ZeitZeugen - Seniorenbüro Hamburg e. V.

 
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Ausgabe 73                          Januar 2021 - April 2021

  ZeitZeugen
Mitteilungsblatt der ZeitZeugenBörse Hamburg

        Im Dunkeln ist gut munkeln.

 Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

als wir der Zeitzeugengruppe mehrere      tioniert, um zumindest eine trügeri-
vorgeschlagene Themen für diese           sche Sicherheit gegen Luftangriffe zu
Ausgabe zur Auswahl stellten, zeich-      gewährleisten.
neten sich schnell zwei Favoriten ab:     Damit verbinden sich für Zeitzeugen
Zum einen war alles, was sich mit         bedrückende Erinnerungen: Viele
dem „Verdunkeln“ und „Kellern“            Nächte mussten die verbliebenen Be-
beschäftigt, ausgewählt worden, zum       wohner*innen, meist Frauen, Kinder
anderen wurden Beiträge zum Thema         und Ältere, darin zubringen.
„Spielzeug“ gewünscht.                    Und heute? Hat der Keller für alle
Gerade beim Thema „Keller“ wurde          Spätergeborenen einen Imagewandel
sehr deutlich, dass der Nutzzweck         geschafft. Er ist ein wichtiger, meist
sich im Laufe der Zeiten sehr verän-      gut beleuchteter Lagerraum für selte-
dert hat. Früher war er Lagerstätte für   ner benutztes Werkzeug, die Tief-
Kohlen (zum Heizen) und haltbare          kühltruhe, für aus der Wohnung ver-
Lebensmittel. Im Krieg wurden in          bannte Konsumartikel und allerlei
den Städten Keller zum Luftschutz-        Hobbyutensilien.
raum mit Schlafgelegenheit umfunk-                               Ihre Redaktion
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Rodeln im Kohlenkeller                                                   (1939)

Was ich mit meinen fünf Jahren aus-          wand und begann, den Abhang zu
gefressen hatte, vermag ich heute            erklimmen. Dies erwies sich jedoch
nicht mehr zu sagen. Jedenfalls hielt        zunächst als gar nicht so einfach.
meine Mutter es für angemessen,              Kaum hatte ich einen Meter ge-
mich eine Zeitlang in einen Keller-          schafft, ging es auch schon wieder
raum zu sperren.                             retour.
  Da saß oder besser gesagt stand ich          Ich versuchte es erneut und kroch
also in diesem schummrigen Raum.             auf allen Vieren die rutschige Anhö-
Rechts von der Tür war der Kessel            he hinauf. Auf halber Höhe löste sich
der Zentralheizung aufgestellt. Be-          jedoch eine Lawine und ich schlitter-
heizt wurde er mit Koks, der im hin-         te bäuchlings, eingehüllt in eine dich-
teren Bereich des Raumes, abgetrennt         te schwarze Staubwolke, wieder her-
durch eine niedrige Bretterwand, la-         unter. Aufgeben kam für mich jedoch
gerte. Befüllt wurde dieser Lager-           nicht infrage, und schließlich schaffte
raum von außen durch ein recht klei-         ich es bis zum oberen Rand.
nes Fenster ganz oben in der Außen-            Nun kam das Schönste, die Tal-
wand, durch das etwas Licht fiel.            fahrt. Mit angezogenen Beinen
  Die Heizperiode hatte noch nicht           rutschte ich auf dem Hosenboden den
begonnen, der Wintervorrat an Koks           etwas buckeligen Hügel herunter,
war aber schon angeliefert worden.           eingehüllt von einer dunklen Staub-
Er bildete von der Trennwand bis             wolke. Hurra! Das war ja wie Schlit-
hinauf zur unteren Kante des Fensters        tenfahren, nur dass der Schnee hier
einen ziemlich steilen Abhang.               nicht weiß sondern schwarz war.
  Eigentlich sollte ich nun wohl über        Mit der Zeit entwickelte ich eine ech-
meine Missetat nachdenken. Dazu              te Routine und der Anstieg fiel mir
hatte ich jedoch überhaupt keine             von Mal zu Mal leichter. Und mit
Lust.                                        jedem Kletterversuch wurde mein
  Die Zeit verging und ich langweilte        Aussehen dunkler, bis ich schließlich
mich entsetzlich. Mit nichts konnte          von Kopf bis Fuß ein einheitliches
man hier spielen. Meine Blicke wan-          Schwarz aufwies.
derten von der verschlossenen Tür              Irgendwann kam meine Mutter, um
über die kahlen Wände den Kokshü-            den Missetäter aus seinem Gefängnis
gel hinauf bis zum Fenster. Und dann         zu befreien. An ihre Reaktion beim
kam mir blitzartig eine Idee. Ein            Anblick eines schwarzen Monsters
wunderbarer Gedanke, warum war               kann ich mich nicht mehr besinnen.
ich nicht gleich darauf gekommen?            Es blieb ihr aber nichts übrig, als den
„Der Berg ruft" heißt es bei den Alpi-       kleinen Sottje in die Badewanne und
nisten. Und dieser Hügel hier rief           anschließend dessen Zeug in die
mich!                                        Waschbalje, eine Waschmaschine
  Also kletterte ich über die Trenn-         gab es zu dieser Zeit noch nicht, zu
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kriegen.                                      worden war, der kleine Missetäter
 Ob sie dabei wohl darüber nachge-            oder sie selbst?
dacht hat, wer nun eigentlich bestraft                         Hansjörg Petershagen

Das Trost-Brot                                                       (1940-43)
Ganz sicher habe ich gut geschlafen           gelebt.
in den ersten Kriegsjahren. Wir                 Und so fand ich mich denn eines
wohnten damals im 2. Stock, und               Nachts mit ihr und ihrem Untermie-
mein Vater, zu der Zeit noch nicht            ter, nachdem die Sirenen uns alar-
eingezogen, nahm mich manchmal                miert hatten, in Omas Keller wieder.
bei Alarm mitsamt der Bettdecke               Der Untermieter, ein älterer Arbeiter,
hoch und brachte mich in den Keller,          der auf der ‚Galalith‘ tätig war und
wo ich weiterschlief.                         durch jahrelanges Arbeiten an lauten
  Wachte ich aber dort einmal auf, so         Maschinen das Gehör eingebüßt hat-
reichte meine Mutter mir Knäcke-              te, galt als taub, und er hatte auch das
brot, eine Scheibe nach der anderen.          Sprechen fast verlernt.
Es war eine Art Trost-Brot, denn die            In dieser Nacht aber geschah etwas,
Erwachsenen flüsterten zumeist oder           was wir bislang noch nicht erlebt hat-
dösten vor sich hin. Etwas Langwei-           ten: Mit einem gewaltigen Krach
ligeres gab es ja wohl kaum!                  schlug irgendwo in der Nähe eine
  Nach der Entwarnung wurde ich               Bombe ein – ich hatte das Gefühl,
vom Vater wieder hochgetragen.                das Haus hob ab. Oder bildete ich
Häufig musste ich am nächsten Tag             mir das ein? Der taube Untermieter
später zur Schule, je nachdem, wie            aber fragte: „Fru Vumu (Frau Voll-
lange der Alarm gedauert hatte. Da-           mar) – bumm?“ Angst kroch in mir
für gab es feste Regeln.                      hoch, gefolgt von einem Gefühl der
  Zum Glück ist uns damals noch               Ohnmacht: Man konnte nichts tun,
nichts passiert. Einmal, 1943, hatte          nur warten und hoffen, nicht getrof-
ich Ferien und durfte zu meiner ge-           fen zu werden.
liebten Großmutter nach Wilstorf,               Dennoch frage ich mich bis heute:
das war – auf Rollschuhen – etwa              Habe ich, haben wir Kinder damals
zwanzig Minuten von unserer Har-              die Lebensgefahr erkannt, in der wir
burger Wohnung entfernt. Meine                uns häufig befanden, haben wir über-
Mutter hatte ihr aber eingeschärft, bei       haupt einschätzen können, dass uns
Alarm auf jeden Fall in den Keller zu         womöglich der Tod bevorstand, oder
gehen – mit mir zusammen natürlich.           haben wir das überspielt, das Grauen-
Normalerweise blieb Oma nämlich               hafte gar nicht an uns herangelassen
im Bett; sie war fatalistisch einge-          oder es sogar verdrängt?
stellt, schließlich hatte sie ihr Leben                                Claus Günther
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Nächte im Keller                                            (ca. 1939-45)

