulletin (6/2018), wo Zolleinnahmen                           Einfuhrzoll auf Erdnussbutter können Konsumenten
nicht ausgeschüttet werden, so dass die Zollpolitik                       relativ einfach vermeiden, indem sie Marmelade statt
restriktiv wirkt und die in den Außenhandelsmodellen                      Erdnussbutter verwenden. Dann muss der Produ-
maßgebliche Anpassung der relativen Preise offenbar                       zent einen großen Teil des Zolles tragen, wenn er wei-
keine Rolle spielt.1                                                      terhin auf dem Markt bleiben und für Kunden attrak-
      Durch die US-Einfuhrzölle werden die Preise                         tiv sein will. In der ökonomischen Literatur nennt man
für betroffene chinesische Produkte steigen und                           die Aufteilung der zusätzlichen Belastung durch einen
die Profitmargen für chinesische Unternehmen fal-                         Zoll die Steuerinzidenz oder Zollinzidenz. Wichtig ist,
len. Dies kann dazu führen, dass betroffene chinesi-                      dass die Zollinzidenz unabhängig von der rechtli-
sche Un­­ternehmen die Produktion oder den Export                         chen Inzidenz ist, es macht keinen Unterschied, ob
von Gütern in die USA komplett einstellen und es zu                       der Einfuhrzoll vom Importeuer oder Exporteuer
Lie­ferengpässe in den USA kommt. Die schrittweise                        erhoben wird. Die Zollinzidenz spiegelt sich in der
Er­­höhung der Zölle soll diesen Effekt abmildern. Es                     relativen Anpassung des Verbraucherpreises und
bleibt aber fraglich, ob US-Unternehmen, und ins-                         Produzentenpreises wider.
besondere US-multinationale Unternehmen, inner-                                 Abbildung 1 zeigt die Zollinzidenz graphisch für
halb weniger Monate ihre Lieferketten entsprechend                        einen Partialmarkt, auf dem keine direkten heimi-
anpassen können. Der offensichtlichere Effekt wird                        schen Wettbewerber existieren. Allerdings können die
die Verteuerung von chinesischen Produkten in den                         Nachfrager ausweichen; wie gut dies möglich ist, wird
USA sein. Hier sind amerikanische Firmen und Kon-                         durch die Steigung der Nachfragefunktion dargestellt.
sumenten gleichermaßen betroffen. Der Preiseffekt                         Je steiler (unelastischer) die Funktion, umso weni-
hängt von der relativen Preiselastizität ab. Wenn                         ger gut können die Nachfrager ausweichen; je flacher
die Re­­aktion der Konsumenten auf einen Preisan-                         (elastischer) sie ist, umso besser gelingt dies.
1
   In dieser Analyse erhöhen interessanterweise US-Importzölle so-
                                                                                Ohne Zölle gleichen sich Angebot und Nach-
gar das BIP in China. Die Handelsgewinne für China sind positiv; d.h.,    frage bei Preis P1 und Q1 aus. Produzenten- und Ver-
es müssen sich die realen Austauschverhältnisse für China verbes-
sern. In dem veränderten Modell überkompensiert die Geldpolitik
                                                                          braucherpreis sind identisch. Ein Einfuhrzoll von
den handelspolitischen Schock.                                            25% treibt einen Keil zwischen den Verbraucher-

Abb. 1
Zollinzidenz auf einem Partialmarkt ohne heimisches Angebot
Unelastische Nachfrage                                                    Elastische Nachfrage

       Preis                                                                Preis

                                              Angebot 2
                                                                                                                     Angebot 2
                    Verbraucher
                    Wohlfahrtsverlust                                                        Verbraucher
                                                                                             Wohlfahrtsverlust
                                                          Angebot 1                                                                  Angebot 1
           Pn
                Verbraucher Zollbelastung
                                                                               Pn
    Zoll                                                                          Verbraucher Zollbelastung
           P1                                                                  P1
           Pa Produzenten Zollbelastung                                   Zoll     Produzenten
                                                                                   Zollbelastung
                                                                               Pa
                                                      Produzenten
                                                      Wohlfahrtsverlust                                                               Nachfrage
                                                                                                                           Produzenten
                                                                                                                           Wohlfahrtsverlust
                                                      Nachfrage

