Die deutsche chemische Industrie 2030
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Erstellt durch den Verband der Chemischen Industrie e. V. unter Mitarbeit der Prognos AG.
Federführung durch den Ausschuss für Wirtschafts- und Marktanalysen.
Mitglieder des Ausschusses für Wirtschafts- und Marktanalysen: Dr. Peter Westerheide (BASF SE, Projektleitung),
Birgitta Schlief (BASF Personal Care and Nutrition GmbH), Dr. Reinhold Maeck (Boehringer Ingelheim GmbH),
Dr. Thomas Sunderbrink (BP Refining & Petrochemicals GmbH), Bernhard Forschler (Celanese Europe B. V.),
Robert Kolb (Clariant Produkte (Deutschland) GmbH), Christoph Ragginger (Covestro Deutschland AG),
Sabine Klages-Büchner (DuPont Deutschland Holding GmbH & Co. KG), Natasa Nikolic (Evonik Industries AG),
Dr. Thomas Roick (Lanxess Deutschland GmbH, Ausschussvorsitzender)
2Inhalt
INHALT
Executive Summary 4
Einleitung 6
Weltwirtschaftliches Umfeld 9
Die globalen Megatrends 9
Wachsende und alternde Weltbevölkerung 9
Globalisierung verliert an Tempo 10
Schnellere Verbreitung von Technologien und Wissen 11
Kein Engpass bei Energie und Rohstoffen bis 2030 12
Umwelt- und Klimaschutz gewinnen weltweit an Bedeutung 14
Staatsverschuldung hemmt Wachstum 15
Weltwirtschaftliche Dynamik lässt allmählich nach 16
Industrialisierung der Schwellenländer hält an 18
Chemische Industrie global 20
Schiefergas führt zur Renaissance der US-Chemie 21
EU-Chemie wächst dank innovativer Spezialchemie und Pharmazeutika 22
Entwicklung in Deutschland bis 2030 24
Binnenwirtschaft gewinnt an Bedeutung 24
Industrie bleibt zentrale Stütze der deutschen Wirtschaft 25
Wachstumschancen für die deutsche Chemie 27
Chemieindustrie bleibt ein attraktiver Arbeitgeber 31
Deutsche Chemie wird immer effizienter 32
Diversifizierung der Rohstoffbasis wird vorangetrieben 34
Forschungsetats werden erhöht 35
Investitionszurückhaltung hält an 37
Fazit 39
Alternativszenarien 41
Projektansatz und Methodik 49
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis 51
3Executive Summary
Executive Summary
Die Weltwirtschaft steht vor neuen Herausforderungen. Der Dynamisches Wachstum der globalen
Wachstumsmotor China ist ins Stottern geraten. Große Volks Chemienachfrage
wirtschaften wie Brasilien und Russland befinden sich in einer Die Weltwirtschaft wird in den kommenden Jahren ihre der
Rezession. Nicht zuletzt sieht sich die Europäische Union mit zeitige Schwächephase überwinden. Nach den aktuellen Pro
der Bewältigung der Flüchtlingskrise und der Unsicherheit jektionen wächst die Weltwirtschaft bis 2030 durchschnittlich
über den Verbleib von Großbritannien in der EU konfrontiert. um 2,5 Prozent pro Jahr. Das ist in etwa die gleiche Dynamik
Die Schuldenkrise in Griechenland ist ebenfalls noch nicht wie im Zeitraum von 2000 bis 2013 – auch wenn dieser Ver
ausgestanden. gleich wegen der Finanzkrise relativiert werden muss.
Zu diesen aktuellen Entwicklungen kommen langfristige Allerdings haben sich die Aussichten gegenüber der Vor
Megatrends hinzu, die die Weltwirtschaft beeinflussen. Die gängerstudie leicht eingetrübt. Die Weltwirtschaft wird weniger
Weltbevölkerung wächst. 2030 werden nach Schätzungen der stark zulegen als noch in der ersten Studienfassung prognos
UN 8,5 Milliarden Menschen auf der Welt leben (2013: 7,2 Milli tiziert (+ 3,0 Prozent). Vor allem das langfristige Wachstumspo
arden). Dadurch steigt global die Nachfrage nach Nahrung, tenzial für China und viele Schwellenländer hat sich nach den
Gütern und Dienstleistungen, aber auch das Angebot an Ar neuen Berechnungen abgeschwächt. Auch für die USA geht
beitskräften. Das Bevölkerungswachstum entfällt zu 90 Prozent die aktualisierte Studie nun von niedrigeren BIP-Zuwächsen
auf Afrika und Asien, während es in den Industrieländern sta aus. In den betroffenen Ländern haben sich auch die Wachs
gniert und die Gesellschaften rasch altern. Das globale Be tumschancen für die Industrie und damit der Bedarf an Ma
völkerungswachstum wirkt sich positiv auf das Wachstum der schinen und Chemikalien abgeschwächt.
Weltwirtschaft aus, stellt aber auch einige Regionen vor große Deutschland kann bis 2030 von der weltwirtschaftlichen
Herausforderungen. Dynamik profitieren. Die gesamte Wirtschaftsleistung (BIP)
Ein weiterer Trend und Wachstumstreiber ist die schnellere steigt bis 2030 um 1,3 Prozent pro Jahr. Den mit Abstand
Verbreitung von Technologie und Wissen. Durch Technologie größten Wachstumsbeitrag liefert zukünftig der private
transfer können viele Länder rasch von innovativen Technologien Konsum. Er löst den Außenhandel als Wachstumsmotor der
profitieren. Künftig wird es keinem Land gelingen, einen deutschen Volkswirtschaft ab. Auch die Investitionsschwäche
technologischen Vorsprung lange Zeit für sich allein bean wird allmählich überwunden. Die Industrieproduktion kann
spruchen zu können. Dadurch nimmt der Innovationsdruck mit 1,4 Prozent pro Jahr etwas stärker zulegen als das BIP.
zu. Zudem werden Digitalisierung und Vernetzung die Wirt Die wesentlichen Wachstumstreiber sind in den einzelnen
schaft in den kommenden Jahren grundlegend verändern. Regionen unterschiedlich: Während in den Schwellenländern
Wie zuvor schon Dampfmaschine, Elektrizität und Computer das Bevölkerungswachstum, der Wohlstand und damit auch
wird nun durch die Digitalisierung eine neue Phase der in die Nachfrage nach Alltagsprodukten zunehmen, gewinnen in
dustriellen Revolution ausgelöst (Industrie 4.0). Sie erfasst den Industrieländern Themen wie Energieeffizienz, Umwelt
ganze Wertschöpfungsketten und wird nicht vor den Che schutz und regenerative Energien als Treiber an Bedeutung.
mieunternehmen haltmachen. Das ermöglicht branchenüber Die veränderte Nachfragestruktur führt zu einem kräftigen
greifende Innovationen, die das Potenzial haben, bewährte Wachstum der Industrieproduktion und infolgedessen auch
und erprobte Geschäftsmodelle zu erweitern, aber auch zu zu einer steigenden Nachfrage nach Chemikalien.
ersetzen. Die Grenzen zwischen Industrie und Dienstleis Die gute Nachricht der Studie lautet daher: Die Chemie
tungssektor werden dadurch allmählich verschwimmen – ist ein dynamischer Wachstumsmarkt. Im Prognosezeitraum
bereits heute ist dies zu beobachten. steigt die globale Chemienachfrage um 3,4 Prozent und
Anders als von vielen Experten erwartet, wird es im Pro damit schneller als die Industrieproduktion (3,2 Prozent) oder
gnosezeitraum keinen Engpass bei Energie und Rohstoffen die Gesamtwirtschaft (2,5 Prozent).
geben. Neue Fördertechnologien (Fracking) und der Wett
bewerb unter den ölfördernden Staaten haben bereits seit Zukunftschancen für die deutsche Chemie
2014 zu einem Überangebot an Öl und Gas geführt, das einen Der weltweite Chemiemarkt ist bis 2030 ein d ynamischer
rapiden Verfall der weltweiten Preise für fossile Energieträ Wachstumsmarkt. Er bietet Chancen für die deutsche chemisch-
ger nach sich zog. Mittelfristig wird der Ölpreis zwar wieder pharmazeutische Industrie, an die Erfolge der Vergangen-
steigen. Im Prognosezeitraum bleibt Rohöl dennoch deutlich heit anschließen zu können – sofern die energiepolitischen
günstiger als noch in der Vorgängerstudie angenommen. Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa die Wett
Die Wettbewerbsfähigkeit der Chemie und das Wachstum bewerbsfähigkeit der Branche nicht weiter schwächen.