Ich bin in einem bäuerlichen Haus           cken zudecken konnten. Der Keller
aufgewachsen, das meiner Urgroß-            schützte uns vor Granat- und Bom-
tante gehörte. Im angrenzenden Stall        bensplittern, aber nicht vor den von
lebten zwei Schweine, viele Hühner          den Tommys abgeworfenen Bomben.
und vier Gänse.                               Meistens überflogen die Tommys –
  Weil es weit und breit keine Ge-          wie wir die englischen Flugzeuge
schäfte gab, hatten wir – meine Mut-        nannten – unser Gebiet mit dem Ziel
ter und meine Urgroßtante, die ich          Berlin. Das laute Gebrumme der vie-
Oma nannte – einen Laden für Ta-            len feindlichen Flugzeuge war in un-
bakwaren und Pfeifen sowie für Kon-         serem Keller deutlich zu hören. Wir
fitüren, Schokolade, Bonbons und            harrten dort in vielen Nächten oft
Kaffeebohnen eröffnet. Die Kaffee-          etliche Stunden aus, bis schließlich
bohnen wurden in einer Kaffeemüh-           Entwarnung von den Sirenen geheult
le, die an der Wand hing, zu Kaffee-        wurde – ein langgezogener, durch-
pulver gemahlen.                            dringender Heulton. Dann konnten
  Ich habe mich dort
sehr wohl gefühlt,
war einziges Kind
meiner Eltern und
durfte, als ich ein
bisschen älter war,
auch mal Bonbons
oder Salmis verkau-
fen, die auf einer
blankgeputzten Waa-
ge mit zwei Schalen
gewogen wurden.
  Wenn es nachts
Alarm gab, heulten
die Sirenen auf der
Schule und auf dem
Bahnhofsgebäude laut mit einem Auf          wir endlich unseren Keller verlassen
und Ab. Dann gingen wir in unseren          und wieder nach oben in die Schlaf-
Kohlenkeller, der keine Fenster hatte       zimmer gehen.
und in dem es immer dunkel und kalt           Während dieser Stunden im Keller
war.                                        hatte ich meine Puppe Annemie, die
  Meine Eltern hatten auf den Stein-        lange Zöpfe aus echtem Haar besaß,
fußboden zwischen den Briketts und          fest im Arm. Ich kuschelte mit ihr,
den vielen Kohlen Matratzen gelegt,         dadurch hatte ich nicht so große
so dass wir uns in unseren Schlafan-        Angst vor den Bomben.
zügen dort hinlegen und mit Wollde-
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  Ich war damals Gymnasialschülerin          hatte vor einem halben Jahr eine klei-
und der Weg zur Schule war lang, ca.         ne Schwester bekommen. Ich küm-
3 km. Wir Kinder brauchten nach              merte mich um unser Baby, während
einem nächtlichen Alarm erst zur             meine Eltern die großen Mauerbro-
dritten Stunde in die Schule kommen,         cken beiseiteschafften, um noch eini-
denn wir hatten durch diese nächtli-         ge Habseligkeiten auszugraben.
chen Unterbrechungen nicht genug               Etwa 100 Meter von unserem total
Schlaf bekommen.                             zerstörten Haus hatten wir noch ein
  Unser Haus lag nicht weit vom Gü-          Grundstück für Kartoffeln und Ge-
terbahnhof entfernt, diesen hatten die       müse. Dort gruben meine Eltern eine
Tommys als Ziel genommen. An ei-             große Kuhle aus. Sie wollten ein Be-
nem Vormittag, als wir ausnahms-             helfsheim bauen, denn wir konnten
weise während eines Alarms nicht in          nicht ewig auf unsere Nachbarhäuser
unserem Keller waren, sondern im             verteilt leben. Wir mussten uns selbst
Keller unserer Nachbarn, fielen Bom-         helfen.
ben auf einen Teil unseres Hauses              Es war eine unmögliche Situation.
und auch auf unseren Stall mit den           Ich ging nicht mehr zur Schule denn
Schweinen und Hühnern und explo-             ich musste mich um unser Baby
dierten. Was für ein Glück, das wir          kümmern, während meine Eltern auf
an diesem Tag nicht in unserem Kel-          dem Gartengrundstück sich auf das
ler waren, wir hätten es nicht über-         Behelfsheim einstellten.
lebt.                                          Mit den Eiern von unseren Hühnern
  Als wir nach dem Sirenenentwar-            und den geernteten Kartoffeln von
nungston auf die Straße gingen, sa-          unserem Gemüsegarten haben meine
hen wir den großen Trümmerhaufen.            Eltern Zement eingetauscht, den sie
  Einige Hühner lebten noch, sie la-         für das geplante Behelfsheim brauch-
gen aber auf der Straße und krächzten        ten.
und konnten sich nicht mehr bewe-              Im Stall wurde heimlich ein
gen. Von den Schweinen und Gänsen            Schwein neben den Hühnern gehal-
haben wir zunächst einmal rein gar           ten, mit dem Plan, es später zu
nichts mehr gefunden. Sie sind wohl          schlachten, um mit dem Fleisch und
total auseinandergerissen worden.            der Wurst Baumaterialien für das
Später fand ich ein paar Federn von          Behelfsheim einzutauschen. Geld war
unseren Gänsen und habe natürlich            völlig unnütz.
laut geweint.                                  In dieser Zeit, wo meine Eltern eine
  Unser Haus war unbewohnbar ge-             Grube für den Keller ausgruben, hör-
worden, es standen nur noch ein paar         ten wir über ein Radio, dass Hitler tot
Innenwände, aber auch nur halb. Es           ist. Oh, wie waren wir erleichtert.
war sehr schrecklich! Nachbarn ha-           Und bald darauf war der Krieg zu
ben für uns Platz gemacht, damit wir         Ende!
nachts eine Schlafmöglichkeit hatten.          Doch es ging uns allen noch lange
  Es war der 25. November 1944 und           nicht gut.
es war kalt. Ich war 14 Jahre alt und                              Lisa Schomburg
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„...da lebt der arme Schuster.“                      (ca. 1935 bis heute)
Als Kinder sangen wir immer: „Im
Keller ist es duster, da lebt der arme
Schuster.“
  Auf dem Lande waren Keller kein
Thema, denn es gab Ställe und
Schuppen. In der Stadt, in den Ein-
zelhäusern, lagerte man Vorräte und
Kohlen im Keller ein. Da es damals
noch kaum elektrisches Licht gab,
musste man mit der Petroleumlampe
dorthin gehen. Das Licht war mal
heller und mal dunkler. Natürlich
hatten die Kinder Angst, denn ihnen
wurden Märchen vorgelesen, es gab
ja noch kein Fernsehen. In den Mär-
chen war von Geistern und Trollen
die Rede, die meist in den Kellern
hausten.                                     schnell Mietshäuser mit Ziegelstei-
  In den alten Etagenhäusern wurden          nen und auch im Plattenbau errichtet.
Keller oft als verbilligte Mietswoh-         Oft konnte man Dachboden und Kel-
nungen angeboten. Da wurden dann             ler mit mieten. Kinder hatten keine
am Dachboden Trockenräume be-                Angst mehr, sie knipsten den Schal-
nutzt. Es gab einen Plan, wer und            ter an und alles wurde hell. Schilder
wann den benutzen konnte. In ande-           gab es, da stand dann: „Keller sind
ren Räumen wurden dort Kohlen und            Fluchtwege, bitte freihalten.“ Trotz-
Briketts für den Winter gelagert. Das        dem wurde oft altes Gerümpel dort
wirkte sich bei den Bombenangriffen          hingelegt.
dann verheerend aus.                           Im Keller ist es nicht mehr duster
  „LSR“ mit einem Pfeil auf der Stra-        und es gibt da auch keinen Schuster.
ße zeigte auf einen Luftschutzraum                                   Günter Lucks
hin. Nach dem Krieg wurden meist

