Berliner Ärzt:innen - Stadt, Land, Medizin: Haben Großstädter:innen andere Bedarfe?
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Berliner
MITGLIEDERZEITSCHRIFT
ÄRZTEKAMMER BERLIN
AUSGABE 11 / 2021
Ärzt:innen
Stadt, Land, Medizin:
Haben Großstädter:innen
andere Bedarfe?BERLINER ÄRZT:INNEN
EDITORIAL AUSGABE 11 / 2021
Liebe
Kolleginnen und Kollegen,
Deutschland hat vor allem die erste Welle der Corona-Pandemie gut bewältigt.
Mit einer hohen Versorgungskapazität hat sich das deutsche Gesundheitssystem
Dr. med. Klaus-Peter Spies bewährt: Viele Erkrankte wurden ambulant versorgt und die Kliniken konnten sich
ist Facharzt für Innere Medizin auf die schwer Erkrankten konzentrieren. Weshalb dann eine Diskussion über eine
und Mitglied des Vorstandes
Veränderung der Versorgung? Es ist offenkundig, dass wir in Zukunft einen Arzt-
der Ärztekammer Berlin.
Foto: Kathleen Friedrich mangel bekommen werden. Auch wenn über die Jahre die Zahl der Ärzt:innen
gestiegen ist, manifestiert sich der gesellschaftliche Wandel auch in der Medizin.
Ganz gleich, ob Frau oder Mann: Viele Ärzt:innen sind nicht mehr bereit, mehr als
50 Stunden in der Woche zu arbeiten. Die Teilzeitarbeit nimmt zu. So haben wir zwar
mehr Mediziner:innen, aber gleichzeitig einen stetigen Rückgang an Arztstunden.
Vielfach gibt es bereits Programme zur Förderung der Landärzt:innen und nun
gibt es auch einen Ruf nach einem „Stadtarzt“. In beiden Fällen handelt es sich
für mich um ein anderes Wort für „Hausarzt“. Der Rückgang der hausärztlichen
Versorgung durch Allgemeinmediziner:innen und hausärztliche Internist:innen
hat auch Berlin erreicht. In den kommenden fünf Jahren wird etwa ein Drittel der
hausärztlich tätigen Ärzt:innen das Rentenalter erreichen. Die Initiative der Kassen-
ärztlichen Vereinigung Berlin zur Verbesserung der hausärztlichen Versorgung in
drei Bezirken ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Positiv ist, dass in diesem
Programm anfangs angestellte Kolleg:innen diese Praxen später übernehmen kön-
nen. Es zeigt aber auch, dass die Gegebenheiten Ärzt:innen eher abschrecken. Viele
zögern, nach der Ausbildung in die Patientenversorgung oder gar in die Selbst-
ständigkeit zu gehen und das damit verbundene unternehmerische Risiko ein-
zugehen. Die zunehmende Bürokratie tut ihr Übriges, zum Beispiel das Vorhaben,
kostenneutral zusätzliche Strukturänderungen wie verschärfte Hygieneregeln oder
die Digitalisierung im Gesundheitswesen einzuführen. So wird auch die fachärztliche
Versorgung leiden!
Zudem haben wir einen von der Politik kaum bemerkten Notstand im Bereich
der Medizinischen Fachangestellten (MFA). Auch hier besteht ein Missverhältnis
zwischen Arbeitsleistung und adäquater Honorierung. Während im stationären
Bereich inzwischen Gegenmaßnahmen eingeleitet wurden, sind die Forderungen
aus der Ärzteschaft zugunsten der MFA nicht gehört worden.
Es wäre allerdings falsch, den Sicherstellungsauftrag infrage zu stellen. Sollte dieser
aufgegeben werden, erwarte ich eine Kommerzialisierung auch im ambulanten
Bereich, wie wir das bereits seit einigen Jahren in Teilen des stationären Bereichs
kritisieren. Es wird Zeit, dass sich die Vertreter:innen der stationären und am-
bulanten Medizin zusammenfinden und gemeinsam ein Konzept entwickeln, um
die Sektorengrenzen zu überwinden. Ziel muss es sein, gemeinsam freie Ressour-
cen zu finden, dies aber auch mit einer Stimme gegenüber den Leistungsträgern
zu vertreten.
Ihr
3Inhalt
EDITORIAL AUS DER KAMMER
Begrüßung von Klaus-Peter Spies 3 „Probleme da lösen, wo sie herkommen!“ 28
Eindrücke von der Verabschiedung
von Günther Jonitz
KURZ NOTIERT
3 Fragen an 29
Aktuelles / Nachrichten 6 Günther Jonitz
Weichenstellungen 30
AUS DER KAMMER für die Berliner Ärzt:innenschaft
Bericht von der Delegiertenversammlung
Weiterbildung 20 am 22. September 2021
Gute Weiterbildung und digitale Pinnwände Von Ole Eggert
Bericht vom Treffen der Assistentensprecherinnen
und -sprecher am 4. Oktober 2021 Versorgungsabgaben, Kapitalanlageergebnis 32
Von Iris Hilgemeier und Versorgungsleistungen steigen weiter
Bericht von der Vertreterversammlung
Veranstaltungen der Weiterbildung 21 am 30. September 2021
Von Michaela Thiele
Medizinische Fachangestellte 22
Informationen zur Ausbildung
und Weiterqualifizierung POLITIK & PRAXIS
Ärztliche Fortbildungen 24 CIRS Berlin: Der aktuelle Fall 34
Veranstaltungskalender Fehlende Anwesenheit einer Ärztin oder
der Ärztekammer Berlin eines Arztes im Aufwachraum
Neue Schnittstelle 27 127.000 Menschen sterben in Deutschland an 35
für den Fortbildungsnachweis den Folgen ihres Tabakkonsums
Leser:innenbriefe 36
Personalien 37
Zum Gedenken an Sigrid Kemmerling
Die fotografische Begleitung des Titelthemas
Im aktuellen Titelthema wird gefragt, ob bei der medizini- KULTUR & GESCHICHTE
schen Primärversorgung von Großstädter:innen spezielle
Bedarfe eine Rolle spielen. Dazu hat OSTKREUZ-Fotograf Virchow-Jahr 2021 38
Heinrich Holtgreve das Team der Hausarztpraxis Friedrichs- Virchow und die Rassenkunde
felde begleitet und dessen Arbeitsalltag dokumentiert. Von Philipp Osten
Titelbild
Allgemeinärztin Dipl.-Med. Kerstin Groß auf dem Weg zu Impressum 40
einem Hausbesuch im Berliner Ortsteil Friedrichsfelde-Ost.
4BERLINER ÄRZT:INNEN
AUSGABE 11 / 2021
IM FOKUS
Stadt, Land, Medizin: 10
Haben Großstädter:innen andere Bedarfe?
Die Allgemeinmedizin und auch die hausärztliche
Versorgung werden häufig mit der Tätigkeit als Land
ärztin der Landarzt assoziiert. Allerdings leben in
Deutschland die meisten Menschen in der Stadt –
mit zunehmender Tendenz. Daraus ergeben sich
spezielle Herausforderungen für deren medizinische
Versorgung.
Von Julia Frisch und Wolfram Herrmann
Dipl.-Med. Juliane Schöne
ist eine von vier Ärzt:innen
der Hausarztpraxis Fried-
richsfelde.