Europas werden dadurch insgesamt gestärkt. Der Wettbewerb nimmt an Intensität zu. Deshalb muss die
Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen hat der Branche ihre Produktion in Zukunft noch stärker als bisher auf
VCI seine Studie „Die deutsche chemische Industrie 2030“ forschungsintensive Spezialchemikalien und Pharmazeutika
aktualisiert. Ziel ist es, die Zukunft der Branche in einer Welt ausrichten, um ihren Wettbewerbsvorteil zu halten und aus
des Umbruchs mit einem realistischen Szenario zu beschrei zubauen. Sie wird den technologischen Fortschritt voran
ben. Die Leitfragen der aktualisierten Zukunftsstudie waren: treiben und auch die Chancen der Digitalisierung nutzen. Die
Wie wird der weltweite Chemiemarkt im Jahr 2030 aussehen? deutsche Chemie kann mit hochwertigen Lösungen für an
Und wie stellt sich die chemisch-pharmazeutische Industrie in spruchsvolle Kunden im Inland und allen Auslandsmärkten
Deutschland darauf ein? punkten. Sie wird dadurch auch künftig weiter wachsen – in
4Executive Summary
einem Verbund von Pharma, Basis- und Spezialchemie. Nach Euro (2013) auf 16,5 Milliarden Euro im Jahr 2030 erhöhen.
den neuen Berechnungen wächst die deutsche Chemiepro Der Anstieg fällt niedriger aus, als in der Vorgängerstudie
duktion im Prognosezeitraum um 1,5 Prozent pro Jahr. erwartet worden war. Das liegt an dem insgesamt langsameren
Im Vergleich zur Vorgängerstudie fällt das Wachstum damit Wachstum der Chemieproduktion in Deutschland und an dem
leicht niedriger aus. Grund hierfür ist vor allem die schwächere steigenden Wettbewerbsdruck auf den Forschungss tandort.
Dynamik auf wichtigen Auslandsmärkten. In der Basischemie Andere Regionen und auch die Schwellenländer investieren
hat sich darüber hinaus das Wettbewerbsumfeld stark verändert. stark in ihre Chemieforschung. In einigen Kundenbranchen
Die im internationalen Vergleich hohen Rohstoff- und Energie verlagern sich die Produktions- und Forschungszentren
kosten führen dazu, dass die deutsche Basischemie die Welt immer stärker nach Asien. Die deutsche Chemieforschung
märkte nicht vom Standort Deutschland aus beliefern kann. folgt in Teilen dieser Entwicklung.
Der Produktionsverbund, eine der zentralen Stärken der deut
schen Chemie, bleibt aber erhalten. Der deutsche und euro Investitionszurückhaltung in der Chemie
päische Chemiemarkt wird auch zukünftig mit Basischemikalien Das langfristige Trendwachstum der Investitionen der
aus deutscher Produktion beliefert. deutschen Chemie ist niedrig. Seit 1991 stiegen die Investitionen
in Anlagen und Gebäude der Branche um durchschnittlich
Rohstoffbasis verändert sich nur 0,2 Prozent pro Jahr – real gingen die Investitionen sogar
Fossile Rohstoffe – darunter vor allem das Erdölderivat um jährlich 1,6 Prozent zurück. Die Gründe sind vielschichtig:
Naphtha – werden bis 2030 der wichtigste Ausgangsstoff für In den letzten Jahren hat die chemisch-pharmazeutische
die Branche bleiben. Ihr Anteil an der Rohstoffbasis schwächt Industrie zum einen erhebliche Effizienzgewinne verzeichnet,
sich aber leicht ab. Demgegenüber steigt der Anteil nach was Produktionswachstum mit weniger Investitionen ermög
wachsender Rohstoffe von derzeit 13 auf 18,5 Prozent (2030). lichte. Zum anderen vollzog sich die zunehmende Spezialisierung
Um nachwachsende Rohstoffe stärker als heute in die von der kapitalintensiven Basischemie zu anderen Sparten, die
Produktion zu integrieren, sind erhebliche Forschungsan weniger Sachanlageinvestitionen benötigen.
strengungen nötig. Im Zusammenspiel mit anderen Industrien Hauptursache der Investitionszurückhaltung waren aber
müssen hierzu neue Wertschöpfungsketten aufgebaut werden. die im internationalen Vergleich hohen Energie- und Roh
Diese Entwicklung ist aufwändig und geht nicht so schnell voran stoffpreise. Diese sind gerade in der energieintensiven
wie von vielen erhofft. Gerade in der Basischemie erscheint Chemieindustrie ein wichtiger Standortfaktor. Die Investitions
zum jetzigen Zeitpunkt eine signifikante Substitution der entscheidungen der Unternehmen fielen daher oftmals
fossilen Rohstoffe durch nachwachsende Rohstoffe bis zum zugunsten ausländischer Standorte aus. So stiegen die Investi
Jahr 2030 wenig wahrscheinlich. Die Verfügbarkeit und der tionen im Ausland seit vielen Jahren deutlich dynamischer als
Preis von nachwachsenden Rohstoffen bleiben wegen der die Investitionen im Inland. Seit 2012 investiert die deutsche
Nutzungskonkurrenz (Ernährung vs. Rohstoff) auch zukünftig Chemie sogar überwiegend im Ausland.
die limitierenden Faktoren. Grundlegende Änderungen der Energie- und K limapolitik
zeichnen sich weder in Berlin noch in Brüssel ab. Insofern
Forschungsausgaben steigen werden die Unternehmen in Deutschland auch zukünftig
Forschung und Entwicklung sind nicht nur für die Ver höhere Energie- und Rohstoffkosten schultern müssen als
änderung der Rohstoffbasis nötig. Besonders der globale viele Wettbewerber. Häufig wechselnde energiepolitische
Wettbewerb erfordert in Zukunft ein insgesamt höheres Vorgaben und unzählige staatliche Eingriffe in den Energie
Innovationstempo. Hinzu kommt der steigende Bedarf markt erzeugen eine anhaltend hohe Planungsunsicherheit in
an forschungsintensiven Spezialchemikalien. Daher wird den Unternehmen – und damit Zurückhaltung bei Investitio
die Branche ihre Forschungsausgaben von 10 Milliarden nen. Diese wird sich im Prognosezeitraum fortsetzen.
