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GJAE 61 (2012), Supplement
Die landwirtschaftlichen Märkte an der Jahreswende 2011/12
Der Markt für Zucker
Stephan Nolte
Universität Gent, Belgien
Harald Grethe
Universität Hohenheim
1 Der Weltmarkt für Zucker Im Mai 2011, als die ersten Meldungen zur be-
gonnenen Zuckerrohrernte erschienen, lagen die tat-
Das Jahr 2011 begann mit dem höchsten Stand des sächlichen Erträge, bedingt durch die Trockenheit im
Weltmarktpreises für Zucker seit 30 Jahren. Der mo- Sommer 2010 und einige Jahre mit niedrigen Investi-
natliche Durchschnittspreis für Rohzucker lag im Ja- tionen in die Erneuerung von bestehenden Zucker-
nuar bei 707 US$/t und der Preis für Weißzucker bei rohrfeldern deutlich unter den Erwartungen. Trocke-
784 US$/t (Abbildung 1). Wie auch im Jahr 2010 nes Wetter im Mai und Frost im Juni trugen zu weiter
sanken die Zuckerpreise in den ersten Monaten des steigenden Preisen bei. Nach Juli 2011 begannen die
Jahres und erreichten im Mai bei einem Monatsdurch- Weltmarktpreise eine noch immer anhaltende Ab-
schnitt von 482 US$/t für Rohzucker und 616 US$/t wärtsbewegung, liegen jedoch weiterhin deutlich über
für Weißzucker einen Tiefpunkt. Dieser Preis lag den Durchschnittspreisen des letzten Jahrzehnts. Der
jedoch immer noch deutlich über dem Preis vom Preisrückgang wurde vermutlich durch den generellen
Mai 2010 und weit über dem durchschnittlichen Abwärtstrend der Finanzmärkte sowie Berichte über
Weltmarktpreis der letzten zehn Jahre. Bis zum Juli anstehende Rekordernten von Zuckerrüben in Europa
stiegen die Preise wieder an und sind seitdem rückläu- ausgelöst (F.O. LICHT, versch. Jgg.).
fig: Im Dezember 2011 lag der Preis für Rohzucker Nach zwei Jahren mit einem kumulativen Defizit
bei 516 US$/t und der Preis für Weißzucker bei von 14,2 Mio. t konnte die Zuckerproduktion im
608 US$/t. ZWJ 2010/11 wieder oberhalb der Nachfrage liegen.
Der Höchststand der Zuckerpreise zum Jahresan- Der erwartete Überschuss von 0,7 Mio. t (Endbestände
fang 2011 fiel mit einem Höchststand der Preise ande- – Anfangsbestände2, Tabelle 1) wäre dennoch nicht
rer wichtiger Agrargüter zusammen. Im Gegensatz ausreichend, um die globalen Lagerbestände wesent-
dazu waren in der vorherigen ‘Hochpreisphase’ für lich aufzustocken. Die globale Produktion wuchs zwar
Getreide und Ölsaaten in den Jahren 2007/08 die Zu- gegenüber dem Vorjahr um 4,3 %, liegt aber immer
ckerpreise nicht mit angestiegen. Der Abwärtstrend noch unter dem Produktionslevel des ZWJ 2007/08.
der Preise in den ersten Monaten des Jahres 2011 lag Wegen der hohen Preise lag die Zuwachsrate des
vor allem in mehrfach nach oben korrigierten Ernte- Konsums jedoch nur bei 0,5 % und damit deutlich
schätzungen in Thailand, dem weltweit zweitgrößten unter dem Langzeitmittel von etwa 2 %. So wurde der
Zuckerexporteur, begründet. Die thailändische Pro- Konsumanstieg am Anfang des ZWJ noch auf 2,1 %
duktion im Zuckerwirtschaftsjahr 2010/11 (ZWJ, geschätzt (NOLTE und GRETHE, 2011). Das Verhältnis
Okt.-Sep.) erreichte schließlich 10,0 Mio. t und lag
damit deutlich über den 7,1 Mio. t des Vorjahres und Mai bis April und unterscheidet sich somit vom ZWJ
der bisherigen Rekordsaison im ZWJ 2007/08, in der der nördlichen Halbkugel, welches meist in globalen
8,1 Mio. t erreicht wurden. Weitere Einflussfaktoren, Statistiken genutzt wird. So teilt das internationale ZWJ
die zu der Erwartung eines signifikanten globalen (Okt-Sep) das brasilianische ZWJ und rechnet die ersten
sieben Monate des brasilianischen ZWJ 2011/12 zum
Überschusses nach zwei ZWJ mit einem Defizit bei- internationalen ZWJ 2010/11 und die verbleibenden
trugen, waren gute Aussichten für die anstehende Monate zum ZWJ 2011/12. Abhängig davon, welches
Zuckerrohrernte in Brasiliens Zentral-Süd Region ZWJ zur Ausweisung der brasilianischen Produktion
(ZS), in der fast 90 % des brasilianischen Zuckerrohrs verwendet wird, kann es zu erheblichen Abweichungen
produziert werden,1 sowie hohe Erträge in verschiede- kommen.
2
nen anderen Regionen. Dies entspricht nicht der Bilanz von Produktion und
Verbrauch. Das fehlende Bindeglied ist der sogenannte
versteckte Konsum, der statistisch nicht erfasst wird.
1
Die Zuckerrohrernte in der ZS-Region Brasiliens beginnt Aus demselben Grund übersteigt die Höhe des globalen
im Frühjahr. Das brasilianische ZWJ läuft daher von Exports die des globalen Imports.
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Die landwirtschaftlichen Märkte an der Jahreswende 2011/12
Abbildung 1. Weltmarktpreise für Zucker und Weizen (Januar 2009 – November 2011, US$/t)
US$/t
800
Weißzucker
700
600
500
Rohzucker
400
300
200
Weizen
100
0
Jan. 09 Apr. 09 Jul. 09 Okt. 09 Jan. 10 Apr. 10 Jul. 10 Okt. 10 Jan. 11 Apr. 11 Jul. 11 Okt. 11 Jan. 12
Quellen: USDA (2011a; 2011b), TFC COMMODITY CHARTS (2011), eigene Berechnungen. Weißzucker: LIFFE No. 407. Rohzucker:
New York No. 11. Weizen: Soft Red Winter, Chicago
Tabelle 1. Weltzuckerbilanz (Mio. t RWa) das Ergebnis eines erwarteten Rückgangs
ZWJ (Oktober - September) der Zuckerproduktion in Südamerika und
2007/08 2008/09 2009/10 2010/11 2011/12 eines Anstiegs in allen anderen Regionen,
Anfangsbestände 73,2 74,8 63,5 60,7 61,4 hauptsächlich in Europa und Asien. Am
Produktion 166,6 151,8 158,7 165,5 174,1 Ende des ZWJ 2011/12 wird das Verhält-
Importe 50,7 53,1 60,9 57,3 56,1 nis zwischen Lagerbestand und Verbrauch
Verbrauch 159,2 159,6 159,3 160,1 163,9 demnach auf 41 % angestiegen sein. Der
Exporte 56,5 56,6 63,2 62,0 60,4
Rückgang der südamerikanischen Produk-
Endbestände 74,8 63,5 60,7 61,4 67,2
Bestand/Verbrauch 47,0% 39,8% 38,1% 38,3% 41,0%
tion ist fast gänzlich dem schlechten Er-
a gebnis der brasilianischen ZS-Region ge-
Rohwert
Quelle: F.O. LICHT (versch. Jgg.) schuldet. Die Kampagne, die im Mai 2011
begann und bis in die letzten Monate des
ZWJ 2011/12 andauert, war enttäuschend.
zwischen Lagerbestand und Verbrauch, einer der Die Abschlusszahlen werden von den Ergebnissen der
wichtigsten Bestimmungsfaktoren des Weltmarkt- kommenden Ernte abhängen, die im Mai 2012 be-
preises, erhöhte sich leicht von 38,1 % zum Ende des ginnt. Die Aussichten sind allerdings eher ungünstig.
ZWJ 2009/10 auf 38,3 % zum Ende des ZWJ Es wird erwartet, dass die gesamte brasilianische Ern-
2010/11. Die Food and Agriculture Organization der te von 39,0 Mio. t im ZWJ 2010/11 auf 37,2 Mio. t im
Vereinten Nationen (FAO, 2011) und die International ZWJ 2011/12 fällt. Sogar die erwartete Rekordernte in
Sugar Organization (ISO, 2011) verzeichneten einen der Nord-/Nordost-Region, wo das meiste restliche
etwas größeren Überschuss von 1,7 Mio. t bzw. Zuckerrohr in Brasilien angebaut wird, wird nicht
1,0 Mio. t. maßgeblich dazu beitragen können, diesen Rückgang
Für das laufende ZWJ erwartet F.O. LICHT auszugleichen.
