Wissenschaftliche Karriere und Partizipation - WISSENSCHAFTSRAT ÖSTERREICHISCHER
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Wissenschaftliche Karriere
und Partizipation
Wege, Irrwege, Auswege
ÖSTERREICHISCHER
WISSENSCHAFTSRAT03
Inhalt Vorwort/Editorial
Zur Einführung . . . . . . . . . 4 Wissenschaftliche Karriere und Partizipation – was hat
das eine mit dem anderen zu tun? Die Frage sollte um-
Sackgassen
gekehrt lauten: Lassen sich wissenschaftliche Karriere
und Auswege . . . . . . . . . . 6
und Partizipation – gemeint ist die Beteiligung an Pro-
Good Governance – zessen in einer Institution, in der die Karriere stattfin-
die notwendige Verbindung det – voneinander trennen? Und die Antwort ist einfach:
von Karriere und gewiß nicht. Wissenschaft ist nicht nur eine besondere
Partizipation. . . . . . . . . . . 14 Denk- und Forschungsform, sondern stets auch eine
Institution, die ihrerseits Einfluss auf die wissenschaft-
Österreichische
liche Denk- und Forschungsform nimmt. Also gehören
Karrierewege . . . . . . . . . . 15
auch wissenschaftliche Karriere und Partizipation in
Podiumsdiskussion, den Grenzen der Universität, in der der wesentliche Teil
Ausblicke in einer wissenschaftlichen Karriere seinen Ort hat, zu-
Schlaglichtern . . . . . . . . . 17 sammen. Aber wie? Taugen die alten Mitbestimmungs-
strukturen noch? Sollten sie durch neue Strukturen des
To care about ... . . . . . . . . 19
Miteinander in der Universität ersetzt werden?
Diesen und anderen Fragen geht der Österreichische
Wissenschaftsrat in seiner Arbeit nach. Er tut dies in
Form von Stellungnahmen und Empfehlungen gegen-
Impressum:
über der Politik und den Vertretern von Wissenschaft
Herausgeber: Österreichischer Wissenschaftsrat
Liechtensteinstraße 22a und Forschung. Nicht nur. Mit seinen jährlichen Herbst-
1090 Wien tagungen wendet er sich auch an ein größeres, an Wis-
Tel.: 01 / 319 49 99 - 0
senschaft, Forschung und Universität interessiertes
Fax.: 01 / 319 49 99 – 44
Mail: office@wissenschaftsrat.ac.at Publikum. In diesem Jahr ging es um die Jungen in der
Web: www. wissenschaftsrat.ac.at Wissenschaft, um ihre Karriere und um ihre Stellung im
Generalsekretärin: Dr. Ulrike Plettenbacher
Universitätssystem – ein Thema, das auch die österrei-
Sachbearbeiterin: Katharina Führer
chische Universitätspolitik bewegt.
Konzept & Gestaltung:
communicom, film & text
Die Wiener Zeitung berichtet – wie schon im vergan-
Bernd Matouschek, Norbert Regitnig-Tillian
Produktion: genen Jahr zum Tagungsthema „Kooperation und Wett-
Wiener Zeitung GmbH, bewerb“. Der Wissenschaftsrat freut sich über dieses
Wiedner Gürtel 10, 1040 Wien
Engagement, in dem sich zu zentralen Themen die
Geschäftsführer: Mag. Karl Schiessl
Marketing: Wolfgang Renner, MSc wissenschaftliche Reflexion mit der gesellschaftlichen
Grafik & Layout: Richard Kienzl Reflexion verbindet, und über Reaktionen aus einem
weitgefächerten, neuen Leserkreis.
Druck: Berger Druck, 3580 Horn
Photocredit Cover: „Rowing World Championships, Jürgen Mittelstraß
Photo by Richard Heathcote, Getty Images
Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates04 Wissenschaftliche Karriere und Partizipation
Zur Einführung
K
aum eine Veränderung innerhalb der
neueren Universitätsgeschichte ist
so scharf ausgefallen wie diejenige,
die den wissenschaftlichen Nachwuchs be-
trifft. Während noch bis in die Mitte des vergan-
genen Jahrhunderts der universitätspolitische
Akzent mehr oder weniger ausschließlich auf
der professoralen Verfasstheit der Universität
ruhte, diese sich quasi über das Institut des
Professors definierte, sehen die Dinge heute
ganz anders aus. Die wissenschaftliche und
die wissenschaftspolitische Welt sind auf das
Thema wissenschaftlicher Nachwuchs fixiert,
Forschungsprogramme konzentrieren sich
immer nachdrücklicher auf diesen Sektor,
Graduiertenkollegs, Schmieden des wissen-
schaftlichen Nachwuchses, dürfen heute in
keinem Entwicklungsplan und in keiner Exzel-
lenzinitiative mehr fehlen.
Dahinter steht die Einsicht, dass nur mit den
Jungen die Wissenschaft jung bleibt, aber
auch ein institutioneller Wandel der Universi-
tät selbst. Universitäten sind heute von ehe-
mals relativ kleinen Einrichtungen, in denen
die Vertretung eines Faches durch einen
Professor JÜRGEN MITTELSTRASS
ist Vorsitzender des Österreichischen
WissenschaftsratesWege, Irrwege, Auswege 05
„Die universitäre Struktur ächzt, und sie muss sich verändern,
wenn demnächst nicht von verlorenen (Wissenschafter-)
Generationen gesprochen werden muss.“
einzigen Wissenschafter nichts Ungewöhn- rewege: das Erreichen einer Professur. Tatsächlich hat
liches war, zu Großbetrieben geworden, die sich heute bereits ein Flaschenhals zwischen Gradu-
wohl noch von Einzelnen geführt, nicht aber iertenkolleg (der Promotion als erster Stufe auf der wis-
länger durch diese in Forschung und Lehre senschaftlichen Karriereleiter) und Nachwuchswissen-
repräsentiert sein können. Aus Wissenschaft schafterstatus gebildet. Die universitäre Struktur ächzt,
als Berufung weniger ist Wissenschaft als und sie muss sich verändern, wenn demnächst nicht
Beruf vieler geworden. Lehre ist nicht länger von verlorenen (Wissenschafter-)Generationen gespro-
durch ein Meister-Schüler-Verhältnis charak- chen werden muss und sich Lehre und Forschung, vor
terisierbar, Forschung nicht länger durch das allem, wenn man sie in Humboldtschem Geiste zusam-
forschende Subjekt. Aus nahezu ‚privaten‘ menzuhalten sucht, laufend verschlechtern.
