2011 Integration - Chancengleichheit - Stiftung Mercator

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2011 Integration - Chancengleichheit - Stiftung Mercator
Integration
     durch

2011
2011 Integration - Chancengleichheit - Stiftung Mercator
2011 Integration - Chancengleichheit - Stiftung Mercator
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2011 Integration - Chancengleichheit - Stiftung Mercator
Stiftung Mercator
Jahresbericht 2011
2011 Integration - Chancengleichheit - Stiftung Mercator
2011 Integration - Chancengleichheit - Stiftung Mercator
2011   Integration
 durch Chancengleichheit
2011 Integration - Chancengleichheit - Stiftung Mercator
2011 Integration - Chancengleichheit - Stiftung Mercator
Inhalt
 06 // Vorwort, von Rüdiger Frohn / Bernhard Lorentz
 08 // Schnell, flexibel und unternehmerisch. Die Entwicklung der Stiftung Mercator 2011, von Bernhard Lorentz

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      Schwerpunkt: Integration durch Chancengleichheit
      // Integration 2020: Gemeinsam die Einwanderungsgesellschaft Deutschland gestalten und Integration vorantreiben.
         Die Strategie der Stiftung Mercator im Themencluster Integration, von Michael Schwarz / Cornelia Schu
 16   // Die klügsten Köpfe nach Deutschland holen. Deutschland braucht eine gesteuerte Zuwanderung an Fachkräften, von
         Armin Laschet
 18   // Der Normalfall Heterogenität an deutschen Schulen. Chancen und Herausforderungen für einen gerechten
         Bildungszugang, von Christine Langenfeld
 20   // Integration und Kultur. Über die irrtümliche Verknüpfung beider Begriffe, von Naika Foroutan
 22   // Die Rolle von Stiftungen in der US-amerikanischen Integrationspolitik. Wie Stiftungen in vielen Bereichen
         Denkgewohnheiten ändern können, von David C. Hammack

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      Kompetenzzentrum Wissenschaft
      // Landkarten des Wissens. Das Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) will
         Optionen zur nachhaltigen Bewirtschaftung globaler Gemeinschaftsgüter aufzeigen, von Ottmar Edenhofer
 28   // Gemeinsam wohnen, lernen, forschen und internationale Erfahrung sammeln. Der European Campus of Excellence
 30   // China und Europa: Chance oder Wagnis? Ein Beitrag zum Dahrendorf-Symposium 2011, von Odd Arne Westad
 34   // Emanzipiert und gläubig. Katajun Amirpur über Frauen in der Islamischen Theologie und verschiedene Wege zu Gott

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      Kompetenzzentrum Bildung
      // „Wir machen uns sprachliche Bildung und Deutsch als Zweitsprache zum Programm“. Michael Becker-Mrotzek
         über Aufbau, Methoden und Ziele des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache
 40   // Wir sollten kulturelle Bildung als einen Dialog verstehen. Eine Kulturagentin über ihre Erfahrungen an Berliner
         Schulen, von Mona Jas
 42   // Gemeinsam auf dem Weg zur Bildungsregion. Bundesweit erster regionaler Bildungsbericht analysiert die
         Bildungslandschaft der Metropole Ruhr
 44   // Ein jugendlicher Blick durch eine Klarsichtbrille. Die Junge Islam Konferenz – Berlin 2011, von Esra Küçük

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      Kompetenzzentrum Internationale Verständigung
      // Eine strategische Partnerschaft. Die Sabanci Universität und die Stiftung Mercator bauen gemeinsam das Istanbul
          Policy Center aus
 54   // Chinesische Kammermusik als Ausdruck der „List der Vernunft“. Tilman Spengler über chinesische Kultur und die
          Veranstaltungsreihe Aufklärung im Dialog
 56   // Zwei Wochen Türkei in einem Blog. Drei Jugendliche über ihre Reise durch die Türkei, volle Busse und große
          Gastfreundschaft
 58   // Die besten Köpfe für eine interdependente Welt. Klaus Scharioth über das Mercator Kolleg für internationale
          Aufgaben

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      Zahlen, Daten, Fakten
      // Das Jahr 2011 – Höhepunkte
 66   // Förderungen 2011
 69   // Jahresabschluss Bilanz, Mittelverwendungsrechnung
 70   // Unser Carbon Footprint. Die CO2-Emissionen der Stiftung Mercator im Jahr 2011
 72   // Projekte 2011
 84   // Die Gremien der Stiftung Mercator
 85   // Das Team der Stiftung Mercator
 88   // Impressum
2011 Integration - Chancengleichheit - Stiftung Mercator
Vorwort

  die Stiftung Mercator hat ihren planvollen Wachstumsprozess der vergangenen Jahre
  auch 2011 fortgesetzt. In 109 Projekte sind rund 60 Millionen Euro geflossen. Damit
  ist unser Fördervolumen im Vergleich zum Vorjahr um rund 18 Prozent gestiegen.
      Inhaltlich sind wir den Zielen, die wir uns innerhalb unserer drei Themencluster
  Klimawandel, Integration und Kulturelle Bildung gesetzt haben, einen wichtigen
  Schritt näher gekommen. Aber wir wissen auch, dass noch sehr viel getan werden
  muss, bis eine chancengleiche Partizipation aller Menschen an zentralen Bereichen
  des gesellschaftlichen Lebens Wirklichkeit geworden ist und der Ausstoß von
  Treibhausgasemissionen deutlich gesenkt wird. Um darauf hinzuarbeiten, orientieren
  wir uns auch weiterhin an unseren strategischen Leitlinien, die sicherstellen sollen,
  dass wir möglichst große Wirkung erzielen.
China und die Türkei, Berlin und Essen – das sind die wichtigsten Eckpunkte, die das
Jahr 2011 für die Stiftung Mercator umreißen. Während wir in China und der Türkei
Meilensteine im Hinblick auf die Ausweitung unseres internationalen Engagements
erreichen konnten, haben wir auf nationaler Ebene mit der Eröffnung unseres
ProjektZentrum Berlin unsere Möglichkeiten für die politische Kommunikation verstärkt.
Zugleich bleibt Essen als Sitz der Stiftung weiterhin das Herz unserer Arbeit und der Ort
der Entscheidungen. Mit unserem ProjektZentrum Berlin haben wir eine Plattform für
die Kooperation und den gegenseitigen Austausch geschaffen, die beispielhaft zeigt, wie
wir uns die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Akteuren und Organisationen aus
verschiedensten Bereichen – ein Netzwerk von Netzwerken – in der Praxis vorstellen.
    Der vorliegende Jahresbericht widmet sich im Schwerpunkt dem Thema Integration.
Wir sind überzeugt: Wenn wir wollen, dass alle Menschen dieses Land als „unser Land“
verstehen (Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Antrittsrede am 23. März 2012),
müssen wir allen hier lebenden Menschen die Chance eröffnen, an zentralen Bereichen
des gesellschaftlichen Lebens teilzuhaben. Die entscheidende Voraussetzung dafür ist
Bildung. Wie wir den Integrationsprozess gestalten, Chancengleichheit verbessern und
Hindernisse aus dem Weg räumen können, zeigen wir Ihnen auf den folgenden Seiten.
Zudem kommen unsere Partner zu Wort, die sich aus wissenschaftlicher, politischer
oder internationaler Perspektive zu diesem Thema äußern.
    Wie immer stellen wir Ihnen natürlich auch diesmal wieder einige unserer
Projekte vor. Wir berichten unter anderem über das Mercator Research Institute on
Global Commons and Climate Change, erläutern, warum wir an der Universität zu
Köln ein Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache gegründet haben,
und werfen einen Blick auf die Ergebnisse des Bildungsberichts Ruhr, den wir 2011
gemeinsam mit dem Regionalverband Ruhr herausgegeben haben. Abschließend
schauen wir zurück auf eine Vielzahl von Höhepunkten, die das vergangene Jahr nicht
nur für uns geprägt haben.
    Wir möchten an dieser Stelle allen, die uns 2011 bei unserer Arbeit unterstützt
haben, unseren Dank aussprechen. Denn wir wissen, dass ohne die tatkräftige Hilfe
unserer Freunde und Partner vieles von dem, was wir im vergangenen Jahr angestoßen
und erreicht haben, nicht möglich gewesen wäre. Gleichzeitig blicken wir voller
Zuversicht nach vorn: 2012 erwarten uns neue Herausforderungen und Aufgaben, die
es zu bewältigen gilt. Wir freuen uns darauf, uns diesen gemeinsam mit Ihnen zu stellen.

