DIE VERMESSUNG DER BELEGSCHAFT - MITBESTIMMUNGSPRAXIS Mining the Enterprise Social Graph - Hans-Böckler-Stiftung
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MITBESTIMMUNGSPRAXIS Nr. 10 · Januar 2018 DIE VERMESSUNG DER BELEGSCHAFT Mining the Enterprise Social Graph Heinz-Peter Höller, Peter Wedde
AUTOREN WEITERE TITEL UNTER
Prof. Dr. Heinz-Peter Höller www.boeckler.de/62346.htm
vertritt das Gebiet Rechnernetze und Telekommunikation an der
Hochschule Schmalkalden. Er hat an der Technischen Universität
Darmstadt Informatik studiert und an der Universität Bremen pro-
moviert. Er forscht und publiziert zu interdisziplinären Fragen der
Informatik in ihrem Anwendungskontext. MITBESTIMMUNGSPORTAL
Prof. Dr. Peter Wedde Der Böckler-Infoservice bietet
ist Professor für Arbeitsrecht und Recht der Informationsgesell- Mitbestimmungsakteuren spezi-
schaft an der Frankfurt University of Applied Sciences. Er ist fisches Handlungs- und Orientie-
außerdem wissenschaftlicher Leiter der Beratungsgesellschaft rungswissen, u. a. Branchenmoni-
d+a consulting GbR in Eppstein und wissenschaftlicher Berater tore, Themenradar, Wissen kom-
der Kanzlei steiner mittländer fischer in Frankfurt a. M. Seine Tä- pakt, Szenarien Mitbestimmung
tigkeitsschwerpunkte sind Datenschutz- und Beschäftigtendaten-
2035.
schutzrecht, Kollektives Arbeitsrecht und Internetrecht.
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PRAXISWISSEN
BETRIEBSVEREINBARUNGEN
Analysen und Gestaltungshilfen,
Beispiele aus der Praxis.
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betriebsvereinbarungen
IMPRESSUM
Herausgeber Redaktion
Hans-Böckler-Stiftung Dr. Manuela Maschke, Referatsleiterin Arbeit und Mitbestimmung
Hans-Böckler-Stiftung, Telefon: +49 (211) 77 78-224
Hans-Böckler-Straße 39, 40476 Düsseldorf
manuela-maschke@boeckler.de
Telefon +49 (2 11) 77 78-0, Telefax +49 (2 11) 77 78-12 0
www.boeckler.de Ausgabe
www.mitbestimmung.de Mitbestimmungspraxis Nr. 10
Pressekontakt: Rainer Jung, +49 (2 11) 77 78-150 ISSN 2366-0449
rainer-jung@boeckler.de Nachdruck und sonstige Verbreitung – auch Auszugsweise –
Satz: Yuko Stier nur mit Quellenangabe zulässig.
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 2MITBESTIMMUNGSPRAXIS
Nr. 10 · Januar 2018
DIE VERMESSUNG
DER BELEGSCHAFT
ABSTRACT
Heute fallen am Arbeitsplatz auf Schritt und Tritt digitale Daten an – bei allem, was man tut: Beim Betreten
des Betriebs, beim Telefonieren, beim Bezahlen in der Kantine, beim Betreten von Räumen, beim Arbeiten an
Maschinen oder Dokumenten. Es entstehen riesige Datensätze darüber, wer was wann wo gesagt, getan oder
geschrieben hat. Genau das bezeichnet der Begriff Big Data.
Es geht nicht mehr nur um die vielen Einzelangaben zu einem Arbeitnehmer; es geht immer mehr um die
Beziehungen, die Beschäftigte unterhalten und in denen sie zusammen kommunizieren und kooperieren. Wel-
che Probleme können entstehen, wenn massenhaft Beziehungsdaten von Beschäftigten erfasst werden? Wie
kann sich das womöglich auswirken?
Ziel der Publikation ist, den Blick der betrieblichen Interessenvertretung, der sich derzeit stark auf Fragen
der Leistungs- und Verhaltenskontrollen und den Arbeitnehmerdatenschutz konzentriert, zu weiten und ihn
auch auf Probleme zu richten, die durch die massenhafte Erfassung von Beziehungsdaten und deren Auswei-
tung für die Belegschaft insgesamt entstehen können.
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 3INHALT
Vorwort........................................................................................................................ 5
1 Einleitung.............................................................................................................. 6
2 Kommunikativ isoliert, schlechter Social Score:
Der soziale Graph im KDO-Konzern (Szenario).......................................................7
3 Entstehung des innerbetrieblichen sozialen Graphen.......................................... 9
3.1 Innerbetriebliche digitale soziale Netzwerke...................................................................9
3.2 Der innerbetriebliche soziale Graph............................................................................... 10
4 Graphen in der Mathematik................................................................................. 12
4.1 Graphen und Matrizen zur Veranschaulichung.............................................................. 12
4.2 Eigenschaften von Graphen........................................................................................... 12
5 Sozialwissenschaftliche Analyse sozialer Netze.................................................. 14
5.1 Akteur............................................................................................................................. 16
5.2 Beziehungen zwischen Akteuren................................................................................... 18
5.3 Gruppen.......................................................................................................................... 19
5.4 Gesamtnetzwerke........................................................................................................... 21
6 Netzwerkanalytische Interpretationen, Konzepte und Auswertungen............... 22
6.1 Zusammenfassung netzwerkanalytischer Interpretationen..........................................22
6.2 Macht und Einfluss.........................................................................................................23
6.3 Informationsausbreitung................................................................................................23
6.4 Empfehlungen in sozialen Medien.................................................................................24
7 Der innerbetriebliche soziale Graph im elektronischen Zugriff.......................... 24
7.1 Mutmaßungen zu innerbetrieblichen netzwerkanalytischen Auswertungen
des sozialen Graphen.....................................................................................................25
7.2 Erste marktgängige Systeme......................................................................................... 27
8 Rechtliche Einordnung........................................................................................ 34
8.1 Datenschutzrecht...........................................................................................................34
8.2 Betriebliche Handlungsmöglichkeiten...........................................................................35
9 Zusammenfassung und Ausblick........................................................................ 36
Literatur.......................................................................................................................37
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 4VORWORT
Es gibt Statistiken, wonach inzwischen weltweit 95 % Auf welche Interpretation habe ich Einfluss? Wer ana-
der Menschen ein Handy / Mobiltelefon haben sollen, lysiert und interpretiert meine Daten, ohne dass ich
42 % hätten ein Smartphone, 58 % planten sich ein es kontrollieren kann? Wer nutzt diese Interpretation,
Smartphone zu kaufen. Nahezu jeder Mensch hinter- ohne dass ich davon etwas mitbekomme, für sein ei-
lässt Datenspuren. „Na und, ich habe nichts zu ver- genes Geschäftsmodell? „Spooky“!