Intrinsische Stärken und gute Industriepolitik gefragt
Die Aktualisierung der 2030-Studie zeigt: Deutschland bleibt Achillesferse der deutschen Industrie. Denn Energiekosten
auch in Zukunft einer der bedeutendsten Chemiestandorte der sind ein wichtiger Faktor im globalen Standortwettbewerb. Die
Welt. Diese Perspektive muss aber strategisch erarbeitet wer- Nachteile des Standorts Deutschland bei den Energie- und
den. Die Komponenten einer erfolgversprechenden Strategie Rohstoffkosten im Prognosezeitraum dämpfen die Entwick-
für die Branche lauten: Chancen der Globalisierung nutzen, auf lungsmöglichkeiten für die deutsche Chemieindustrie. Eine si-
Spezialchemikalien und Pharma fokussieren, Innovationsoffen- chere und bezahlbare Energieversorgung ist eine Zukunfts-
sive starten, Ressourceneffizienz erhöhen, Rohstoffbasis diver- frage für den Industriestandort. Daher plädiert der VCI für eine
sifizieren und Produktivität steigern. grundlegende Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes in
Die zweite Voraussetzung dafür, dass sich die deutsche der nächsten Legislaturperiode, die Ausbau und Preise wirt-
Chemie auf den globalen Märkten mit ihren Produkten durch- schaftlich und kosteneffizient gestaltet.
setzen kann, sind die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingun- Handlungsbedarf für die Politik besteht auch beim Thema
gen. Zwar sind in Brüssel und Berlin mit der Initiative „Better Innovationsfähigkeit. Die VCI-Studie „Innovationen den Weg
Regulation“ oder dem Bündnis „Zukunft der Industrie“ durch- ebnen“ hat gezeigt, dass es eine Reihe von externen Hemm-
aus positive Ansätze erkennbar. Aber darüber hinaus hat sich nissen gibt, die den Weg innovativer Produkte vom Labor zum
das politische Umfeld für industrielle Produktion kaum verbes- Markt unnötig erschweren. Hier messbare Fortschritte zu errei-
sert. Insbesondere die Energie- und Klimapolitik bleibt die chen zahlt sich für Unternehmen und Kunden aus.
5Einleitung
Einleitung
Die chemische Industrie1 ist eine Schlüsselindustrie. Sie steht Als Grundstoffindustrie ist die Chemie energie- und roh
mit einem Großteil ihrer Produkte am Anfang vieler Wert stoffintensiv. Viele chemische Reaktionen erfordern hohe
schöpfungsketten. Die Branche entwickelt Materialien für winzige Temperaturen. Zudem benötigt die Branche viel Strom –
Chips, die Smartphones oder Computer zu Höchstleistungen nicht nur für elektrolytische Verfahren wie die Chlorproduk
antreiben. Sie erzeugt Baustoffe für Häuser und Gebäude und tion, sondern auch für den Betrieb der Produktionsanlagen. Ein
entwickelt Medikamente. Das Bild moderner Fernseher wäre Fünftel des Energiebedarfs des verarbeitenden Gewerbes ent
ohne die von der chemischen Industrie hergestellten Flüssig fällt auf die Chemiebranche. Die chemische Industrie setzt
kristalle längst nicht so scharf. Dank der Chemie bringen Energieträger auch als Rohstoff ein. Die Chemie baut größ
Windräder und Solaranlagen sauberen Strom, werden Autos tenteils auf Kohlenstoffverbindungen auf. Wichtigste Roh
und Flugzeuge immer leichter und Sportgeräte wie Skier oder stoffquelle ist in Deutschland das Erdölderivat Rohbenzin
Fahrräder leistungsfähiger und sicherer. Daher gilt: Den Wetter (Naphtha). Darüber hinaus kommen Erdgas und nachwach
bericht über das Smartphone checken, eine Kopfschmerztab sende Rohstoffe aus Biomasse zum Einsatz.
lette nehmen, in den Urlaub fliegen oder daheim die Bundesliga Genauso vielfältig wie die Produkte sind die Unternehmen.
in HD-Auflösung schauen? Ohne Chemie? Unmöglich! In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren die Weltkonzerne.
Über 80 Prozent der Erzeugnisse der deutschen Chemie Von den mehr als 2.000 Chemiebetrieben in Deutschland ist
gehen an industrielle Kunden. Die Branche ist damit Ausgangs aber die überwiegende Mehrheit mittelständisch geprägt.
punkt und Innovationsmotor für viele Wertschöpfungsketten Über 90 Prozent der Chemieunternehmen haben weniger als
im In- und Ausland. Chemieunternehmen arbeiten mit Ma 500 Beschäftigte. Insgesamt stellen die rund 1.850 kleinen
schinenbau, Elektroindustrie, Bauwirtschaft und Fahrzeugbau und mittleren Unternehmen weit über ein Drittel der Arbeits
eng zusammen. Diese Partnerschaft führt zu hoher Leistungs plätze in der Branche. Und sie sind erfolgreich mit ihrer Ge
fähigkeit und Produktqualität. Die Stärke des Industrienetz schäftsstrategie: Der Mittelstand trägt fast ein Drittel zum
werkes macht Deutschland zu einer führenden Exportnation. Gesamtumsatz der Branche bei. Einen derart leistungsstarken
In diesem System spielt die Chemie als Lieferant hochwertiger Mittelstand in der Chemie gibt es sonst nirgendwo auf der
Lösungen eine zentrale Rolle für alle genannten Branchen. Welt. Mit ihren spezifischen Lösungen für die Kunden – vor
Kaum eine andere Industrie bietet ein so großes Produkt allem Fein- und Spezialchemikalien – sind unsere mittelstän
spektrum. In Deutschland entfällt rund ein Drittel der P
roduktion dischen Unternehmen den Wettbewerbern häufig einen Schritt
auf Basischemikalien. Hierzu zählen Düngemittel, Industrie voraus. Dadurch zählen sie nicht selten zu den globalen
gase und andere anorganische Grundstoffe ebenso wie Primär Marktführern auf ihrem Arbeitsgebiet.
chemikalien (z.B. Ethylen, Propylen oder Benzol), organische Gemeinsam tragen Großunternehmen und Mittelstand
Zwischenprodukte und Standardpolymere. Spezialchemikalien mit ihrem Umsatz und ihren Investitionen maßgeblich zum
stellen mit knapp 40 Prozent den größten Anteil an der deut Wohlstand Deutschlands bei. Die Branche erwirtschaftet als
schen Chemieproduktion. Zur Spezialchemie gehören Farben drittgrößte Industrie in Deutschland rund 11 Prozent des
und Lacke, Pflanzenschutzmittel, Spezialkunststoffe, Additive deutschen Industrieumsatzes. Die Chemie ist kapitalintensiv.
wie beispielsweise Flammschutzmittel, UV-Schutzlacke und Nahezu 12 Prozent aller Investitionen der Industrie werden in
Lebensmittelzusatzstoffe, Klebstoffe, Seifen, Wasch- und Rei der Chemie getätigt. Darüber hinaus ist die Chemieindustrie ein
nigungsmittel sowie Kosmetika. Über ein Viertel der Chemie wichtiger Arbeitgeber. In der Chemie arbeiten rund 463.000
produktion entfällt auf Pharmazeutika für Mensch und Tier. Personen.2
Eine enge Verknüpfung zwischen Pharma, Spezial- und Basis- Die herausragende Stellung der deutschen Industrie in
chemie gibt es nicht nur auf der gemeinsamen Grundlage der Welt ist nicht zuletzt auf Deutschlands Stärke als For
von Molekülen für Wirk- und Werkstoffe. Sie besteht auch aus schungsstandort zurückzuführen. Durch kontinuierliche Produkt-
intensiven Geschäftsbeziehungen der Unternehmen. Ohne und Prozessinnovationen konnte sich die deutsche Chemie
die Produkte der Basischemie würden Pharma und Spezialche seit mehr als 100 Jahren im internationalen Wettbewerb
mie in Deutschland schwieriger an Rohstoffe gelangen. An behaupten. Innovationen bleiben auch in Zukunft ein not
dererseits ist die Basischemie auf die anderen Sparten als wendiger Differenzierungsfaktor auf dem Weltmarkt. Als Zu
verlässliche Kunden angewiesen. Die breite Aufstellung der lieferer für andere Branchen ist die chemische Industrie mit
deutschen Chemie, die Chemieparks, in denen Verbund- und ihren Patenten, neuen Produkten, Verfahren und dem Anwen
Synergieeffekte über Unternehmensgrenzen hinweg intensiv
genutzt werden, und nicht zuletzt enge Lieferbeziehungen mit 1
Unter dem Begriff „chemische Industrie“ wird in der vorlie-
nahezu allen Industriebranchen gehören zu den herausragen genden Studie immer die gesamte chemisch-pharmazeuti-
den Stärken des Chemiestandorts Deutschland. sche Industrie verstanden. Alle Kennzahlen beziehen sich, falls
Das Konzept der Chemieparks – eine deutsche Erfindung nicht anders angegeben, auf die Gesamtchemie.
