Zu Hause, unterwegs oder im Betrieb
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Informationen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Bremen und Bremerhaven September / Oktober 2019
Zu Hause, unterwegs
oder im Betrieb
Arbeit wird flexibler
Ringen um Fachkräfte Brückenteilzeit Karriere
Bremens Sozialwirtschaft Was Beschäftigte über ihren Unter Beobachtung beim
wächst Anspruch wissen sollten Assessment-CenterBAM — September / Oktober 2019 Inhalt
Galerie der Arbeitswelt Der Arbeitsunfall Künstliche Intelligenz in Bremen
Seite 16 Seite 10 Seite 14
Inhalt SERVICE & BERATUNG
10
Arbeit & Gesundheit
Der Arbeitsunfall – was zu b
eachten ist
11 Fragen & Antworten
THEMEN Brückenteilzeit – Infos für Beschäftige
Schwerpunkt 22 Alles, was Recht ist
6 Zu Hause, unterwegs oder im Betrieb Rechtstipp / Rechtsirrtum: Ich darf nicht
Arbeit wird flexibler über mein Gehalt sprechen
14 Künstliche Intelligenz in Bremen 23
Drei Fragen
zum Mitarbeitergespräch
18 Unter Beobachtung
Assessment-Center
IN JEDEM HEFT
20 Bremens Sozialwirtschaft wächst –
trotz belastender Arbeitsbedingungen 3 Editorial
4 Die Bremer Arbeitswelt in Zahlen
Gute Arbeit für alle – Tarifbindung
5 Kurz gemeldet
Aktuelle politische Inhalte
BAM und Service-Informationen 12 Veranstaltungskalender
im Abo? von uns finden Sie auf T
witter
(@ANK_HB), facebook 16 Galerie der Arbeitswelt
e (Arbeitnehmerkammer Bremen),
Die Kuratorin
er.d
bam@ ehmerkamm YouTube und Xing.
n
arbeit 22 Impressum
23 Cartoon
24 Beratungsangebote & Öffnungszeiten
— 2Editorial BAM — September / Oktober 2019
EDITORIAL
Vorhaben
umsetzen!
#first7jobs
Unter dem Twitter-Hashtag
#first7jobs erfährt man endlich,
wie Karrieren gestartet wurden.
Kellner? Babysitter? Oder doch
eher Marketing-Hase in der Fuß-
gängerzone? Wir wollten wissen,
wie prominente Bremerinnen
und Bremer ihre Berufslaufbahn
begonnen haben. Peter Kruse
Präsident der
Mit seiner Gemüsewerft wirbt er Arbeitnehmerkammer
für eine inklusive und grüne Stadt Bremen
entwicklung. Die urbane Land-
wirtschaft ist der bekannteste
Zweckbetrieb der gemeinnützigen
Gesellschaft für integrative Be
schäftigung, deren Geschäftsführer Liebe Leserin, lieber Leser,
er ist. Michael Scheer, 50 und
Bremer Junge, steht aber nicht das politisch spannende Jahr in Bremen mündet in einen rot-grün-roten Koali
nur auf urbanes Gemüse, sondern tionsvertrag. Der Koalitionsvertrag bildet aus Sicht der Arbeitnehmerkammer
auch auf große Viecher: Seit fast eine gute Grundlage, um die Arbeits- und Lebenssituation von Arbeitnehmerin-
20 Jahren untersucht der diplo- nen und Arbeitnehmern tatsächlich zu verbessern.
mierte Biologe die negativen Ein-
flüsse von Tourismus auf Meeres- Ein Schwerpunkt des Vertrags ist die berufliche Ausbildung. So plant die künf-
säugetiere, zuletzt für das Institut tige Koalition, die Berufsschulen finanziell besser auszustatten und sich dabei
für Aquatische Wildtierforschung an den anderen Stadtstaaten zu orientieren. Außerdem ist zu begrüßen, dass ein
und das Landesamt für Land- Unterstützungssystem für Auszubildende und Betriebe angekündigt wird, sodass
wirtschaft, Umwelt und ländliche junge Menschen und Unternehmen nicht nur zueinanderfinden, sondern auch
Räume Schleswig-Holsteins. die Zeit der Ausbildung bis zum erfolgreichen Abschluss gut bewältigen können.
Dies verbessert die Zukunftschancen junger Menschen und sichert den regiona-
Aushilfe im Supermarkt len Fachkräftebedarf.
Fließband bei Mercedes
(Semesterferien) Darüber hinaus werden im Koalitionsvertrag weitere wichtige Einzelvorhaben
Tischlergehilfe für gute Arbeit, eine innovative Wirtschaft und eine moderne Stadtentwicklung
Gartenbauer genannt.
Plakatierer
Verhaltensbiologe (bis heute) Letztlich kommt es aber darauf an, dass die formulierten Vorhaben auch umge-
Wissenschaftsunternehmer setzt werden. In diesem Sinne wird die Arbeitnehmerkammer auch in Zukunft
die Arbeit des neuen Senats und der Bürgerschaft begleiten und die Anliegen von
Beschäftigten formulieren – im Interesse unserer Mitglieder.
Ihr Peter Kruse
Foto: Sandra Lachmann
Kontakt: bam@arbeitnehmerkammer.de
Michael Scheer
— 3BAM — September / Oktober 2019
DIE BREMER ARBEITSWELT IN ZAHLEN
Tarifbindung
Gute Arbeit für alle – Tarifverträge regeln
Löhne, Arbeitszeiten und
weitere Arbeitsbedingun-
Tarifbindung gen von Beschäftigten
einer Branche oder eines
Unternehmens. Sie werden
im Land Bremen zwischen Arbeitgebern
und Gewerkschaften ab-
geschlossen und haben
eine bindende Wirkung
wie ein Gesetz.
Die Tarifbindung ist in den vergangenen Jahren deutlich
gesunken. In keinem anderen Bundesland ist sie so stark
zurückgegangen wie in Bremen
Anteil der Beschäftigten Anteil der Betriebe Beschäftigte in
mit Tarifvertrag mit Tarifvertrag Unternehmen …
(Land Bremen) (Land Bremen) … mit Betriebsrat … ohne Betriebsrat
Quellen: Koordinaten der Arbeit 2019/Beschäftigtenbefragung der Arbeitnehmerkammer, IAB-Betriebspanel
78 % 29 %
- 18% mit Tarifvertrag mit Tarifvertrag
Tarif- Tarif-
vertrag 67 % vertrag
55 % - 49%
39 %
20 %
2008 2017 2008 2017 Unternehmen
mit Betriebsrat
sind sehr viel
55 % 27 % häufiger
tarifgebunden.
Tarifbindung nach Branchen Im Bereich Beispiel Einzelhandel
Beschäftigte mit Tarifvertrag Handel / Reparatur
sank die Tarifbindung Verdienst einer Verkäuferin
von 41 % auf 28 % der in Vollzeit (Endstufe, Gehaltsstufe 2):
Verarbeitendes Handel /
Gewerbe Logistik Reparatur Beschäftigten. Das
hat Folgen für die Bei einem nicht tarifgebundenen
Arbeitnehmer. Lebensmittelhändler im Monat
70 % 36 % weniger als ihre Kolleginnen
in einem Betrieb mit Tarifvertrag.
Meist große 46 %
Betriebe Das können pro Monat
28 %
600 € sein.
Das Modelädchen
— 4BAM — September / Oktober 2019
Kurz
gemeldet
Personalratsarbeit:
Wahlordnung neu kommentiert
Das Bremische Personalvertretungsgesetz bildet die Basis für die
Frauen auf dem
Personalratsarbeit in den Dienststellen, Stiftungen, Anstalten und Bremer Arbeitsmarkt
Körperschaften des öffentlichen Rechts im Land Bremen.