bergen!“ Diese Meinung kann man vertreten. Aber Am Arbeitsplatz fallen jede Menge Daten an – mit
ist es wirklich egal welche Daten ich erzeuge, wo sie und ohne Bezug zur Person: Betreten, Verlassen des
gespeichert werden und wer meine Daten nutzt – ge- Betriebes, Arbeitszeit, Kantinenkasse, Telefon, Doku-
fragt und ungefragt? Zugegeben, es ist eine rhetori- mente, Maschinen, etc. Dem Schutz vor Leistungs-
sche Frage und leider wird man meist erst dann sen- und Verhaltenskontrolle und dem Schutz personen-
sibel, wenn unerwünschte Ereignisse zum eigenen beziehbarer Daten widmen Betriebsräte daher viel
Nachteil eintreffen. Erst wenn Datenmissbrauch öf- Energie. Die Autoren dieser MB-Praxis betonen, dass
fentlich wird wie etwa Edward Snowden gezeigt hat, es inzwischen nicht mehr nur um die vielen Einzelan-
entstehen Unsicherheit, Skepsis und zugleich Frust- gaben zu einem Arbeitnehmer geht, sondern es gehe
ration, denn: „Die wissen doch eh schon alles über immer mehr um die Beziehungen, die Beschäftigte
mich. Was kann der Einzelne denn da schon tun?“ Da- unterhalten und in denen sie zusammen kommuni-
tensparsamkeit war früher mal ein wichtiger Grund- zieren und kooperieren. Heinz-Peter Höller beschreibt
satz im Datenschutz und eine Antwort auf diese Fra- daher welche Probleme entstehen können, wenn
ge. Das galt zum Beispiel als es in den 1980er Jahren massenhaft Beziehungsdaten von Beschäftigten er-
um die Volkszählung ging und sehr viele Menschen fasst werden. Das heisst nicht nur die Kommunikation
sich weigerten dem Staat Informationen über die pri- wird erfasst, sondern auch in welcher Netzwerkbe-
vaten Lebenssituationen zu geben. Im Zeitalter digita- ziehung die Beschäftigten miteinander arbeiten. Wer
ler und globaler Kommunikation und Konsumption ist wird oft kontaktiert? Wer hat viele Likes? Was fängt
Datensparsamkeit nahezu aussichtslos. Könnte dieser man an mit den Ergebnissen? Die erste juristische
Grundsatz vielleicht irgendwann wieder wichtiger Einordnung macht Peter Wedde.
werden, wenn mit Big Data immer mehr und kleintei- Ziel der Publikation ist, den Blick der betrieblichen
liger Personendaten analysiert werden? Interessenvertretung, der sich derzeit stark auf Leis-
Datenschutz und Datensicherheit sind Herkules- tungs- und Verhaltenskontrollen und Arbeitnehmer-
aufgaben. Dabei geht es nicht nur um die Nutzung datenschutz konzentriert, zu weiten und ihn auch
und Verfügbarkeit von Daten, sondern auch um die auf Probleme zu richten, die durch die massenhafte
Interpretation, um Zusammenhänge und Kontexte. Erfassung von Beziehungsdaten für die Belegschaft
Wer heute zum Beispiel ein privates Schnappschuss- insgesamt entstehen können. Das dürfte letztlich
foto von sich auf einer Party bei Facebook postet, auch für Unternehmen von Interesse sein: Denn wer
kann Morgen schon in einem Bewerbungsgespräch weiss am Ende des Tages mehr vom Unternehmen,
gefragt werden, ob man Probleme mit Alkohol habe. der Software-Hersteller, der alle Daten seiner Kunden
Das Foto kann harmlos sein, aber der Kontext kann speichert oder das Unternehmen selbst?
zu sehr unterschiedlich interpretierbaren Geschichten
führen und sich der Kontrolle des Einzelnen entziehen. Wir wünschen eine anregende Lektüre!
Welche Geschichte ist wahr? Welche ist nicht wahr? Dr. Manuela Maschke
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 51 EINLEITUNG ziehungen, die Beschäftigte unterhalten und in denen
sie zusammen kommunizieren und kooperieren. Und
Seit Jahrzehnten verändern informations- und kom- diese Beziehungen werden in immer stärkerem Maße
munikationstechnische Systeme die Arbeitswelt, im- selbst zum Gegenstand der digitalen Erfassung. Wie
mer schneller, immer radikaler. Es ist ein umfassen- wichtig diese digitalen Beziehungen sind und was mit
der Prozess der digitalen Transformation im Gange, diesen Beziehungsdaten alles bewerkstelligt werden
der die gesamte Gesellschaft und insbesondere die kann, lässt sich in den sozialen Netzen sehen. Dort
betriebliche Arbeitsrealität dreht sich alles um Beziehungen. Mal sind es Freund-
erfasst hat. Die mit Industrie schaftsbeziehungen (Facebook), mal folgen die einen
DIE MIT INDUSTRIE 4.0, BIG 4.0, Big Data und Data Mi- den anderen (Twitter). Diese relationalen Daten ent-
ning aufgeworfenen Fragen stehen seit einiger Zeit in großem Umfang auch in-
DATA UND DATA MINING AUF-
sind nicht völlig neu. Sie wer- nerhalb der Betriebe. Die Beschäftigten arbeiten an
GEWORFENEN FRAGEN SIND den aber in einer neuen Radi- gemeinsamen Dokumenten, sie schicken sich Mails,
kalität gestellt. telefonieren miteinander und tauschen Kurzmitteilun-
NICHT VÖLLIG NEU. SIE WER-
Zu diesen Fragen gehört gen aus. Und innerbetriebliche soziale Netzwerke ver-
DEN ABER IN EINER NEUEN weiterhin diejenige nach dem breiten sich in den Unternehmen immer stärker. Das
Schutz der Beschäftigten bei alles stellt Arbeitnehmer in Beziehungen zueinander,
RADIKALITÄT GESTELLT.
der Verarbeitung ihrer per- die pausenlos erfasst und abgespeichert werden. Im
sonenbezogenen Daten und Hintergrund entsteht dabei der innerbetriebliche sozi-
nach der Eindämmung der möglichen Leistungs- und ale Graph, der in dieser Ausarbeitung im Mittelpunkt
Verhaltenskontrollen. Die betrieblichen Interessenver- steht. Er erfasst die Beziehungen innerhalb der Beleg-
tretungen haben sehr viele Erfahrungen auf diesem schaft, macht informelle Strukturen sichtbar, erlaubt
Gebiet gesammelt, aber die damit verbundenen He-
rausforderungen sind immer nur gewachsen. Wa-
ren anfangs die Datenschutzprobleme auf wenige ZIEL DER VORLIEGENDEN PUBLIKATION IST
Arbeitsplätze beschränkt, waren wenige Jahre spä-
ES, DEN BLICK ZU WEITEN UND IHN AUCH AUF
ter schon nahezu alle Arbeitnehmer betroffen. Spei-
cherten Personalinformationssysteme zunächst nur PROBLEME ZU RICHTEN, DIE DURCH DIE MAS-
wenige personenbezogene Daten, so fallen heute
SENHAFTE ERFASSUNG VON BEZIEHUNGSDATEN
in den Betrieben digitale Daten an – auf Schritt und
Tritt und bei allem, was man tut: Beim Betreten des UND DEREN AUSWEITUNG FÜR DIE BELEG-
Betriebs, beim Telefonieren, beim Bezahlen in der
SCHAFT INSGESAMT ENTSTEHEN KÖNNEN.
