Der Weg zur Deutschen Einheit - Dossier - btg-bestellservice

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Der Weg zur Deutschen Einheit
Dossier
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Dossier
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4 Vorwort des Präsidenten des Deutschen Bundestages
                        Prof. Dr. Norbert
                        Dr. Wolfgang      Lammert
                                      Schäuble

                      7 Friedliche Revolution in der DDR – Die Selbstbefreiung der
                        Ostdeutschen von der Diktatur
                      9 Einleitung
                     11 Ermutigende Signale aus Osteuropa
                     13 Wahlfälschung und Konstituierung der Opposition
                     17 Massenflucht
                     19 Montagsdemonstrationen. Die Macht der Straße
                     23 Der Fall der Mauer
                     25 Der Runde Tisch. Auf dem Weg zu freien Wahlen
                     28 Literaturverzeichnis

                     31 Auf dem Weg zur Deutschen Einheit:
                        Die Rolle der Parlamente
                     32 Die einzige frei gewählte Volkskammer der DDR
                     34 Parlamentarische Leistungsbilanz der 10. Volkskammer
                     37 Die Ausschüsse „Deutsche Einheit“ in Bundestag und
                        Volkskammer
                     40 Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vom
                        Juli 1990 – Entscheidender Schritt zur Deutschen Einheit
                     44 Der Beitrittsbeschluss der Volkskammer vom 23. August 1990
                     46 Verabschiedung des Einigungsvertrages
                        am 20. September 1990
                     53 Erste gesamtdeutsche Bundestagswahl am 2. Dezember 1990

Inhaltsverzeichnis

                         2
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59 Dokumente und Materialien
60 „Die Wähler in der DDR bekennen sich zur Einheit“
    (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. März 1990)
62 „Neuer Ausschuß des Bundestags soll Schritte zur Einheit
    kontrollieren“ (Die Welt, 25. April 1990)
63 „Das Tor zur Einheit weit aufgestoßen“
    (Neue Zeit, 22. Juni 1990)
64 „Bundestag: Geeintes Deutschland ist geistige Herausforderung“
    (Neue Zeit, 22. Juni 1990)
65 „In der Knesset nahm Schamir keine Notiz von Israels Gästen.
    Süssmuth und Bergmann-Pohl werben für die deutsche
    Einheit“ (General-Anzeiger, 27. Juni 1990)
66 „Ein deutsches Parlament auf Abruf“
    (die Tageszeitung, 7. Juli 1990)
68 „Trotz Kritik zeichnet sich eine Zweidrittelmehrheit ab“
    (Handelsblatt, 14. September 1990)
69 „Anwälte der Menschen in den neuen Bundesländern“
    (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Dezember 1990)
70 Auszug aus dem Plenarprotokoll vom 28. November 1989
    mit der Vorstellung des 10-Punkte-Programms von
    Bundeskanzler Helmut Kohl
75 Gemeinsame Erklärung der beiden Parlamente zur Garantie
    der polnischen Westgrenze vom 2. Mai 1990
79 Rede der Volkskammerpräsidentin
    Sabine Bergmann-Pohl bei der letzten Sitzung
    am 2. Oktober 1990
82 Informationen zur Arbeit der 10. Volkskammer

85 Chronik

91 Impressum

    3
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Der Verlauf historischer Ereignisse wirkt – wenn überhaupt –
                                    allenfalls im Rückblick geradlinig. Für die Zeitgenossen ist
                                    ein „roter Faden“ kaum erkennbar. Nicht anders ist es mit
                                    der glücklichen, für die meisten Beobachter wie Akteure
                                    überraschenden Wiedervereinigung Deutschlands vor
                                    25 Jahren.
                                    Der Prozess der Deutschen Einheit ist Gegenstand vieler
                                    Publikationen, Erinnerungen und Tagungen, doch gibt
                                    es zur Rolle der beiden deutschen Parlamente bisher nur
                                    wenige Veröffentlichungen. Dabei erteilten die DDR-Bürger,
                                    von   denen hunderttausende
                                    Wir blicken   inzwischen auf drei  mit beispiellosem    Mut auf die
                                                                            Jahrzehnte Deutsche
                                    Straße
                                    Einheitgegangen     waren,
                                             zurück. Dass       ihrer
                                                             unser      zukünftigen
                                                                     Land             Regierung
                                                                            sie in Freiheit        bei
                                                                                             vollenden
                                    der  ersten
                                    konnte,     und
                                              wie     einzigen
                                                   es das        freien DDR-Volkskammerwahl
                                                           Grundgesetz                                am
                                                                           seit 1949 aufgetragen hatte,
                                    18.  März
                                    ist ein    1990 das Mandat
                                            historischer   Glückfall zu–einer  Politik,
                                                                         aber kein      die zu
                                                                                     Zufall.    einer
                                                                                             Vielmehr
                                    raschen
                                    stand dieWiedervereinigung
                                               Wiedervereinigungführte. am EndeDie eines
                                                                                   Wahlbeteiligung
                                                                                         politischen bei
                                    dieser  historischen
                                    Prozesses,             Wahl betrug
                                                der in Danzig,            93,4
                                                                   in Prag,     Prozent und dem
                                                                             in Ungarn        legitimierte
                                    die  neue Regierung,
                                    Baltikum                die Verhandlungen
                                               mit angestoßen      wurde und den   zurBürger
                                                                                       Deutschen
                                                                                              in derEinheit
                                    „so  schnell wie
                                    ehemaligen    DDRmöglich     undvorangetrieben
                                                         mutig mit     so gut wie nötig“  zu führen,
                                                                                        haben.  Niemandso
                                    Lothar
                                    konnte de   Maizière,
                                             damals        damals
                                                      absehen,       Ministerpräsident
                                                                  wohin   der Weg führen  derwürde.
                                                                                               DDR. Aber
                                    Die  Abgeordneten
                                    die Einheit           in der Volkskammer
                                                 ist Wirklichkeit                   wie im
                                                                      geworden, unser       Deutschen
                                                                                         Land   ist staat-
                                    Bundestag    mussten sich im Frühjahr und Sommer 1990
                                    lich zusammengewachsen.
                                    innerhalb
                                    Daran hattenkürzester   Zeit nicht nur
                                                    die demokratisch          mit grundlegenden
                                                                          gewählten   Parlamente beider
                                    Fragen,
                                    deutschersondern
                                                Staaten auch  mit vertraglichen
                                                          entscheidend     Anteil: Details  der Wieder-
                                                                                    Die Abgeordneten
                                    vereinigung
                                    des Deutschen auseinandersetzen.
                                                      Bundestages undDie    dieWährungs-,    Wirtschafts-
                                                                                aus den ersten   freien
                                    und
                                    WahlenSozialunion    sowie1990
                                              vom 18. März      der Einigungsvertrag
                                                                      hervorgegangenen   bildeten  die
                                                                                           Mitglieder
                                    Grundlagen    für die Deutsche
                                    der DDR-Volkskammer.               Einheit. Beide Verträge
                                                                Alle demokratischen               wurden
                                                                                          Kräfte be-
                                    in Volkskammer
                                    wegten   sich in denund   Bundestag Monaten
                                                           stürmischen     intensiv beraten,   bevor die
                                                                                      des Vereinigungs-
                                    Parlamente    sie jeweils mit
                                    jahres im Ungewissen.      Der großen
                                                                     ZeitdruckMehrheiten   billigten.
                                                                                 war immens,

Vorwort des Präsidenten des Deutschen Bundestages
Dr. Wolfgang
Prof.         Schäuble
      Dr. Norbert Lammert

                                    4
Der Weg zur Deutschen Einheit - Dossier - btg-bestellservice
die Zukunft voller offener Fragen. An den Runden Tischen
hatten zuvor Vertreter der DDR-Bürgerbewegung mit An-
gehörigen des maroden Regimes engagiert und ideenreich
über politische Alternativen diskutiert. Doch so wichtig
diese Gremien als Foren des Dialogs waren und dazu bei-
trugen, dass die Revolution einen friedlichen Verlauf nahm:
Die demokratische Legitimität eines gewählten Parlaments
hatten sie nicht. Über den Weg zur Einheit entschieden die
demokratisch gewählten Volksvertretungen.
Gerade Zeiten des Umbruchs bringen parlamentarische
Sternstunden hervor. Die intensiven Debatten um den Weg
zur Wiedervereinigung zählen dazu. Der Deutsche Bun-
destag und die Volkskammer berieten parallel über den
Einigungsvertrag. Dass die Abgeordneten in Bonn und Ost-
Berlin dem Vertragswerk mit großer Mehrheit zustimmten,
Die vorliegende
bedeutete         Broschüre
           den Aufbruch     in enthält unter
                               eine neue,     anderem Texte
                                           gemeinsame    Zukunft.
der Wissenschaftlichen
Nicht                     Dienste des
       nur der Einigungsprozess        Bundestages,
                                    erfolgte          die bereits
                                             unter hohem    Zeit-
zuvor einzeln
druck          veröffentlicht
       – auch in  den Jahren, wurden,    sowie
                                die folgten, warzeitgenössische
                                                  das Tempo der      Die politischen Schritte zur Deutschen Einheit wurden
Presse-Ausschnitte.
Veränderungen         Die Publikation
                 mitunter               beansprucht
                            so rasant, dass           keineswegs,
                                             Verletzungen   nicht    umfangreich dokumentiert und klug analysiert – in Bü-
ein vollständiges
ausblieben.  NichtBild
                    alle der damaligen
                         Wunden    dieserEreignisse
                                           Zeit sindzu  zeichnen.
                                                     verheilt,       chern und Fachaufsätzen, Film- und Rundfunkbeiträgen,
Die Texte
und        und Bilder
     wir verstehen     – darunter
                     heute  besser einige  erstmals
                                    denn je,        veröffentlich-
                                             was Marianne            bei Tagungen und Konferenzen. Dieses Dossier rückt die
te Aufnahmen
Birthler meinte,aus
                  alsdem  Parlamentsarchiv
                      sie einst               – beleuchten
                                sagte: „Vierzig             aber
                                                 Jahre Teilung       besondere Rolle der Parlamente in den Blick. Es greift dabei
einige der vierzig
brauchen    Ereignisse jener
                   Jahre      Wochen
                          Heilung.“    und Monateistund
                                     Mittlerweile         regen
                                                       eine ganze    auf Texte der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages,
an, sich mit aufgewachsen,
Generation   der Deutschen Einheit
                              die keinaus  der Perspektive
                                        geteiltes           der
                                                  Deutschland        Originaldokumente und historische Aufnahmen aus dem
beidenkennt
mehr    deutschen
             und derVolksvertretungen    zu beschäftigen.
                       Freiheit und Demokratie     selbstver-        Parlamentsarchiv sowie zeitgenössische Presse-Ausschnitte
ständlich erscheinen. Dennoch verfestigt sich auch in der            zurück. Sie lassen eines der spannendsten, intensivsten
jungen Generation eine spezifisch ostdeutsche Identität. Der         und schönsten Kapitel der deutschen Geschichte lebendig
gesamtdeutsche Zusammenhalt ist offensichtlich ebenso                werden. Gleich welche Herausforderungen die Zukunft für
wenig selbstverständlich wie Freiheit und Demokratie. Er             unsere Demokratie bereithält: Was auf dem Weg zur Einheit
erfordert unser Engagement, auch 30 Jahre nach der Epo-              geleistet wurde, zeigt, wieviel wir gemeinsam erreichen
Norbert Lammert
chenwende    von 1989/90.                                            können.