5KURZ NOTIERT
Leitungswechsel und neue Strukturen
Informationen über Veränderungen bei
Aus Berliner Krankenhäusern Leitungspositionen und Abteilungsstruk
turen in Ihrem Hause senden Sie bitte an:
wurden uns folgende Änderungen T 030 408 06-36 36
gemeldet: E redaktion@aekb.de
Vivantes Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum Medizinische
Klinikum Neukölln und Wenckebach-Klinikum Hochschule Brandenburg
Ab Januar 2022 wird Thomas Wüstner Seit 1. September 2021 ist Stephan Prof. Dr. med. Joachim Wachtlin,
neuer Geschäftsführender Direktor Schenk neuer Pflegedirektor im Vivan- Chefarzt der Augenheilkunde des
des Vivantes Klinikum Neukölln. Er tes Auguste-Viktoria-Klinikum und Sankt Gertrauden-Krankenhauses,
folgt auf Detlev Corsepius, der die Wenckebach-Klinikum. Er folgt auf ist aufgrund besonderer Verdienste
Interimsleitung übernommen hatte. Sabrina Kurowski, die Vivantes in in Wissenschaft, Lehre und Forschung
Wüstner war zuletzt und seit 2014 Richtung Charité verlassen hat. Ste- zum außerplanmäßigen Professor für
Geschäftsführer des gemeinnützigen phan Schenk ist gelernter Gesundheits- Augenheilkunde an der Medizinischen
Krankenhaus St. Elisabeth und St. Bar- und Krankenpfleger mit Erfahrung in Hochschule Brandenburg ernannt
bara Halle (Saale) und der MVZ Elisa- Intensiv-, Notfallpflege und Dialyse. worden. Nach seiner Promotion 1994
beth Ambulant gGmbH, die Teil des Er übernahm bereits vor seinem Stu- sowie Habilitation ist Wachtlin seit
Elisabeth Vinzenz Verbundes sind. dium der Betriebswirtschaft für Ge- 2007 am Sankt Gertrauden-Kranken-
Von 1999 bis 2002 hat Wüstner in sundheits- und Sozialeinrichtungen haus tätig. Bereits seit 2018 lehrt er
Bautzen Betriebswirtschaft mit dem in Witten/Herdecke und an der Tech- an der Medizinischen Hochschule
Schwerpunkt öffentliche Wirtschaft nischen Universität Kaiserslautern die Brandenburg. Sein wissenschaft-
studiert. Zwischen 2002 und 2011 war erste leitende Funktion in der Pflege. licher Schwerpunkt umfasst die
er an verschiedenen Standorten für In seiner letzten Position war er als Diagnostik und konservative sowie
die HELIOS Kliniken GmbH und die leitender Pflegedirektor der AMEOS mikrochirurgische Therapie von
Rhön-Klinikum AG als Geschäftsführer Klinika Oberhausen an drei Stand- Makula-, Netzhaut- und Glaskörper-
tätig. ∕ orten tätig. ∕ erkrankungen. ∕
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6BERLINER ÄRZT:INNEN
AUSGABE 11 / 2021
Social Media Intervention
Instagram und Twitter Arzt SUCHT Hilfe – Das Interventionspro-
Suchtproblematik gramm der Ärztekammer
Kennen Sie schon die Social-Media-Kanäle der Berlin berät und begleitet
Ärztekammer Berlin? ∕
bei Ärztinnen und Ärztinnen und Ärzte mit
Ärzten problematischem Subs-
→ www.instagram.com/aekberlin tanzkonsum professionell
→ www.twitter.com/aekberlin Suchen Sie Hilfe, und kollegial. Suchen Sie
Hilfe, Beratung, Unter-
Beratung, stützung? Nutzen Sie die
Unterstützung? Möglichkeit, um mit uns in
Kontakt zu kommen:
E kontakt-suchtpro-
gramm@aekb.de
Weitere Informationen
finden Sie auf der Website
→ www.aekb.de/sucht-
intervention
Foto: Ina Schoenenburg, OSTKREUZ / Ärztekammer Berlin
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7KURZ NOTIERT
Akademische Gedenkfeier für
Prof. Dr. med. Harald Mau
„Was ein Mensch an
Gutem in die Welt
hinausgibt, geht nicht
verloren.“ (Albert Schweitzer)
Am 24. September 2021 fand aufgrund der COVID-19-Pan-
demie mit einem Jahr Verschiebung die akademische Trauer- Foto: Dr. med. Susanne von der Heydt
feier für Prof. Dr. med. Harald Mau im Albrecht Kossel-Hörsaal
der Charité – Universitätsmedizin Berlin statt. Der ehemalige
Universitätsprofessor, Dekan und langjährige Leiter der
Klinik für Kinderchirurgie der Charité war am 4. September Dr. med. Petra Degenhardt erinnerte an Harald Mau als Chef,
2020 verstorben. als verantwortungsvollen Weiterbildenden in seiner kinder-
chirurgischen Abteilung, als Lehrer im OP und am Krankenbett
Zusammengekommen waren der jetzige und der vorherige der vielen kleinen Patient:innen, aber auch als menschliches
Vorstand der Charité, die Familie mit Freund:innen und Weg- Vorbild, dem nichts wichtiger war als die interdisziplinäre,
gefährt:innen, aber auch zahlreiche Kinderchirurg:innen, die zugewandte Versorgung der Kleinsten. Sie zitierte Elie Wiesel:
über ganz Deutschland verteilt sind, von Harald Mau gelernt „Ohne Erinnerung gibt es keine Kultur. Ohne Erinnerung gäbe
haben und bis heute von ihm geprägt wurden. es keine Zivilisation, keine Gesellschaft, keine Zukunft.“
Prof. Dr. Dres. h.c. Manfred Erhardt und Prof. Dr. med. Karl Begleitet wurde die Gedenkfeier durch Klavierstücke von
Max Einhäupl erinnerten an die Charité im Wandel der Zeit William Byrd, Johann Sebastian Bach und Fred Hersch. Sie
und an die Geschehnisse während der Vereinigung von Ost erzeugten einen großartigen Klang im Albrecht Kossel-Hör-
und West.“ Sie beschrieben die Hürden, die Harald Mau saal und nahmen die Anwesenden mit auf eine wertvolle Er-
nahm, und seine moderierende Haltung, aber auch seine innerungsreise an die gemeinsame Zeit und an unvergess-
zuweilen klaren Positionen. Beide Professoren verliehen liche Erlebnisse mit Harald Mau. ∕
ihrer Überzeugung Ausdruck, dass es ohne Harald Mau die
Charité, wie sie heute dasteht, wahrscheinlich nicht mehr
geben würde. Dr. med. Susanne von der Heydt
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Mitmachen beim Doc‘s Arts
Nachdem das weltweit erste Musik- und Kulturfestival für
Ärzt:innen und Angehörige medizinischer Berufe corona-
bedingt mehrfach verschoben wurde, findet es nun vom
16. bis 19. Juni 2022 in Goslar statt.
Sie sind Mediziner:in oder im medizinischen Bereich tätig
und musizieren gern? Dann melden Sie sich an. Nähere
Informationen zum Programm und zur Anmeldung finden
Interessierte online unter → www.docs-arts.de.
Doc’s Arts ist ein teilnehmerfinanziertes, nicht gewinn-
orientiertes Festival.
8BERLINER ÄRZT:INNEN
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AUSGABE 11 / 2021
Sagen Sie uns Ihre Meinung zu den Artikeln in „Berliner
Ärzt:innen“. Was gefällt Ihnen, was nicht und vor allem,
welche Themen fehlen Ihnen?
Schreiben Sie uns: E redaktion@aekb.de
Spendenaufruf
Ärztinnen und Ärzte helfen
Ärztinnen und Ärzten in Not
Die Hartmannbund-Stiftung „Ärzte helfen Ärzten“
unterstützt Arztfamilien* in schwierigen Lebenslagen
und stellt damit ein einmaliges Hilfswerk innerhalb
der Ärzt:innenschaft dar.
Wir helfen:
→ Kindern in Not geratener Ärztinnen und Ärzte
→ Halbwaisen und Waisen aus Arztfamilien
→ Ärztinnen und Ärzte in besonders schweren
Lebenslagen
Wir bieten:
→ Kollegiale Solidarität
→ Finanzielle Unterstützung für Schul- und
Studienausbildung
→ Förderung berufsrelevanter Fortbildungen
→ Schnelle und unbürokratische Hilfe
Helfen Sie mit, diese unverzichtbare Hilfe auf-
recht zu erhalten!
Unterstützen Sie mit Ihrer Spende Kolleginnen
und Kollegen in Not. Vielen Dank!
Spendenkonto:
Deutsche Apotheker- und Ärztebank eG
Düsseldorf
IBAN DE88 3006 0601 0001 4869 42
BIC DAAEDEDDXXX
Online-Spende:
*Satzungsgemäß unterstützt die
Stiftung in Not geratene Ärztinnen
und Ärzte der Human-, Zahn- und
Tiermedizin.
9IM FOKUS
Stadt, Land,
Medizin: Haben
Großstädter:innen
andere Bedarfe?
Die Allgemeinmedizin
und auch die hausärzt
liche Versorgung werden
häufig mit der Tätigkeit
als Landärztin oder Land-
arzt assoziiert. Allerdings
leben in Deutschland die
meisten Menschen in der
Stadt. Daraus ergeben
sich spezielle Herausfor
derungen für deren medi
zinische Versorgung.