Formen des Lehrens ist ‚die‘ Lehre geworden,
aus forschenden Individuen ‚die‘ Forschung Ein Stichwort dafür lautet ‚Partizipation‘. Den Hinter-
(nicht zufällig daher auch auslagerbar in au- grund bildet eine Mitbestimmungsstruktur, die in eine
ßeruniversitäre Einrichtungen). Und da nicht Sackgasse geführt hat, insofern eine Gruppen- oder
alle und sofort Professoren sein können – Kurienstruktur den universitären Willen institutionell
dieser Stand definierte und definiert sich mit teilt bzw. zu einem gemeinsamen Willen, den heute die
gutem Grund über lange Ausbildungs- und Universität dringender denn je benötigt, unfähig ist. Viel-
Leistungswege, um zur Pflege und zum Fort- leicht war schon der Begriff der Mitbestimmung falsch
schritt der Wissenschaft beizutragen –, be- gewählt. Er geht von der Zuständigkeit aller in allen Din-
völkern heute die Universität Wissenschaft- gen aus und übersieht, dass jedenfalls auf dem Felde
ler ganz unterschiedlichen Ausbildungs- und der Wissenschaft, bezogen auf Forschung und Lehre,
Qualitätsstandes. Wissenschaft als Beruf. unterschiedliche Dinge, z.B. wiederum Forschung und
Lehre, unterschiedliche Voraussetzungen mit sich füh-
Und zu dieser personellen und Ausbildungs- ren, die unter Organisationsgesichtspunkten nicht ein-
vielfalt gehört auch der wissenschaftliche fach vernachlässigt werden dürfen. Partizipation sollte
Nachwuchs, der sein Nachwuchsleben oft hier weniger unter Entscheidungsgesichtspunkten als
schon mit Lehr- und Forschungsaufgaben unter Kommunikationsgesichtspunkten gesehen wer-
(meist im engen, oft auch noch fremdbe- den. Das entspricht in der Regel auch den Erwartungen
stimmten Projektrahmen) führt, ohne den der Jungen, des wissenschaftlichen Nachwuchses, wie
die Universität neuer Art gar nicht existieren der Alten. Der eigentliche Sinn von Mitwirkungsstruk-
könnte. Nur folgt daraus noch nicht automa- turen liegt, so könnte man sagen, in der Universalität
tisch eine Mehrung der beruflichen Chancen. von Beratungsprozessen und der Teilnahme an diesen
Fast möchte man sagen: im Gegenteil. Je grö- Prozessen, nicht in der Partikularität von Abstimmungs-
ßer die Zahl der (geförderten) Nachwuchs- und Entscheidungsprozessen und der Teilnahme an
wissenschafter wird, desto schmaler wird diesen. Wäre das nicht auch eine Perspektive für eine
der Weg zum Ziel aller universitären Karrie- neue Gemeinsamkeit in Universitätsdiskursen?06 Wissenschaftliche Karriere und Partizipation
Foto: Universität Innsbruck
Sackgassen
und Auswege
Wissenschaftliche Karrieren sind von einem hohen Grad an Unsicherheit ge-
prägt. Steile Hierarchien, befristete Arbeitsverhältnisse und mangelnde Betei-
ligung an den relevanten Entscheidungen innerhalb der Universität lassen den
Weg junger Forscher und Forscherinnen zu einer Professorenstelle oftmals in
die Demotivation oder gar in eine Karrieresackgasse münden. Experten und
Expertinnen referierten auf der Tagung des Österreichischen Wissenschafts-
rates über den Status Quo und suchten nach Antworten und Auswegen.
W
enn der Schweizer Historiker Caspar Hir- gewünschten Effekte erzielt. Im Gegenteil:
schi, 36, über Karrierechancen junger For- Weil sich Universitäten mehr und mehr über
scher und Forscherinnen im deutschspra- Drittmittel zu finanzieren haben, ist die Zahl
chigen Raum spricht, dann gebraucht er dafür schon der durch die gängigen Projektstrukturen be-
mal den Begriff „Himmelfahrtskommando“. Denn er- fristeten Jobs stark angestiegen. Die Zahl der
stens entscheide sich sehr spät, ob man an der Uni- unbefristeten Stellen in Lehre und Forschung,
versität überleben werde, und zweitens ist die Wahr- vor allem die der begehrten Professorenstel-
scheinlichkeit, dass man überlebt, in den letzten Jahren len, stagniere aber. Die wissenschaftliche
noch geringer geworden. „Universitätskarrieren werden Karriere, seit jeher mit hohem Risiko behaftet,
zunehmend unattraktiver“, sagt Hirschi. „Wenn die Uni- wird so für den einzelnen zum immer riskan-
versitäten nicht neue Wege einschlagen, fallen ihnen teren Hazardspiel.
ganze Kohorten hochqualifizierter Forscher aus dem Karriere-Nadelöhr Vor allem in Deutsch-
System.“ land, der Schweiz und Österreich, wo eine
Hirschi, einer der Redner auf der Tagung des Österrei- ordentliche Professur erst mit Habilitation und
chischen Wissenschaftsrates (ÖWR) mit dem Thema aufwändigem Berufungsverfahren vergeben
„Wissenschaftliche Karriere und Partizipation“, zählt zu wird, ergibt sich so für den wissenschaftlichen
den pointiertesten Kritikern des universitären Karriere- Nachwuchs ein immer enger werdendes Kar-
systems im deutschsprachigen Raum. Für ihn haben riere-Nadelöhr. Auch Erfolg versprechende
die „neoliberalen Reformen“ der letzten Jahre, die New Karrieren, die mit Promotion, Postdoc-Stelle
Public Management, Wettbewerb, Innovation und Ex- und Assistenz begannen, können so zwi-
zellenz an die Universitäten bringen sollten, nicht die schen dem 35. und 45. Lebensjahr ihr jähesWege, Irrwege, Auswege 07
Ende finden. Wen kein Ruf an einen Lehrstuhl samen Forschens und Denkens von Betreuern und
ereilt, dem bleibt oft nur der Weg auf den au- Doktoranden sind konkrete Arbeitsverhältnisse oft weit
ßeruniversitären Arbeitsmarkt. Hochspeziali- entfernt. „Doktorväter“ und „Doktormütter“ betreuen oft
siert und oft schwer vermittelbar. 10 bis 20 und mehr Doktorarbeiten parallel, die Pro-
So wie Hirschi nehmen auch andere Experten motionsdauer ist lang, das Promotionsalter hoch. Statt
und Expertinnen Probleme im Spannungsfeld „strukturierter Promotion“, mit Zwischenbewertungen,
von wissenschaftlicher Karriere und Partizi- Training und konstruktivem Feedback, gibt es - vor
pationsmöglichkeiten im universitären Raum allem in den Geisteswissenschaften - noch immer häu-
wahr. Margret Wintermantel, Präsidentin der fig isoliertes Arbeiten, fernab von Universität und For-
Deutschen Hochschulrektorenkonferenz, sieht schungseinrichtung. Manches Mal, so Wintermantel,
die Probleme schon beim Einstieg in die For- könne man sich nicht des Eindruckes erwehren, dass
scherkarrieren. Denn vom Ideal des gemein- „Doktoranden wie Champignons im Keller gehalten
Foto: Peter Schmidt
Neue Wege der wissenschaftlichen
Nachwuchsförderung 1
Zukunftskolleg Konstanz
Am Zukunftskolleg an der Universität Konstanz ver- bei“, sagt Galizia. Partizipation wird im Zukunfts-
sucht man jungen Talenten ein interdisziplinäres kolleg groß geschrieben. Jede Woche wird ein Jour
Umfeld zu geben und sie schon früh zur Selbstän- fixe veranstaltet, bei dem Mitglieder ihre Arbeit prä-
digkeit zu führen. „Wir führen dabei einen Balance- sentieren. Fellows sind in Gremien eingebunden
akt in der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung und wirken auch im Vorstand des Zukunftskollegs
durch“, sagt der Direktor des Zukunftskollegs, Gio- mit. Fellows organisieren gemeinsam wissenschaft-
vanni Galizia. Insgesamt werden jedes Jahr fünf Fel- liche Workshops oder nehmen an strategischen
