Afrika für Anfänger - Globetrotter
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RUANDA
Afrika für Anfänger
TEXT UND FOTOS: BENEDIKT MEYER
Ruanda ist sicher, gut organisiert und sauber. «Die Schweiz Afrikas», sagen die Einheimi-
schen. Tatsächlich, wo vielerorts in Afrika die Landschaft mit Plastik gesprenkelt ist, gibts
hier dank Plastiksackverbot nur Naturfarben. Dass das Land nebenbei ganz unspekta-
kulär mit Highlights aufwartet, können Benedikt und seine Freunde hautnah erleben.
A
ls das Flugzeug in Kigali landet, ist es bereits dunkel. an Lehmhütten und kleinen Dörfern vorbei, an Bananenplantagen, far-
Beim Aussteigen umhüllt uns warme, leicht staubige bigen Häusern, reifentreibenden Kindern und tausend Eindrücken mehr.
Luft. Per Auto gehts zum «Step Town Motel». Die Stras- Schon jetzt fällt auf, wie dicht Ruanda besiedelt ist. Acker reiht sich an
se vor dem Hotel ist eine mit Schlaglöchern gespickte Acker, Plantage an Plantage. Ungenutztes Land gibt es kaum.
Staubpiste, die Zimmer aber sind sauber, die Duschen Erst im Akagera-Nationalpark empfängt uns eine grosszügige Leere:
funktionieren, und das Frühstück am nächsten Morgen grüne Täler und bewaldete Hügel. Und keine Spur mehr von Trocken-
ist lecker. Es gibt Früchte, Omeletten und frisch ge- heit. Wir haben noch ein paar Stunden, bevor die Dämmerung herein-
pressten Saft. Wir setzen uns auf die Terrasse und geniessen die Aussicht bricht, und so gehen wir mit Simon auf die Pirsch. Tatsächlich: Da ste-
auf die Hügel und Häuser der Hauptstadt. Wir, das sind Marc, Philipp hen diese wundervollen Tiere, direkt vor uns, und beachten uns kaum.
und ich. Der Grund, weshalb wir hier sind, ist Roman. Mein Zwillings- Wir sehen Büffel, Giraffen, Antilopen und Elefanten. Alles wirkt so selbst-
bruder lebt seit sieben Jahren in Afrika – und heiratet in wenigen Tagen. verständlich und normal, dass wir es kaum fassen können. Auf dem
Rückweg beginnen sich die Eindrücke zu setzen, wir reden wild durch-
Wildtiere um die Ecke. Schon fährt Simon, der von Roman angeheu- einander und beschliessen übermütig: «Morgen, Simon, zeigst du uns
erte Chauffeur, vor und holt uns zu einer ersten Entdeckungstour ab. Es bitte noch Löwen. Und Pinguine! Und Dinosaurier!»
geht Richtung Osten, raus aus Kigali und ab durch die Hügel. Ruanda Anderntags durchfahren wir den kompletten Nationalpark. Bloss
ist «le pays des mille collines»: Hügel reiht sich an Hügel, gerade Strassen einmal sehen wir ein anderes Fahrzeug, ansonsten sind wir mit der Weite
sind selten, und keine Aussicht bleibt länger als ein paar Sekunden gleich. und den Tieren – Flusspferden, Zebras, Krokodilen, Impalas, Topis, War-
Man müsste ein Wort erfinden für diese Entdeckerfreude, für dieses neu- zenschweinen, Gibbons und vielen mehr – alleine. Abends sind wir dann
gierige, leicht aufgeregte Kribbeln, das man empfindet, wenn man zum so vollgestopft mit Eindrücken, dass wir vermutlich selbst aussehen wie
ersten Mal um eine Kurve oder über eine Kuppe blickt. Ruanda ist voll Flusspferde. Müde und glücklich fallen wir in Kigali wieder in die Ho-
davon. Ich schaue und schaue und sehe mich kaum satt. Wir kommen telbetten.
Was, Touristen? Die Defessa-Wasserböcke scheinen recht erstaunt zu sein. Tag der Tiere. Im Akagera-NP kommen Safariliebhaber voll auf ihre Kosten.
54OSTAFRIKA
Land und Leute. Der grösste Teil
der Bevölkerung lebt sehr einfach.