Text:
Julia Frisch und
Prof. Dr. med. Wolfram Herrmann
Fotos:
Heinrich Holtgreve,
OSTKREUZ / Ärztekammer Berlin
10BERLINER ÄRZT:INNEN
AUSGABE 11 / 2021
Prof. Dr. med. Wolfram Herrmann hat anhand dreier zentraler
Eigenschaften von Städten ein Rahmenkonzept zur urbanen Social Prescribing
Primärversorgung entwickelt. „Kiezmedizin“ nennt der Pro-
fessor für Allgemeinmedizin mit Schwerpunkt Versorgungs- ist ein Interventionsansatz, bei dem Patientinnen und
forschung am Institut für Allgemeinmedizin der Charité – Patienten von den in der Primärversorgung tätigen Be-
Universitätsmedizin Berlin das, was ihm als „urbane Primär- rufsgruppen in Hinblick auf ihre nichtmedizinischen (ins-
versorgung“ in Berlin vorschwebt. Kern der Primärversor- besondere sozialen, emotionalen oder alltäglichen/all-
gung ist dabei die wohnortnahe allgemeinmedizinische tagspraktischen) Bedürfnisse an passende Unterstützungs-
Versorgung. Das bedeutet seiner Ansicht nach nicht nur, angebote vor Ort vermittelt werden.2
dass die Bedarfsplanung noch viel kleinräumiger als bisher
alle Stadtteile Berlins auf Über- und Unterversorgung hin
abklopfen müsste. Vielmehr müssten auch die Ärzt:innen
noch mehr als bisher den familiären, sozialen und ökonomi-
schen Hintergrund ihrer Patient:innen beachten und, wenn ergeben sich für Hausärzt:innen einerseits größere Auf-
nötig, diese an entsprechende Hilfseinrichtungen oder Ämter gaben in Koordination und Quartärprävention [15], an
überweisen. „Social Prescribing“ heißt das Konzept, das dererseits besteht die Gefahr der Marginalisierung haus-
sich Herrmann gut für Berlin vorstellen könnte. ärztlicher Tätigkeit inmitten eines Überangebotes von
Spezialist:innen aller Art.
Insgesamt, so Herrmann, ergeben sich in der Stadt spezielle
Herausforderungen an die allgemeinmedizinische Versor- Die Fragmentierung zeigt sich auch in der Zusammenarbeit
gung – aufgrund der höheren Bevölkerungsdichte, der grö- zwischen Public Health und Primärversorgung. In Deutsch-
ßeren Heterogenität der Bevölkerung und der besonders land sind der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) und die
fragmentierten gesundheitlichen und sozialen Versorgung. Primärversorgung streng getrennt [16]. Aufgrund des demo-
Welche Auswirkungen besonders die Fragmentierung und grafischen Wandels und der Veränderung der Morbiditäts-
der bunte Mix an sozialen Schichten, Kulturen und Lebens- muster hin zu nicht-übertragbaren Erkrankungen empfiehlt
weisen aus seiner Sicht haben, erklärt er anhand des Rahmen- die World Health Organization (WHO) schon lange, die bei-
konzepts, das sich gerade in der Veröffentlichung befindet den Bereiche mehr zu vernetzen. Unterstützt wird die WHO
und die wissenschaftliche Basis für diesen Beitrag liefert.1 von den Autor:innen von „Primary Care and Public Health:
Exploring Integration to Improve Population Health“3, die
Fragmentierte Versorgung in der Stadt sich dafür aussprechen, Mitarbeitende auf lokaler Ebene
Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass vor allem sowie Ressourcen und Daten zu verbinden, gemeinsame
ländliche Bereiche Versorgungsprobleme mit einem be- Forschungs- und Lernnetzwerke zu bilden und im Bereich
grenzten Angebot an Hausärzt:innen haben, ist auf ganz der Aus- und Weiterbildung zusammenzuarbeiten. Dies ist
Deutschland bezogen die Quote der Hausärzt:innen pro bisher in Deutschland nicht umgesetzt.
Einwohner:innen in städtischen Regionen sogar etwas niedri-
ger als in ländlichen Regionen. Vor allem in sozial benach- Heterogenere Bevölkerung in der Stadt
teiligten Gebieten existiert in Städten häufig eine hausärzt- Als zweiten wichtigen Einflussfaktor nennt Herrmann die
liche Unterversorgung. Beispielhaft hierfür ist der Planungs- städtische Bevölkerungsstruktur. „Die soziale Heterogenität
raum Klixstraße in Berlin-Reinickendorf: Die soziale Situa- der Bevölkerung ist ein Kernaspekt von Stadt“, konstatiert
tion ist problematisch. Hier leben 8.149 Menschen, darunter
1.334 ab 65 Jahren [11]. Aktuell gibt es in diesem Planungs-
raum keine Hausarztpraxis und auch keine Facharztpraxis,
sondern nur eine Zahnarztpraxis. Im Planungsraum Klix-
straße liegt also eindeutig eine Unterversorgung vor. 1 Das Rahmenkonzept soll im Originalien-Ergänzungsband III/2021
der MMW – Fortschritte der Medizin veröffentlicht werden, der der
Neben regionaler Fehlverteilung von Hausärzt:innen gibt MMW 21-22 am 16. Dezember 2021 beiliegen wird. Eine Übersicht
der Quellen erhalten Interessierte bei Prof. Dr. med. Wolfram
es im städtischen Bereich zudem eine Fehlverteilung von Herrmann: E wolfram.herrmann@charité.de.
Hausärzt:innen und Spezialist:innen: So stehen in der Kassen- 2 Polley, M., Fleming, J., Anfilogoff, T., Carpenter, A., Kimberlee,
ärztlichen Vereinigung Berlin (KV Berlin) 2.994 hausärztlich R., Bertotti, M., Dixon, M., Drinkwater, C., McGregor, A., Poole,
tätigen Ärzt:innen (einschließlich Kinder- und Jugendmedizin) J., Pilkington, K. and Wheatley, J. (2017) Making sense of social
prescribing. Social Prescribing Network, London. Available from:
auf 2.702 Sitzen 7.274 fachärztlich tätige Kolleg:innen (ein- → http://eprints.uwe.ac.uk/33145
schließlich Psychotherapeut:innen) auf 5.634 Sitzen gegen- 3 Primary Care and Public Health: Exploring Integration to Improve
über [13]. (…) Aufgrund dieses stark spezialisierten Angebots Population Health: → https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24851288
11IM FOKUS
er in dem Konzept und verweist unter anderem auf die in der Stadt größer ist als auf dem Land. Sie spüren häufig
unterschiedlichen Kulturen, die Mikrosozialstruktur und „Minority Stress“: Stress aufgrund des Erlebens als stig-
den sozioökonomischen Status der städtischen Bewoh- matisierte Minderheit [27]. Das Coming-out in der Haus-
ner:innen. Besondere Herausforderungen der allgemein- arztpraxis ist da noch ein zusätzlicher Stressfaktor [vgl. u.
medizinischen Versorgung von Menschen mit Migrations- a. 28]. Die Bedürfnisse von Transmenschen werden in der
hintergrund sind unter anderem die sprachliche Verstän- hausärztlichen Versorgung häufig nicht erfüllt [29] und
digung und die Vernachlässigung des soziokulturellen Hin- Intersexualität ist trotz der vergleichsweise großen Prävalenz
tergrundes der Patient:innen [21]. Laut Yuriy Nesterko und ein in der hausärztlichen Wissenschaft und Praxis igno-
Heide Glaesmer ist Sprachmittlung ist in Deutschland in riertes Thema.
der Primärversorgung kein Standard [22].
Heterogener als auf dem Land ist ebenfalls die Mikrosozial-
Ein weiterer Heterogenitätsaspekt sind sexuelle Orientierung struktur im urbanen Bereich: Haushalte sind kleiner, es gibt
und Geschlechtsidentität. Verlässliche Zahlen zur gesund- mehr Wohngemeinschaftsformen und Patchworkfamilien.
heitlichen Lage lesbischer, schwuler, bisexueller, Trans-, inter- So sind in Berlin laut dem Mikrozensus von 2018 mehr als
und asexueller Menschen (LGBTI) existieren laut Herrmann die Hälfte der Haushalte Einpersonenhaushalte. Damit leben
in Deutschland nicht. Allerdings ist anzunehmen, dass der 29,6 Prozent der Bevölkerung in einem Einpersonenhaushalt.
