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Film des Monats
Februar 2021
Wir Kinder vom
Bahnhof Zoo
Eine Clique von Jugendlichen gerät in Berlin in den
Strudel von Heroinsucht und Beschaffungsprosti-
tution. Die Serie Wir Kinder vom Bahnhof Zoo ist
© Constantin Television, Amazon Studios, Mike Kraus
eine Neuverfilmung des Bestsellers von 1978. Die
Februar-Ausgabe von kinofenster.de bespricht die
Serie sowie den Kinofilm von 1981 Christiane F. - Wir
Kinder vom Bahnhof Zoo und vergleicht beide Ad-
aptionen filmanalytisch. In einem Interview erläutert
Drehbuchautorin Annette Hess die Zeitlosigkeit der
Serie. Darüber hinaus bietet die Ausgabe einen Hin-
tergrundartikel zur Drogen- und Suchtpolitik an so-
wie umfangreiches Unterrichtsmaterial ab Klasse 11.Film des Monats Februar 2021
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Inhalt
SERIEN- B E S P R E C H U N G ANREGUNGEN
03 Wir Kinder vom 14 Außerschulische
Bahnhof Zoo Filmarbeit zu
Wir Kinder vom
FILMBE S P R E C H U N G
Bahnhof Zoo –
05 Christiane F. – Wir Kinder Spielfilm und Serie
vom Bahnhof Zoo
UNTERRICHTSMATERIAL
INTERV I E W
16 Arbeitsblatt zu
07 „Wir haben auf Wir Kinder vom
Grundlage des Buches Bahnhof Zoo –
eine freie, zeitlose Spielfilm und Serie
Erzählung gestaltet“
- D I D A K T I S C H - M E T H O D I S C H E K O M M E N T A RE
– DREI AUFGABEN ZUM FILM AB KLASSE 9
HINTER G R U N D
09 Zwei Adaptionen 28 Filmglossar
von „Wir Kinder vom
Bahnhof Zoo“ 38 Links und Literatur
HINTER G R U N D
40 Impressum
11 Von der Abstinenz
zur Akzeptanz
www.kinofenster.deFilm des Monats Februar 2021
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Serien-Besprechung: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1/2)
–
Deutschland 2021
Serie, Drama
Veröffentlichungstermin:
19.02.2021
Distributionsform: VoD
© Constantin Television, Amazon Studios
Verfügbarkeit: Amazon Prime
Regie: Philipp Kadelbach
Drehbuch: Annette Hess, Johan-
nes Rothe, Florian Vey, Lisa
Rüffer, Christiane Kalss und
Linda Brieda
Darsteller/innen: Jana
McKinnon, Lena Urzendowsky,
Lea Drinda, Michelangelo
Fortuzzi, Jeremias Meyer, Bruno
Alexander u.a.
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Kamera: Jakub Bejnarowicz
Laufzeit: 8 Folgen à ca. 55
min, deutsche Originalfassung 3
Eine Clique von Jugendlichen gerät in Berlin in den Strudel von Format: digital, Farbe (40)
Heroinsucht und Beschaffungsprostitution. Die Serie ist eine freie Adaption FSK: ab 16 J.
des gleichnamigen Bestsellers von 1978. Altersempfehlung: ab 16 J.
Klassenstufen: ab 11. Klasse
Themen: Jugend/Jugendliche/
C
einem Schulwechsel freundet sich die
hristiane wächst in der Berliner Hoch-
haussiedlung Gropiusstadt auf. Nach
Coming-of-Age – zwischen
gestern und heute
Anders als der auf Tatsachen beruhende
Jugendkultur, Familie, Drogen,
Coming-of-Age, Freundschaft
Unterrichtsfächer: Deutsch,
Teenagerin mit der selbstbewussten Stel- gleichnamige Bestseller (1978) und seine Politik, Gesellschaftskunde,
la an, durch die sie den angesagten Musik- erste Verfilmung Christiane F. – Wir Kin- Pädagogik, Psychologie
klub Sound kennenlernt. Dort treffen sie der vom Bahnhof Zoo (1981) wählt die
auf den schüchternen Axel, seine besten Serie einen multiperspektivischen Ansatz.
Freunde Michi und Benno und die aus ei- Die reale Geschichte von Christiane F. bil-
ner wohlhabenden Familie stammende det zwar den narrativen Rahmen dieser
Babsi. Gemeinsam stürzen sich die Sechs Neuerzählung, viel Raum nehmen aber
fortan ins Berliner Nachtleben. Einerseits auch die ausgebauten Erlebnisse ihrer
aus Neugierde und Spaß am Partyleben, Freunde und Freundinnen ein. Zudem wird
anderseits um dem tristen, von Gleichgül- der Coming-of-Age-Plot stärker betont. So
tigkeit und Gewalt geprägten Alltag zu ent- dreht sich die Handlung zunächst genre-
kommen, experimentiert die Clique erst typisch um jugendliche Unabhängigkeits-
mit Ecstasy-Trips, schließlich – wie bereits bestrebungen: Während Christiane ihren
schon zuvor Axel – auch mit Heroin. streitenden Eltern entfliehen will und Stel-
la ihrer alkoholkranken Mutter, versucht
Babsi die Trauer um ihren verstorbenen
Vater zu betäuben und der emotional dis-
tanzierten Großmutter zu entkommen,
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Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Filmbesprechung: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (2/2)
bei der sie lebt. Benno, Axel und Michi da- sik getragen. Die Kamera rückt häufig nah
gegen haben mit ihrer beruflichen Zukunft an die Figuren heran. Leuchtende Farben
zu kämpfen. Sie fühlen sich unverstanden visualisieren die Lebensrealität der Teen-
von Erwachsenen, die mit eigenen Proble- ager als selbstvergessenen, mitunter sur-
men beschäftigt, mit der Erziehung ihrer real wirkenden oder glamourösen Rausch,
Kinder überfordert und mitunter sogar ge- der durch Drogen intensiviert wird. Die
walttätig sind. Der Drogenrausch scheint Erzählung nimmt dabei die Perspekti-
einen Ausweg zu bieten, führt die Clique ve der Jugendlichen ein. Gerade auch in
aber in neue Abhängigkeitsbeziehungen Hinsicht auf den Heroinkonsum neigt die
und letztendlich in die Selbstzerstörung. Serie so trotz einiger drastischer Szenen
Zeitlich ist die Handlung zwischen den zur Romantisierung: So führt etwa der ge-
1970er-Jahren und der Gegenwart situiert: meinsame Drogenrausch zur Versöhnung
Christiane und ihre Clique tragen hippe zwischen Christiane und ihrem Freund
Vintage-Mode und hören Musik von David Benno. In einer weiteren Szene versinkt
Bowie, während die verwendeten Origi- Benno nach einer Dosis Heroin glückselig
nalsongs fast ausnahmslos der Gegenwart in eine fantasierte Schneelandschaft.
entstammen. Die einstige Berliner Rock- In der zweiten Hälfte der Serie weicht
Diskothek Sound wird in der Serie zum der jugendliche Freiheitsdrang immer
modernen Elektroclub. Gleichzeitig ist Axel mehr einem zerstörerischen Kreislauf aus
fest davon überzeugt, er werde von der Sucht, Prostitution und Entzugsversuchen,
Staatssicherheit der DDR abgehört. Gegen- was für einige tödlich endet. Die Inszenie-
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wart und Vergangenheit fließen ineinander rung bleibt auch in diesen Momenten nah (40)
und lassen die Jugendlichen in einer zeitlo- an den Figuren und betrachtet die Ereig-
sen Welt erwachsen werden. Damit fehlen nisse überwiegend aus ihrer persönlichen
aber auch gesellschaftliche Rahmenbedin- Perspektive. Wie die jungen Protagonist/-
gungen der Geschichte, haben sich doch innen gibt sich auch die Serie immer wieder
in den vergangenen 40 Jahren etwa Erzie- der Faszination eines urbanen Drogenmili-
hungsnormen, Eltern-Kind-Beziehungen, eus hin, vermittelt Erfahrungen des Stra-
sowie der Umgang mit Drogenabhängigen ßenstrichs in einer Montagesequenz bei-
in der Gesellschaft verändert. Durch den spielsweise als jugendliches Abenteuer. Die
Wegfall von sozialgeschichtlichen Kontex- Schlussszene gestaltet sich hingegen ambi-
tualisierungen bleiben auch die dargestell- valenter, wenn inmitten einer Heimat- und
ten Konflikte unspezifisch und generisch. Pferdefilmästhetik eine mögliche Rückkehr
So stehen immer wieder romantische Kon- der Sucht angedeutet wird.