(versch. Jgg.) übereinstimmend mit den Schätzungen Tabelle 2 zeigt die Zuckerproduktion der jüngs-
der FAO (2011) einen Überschuss von 5,8 Mio. t. Die ten ZWJ nach Region. Die Produktion in Europa im
ISO (2011) veröffentlichte eine Übersicht über Prog- vorigen ZWJ (2010/11) sank um 2,0 Mio. t. Dies lag
nosen anderer Institutionen sowie eine eigene, die hauptsächlich an der schlechten Zuckerrübenernte in
einen globalen Überschuss zwischen 4,5 Mio. t und der EU. Statistiken der EUROPÄISCHEN KOMMISSION
9,8 Mio. t erwarten.3 Der projizierte Überschuss ist (2011a) berichten sogar von einem noch größeren
3
Die Übersicht beinhaltet auch eine Schätzung des United Defizit von 0,45 Mio. t vorausschätzt. Diese Vorhersage
States Department of Agriculture (USDA), welches ein ist allerdings schon von Juni 2011.
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Die landwirtschaftlichen Märkte an der Jahreswende 2011/12
Tabelle 2. Weltzuckerproduktion nach Regionen (Mio. t RW) der Welt, in denen Zucker in erheblichen
ZWJ (Oktober – September) Mengen sowohl aus Rüben als auch aus
2007/08 2008/09 2009/10 2010/11 2011/12 Zuckerrohr hergestellt wird. Die Zucker-
Europa 25,7 24,8 26,3 24,3 29,4 rübenproduktion wird den Erwartungen
davon EU 16,7 15,3 17,1 15,1 17,4 zufolge im laufenden ZWJ abfallen, wäh-
Afrika 10,0 10,1 10,2 10,7 11,1 rend die Zuckerrohrproduktion anstei-
Nord- und Zentralamerika 19,7 18,6 18,8 19,0 19,5 gen wird. Der Pro-Kopf-Verbrauch von
Südamerika 38,5 44,2 48,7 46,5 45,0
Zucker in den USA ist niedriger als in
Asien 67,6 48,5 50,9 61,0 64,9
Ozeanien 5,1 5,5 3,7 4,0 4,4
anderen Industrieländern, da Isoglukose
Welt 166,6 151,8 158,7 165,5 174,1 dort 40 % des Markts für kalorienhaltige
Süßungsmittel ausmacht. Allerdings ist
Quelle: F.O. LICHT (versch. Jgg.)
für den Isoglukose-Verbrauch in den
USA in den letzten Jahren ein leichter
Abwärtstrend zu verzeichnen. Dieser
Rückgang von 2,4 Mio. t. Die Produktion in Russland Trend wird teilweise durch wachsende Exportmög-
sank das zweite Jahr in Folge auf 3,3 Mio. t. Die tür- lichkeiten des Sektors nach Mexiko im Rahmen des
kische Produktion fiel von 2,7 Mio. t. auf 2,5 Mio. t. Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA)
Das einzige größere europäische Land mit steigender ausgeglichen. Die Zuckerproduktion in Mexiko lag im
Produktion war die Ukraine mit einer Gesamtproduk- ZWJ 2010/11 bei 5,4 Mio. t und wird im laufenden
tion von 1,8 Mio. t und damit einer Steigerung von ZWJ leicht auf 5,3 Mio. t zurückgehen. Die Zucker-
0,4 Mio. t im Vergleich zum ZWJ 2009/10. produktion Guatemalas, des größten Zuckerexporteurs
Im laufenden ZWJ wird die europäische Produk- des Kontinents, soll von einer enttäuschenden Saison
tion in den meisten Mitgliedstaaten (MS) Rekord- mit 2,3 Mio. t im Vorjahr auf 2,5 Mio. t im ZWJ
höhen erreichen. F.O. LICHT zufolge wird die EU- 2011/12 ansteigen. Kuba war lange Zeit größter
Produktion 17,4 Mio. t. betragen. Die EUROPÄISCHE Zuckerproduzent und -exporteur der Welt. Nach dem
KOMMISSION (2011a) prognostiziert sogar 19,4 Mio. t. Zusammenbruch der UdSSR ist die Produktion jedoch
Russlands Produktion wird um eindrucksvolle 62 % drastisch eingebrochen. Die Produktion im ZWJ
auf 5,3 Mio. t. anwachsen. Die Produktion in der 2010/11 lag bei 1,1 Mio. t und damit nahe am Rekord-
Ukraine wird 2,4 Mio. t und damit einen Anstieg von tief von 2009/10. Für das laufende ZWJ soll diese
35 % erreichen, wohingegen erwartet wird, dass die Abwärtstendenz mit einer erwarteten Produktion von
Produktion in der Türkei konstant bei 2,5 Mio. t ver- 1,5 Mio. t zum ersten Mal seit langem durchbrochen
bleibt. werden.
Die Produktion Afrikas lag im ZWJ 2010/11 bei Wichtigste Zuckerproduzenten in Südamerika,
10,7 Mio. t. Die größten afrikanischen Zuckerprodu- ausgenommen vom bereits erwähnten Brasilien, sind
zenten sind Ägypten, Sudan und Südafrika, wobei nur Argentinien, Kolumbien und Peru. Während die Pro-
Südafrika einen signifikanten exportierbaren Über- duktion in den beiden letztgenannten Ländern auf dem
schuss aufweist. Der südafrikanische Sektor unterliegt Level des ZWJ 2010/11 von 2,3 Mio. t bzw. 1,1 Mio. t
seit etwa fünf Jahren einem Abwärtstrend, und die verbleiben wird, wird die Produktion Argentiniens im
Dürre des vorhergehenden Jahres beeinflusst noch laufenden ZWJ von 2,0 Mio. t auf 2,2 Mio. t anstei-
immer die Erträge im ZWJ 2011/12. Daher wird er- gen. Die Gesamtproduktion in Südamerika lag im
wartet, dass die Produktion nur leicht von 2,0 Mio. t ZWJ 2010/11 bei 46,5 Mio. t und soll auf 45,0 Mio. t
auf 2,2 Mio. t ansteigen wird. Die Produktion in fallen, hauptsächlich als Ergebnis der rückläufigen
Ägypten und Sudan bleibt unverändert bei 2,0 Mio. t Produktion Brasiliens.
bzw. 0,8 Mio. t. Insgesamt wird erwartet, dass die Neben Europa ist die steigende Produktion in
afrikanische Zuckerproduktion im ZWJ 2011/12 um Asien ein Schlüsselfaktor für den ersten signifikanten
0,4 Mio. t auf 11,1 Mio. t ansteigt. globalen Überschuss in der Zuckerproduktion im ZWJ
Die nordamerikanische Zuckerproduktion wird 2011/12 nach zwei Jahren mit einem Defizit und
von 19,0 Mio. t im ZWJ 2010/11 auf 19,5 Mio. t im einem nahezu ausgeglichen Jahr. In Indien, dem größ-
laufenden ZWJ steigen. In den USA, dem größten ten Produzenten und Konsumenten von Zucker auf
Produzenten in der Region, wird die Produktion bei dem Kontinent, ist der politisch induzierte Produk-
7,1 Mio. t verbleiben. Die USA sind das einzige Land tionszyklus in einer nunmehr drei Jahre andauernden
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Die landwirtschaftlichen Märkte an der Jahreswende 2011/12
Phase des Aufschwungs. Die Produktion Tabelle 3. Weltzuckerverbrauch nach Regionen (Mio. t RW)
soll Erwartungen zufolge von 26,4 Mio. t ZWJ (Oktober – September)
im ZWJ 2010/11 auf 28,5 Mio. t im ZWJ 2007/08 2008/09 2009/10 2010/11 2011/12
2011/12 ansteigen. Das Zögern der Re- Europa 31,1 30,4 30,3 30,3 30,7
gierung hinsichtlich des Exports von davon EU 18,5 18,1 18,1 18,3 18,4
Überschüssen in der letzten Saison hat Afrika 14,9 15,3 15,6 16,1 16,5
nicht nur zu hohen Weltmarktpreisen im Nord- und Zentralamerika 19,6 19,7 19,4 19,6 19,8
Südamerika 19,6 20,0 20,3 20,5 20,7
ZWJ 2010/11 beigetragen, sondern ver-
Asien 72,3 72,6 72,0 72,0 74,5
hinderte auch, dass Landwirte und Her- Ozeanien 1,7 1,7 1,7 1,7 1,7
steller von diesen hohen Preisen profi- Welt 159,2 159,6 159,3 160,1 163,9
tierten. Die Zuckerproduktion Chinas
Quelle: F.O. LICHT (versch. Jgg.)