Kantine, beim Betreten von Räumen, beim Arbeiten
an Maschinen oder Dokumenten. Es entstehen rie-
sige Datensätze darüber, wer was wann wo gesagt, das Miteinander der Arbeitnehmer zu beobachten
getan oder geschrieben hat. Genau das bezeichnet und zu analysieren. Diese Beziehungsdaten sind über-
der Begriff Big Data: ungeheure Datenmengen, die in raschend aussagekräftig. Das weist die sozialwissen-
kürzesten Intervallen an allen möglichen Stellen ent- schaftliche Netzwerkanalyse nach, die schon lange
stehen. Big Data ist in der Personaldatenverarbeitung bevor es digital festgehaltene Beziehungen dieses
angekommen und verschärft die Gefahren für die Per- Ausmaßes gab, soziale Netzwerke analysiert hat und
sönlichkeitsrechte von Arbeitnehmern. zu bemerkenswerten Aussagen über die Stellung und
Dieser Blick auf die Problemstellung muss ange- das Ansehen von Menschen und deren Gruppenbil-
sichts der Entwicklungen, die sich aktuell vollziehen, dung kommt.
geweitet werden. Das Den- Ziel der vorliegenden Publikation ist es, den Blick
ken in ungeheuer großen der betrieblichen Interessenvertretung, der sich
ES GEHT NICHT MEHR NUR UM Datensätzen, die Men- derzeit stark auf Fragen der Leistungs- und Verhal-
schen, aber auch Geräte tenskontrollen und den Arbeitnehmerdatenschutz
DIE VIELEN EINZELANGABEN ZU
und Maschinen unge- konzentriert, zu weiten und ihn auch auf Probleme
EINEM ARBEITNEHMER; ES GEHT heuer genau beschreiben zu richten, die durch die massenhafte Erfassung von
und sich in Excel-Tabel- Beziehungsdaten und deren Ausweitung für die Be-
IMMER MEHR UM DIE BEZIEHUN-
len darstellen lassen, be- legschaft insgesamt entstehen können. Dazu wird
GEN, DIE BESCHÄFTIGTE UNTER- zieht sich auf die soge- zunächst ein Szenario entworfen (Kapitel 2), das die
nannten kategorialen Da- teilweise doch neuen Sichtweisen in einen zukünf-
HALTEN UND IN DENEN SIE ZU-
ten: auf die Einzelmerk- tig möglichen betrieblichen Kontext stellt. Wie im
SAMMEN KOMMUNIZIEREN UND male von Objekten, nicht Szenario geschildert, könnten künftig die Daten des
aber auf die Beziehungen sozialen Graphen in der unternehmerischen Reali-
KOOPERIEREN.
zwischen den abgebilde- tät auch zum Nachteil der Beschäftigten verwendet
ten Objekten. Auf die Ar- werden. Danach wird aufgezeigt, was unter einem
beitnehmerschaft bezogen bedeutet dies konkret: Es innerbetrieblichen sozialen Graphen genau zu ver-
geht nicht mehr nur um die vielen Einzelangaben zu stehen ist und wie dieser derzeit tagtäglich in den
einem Arbeitnehmer; es geht immer mehr um die Be- Unternehmen, aber auch in der Cloud großer Anbie-
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 6ter wächst und wächst. Graphen sind mathematische dern auch die Einbindung klassischer E-Mails und Ka-
Gebilde, deren formale Eigenschaften die Grundlage lender sowie den Zugriff auf das Internet. Man kann
dafür bilden, dass man sie automatisch analysieren bloggen, posten, kommentieren und „liken“ – alles
und „befragen“ kann. Auf diese formalen Aspekte auf einer einheitlichen Bildschirmoberfläche.
der Graphen muss ein Blick geworfen werden, bevor Parallel zur Einführung von Ai1 wurde ab dem
sich zeigen lässt, wie sich die sozialwissenschaftli- 1. April 2017 unter dem Motto „Vom Einzelwesen zur
che Netzwerkanalyse diese Eigenschaften zu Nutze Schwarmintelligenz“ mit der Einführung einer neuen
macht und Aussagen trifft zu Stellung und Ansehen Unternehmenskultur begonnen. Im Schwarm gibt es
von Akteuren und sozialen Gruppen. Die Anwendung nur noch Vornamen, man duzt sich. Krawatten und
der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse auf große Firmenwagen gehören hingegen nach offiziel-
den innerbetrieblichen sozialen Graphen im Kontext ler Mitteilung der Konzernspitze an alle Schwarmmit-
unternehmerischen Handelns und die damit verbun- glieder der Vergangenheit an. Weltweit werden alle
denen Herausforderungen für die Arbeitnehmerver- Beschäftigten aufgefordert, Ai1 etwa auch dafür zu
tretung sind bislang kaum Gegenstand von Veröf- nutzen, ihr Fachwissen in einem Wiki allen Konzern-
fentlichungen. Dennoch werden einige diesbezüglich beschäftigten zur Verfügung zu stellen. Sie sollten
offensichtliche Potenziale und auch Gefährdungen sich zudem von bestehenden Hierarchiestrukturen
beleuchtet, bevor dann ein Blick auf die derzeit sicht- verabschieden und auf allen Ebenen agil zusammen-
baren Softwarelösungen großer Hersteller geworfen arbeiten. Die neue Zusammenarbeit sollte sich durch
wird. Es wird nämlich deutlich: Die Analyse des so- ein hohes Maß an persönlicher und zeitlicher Flexibi-
zialen Graphen steckt zwar in seinen Anfängen, aber lität manifestieren. Wer irgendwo auf der Welt Unter-
die damit verbundenen Potenziale sind sehr wohl stützung oder Hilfe brauchte, soll sie unverzüglich aus
erkannt. Für die betriebliche Interessenvertretung dem Schwarm bekommen.
stellt sich dann die Frage: Wie sind solche Analysen Mit dem Betriebsrat hat der Arbeitgeber für die LEP
der Belegschaftsbeziehungen rechtlich zu bewerten? GmbH vor der Einführung von Ai1 eine umfangreiche
Eine entsprechende rechtliche Einordnung erfolgt Betriebsvereinbarung abgeschlossen. Darin ist insbe-
abschließend. sondere festgelegt, dass die in Ai1 enthaltenen perso-
nenbezogenen Daten nur in wenigen klar umrissenen
Ausnahmefällen für Verhaltens- und Leistungskon
trollen der Beschäftigten verwendet werden dürfen.