lows aufgenommen, die in einem dreistufigen Ver- Überlegungen im Rahmen der Exzellenzinitiative
fahren aus 100 bis 200 Bewerbungen ausgewählt teil. Kriterium für den Weiterverbleib im Zukunfts-
werden. Wer diese kommissionelle Hürde schafft, kolleg ist nach zwei Jahren die erfolgreiche Einwer-
hat die Möglichkeit, in seinem Fachgebiet frei zu bung von Drittmitteln für die eigene Forschung. Das
forschen, eine Gruppe aufzubauen und erste wis- führte schon zu Kritik unter den Mitgliedern. Galizia:
senschaftliche Sporen zu verdienen. Das Zukunfts- „Bis jetzt konnten aber selbst die schärfsten Kritiker
kolleg, das 2007 im Rahmen der Exzellenzinitiative spätestens dann überzeugt werden, wenn ihr An-
gegründet wurde, ist prinzipiell offen für Postdocs trag positiv erledigt wurde.“ Der herzeigbare Erfolg
und Senior Fellows aus den Natur-, Geistes- und des Zukunftskollegs: Mittlerweile wirken bereits 17
Sozialwissenschaften. „Gerade diese Mischung hält von bisher 35 Zukunftskolleg-Mitgliedern als Pro-
den kreativen interdisziplinären Diskurs in Schwung fessoren und Professorinnen an europäischen Uni-
und trägt zur Entwicklung neuer Forschungsfelder versitäten.08 Wissenschaftliche Karriere und Partizipation
Foto: Jörg Lipskoch
Neue Wege der wissenschaftlichen
Nachwuchsförderung 2
Die Junge Akademie
Die Junge Akademie ist eine Initiative der Berlin- weisen können. Dabei sind auch junge Künstler und
Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Künstlerinnen willkommene Mitglieder. Wichtiges
und der Deutschen Akademie der Naturforscher Merkmal der Jungen Akademie, so Wolf: „Sie ist
Leopoldina, gegründet im Jahre 2001. Als Ziele autonom in der Gestaltung ihrer inhaltlichen Arbeit
und Aufgaben setzte sich die Junge Akademie, so und organisiert sich selbst.“ Derzeit existieren neun
Robert Wolf, Professor für Anorganische Chemie Arbeitsgruppen, die Themen von „Ethik in der Pra-
an der Universität Regensburg und Mitglied der xis“ über „Grenzen der Quantentheorie“ bis hin zu
Jungen Akademie, „den interdisziplinären wissen- „Nachhaltigkeit“ und „Kunst als Forschung“ behan-
schaftlichen Diskurs zu fördern und sich auf insti- deln und deren Ergebnisse auch immer wieder zu
tutioneller Ebene gegen paternalistische Geronto- Publikationen führen. Einen weiteren Schwerpunkt
kratie und die Verlustbilanz von Spezialisierung zu der Jungen Akademie bilden Themen aus der Wis-
positionieren“. Insgesamt, so Wolf, sind 50 junge senschaftspolitik, indem die Mitglieder Standpunkte
Forscher und Forscherinnen Mitglied in der Jungen zu Themen wie „Berufungsverfahren“, „Zukunft
Akademie. Die Mitgliedschaft beträgt fünf Jahre. Je- von Forschungsratings“ oder „Europäische Karri-
des Jahr scheiden zehn Mitglieder aus und werden erewege im Vergleich“ erarbeiten. Projekte an der
zehn neue Mitglieder nach einem kommissionellen Schnittstelle zur Gesellschaft sind unter anderem
Auswahlverfahren aufgenommen. Mitglieder kön- Themen wie der Ideenwettbewerb „UniGestalten“
nen prinzipiell alle jungen Postdocs werden, die drei oder eine jährlich durchgeführte „Preisfrage“, die
bis sieben Jahre nach einer herausragenden Pro- sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen be-
motion noch zusätzlich eine exzellente Arbeit vor- schäftigt.
werden“. „Sie werden von der Forschercommunity erst Erfahrungen und Kompetenzen im Lebens-
gar nicht wahrgenommen.“ Von Partizipation und Kom- lauf, die für die weitere akademische Karriere
munikation keine Spur. ausschlaggebend sind.
Ein ähnliches Ergebnis brachte auch die vom European
Council of Doctoral Candidates and Junior Researches Mangelnde Einbindung, mangelnde
(Eurodoc) durchgeführte Studie, bei der man mehr als Motivation Dass Einbindung in For-
7.000 Doktoratsstudierende in zwölf europäischen Län- schungsaktivitäten und Mitbestimmung in der
dern befragte: Nur eine Minderheit der Doktoranden ist Institution Universität eine zentrale Rolle für
in die Planung neuer Forschungsprojekte eingebunden, die Motivation von Forschern und Forsche-
schreibt Drittmittelanträge und Papers, organisiert und rinnen spielen, darüber sind sich die Experten
besucht Konferenzen und ist in Entscheidungsprozesse einig. Denn bei allem Bekenntnis zu Manage-
der Institutspolitik eingebunden. mentstrukturen, Exzellenz und Qualitätsoffen-
Ein veritabler Nachteil, der sich spätestens bei der Be- siven sei eines klar: Universitäten sind keine
werbung um eine Postdoc-Stelle herausstellt. Denn fehlt „Konservendosenfabriken“, die nach einem
die frühzeitige und vielfältige Partizipation im universi- einfachen Muster ihrer Arbeitsabläufe funktio-
tären Forschungsbetrieb, so fehlen genau diejenigen nieren. „Man kann wissenschaftliche KarriereWege, Irrwege, Auswege 09
und Partizipation nicht getrennt diskutieren“, die Institution möglicherweise den falschen Leuten.“
sagt Walter Berka, stellvertretender Vorsitzen- Ob man Partizipation dabei mehr im formalen Sinne
der des ÖWR und Professor für Verfassungs- oder mehr über informelle Kommunikationszusammen-
und Verwaltungsrecht an der Universität hänge reguliert, darüber gibt es freilich verschiedene
Salzburg. Prinzipiell, so Berka, müssten allen Ansichten.
Forschern und Forscherinnen Partizipations- Rein auf universitätsrechtlicher Basis, so der Grazer
möglichkeiten und Mitspracherechte geboten Verfassungsjurist Christian Brünner, lassen Partizipa-
werden. tionsrechte für wissenschaftliche Mitarbeiter zu wün-
Jürgen Mittelstraß, Vorsitzender des ÖWR, schen übrig. Während in den Universitätsorganisations-
hebt die Bedeutung von Partizipation an den gesetzen aus den Jahren 1975 und 1993 überzogene
Universitäten besonders hervor, wenn er sagt: Mitbestimmungsrechte, weitestgehend losgelöst von
„Die Universität ist eine Institution und damit jeder Qualifikation, festgeschrieben waren, stelle das
eine gesellschaftliche Veranstaltung. Wir müs- geltende Universitätsgesetz 2002 das andere Extrem
sen den jungen Forschern und Forscherinnen dar. „Da ist von der Mitbestimmung nicht sehr viel übrig
das Gefühl vermitteln, nicht nur für Lehre und geblieben“, sagt Brünner. In Paragraph 2 des UG kön-
Forschung, sondern auch für die Institution, ne man zwar von der Mitsprache der Studierenden le-
für ihre Institution verantwortlich zu sein.“ sen. „Nirgends lesen Sie aber über die Mitsprache der
Wenn das nicht gelinge, so „überlassen sie wissenschaftlichen Mitarbeiter. Das Gesetz signalisiert,
„Keine Kollegialität in Entscheidungsprozessen“
Kollegialität in
Entscheidungsprozessen Top-down Managementstil
(Antworten in Prozent: (Antworten in Prozent:
trifft zu/trifft nicht zu) trifft zu/trifft nicht zu)
IE
Eine Befragung des wissen-
schaftlichen Personals euro-
UK päischer Universitäten zeigt,
dass in Österreich der Ma-
AT nagementstil an österreichi-
schen Universitäten – auch
NL im Vergleich mit anderen
Ländern – sehr stark als „Top
PL down-Stil“, mit wenig „Kol-
legialität in Entscheidungs-
FI
prozessen“, wahrgenommen
PT wird.