                                                                     5
Der Weg zur Deutschen Einheit - Dossier - btg-bestellservice
Der Weg zur Deutschen Einheit - Dossier - btg-bestellservice
Friedliche Revolution in der DDR – Die Selbstbefreiung der Ostdeutschen
von der Diktatur
Der Weg zur Deutschen Einheit - Dossier - btg-bestellservice
Am 4. Oktober 1989 veranstalten
    Oppositionelle unter den Augen der Staats-
    macht in der Ost-Berliner Gethsemanekirche
    eine Mahnwache für inhaftierte Demonstranten.

    Seite 6: Bereits seit 1982 fanden in der Leipziger
    Nikolaikirche am Montag Friedensgebete statt.
    Die Gebete bekamen stets mehr politische
    Relevanz und Zulauf auch von Menschen
    außerhalb des kirchlichen Milieus.

    Umschlag-Innenseite: Einen Tag nach dem
    Mauerfall am 9. November 1989 feiern die
    Menschen vor und auf der Mauer am Branden-
    burger Tor. Auf dem Pariser Platz sichern DDR-
    Grenztruppen den Todesstreifen.

8
Mit der Friedlichen Revolution schrieben die Ostdeutschen
                                                                              herausragendesKapitel
                                                                         ein herausragendes    Kapitelder
                                                                                                       derdeutschen
                                                                                                           deutschenFreiheitsgeschichte,
                                                                                                                        Freiheitsgeschich-
                                                                         te, die
                                                                         die  nurnur wenige
                                                                                  wenige     vergleichbare
                                                                                          vergleichbare      Daten
                                                                                                          Daten     aufzuweisen
                                                                                                                 aufzuweisen   hat.hat.
                                                                                                                                    MitMit
                                                                         Blick auf frühere Erhebungen im kommunistischen Macht-
                                                                         bereich mussten
                                                                         Machtbereich       die DDR-Bürger
                                                                                         mussten              auch 1989
                                                                                                  die DDR-Bürger    auchdavon    ausge-
                                                                                                                           1989 davon
                                                                         hen, dass jeder
                                                                         ausgehen,        neue Versuch
                                                                                     dass jeder           des Aufbegehrens
                                                                                                neue Versuch                  und des
                                                                                                                des Aufbegehrens    und
 Einleitung1                                                             kollektiven
                                                                         des          Widerstands
                                                                              kollektiven           gewaltsam
                                                                                           Widerstands           niedergeschlagen
                                                                                                         gewaltsam                   wird
                                                                                                                      niedergeschlagen
                                                                         – wie–1953
                                                                         wird         der Volksaufstand
                                                                                 wie 1953                 in derinDDR,
                                                                                            der Volksaufstand           1956 1956
                                                                                                                   der DDR,   die Aufstän-
                                                                                                                                    die
„Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und               de in Poleninund
                                                                         Aufstände         Ungarn,
                                                                                        Polen       1968 der1968
                                                                                               und Ungarn,     Prager
                                                                                                                   derFrühling.  Dass
                                                                                                                        Prager Frühling.
 Gebete.“ Diesen Satz formulierte der Einsatzleiter des                  die Volkskammer
                                                                         Dass                nachnach
                                                                               die Volkskammer    der gewaltsamen
                                                                                                       der gewaltsamen Niederschlagung
                                                                                                                          Niederschlagung
 Staatssicherheitsdienstes in dem Film „Nikolaikirche“ nach              des Demokratiebegehrens auf dem Platz des Himmlischen
 dem Roman
 nach          von Erich
       dem Roman           Loest.Loest.
                     von Erich   2
                                   Ein fiktiver,
                                       2         gleichwohl
                                         Ein fiktiver,        ver-
                                                       gleichwohl                     Pekig im
                                                                         Friedens in Peking     Juni
                                                                                              sich   1989
                                                                                                   mit  der sich mit der chinesischen
                                                                                                            chinesischen   Partei- und
 blüffender Satz,
 verblüffender      derder
                 Satz,  dasdas
                            Wesensmerkmal
                                Wesensmerkmal  desdesrevolutionären
                                                        revolutio-       Partei- und Staatsführung
                                                                         Staatsführung                solidarisierte,
                                                                                         solidarisierte, bestärkte diebestärkte die
                                                                                                                        vorhandenen
 Aufbruchs
 nären        der Ostdeutschen
        Aufbruchs                 im Herbst
                     der Ostdeutschen        1989 auf
                                         im Herbst       den
                                                      1989   Punkt
                                                           auf den       vorhandenen
                                                                         Ängste         Ängste und Sorgen.
                                                                                  und Sorgen.
 bringt.bringt.
 Punkt   Gewaltfrei   brachten
                Gewaltfrei      die Bürgerinnen
                             brachten              und Bürger
                                       die Bürgerinnen     und           Dennoch ist es den Ostdeutschen gelungen, sich selbst von
 der DDR
 Bürger 3 die SED-Diktatur zu Fall, drückten die Mauer ein
          der DDR die SED-Diktatur zu Fall, drückten die                 der SED-Diktatur zu befreien. Die Friedliche Revolution
 und
 Mauerwählten
         ein undeinwählten
                    demokratisch    legitimiertes
                            ein demokratisch       Parlament, das
                                                 legitimiertes           und die ersten demokratischen Wahlen in der DDR ermögli- ermög-
 den  Beitrittdas
 Parlament,    der den
                   DDRBeitritt
                         zum Geltungsbereich      des Grundgeset-
                                der DDR zum Geltungsbereich              lichtendie
                                                                         chten    dieWiedervereinigung
                                                                                      Wiedervereinigungbeider
                                                                                                           beiderdeutscher
                                                                                                                   deutscherStaaten
                                                                                                                              Staatenam am
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                                       zur Wiedervereinigung
                                              den Weg zur                3. Oktober 1990. Sie erfolgte im Einvernehmen mit den vier
 Deutschlands    öffnete.
 Wiedervereinigung     Deutschlands öffnete.                             Siegermächten und allen Nachbarstaaten.

 1 Dieser Text basiert auf einem Infobrief der Wissenschaftlichen
 Dienste vom 4. November 2014 – Autor: Dr. Andreas Trampe
 2 Loest (1995), Nikolaikirche. Der zweiteilige Fernsehfilm unter der
 Regie von Frank Beyer wurde 1995 gedreht. Der Film beleuchtet die
 Ereignisse des revolutionären Herbstes in Leipzig im Umfeld der
 Nikolaikirche.
 3 Für eine bessere Lesbarkeit nutzen die Texte im Folgenden das gene-
 rische Maskulinum, das laut Duden beide Geschlechter umfassen kann.

                                                                         9
Bereits am 2. Mai 1989 hatte Ungarn begonnen,
     seine maroden Grenzanlagen nach Österreich
     abzubauen. Am 19. August nutzen DDR-Bürger
     eine Friedensdemonstration an der ungarisch-
     österreichischen Grenze („Paneuropäisches
     Picknick“), um auf die österreichische Seite zu
     gelangen.