flikte im Zentrum, welche durch die Dro-
genthematik dramaturgisch aber nicht neu Autor:
gerahmt werden. Moritz Stock, Mediensoziologe und
freier Filmjournalist, 19.02.2021
Die Perspektive der süchtigen
Teenager
Die Ästhetik der Serie Wir Kinder von
Bahnhof Zoo entfernt sich vom doku-
mentarisch anmutenden Stil der ersten
Verfilmung und passt sich aktuellen Seh-
gewohnheiten an: Die Inszenierung ist mit
vielen Schnitten und Ortswechseln dyna-
misch und wird fast durchgängig von Mu-
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Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Filmbesprechung: Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1/2)
–
Bundesrepublik Deutschland 1981
Drama
Kinostart: 02.04.1981
Distributionsform: DVD, VoD
Verfügbarkeit: Amazon Prime,
iTunes, Google Play,
Videobuster, Rakuten TV,
© 2017 EuroVideo Medien GmbH
Magenta TV, alleskino u.a.
Regie: Uli Edel
Drehbuch: Hermann Weigel
Darsteller/innen: Natja
Brunckhorst, Thomas Haustein,
Jens Kuphal, Rainer Wölk,
Jan Georg Effler, Christiane
Reichelt, Daniela Jaeger,
Kerstin Richter, David Bowie
Christiane F. – Wir Kinder u.a.
Kamera: Jürgen Jürges,
vom Bahnhof Zoo Justus Pankau
Laufzeit: 131 min, deutsche
5
(40)
Originalfassung
Im West-Berlin der späten 1970er-Jahre wird eine Teenagerin von Heroin Format: 35 mm, Farbe, 1,66:1
abhängig und rutscht ins Drogenmilieu ab. Der auf wahren Begebenheiten Filmpreise: Gewinner der
beruhende Film brachte die öffentliche Diskussion über die Problematik Goldenen Leinwand 1981
jugendlicher Drogenabhängiger in Gang. (Deutschland), Montréal World
Film Festival 1981:
Most Popular Film of the
D ie 14-jährige Christiane hat die Nase
voll: Von der Eintönigkeit der grauen
Westberliner Hochhaussiedlung, in der es
Griff hat und sie ihre Sucht durch Prostitu-
tion am Bahnhof Zoo finanzieren, glaubt
Christiane immer noch, alles unter Kont-
Festival
FSK: ab 16 J.
Altersempfehlung: ab 16 J.
in allen Ecken nach Urin stinkt. Vom Zu- rolle zu haben. Doch es dauert nicht lange, Klassenstufen: ab 11. Klasse
sammenwohnen mit ihrer alleinerziehen- bis auch sie süchtig wird und ins Drogen- Themen: Drogen, Jugend/Jugend-
den Mutter, die keine Zeit für sie hat, weil milieu abrutscht. Schließlich sieht sie sich liche/Jugendkultur, Coming-of-
sie den ganzen Tag arbeitet und die Abende gezwungen, selbst ihren Körper für Drogen Age, Freundschaft, Familie
mit ihrem neuen Freund verbringt. Chris- zu verkaufen. Und während um sie herum Unterrichtsfächer: Deutsch,
tiane will wie so viele Jugendliche etwas Freunde und Freundinnen sterben, jagt Ethik/Religion, Gemeinschafts-
erleben. Und sie steht auf die Musik von Christiane immer verzweifelter dem nächs- kunde, Kunst, Psychologie
David Bowie. In der Diskothek Sound läuft ten Schuss Heroin hinterher.
ihr Detlev über den Weg. Sie verliebt sich in
den sensiblen Jungen, der wie seine Freun- Veränderte Zeiten, ähnliche
de alle möglichen Drogen konsumiert. Wirkung
Christiane ist anfangs vorsichtig, nach ei- Ulrich Edel hat die wahren Erlebnisse von
nem Bowie-Konzert schnupft sie dennoch Christiane F. nach dem 1978 erschienenen
erstmals Heroin. Obwohl das Rauschgift Bestseller von Kai Hermann und Horst
Detlev und seine Clique inzwischen fest im Rieck vor 40 Jahren verfilmt. Der Anti-
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Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Filmbesprechung: Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (2/2)
Drogen-Film, der das damalige „Lebensge- Rezeption des Films vor
fühl einer Jugend“ einfangen wollte, war 40 Jahren
in Westdeutschland die erfolgreichste Ki- Der von der FSK ab 16 Jahren freigegebe-
noproduktion des Jahres 1981. Auch heute ne Film sorgte für reichlich Zündstoff in der
hat der Film nichts von seiner emotionalen Öffentlichkeit – nicht zuletzt aufgrund der
Wirkung verloren – obwohl sich Berlin und expliziten Darstellung des Drogenelends.
die Drogenszene rund um den Bahnhof Zoo Einige warfen ihm vor, er sei zu spekulativ
stark gewandelt haben. Eindringlich fangen und voyeuristisch, heroisiere die Hauptfi-
die dokumentarisch anmutenden Bilder die gur und animiere dazu, selbst Drogen aus-
triste Atmosphäre des Schauplatzes ein. Zu zuprobieren – mit Traubenzucker gefüllte
verdanken ist die anhaltend starke Wucht Injektionsspritzen kamen gar in den Han-
des Films vor allem aber der jungen, zer- del (DER SPIEGEL 21/1981). Festzuhalten
brechlich und zugleich mutig und selbstbe- bleibt, dass er der damaligen Generation
wusst wirkenden Hauptdarstellerin Natja zur prägenden filmischen Erinnerung wur-
Brunckhorst. Sie war zu Beginn der Drehar- de und eine längst überfällige öffentliche
beiten noch nicht einmal 14 Jahre alt – und Diskussion in Gang brachte, die den Fokus
wurde vom riesigen Erfolg des Films gera- auch auf die Schicksale von sich selbst
dezu überrollt. Gleich in der ersten Einstel- überlassenen Heranwachsenden setzte.
lung spricht sie die Zuschauenden in einer
langen starren und unterbelichteten Groß- Autor:
aufnahme direkt an: Die Geschichte wird Holger Twele, Filmjournalist und
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ganz aus ihrer Perspektive beziehungswei- Filmpädagoge, 19.02.2021 (40)
se der von Christiane erzählt.
Ein berührendes Einzelschick-
sal unter vielen
Durch die Konzentration auf die Hauptfi-
gur wird das Publikum quasi hautnah mit
einem anrührenden Einzelschicksal kon-
frontiert, das Identifikation und Mitgefühl
ermöglicht. Bevor Christiane selbst zu
Drogen greift und sich prostituiert, ist sie
längst uneingeschränkte Sympathieträge-
rin. Dagegen bleiben die jugendlichen Ne-
benfiguren mit Ausnahme von Detlev, mit
dem sie sogar einen harten Drogenentzug
versucht, allerdings eher eindimensional
und tauchen nur auf, um die Handlung
voranzutreiben. Die erwachsenen Bezugs-
personen spielen kaum eine Rolle, nicht
einmal Christianes Mutter, die lange nichts
von der Drogenabhängigkeit ihrer Tochter
mitbekommt.
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Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Interview: Annette Hess (1/2)
„Wir haben auf Grundlage Anders als im Film ist Christianes Vater
in der Serie als Figur präsent.
des Buches eine freie, zeitlose Ist er ein Puzzlestück in der Erklärung
Erzählung gestaltet“
der Sucht?