■ Seniors Kollegialität
CH
DE ■ Juniors Kollegialität
■ Seniors top down
HR
■ Juniors top down
0 50 100
Quelle: CAP Survey 2010/201110 Wissenschaftliche Karriere und Partizipation
Im Unterschied zum US-
„Steile und flache Hierarchien“ amerikanischen System gibt
Stammpersonal: Statusgruppen es in Österreich im Stamm-
Quantitative Relationen personal der Universitäten
steile Hierarchien zwischen
Österreich USA den Statusgruppen. Das
lässt sich auch an den quan-
titativen Verhältnissen ab-
ProfessorInnen Full Professors
lesen. In Österreich ist die
2.055 217.000 Gruppe der „Professoren“ im
Unterschied zu Habilitierten
und „nicht Habilitierten“ re-
Habilitierte Associate Professors lativ klein. Die Gruppen von
3.125 151.000 „Full Professors“, „Associate
Professors“ und „Assistant
Professors“ sind in den USA
nicht Habilitierte Assistant Professors
9.423 174.000 annähernd gleich groß, es
gibt kein strukturelles Karri-
ere-Nadelöhr auf dem Weg
Quelle: iff, H. Pechar, uni:data 2009 zum „Professor“.
dass die Mitbestimmung unbedeutend ist.“ versität Innsbruck, spricht aus, was zur Zeit
wohl viele junge Forscher und Forscherinnen
Für Elmar Pichl, stellvertretender Leiter der Hochschul- denken: „Wenn das Klima am Institut passt
sektion im Wissenschaftsministerium, geht es vor allem und die Menschen miteinander können, dann
darum, dass die Universitäten in ihren Satzungen Par- hat man ohnehin ein Mitspracherecht. Dann
tizipationsmöglichkeiten festschreiben und das Instru- braucht man dazu nicht noch ein Meeting und
ment der „Personalentwicklung“ anwenden. Inwiefern noch einen offiziellen Sitzungstermin.“ Dass
dies geschehe, darüber gebe es aber noch keine umfas- es freilich auch Institute gebe, wo die Atmo-
senden Studien. Sieht man sich die in den Satzungen sphäre anders sei, sei ihr auch klar.
österreichischer Universitäten festgeschriebenen Parti- Oft fehlt es einfach an ausreichend finan-
zipationsmöglichkeiten an, so könnte man feststellen, zierten Postdoc-Stellen, auf denen junge For-
dass diese „durchaus unterschiedlich“ geregelt seien. scher und Forscherinnen früh die Möglichkeit
Dies reicht von einigen wenigen Hinweisen in der Prä- erhalten, selbstständig eine Gruppe aufzu-
ambel bis hin zu Beschreibungen von Beiratsstrukturen. bauen und Meriten in der Forschung zu erwer-
„Organisationspläne sagen freilich wenig darüber aus, ben. Vielen „Postdocs“ bleibt oft nur die Mög-
wie sie in der Realität mit Leben erfüllt werden“, so Pi- lichkeit, über drittmittelfinanzierte Projekte in
chl. der Forschung zu bleiben. Das hohe Risiko:
Für den wissenschaftlichen Nachwuchs, den es nach Wer nach Abschluss des einen Projektes kein
der Promotion in die Forscherkarriere zieht - in Österrei- weiteres ergattert, fällt aus dem System.
ch sind das nur 15 Prozent aller Promovierten -, scheint
dabei ein formal nicht festgeschriebenes Mitsprache- Graduiertenkollegs Möglichkeiten für
recht häufig das kleinere Problem zu sein. Die junge eine strukturierte Karriereentwicklung wür-
Forscherin und START-Preisträgerin Barbara Kraus, den die „Graduiertenkollegs“ bieten, wie
Assistenzprofessorin am Institut für Physik an der Uni- etwa das „Zukunftskolleg“ an der UniversitätWege, Irrwege, Auswege 11
Während Research Universities
„So manches steht auf dem Kopf“ die kleine, aber feine Spitze des
Segmente des Hochschulsystems US-amerikanischen Universitätssy-
hierarchische Stufung, quantitative Relationen stems bilden, sind die österreichi-
schen Universitäten in ihrer Gesamt-
Österreich USA heit als Forschungsuniversitäten
definiert, obwohl sie gleichzeitig
auch Ausbildungsagenden für den
Research außeruniversitären Arbeitsmarkt
Universities übernehmen. Dies wird in den USA
Forschungs-
universitäten durch die breitere Basis der Compre-
Comprehensive hensive Universities und Community
Universities Colleges erfüllt. Der Bereich der be-
rufsbezogenen Ausbildung, der Be-
reich der Fachhochschulen (FH) und
FH
PH Community Pädagogischen Hochschulen (PH),
Colleges ist hierzulande weitaus kleiner. „In
Österreich“, so der Hochschulfor-
scher Hans Pechar, „steht da so
Quelle: iff, H. Pechar, 2011 manches auf dem Kopf.“
Konstanz (siehe Kasten auf Seite 7). Das bei einer kleinen Minderheit unbefristet beschäftigter
Zukunftskolleg nimmt sich gerade Forschern Forscher und Forscherinnen: den Professoren (und weit-
und Forscherinnen auf dem Weg zur Karrie- aus weniger Professorinnen). Sie stellen in Deutschland
restufe des „senior researchers“ an, sagt der gut zehn Prozent des wissenschaftlichen Personals, in
Direktor des Kollegs, Giovanni Galizia, und Österreich und der Schweiz rund sieben Prozent. Die
bietet ihnen die Möglichkeit, ihren eigenen Mehrheit der restlichen Lehrpersonen – und das sei das
Forschungsschwerpunkt aufzubauen, zu pu- eigentlich Spezifische – ist den Professoren unterstellt
blizieren und zu habilitieren. Diese struktu- und wird von den Universitäten meist mit befristeten
rierten Angebote sind freilich nicht die Regel, Verträgen angestellt.