                                            Q2 Q1            Menge                                           Q2       Q1                 Menge
Quelle: Darstellung der Autoren.                                                                                                         © ifo Institut

                                                                                     ifo Schnelldienst   22 / 2018   71. Jahrgang   22. November 2018     31
FORSCHUNGSERGEBNISSE

     preis Pn und den Preis Pa, den die Produzenten erhal- ZOLLHÖHE
     ten; er dreht die für die Nachfrager relevante Ange-
     botskurve (inklusive Zoll) (Angebot 2) weg von jener Der Wohlfahrtseffekt hängt von der Zollhöhe und
     für die Anbieter (Angebot 1). Bei unelastischer Nach- der Mengenanpassung ab. Abbildung 2 zeigt die Ver­
     frage geht die umgesetzte Menge wenig zurück, die teilung der effektiven Zollbelastung über die impor-
     ausländischen Anbieter bewegen sich nur ein kleines tierten Produkte bis Ende des Jahres 2018.3 Insge-
     Stück auf ihrer Angebotskurve nach links; der Produ- samt berücksichtigen wir 702 HS92-4-Stellen-Pro-
     zentenpreis sinkt wenig. Der Verbraucherpreis steigt duktkategorien, die wir wiederum in vier Oberkatego-
     hingegen deutlich.                                                rien einteilen: Konsumgüter, Investitionsgüter, Zwi-
           Bei einer elastischen Nachfrage verhalten sich die schenerzeugnisse und Güter die nicht klar zugeordnet
     Dinge anders. Hier führt eine Zunahme des Verbrau- werden können (Mischgüter).4
     cherpreises zu einer sehr deutlichen Reduktion der                     Da auf einige der Güter bereits ein Zoll erhoben
     Nachfrage; die ausländischen Produzenten wandern wird, erhöht sich der Einfuhrzoll im Durchschnitt
     auf ihrer Angebotskurve weit nach unten, so dass der auf 27,4%. Dadurch wir deutlich, dass bei einem bis­
     Produzentenpreis stark sinkt. Der Preis für die heimi- herigen Durchschnittszoll von 2,4%, der Zollanstieg
     schen Nachfrager nimmt nur wenig zu.                              ökonomisch signifikant ist. Von 702 aggregierten
           In beiden Fällen führt der Zoll zu einer Verzerrung Produktkategorien, für die wir Daten haben, wird der
     der Konsum- und Angebotsentscheidungen. Dieser Einfuhrzoll bei 202 Produkten von 0 auf 25% anstei-
     hängt von Mengenreduktion, der Preisänderung (Höhe gen. Dies sind vorrangig Konsumgüter und Zwischen­
     des Zolles) und der relativen Preiselastizität ab. Durch produkte. Damit wird deutlich, dass vor allem Firmen
     die Verteuerung des Gutes im Inland sinkt der Kon- von den Einfuhrzöllen betroffen seien werden, die
     sum; dies äußert sich in einem Wohlfahrtsverlust für Zwischenprodukte aus China importieren und diese
     die Verbraucher; siehe die dreieckige dunklere rot/ in der Produktion in den USA verwenden.
     grüne Fläche in Abbildung 1. Die ausländischen Produ-
     zenten verlieren ebenfalls.
           Dies ist aber nicht die ganze Geschichte. Der
                                                                       3
     US-Finanzminister erzielt Zolleinnahmen in der Höhe te, Die              USA haben bereits Einfuhrzölle auf einige chinesische Produk-
                                                                          daher wird Ende des Jahres auf einige Güter ein Zoll von mehr als
     von (Pn – Pa) Q2, aber nur ein Teil (Pn – P1) Q2 muss von 25% anfallen.
                                                                       4
                                                                          Da Import und Exportelastizitäten in einer anderen Güterklas-
     heimischen Nachfragern getragen werden; der Rest sifikation                sind als die US-Importzolllisten, mussten wir Güter ent-
     (P1 – Pa) Q2 ist als Transfer chinesischer Produzenten an sprechend reklassifizieren. Weiterhin sind nicht für alle HS92-4-Stel-
     die US-Regierung zu verstehen. Abbildung 1 macht die len-Gütergruppen               Import- und Exportelastizitäten vorhanden. Die
                                                                       702 HS92-4-Stellen Gütergruppen, auf denen unsere Analyse basiert,
     Größe dieses Transfers durch das rote und grüne Recht- entsprechen einem Importvolumen von 230 Mrd. US-Dollar. Dies
     eck sichtbar. Die Zolleinnahmen können an die Kon­ entspricht               92% des von der US-Regierung veranschlagten Import-
                                                                       volumens von 250 Mrd. US-Dollar und 97% des Importvolumens der
     sumenten im Inland ausgeschüttet werden, was deren Zolllisten von Bown, Jung und Lu (2018).
     Wohlfahrt erhöht.2
                                             Abb. 2
           Ob der Zoll die Wohlfahrt
                                            Verteilung des effektiven US-Importzolls
     (hier: Konsumentenrente plus           Nach einer Anhebung um 25 Prozentpunkte je Oberkategorie
     Zolleinnahmen des Staates)
                                            Investitionsgüter                              Konsumgüter
     reduziert oder erhöht, hängt           0,4
     davon ab, ob der Schaden
     durch den Konsumrückgang               0,3
     den Transfer aus dem Ausland
                                            0,2
     übertrifft oder unterschrei-
     tet. In der Abbildung 1 ist dies       0,1
     durch den Vergleich des roten
     Rechtecks der durch chine-             0,0
     sischen Firmen finanzierten            Mischgüter                                     Zwischenerzeugnisse
     Zolleinnahmen mit dem dun-             0,4
     kelgrünen Dreieck der Verän-
                                            0,3
     derung der US-Verbraucher-
     wohlfahrt durch Mengenän­              0,2
     derung erkenntlich.
                                                        0,1