Weiterhin wurde vereinbart, dass personenbezogene
2 KOMMUNIKATIV ISOLIERT, Daten weder an andere Konzernunternehmen noch
an Dritte übermittelt werden dürfen. Der Betriebsrat
SCHLECHTER SOCIAL SCORE: DER
wurde vom Arbeitgeber während der Verhandlungen
SOZIALE GRAPH IM KDO-KONZERN über die Betriebsvereinbarung auch darüber infor-
(SZENARIO) miert, dass die Firma HIG als Hersteller der Software
Zugriff auf anonyme Metadaten hat. Der Arbeitgeber
Die LEP GmbH gehört als deutsches Unternehmen versicherte, dass diese Metadaten ausschließlich da-
zum KDO-Konzern. Um den Konzern fit für die Ar- für genutzt werden können, um die im Paket Ai1 an-
beitswelt 4.0 zu machen, wird im März 2017 in allen gebotenen Produkte zu verbessern. Zur neuen Unter-
KDO-Konzernunternehmen das neue Bürokommuni- nehmenskultur ist in der Betriebsvereinbarung festge-
kationssystem „All in 1 / 2017“ (Ai1) des internationa- schrieben, dass auch künftig alle Mitwirkungs- und
len Softwareanbieters HIG eingeführt. Bei Ai1 handelt Mitbestimmungsrechte beachtet werden.
es sich um Software as a Service. Das Programm Die Beschäftigten sind vom System Ai1 absolut be-
wird ausschließlich online aus der Cloud angeboten. geistert – nicht zuletzt weil sie zum Start des Systems
Mit Ai1 werden den Mitarbeitern nicht nur Stan- ein aktuelles Top-Smartphone und einen Tablett-PC
dardbüroprogramme für Textverarbeitung, Tabel- erhalten haben. Beide Geräte können natürlich auch
lenkalkulation oder Präsentationen zur Verfügung privat genutzt werden. Darüber hinaus haben die
gestellt, sondern auch eine Beschäftigen die Möglichkeit, die in Ai1 enthalte-
Fülle spezieller Software für nen Standardbüroprogramme gegen eine einmalige
verschiedene Zwecke. Dazu Lizenzzahlung von 50 Euro auch auf ihren privaten
SZENARIO gehören beispielsweise Pro-
gramme für die gemeinsa-
Computern zu verwenden.
Als im Herbst 2017 die Umsätze des KDO-Konzerns
me Dokumentenablage und weltweit einbrechen, verkündet die Konzernspitze
-bearbeitung, für die Voice- Anfang 2018 ein umfangreiches und nachhaltiges
over-IP-Telefonanlage, für Restrukturierungsprogramm. Dieses beinhaltet ins-
Audio- und Videokonferenzen sowie ein Tool für Wis- besondere einen massiven weltweiten Stellenabbau.
sensaustausch und -management. Hinzu kommt die Von der Konzernspitze erhalten in der Folge alle Kon-
Softwareoberfläche „Jammern“. Dabei handelt es zernunternehmen detaillierte Einsparvorgaben. Diese
sich um ein internes soziales Netzwerk, das nicht nur beinhalten auch Listen der Beschäftigten, die gekün-
den Informationsaustausch per Chat oder das schnel- digt werden sollen. Das Entsetzen in der LEP GmbH
le Auffinden anderer Beschäftigter ermöglicht, son- ist groß. Das deutsche Management teilt dem Be-
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 7triebsrat unter der Hand mit, dass es keine Ahnung Wer nicht die notwendigen Mindestpunkte bei seinen
habe, wie diese Listen entstanden seien. Auf entspre- Kommentaraktivitäten hat, den hält die Software für
chende Nachfragen nach der Herkunft der Listen in- wenig engagiert und entbehrlich. Entsprechendes gilt
formiert die Konzernspitze das Management darüber, für die persönliche Stellung einzelner Beschäftigter.
dass sie die umzustrukturierenden Bereiche und die Wer in der Informationskette immer am Rande liegt,
hier durchzuführenden Maßnahmen anhand von Big- wer in Informationsströmen oft umgangen wird, wer
Data-Analysen ausgewählt habe. Grundlage für die selbst oft nach Rat fragt und nur selten zu Rate gezo-
Analysen seien die im System Ai1 enthaltenen Meta- gen wird, dessen Scores sind niedrig und die Kündi-
daten gewesen und insbesondere der Enterprise So gungsgefahr hoch. Auch die persönliche Umsetzung
cial Graph. Auf der Grundlage der sich aus diesen Ana- der neuen Unternehmenskultur lässt sich elektro-
lysen ableitenden anonymen Verhaltensraster sei es nisch beobachten. Wer etwa in internen E-Mails nach
„ganz einfach“, die in den Problembereichen Beschäf- dem 1. April 2017 weiter das „Sie“ verwendet hat, der
tigten zu identifizieren und für diese die notwendigen muss nach Abschluss der automatischen Analyse al-
personellen Einzelmaßnahmen festzulegen. Man habe ler Mailtexte ebenso um seine Weiterbeschäftigung
nur prüfen müssen, welche Personen mit den Vorga- fürchten wie Kollegen, die auf Fotos weiterhin mit
ben des anonymen Rasters übereinstimmen. Schlips zu sehen sind.
Nach Meinung der Rechtsanwälte einer großen Die sich bei der LEP GmbH ausbreitende Sorge um
internationalen Anwaltskanzlei, die für den KDO- den eigenen Arbeitsplatz veranlasst zahlreiche Be-
Konzern alle arbeits- und datenschutzrechtlichen schäftigte, sich auf dem Arbeitsmarkt nach Alternati-
Themen bearbeitet, ist dieser Abgleich weder ein ven umzusehen. Das sind zumeist am Markt gesuch-
Verstoß gegen die bei der LEP GmbH abgeschlosse- te Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die der Konzern
nen Betriebsvereinbarung noch eine Verletzung des eigentlich nicht verlieren will. Für die Erkennung von
geltenden Datenschutzrechts. Es seien ja schließlich Abwanderungsgedanken gibt es ebenfalls anonyme
für die Erstellung der allgemeinen Raster mittels der Verhaltensraster. Entsprechende Big-Data-Analysen
Big-Data-Analyse keinerlei personenbezogene Daten haben beispielsweise festgestellt, dass ehemalige
verwendet worden. Dass die so gewonnenen Verhal- Beschäftigte vor ihrer Kündigung deutlich weniger
tensmuster sich zur Identifikation bestimmter Perso- und kürzere interne E-Mails geschrieben haben als
nen nutzen ließen, sei weder eine mitbestimmungs- vorher. Dafür wurden ihre Posts im internen sozialen
pflichtige Verhaltens- oder Leistungskontrolle noch Netzwerk länger und ihre Bewertungen der Arbeits-
eine unzulässige Verarbeitung von Daten. Vielmehr ergebnisse von Kolleginnen und Kollegen kritischer.
handele es sich um eine datenschutzrechtlich legiti- Werden diese Kriterien von im Konzern Beschäftig-
me Umsetzung berechtigter Interessen von Konzern ten erfüllt, die über wichtige Qualifikationen verfü-
und Unternehmen mit dem Ziel, den wirtschaftlichen gen, werden die zuständigen Personaler vom System
Bestand zu sichern. Eine derartige Verarbeitung sei automatisch aufgefordert, ihnen attraktive interne
sowohl nach § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 des noch gelten- Weiterentwicklungsangebote zu machen. Die von
den Bundesdatenschutzgesetzes legitimiert als auch der Software für entbehrlich gehaltenen Mitarbeiter
nach Artikel 6 Abs. 1 Buchstabe f) der künftigen Euro- sollen hingegen mit Gerüchten über den Wegfall aller
päischen Datenschutzgrundverordnung. Arbeitsplätze in ihren Arbeitsfeldern versorgt werden,
Ein vom Betriebsrat eingeschalteter Datenschutz- um ihre Entscheidungsfindung zu beschleunigen.