sondern bilden derzeit noch eher die – wenn Dass man Universitätssysteme auch ohne solch struk-
auch rühmliche – echte Ausnahme. turelle Karriere-Nadelöhre erfolgreich organisieren
Der Regelfall sieht anders aus: Karriere an kann, zeigt das angloamerikanische Modell. Während
deutschsprachigen Universitäten zu machen, in deutschsprachigen Ländern die „Selektion“ erst in
heißt trotz aller Exzellenz- und Qualitätsbemü- späten Jahren durch Habilitation und Berufungsverfah-
hungen für die einzelnen Forscher und For- ren für einen der raren Professorenposten ein „dickes
scherinnen noch immer lange Abhängigkeit Ende“ erfährt, wird im angelsächsischen System schon
von professoralen „Patrons“, Karrieresack- am Eintritt in die Forscherkarriere gesiebt: „Wer in die
gassen durch steile Hierarchien, und nur in Forschung will“, so Catharine Stimpson, Bildungsex-
Ausnahmefällen gelingt es, durch ein erfolg- pertin von der New York University, „muss sich um die
reich abgeschlossenes Berufungsverfahren Aufnahme in ein PhD-Programm an einer Research-
zu einer ordentlichen Professur zu gelangen. University bemühen.“ Wer das strenge Auswahlverfah-
Hauptkennzeichen dieser Flaschenhalsstruk- ren meistert, hat dafür Aussicht auf beste Betreuung,
tur ist – wie Symposiumsteilnehmer meinen frühzeitige Einbindung in die Research Community und
– die Konzentration der akademischen Macht zügig vorangehende Promotion.12 Wissenschaftliche Karriere und Partizipation
Tenure Track, Laufbahnkarrieren For-
scher und Forscherinnen erhalten im angloa-
merikanischen Modell zudem bereits mit der
Europäische Charta
für Forscher Promotion die Lehrbefugnis, Habilitationen
Verhaltenskodex
für die Einstellung sind unbekannt. Dafür können sich junge Post-
Europäische Charta von Forschern
docs um eine „Tenure Track“-Stelle („Assis-
für Forscher
www.europa.eu.int/eracareers/europeancharter
tant Professor“) bewerben, die nach sechs bis
EUR 21620
Gut, aber sieben Jahren - bei entsprechender Leistung
- in eine unbefristete Stelle umgewandelt wer-
unbekannt HUMANRESSOURCEN
den kann. Geht alles gut - rund 70 bis 80 Pro-
zent erhalten eine Entfristung ihres Postens
Die Europäische Charta für Forscher, auch Charta
der Wissenschaft genannt, ist ein von der Europä- -, kann ein junger Forscher oder eine junge
ischen Kommission herausgegebener Verhaltensko- Forscherin auf ein und derselben Stelle vom
dex, der die Rechte und Pflichten für Forscher und „Assistance Professor“ über den „Associate
Forscherinnen und ihrer Förderungsinstitutionen um- Professor“ bis hin zum „Full Professor“ auf-
reißt. Zudem werden Prinzipien für die Einstellung steigen - eine in Österreich bis jetzt undenk-
von Forschern und Forscherinnen und die Vergabe
bare Situation. Denn auch mit der hierzulande
von Forscherstellen und Förderungen formuliert.
mit dem Kollektivvertrag gesetzlich ermöglich-
Für Walter Berka, stellvertretender Vorsitzender des
ÖWR, „stellt die Charta eine sympathische Vision dar, ten Einrichtung von „Laufbahnstellen“ endet
die ein beflügelndes Bild einer hierarchiefreien For- die Karriere maximal bei einem „Assoziierten
schungsuniversität malt“. Wichtige Grundsätze der Professor“. Dieser darf, so eine weitere Be-
Charta sind, dass alle Forscher und Forscherinnen, sonderheit des österreichischen Laufbahn-
die eine entsprechende Laufbahn eingeschlagen ha- modells, an der Universität laut Gesetz auch
ben, als Angehörige einer Berufsgruppe anzusehen
keine Leitungsfunktion von Organisationsein-
sind – vom Doktoratsstudierenden bis zum Lehr-
stuhlinhaber. Unterscheidungen werden nur noch heiten übernehmen. Dafür ist weiterhin eine
zwischen jüngeren und erfahreneren Forschern und „ordentliche Professur“ notwendig - mit Habili-
Forscherinnen gemacht. Für Nachwuchsforscher tation und aufwändigem Berufungsverfahren.
und Nachwuchsforscherinnen wird unter anderem Dass ein angloamerikanisches Karrieremodell
eine vertraglich festgehaltene Betreuungs- und Ar- mit flachen Hierarchien und flexiblen Depart-
beitsbeziehung eingefordert. Ausdrücklich kritisiert
mentstrukturen auch an deutschsprachigen
wird der Trend, Wissenschafter und Wissenschafte-
Universitäten möglich wäre, darüber sind sich
rinnen nur noch über kurzfristige Arbeitsverträge zu
beschäftigen. Einstellungsverfahren sollen von Insti- Experten und Expertinnen einig. Wie wahr-
tutionen und Forschungsförderern zudem so festge- scheinlich eine Änderung ist, das ist freilich
legt werden, dass sie transparent, offen und interna- eine andere Frage: Denn die stabilen Hierar-
tional vergleichbar sind. chien verdanken sich, so Hirschi, „dem Me-
Zwar haben sich bereits einige europäische Uni- chanismus, dass jene Wissenschafter, die das
versitäten und Rektorenverbände, darunter auch
Nadelöhr zur Professur passiert haben, kein
die Österreichische Universitätenkonferenz, für die
Umsetzung der Charta ausgesprochen. In der Pra- strategisches Interesse mehr haben, an den
xis scheint sie aber noch so gut wie unbekannt. Bei bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern.“
der EURODOC-Befragung von 7.000 Doktorats-Stu- Nächstes Jahr tritt auch Hirschi eine Profes-
dierenden und jungen Postdocs gaben mehr als 90 sur für Allgemeine Geschichte an der Univer-
Prozent an, noch nie etwas von der Charta gehört sität St. Gallen an. Hirschi mit einem Schuss
zu haben. Nur bei einer Gruppe von 1,6 Prozent der
Selbstironie: „Es kann gut sein, dass auch ich
Dienstverhältnisse stellte die Charta einen Teil des
dann andere Aufgaben zu erledigen habe, als
Vertrages dar.
weiterhin das Karrieresystem zu kritisieren.“Wege, Irrwege, Auswege 13
Prozent der DoktorandInnen, die Förderungen bekommen
100%
■ Österreich
50% ■ Deutschland
■ Finnland
0% ■ Niederlande
Geistes- Natur- Sozial- Technik- Bildung
wissenschaften wissenschaften wissenschaften wissenschaften
Während zwei Drittel der Studierenden im Bachelor/Master/Diplom-Studium 2009 verschiedene Formen von
finanzieller Förderung erhielten, bekam nur ein Drittel der Doktoranden und Doktorandinnen finanzielle Un-
terstützung. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern rangiert die Anzahl der österreichischen Dokto-
randen und Doktorandinnen, die überhaupt eine Förderung erhalten, im untersten Segment. Im Durchschnitt
verfügen Doktoratsstudierende in Österreich über ein Budget von ungefähr 1.300 bis 1.500 Euro brutto. Vor
allem im naturwissenschaftlichen Bereich verdienen Personen mit Studienabschluss (Diplomingenieur, Ma-
ster etc.) in außeruniversitären Einrichtungen wesentlich mehr. Quelle: EURODOC 2011
Vernunft und Unvernunft im Universitätssystem
„Wir produzieren virtuose Antragskünstler“
Auf den ersten Blick, so Jan- nünftig ist, erfolgreich zu sein und die Ressourcen
Hendrik Olbertz, Präsident der zu sichern, die man in der Bibliothek und im Archiv
Humboldt-Universität zu Berlin, braucht. Langfristig verändere sich damit die Wissen-
seien Vernunft und Unvernunft schaft.
in der Wissenschaft einfacher Hellhörig habe ihn, Olbertz, die Antwort eines Alt-
zu behandeln als in Bezug auf philologen gemacht, der auf die Frage, wie man ihn
das Universitätssystem. Von Immanuel Kant stamme am besten fördern könnte, antwortete: „Am besten
aber auch die schöne Bemerkung: „Die Notwendig- förderten Sie mich, wenn Sie mich in Ruhe ließen.“
keit, zu entscheiden, reicht weiter als die Fähigkeit, Doch wie gießt man diesen Wunsch in eine Antrags-
zu erkennen.“ Damit ist Unvernunft – genau genom- struktur?