Rüdiger Frohn		                               Bernhard Lorentz
Vorsitzender des Beirats 		                   Geschäftsführer
8/9

      Schnell, flexibel
      und unternehmerisch
      Die Entwicklung der Stiftung Mercator 2011 im Rahmen der Strategie „Mercator 2013:
      Ideen beflügeln, Ziele erreichen“

      von Bernhard Lorentz

      2011 war das dritte Jahr, seit sich die Stiftung Mercator im Rahmen ihrer Strategie
      „Mer­ca­­tor 2013: Ideen beflügeln, Ziele erreichen“ neu aufgestellt hat. Es war geprägt
      von einer starken Internationalisierung unserer Arbeit, der Gründung unseres neuen
      ProjektZentrum Berlin und einer Phase der Konsolidierung nach dem deutlichen
      Wachstum der letzten Jahre.

      Die Stiftung Mercator ist 2011 international geworden – international als Stiftung in unserer Arbeit
      insgesamt, aber vor allem mit Blick auf unsere Schlüsselregionen China, Türkei und den Einsatz
      für ein handlungsfähiges Europa. Wir haben uns für eine Stärkung des Austauschs zwischen China
      und Deutschland eingesetzt und sind mit unserem Begleitprogramm Aufklärung im Dialog zur
      Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ einen für eine private Stiftung neuen Weg in der auswärtigen
      Kulturpolitik gegangen. Als erste europäische private Stiftung haben wir im Zuge dieses Engagements
      ein eigenes Projektbüro in China mit Sitz in Peking gegründet, das dauerhaft unsere Projektarbeit
      vor Ort koordinieren wird.
            In unserer zweiten regionalen Fokusregion, der Türkei, haben wir 2011 eine langfristig angelegte
      strategische Partnerschaft mit der Sabanci Stiftung begonnen. Mehr als neun Millionen Euro haben
      wir im vergangenen Jahr für die deutsch/europäisch-türkischen Beziehungen bewilligt. In Istanbul
      konnten wir im Februar 2012 bereits in einer gemeinsamen Initiative der Stiftung Mercator und der
      Sabanci Universität das Istanbul Policy Center als europäischen Think-Tank neu eröffnen.
            Darüber hinaus haben wir uns 2011 in verschiedenen Foren und gemeinsam mit anderen
      Stiftungen für ein starkes und handlungsfähiges Europa engagiert, unseren dritten Regionalfokus.
      Wir haben verschiedene Projekte ins Leben gerufen, die gerade in der Krise für eine starke Union
      eingetreten sind.

      Berlin als Ort der Begegnungen
      Aber auch innerhalb Deutschlands haben wir 2011 wichtige sowie lange geplante und vorbereitete
      Meilensteine für die Entwicklung der Stiftung erreicht. Wir haben unsere Berliner Partner und
      Projektgesellschaften eingeladen, mit uns in einem gemeinsamen Haus zu arbeiten, einem Campus,
      den die Stiftung als ProjektZentrum Berlin, in Berlins spannendstem und dynamischstem Quartier,
      am Hackeschen Markt, eröffnet hat. Rund 90 Kollegen unserer Partner und Freunde setzen sich dort
      für unsere drei Themen Klimawandel, Integration und Kulturelle Bildung ein. Unser ProjektZentrum
      Berlin ist für uns zu einem zweiten Standbein geworden. Die Aufgaben bleiben jedoch klar verteilt:
      Berlin soll ein Ort der Begegnungen sein, während Essen für die Stiftung der Ort der Entscheidungen
      bleibt.
2011 war aber auch das Jahr, in dem wir unseren 2008 eingeschlagenen Weg des ruhigen, planvollen
Wachstums weitergegangen sind und uns zugleich konsolidiert haben. Wir haben nach den ersten
drei Jahren starken Wachstums die Standardisierung unserer Prozesse vorangetrieben und unsere
Führungsaufgaben und Verantwortlichkeiten gestrafft, indem wir mit den stellvertretenden Leitern
der Kompetenzzentren eine neue Führungsebene für die gewachsene Organisation eingezogen
haben. Diese übernimmt einen Großteil des operativen Tagesgeschäfts und entlastet damit die
Mitglieder der Leitungsebene, die nun auch Teil der Geschäftsleitung geworden sind. Wir sind und
bleiben aber im positiven Sinne ein Start-up-Unternehmen – schnell, flexibel und unternehmerisch.
So haben wir 2011 in vielen Bereichen wichtige Grundlagen geschaffen, um 2012 zusammen mit
unseren Partnern noch mehr für unsere gemeinsamen Ziele bewegen, noch mehr lernen und weiter
planvoll wachsen zu können.

Unsere Arbeitsschwerpunkte 2012
Von unseren drei Themenclustern Klimawandel, Integration und Kulturelle Bildung steht für uns
2012 vor allem der Kampf gegen den gefährlichen Klimawandel im Mittelpunkt. Immer deutlicher
zeigt sich, wie die Finanz- und Wirtschaftskrise mit der Energie-, Klima-, Ernährungs- und der Roh­
stoffkrise auf vielfältige Weise zusammenhängt. Die Grenzen des Wachstums sind damit nicht nur
theoretisch, sondern auch praktisch sichtbar geworden.
      Wachstum und Klimakrise gleichzeitig erfolgreich zu managen, ist die zentrale Herausforderung,
an der wir mitarbeiten wollen. Für uns ist 2012 ein entscheidendes Jahr, um hier etwas zu bewirken.
Daher engagieren wir uns in diesem Bereich noch stärker als bisher, um unser Ziel, gefährlichen
Klimawandel zu verhindern, zu erreichen. Wir müssen dafür neue Herangehensweisen und neue
Lösungswege erarbeiten. Gerade bei der Energiewende können Stiftungen viel bewirken: Neues
Wissen muss generiert werden, und vor allem muss dieses Wissen seinen Weg zu den politischen
Entscheidungsträgern finden. Dabei wollen wir mit unseren spezifischen Stärken als private Stiftung
mithelfen: unter anderem mit dem Mercator Research Institute on Global Commons and Climate
Change, das wir 2011 gegründet und 2012 eröffnet haben, und mit der Agora Energiewende, die
ebenfalls 2012 startet.
      2012 ist für die Stiftung Mercator zugleich aber auch ein Anlass zu feiern: Vor genau 500 Jahren
wurde unser Namenspatron, der Kartograph und Kosmograph Gerhard Mercator, geboren. Sein Name
steht für die Verbindung von globalem Denken, wissenschaftlicher Präzision und unternehmerischem
Handeln. Zugleich zeigt sein Leben die Bedeutung von interkultureller und interreligiöser Toleranz –
Werte, für die auch die Stiftung Mercator eintritt. Im Andenken an Gerhard Mercator engagieren wir
uns daher im Mercator-Jahr 2012 mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Projekten.
      Ein weiteres wichtiges Ereignis werden schließlich die Ergebnisse des von uns initiierten
Partnerreports sein. Erstmals in Europa haben wir gemeinsam mit anderen Stiftungen unsere
Projektpartner und unsere Antragsteller gefragt, wie sie uns wahrnehmen und wie sie die
Zusammenarbeit mit uns beurteilen. Wir wollen daraus für unsere Arbeit lernen und die Stiftung           „Die Stiftung Mercator
weiterentwickeln, um gemeinsam mit unseren Partnern noch mehr Wirkung zu erzielen.                       befasst sich mit den
                                                                                                         Bereichen Integration,
                                                                                                         Klimawandel und kulturel-
                                                                                                         le Bildung. Sie wünsche,
                                                                                                         dass das ProjektZentrum
                                                                                                         zur ,ersten Adresse in
                                                                                                         Deutschland‘ werde, wenn
                                                                                                         es um diese drei Themen
                                                                                                         gehe, sagte NRW-Minister-
                                                                                                         präsidentin Hannelore
                                                                                                         Kraft (SPD).“ (WAZ)
Schwerpunkt:
                               Integration
                               durch Chancengleichheit
„Mercator-Projekt verbessert   Unsere Gesellschaft wird heute immer mehr geprägt durch Menschen aus den ver­schie­
die Leistung von Schülern.     densten Regionen dieser Welt, durch ihre Kulturen, ihre Sprachen und Traditionen.
Die Stadt finanziert das
                               Deutschland ist jedoch weit davon entfernt, all seinen Einwohnern gleiche Chancen zu
Erfolgs-Programm für
Jugendliche mit Migrations-    bieten. Doch nur so kann die Zukunftsfähigkeit dieser Gesellschaft sichergestellt werden.
hintergrund weiter.“           Die entscheidende Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist eine
(Mittelbayrische Zeitung)      erfolgreiche Bildungslaufbahn. Diese steht Menschen mit Migrationshintergrund jedoch
                               noch immer nicht in gleichem Maße offen wie Menschen ohne Migrationshintergrund.
                               Ziel der Stiftung Mercator ist es daher, Strukturen zu schaffen, um die hierzulande
                               herrschende Bildungsungleichheit hinsichtlich der Schul- und Hochschulabschlüsse
                               zu beseitigen und die Integrationsgesellschaft voranzutreiben. Um dies zu erreichen,
                               müssen wir jedoch zuerst verstehen, welche Hindernisse unser Bildungssystem für eine
                               gelungene Integration derzeit noch birgt, warum wir die Zuwanderung von Fachkräften
                               als Chance begreifen müssen und wie unsere eigenen Vorurteile der Integration von
                               Menschen aus anderen Kulturen im Wege stehen. Auch die integrationspolitische Rolle
                               von Stiftungen allgemein und die Strategie der Stiftung Mercator im Besonderen wollen
                               wir im Rahmen unseres Schwerpunktthemas darlegen.
                                   Wir freuen uns, dass uns mit Armin Laschet, dem ehemaligen nordrhein-west-­­
                               fälischen Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration, mit Christine
                               Langen­feld, Mitglied des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und
                               Migration, mit der Sozialwissenschaftlerin und Migrationsforscherin Naika Foroutan
                               und dem US-amerikanischen NGO- und Stiftungsforscher David C. Hammack einige
                               wichtige Partner bei der Beantwortung dieser Fragen zur Seite stehen und uns ihre
                               Sicht­weise der aktuellen Herausforderungen im Bereich Integration im Folgenden
                               vorstellen.
Integration