Anteil von LGBTI Menschen in der hausärztlichen Versorgung 29,3 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind alleinlebend
Kerstin Groß auf Hausbesuch bei einer Patientin, die die Hausärztin schon seit vielen Jahren betreut.
12BERLINER ÄRZT:INNEN
AUSGABE 11 / 2021
und alleinstehend ohne ledige Kinder; in der Bevölkerung ein zentraler Einflussfaktor auf Gesundheit und Krankheit.
ab 65 Jahren sind es sogar 42,3 Prozent. 3,8 Prozent der Den sozialen Problemen im städtischen Bereich stehen
Männer mit Kind(ern) unter 18 Jahren und 24 Prozent der gleichzeitig eine Vielzahl von sozialen Angeboten gegen-
Frauen mit Kind(ern) unter 18 Jahren sind alleinerziehend über, die die Hausärzt:innen jedoch häufig nicht mehr
[30]. (…) Dies bedeutet veränderte Anforderungen an eine überblicken können. Sozioökonomische Probleme sind
praktische Familienmedizin. Das soziale Umfeld muss bei demnach relevant für die tägliche Arbeit in der hausärzt-
der Anamnese mit berücksichtigt werden. Dafür, das ist lichen Primärversorgung in der Stadt. Allerdings existieren
Herrmann bewusst, benötigen die Kolleg:innen aber auch in Deutschland bisher kaum systematische Ansätze, wie
mehr Zeit. diese in der Hausarztpraxis adressiert werden können.
Heterogenität des sozioökonomischen Status in der Als dritten Einflussfaktor greift das Papier die Bevölke-
Stadt rungsdichte in der Stadt auf. Die – unabhängig vom sozialen
Die soziale Lage entscheidet unter anderem auch über die Status – mit einer höheren Mortalität assoziiert ist [40].
Lebenserwartung. Männer haben in Steglitz-Zehlendorf eine Gründe dafür sind unter anderem umweltbezogene Ge-
Lebenserwartung von 80 Jahren, während in Berlin-Mitte sundheitsprobleme [41] sowie eine höhere Kriminalitäts-
die Lebenserwartung von Männern mit 76,7 Jahren um rate [42]. Zudem spielt die Bevölkerungsdichte eine wich-
3,3 Jahre kürzer ist [35, 36]. Der sozioökonomische Status ist tige Rolle bei der Übertragung von Infektionskrankheiten.
„In der gesamten Zeit gab es noch keinen langweiligen Tag. Wer kann das schon von seinem Job sagen?“
In der Stadt prallen unterschiedliche Kulturen und Lebenskonzepte aufeinander. Das ist nicht zuletzt
für Ärzt:innen eine Herausforderung. Dipl.-Med. Kerstin Groß ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und
betreibt eine Hausarztpraxis in Berlin Lichtenberg. Im Interview mit Stella Hombach berichten sie und ihre
Kolleg:innen, was sie in ihrem Alltag erleben.
SH Über die Herausforderungen sich. Dem 80-jährigen Rentner mit
der ärztlichen Versorgung auf Herzinsuffizienz müssen Sie anders
dem Land wurde in den vergangenen begegnen als der alleinerziehenden
Jahren viel berichtet. Was für Probleme Mutter mit zwei Kindern. Anderer-
birgt die Großstadt? seits gibt es auch in unserem Stadt-
KG
Überalterung und Multimorbi- bezirk eine zunehmende Diversität
dität sind die ersten Dinge, die der Kulturkreise – häufig verbunden
mir für unseren Bezirk Lichtenberg ein- mit Sprachbarrieren, welche eine zu-
fallen. Der Mangel an Hausärzt:innen sätzliche Herausforderung für das Arzt-
wird immer mehr spürbar. Damit un- Patienten-Gespräch darstellen. Dies
terscheiden wir uns vermutlich gar erfordert patientenspezifische Heran-
nicht so sehr vom Land. Was in der gehensweisen.
SH Stella Hombach Stadt hinzukommt, sind die immer
Journalistin und freie Autorin unterschiedlicher werdenden Lebens- Was meinen Sie mit patientenspe-
Foto: privat
konzepte. Lichtenberg gehört in Berlin zifischen Herangehensweisen?
zwar zu den Außenbezirken, die Gentri- KG
Die älteren Patient:innen möch-
fizierung ist jedoch auch hier bereits ten in der Regel eine Ärztin oder
spürbar. einen Arzt, die oder der ihnen sagt, was
sie haben und was sie jetzt tun sollen.
Die Patient:innen werden also Jüngere bevorzugen hingegen ein Ge-
diverser. spräch auf Augenhöhe und wollen über
KG Dipl.-Med. Kerstin Groß KG
Genau. Diese „Buntheit“ ist ihre Behandlung mitentscheiden. Das
Fachärztin für Allgemeinmedizin natürlich spannend, sie bringt Bild des allwissenden Arztes hat in die-
Foto: Heinrich Holtgreve jedoch auch Herausforderungen mit ser Generation ausgedient. →
13IM FOKUS
KG Immer öfter müssen wir unsere ein Medikament, die andere muss sich
Patient:innen auch in Englisch eine Bandage besorgen und wieder je-
beraten. Persönlich bin ich da sehr mand anderes sollte seine Beschwer-
froh, dass ich mittlerweile mit so vielen den noch mal beim Facharzt abklären
tollen jungen Kollegen:innen zusam- lassen. Damit die Sprache in der Nach-
menarbeite. Ich spreche zwar Englisch. versorgung kein Hindernis wird, wäre
MB Maximiliane Bauer Den anderen Dreien fällt das jedoch eine Übersetzerin bzw. ein Übersetzer
Fachärztin für Allgemeinmedizin deutlich leichter. wichtig.
Foto: privat
MJ
Bei vielen Patient:innen kommen Eine Art Lotsin oder Lotse, die
wir allerdings mit Englisch oder oder der die Person durch das
Spanisch nicht weiter. Beispielsweise Gesundheitssystem navigiert.
gibt es große Communitys aus dem MJ
Das wäre toll – und wo wir schon
Nahen und Fernen Osten. Hier muss bei „wünsch Dir was“ sind, brau-
ich häufig Familienangehörige oder chen wir so eine Person ehrlich gesagt
MJ Dr. med. Malte Joswig Freund:innen der Patient:innen bitten nicht nur auf der sprachlichen, sondern
Arzt in Weiterbildung zum zu übersetzen. Aber auch die sind na- auch auf der sozialen Ebene. In der Arzt-
Facharzt für Allgemeinmedizin türlich keine professionellen Dolmet- praxis fangen wir derzeit tatsächlich
Foto: privat scher:innen und haben selbst oft noch viele politische Missstände auf, die mit
eine Sprachbarriere. Bei diesen Be- Gesundheit im Grunde nichts zu tun
suchen bleibt daher einiges vage und haben. Ich sage nur steigende Mieten.
ich bin mir oft unsicher, ob der Pa-
tient oder die Patientin meine Erklä- Das müssen Sie erklären.
rung versteht. Solche Gespräche dau- MJ
Die Beschwerden der Patient:in-
ern natürlich – und das, während auf nen haben oft soziale Ursachen:
der anderen Seite der Tür das Warte- verdichtete Arbeitszeiten, Angst, die
DK Daryna Kechur
Medizinstudentin zimmer immer voller wird. Da muss nächste Miete nicht mehr bezahlen zu
an der LMU München man lernen, die Ruhe zu bewahren. können oder auch der ständige Draht-
Foto: privat seilakt, Kinderbetreuung und Beruf in
MB
Zu der Sprache kommen mit- Einklang zu bringen. Manchmal kom-
unter auch unterschiedliche kul- men auch alle Probleme zusammen.