– steigert zudem die Effizienz der Produktion. Der Standort 2
In diesem Bericht werden, falls nicht anders angegeben,
betreiber kümmert sich um zentrale Umweltschutzeinrichtungen Kennzahlen des Prognos-Modells verwendet. Die Daten
und die komplette Infrastruktur für die ansässigen Unternehmen. stammen aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung
Sein Service ermöglicht einen Verbund der Produktionsanlagen (VGR). Die Wertangaben sind real (in Preisen und Wechsel-
mit hoher Effizienz für Energie, Roh- und Reststoffe. kursen von 2010). Dadurch kann es zu Abweichungen ein-
zelner Kennzahlen von der VCI-Berichterstattung kommen.
6Einleitung
dungs-Know-how ein Innovationsmotor mit hohem Multipli wirtschaft, die Entwicklungen in Deutschland und Europa,
katoreffekt. Die Chemie (ohne Pharma) steuert jedes fünfte den Strukturwandel in der Industrie bis hin zu den Entwicklun
Patent mit branchenübergreifender Bedeutung in Deutschland gen in einzelnen Chemiesparten. Die Prognose zukünftiger
bei. Sie entwickelt und verbessert beständig Materialien und Entwicklungen bietet die Möglichkeit, Stärken und Schwä
innovative Vor- und Endprodukte. chen der deutschen Chemie aufzudecken und Chancen und
Mit der wachsenden Weltbevölkerung steigt auch der Risiken für die Branche zu identifizieren, die sich aus grundle
Bedarf an Produkten für klimaschonende Energieerzeugung, genden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen
mehr Nahrung, sauberes Wasser, Medikamente, Kommunika Entwicklungen ableiten. Neben den Ergebnissen ist uns das
tionsmittel und umweltgerechte Mobilität. Darauf richten vertiefte Verständnis über Wirkungszusammenhänge wichtig.
die deutschen Chemieunternehmen ihre Geschäftsstrategie Die Erstellung eines Zukunftsszenarios ist immer eine
und Forschungsprojekte schon seit geraumer Zeit aus. Die che „Wenn-dann“-Analyse. In der vorliegenden Studie wurde
misch-pharmazeutische Industrie in Deutschland ist mit ihren zunächst nur das Basisszenario aktualisiert. Hierin ist die Kon
Kompetenzen ein zentraler Innovationstreiber, solche globalen stellation von Faktoren für das Chemiegeschäft unterstellt,
Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung zu be die VCI und Mitgliedsunternehmen für die wahrscheinlichste
wältigen. Gleichzeitig trägt unsere Initiative Chemie3 dazu bei, halten. Je nachdem, welche Annahmen man für die Ent
Nachhaltigkeit als gelebtes Leitbild in der gesamten Branche wicklung der wichtigen Treiber des Chemiegeschäfts trifft,
zu verankern. Wirtschaftlicher Erfolg, ökologische Verantwor ergeben sich abweichende Szenarien.
tung und soziale Gerechtigkeit sind die Säulen, auf denen Bereits das Basisszenario zeigt einen großen Handlungs
dieses Selbstverständnis ruht. bedarf für die Akteure auf. Denn Unternehmen, Gesellschaft
Deutschland ist – gemessen am Umsatz – nach China, den und die Politik gestalten die Zukunft der Chemieindustrie in
USA und Japan die viertgrößte (2013) Chemienation der Welt. Deutschland. Die Studie soll hierfür einen Orientierungsrah
Chemische Erzeugnisse „Made in Germany“ sind weltweit men geben. Unternehmerische Entscheidungen, beispiels
gefragt. Die deutsche Chemieindustrie ist seit vielen Jahren weise über Forschungsschwerpunkte oder Investitionen,
Exportweltmeister. Die Branche erschließt die globalen werden auf Grundlage von Erwartungen über die Zukunft ge
Märkte nicht nur über Exporte, sondern auch über Produk troffen. Eine fundierte Langfristprognose bildet daher den
tionsstätten in den meisten Ländern der Welt.3 notwendigen Rahmen für die Optimierung der strategischen
Der globale Wettbewerb hat auch in der Chemie enorm Ausrichtung der Unternehmen. Gleichwohl geht der Anspruch
Fahrt aufgenommen. In Asien forcieren China, Indien und der Studie über die Branche hinaus: Wir wollen auf Basis der
Korea massiv den Ausbau von Forschung und Wissenschaft. Ergebnisse auch Politik und Gesellschaft zu einem Dialog
Bereits heute kommen 40 Prozent aller chemischen Erfindun über die Zukunft Deutschlands einladen. Die heute getroffe
gen aus Asien. In den rohstoffreichen Ländern entstehen Jahr nen politischen Entscheidungen werden sich auf die gesamte
für Jahr neue Produktionsanlagen vor allem in der Basische Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen In
mie. Dadurch ergibt sich neue Konkurrenz für die traditionsreiche dustrie auswirken. Vor diesem Hintergrund leistet der VCI mit
deutsche Chemie. der aktuellen Studie einen Beitrag, der durch fundierte Argu
Deutschland ist heute ein attraktiver und wettbewerbsfä mente und Zahlen zum Dialog über die Zukunft Deutschlands
higer Chemiestandort. Die Studie „Die Wettbewerbsfähigkeit anregt.
des Chemiestandorts Deutschland im internationalen Ver
gleich“4 des Wirtschaftsforschungsinstituts Oxford Economics
zeigt aber, dass der Chemiestandort Deutschland seit 2008
an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat. Das ist beunruhigend,
weil dadurch das Wachstum gedämpft wird und Investitions
entscheidungen zunehmend zugunsten ausländischer Stand 3
Die Kennzahlen in dieser Studie beziehen sich – falls nicht
orte getroffen werden. Und es stellt sich zunehmend die anders angegeben – auf die in Deutschland produzierenden
Frage, ob die deutsche Chemie bis 2030 in der Erfolgsspur Chemieunternehmen. Die ausländischen Töchter deutscher
bleibt. Chemieunternehmen sind nicht eingerechnet. Aussagen zur
Ebenfalls beunruhigend ist, dass das Wachstum der deut Wettbewerbsfähigkeit beziehen sich immer auf den Chemie
schen Chemie in den zurückliegenden Jahren gering war. standort Deutschland und nicht auf die Unternehmen.