Zuletzt wurde das Gesetz 1979 kommentiert und 2016 kom- Frauen verdienen in Bremen rund 22 Prozent
plett überarbeitet. Nun liegt auch die Wahlordnung in neuer Kom- weniger als Männer. Das aktuelle Kammer
mentierung vor. Die Arbeitnehmerkammer Bremen bietet mit diesem Kompakt beschäftigt sich mit den Lohnunter-
Werk eine praxisbezogene Entscheidungs- und Handlungsgrundlage. schieden zwischen den Geschlechtern: Gibt es
Erhältlich im Buchhandel. Unterschiede zwischen den Branchen? Wie sieht
es bei den Führungspositionen aus? Die gesell-
www.kellnerverlag.de schaftlich benachteiligenden Strukturen zeigen
sich besonders in und nach der Familiengrün-
dungsphase: Hier gehen die Stundenverdienste
zwischen Frauen und Männern deutlich ausein-
www.arbeitnehmerkammer.de
Neue ander.
Beschäftigten
www.arbeitnehmerkammer.de/kammerkompakt
Koordinaten der Arbeit im Land Bremen
befragung
erschienen
Mit den „Koordinaten der Arbeit“ veröffentlicht die Arbeit
nehmerkammer die Ergebnisse einer aktuellen Repräsentativ
Mit dem Thema Chancengleichheit auf dem
befragung von Beschäftigten im Land Bremen. Es wurden
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aller Wirtschaftszweige
und Berufe befragt, unabhängig davon, ob sie in Bremen oder
Bremerhaven leben oder aus dem Umland einpendeln. Im
Fokus stehen die Arbeitsbedingungen. Wichtige Themen sind
unter anderem Arbeitszeiten und Überstunden, Belastungs
Arbeitsmarkt befasst sich die Veranstaltung
faktoren oder die Arbeitsplatzsicherheit und berufliche Ent
wicklungsmöglichkeiten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt
bei den Weiterbildungsmöglichkeiten. Der Bericht gibt einen
Überblick über die Ergebnisse. Er stellt zudem Zusammen
hänge her zwischen den Arbeitsbedingungen, der Zufriedenheit
und den Sorgen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern
Wie viele bremische Beschäftigte arbei- „Gender Gaps“ von Arbeitnehmerkammer,
und lässt wichtige Handlungsbedarfe erkennen.
Koordinaten der Arbeit ten im Homeoffice? Wer ist zufrieden DGB Bremen und ZGF am 16. September um
im Land Bremen
Befragung von Arbeitnehmerinnen mit seinem Gehalt und wer nicht, wer 18 Uhr in der Handwerkskammer.
erhält für seinen Beruf gesellschaftliche
ndte
und Arbeitnehmern 2019
H
e 18
Eine Studie von infas – Institut für
Anerkennung, wer nicht? Diese und www.arbeitnehmerkammer.de/veranstaltungen
angewandte Sozialwissenschaft GmbH im Auftrag
der Arbeitnehmerkammer Bremen
andere Antworten gibt eine Befragung,
30.07.19 12:40
die unter dem Titel „Koordinaten der
Arbeit“ nun zum zweiten Mal im Auftrag der Arbeitnehmerkammer
durchgeführt wurde. Eine Kostprobe der Befunde: 30 Prozent aller Die Zukunft des
Auszubildenden bekommen selten oder nie ein Feedback von ihren
Vorgesetzten und 29 Prozent der heute Beschäftigten glauben
Krankenhauses
nicht, in ihrem Job das reguläre Rentenalter erreichen zu können.
Privatisierungen schwebten lange als Damokles-
schwert über den öffentlichen Krankenhäusern,
www.arbeitnehmerkammer.de/beschaeftigtenbefragung
heute ist es eher die Debatte um neue Versor-
gungsstrukturen, die die Krankenhäuser zwingt,
umzudenken. Dass Veränderungen und Innova-
Zwei Branchen im Fokus tionen dabei nur mit, nicht gegen die Beschäf-
tigten umgesetzt werden können, ist begründete
Im Oktober/November erscheinen zwei neue Branchenreports: Wir Kernaussage des Berichts des Instituts Arbeit
haben einen Blick auf die Bremer Baubranche geworfen, die drin- und Technik (IAT) „Die Zukunft des Kranken-
gend benötigte Fachkräfte für die Zukunft sichern muss. Und die hauses neu denken, miterstreiten und mitgestal-
Sozialwirtschaft im Land Bremen wächst – trotz schwieriger Arbeits- ten“, der im Austausch mit der Arbeitnehmer-
bedingungen. kammer entstanden ist.
www.arbeitnehmerkammer.de/downloads www.arbeitnehmerkammer.de/downloads
— 5SCHWERPUNKT
Zu Hause,
unterwegs oder
im Betrieb
— Arbeit wird flexibler
Noch sind es die Wenigsten, die zumindest
hin und wieder im Homeoffice oder an
anderen Orten außerhalb des Betriebs
arbeiten. Experten gehen aber davon aus,
dass flexible Arbeitsmodelle künftig an
Bedeutung gewinnen werden
Text: Anne-Katrin Wehrmann
Fotos: Jonas Ginter
— 6Schwerpunkt BAM — September / Oktober 2019
Planungssicherheit bei der Vereinbar- vertreten. Am weitesten verbreitet sind
keit beruflicher und privater Anfor- diese Arbeitsformen bei IT- und natur-
derungen ermöglicht“, heißt es in der wissenschaftlichen sowie bei sozialen
Betriebsvereinbarung. Dadurch ent- und kulturellen Dienstleistungsberufen.