rechtsexperte bestätigt zwar, dass die Verarbeitung Da in der Folge zahlreiche wichtige und gesuchte
anonymer Metadaten mangels Personenbezug so- Spezialisten den KDO-Konzern verlassen, nehmen die
wohl vom aktuellen deutschen als auch vom künfti- wirtschaftlichen Probleme zu. Nicht zuletzt deshalb
gen europäischen Datenschutzrecht nicht erfasst sei. ist es im Herbst 2018 für einen Mitbewerber ganz ein-
Er verweist aber gleichzeitig darauf, dass einer Beru- fach, den gesamten KDO-Konzern auf der Grundlage
fung auf die von den Arbeitgeberanwälten genannten eines milliardenschweren „feindlichen“ Übernahme-
Anspruchsgrundlagen überwiegende Interessen der angebots günstig zu kaufen. Dem Mitbewerber wur-
Beschäftigten entgegenstehen. Damit sei die Anwen- de die Übernahme durch Informationen und Poten-
dung des anonymen Rasters auf Beschäftigte der LEP zialanalysen erleichtert, die seit Anfang 2018 in der
GmbH nach seiner Meinung datenschutzrechtlich „Platin Grasshooper-Business-Version“ von Ai1 ent-
unzulässig. halten sind. Grundlage dieser Informationen sind un-
Die Konzernleitung hat kein Problem damit, der ter anderem die Vergleiche und Analysen der sozialen
Geschäftsleitung der LEP GmbH und dem Betriebsrat Graphen, die HIG über alle Kundenunternehmen des-
die Eckpunkte der vorgenommenen Rasterung mit- halb vornehmen kann, weil ihm alle Beziehungsdaten
zuteilen. So sollen beispielsweise jene Beschäftigte als Metadaten zur Weiterentwicklung von Ai1 zur Ver-
gekündigt werden, die dank des sozialen Graphen fügung stehen. So ist es möglich, strukturelle Ähn-
nachweisbar innerhalb des Gesamtunternehmens nur lichkeiten zwischen den sozialen Graphen erfolgrei-
unzureichend vernetzt sind. Definiert wird die unzu- cher Unternehmen herauszufiltern und Erfolg-Scores
reichende Vernetzung von der Konzernspitze nach all- zu berechnen. Diese Metadaten haben nach Aussage
gemeinen Richtwerten und nach sogenannten Social von HIG keinen Personenbezug und werden deshalb
Scores – „sozialen Punkte“, die mittels der Big-Data- vom deutschen und europäischen Datenschutzrecht
Analyse für den Gesamtkonzern errechnet wurden. nicht geschützt.
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 8Der Softwarehersteller HIG verzeichnet 2018 den Heutzutage wird eine große Anzahl solcher Sys-
höchsten weltweiten Nettogewinn der Unterneh- teme angeboten. Zu den bekanntesten und wohl
mensgeschichte. Die Mitglieder des Top-Manage- am weitesten entwickelten gehören beispielsweise
ments des KDO-Konzerns, die die Einführung von Ai1 Yammer, Connections, Sharepoint, Jive und Chatter.1
beschlossen haben, scheiden nach Zahlung hoher Schauen wir uns zunächst die Funktionalität dieser
Abfindungssummen aus. Der Betriebsrat der LEP innerbetrieblichen sozialen Netze etwas genauer an
GmbH versucht im Rahmen seiner kollektivrechtli-
chen Möglichkeiten, zu retten, was noch zu retten ist.
DIE EINEN WURDEN ZUNÄCHST ALS KOMFORTABLE DATEI-
ABLAGESYSTEME FÜR DIE GEMEINSAME NUTZUNG KON-
ZIPIERT. ANDERE SYSTEME WURDEN VON ANFANG AN ALS
3 ENTSTEHUNG DES INNER- INNERBETRIEBLICHE SOZIALE NETZE KONZIPIERT.
BETRIEBLICHEN SOZIALEN
GRAPHEN und beginnen beim Profil. In diesen Systemen legt
der einzelne Nutzer ein Profil an, das einerseits Fakten
Arbeit ist immer auch Zusammenarbeit, Kommunika- enthält wie den Namen, die organisatorische Zugehö-
tion und Kooperation mit anderen. Tatsächlich dauerte rigkeit und die Adresse. Ergänzt wird das Profil meist
es eine Weile, bis das überhaupt zum Gegenstand der durch Texte, in denen man sich etwas genauer oder
Informationstechnik geworden ist. Digitale Telefon auf besondere Weise vorstellt. Das Profil kann mit Bil-
anlagen kamen auf und irgendwann war es möglich, dern versehen sein. Mit dem Profil existiert der Nut-
anderen eine E-Mail zu schicken. Das hat sich in den zer im System, andere können auf das Profil zugreifen
letzten Jahren grundlegend geändert: Kommunikation und sich einen Eindruck von dieser Person verschaf-
und Kooperation wurden zum zentralen Gegenstand fen. Der Netzwerkcharakter tritt besonders durch
informationstechnischer Unterstützung. Anfangs dis- den Newsfeed bzw. Social Feed zu Tage – mitunter
kutierte man unter dem Begriff Computer Support for schlicht als Unterhaltung bezeichnet. Man kennt es
Cooperative Work (CSCW) zunächst einfache Formen von Facebook: Im Social Feed erscheinen all die Neu-
der Zusammenarbeit, etwa das gemeinsame Arbeiten igkeiten und Mitteilungen (Posts) von anderen Men-
an Dokumenten, die gemeinsame Ablage von Datei- schen, mit denen man verbunden ist. Verbunden sein
en und die Organisation von Projekten. Heute werden heißt, man „folgt“ diesen Personen: Man registriert
alle Formen der Kommunikation und Kooperation un- alles, was diese Person „postet“, weil man annimmt,
terstützt. Die entsprechenden Systeme sind hochinte- dass es für den eigenen Job hilfreich sein könnte.
griert, bieten verschiedenste Medienformate (Video, Man folgt aber nicht nur anderen Personen – man
Telefon, Mail) und eine große Vielfalt kooperativer kann auch Dokumenten folgen,
Werkzeuge. Sie unterstützen nahezu jede Form der indem man im Social Feed da-
Zusammenarbeit von Beschäftigten in den Unterneh- rüber informiert wird, wenn je- DER NETZWERKCHARAKTER
men und auch über deren Grenzen hinweg, kennen mand an dem Dokument wei-
TRITT BESONDERS DURCH
ihre Abläufe und zeichnen sie mit ungeheurer Präzisi- tergearbeitet, es verändert oder
on minutiös auf. Es entsteht der sogenannte Enterpri- auch gelöscht hat. Auch wenn DEN NEWSFEED ZU TAGE.