tendiert seit fünf Jahren nach unten. Die
Produktion im ZWJ 2010/11 lag bei
11,4 Mio. t und soll sich in der laufenden
Saison auf 12,0 Mio. t belaufen. Der Verbrauch in dern, in denen die Bevölkerung größtenteils stagniert
China wächst signifikant, wenn auch von Jahr zu Jahr und die Einkommens- sowie die Eigenpreiselastizität
unregelmäßig, und die Entwicklung der chinesischen der Nachfrage dicht bei Null liegen, ist das Potenzial
Importe wird in den kommenden Jahren eine der für ein Wachstum des Verbrauchs weitgehend ausge-
Hauptdeterminanten der Weltmarktpreise sein. schöpft. 2,5 Mio. t des prognostizierten Wachstums
Thailand hatte im ZWJ 2010/11 eine Rekordernte werden in Asien erfolgen.
von 10,0 Mio. t, und es wird erwartet, dass auch die
Ernte der laufenden Saison auf diesem Niveau ver-
bleibt. Pakistan produzierte mit 4,5 Mio. t im ZWJ 2 Der EU-Zuckermarkt
2010/11 1,1 Mio. t mehr als im vorigen ZWJ, und es
wird erwartet, dass die Produktion in dieser Saison auf Die Rübenernte im Herbst 2010 war in den meisten
mehr als 4,9 Mio. t ansteigt. Andere wichtige Zucker- EU-Mitgliedstaaten enttäuschend. Fünf MS und die
produzenten in Asien sind Indonesien, die Philippinen französische Überseedepartements (DOM) konnten
und Vietnam. Für Indonesien wird eine Produktion in ihre Quote nicht erfüllen (siehe Tabelle 4). Die totale
Höhe von 2,8 Mio. t in diesem ZWJ erwartet, ausge- Fehlmenge betrug 323 000 t. Jedoch hatten einige
hend von einer Produktion von 2,5 Mio. t in der Vor- Länder Überträge aus den vorigen ZWJ auf Lager.
saison. Die Produktion der Philippinen wird bei Ferner entschied sich Frankreich, einen Teil der Quote
2,5 Mio. t verbleiben und die Produktion in Vietnam der DOM an Betriebe im Mutterland zu übertragen.
wird schätzungsweise um 22 % auf 1,5 Mio. t anstei- Mit 48 025 t, was 10 % der vorherigen Quote des
gen. DOM entspricht, stellt dies den maximal zulässigen
Der größte Zuckerproduzent in Ozeanien ist Transfer nach Artikel 60 der Gemeinsamen Organisa-
Australien. Nach einem deutlichen Produktionsrück- tion der Agrarmärkte der EU dar (GMO - Verordnung
4
gang in Australien in den letzten Jahren soll die Pro- (EG) 1234/2007). Überträge und Quotentransfers
duktion von 3,8 Mio. t im ZWJ 2010/11 auf 4,2 Mio. t ließen das kumulierte Defizit der EU auf 240 000 t
in diesem ZWJ ansteigen. Der einzige andere bedeu- sinken. Inklusive der Nichtquotenproduktion wurden
tende Produzent sind die Fidschi-Inseln, allerdings hat 15,3 Mio. t Zucker und 766 000 t Isoglukose produ-
5
der Sektor unter der Präferenzerosion auf dem EU- ziert.
Markt gelitten. Die Produktion fiel im ZWJ 2010/11 Wegen des im gesamten ZWJ 2010/11 hohen
auf ein Tief von 150 000 t und soll Erwartungen zu- Weltmarktpreises für Zucker, war es für präferentielle
folge auf 160 000 t im ZWJ 2011/12 ansteigen. Exporteure vielfach profitabler, in andere Länder als
Der Weltzuckerverbrauch (Tabelle 3) ist, bedingt die EU zu exportieren. Um einen ausgeglichenen
durch die Finanzkrise und hohe Weltmarktpreise,
innerhalb der letzten vier Jahre im Wesentlichen kon- 4
stant geblieben. Erwartungen zufolge soll sich dies im Alle Gesetzestexte der Europäischen Union sind Auszü-
ge aus EUROPÄISCHE UNION (versch. Jgg.).
laufenden ZWJ ändern. Die Nachfrage wird schät- 5
Alle Mengen in Kapitel 2 sind in Weißzuckerwerten
zungsweise um 3,8 Mio. t auf 163,9 Mio. t ansteigen.
(WZW) angegeben, während die Mengen in den Kapi-
Die Langzeitwachstumsraten des Zuckerverbrauchs teln 1 und 3 in RW angegeben sind. Der Umrechnungs-
werden leicht über 2 % eingeschätzt. In Industrielän- faktor beträgt 0,92.
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Die landwirtschaftlichen Märkte an der Jahreswende 2011/12
Tabelle 4. EU-Produktion im vergangenen und laufenden ZWJ (in WZW)
Quote Produktion Produktion
ZWJ 2010/11 ZWJ 2011/12
Zucker Isoglukose Zucker Isoglukose Zucker Isoglukose
Belgien 676 235 114 580 686 550 114 580 863 658 114 580
Bulgarien - 89 198 89 198 89 198
Tschechien 372 459 - 458 906 - 520 229 -
Dänemark 372 383 - 453 395 - 472 157 -
Deutschland 2 898 256 56 638 3 442 683 56 638 4 471 552 56 638
Griechenland 158 702 - 77 182 - 85 346 -
Spanien 498 480 53 810 528 837 53 810 536 042 53 810
Frankreich
Mutterlanda 3 004 811 - 4 257 419 - 4 725 100 -
Überseedepartements 432 220 - 268 995 - 250 000 -
Italien 508 379 32 493 554 530 32 493 449 502 32 493
Litauen 90 252 - 100 566 - 127 104 -
Ungarn 105 420 220 266 120 500 220 266 123 993 220 266
Niederland 804 888 - 873 130 - 1 005 700 -
Österreich 351 027 - 444 264 - 409 352 -
Polen 1 405 608 42 861 1 432 529 42 861 1 710 688 42 861
Portugal
Festland - 12 500 12 500 12 500
Azoren 9 953 - 1 300 - 714 -
Rumänien 104 689 - 123 664 - 137 989 -
Slowakei 112 320 68 095 129 930 68 095 181 899 68 095
Finnland 80 999 - 80 273 - 85 778 -
Schweden 293 186 - 285 450 - 406 530 -
UK 1 056 474 - 995 000 - 1 263 891 -
Gesamt 13 336 741 690 441 15 315 103 766 441b 17 827 224 740 441b
a
48 025 t der Quote wurden von den französischen Überseedepartements an Firmen im Mutterland übertragen. b Daten für Isoglukose-
produktion außerhalb der Quote sind nicht auf MS-Basis erhältlich und noch nicht erhältlich für das ZWJ 2011/12.
Quellen: EUROPÄISCHE KOMMISSION (2011a), eigene Berechnungen
Markt zu erreichen, muss die EU jährlich etwa 3,0 dies in Form eines Erlasses der normalerweise prohi-
Mio. t Zucker importieren. Präferentielle Importe in- bitiven Überschussabgabe in Höhe von 500 €/t umge-
nerhalb der vier existierenden Kategorien betrugen setzt (Verordnung (EU) 222/2011 der Kommission).
indes nur 2,8 Mio. t (EUROPÄISCHE KOMMISSION, Diese Maßnahme ermöglichte es, die Gesamtquoten-
2011a). Im ZWJ 2009/10 waren die präferentiellen produktion auf 14,3 Mio. t zu erhöhen, 300 000 t mehr
Importe mit 2,5 Mio. t sogar noch niedriger ausgefal- als die eigentliche Quote. Seit Beginn des ZWJ bis zur
len, was zu einer Abnahme der Bestände zum Ende Entscheidung der Reklassierung hatte die Kommission
dieses ZWJ führte (Tabelle 5). erwogen, das Exportlimit für Nichtquotenzucker um
Um die sich abzeichnende Knappheit nach zwei 350 000 t zu erweitern. Die Entscheidung wurde
aufeinanderfolgenden Jahren mit unzureichenden mehrfach vertagt und endgültig verworfen, als die
Importen auszugleichen, veranlasste die Europäische Reklassierung beschlossen wurde (F.O. LICHT, versch.