Fast jeder muss bei der Landbewirtschaftung
mit anpacken.
WINTER 2018 GLOBETROTTER-MAGAZIN 55Glückliche Aussichten. Das frischgebackene Ehepaar verbindet Kulturen und Fondueplausch. Der Beitrag der schweizerischen Hochzeitsdelegation steht
eine bunt gemischte Schar Hochzeitsgäste aus aller Welt. ganz unter dem Motto «Völkerverbindung geht durch den Magen».
Hochzeit. Am Morgen holen wir unsere besten Klamotten aus dem Kof- Die Gäste sind unglaublich gut angezogen, ich bewundere die präch-
fer. Es geht zur Hochzeit, und der Auftakt erinnert mich an das, was tigen Stoffe. Erster Höhepunkt sind dann die burundischen Intoré-Tän-
mein Mittelalterprofessor einmal sagte: «Die katholische Kirche ist wie zer. Trommler, die ihre Instrumente zwischendurch auch auf dem Kopf
McDonald’s: egal, wo man ist, man bekommt immer dasselbe vorgesetzt.» balancieren, wilde Bocksprünge machen und Grimassen schneiden. Ro-
Die Messe ist überraschend kurz, und der Pfarrer zitiert Eheratschläge man und Nancy sind sichtlich begeistert, und als das Brautpaar schliess-
vom Papst. Ein Chor singt, Roman sagt «Oui», Nancy zum Glück auch, lich zum Mittrommeln aufgefordert wird, schäumt die Stimmung über.
und nachdem die Ringe getauscht sind, gibt es eine Umarmung. Zur Abkühlung gibt es dann überlange Reden von «Onkeln», die mit
Begräbnismine irgendwelche Grundsätze zu erörtern
scheinen. Auch das überstehen wir. Wir plündern das
Buffet, verzehren Berge von Reis, Bohnen, Ananas,
Kochbananen und hundert weitere Köstlichkeiten. Mit
viel Musik, tanzenden Tanten und der völkerverbinden-
den Wirkung von Alkohol geht die Nacht schliesslich
irgendwann in den Morgen über.
Geküsst wird übrigens auch an der Feier nicht. Aber
es sind ja auch nicht alle so kitschig veranlagt wie ich.
Ausserdem meint Jakob: «Gefühle gehören hier nicht in
die Öffentlichkeit. Und sowieso haben die Ruander den
Ruf, ein ganz kleines bisschen verklemmt zu sein.» –
«Ach so», dämmert es mir, «das meinen sie mit der
‹Schweiz Afrikas›.»
Familienzeit in Kigali. Leicht verkatert machen wir
uns am Nachmittag des nächsten Tages auf einen Bum-
mel durch Kigali, von dem uns Nancy gesagt hat, es sei
eine «afrikanische Kleinstadt» (mit 1,1 Millionen Ein-
wohnern). Tatsächlich: Die Stimmung ist unaufgeregt,
die Strassen sind sauber, und die Menschen ignorieren
Kigali. In der Hauptstadt geht es ruhig und unaufgeregt zu und her. Hier fallen Touristen weniger uns grösstenteils. Sogar der Verkehr ist einigermassen
auf als auf dem Land, wo man sich als Fremder schon mal vorkommt wie ein Ausserirdischer. zivilisiert. Wären da nicht die rote Erde, die tiefen
Strassengräben für die Fluten der Regenzeit und die
Auf dem Platz vor der Kirche lernen wir endlich Nancys Familie so- vielen Wächter mit ihren Gewehren, man könnte sich auch in Südeu-
wie zahlreiche der internationalen Gäste kennen. Einer davon ist Jakob, ropa wähnen.
ein launiger, blitzschlauer Hamburger, der selbst viele Jahre in Ruanda Abends schmeissen Roman und Nancy eine Silvesterparty. Ich brenne
gelebt hat. Er erfrischt mit lapidaren Sprüchen und gescheiten Einblicken. darauf, endlich ihr kleines Haus zu sehen, das sie mit zwei Untermietern
In einem Park auf einem nahe gelegenen Hügel ist das Festzelt auf- und einem Papagei bewohnen. Nancy arbeitet bei einer Entwicklungs-
gebaut. Die Stimmung beim Apéro ist ausgelassen, es wird viel herum- bank, Roman kümmert sich für die Afrikanische Union um Grenzfragen.