men Unverstand – gleichsam unausweichlich, wenn Es ist ein ernst zu nehmender Unterschied, ob Ent-
man in der Erkenntnis voranschreiten will; sie ist der scheidungen über Schwerpunkte, Gegenstände und
Weg zur Vernunft. Und gerade dieser Unvernunft vor allem Methoden der Wissenschaft rationalen Ab-
könne man im Universitätssystem immer wieder be- leitungen aus den jeweiligen Forschungsfragestel-
gegnen. lungen folgen oder dem Anspruch, in einem Wett-
Wenn sich Universitäten am Exzellenz-Wettbewerb bewerb um Geld erfolgreich zu sein, der zwischen
beteiligen, um das damit verbundene Geld einzuwer- unterfinanzierten Universitäten ausgetragen wird.
ben, dann kann das durchaus „vernünftig“ sein. Die Forscher und Forscherinnen verbringen mittler-
Fixierung auf drittmittelfinanzierte Forschung zeige weile jedenfalls schon die Hälfte ihrer Zeit mit dem
dabei aber auch ihre „unvernünftigen“ Seiten: „Wird Formulieren von Forschungsanträgen und nicht mit
von der Wissenschaftspolitik Clusterbildung verlangt, Forschen. Langfristig wird diese Fixierung auf Er-
verlassen selbst die Altgermanisten die Bibliotheken folgsmeldungen beim Einwerben von Drittmitteln, so
und Archive, um sich zu vernetzen.“ Die Frage, ob Olbertz, Auswirkungen auf die Wissenschaft haben:
das von der Forschungslogik aus betrachtet vernünf- „Wir produzieren damit nicht Forscher, sondern virtu-
tig sei, wird überlagert von der Einsicht, dass es ver- ose Antragskünstler.“14 Wissenschaftliche Karriere und Partizipation
Good Governance – die
notwendige Verbindung von
Karriere und Partizipation
Universitäten sollen die Entwicklung von Karriere- und Partizipationsmöglich-
keiten verstärkt als Führungsaufgabe auf allen Ebenen verstehen.
W
alter Berka, stellvertretender Vorsitzender schiedliche Funktionen im Wissenschaftsma-
des ÖWR, sieht die „Faculty-Diskussionen“, nagement.“
die in den vergangenen Jahren geführt wur- Eine weiterführende Diskussion der Themen
den, zu sehr auf die Kurienverhältnisse und das dienst- Mitverantwortung und Mitbestimmung müsste
rechtliche Laufbahnmodell konzentriert. „Die Bezugnah- jedenfalls die Partizipationsfrage mit der Aus-
me auf anglo-amerikanische „Faculty-Modelle“ war eher gestaltung wissenschaftlicher Karrierewege
irreführend und missverständlich.“ Das Anliegen, eine verknüpfen und sich die Frage stellen, wie Ent-
verstärkte Partizipation der wissenschaftlichen Mitarbei- scheidungs- und Verantwortungsstrukturen
ter und Mitarbeiterinnen an den Universitäten zu schaf- einer Universität („Governance“) insgesamt
fen, sei „weiterhin legitim und wissenschaftsadäquat.“ beschaffen sein sollten. Dabei wären neben
Eine Reihe von Dokumenten, die sich der Ausformulie- den Entscheidungsstrukturen auf der zentra-
rung von Rechten und Pflichten von Forschern anneh- len Ebene (Senat, Universitätsleitung) ver-
men, unterstreichen mittlerweile die Wichtigkeit verstärk- stärkt die nachgeordneten Organisationsein-
ter Mitbestimmungsrechte. Die „Europäische Charta für heiten (Fakultäten, Departments, Institute) in
Forscher“ geht dabei von einem einheitlichen Berufsbild den Blick zu nehmen. „Die motivierende, lei-
des Forschers aus, der sich früh in die wissenschaftliche stungsfördernde Kraft von mitbestimmungs-
Selbständigkeit entwickeln kann. Was die Mitbestim- freundlichen Strukturen ist gerade auf der
mung im organisatorischen Gefüge der Wissenschaft Ebene der einzelnen Forschungseinheiten
betrifft, müsste man freilich stärker differenzieren. „Das, zu mobilisieren, und sie hängt von dem Aus-
was man als angemessene Partizipationschancen an- maß an innerer Autonomie ab, die diesen
zusehen hat, kann man nicht losgelöst von der wissen- zukommt.“ Genau diese
schaftlichen Qualifikation, den Erfahrungen und der un- Bedingungen zu schaf-
terschiedlich gestalteten Einbindung in die universitäre fen, sei, so Berka, „eine
Organisation sehen.“ zentrale Führungsauf-
Das Kurienmodell der früheren Gruppenuniversität sei gabe der Universitätslei-
jedenfalls nicht mehr geeignet, um für „Verantwortung“ tung auf allen Ebenen“.
im Organisationsgefüge einer modernen Universität das
Richtmaß zu liefern. „Die starren Hierarchien ständisch
organisierter Gruppen entsprechen nicht mehr der Wirk-
lichkeit des heutigen Wissenschaftsbetriebs“, so Berka. WALTER BERKA ist stellvertretender
Vorsitzender des Österreichischen
„Heute gibt es differenzierte Karriereverläufe, abgestufte
Wissenschaftsrates
Grade wissenschaftlicher Selbstständigkeit und unter-Wege, Irrwege, Auswege 15 Österreichische Karrierewege Die rechtliche Stellung und die Arbeitsbedingungen des akademischen Personals haben sich durch die Hochschulreformen im letzten Jahrzehnt stark verändert. I n den letzten zehn Jahren hat sich die Uni- „Insider-Outsider“-Problem entstand: Wer bereits im Sys- versität durch Dienstrechtsnovelle (2001), tem „drinnen“ war, wurde pragmatisiert, wer draußen war, Universitätsgesetz (2002) und Kollektivver- wurde ungeachtet seiner Leistungsfähigkeit in oft prekäre tragsregelungen in Sachen Dienstrecht zum Teil Dienstverhältnisse abgedrängt. Für den globalen Exzel- völlig neu aufgestellt: Keine Pragmatisierungen lenzwettbewerb entstand damit eine nicht zielführende mehr, dafür privatrechtliche Dienstverhältnisse, Situation: eine wachsende Zahl an „Systemerhaltern“ blo- eine wachsende Zahl an befristeten Stellen und ckierte Stellen für Personen jüngerer Jahrgänge mit Po- Drittmittelposten und eine in Relation klein ge- tential zur Spitzenforschung. bliebene Gruppe von Ordentlichen Professoren Die Dienstrechtsnovelle 2001 unterbrach den alten und Professorinnen, die durch die Gruppe von Karriereautomatismus und übernahm weitgehend das Assistenz- und Assoziierten Professoren und deutsche Stufenmodell, das unterhalb der Professur nur Professorinnen ergänzt wird. So könnte, kurz befristete Dienstverhältnisse kennt. Damit wurde aber nur gesagt, die veränderte personelle Situation an ein altes Problem durch ein neues ersetzt: Durch die Kom- Österreichs Universitäten gekennzeichnet wer- bination mit der gesetzlichen Beschränkung von Ketten- den. verträgen führte die strikte Stellenbefristung zu Karriere- Bis in die späten 1990er Jahre befand sich, so sackgassen. Bei Ende der Frist bestand durch das krasse der Hochschulforscher Hans Pechar, ein hoher Ungleichgewicht von vielen Mittelbau- und wenigen Pro- Anteil des akademischen Personals der öster- fessorenstellen keine realistische Möglichkeit, die Lauf- reichischen Universitäten auf unkündbaren Be- bahn auf einer höheren Stelle – als Professor oder Profes- amtenstellen. Dies wurde durch einen Karriere- sorin – fortzusetzen. Nicht nur in Deutschland sahen sich automatismus im alten Dienstrecht verursacht, hochqualifizierte Forscher und Forscherinnen gezwun- der „Überleitungen“ von befristeten zu „proviso- gen, ihre Uni-Laufbahn – und häufig jede Art beruflicher rischen“ und schließlich „definitiven“ Dienstver- Forschung – zu beenden. hältnissen vorsah. Erfolgskriterium für zeitlich In Österreich wurde die Befristung unterhalb der Profes- befristete Verträge war das Doktorat, für pro- sorenstellen zwar nicht so rigoros gehandhabt. Habili- visorische Dienstverhältnisse die Habilitation. tierte Assistenten bekamen dauerhafte Stellen. Die steilen Mit der unbefristeten Assistentenstelle endete Hierarchien und das Lehrstuhlprinzip führten aber auch der Karriereautomatismus; die nächste Stufe, hier zu langen Abhängigkeiten von nicht habilitierten As- die Professur, erlangte man nur über ein Beru- sistenten, die sich häufig bis ins vierte Lebensjahrzehnt fungsverfahren. ziehen. Verwerfungen im System ergaben sich, als ab Mit dem seit 2009 geltenden Kollektivvertrag wurde die Ende der 1980er Jahre eine wachsende Zahl Möglichkeit von Laufbahnstellen geschaffen. Das an das nicht-habilitierter Assistenten und Assisten- angloamerikanische „Tenure Track-Modell“ angelehnte tinnen definitiv gestellt wurde. Ein typisches Dienstverhältnis sieht die Möglichkeit einer Entfristung
16 Wissenschaftliche Karriere und Partizipation
nach einigen Jahren vor, insofern die wissenschaftliche vor, bis zu einer vollen Professur aufzusteigen.