          INTEGRATION
12 / 13

      Integration 2020: Gemeinsam die
      Einwanderungsgesellschaft Deutschland
      gestalten und Integration vorantreiben
      Die Strategie der Stiftung Mercator im Themencluster Integration

      von Michael Schwarz und Cornelia Schu

                                     Die Gesellschaft, in der wir leben, ist durch kulturelle und sprachliche Vielfalt geprägt.
                                     Wenn wir ihre Zukunftsfähigkeit sichern wollen, müssen wir die Potenziale aller hier
                                     lebenden Menschen nutzen und ihnen die Chance eröffnen, an zentralen Bereichen
                                     des gesellschaftlichen Lebens teilzuhaben. Bildung ist dafür die entscheidende
                                     Voraussetzung. Deshalb setzen wir uns in unserem Themencluster Integration dafür
                                     ein, die bestehende Ungleichheit bei Schul- und Hochschulabschlüssen zwischen
                                     Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu beseitigen. Unser Ziel ist es,
                                     die Bildungsungleichheit in Deutschland im Hinblick auf die Schul- und Hochschul­
                                     abschlüsse von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte im Alter von 15 bis 30 Jahren
                                     deutlich zu reduzieren – bis 2025 um 70 Prozent gemessen am Stand von 2005. Unser
                                     Zwischenziel besteht darin, die Unterschiede bis 2015 um 30 Prozent zu verringern.

                                     20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen weisen heute einen Migrationshintergrund auf.
                                     Bei Kindern und Jugendlichen ist dieser Anteil sogar noch größer. Der demografische Wandel hat zur
                                     Folge, dass die sprachliche, kulturelle und religiöse Vielfalt weiter zunehmen wird. Diese Diversität
                                     muss mit offenen und gleichen Lebenschancen einhergehen, wenn eine Gesellschaft freiheitlich
                                     und sozial gerecht sein will. Die Möglichkeit aller, an zentralen Bereichen des gesellschaftlichen
                                     Lebens teilzunehmen, ist dabei auch für den sozialen Frieden konstitutiv. Zudem ist Deutschland
                                     darauf angewiesen, alle seine Talente bestmöglich zu nutzen, da eine Vergeudung von Potenzialen
zu hohen gesellschaftlichen und fiskalischen Kosten führt.
Chancengleichheit zu schaffen, ist somit keine sozialkaritative,
sondern eine gesellschaftspolitische Herausforderung und liegt
im Interesse der Einwanderungsgesellschaft insgesamt. Um
die mit gesellschaftlicher Diversität verbundenen Potenziale zu
heben, müssen zukunftsfähige Institutionen für den Umgang mit
ihr entwickelt werden. Deshalb streben wir eine systemische
Veränderung an, die Menschen mit Migrationshintergrund eine
chancengleiche Partizipation ermöglicht.

Bildung als Schlüssel zu Chancengleichheit
Wir konzentrieren uns dabei auf Bildung, da sie die wesentliche
Voraussetzung für gelingende Integration und Partizipation
ist: Sozialer Aufstieg setzt fast immer eine Verbesserung im
Bildungsniveau voraus. Bildungseinrichtungen sind somit die
Orte, an denen sozialer Aufstieg außerhalb und unabhängig von
der Familie ermöglicht oder aber Ungleichheit verfestigt wird.
     Allerdings ist im Bereich Bildung die genannte Diversität in Deutschland derzeit mit
sozialer Ungleichheit verbunden: So fehlt Migranten dreimal häufiger als Deutschen ohne
Migrationshintergrund jeglicher Schulabschluss. Sie machen dreimal seltener Abitur, haben
dreimal häufiger keinen Berufsabschluss und erreichen seltener einen Hochschulabschluss. Die
Bildungsbenachteiligung betrifft auch die in Deutschland geborene zweite Generation.

                                                                                                       INTEGRATION
Zielgruppe Kinder und Jugendliche sowie junge Erwachsene
Bei der Zielgruppe im Bereich Bildung konzentriert sich die Stiftung Mercator auf Kinder und
Jugendliche sowie junge Erwachsene mit Migrationshintergrund aus sozial benachteiligten
Haushalten. Damit fokussieren wir unser Engagement auf eine potenziell besonders benachteiligte
Gruppe.
     Die von uns angestrebte reale Chancengleichheit im Bildungsbereich unterscheidet sich
dabei sowohl von formaler Chancengleichheit als auch von einer Gleichheit der Ergebnisse. Ein
Bildungssystem, das zwar gleiche Leistungen gleich bewertet, aber ungleiche Ausgangslagen
unzureichend beachtet, zementiert soziale Ungleichheiten. Umgekehrt ist mit Bildung keine
Erfolgsgarantie verbunden; sie gelingt selbst bei optimaler Förderung keineswegs für alle.
     Um reale Chancengleichheit zwischen Zuwanderungs- und Mehrheitsbevölkerung im Bildungs­-
bereich zu erzielen, setzt die Stiftung Mercator vor allem auf einen systemischen Ansatz. Er soll es
im Sinne einer präventiven Handlungsweise allen am Bildungssystem Beteiligten (Schülern,
Lehrern, Eltern) ermöglichen, kompetent mit den Anforderungen umzugehen, die sich aus zunehmen­-
der Diversität ergeben, und so die individuellen Bildungsergebnisse von Kindern und Jugendlichen
sowie die Leistungsfähigkeit des Systems insgesamt verbessern. Kom­pensa­torische Ansätze werden
gewählt, wenn ein akuter Handlungsbedarf besteht.