gealbert, und nachdem die ersten Bilder geknipst sind, macht sich die Letztlich geht es dabei um Friedenssicherung, denn Afrikas Grenzen sind
helvetische Delegation an die Zubereitung eines Fondues. Damit sorgen zwar grob definiert, wem ein bestimmter Hügel im Grenzland gehört, ist
wir für heitere Irritation, denn Käse zu schmelzen, ist für die Ruander aber oft unklar. Das ist an sich kein Problem, kann aber schnell eines wer-
unheimlich exotisch, die Zubereitungsweise zumindest seltsam und der den, wenn unter dem Hügel Gold, Öl oder Diamanten zum Vorschein
Gout ohnehin komplett ausserhalb ihres Geschmackshorizonts. Die Ca- kommen. Nancy war mit Romans Mitbewohnerin befreundet, seit drei
quelons leeren sich gerade, als mir Jakob auf die Schulter haut und grin- Jahren sind sie ein Paar und nun also seit gestern verheiratet. Nancy hat
send meint: «Das war ja eine anarchistische Aktion von euch Schweizern! Charme, Herz und Humor und mein Bruder vor allem eines: Glück.
Nach ruandischer Art hättet ihr die Leute nach ihrer Wichtigkeit einla- Bis ins Teenageralter lebte Nancy im Kongo, was zur Folge hat, dass
den müssen, statt einfach alle zum Probieren aufzufordern.» «Basisde- sie im Gegensatz zu den meisten anderen jungen Ruandern besser Fran-
mokratie», antworte ich kauend, «sogar beim Essen.» zösisch als Englisch spricht. Und dass sie regelmässig gegen ungeschrie-
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Ab aufs Land. Es hagelt Katzen, Hunde, Antilopen und Flusspferde. So
schnell wir können, sprinten wir vom Taxi zum Hotel in Ruhengeri. Dort
lege ich mich fiebrig, frierend und mit einer Magenverstimmung ins Bett
und verbringe den ganzen nächsten Tag im Dämmerzustand, während
Philipp und Marc eine verregnete, aber erfolgreiche Dschungelwande-
rung mit Gorillasichtung machen.
Am nächsten Tag bin ich so weit wieder hergestellt, dass ich mir die
erste Busreise zutraue. Der kleine Transporter, der uns nach Gisenyi an
den Kiwusee bringt, ist bis auf den letzten Platz besetzt. Natürlich sind
wir die einzigen Weissen. Unterwegs wird wieder einmal klar, dass es
drei Dinge gibt, die auf der ganzen Welt gleich sind: Überall gibt es be-
zaubernde Damen, allerorts fällt der Regen von oben, und niemand
glaubt so felsenfest an ein Leben nach dem Tod wie die Busfahrer. Ich
blicke aus dem Fenster, versuche, mir zum Fahrstil keine Gedanken zu
machen, und versinke in der Landschaftsstudie.
An jeder Haltestelle steht ein Mann, der anzeigt, wie viele Fahrgäste
Flott unterwegs. Nicht immer rollen die Räder wie am Schnürchen. Steigt die mitwollen. Ist zu wenig Platz, hält der Bus gar nicht an. Ebenfalls an al-
Sonne und werden die Wege steil, gehts mit der Motivation bergab. len Haltestellen gibt es fliegende Händler, die gebratene Maiskolben, Süs-
sigkeiten, Käse und gekochte Eier anbieten. Die Strasse mäandert durch
bene Gesetze verstösst. «Die Leute schauen mich immer wieder komisch die Dörfer, viele Häuser sind farbig bemalt. Kein lokaler Brauch, sondern
an, wenn ich irgendetwas Seltsames mache», erklärt sie lachend und fügt Werbung für Mobilfunkgesellschaften. Von diesen sitzt auch im kleins-
an: «Roman hat es da einfacher. Von ihm erwartet man geradezu einen ten Dorf noch jemand unter einem Sonnenschirm am Strassenrand und
Fauxpas.» Über Kigali ist es Nacht geworden, in unseren Gläsern klirren verkauft Gesprächsguthaben. Die Verbindung ist praktisch überall im
die Eiswürfel, und Roman gibt mir letzte Tipps für die weitere Reise: Land hervorragend.