10
Gorbatschows Öffnungspolitik beinhaltete weitreichende
                                                            außenpolitische Komponenten. Sie strebte eine Neugestal-
                                                            tung des Verhältnisses der sozialistischen Länder unterei-
                                                            nander an und verzichtete auf die „Breschnew-Doktrin“,
                                                            die seit 1968 die eingeschränkte Souveränität und das
                                                            beschränkte Selbstbestimmungsrecht der Warschauer-Pakt-
                                                            Staaten festschrieb. Die Bruderparteien sollten künftig selbst
Ermutigende Signale aus Osteuropa                           über ihre politische Linie entscheiden und die innerstaatli-
                                                            chen Probleme souverän, also eigenverantwortlich lösen.4
Ende der 1980er Jahre befand sich die Stimmung in der       Gorbatschows Politik ermutigte die Reformer in ganz
DDR auf einem Tiefpunkt, der gesellschaftliche und geistige Osteuropa, schließlich wurden militärische Interventio-
Stillstand im Vergleich mit anderen Ländern war allerorts   nen wie 1953 (Volksaufstand in der DDR), 1956 (Ungarn)
spürbar. Als Hoffnungsschimmer empfanden viele Ostdeut- oder 1968 (Prager Frühling) immer unwahrscheinlicher. In
sche den 1986 verkündeten Erneuerungskurs des sowjeti-      Polen begann im April und Mai 1988 eine neue Streikwelle
schen Partei- und Staatschefs Michael Gorbatschow.          der Stahl- und Werftarbeiter. Im Februar 1989 führten die
Mit seinem Reformprogramm unter den Leitbegriffen „Glas- polnische Regierung sowie Vertreter des offiziellen Gewerk-
nost“ („Transparenz“) und „Perestroika“ („Umgestaltung“)    schaftsbundes und der noch immer verbotenen Gewerk-
reagierte er auf die Systemkrise im kommunistischen         schaft „Solidarność“ („Solidarität“) erste Verhandlungen am
Herrschaftsbereich. Gorbatschow strebte eine Modernisierung Runden Tisch, um die zugespitzte Situation zu entschärfen.
des „real existierenden Sozialismus“ an, ohne das System    Wichtigste Ergebnisse waren eine Verfassungsreform und die
selbst in Frage zu stellen. Dass überhaupt ein sowjetischer Wiederzulassung der Gewerkschaft „Solidarität“ im April
Parteivorsitzender erheblichen Reformbedarf im eigenen      1989. Im Juni 1989 fanden in Polen die ersten Parlaments-
Machtbereich konstatierte, war für viele Ostdeutsche ein    wahlen mit teilweise freier Kandidatenaufstellung statt.5
außerordentlicher und ermutigender Vorgang. Sie glaubten, In Ungarn trat im Mai 1988 der langjährige Parteichef János
dieses kritische Signal könne von der DDR-Führung nicht     Kádár zurück, der dieses Amt seit 1956 bekleidet hatte.
ignoriert werden. Doch sie sollten sich täuschen. Die SED-  Ebenfalls im Mai 1989 wurde Imre Nagy, der 1958 in einem
Spitze hatte erkannt, dass echte Reformen den repressiven   Geheimprozess zum Tode verurteilte und hingerichtete Füh-
Partei- und Staatsapparat unweigerlich schwächen würden. rer des ungarischen Volksaufstandes von 1956, rehabilitiert
Daran hatte sie kein Interesse. Das Politbüro distanzierte  und feierlich neu bestattet. Im Juni 1989 tagte in Budapest
sich von Gorbatschows Politik des „neuen Denkens“ und       erstmals ein Runder Tisch mit Vertretern der Regierung und
reaktivierte totalitäre Verhaltensmuster. Es erhöhte den    Opposition, um über die Auflösung der Kommunistischen
ideologischen Druck und setzte gleich mehrere sowjetische Partei, die Ausrufung der Republik und die Durchführung
Filme und eine Zeitschrift, in denen der Stalinismus auf-   freier Wahlen zu verhandeln. Jedes noch so kleine Anzei-
gearbeitet wurde, auf den Index. Auf diese demonstrativ     chen eines politischen Aufbruchs in der Sowjetunion, in
reformfeindliche Politik reagierten viele Ostdeutsche mit   Polen und Ungarn wurde von den allermeisten Ostdeut-
Wut und Empörung.                                           schen genau registriert – mit Sympathie und Hoffnung.6

                                                             4
                                                             4 Kowalczuk
                                                               Kowalczuk (2009),
                                                                            (2009), Endspiel,
                                                                                    Endspiel, S.
                                                                                              S. 33f.
                                                                                                 33f.
                                                             5 Siehe:
                                                             5 Siehe: Bingen
                                                                       Bingen (2009),
                                                                               (2009), Polen
                                                                                       Polen als
                                                                                             als Vorreiter
                                                                                                 Vorreiter des
                                                                                                           des Umbruchs.
                                                                                                               Umbruchs. Link:
                                                                                                                           Link:
                                                             http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutsch-polnische-
                                                             http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutsch-polnische-
                                                             beziehungen/39757/polen-als-vorreiter-des-umbruchs?p=1
                                                             beziehungen/39757/polen-als-vorreiter-des-umbruchs?p=1
                                                             (Stand:
                                                             (Stand: 20.  April 2020).
                                                                      5. November   2014).
                                                             6
                                                             6 Kowalczuk
                                                               Kowalczuk (2009),
                                                                            (2009), Endspiel,
                                                                                    Endspiel, S.
                                                                                              S. 335f.
                                                                                                 335f. Zum
                                                                                                       Zum Vergleich
                                                                                                            Vergleich der
                                                                                                                       der Umbrüche
                                                                                                                           Umbrüche inin
                                                             der DDR,
                                                             der DDR, inin Polen,
                                                                           Polen, Ungarn,
                                                                                  Ungarn, Rumänien
                                                                                           Rumänien undund der
                                                                                                           der Tschechoslowakai
                                                                                                               Tschechoslowakai siehe:
                                                                                                                                  siehe:
                                                             Gehler
                                                             Gehler (2009),
                                                                     (2009), Die
                                                                             Die Umsturzbewegungen
                                                                                  Umsturzbewegungen 19891989 in
                                                                                                              in Mittel-
                                                                                                                 Mittel- und
                                                                                                                         und Osteuropa,
                                                                                                                             Osteuropa,
                                                             http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/deutsche-teilung-
                                                             http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/deutsche-teilung-
                                                             deutsche-einheit/43728/die-umsturzbewegungen-1989?p=all
                                                             deutsche-einheit/43728/die-umsturzbewegungen-1989?p=all
                                                             (Stand:
                                                             (Stand: 20.  April 2020).
                                                                      5. November   2014).

                                                             11
Am 7. Juni 1989 versammeln sich etwa 250 bis
     300 Angehörige kirchlicher und unabhängiger
     Basisgruppen in der Ost-Berliner Sophienkirche,
     um von dort in einem Schweigemarsch gegen
     den Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen in
     der DDR Anfang Mai zu protestieren. Die rund
     120 kurz nach Verlassen des Kirchengeländes
     verhafteten Demonstranten werden am nächsten
     Tag freigelassen.

12
sowie der freigekauften politischen Häftlinge auf ein dreifa-
                                                             ches – von rd. 13.000 auf rd. 40.000.7 Die Ende der 1980er
                                                             Jahre deutlich anwachsende Ausreisewelle wurde von den
                                                             Daheimgebliebenen als Abstimmung mit den Füßen wahr-
Wahlfälschung und Konstituierung der Opposition              genommen. Sie illustrierte auf besonders dramatische Weise
                                                             den Legitimitätsverfall des politischen Systems.8
Die DDR steckte in den 1980er Jahren in einer tiefen öko-    Die vor allem im Schutzraum der Kirchen angesiedelten
nomischen und politischen Krise. Das Versagen der sozia-     Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen sahen sich
listischen Planwirtschaft strahlte auf alle Lebensbereiche   durch die Reformanstrengungen in Moskau, Warschau und
aus: In den Betrieben fehlten Materialien und Ersatzteile,   Budapest ermutigt. Über Aktionen innerhalb und außerhalb
die Innenstädte zerfielen, das spärliche Angebot an Kon-     der Kirchen sowie über persönliche Kontakte zu westlichen
sumgütern aller Art konnte die Nachfrage nicht befriedigen. Journalisten machten sie auf politische Fehlentwicklungen
Während die SED-Führung unentwegt die Überlegenheit          und Widersprüche in der DDR aufmerksam. Die Basisgrup-
des sozialistischen Wirtschaftssystems und der kommunis-     pen in den Kirchen leisteten politische Aufklärungsarbeit
tischen Ideologie propagierte, drohten der DDR Zahlungs-     und beförderten alternatives Denken. Die „Initiative für
unfähigkeit und wirtschaftlicher Zusammenbruch. Auf die      Frieden und Menschenrechte“ (IFM) strebte mit einem
gesellschaftliche Stagnation reagierten die Menschen mit     Aufruf vom 11. März 1989 eine landesweite Vernetzung der
wachsender Unzufriedenheit. Sie waren es überdrüssig, sich Gruppen sowie einen verbesserten Informationsaustausch
im Mangel einzurichten, bevormundet zu werden, nicht         an und forderte bessere Rechtsstrukturen und Garantien für
reisen zu dürfen. Von 1980 bis 1988 stieg die Zahl der Über- die Einhaltung von Menschenrechten.9 Mehrere Initiativen
siedler, Flüchtlinge (über Drittländer und Grenzanlagen)     diskutierten im Frühsommer über eine Optimierung der

                                                              7 Siehe:
                                                              7 Siehe: Ritter
                                                                        Ritter // Lapp
                                                                                  Lapp (1997),
                                                                                       (1997), Die
                                                                                               Die Grenze.
                                                                                                   Grenze. Ein
                                                                                                            Ein deutsches
                                                                                                                deutsches Bauwerk,
                                                                                                                          Bauwerk,
                                                              S. 167.
                                                              S. 167.
                                                              8 Zwischen
                                                              8 Zwischen 1949
                                                                            1949 und
                                                                                   und 1989
                                                                                        1989 verließen
                                                                                             verließen ca.
                                                                                                       ca. 3,8
                                                                                                           3,8 Millionen
                                                                                                               Millionen Ostdeutsche
                                                                                                                         Ostdeutsche
                                                              die DDR,
                                                              die DDR, davon
                                                                         davon rund
                                                                                  rund 2,7
                                                                                       2,7 Mio.
                                                                                           Mio. zwischen
                                                                                                zwischen 1949
                                                                                                           1949 und
                                                                                                                und dem
                                                                                                                     dem Mauerbau
                                                                                                                          Mauerbau im
                                                                                                                                   im
                                                              August 1961.
                                                              August   1961.
                                                              9 Initiative
                                                              9 Initiative Frieden
                                                                           Frieden und
                                                                                     und Menschenrechte,
                                                                                          Menschenrechte, Aufruf
                                                                                                            Aufruf vom
                                                                                                                    vom 18.
                                                                                                                        18. März
                                                                                                                            März 1989.
                                                                                                                                 1989.
                                                              Link: http://www.ddr89.de/ddr89/ifm/IFM22.html
                                                              Link:  http://www.ddr89.de/ddr89/ifm/IFM22.html
                                                              (Stand: 20.
                                                              (Stand:  20. Oktober
                                                                           April 2020).
                                                                                     2014).