Nach der Weltwirtschaftskrise des Jahres 2008/2009 hat sich 4
„Die Wettbewerbsfähigkeit des Chemiestandorts Deutsch-
die deutsche Chemie zwar rasch wieder erholt. Aber seit 2011 land im internationalen Vergleich“, VCI 2014, abrufbar unter
konnte die Produktion kaum noch ausgeweitet werden. Kann https://www.vci.de/vci/downloads-vci/publikation/bericht-zur-
diese Wachstumsschwäche in den kommenden Jahren über vci-oxford-economics-studie-wettbewerbsfaehigkeit-chemie
wunden werden? Und wenn ja, wie? Auch mit diesen Fragen standort-deutschland.pdf, „Evolution of competitiveness in
beschäftigt sich die vorliegende Studie. Sie zeigt das langfris the German chemical industry: historical trends and future
tige Wachstumspotenzial der Branche in Deutschland auf. prospects“, Oxford Economics 2014, abrufbar unter https://
Der vorliegende Bericht ist eine Aktualisierung der VCI- www.vci.de/vci/downloads-vci/publikation/vci-oxford-economics-
Prognos-Studie „Die deutsche chemische Industrie 2030“5. Er report-evolution-of-competitiveness-in-german-chemical-
berücksichtigt die aktuellen Entwicklungen nach 2011 wie bei industry.pdf
spielsweise die Wachstumsabschwächung der Schwellenlän 5
„Die deutsche chemische Industrie 2030“, VCI 2013, abrufbar
der oder den Preisverfall beim Rohöl. Die Studie bietet eine unter https://www.vci.de/vci/downloads-vci/publikation/lang-
umfassende und konsistente Langfristprognose für die Welt fassung-prognos-studie-30-01-2013.pdf
78
Weltwirtschaftliches Umfeld
Weltwirtschaftliches Umfeld
Wie sich die chemische Industrie in Deutschland bis zum Megatrends, die die Entwicklung der Weltwirtschaft in den
Jahr 2030 entwickelt, wird maßgeblich von den weltwirt kommenden Jahren maßgeblich beeinflussen werden.
schaftlichen Entwicklungen und den wirtschaftspolitischen
Rahmenbedingungen mitbestimmt. Treiber für die Entwick WACHSENDE UND ALTERNDE WELTBEVÖLKERUNG
lung sind Megatrends, die nicht zwangsläufig ökonomischer Das globale Bevölkerungswachstum bleibt in den kom
Natur sein müssen. Ohne ein Wissen und eine Einschätzung menden Jahren ein zentraler Wachstumstreiber für die Welt
darüber, in welche Richtung sich die zentralen Treiber entwi wirtschaft. Bis zum Jahr 2030 steigt nach Schätzungen der
ckeln werden, ist ein Ausblick auf die zukünftigen Entwick Vereinten Nationen (UN) die Weltbevölkerung von 7,2 Milli
lungen nicht möglich. Im Folgenden werden daher zunächst arden in 2013 auf 8,5 Milliarden Menschen. Dies entspricht
die globalen Megatrends aufgezeigt, bevor die daraus resul einem jährlichen Wachstum von 1 Prozent. Entsprechend
tierende Entwicklung der Weltwirtschaft und der deutschen d ynamisch wird die weltweite Nachfrage nach Nahrung,
Wirtschaft dargestellt wird. Gütern und Dienstleistungen zulegen. Gleichzeitig wächst
auch das globale Arbeitskräfteangebot. Allerdings fällt dieser
Die globalen Megatrends Zuwachs aufgrund der gleichzeitigen Alterung der Welt
Häufig werden Prognosen durch unwahrscheinliche, aber bevölkerung weniger stark aus.
in ihrer Wirkung extreme Ereignisse wie Naturkatastrophen, Dynamik und Divergenz prägen die weltweiten demogra
kriegerische Auseinandersetzungen oder technologische fischen Entwicklungen im 21. Jahrhundert: Das globale Bevöl
Sprünge überholt. Dennoch erlauben langfristige Entwick kerungswachstum bis 2030 beruht beinahe zu 90 Prozent auf
lungstendenzen wichtiger ökonomischer Rahmendaten empi der Bevölkerungsentwicklung der Schwellenländer in Afrika
risch gestützte Aussagen über die Zukunft. Für die Prognose und Asien. Besonders dynamisch wächst die Bevölkerung in
wurden auf Grundlage aktueller Trends, sich abzeichnender Indien. Bis 2030 wird die indische Bevölkerung um jährlich
Entwicklungen, vorhandener Studien und Expertenwissen An 1 Prozent zulegen und damit auf gut 1,5 Milliarden Menschen
nahmen zu der Entwicklung der zentralen Treiber – Demogra anwachsen. Demgegenüber schwächt sich das Bevölkerungs
fie, Globalisierung, Technologie und Humankapital, Energie wachstum in China infolge der Ein-Kind-Politik deutlich ab.
und Ressourcen, Umwelt und Klima sowie Staatsfinanzen und Über den gesamten Prognosezeitraum wächst die chinesische
Konsolidierung – getroffen. Im Ergebnis zeigen sich sechs Bevölkerung nur noch um 0,3 Prozent pro Jahr. Infolge dieser
gegenläufigen Entwicklungen löst Indien China im kommen
ABB. 1: WELTBEVÖLKERUNG WÄCHST – LEBENSERWARTUNG STEIGT
Bevölkerung im Jahr 2030, in Millionen
53,0
37,5
19,8 40,2
43,7
1.453,3
9,7
222,7 358,8
121,0 70,7
10,1 79,3
133,8 86,8
144,0
70,7
65,1
46,9 1.476,3
58,1
In allen Ländern steigt die Lebenserwartung und damit der Anteil der Personen über 64 Jahre. Die Weltbevölkerung wächst vor allem in
den Schwellenländern. In Griechenland, Japan, Russland, Polen, Portugal, Spanien und Deutschland schrumpft die Bevölkerung.
Quelle: Vereinte Nationen 2015
9Weltwirtschaftliches Umfeld
den Jahrzehnt als bevölkerungsreichstes Land der Erde ab. deutlich verändert. Die jüngsten bedeutsamen Flüchtlings
Russland bildet unter den Schwellenländern eine Ausnahme. ströme sind allerdings in den Bevölkerungsprognosen noch
Die russische Bevölkerung schrumpft, so dass 2030 deutlich nicht enthalten. Die Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf die
weniger Menschen in Russland leben werden als noch im Jahr Entwicklung in Deutschland konnten daher im Rahmen dieser
2013. Studie noch nicht quantifiziert werden. Aus heutiger Sicht ist
In den Industrieländern 6 stagniert die Bevölkerungs es aber wenig wahrscheinlich, dass sich im Hinblick auf das
entwicklung nahezu (+ 0,2 Prozent p.a.). Insgesamt wird der Arbeitskräftepotenzial die grundsätzlichen heute erkennbaren
Anteil der Menschen, die in Industrieländern leben, von heute Entwicklungstendenzen ändern.
17 Prozent auf 15 Prozent im Jahr 2030 zurückgehen. Inner Insgesamt wirkt sich die steigende Weltbevölkerung positiv
halb der Gruppe der Industrieländer zeigen sich große Un auf das Wachstum der Weltwirtschaft aus. In den Schwellen
terschiede in der Bevölkerungsentwicklung. Vor allem die ländern werden mehr Menschen leben und k onsumieren,
Vereinigten Staaten, aber auch Australien, die Schweiz oder gleichzeitig aber auch dem Arbeitsmarkt zur Verfügung
Norwegen zeichnen sich durch einen deutlichen Bevölke stehen. Die Industrieländer profitieren ihrerseits von dieser
rungszuwachs aus. Insbesondere aufgrund der hohen Zu Entwicklung, da sie zunehmend mehr in diese Regionen
wanderungszahlen wächst die Bevölkerung der USA bis 2030 exportieren und von dort günstigere Vorleistungen importieren
um jährlich 0,7 Prozent. Die Bevölkerung der Europäischen können. Gleichzeitig kann die Einwanderung aus den Schwel
Union wird hingegen nur um 0,1 Prozent pro Jahr wachsen lenländern dem drohenden Fachkräftemangel entgegenwirken.