«Nein, du musst keine Hotels reservieren. Ja, es gibt wirklich fast überall In Gisenyi fahren wir zum Fahrradverleih, um uns die Räder anzu-
Busse. Ja, sie fahren zuverlässig. Nein, du brauchst dir keine Gedanken schauen, mit denen wir anderntags eine dreitägige Tour starten wollen.
zu machen.» Angesichts dessen, dass ich meine Freunde inzwischen mehrfach täglich
über den Zustand meiner Verdauung informiere, ist das ein ambitionier-
tes Projekt. Immerhin, die Räder sind da und in relativ gutem Zustand.
TIPPS & INFOS Ausserdem können wir einen Teil des Gepäcks per Schiff transportieren
lassen. Gut gelaunt verlassen wir den Verleih.
LANDESINFOS | Ruanda liegt auf einem Hochplateau, das eine
Durchschnittshöhe von 1400 bis 1700 Metern hat. Die Landesflä- Auf und ab per Velo. Dank Immodium und Antibiotika schwinge auch
che beträgt 26 338 km² (CH: 41285 km²), auf denen rund zwölf ich mich am nächsten Tag auf den Fahrradsattel. Damit erledigt sich mein
Millionen Menschen leben. Mit über einer Million Einwohnern ist die Unwohlsein fürs Erste. Auf dem Fahrrad gehts mir automatisch gut, egal
Hauptstadt Kigali die grösste Stadt im Land. wo ich bin. Wir holpern über Staubstrassen und Wege, bald bergan, bald
AMTSSPRACHE | 88 % der Einwohner beherrschen ausschliesslich bergab durch die Hügel und Dörfer am Kiwusee. Landschaftlich ist die
die Hauptsprache Kinyarwanda. Seit der belgischen Kolonialzeit ist Strecke enorm schön, links und rechts säumen Felder und Plantagen den
Französisch und seit 1994 Englisch zusätzliche Amtssprache. Weg, die Gegend ist abwechslungsreich. Die Mountainbikes federn die
Geschäftlich wird auch Swahili benutzt, das in Ruanda als Fremd- Schläge der Pfade ab. Menschlich hingegen ist die Tour weniger ent-
sprache erlernt wird. spannt. In Kigali waren wir Ausländer und wurden angenehm ignoriert,
RELIGION | Über 90 % gehören einer christlichen Glaubensrichtung hier kommen wir uns vor wie Aliens und werden begafft. Kinder rennen
an, 4,7 % sind Muslime, der Rest Monotheisten und Animisten. uns den ganzen Tag nach, hinter
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jedem zweiten
20.11.17 15:21
Bananenbaum hallt es
50 % der Bevölkerung sind daneben Anhänger von Naturreligionen.
A MBRYM
WIRTSCHAFT | Rund 90 % der Bevölkerung sind Selbstversorger. RUANDA
Die landwirtschaftliche Nutzfläche wird jeweils an die Kinder verteilt.
Wenige ziehen weg und suchen eine andere Arbeit. Das führt dazu, UGANDA
dass sich die ohnehin kleinen Flächen immer weiter aufteilen und Reiseroute
des Autors
verkleinern. 70 % der Bevölkerung leben unter der Armutsschwelle. DEMOKRATISCHE
Die wichtigsten Exportgüter sind Mineralien, Tee und Kaffee. REPUBLIK Auto/ÖV
KONGO Velo
TOURISMUS | Für die Einreise ist ein Visum erforderlich. Eine Ruhengeri
Gelbfieberimpfung ist Pflicht, Malariarisiko besteht ganzjährig im
Gisenyi Akagera-N.P.
ganzen Land.
Der Tourismus spielt nur eine untergeordnete Rolle im Land. Hotels,
Lodges und einfache Unterkünfte sind vorhanden. Eine Besonder- Kiwusee Kinunu
heit sind die Berggorillas, die unter bestimmten Auflagen an den TANSANIA
Hängen der Virunga-Vulkane besucht werden können. Kibuye Bumba Kigali
Die Bevölkerung ist eher konservativ eingestellt, man sollte sich
bedeckt kleiden. Aussereheliche Beziehungen werden mit harten
Gefängnisstrafen und die Benützung von Plastiksäcken mit einer Nyungwe-
Busse bestraft. Wald
SICHERHEIT | Das EDA schätzt die politische Lage als relativ stabil
Butare
ein. Es gibt Risiken zu spezifischen Regionen (è www.eda.admin.ch BURUNDI
→ Ruanda). Kleinkriminalität kann vorkommen, Gewaltkriminalität ist
jedoch selten.