Kommission verschiedene Maßnahmen. Bereits zum Jgg.). Nichtquotenzucker kann für gewöhnlich expor-
Jahresende 2010 wurde der Zoll innerhalb der Import- tiert, zur Ethanolproduktion verwendet oder an die
quote für sogenannte CXL-Importe bis Ende August Chemie- oder Hefeindustrie verkauft werden. Den
2011 auf Null gesetzt, um sicher zu stellen, dass diese beiden letztgenannten Sektoren wird eine zollfreie
Quote gefüllt wird (NOLTE und GRETHE, 2011). Im Importquote in Höhe von 400 000 t gewährt, um den
März 2011 wurde entschieden, 500 000 t Nichtquo- Zugang zu Zucker auf Weltmarktpreisniveau sicher-
tenzucker und 26 000 t Nichtquoten-Isoglukose zu zustellen und somit ihre Wettbewerbsfähigkeit auf
„reklassieren” (Tabelle 6), d.h für den Verkauf auf Exportmärkten zu verbessern. Normalerweise wird
dem Lebensmittelmarkt freizugeben. Technisch wurde diese Quote nur zu einem geringen Teil gefüllt, sie
31GJAE 61 (2012), Supplement
Die landwirtschaftlichen Märkte an der Jahreswende 2011/12
Tabelle 5. EU-Bilanz für Quotenzucker und Kommission) zu eröffnen. Beide Quoten wurden
-isoglukose im vergangenen und so hoch überboten, dass nur 1,8 % der Gebote der
laufenden ZWJ (1 000 t WZW) ersten Quote und 1,28 % der Gebote der zweiten
2009/10 2010/11 2011/12 Quote akzeptiert werden konnten. Bereits kurz
Anfangsbestände 1 843 1 177 1 928 nach der Entscheidung zur zweiten zollfreien
Produktion a
13 956 14 313 13 753 Quote wurde eine Reihe von Ausschreibungen
Importe eröffnet, in denen Firmen auf Importlizenzen für
als Zucker 2 499 3 628 2 850 Zucker bieten konnten. Das Angebot musste eine
in verarbeiteten Produkten 497 528 528 Zuckermenge und einen Zoll enthalten, den sie zu
Verbrauch 16 500 16 500 16 600
zahlen bereit waren, um diese Menge zu importie-
Exporte
als Zucker 100 40 40
ren. Fünf solcher Ausschreibungen wurden zwi-
in verarbeiteten Produkten 1 018 1 177 1 177 schen Juli und September durchgeführt. Im Rah-
Endbestände 1 177 1 928 1 241 men dieses Verfahrens wurden insgesamt
a
Produktion im ZWJ 2010/11 beinhaltet reklassierten Nichtquotenzucker 333 000 t Zucker importiert (WZW), 83 % davon
und -isoglukose. als Rohzucker (F.O. LICHT, versch. Jgg.).
Quelle: EUROPÄISCHE KOMMISSION (2011a) Diese zusätzlichen Importe erhöhten die ge-
samten Quotenimporte auf 3,6 Mio. t (siehe Ta-
belle 5). Im Ergebnis war der EU-Markt damit
Tabelle 6. EU-Bilanz für Nichtquotenzucker und
mehr als ausreichend versorgt, und die Lagerbe-
-isoglukose im vergangenen und
stände wuchsen zum Ende des ZWJ um 750 000 t
laufenden ZWJ (1 000 t WZW)
im Vergleich zum Vorjahr. Überraschenderweise
2009/10 2010/11 2011/12 kam es trotz dieser an sich ausreichenden Bestän-
Produktion 4 663 2 859 4 920
de auf EU-Niveau zu einer Knappheit. Der EU-
Importe 8 54 55
Marktpreis (ab-Werk) für Rübenzucker hatte
Verbrauch
Industrie 646 650 650
schon im Februar 2011 seinen Rückgang beendet
Bioethanol 1 346 932 1 300 und seit Beginn 2011 stieg er merklich an, bis er
Reklassierung 526 im September, dem letzten Monat, für den bisher
Übertragung 564 106 1 625 Preisnotierungen verfügbar sind, 570 €/t erreichte.
Exporte 2 115 700 1 400 Innerhalb der ersten drei Jahre der neuen Markt-
Endbestände 0 0 0 ordnung, in denen die Weltmarktpreise verhält-
Quelle: EUROPÄISCHE KOMMISSION (2011a) nismäßig niedrig waren, lag der interne Preis
relativ nah am Referenzpreis. Seit Jahresmitte
2009, als die Weltmarktpreise im Wesentlichen
stärkt jedoch die Verhandlungsposition der Käufer über dem Referenzpreis lagen, begann sich der
und gewährleistet damit, dass die Preise für Industrie- Marktpreis jedoch zusehends vom institutionellen
zucker auf dem EU-Markt nicht über dem Preis von Preis zu lösen (Abbildung 2). Allerdings beeinträchti-
zollfrei eingeführtem Import-zucker liegen. Da die gen einige Faktoren den repräsentativen Charakter der
Beschaffung von Zucker auf dem Weltmarkt im ZWJ von der Kommission veröffentlichten Ab-Werk-Preise
2010/11 schwierig war, zeigten sich die Abnehmer in für den EU-Marktpreis. Lieferverträge zwischen Zu-
der EU-Hefeindustrie über die Entscheidung der ckerfabriken und Verkäufern oder Lebensmittelher-
Kommission, Nichtquotenzucker zu reklassieren, be- stellern werden üblicherweise auf 6 oder 12 Monate
sorgt (F.O. LICHT, versch. Jgg.). Allerdings blieben die im Voraus abgeschlossen. Der Spotmarkt für Zucker
gezahlten Preise für Industriezucker im ZWJ 2010/11 in der EU, d.h. Transaktionen außerhalb solcher Ver-
relativ stabil und lagen Preisstatistiken der EUROPÄI- träge, macht nur einen geringen Anteil am gesamten
SCHEN KOMMISSION (2011b) zufolge merklich unter Markt aus. Die genannten Ab-Werk-Preise sind ein
den Weltmarktpreisen. gewichteter Durchschnittswert von Lieferungen aus
Als weitere Maßnahme entschied sich die Kom- Langzeitverträgen und Transaktionen auf dem Spot-
mission dazu, zwei zollfreie Importquoten in Höhe von markt. Eine Abweichung des Spotpreises von im Vo-
300 000 t im März (Durchführungsverordnung (EU) raus ausgehandelten Preisen in Lieferverträgen hat
302/2011 der Kommission) und weiteren 200 000 t im demzufolge nur einen schwachen Effekt auf den ver-
Juni (Durchführungsverordnung (EU) 589/2011 der öffentlichten Durchschnittspreis, obwohl dieser Preis
32GJAE 61 (2012), Supplement
Die landwirtschaftlichen Märkte an der Jahreswende 2011/12
Abbildung 2. Referenz- und Marktpreis (ab Werk) für Weißzucker in der EU
€/t 700
600 EU-Marktpreis
500
400
Referenzpreis
300
Weltmarktpreis
200
Quellen: EUROPÄISCHE KOMMISSION (2011b), USDA (2011a, 2011b), eigene Berechnungen
als der bessere Indikator für die momentane Knapp- (Durchführungsverordnung (EU) 461/2011 der Kom-
heit gelten mag. Außerdem erfasst die Preisberichter- mission). Diese zusätzlichen Exportlizenzen wurden
stattung nur Preise von Firmen und Raffinerien inner- innerhalb einer Woche nach Eröffnung des Vergabe-
halb der EU. Preise für importierten Weißzucker, der verfahrens am 1. Juli vollständig beantragt und zuge-
allerdings nur einen kleinen Anteil am EU-Markt teilt. Dies gab den Zuckerproduzenten die Sicherheit,
ausmacht, werden nicht in die Berechnungen für den dass beträchtliche Mengen an Nichtquotenzucker ab-
genannten Preis einbezogen. Während der oben be- gesetzt werden können. Darüber hinaus gab die Zutei-
schriebenen Importausschreibungen machte Weißzu- lung der Exportlizenzen aus dem Kontingent des alten
cker nur einen Anteil von 17 % der getätigten Importe ZWJ der Europäischen Kommission die Flexibilität,
aus. Zölle, die für Importe von Weißzucker gezahlt die Exportlizenzen für das ZWJ 2011/12 auf das volle
wurden, lagen zwischen 217 €/t im Juni und 309 €/t WTO-Limit zu steigern, was im November geschah
im September. Werden diese Zölle zum Weltmarkt- (Durchführungsverordnung (EU) 1238/2011 der Kom-
preis addiert, lag der resultierende Preis für importier- mission). Die ausgestellten Exportlizenzen für Zucker
ten Zucker zwischen 717 €/t im Juni und 824 €/t im im laufenden ZWJ betragen 1 350 000 t, aber zu-
September. Andere Quellen (BLOOMBERG, 2011a; sammen mit den Lizenzen aus dem ZWJ 2010/11
THE IRISH TIMES, 2011; F.O. LICHT, versch. Jgg.) werden die physischen Exporte im ZWJ 2011/12 bei
bestätigen diesen Preisbereich und geben teilweise 2 050 000 t liegen. Erwartungsgemäß verärgerte die-
noch höhere Preise an. ser Zug andere zuckerexportierende Länder, wie z.B.