Die Generation von Christianes Eltern war
damals vor allem damit beschäftigt, ihr ei-
Im Gespräch erläutert Annette Hess, Head-Drehbuchautorin der genes Leben in den Griff zu bekommen. De-
Serie Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, warum sie die Geschichte ren Eltern haben noch Diktatur, Krieg und
von Christiane F. neu adaptieren wollte und welche Perspektiven Traumata erlebt, darüber wurde aber zu
sie damit eröffnen möchte. Hause nicht gesprochen. Christianes Eltern
durften ihren Eltern keine Fragen stellen,
haben es daher nicht gelernt, dass man zu
Frau Hess, wie sind Sie auf die Hause miteinander spricht. Kommunika-
Geschichte von Christiane F. gestoßen? tionslosigkeit und Gewalt-Erfahrungen
Mit etwa zwölf Jahren habe ich das Buch tragen wesentlich zur Suchtgenese bei. Es
gelesen und das schlug ein wie eine Bom- ist kein Zufall, dass die Zahl der Süchtigen
be. Die Bedeutung von Drogen und Sucht Ende der 1970er-Jahre förmlich explodiert.
wurden bis dato in der Schule und in den
Medien nicht thematisiert. Einerseits faszi- Ein anderer Erklärungsversuch für
© privat
nierte mich die kompromisslose Clique um suchtkranke Jugendliche lautet oftmals
Christiane F., die sich wagemutig in einer „Perspektivlosigkeit“, die sich aus
7
Parallelwelt bewegte. Zugleich wurde mir wirtschaftlichen Faktoren ableitet. (40)
Die Drehbuchautorin Annette Hess aber auch das Abgründige und das Gefähr- Damit erklärt sich aber nicht, dass Sucht in
(u.a. Weissensee, Ku‘damm 56 und liche bewusst, was dazu führte, dass ich auf unterschiedlichen Milieus gleichermaßen
Ku‘damm 59) hat mit einem Team keinen Fall dazugehören wollte. Trotzdem verbreitet ist. In der Serie gibt es mit Babsi
bestehend aus fünf weiteren Autor/- hatte ich Freunde, die diese Hemmschwel- ein Mädchen, das aus einem wohlhaben-
innen die Geschichte von Christiane le nicht kannten. Ich bin zwar auf dem Dorf den Künstlerhaushalt stammt. Die Mutter
F. neu erzählt. Im Serienformat sieht groß geworden, jedoch ist die damit häufig ist jedoch permanent auf Tournee. Die
sie die Möglichkeit, die Suchtge- assoziierte Idylle ein Irrglauben. Dort wur- Großmutter ist mit der Erziehung überfor-
nese einzelner Figuren genauer zu den ebenfalls Drogen konsumiert. dert. Es gibt Druck, aber leider ebenso eine
beleuchten. emotionale Leere.
Hat Sie die Geschichte von Christiane F.
all die Jahre begleitet? Warum haben Sie die Serie gemeinsam
Ja. Dass ich daraus eine Serie entwickelte, mit einem Team von Drehbuchautor/-
liegt der Kinoerfahrung aus dem Jahr 1981 innen entwickelt?
zugrunde. Ich hatte mich sehr auf den Film Normalerweise arbeite ich allein. Bei der
gefreut und verließ das Kino vollkommen Serie war mir aber auch die Perspektive
enttäuscht. Aus meiner Sicht wurden wich- jüngerer Kolleg/-innen wichtig. Wir waren
tige Aspekte, die zur Drogensucht führten, zu sechst, so konnte jede/-r die Patenschaft
ausgeklammert. Dass die Vorgeschichte für eine jugendliche Figur übernehmen.
nicht thematisiert wurde, hat mich unheim- Konkret sah es so, dass wir uns an mehre-
lich geärgert. Vor einigen Jahren setzte der ren Wochenenden trafen und uns über die
Serien-Boom ein. Ich spürte, dass dies der Psychologie der Figuren austauschten. Wir
richtige Zeitpunkt ist, die Geschichte voll- haben gemeinsam das Handlungsgerüst
ständiger zu erzählen. entworfen. Die Drehbücher zu den einzel-
nen Folgen haben wir aufgeteilt.
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Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Interview: Annette Hess (2/2)
Der Soundtrack der Serie kann mit unsere Entscheidung leichter nachvollzie- die nicht perfekt funktionieren, was heißt,
Dream Pop und Hip-Hop im Hier und hen, mit älteren Schauspieler/-innen zu die ihr Leben nicht im gesellschaftlich ge-
Heute verortet werden. War das arbeiten. forderten Sinne auf die Reihe bekommen.
bewusst von Anfang an so angelegt? Wenn das Verständnis diesen Menschen ge-
Dass die Musik aktuell klingt, entwickelte Welche Herausforderung stellte es genüber zunimmt, wäre ich sehr glücklich.
sich im Austausch mit Regisseur Philipp für Sie als Drehbuchautorin dar, über
Kadelbach. Eine dokumentarische Serie Rausch zu schreiben? Autor:
über Drogensucht in den 1970er-Jahren zu Heroin ist keine Droge, die bunte Bilder Ronald Ehlert-Klein, Theater- und
schreiben, war nicht unser Anliegen. Wir ha- kreiert. Sie betäubt körperlichen und see- Filmwissenschaftler, Assessor des
ben auf der Grundlage des Buches eine freie, lischen Schmerz. Das lässt sich nicht auf Lehramts und kinofenster.de-
zeitlose Erzählung gestaltet, auch Figuren die visuelle Ebene übersetzen. Daraus re- Redakteuer, 19.02.2021
und Biografien erfunden. Beim Schreiben sultierte die Überlegung, dass man den
der Dialoge haben wir auf damals angesagte Figuren nicht anmerken sollte, ob sie gera-
Begriffe wie „dufte“ oder „astrein“ verzich- de high oder nüchtern sind. Denn in ihrem
tet. Das Exemplarische der Geschichte war Alltag geht das auch permanent ineinander
uns wichtig: Wie junge Menschen versuchen, über. Dass es trotzdem surreale Momente
innere Leere und Schmerz durch Drogen zu gibt, beispielsweise in der Szene, als Babsi
betäuben. Wir wollten uns auch bewusst eine Wand wegschiebt, hat etwas mit dem
von der authentischen Anmutung des Films Innenleben der Figuren zu tun. Babsi sehnt
abgrenzen, wo zum Teil Abhängige ohne ihr sich danach, der häuslichen Enge zu ent-
Wissen oder Drehgenehmigung im Hinter- fliehen und direkt in das Nachtleben der
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grund zu sehen sind. Disco Sound einzutauchen. (40)
Auf der Straße hinter dem Bahnhof Ist die Problematik des Drogen-
Zoo, auf der männliche Prostituierte konsums aus Ihrer Sicht nach wie
auf Freier warteten, haben Sie nicht vor aktuell?
gedreht. Stattdessen wurde eine end- Auch wenn die Zahl der Drogentoten lange
los lange Unterführung gewählt. Zeit sank, wird nach wie vor konsumiert.
Ein Ort, der nicht Authentizität vermittelt, Heutzutage geschieht das nicht mehr so öf-
sondern eher metaphorisch für die Pforte fentlich, sondern eher im häuslichen Rah-
zur Hölle steht. Die Schauplätze und die men. Wahrscheinlich geht es heute auch
Musik vermitteln zusammengenommen et- weniger um das Betäuben als vielmehr um
was von einer Zwischenwelt, die historisch das Optimieren der Leistungsfähigkeit. Es
nicht genau verortet werden kann. gibt Studierende, die tagelang wach blei-
ben wollen, um möglichst viel zu lernen.
Anders als im Buch und der filmischen Mir ging es aber nicht darum, eine Serie zu
Adaption sind die Figuren nicht mehr schreiben, die Drogenkonsum propagiert
13/14 Jahre, sondern etwa 16/17 oder verteufelt. Die Ambivalenz, die ich
Jahre alt. Welche Entscheidung steckt beim Lesen des Buches spürte, soll sich
dahinter? übertragen, denn die ist Vielen vertraut.