                                                              13
überwachten Oppositionelle und Bürgerrechtler am Abend
                                                               des 7. Mai 1989 in Hunderten von Wahllokalen die Aus-
                                                               zählung11. Sie registrierten einen Anteil an Gegenstimmen
                                                               im Bereich von 10 bis 20 Prozent, die Wahlbeteiligung
                                                               betrug meist zwischen 60 bis 80 Prozent. Der Vorsitzende
                                                               der Zentralen Wahlkommission, Egon Krenz, gab gegen
                                                               Mitternacht das übliche „amtliche Wahlergebnis“ bekannt:
                                                               98,85 Prozent Zustimmung zur Einheitsliste, 98,77 Prozent
                                                               Wahlbeteiligung.
                                                               Mit dem Nachweis des systematischen Wahlbetrugs erreich-
oppositionellen Arbeit sowie die Schaffung neuer Organi-       te die gärende politische Krise in der DDR eine neue Dimen-
sationsformen und -strukturen. Unabhängig voneinander          sion. Auch Wählerinnen und Wähler, die dem System bis
wurde angeregt, „über Vorschläge für die künftige Instal-      dahin loyal verbunden waren, fühlten sich hintergangen.
lierung eines ‚Runden Tisches‘ nach polnischem Vorbild         Die SED verlor in der Bevölkerung weiter an Ansehen und
nachzudenken“.10                                               Einfluss. Die Opposition nutzte dieses Schlüsselereignis,
Die Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 machten einmal              um sich zu formieren und besser zu vernetzen.12 Neue,
mehr die Herrschaftsmechanismen der SED-Diktatur kennt-        landesweit agierende Bürgerrechtsgruppen und politische
lich. Obwohl Wahlen in der DDR keinerlei Einfluss auf die      Vereinigungen traten nach und nach aus dem Schutzraum
politischen Machtverhältnisse hatten, legte die Staatspartei   Kirche heraus, warben um Mitarbeit und forderten gesell-
dennoch größten Wert auf eine möglichst hohe Zustim-           schaftliche Reformen.
mungsrate. Schon bei der Nominierung der Kandidaten für        Am 28. August stellte Markus Meckel in Berlin den Aufruf
die Kommunalwahlen 1989 gab es eine Flut von Eingaben.         zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei (SDP) vor,
Kirchliche Gruppen in Berlin und Dresden hatten versucht,      der eine Kampfansage an die SED und ihren Herrschafts-
eigene Kandidaten auf der Einheitsliste zu platzieren, was     anspruch bedeutete. Die Unterzeichner (Markus Meckel,
ihnen verwehrt blieb. In rund 50 Städten und Gemeinden         Martin Gutzeit, Ibrahim Böhme und Arndt Noack) forderten

10 Kowalczuk (2009), Endspiel, S. 356.                         11 Allein in den Ostberliner Stadtbezirken Prenzlauer Berg, Mitte,
                                                               Friedrichshain registrierte die Staatssicherheit in 131 Wahllokalen
                                                               verdächtige Personen, die die Auszählung überwachten und
                                                               Aufzeichnungen anfertigten. In Leipzig kontrollierten Mitglieder
                                                               kirchlicher Gruppen die Stimmauszählung in 83 Wahllokalen, während
                                                               Vertreter der nichtkirchlichen Perestroika-Gruppe „Dialog“ in 82 von
                                                               84 Wahllokalen anwesend waren. Vgl.: Lindner (2010),
                                                               Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90, S. 40.
                                                               12 Neubert (1999), Die Opposition im Jahre 1989 – ein Überblick,
                                                               S. 429f.

                                                               14
eigentliche, demokratische Gestalt finden“, wobei der unter-
                                                              stellte Sozialismusbegriff stark protestantisch-sozialethische
                                                              Züge trug. Die Bürgerbewegung Demokratie Jetzt kündigte an,
                                                              bei den nächsten Wahlen mit einer eigenen Liste anzutreten.15
                                                              Die Gründung der Vereinigung Demokratischer Aufbruch –
                                                              sozial – ökologisch (DA) wurde am 14. September 1989 be-
                                                              kannt gegeben. Am 1. Oktober legte die Gründungsversamm-
„Rechtsstaat und strikte Gewaltenteilung, (…) parlamentari-   lung eine „Programmatische Erklärung“ vor. Ihre vorläufige
 sche Demokratie, (…) soziale Marktwirtschaft, (…) Freiheit   Konstituierung als Partei erfolgte am 29. Oktober 1989. Der
 der Gewerkschaften und Streikrecht“.13                       Demokratische Aufbruch hatte schon bald über 10.000 Mit-
 Am 9./10. September 1989 bildete sich das Neue Forum.        glieder, darunter Rainer Eppelmann, Edelbert Richter, Heino
 Zu den Erstunterzeichnern des öffentlichkeitswirksamen       Falcke, Erhard Neubert, Friedrich Schorlemmer.16
 Gründungstextes „Die Zeit ist reif – Aufbruch 89“ zählten    Seit September 1989 trafen sich in Berlin regelmäßig Ver-
 unter anderen Bärbel Bohley, Katja Havemann, Rolf Henrich, treter verschiedener Friedenskreise und Bürgerrechtsgrup-
 Sebastian Pflugbeil, Jens Reich. Das Neue Forum verstand     pierungen, um „Möglichkeiten gemeinsamen politischen
 sich als „politische Plattform“ für den als notwendig erach- Handelns“ auszuloten. Am 4. Oktober 1989 verabschiedeten
 teten „demokratischen Dialog“ und rief alle Bürger auf, an   sie eine „Gemeinsame Erklärung“, die sich an alle Bürger
 der „Umgestaltung unserer Gesellschaft“ mitzuwirken.14       richtete. In ihr wurde die DDR-Regierung zur Einhaltung der
 Am 12. September traten unter anderen Hans-Jürgen            KSZE-Verpflichtungen und der UNO-Menschrechtskonven-
 Fischbeck, Wolfgang Ullmann, Konrad Weiß, Ulrike Poppe       tionen aufgefordert. Weiterhin forderten die Unterzeichner
 mit dem Gründungsaufruf der Bürgerbewegung Demokratie demokratische Wahlen unter UNO-Kontrolle. Geprüft wer-
 Jetzt (DJ) an die Öffentlichkeit. Die Bewegung plädierte für den solle, „in welchem Umfang wir ein Wahlbündnis mit
 Reformkonzepte „von unten“. Der Sozialismus sollte „seine gemeinsamen eigenen Kandidaten verwirklichen können“.17

 13 Neubert (1997), Geschichte der Opposition in der DDR 1949–1989,
                                                             1949-1989,   15 Lindner (2010), Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90,
 S. 835. Der Gründungsakt der SDP erfolgte am 7. Oktober 1989 in          S. 75. Die Vereinigung hatte bis zu 4.000 Mitglieder.
 Schwante. Gründungsmitglied Ibrahim Böhme wurde im März 1990 als         16 Der erste Vorsitzende, Wolfgang Schnur, wurde im März 1990 als
 langjähriger Informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit enttarnt und   langjähriger Informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit enttarnt und
 aus der Partei ausgeschlossen.                                           abgelöst.
 14 Den Aufruf unterzeichneten bis zum 19. September ca. 3.000            17 Gemeinsame Erklärung der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt,
 Menschen. Vom Ministerium des Innern wurde der Zulassungsantrag          des Demokratischen Aufbruchs, der Gruppe Demokratischer
 des Neuen Forums am 25. September mit der Begründung abgelehnt,          Sozialistinnen, der Initiative Frieden und Menschenrechte, der
 es bestünde keine gesellschaftliche Notwendigkeit für eine derartige     Initiativgruppe Sozialdemokratische Partei in der DDR, des Neuen
 Vereinigung. Bis Mitte November 1989 unterschrieben 200.000 Bürger       Forums, sowie Vertretern von Friedenskreisen. Vgl.: Lindner (2010),
 den Aufruf, zu diesem Zeitpunkt hatte das Neue Forum 10.000 feste        Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90, S. 78.
 Mitglieder. Erst am 8. November 1989 bestätigte das Innenministerium
 die offizielle Anmeldung des Neuen Forums.

                                                                          15
Etwa 6.000 DDR-Flüchtlinge sind im
     Herbst 1989 im Garten der Prager Botschaft
     der Bundesrepublik Deutschland in
     Zeltunterkünften untergebracht.