→ turelle Codes. In manchen Kulturen Der Stress, der dadurch entsteht,
stehen Bauchschmerzen mitunter schlägt sich irgendwann körperlich
MB
Meiner Ansicht nach betrifft dies nicht für Bauchschmerzen, sondern nieder.
auch nicht mehr nur die Art, wie beschreiben eine psychische Belastung,
Ärzt:innen und Patient:innen mitein- die der betroffenen Person „Magen- MB
In den vergangenen Jahren ha-
ander reden, sondern auch das Fach- schmerzen“ verursacht. Wenn man ben Somatisierungen meinem
arztwissen selbst. Wie Frau Groß mein- das weiß, ist es sinnvoll, direkt nach Empfinden nach stark zugenommen.
te, werden unsere Patient:innen und möglichen seelischen Problemen zu
damit auch die Beschwerden immer fragen. KG
Das Gefühl habe ich auch. Gene-
diverser. Mit häufigen Erkrankungen rell sind diese Probleme jedoch
wie etwa Bluthochdruck, Diabetes und MJ
Gut wäre an dieser Stelle eine nichts Neues. Ich betreibe diese Praxis
Arthrosen kenne ich mich natürlich Dolmetscherin oder ein Dolmet- seit nunmehr 26 Jahren. Nach der Wen-
aus; was die Nebenwirkungen der neu- scher, die oder der sich mit der jewei- de 1990 verloren viele Menschen in un-
esten Drogen angeht, muss ich mich ligen Kultur auskennt, das Gespräch serem Stadtbezirk ihre Arbeit. Lebens-
jedoch belesen. übersetzt und den Termin gegebenen- läufe wurden infrage gestellt. Dies
falls nachbereitet. führte zu vergleichbaren Herausfor-
Wie gehen Sie damit um? derungen an unsere Arbeit, wie von
MB
Ich spreche das offen an, ver- Was meinen Sie mit Frau Bauer und Herrn Joswig darge-
weise gegebenenfalls an eine „Nachbereiten“? stellt. Die Pandemie sowie die damit
Kollegin bzw. einen Kollegen oder MJ
Mit dem Arztbesuch ist der verbundenen Belastungen scheinen
recherchiere selbst und informiere oder die Erkrankte ja meist heute erneut die psychischen Symp-
meinen Patienten im Nachhinein. nicht geheilt. Der eine braucht danach tome ansteigen zu lassen.
14BERLINER ÄRZT:INNEN
AUSGABE 11 / 2021
Was können Sie als Ärzt:innen hier oder die Patientin beim Herrichten der die Zusammenarbeit mit anderen
tun? Medikamentenbox oder bei der Ein- Kolleg:innen tatsächlich eine unheim-
MJ
Wir können eigentlich nur das nahme der Medikamente Hilfe benö- liche Bereicherung. Wir können uns
Symptom behandeln. Auf die tigt. Natürlich könnten die Betroffenen gegenseitig entlasten und untereinan-
48-Stunden-Woche oder mangelnde ihre Arzneien auch in der Apotheke der beraten. Auf dem Land sind viele
Kitabetreuung haben wir ja keinen durchchecken lassen, die meisten Ärzt:innen noch als Einzelkämpfer:innen
Einfluss. Mitunter hilft auch eine Krank- wissen das nur nicht. unterwegs. Das stelle ich mir äußerst
schreibung. So lassen sich einzelne anstrengend vor.
Stressoren zumindest kurzfristig aus- MB
Schwierig ist momentan auch die
schalten und die Person kann sich kör- Überlastung der Berufsgruppen, Was motiviert Sie, den Job jeden Tag
perlich und psychisch etwas erholen. mit denen wir eng zusammenarbeiten, immer wieder auf Neue zu machen?
wie Physiotherapieeinrichtungen oder MB
Wir haben jetzt natürlich vor
KG
Ich versuche in erster Linie mei- Pflegedienste. Vor Kurzem hatte ich allem über die Schwierigkeiten
nen Patient:innen zunächst zu- eine Patientin mit starken Wasserein- geredet. Neben all den Problemen ist
zuhören – auch wenn dies der EBM lagerungen in den Beinen. Ich verord- der Kontakt zu so vielen unterschied-
(Einheitliche Bewertungsmaßstab) nete Kompressionsverbände, die immer lichen Menschen, der Einblick in die in-
betriebswirtschaftlich nicht unterstützt. morgens durch Fachpersonal ange- dividuellen Biografien und die Mög-
Zuhören ist die Voraussetzung, um legt werden müssen. Unsere Medizi- lichkeit, unterstützend zur Seite zu
ihnen die Zusammenhänge erläutern nische Fachangestellte rief fünf ver- stehen, einfach unheimlich toll. Persön-
und mit ihnen ins Gespräch gehen zu schiedene Pflegedienste an – aufgrund lich finde ich das sehr bereichernd.
können. Das ist jedoch nicht immer von Personalmangel konnte keiner die
einfach. Einige Menschen pilgern tat- Versorgung unserer Patientin überneh- KG
Das kann ich unterschreiben.
sächlich monatelang von Facharzt zu men. Wir mussten sie schließlich ins Ich betreibe die Praxis mittler-
Facharzt, um herauszufinden, was sie Krankenhaus einweisen. weile seit 1995. Über die Zeit habe ich
eigentlich haben. Die Spezialisierung zu vielen meiner Patient:innen nicht
der Medizin ist generell zwar eine enorme KG Heute werden die Pfleger:innen nur eine sehr gute Beziehung entwi-
Bereicherung, im Arbeitsalltag kann sie durch den Arbeitsstress tatsäch- ckelt, ich konnte oft auch mitverfolgen,
jedoch auch belasten. lich selbst krank. In meinen Anfangs- wie sie aufwachsen oder älter gewor-
jahren war das anders. Die personelle den sind und was sie aus ihrem Leben
Weil eine Person fehlt, die den Ausstattung der Pflegedienste war bes- gemacht haben. Das ist toll! Und was
Überblick hat? ser. Dadurch war eine bedarfsgerechte soll ich sagen: In der gesamten Zeit
KG
Genau diese Rolle nimmt der Sicherstellung der Pflege im häuslichen gab es noch keinen langweiligen Tag.
Hausarzt ein. Dies wird durch Umfeld möglich. Wer kann das schon von seinem Job
das Fortschreiten der Spezialisierung sagen? ∕
immer anspruchsvoller. Besonders Daryna Kechur, Sie absolvieren bei
auffällig ist das bei unseren älteren Frau Groß gerade Ihre Famulatur.
Patient:innen. Über die Jahre sam- Wenn Sie all das hören, haben Sie
meln viele von ihnen ganze Paletten da noch Lust auf den Job?
von Tabletten an. Ursache hierfür ist DK
Auf jeden Fall! Für mich als Medi-
teilweise eine mangelnde Abstimmung zinstudentin ist die Praxis wirk-
zwischen den behandelnden Ärzt:innen. lich toll. Nicht nur, weil ich das Team
sehr schätze, durch die Diversität der
Woran merken Sie das? Patient:innen lerne ich unheimlich viel.
KG
Dies bekomme ich oft bei Haus- In München, wo ich herkomme, arbei-
besuchen mit. In der Medikamen- tete ich zuvor in einer Klinik und dort
tenbox liegen teilweise falsche Tabletten habe ich nicht annähernd so viele un-
oder welche, die falsch dosiert sind. terschiedliche Fälle gesehen wie hier.
Manchmal stehen die Packungen auch Dass der Beruf nicht einfach ist, das
ungeöffnet neben dem Kühlschrank. war mir von vornherein klar.
Unsere Aufgabe ist es dann zu kontrol-
lieren, ob einige Medikamente vielleicht MB
Ein Vorteil, den wir in der Stadt
wieder abgesetzt werden können. Mit- haben, sind übrigens unsere
unter schauen wir auch, ob der Patient Gemeinschaftspraxen. Für mich ist
15IM FOKUS
Stadtteilpraxen und Social Prescribing Bedürfnisse oder Belastungen festgestellt, werden sie an
Ein fertiges Konzept, wie die Primärversorgung mit den eine Fachkraft mit „Link-Working-Funktion“ überwiesen.
genannten Herausforderungen einer Millionenstadt fertig Diese versucht dann herauszufinden, welche Maßnahmen
werden könnte, hat Wolfram Herrmann nicht. „Darüber müs- der bzw. dem Betroffenen helfen können und vermittelt
sen wir einen Diskurs starten“, sagt er. Das Handwerkszeug sie oder ihn an konkrete, unterstützende Angebote in der
und zahlreiche Modelle gibt es in seinen Augen bereits, etwa Region. Die Fachkraft ist außerdem für das „Netzwerk-
Stadtteilpraxen, in denen verschiedene Professionen, bei- management“ zuständig: Sie pflegt Kontakte zu allen mög-
spielsweise Ärzt:innen, Physiotherapeut:innen und Sozial- lichen Akteur:innen und aktualisiert die Übersicht der Kiez-
arbeiter:innen, mit stark lokaler Ausrichtung zusammen- Angebote.
arbeiten.