Hebelwirkung durch fokussierte Intervention
Private Stiftungen können auf dem Feld der Bildung deutlich mehr bewegen als auf anderen Feldern,
auf denen Chancenungleichheit zwischen Menschen mit und Menschen ohne Migrationshintergrund
besteht. Nach Jahrzehnten unzureichender Integrationspolitik zeichnet sich der Bildungsbereich
heute im Umgang mit Migration und Diversität durch dynamischen Wandel sowie große Komplexität
aus. Für Stiftungen bietet sich damit die Chance, durch fokussierte Intervention eine besonders
große Hebelwirkung zu erzielen.
     Zudem ist Bildung im föderalen System der Bundesrepublik Ländersache. Innovationen
brauchen starke Initiatoren vor Ort, die über die Sektoren hinweg Partner einbinden. Zugleich
müssen Bildungsinnovationen für mehr Chancengleichheit über die verschiedenen Ebenen hinweg
(Kommune, Land, Bund) kommuniziert werden. Private Stiftungen haben die Möglichkeit, über ihre
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          Netzwerke und ihre Reputation diese unterschiedlichen Ebenen miteinander zu verknüpfen und
          Entscheidungsträger aus den verschiedenen Bereichen miteinander ins Gespräch zu bringen.
               Eine solch grundsätzliche und strategische Beeinflussung des Bildungsbereichs braucht auch
          den internationalen Dialog, um von den guten Beispielen in anderen Ländern zu lernen. Die Stiftung
          Mercator bringt dazu die hierfür notwendigen Kontakte aus ihren internationalen Netzwerken ein.

          Unsere Handlungsfelder
          Um mehr Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund zu höheren
          Bildungsabschlüssen zu verhelfen, wollen wir bei den Kerninstitutionen von Bildung ansetzen:
          Schulen und Hochschulen. Wir wollen die Struktur des Bildungssystems, den Bildungsprozess und
          die Qualifizierung von Schlüsselpersonen im Bildungssystem weiterentwickeln.
          //	Strukturen von Schule und Hochschule: Die Struktur und das Umfeld, in dem gelernt wird,
               spielen für eine erfolgreiche Vermittlung von Lerninhalten und für das Erreichen guter Ab­-
               schlüsse eine große Rolle. Hier setzen wir uns dafür ein, optimale institutionelle Rahmen­
               bedingungen zu entwickeln, die das Lernen in und mit Vielfalt unterstützen.
          //	Bildungsprozesse in Schule und Hochschule: Wir wollen die Bildungsprozesse besser auf die
               immer heterogenere Gruppe der Bildungsempfänger ausrichten. Dabei steht für uns, neben
               einer anregenden und kultursensiblen Lehr- und Lernkultur, die Gestaltung von Curricula in
               Schule und Hochschule im Mittelpunkt. Insbesondere die Berücksichtigung der individuellen
               Potenziale muss zum Grundsatz bei der Neugestaltung von Bildungsprozessen werden.
          //	Qualifizierung der Schlüsselpersonen: Wir wollen nachhaltig mehr und höhere Abschlüsse
               von Schülern und Studierenden mit Migrationshintergrund ermöglichen. Dafür müssen
               die Schlüsselpersonen, die die Entwicklung dieser Zielgruppe beeinflussen, lernen, mit
               den Bedürfnissen einer heterogenen Schüler- und Studierendenschaft umzugehen und ihre
               Förderbedarfe zu befriedigen. Alle Akteure – Lehrer, Schulleiter, Eltern sowie Professoren,
               Dozenten und Studienberater, aber auch Bildungsdezernenten und Mitarbeiter der
               Kultusministerien – sollen darin aus- und fortgebildet werden, hochwertige Förderangebote
               entwickeln sowie individuell fördern, partizipativ und kultursensibel arbeiten zu können.

          Thematische Schwerpunkte setzen wir in den Bereichen Sprachförderung und Begleitung von
          Bildungsbiografien, da wir diese als Schlüsselthemen der Integrationsarbeit in Schule und Hochschule
          ansehen. Darüber hinaus können weitere thematische Schwerpunkte im Zusammenhang mit den
          genannten Handlungsfeldern verfolgt werden.
                Da Migration und Integration in einem transnationalen Kontext stehen und somit neben den
          lokalen Ansätzen auch europäische Normen und Kooperation brauchen, unterstützen wir Initiativen
          in unseren Handlungsfeldern, die die deutsche Integrationspolitik in den europäischen Kontext
          stellen und wirkungsvolle sowie gerechte Ansätze und rechtliche Normen für Europa entwickeln.

              Beispiele aus der Praxis

              Chance2
              Mit Chance² werden erstmalig in Deutschland Jugendliche mit Migrationshintergrund und
              aus Nicht-Akademikerfamilien ab der Klassenstufe 9 und 10 bis zum Bachelorabschluss
              gezielt gefördert. Das Programm ist an der Universität Duisburg-Essen im deutschlandweit
              ersten Prorektorat für Diversity Management angesiedelt. In den vier Jahren bis zum Abitur
              werden vier Bereiche besonders gefördert: Schreiben & Reden, Studienwahl, Uni auf
              Probe sowie Mentoring. Den Teilnehmern entstehen keine Kosten, sie erhalten sogar ein
              zusätzliches Bildungsgeld für Ausgaben wie Bücher. Wenn sich die Programmteilnehmer
nach dem Abitur für ein Studium an der Universität Duisburg-Essen entscheiden, werden
sie bis zum Bachelor-Abschluss in einer zweiten Förderphase weiter ideell und finanziell
unterstützt. Während der beiden Stufen haben sie feste Ansprechpersonen und werden
kontinuierlich begleitet. Zugleich werden auch die Eltern und Schulen mit gezielten
Informationsveranstaltungen einbezogen.

Ganz In – Mit Ganztag mehr Zukunft. Das neue Ganztagsgymnasium NRW
„Ganz In – Mit Ganztag mehr Zukunft. Das neue Ganztagsgymnasium NRW“ ist ein
gemeinsames Projekt der Stiftung Mercator, des Instituts für Schulentwicklungsforschung
der TU Dortmund (IFS) – stellvertretend für die drei am Projekt ebenfalls beteiligten
Hochschulen der Universitätsallianz Metropole Ruhr (UAMR) – und des Ministeriums für
Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen. In diesem Projekt arbeiten
31 ausgewählte Gymnasien des Landes NRW mit. Ganz In optimiert nachhaltig die
organisatorische Struktur von Ganztagsgymnasien und baut durch die Unter­richts­
entwicklung eine besondere Kultur der individuellen Förderung aus. Das Projekt besteht
aus mehreren Phasen. Zu Beginn wird gemeinsam mit den teilnehmenden Gymnasien
ein individuelles Ganztagskonzept entwickelt, das die organisatorischen und inhaltlichen
Rahmenbedingungen festlegt. In Form von neu entwickelten Modulen arbeiten die
Schulen dann sowohl organisatorisch als auch inhaltlich an einer Weiterentwicklung ihrer
Institution. Den Aspekten Deutsch als Zweitsprache (DaZ) sowie Sprachverstehen wird
dabei besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

proDaZ – Deutsch als Zweitsprache in allen Fächern

                                                                                               INTEGRATION
Die Universität Duisburg-Essen entwickelt und erprobt eine neue Lehrerausbildungsstruktur,
die erstmals in Deutschland in einem besonderen Maße den Umgang mit „Deutsch als
Zweitsprache“ sowie die fachverbundene Sprachförderung in die Ausbildung von Lehrern
für alle Schulformen und -fächer integriert. Damit geht das Modellprojekt deutlich über
die Vorgaben des Lehrerausbildungsgesetzes in Nordrhein-Westfalen von 2009 hinaus.
Alle Lehramtsstudenten sollen verstärkt für die Förderung in „Deutsch als Zweitsprache“
ausgebildet und sensibilisiert werden, um zu gewährleisten, dass die zukünftigen Lehrer
die Lernbedürfnisse der steigenden Anzahl von Schülern mit Migrationshintergrund
berücksichtigen und sie angemessen sprachlich fördern können. Die Stiftung Mercator
unterstützt das Projekt bis 2016.

Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration
Die Stiftung Mercator, VolkswagenStiftung, Bertelsmann Stiftung, Freudenberg Stiftung,
Gemeinnützige Hertie-Stiftung, Körber-Stiftung, Vodafone Stiftung und ZEIT-Stiftung Ebelin
und Gerd Bucerius haben als Gemeinschaftsprojekt mit dem Sachverständigenrat deutscher
Stiftungen für Integration und Migration (SVR) ein unabhängiges und wissenschaftliches
Expertengremium ins Leben gerufen, das jährlich in einem Jahres­bericht und Gut­achten
zu integrations- und migrationspolitischen Themen Stellung bezieht. Ziel ist es, die Politik
in Bund, Ländern und Gemeinden sowie die Zivilgesellschaft mit wissen­schaft­lich
fundierten und handlungsorientierten Gutachten und Empfehlungen zu begleiten sowie
die entsprechenden Maßnahmen zu evaluieren.

Weitere Informationen zum Themencluster Integration
und unseren Projekten finden Sie unter:
www.stiftung-mercator.de/integration
www.svr-migration.de
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      Die klügsten Köpfe nach Deutschland holen
      Deutschland braucht eine gesteuerte Zuwanderung an Fachkräften aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland

      von Armin Laschet

                                   Die Stiftung Mercator hatte gemeinsam mit einem Konsortium großer deutscher
                                   Stiftungen im April 2011 als Antwort auf den sich verschärfenden Fachkräftebedarf
                                   ein in der Stiftungslandschaft neues Projekt initiiert. Sie rief die unabhängige und
                                   parteiübergreifende Hochrangige Konsensgruppe Fachkräftebedarf und Zuwanderung
                                   ins Leben, die ihren Endbericht im November 2011 der Öffentlichkeit vorgelegt hat.

                                   Die Wirtschaft in Deutschland erholt sich von der schweren Krise in raschem Tempo, und auch
                                   der Arbeitsmarkt sendet positive Signale. Knapp 41 Millionen Menschen sind in Deutschland
                                   erwerbstätig. Immer mehr Unternehmen wollen in den kommenden Monaten neue Mitarbeiter
                                   einstellen. Zugleich berichten schon heute viele Unternehmen, dass sie trotz einer Arbeitslosenquote
                                   von sieben Prozent einen Teil ihrer offenen Stellen nicht besetzen können. Es treten bereits erste
                                   Engpässe bei Ingenieuren, Naturwissenschaftlern, Informatikern und Technikern auf. Im sogenannten
                                   MINT-Bereich, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, fehlten nach
                                   Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft selbst im Krisenjahr 2009 im Durchschnitt
                                   63.000 Fachkräfte. Unverkennbar sind Fachkräfteengpässe zudem vor allem im Pflegebereich,
                                   wo Mitte 2010 bereits 20.000 Fachkräfte fehlten, sowie bei einzelnen Facharbeiterberufen
                                   insbesondere in der Metall- und Elektroindustrie.

                                   Inländische Potenziale besser nutzen
                                   Durch den demografischen Wandel wird sich das Fachkräfteproblem in Zukunft deutlich verschärfen.
                                   Die linear ansteigende Lebenserwartung der Bevölkerung und die niedrige Geburtenrate führen
                                   dazu, dass die Bevölkerung in Deutschland dramatisch schrumpfen und das durchschnittliche Alter
                                   der Bevölkerung deutlich steigen wird. Zudem sinkt die Zahl der Personen im Alter von 20 bis 65
                                   Jahren in den nächsten 20 Jahren von heute ca. 50 Millionen um fast ein Fünftel, und dadurch
                                   werden Fachkräfteengpässe künftig verstärkt auftreten.
                                        In unserer älter werdenden Gesellschaft müssen wir zunächst die Potenziale der Menschen
                                   im Lande besser nutzen. Ältere Arbeitnehmer mit ihrer Erfahrung brauchen neue Chancen, die
                                   Frauenerwerbsquote ist immer noch niedriger als in vielen EU-Ländern und unsere Schulen
                                   verlassen noch zu viele Jugendliche ohne Abschluss. Im Inland sind besonders Gewerkschaften
                                   und Arbeitgeber gefordert, durch Weiterbildung und Qualifizierung lebenslang Potenziale zu fördern.

                                   Wir brauchen eine neue Anwerbekultur
                                   Aber bei allen Anstrengungen im Inland sind die demografischen Grunddaten offenkundig: Heute
                                   leben in Deutschland 13,1 Millionen Menschen zwischen 45 und 54 Jahren. Bei den Kindern
                                   zwischen fünf und 14 Jahren sind es 7,6 Millionen. Dass fünf Millionen Menschen in absehbarer Zeit
                                   zur Erarbeitung des Bruttoinlandsprodukts fehlen werden, ist keine Prognose, sondern statistische
                                   Realität.
Der Blick in die Zukunft ist es also, der uns heute Sorgen bereiten muss. Deutschland muss deshalb      „Unternehmen und
jetzt seine kollektive Körpersprache ändern. Wir strahlen immer noch aus, Zuwanderung eher              Experten sind sich einig:
abzuwehren als um die besten Köpfe der Welt zu werben.                                                  Deutschland braucht
      Was wir aber brauchen, ist eine neue Anwerbekultur, in der jede deutsche Auslandsvertretung,      dringend mehr Fachkräfte
jede Visaabteilung, jede Auslandshandelskammer, jedes Goethe-Institut, jede Ausländerbehörde es         und eine mutigere
als wichtigste Aufgabe ansieht, den klügsten Köpfen der Welt den Weg nach Deutschland zu ebnen.         Zuwanderungspolitik.

                                                                                                                                      INTEGRATION
                                                                                                        Verschiedene deutsche
Fachkräftebedarf durch gezielte Zuwanderung decken                                                      Stiftungen haben daher
Dringend muss das deutsche Zuwanderungsrecht klar an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes                gemeinsam eine partei-
ausgerichtet werden. Wir brauchen eine gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften aus dem euro­­-           übergreifende ,Hoch­rangige
päischen und außereuropäischen Ausland nach Deutschland. Hierzu sollte ein an Quali­fikationen,         Konsensgruppe Fachkräfte-
Berufserfahrungen und Sprachkenntnisse anknüpfendes, kriterienorientiertes Zuwanderungs­                bedarf und Zuwanderung‘
verfahren eingeführt werden.                                                                            ins Leben gerufen.“
      Die Erfahrung zeigt, dass die Abschottung des Arbeitsmarktes gegen ausländische Fachkräfte        (Hamburger Abendblatt)
nicht zu mehr Beschäftigung von Inländern führt. Das Gegenteil ist richtig: Eine Zuwanderungspolitik,
die sich an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes orientiert, führt zu mehr wirtschaftlicher Dynamik
insgesamt und damit auch zu mehr Beschäftigungsmöglichkeiten für Inländer. Es kann Deutschland
nur nutzen, sich auch mit Themen von großer Bedeutung für Industrie, mittelständische Wirtschaft
und Arbeitsplätze der Zukunft zu befassen. Wenn es uns nicht gelingt, qualifizierte Fachkräfte im
Ausland für uns zu gewinnen, verliert der Industriestandort Deutschland an Attraktivität. Irgendwann
wird die Industrie dorthin gehen, wo die Arbeitsplätze sind, und abwandern. Moderne Standortpolitik
heißt auch, weltweit um die klügsten Köpfe zu werben. Wer qualifizierte Zuwanderung verweigert,
schwächt angesichts unserer älter werdenden Gesellschaft den Standort Deutschland.
      Dass die Hochrangige Konsensgruppe Fachkräftebedarf und Zuwanderung über Parteigrenzen
hinweg einen Konsensvorschlag mit Persönlichkeiten aus CDU, CSU, SPD, FDP und Grünen sowie Ar­-
beit­gebern und Gewerkschaften erzielt hat, ist ein Verdienst der Stiftungen, der nachahmenswert
ist.