können. In Japan schrumpft die Einwohnerzahl sogar über
den gesamten Prognosezeitraum. 2030 werden dort GLOBALISIERUNG VERLIERT AN TEMPO
6,3 Millionen Menschen weniger leben als heute. Die Globalisierung war in den beiden zurückliegenden
Im Zuge einer zunehmenden Lebenserwartung wird Jahrzehnten einer der stärksten Treiber für eine prosperie
die Weltbevölkerung insgesamt altern. Heute leben rund rende Weltwirtschaft. Die internationale Arbeitsteilung nahm
840 Millionen Menschen auf der Erde, die älter als 60 Jahre seit Mitte der 90er Jahre rasant zu. Der globale Handel wuchs
sind. Dies entspricht einem Anteil von knapp 12 Prozent an von 2000 bis 2013 mit durchschnittlich rund 4,5 Prozent pro
der gesamten Weltbevölkerung. Bis 2030 wird dieser Anteil Jahr deutlich dynamischer als die Weltwirtschaft (2,5 Prozent
auf 16,5 Prozent ansteigen. Damit werden dann 1,4 Milliar p.a.). Diese Entwicklung war durch fünf Sonderfaktoren be
den Menschen älter als 60 Jahre sein. Nicht nur beim Be günstigt:
völkerungswachstum, sondern auch bei der Alterung der
Bevölkerung zeigen sich große regionale Unterschiede: Vor die
AA Integration Chinas in die Weltwirtschaft,
allem in den Industrieländern, aber auch in China wird die die
AA Transformation des ehemaligen Ostblocks,
Bevölkerung schnell altern, während in den anderen Entwick den durch den Industrialisierungsprozess der Schwellenlän
AA
lungs- und Schwellenländern der Anteil älterer Menschen der hervorgerufenen Ressourcenhunger,
deutlich langsamer steigt. den durch Rohstoffexporte ausgelösten Reichtum der Roh
AA
Unter dem Strich lässt sich festhalten, dass die Bevölke stoffländer,
rung in Ländern mit hohem Wohlstandsniveau schneller altert den Abbau von Handelsschranken und Kapitalverkehrskon
AA
und kaum noch wächst, während in den Entwicklungs- und trollen.
Schwellenländern die Bevölkerung kaum altert und rasant
wächst. Die Industrieländer stehen daher vor der Heraus Nach der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 hat sich der
forderung, dass das Arbeitskräftepotenzial sinkt und ein Welthandel von den Rückschlägen zwar wieder rasch erholt.
Fachkräftemangel droht. Gleichzeitig müssen die sozialen Seither wuchs er aber nur noch geringfügig schneller als die
Sicherungssysteme (Alterssicherung, Gesundheitssystem, Weltwirtschaft. Das zeigt sich auch im Chemiegeschäft, denn
Pflege) stark zunehmende Lasten bewältigen. In den Ent das Verhältnis aus Weltchemiehandel und Weltchemieumsatz
wicklungs- und Schwellenländern hingegen wird es immer stagniert seit einigen Jahren. Die lokale Produktion gewinnt
schwieriger, die Versorgung der Menschen mit Gütern und mit der Industrialisierung der Schwellenländer an Bedeutung,
Dienstleistungen sicherzustellen. Noch schwieriger ist es, für weil sich internationale Lohnpreisdifferenzen weiter angegli
die wachsende Bevölkerung ausreichend Jobs zu schaffen. chen haben. Zudem sinken die Transportkosten kaum noch
Vor diesem Hintergrund wird das Nord-Süd-Gefälle bei den und für innovative Produkte wird die Nähe zum Kunden zu
Pro-Kopf-Einkommen weitgehend bestehen bleiben. nehmend wichtiger.
Das Wohlstandsgefälle, kriegerische Auseinandersetzun Die Handelspolitik spielt auch zukünftig eine wichtige Rolle.
gen und die unterschiedliche Bevölkerungsdynamik werden Allerdings wird der Abbau von Handelshemmnissen und
in den kommenden Jahren weiterhin Migrationsbewegungen Kapitalverkehrskontrollen im Vergleich zu den vorangegan
auslösen, deren Richtung und Stärke sich nur schwer prognos genen Jahrzehnten insgesamt deutlich an Dynamik verlieren.
tizieren lässt. Deutschland konnte in den letzten Jahren seine
Attraktivität als Zuwanderungsland steigern, wenngleich ein 6
Unter Industrieländern werden in der Studie im Wesentlichen
Teil der hohen Zuwanderung in den vergangenen Jahren auch die „advanced economies“ im Sinne der Definition des Inter-
der sich nun langsam stabilisierenden Wirtschaftskrise im national Monetary Fund (https://www.imf.org/external/pubs/ft/
Euroraum geschuldet war. Auch in den Jahren bis 2030 kann weo/2015/02/weodata/groups.htm) verstanden. China zählt
der durch die niedrigen Geburtenraten verursachte Bevölke hingegen in der Studie zu den Schwellenländern. Weitere
rungsrückgang durch Migration abgeschwächt werden. Damit Länder in dieser Gruppe sind: Argentinien, Brasilien, Chile,
haben sich die Perspektiven gegenüber der Ausgangsstudie Indien, Mexiko, Russland, Südafrika und die Türkei.
10Weltwirtschaftliches Umfeld
Die Wahrscheinlichkeit einer umfassenden multilateralen Han Die
AA Weltordnung befindet sich im Umbruch. Es besteht
delsliberalisierung und einer substanziellen Weiterentwick die große Gefahr, dass sich Staaten oder gar Regionen zu
lung der Welthandelsordnung ist gesunken. Gründe hierfür nehmend in Kriege und Bürgerkriege verwickeln oder sich
liegen in einer zunehmend multipolaren Weltwirtschaft ei „failed states“ politisch wie auch wirtschaftlich isolieren und
nerseits und der Erweiterung des handelspolitischen Spiel weitgehend abseits vom internationalen Handelssystem
feldes um nichtökonomische Dimensionen andererseits. stehen. Dies hätte zur Folge, dass die Bedeutung dieser
Vor diesem Hintergrund wurde bis 2030 nur eine graduelle Länder oder Regionen am Welthandel – als Kunden und
Weiterentwicklung des internationalen Handelsregimes un Lieferanten – sinkt. Diese Gefahr ist insbesondere im Nahen
terstellt. Diese wird von vier Phänomenen begleitet, die in un Osten und in Teilen Afrikas am größten.
terschiedlicher Richtung auf den Welthandel wirken: AAIm Vergleich zur multilateralen Handelsliberalisierung
spielen zwischenstaatliche Handelsabkommen auch zukünf
Regionale
AA Integrationsbemühungen werden – zum Teil er tig die größere Rolle (TTIP, CETA, TPP, diverse asiatische
folgreich – zunehmen. Während im asiatisch-pazifischen Freihandelsabkommen etc.). Derzeit lässt sich das Ergebnis
Raum durch neue Abkommen pragmatisch die Integration der Verhandlungen zum transatlantischen Freihandelsab
vertieft werden wird, droht die EU hier ins Hintertreffen zu kommen noch nicht vorhersehen. Der Widerstand gegen
geraten, weil die Vorteile einer stärkeren wirtschaftlichen einzelne Teilbereiche des Verhandlungspaketes ist groß.
Integration im gesellschaftspolitischen Diskurs nicht hinrei Im Rahmen der Studie haben wir unterstellt, dass die Ver
chend priorisiert werden. handlungen erfolgreich abgeschlossen werden. Dadurch
AADie Abschwächung des Wachstums in den Industrie- und werden die Handelsbeziehungen zwischen den USA und
einigen Schwellenländern, die Schwäche der multilateralen der EU belebt und das Wirtschaftswachstum gestärkt. Aller
Institutionen sowie die stärkere Gewichtung ökologischer dings wird es voraussichtlich im Bereich der regulatorischen
gegenüber ökonomischen Zielen werden sich in protekti Kooperation und des Abbaus nichttarifärer Handelshemm
onistischen Tendenzen manifestieren. Auch wenn es keine nisse nur kleine Fortschritte geben, so dass ökonomische
Protektionismus-Spirale wie in den 1930er Jahren geben Potenziale ungenutzt bleiben.