Früher wurden Kinderrollen manchmal
skrupellos besetzt. Wir hätten mit einer zu Was können Jugendliche anhand
jungen Besetzung bei dem Stoff ein ungu- der Serie lernen?
tes Gefühl gehabt. Als Kind kann man die Was eine gute Serie leisten kann, ist – etwas
Handlung nicht reflektieren. Schaut man prosaisch gesagt – Empathie-Training. Kon-
sich die Biografien ehemaliger Kinderstars kret wünsche ich mir, dass die Zuschauen-
an, die Abstürze durchlitten, kann man den Mitgefühl für Menschen entwickeln,
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Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Hintergrund: Zwei Adaptionen von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ – Faszination und Abschreckung (1/2)
Drastischer Realismus:
„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“
im Kino
Die Verfilmung von Ulrich Edel wurde 1981
unter dem Begriff der Abschreckung dis-
kutiert. Manchen Experten und Expertin-
© 2017 EuroVideo Medien GmbH. Alle Rechte vorbehalten
nen aus Schule und Drogenberatung kam
der Film trotz seiner Drastik noch poten-
ziell „stimulierend“ (Ulrich Koch) vor. Die
Filmkritik wiederum fand ihn zu pädago-
gisch – beispielhaft etwa Hans C. Blumen-
bergs Kritik in der ZEIT: „Edels Haltung,
die ich ehrenwert finde, aber wirklich nur
ehrenwert, ist […] die des distanzierten
Erwachsenen, der sich vor jeder Einstel-
lung genau überlegt, welchen Schaden er
anrichten könnte, wenn er etwas anderes
zeigt als eine endlose Folge von klinischen
Schreckensbildern.“ Vierzig Jahre spä-
ter scheint sich die Neuverfilmung Wir
ZWEI ADAPTIONEN VON Kinder vom Bahnhof Zoo, eine Miniserie
unter der Regie von Philipp Kadelbach, de-
9
(40)
„WIR KINDER VOM BAHNHOF monstrativ von dieser Ästhetik abzugren-
zen. Wo der Kinofilm Suchtverhalten mit
ZOO“ – FASZINATION UND hartem Naturalismus inszeniert, imagi-
ABSCHRECKUNG
niert die Serie in stilisierter Form eine halb
historisch, halb gegenwärtig gezeichnete,
drogenaffine Jugendkultur. Mit ihren Dar-
In ihrer Adaption des Bestsellers über Christiane F. verfolgen stellungen von Milieu, Rausch und Sucht
der Film (1981) und die Serie (2021) nahezu entgegengesetzte Konzepte. nehmen die zwei Adaptionen auch unter-
schiedliche Positionen
Durch die Nähe zu den realen Ereig-
Als Christiane F. – Wir Kinder vom Bahn- präventiv über Drogensucht aufzuklären. nissen der Jahre 1976/77 berührte die
hof Zoo 1981 in den westdeutschen Kinos Zugleich übten Christianes Erfahrungen Kinoproduktion die immer noch akute
anlief, war die Story des Films weithin be- auf Jugendliche eine Faszination aus, die Problematik der Heroin-Verbreitung und
kannt. Das gleichnamige Buch (1978), ver- durchaus als Gefahr gehandelt wurde. Die der zunehmenden Drogentoten unter Min-
fasst von den STERN-Journalisten Kai Her- „Bibel der Turnschuhgeneration“ wurde derjährigen. Von Christianes Idol David
mann und Horst Rieck nach Interviews mit das Buch in der ZEIT genannt; DER SPIEGEL Bowie, der damals selbst in West-Berlin
der Jugendlichen Christiane Felscherinow, verglich es mit Goethes „Die Leiden des lebte, ist der Begriff „Welthauptstadt des
hatte sich millionenfach verkauft – es gilt jungen Werther“. Doch auch wenn junge Heroins“ überliefert. Anknüpfend an die
als erfolgreichstes Sachbuch in der Nach- Leser/-innen fortan mit touristischer Neu- spezifisch berlinerische Authentizität des
kriegszeit der Bundesrepublik. Als abschre- gier zum Bahnhof Zoo pilgerten, der bald Buches filmten Edel und Produzent Bernd
ckendes Beispiel machte der Bericht der schon nicht mehr Treffpunkt der Szene war, Eichinger an den Originalschauplätzen: Sie
Teenagerin eine breitere Öffentlichkeit auf schuf das Beispiel der Christiane F. mehr zeigen die reale Rock-Diskothek Sound,
die „Heroin-Welle“ der 1970er-Jahre auf- Bewusstsein für die Gefahren von harten die „Fixer-Meile“ hinterm Bahnhof Zoo,
merksam. Schnell war die Geschichte auch Drogen als einen Nachahmungseffekt. den „Babystrich“ auf der Kurfürstenstraße.
im Schulunterricht der Stoff der Wahl, um Auch sonst setzt der Film auf realisti-
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Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Hintergrund: Brecht und das Kino (2/2)
sche Stilmittel. Das betrifft die Besetzung mit 13 Jahren die erste Spritze Heroin, mit tet, ihre Herkunft aus sozial unterschiedli-
der Hauptrolle mit der zu Drehbeginn erst 14 Jahren Abhängigkeit und Prostitution chen, aber gleichermaßen dysfunktionalen
13-jährigen Natja Brunckhorst sowie wei- – gibt es zumindest in Deutschland offenbar Familien: traumatische Motive für den Weg
teren Schüler/-innen im tatsächlichen Alter kein signifikantes Milieu mehr. in die Sucht. Kadelbach und seine Headau-
der Figuren. Es gilt für die unglamourösen torin Annette Hess konzentrieren sich ganz
Kostüme, die geflickten Schlaghosen der Drogenkids im Retro-Look: auf das Innenleben der Figuren, ersetzen
sich prostituierenden Drogenabhängigen Serienadaption von 2021 die pädagogische Distanz ihres Vorgängers
und Christianes Ausgeh-Outfit mit kindli- Vor diesem Hintergrund ist der erzähle- durch Identifikationsangebote.
chen Ringelsocken in den Stöckelschuhen rische Spagat der Serie zu sehen, die Ge-
der Mutter. Es zeigt sich in den langen To- schichte einerseits im historischen Set- Rausch in surreale Welten
talen und im natürlichen Licht der Bilder, ting zu belassen, in dem sie sich ereignet Schon aus dem Casting älterer Darsteller/-
dem schummrigen Halbdunkel von U- hat, anderseits aber mit der Inszenierung innen ergeben sich andere Vorzeichen: Wo
Bahnsteigen und öffentlichen Toiletten. an die vermeintliche Lebenswelt heutiger im Film eine 13-Jährige vor allem als Opfer
Teenager anzuknüpfen. Christiane F. als des Rauschgifts erscheint, können die rei-
Zeitlos oder Zeitgeschichte: Ist „Lifestyle“: Das ist die Ästhetik, in der die feren Figuren der Serie auch als selbstver-
Christiane F. noch relevant? neuen Kinder vom Bahnhof Zoo präsen- antwortliche Drogenkonsumierende gese-
Auf einige dieser Realitätseffekte kann die tiert werden. Mit Vintage-Klamotten und hen werden. Etwa bis zur Hälfte der acht
Serie schon deswegen nicht zurückgreifen, lässigen Posen ähneln die Darsteller/-in- Episoden werden Drogen auch nicht als
weil sich das (West-)Berliner Stadtbild in 40 nen, allesamt professionelle Schauspieler/- Suchtgefahr, sondern eher als sinnlicher
Jahren extrem gewandelt hat. Angesichts innen um die 20, eher Influencer/-innen als Erfahrungsschatz inszeniert. Filmästhe-
der veränderten Entwicklung des Drogen- Drogenabhängigen. Im „Heroin-Chic“ steht tisch wird der Rausch verfremdet: Die Figu-
10
konsums mussten sich die Serienmacher/- das Serien-Ensemble für ein Werbefoto vor ren gleiten in magische Sphären, die meist (40)
innen aber auch fragen: Welche Relevanz einer Altbaufassade. Diese Stilisierung soll schöner und sinnlicher als die Realität sind.