     2                                                  0,0
        Der US-Präsident schwärmt in sei-
     nen Tweets immer wieder von den ho-                      25             30              35              40 25               30             35              40
     hen Steuereinnahmen durch Zölle. Ein                                                                                   Effektiver US Einfuhrzoll Ende 2018 in %
     Teil dieser Steuereinnahmen kann sei-              Anmerkung: Dargestellt werden Anteile; die Höhe der Balken addiert sich jeweils zu eins.
     ne Steuerreform finanzieren, insofern              Insgesamt 702 HS92-4-Stellen-Produkte. Zur Veranschaulichung wurden in der Graphik nur Produkte mit einem
     liegt die Vorstellung, Zolleinnahmen               effektiven Einfuhrzoll von weniger als 40% berücksichtigt.
     werden ausgeschüttet, nicht fern.                  Quelle: Berechnungen der Autoren.                                                                   © ifo Institut

32   ifo Schnelldienst   22 / 2018   71. Jahrgang   22. November 2018
FORSCHUNGSERGEBNISSE

PREISANPASSUNGEN                                 Abb. 4
                                                 Verteilung der US-Verbraucherpreisveränderung
                                           Nach einem Anstieg des Importzolls um 25 Prozentpunkte
Wie bereits diskutiert, wird ein
US-Einfuhrzoll zu einer Erhö-              Investitionsgüter                                        Konsumgüter
                                            0,7
hung des US-Verbraucher­
                                            0,6
preises führen. Wir nutzen
                                            0,5
Einfuhr- und Ausfuhrpreis-
                                            0,4
elastizitäten von Kee, Nicita               0,3
und Olarreaga (2008) und                    0,2
von Broda, Limão und Wein-                  0,1
stein (2008), um die Inzidenz               0,0
einer Erhöhung des Einfuhr-
                                           Mischgüter                                               Zwischenerzeugnisse
zolles um 25 Prozentpunkte zu               0,4
berechnen.5
      Abbildung 3 zeigt den zu              0,3
erwartenden durchschnittli-
                                            0,2
chen Anstieg für chinesische
Produkte             (HS92-4-Stellen)       0,1
für die vier Oberkategorien.
Wie bereits durch die Vertei-               0,0
                                                  0          5        10        15      20       25 0            5          10      15 20         25
lung des Importzollanstiegs
                                                                                        Verteilung der Konsumentenpreisänderung in Prozentpunkten
in Abbildung 2 angedeutet,
sind Konsumgüter am stärks-                Anmerkung: Dargestellt werden Anteile; die Höhe der Balken addiert sich jeweils zu eins.
                                           teil (Dichte) der HS92- 4-Stellen Produkte
ten betroffen: Deren Preis in              Quelle: Berechnungen der Autoren.                                                             © ifo Institut
den USA steigt um mehr als
6,5 Prozentpunkte. Preise von betroffenen Zwischen­                                   Insbesondere Haushalte in den unteren Einkom-
erzeugnissen steigen um ca. 5,2 Prozentpunkte, wäh- mensschichten in den USA werden von diesem Prei-
rend sich Investitionsgüter lediglich um 2 Prozent- sanstieg stark betroffen sein, da diese einen größe-
punkte verteuern. Im Durchschnitt steigen die US-Im- ren Teil ihres Einkommens für (günstige) chinesische
portpreise um 4,5 Prozentpunkte.6 In Abbildung 4 Importe ausgeben (vgl. Zoller-Rydzek 2018). Damit
zeigen wir die Verteilung des Preisanstiegs. Wäh- werden die Importzölle zu einem relativen stärkeren
rend für die meisten Produkte der Preisanstieg sehr Rückgang des realen Einkommens dieser Schichten
moderat im unteren einstelligen Bereich ist, gibt es führen.