Um eine ähnliche Entwicklung für das laufende Australien und Brasilien. Brasilien kündigte bereits
ZWJ 2011/12 zu verhindern, hat die Europäische an, dass es den Rechtsstatus dieser Exporte in der
Kommission bereits im Frühjahr 2011 Schritte einge- WTO anfechten wolle. Dies mag allerdings eher rheto-
leitet, um Landwirten Anreize für eine höhere Rüben- risch gemeint sein, da es ohnehin sehr unwahrschein-
produktion zu setzen. Ende März kündigte die Kom- lich ist, dass die EU im Falle der von der Europäi-
mission an, dass sie die Exportlizenzen für Nichtquo- schen Kommission vorgeschlagenen Abschaffung der
tenzucker für das ZWJ 2010/11 um 700 000 t erhöhen Quoten in wesentlichem Umfang Exportsubventionen
wolle. Zusammen mit Lizenzen, die bereits im Jahr 2010 für Zucker zahlen würde. Unsubventionierte Exporte
vergeben wurden, erhöhte sich die Gesamtmenge für wären in einem solchen Szenario nicht mehr als
Exportlizenzen für das ZWJ 2010/11 auf 1 350 000 t, kreuzsubventioniert zu betrachten, und sie wären des-
nahe an der WTO-Obergrenze von 1 374 000 t. Diese halb nicht mehr an die WTO-Obergrenzen gebunden.
Lizenzen konnten jedoch erst ab September 2011 (bis Die Sicherung von möglichen Absatzmärkten für
Dezember 2011) genutzt werden, als Zucker aus dem Nichtquotenproduktion hatte den gewünschten Effekt
Erntejahr 2011 bereits erhältlich war. Eine entspre- auf die Rübenfläche, und aufgrund des trockenen Wet-
chende Verordnung wurde im Mai veröffentlicht ters während der Aussaat sowie eines nassen Sommers
33GJAE 61 (2012), Supplement
Die landwirtschaftlichen Märkte an der Jahreswende 2011/12
erreichte die Rübenernte von 2011 in vielen MS Re- Zuckerquote (Mutterland) hält, bekannt, dass sie einen
kordhöhen. Die gesamte Zuckerproduktion in der EU bisherigen Mitbewerber, die Societé Vermandoise,
im ZWJ 2011/12 wird momentan auf 17,8 Mio. t und deren Anteil bei 14 % der französischen Quote liegt,
damit 2,5 Mio. t höher als im Vorjahr und 4,5 Mio. t übernehmen wird. Diese Übernahme würde Cristal
über der aggregierten Quote geschätzt (Tabelle 4). Union, bezogen auf den Anteil an der Zuckerquote,
Griechenland, Italien, die Azoren und die französi- zum zweitgrößten Zuckerproduzenten Frankreichs
schen DOM konnten im Gegensatz zu allen anderen und zum fünftgrößten innerhalb der EU machen (F.O.
MS ihre Quoten nicht füllen. LICHT, versch. Jgg.).
Trotz der Rekordernte und der seit Juli 2011 sin- Nachdem der Rat und das Europäische Parlament
kenden Weltmarktpreise scheint die Aufwärtstendenz ihr Einverständnis gegeben hatten, wurden im Novem-
der EU-Marktpreise des vorherigen ZWJ die Vertrags- ber 2011 Steviolglykoside, auch bekannt als E 960
verhandlungen für Lieferungen für das laufende ZWJ oder einfach nur Stevia, als Nahrungsmittelzusatz
dominiert zu haben. Quellen aus der Lebensmittelin- in der EU zugelassen (Verordnung (EU) 1131/2011
dustrie berichten von vereinbarten Preisen zwischen der Kommission). Mehrere Zuckerproduzenten in der
750 €/t und 800 €/t. Diese Entwicklung scheint sich EU gaben die Entwicklung von Stevia-basierten
ebenso in den Einzelhandelspreisen niederzuschlagen. Süßstoffen in Zusammenarbeit mit Firmen bekannt,
Die Verkaufspreise für Haushaltszucker in Deutsch- die bereits Erfahrungen aus Märkten mitbringen, in
land beispielsweise, die bis Ende 2010 auf 80 % ihres denen Stevia schon seit längerem genutzt wird (F.O.
Niveaus vor der Reform (2005) gesunken waren, stie- LICHT, versch. Jgg.). Quellen aus der Industrie zufol-
gen zu Beginn des ZWJ im Oktober auf 91,4 % und ge wird Stevia zunächst jedoch nicht als ernstzuneh-
im November auf 95,2 % des Niveaus vor der Reform mende Konkurrenz zum Zucker- oder Isoglukose-
an (STATISTISCHES BUNDESAMT DEUTSCHLAND, 2011). markt in der EU angesehen. Die Konsistenz sowie der
Mit dem Ziel, eine Knappheit, vergleichbar der im Geschmack von Stevia, die sich von Zucker stark
ZWJ 2010/11, zu vermeiden, wurde auch in diesem unterscheiden, engen die Substitutionsmöglichkeiten in
ZWJ der Verkauf von bestimmten Mengen Nicht- der Lebensmittelindustrie stark ein. Stevia wird dem-
quotenzucker und -isoglukose auf dem Quotenmarkt nach hauptsächlich in Limonaden als Ersatz für künst-
genehmigt. Anders als im vorherigen ZWJ, wurde die liche Süßstoffe eingesetzt werden. In Zukunft sind
Überschussabgabe allerdings nicht komplett erlassen, jedoch Mischungen von Stevia mit Zucker vorstellbar,
sondern auf 85 €/t reduziert (Durchführungsverord- um eine kalorienarme Alternative zu Produkten zu
nung (EU) 1240/2011 der Kommission). Entsprechen- bieten, die bisher ausschließlich mit Zucker gesüßt
de Anträge von Produzenten wurden Anfang Dezem- werden.
ber in Höhe von 400 000 t Zucker und 21 000 t Iso-
glukose akzeptiert (Durchführungsverordnungen (EU)
der Kommission 1308/2011 und 1308/2011). Insge- 3 Ausblick
samt ist das mehr als die 324 000 t des kumulativen
Defizits der o.g. MS, die ihre Quote im ZWJ 2011/12 Im Oktober 2011 präsentierte der EU-Agrarkommissar
nicht erfüllen konnten. Dacian Çiolos dem Europäischen Parlament die
Schließlich hat die Europäische Kommission, Vorschläge der Europäischen Kommission für die
wahrscheinlich in Erwartung unzureichender Importe Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) in der Haushalts-
aus den AKP-Staaten (Afrika, Karibik und Pazifik) periode 2014-2020. Für Zucker und Isoglukose schlug
und Ländern aus der Gruppe der am wenigsten ent- die Kommission nach dem Auslaufen der gegenwär-
wickelten Länder im restlichen ZWJ, wie schon im tigen Regelung im Oktober 2015 die Abschaffung der
ZWJ 2010/11 eine Ausschreibung eröffnet, um Zucker Quoten vor (EUROPÄISCHE KOMMISSION, 2011c).
zu ermäßigten Zollsätzen einzuführen. Die ersten bei- Bereits im November 2010 hatte die Kommission eine
den Chargen von zusammen über 136 000 t Roh- Abschaffung der Quoten als mögliche Option vorge-
zucker wurden zu Zöllen von 252,50 €/t bzw. 263,50 €/t schlagen, damals allerdings von einem „sanften“ Aus-
(BLOOMBERG, 2011b) zur Einfuhr in die EU zugelas- laufen gesprochen (EUROPÄISCHE KOMMISSION, 2010).
sen. Im September 2011 und damit einen Monat vor der
In Frankreich wird die Konzentration der Zucker- Veröffentlichung der Vorschläge der Kommission
industrie im nächsten Jahr zunehmen, wenn die Kar- berichtete die Presse allerdings bereits von einer ano-
tellbehörden dies zulassen. Im Oktober gab die Cristal nymen Information, dass die Kommission eine Ab-
Union, welche momentan 20 % der französischen schaffung beginnend ab 2016 beabsichtige.