hat Christiane F. noch für Menschen, die nicht historisch akkurat sein, sondern ein Die Faszination, die in dieser Rauschäs-
im neuen Jahrtausend geboren wurden? Retro-Gefühl hervorrufen, das auf eine thetisierung steckt, lässt sich vielleicht mit
Lässt sich die zeithistorisch spezifische zeitlose Vergangenheit rekurriert: Die Dro- der Inszenierung von Christianes erstem
Geschichte der Kinder vom Bahnhof Zoo genkids vom Bahnhof Zoo sind heute Berli- Heroin-Kontakt illustrieren. Im Kinofilm,
als zeitloser Klassiker inszenieren? Hero- ner Pop-Folklore. In der anachronistischen wie im Buch, schnieft sie nach dem Bowie-
in wird zwar weiterhin konsumiert, aber Ausstattung, Straßen und Plätze werden Konzert „Äitsch“ auf einer Autorückbank.
kaum noch von Jugendlichen. Die Drogen- nur spärlich historisiert, wirken konkre- Vor der Spritze hat sie noch Respekt. „Ich
affinitätsstudie von 2019 belegt, dass unter te 1970er-Jahre-Details daher eher fehl mach das einmal und dann ist Schluss.“ In
den 12- bis 17-Jährigen genau einer der be- am Platz – zum Beispiel ein Luftgitarren- der Serie wird diese Szene jedoch in eine
fragten Jugendlichen überhaupt Erfahrun- Wettbewerb im Ambiente eines modernen surreale Parallelwelt versetzt: Zufällig ge-
gen mit Heroin hatte, was (abgerundet) ei- Techno-Clubs. langt Christiane während des Konzerts
nem statistischen Wert von 0,0 Prozent für An Edels Film kritisierte das Feuilleton in den Backstage-Raum von Bowie. Eine
die Altersgruppe entspricht; in der Gruppe damals, dass er vor lauter Abschreckungs- Fantasiegestalt mit Hundeschnauze, dem
der 18- bis 25-Jährigen sind es 0,3 Prozent. ästhetik keine Empathie für seine Figuren Haustier ihres Vaters ähnlich, erscheint
Die Tendenz ist seit Jahren rückläufig, wohl zeige. Tatsächlich bleibt seine Kamera auf in einem schwarzen Umhang und serviert
auch, weil Heroin aus den Clubs, wo Chris- Distanz, die filmische Erzählung in der Au- Heroin buchstäblich auf dem Silbertablett.
tiane noch mit der Droge in Kontakt kam, ßenperspektive. Ständig zeigt Edel, wie Und während ein Indie-Popsong auf dem
schon lange verschwunden ist. Stattdes- die Abhängigen sich eine Spritze setzen, Soundtrack das „party girl“ besingt, gleitet
sen ist in der Clubkultur ein diversifizierter nie jedoch visualisiert er den subjektiven in weichgezeichneten Bildern eine Kanüle
Konsum von Drogen mit (tendenziell) weni- Rausch. Die Serie wird hingegen überall in Christianes Arm.
ger Abhängigkeitspotenzial verbreitet, und da ausführlich, wo der Film verknappt.
zwar deutlich mehr unter jungen Erwach- Dramaturgisch zur Ensemble-Erzählung Autor:
senen als unter Jugendlichen. Für eine erweitert, werden etwa die Hintergründe Jan-Philipp Kohlmann, freier Redakteur
„Drogenkarriere“ wie die der Christiane F. – von Christiane, Babsi und Stella beleuch- und Filmjournalist, 19.02.2021
www.kinofenster.deFilm des Monats Februar 2021
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Hintergrund: Von der Abstinenz zur Akzeptanz (1/3)
den Nationalsozialismus geprägte deutsche
Alltagskultur ihrer Elterngeneration“ setzen
wollten. (Vgl. Tilmann Holzer, Die Geburt der
Drogenpolitik aus dem Geist der Rassenhy-
giene. Deutsche Drogenpolitik von 1933 bis
1972, Norderstedt 2007, S. 445). Aber was
die Jugendlichen und jungen Erwachsenen
© picture alliance/Christophe Gateau/dpa
als Symbol der Freiheit betrachteten, drama-
tisierten große Teile der Öffentlichkeit, der
Medien und der Politik zunehmend zu einem
Kulturkampf: „Der allgemeine Gesellschafts-
konflikt wurde am Drogenproblem festge-
macht, der Konsum von Marihuana und LSD
wurde zu einem Symbol des Jugendprotests
und damit zu einem Sündenbock für Ver-
wahrlosung und Sittenverfall stilisiert, so
dass die Forderungen nach härteren staat-
lichen Sanktionen, die die Ausweitung des
Drogenkonsums unterbinden sollten, immer
HINTERGRUND VON DER lauter wurden.“ (Axel Groenemeyer, Drogen,
ABSTINENZ ZUR AKZEPTANZ
Drogenkonsum und Drogenabhängigkeit,
11
in: ders./Günter Albrecht (Hrsg.), Handbuch (40)
Soziale Probleme, Bd. 1, Wiesbaden 2012, S.
Der Hintergrundtext beleuchtet die wechselvolle Geschichte der 433–493, hier: S. 446f.)
Drogenpolitik und Suchthilfe in der Bundesrepublik Deutschland. Als eine der Maßnahmen des von der
Bundesregierung beschlossenen „Aktions-
programms zur Bekämpfung der Rausch-
Hinweis: Bei diesem Artikel handelt Diskurs. Die wenigen Opium- und Morphin- giftsucht“ wurde am 22. Dezember 1971
es sich um die gekürzte Fassung eines abhängigen waren entweder Kriegsvetera- im Deutschen Bundestag das Betäubungs-
Aufsatzes von Henning Schmidt-Semisch, nen, die mit Opiaten medizinisch behandelt mittelgesetz (BtMG) verabschiedet, wel-
der im November 2020 in Aus Politik wurden, oder die so genannten ‚Klassi- ches das Opiumgesetz von 1929 ablöste.
und Zeitgeschichte (APuZ) zum Thema schen Morphinisten‘: Diese Personen (u.a. Das neue Gesetz bezog mehr Substanzen
„Rausch und Drogen“ erschienen ist. Ärzte und Ärztinnen, Pflegende, Apothe- in seinen Geltungsbereich ein, weitete die
Den vollständigen Text inklusive aller kerinnen und Apotheker) hatten einen pri- Befugnisse von Bundesgesundheitsamt
Quellenangaben finden auf der Websi- vilegierten Zugang zu Opiaten, versuchten sowie Bundesopiumstelle aus, erhöhte
te der Bundeszentrale für politische aber zugleich, ihren Konsum zu verbergen. die Höchststrafen für Drogendelikte von
Bildung: https://www.bpb.de/apuz/ Diese Situation änderte sich ab der zwei- drei auf zehn Jahre Freiheitsentzug und
rausch-und-drogen-2020/321820/wegmar- ten Hälfte der 1960er Jahre grundlegend, schränkte das Recht auf Postgeheimnis so-
ken-der-deutschen-drogenpolitik-und- denn nun sorgte ein völlig neuer Typus an wie das Grundrecht der Unverletzlichkeit
suchthilfe Konsumierenden für Aufsehen: Es waren der Wohnung beim Verdacht auf Drogen-
nun nicht mehr integrierte Erwachsene oder delikte ein. Zehn Jahre später wurde das
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Kriegsveteranen, die ihren Konsum zu ver- BtMG durch das Gesetz zur Neuordnung
existierte in Westdeutschland bis Mitte der bergen trachteten, sondern junge Menschen, des Betäubungsmittelrechts reformiert,
1960er Jahre kein Drogenproblem im heu- die sich als Protestbewegung formierten und das am 1. Januar 1982 in Kraft trat und die
tigen Sinne, und zwar weder mit Blick auf unter anderem mit ihrem Drogenkonsum Strafobergrenze von zehn auf 15 Jahre Frei-
die Zahl der Konsumenten und Konsumen- ein öffentliches Zeichen der Rebellion gegen heitsstrafe erhöhte.