se Social Graph: der innerbetriebliche soziale Graph. das Dokument einem Dritten
MAN REGISTRIERT AL-
weitergegeben bzw. mit ihm
„geteilt“ wurde (engl. sharing), LES, WAS DIESE PERSON
3.1 Innerbetriebliche digitale soziale Netzwerke erscheint das im Feed. Ebenso
„POSTET"
kann man interessanten The-
Es ist nicht leicht, einen Begriff zu finden, der alle Sys- men folgen (sogenannten Hash-
teme umfasst, die die innerbetriebliche Kommunika- tags, siehe im Folgenden): In diesem Fall erscheint
tion und Zusammenarbeit komplex unterstützen. Die ein Post im Feed, wenn jemand etwas Neues zu die-
Entstehungsgeschichte ist so manchem System noch sem Thema schreibt.
heute anzumerken aber die Konvergenz ist deutlich Die Posts, die im Feed erscheinen, sind oft sehr
sichtbar. Die einen wurden zunächst als komfortab- kurz und werden auch Microblogs genannt. Von ei-
le Dateiablagesysteme für die gemeinsame Nutzung nem Blog spricht man, wenn sich ein Nutzer mit einer
konzipiert. Es handelte sich eher um Dokumenten- gewissen Regelmäßigkeit an andere wendet, um sei-
managementsysteme mit gleichzeitiger Organisation ne Gedanken und Ideen zu bestimmten Dingen zu for-
von Teamarbeit. Andere Systeme wurden von Anfang mulieren und zur Diskussion zu stellen. Blogs kennt
an als innerbetriebliche soziale Netze konzipiert, an- man in diesem Zusammenhang von bestimmten Ex-
gelehnt an das, was etwa mit Facebook öffentlich perten und auch das Management wendet sich gerne
intensiv genutzt wird. Dieser Begriff des innerbetrieb- per Blog direkt an die Belegschaft. In einem Forum
lichen bzw. internen sozialen Netzes wird fortan un-
ter Vernachlässigung der bestehenden Unterschiede 1 Im Internet finden sich manche Gegenüberstellungen sol-
verwendet. cher Systeme: vgl. Rothstein 2013 und Weck 2013.
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 9– oft einfach Diskussion genannt – wirft jemand eine wird, dass man etwas gut findet, dass man freudig
Frage auf und bittet andere darum, ihm eine mög- überrascht wird oder dass der Beitrag einfach weiter-
lichst passende Antwort zu geben. Das hilft. Neben diesem Like kann es auch differenziertere
Grundprinzip eines Wikis kennen viele von Wertungen, eine Art „reputation score“ geben. Damit
MICROBLOG, Wikipedia. In einem solchen Wiki werden
zumeist fachliche Inhalte verwaltet und
kann man sein Lob differenzierter, vielleicht auf einer
Skala von eins bis fünf abgeben. Man kann Personen
FORUM, WIKI miteinander vernetzt. Mit ihnen kann Wis- und Inhalte sogar lobpreisen (praise)2. Üblich ist auch,
sen verwaltet werden, das z. B. in einem dass beispielsweise derjenige, der eine Frage zur Dis-
Projekt aufgebaut und allen Projektmit- kussion gestellt hat, eine Auszeichnung für die beste
arbeitern zur Verfügung gestellt wird. Im Antwort vergeben kann. Allerdings kann man ein Like
dienstlichen Umfeld ist natürlich auch die Verwal- auch mit einem „Unlike“ zurücknehmen und sein vor-
tung gemeinsamer Dokumente eine sehr wichtige heriges Urteil revidieren.
Funktion. Alle Bewertungen können von Systemmanagern
In innerbetrieblichen sozialen Netzen werden also in verschiedenste Rankings überführt werden. Erhält
– wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise – In- jemand viele Likes oder viele hohe Scores für seine
formationseinheiten wie Posts, Blogs, Diskussions- Beiträge, kann er ausgezeichnet werden, oft symboli-
beiträge, Dokumente, etc. erzeugt, verwaltet und siert durch einen Pokal, Diamant oder eine Krone. Der
bereitgestellt. Darauf kann man inhaltlich reagieren. Score „Activity“ für besonders fleißige und rührige
Man kann dem Verfasser eines Posts antworten (re- Beschäftigte kann aus verschiedenen Merkmalen ge-
ply), um vielleicht etwas zu ergänzen, zu loben oder bildet werden: der Anzahl der erstellten Posts sowie
sich zu bedanken. Man kann solche Inhalte teilen, der verfassten Antworten, der Rating-Werte und der
also an andere weitergeben, weil man der Meinung „Besten Antwort“. Mit einem solchen Score kann ein
ist, dass das Geteilte auch für andere interessant sein Nutzer dann gekennzeichnet werden – das Spektrum
könnte. Man kann solchen Inhalten folgen, weil man reicht von „Anfänger“ bis „Superstar“.
wissen will, wie sich etwas entwickelt und weil man Man sollte festhalten: In innerbetrieblichen sozi-
auf dem Laufenden gehalten werden möchte. Man alen Netzwerken haben Nutzer die Möglichkeit auf
kann zu Blogbeiträgen oder in Diskussionen auch vielfältige Art und Weise miteinander zu kommuni-
Kommentare abgeben, die für alle anderen, die dem zieren und zu kooperieren. Jeder Kooperationsakt
Blog oder der Diskussion folgen, sichtbar sind. Wenn setzt Nutzer und Dokument in eine Beziehung und
man sich auf einen Blog bezieht, dann kann man dem wenn diese auch nur darin bestünde, dass eine Per-
Verfasser beipflichten, vielleicht etwas ergänzen oder son A den Blog einer Person B gelesen hätte. Man-
auch widersprechen. Im Kontext eines Forums bzw. che dieser Beziehungen sind quasi neutral. A hat eine
einer Diskussion, bei der am Anfang immer eine Fra- Nachricht von B erhalten: Wie gezeigt, gibt es auch
ge steht, kann man versuchen, eine gute, passende Beziehungen, die wertenden Charakter haben (like,
Antwort zu geben, um dem Fragenden weiterzuhel- praise, unlike).
fen. Man hat auch die Möglichkeit, Informationsinhal- Nahezu jeder kennt die Office-Produkte, mit de-
te zu verschlagworten. Dadurch entstehen Themen, nen man Tabellenkalkulationen durchführen, Briefe
die mit einem bestimmten Begriff (Tag oder Hashtag) schreiben und E-Mails verschicken kann. Das sieht
belegt werden. Diesen Themen kann man folgen und zunächst nicht aus, wie ein soziales Netz. Erwähnen
erfahren, wie sie sich entwickeln. Man kann solche muss man in diesem Zusammenhang Office 365, bei
Hashtags in Posts einfügen (meist versehen mit ei- dem diese Beziehungsartigkeit auf der Hand liegt. Of-
nem vorangestellten #), womit dieser Post dann ein fice 365 ist das Office-Angebot in der Cloud. Damit
Beitrag zur Diskussion dieses Themas wird, der wie- liegen die gesamten Softwarebestandteile und alle
derum von Dritten als zum Thema gehörend gefunden Dokumente in der Cloud. Was welcher Nutzer mit
werden kann. Man kann andere Personen erwähnen welchem Softwaretool an welchem Dokument macht
(mention). In einem Post an eine Person nimmt man oder was er wem schickt, alles wird aufgezeichnet.