stünden größere Spielräume für Krea- Die große Mehrheit der im
tiv- und Produktivphasen sowie verbes- Homeoffice und mobil Arbeitenden
serte Arbeitsprozesse, „die in Summe sieht darin viele oder überwiegend
einen Mehrwert für das Unternehmen Vorteile. Nur bei knapp der Hälfte der
schaffen“. In der Praxis kommt diese Befragten, die mobil arbeiten, sind die
Option allerdings nur für einen Teil der Bedingungen dafür in einem Tarifver-
aktuell rund 12.800 Stammbeschäftig- trag oder einer Betriebs- beziehungs-
D
er Handwerker hat sich ten im Bremer Mercedes-Werk infrage,
angekündigt, das Kind liegt berichtet Uzunay. „Die 10.300 Kol-
krank im Bett, die Fahrt zum leginnen und Kollegen, die am Band
Arbeitsplatz dauert auch arbeiten oder produktionsnahe Tätig-
ohne Stau schon mehr als eine Stunde: keiten verrichten, können das naturge-
„Als Betriebsrat habe
Es gibt viele Gründe, warum es manch- mäß nur im Betrieb tun.“ Die übrigen ich allerdings die Sorge,
mal besser passt, von zu Hause aus zu 2.500 in der Verwaltung tätigen Mit-
arbeiten. Bei Bremens größtem Arbeit- arbeiter nähmen die Regelung dage-
dass die Trennung
geber ist das seit knapp drei Jahren gen schon vergleichsweise rege in von Beruflichem und
möglich. Ende 2016 trat bei der Daim- Anspruch: Eine monatliche Auswer-
ler AG eine Gesamtbetriebsvereinba- tung für 2018 habe gezeigt, dass in
Privatem vielleicht nicht
rung in Kraft, laut der die Beschäftig- der Spitze 1.100 und im Jahresschnitt immer ganz klar durch-
ten grundsätzlich das Recht haben, 850 Beschäftigte in irgendeiner Form
mobil zu arbeiten – sofern es mit ihrer mobil gearbeitet hätten. „Die Rückmel-
zusetzen ist.“
Arbeitsaufgabe vereinbar ist. „Dabei dungen, die wir aus dem Kollegenkreis Oguzhan Uzunay
umfasst mobiles Arbeiten bei uns alle bekommen, sind grundsätzlich sehr
arbeitsvertraglich vereinbarten Tätig- positiv“, sagt Uzunay. „Als Betriebsrat
keiten, die außerhalb der Betriebsstätte habe ich allerdings die Sorge, dass die
durchgeführt werden können“, erläu- Trennung von Beruflichem und Priva- weise Dienstvereinbarung geregelt, bei
tert der Bremer Betriebsrat Oguzhan tem beim mobilen Arbeiten vielleicht weiteren 14 Prozent gibt es eine Ver-
Uzunay. „Und zwar temporär oder nicht immer ganz klar durchzusetzen einbarung im Arbeitsvertrag. Bei mehr
regulär, online oder offline.“ Das heißt: ist.“ Eine Mitarbeiterbefragung hierzu als einem Drittel ist hingegen ledig-
Egal, ob jemand kurzfristig für ein paar habe ergeben, dass dieser Punkt tat- lich eine mündliche oder gar keine
Stunden oder regelmäßig an einem sächlich als Herausforderung wahrge- Regelung festgehalten. „Gerade Letz-
bestimmten Tag die Woche zu Hause nommen werde. Trotzdem laute sein teres ist sehr kritisch zu sehen, weil
oder an einem anderen Ort arbeiten bisheriges Zwischenfazit: „Daumen damit oft auch Überstunden, womög-
möchte, ob es um eine Onlinerecherche hoch für mobiles Arbeiten.“ lich unbezahlt, verbunden sind“, meint
für eine Präsentation oder das Lesen Elke Heyduck, Geschäftsführerin der
eines ausgedruckten Projektberichts Mehr Flexibilität, weniger klare Arbeitnehmerkammer. Grundsätzlich
geht – alles ist möglich. Dabei wird die Grenzen begrüße die Kammer den Flexibilitäts-
konkrete Umsetzung jeweils zwischen Aktuelle Zahlen für Bremen und Bre- gewinn von Homeoffice und mobiler
Beschäftigten und Führungskraft sowie merhaven liefert die jüngste Beschäf- Arbeit, sofern dies von den Beschäftig-
innerhalb des Teams abgestimmt. tigtenbefragung der Arbeitnehmer- ten gewünscht werde. „Die Vorausset-
kammer. Aus ihr geht hervor, dass zung muss aber sein, dass der Arbeits-
19 Prozent der Befragten gelegentlich schutz berücksichtigt wird – gerade
im Homeoffice, also von Zuhause aus, auch mit Blick auf die zulässige täg
arbeiten. Gegenüber der Befragung von liche Höchstarbeitszeit und die gesetz-
Es gibt viele 2017 ist das eine Zunahme von vier Pro- lich vorgeschriebenen Mindestruhe-
zent. Tendenziell ist Homeoffice umso zeiten.“ Das häufig gehörte Argument,
Gründe, warum es gefragter, je mehr Kinder im Haushalt durch mobiles Arbeiten ließen sich
manchmal besser passt, leben. 13,4 Prozent der Befragten – und Beruf und Familie besser vereinbaren,
damit geringfügig weniger als vor zwei sei mit Vorsicht zu genießen. „Wenn
von zu Hause aus zu Jahren – gaben an, manchmal an wech- die Grenzen verwischen, und davon
arbeiten. selnden Orten wie Cafés und öffentli- sind besonders häufig Frauen betrof-
chen Verkehrsmitteln mobil zu arbeiten fen, führt das schnell zu psychischen
(Überschneidungen möglich). Sowohl Belastungen“, sagt Heyduck. „Es kann
beim Homeoffice als auch beim mobi- darum von großem Vorteil sein, die
„Den Beschäftigten wird durch Mobi- len Arbeiten unterwegs sind Beschäf- Dinge klar voneinander zu trennen.“
les Arbeiten ein größerer individuel- tigte mit Hochschul- oder Universitäts-
ler Gestaltungsspielraum sowie mehr abschluss weit überdurchschnittlich
— 7BAM — September / Oktober 2019 Schwerpunkt
Trendwende in Aussicht? Laut Schröder stagniert die Ent Drittel von ihnen würde aber gerne die
Was die Diskussion erschwert: Für wicklung in Sachen Homeoffice seit Möglichkeit zum Homeoffice haben –
die Begriffe Homeoffice, mobile den 1990er-Jahren, ein echter Trend da ist also ein gewisses Potenzial.“ Die
Arbeit und Telearbeit gibt es in unter- sei bisher nicht zu erkennen. Er gehe Gelegenheit sei momentan gleich aus
schiedlichen Studien unterschied aber davon aus, dass das Thema in mehreren Gründen günstig: „Es gibt
liche Definitionen, wobei Homeoffice den kommenden Jahren an Bedeutung erst seit ein paar Jahren die techno-
und Telearbeit oft synonym verwen- logische Infrastruktur, um das groß-
det werden. Feststeht, dass allein die flächig umzusetzen. Die Vereinbarkeit
Telearbeit seit 2016 in der Arbeits- von Familie und Beruf ist angesichts
stättenverordnung gesetzlich gere- zunehmender Frauenerwerbstätigkeit
gelt ist (s. Info-Kasten). „Die Arbeits-
„Der Arbeitsschutz muss ein Thema, das immer mehr an Bedeu-
stättenverordnung kommt faktisch nur berücksichtigt werden tung gewinnt. Und jetzt gibt es auch
dann zum Tragen, wenn der Arbeitge- noch den politischen Willen, das Ganze
ber explizit einen Telearbeitsplatz im
– gerade auch mit zu forcieren“, meint Schröder mit Blick
Wohnbereich des Arbeitnehmers ein- Blick auf die zulässige auf die Pläne des Bundesarbeitsminis-
gerichtet hat“, erläutert Tim Schrö- teriums, noch in diesem Jahr ein Recht
der von der Bundesanstalt für Arbeits-
tägliche Höchstarbeits- auf Homeoffice und mobiles Arbeiten
schutz und Arbeitsmedizin (BAuA). zeit und die gesetzlich auf den Weg bringen zu wollen. Hinzu-
Sei dies nicht der Fall, könne man von komme, dass die Arbeitgeber in Zeiten
Homeoffice oder mobiler Arbeit spre-
vorgeschriebenen des Fachkräftemangels mehr auf die
chen. Hier gälten aber weiterhin die Mindestruhezeiten.“ Bedürfnisse ihrer Beschäftigten einge-
Regelungen von Arbeitsschutz- und hen müssten.