Der Waldbunker                                                         (1944)
1944 erfolgten die ersten Angriffe           nen „Waldbunker“ zu bauen.
auf Dresden durch Bomberverbände              Zunächst wurden Tannen gefällt.
der Alliierten. Das veranlasste den          Ein Bauer stellte seinen Traktor zur
ortsansässigen Volkssturm, in unse-          Verfügung, um sie zu transportieren
rem Dorf Tissa nahe Stadtrhoda, ei-          und anschließend die Baumstümpfe
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aus der Erde zu wuchten. Wir                 in den Bunker zu setzen. Wortführer
Dorfkinder schauten uns die Arbeiten         war ein Mann vom Volkssturm, der
an, Pferde zogen dann die Wurzelbal-         mir sehr grob vorkam; er hatte eine
len weiter in den Wald. Auf dem frei-        laute, unangenehme Stimme – wir
gewordenen Platz wurde mehrere               Kinder hatten alle Angst vor ihm!
Tage lang gegraben, es entstand ein            Meiner Mutter wurde eingeschärft,
Loch in einer Größe von ca. 15 x 10          im Alarmfall sofort in diesen Bunker
Metern, mindestens 3 Meter tief.             zu laufen, er war etwa 200 Meter von
Rechts und links davon wurde ca. 1           unserem Wohnhaus entfernt. Tat-
Meter breit und 80 cm Meter tief die         sächlich waren wir einmal bei Alarm
Erde abgetragen.                             in diesem Bunker. Leider stand darin
  In der Zwischenzeit wurden die             etwa 20 Zentimeter hoch das Wasser,
Tannen auf eine Länge von 11,80              so dass fast alle nasse Füße hatten.
Meter abgesägt; sie wurden dann in           Der Flugzeugangriff galt der nahen
entsprechender Position auf das Bun-         Ortschaft Stadtrhoda.
kerloch gelegt. So entstand eine               Für uns Kinder war der Bunker ein
Baumdecke; auf diese wurde dann              gruseliger Spielort. Wir erzählten uns
noch Erde geschüttet. Somit hatte der        dort die schaurigsten Geschichten.
Waldbunker eine Decke von insge-             Einmal wurde der Bunker kurzfristig
samt 1,5 Meter. Darauf wurden dann           als Gefängnis für einen mit dem Fall-
Tannenzweige gelegt und einige klei-         schirm abgesprungenen Engländer
nere Tannen wieder eingepflanzt. So          genutzt. Leute vom Volkssturm woll-
konnte von oben nicht erkannt wer-           ten ihn an der Dorflinde aufhängen,
den, dass es sich um einen Erdbunker         doch aus Stadtrhoda gekommene
im Wald handelte.                            Feldjäger verhinderten das. Sie nah-
  Innen im Bunker wurden an zwei             men den Tommy mit – man kann nur
Wänden 14 Meter lange Sitzbänke              hoffen, dass ihm dies das Leben ge-
aus Holz angebracht. Als diese fertig-       rettet hat.
gestellt waren, wurden alle Dorfbe-                                Manfred Hüllen
wohner zusammengerufen, um sich

Verdunkelung                                                       (1943-45)
Astronauten schwärmen heute von              nanderfließen und kaum noch einer
dem unwiderstehlich schönen Blick            wirkliche Dunkelheit kennt.
auf die funkelnden, leuchtenden In-            Ganz anders war es in meiner Kind-
seln inmitten von Nachtdunkelheit            heit in Berlin. Als die Bombardierun-
beim Rundflug um unsere Erde. Die-           gen der Städte begannen, begann die
se Inseln, die im All zu erkennen            allgemeine Verdunklung, um den
sind, sind unsere hellerleuchteten           anfliegenden Bombern nicht die Ab-
Großstädte. Wo Tag und Nacht inei-           wurfziele auf dem Präsentierteller zu
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servieren. Mit einbrechender Dunkel-   Man konnte sich diese Lampe an
heit mussten alle Fenster vollkom- einen Mantel- oder Hosenknopf an-
men blickdicht mit dicken, schwar- knöpfen, um die Hände frei zu haben.
zen Vorhängen abgedunkelt werden.     Zum Tragen aller eventuell lebensret-
  Die Blockwarte, die jeweils in den tenden Habseligkeiten oder für uns
Mietshäusern für Ruhe und Ordnung Kinder, die wir nachts aus dem
zu sorgen hatten, mussten jeden mel- Schlaf gerissen wurden mit den ers-
den, der gegen diese Verdunklungs- ten Vorwarnsirenentönen. Diese Ver-
verordnung verstieß. In den Wohnun- dunklungslampe gab wenigstens ein
gen fiel das umso leichter, als bald bisschen Licht auf dem Weg durchs
Stromsperren verhängt wurden und Treppenhaus, in den Keller oder über
gegen Ende des Krieges der Strom die Straße in den Luftschutzkeller,
sowieso ganz ausfiel, weil die Strom- wo immer die Bewohner von drei
netze zerstört waren.                 Mietshäusern zusammen auf die Ent-
  So saßen wir abends bei             warnung warteten.
Kerzenlicht, solange es
noch Kerzen gab, oder
bei Petroleumlicht, so-
weit es in den Haushalten
Petroleumlampen aus der
Zeit vor der Erfindung
des elektrischen Lichts
gab. Besonders helles
Licht zum Lesen spende-
ten die Karbidlampen,
die später aufkamen und
immer fürchterlich stan-
ken.
  In den Straßen herrsch-
te natürlich auch völlige
Dunkelheit. Alle Straßen-
laternen waren abge- Abgedunkelte Taschenlampe mit Rot– und Grünfilter
schaltet. Wer trotz alledem
aber auf die Straße musste, der hatte  Wir hofften alle, dass die herunter-
eine abgedunkelte Taschenlampe        prasselnden  Brandbomben uns und
dabei. Das heißt, dass die Birne      unsere  Häuser  verschonten, so dass
durch einen nur nach unten geöffne- wir weiterschlafen konnten.
ten Klapp-Deckel abgedunkelt war.      Gegen Kriegsende mussten wir bis
Zusätzlich konnte mit einem kleinen zu dreimal in den Keller. Ich vermute
Hebel entweder ein Grünfilter oder heute, dass unsere Mutter es dann
Rotfilter vor die Glühbirne gescho- aufgab, für die Fortsetzung unseres
ben werden, was das Licht zusätzlich Schlafs uns jedes Mal wieder an- res-
abschwächte (s. Abb.).                pektive auszuziehen.
                                               Ingeborg Schreib-Wywiorski
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Im Keller...                                                    (1935-44)
… ist es duster.“ Beim Bauen zuläs-      Nachbarschaft hieß es plötzlich:
sig sind sie selbst heute noch, die      „Geh da nicht so nah ran!“ Gemeint
Kellerräume ohne Fenster. Und wenn       war der Keller unter dem Häuschen
du dann, als Mieter, deinen Keller am    mit der grünen Pforte. Da wohnten
Ende eines langen, dunklen Ganges        Juden, und es gab einen Spottvers:
hast, so ist das selbst für Erwachsene   „Und fängt dich der Jud, wird er dich
nicht angenehm. Und erst die Kinder!     schlachten!“ Das glaubte ich nicht.
Wohnt denn nicht auch der „Bi-Ba-        Warum? „Weil du ein Kind von
Butzemann“ im Keller? Eben. Da           Christen bist, darum.“ Das Häuschen
kann einem ganz schön angst und          war mir plötzlich unheimlich.
bange werden!                              Etwa um 1939 gab es jeden Sonn-
  Einst wurden im Keller Kohlen und      tagvormittag um 11 Uhr Kinovorstel-
Holz gelagert; im Winter kamen oft       lungen für 50 Pfennig auf allen Plät-
Kartoffeln dazu. Ich erinnere mich an    zen. Neben Tier- und Heimat-Filmen
einen Haublock im Keller meiner          wurde auch kriegerische Propaganda
Großmutter, auf dem wurde Holz           gezeigt. Ich erinnere mich an einen
zerkleinert. Außerdem hing an einer      Film, in dem deutsche Zivilisten vor
Wand ein Fliegenschrank, dessen Tür      polnischen Soldaten in einen Keller
kein Fenster hatte, sondern aus sehr     geflüchtet waren. Von außen wurde
feinmaschigem Draht bestand – um         ein MG (Maschinengewehr) durchs
Fliegen abzuhalten, genau! Es war        Kellerfenster geschoben und ratterte
kalt im Keller; Kühlschränke kannte      los. Ein todesmutiger Deutscher
man in früheren Zeiten nicht.            schlich sich von der Seite an, hängte
  Ich mochte wohl vier oder fünf Jah-    sich an den Lauf des MG und verbog
re alt gewesen sein, da sagte im Som-    diesen so, dass die Salven nur den
mer ein ziemlich großer Junge zu         Boden trafen. Dass die Deutschen die
mir, ich solle doch am Nachmittag        „bösen“ Polen besiegten, war natür-
um drei mal da hinten hinkommen,         lich klar.
„in das helle kleine Häuschen, das         Spätestens zu Beginn des Krieges
kennst du doch, da treffen wir uns       waren alle Trocken- und Gemein-
alle im Keller und ziehen uns aus.       schaftsräume in den Kellern der
Kommst du?“ Das klang verlockend,        Wohnhäuser zu Luftschutzräumen
aber ich fragte erst mal meine Eltern.   umgebaut worden. Stützpfeiler vom
Die fielen aus allen Wolken; sie ver-    Boden bis zur Decke sollten das Ein-
boten mir, da hinzugehen, und mein       stürzen verhindern, zweistöckige
Vater murmelte was von „Homo“.           Bettgestelle standen zum Ruhen und
  Bisher       kannte       ich    nur   Schlafen bereit. Eine weibliche Hilfs-
„Mitschnacker“, und dass man von         kraft des Schlachters, der unten in
denen nichts annehmen darf, mitge-       unserem Haus seinen Laden hatte,
hen darf man sowieso nicht.              nutzte den Raum für ein Techtel-
  Beim Spielen mit Kindern aus der       mechtel mit einem deutschen Solda-
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ten, der auf Urlaub oder auf Dienst-      Alarm in das Schulgebäude gegen-
reise war. Zu ihrem Unglück hatte er,     über von unserem Haus, so auch am
so hieß es, einen „Präser“ hinterlas-     25. Oktober 1944. An diesem Tag
sen (was das war, ahnte ich damals        erlitt Harburg das schwerste Bombar-
nicht mal). Das Ding fand ihr Chef,       dement.
stellte sie zur Rede – und sie verlor       Auch unser Haus wurde getroffen.
ihren Job.                                Sie sieht es, als sie nach der Entwar-
  Was Bomben anrichten können,            nung aus dem Keller des Schulgebäu-
war spätestens seit der „Operation        des herauskommt. Und sie hat nur
Gomorrha“ im Juli 1943 klar. Ganze        einen Gedanken: Retten, was zu ret-
Stadtteile waren danach wie ausra-        ten ist. Ein letztes Mal hastet sie die
diert, etwa 40.000 Menschen kamen         Treppen hoch, stürzt ein letztes Mal
ums Leben, überwiegend Frauen und         in die Wohnung, rafft zusammen,
Kinder. Harburg, wo wir damals            was ihr in die Finger kommt. Dann
wohnten, war verschont geblieben,         ein Rufen: „Ist da oben noch jemand?
doch der Krieg ging weiter.               Raus, raus, das Treppenhaus brennt!“
  Mein Vater war inzwischen Soldat,         Dieser Mut der Verzweiflung von
und ich war nach Tschechien evaku-        meiner Mutter ist kaum nachzuemp-
iert worden, im Rahmen der Kinder-        finden, wurde nie verarbeitet und
Landverschickung. Meine Mutter            machte sie krank, über Jahre. Ich ver-
lebte allein zu Hause. Ein einfacher      neige mich.
Keller, das war ihr längst klar, war                              Claus Günther
nicht sicher genug. Sie ging daher bei