Bezug auf einen Dritten und kennzeichnet den Namen So bildet sich ein sozialer Graph gigantischen Ausma-
mit einem vorangestellten „@“. Das führt dazu, dass ßes – und das nicht alleine bei einem Unternehmen.
der so Erwähnte auch diesen Post bekommt. So kann Er entsteht zusammen mit allen anderen sozialen Gra-
er erfahren, wenn an anderer Stelle Dinge geschehen, phen der Unternehmen, die Office365 nutzen. Alle
die für ihn relevant sein könnten oder mit denen er in diese sozialen Graphen entstehen bei Microsoft.
Verbindung gebracht wird.
Besonders beliebt ist es, in sozialen Netzen Wer-
tungen vorzunehmen. Das gilt auch für innerbetrieb- 3.2 Der innerbetriebliche soziale Graph
liche soziale Netze, allerdings mit dem wichtigen
Unterschied, dass diese Wertungen in einem dienst- Wir nähern uns dem Kern dieser Ausarbeitung: dem
lichen Kontext innerhalb der betrieblichen Hierarchie innerbetrieblichen sozialen Graphen oder dem Enter-
vorgenommen werden. Man kann andere Personen prise Social Graph, wie er im Englischen zuweilen ge-
loben (like) und damit zum Ausdruck bringen, dass nannt wird. Zunächst: Das Thema ist nicht ganz neu.
man diesen Menschen einfach gut findet. Zumeist
werden aber Inhalte „geliked“, womit wohl gesagt 2 Microsoft 2011
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 10Telefonanlagen halten fest, wer wie lange mit wem allen Empfängern entsteht eine Beziehung mit der Be-
telefoniert hat. Das rückte diese Anlagen früh in den deutung „Post empfangen“. Zwischen dem Verfasser
Blick der betrieblichen Interessenvertretung. Hät- eines Blogs und seinen Lesern entstehen Beziehun-
te die Telefonanlage alle Gespräche umfassend und gen mit der Bedeutung „Blog gelesen“. Kommentiert
dauerhaft danach ausgewertet, mit wem die beiden jemand einen Blog, entsteht eine Beziehung in die
Telefonbenutzer ansonsten noch telefoniert haben, andere Richtung. Viele Aktionen in den Netzwerken,
wäre schon damals ein sozialer Graph „Telefonieren“ wie etwa das Liken, und die Formen des Ratings und
entstanden, aus dem man hätte lesen können, wer Scorings haben wertenden Charakter. Sie sagen aus,
mit wem wie oft bzw. nie telefoniert etc. Heute ist das dass jemand einen anderen mag oder dass er mag,
Telefonieren als direkte Form der persönlichen Kom- begrüßt, gut findet, was der andere gemacht hat. Es
munikation zusammen mit dem Chatten, Mailen und entsteht also eine positive Beziehung zwischen die-
dem Videogespräch nur noch eine – an Bedeutung sen beiden Personen – zunächst einseitig, denn es
verlierende – Art der ist nicht impliziert, dass sie auf Gegenseitigkeit be-
Kommunikation, die ruht. Eine gegensätzliche, Ablehnung ausdrückende
mit allen anderen For- Beziehung entsteht, wenn jemand sein Like wieder
TELEFONIEREN / men der Kommunika- zurücknimmt.
tion und Kooperation In den innerbetrieblichen sozialen Netzen werden
E-MAIL
in den hochintegrier- alle diese Ereignisse minutiös aufgezeichnet und aus
AUSGETAUSCHT / ten innerbetrieblichen ihnen wird der soziale Graph erstellt.3 Er hält umfas-
POST EMPFANGEN/ Netzwerken zusam- send und präzise fest, wer mit wem auf welche Weise
BLOG GELESEN mengefasst ist. Große interagiert. Es entsteht das Abbild des innerbetrieb-
Teile der betrieblichen lichen Zusammenhangs, des sozialen, kommunika-
Zusammenarbeit wer- tiven Miteinanders (vgl. Abbildung 1). Solche Graphen
den damit digital un- sind in der Mathematik sehr gut untersucht und in
terstützt und vom Sys- der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse nutz-
tem genauestens auf- bar gemacht worden. Letztere ist in der Lage, auf der
gezeichnet. Es entsteht der soziale Graph. Verschickt Basis des sozialen Graphen weitreichende Aussagen
ein Absender eine E-Mail an einen Empfänger, ent- zu Stellung, Bedeutung und Ansehen von Akteuren
steht dadurch eine Beziehung zwischen den beiden zu machen. Durch sie können Gruppen erkannt und
mit der Bedeutung „E-Mail ausgetauscht“. Postet ein deren Zusammenhalt bewertet werden. Sie ist in der
Mitarbeiter eine Mitteilung, wird sie von allen emp-
fangen, die ihm folgen. Zwischen dem Verfasser und 3 Vgl. Vala 2015
Abbildung 1
Office Graph von Microsoft
Quelle: Microsoft Support Office Online, https://support.office.com/en-us/article/How-does-Office-Delve-know-what-s-relevant-to-me-
048d502e-80a7-4f77-ac5c-f9d81733c385 [17.11.2017])
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 11Lage einflussreiche Personen zu bestimmen, Einfluss- anhand eines Graphen formal nachgewiesen hat,
sphären abzugrenzen und den Informationsfluss an- dass es in Königsberg, wo damals sieben Brücken
hand sozialer Graphen zu erklären. über die Pregel führten, keinen Weg gab, bei dem
man jede Brücke nur einmal überquerte und dann
zum Ausgangspunkt zurückkam.4
Betrachtet man den mathematischen Graphen
genauer, muss man grundlegend unterscheiden zwi-
4 GRAPHEN IN DER MATHEMATIK schen ungerichteten und gerichteten Graphen. Dies
hängt mit den Merkmalen der Beziehungen zusam-
men, die er abbildet. Es gibt Beziehungen, die gelten
in beide Richtungen gleichermaßen (= ungerichtet)
4.1 Graphen und Matrizen zur Veranschaulichung – etwa die Direktflugverbindungen (vgl. Abbildung 2):
Die Maschinen der Fluggesellschaft fliegen sowohl
Wir alle kennen Graphen und nutzen sie, meist ohne in die eine Richtung als auch in die andere Richtung.
uns für die mathematischen Eigenschaften zu interes- Diese Symmetrie gilt nicht mehr bei einem Graphen,
sieren: Wir sind es gewohnt, dass ein Familienstamm- der abbildet, wer wen kennt. Freunden kennen sich
baum mit Kästchen und Pfeilen dargestellt wird; wir gegenseitig; einen Schauspieler kennen viele Men-
lesen aus einer ähnlichen Skizze heraus, wie eine schen, doch er kennt viele dieser Menschen nicht. Im
Verwaltung aufgebaut ist. Auch aus Abbildung 2 las- sozialen Graphen gibt es viele gerichtete (= einseitige)
sen sich schnell die europäischen Flugstrecken einer Beziehungen: wenn jemand einen anderen liked oder
Fluggesellschaft lesen – mit wenigen Zusatzinforma- eine E-Mail versendet. Ein Graph, der nur festhält,
tionen (mathematische Begriffe in Klammern): Krei- dass telefoniert wurde, wäre dagegen ungerichtet.