tinnen noch in Bezug auf den öffentlichen das etablierte Bürgertum und die „durch
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Hintergrund: Von der Abstinenz zur Akzeptanz (2/3)
Mit den beschriebenen Gesetzesänderun- und viertens die Nachsorge, das heißt die matisch eingeschätzt, weil sie Hilfe insbe-
gen hatte sich eine auf Verbote und Strafen anschließende Betreuung sowie Hilfe bei sondere für diejenigen ausschloss, die ihr
setzende Drogenpolitik durchgesetzt. Dies der Arbeitsplatz- und Wohnungssuche. Konsumverhalten nicht verändern konnten
gab selbstverständlich auch den therapeu- Allerdings gerieten die Langzeittherapi- oder wollten. Die so bezeichneten „Jun-
tischen Möglichkeiten einen bestimmten en spätestens seit Mitte der 1980er Jahre kies“ waren einer wachsenden sozialen
Rahmen vor. in die Kritik. Ein wichtiger Punkt war dabei, und gesundheitlichen Verelendung ausge-
dass die Betroffenen nicht mehr, wie noch setzt, was allerdings auch das erklärte Ziel
Abstinenzparadigma und in den Release-Gruppen üblich, als gleich- der damaligen Drogenpolitik war: Die soge-
Suchthilfe gestellte Kollektivbewohner und -bewoh- nannte Leidensdruck-Theorie ging davon
Als zu Beginn der 1970er Jahre die Zahl der nerinnen angesehen wurden, sondern nun aus, dass eine therapeutische Behandlung
Opiat- beziehungsweise Heroinabhängigen zum „Objekt berufsmäßiger und therapeu- erst in dem Moment aussichtsreich sein
und damit auch die der Einweisungen stieg, tischer Intervention“ geworden waren. könne, wenn in gesundheitlicher und sozi-
waren die traditionellen psychiatrischen Ein weiterer Kritikpunkt war das vom aler Hinsicht ein Tiefpunkt erreicht und die
Anstalten mit dem Andrang der Drogen- Gesetzgeber ausgegebene Motto „Therapie Lebenssituation negativ zugespitzt sei.
konsumierenden völlig überfordert. Die statt Strafe“: Der Paragraf 35 BtMG sah vor,
Rückfallquoten wurden mit 98 bis 100 Pro- dass eine Gefängnisstrafe durch die Auf- Der lange Weg zur Akzeptanz
zent eingeschätzt. nahme einer Therapie umgangen werden Die Kritik an dieser abstinenzorientierten
Als Reaktion entstanden Anfang der konnte. Dies führte dazu, dass sich 70 bis und kriminalisierenden Drogenpolitik fand
1970er Jahre sogenannte Release-Gruppen, 80 Prozent der Betroffenen aufgrund straf- allerdings erst nachhaltigen Widerhall, als
die insbesondere emanzipatorische Ziele rechtlichen Zwangs in eine solche Therapie in der ersten Hälfte der 1980er Jahre im-
verfolgten und vor allem alltagspraktische begaben, weshalb der Vorwurf laut wurde, mer deutlicher wurde, dass der intravenöse
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Angebote vorhielten: Beratungs- und Kom- das Schlagwort „Therapie statt Strafe“ ziele Drogenkonsum zahlreiche HIV-Infektionen (40)
munikationszentren, Übernachtungsmög- eigentlich auf „Therapie als Strafe“. Unter- bedingte: Unsterile Spritztechniken, die ge-
lichkeiten, Wohn- und Werkstattkollektive, mauert wurde diese Kritik durch die seiner- meinsame Benutzung der Spritzen (needle
ambulante medizinische Versorgungsstel- zeit in Paragraf 36 Absatz 1 BtMG enthalte- sharing) sowie eine im Allgemeinen deso-
len und Kriseninterventionszentren. Aller- ne Vorschrift, dass entsprechende staatlich late physische, psychische und soziale Si-
dings stellten viele dieser Initiativen ihre anerkannte Therapieeinrichtungen sicher- tuation machte große Teile der intravenös
Arbeit bald wieder ein, weil es ihnen an zustellen hätten, dass in ihnen die freie Drogenkonsumierenden zu prädestinier-
staatlich-finanzieller Unterstützung man- Gestaltung der Lebensführung erheblichen ten Opfern des Virus. Mit schlichter Repres-
gelte. In der Folge wurden die Release- Beschränkungen unterliege – eine For- sion, so begannen Teile der Drogen- und
Gruppen von den stationären Langzeitthe- derung, der die Einrichtungen durchaus Suchthilfe zu erkennen, war es nicht mehr
rapien abgelöst, die von Fachkliniken oder nachkamen: Berichtet wurde von erniedri- möglich, dem Elend der Betroffenen, aber
anderen spezialisierten Einrichtungen – genden Aufnahmeritualen, Ausgangs- und auch den Ängsten in der Bevölkerung zu be-
überwiegend in der Trägerschaft der großen allgemeinen Kommunikationsbeschrän- gegnen: „Die Bedrohung durch AIDS wurde
Wohlfahrtsverbände – angeboten wurden. kungen, Kontaktsperren, konfrontativen gewissermaßen zur Befreiung der Diskus-
In der zweiten Hälfte der 1970er und vor Methoden, ausgeprägten Hierarchiestruk- sion.“ (Irmgard Eisenbach-Stangl/Klaus
allem in den 1980er Jahren waren diese turen sowie Privilegien- und Disziplinie- Mäkelä/Henning Schmidt-Semisch, Gesell-
Einrichtungen Bestandteil der sogenann- rungssystemen. schaftliche Reaktionen auf Drogenkonsum
ten therapeutischen Kette; Drogenfreiheit Scharfe Kritik wurde nicht zuletzt auch und Drogenprobleme, in: Ambros Uch-
sollte durch das Durchlaufen mehrerer an der mangelnden Effizienz der Langzeit- tenhagen/Walter Zieglgänsberger (Hrsg.),
Stufen erreicht werden. Diese waren: Ers- therapien geübt. Zum einen standen den Suchtmedizin. Konzepte, Strategien und
tens die Drogenberatung, zweitens der geschätzten 50.000 bis 100.000 Opiatab- therapeutisches Management, München
körperliche Entzug; drittens die stationäre, hängigen gerade einmal 2.000 bis 3.000 2000, S. 150–161, hier: S. 159)
durchschnittlich 18 Monate dauernde Lang- Plätze in Langzeittherapien gegenüber, In den folgenden Jahren etablierte sich
zeittherapie, in der vor allem mittels ver- zum anderen lag ihre Erfolgsquote nur bei neben der weiterbestehenden abstinenzo-
haltenstherapeutischer Ansätze eine dro- maximal 30 Prozent. Die Selektivität dieser rientierten die sogenannte akzeptanzorien-
genfreie Identität aufgebaut werden sollte; Hilfeform wurde auch deshalb als proble- tierte beziehungsweise akzeptierende
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Hintergrund: Von der Abstinenz zur Akzeptanz (3/3)
Drogenarbeit. Um die Betroffenen früher und soziale Situation der Betroffenen, ver- Resümee
und besser zu erreichen, aber auch um sie minderte das Risiko von Überdosierungen Das 20. Jahrhundert war drogenpolitisch
in den zu konzipierenden Behandlungs- sowie von HIV- und anderen Infektionen betrachtet das Jahrhundert der globalen
und Beratungszusammenhängen länger zu und senkte bis zu einem bestimmten Grad Drogenverbote. Die deutsche Drogenpolitik
halten, suchten Sozialarbeiter und Sozial- auch Beschaffungsprostitution und -krimi- der 1970er und 1980er Jahre zielte auf die
arbeiterinnen nun den direkten Kontakt zu nalität. Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich konsequente Verhinderung jeden Drogen-
den Konsumierenden. Diese den Drogen- die Substitutionsbehandlung zunehmend konsums und machte die dokumentierte
gebrauch akzeptierenden Formen der Hil- etabliert, sodass 2019 in Deutschland 2607 Abstinenz zur Voraussetzung von Hilfeleis-
fe zielten konzeptionell einerseits auf die substituierende Ärzte und Ärztinnen rund tungen. Seit den 1990er Jahren etablierte
Aufhebung der Ausgrenzung, andererseits 79.000 gemeldete Substitutionspatienten sich nach und nach die akzeptierende Dro-
aber vor allem auch auf die Vermeidung und -patientinnen versorgten. genpolitik, deren Angebote eindrücklich
oder Verringerung der gesundheitlichen Die Erfolge der Substitutionsbehand- zeigten, dass ein Weniger an Repression
und sozialen Verelendung: „Unter den lung führten bald zur Frage, ob nicht auch und erzwungener Abstinenz ein Mehr an
Stichworten ‚niedrigschwellige‘, ‚suchtbe- die Vergabe von Originalsubstanzen, Gesundheit bei den Drogenkonsumie-
gleitende‘ oder ‚akzeptierende‘ Drogenar- also Heroin (Diamorphin) oder Morphin, renden bewirkt. Das wiederum ist ein An-
beit ging es neben der Absenkung zu hoher hilfreich sein könnte, zumal es auch hier satzpunkt unter anderen, der ebenso von
Schwellen darum, Hilfegewährung nicht erfolgreiche Beispiele aus England und Befürwortern und Befürworterinnen einer
mehr an einen Abstinenzwillen zu knüp- Holland gab. Im Mai 2009 stimmte der legalen Regulation von Drogen ins Feld ge-
fen, sondern ‚voraussetzungslose‘ Hilfe als Deutsche Bundestag der Heroinvergabe führt wird. Auch die Debatte über Entkrimi-
Ergänzung zum Drogenfreiheitsparadigma im Rahmen der Regelversorgung und da- nalisierung und legale Regulierungen von
zu leisten.“ (Heino Stöver, Drogenarbeit, in: mit sogenannten Diamorphinambulanzen Drogen wird bereits seit den 1990er Jahren
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Rudolf Bauer (Hrsg.), Lexikon des Sozial- zu. Allerdings hat dies bis heute (noch) geführt. Es ist zu hoffen, dass entsprechen- (40)
und Gesundheitswesens, München–Wien nicht zu einem umfassenden Angebot de Überlegungen die Drogenpolitik des 21.