dürfte, wird sich dies bremsend auf den Freihandel auswir
ken. In der Summe erwarten wir, dass der globale Handel mit
AADer technologische Wandel insbesondere durch die Digi Waren und Dienstleistungen weiterhin schneller wachsen wird
talisierung wird dazu führen, dass verstärkt Wissen sowie als die weltweite Wirtschaftsleistung. Im Zeitraum 2013 bis
Daten und Designs an Stelle von Fertigwaren gehandelt 2030 wachsen die weltweiten Exporte um durchschnittlich
und zudem Investitionen an Gewicht gewinnen werden. Die 3,6 Prozent pro Jahr. Der Prozess der Globalisierung setzt sich
daraus resultierende Verlangsamung der Handelsdynamik damit fort. Das relative Expansionstempo (Welthandel/Welt-
wird dabei mehr Komponenten- und Konsumgüterhersteller BIP) wird jedoch nicht mehr an Größenordnungen anknüpfen,
und weniger Materialtechnologien wie die Chemie betref wie sie in den Jahren vor der Finanzkrise üblich waren. Die
fen. Hier könnte der Handel durch die Digitalisierung sogar Bedeutung des Welthandels als Wachstumstreiber der Welt
zunehmen – so wäre z.B. eine additive Fertigung auf hoch wirtschaft nimmt ab.
wertige Materialien angewiesen. Aber die genauen Effekte
sind noch mit hoher Unsicherheit behaftet. SCHNELLERE VERBREITUNG VON TECHNOLOGIEN UND WISSEN
Der technologische Fortschritt und die Zunahme des
Wissens bleiben wichtige Treiber für die weltwirtschaftliche
ABB. 2: GLOBALISIERUNG VERLIERT AN SCHWUNG Entwicklung. Technologische Innovationen diffundieren im
Anteil des weltweiten Handels (Exporte und Importe) am Zuge einer zunehmenden weltweiten Arbeitsteilung und der
globalen BIP in Prozent, CAGR 2000–2013 und 2013–2030 Digitalisierung immer schneller um den gesamten Erdball.
70 Keinem Land wird es gelingen, über eine längere Zeitspanne
einen technologischen Vorsprung aufrechtzuerhalten. Innova
65 tionen werden so das Wachstum der Weltwirtschaft in vielen
+0,8%
Ländern fördern.
60
Der technologische Entwicklungsstand steigt im Progno
sezeitraum stetig. Die Digitalisierung (u.a. auch Industrie 4.0
55
+2,0% genannt) ist einer der mächtigsten Treiber hinter dieser Ent
50
wicklung. Ihre Bedeutung nimmt in sämtlichen Lebens- und
Wirtschaftsbereichen zu. Auch in der Chemie steht ein umfas
45 sender Strukturwandel bevor. Durch die Digitalisierung werden
disruptive Innovationen möglich, die das Potenzial haben,
0 bewährte und erprobte Geschäftsmodelle zu erweitern oder
2000 2005 2010 2015 2020 2025 2030
aber auch zu ersetzen. Das Wettbewerbsumfeld wird sich
aufgrund beschleunigter Innovationszyklen und neuer Wett
Die Globalisierung wird sich fortsetzen. Auch in Zukunft wächst bewerber verschärfen. Letzteres ist bereits heute zu beobachten.
der Handel stärker als die globale Wirtschaftsleistung. Aber die Gleichzeitig ermöglichen neue Technologien die Opti
Bedeutung des Welthandels als Wachstumstreiber der Welt
wirtschaft wird abnehmen. mierung von Prozessen, die Erschließung neuer Geschäfts
felder und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. In der
11Weltwirtschaftliches Umfeld
schulausbildung sowie über eine betriebliche Ausbildung, die
ABB. 3: SCHWELLENLÄNDER WERDEN INNOVATIVER die Qualifizierung von Fachkräften sichert.
Anteile der Industrie- und Schwellenländer an den gesamtwirt- Im Prognosezeitraum erhöht sich hierzulande die Bildungs
schaftlichen realen FuE-Ausgaben in Prozent beteiligung und die Durchlässigkeit des Bildungssystems
nimmt zu. Das bedeutet, der Anteil der H ochschulabsolventen
Schwellenländer
und hochqualifizierten Facharbeiter steigt, die Abbrecher
Industrieländer quote sinkt und die Mitarbeiter werden für lebenslanges
Lernen sensibilisiert. Zusätzliches Potenzial wird durch die
70,4% stärkere Integration von Frauen und älteren Personen in den
83,0% Arbeitsmarkt generiert. Eine moderate Zuwanderung von
93,3%
Fachkräften wird in den kommenden Jahren die Leistungsfä
higkeit in Deutschland stärken.
Allerdings ist für den Prognosezeitraum auch unterstellt,
dass Deutschland seine staatliche Forschungsförderung nicht
29,6% ausdehnen wird. Die Hightech-Strategie konzentriert sich wei
17,0% terhin auf die Projektförderung, die ohne umfangreiche Auf
6,7%
stockung fortgeführt wird. Zusätzliche Anreize für erhöhte
2000 2013 2030
FuE-Ausgaben unterbleiben. Eine steuerliche Forschungs
Der Innovationswettbewerb der Länder wird an Intensität förderung ist im Prognosezeitraum nicht unterstellt. Unter
gewinnen. In Zukunft werden Forschung und Entwicklung nicht diesen Annahmen wird der gesamtwirtschaftliche FuE-Anteil
mehr nur eine Domäne der Industrieländer sein. Auch die
Schwellenländer verstärken ihre FuE-Anstrengungen. am BIP auch 2030 noch bei knapp unter 3 Prozent liegen.
KEIN ENGPASS BEI ENERGIE UND ROHSTOFFEN BIS 2030
Chemie ist davon auszugehen, dass insbesondere datenge Mit dem Wirtschaftsboom in den Schwellenländern stieg
steuerte Produktionsprozesse weiter ausgebaut werden. Die seit 2000 der Verbrauch von Rohstoffen und Energieträgern
Digitalisierung wird zwar in der Chemie im Prognosezeitraum stetig. Die Lieferanten reagierten nicht im gleichen Umfang
nicht zu technologischen Sprüngen führen. Vielmehr wird sich mit Produktionserhöhungen. Bis 2008 trieb das den Rohöl
durch die stetige Verbreitung in den Unternehmen die Ge preis immer höher. Erst im Verlauf der Wirtschaftskrise wurde
schwindigkeit technologischer Innovationen erhöhen. Die dieser Aufwärtstrend gestoppt. In der Krise übertraf das
Folgen sind eine Zunahme der Arbeitsproduktivität und der Angebot die Nachfrage nach Rohstoffen. Allerdings ließ die
Ressourceneffizienz sowie Güter und Dienstleistungen mit baldige Erholung der Konjunktur die Nachfrage und damit
zunehmendem Kundennutzen. Die Beziehung der Chemiein den Preis schnell wieder steigen. Während sich die meisten
dustrie zu ihren Abnehmern wird deutlich enger. Die Grenzen Rohstoffpreise in den Jahren 2011 bis 2013 nahezu konstant
zwischen Produkt und Dienstleistung verschwimmen zuneh entwickelten, brach der Ölpreis Rekorde. Befeuert wurde dies
mend. Im Bereich der Agrochemie sind derartige hybride durch die politischen Unruhen im Nahen Osten und Spannun
Angebote bereits Wirklichkeit. gen um das iranische Atomprogramm.
Die Industrieländer, allen voran die USA und die Länder
der Europäischen Union, bleiben die Innovationsmotoren der
Weltwirtschaft. Doch einige Schwellenländer, hier vor allem
ABB. 4: DER ÖLPREIS WIRD NUR MODERAT STEIGEN
China, holen kräftig auf. Im Jahr 2000 kamen 93 Prozent der Ölpreis im Jahresdurchschnitt, in US-Dollar je Barrel (real)
FuE-Aufwendungen aus den Industrieländern. 2013 waren
es bereits 10 Prozentpunkte weniger. Am Ende des Progno
140
sezeitraums werden schätzungsweise nur noch 70 Prozent
der FuE-Aufwendungen von den Industrieländern erbracht 120
werden. Über ein Fünftel der weltweiten Aufwendungen wird 100
dann allein aus China kommen. China liegt damit vor der EU.