Zudem sollten, so Herrmann, Medizinstudierende bereits
Das Gesundheitskollektiv in Neukölln, das Ende dieses in der Ausbildung sensibilisiert und mit ihnen unbekannten
Jahres endlich seinen Neubau im Rollbergkiez (siehe Stadtteilen sowie dem Lebensumfeld von Patient:innen kon-
BÄ 02/2020) beziehen will, verfolgt laut Herrmann zum Bei- frontiert werden. Dies bietet den Studierenden die Möglich-
spiel einen solchen Ansatz. Favorisiert wird von ihm auch das keit, den Einfluss des Lebensumfeldes und des sozioökono-
eingangs erwähnte Social Prescribing, das „soziale Rezept“, mischen Status auf Gesundheit und Krankheit von Menschen
welches folgendermaßen funktioniert: Werden bei Pati- direkt zu erleben. So lernen sie auch neue Modelle hausärzt-
ent:innen nichtmedizinische, aber gesundheitsrelevante licher Versorgung in der Stadt kennen.
links
Zurück in der Praxis.
unten
Der Empfang ist der Dreh- und Angelpunkt der Hausarztpraxis. Hier
begrüßt Arzthelferin Frau Martin alle Ankommenden und kümmert
sich um die Aufnahme der Patient:innen.
16BERLINER ÄRZT:INNEN
AUSGABE 11 / 2021
Routinemessung: Der Patient kommt
regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen. Er
gehört zu den ersten Patienten der Praxis
und ist mit ihr älter geworden.
Unterstützungen gegen den Mangel zu helfen. Doch für nachhaltige Unterstützung fehle ihnen
Bei Hausärzt:innen, Gesundheitsämtern, Anbieter:innen oft die dafür notwendige Zeit, so Ruppert.
sozialer Leistungen und in Berliner Bezirken dürfte Herr-
mann mit seiner Forderung nach einer besseren Vernet- Primäres Ziel der KV Berlin ist es deshalb, zunächst dem Haus-
zung und größeren Beachtung sozialer Probleme offene arztmangel – vor allem in den östlichen Berliner Bezirken –
Türen einrennen. Dass Patient:innen bisweilen eher an abzuhelfen. Dazu hat sie verschiedene Förderprogramme5
Einsamkeit, Arbeitslosigkeit oder Überforderung im Beruf aufgelegt und plant, ab der zweiten Jahreshälfte 2022 eigene
oder in der Familie leiden als an Krankheiten, haben die Einrichtungen zu betreiben. Für Ruppert ist es „absolut denk-
allermeisten Ärzte schon erlebt, so auch Dr. med. Burkhard bar“, dass in einer solchen KV-Praxis auch ein multiprofes-
Ruppert, Vorstandsvorsitzender der KV Berlin: „Als Pädia- sioneller Ansatz verfolgt wird.
ter weiß ich, wie wichtig psychosoziale Aspekte sind.“ Viele
der ärztlichen Kolleg:innen würden sich intensiv bemühen, 5
→ www.kvberlin.de → Für Praxen → Zulassung / Niederlassung →
den Menschen auch bei nicht-somatischen Beschwerden Fördermöglichkeiten
17IM FOKUS
Soziale Gesundheit
Rahmenbedingungen Dr. med. Bernhard Malinowski ist einer von 14 Hausärzt:in-
nen, die der Verein „soziale Gesundheit“ mit Sozialarbeit
In Deutschland sind der ambulante und der stationäre unterstützt. Jeden Donnerstag fährt eine Sozialarbeiterin
Sektor grundsätzlich getrennt. Die Professionen sind in zu dem Allgemeinmediziner und seinen beiden Kolleginnen
kleine oder Kleinstunternehmen aufgesplittert: ange- nach Hohenschönhausen. Dort bietet sie eigene Sprechstun-
fangen bei inhabergeführten Einzel- und Gemeinschafts- den für die Patient:innen an. „Für sie haben wir ein Zimmer
praxen bis hin zu Hebammen, Pflegediensten und Apo- eingerichtet“, sagt Malinowski. Über die Hilfe in persona und
theken. Kooperationen zwischen Haus- und Fachärzt:innen vor Ort ist der Hausarzt, der seit 30 Jahren im Berliner Norden
sowie anderen Professionen sind letztlich freiwillig. Eine praktiziert, heilfroh. Er ist gemeinsam mit den Menschen
Vergütung für Teamarbeit sowie Vorgaben im Bereich im Kiez alt geworden und betreut manche Familien schon
der Fortbildung oder der Qualitätssicherung und -kontrolle in der dritten Generation. Die Sozialarbeiterin wisse genau,
sind bislang nicht vorgesehen. Die Konsequenz daraus wo und wie die Menschen zum Beispiel Überbrückungshilfen
ist, dass Kooperationen oftmals eher zufällig und nicht oder einen Schwerbehindertenausweis beantragen können.
als Strukturmerkmal stattfinden. Parallel dazu und nicht Er selbst, so Malinowski, könne eine solche Arbeit neben
strukturell verbunden existieren derzeit zahlreiche mit der Patientenversorgung nicht leisten, „ich habe nur Medizin
öffentlichen Mitteln finanzierte Beratungs- und Betreu- studiert“.
ungsangebote unterschiedlicher gemeinnütziger Träger.
Für den Hausarzt bedeutet die Sozialarbeiterin in der Praxis
eine enorme Entlastung. Das Gute: Sie prüfe, was die Pati-
ent:innen brauchen, und könne so den Ärzt:innen gezielt
sagen, welche ausgefüllten Anträge sie dann noch von ihnen
Praktische Ansätze benötige. Durch die Berichte der Sozialarbeiterin wisse man
Schon vor einigen Jahren hatte die KV Berlin dem Bezirk jetzt auch, „wo wir Ärzte bei den Patienten vielleicht noch
Neukölln Unterstützung beim Aufbau eines Familien-Gesund- einmal ‚nachschieben‘ müssen“, so Malinowski. Früher habe
heitszentrums in der südlichen Hermannstraße zugesichert. man den Patient:innen zwar auch schon an Hilfsangebote
Unter einem Dach wollte der Bezirk medizinische Grund- weiterverwiesen oder zu Behörden geschickt. Doch das „ist
versorgung und psychosoziale Beratungs- und Unterstüt- ins Leere gelaufen“, weil sich die Menschen dann doch vor
zungsangebote zusammenfassen. Geplant waren Sitze für dem Weg gescheut hätten. Die Sprechstunde in der Praxis
Allgemeinärzt:innen, Pädiater:innen und Gynäkolog:innen werde hingegen gerne angenommen, „weil die Patienten
sowie Büros für das Gesundheitsamt, das Jugendamt und
Erziehungsberatungsstellen. Die ursprünglichen Pläne, in
ein Aldi-Bauprojekt einzuziehen, haben sich laut Falko Liecke,
stellvertretender Bezirksbürgermeister und Stadtrat für
Jugend und Gesundheit, jedoch zerschlagen. Begraben
hat der CDU-Politiker das Projekt aber noch nicht. Er ist
weiter auf der Suche nach einem Standort.
Zudem gehört Neukölln zu den Bezirken, die Sozialarbeit
in Kinderarztpraxen finanzieren. So bieten aktuell zwei
Sozialarbeiterinnen in zwei Praxen Sprechstunden an, die
kleine Patient:innen und ihre Eltern nutzen können. Mögliche
Hilfs- und Unterstützungsangebote sollen die Menschen so
schneller als bisher erreichen. „Meine Vision ist, dass irgend-
wann alle Kinderarztpraxen, bei denen es geht, an die Sozial-
arbeit angedockt werden“, sagt Liecke. Ob das klappt, hängt
natürlich davon ab, „wie viel Geld wir vom Senat bekommen“.
Rund 25.000 Euro würden die beiden Sozialarbeiterinnen
den Bezirk Neukölln ab 2022 kosten, so Liecke. Für interpro-
Maximiliane Bauer in ihrem Sprechzimmer beim Ultraschall mit
fessionelle Ansätze in der Patientenversorgung müsse auf
einer Patientin. Neben der Grundversorgung, Vorsorge- und
Senatsebene der Wille da sein, damit Geld fließe. Liecke fürch- speziellen ärztlichen Untersuchungen, gehören unter anderem
tet jedoch, dass wegen der Haushaltslöcher eher Kürzungen auch Disease-Management-Programme zu den medizinischen
bei den Finanzmitteln zu erwarten sind. Leistungen der Praxis.