16
Inzwischen lehnten die DDR-Behörden neue Anträge auf
                                                              Urlaubsreisen nach Ungarn ab. Daher flüchteten nun zu-
                                                              nehmend mehr Menschen in die bundesdeutsche Botschaft
Massenflucht                                                  in Prag und hofften, von dort aus in die Bundesrepublik zu
                                                              gelangen. Schon bald befanden sich mehrere tausend Men-
Ab dem 2. Mai 1989 begannen ungarische Grenzpolizisten        schen auf dem Gelände. Regenfälle hatten den Garten der
mit dem Rückbau der Grenzbefestigungen und Signalzäune Vertretung in eine Schlammwüste verwandelt, es herrschten
zwischen Österreich und Ungarn. Am 27. Juni trafen sich       katastrophale sanitäre Zustände. Nach Verhandlungen mit
der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein öster-       Regierungsvertretern der beteiligten und betroffenen Staaten
reichischer Amtskollege Alois Mock an der Grenze nahe         konnte der Außenminister der Bundesrepublik, Hans-
Sopron und durchtrennten medienwirksam den Stachel-           Dietrich Genscher, den Wartenden am 30. September die
drahtzaun mit großen Drahtscheren. Ministerpräsident          erlösende Botschaft überbringen. Die DDR-Behörden hatten
Miklós Németh hatte zuvor Generalsekretär Gorbatschow         ihrer Ausreise zugestimmt – mit mehreren Sonderzügen der
informiert, der geantwortet haben soll: „Ich sehe da, ehrlich Reichsbahn über das Territorium der DDR. Neben den ca.
gesagt, gar kein Problem.“                                    6.000 Flüchtlingen in der Prager Botschaft erhielten auch
Nach dieser symbolischen Grenzöffnung fanden zwischen         ca. 600 Ostdeutsche, die in der bundesdeutschen Botschaft
Ungarn und Österreich zwar weiterhin Grenzkontrollen          in Warschau festsaßen, die Genehmigung zur dauerhaften
statt, doch da Ungarn zum 12. Juni 1989 der UN-Flücht-        Ausreise in die Bundesrepublik. Später wurde bekannt,
lingskonvention beigetreten war, durfte das Land keine        dass im Jahre 1989 insgesamt 344.000 Menschen aus der
Flüchtlinge mehr ausliefern, denen in der Heimat strafrecht- DDR geflüchtet waren.20
liche Konsequenzen drohten.18                                 Die massenhafte Flucht von DDR-Bürgern entwickelte
Die vom Westfernsehen übertragenen Bilder der Grenzöff-       sich 1989 zu einem wesentlichen Faktor und Stimulus der
nung und erste Berichte über geglückte Fluchten elektrisier- Friedlichen Revolution. Der Verlust von Familienangehöri-
ten viele Menschen in der DDR. Obwohl die DDR-Behörden gen, Freunden, Arbeitskollegen, Nachbarn bestürzte all jene
im ersten Halbjahr 1989 schon 86.000 offiziellen Antragstel- Menschen, die nicht gehen wollten, die darauf hofften, das
lern die dauerhafte Ausreise in die Bundesrepublik geneh-     Land öffnen und reformieren zu können. Zugleich empörte
migt hatten, nutzten Tausende Urlauber die Sommerferien,      sie, mit welcher Blindheit, Arroganz und Häme die DDR-
um durch die Lücken im „Eisernen Vorhang“ in den Westen Führung auf die Flucht ihrer Angehörigen und Freunde
zu flüchten. Da die ungarisch-österreichische Grenze aber     reagierte. SED-Generalsekretär Honecker erklärte: „Zügellos
weiterhin bewacht wurde, warteten Tausende von Flucht-        wird von Politikern und Medien der BRD eine stabsmä-
willigen in provisorisch errichteten Lagern darauf, dass sich ßig vorbereitete ‚Heim-ins-Reich‘-Psychose geführt, um
neue Ausreisemöglichkeiten ergaben. In die DDR zurück-        Menschen in die Irre zu führen und auf einen Weg in ein
kehren wollten sie nicht. Am 11. September öffnete Ungarn ungewisses Schicksal zu treiben. (…) Sie alle haben durch
aus humanitären Gründen seine Westgrenze, bis Monats-         ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und
ende flüchteten 34.000 DDR-Bürger über Österreich in die      sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Man sollte
Bundesrepublik.19                                             ihnen deshalb keine Träne nachweinen.“21

18 Die DDR bemühte sich umgehend um eine Ausnahmeregelung.             20 Siehe: Ritter / Lapp (1997), Die Grenze. Ein deutsches Bauwerk,
Aufgrund einer Vereinbarung zwischen den Geheimdiensten der DDR        S. 167.
und Ungarns wurde an der bis dahin üblichen Praxis der Übergabe von    21 Honecker (1989), Sich selbst aus der Gesellschaft ausgegrenzt, in:
Flüchtlingen aus der DDR an das MfS noch einige Wochen festgehalten.   Neues Deutschland vom 2. Oktober 1989. Abgedruckt in: Judt (1998),
Am 12. Juli 1989 wurde letztmalig ein fluchtwilliger DDR-Bürger von    DDR-Geschichte in Dokumenten. Beschlüsse, Berichte, interne
ungarischen Behörden an das MfS übergeben. Siehe: Kowalczuk (2009),    Materialien und Alltagszeugnisse, S. 531.
Endspiel, S. 346f.
19 Kowalczuk (2009), Endspiel, S. 351.

                                                                       17
Trotz massiver Drohungen und Gerüchte über
     den Aufmarsch bewaffneter Kräfte in und um
     Leipzig kommen am 9. Oktober 1989 über
     70.000 Menschen in die Leipziger Innenstadt.
     Die Demonstration gilt als ein Wendepunkt
     der Friedlichen Revolution.

18
Die Leipziger Kundgebung vom 4. September 1989 gilt als
                                                                          erste „Montagsdemonstration“. Sie markierte den Beginn
                                                                          der Eroberung des öffentlichen Raums als zentralem Ak-
                                                                          tionsfeld des anwachsenden politischen Protestes in der
                                                                          DDR. Zugleich hatte sie Vorbildcharakter für Hunderte von
                                                                          Demonstrationen, die in den kommenden Wochen und Mo-
                                                                          naten DDR-weit stattfinden sollten. Die Fernsehbilder aus
Montagsdemonstrationen. Die Macht der Straße                              Leipzig mit ihrer doppelten Botschaft – „Lasst uns raus!“
                                                                          / „Wir bleiben hier!“ – wirkten wie eine Initialzündung:
Das Thema Ausreise und Flucht bewegte 1989 die gesamte                    Widerstand ist möglich, auch und gerade für jene, die sich
DDR-Gesellschaft, die Stimmung im Land war aufgeladen.                    nicht vertreiben lassen wollen und auf Reformen hoffen.
In Leipzig besuchten immer mehr Menschen, die oft schon                   Am darauffolgenden Montag, dem 11. September, griffen
seit Jahren auf den positiven Entscheid ihres „Antrages auf               die Staatsorgane brutal durch. Zum Montagsgebet waren
Entlassung aus der Staatsbürgerschaft“ warteten, die Frie-                über 500 Menschen gekommen. Beim Verlassen der Kirche
densgebete in Sankt Nikolai.22 Am 14. März 1989 marschier-                riefen sie den wartenden MfS-Mitarbeitern und Polizisten
ten im Anschluss an das Friedensgebet ca. 300 Ausreisewil-                zu: „Keine Gewalt!“, „Wir sind keine Rowdys!“, doch diese
lige durchs Stadtzentrum und forderten „Lasst uns raus!“,                 antworteten mit Schlagstöcken. 89 Demonstranten wurden
„Stasi raus!“, „Reisefreiheit statt Behördenwillkür!“. Westli-            verhaftet, 22 von ihnen in Schnellverfahren zu hohen Geld-
che Kamerateams, die sich anlässlich der Frühjahrsmesse in                strafen verurteilt. 19 Personen erhielten Haftstrafen bis zu
Leipzig aufhielten, dokumentierten das Ereignis.                          einem halben Jahr. Einige kamen erst fünf Wochen später
Als am 4. September 1989 das erste Friedensgebet nach der                 wieder frei.24
Sommerpause stattfand, wollten die Sicherheitskräfte eine                 Am 18. September kamen schon 2.000 Menschen zum
vergleichbare „Panne“ unbedingt vermeiden, was ihnen                      Gottesdienst in die Nikolai-Kirche, mehr als 1.000 Menschen
aber nicht gelang. Nach dem Friedensgebet versammelten                    versammelten sich vor der Kirche. Nach dem Friedensgebet
sich hunderte Demonstranten vor der Nikolaikirche. Sie                    am 25. September beteiligten sich ca. 8.000 Menschen an
entrollten Transparente „Für ein offenes Land mit freien                  der Montagsdemonstration. Der Protestzug sprengte die
Menschen“, „Reisefreiheit statt Massenflucht“ und „Ver-                   Polizeiketten und bewegte sich erstmals hinaus auf den
sammlungsfreiheit – Reisefreiheit“. Stasi-Mitarbeiter entris-             Leipziger Ring. Am 2. Oktober 1989 fand in Leipzig die
sen ihnen die Losungen, doch sie skandierten „Wir wollen                  größte oppositionelle Demonstration seit dem Volksaufstand
raus! Wir wollen raus!“ und „Freiheit! Freiheit!“. Reform-                vom 17. Juni 1953 statt. Den bis zu 20.000 Demonstranten
orientierte Demonstranten antworteten, nicht weniger ent-                 standen hochgerüstete Polizeieinheiten gegenüber. Mehr-
schlossen, „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“. Da wegen                fach versuchte die Staatsmacht, über Lautsprecher auf die
der Leipziger Herbstmesse wieder westliche Kamerateams                    Demonstranten einzuwirken. Auf den Satz „Hier spricht
in der Stadt waren, liefen diese Bilder abends auch im Fern-              die Volkspolizei“ antwortete die Menge immer wieder
sehen. Die ARD meldete: „Über 1.000 Demonstranten, zur                   „Wir sind das Volk!“. Dieser selbstbewusste Satz wurde
Hälfte Ausreisewillige, zur Hälfte oppositionelle Gruppen,                zum Leitmotto des revolutionären Herbstes 1989.
die bleiben wollen, aber für Reformen im Land auf die                     Ende September, Anfang Oktober 1989 hatte sich die politi-
Straße gehen und dafür hohe Geldstrafen und (…)                           sche Krise im Land weiter zugespitzt. Egon Krenz war nach
Haftstrafen riskieren“, seien versammelt gewesen.23                       China gereist und solidarisierte sich mit den Verantwortlichen

22 Begründet wurden die montäglichen Friedensgebete in                    24
                                                                          24 Siehe:
                                                                             Siehe: Bundeszentrale
                                                                                    Bundeszentrale für
                                                                                                    für politische
                                                                                                        politische Bildung
                                                                                                                   Bildung und
                                                                                                                             und
St. Nikolai im September 1981. In den Jahren 1984-1987
                                               1984–1987 fanden
                                                          fanden          Robert-Havemann-Gesellschaft
                                                                          Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.
                                                                                                          e.V. (Hrsg.),
                                                                                                               (Hrsg.), „Leipzig“.
                                                                                                                        „Leipzig“.
sie eher unregelmäßig statt, im September 1987 reaktivierte Pfarrer       Link:
                                                                          Link: www.jugendopposition.de/index.php?id=214
                                                                                www.jugendopposition.de/index.php?id=214
Wonneberger die Idee. Zur Geschichte der Friedensgebete in St. Nikolai    (Stand:
                                                                          (Stand: 20.
                                                                                  23. April 2020).
                                                                                      Oktober 2014).
siehe: Schwabe (1998), „Symbol der Befreiung“. Die Friedensgebete in
Leipzig. Link: http://www.archiv-buergerbewegung.de/images/stories/
pdf/fg-schwabe.pdf (Stand: 20.
                             23. April 2020).
                                 Oktober 2014).
23 Lindner (2010), Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90,
S. 85f. Lindner selbst spricht von 800 Teilnehmern, ebd., S. 103.