1992, S. 461–466, hier S. 465) Im Vorder- geführt, nur in zehn Städten finden sich Jahrhunderts prägen.
grund stand die Sicherung des Überlebens entsprechende Vergabestellen, in denen
der Klientel sowie die Verringerung von allerdings nur etwa ein Prozent der Sub- Autor:
Risiken beim intravenösen Drogenkonsum stitutionspatienten und -patientinnen in Henning Schmidt-Semisch, Professor
(harm reduction). Die Angebote reichten Deutschland eine Behandlung mit Diamor- am Institut für Public Health und
von Aufenthalts- und Übernachtungsein- phin erhalten. Pflegeforschung (IPP) der Universität
richtungen über Spritzen- und Kondom- Eine weitere institutionalisierte Form Bremen, 19.02.2021
vergabe bis hin zu medizinischer Basishilfe, der akzeptierenden Drogenarbeit sind die
Rechts- und Sozialhilfeberatung sowie Kri- sogenannten Drogenkonsumräume (DKR).
senintervention. In diesen Räumen können Drogen (Heroin,
In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre Kokain, Crack und anderes mehr) unter
begann der Widerstand der Politik, aber hygienischen und kontrollierten Bedin-
auch der deutschen Ärzteschaft gegen die gungen konsumiert werden. Auch wenn
Substitutionsbehandlung allmählich zu die hier konsumierten Drogen weiterhin il-
bröckeln. 1987 beschoss die nordrhein- legal beschafft werden müssen, werden in
westfälische Landesregierung, das erste dem geschützten Setting Infektionen und
wissenschaftlich begleitete Methadonpro- Drogentodesfälle vermieden, der Kennt-
gramm in Deutschland einzuführen, das nisstand zu Risiken des Drogengebrauchs
die positiven Erfahrungen, die man aus den und zu Möglichkeiten eines safer use ver-
USA, Großbritannien oder den Niederlan- bessert sowie die Motivation der Betroffe-
den bereits kannte, umfassend bestätigte: nen, weiterführende Hilfe in Anspruch zu
Die Substitution verbesserte und stabi- nehmen, erhöht. Derzeit gibt es 28 DKR in
lisierte die gesundheitliche, psychische 17 Städten in acht Bundesländern.
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Anregungen: Außerschulische Filmarbeit zu Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – Spielfilm und Serie (1/2)
AUSSERSCHULISCHE FILMARBEIT
ZU Wir Kinder vom Bahnhof Zoo –
SPIELFILM UND SERIE
Vorschläge für die freie Bildungsarbeit zum Spielfilm Christiane F. – Wir Kinder vom
Bahnhof Zoo und zur Serie Wir Kinder vom Bahnhof Zoo für Jugendliche ab 16 Jahren
Porträts der am Film Beteiligten
Zielgruppe Thema Sozialform/Inhalt
Jugendliche Definition des Begriffs Droge Was ist eine Droge? Welche Drogen sind illegal?
ab 16 Jahren Im Gruppengespräch Vorwissen der Jugendlichen aktivieren.
Anschließend Erklärung der Drogen-Definition der Weltgesund-
heitsorganisation (WHO) https://www.spektrum.de/
lexikon/neurowissenschaft/drogen/3024 und des Betäubungs-
mittelgesetzes https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/
recht-a-z/323147/betaeubungsmittelgesetz-btmg vornehmen.
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(40)
Heroin Wie wirkt Heroin? Wie wird es hergestellt?
Die Themen werden von den Jugendlichen arbeitsteilig in Klein-
gruppen recherchiert und anschließend präsentiert.
Folgende Artikel können als Grundlage der Recherche benutzt
werden:
Wirkung des Heroins:
bpb.de: Der Preis des Highs (unter „Opioide“)
https://www.bpb.de/apuz/rausch-und-drogen-2020/321816/
der-preis-des-highs-wirkungen-psychotroper-substanzen
Anbau des Heroins:
tagesspiegel.de: Weniger Opium, mehr Heroin.
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panora-
ma/drogen-weniger-opium-mehr-heroin/13780162.html
Drogensucht bei Jugendlichen Was sind Gründe für die Drogensucht bei Jugendlichen?
Wie kann betroffenen Jugendlichen geholfen werden?
Gemeinsames Lesen und Besprechen des Interviews mit Cons-
tanze Fröhlich (Jugend- und Familienhilfe-Einrichtung Escape)
https://www.kinofenster.de/filme/archiv-film-des-monats/
kf1901/kf1901-beautiful-boy-interview-constanze-froelich/).
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Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Anregungen: Außerschulische Filmarbeit zu Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – Spielfilm und Serie (1/2)
Christiane F. – Wir Kinder Wer ist Christiane F.? Was ist der Hintergrund des Spielfilms
vom Bahnhof Zoo Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (BRD 1981, Regie:
Ulrich Edel)?
Gemeinsames Sichten des rbb-Beitrags zum Start des Films
https://www.berlin-mauer.de/videos/schock-film-ueber-
christiane-f-746/ und des Beitrags des Magazins „Abend-
schau“ aus dem Jahr 1978 https://www.rbb-online.
de/abendschau/55_jahre_abendschau/50_jahre_in_50_ta-
gen/1978_1987/das_jahr_1978.html (ab Min. 1:21). Opti-
onal: Sichtung des Spielfilms Christiane F. – Wir Kinder
vom Bahnhof Zoo und anschließende Besprechung.
Die Serie Wir Kinder vom Was erwartet ihr von der Neuverfilmung der Serie?
Bahnhof Zoo Sichten des Trailers https://www.youtube.com/
watch?v=7bCjhMCYLIs und blitzlichtartige Besprechung erster
Erwartungen. Anschließend Lesen des Interviews mit Annette Hess
(S. 7) und vertiefende Erörterung der Erwartung an die Serie.
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Die jugendlichen Hauptfiguren Was erfahrt ihr über die Lebensumstände der sechs (40)
Hauptfiguren?
Sichten der ersten beiden Episoden. Arbeitsteiliges Achten auf
die Figuren Christiane, Stella, Babsi, Benno, Axel und Michi.
Anschließend Besprechung der Figurenzeichnung und Erörte-
rung, welche Faktoren zu ihrer Suchterkrankung beitragen.
Zeit der Handlung Wann spielt die Serie?