57Kiwusee. Er liegt im ostafrikanischen Grabenbruch. Mit
«Good Morning!» hervor, sporadisch auch zunehmender Tiefe steigen Wassertemperatur und Salzgehalt. erreichen wir schliesslich mit letztem Ef-
«How are you?» und selten «Give money!». fort das Dorf – und sind trotzdem noch
Rastplätze wählen wir bald nicht mehr nicht am Ziel. Ein junger Mann ruft und
nach der Schönheit der Aussicht, sondern winkt, bedeutet uns mitzukommen, kann
danach, ob wir unbeobachtet sind. Meist aber weder Französisch noch Englisch,
werden wir aber nach kurzer Zeit entdeckt: und was noch schlimmer ist: Er treibt uns
Dann stehen die Kinder um uns herum weiter den Berg hoch. Nach einer letzten
und schauen uns zu. Sie sagen nichts, aber Strapaze erreichen wir endlich die Unter-
sie schauen. Aus etwa einem halben Meter kunft, fallen auf die vorhandenen Plastik-
Distanz. Keine Reaktion auf unsere spassi- stühle und überlassen alles andere Earnest.
gen Bemerkungen, die zur Auflockerung
gedacht sind. Man scheint nicht so recht Gute Seele. Earnest springt, sprintet und
zu wissen, was man mit diesen Wesen, die hüpft. Er bringt Getränke heran, er küm-
aus einer anderen Welt kommen, anfangen mert sich um die Räder, er schaut für un-
soll. Vereinzelt rasten wir auch in Dörfern sere Zimmer. Earnest ist ein Geschenk
– dann kommt der Alltag zum Erliegen, alles Gottes. Die Unterkunft ist bescheiden.
steht schweigend um uns herum und starrt Duschen gibt es keine, dafür schleppt er
uns an, während wir Cola trinken und Pannentag. Die drei Freunde bekommen langsam Übung im einen Kanister mit warmem Wasser her-
Nüsse essen. Eine sehr seltsame Erfahrung. Schlauchflicken und Reifenwechseln. Rechts Autor Ben. bei. Das geht auch. Anschliessend legen
Trotzdem: Der erste Tag endet in einer wir uns kurz hin, geniessen später die
Lodge, deren einfache Schönheit nur noch von ihrem Namen übertrof- Aussicht und unterhalten uns mit unserem Gastgeber über seine Pro-
fen wird: «Kinunu Coffee Washing Station». Im Garten stehen Mango-, jekte. Nebst der Herberge sind da eine Bäckerei, eine Schule und eine
Limetten- und Avocadobäume, an einem Hang ist die Kaffeewaschan- Bibliothek. Sie alle sollen den Leuten zu einem etwas besseren Leben
lage aufgebaut, und als es einzunachten beginnt, dringt vom See her der verhelfen.
Gesang der Fischer herauf. Ein Moment afrikanischer Idylle. Hungrig wie ich bin, interessiert mich die Bäckerei am meisten, und
Am nächsten Morgen flicken wir nach 200 Metern schon den ersten so bietet Earnest an, sie mir zu zeigen. Nach einem kurzen Spaziergang
Platten – und das ist unser kleinstes Problem. Den Vormittag über schlän- treffen wir auf gut gelaunte Brote und herrlich duftende Frauen. Mit dem
gelt sich der Weg noch über traumhafte Trampelpfade. Die Abfahrten sind Einkommen aus dem Brotverkauf können die Damen etwas für ihre Fa-
grossartig. Die Stimmung ist ausgelassen, und allzu weit kann es nicht mehr milien tun und gerade jetzt noch wichtiger: Sie machen mich ungeheuer
sein. Um die Mittagszeit befinden wir uns auf der Höhe des Sees. Die Sonne glücklich. Und satt, aber das ist ja bekanntlich dasselbe.