Qualifikation positiv beurteilt wird. Diese Vereinbarung gilt Die kontinuierliche Laufbahn endet mit dem
aber nur als Empfehlung und ist nicht rechtlich bindend. „Assoziierten Professor“, der Aufstieg zum „Or-
Im Gegensatz zum nordamerikanischen Modell sieht das dentlichen Professor“ ist weiterhin nur über ein
österreichische Laufbahnmodell auch keine Möglichkeit Berufungsverfahren möglich.
Universitäre Mitbestimmung im Wandel
Wie sich universitäre Strukturen veränderten
Ordinarienuniversität Universitätsmitglieder 1960: 485 Professoren, 1624 Assistenten, 38533 Studierende
Parlament
Das Hochschulorganisationsgesetz 1955 (HOG 55) regelte die „Ordi-
Senat ProfessorInnen narienuniversität“. Alle Gremien wurden von ProfessorInnen besetzt.
AssistentInnen waren den Lehrstühlen zugeordnet. Sie besaßen, so
AssistentInnen
Fakultätskollegium wie Studierende, kein Mitspracherecht. Studienpläne und Universi-
Studierende tätsbudget wurden im Parlament beschlossen, ein Wissenschaftsmi-
Fakultätskollegium Lehrstuhl nisterium existierte noch nicht.
Gruppenuniversität Universitätsmitglieder 1980: 1589 ProfessorInnen, 4883 AssistentInnen,
115616 Studierende
Wissenschaftsministerium
Universitätsdirektor
Rektor Senat ProfessorInnen
1/3 Parität
in allen AssistentInnen
Dekan Fakultätskollegium Personal aus
Gremien
Teilrechtsfähigkeit
Institutsvorstand Institutskonferenz Studierende nach UOG 93
Durch das Hochschulorganisationsgesetz 1975 (UOG 75) wurde die Ordinarienuniversität zur „Gruppenuniversität“. Gremien werden
drittelparitätisch von ProfessorInnen, AssistentInnen und Studierenden besetzt. Lehrstühle werden aufgelöst. Rektor, Dekan und
Institutsvorstand („monokratische Organe“) bekommen von den jeweiligen Gremien Vorgaben. Das von Ministerin Herta Firnberg
geschaffene Wissenschaftsministerium bestimmt Planstellen und das jährliche Universitätsbudget bis auf die Institutsebenen hinunter.
Mit dem UOG 93 erhalten die Universitäten Teilrechtsfähigkeit und dürfen Personal über Drittmittel anstellen, die an der Universtiät
aber kein Mitspracherecht besitzen.
New Public Management Universität Universitätsmitglieder 2010: 2232 ProfessorInnen (inkl. Kunstuniversitäten),
31964 AssistentInnen, DozentInnen und drittmittelfinanzierte MitarbeiterInnen,
Wissenschaftsministerium 265030 Studierende
Unirat ProfessorInnen
Rektorat 50%
DozentInnen
Senat AssistentInnen
Studierende
Weitere Mitbestimmungsstrukturen auf
Fakultäts- und Institutsebene können von den Allgemeines Unipersonal
Universitäten autonom beschlossen werden.
Mit dem Universitätsorganisationsgesetz 2002 (UG 2002) werden Universitäten vollrechtsfähige juristische Personen. Sie handeln
alle drei Jahre mit dem Wissenschaftsministerium ein Globalbudget aus und können ihre innere Organisation zum großen Teil au-
tonom durch Satzungen regeln. Vorgeschriebene Entscheidungsorgane sind nur mehr der Universitätsrat, das Rektorat/der Rektor
und der Senat. Der Unirat ist dabei einem Aufsichtsrat vergleichbar. Er wird von Senat und Bundesregierung beschickt und wählt (auf
Senatsvorschlag) den Rektor, der wiederum das Vorschlagsrecht für mehrere Vizerektoren hat. Im Senat haben die ProfessorInnen
nun anders als in der „Gruppenuniversität“ die absolute Mehrheit. Allerdings sind die Kompetenzen des Senats durch aufgewertetes
Rektorat und durch den Unirat kleiner geworden.