Armin Laschet ist Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtages und war Minister für
Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam
mit Dr. Peter Struck war er Vorsitzender der Hochrangigen Konsensgruppe Fachkräftebedarf und
Zuwanderung.
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      Der Normalfall Heterogenität
      an deutschen Schulen

      Chancen und Herausforderungen für einen gerechten Bildungszugang

      von Christine Langenfeld

                                   In der Antrittsrede von Bundespräsident Joachim Gauck heißt es: „Wir leben inzwischen
                                   in einem Staat, in dem neben die ganz selbstverständliche deutschsprachige und
                                   christ­liche Tradition Religionen wie der Islam getreten sind, auch andere Sprachen,
                                   andere Traditionen und Kulturen, in dem der Staat sich immer weniger durch die
                                   nationale Zugehörigkeit seiner Bürger definieren lässt, sondern durch ihre Zugehörigkeit
                                   zu einer politischen und ethischen Wertegemeinschaft (…).“ In der Schule zeigt sich
                                   diese Verschiedenheit im Religiösen, Sprachlichen und Kulturellen, in den unter­schied-
                                   lichen Traditionen und Alltagspraktiken in besonderer Weise. Schüler aus aller Herren
                                   Länder kommen hier zusammen, lernen zusammen. In der Schule entfaltet sich die Ein­-
                                   wanderungsgesellschaft.

                                   Heterogenität ist also heute – regional unterschiedlich stark ausgeprägt – der Normalfall an deutschen
                                   Schulen; damit verbunden sind gleichermaßen Chancen und Herausforderungen, für diejenigen,
                                   die in der Schule Verantwortung tragen, und für die, die in ihr lehren und lernen. Die Leitidee,
                                   unter der die Schule steht, ist die von der freien Entfaltung der Persönlichkeit des Kindes, von der
                                   gezielten Förderung von individuellen Gaben und Fähigkeiten. In unmittelbarer Verbindung dazu
                                   steht ein weiterer zentraler Aspekt staatlicher Erziehungsverantwortung, die Chancengleichheit.
                                   Es geht darum sicherzustellen, dass jedermann – unabhängig von Herkunft, Religion oder
                                   Geschlecht – gleichen Zugang zu Bildung und damit die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten erhält.
                                   Dies entspricht dem teilhabeorientierten Begriff von Integration, von dem der Sachverständigenrat
                                   deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) ausgeht: „Als Integration gilt die möglichst
                                   chancengleiche Partizipation an den zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Diese
                                   reichen von Erziehung und früher Bildung in der Familie und in vorschulischen Einrichtungen über
                                   schulische Bildung, berufliche Ausbildung und ein durch Arbeit und deren Ertrag selbstbestimmtes,
                                   nicht transferabhängiges Leben bis hin zur – statusabhängigen – politischen Partizipation und zur
                                   Teilhabe an den verschiedensten Schutz- und Fürsorgesystemen im Rechts- und Wohlfahrtsstaat.“
                                   (SVR-Jahresgutachten 2010, „Einwanderungsgesellschaft 2010“, Kernbotschaft Nr. 8) Dass der
                                   Schule bei der Umsetzung dieses Konzepts von Integration eine Schlüsselrolle zukommt, ist allen
                                   Beteiligten seit langem klar. Gleichwohl bleibt die Schule trotz mancher positiver Trends der
                                   jüngeren Zeit eine schwierige integrationspolitische Baustelle, gerade auch wegen der wachsenden
                                   Heterogenität der Schülerschaft. Bei der Bewältigung der damit verbundenen Herausforderungen
                                   sollte sich die Schule an den folgenden Leitplanken orientieren.
Heterogenität darf nicht zur Bildungsfalle werden
Ethnisch gemischte Schulen werden gerade von bildungsaffinen, einkommensstarken Eltern mit und
ohne Migrationshintergrund gemieden. Dahinter steht ein Paradox, das im Integrationsbarometer
2010 des Sachverständigenrates zutage getreten ist: Denn obwohl Zuwanderer- wie Mehr­
heitsbevölkerung die eigenen Erfahrungen im Umgang mit ethnischer Heterogenität in den
Institutionen des Bildungssystems durchaus für „gut“ halten, sind sie in weiten Teilen nicht bereit,
ihre eigenen Kinder in solche Schulen zu schicken. Das Ergebnis ist schulische Segregation, sind
erschwerte Lernbedingungen, die negativ zurückwirken auf die Lern- und Entwicklungsmilieus
der Kinder. Die Folgen sind bekannt. Ein Patentrezept gegen die ethnische und die damit
verbundene soziale Segregation in der Schule gibt es nicht. Was bleibt, ist: Schulen mit einem
hohen Zuwandereranteil müssen attraktiver, das heißt sie müssen besser ausgestattet werden,
insbesondere auch personell! Das verbessert nicht nur die Leistung der Schüler, sondern beeinflusst
mit zunehmender Sogwirkung auch die Entscheidung von Eltern zugunsten dieser Schulen.

                                                                                                       INTEGRATION
Heterogenität und Integration sind keine Gegensätze
Es kann nicht genug hervorgehoben werden, dass den jungen Zuwanderern ohne ausreichende
Integration und namentlich ohne sichere Beherrschung der deutschen Sprache der Weg in die
qualifizierten Berufe – vom Facharbeiter bis zum Hochschulabsolventen – versperrt ist. Eine
Voraussetzung dafür besteht in der Schaffung von Lebensbedingungen, bei denen eine Person mit
ihrer Umwelt interagieren kann, sich als Mitglied der Gesellschaft fühlt. Hierzu gehört auch die
Berücksichtigung des kulturellen, religiösen und sprachlichen Hintergrundes der Zuwandererkinder
innerhalb der Schule. Denn Schulen müssen sich immer mit den heterogenen Lebensverhältnissen
ihrer Schüler auseinandersetzen, wollen sie ihre auf das einzelne Kind bezogene Bildungs- und
Erziehungsaufgabe erfüllen. Schule darf nicht ausgrenzen, sondern muss einbeziehen, sie darf
nicht Entwicklungsmöglichkeiten nehmen, sondern muss sie bieten, kurz, sie muss eine Schule der
Freiheit und der Chancen sein. Ergebnisgleichheit garantieren kann sie nicht.

Heterogenität als Normallage und Differenz im besten Sinne ertragen lernen und zugleich
Gemeinsamkeit vermitteln
Die Schule muss die Schüler, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, in die Lage versetzen, mit
Menschen aus anderen Kulturen zusammenzuleben, Vielfalt als Bereicherung und Ressource in
einer vernetzten Welt zu begreifen. Die damit auch verbundenen Probleme dürfen nicht verdrängt,
sondern müssen angepackt werden. Gleichzeitig muss es darum gehen, sich des gemeinsamen
Fundaments von Werten und Normen zu versichern, auf die die immer vielgestaltigere Gesellschaft
mehr denn je angewiesen ist, und zu erkennen, was uns, die wir hier leben, miteinander und mit
unserem Land verbindet.

Prof. Dr. Christine Langenfeld ist Professorin für Öffentliches Recht und Direktorin der Abteilung
für Kulturverfassungs- und Kulturverwaltungsrecht des Instituts für Öffentliches Recht an der
Georg-August-Universität Göttingen. Ihre Forschungsfelder sind das Recht der Europäischen
Union sowie das Zuwanderungs-, Bildungs- und Erziehungsrecht. Seit 2008 gehört sie dem
Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration an.
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      Integration und Kultur
      Über die irrtümliche Verknüpfung beider Begriffe

      von Naika Foroutan

                                     Der Integrationsbegriff wird in den Debatten, die diesbezüglich im letzten Jahrzehnt
                                     und besonders seit der Reform des deutschen Staatsangehörigkeitsrechtes geführt
                                     werden, vor allem als eine Debatte um Zugehörigkeit zu einem bestimmten kulturellen
                                     Kontext verstanden. Dabei wird jedoch nicht formuliert, was man sich unter der viel
                                     beschworenen deutschen Leitkultur tatsächlich vorzustellen habe.