                                                                          19
des Pekinger Massakers vom 3./4. Juni 1989.25 Diese Reise
verstärkte bei den reformorientierten Kräften die Befürch-
tung, dass auch die SED bereit sein könnte, friedlichen
Protest gewaltsam niederzuschlagen.
Nachdem bekannt wurde, dass die seit dem 30. September
aus Prag kommenden Züge mit Botschaftsflüchtlingen auf
ihrem Weg in die Bundesrepublik durch Dresden fahren                    Leipziger Volkszeitung gedroht, „diese konterrevolutionären
würden, versammelten sich vom 3. bis 5. Oktober 1989                    Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es
anfangs 2.000, später 20.000 Demonstranten am Dresdner                  sein muss, mit der Waffe in der Hand!“27
Hauptbahnhof. Einheiten der Bereitschafts-, Transport- und              Trotz massiver Drohungen und angstmachender Gerüchte
Volkspolizei räumten das Gelände mit Gummiknüppeln.                     über den Aufmarsch bewaffneter Kräfte in und um Leipzig
Daraufhin flogen Steine. Polizeihunde, Wasserwerfer und                 kamen am 9. Oktober über 70.000 Menschen in die Leipzi-
Tränengas wurden eingesetzt, dann rückten Armeeeinheiten                ger Innenstadt. Ihr Wunsch nach Veränderungen war größer
an. Sieben Hundertschaften der Kampfgruppen sowie zwei                  als ihre Angst. In vier Kirchen fanden Friedensgebete statt,
Bataillone der 7. Panzerdivision standen bereit; Bürger-                anschließend setzte sich die Menschenmenge in Bewegung
kriegsstimmung lag in der Luft.                                         und demonstrierte auf dem gesamten Innenstadtring – vor-
Am späten Nachmittag des 7. Oktober versammelten sich                   bei an der Bezirksbehörde der Staatssicherheit und am Sitz
auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin Dutzende Menschen,                 der Volkspolizei, am Leipziger Rathaus und am Gebäude der
um wie an jedem 7. eines Monats gegen den Wahlbetrug                    SED-Bezirksleitung. „Keine Gewalt!“ lautete die tausendfach
vom 7. Mai 1989 zu protestieren. Der kleine Demonstrations-             gerufene Forderung des Tages. Sie richtete sich an die
zug wollte zum Palast der Republik marschieren, wo an                   bewaffneten Kräfte, aber auch an die Demonstranten selbst.28
diesem Tag ein festlicher Staatsakt zum 40. Jahrestag der               Die unerwartete Dimension des ebenso entschlossenen wie
DDR-Gründung stattfand. Passanten schlossen sich dem                    friedlichen Demonstrationszuges setzte alle polizeilichen
Zug spontan an, der schnell auf mehrere tausend Menschen                und militärischen Planungen außer Kraft, der befürchtete
anwuchs. Eine ihrer Forderungen lautete „Keine Gewalt!“.                Einsatzbefehl wurde nicht erteilt. Die Einsatzkräfte hatten
Die Polizei drängte die Menge ab in Richtung Prenzlauer                 offenbar erkannt, dass „jeder Versuch eines gewaltsamen
Berg. In der dortigen Gethsemanekirche beteiligten sich zu              Einschreitens (…) unabsehbare Folgen haben musste“.29
diesem Zeitpunkt Hunderte von Menschen an einer Bittan-                 Die bewaffneten Kräfte kapitulierten angesichts des
dacht für inhaftierte Oppositionelle aus Leipzig. Polizisten,           Muts, der Entschlossenheit und Disziplin der Leipziger
MfS-Einheiten und Kampfgruppen riegelten den Bezirk her-                Demonstranten. Der damalige Volkskammer-Präsident
metisch ab und gingen mit großer Brutalität gegen Demons-               Horst Sindermann erklärte wenige Monate später
tranten, Kirchenbesucher und unbeteiligte Passanten vor.               „Wir sind vom Volk davongejagt worden, nicht von einer
Viele der 1.200 polizeilich „Zugeführten“ erlebten physische           ‚Konterrevolution‘. (…) Der gewaltfreie Aufstand passte
und psychische Folter.26 Die Bilder der Gewalteskalation am             nicht in unsere Theorie. Wir haben ihn nicht erwartet,
40. Jahrestag der DDR gingen um die ganze Welt.                         und er hat uns wehrlos gemacht.“30
Angesichts des brutalen Vorgehens der Staatsmacht am                    Der 9. Oktober 1989 markiert das wichtigste Datum im
7. Oktober fürchteten die Leipziger Bürger, dass die Staats-            Kalender der Friedlichen Revolution in der DDR. An diesem
macht auf ihre Montagsdemonstration am 9. Oktober mit                   Tag wurde das Gewaltmonopol der SED gebrochen, der Verfall
einer „chinesischen Lösung“ reagieren könnte. Schon am                  des Regimes war in Gang gesetzt. Am 9. Oktober befreiten
6. Oktober hatte ein Kampfgruppenkommandeur in der                      sich die Ostdeutschen von ihrer Angst vor dem Regime,