brennt heiss, wir flicken wieder mal einen Schlauch und fragen herum, wie Zum Abendessen tischt Earnest ein grosses Buffet mit allerhand Spe-
weit es bis Bumba noch ist. Etwa anderthalb Stunden, heisst es. zialitäten auf sowie aus der Bäckerei die herrlichste Pizza, die ich je ge-
Das Fahren wird schwerer und schwerer. Die Sonne brennt nun bru- gessen habe. Zwar hat der Teig wenig mit Pizzateig zu tun, und der Belag
tal, die Luft ist staubig-trocken, und noch immer liegt Bumba weit über hat keinen Käse. Trotzdem kann ich nur wiederholen, was ich gerade
uns in den Hügeln. Der Aufstieg ist höllisch. Überhitzt und ausgepumpt gesagt habe: Die Pizza in Bumba ist die Pizza meines Lebens.
58 GLOBETROTTER-MAGAZIN WINTER 2018OSTAFRIKA
ist sie dann teilweise gleichzeitig damit beschäftigt,
ihr Kind zu stillen und sich zu übergeben. Aber
sie muss hin, wo sie hinmuss. Wir blicken stumm
aus den Fenstern, und Philipp reicht ihr seine
Wasserflasche. Nach knapp zwei Stunden hat sie
ihr Ziel erreicht, und etwas später kommen auch
wir an der Abzweigung an, wo wir aussteigen müs-
sen.
Dort stehen zwei Dutzend Mototaxis. Wir ver-
handeln den Preis, schwingen uns hinten auf die
Maschinen und lassen uns die etwa 25 Kilometer
hinauf in den Urwald chauffieren. Der Nyungwe-
Wald ist das letzte grosse Waldgebiet Ruandas. Wir
befinden uns auf etwa 2000 Metern über Meer in
dem Gebiet, in welchem 70 Prozent der Regenfälle
des Landes niedergehen. Wir beziehen ein grosses
Zelt und freuen uns ganz einfach, hier zu sein. Die
Aussicht zeigt Grün, Grün und Grün, und wir las-
sen uns fürs Abendessen bekochen, da ein Affe
gerade unser köstliches Brot geklaut hat.
Anderntags begrüsst uns Jean-Marie zur Wan-
derung. Er ist ein Strichmännchen in Uniform,
wirkt, als ob er noch keine 20 Jahre alt wäre, und
Wertvoller Drahtesel. Nur wenige Einheimische können sich ein Motorrad oder gar ein Auto leisten. drückt jedem einen Wanderstock in die Hand.
Deshalb trifft man unterwegs vor allem Fussgänger und Fahrradfahrer. Dann geht es los durch den Dschungel. Jean-Ma-
rie erklärt verschiedenste Pflanzen und zeigt uns
Kiwusee. Der dritte Radeltag entpuppt sich als einfach: Unweit von Ear- bald schon in einiger Distanz die ersten Affen. Wir sehen an dem Tag
nests Haus wird eine Strasse in die Hügel geschnitten. Zwar ist noch al- drei verschiedene Arten. Was mich aber am meisten beeindruckt, ist die
les eine kilometerlange Baustelle, voll von Arbeitern, Maschinen und Abwesenheit der Waldelefanten. Diese wären in dem steilen Terrain hei-
chinesischen Lastwagen. Dennoch wird die Route schon fleissig benutzt, misch, wurden aber von Wilderern ausgerottet, und das hinterlässt Spu-
und so rollen wir gemächlich in Richtung Kibuye. ren in der Landschaft. Wo Bäume fallen und sich Lichtungen auftun,
Dort treffen wir Jakob wieder. Wir berichten von unseren Reiseer- wuchert rasch ein dichtes Strauchwerk. Die Elefanten waren in der Ver-
lebnissen, vom Begafftwerden in den Dörfern, und Jakob meint schmun- gangenheit diejenigen, die das Kraut im Zaum hielten, nun bedeckt es
zelnd: «Das ist der ‹Rwandan Stare›. Die Leute da draussen haben nichts, schon ganze Hänge.