                                     Während „die“ deutsche Kultur noch in den 1960er Jahren eher mit Sekundärtugenden wie
                                     Pünkt­lichkeit, Sauberkeit oder Ehrlichkeit in Verbindung gebracht wurde, versteht sich ein in
                                     einen europäischen und globalen Kontext eingebettetes Deutschland eher einem vermeintlich
                                     europäischen Wertekanon zugehörig. Dieser Wertekanon wird heute mit „abendländisch-
                                     aufklärerisch“ umschrieben und mit Attributen wie „demokratisch“, „weltoffen“ und „tolerant“
                                     besetzt. Interessant ist, dass mit diesen sich wandelnden eigenen Werten auch die vermeintlich
                                     Anderen, die es zu integrieren gilt, ihre angestammten Wertezuschreibungen verlieren und anpasst
                                     werden: Während diejenigen, die sich nach gesellschaftlichen Maßstäben nicht integrieren können,
                                     in den 1960er Jahren als unehrlich, schmutzig und immer zu spät kommend wahrgenommen
                                     wurden, werden sie heute als undemokratisch, verschlossen und intolerant bezeichnet. Die dadurch
                                     entstehende Inkompatibilität zur deutschen/europäischen Kultur wird dann damit erklärt, dass
                                     sie die Aufklärung nicht durchlaufen hätten. Diese wirkt hierbei wie eine Impfung, die einmal
                                     verabreicht vor antidemokratischen und intoleranten Grundzügen grundsätzlich schütze – so als
                                     habe es Kolonialverbrechen, Weltkriege und den Holocaust nicht nach der Aufklärung gegeben.

                                     Kultur als Begründung für Integrationsunfähigkeit
                                     Kultur wird somit zum Erklärungspunkt sämtlicher als sozialisationsrelevant anerkannten
                                     gesellschaftlichen Probleme: Dass junge Muslime häufiger die Schule abbrechen, weniger stark auf
                                     dem Arbeitsmarkt vertreten sind, teilweise schlechter die deutsche Sprache sprechen oder prozentual
                                     kriminell auffälliger sind als herkunftsdeutsche Jugendliche, wird ebenso mit ihrer kulturellen
                                     Disposition erklärt wie die für viele dieser Missstände relevante soziale Segregation in sogenannte
                                     Parallelgesellschaften. Ursachen wie soziale Ungleichheit, Armut, Diskriminierungserfahrungen
                                     bei der Bewerbung um Arbeitsplätze oder bei der Empfehlung auf weitergehende Schulen werden
                                     hier ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass die segregierten Stadtteile in vielen deutschen
                                     Großstädten deswegen entstanden sind, weil den (muslimischen) Migranten beim Zuzug in die
                                     Stadt per Stempel im Pass zugewiesen wurde, wo sie leben durften und mussten.
INTEGRATION
Gesellschaften ändern sich – Kulturen auch
Kultur ist aber kein statischer Begriff, sondern ein fließender, der sich durch Kontakt, Reflexion,
Geschichtsdeutung und Zukunftsausblick immerfort verändert. Kultur und damit gekoppelt
Integration als ein Rollengefüge oder Wertekorsett zu deuten, in das man sich zu fügen habe und auf
dessen Veränderung kein Anrecht bestehe, wenn man nicht aus diesem kulturellen Kanon stamme –
dies ist eine vormoderne Idee, die an Zeiten erinnert, in denen Menschen in bestimmte Gruppen und
Rollen hineingeboren wurden – als Adelige, Bauern oder Leibeigene – und sich auch niemals in eine
andere Gruppe „integrieren“ konnten. Wir aber leben in der Postmoderne – Patchwork-Identitäten
sind alltäglich geworden: Man kann als Frau den gewachsenen kulturellen Wertekanon verwei-
gern und kinderlos bleiben und muss sich nicht den Vorwurf der Integrationsverweigerung gefallen
lassen, genauso wenig wie ein homosexueller Mann im gewachsenen kulturellen Wertekonsens des
diplomatischen Parketts. Die deutsche Gesellschaft spiegelt diesen selbstverständlichen Umgang
mit sozialer Veränderung tagtäglich wider. Aber diese Offenheit scheint geringer zu sein, wenn
es um das Thema der Integration von Muslimen geht. Integration ist und bleibt ein beidseitiger
Prozess, und es kann nach 50 Jahren Zuwanderung von Muslimen nach Deutschland keine einseitig
formulierte Bringschuld geben. Nur die beidseitige Übernahme von Verantwortung erlaubt es uns,
Deutschland als post-migrantische Gesellschaft zu erfassen, in der man dem Märchen von der
Abstammung, durch die Gemeinschaften strukturiert und Zugehörigkeiten etabliert werden, keinen
Glauben mehr schenkt.

Dr. Naika Foroutan leitet seit 2008 das an der Humboldt-Universität zu Berlin angesiedelte
Forschungsprojekt „Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle (HEYMAT)“.
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      Die Rolle von Stiftungen in der
      US-amerikanischen Integrationspolitik
      Wie Stiftungen in vielen Bereichen Denkgewohnheiten ändern können

      von David C. Hammack

                                   Der vielleicht wichtigste Teil der Stiftungsarbeit im Bereich der Integration konzentriert
                                   sich darauf, Denkgewohnheiten sowohl in der allgemeinen Öffentlichkeit als auch bei
                                   Gesetzgebern, Behörden, Lehrern, Polizisten, Richtern und anderen zu hinterfragen.
                                   Die Förderung von Gunnar Myrdals Studie „An American Dilemma. The Negro Problem
                                   and Modern Democracy“ (1944) durch die Carnegie Corporation of New York ist eines
                                   der bekanntesten Beispiele für diese Art von Engagement.

                                   Es ist jedoch nicht ganz einfach, den Einfluss von Stiftungen in den genannten Bereichen
                                   einzuschätzen: Stiftungen haben sehr begrenzte finanzielle Mittel, und obwohl einige von ihnen über
                                   ein beachtliches Ansehen und daher über die Möglichkeit verfügen, Einfluss zu nehmen, sehen sich
                                   alle Stiftungen auch mit Kritikern konfrontiert. Stiftungsinitiativen, die Wissen und Informationen
                                   sammeln, dem Nachdenken über Fakten einen Rahmen geben, Modellprogramme unterstützen oder
                                   Lehrer und Sozialarbeiter ausbilden, waren aber bisweilen sehr effektiv, besonders wenn dies in der
                                   Zusammenarbeit mit anderen Akteuren erfolgte.

                                   Integration durch Toleranz und Informationen
                                   Stiftungen – wie die Ford Foundation, aber auch die Taconic Foundation und andere kleinere
                                   sowie Familienstiftungen – haben zum Beispiel sehr viel für die Unterstützung des NAACP Legal
                                   Defense and Educational Fund und des Mexican American Legal Defense and Educational Fund
                                   getan, zweier gemeinnütziger Organisationen, die eine entscheidende Rolle in der amerikanischen
                                   Bürgerrechtsbewegung gespielt haben. Ich bewundere besonders die Arbeit von „Facing History and
Ourselves“, einer Organisation, die vor allem Schulmaterialien
zu den Themen Rassismus und Toleranz erstellt. Vergleichbare
Initiativen sind unter anderem „Teaching Tolerance“ sowie das
Konzept der „Kulturdiplomatie“ und die Bildungsprogramme von
B’nai B’rith International.
      Ein wichtiger Beitrag von Stiftungen besteht außerdem in
der Aufbereitung und Veröffentlichung von Informationen. Ein
herausragendes aktuelles Beispiel dafür ist die Initiative der
Annie E. Casey Foundation, die wertvolle Daten zum Wohlergehen US-amerikanischer Kinder
auf nationaler und bundesstaatlicher Basis erhebt und diese bereits im 22. Jahrgang des „Kids
Count Data Book“ veröffentlicht hat. Die Kaiser Family Foundation und die Robert Wood Johnson
Foundation engagieren sich in ähnlichen Bereichen und setzen sich für eine allen zugängliche
Gesundheitsversorgung ein.