34GJAE 61 (2012), Supplement
Die landwirtschaftlichen Märkte an der Jahreswende 2011/12
Der Wegfall der Quoten würde den Wettbewerb gig von ihrer Wettbewerbsfähigkeit gegen die Ab-
zwischen den inländischen Produzenten um den ge- schaffung ausgesprochen haben (CIBE, 2011; INTER-
genwärtigen Quotenmarkt, d.h. Zucker für den Ge- NATIONAL SUGAR JOURNAL, 2011a). In diesem Zu-
brauch in Lebensmitteln, erhöhen. Die Quotenab- sammenhang ist es interessant, auf Pläne hinzuweisen,
schaffung würde den Außenschutz zunächst unange- die Zuckerindustrie in Irland wiederzubeleben, die
tastet lassen, wenngleich der britische Staatsminister während des Umstrukturierungsprozesses nach der
für Landwirtschaft und Ernährung, James Paice, ein- Reform von 2006 aufgegeben wurde. Eine Mach-
hergehend mit der Abschaffung der Quote eine Libe- barkeitsstudie basierend auf der Annahme eines Prei-
ralisierung der Handelsregelung für Zucker forderte ses in Höhe von 570 €/t und einer Produktionskapazi-
(AGRA-EUROPE WEEKLY, 2011). Eine solche unilate- tät von 154 000 t, was in etwa der inländischen Nach-
rale, von einem WTO-Abkommen losgelöste Liberali- frage entspricht, kam zu dem Ergebnis, dass das Vor-
sierung ist allerdings eher unwahrscheinlich, da die haben realistisch und profitabel sein könnte (THE
EU „Verhandlungskapital“ in der WTO oder auch für IRISH TIMES, 2011). Andere verfügbare quantitative
bilaterale oder regionale Handelsabkommen verlieren Studien erwarten jedoch einen wesentlich niedrigeren
würde. Zuckerpreis nach Abschaffung der Quote (siehe unten).
Die Abschaffung der Quote wird zuallererst dazu Die gegenwärtigen Nutzungsmöglichkeiten für
führen, dass die gesetzliche Unterscheidung von Quo- Nichtquotenzucker und ihre Zukunft sind ein weiterer
tenzucker und Nichtquotenzucker sowie -rüben ent- sehr komplexer Aspekt einer Quotenabschaffung. Wie
fällt. Die Hersteller werden in Zukunft nicht mehr zu im vorherigen Absatz beschrieben, müssen Ethanol-
niedrigeren Preisen auf den Weltmarkt exportieren produzenten nach Abschaffung der Quote mit dem
oder an die Chemie- und Hefeindustrie liefern, wenn Lebensmittelsektor um Rüben konkurrieren, was den
es keine gesetzliche Regelung gibt, die ihnen dies Einsatz von anderen Rohmaterialien, hauptsächlich
vorschreibt. Der gesamte Zucker, der in der EU herge- Getreide und Melasse, relativ vorzüglicher werden
stellt wird, wird also auf den Lebensmittelmarkt drän- lassen würde. Die Nutzung von Rüben zur Ethanol-
gen. Ebenso werden Ethanolproduzenten (wenn auch produktion wird ceteris paribus zurückgehen. Die
in vielen Fällen identisch mit den Zuckerproduzenten) Chemie- und Hefeindustrie nutzen momentan ca.
denselben Preis für Rüben zahlen müssen wie die 650 000 t Nichtquotenzucker (siehe Tabelle 6). Wie
Zuckerproduzenten. Zum Zweiten werden Hersteller, bereits oben erwähnt, ist diesen Sektoren durch die
die zu günstigeren Preisen produzieren können als Marktordnung Zugang zu Zucker zu Weltmarkt-
andere und zugleich über zusätzliche Kapazitäten preisen garantiert. Wenn der gesamte EU-Zucker für
verfügen, ihre Produktionsmenge ausdehnen. In bei- den Verkauf auf dem jetzigen Quotenmarkt berechtigt
den Fällen wird dies Druck auf die inländischen Preise sein wird, kann diese Garantie nicht mehr aufrecht
ausüben und weniger wettbewerbsfähige Produzenten erhalten werden, es sei denn, die Weltmarktpreise
vom Markt verdrängen. Als Nettoeffekt wird sich liegen über den inländischen Preisen. Die momenta-
voraussichtlich eine Ausdehnung der EU-Produktion nen Gesetzesentwürfe sind noch nicht sehr detailliert,
ergeben, die Produktion in einigen MS könnte jedoch und es werden keine konkreten Vorschläge gemacht,
völlig eingestellt werden. Abhängig vom Weltmarkt- wie mit dieser Situation umgegangen werden soll. Es
preis wird die EU entweder ein Nettoimporteur blei- ist jedoch anzunehmen, dass diesen Sektoren ein An-
ben, einen ausgeglichenen Selbstversorgungsgrad er- stieg der zollfreien Importquote gewährt wird (mo-
reichen oder sogar wieder zu einem Nettoexporteur mentan 400 000 t), sodass sie ihren kompletten Bedarf
werden. Agrarmärkte sind jedoch bekannt für eine aus Importen decken können. Es gibt allerdings einige
äußerst geringe Eigenpreiselastizität der Nachfrage. Firmen in der Hefeindustrie, die statt Zucker Melasse
Daher wird der gesamte Marktwert der EU-Zucker- als Substrat verwenden. Der Wettbewerb um Melasse
produktion trotz des Anstiegs der Produktionsmenge wird sich intensivieren, da sie auch für Ethanolprodu-
höchstwahrscheinlich abnehmen. Dies gilt sowohl für zenten als Rohstoff attraktiver wird. Diese Firmen
den gesamten Markt als auch für einzelne MS, auch werden dann entweder ihre Produktionsprozesse auf
für solche, die ihre Produktion beträchtlich ausdeh- die Nutzung von Zucker umstellen oder höhere Preise
nen.6 Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass für Melasse zahlen müssen, sodass sich ein Kostenan-
Zuckerfabrikanten und Rübenanbauer sich unabhän- stieg ergäbe. Bei einer Abschaffung der Quote gäbe es
ohne Exportsubventionen keine signifikanten Zucker-
6
Im Fall von sehr hohen Weltmarktpreisen kann sich dies exporte aus der EU mehr, solange der Inlandspreis
ändern. oberhalb des Weltmarktpreises läge. Die Übertragung
35GJAE 61 (2012), Supplement
Die landwirtschaftlichen Märkte an der Jahreswende 2011/12
von Zuckermengen in folgende ZWJ wäre nicht mehr schuss in den letzten Jahren trotz des jüngsten An-
anwendbar. stiegs des internen Zuckerpreises eine steigende Ten-
Die gegenwärtigen präferenziellen Importeure denz aufwies. Eine Abschaffung der Quoten, die das
würden durch die Quotenabschaffung Marktanteile Preisgefälle zwischen internationalen und Weltmärk-
verlieren. Da die quantitativen Restriktionen (sofern ten absenken wird, wird die Wettbewerbsfähigkeit der
überhaupt noch vorhanden) nicht beseitigt würden, Lebensmittelindustrie erhöhen, und der Handelsüber-
wäre der einzig fühlbare Effekt für sie der niedrigere schuss würde voraussichtlich weiter ansteigen. Dies
Preis auf dem EU-Markt. Der Hauptteil der momenta- wiederum würde die gesamte inländische Nachfrage
nen Importmenge von 3,0 Mio. t kommt als Rohzu- (d.h. einschließlich der Nachfrage der Lebensmittelin-
cker auf den EU-Markt, der zunächst raffiniert werden dustrie für Exporte) weiter ansteigen lassen. Es ist
muss, bevor er im Einzelhandel verkauft bzw. in der jedoch sehr schwierig, diesen Effekt a priori quantita-
Lebensmittelindustrie genutzt werden kann. Werden tiv einzuschätzen.