Spielend erwachsen werden
Wir alle haben sicherlich eins ge-        schon von Kindesbeinen an statt und
meinsam: Wir hatten unser Lieblings-      wurde besonders perfide im National-
spielzeug!                                sozialismus manifestiert. Jungen
  Meist waren dies bei Jungen Nach-       wurden auf den Militärdienst vorbe-
bildungen im kleinen Maßstab von          reitet, Frauen hatten für das familiäre
Autos, Baufahrzeugen, militärischen       Umfeld zu sorgen.
Motiven wie Fahrzeugen oder Men-            In den nachfolgenden Geschichten
schen, Eisenbahnen oder etwas zum         unserer Zeitzeugen wird aber auch
Basteln. Bei Mädchen wurde beim           deutlich: Spielzeug war Statussymbol
Spielen meist auf lebensnahe Darstel-     und gleichzeitig Halt in schwierigen
lungen und Simulationen von Famili-       Zeiten.
enbildern gesetzt, z. B. mit Puppen         Lassen Sie sich verzaubern: Von
oder Puppenstuben.                        Flugzeugteilchen, lebenden Puppen
  Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.      und Kobolden.
Eine Rollenfestschreibung fand damit                              Ihre Redaktion
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Flugzeugileinchen                                          (ca. 1936-42)
Wie wohl die meisten Jungen in mei-      sogleich in mein Herz geschlossen.
ner Generation (geb. 1932) bekam         Die grüne musste darunter leiden,
ich zum Geburtstag und zu Weih-          dass ich die Farbe nicht mochte. So
nachten das eine oder andere aus         hatte ich denn für längere Zeit nur
Blech gefertigte, mit Gummireifen        eine blaue Lokomotive.
ausgestattete LKW-Modell im grauen         Auch mit den Schienen haperte es
Tarnanstrich, ergänzt durch einen        dann und wann. Sie waren nämlich
Panzerspähwagen mit angehängtem          seinerzeit noch aus Weißblech herge-
Geschütz.                                stellt – jede Schiene lediglich mit drei
  Aber viel mehr interessierte mich      Schwellen, ebenfalls aus Weißblech,
die Puppenstube meiner Schwestern.       bewehrt. Weißblech war damals nicht
Und so spielten die denn mit meinen      anders als heutzutage äußerst
Fahrzeugen, während ich mich dem         „beulfreudig“ Und so hatten meine
kleinen Herd (mit wirklichen Koch-       Fahrten mit der stolzen Eisenbahn
feldern),        dem       Miniatur-     eher den Charakter eines Ausflugs
Waschbecken, Tisch und Stühlen           auf dem welligen Strang einer Feld-
widmete.                                 bahn.
  Mehr Interesse hatte
ich an meiner Eisen-
bahn. Ich war wohl vier
Jahre alt (1936), als ich
zu Weihnachten den
Grundstock für diese –
zunächst Märklin Spur
0 – bekam. Es gab auch
schon die Spur HO,
halb so groß, aber min-
destens ebenso spielge-
eignet. Vielleicht mein-
te mein alter Herr, ein
kleiner Junge könne mit
den schmalen Gleisen
und den kleinen Lokomotiven noch           Mit 10 Jahren begann ich, wie viele
nicht so gut umgehen. Das ist sicher-    Gleichaltrige, von der Fa. Wiking in
lich kein Fehler gewesen. Ein Fehler     Berlin hergestellte Flugzeug- und
aber war es, mir zugleich einen          Schiffsmodelle zu sammeln (Maßstab
Werkzeugkasten mit einem respek-         1:200 bzw. 1:1250). Für den Erwerb
tablen Hammer zum Geschenk zu            reichte das übliche Taschengeld sel-
machen. Eine halbe Stunde lang exis-     ten, aber wer mit Geschick zu tau-
tierten zwei Lokomotiven, eine grüne     schen verstand, konnte den Bestand
und eine blaue. Die blaue hatte ich      seiner Sammlung ständig erhöhen.
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Wenn er es denn nicht vorzog, mit           Wohl dem, der diese Periode bald
den Modellen den Krieg in der Luft        hinter sich ließ: Heute kann die Ver-
und zu Wasser zu simulieren.              steigerung einer wohlbehaltenen
  So war auch ich anfangs dabei,          Sammlung einen satten fünfstelligen
wenn wir Jungs uns mit unserer Me         Betrag erbringen.
109 und der „Spitfire“ Leitwerke und        Übrigens war die offenkundige
Tragflächen kostende Luftkämpfe           emotionale Zuwendung zu den Mo-
(per Hand) lieferten, in vermeintlich     dellen für meinen alten Herrn ein
sicheren (aufgegrabenen) „Bunkern“        probates Hilfsmittel, mich mit der
versteckte      „Hampden“       oder      Drohung, die „Flugzeugileinchen“
„Blenheim“ mit Bomben (Steinen)           andernfalls in den Ofen zu werfen,
malträtierten, oder mit dem Katapult      zur (widerwilligen) Ausführung sei-
dem Schlachtkreuzer „Hood“ die Ge-        ner Befehle zu zwingen.
schütztürme wegschossen.                                         Jürgen Franke

Eine lebendige Puppe                                                 (1945)