Elke Heyduck
Arbeitszeitgesetz, die grundsätzlich
auch außerhalb der Unternehmen gül- „Gut auf sich aufpassen“
tig sind. „Jenseits dieser rechtlichen Der Arbeitsschutz-Experte und seine
Regelungen ist die tatsächliche Gestal- gewinnen werde. „Unsere BAuA- Kollegen aus der BAuA-Fachgruppe
tung letztlich eine Frage der Aushand- Arbeitszeitbefragung 2017 hat zwar „Wandel der Arbeit“ haben gerade ein
lung zwischen Arbeitnehmer- und gezeigt, dass 88 Prozent der Befragten Projekt gestartet, in dem sie den Ein-
Arbeitgebervertretung.“ kein solches Modell mit ihrem Arbeit- fluss von Führungskräften und allge-
geber verabredet haben. Ein knappes meinen Rahmenbedingungen auf den
— 8BAM — September / Oktober 2019
KOMMENTAR
betrieblichen Wandel untersuchen. „Dazu gehört es auch, Klarheit
Konkrete Ergebnisse wird es erst im über die Arbeitszeiten schaffen.“
kommenden Jahr geben, doch schon Hier dürfte das jüngste Urteil des
jetzt ist aufgrund der bisherigen Daten- Europäischen Gerichtshofs (EuGH)
lage laut Tim Schröder klar: „In den zur Arbeitszeiterfassung wichtige
Foto: Stefan Schmidbauer
Unternehmen müsste sich die Betriebs-
kultur ändern, um Homeoffice häu- Elke Heyduck,
figer in die Praxis umzusetzen. Das Geschäfts
kann nur funktionieren, wenn die Füh- „Arbeitgeber und führerin und
rungskräfte die Interessen ihrer Mitar- Leitung Politik-
beiter erfragen – und dann im Team
ihre Beschäftigten beratung
die Arbeit so gestalten, dass es keine sollten schriftliche
Benachteiligungen für die Telearbeiter
gibt.“ Das betreffe sowohl eine gesunde
Vereinbarungen über
Gestaltung der Telearbeitsplätze, auch orts- und zeitflexible
mit Blick auf Überstunden und stän-
dige Erreichbarkeit, als auch mögli-
Arbeitsmodelle
che Karrierewege. Gleichzeitig sei dar-
auf zu achten, dass sich die Kollegen,
treffen.“ Homeoffice:
Barbara Reuhl
für die Homeoffice keine Option sei,
nicht benachteiligt fühlten. „Zusätzlich
Auf die
sollte, wer Homeoffice macht, Werk-
zeuge zur Selbstorganisation an die Eckpfeiler setzen: Demnach müs-
Umstände
Hand bekommen, damit er oder sie
nicht am Ende die eigene Gesundheit
sen Unternehmen in der EU künf-
tig verlässliche Systeme einrichten,
kommt es an
gefährdet“, so Schröder. mit denen die tägliche Arbeitszeit
ihrer Beschäftigten erfasst wird –
Ein Punkt, den auch Barbara Reuhl ganz gleich, wo sie ihre Arbeit ver-
von der Arbeitnehmerkammer für richten. Es bleibt nun abzuwarten,
enorm wichtig hält. „Die Beschäftig- wann und wie genau der deutsche Die fortschreitende Digitalisierung ermög-
ten müssen gut auf sich achten und für Gesetzgeber die EuGH-Vorgaben licht es, Arbeitszeit und Arbeitsort zu ent-
Pausen und Belastungsausgleich sor- umsetzen wird. koppeln – viele Beschäftigte begrüßen zu
gen“, betont die Referentin für Arbeits- Recht diesen Zugewinn an Flexibilität.
und Gesundheitsschutz. Damit dürften Gleichzeitig müssen Rahmenbe-
sie aber nicht allein gelassen werden: dingungen und Umstände geprüft wer-
Es brauche unter anderem Unterwei- den: Wird die Arbeitszeit außerhalb
sungen, die zum Thema ergonomische des Betriebs vollständig anerkannt oder
Gestaltung qualifizierten, die Beschäf- Veranstaltungshinweis begünstigt sie unbezahlte Überstunden?
tigten über ihre Rechte und gesund- Mobile Arbeit – in jeder Werden die mobilen Endgeräte auch mal
heitliche Risiken informierten, damit Hinsicht flexibel?! abgeschaltet oder sind die Beschäftigten
sie Optimierungsbedarf erkennen sowie Mo., 25. Nov. 2019, 17 – 19 Uhr rund um die Uhr online (und erreichbar)?
Belastungen verringern können. „Auf im Kultursaal der Arbeitneh
jeden Fall sollten Arbeitgeber und ihre merkammer in Bremen mit Und nicht zuletzt: Sind ortsflexible Lösungen
Beschäftigten schriftliche Vereinbarun- Karl Brenke, Deutsches Institut tatsächlich ein Beitrag zur Verein bar
gen über orts- und zeitflexible Arbeits- für Wirtschaftsforschung keit? Die Formel ‚Homeoffice=familien
modelle treffen“, so Reuhl. freundlich‘ ist ein Kurzschluss: Einer Studie
des WSI zufolge machen Väter im Home-
office mehr Überstunden als Väter ohne
Telearbeit Heimarbeit. Und auch Mütter, für die im
Homeoffice die Grenzen zwischen Lohnar-
In § 2 Absatz 7 der Arbeitsstättenverordnung heißt es: „Telearbeitsplätze beit und Familienarbeit unter Umständen
sind vom Arbeitgeber fest eingerichtete Bildschirmarbeitsplätze im Privat- noch mehr verwischen, müssen sich sehr
bereich der Beschäftigten, für die der Arbeitgeber eine mit den Beschäf- deutlich fragen, welche Form für sie die
tigten vereinbarte wöchentliche Arbeitszeit und die Dauer der Einrichtung bessere ist: die klare Trennung von Beruf
festgelegt hat. Ein Telearbeitsplatz ist vom Arbeitgeber erst dann einge- und Privatem oder die flexible Wahl des
richtet, wenn Arbeitgeber und Beschäftigte die Bedingungen der Tele- Arbeitsorts.
arbeit arbeitsvertraglich oder im Rahmen einer Vereinbarung festgelegt
haben und die benötigte Ausstattung des Telearbeitsplatzes mit Mobiliar,
Arbeitsmitteln einschließlich der Kommunikationseinrichtungen durch den
Arbeitgeber oder eine von ihm beauftragte Person im Privatbereich des
Beschäftigten bereitgestellt und installiert ist.“
— 9BAM — September / Oktober 2019 Arbeit & Gesundheit
Der Arbeitsunfall
— was zu
beachten ist
Text: Frauke Janßen
Unbedingt im Unfallbogen an
geben, was genau, wo, wann,
wie und warum passiert ist.
E
ben noch verläuft der Arbeitstag wie gewohnt, dann höher aus als beim normalen Krankheitsausfall. Die Unfall-
passiert es: ein Unfall! Der kann jeden treffen und versicherung zahlt bei schweren Unfällen auch Übergangs-
vor allem jene, die mit schwerem Gerät, Maschinen leistungen, wenn etwa eine Umschulung nötig ist.
oder Werkzeug arbeiten. 2018 gab es rund 877.000
Arbeitsunfälle in Deutschland. Die Meldepflicht
Gemeint sind Unfälle, die Arbeitnehmerinnen und Direkt nach dem Unfall ist ein Durchgangsarzt oder ein Kran-
Arbeitnehmern während ihrer Tätigkeit oder auf dem Weg kenhaus aufzusuchen. Durchgangsärzte sind auf die Diag-
dorthin passieren. Zum Arbeitsweg zählt auch, wenn Eltern nose von Unfallverletzungen spezialisiert. Dort ist unbedingt
auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle einen Umweg über die anzugeben, dass es sich um einen Arbeitsunfall handelt,
Kita machen. Die meisten Arbeitsunfälle sind Stolper-, damit die Behandlung von der Unfallversicherung über
Rutsch- oder Sturzunfälle. nommen wird.
Wer einen Arbeitsunfall erleidet, muss unter Umständen Der Unfallbogen
nicht nur die körperlichen Konsequenzen tragen, sondern Den Unfall unbedingt mithilfe der fünf W-Fragen für den
auch finanzielle. Etwa dann, wenn die aktuelle Berufstätig- Arbeitgeber dokumentieren: Was ist wo passiert? Wann und
keit nicht weitergeführt werden kann. Um die Folgeschäden wie hat sich der Unfall ereignet? Warum ist es zu einem
möglichst gering zu halten, gilt es, schnell und ordnungs Unfall gekommen? An welchem Tag, welcher Zeit, welchem
gemäß auf einen Arbeitsunfall zu reagieren. Ort ist der Unfall passiert? Dabei nur Fakten benennen
und keine eigene Meinung ausformulieren. Verletzungen
Die Unfallversicherung beschreiben und gegebenenfalls Zeugen benennen.