25 In der Nacht des 3./4. Juni 1989 wurden Studentenproteste auf dem    27 Siehe:
                                                                        27 Siehe: Leserbrief
                                                                                    Leserbrief desdes Kampfgruppenkommandeurs
                                                                                                       Kampfgruppenkommandeurs Günter         Günter Lutz
                                                                                                                                                       Lutz vom
                                                                                                                                                              vom
Platz des Himmlischen Friedens in Peking, dem Tiananmen-Platz, mit      6. Oktober
                                                                        6. Oktober 1989,
                                                                                      1989, in:
                                                                                             in: Lindner
                                                                                                  Lindner (2010),
                                                                                                              (2010), Die
                                                                                                                       Die demokratische
                                                                                                                            demokratische Revolution
                                                                                                                                                Revolution in
einem blutigen Militäreinsatz der chinesischen Volksbefreiungsarmee     derder
                                                                        in  DDR DDR1989/90,
                                                                                       1989/90,S. 101.   Von
                                                                                                   S. 101.   Vonderder
                                                                                                                    Einheit
                                                                                                                       Einheitdieses   Kommandeurs
                                                                                                                                  dieses   Kommandeurs
beendet. Tausende Menschen wurden verletzt, Hunderte getötet.           erschienen am
                                                                        erschienen    am Abend
                                                                                           Abend desdes 9.9. Oktober
                                                                                                             Oktober nurnur 52
                                                                                                                             52 Prozent
                                                                                                                                  Prozent derder Mitglieder
                                                                                                                                                 Mitglieder
Das SED-Politbüro und die DDR-Volkskammer bekundeten der                zum Dienst,
                                                                        zum   Dienst, siehe:
                                                                                        siehe: Ahbe
                                                                                                Ahbe (2014),
                                                                                                        (2014), Und
                                                                                                                  Und wenn
                                                                                                                        wenn siesie auf
                                                                                                                                     auf uns
                                                                                                                                          uns schießen?,
                                                                                                                                               schießen?, S. S. 7.
                                                                                                                                                                7.
chinesischen Regierung umgehend ihre Zustimmung.                        Link: http://www.zeit.de/2014/42/montagsdemo-leipzig-ddr
                                                                        Link:  http://www.zeit.de/2014/42/montagsdemo-leipzig-ddr
26 Kowalczuk (2009), Endspiel, S. 391f. Am 7. Oktober gab es in         (Stand: 28.
                                                                        (Stand:   20. Oktober
                                                                                      April 2020).
                                                                                                 2014).
über 20 weiteren Städten Protestkundgebungen, die gewaltsam             28 Appelle
                                                                        28 Appelle in in den
                                                                                          den Kirchen,
                                                                                                Kirchen, Flugblattaktionen
                                                                                                            Flugblattaktionen und   und ein
                                                                                                                                          ein über
                                                                                                                                               über den
                                                                                                                                                     den Stadt-
aufgelöst wurden. In Plauen gingen an diesem Tag zwischen               funk verbreiteter
                                                                        Stadtfunk             „Aufruf
                                                                                     verbreiteter        der Leipziger
                                                                                                    „Aufruf                Sechs“
                                                                                                                der Leipziger        (Dirigent
                                                                                                                                  Sechs“         Kurt Masur,
                                                                                                                                            (Dirigent  Kurt
10.000-20.0000Menschen
10.000-20.000   Menschenauf aufdie
                                dieStraße
                                    Straßeund
                                           underzwangen
                                               erzwangenein
                                                         ein            Kabarettist
                                                                        Masur,        Bernd-Lutz
                                                                                 Kabarettist         Lange, Theologe
                                                                                                Bernd-Lutz                  Peter Zimmermann
                                                                                                                Lange, Theologe       Peter Zimmermannsowie
Gespräch mit dem Bürgermeister. Nach Auflösung der                      die Sekretäre
                                                                        sowie            der SED-Bezirksleitung
                                                                                die Sekretäre     der SED-BezirksleitungKurt Meyer,      JochenJochen
                                                                                                                                 Kurt Meyer,      Pommert,
Demonstration kam es zu etwa 60 Verhaftungen. Ebd., S. 398.             Roland Wötzel)
                                                                        Pommert,     Roland mahnten
                                                                                               Wötzel)am      9. Oktober
                                                                                                          mahnten     am 9.alle  Beteiligten,
                                                                                                                              Oktober            sich friedfertig
                                                                                                                                          alle Beteiligten,
                                                                        und besonnen
                                                                        sich  friedfertig zu
                                                                                           undverhalten.
                                                                                                 besonnenAn    zuder  Eingangsseite
                                                                                                                   verhalten.   An derder     Nikolaikirche
                                                                                                                                           Eingangsseite    der
                                                                        appellierte einappellierte
                                                                        Nikolaikirche      Transparent   ein„Leute   – heute„Leute
                                                                                                               Transparent     keine Gewalt!      Reißt euch
                                                                                                                                        – heute keine    Gewalt!
                                                                        zusammen
                                                                        Reißt         und laßt dieund
                                                                               euch zusammen           Steine
                                                                                                           laßtliegen!“
                                                                                                                 die SteineJedem    war bewusst,
                                                                                                                              liegen!“    Jedem war  dass   der
                                                                                                                                                        bewusst,
                                                                        kleinste
                                                                        dass  der Eskalations-schritt      eine schlimme
                                                                                   kleinste Eskalationsschritt                 Kettenreaktion
                                                                                                                      eine schlimme                auslösen
                                                                                                                                           Kettenreaktion
                                                                        könnte. Vgl.:
                                                                        auslösen         Ahbe
                                                                                   könnte.      (2014),
                                                                                              Vgl.:  Ahbe Und    wenn
                                                                                                             (2014),     sie wenn
                                                                                                                       Und   auf uns sieschießen?,    S. 5.
                                                                                                                                          auf uns schießen?,
                                                                        http://www.zeit.de/2014/42/montagsdemo-leipzig-ddr
                                                                        S. 5. http://www.zeit.de/2014/42/montagsdemo-leipzig-ddr
                                                                        (Stand: 28.
                                                                        (Stand:   20. Oktober
                                                                                      April 2020).
                                                                                                 2014).
                                                                        29 Niemetz
                                                                        29 Niemetz (2014),
                                                                                       (2014), Einen
                                                                                                 Einen neuen
                                                                                                         neuen „17.
                                                                                                                  „17. Juni“
                                                                                                                        Juni“ verhindern,
                                                                                                                                verhindern, S.  S. 133.
                                                                                                                                                   133.
                                                                        30 Sindermann
                                                                        30 Sindermann (1990),
                                                                                            (1990), Wir
                                                                                                      Wir sind
                                                                                                            sind keine
                                                                                                                  keine Helden
                                                                                                                          Helden gewesen,
                                                                                                                                    gewesen, Interview
                                                                                                                                                 Interview mit
                                                                                                                                                             mit
                                                                        dem Spiegel
                                                                        dem   Spiegel vom
                                                                                        vom 7. 7. Mai
                                                                                                  Mai 1990.
                                                                                                        1990. Link:
                                                                                                                Link: http://www.spiegel.de/spiegel/
                                                                                                                       http://www.spiegel.de/spiegel/
                                                                        print/d-13498194.html (Stand:
                                                                        print/d-13498194.html         (Stand: 29.20. Oktober
                                                                                                                     April 2020).
                                                                                                                                2014).Diese
                                                                                                                                         DieseÄußerung
                                                                                                                                                 Äußerung
                                                                        inspirierte Erich
                                                                        inspirierte   Erich Loest
                                                                                             Loest zuzu dem
                                                                                                         dem eingangs
                                                                                                                eingangs zitierten
                                                                                                                            zitierten Satz
                                                                                                                                        Satz „Wir
                                                                                                                                              „Wir waren
                                                                                                                                                     waren
                                                                        auf alles
                                                                        auf alles vorbereitet,
                                                                                   vorbereitet, nurnur nicht
                                                                                                        nicht auf
                                                                                                                auf Kerzen
                                                                                                                     Kerzen und
                                                                                                                              und Gebete.“
                                                                                                                                     Gebete.“ InIn seinem
                                                                                                                                                    seinem
                                                                        Drehbuch für
                                                                        Drehbuch     für den
                                                                                          den Spielfilm
                                                                                               Spielfilm „Nikolaikirche“
                                                                                                            „Nikolaikirche“ legte legte Loest
                                                                                                                                         Loest dieses
                                                                                                                                                dieses Resümee
                                                                        Resümee
                                                                        einem       einem hochrangigen
                                                                                 hochrangigen                   Stasi-Offizier
                                                                                                   Stasi-Offizier    in den Mund.in den Mund.

                                                                        20
sie wurden sich ihrer Macht und Stärke bewusst.31 Nach
diesem Tag gab es landesweit keine gewaltsamen Auseinan-
dersetzungen mehr zwischen Polizei und Demonstranten.
Erst mit der bestandenen Mutprobe vom 9. Oktober lässt
sich die Revolution in der DDR tatsächlich als „friedliche“
Revolution charakterisieren, denn bis zu diesem Tag hatte
die Staatsmacht erhebliche Gewalt gegen demonstrierende
Bürger ausgeübt.32
Der Erfolg der Leipziger Demonstranten ermutigte die
Menschen in der ganzen Republik. In immer mehr Städten
fanden Kundgebungen statt, entstanden Aktionsbündnisse
für die politische und gesellschaftliche Erneuerung. Unter
dem Druck der Protestbewegung verstärkten sich auch
innerhalb der SED-Führung die Auseinandersetzungen und
Konflikte, die Partei reagierte mit ersten Zugeständnissen.
Am 18. Oktober 1989 musste Staatsratsvorsitzender und
Parteichef Honecker seine Ämter an Egon Krenz abgeben,
der aber als Vertreter des alten Systems nicht ansatzweise
in der Lage war, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen.
An den nächsten Leipziger Montagsdemonstrationen
beteiligten sich immer mehr Bürger. Am 30. Oktober
kamen 300.000, am 6. November fast 500.000 Menschen.
Die Demonstranten in Leipzig und vielen anderen Orten
der Republik stellten offen die Machtfrage („SED, gib Deine              wurden), wurde live im DDR-Fernsehen übertragen,
Führung ab, sonst werden hier die Leute knapp!“), forderten              was zuvor undenkbar gewesen wäre. Diese Öffnung und
weitere Rücktritte von Spitzenfunktionären und Chefideo-                 Neuorientierung der staatlichen Medien dokumentierte
logen („Die Karre steckt zu tief im Dreck, die alten Kutscher            auf eindrucksvolle Weise die beginnenden Veränderungs-
müssen weg!“, „Schnitzlers Visage bringt alle in Rage!“),                prozesse in der DDR-Gesellschaft.
die Zulassung des Neuen Forums („Krenzt das Neue Forum                   Auch nach dem 9. Oktober flüchteten jeden Tag ca. 10.000
nicht aus!“), Reisefreiheit („Visafrei von Rostock bis Shang-            Menschen aus der DDR, das Land drohte auszubluten. Mit
hai!“), freie Wahlen („Wenn freie Wahlen sind in Sicht,                  dem am 6. November 1989 vorgelegten, aber für die Bürger
verlassen wir die Heimat nicht!“).33 Die größte Massende-                völlig inakzeptablen Entwurf eines neuen Reisegesetzes
monstration in der DDR-Geschichte fand am 4. November                    brachte sich die DDR-Regierung selbst den Todesstoß bei.
auf dem Berliner Alexanderplatz statt. Über 500.000 Teil-                Der Entwurf zeigte, dass die Regierung unfähig war, das
nehmer forderten die in der Verfassung formal benannten                  Wesen der dramatischen Umbruchprozesse im Land zu
Rechte auf Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit                   verstehen. Der Gesetzesentwurf wurde auf Protestkundge-
ein.34 Die gesamte Kundgebung, auf der unter anderen ne-                 bungen im ganzen Land empört abgelehnt, am 7. November
ben Heiner Müller, Christa Wolf und Tobias Langhoff auch                 lehnte ihn auch die Volkskammer als unzureichend ab.
Bürgerrechtler wie Marianne Birthler und Jens Reich sowie                Noch am selben Tag trat die DDR-Regierung unter
einige SED-Funktionäre sprachen (und kräftig ausgepfiffen                Willi Stoph geschlossen zurück.

31 In vielen Rückblicken wird genau dieser Punkt hervorgehoben.
Wolfgang Thierse sagte mit Blick auf den 9. Oktober 1989: „Das war
der Tag der Entscheidung. Was wir alle durch Leipzig gewonnen
haben, war nicht weniger als der Sieg über die Angst, die halbe Macht
der Diktatur.“ Siehe: Thierse (2005), Rede am 9. Oktober 2005 in der
Nikolaikirche Leipzig. Lothar de Maizière erklärte, am 9. Oktober 1989
fiel die „Mauer der Angst“. Siehe: Maizière (2014), Interview mit dem
Deutschlandfunk am 2. November 2014.
32 Vgl. Niemetz (2014), Einen neuen „17. Juni“ verhindern, S. 136.
Lindner (2010), Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90,
S. 180.
33 Eine Übersicht über alle 1989 in Leipzig gezeigten Losungen findet
sich in: Schneider //Lindner
                      Lindner(1990),
                              (1990),Leipziger
                                      LeipzigerDemontagebuch:
                                               Demontagebuch:
Demo – Montag – Tagebuch.
34 Kowalczuk bezweifelt, dass an der Demonstration tatsächlich
500.000 Menschen teilgenommen haben. Angesichts der zur Verfügung
stehenden Stellfläche auf dem Alexanderplatz und den angrenzenden
Straßen erscheint ihm eine Teilnehmerzahl von über 200.000 Menschen
als unrealistisch. Siehe: Kowalczuk (2009), Endspiel, S. 451f.

                                                                         21
Der DDR-Regierungssprecher
     Günther Schabowski antwortet am
     9. November 1989 kurz vor 19 Uhr auf die
     Frage, ab wann die neuen Regelungen für
     Reisen ins westliche Ausland in Kraft treten
     würden: „(…) sofort, unverzüglich (…)
     über alle Grenzübergangsstellen“.