Glühend beneideten meine Schwester        Kurz vor der Entbindung machte
und ich unsere Spielgefährtinnen, die     meine Mutter sich mit ihren beiden
Puppen besaßen, die mit den Augen         Töchtern auf den Weg zum Dorfkrä-
klappern oder Mama sagen konnten.         mer in der Nähe des Zollenspieker
So etwas hatten wir nicht. Aber dann      Bahnhofs.
verkündete unsere Mutter eines Ta-          Obgleich nicht eine Flocke Schnee
ges, dass wir in kurzer Zeit Familien-    lag, wollte meine Schwester unbe-
zuwachs bekommen würden ... eine          dingt den Schlitten mitnehmen, was
echte lebendige Puppe. Oh, was wa-        ihr nach langem Quengeln schließ-
ren wir aufgeregt! Da konnte keine        lich gestattet wurde. Als wir nach
unserer Freundinnen mithalten.            dem Einkauf aus der Tür traten, hatte
  Ich war achteinhalb Jahre alt, meine    es inzwischen geregnet. Durch Blitz-
Schwester sieben, und es fiel uns         eis war der Deich mit seiner gewölb-
schwer, die Zeit abzuwarten, bis das      ten Kuppe aus Kopfsteinpflaster in
Baby endlich zu uns kam. Das Mär-         eine spiegelglatte Rutschbahn ver-
chen vom Klapperstorch wurde uns          wandelt worden. Ein Sturz meiner
nicht erzählt. Wir durften schon mal      hochschwangeren Mutter hätte mit
Mamas Bauch anfassen und das Zu-          Sicherheit eine Fehlgeburt zur Folge
cken und Strampeln des kleinen We-        gehabt.
sens fühlen.                                Was tun? Wir nötigten sie, sich auf
  Noch vor seiner Geburt Mitte Feb-       den Schlitten zu setzen, was ihr äu-
ruar war das Leben des zukünftigen        ßerst peinlich war und wozu sie sich
Erdenbürgers jedoch schon bedroht.        erst nach längerer Diskussion bereit-
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erklärte. Es gehörte sich doch nicht,      Zu Hause wartete ich voller Span-
als erwachsene Frau auf einem Kin-       nung darauf, dass das Baby aus sei-
derschlitten zu sitzen und das in ih-    ner Verpackung geschält wurde.
rem Zustand!                             Welche bittere Enttäuschung! So hat-
  Die zwei Pferdchen spannten sich       te ich mir unsere neue Puppe nicht
davor und im Schlingerkurs ging es       vorgestellt. Mit ihrem runden Kopf
Richtung Heimat. Mehr als einmal         und der Wollmütze, die links und
drohte das Gefährt mit seiner Last       rechts in kleinen Zipfelchen endete,
vom Deich zu rutschen, zum Glück         sah sie wie Kater Mohrle aus. Die
ging aber alles gut.                     fest zugekniffenen Augen verstärkten
  Etwa vierzehn Tage später wartete      diesen Eindruck noch. Unter der
am Bahnhof Zollenspieker eine klei-      Kopfbedeckung verbarg sich eine
ne Schar Nachbarinnen mit einem          Glatze mit nur einzelnen Härchen.
leeren Kinderwagen auf die Ankunft         Das Schlimmste kam allerdings
der Bimmelbahn. Sie brachte nach         noch, als dieses Wesen nun die Au-
langem Warten eine erschöpfte Mut-       gen öffnete. Das Gör schielte! Ich
ter mit einem kleinen Bündel auf         war total frustriert, versicherte mei-
dem Arm, das in den mit einem hei-       ner Mutter aber pflichtgemäß, wie
ßen Stein vorgewärmten Wagen ge-         hübsch das Kind sei.
legt wurde. Es war stickendüster,          Als unser Neuankömmling nun je-
man konnte kaum die Hand vor Au-         doch leise maunzte, die klitzekleinen
gen sehen, dennoch orgelte eine der      Finger zu einem Fächer spreizte und
Frauen im tiefsten Bass: „Och, was       dann wieder zur Faust ballte, da wa-
issi doch bloß nüdelich!“ Ich war        ren meine Schwester und ich hin und
empört, hatten wir doch kein Mäd-        weg. Unsere Kinderherzen flogen
chen, sondern einen Bruder bekom-        diesem hilflosen Würmchen zu, und
men.                                     es entbrannte ein erbitterter Kampf
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zwischen uns, wer denn wohl dem          Milch und konnte das Neugeborene
Winzling das Fläschchen geben durf-      nicht stillen. Die bläuliche Flüssig-
te. Jede erhob Anspruch darauf. Beim     keit, die wir beim Händler bekamen,
Windelwechsel blieb ich meistens         war gepanscht und wenig nahrhaft.
Sieger, und ich war stolz wie ein        Anstatt zuzunehmen wurde das Kind
Spanier, wenn das Zappelbündel wie-      immer magerer. Direkt neben unse-
der sauber in Luren verpackt war.        rem Haus befand sich ein großer
  Am liebsten hätten wir den ganzen      Bauernhof mit reichlich Viehwirt-
Tag mit unserer neuen Puppe rumge-       schaft. Als meine Mutter sich mit der
tüdelt und sie auch abends mit ins       Bitte um Milch an die Besitzer wand-
Bett genommen. Dem schob meine           te, wurde sie mit den Worten „Wi
Mutter aber energisch einen Riegel       hebbt sülms keen Melk nich!“ abge-
vor. Wir durften unser Pummelchen        schmettert. Und das, obgleich nicht
jedoch ab und zu in das Himmelbett       eine Kuh trocken stand.
für unsere anderen Puppenkinder le-        Hilfe fanden wir bei einem Bauern
gen. Die waren inzwischen in eine        einige hundert Meter weiter am Elb-
dunkle Ecke verbannt worden und          deich. Hier durften wir täglich Milch
führten dort ein unbeachtetes und        für unsere „Lieblingspuppe“ holen.
vergessenes Dasein. Auch an unseren      Die Sache hatte nur einen Haken. In
anderen Spielsachen, Puppenstube         Hoopte, uns gegenüber auf der ande-
und Krämerladen, hatten wir jedes        ren Elbseite, befand sich bereits der
Interesse verloren.                      Tommy. Und der hatte gute Scharf-
  Wir wurden nicht müde, immer           schützen. Jede Deckung nutzend
neue Kosenamen für unsere stram-         hüpften meine Schwester und ich in
pelnde Wunderpuppe zu erfinden, die      wilden Sprüngen über den Deich und
uns ein zahnloses Lächeln schenkte       dann mit der gefüllten Milchkanne
und Sonnenschein in die grauen Tage      wieder zurück nach Haus. Es wurde
vor dem Kriegsende brachte.              aber nicht ein einziger Schuss auf uns
Sie konnte zwar nicht Mama sagen,        abgegeben.
das kam erst später, aber durch laut-      Unsere Wohnung im ersten Stock
starke Töne war sie sehr wohl in der     war vom gegenüberliegenden Elbufer
Lage, Unmut oder Zufriedenheit aus-      gut einsichtbar. Als die Nachbarin im
zudrücken. Und das alles ohne Batte-     Souterrain des Hauses zu ihrer Toch-
rieantrieb!                              ter ins Hinterland flüchtete, nahm
  Das Schielen hatte sich nach weni-     meine Mutter gern das Angebot an,
gen Tagen gegeben, und wenn unsere       ins Kellergeschoss zu ziehen. Die
lütte Smusepopp die Lippen zu einem      Fenster lagen direkt hinter dem Deich
zarten Schmatzen spitzte, konnten        und waren somit gegen Einblicke gut
wir Geschwister in laute Entzückens-     geschützt.
schreie ausbrechen.                        Eines Tages nun fiel es einem Last-
  War das Leben des kleinen Wesens       wagen ein, anstatt auf Schleichwegen
schon vor der Geburt in Gefahr ge-       durchs Binnenland, über den Elb-
wesen, so drohte jetzt erneut Unge-      deich eine Gruppe Arbeitskräfte zur
mach. Meine Mutter hatte keine           Vierländer Bäckerei Ohde zu brin-
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gen. Es handelte sich um Jungrussen       und zerrten uns ins Freie. Erst jetzt
aus dem KZ Neuengamme.                    sahen wir die lodernden Flammen
  Der LKW wurde vom Tommy be-             und spürten die sengende Hitze. Di-
schossen, und der strohgedeckte Bä-       cker Qualm hüllte uns ein und er-
ckerladen ging in Flammen auf.            schwerte das Atmen. Von den Solda-
Ebenso das schöne Hufnerhaus dane-        ten erhielten wir die Anweisung, ins
ben. Die nächsten ziegelgedeckten         Hinterland zu flüchten. Ich versuchte
Häuser übersprang der Rote Hahn.          jedoch, zurück in die Wohnung zu
Durch Funkenflug und ungünstigen          rennen, wurde aber von den Vater-
Wind fand er dann aber neue Nah-          landsverteidigern daran gehindert.
rung in dem alten Bauernhaus neben        „Mein Bruder, mein Bruder“, stam-
uns. Im Nu brannte es lichterloh.         melte ich hustend. Sofort ließ man
  Meine Schwester und ich waren           mich los, die Soldaten stoben davon
beim Abwaschen und wunderten uns          und erschienen kurz darauf wieder
über den Rauch, der in die Räume          mit dem Kinderwagen. Friedlich
drang und immer dichter wurde. Mei-       schlafend lag darin unser Sonnen-
ne Mutter hatte bereits damit gerech-     scheinchen. Von all den Aufregungen
net, dass auch unser Nachbarhaus ein      hatte es nichts mitbekommen.
Opfer der Flammen werden würde              Übrigens... aus dieser heißgeliebten
und rettete Hausrat aus dem Bauern-       Lieblingspuppe ist inzwischen längst
hof.                                      ein gestandenes Mannsbild mit üppi-
  Vorher hatte sie uns Kindern die        gem, graumelierten Haarschopf und
strikte Anordnung gegeben, die Woh-       Vollbart geworden, das demnächst
nung ja nicht zu verlassen. Plötzlich     Großvaterfreuden entgegensieht.
wurde die Tür aufgerissen, ein paar                         Frauke Petershagen
deutsche Soldaten stürmten herein