Vom ersten Arbeitstag an auf die Versicherung durch den
Arbeitgeber achten. Gut zu wissen: Die Versicherung erkennt Psychische Folgen
es nicht an, wenn der Unfall sich beim Gang zur Toilette Ein Gewaltereignis wie ein Übergriff oder die Beobachtung
oder beim Besuch der Kantine ereignet. Der Lohnersatz fällt eines schweren Unglücks kann als psychischer Arbeitsunfall
beim Arbeitsunfall mit 80 Prozent des Bruttoeinkommens gelten, der bei der Versicherung gemeldet und durch einen
Durchgangsarzt untersucht werden muss. Wer infolgedessen
beispielsweise unter Muskelzittern, Schweißaus brüchen,
Schlafstörungen oder Ängsten leidet, sollte sich nach der
Erstbetreuung therapeutisch weiterbehandeln lassen.
Ablehnung
Weigert sich die Versicherung, für den Schaden aufzukom-
men, ist innerhalb von einem Monat formlos Widerspruch
zu erheben. Wer kein Schreiben der Unfallversicherung vor-
liegen hat und die Krankenkasse infolgedessen die Behand-
Die meisten Arbeitsunfälle lungskosten übernehmen will, sollte sich schnellstmöglich
sind Stolper-, Rutsch- oder mit der Unfallversicherung in Verbindung setzen und einen
Sturzunfälle. Unfall-Bescheid anfordern.
Weitere Infos finden Sie unter www.arbeitnehmerkammer.de
(Suchwort: Arbeitsunfall).
— 10Fragen & Antworten BAM — September / Oktober 2019
Brückenteilzeit
— Infos für
Beschäftige
Einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit
haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
schon länger. Was neu ist bei der Brücken-
teilzeit, wer sie beantragen kann und was
Beschäftigte dabei beachten sollten
Ob sie Kinder oder Pflegebedürftige betreuen oder sich weiterbilden –
für den Antrag auf Brückenteilzeit brauchen sie keine Begründung.
Text: Hanna Mollenhauer 4. Wie wird die Anzahl der
Mitarbeiter gezählt? 7. Wie oft kann ich in
Brückenteilzeit gehen?
Juristische Beratung: Ronja Carina Zusammengerechnet werden die Be Ein Jahr nach Ende Ihrer Brücken-
Rotschies schäftigten an allen Standorten eines teilzeit kann eine weitere beantragt
Foto: Kay Michalak Unternehmens. Es werden Köpfe ge werden. Wenn der Arbeitgeber den
zählt, das heißt zum Beispiel auch ersten Antrag auf Brückenteilzeit aus
Teilzeitkräfte und Minijobber, Azubis betrieblichen Gründen berechtigt ab
1. Was ist neu? werden nicht mitgezählt. gelehnt hat, müssen Sie zwei Jahre
Mit der Brückenteilzeit können Arbeit- nach der Ablehnung warten. Hat der
nehmer zeitlich befristet – für min- Arbeit
geber wegen Überschreitung
destens ein bis maximal fünf Jahre – 5. Wie beantrage ich
Brückenteilzeit? der Zumutbarkeitsschwelle abgelehnt,
weniger arbeiten. Damit gibt es ein Der Antrag muss in Textform – also per beträgt die Wartezeit für einen erneu-
gesetzliches Rückkehrrecht zur vor Brief, E-Mail, Fax, SMS oder Messenger ten Antrag ein Jahr Wartezeit.
herigen Arbeitszeit. wie WhatsApp – beim Arbeitgeber
gestellt werden. Darin müssen Sie
angeben, auf wie viele Stunden und 8. Und wenn es in meinem
2. Brauche ich eine
Begründung? für welchen Zeitraum Sie die Arbeits-
Tarifvertrag anders geregelt
ist?
Nein. Der Anspruch auf Brückenteil- zeit reduzieren wollen und wie viele Bei einem vor dem 1.1.2019 schon
zeit ist unabhängig von Gründen wie Stunden Sie an welchen Wochen bestehenden Tarifvertrag können Sie
Kindererziehung, Pflege oder Weiter- tagen arbeiten wollen. Ändern können zwischen den Regelungen des Tarifver-
bildung. Sie Ihre Planung später nur, wenn Ihr trags und denen des Brückenteilzeit-
Arbeitgeber einverstanden ist. gesetzes wählen. Tarifverträge, die ab
dem 1.1.2019 abgeschlossen wurden,
3. Welche Voraussetzungen
können den Anspruch auf Brücken-
gelten?
Das Arbeitsverhältnis muss länger als 6. Und wenn der Arbeitgeber
ablehnt? teilzeit auch zuungunsten des Arbeit-
sechs Monate bestehen und das Unter- Ihr Arbeitgeber muss spätestens einen nehmers verändern und sind dann
nehmen mehr als 45 Mitarbeiter haben. Monat vor Beginn der beantragten bindend.
Außerdem müssen Sie die Brückenteil- Brückenteilzeit auf den Antrag ant-
zeit bei Ihrem Arbeitgeber mindestens worten – sonst gilt er automatisch als
drei Monate vor Beginn der Arbeitszeit- genehmigt. Ablehnen darf er nur aus
reduzierung beantragen. betrieblichen Gründen oder wenn die
Zumutbarkeitsregeln überschritten sind. Kammermitglieder können sich in
Letzteres ist etwa der Fall, wenn im Fragen des Arbeits- und Steuerrechts
Unternehmen mit bis zu 200 Mitarbei- kostenlos beraten lassen. Weitere Infos
tern pro 15 Mitarbeitern mehr als eine auf der Rückseite dieses Magazins.
Person in Brückenteilzeit arbeitet.
— 11BAM — September / Oktober 2019
Veranstaltungen
BREMEN & BREMEN-NORD
Aus der Reihe „Ihr Recht – einfach erklärt“
3. September Jobwechsel – Kündigung, Abfindung, Sperrzeit
Bürgerstraße 1, Bremen
3. September Das Mitarbeitergespräch – Chance oder Risiko?
10. September Mutterschutz, Elternzeit und Elterngeld
Lindenstraße 8, Bremen-Nord
17. September Gehalt – was Beschäftigte wissen sollten
1. Oktober Kinder und Steuern
22. Oktober Leiharbeit – was Sie beachten müssen
29. Oktober Mutterschutz, Elternzeit und Elterngeld
je 18 – 19.30 Uhr Bürgerstraße 1, Bremen
ab 9. September Marvin Systermans: Zur Lage der Region – Fotos zum Strukturwandel in der Lausitz