Der Begriff der Integration in den USA
In den USA verwendet man den Begriff Integration in Bezug auf nationale Herkunft und Ethnizität
(„Amerikanisierung“ im offiziellen Sprachgebrauch), in Bezug auf die amerikanischen Ureinwohner

                                                                                                         INTEGRATION
(als Volksgruppen und Individuen), aber auch in Bezug auf den Arbeitsmarkt, auf die Religion –
was die Beziehung zwischen Staat und Kirche und auch die staatliche und private ökonomische
und soziale Diskriminierung von Katholiken, Juden und Muslimen anbelangt – und in Bezug
auf Genderfragen und Fragen sexueller Ausrichtung sowie in Bezug auf physische und geistige
Behinderung. Stiftungen setzen sich für alle Aspekte der hier genannten Themen ein.
      Sowohl weiße als auch afroamerikanische Forscher haben zurückliegende und neueste
Stiftungsbestrebungen im Bereich der Bildung jedoch als Bevormundung kritisiert. In seinem Buch
„Identifying Talent, Institutionalizing Diversity. Race and Philanthropy in Post-Civil Rights America“
(2004) attestiert der Autor Jiannbin Lee Shiao den Stiftungen einen wesentlichen Einfluss, was
die Einführung und Neuausrichtung der Antidiskriminierungspolitik angeht. Jedoch misst er ihnen
meiner Meinung nach zu viel Bedeutung bei. Alice O’Connor hingegen kritisiert in ihrer Studie
„Poverty Knowledge. Social Science, Social Policy, and the Poor in Twentieth-Century U. S. History“
(2001) einige Stiftungsinitiativen zur Armutsbekämpfung als zu wenig durchdacht, ineffektiv und
nicht anspruchsvoll genug.
      Konservative und christliche Stiftungen haben sich aber in gewissem Maße auch an der
Förderung religionsgebundener privater Schulen, Krankenhäuser und anderer Einrichtungen be­
teiligt und mit darauf gedrängt, dass diesbezüglich Ausnahmen von den bundesstaatlichen Anti­
diskriminierungsgesetzen gemacht werden, was unlängst durch das Oberste Bundesgericht ge­
nehmigt wurde.

Prof. Dr. David C. Hammack ist Professor für Geschichte an der Case Western Reserve University
in Cleveland, Ohio, und veröffentlichte zahlreiche Publikationen zu den Themen Zivilgesellschaft
und Nonprofit-Sektor in den Vereinigten Staaten.
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          Kompetenzzentrum Wissenschaft
          Während der Einfluss der Wissenschaften auf fast alle Lebensbereiche der Menschen
          beständig steigt, wachsen auch unsere Erwartungen an sie in weiter zunehmendem
          Maße. Denn nicht nur generiert die Wissenschaft gesamtgesellschaftlich einen hohen
          Nutzen, vielmehr hängt auch die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe jedes
          Einzelnen mehr und mehr davon ab, dass Menschen über eine auf Wissenschaft
          beruhende (Aus-)Bildung verfügen.
              Der Gewinn für die Gesellschaft und eine Verbesserung der Teilhabe an ihr sind die
          übergreifenden Ziele der Stiftung Mercator bei der Förderung der Wissenschaften. Wir
          verfolgen daher im Kompetenzzentrum Wissenschaft zum einen mit wissenschaftlichen
          Projekten die Ziele der Stiftung in den übergreifenden Themenclustern: die Verhinderung
          gefährlichen Klimawandels, eine bessere Integration und die Stärkung kultureller
          Bildung. Diese gesellschaftspolitischen Ziele verfolgt die Stiftung Mercator aus den
          besonderen und sich wandelnden Bedingungen von Wissenschaft, Bildung und
          Internationaler Verständigung heraus. Zum anderen haben wir aus der Wissenschaft
          und ihren institutionellen Bedingungen heraus drei Handlungsfelder bestimmt:
          // die Unterstützung der institutionellen Entwicklung von Hochschulen und des
            Hochschulsystems: Ein Prozess wachsender Differenzierung von Profilen und
            Aufgaben bestimmt in Deutschland die Weiterentwicklung der Universitäten. Er stellt
            jede einzelne Institution vor Herausforderungen und schafft zudem große Dynamiken
            im Gesamtsystem. Durch exemplarische Projekte wirken wir auf beiden Ebenen.
          // die Verbesserung der Qualität von Studium und Lehre: Der Prozess der Differenzierung
            verlangt unter anderem eine bessere Würdigung und Förderung der vielfältigen
            Aufgaben und Leistungen von Hochschulen. Dazu gehört für uns vor allem das
            Engagement für eine bessere Qualität und einen höheren Stellenwert der Lehre.
          // die Erschließung perspektivenreicher, „explorativer“ Forschungsfelder: Hier setzen
            wir gemeinsam mit Wissenschaftlern eigeninitiativ und risikobereit Akzente für neue
            Forschungsthemen.

          Dr. Wolfgang Rohe leitet das Kompetenzzentrum Wissenschaft der Stiftung Mercator.
Wissen-
schaft

          WISSENSCHAFT
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      Landkarten des Wissens
      Das Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) will Optionen zur nachhaltigen
      Bewirtschaftung globaler Gemeinschaftsgüter aufzeigen

      von Ottmar Edenhofer

                                    Wettbewerb und private Eigentumsrechte haben den Kapitalismus des 19. und 20. Jahrhunderts
                                    entfesselt und damit ein nie dagewesenes Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum ermöglicht. Im
                                    Zuge dieses anhaltenden Wachstums steigt der weltweite Ressourcenverbrauch und es entstehen
                                    neue Knappheiten. Die knappe Deponie Atmosphäre füllt sich mit Treibhausgasen und gefährlicher
                                    Klimawandel droht. Auch auf der Ressourcenseite entstehen Engpässe. Die global steigende
                                    Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten und der zunehmende Zersiedlungstrend erhöhen
                                    den Druck auf Landflächen und führen zu steigenden Nahrungsmittelpreisen und zur Zerstörung
                                    der Regenwälder. Das Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC)
                                    will daher Möglichkeiten zur nachhaltigen Bewirtschaftung globaler Gemeinschaftsgüter aufzeigen.
                                          Um im 21. Jahrhundert und darüber hinaus globalen Wohlstand zu gewährleisten, wird ein
                                    technischer und politischer Wandel zu einer nachhaltigen globalen Ordnungspolitik für globale
      „Maßvolles Wachstum statt     Gemeinschaftsgüter entscheidend sein. Voraussetzung für die demokratische Gestaltung einer
      rücksichtslosem Raubbau:      solchen globalen Nachhaltigkeitstransformation ist ein verbessertes Verständnis der grundlegenden
      Wie sich nachhaltiger         systemischen Zusammenhänge. Das MCC wird diese untersuchen und dabei einen interdisziplinären
      Wohlstand für die ganze       Ansatz verfolgen, der die natürlichen Dynamiken der miteinander gekoppelten Ressourcen und
      Weltbevölkerung sichern       Senken berücksichtigt und auf die sozioökonomischen Dynamiken fokussiert. Entscheidend ist ein
      lässt, will ab 2012 ein       verbessertes Verständnis ökonomischer Wachstumsmuster in einer durch Güter-, Ressourcenhandel
      neues Institut in Berlin      und Wissenstransfer globalisierten Weltwirtschaft und die Verknüpfung dieser Dynamiken mit den
      erforschen.“ (taz)            Mustern von Landnutzung, dem Auf- und Umbau von Infrastrukturen und Transportsystemen. Das
                                    Beispiel der Biomassenutzung etwa zeigt exemplarisch, dass eine integrierte Analyse von Klima- und
                                    Agrarpolitiken, internationalem Handel, Landnutzungsdynamiken und unterschiedlicher Regime für
                                    Eigentums- und Nutzungsrechte erforderlich ist. Sonst können wohlgemeinte Politiken zur Erhöhung
                                    des Biomasseanteils in den Energiesystemen zu ungewünschten Risiken und Nebenwirkungen wie
                                    etwa einer verstärkten Abholzung der Regenwälder führen.

                                    Alternative Handlungsoptionen
                                    Das MCC hat zum Ziel, in einem gesellschaftlichen Lernprozess „Landkarten des Wissens“ über
                                    gangbare Optionen für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu erstellen. Dabei werden die
                                    Dynamiken und Risiken verschiedener Handlungspfade einander gegenübergestellt, um robuste
                                    gesellschaftliche Entscheidungen unter Unsicherheit zu ermöglichen. Damit soll das etwa im
                                    Weltklimarat IPCC praktizierte Format von „Assessment Reports“ weiterentwickelt werden, in denen
                                    der Stand des wissenschaftlichen Wissens zusammengefasst, kritische Abwägungen (trade-offs)
                                    aufgezeigt und konsistente alternative Handlungsoptionen dargestellt werden. Als unabhängiges
                                    Forschungsinstitut will das MCC damit eine Form des Austauschs zwischen Wissenschaft und Politik
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