Mein kleiner Kobold                                             (1939-44)
Bei vielen Kindern, die hierzulande       zuließ, an materiellen Dingen nicht
in den 20er und 30er Jahren des 20.       fehlen. In dieser Hinsicht war ich ein
Jahrhunderts das Licht der Welt er-       verwöhntes Einzelkind. Ich hatte un-
blickten, waren Zärtlichkeiten von-       ter anderem eine mechanische Eisen-
seiten der Eltern Mangelware. Lieb-       bahn, einen Steinbaukasten und einen
kosungen, so scheint mir, waren eher      Stabilbaukasten mit lauter Metalltei-
unüblich – das 19. Jahrhundert, in        len. Damit sollte ich – „Du hast zwei
dem die Kinder ihre Eltern zu siezen      linke Hände, Junge!“ – handwerkli-
und mit „Herr Vater“ und „Frau Mut-       ches Geschick lernen. Genützt hat es
ter“ anzusprechen hatten, lag noch        nichts, meine Abneigung gegen der-
nicht allzu lange zurück.                 gleichen ist eher gewachsen. Auch
  Doch immerhin sollte es den Kin-        meine Bleisoldaten rührte ich kaum
dern, soweit die finanzielle Lage dies    an, und ich war immer sehr erstaunt,
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wenn Klassenkameraden, die mich            ab.
am Geburtstag besuchten, begeistert          Dann aber – ich war inzwischen 13
mit meinen Sachen spielten.                Jahre alt – kam die Zeit, da wir Kin-
  Meine Domäne waren Bücher, von           der evakuiert wurden. Fern der Hei-
Anfang an. Sie beflügelten meine           mat, in „sicheren Gebieten“, sollten
Fantasie. Allenfalls das Kaspertheater     wir vor den Bombardements ge-
weckte mein Interesse, doch dafür          schützt sein, wir, die deutsche Ju-
fehlte das Publikum. Ich durfte damit      gend, der die Zukunft gehörte.
nicht nach draußen, auch bei schö-           Am Abend vor der Abreise nahm
nem Wetter nicht, denn alles war ja        ich noch einmal meinen kleinen Ko-
neu und durfte nicht schmutzig wer-        bold in die Hand. Er war alt gewor-
den.                                       den, abgegriffen und sogar ein wenig
  Es gab aber noch ein Problem. Die        schmuddelig. Liebend gern hätte ich
Figuren waren zu schwer für meine          ihn mitgenommen in die Kinder-
kleinen Patschhändchen. Wenn ich in        Landverschickung! Ich überlegte, ob
den Kasper hineinschlüpfte, kippte         ich ihn einpacken und verstecken
dessen Kopf vornüber. Doch dann            sollte, aber am liebsten hätte ich ihn
bekam ich Kobold. Er war bedeutend         ja mit ins Bett genommen, da drau-
kleiner als meine anderen Handpup-         ßen irgendwo, in der Ferne. Was-
pen, und es hieß, er sei ein Waldgeist.    dennwiedennwodenn? Als dreizehn-
Das gefiel mir. Kobold sah aus wie         jähriger Hitlerjunge? Wohl verrückt
das Sandmännchen, doch er trug kei-        geworden!
nen Bart. Sein Gewand war blau, sei-         Welch eine Schmach, welch eine
ne Zipfelmütze ebenso. Auch in seine       Schande! Ich wäre unterdurch. Man
Ärmchen konnte ich hineinschlüpfen,        würde mich – ich weiß nicht, was
ja, ich konnte ihn in die Hände klat-      man mit mir gemacht hätte. Diese
schen lassen – doch es klatschte           Entdeckung konnte und wollte ich
nicht. Kobolds Hände und sein Ge-          nicht riskieren, und das sagte ich
sicht waren rosa, und er hatte lustige     dann auch Kobold, ehe ich ihn noch
Augen wie mein Teddy, der irgend-          einmal streichelte, behutsam in mein
wann verloren gegangen war, nur            Bett legte und gut zudeckte, so wie
kleiner.                                   früher.
  Ich gab Kobold keinen Kosenamen.           Am Abreisetag, es war der 1. Mai
Hätte ich ihn etwa „Kobi“ oder             1944, bin ich noch einmal durch die
„Boldi“ nennen sollen? Ein Wald-           Wohnung gehüpft und habe leichtfü-
geist heißt Kobold – basta. Kobold         ßig Abschied genommen von allen
konnte ich alles erzählen was ich          Räumen, in der Hoffnung auf ein
empfand oder was mich bedrückte.           Wiedersehen.
Er wurde schnell zu meinem Vertrau-          Am 25. Oktober 1944 schlug in das
ten und schlief immer neben mir. Als       Haus eine Bombe ein und alles wurde
ich größer wurde, war er mir nicht         ein Raub der Flammen.
mehr ganz so wichtig, ich legte ihn                               Claus Günther
auch schon mal auf dem Nachttisch
17

Zeitzeugen im Dialog

Gymnasium Oldenfelde, 22.04.2021

Zeitzeugengespräch des bilingua-
len Geschichtskurses 10 von C. Gu-
schas (Lehrerin)
Wir, der Geschichtskurs 10, hatten
am letzten Donnerstag die Ehre, mit
Claus Günther, einem Zeitzeugen der
NS-Zeit, zu sprechen.
  Da wir im Unterricht seit einiger
Zeit über den Nationalsozialismus
sprechen, kam Frau Guschas auf die
Idee, einen Zeitzeugen in unseren
digitalen Klassenraum einzuladen.
Wir informierten uns und Till S.
schrieb das Seniorenbüro Hamburg
an. Claus Günther, ein netter älterer
Mann, berichtete uns von seinen Er-
fahrungen mit Antisemitismus, der
Hitlerjugend oder einem SA-Mann
als Vater. Wir durften ihm 1 ½ Stun-
den interessante Fragen stellen, die er
lebhaft und ehrlich beantwortete. Wir
bedanken uns und würden es jedem
empfehlen, es war eine lohnende und
äußerst interessante Erfahrung. Au- Die Schüler*innen und die Lehrerin des
ßerdem sind wir wohl die letzte Ge- Geschichtskurses im digitalen Gespräch
neration, die Zeitzeug*innen live er- mit dem Zeitzeugen Claus Günther.
leben kann.

Rückmeldungen der Schüler*innen        dadurch auch nochmal einen ganz
zum Zeitzeugengespräch mit Claus       anderen Eindruck vom Thema be-
Günther                                kommen.
1) Wie hat euch das Gespräch gefal-      Mir hat sehr gefallen, wie alle ge-
len?                                   stellten Fragen beantwortet wurden.
Ich fand es sehr schön das Gesche-     Dadurch hatte man nicht den Ein-
hen noch einmal aus der persönli-      druck, dass man irgendwelche Fra-
chen Sicht von jemandem zu hören,      gen nicht stellen darf.
der dabei gewesen ist und man hat        Ich fand das Gespräch mit Herrn
18