diese Importe von inländischem Zucker verdrängt, der Bisher wurden drei quantitative Analysen veröf-
nicht raffiniert werden muss, werden die EU-Raffine- fentlicht, die den Effekt der Quotenabschaffung ab-
rien zunehmend größere Schwierigkeiten haben, ihre schätzen: die Europäische Kommission hat eine Stu-
Kapazitäten auszulasten. Ihre Belange sind daher eng die zur Folgenabschätzung (Impact Assessment, IA)
mit denen der präferentiellen Importeure verknüpft. einer Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP)
Die Forderung Großbritanniens nach Liberalisierung vorgelegt, die auf dem partiellen Gleichgewichtsmo-
der Einfuhrregelung für Zucker ist insofern nicht ver- dell Aglink basiert (EUROPÄISCHE KOMMISSION,
wunderlich, als es momentan über den größten Raffi- 2011d); das Landbouw Economisch Instituut in den
neriesektor aller MS der EU verfügt. Niederlanden (LEI) veröffentlichte eine Analyse, ba-
Die EU-Produzenten für Isoglukose werden ihre sierend auf dem CAPRI-Modell (SMIT und DE BONT,
Mengenrestriktionen ebenfalls verlieren. Daher ist es 2011), und die Universität Gent (UGENT) veröffent-
gut möglich, dass die Isoglukoseproduktion nach Ab- lichte eine Studie, basierend auf einem räumlichen
schaffung der Quote ansteigen wird. Der gegenwärti- Gleichgewichtsmodell (NOLTE et al., 2012a). Alle Stu-
ge Anteil von Isoglukose auf dem Markt für kalorien- dien nutzen das ZWJ 2019/20 als Projektionshorizont.
haltige Süßungsmittel in der EU liegt bei 4 %, wäh- Die drei Studien treffen stark divergierende An-
rend er in den USA bei 40 % liegt. Demzufolge ist ein nahmen im Hinblick auf die Produktions- und Kon-
Potential für eine Expansion sicherlich gegeben. Die summengen der Basisperiode und die wirtschaftliche
Wettbewerbssituation für Isoglukose auf dem EU- Beziehung zwischen den gegenwärtigen Quoten- und
Markt ist jedoch schlechter als in den USA, weil das Nichtquotenmärkten. IA und LEI beschreiben ihre
Verhältnis von Zucker- zu Stärkepreisen in der EU Annahmen im Hinblick auf Nichtquotenzucker nicht.
weniger günstig, wenngleich immer noch günstiger In ihren Simulationen steigt die Nachfrage nach Nicht-
als auf dem Weltmarkt ist. Die Abschaffung der Quo- quotenzucker nach Abschaffung der Quoten, was in
te wird dieses Verhältnis weiter zu Ungunsten von der Realität nicht zu erwarten wäre und vermuten
Isoglukoseproduzenten in der EU verschieben. Ein lässt, dass auch die Nachfrage nach Nichtquotenzu-
weiterer unbekannter Faktor ist der Anteil an der ge- cker in den verwendeten Modellen eine Funktion des
genwärtigen Verwendung von Zucker in der Lebens- Preises für Quotenzucker ist. In den Simulationen von
mittelindustrie, für den Isoglukose relativ unkompli- UGENT wird Nichtquotenzucker nicht explizit abge-
ziert als Ersatz verwendet werden kann. Als Konse- bildet. Ein Teil des von UGENT simulierten Produk-
quenz sind verschiedene Szenarien denkbar: Die Iso- tionsanstiegs muss daher als Umlenkung von Nicht-
glukoseproduktion könnte nach Abschaffung der Quo- quotenzucker interpretiert werden.
te expandieren, aber auch vollständig zum Erliegen Das IA der Kommission projiziert als Konse-
kommen (NOLTE et al., 2011). quenz der Quotenabschaffung einen Anstieg der EU-
Schließlich wäre die Lebensmittelindustrie von Zuckerproduktion von 17,5 Mio. t auf 17,8 Mio. t,
einer Abschaffung der Quote betroffen. Wie aus Ta- weist allerdings keine Ergebnisse für einzelne MS aus.
belle 5 ersichtlich, führen die Exporte der Lebensmit- Werden die Quoten bis 2020 beibehalten, wird den
telindustrie zu einer signifikant positiven Handelsbi- Simulationen zufolge der Inlandspreis nahe am Refe-
lanz für EU-Zucker in verarbeiteten Produkten. Be- renzpreis von 404,40 €/t liegen, wohingegen er bei
zeichnend für die hohe internationale Wettbewerbsfä- einer Abschaffung mit 389 €/t um 3,5 % niedriger
higkeit dieses Sektors ist, dass dieser Handelsüber- läge. Die mit Zuckerrüben bestellte Fläche stiege um
36GJAE 61 (2012), Supplement
Die landwirtschaftlichen Märkte an der Jahreswende 2011/12
1,9 %. Wie bereits oben erwähnt, nähme die Nachfrage duktion erhöht sich um 17 %, wobei ein Teil hiervon
aus gegenwärtig Nichtquotenzucker nachfragenden als Umleitung von Nichtquotenproduktion auf den
Sektoren zu. Während die EU ein bedeutsamer Net- inländischen Markt interpretiert werden muss. Für
toimporteur von Zucker bliebe, stiegen auch die Ex- zehn der MS, die Zucker produzieren, wird ein Pro-
porte leicht an. Gemäß der Argumentation am Anfang duktionsanstieg simuliert, während in den übrigen MS
dieses Kapitels sollten Exporte allerdings – anders als ein Rückgang erwartet wird. Frankreich, Deutschland
hier simuliert - auf den heimischen Markt umgeleitet und Polen sind die MS, in denen die Produktion am
werden, wo sie einen höheren Preis erzielen und dort meisten steigen wird. Die Einfuhren der EU werden
Importe verdrängen. Der Weltmarktpreis wird nur nach der Quotenabschaffung um 70 % sinken. Implizit
schwach beeinflusst (-0,2 %). Im Gegensatz zu den wird angenommen, dass Exporte vollständig einge-
beiden anderen Studien modellieren die Autoren des stellt werden. Die Chemie- und die Hefeindustrie im-
IA die Isoglukoseproduktion endogen. Die Effekte portieren den gesamten Zucker, den sie für ihre Pro-
einer Quotenabschaffung in der Isoglukoseproduktion duktionsprozesse benötigen. Die Ethanolproduzenten
sind mit einer Produktionssteigerung von 2,3 % je- nutzen weiterhin Rüben, wenn auch in geringerem
doch eher gering. Maße. Rüben, die für die Ethanolproduktion angebaut
Das LEI simuliert die Quotenabschaffung nicht werden, sind nicht in den Mengenangaben der o.g.
als individuelles Szenario, sondern kombiniert sie mit Ergebnisse enthalten. Die Studie zeigt auch, dass sich
einem WTO-Abkommen. Diese Studie geht davon die EU wieder als Nettoexporteur auf dem Weltmarkt
aus, dass Zucker nicht als sensibles Produkt deklariert etablieren könnte, wenn der Weltmarktpreis deutlich
wird, und folglich wird eine MFN-Zollreduktion von über den Projektionen der OECD und der FAO läge,
70 % simuliert. Das LEI trifft keine Aussagen zum wenn auch mit bedeutend kleineren Mengen als vor
Weltmarktpreis. Sollten jedoch wie auch im Falle der der Reform von 2006.