     Seite 21: Auf der größten, nicht staatlich
     organisierten Demonstration in der Geschichte
     der DDR kommen am 4. November 1989 auf
     dem Berliner Alexanderplatz hunderttausende
     Menschen zusammen, um für Meinungs-,
     Presse- und Versammlungsfreiheit einzutreten.

22
Der Fall der Mauer

Vom 6. bis 9. November 1989 tagte in Berlin das Zentralko-           perfektioniert – mit Betonplattenwänden, Metallgitterzäunen,
mitee der SED. Es beschloss die Zulassung der Oppositions-           Beobachtungstürmen, Panzersperren, Kfz-Gräben, Hunde-
gruppen und befasste sich erneut mit der Überarbeitung des           laufanlagen, Lichttrassen, Selbstschussanlagen und Minen.
umstrittenen Reisegesetzentwurfs. Beschlossen wurde eine             Schon zehn Tage nach dem Mauerbau, am 24. August 1961,
Regelung für Reisen ins westliche Ausland und die ständige           fielen die ersten tödlichen Schüsse an der Berliner Grenze,
Ausreise aus der DDR. Genehmigungen dafür sollten von                sie galten dem 24-jährigen Günter Litfin. Der letzte Flüchtling,
den zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der                 der an der Mauer erschossen wurde, war der 21-jährige
Volkspolizeikreisämter „kurzfristig“ und „ohne Voraus-               Chris Gueffroy. Er starb am 5. Februar 1989. Hunderte von
setzungen“ erteilt werden. Als Regierungssprecher Günter             Menschen verloren bei Fluchtversuchen aus der DDR ihr
Schabowski am 9. November kurz vor 19 Uhr in einer Pres-             Leben. Der 9. November 1989, der Tag des Mauerfalls,
sekonferenz die Frage gestellt bekam, ab wann diese Rege-            beendete dieses menschenverachtende Grenzregime – und
lung in Kraft treten würde, antwortete er, „sofort, unverzüg-        besiegelte zugleich den Untergang der SED-Herrschaft.
lich (…) über alle Grenzübergangsstellen“.35 Schon wenige            Damit eröffneten sich völlig neue Optionen für Deutschland
Minuten später verbreitete sich diese Nachricht über Radio           und Europa. Die in der DDR stationierten 338.000 sowjeti-
und Fernsehen, die Zeitangabe „ab sofort“ wurde wörtlich             schen Soldaten waren auch am 9. November (wie schon
genommen. Tausende Menschen strömten in der gleichen                 am 9. Oktober) in den Kasernen geblieben, Präsident
Nacht zu den Grenzübergangsstellen nach West-Berlin                  Michael Gorbatschow hatte Wort gehalten.37
und zur Bundesrepublik, wo entsprechende Anweisungen                 Alt-Bundeskanzler Willy Brandt, der zur Zeit des Mauer-
allerdings nicht vorlagen. Am Ost-Berliner Grenzübergang             baus 1961 Regierender Bürgermeister von Berlin gewesen
Bornholmer Straße forderten Tausende Menschen „Tor                   war und später durch seine neue Ostpolitik den Entspan-
auf! Tor auf!“. Die Grenzbeamten ließen zunächst einzelne            nungsprozess zwischen Ost und West befördert hatte,
Personen durch und stempelten ihre Personalausweise so               brachte am darauffolgenden Abend in einer Rede vor dem
ab, als gingen sie für immer. Doch der friedliche Druck auf          Schöneberger Rathaus seine Freude zum Ausdruck. Seine
den Grenzübergang wurde größer und größer, so dass sich              Worte trafen die Stimmung und die Hoffnung vieler Men-
der diensthabende Kommandeur in eigener Verantwortung                schen in der DDR: „Es ist sicher, dass nichts im anderen
entschied, die Schlagbäume in der Mauer zu öffnen. Der               Teil Deutschlands wieder so werden wird, wie es war. (…)
Inbegriff der Gewaltherrschaft war gefallen, ein weiteres            Und ich denke, dass diese Volksbewegung im anderen Teil
Mal hatte die Staatsmacht vor dem eigenen Volk kapituliert.          Deutschlands ihre Erfüllung nur in wirklich freien Wahlen
Jubelnd strömten Tausende DDR-Bürger nach West-Berlin.36             finden kann.“38 Noch auf der Rathaustreppe diktierte Brandt
Wenig später wurden auch alle anderen innerstädtischen               einem Journalisten seinen berühmt gewordenen Satz ins
Grenzübergangsstellen geöffnet. Menschen aus beiden                  Mikrofon: „Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder
Stadthälften versammelten sich in dieser „Wahnsinnsnacht“            zusammenwächst, was zusammengehört.“39
zu spontanen Freudenfeiern. Auch entlang der innerdeut-              Bundeskanzler Helmut Kohl erinnerte an gleicher Stelle
schen Grenze wurden die ostdeutschen Nachbarn an den                 an die vielen Mauertoten und würdigte den Kampf der
folgenden Tagen mit Sekt und Freudentränen empfangen,                Ostdeutschen um Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, freie
überall lagen sich wildfremde Menschen in den Armen.                 und geheime Wahlen: „Unsere Landsleute sind dabei,
28 Jahre lang hatte die SED-Führung die gegen die eigene             sich diese Freiheiten selbst zu erkämpfen, und sie haben
Bevölkerung gerichteten Sperranlagen ausgebaut und                   dabei unsere volle Unterstützung.“40

35 Hertle (1995), Der 9. November 1989 in Berlin, S. 840.            37 Satjukow
                                                                         Satjukov (2008):
                                                                                    (2008),DerDerdüstere
                                                                                                   düstereFeind,
                                                                                                           Feind,Zeit
                                                                                                                   ZeitOnline.
                                                                                                                         Online. Link: http://www.
36 Als kurz nach 20 Uhr die Nachricht vom Mauerfall die im Bonner    Link: http://www.zeit.de/2008/16/A-Besatzer
                                                                     zeit.de/2008/16/A-Besatzer       (Stand: 3. November 2014). Hinzu kamen
Wasserwerk tagenden Abgeordneten des Deutschen Bundestages           (Stand: 20.
                                                                     207.400      April 2020). und Familienangehörige. Erst mit Abzug der
                                                                               Zivilangestellte
erreichte, wurde die Sitzung unterbrochen. Die Abgeordneten          Hinzu kamen
                                                                     Truppen    (1994)207.400
                                                                                        wurde Zivilangestellte
                                                                                                 bekannt, dass dieund   Familienangehörige.
                                                                                                                    Sowjetarmee    im Jahr 1989
applaudierten und sangen spontan die Nationalhymne. Siehe:           Erstdem
                                                                     auf  mit Abzug     der Truppen
                                                                               Territorium     der DDR(1994)  wurde bekannt,
                                                                                                        über insgesamt          dass die mit etwa
                                                                                                                          1.026 Objekte
Siehe: Chorgesang
Chorgesang          im Bundestag
             im Bundestag        am 9. November
                           am 9. November         1989.http://www.
                                          1989. Link:                Sowjetarmee
                                                                     36.000  Gebäudenim Jahr   1989 auf
                                                                                           verfügte,     dem777
                                                                                                     davon    Territorium   der DDR
                                                                                                                 geschlossene        über
                                                                                                                                Areale. Ebd., S. 2f.
Link: http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2014/kw45_
bundestag.de/dokumente/textarchiv/2014/kw45_mauerfall/337756         insgesamt
                                                                     38          1.026 Objekte
                                                                         Brandt (1989),    Rede vormitdem
                                                                                                       etwaRathaus
                                                                                                             36.000 Schöneberg,
                                                                                                                     Gebäuden verfügte,
                                                                                                                                  10. November
mauerfall/337756
(Stand: 6.11.2014).                                                  davon   777 geschlossene
                                                                     1989. Link:                   Areale. Ebd., S. 2f.
                                                                                   http://www.willy-brandt.org/fileadmin/brandt/Downloads/
(Stand: 20. April 2020).                                             38  Brandt (1989), Rede vor dem Rathaus Schöneberg,
                                                                     Rede_Willy_Brandt_Rathaus_Schoeneberg_1989.pdf
                                                                     10. November
                                                                     (Stand:           1989.2014).
                                                                              28. Oktober
                                                                     Link:  https://www.willy-brandt-biografie.de/wp-content/up-
                                                                     39 Dieser   Satz fiel nicht in der Rede, sondern in einem Interview, das
                                                                     loads/2017/08/Rede_Willy_Brandt_Rathaus_Schoeneberg_1989.pdf
                                                                     Brandt der Berliner Morgenpost am 10. November 1989 gegeben hat.
                                                                     (Stand:  20. April
                                                                     Siehe: Rother        2020).
                                                                                      (o.J.), Link: http://www.willy-brandt.org/fileadmin/
                                                                     39  Dieser Satz fiel nicht in der Rede, sondern in einem Interview,
                                                                     brandt/Downloads/Beitrag_Rother_Jetzt_waechst_zusammen.pdf
                                                                     das  Brandt
                                                                     (Stand:  21. der  Berliner
                                                                                  Oktober         Morgenpost am 10. November 1989 gegeben hat.
                                                                                              2014).
                                                                     Siehe:
                                                                     40 Kohl Rother
                                                                               (1989),(o.J.),
                                                                                        Rede  Link: https://willy-brandt.de/wp-content/uploads/
                                                                                                vor dem  Rathaus Schöneberg in Berlin am
                                                                     heft_08_waechst_zusammen.pdf
                                                                     10. November 1989. Link: http://www.2plus4.de/chronik.php3?date_
                                                                     (Stand:  20. April 2020).
                                                                     value=10.11.89&sort=000-003         (Stand: 31. Oktober 2014).
                                                                     40 Kohl (1989), Rede vor dem Rathaus Schöneberg in Berlin am
                                                                     10. November 1989.
                                                                     Link: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/kundgebung-
                                                                     vor-dem-schoeneberger-rathaus-468762
                                                                     (Stand: 20. April 2020).

                                                                     23
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