Günther sehr interessant. Durch das       Gespräch sehr genossen.
persönliche Gespräch ist mir die NS         Mir hat das Gespräch sehr gefallen.
Zeit glaube ich nochmal ein bisschen      Das Gespräch war berührend und
eindrücklicher klargeworden. Beson-       informativ. Es gab viele Einblicke in
ders die privaten Geschichten und         die Geschehnisse des Zweiten Welt-
die Ehrlichkeit von Herrn Günther         krieges. Man kann sich nicht vorstel-
hat mich beeindruckt. Durch das Ge-       len, wie das Leben (Alltag, Schule,
spräch kann ich mir besonders den         Hitlerjugend) in dieser Zeit war.
Alltag und die Lebensumstände bild-       Doch die Einblicke in das Familien-
licher vorstellen. Ich hätte ihm auch     leben und auch die Auswirkung die-
gerne noch eine weitere Stunde zuge-      ser Ereignisse auf das eigene Leben
hört.                                     macht das Gespräch sehr wertvoll.
  Mir hat das Gespräch sehr gut ge-       Ich möchte mich noch mal bei Herrn
fallen, ich bin der Meinung, dass es      Günther bedanken, da er sich Zeit
trotz Zoom sehr gut geklappt hat. Es      genommen hat und mir diese Zeit
war schön, die Erlebnisse der dama-       nähergebracht hat.
ligen Zeit von einer „richtigen" Per-
son bekommen zu haben, die viel-          2) Was waren eure Eindrücke?
leicht auch mal eine ganz andere            Der Krieg macht definitiv etwas mit
Sichtweise miteinbringt, und einem        einem und ich finde das sieht man
das Thema viel näherbringt als ein        auch. Vor allem, dass Herr Günther
Text aus dem Schulbuch.                   auch noch etwas jünger war und am
  Mir hat gefallen, dass Herr Gün-        Anfang nicht realisierte was da pas-
ther uns seine Erfahrungen so ehrlich     siert. Ich finde es aber sehr toll, dass
und genau erzählt hat.                    er mit diesen Geschichten aufklärt
  Ich fand das Gespräch mit Herrn         und auch aufmerksam macht das so
Günther war augenöffnend und es           etwas nicht nochmal passiert.
hat mir einfach gezeigt, wie gut wir        Es gab viele Dinge die traurig und
es heute in Deutschland haben. Ich        erschreckend sind und man merkt,
fand auch gut, dass er über seine Ge-     dass er einiges miterlebt hat. Mir
fühle und Emotionen offen und ehr-        kommen manche Dinge realer vor, da
lich mit uns kommunizieren konnte,        es einfach etwas anderes ist, etwas
außerdem war es zu keinem Zeitpunkt       persönlich erzählt zu bekommen als
langweilig Herrn Günther zuzuhören.       darüber zu lesen oder im Unterricht
  Ich möchte Herrn Günther sagen,         zu lernen.
dass durch Menschen wie ihn wir             Ich habe mehr über die NS Zeit er-
Kinder/Jugendliche besser die Zeit        fahren und wie wenig man sich dage-
und den Wert des Lebens, zu sein wie      gen wehren konnte. Ich fand es sehr
man ist, besser versteht.                 interessant, persönlich von einem
  Das Gespräch hat mir sehr gehol-        Zeitzeugen erzählt zu bekommen.
fen die Zeit aus Sicht eines Men-           Ich finde, dass man so etwas öfter
schen, der in der schrecklichsten Zeit    machen sollte.
in der Geschichte Deutschlands ge-
lebt hat zu verstehen, ich habe das
19

3) Hat euch etwas besonders beein-         Mich hätte jetzt im Nachhinein
druckt/gewundert/berührt/zum Nach-       nochmal interessiert, inwiefern Herr
denken gebracht/...?                     Günther Angst gehabt hat. Also hat-
  Besonders im Gedächtnis geblieben      ten Sie Angst vor den Nazis, vor jüdi-
ist mir, dass Herr Günther erzählt       schen Menschen, vielleicht vor ande-
hatte, dass er einen Mann gesehen        ren Truppen und dem Krieg?
hat, der auf der Straße seinen Juden-      Ich frage mich, ob Leute, die Hitler
stern versteckt hat und er ihm dann      und die Nazis unterstützten (z. B. Be-
ein Spott hinterhergerufen hat. Da-      kannte von Herrn Günthers Vater)
ran sieht man, dass viele vielleicht     vielleicht an dem Regime zweifelten
gar nicht wussten was da eigentlich      und sich nur gezwungen fühlten, es
gerade passiert.                         zu unterstützen.
  Allgemein hat mich das sehr be-          (Im Anschluss direkt per E-Mail
rührt, wie eine Person, die so etwas     von C. G. beantwortet, Anm. d. Red.)
erlebt hat, darüber redet, da norma-
lerweise dieses Thema so weit weg        5) Was möchtet ihr Claus Günther
ist. Man kann davon ja nur in Doku-      noch sagen?
mentationen oder Textbüchern erfah-        Lieber Herr Günther, ich danke
ren.                                     ihnen sehr, dass Sie sich Zeit für uns
  Ich wusste nicht, dass die meisten     genommen haben. Bitte behalten Sie
etwas von den KZs wussten aber           ihre Ehrlichkeit und Motivation bei.
gleichzeitig auch so wenig, was darin      Ich möchte mich dafür bedanken,
genau passierte. Die Begegnung mit       dass er seine Erlebnisse aus der Zeit
dem Juden, dem er etwas hinterher-       geschildert hat. Ich finde es toll, dass
gerufen hat, fand ich ein wenig er-      es Leute wie ihn gibt, die uns aus der
schreckend.                              Zeit berichten und uns ein wenig wei-
  Besonders berührt hat mich zum         terbilden.
Beispiel die Geschichte, die er er-        Ich wünsche ihm das Beste für die
zählt hat, in der er dem Mann diesen     Zukunft und dass er so weitermacht.
Spruch hinterhergerufen hat, und           Ich wünsche ihnen noch ein erfüll-
sich danach in Grund und Boden ge-       tes Leben und, dass sie noch vielen
schämt hat. Ich glaube, man vergisst,    Leuten von ihren Erlebnissen berich-
dass die Menschen zu der Zeit auch       ten können.
Menschen waren manchmal, und des-          Ich würde mich bei Herrn Günther
wegen sind Zeitzeugen ja auch so         bedanken wollen, dass er Zeit für
wichtig, denn Geschichte handelt ja      dieses Gespräch gefunden hat, trotz
von Menschen.                            Corona und technischer Probleme.
  Mich hat es erstaunt das der Mann        Ich möchte noch sagen: vielen
noch so präzise über seine Vergan-       Dank, dass Sie sich die Zeit gekom-
genheit reden kann, obwohl es so         men haben um uns über diese Zeit zu
lange her ist.                           berichten.
4) Sind noch Fragen offengeblieben?
Dann her damit!
20

Winterhuder Reformschule, 28.04.2021
Lieber Herr Günther,                     men, denn diese können mit dem
  vielen herzlichen Dank noch einmal     Thema bereits recht gut umgehen.
für Ihre Zeit heute Morgen und in        Auch vielen Dank für Ihr Angebot
den Wochen davor. Auch noch ein-         noch einmal zu uns zu kommen. Lei-
mal vielen Dank für das digitale Ma-     der wird dies zeitlich bei uns nicht
terial!                                  möglich sein, da wir leider an den
  Mir war bewusst, dass wir auf gar      Stoffverteilungsplan gebunden sind
keinen Fall alle Fragen schaffen wür-    und mit dem nächsten Thema anfan-
den und das hatte ich den Kindern        gen müssen.
auch gesagt. Sie sollten daher die         Zu Ihrer Frage bezüglich der An-
wichtigsten Fragen zuerst stellen.       zahl: Ja drei Personen waren wirklich
Aber durch ihre ausführlichen Ant-       ideal. Besonders spannend für die
worten haben die Kinder viel mehr        Kinder war, dass sich ihre Erfahrun-
erfahren, als wenn es nur ihre Fragen    gen unterschieden hatten. (…)
gewesen wären. Das ist meiner An-          Herzlichen Dank für Ihre Arbeit als
sicht nach viel mehr Wert!               Zeitzeugen. Liebe Grüße, Annika
  Die waren im Anschluss auf jeden       Kopisch (Referendarin)
Fall das Gespräch des Tages
und auch den Eltern wurde
beim Abholen sofort berichtet
und auch in den Pausen wur-
den über die abgesperrten
Pausenbereiche hinweg be-
richtet und erzählt. Sie haben
da wirklich viel Denken für
die Kinder angestoßen.
  In den Podcast werde ich
gerne hineinhören und wir
haben einzelne ältere Kinder,
die sich bereits sehr für das
Thema der NS-Zeit interessie-
ren und dazu bereits ein Pro-
jekt gemacht haben. Für diese
Kinder werde ich ihre Buch-
seiten mit in die Schule neh-

Zeitzeugengespräch bei den Zebras        Zeitzeugen bekommen. Es waren drei
an der Winterhuder Reformschule          Männer: Claus Günther, Harald
von Kalle und Cornelius                  Schmidt und Rolf Schultz-Süchting.
Wir haben am Mittwoch, den               Von Frau Frauke Petershagen haben
28.4.2021 digitalen Besuch von dr ei
21

wir Antworten vorher als Text be-       dass sie auf der Straße spielen konn-
kommen.                                 ten, ohne Autos. Und wir haben uns
Wir sind die Zebras von der Winter-     auch gewundert, dass eine Familie
huder Reformschule. Wir haben           oft nur ein Zimmer hatte und sich die
ihnen Fragen zu deren Kindheit ge-      Wohnung mit anderen Familien tei-
stellt. Ein paar Antworten davon ha-    len musste.
ben uns sehr verwundert. Wir haben      Die drei Herren haben eine Stunde
uns erschrocken, dass die Kinder von    lang ausführlich erzählt.
ihren Eltern und den Lehrern ge-        Wir haben gerne zugehört.
schlagen wurden. Uns hat auch sehr      Vielen Dank für den digitalen Be-
gewundert das Weihnachten gleich-       such.
geblieben ist. Spannend fanden wir,