beiden anderen Studien die Preisprojektionen der Die Vorschläge für die GAP-Reform der Europäi-
OECD und der FAO (2010) genutzt werden, so würde schen Kommission müssen nun im Parlament und im
der verzollte Importpreis des Weltmarktzuckers im- Rat diskutiert werden. Als Reaktion auf das Positions-
mer noch über dem EU-Referenzpreis liegen, selbst papier der Kommission vom November 2010 hat das
nach einer 70%igen Zollreduktion. Eine Simulation Parlament bereits im Sommer 2011 eine Resolution
der Zollreduktion allein führt zu einem Rückgang der verabschiedet, die zu einer Verlängerung des momen-
EU-Produktion von lediglich 300 000 t. Daher ist tanen Systems bis mindestens 2020 aufruft (EUROPÄI-
insofern eine gewisse Vergleichbarkeit des Abschaf- SCHES PARLAMENT, 2011). Die Positionen der MS im
fungs-Szenarios mit den anderen beiden Studien ge- Rat sind geteilt: Einige unterstützen den Antrag (Groß-
geben, als der hauptsächliche Einfluss aus der Ab- britannien, Schweden, Malta, Estland und Irland),
schaffung der Produktionsquoten resultiert. Das LEI andere fordern eine Verlängerung der Marktordnung
simuliert einen Produktionsanstieg von 10,8 %. (Deutschland, Belgien, Slowakei, Portugal, Ungarn,
Deutschland, Dänemark und die Niederlande steigern Österreich, Frankreich, Litauen und Rumänien) (IN-
ihre Produktion mit 14 % - 31 % den Berechnungen TERNATIONAL SUGAR JOURNAL, 2011a, 2011b). Inte-
zufolge am stärksten. Alle anderen MS, für die indivi- ressanterweise wurden von Seiten der gesetzgebenden
duelle Ergebnisse veröffentlicht wurden, erhöhen ihre Körperschaften der EU bisher keine Stimmen laut, die
Produktion um weniger als 10 %. Überraschender- sich für eine unbegrenzte Verlängerung des momenta-
weise wird für keinen MS, für den Ergebnisse veröf- nen Systems der EU aussprechen.7
fentlicht wurden, eine sinkende Produktion simuliert. Zum Abschluss des Artikels werden zentrale Er-
Die Studie simuliert einen erheblichen Anstieg der gebnisse von zwei modellgestützten Projektionen des
Nachfrage, der sich jedoch vor allem im Bereich der Weltzuckermarkts für das nächste Jahrzehnt präsen-
gegenwärtigen Nichtquotennutzung vollzieht. Exporte tiert. Die Analyse der OECD und der FAO (OECD
und Importe werden auch nach der Abschaffung wei- UND FAO, 2011) basiert auf dem Aglink-Cosimo-
ter in erheblichen Mengen nebeneinander fortbeste- Modellsystem, während die Analyse von FAPRI-ISU
hen, ebenso wie in der IA-Studie. Erstere steigen nach (FAPRI, 2011) auf dem in ein System von anderen
Abschaffung der Quote um 143 % an. FAPRI-Modellen eingebetteten internationalen FAPRI-
UGENT simuliert für das Jahr 2020 unter Quoten Zuckermodell basiert. Beide Studien erwarten ein
einen inländischen EU-Zuckerpreis von 544 €/t, der
deutlich über dem Referenzpreis liegt. Nach Abschaf- 7
Die vorherigen Absätze basieren im Wesentlichen auf
fung der Quote fällt dieser Preis auf 400 €/t. Die Pro- NOLTE et al. (2012b).
37GJAE 61 (2012), Supplement
Die landwirtschaftlichen Märkte an der Jahreswende 2011/12
Wachstum der Weltzuckerproduktion über das kom- Zuckerdefizit im ZWJ 2020/21. Ungeachtet dessen
mende Jahrzehnt, wobei der von OECD/FAO simu- erwarten OECD/FAO Nettoexporte von 0,5 Mio. t,
lierte Anstieg sowohl in absoluter als auch in relativer während FAPRI Nettoimporte von 0,7 Mio. t proji-
Hinsicht stärker ist. Die Basisperiode für die Simula- ziert. In den vergangenen Jahren war die indische
tionen sind für beide Studien die Durchschnittswerte Nettohandelsposition einer der Schlüsselfaktoren für
der drei ZWJ 2008/09 – 2010/11, die jedoch bereits die Entwicklung des Weltmarktpreises.
deutlich voneinander abweichen. OECD/FAO erwar- Entgegen dem rückläufigen Trend der letzten Jah-
ten ein Wachstum der Weltzuckerproduktion von re simulieren beide Studien einen signifikanten Anstieg
32 %, während FAPRI 24 % projiziert. Unter Berück- der Zuckerproduktion in China bis 2020/21. OECD/
sichtigung der defizitären Situation der Basisperiode FAO erwarten ein Wachstum von 44 % und FAPRI
zeigen beide mit 29 % bzw. 20 % ein Wachstum der von 27 %. Der Nachfrageanstieg wird von OECD/
Nachfrage unterhalb des Angebotsanstiegs auf. Ange- FAO höher eingeschätzt als von FAPRI. Als Konse-
bot und Nachfrage sind am Ende des Projektionszeit- quenz steigen Chinas Nettoimporte von 3,3 Mio. t auf
raums im Gleichgewicht und die Lagerbestände liegen 5,4 Mio. t im ZWJ 2020/21, während sie gemäß der
deutlich oberhalb des Niveaus der Basisperiode. FAPRI-Projektionen nur um 0,4 Mio. t ansteigen. Wie
Für die Weltmarktpreise von Rohzucker in der bereits im Kapitel über die Weltmarktentwicklung
Basisperiode nutzen beide Studien die gleiche Quelle. erwähnt, werden die chinesischen Importe vielfach als
Dennoch zeigen die ausgewiesenen Werte eine Ab- Schlüsselfaktor für die mittelfristige Weltmarktpreis-
weichung, da nur für zwei der Jahre Beobachtun- entwicklung angesehen.
gen vorliegen und die Preise im dritten Jahr bereits Der erwartete Produktionsanstieg für Thailand
eigene Simulationen sind. Während die OECD/FAO ist angesichts der letzten Kampagnen, die mit
einen Rückgang der Preise vom momentanen Hoch 10,0 Mio. t. im ZWJ 2010/11 und im ZWJ 2011/12
um 17 % auf 408,1 US$/t im ZWJ 2020/21 proji- die für 2020/21 projizierte Produktion bereits zum
ziert, erwartet FAPRI einen Anstieg um 14 % auf jetzigen Zeitpunkt deutlich übersteigen, verwunder-
549 US$/t.8 Beide Studien berechnen einen Anstieg lich. Man muss allerdings bedenken, dass beide Stu-
der brasilianischen Produktion um etwas weniger als dien früh im Jahr 2011 veröffentlicht wurden, als die
11,0 Mio. t. Da die Basiswerte sich unterscheiden, Schätzungen für die thailändische Ernte im ZWJ
liegen die sich jeweils ergebenden Zuwächse bei 27 % 2010/11 noch bei ungefähr 8,0 Mio. t lagen. Beide
nach OECD/FAO und 31 % nach FAPRI. Beide Quel- Studien projizieren ein Wachstum des Produktionsni-
len simulieren ein Wachstum der brasilianischen Nach- veaus der Basisperiode um 1,0 bis 1,5 Mio. t. Das
frage um 20 %. Konsumwachstum wird auf 25 % geschätzt. Die er-
Schätzungen für den Produktionsanstieg in In- warteten Nettoexporte betragen laut OECD/FAO
dien weichen um einiges voneinander ab. Beide Stu- 5,8 Mio. t und laut FAPRI 5,4 Mio. t.
dien gehen von einem Basisniveau von 21,0 Mio. t Für Australien projizieren beide Studien eine
aus. OECD/FAO projizieren einen Anstieg von Erhöhung der Zuckerproduktion von ungefähr
15,0 Mio. t, FAPRI einen Anstieg von nur 10,7 Mio. t. 1,0 Mio. t. OECD/FAO erwarten einen Anstieg des
Das von FAPRI projizierte Produktionsniveau von australischen Konsums von nur 0,1 Mio. t, was sich in
31,5 Mio. t wurde allerdings schon einmal beinahe um 0,8 Mio. t ansteigenden Nettoimporten nieder-
erreicht, nämlich während der Rekordernte im ZWJ schlägt. FAPRI hingegen erwartet einen doppelt so
2006/07. Die von OECD/FAO erwartete Produktion hohen Anstieg der Nachfrage, wodurch die Netto-
liegt mit 36,5 Mio. t deutlich über diesem historischen exporte um lediglich 0,6 Mio. t ausgedehnt werden.
Höchststand. Beide Studien unterscheiden sich auch Sowohl OECD/FAO als auch FAPRI erwarten
stark in Bezug auf das für Indien erwartete Konsum- ein leichtes Wachstum der Zuckerproduktion in den
wachstum: OECD/FAO erwarten einen Anstieg um USA. OECD/FAO gehen weiterhin von einem Nach-
48 %, während FAPRI von 32 % ausgeht. Das Kon- frageanstieg aus, der zu einem Anstieg der Netto-
sumniveau liegt in beiden Studien etwas unterhalb der importe führt. FAPRI erwartet hingegen, dass die
Inlandsproduktion und es ergibt sich ein leichtes Nachfrage stagniert, wodurch die Nettoimporte zurück-
gehen.
8 Die Ergebnisse der Projektionen für die EU sind
Hierbei handelt es sich um nominelle Preise. Umgerech-
schwierig zu interpretieren, da nicht klar ist, zu wel-
net auf reale Werte in 2011 liegen die Preise bei 349 US$/t
und 469 US$/t, was einem Rückgang von 29 % bzw. chem Grad Nichtquotenzucker und Ethanolrüben in die
3 % entspricht. Berechnungen einfließen und welche Politikinstrumen-
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