Quelle: ÖWR, Regitnig/MatouschekWege, Irrwege, Auswege 17
Podiumsdiskussion,
Ausblicke in Schlaglichtern
Akademische Karrieren einst und jetzt: Nachwuchs –
„Ich habe meinen akademischen Lehrer als eine ganz Probleme, Mangel, Ausbeutung:
starke Hilfe erlebt, und zwar im Sinne einer patriarcha- „Unsere Absolventen haben durchaus die char-
lischen Fürsorge, und wusste, er würde das Möglichste mante Alternative, in die Wirtschaft zu gehen,
tun, damit ich in der Karriere weiter tun kann.“ Brünner aber die ganze Veterinärmedizin krankt, auch
europäisch gesehen, daran, wissenschaftli-
„Wie man Nachwuchs fördern kann, das ist durchaus chen Nachwuchs zu finden, zu halten und zu
individuell verschieden. Ich geh da mit sehr viel Bauch- entwickeln.“ Hammerschmid
gefühl heran. Man muss mit den Leuten reden und man
muss die Leute kennen lernen.“ Blatt “Wenn am Beginn einer Laufbahn Wettbewerb,
Internationalität, Mobilität gefordert wird, dann
„Ich hatte es ungleich leichter, als es jeder heute hat. Die müssen aber auch Rahmenbedingungen ge-
Bedingung dafür, dass meine Stelle entfristet wird, war geben sein. Und dann darf es auch den Sach-
eine Habilitation. Und das war weiß Gott keine Bedin- verhalt der strukturellen Ausbeutung nicht ge-
gung, vor der man sich gefürchtet hat.“ Kratky ben, etwa den, dass auf einer Karrierestelle18 Wissenschaftliche Karriere und Partizipation
und mit einer Qualifizierungsvereinbarung nur eine Halb- tung übernimmt, und wo das ganze dann in
zeitstelle vergeben wird.“ Brünner Partikularinteressen abgehandelt wird. Das ist
nicht Partizipation, das ist Lähmung.“ Meixner
„Ein Physikinstitut wird nie einen ernsthaften Physiker (Publikum)
bekommen, der bereit ist, für einen halben Lohn zu ar-
beiten. Aber wenn Sie natürlich in den Bereich der So- „Wir brauchen auch institutionelle Siche-
zialwissenschaften, der Psychologie schauen, wo viele rungen, institutionelle Vorkehrungen, der Wis-
Dissertationen völlig unbezahlt sind ...“ Kratky senschaftsrat nennt dies „formalisierte Verfah-
ren“, ein gewisses Maß an Mitbestimmung,
Informelle Mitbestimmung – die abgestuft sein muss im Hinblick auf die
Eine Frage der Kommunikation? Qualifikation und im Hinblick natürlich auch auf
„Man sollte einfach dort mitbestimmen, wo man etwas die Dauer der Verbindung mit der Universität.“
bewirken kann. Da braucht man keine fixen Regeln für Brünner
die Kommunikation einzuziehen, da muss man einfach
den gesunden Menschenverstand walten lassen.“ Kraus Partizipation an und Identifizierung
mit der Institution:
„Es liegt immer an den Menschen, die bestimmen, wie „Was kann getan werden, damit eine Person
das Miteinander funktioniert. Natürlich kann man im Rek- des wissenschaftlichen Nachwuchses auch an
torat einiges an Möglichkeiten schaffen, damit die Kom- die Institution gebunden werden kann, dass sie
munikation besser funktioniert.“ Hammerschmid auch eine gewisse Identität mit dieser Einrich-
tung verbindet. Weil nur dann, wenn sich diese
„Wenn wir den Standpunkt vertreten, Kommunikation, Person vorstellt, ich bin Teil dieses Ganzen, die
Mitwirkung und Mitbestimmung, da liegt es nur an den Motivation zu Höchstleistungen und die Bereit-
Menschen, ob die das tun oder nicht, dann plädier ich schaft, Verantwortung zu übernehmen, gege-
gleich dafür, dass man das Arbeitsrecht und die Arbeits- ben sein wird.“ Brünner
gerichte abschafft, denn dann liegt es einfach an den
Menschen, wie die das tun. Selbstverständlich kann ich „Wir sollten die Autonomie von ihren Kernauf-
Kommunikation nicht verordnen, aber ich kann sie auch gaben her leben, von der Lehre und von der
einfordern, ich kann sie zur Führungsaufgabe machen.“ Forschung. Aber wir sollten auch nicht verges-
Brünner sen, dass die Universität auch eine Institution
ist und dass wir für diese Institution verantwort-
„Wir kennen alle in der Universität die Arroganz, mit der lich sind.“ Mittelstraß
manchmal gesagt wird, darum kümmere ich mich nicht –
für mich ist Forschung und Lehre alles. Dann überlässt
man möglicherweise die Institution den falschen Leuten,
die nicht von der Wissenschaft, nicht von der Lehre und
von der Forschung her denken, sondern einem reinen
Managerideal folgen. Das ist gefährlich.“ Mittelstraß
*Legende: Prof. Rainer Blatt (Österreichischer Wissen-
schaftsrat), Prof. Christian Brünner, Vorsitzender der Wis-
Formalisierte Mitbestimmung – senschaftlichen Steuerungsgruppe der AQA (Universität
Notwendigkeit oder zu vermeidendes Übel?: Graz), Prof. Christoph Kratky, Präsident des Österreichi-
schen Wissenschaftsfonds, Dr. Sonja Hammerschmid,
„Man sollte nicht mit neuen Begriffen die kuriale Mitbe- Rektorin der Veterinärmedizinischen Universität, Ass.-Prof.
stimmungsuniversität wiederaufleben lassen. Ich brau- Dr. Barbara Kraus, START-Preisträgerin (Universität Inns-
bruck), Prof. Jürgen Mittelstraß, Vorsitzender der Öster-
che kein von Gruppen zusammengesetztes Gremium,
reichischen Wissenschaftsrates, Prof. Wolfgang Meixner
das keine Entscheidungsgewalt hat, keine Verantwor- (Vizerektor, Universität Innsbruck).Eine Standortbestimmung 2010 19
To care about ...
Universitäre Zukunftsstrategien für die Nachwuchsförderung
E
in gut ausgebildeter wissenschaftlicher dass sie - sofern sie an ihren Traditionen festhalten wol-
Nachwuchs gehört zum Wertvollsten, len - nicht umhin kommen, Konzepte für parallele Karrie-
das die Universitäten - insbesondere rewege zu entwickeln, die unterschiedlichen Regeln und
die öffentlich finanzierten - neben der Ausbil- Standards gehorchen. Während sich der akademische
dung der Studierenden der Gesellschaft zu- Arbeitsmarkt nach internationalen Normen richtet, die
rückgeben können, sozusagen als Return on nicht mehr von den einzelnen Ländern, sondern von ei-
Investment. Die Frage, die im Zusammenhang ner weltweiten wissenschaftlichen Community definiert
mit der Förderung des wissenschaftlichen werden, befinden sich neuartige und moderne PhD-
Nachwuchses in den letzten Jahren allerdings Konzepte für den nicht-akademischen Arbeitsmarkt erst
immer häufiger gestellt wurde, ist diejenige in Entwicklung.
nach der besten Förderung und insbesonde- Damit Karrieren gelingen, sind klare Spielregeln und
re danach, wie sich im Rahmen der Bologna- realistische Perspektiven eine Voraussetzung. Damit
Reformen die PhD-Programme als dritter und gekoppelt ist auch eine intensive Auseinandersetzung
letzter Studienabschnitt entwickeln sollen. Auf der Fakultätsmitglieder mit den jungen PhD-Studenten
diese Frage gibt es keine einfache Antwort: und Studentinnen, ein Unterstützen und Motivieren
Die Förderung des wissenschaftlichen Nach- der jungen Leute, um ihnen den anspruchsvollen und
wuchses muss bereits auf Doktoratsstufe schwierigen Weg etwas zu vereinfachen. Denn sind die
differenziert angegangen werden, denn eine Spielregeln und Perspektiven klar, kann sich der Nach-
typische, öffentlich finanzierte Universität in wuchs darauf einstellen, Planbarkeit ist gegeben und
Kontinentaleuropa befindet sich hier in einem Frustrationen werden vermieden. Diese Verantwortung
Dilemma! Dieses besteht in erster Linie darin, kann den Universitären und Fakultäten nicht abgenom-
dass die meisten Universitäten sowohl promo- men werden!
vierte Nachwuchskräfte für den akademischen
Arbeitsmarkt als auch für den nicht-akade-
mischen Arbeitsmarkt ausbilden müssen. Der
Grund für diese Parallelität ist in der europä-
ischen Tradition zu suchen, die dafür verant-
wortlich ist, dass in vielen Ländern Europas
der Doktortitel bzw. die Promotion immer noch
eine Bedingung ist, um höchste Führungspo-
sitionen in Wirtschaft und Gesellschaft wahr-
nehmen zu können. Im Vergleich zu den Ver-
einigten Staaten, wo die Eliteuniversitäten der
Ivy-League im Wesentlichen nur für den aka-
demischen Arbeitsmarkt ausbilden, gestaltet Professor ANDREA SCHENKER-WICKI
ist Mitglied des Österreichischen
sich diese Aufgabe in Europa komplexer. Für Wissenschaftsrates
unsere Universitäten bedeutet dies konkret,Sie können auch lesen