Achten auf Schauplätze, Requisiten, Kostüm und Filmmu-
sik. Zeitliche Einordnung im anschließenden Gespräch pro-
blematisieren. Siehe dazu auch Aufgabe 3 des Arbeitsblatts
sowie das Kinofenster-Interview mit Annette Hess (S. 7).
Kurzkritik Würdet ihr Wir Kinder vom Bahnhof Zoo euren Freunden
empfehlen? Warum (nicht)?
Untersuchung erzählerischer und filmästhetischer Mit-
tel. Anschließend diese Aspekte mündlich zusammen-
hängend darlegen, beispielsweise in Form einer Sprach-
nachricht, die 90 Sekunden nicht überschreitet.
Autor:
Ronald Ehlert-Klein,
Theater- und Filmwissenschaftler,
Assessor des Lehramts und
kinofenster.de-Redakteur, 19.02.2021
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Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Arbeitsblatt: Aufgabe zum Spielfilm Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – Aufgabe 1/Didaktisch-methodischer Kommentar
Aufgabe 1
AUFGABE ZUM SPIELFILM
Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
(BRD 1981, REGIE: ULRICH EDEL)
Didaktisch-methodischer Kommentar
Hinweis: Den Filmausschnitt für dieses Arbeitsblatt finden Sie als Videostream unter:
https://www.kinofenster.de/filme/aktueller-film-des-monats/kf2102-wir-kinder-vom-bahnhof-zoo-arbeitsblatt/
– Lernprodukt/Kompetenzzuwachs:
Schülerinnen und Schüler erstellen einen
Die in den Häusern, in den Treppenhäusern.
Was sollen die Kinder denn machen, wenn
Fächer: Kommentar als Podcast oder Videoblog. sie draußen spielen und mal müssen? Bis
Deutsch, Psychologie ab Klasse 11, Der Schwerpunkt liegt in Deutsch auf dem der Fahrstuhl kommt und sie im 11. oder
ab 16 Jahren Sprechen, in Psychologie auf der Kommu- 12. Stock sind, haben sie schon längst in die
nikation. Fächerübergreifend erfolgt eine Hose gemacht und bekommen Prügel. Da
vertiefende Auseinandersetzung mit der machen sie lieber gleich in den Hausflur.“
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Wirkung filmästhetischer Mittel. (40)
In der anschließenden Unterrichtsphase
Didaktisch-Methodischer Kommentar: erfolgen die Charakterisierung der Prota-
Nach ersten Vorüberlegungen zu Such- gonistin sowie die Untersuchung der fil-
terkrankungen bei Jugendlichen sehen mästhetischen Mittel und ihrer Wirkung.
die Schüler/-innen die Anfangssequenz In der darauffolgenden Gruppenarbeit re-
des Spielfilms Christiane F. – Wir Kinder cherchieren die Schüler/-innen zur Rezep-
vom Bahnhof Zoo (0:00:00 – 0:02:35). Die tion des Films Christiane F. – Wir Kinder
Einstellung zeigt das Gesicht der Protago- vom Bahnhof Zoo, biografische Daten zur
nistin Christiane sowie den Hausflur und realen Person Christiane F. und zu Suchter-
Eingangsbereich ihres Wohnhauses. Die krankungen bei Jugendlichen. Sie erken-
Mise-en-scne, Farbgebung und Lichtge- nen, dass die filmische Adaption der litera-
staltung vermitteln einen tristen Eindruck. rischen Vorlage „Wir Kinder vom Bahnhof
Damit korrespondiert das monoton ge- Zoo“ wichtige Aspekte der Suchtgenese
sprochene Voice-Over: „Überall nur Pisse ausklammert. Die Ergebnisse unterschied-
und Kacke, man muss nur genau hinsehen. licher Arbeitsschritte bilden die Grundlage
Egal wie neu und groß von weitem alles für die Erörterung der Frage, inwieweit die
aussieht: mit dem grünen Rasen, den Ein- Bezeichnung Christiane F. – Wir Kinder
kaufszentren … Aber am meisten stinkt es vom Bahnhof Zoo problematisch ist.
Autorin:
Hanna Falkenstein,
Kulturwissenschaftlerin sowie Auto-
rin von pädagogischen Materialien,
19.02.2021
www.kinofenster.deFilm des Monats Februar 2021
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Arbeitsblatt: Aufgabe zum Spielfilm Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – Aufgabe 1 (1/2)
Aufgabe 1
AUFGABE ZUM SPIELFILM
Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
(BRD 1981, REGIE: ULRICH EDEL)
VOR DER FILMSICHTUNG: NACH DER FILMSICHTUNG: h) Finden Sie sich in Kleingruppen
zusammen. Vergleichen Sie Ihre Er-
a) Tauschen Sie sich im Plenum über e) Tauschen Sie sich über Ihre Sichtungs- gebnisse der Aufgabe d). Verfassen Sie
mögliche Gründe aus, warum Jugend- eindrücke aus. Was hat Sie besonders anschließend die Charakterisierung
liche illegale Drogen konsumieren. überrascht und/oder berührt? der Filmfigur. Gehen Sie innerhalb
der Gruppe arbeitsteilig vor. Folgen-
b) Haben Sie bereits das Buch „Wir Kin- f) Fassen Sie die Spezifik der filmäs- de Aspekte sollten Sie beachten.
der vom Bahnhof Zoo“ gelesen oder thetischen Mittel und ihrer Wirkung
haben Sie vom Schicksal der Protago- zusammen. Gehen Sie insbesonde-
nistin Christiane F. gehört? Fassen Sie re auf Schauplätze, Kameraarbeit Hinweise zur
zusammen, was Sie über die Umstän- (Einstellungen, -bewegungen und Charakterisierung einer Filmfigur:
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de ihrer Suchterkrankung wissen. -perspektiven) sowie Musik ein. (40)
1. Fakten zur Figur:
c) Sehen Sie sich die Anfangssequenz NACH DEM FILMBESUCH: Alter, Herkunft, Äußerlichkeiten,
des Films Christiane F. – Wir Kinder Beruf, gesellschaftlicher Status und
vom Bahnhof Zoo an. Stellen Sie dar, g) Diskutieren Sie, inwieweit Sie Filmkri- andere Merkmale, die das Umfeld
was Sie über die Lebensumstände der tiker Hans C. Blumenberg zustimmen, und die Figur näher beschreiben.
Protagonistin erfahren. Interpretieren der 1981 im Wochenmagazin DIE ZEIT
Sie die Stimmung der ersten zweiein- schrieb: „Wenn die Kameraeinstellung 2. Verhalten der Figur:
halb Minuten des Films. Gehen Sie eine Frage der Moral ist, scheint Edels Wie verhält sich die Figur? Wie spricht
dabei unter anderem auf die Bildkom- Moral die eines Ministerialbeamten sie und gibt es dabei Auffälligkei-
position, die Wortwahl des Voice- zu sein: rechtschaffen, phantasielos, ten? Gibt es bestimmte innere Kon-
Overs und den Sprachduktus ein. unbeteiligt. Seine filmischen Mittel flikte oder wichtige Ansichten?
sehen entsprechend aus. Immer,
TC: 0:00:00-0:02:35 wenn etwas Entscheidendes im 3. Entwicklung der Figur:
(Der Timecode bezieht sich auf die Leben der Christiane F. geschieht Hat sich die Figur im Laufe der Erzäh-
DVD-Fassung) (beim Einsteigen ins Auto des ersten lung verändert? Hat sie ihre Ansichten
„Freiers“ etwa), verlangsamt er das über Bord geworfen oder verhält sie
WÄHREND DER FILMSICHTUNG: Bild auf Zeitlupengeschwindigkeit. Ein sich am Ende anders als zu Beginn?
dreifaches !!! an die Adresse der Be-
d) Achten Sie darauf, was sie über das griffsstutzigen und Unmündigen, für
familiäre und schulische Umfeld die der Regisseur sein Publikum hält.“ i) Stellen Sie Ihre Ergebnisse
der Protagonistin sowie über deren im Plenum vor.
Freundeskreis erfahren. Halten Sie
Ihre Ergebnisse unmittelbar nach
der Sichtung stichpunktartig fest.
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