Fragen der Zebras für das digitale      5. Welche Fahrzeuge gab es als Sie
Zeitzeugengespräch                      Kinder waren?
 Haushalt                               6. Gab es schon Comics?
1. Wie haben Sie früher die Wäsche      7. Wie wurde damals Post in die gan-
gewaschen?                              ze Welt geschickt?
2. Wie hat man Essen bekommen?          Spielen
Gab es Lieferdienste?                   1. Was haben Jungs gespielt? Was
3. Wie wurde früher mit Holz gear-      haben Mädchen gespielt?
beitet?                                 2. Gab es schon Pokémonkarten?
4. Was mussten Sie als Kinder im        3. Was war ihr Lieblingsspielzeug?
Haushalt machen?                        Sonstige Fragen
5. Welches Essen wurde früher ge-       1. Was haben Sie sich als Kinder zu
kocht?                                  Weihnachten gewünscht?
6. Wie wurde gekocht? Welche Gerä-      2. Wie haben Sie Weihnachten früher
te wurden benutzt?                      gefeiert?
Schule                                  3. Wie sah es damals in Hamburg
1. Womit haben Sie früher geschrie-     aus?
ben?                                    4. Welche Süßigkeiten gab es früher
2. Wie sah der Schulhof aus?            schon?
3. Wie war es in der Schule?            5. Welche Feste haben Sie früher ge-
4. Was haben Sie in der Schule ge-      feiert
lernt?
5. Waren die Lehrer streng?
6. Welche Schrift haben Sie in der
Schule gelernt?
Alltag
1. Welche Kleidung haben Sie als
Kinder getragen?
2. Welches Geld gab es damals?
3. Gab es schon Fernseher?
4. Gab es Desinfektionsmittel?
22

Farmsen, Feuersturm und Familie
Lore Bünger ist „Eine Hamburger Zeitzeugin“

Sie hat es getan! Und es ist gelungen.     bei Urlaubsreisen hinterlassen ein
Lore Bünger, Jahrgang 1923, Grün-          Verständnis der damaligen Lebens-
dungsmitglied der Zeitzeugenbörse          welt – ohne sich in Nebensächlich-
Hamburg, hat ihr bewegtes Leben            keiten zu verlieren. Chapeau! Leben
komprimiert zu Papier gebracht.            hautnah, wie es Jung und Alt fesselt!
Bünger schildert kurzweilig und im-                                Ulrich Kluge
mer mit einem Augenzwinkern ihre
Kindheit in Farmsen, damals noch
ein Vorort Hamburgs. Sie berichtet
von einer Zeit, als ein Telephon noch
mit „ph“ geschrieben wurde, von ih-
rer ersten Zigarette und dem ersten
Auto in der durchaus gutsituierten,
SPD-nahestehenden Familie.
  Mit der Machtübernahme der Nazis
ändert sich das Leben. Sie ist am Tag
nach dem Feuersturm 1943 Augen-
zeugin des Infernos, das durch die
„Operation Gomorrha“ große Teile
Hamburgs zerstörte. Nach Kriegsen-
de arbeitete sie als Stenotypistin – so
nannten sich Schreibkräfte – für die
Royal Air Force. Bereits 1948 gestal-
tete Bünger die Aufbaujahre der Bun-
desrepublik tatkräftig mit; als eine
der ersten Frauen, die bei einer neu
aufgebauten Reederei angestellt wa-
ren.
  Die Bearbeitung von Annette Laug-
witz – illustriert durch zahlreiche
aussagekräftige Fotodokumente –
komprimiert das Leben Büngers auf          Lore Bünger: „Eine Hamburger Zeit-
zahlreiche Meilensteine. Dennoch           zeugin“, bearbeitet von Annette
bleibt viel Raum für Emotionen: Die        Laugwitz. KJM Buchverlag. Ham-
Glücksgefühle, als der Krieg endlich       burg 2020, 110 Seiten, 10,00 €.
vorbei war oder die neuen Eindrücke        ISBN 978-3-96194-145-2
23

Die Zeitzeugenbörse Hamburg stellt sich vor…
unter Corona-Bedingungen
Wir Zeitzeug*innen trafen uns vor        ten Anfragen, von „Oral History“ in
der Pandemie an jedem 1. und 3.          der Grundschule bis zum Instagram-
Dienstag im Monat in der Brennerstr.     projekt.
90, im 5. Stock (Seniorenbüro), von        Bereits im letzten Jahr haben Schul-
10 bis 12 Uhr.                           besuche und Interviews in digitaler
  Wir bereiten themenbezogen und         Form stattgefunden.
moderiert unsere Erinnerungen auf.       Das Seniorenbüro unterstützt die
Wir besuchen Schulen und sprechen        Zeitzeug*innen bei Bedarf mit tech-
mit Medienvertreter*innen.               nischem Equipment und Know-how.
  Schulen finden inzwischen auch
Interesse an Nachkriegsthemen. In        Bei Interesse an einer Zusammenar-
diesem Kontext gilt es, eigene Erleb-    beit findet der Erstkontakt über das
nisse zu schildern und die Demokra-      Seniorenbüro Hamburg e. V. statt:
tie zu stärken, damit extremistisches    E-Mail: zeitzeugen@seniorenbuero-
Gedankengut keine Chance hat. Die        hamburg.de oder Telefon: 040
NS-Zeit mit Krieg und Diktatur lie-      30399507 (Mo. – Do. von 9-13 Uhr)
fert hier mahnende Beispiele.              Nähere Informationen zu den Zeit-
  Die persönliche regelmäßige Grup-      zeug*innen finden sich auf der Web-
penarbeit der Zeitzeugenbörse Ham-       seite           www.seniorenbuero-
burg muss coronabedingt momentan         hamburg.de/zeitzeugenboerse-
ruhen. Die Zeitzeug*innen sind und       hamburg
bleiben aber aktiv. Wie funktioniert
das?                                      Wir sind eine offene, konfessionell
Corona zum Trotz melden sich bei         und überparteilich tätige Gruppe.
uns weiterhin Journalist*innen, Leh-     Mitgliedsbeiträge werden nicht erho-
rer*innen, Schüler*innen und Stu-        ben. Wir freuen uns auf Sie!
dent*innen mit den unterschiedlichs-                            Die Redaktion

                 Redaktion Claus Günther, Richard Hensel, Manfred Hüllen,
                 Ulrich Kluge, Sabine Maurer, Christina Pfeifer, Ingeborg
                 Schreib-Wywiorski.
                 Wir danken allen Autorinnen und Autoren, die ihre Beiträge
                 in dieser Ausgabe und für eine Internet-Publikation zur
                 Verfügung gestellt haben.
                 Änderungen behält sich die Redaktion vor.
                 Erscheinungsdatum: Mai 2021

Nächste Ausgabe (Zeitzeugen Nr. 74): Redaktionsschluss: 3. August 2021
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Termine Zeitzeugenbörse Hamburg
                    Gruppen Erinnerungsarbeit
Selbst Erlebtes thematisch erinnern, miteinander diskutieren und aufschreiben.
 Für Interessierte, Einsteiger und „alte Hasen“. Erinnerungen aus dem Natio-
 nalsozialismus, dem geteilten Deutschland; vom Krieg und aus dem Alltag.
Gruppentreffen: Stand April 2021        Gruppentreffen unter Hygiene–
Noch immer ruhen die Gruppen-           und Schutz-Bedingungen fortfüh-
treffen, angepasst an die Infekti-      ren können, werden wir sobald
onslage. Optimistisch stimmt uns,       wie möglich auf der Webseite und
dass inzwischen wohl fast alle          per E-Mail mitteilen.
Zeitzeug*innen geimpft sind. Wie        Bleiben Sie aufmerksam – und
es weitergeht, wie wir unsere           vor allem: Bleiben Sie gesund!

Kontakt
         Zeitzeugenbörse Hamburg, p. A. Seniorenbüro Hamburg e.V.,
                   Öffnungszeiten: Mo.-Do. 9.00-13.00 Uhr
Brennerstr. 90, 20099 Hamburg              Tel. 040 – 30 39 95 07
zeitzeugen@seniorenbuero-hamburg.de        www.zeitzeugen-hamburg.de

Das Projekt Zeitzeugenbörse Hamburg im Seniorenbüro Hamburg wird von
der Behörde für Wissenschaft, Forschung, Gleichstellung und Bezirke der
Freien und Hansestadt Hamburg gefördert.
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