bei Konsumgütern und Zwischenerzeugnissen einige                                      Abbildungen 5 und 6 zeigen die Preisänderun-
Produkte, deren Preis um mehr als 20 Prozentpunkte gen und deren Verteilung für chinesische Exporteure.
ansteigen wird.                                                                 Es wird sehr deutlich, dass die betroffenen Produkte
                                                                                strategisch ausgewählt wurden, damit chinesische
5
   Wir verwenden die Standardformel der Steuerinzidenz:                         Firmen einen großen Teil der Belastung durch die Ein-
∈N/(∈A–∈N), wobei ∈N die Importpreiselastizität und ∈A die Export-
preiselastizität ist.
                                                                                fuhrzölle tragen. Im Durchschnitt sinken die Preise für
6
   Der importvolumengewichtete mittlere Preisanstieg ist mit                    chinesische Firmen um mehr als 20 Prozentpunkte.
4,64 Prozentpunkten nur geringfügig höher.
                                                                                                                Ein solch dramatischer Rück-
 Abb. 3                                                                                                         gang kann dazu führen, dass
Durchschnittlicher Preisanstieg für US-Konsumenten/Firmen                                                       sich viele chinesische Fir-
Nach einer Anhebung der Einführzölle um 25 Prozentpunkte; HS92-4-Stellen Produkte                               men aus dem amerikanischen
                                                                                                                Markt zurückziehen werden.7

     Investitionsgüter                                                                                        AUSSENHANDELSBILANZ

                                                                                                              Nicht nur die Preise passen sich
        Konsumgüter
                                                                                                              an, sondern auch die Import-
                                                                                                              mengen. Beides führt zu einem
           Mischgüter                                                                                         Rückgang des US-Importvolu-
                                                                                                              mens aus China. Abbildung 7
                                                                                                              7
                                                                                                                 Insbesondere US-multinationale
Zwischenerzeugnisse                                                                                           Firmen werden die negativen Auswir-
                                                                                                              kungen spüren. Hohe Investitionen
                                                                                                              in chinesische Produktionsstätten
                         0          1            2           3         4         5        6         7         machen es kostspielig, Zulieferketten
                                                                                                              anzupassen. Daher ist zu erwarten,
                                        Mittlerer Anstieg (in Prozentpunkten) des US-Verbraucherpreises
                                                                                                              dass die Profite von US-multinationale
Quelle: Berechnungen der Autoren.                                                           © ifo Institut    Firmen stark zurückgehen werden.