Galerie im Foyer der Arbeitnehmerkammer, Bürgerstraße 1, Bremen
10. September Buurtzorg in der ambulanten Pflege – ein Modell auch für Bremen?
14 – 16.30 Uhr m|Centrum Martinsclub Bremen e.V., Buntentorsteinweg 24/26
11. September Mitten im Arbeitsleben – trotz psychischer Erkrankungen
14 – 17 Uhr Kultursaal, Bürgerstraße 1, Bremen
16. September Gender Gaps – mehr Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt in Bremen und anderswo
18 Uhr Handwerkskammer, Ansgaritorstraße 24, Bremen
18. September Austausch für Vorsitzende – Sprecher/in des Gremiums
je 16 – 18 Uhr Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5, Bremen
24. September Vollzeitoptionen in der Pflege – Möglichkeiten und Grenzen für neue Arbeitszeitmodelle
14 – 16.30 Uhr m|Centrum Martinsclub Bremen e.V., Buntentorsteinweg 24/26
Aus der Reihe „Wirtschaftliche Mitbestimmung“
Betriebswirtschaftliche Zahlen: Spiegel des Unternehmens
1. Oktober – Teil I – Grundlagen und Bilanzanalyse
5. November Teil II – Gewinn- und Verlustrechnung im Jahresabschluss und monatlichen Auswertungen
je 15 – 18 Uhr m|Centrum Martinsclub Bremen e.V., Buntentorsteinweg 24/26
9. Oktober Nicaragua: Hasta que seamos libres – Lesung mit Konzert, Grupo Sal und Gioconda Belli
19.30 Uhr DGB-Haus, Bahnhofsplatz 22, Bremen
23. Oktober „Personalratskandidatur? Na klar!“ – für zukünftige Personalräte
17 – 19 Uhr Kultursaal, Bürgerstraße 1, Bremen
24. Oktober Entlastung konkret im Schichtdienst
17 – 19 Uhr Kultursaal, Bürgerstraße 1, Bremen
29. Oktober Jetzt aber Kunst! Feierabendführung „Ikonen“ – Kunsthalle Bremen
19 Uhr Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, Bremen
Marvin Systermans: Gabi Tausenpfund und
Ekke Dahle:
Zur Lage der Region –
Fotos zum Strukturwandel Malerei, Zeichnungen
in der Lausitz, und Cartoons,
ab 9. September 5. September – 4. Dezember
Galerie im Foyer, Barkhausenstraße 16,
Bürgerstraße 1, Bremen Bremerhaven
= für alle = für Politikinteressierte = für Betriebs- und Personalräte
— 12Veranstaltungskalender BAM — September / Oktober 2019
BREMERHAVEN
Aus der Reihe „Ihr Recht – einfach erklärt“
3. September Jobwechsel – Kündigung, Abfindung, Sperrzeit
29. Oktober Digitale Arbeit – meine Daten im Job
je 17 – 18.30 Uhr Arbeitnehmerkammer, Barkhausenstraße 16, Bremerhaven
4. September Jobmotor Gesundheitswirtschaft – Perspektiven für Bremerhaven
je 17 – 19 Uhr Arbeitnehmerkammer, Barkhausenstraße 16, Bremerhaven
5. September – Gabi Tausenpfund und Ekke Dahle – Malerei, Zeichnungen und Cartoons
4. Dezember Arbeitnehmerkammer, Barkhausenstraße 16, Bremerhaven
25. September „Personalratskandidatur? Na klar!“ – für zukünftige Personalräte
17 – 19 Uhr Arbeitnehmerkammer, Barkhausenstraße 16, Bremerhaven
Aus der Reihe „Wirtschaftliche Mitbestimmung“
Betriebswirtschaftliche Zahlen: Spiegel des Unternehmens
26. September Teil I – Grundlagen und Bilanzanalyse
7. November Teil II – Gewinn- und Verlustrechnung im Jahresabschluss und monatliche Auswertungen
je 15 – 18 Uhr Arbeitnehmerkammer, Barkhausenstraße 16, Bremerhaven
29. Oktober Bremerhaven – Stadt der Vielfalt
18 Uhr Weitere Infos unter www.arbeitnehmerkammer.de/veranstaltungen
Kabarett im Capitol
14. September „Hauptsache, es knallt!” – Robert Griess
21. September „FatihMorgana” – Fatih Çevikkollu
27. September „Jetzt hätten die guten Tage kommen können” – Stefan Waghubinger
28. September „Was ihr wollt – frei-komisch nach Shakespeare” – Bernd Lafrenz
25. Oktober Max Goldt liest
jeweils 20 Uhr Capitol, Hafenstraße 156, Bremerhaven
Weitere Veranstaltungen und Informationen unter www.arbeitnehmerkammer.de/veranstaltungen
BUCH-TIPP
Stachlige Persönlichkeiten im Business
Berger, Jörg / Bylitza, Monika
Stachlige Persönlichkeiten im Business
Mit schwierigen Mitarbeitern, Kollegen und
Vorgesetzten erfolgreich zusammenarbeiten,
Francke, 2019, 172 Seiten
Wer kennt sie nicht, die schwierigen Mitarbeiter,
Kollegen oder Vorgesetzten: Ob sie Angst verbreiten,
ihre Macht missbrauchen oder sich vor der Verant
wortung drücken – oft gefährden sie Projekte oder
nerven die Mitarbeiter.
Wie man stachlige Persönlichkeiten besser versteht, Dieses Buch können Sie in Ihrer
sich vor ihnen schützt und trotzdem erfolgreich mit Stadtbibliothek ausleihen.
ihnen zusammenarbeitet, schildert das Autorenduo aus einem Psychotherapeuten Beschäftigte mit Kammer-Card
und einer Kommunikationstrainerin. Jörg Berger und Monika Bylitza führen aus, erhalten auf die B IBCARD der Stadt
was in stachligen Persönlichkeiten vorgeht und wie sich Beschäftigte vor ihnen bibliothek zehn Prozent Ermäßigung!
schützen, der Zusammenarbeit aber dennoch eine Chance geben können. Neben
bewährten Strategien aus Psychologie und Coaching finden sich im Buch auch www.arbeitnehmerkammer.de/
spirituelle Zugänge. kammercard
— 13BAM — September / Oktober 2019
2016
Künstliche
Intelligenz
in Bremen
Brauchen wir bald keine Juristen,
Ärzte oder Arbeiter am Band mehr?
Dass mithilfe künstlicher
Intelligenz (KI) – also durch lernende
Computerprogramme – große Teile
der aktuellen Arbeitswelt wegbrechen
© DFKI GmbH, Foto: Annemarie Popp
könnten, besorgt viele Menschen
Das autonome Unterwasserfahrzeug Leng könnte eine
kilometerdicke Eisdecke auf dem Jupitermond Europa
durchdringen, unter der ein Ozean vermutet wird.
Arbeitnehmerkammer, beschwichtigt: „Ob es sich bei KI um
Text: Meike Lorenzen Intelligenz handelt, würde ich weitestgehend bestreiten. Der-
zeit können diese Systeme lediglich auf Basis von großen
Sogar Bundes arbeitsminister
Hubertus Heil hat bei der Datenmengen und Musterkennung auf eine ganz bestimmte
Bekanntgabe der KI-Strategie der Bundesregierung extra Aufgabe trainiert werden. Die beherrschen sie dann eben
darauf hingewiesen, dass die Technologie dem Wohle der extrem gut.“
Beschäftigten dienen soll. Doch wie dramatisch sind die Aus- Ein Beispiel dafür: Bereits heute können Computer
sichten wirklich? Tumore besser erkennen als Neurologen. Die Entscheidung
Um dem Thema näher auf den Grund zu gehen, hat über die passende Therapie, die Interaktion mit dem Pati-
die Arbeitnehmerkammer Bremen Roland Becker, Geschäfts enten und die vernetzte Arbeit im Krankenhaus bleibe aber
führer der Firma JustAddAI, zu einem Fachgespräch einge- eine Aufgabe für Menschen.
laden. Der KI-Experte hat sich mit dem Thema selbstständig „Es ist gerade mit Blick auf den Arbeitsmarkt wichtig,
gemacht und das Netzwerk Bremen.AI gegründet. Becker sich auch zu überlegen, was KI nicht kann und auch in der
vertritt zwei Botschaften: 1. KI schafft hoch qualifizierte absehbaren Zukunft nicht können wird“, betont Becker.
Jobs. 2. KI wird zwar den Arbeitsmarkt umkrempeln, aber Emotionen und Intentionen zu verstehen, komplexe sozi-
nicht ganze Berufsfelder auslöschen. ale Interaktionen nachzuvollziehen und darauf empathisch
und kreativ reagieren zu können, werden immer wichti-
„Es ist davon auszugehen, dass sich fast alle Routinetätig- gere Kompetenzen – und für solche komplexen Tätigkeiten
keiten automatisieren lassen – ganz gleich, ob es sich um wird künftig mehr Arbeitszeit zur Verfügung stehen. „Was
körperliche oder geistige Arbeit handelt“, so Becker. „Das mir wirklich Sorgen bereitet, ist, dass unsere Schulbildung
heißt aber nicht, dass der Mensch nicht mehr gebraucht die nächste Generation auf diese veränderte Arbeitswelt im
wird.“ Auch Axel Weise, der Digitalisierungsexperte der Moment noch überhaupt nicht vorbereitet“, kritisiert Becker.