80
Während die USA kaum Anteile an den weltweiten FuE-Aus
gaben verlieren, geht der Anteil der EU – trotz Aufstockung 60
der FuE-Budgets – deutlich zurück.
40
Deutschland ist insgesamt ein guter Innovationsstand
ort. Im internationalen Standortvergleich belegt Deutsch 20
land Platz 5.7 In Zukunft wird das Bildungssystem angesichts 0
der demografischen Entwicklung und der Zuwanderung als 2000 2005 2010 2015 2020 2025 2030
Standortfaktor immer wichtiger. Deutschland konnte sein
Bildungssystem in den vergangenen Jahren verbessern.
Hier besteht aber weiterhin Handlungsbedarf. Deutschland Gründe für den nur moderaten Ölpreisanstieg: Ausweitung
verfügt auch zukünftig über eine gute Hoch- und Fachhoch des Angebotes (Schieferöl in den USA und Kanada, Wiederauf-
nahme der iranischen Ölexporte) sowie Steigerung der
Energieeffizienz.
Quellen: Feri, IEA, VCI
7
„acatech-BDI Innovationsindikator“ 2015.
12Weltwirtschaftliches Umfeld
Eine zentrale Annahme der Vorgängerstudie war, dass Mittelfristig wird der Ölpreis voraussichtlich wieder steigen.
Energie und Rohstoffe zunehmend knapper und damit teurer Für den Prognosezeitraum wird basierend auf dem „IEA new
werden. Damals lautete die Langfristprognose der Interna policies scenario“ (Stand Sommer 2015) ein Ölpreisanstieg auf
tionalen Energieagentur (IEA): Der Ölpreis wird bis 2030 auf 109 US-Dollar (real) je Barrel bis 2030 unterstellt. Inflationiert
real 135 US-Dollar pro Barrel steigen. Nominal bedeutete das mit der Preisentwicklung des Bruttoinlandsprodukts der USA
einen Anstieg auf 240 US-Dollar pro Barrel. Diese Annahme ergibt sich für 2030 ein nominaler Preis von 145 US-Dollar je
kann vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen an Barrel.
den internationalen Rohstoffbörsen nicht aufrechterhalten Auch die Nachfrageseite spricht für moderat steigende
werden. Ölpreise. Zwar dürfte der weltweite Energie- und Rohstoff
Die Hauptursachen des aktuellen Preisverfalls bei Energie bedarf in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Der
und anderen Rohstoffen liegen auf der Angebotsseite. Hohe Zuwachs wird aber deutlich langsamer ausfallen als im zu
Rohstoffpreise hatten in Verbindung mit der Erwartung rückliegenden Jahrzehnt. Der Grund: Die Dynamik der Welt
knapper werdender Ressourcen einen Investitionsboom im wirtschaft schwächt sich zukünftig ab und nicht nur in Europa
Bergbau und in der Öl- und Gasindustrie ausgelöst. Zudem werden sich vermehrt energie- und rohstoffeffizientere Pro
ermöglichte der technologische Fortschritt die Erschließung duktionsweisen durchsetzen. Zudem wird China, das Land
neuer und bisher nicht wirtschaftlich nutzbarer Lagerstätten. mit dem größten Ressourcenverbrauch, nach der Phase der
Mit Hilfe von Fracking ist mittlerweile nicht nur in den USA rasanten Industrialisierung zukünftig verstärkt im Dienstleis
die wirtschaftliche Exploration von Schiefergas und Schieferöl tungssektor wachsen und seine Produktion ressourcenscho
möglich. Neue Technologien führen nicht nur zu einer Aus nender ausrichten.
weitung des Angebots, sondern auch zu einer Zunahme der Die Rohstoffpreise bleiben aber wegen der Investitions
verfügbaren Reserven. Vor diesem Hintergrund geht die vor zyklen im Öl- und Gasgeschäft extrem volatil. Die Ökonomen
liegende Studie nun davon aus, dass Energie und Rohstoffe sprechen von Schweinezyklen: In Zeiten niedriger Preise wird
trotz steigender Nachfrage und geopolitischer Unsicherhei kaum investiert. Ölfelder versiegen und das Angebot sinkt.
ten im Prognosezeitraum ausreichend verfügbar und relativ Das lässt die Preise steigen. Die steigenden Preise wiederum
günstig sein werden. führen zu einer Ausweitung der Investitionen, bis die Preise
Und dennoch: Der seit Mitte des Jahres 2014 zu beobach wegen eines Überangebots wieder sinken. Dann beginnt das
tende Rohölpreisverfall ist deutlich überzeichnet. Weder Spiel von neuem. Diese Volatilität der Rohstoffpreise wird
die Ölindustrie noch die OPEC-Länder oder Brasilien und durch die Finanzmärkte verstärkt. Die daraus resultierende
Russland können auf Dauer mit Ölpreisen zwischen 30 und Planungsunsicherheit ist für Industrieunternehmen ein großes
50 US-Dollar je Barrel auskommen. Die Entscheidung der OPEC, Risiko.
ihr Produktionsziel in den Jahren 2014 und 2015 beizubehalten, Im Unterschied zum Ölmarkt werden Gaspreise bis heute
hat bei den anderen ölfördernden Ländern bereits zu einem stark von regionalen Einflüssen geprägt. Das ist eine Folge
Investitionsrückgang bei der Erschließung neuer Öl- und Gas der hohen Investitionskosten für große Pipelines und Liquified-
quellen geführt. Hinzu kommt, dass innerhalb der OPEC Natural-Gas-(LNG-)Versorgungsketten, die den Gastransport
die Fördermengen nur im Iran und im Irak gesteigert werden über größere Entfernungen aufwendig und betriebswirtschaft
können. Doch beide Länder haben wegen der instabilen Lage lich riskant machen.
Schwierigkeiten, die notwenigen Investitionen zu mobilisieren. Das zusätzliche Angebot von Schiefergas sorgt in den
USA vermutlich noch bis in die 2030er Jahre für im inter
nationalen Vergleich niedrige Gaspreise und zunehmende
ABB. 5: SEIT 2010 PREISUNTERSCHIEDE BEI ERDGAS LNG-Exporte. Japan und Südkorea, die weltgrößten LNG-
Preisvergleich Erdgas USA - Europa - Japan, Referenzpreise Importeure, besitzen dagegen einen geografischen Nachteil
der Handelspunkte in Euro/MWh und sind mangels eigener Rohstoffe auf verlässliche Gas
60
lieferungen zu international relativ hohen Preisen angewiesen.
Japan (LNG) Die europäischen Gaspreise liegen zwischen den hohen Im
50 Europa portpreisen Japans und den niedrigen Gaspreisen in den
USA USA. Europa profitiert vom Wettbewerb zwischen russischem
40
und norwegischem Pipelinegas und einem zunehmenden
30
LNG-Angebot. Heute ist in Deutschland das Gas rund dreimal
teurer als in den Vereinigten Staaten.
20 Generell ist von einer weiterhin günstigen Versorgungs
lage im globalen Gasmarkt auszugehen. Künftig werden stei
10
gende LNG-Exporte aus Australien und den USA für einen
0 Preisdeckel sorgen. Ein steiler Preisanstieg in Europa ist damit
2000 2005 2010 2015 aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. Auch auf lange Sicht
werden Europa und Asien allerdings nicht das niedrige Preis
niveau der USA erreichen.
Der Schiefergasboom sorgte in den USA für niedrige Gas- Der Strompreis ist ebenfalls regional unterschiedlich. Für
preise. Japan und Europa müssen hingegen Erdgas teuer Endkunden setzt er sich aus verschiedenen Komponenten
importieren.
Quellen: Worldbank, VCI zusammen. Neben den Kosten für die Stromerzeugung und
-bereitstellung sind auch Abgaben, Umlagen sowie Steuern
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