                                                                                          ifo Schnelldienst   22 / 2018   71. Jahrgang   22. November 2018   33
FORSCHUNGSERGEBNISSE

     Abb. 5                                                                                                           zeigt den durchschnittlichen
     Durchschnittlicher Preisrückgang für chinesische Firmen                                                          Rückgang des US-Import­
     Nach einer Anhebung der Einfuhrzölle um 25 Prozentpunkte; HS92 4-Stellen Produkte
                                                                                                                      volumens aufgrund einer
                                                                                                                      Anhebung der Einfuhrzölle um
           Investitionsgüter                                                                                          25 Prozentpunkte. Der Import
                                                                                                                      von Zwischenerzeugnisse und
                                                                                                                      Konsumgüter sinkt um über
                 Konsumgüter                                                                                          40 Prozentpunkte. Insgesamt
                                                                                                                      gehen Importe aus China im
                                                                                                                      Mittel um 37 Prozentpunkte
                   Mischgüter
                                                                                                                      zurück. Dies ist in etwa zu glei-
                                                                                                                      chen Teilen auf eine Anpas-
     Zwischenerzeugnisse                                                                                              sung der Menge, die sich im
                                                                                                                      Durchschnitt um 20 Prozent-
                                -25            -20            -15           -10            -5            0
                                                                                                                      punkte verringert, und der
                                  Mittlerer Rückgang (in Prozentpunkten) des chinesichen Produzentenpreises           Reduktion des Produzenten-
     Quelle: Berechnungen der Autoren.                                                              © ifo Institut    preises um 21 Prozentpunkt,
                                                                                                                      zurückzuführen.
     Abb. 6                                                                                                                Im Jahr 2017 hatten die
     Verteilung der chinesischen Produzentenpreisveränderung nach einem Anstieg des                                   USA ein Handelsbilanzdefi-
     Importzolls von 25 Prozentpunkten
     Vier Produktgruppen, Anteil (Dichte) der HS92-4-Stellen Produkte
                                                                                                                      zit von ca. 375 Mrd. US-Dol-
                                                                                                                      lar gegenüber China. Unter
     Investitionsgüter                                          Konsumgüter                                           der Annahme, dass sich weder
     0,7                                                                                                              Wechselkurse anpassen, China
     0,6
                                                                                                                      Vergeltungsstrafzölle erhebt
     0,5
                                                                                                                      oder es Nachfrageeffekte aus
     0,4
                                                                                                                      Drittstaaten gibt, würde durch
     0,3
                                                                                                                      den Importvolumenrückgang
     0,2
     0,1
                                                                                                                      das Defizit um 63 Mrd. US-Dol-
     0,0                                                                                                              lar auf 312 Mrd. US-Dollar sin-
                                                                                                                      ken. Dies ist keinesfalls trivial,
     Mischgüter                                                 Zwischenerzeugnisse
     0,4                                                                                                              aber die USA sind dennoch
                                                                                                                      weit von einer ausgegliche-
     0,3
                                                                                                                      nen Handelsbilanz mit China
     0,2
                                                                                                                      entfernt.

     0,1                                                                                                              ZOLLEINNAHMEN UND
                                                                                                                      WOHLFAHRTSEFFEKTE
     0,0
           -25       -20        -15      -10          -5       0 -25      -20      -15     -10       -5      0
                                                      Verteilung der Produzentenpreisänderung in Prozentpunkten       Wir berechnen die gesam-
     Anmerkung: Die Höhe der Balken addiert sich jeweils zu eins.
     Quelle: Berechnungen der Autoren.                                                               © ifo Institut
                                                                                                                      ten Wohlfahrtsverluste als
                                                                                                                      dunkelrote und dunkelgrüne
     Abb. 7                                                                                                           dreieckige Fläche in Abbil-
     Durchschnittlicher Rückgang in Prozentpunkten des US-Importvolumens                                              dung 1. Diese kann als mone-
     Nach einer Anhebung der Einfuhrzölle auf 25%; HS92 4-Stellen Produkte
                                                                                                                      täre Größe interpretiert wer-
                                                                                                                      den bzw. die Zahlungsbereit-
           Investitionsgüter                                                                                          schaft chinesischer Firmen
                                                                                                                      und amerikanischer Konsu-
                                                                                                                      menten, eine Zollerhöhung
                 Konsumgüter                                                                                          zu umgehen. Der über alle
                                                                                                                      Güter aggregierte Wohlfahrts-
                                                                                                                      verlust in China und den USA
                   Mischgüter
                                                                                                                      entspricht 1,6 Mrd. US-Dollar,
                                                                                                                      davon entfallen nur 33% bzw.
     Zwischenerzeugnisse
                                                                                                                      522 Mio. US-Dollar auf US-Kon-
                                                                                                                      sumenten und Firmen (dun-
                                                                                                                      kelgrünes Dreieck). Nun muss
                                -45       -40     -35       -30    -25      -20    -15     -10     -5     0
                                                Mittlerer Rückgang (in Prozentpunkten) des US-Importvolumens          man aber berücksichtigen, dass
     Quelle: Berechnungen der Autoren.                                                              © ifo Institut    ein großer Teil der Zölle nicht