— 14Künstliche Intelligenz BAM — September / Oktober 2019
Und nicht nur Bremen, auch Europa insgesamt müsse auf-
Laut einer Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft passen, dass der Fortschritt, der durch künstliche Intelligenz
wird in fünf Jahren ein Drittel des gesamten Umsatzes entstehe, nicht verschlafen wird. „China investiert
des produzierenden Gewerbes in Deutschland durch 150 Milliarden US-Dollar, um bis 2030 KI-Weltmarktführer zu
KI-Technologien erwirtschaftet. Experten schätzen, dass werden“, weiß Roland Becker. Die Bundesregierung hingegen stellt
bis dahin bis zu 70 Prozent der Unternehmen aus dem derzeit drei Milliarden Euro bereit, um die Forschung und Entwick-
produzierenden Gewerbe KI einsetzen werden. Zurzeit lung in diesem Bereich weiter voranzutreiben, konkrete neue Kon-
seien es 25 Prozent der Großunternehmen und 15 Prozent zepte für einen besseren und schnelleren Transfer der Ergebnisse in
der Klein- und mittelständischen Unternehmen. die Praxis gibt es dabei jedoch nicht.
Wofür wir den Menschen brauchen
Ist die Angst vor KI als direkter Konkurrent zum Menschen
gar nicht berechtigt? Axel Weise bleibt gelassen: „KI wird
sich nur dann durchsetzen, wenn es eine wirtschaftliche
Notwendigkeit gibt.“ Dieser Faktor werde in Studien bisher
kaum berücksichtigt. „Das bloße Vorhandensein einer Tech-
nologie generiert noch keine betriebliche Innovation“, so
Weise. „Innovationsprozesse in den Betrieben sind sehr viel
komplexer.“
Auch die Frage des Netzausbaus sei entscheidend,
um KI überhaupt fehlerfrei und dauerhaft an den Start zu
bringen. Da stehe Deutschland – insbesondere im ländlichen
Raum – noch vor großen Herausforderungen. „Auch etliche
ethische und datenschutzrechtliche Fragen müssen noch
geklärt werden, ehe Maschinen und Computer ganze Auf-
gabenfelder übernehmen“, sagt Weise. Da hätten Politik,
Unternehmen und Mitbestimmungsorgane noch viel Spiel-
raum für Gestaltung.
„Es ist davon auszugehen, dass
sich fast alle Routinetätigkeiten
automatisieren lassen.“
Roland Becker
Foto: Stefan Schmidbauer
Konkurrenz aus Fernost
Viele Unternehmen tun sich noch schwer damit, die mit
den neuen KI-Technologien möglichen Innovation in die
Praxis umzusetzen, auch in Bremen. „Dabei haben wir
gerade in der Hansestadt unglaublich viel KI-Fachkompe-
tenz vor Ort“, sagt Becker. Bremen biete mit den diversen
KI-Forschungsbereichen der Universität, dem DFKI-Stand- Im Bremen Ambient Assisted Living Lab werden neue
ort und den vielen KI-affinen Forschungsinstituten zu die- intelligente Technologien in einer realitätsnahen Umgebung
sem Thema eine extrem hohe Dichte an Expertise und Res- getestet – wie dieser smarte, teilautonome Rollstuhl.
sourcen. Was verbessert werden müsse, sei der Transfer
in Wirtschaft und Gesellschaft und die konkrete Anwen-
dung in der Praxis. Wirtschaft, öffentliche Verwaltung und
andere Player müssten stärker mit der Wissenschaft vernetzt
werden – sonst wandere die kostbare Kompetenz ab, argu-
mentiert Becker. Unter anderem aus diesem Grund hat er
Bremen.AI, den Cluster für künstliche Intelligenz, in Bremen
initiiert.
— 15BAM — September / Oktober 2019 Galerie der Arbeitswelt
Eva Fischer-Hausdorf
entscheidet nicht nur,
welche Werke gezeigt
werden, sondern auch wie.
Dafür arbeitet sie unter
anderem mit einem Modell
der Ausstellungsräume
— 16BAM — September / Oktober 2019
GALERIE DER ARBEITSWELT
Die Kunst
in Szene setzen
Eva Fischer-Hausdorf arbeitet als Kustodin und Kuratorin an der
Kunsthalle Bremen. Sie betreut im Museum die Sammlung des
20. und 21. Jahrhunderts und konzipiert Ausstellungen. Dabei entscheidet
sie auch, wie Besucherinnen und Besucher Kunst wahrnehmen
Text: Melanie Öhlenbach – Foto: Jonas Ginter
S
onnengelb soll er sein – der Raum, in dem das Bild Doch nicht nur Fachwissen, Organisationstalent und
von Vincent van Gogh hängen wird. „Der Farbton detektivisches Gespür, sondern auch Feingefühl im Umgang
bringt das Gemälde ganz besonders zur Geltung: mit Menschen ist in ihrem Beruf gefragt. Schließlich arbeitet
Er lässt es viel lebendiger wirken“, sagt Eva sie mit vielen unterschiedlichen Kolleginnen und Kollegen
Fischer-Hausdorf und hält eine Papp-Version des berühmten im Haus zusammen, die beispielsweise Verträge aufsetzen,
Selbstporträts vor die farbige Fläche. Transporte organisieren, Räume herrichten, Exponate plat-
Die 39-Jährige weiß, wovon sie spricht. Sie ist pro- zieren oder schließlich die Besucherinnen und Besucher
movierte Kunsthistorikerin, war vier Jahre lang am Bucerius durch die Ausstellung führen.
Kunst Forum in Hamburg tätig und arbeitet seit 2014 als
Kustodin an der Kunsthalle Bremen. Ihre Schwerpunkte: die Als Kuratorin wählt Eva Fischer-Hausdorf aber nicht nur aus,
Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Im vergan- welche Werke in einer Schau gezeigt werden. Sie entscheidet
genen Jahr kuratierte sie die Max-Beckmann-Schau. Nun ist auch über das Wie. In einem Modell legt sie die Reihenfolge
sie für die kommende Ausstellung „Ikonen. Was wir Men- und Positionen für die Exponate fest, vor Ort bestimmt sie
schen anbeten“ verantwortlich. Licht, Wandfarbe, Sitzgelegenheiten und Begleittexte – und
beeinflusst so auch, wie die Betrachterinnen und Betrachter
Ab 19. Oktober 2019 ist die Schau in der Kunsthalle zu ein Werk wahrnehmen. „Man kann Kunst nicht nicht insze-
sehen, derzeit sind die Räume Am Wall aber noch leer. Hinter nieren“, sagt die Kustodin. „Sobald man ein Bild aufhängt,
den Kulissen befindet sich das Projekt jedoch in der heißen hat man schon eine Entscheidung getroffen, wie es gesehen
Phase. Und Eva Fischer-Hausdorf mittendrin: Sie koordiniert werden soll.“
und organisiert, schreibt Texte für den Ausstellungskatalog,
bespricht Themen mit der Marketing- und Presseabteilung.
Die Ausstellung selbst beschäftigt sie freilich schon Kuratorin / Kurator, Kustodin / Kustod
viel länger. Die Arbeit an der gemeinsam mit Kunsthallen-
direktor Christoph Grunenberg entwickelten Ausstellung Je nach Fachrichtung haben Kuratorinnen und K uratoren
begann vor etwa drei Jahren. Aus der bloßen Idee wurde ein Kunstgeschichte, Museologie oder Kulturanthropologie
Konzept entwickelt, das Budget geplant, Zeitpläne gemacht studiert oder spezielle Kuratoren-Studiengänge absolviert.
und schließlich begonnen, nach passenden Kunstwerken zu Eine Promotion ist nicht zwingend, wird aber oft voraus-
suchen. „Das Aufspüren von Werken ist manchmal richtige gesetzt. Die praktische Ausbildung erfolgt über ein ein- bis
Detektivarbeit – vor allem, wenn die Besitzer privater Samm- zweijähriges Volontariat im Museum.
lungen anonym bleiben wollen“, sagt die 39-Jährige.