18BERLINER ÄRZT:INNEN
AUSGABE 11 / 2021
Seit Beginn der Pandemie ge-
hören auch PCR-Abstriche zum
Arbeitsalltag in der Praxis. Je
nach Schwere der Symptome
schließt sich eine körperliche
Untersuchung an, die Daryna
Kechur hier durchführt.
wissen, dass wir ihnen nichts aufschwatzen. Sie kommen
lieber zu uns in die Praxis, als aufs Amt zu gehen“, berichtet
der Allgemeinarzt.
Der Verein kann das Projekt mithilfe der Lotto-Stiftung Berlin
derzeit in neun Hausarztpraxen anbieten. 1,5 Stellen für
Julia Frisch Prof. Dr. med.
Sozialarbeit werden für drei Jahre finanziert. Allerdings läuft Wolfram Herrmann
der Förderzeitraum bereits Ende 2022 schon wieder aus. Freie Journalistin
Dr. Martyna Voß vom Verein „soziale Gesundheit“ wünscht Foto: privat Foto: Baar/Charité
sich, dass Angebote wie die Sozialarbeit in den Arztpraxen
über den Projektstatus hinauskommen. Eine Finanzierung
aus öffentlichen Mitteln würde sich lohnen, so Voß. Würden
etwa ältere, oft einsame Berlinerinnen und Berliner früh-
zeitig beraten werden, hätte dies vermutlich weniger Arzt- 4. Workshop Kiezmedizin
besuche und geringere Pflegegrade zur Folge. Das Kosten-
Nutzen-Verhältnis sei also sehr gut, so Voß. Für eine Debatte über Stadtmedizin und das vorge-
schlagene Rahmenkonzept findet am 9. Februar 2022
In Teampraxen mit verschiedenen Professionen und starker der 4. Kiezmedizinworkshop des Instituts für Allgemein-
lokaler Ausrichtung sieht auch der Versorgungsforscher medizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin statt.
Wolfram Herrmann einen Lösungsansatz für städtische Anmeldungen sind ab dem 15. Dezember 2021 möglich.
Versorgungsprobleme. Zudem fordert er eine systemati-
sche Auseinandersetzung mit urbaner Primärversorgung Weitergehende Informationen finden Sie unter
und mehr gezielte Forschung, um über die wissenschaft- → https://allgemeinmedizin.charite.de/
liche Allgemeinmedizin die Zukunft der urbanen Primär- terminankuendigungen/.
versorgung mitzugestalten. ∕
19AUS DER KAMMER WEITERBILDUNG
Gute Weiterbildung und digitale
Pinnwände
Bericht vom Treffen der Assistentensprecherinnen und
-sprecher am 4. Oktober 2021
Videokonferenzen, Diskussionen in virtuellen Kleingruppen, Notizen auf Online-
Pinnwänden: Der Zuwachs an digitaler Kompetenz während der letzten anderthalb
Jahre war auch beim jüngsten Treffen der Assistentensprecher:innen offensichtlich.
An einem Montagabend Anfang Oktober kamen so 17 Weiterbildungsassistent:in-
nen sowie Vertreter:innen aus dem Ehren- und Hauptamt der Ärztekammer Berlin
zusammen, um über organisatorische und allgemeine Fragen der Weiterbildung zu
sprechen.
„Wie machen wir die Weiterbildung besser, in den Kliniken Wie organisieren sich die Assistentensprecher:innen?
und in den Praxen Berlins?“ Mit dieser Frage begrüßte Für die Zusammenarbeit in den Kleingruppen hatten Antje
Präsident PD Dr. med. Peter Bobbert die Teilnehmenden. Koch und Silja Cronemeyer, stellvertretende Leiterin der
Mit der Weiterbildungsordnung liefere die Ärztekammer Abteilung Weiterbildung / Ärztliche Berufsausübung, soge-
Berlin den Rahmen der Weiterbildung. Doch dieser Rah- nannte Padlets, digitale Pinnwände, mit den wichtigsten
men müsse mit Leben gefüllt werden, und zwar sowohl Fragen zur Organisation der Assistentensprecher:innen
von den Weiterbildungsbefugten als auch von denen, die vorbereitet:
sich weiterbilden lassen. Deshalb sei der Austausch mit
den Assistentensprecher:innen so bedeutsam: Was läuft → Was sind Ihre Aufgaben als Assistentensprecher:innen?
gut? Was könnte besser laufen? Die regelmäßigen Treffen → Wie sind die Rahmenbedingungen?
seien wichtig, um nachjustieren zu können. → Welche Kommunikationswege nutzen Sie in Ihrer Klinik?
→ Vor welchen Herausforderungen stehen Sie als Assis-
Dr. med. Klaus Thierse (Marburger Bund) ergänzte: tentensprecher:in in Ihrer Klinik?
„Wenn Sie Fragen haben, sprechen Sie uns an. Es ist in
unserem Interesse, Ihnen zu helfen.“ Neben Bobbert und Für den Austausch in den drei Teilgruppensitzungen
Thierse nahmen aus den Reihen des Vorstandes Dr. med. hatten die Teilnehmenden etwa eine halbe Stunde Zeit.
Klaus-Peter Spies (Allianz Berliner Ärzte – MEDI Berlin), Sie nutzten diese engagiert und bis zur letzten Minute,
Dr. med. Thomas Werner (Marburger Bund), Dr. med. um von ihren Erfahrungen in den Kliniken zu berichten
Kathleen Chaoui (Allianz Berliner Ärzte – MEDI Berlin), und wichtige Punkte im Padlet zu notieren. Im Anschluss
Dr. med. Christian Messer (Allianz Berliner Ärzte – MEDI stellte jeweils eine Person aus jeder Kleingruppe die
Berlin) und Dr. med. Laura Schaad (Marburger Bund) an „Essentials“, die Kernaussagen vor. Häufig sei es die
dem Treffen teil. Aufgabe der Assistentensprecher:innen, Dienstpläne für
die Assistent:innen zu erstellen und die Zusammenarbeit
Die Leiterin der Abteilung Weiterbildung / Ärztliche Beruf mit anderen Abteilungen zu koordinieren, berichtete
sausübung, Dr. med. Antje Koch, eröffnete nach einer eine Teilnehmerin. Ein weiterer Eindruck sei, dass der
kurzen Vorstellungsrunde mit einem Blick auf die Agenda Organisationsgrad der Assistentensprecher:innen stark
den inhaltlichen Teil der Veranstaltung. Die Assisten- variiere, abhängig unter anderem von der Größe der Ein-
tensprecher:innen hatten sich gewünscht, das Thema richtung. Auch wie oft und in welcher Form kommuniziert
„Organisation der Assistentensprecher:innen in den werde, unterscheide sich von Abteilung zu Abteilung. Der
Kliniken“ zu vertiefen. Die erste Hälfte der Veranstaltung einhellige Wunsch der Teilnehmenden: mehr Transparenz
diente denn auch dem organisierten Austausch zu diesem und eine bessere Vernetzung untereinander. Auch sei es
Thema in Kleingruppen; in der zweiten Hälfte blieb Zeit für wichtig, verlässlich in Besprechungen der Klinikleitung
die Beantwortung der vorab zugesandten Fragen. eingebunden zu werden.
20BERLINER ÄRZT:INNEN
AUSGABE 11 / 2021
Eine Teilnehmerin brachte die Frage ein, wie Assistenten- der Weiterzubildende bestimmte Fähigkeiten erworben
sprecher:innen die eigene Position stärken können. Hilf- hat, nicht dass sie oder er eine bestimmte Anzahl an
reich seien Strukturen, auf die man sich berufen könne. Weiterbildungsinhalten absolviert hat: „Das ist ein Para-
Eine Idee dazu formulierte Schaad: „Ein Leitfaden könnte digmenwechsel und der entscheidende Unterschied zum
Orientierung liefern – für die Assistentensprecher:innen, bisherigen Vorgehen.“
aber auch für die Klinikleitung. Darin könnten mögliche
Aufgaben, Kompetenzen und Kommunikationswege Weitere Fragen aus dem Kreis der Teilnehmenden be-
beschrieben werden.“ Werner unterstützte den Ansatz: zogen sich auf die Anerkennung von wissenschaftlichem
„Bestimmte Ämter in den Kliniken sind nicht definiert. Arbeiten auf die Weiterbildung (Koch: „Lassen Sie sich ein
Ein gemeinsam erarbeitetes Papier, nicht von der Ärzte- detailliertes Zeugnis geben!“), auf die Rettungsstellen-
kammer, sondern von den Assistentensprecher:innen, rotation („Es müssen sechs Monate am Stück absolviert
kann da ein Anfang sein.“ Die Ärztekammer Berlin könne werden.“) und auf Rügemöglichkeiten bei stockender
koordinieren und bei der Kommunikation unterstützen. Weiterbildung („Wenn Sie einen Grund sehen, sich zu
beschweren, dann beschweren Sie sich. Wir können die
Wartezeiten, Weiterbildungsordnung und Qualität der Weiterbildung nur so gut überprüfen, wie wir
Anerkennung wissenschaftlicher Tätigkeiten darüber informiert sind, wenn etwas nicht gut läuft.“).