34   ifo Schnelldienst     22 / 2018   71. Jahrgang    22. November 2018
FORSCHUNGSERGEBNISSE

von amerikanischen Konsumenten oder Firmen getra-          LITERATUR
gen wird, sondern die Zollinzidenz hauptsächlich auf
                                                           Autor, D., D. Dorn und G. Hanson (2013), »The China Syndrome: Local
chinesischen Produzenten liegt. Das heißt, dass diese      Labor Market Effects of Import Competition in the United States«, Ameri-
die US-Zolleinnahmen durch ihre geringen Gewinn-           can Economic Review 103(6), 2121–2168.
margen finanzieren. Die Zolleinahmen könnten nun           Autor, D., D. Dorn und G. Hanson (2016), »The China Shock: Learning from
                                                           Labor-Market Adjustment to Large Changes in Trade«, Annual Review of
verwendet werden, die Wohlfahrtsverluste ameri-            Economics 8, 205–240.
kanischer Konsumenten und Firmen auszugleichen.
                                                           Bown, C., E. Jung und Z. Lu (2018), »Trump and China Forma-
Insgesamt belaufen sich die zusätzlichen Zolleinnah-       lize Tariffs on $ 260 Billion of Imports and Look Ahead to Next
                                                           Phase«, The Peterson Institute for International Economics, verfüg-
men auf 22,5 Mrd. US-Dollar. Von diesen werden
                                                           bar unter: https://piie.com/blogs/trade-investment-policy-watch/
18,9 Mrd. US-Dollar von chinesischen Firmen gezahlt.       trump-and-china-formalize-tariffs-260-billion-imports-and-look.
Damit ergibt sich ein Nettowohlfahrtsgewinn für die        Bown, C. und M. Kolb (2018), »Trump’s Trade Wars Timeline: An Up-to-date
amerikanische Volkswirtschaft in Höhe von 18,4 Mrd.        Guide«, The Peterson Institute for International Economics, verfügbar unter:
                                                           https://piie.com/system/files/documents/trump-trade-war-timeline.pdf.
US-Dollar.
                                                           Broda, C., N. Limão und D. Weinstein (2008), »Optimal Tariffs: The Evi-
     Mit der strategischen Auswahl der vom Zoll betrof-    dence«, American Economic Review 98(5), 2032–2365.
fenen chinesischen Güter gelingt es, die Wohlfahrts-       Gloe-Dizioli, A. und B. van Roye (2018), »Macroeconomic Implications of
verluste geschickt auf chinesische Firmen abwälzen.        Increasing protectionism«, ECB Economic Bulletin (6), 35–38.

Dies ist Teil einer optimalen Zollstrategie (vgl. Irwin    Irwin, D. (1996), Against the the tide: An intelectual history of free trade,
                                                           Princeton University Press, Princeton.
1996 für einen ausführlichen Überblick). Wenn die
                                                           Kee, H., A. Nicita und M. Olarreaga (2008), »Import Demand Elasticities
Importelastizität hoch ist, führt dies zu einer geringe-   and Trade Distortions«, The Review of Economics and Statistics 90(4),
ren Mengenanpassung und einer hohen Zollinzidenz           666–682.

für ausländische (chinesische) Produzenten.                Stokes, B. (2018), »Americans, Like Many in Other Advanced Economies,
                                                           Not Convinced of Trade’s Benefits«, 26. September, PEW Institute, ver-
                                                           fügbar unter: http://www.pewglobal.org/2018/09/26/americans-like-ma-
                                                           ny-in-other-advanced-economies-not-convinced-of-trades-benefits/.
                                                           Zoller-Rydzek, B. (2018), »Trade Effects of Within-Country Inequality«,
                                                           mimeo.

                                                                         ifo Schnelldienst   22 / 2018   71. Jahrgang   22. November 2018   35
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