— 17BAM — September / Oktober 2019
Unter Beobachtung
Statt auf ein normales Vorstellungsgespräch setzen Arbeitgeber
auch auf Assessment-Center. Dabei stehen
Kompetenz und Persönlichkeit verstärkt im Fokus
Postkorb heißt dieses Szenario – ein Klassiker bei einem
Text: Melanie Öhlenbach Assessment-Center. Ziel der Übung: „Das Entscheidungsver-
Foto: Kay Michalak halten der Bewerber testen“, sagt Angela Schütte.
Schütte coacht seit Jahrzehnten Menschen, die sich
Wer zu einem Assessment-Center eingeladen wird, ist dem auf Stellen bewerben. Ein Assessment-Center ist dabei oft
Traumjob ein Schritt näher. Doch wie übersteht man diese Teil des Auswahlverfahrens, vor allem bei größeren Unter-
Hürde? Angela Schütte arbeitet freiberuflich als Karriere nehmen oder in der öffentlichen Verwaltung. „Durch Assess-
beraterin und bereitet unter anderem Studierende der Uni- ment-Center kann ein Arbeitgeber Rückschlüsse auf die
versität Bremen auf diese Herausforderung vor. Kompetenzen des Bewerbers ziehen, zum Beispiel wie er sich
im Team verhält oder mit Stress zurechtkommt. So erhält
Organisatorische Fragen von Mitarbeitern und aggressive er mehr Gewissheit, dass ein Bewerber auf die Stelle passt“,
Kundenbeschwerden, Newsletter, neue Angebote und die sagt die Karriereberaterin.
Einladung zu einem Ausstand: In einem Postfach liegen Abstrakte Aufgaben sind dabei eher selten. „In der
20 ungelesene E-Mails. Eine Stunde lang haben die Bewerbe- Regel werden realistische Situationen aus dem Alltagsalltag
rinnen und Bewerber Zeit, diese zu bearbeiten. Sie können durchgespielt“, sagt Schütte. Entsprechend unterschied-
sie beantworten, weiterleiten oder einfach löschen. lich kann ein Assessment-Center aufgebaut sein. Neben der
— 18Karriere BAM — September / Oktober 2019
Postkorb-Übung sind Rollenspiele, Gruppendiskussionen, offen und interessiert und sprechen Sie mit den Beobachtern
Intelligenztests und strukturierte Interviews typische Auf und Bewerbern über unverfängliche Themen.“
gaben, die Bewerberinnen und Bewerber ein bis zwei Tage
lang gemeinsam meistern oder allein lösen sollen.
Dabei stehen sie die gesamte Zeit unter Beobachtung:
Bei der Auswertung einer Fallstudie interessiert zum Beispiel
nicht nur die abschließende Präsentation, sondern auch die
„Anders als in einem Interview
Art und Weise, wie diese entstanden ist. „Arbeitgeber wollen hat man mehr Möglichkeiten,
sehen, wie kreativ, strukturiert oder zielorientiert jemand
arbeitet, ob er andere einbindet oder gute Fragen stellt“,
sich darzustellen und seine
erläutert Schütte. Fähigkeiten zu zeigen.“
Angela Schütte
Für manche mag eine solche Situation stressig sein. Die
Karriereberaterin sieht darin aber auch eine große Chance.
„Anders als in einem Interview hat man mehr Möglichkeiten,
sich darzustellen und seine Fähigkeiten zu zeigen. Man muss
nicht nur reden, sondern kann durch Handeln überzeugen – Ganz ohne Vorbereitung sollte man an einem Auswahlver-
und das bei jeder Aufgabe aufs Neue.“ fahren nicht teilnehmen. „Wer eine Einladung bekommt,
Ein authentisches, aktives Auftreten ist daher für sie kann telefonisch nachfragen, was ihn erwartet“, so die
das A und O bei einem Assessment-Center. „Es bringt nichts, Karriereberaterin. Neben Sachliteratur und Tests im Inter-
sich zu verstellen. Auch als ruhiger Typ kann man aktiv wir- net hilft ein Training, die Szenarien in einem geschützten
ken, indem man Fragen stellt, Blickkontakt hält, aktiv zuhört Raum zu durchlaufen. Schüttes Tipp zur Kleidung: der Stelle
und sich nicht zurückzieht.“ entsprechend, aber bequem. „Bei einem Assessment-Center
kann es durchaus mal aktiver zugehen. Ein enger Rock und
Auch in den Pausen gilt es, die permanente Beobachtungs Schuhe mit Absätzen sind nicht ideal, wenn man sich darin
situation nicht zu vergessen. „Sie sind keine Gelegenheit zum nicht ungehindert und sicher bewegen kann.“
Lästern, sondern für Small Talk“, betont Schütte. „Seien Sie
Fragen und Antworten aus dem Namen des Arbeitgebers, bei dem das AC stattfindet,
Arbeitsrecht müssen Sie hingegen nicht mitteilen.
Befinden Sie sich in einem ungekündigten Ar
Kann ein Assessment-Center (AC) diskriminierend beitsverhältnis, müssen Sie für das AC Urlaub bean
sein – zum Beispiel, wenn ich aufgrund einer Behinde tragen.
rung daran nicht teilnehmen kann?
Ja, wenn ein bestimmter Personenkreis an Muss ich alle Fragen im AC ehrlich beantworten?
einem AC nicht teilnehmen kann, kann eine Diskri- Wie auch im klassischen Vorstellungsgespräch
minierung vorliegen. Hierzu können Sie sich bei der dürfen auch im AC nur Fragen gestellt werden, bei
Arbeitnehmerkammer beraten lassen. Beachten Sie denen im Hinblick auf Tätigkeit und Arbeitsplatz ein
dabei die Frist von zwei Monaten. berechtigtes Interesse des Arbeitgebers besteht. Der
Arbeitgeber darf Sie nicht fragen, ob Sie Mitglied in
Wer übernimmt die Kosten für die Teilnahme am AC?
einer Partei oder Gewerkschaft sind oder welcher
Der Arbeitgeber muss dem Bewerber die Kosten
Religion Sie angehören. Bei unzulässigen Fragen hat
des Bewerbungsverfahrens erstatten – zum Beispiel
der Bewerber ein „Recht zur Lüge“, da ein Schweigen
Fahrtkosten –, sofern diese Erstattung nicht ausdrück-
möglicherweise zum Nachteil des Bewerbers ausgelegt
lich ausgeschlossen wurde. Dazu gehören auch K osten
werden könnte.
für eine Übernachtung, wenn der Bewerber diese für
erforderlich hält – etwa wenn die zeitliche Lage des
Habe ich Anspruch auf ein Feedback nach dem AC?
AC die An- und Abreise am selben Tag unzumutbar
Normalerweise ist die Feedbackrunde Teil des
macht.
AC. Findet jedoch kein Feedbackgespräch statt, dann
Kann ich mich für ein AC bei meinem aktuellen Arbeit hat der Teilnehmer hierauf auch keinen Anspruch.
geber freistellen lassen? Sofern der Arbeitgeber einem abgelehnten Bewerber
Ein Freistellungsanspruch besteht nur dann, aber jeglichen Zugang zu Informationen verweigert,
wenn das Arbeitsverhältnis gekündigt wurde. Sie kann dies als Indiz für eine Diskriminierung mit der
müssen dabei Ihrem derzeitigen Arbeitgeber den Grund Folge von Ansprüchen auf Schadensersatz oder Ent-
und die benötigte Dauer der Freistellung angeben. Den schädigung gewertet werden.
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