Im zweiten Teil der Veranstaltung beantworteten Koch In diesem Zusammenhang wies Thierse auf das Angebot
und die Mitglieder des Vorstandes die vorab gestellten des Ombudsmannes der Ärztekammer Berlin hin.
Fragen der Teilnehmenden, etwa zu den Wartezeiten auf
Facharztprüfungen. Laut Koch sei nicht der Termin selbst Schließlich verabschiedete Koch die Teilnehmenden mit
das Problem, allerdings nehme die Bearbeitung der An- Dank für die lebendige Zusammenarbeit in den Klein-
träge viel Zeit in Anspruch. Oft müssten auch Unterlagen gruppen und den konstruktiven Austausch. Das nächste
nachgefordert werden. Häufig nachgefragt wurde im Treffen findet am 21. Februar 2022 statt. ∕
Vorfeld auch, ab wann die neue Weiterbildungsordnung
(WBO) in Kraft tritt. Nach der Verabschiedung durch die
Delegiertenversammlung am 22. September liege der Ball
nun bei der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und
Gleichstellung (SenGPG), so Koch. Sie erhoffe sich eine
Genehmigung im ersten Halbjahr 2022 – dann könne auch
das neue eLogbuch aktiviert werden.
Iris Hilgemeier
Auf die Frage, wie nach der neuen WBO Kompetenzen
Referentin für Kommunikation
definiert und abgefragt werden, ging Thierse ein: „Wir Abteilung Digitalisierung / Kommunikation,
wollten weg von den Zahlen und Zeiten.“ Im Kern beschei- Ärztekammer Berlin
nige der Weiterbildungsbefugte zukünftig, dass die oder Foto: privat
Veranstaltungen Train the Trainer-Seminare
1,5-tägiges Fortbildungsseminar für Weiterbildungsbefugte, die
Befugtenseminare sich formal und didaktisch in Bezug auf die Weiterbildung fort-
bilden möchten. Die Seminare finden in Präsenz bzw. alternativ
1-stündiges Seminar für Neubefugte online statt.
und Interessierte. Die Seminare finden
in Präsenz bzw. alternativ online statt. Termine: Ambulant
Fr., 05.11.2021 von 15–19 Uhr
Termine: Mi., 01.12.2021 (online) Sa., 06.11.2021 von 9–15 Uhr
Mi., 19.01.2022 Anmeldung: → kw-allgemeinmedizin.berlin → Train the
Mi., 27.04.2022 Trainer-Seminare für Weiterbildungs befugte
Mi., 24.08.2022
Mi., 30.11.2022 Stationär
Fr., 26.11.2021 von 15–19 Uhr
Zeit: 18–19 Uhr Sa., 27.11.2021 von 9–15 Uhr
Anmeldung: E befugtenseminare@aekb.de Anmeldung: E befugtenseminare@aekb.de
21AUS DER KAMMER MEDIZINISCHE FACHANGESTELLTE
Ausbildungsplatzbörse der Weiterqualifizierung durch Fortbildung
Ärztekammer Berlin Nicht-ärztliche:r Praxisassistent:in –
Refresher 2021
Sie suchen eine:n Auszubildende:n?
Die Ärztekammer Berlin bietet 2021 weitere Fortbildungskurse
Auf der Ausbildungsplatzbörse der Ärztekammer Berlin für Medi- „Nicht-ärztliche:r Praxisassistent:in – Refresher“ entsprechend
zinische Fachangestellte können Sie Ihr Ausbildungsplatzangebot der Delegationsvereinbarung zwischen den Krankenkassen und
kostenfrei inserieren. den Kassenärztlichen Vereinigungen an.
Sie haben die Möglichkeit, Ihre Anzeige auf unserer Website Termin: Aktuelle Termine entnehmen Sie bitte
unter → www.aekb.de/mfa mithilfe eines Eingabeformulars unserer Website.
aufzugeben. Umfang: 16 Stunden
Nach Prüfung wird Ihre Anzeige veröffentlicht. Anmeldeunterlagen sowie weiterführende Informationen
Weitere Informationen erhalten Sie auf unserer Website sowie finden Sie auf unserer Website. Gerne geben wir Ihnen unter
unter T 030 408 06 - 26 26. T 030 408 06 - 26 36 Auskunft.
Stellenbörse der Weiterqualifizierung durch Fortbildung
Ärztekammer Berlin für Nicht-ärztliche:r Praxisassistent:in 2022
Medizinisches Assistenzpersonal
Die Ärztekammer Berlin plant, im kommenden Jahr einen weite-
ren Fortbildungskurs „Nicht-ärztliche:r Praxisassistent:in“
Sie suchen medizinisches Assistenzpersonal? nach dem Curriculum der Bundesärztekammer anzubieten.
Unsere Stellenbörse für ausgelerntes medizinisches Assistenzper- Der Fortbildungskurs richtet sich an hausärztlich und fachärztlich
sonal richtet sich an Kammermitglieder in eigener Niederlassung. berufserfahrenes Assistenzpersonal und entspricht den Vorgaben
der zwischen den Krankenkassen und den Kassenärztlichen Ver-
Auf unserer Website haben Sie als Kammermitglied die Möglich- einigungen getroffenen Delegationsvereinbarung.
keit, kostenfrei eine Anzeige für eine freie Arbeitsstelle in Ihrer
Niederlassung aufzugeben. Die Kursveranstaltung findet in den Räumen der Ärztekammer
Berlin, Friedrichstraße 16 in 10969 Berlin statt. Die Anmeldeunter-
Das entsprechende Formular sowie weitere Informationen finden lagen sowie weiterführende Informationen werden demnächst
Sie unter → www.aekb.de/mfa. auf unserer Website eingestellt. Die Zahl der Teilnehmenden ist
begrenzt, gerne können Sie sich bereits jetzt vormerken lassen:
E medf@aekb.de oder T 030 408 06 - 26 36.
Förderprogramm
„Ausbildungsplätze sichern“
Ihre Meinung ist uns wichtig!
Informieren Sie sich, ob Ihr aktuelles Ausbildungsplatzangebot
förderfähig ist. Gerne möchten wir unser Qualifizierungs- und Fortbildungsange-
Das Förderprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ unterstützt bot für Medizinische Fachangestellte (MFA) und Arzthelfer:innen
kleine und mittlere Unternehmen, die von der Corona-Krise in noch stärker am Praxisalltag ausrichten.
erheblichem Umfang getroffen sind und dennoch ihr Ausbildungs
niveau halten oder erhöhen. Wir freuen uns daher sehr, wenn Sie sich einen Moment Zeit für die
Beantwortung der folgenden Fragen nehmen:
Die Umsetzung erfolgt durch die Bundesagentur für Arbeit. 1. Welche Themen sind als Fortbildung für Medizinische Fachange-
Die Antragsunterlagen sowie weitere Informationen erhalten stellte besonders wichtig und interessant?
Sie auf der Seite der Bundesagentur für Arbeit. Fragen richten 2. Welchen zeitlichen Umfang sollte eine Fortbildung idealerweise
Sie gerne an die Hotline des Arbeitgeber-Service unter haben?
0800 455 55 20 (gebührenfrei). 3. Welche Wochentage sind für eine Fortbildungsveranstaltung
besonders geeignet?
Auf unserer Website → www.aekb.de/mfa finden Sie unter
„Aktuelle Informationen“ Verlinkungen zu allen wichtigen Seiten, Bitte senden Sie Ihre Ideen und Vorschläge an: E medf@aekb.de.
die das Förderprogramm betreffen. Vielen Dank!
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