und ihr seid das Einzige, was da den ganzen Tag über passiert.» Wir wandern an Mahagonibäumen vorbei, durch Farnwälder und
Kibuye ist nicht besonders gross, verteilt sich aber sehr weitläufig unter Urwaldriesen und Lianen hindurch. Eigentlich müsste sich das
entlang der zerklüfteten Küste des Kiwusees. Autotaxis gibt es hier keine, spektakulär anfühlen, aber letztlich ist es ziemlich banal – wir spazieren
also schwingen wir uns auf Mototaxis und brausen auf den Rücksitzen durch einen Wald. Sechs Stunden später sind wir zurück am Start.
der Scooter durch die Hügel. Ich bin bei solchen Dingen sehr ängstlich,
was immerhin den Vorteil hat, dass ich mich nach jeder Fahrt fühle, als Im Süden. Am nächsten Tag bringt uns ein Bus nach Butare, das uns
hätte ich gerade ein mittleres Ungeheuer besiegt. Am Hafen lassen wir der Reiseführer als «liberale Studentenstadt» anpreist. Hier sehen wir
uns von einem Boot zur «Ile Napoléon» hinausfahren, einer Insel, die tatsächlich das erste und einzige Pärchen unserer Reise, das Händchen
aussieht wie ein Dreieckshut. Dort klettern wir zwischen Sträuchern und hält. Ansonsten sieht man bloss Männer und Männer oder Frauen und
Bäumen hinauf und stehen plötzlich am Rand einer Kolonie Hunderter Frauen Hand in Hand – natürlich in rein freundschaftlicher Manier. Vom
Flughunde. Der Bootsfahrer klatscht in die Hände, und schon ist die Luft Studentengroove ist in Butare allerdings wenig zu spüren, es sind Semes-
geschwärzt von Schwärmen kreischender, fledermausartiger Tiere. terferien. Und so klappern wir die wenigen Sehenswürdigkeiten ab, ver-
suchen, mit Velotaxis von A nach B zu kommen, und landen in Q, weil
Waldspaziergang. Weiter gehts mit dem Bus in Richtung Süden. Eine wir uns mit dem Fahrer nicht verständigen können. Wir bedanken uns
besondere Fahrt, vor allem wegen der jungen Frau neben Philipp. Sie mit freundlichen Gesten, zücken das Handy mit der handlichen GPS-
hat ein Kleinkind auf dem Arm und einen Plastikkessel in der anderen Map und gehen zu Fuss.
Hand. In diesen übergibt sie sich bereits kurz nach dem Start. Unterwegs Eine rumplige Busfahrt später sind wir zurück in Kigali und sitzen
bei Roman und Nancy auf der Veranda. Die einen servieren Geschich-
ten, die anderen die Getränke dazu, und so plätschert der Tag in die
Dämmerung und die Dämmerung in die Nacht.
Gemeinsam verschlendern wir unsere letzten Tage in Kigali. Dann
GENOZID IN RUANDA müssen wir uns verabschieden. Roman und Nancy bringen uns noch
zum Flughafen, und kurz darauf sind wir schon in der Luft.
Beim Völkermord von 1994 wurden zwischen 500 000 und eine Million
Menschen getötet. Täter gehörten zur Mehrheit der Hutu, Opfer waren
Nachtrag. Es dauert, bis mich Ruanda wieder loslässt. Nebst enorm vie-
Mitglieder der Minderheit der Tutsi sowie moderate Hutu. Die Wurzeln
© Globetrotter Club, Bern
len Eindrücken habe ich mir noch einen Käfer eingefangen, der meine
des Verbrechens reichen bis in die Kolonialzeit und noch weiter zurück.
Verdauung einen weiteren Monat beschäftigt. Während dieser Auszeit
Besonders belastend ist, dass das Verbrechen mit grosser Wahrschein-
geht mir Earnest durch den Kopf. Ich möchte ihn unterstützen. Im In-
lichkeit hätte verhindert werden können, wenn die UNO richtig reagiert
ternet sind seine verschiedenen Projekte vermerkt, darunter ein einziger
hätte. Das Genozid-Museum in Kigali dokumentiert die Geschehnisse
Sponsor: die «Schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusam-
eindrücklich und sensibel und stellt sie auch in einen historischen und
menarbeit» – bei meiner nächsten Steuererklärung runde ich auf.
internationalen Kontext. Ein schwerer Besuch, aber ein wichtiger.
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