sen (Knoten), in denen der Name der Stadt mit dem Ein ungerichteter Graph kann nur symmetrische
Flughafen steht; Linien (Kanten) zeigen die Direktflü- Beziehungen abbilden. In einem gerichteten Graphen
ge der Fluggesellschaft an – in beide Richtungen (un- dagegen lassen sich Beziehungen darstellen, die nur
gerichtet); Zahlen (Bewertungen) an den Linien geben in die eine, nur in die andere oder auch in beide Rich-
die Luftlinienentfernung zwischen zwei Städten an. tungen gleichermaßen bestehen. Bei gerichteten Gra-
Graphen und Tabellen, in der Mathematik Matrizen phen wird die Richtung der Beziehung durch Pfeile
genannt, hängen eng zusammen. Auch Tabellen kön- verdeutlicht.
nen wir gut lesen. Die nachfolgende Tabelle hat grund- Ein Graph G besteht – mathematisch gesehen –
sätzlich den gleichen Aussagewert wie der Graph in aus zwei Mengen: der Menge von Knoten K und der
Abbildung 2: In der obersten Zeile und der linken Spal- Menge von Kanten k. Anders ausgedrückt:
te stehen die Städte mit Flughafen; die Zahlen in den G=(K,k)
Zellen dazwischen zeigen die Flüge zwischen den je- Im Beispiel der Fluglinien entsprechen die Städte
weiligen Städten inklusive der Entfernung. Bei fehlen- den Knoten. Die Kanten sind die Beziehungen zwi-
der Zahl besteht keine Flugstrecke dieser Gesellschaft schen den Knoten. Sie verbildlichen die Tatsache,
zwischen diesen Städten. Bei Betrachtung von Graph dass zwischen zwei Städten, die mit einer Linie ver-
und Matrix fällt auf, dass von manchen Städten viele, bunden sind, Flugzeuge einer bestimmten Fluggesell-
von anderen nur wenige Flugstrecken ausgehen und schaft hin und auch her fliegen.
dass zwischen bestimmten Städten gar keine Verbin- Zu Graphen lassen sich viele, oft unmittelbar ein-
dungen bestehen. sichtige Aussagen treffen, die einiger grundlegender
Solche Graphen sind für uns Menschen deshalb so Begriffe bedürfen: Kanten verbinden zwei Knoten.
nützlich, weil sie uns nach wenigen Blicken bestimm- Letztere werden als Endpunkte der Kante bezeichnet.
te Fragen beantworten: Von wo kann ich nach War- In einem ungerichteten Graphen ist eine Kante durch
schau fliegen? Kann ich mit dieser Fluggesellschaft die Nennung der beiden Endpunkte bestimmt: besteht
von Madrid nach Prag fliegen? Welcher ist der kürzes- etwa die Kante Rom / Madrid, ist das die gleiche Kante
te Weg von Prag nach Rom (vgl. Abbildung 3)? wie Madrid / Rom. In einem gerichteten Graphen wä-
Zwar fehlen dem Graphen und der Tabelle not- ren das zwei unterschiedliche Kanten. Ein Pfeil würde
wendige Angaben für eine konkrete Reiseplanung von Rom nach Madrid, der andere von Madrid nach
(Flugstrecken anderer Gesellschaften, Abflug- und Rom zeigen. Ein Pfeil könnte fehlen, wenn man zwar
Ankunftszeiten etc.); dennoch beantworten beide von Madrid nach Rom, aber nicht von Rom nach Ma-
Darstellungsformen schnell die wichtigsten Fragen. drid fliegen könnte.
Die Endpunkte müssen nicht verschieden sein, wie
es in der Mathematik formuliert wird. Das bedeutet,
4.2 Eigenschaften von Graphen eine Kante beginnt und endet an demselben Knoten
– eine sogenannte Schlinge. Im Beispiel der Fluglinien
Die Graphentheorie ist das Gebiet in der Mathema- macht das allerdings wenig Sinn; es würde nämlich
tik, das sich mit den formalen Eigenschaften von Gra- bedeuten, dass ein Flugzeug in Frankfurt startet, um
phen beschäftigt und in anderen wissenschaftlichen dann unmittelbar wieder in Frankfurt zu landen. So-
Disziplinen, z. B. der Informatik, vielfach Anwendung
findet. Sie soll auf Leonhard Euler zurückgehen, der 4 Vgl. Krumke / Noltemeier 2012
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 12Abbildung 2
Fluglinien als Graph*
Quelle: Eigene Darstellung, * Zahlen entsprechen Kilometern
Abbildung 3
Fluglinien als Tabelle oder Matrix *
Frank- Paris London Madrid Rom War- Moskau Prag Wien Brüssel Lissa- Dublin
furt schau bon
Frankfurt 479 639 891 2023 410 318
Paris 344 1054 2489 1455
London 1264 1450 321
Madrid 1365 1811 1318
Rom 1316 2377 1174
Warschau 556
Moskau 1669
Prag 251
Wien 915
Brüssel
Lissabon 1640
Dublin
Quelle: Eigene Darstellung, * Zahlen entsprechen Kilometern
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 13genannte einfachen Graphen weisen – wie im besag- spiels aufweisen: Ein solcher Graph wäre nicht ver-
ten Beispiel – keine Schlingen auf. bunden. Er bestünde aus zwei Teilen. Eine Brücke ist
Zwei Knoten, die durch eine Kante verbunden sind, eine Kante, die zwei Teilgraphen verbindet. Entfernt
werden als Nachbarn oder adjazent bezeichnet. Das man aus einem zusammenhängenden Graphen eine
gilt etwa für die Flughäfen von Moskau und Paris, die Brücke, ist er danach nicht mehr zusammenhängend.
im Graphen mit einer Kante verbunden sind und in der Im Beispielgraphen ist die Kante Paris / Lissabon eine
Matrix einen gemeinsamen Eintrag haben. Dies be- Brücke. Entfernt man sie, trennt man den Teilgraphen
sagt, dass man zwischen Moskau und Paris hin und Lissabon / Dublin vom Rest des Graphen ab. Führt
her fliegen kann. Beide Städte sind also hinsichtlich das Entfernen eines einzelnen Knoten dazu, dass ein
der Beziehung Direktflug Nachbarn – geographisch Graph getrennt wird, also in Teile zerfällt, nennt man
gilt das natürlich nicht. diesen Knoten einen Gelenkpunkt. Ein Graph ist voll-
Der Grad eines Knotens bezeichnet die Anzahl der ständig, wenn jeder Knoten Nachbar von jedem ande-
Kanten, für die der Knoten Endpunkt ist. Im Beispiel ren Knoten ist. Einen Teilgraphen in sozialen Graphen
der Fluglinien hat der Knoten Prag den Grad drei, mit dieser Eigenschaft nennt man eine Clique (vgl.
denn Prag ist per Direktflug mit drei anderen Städten Kapitel 5.3).
verbunden. Der Knoten Paris hat dagegen den Grad Soweit einige wichtige Eigenschaften von Gra-
sechs. Das leuchtet direkt ein; denn man geht selbst- phen. Mit ihnen ist man bereits in der Lage, die wich-
redend davon aus, dass in Paris mehr Flugverkehr tigsten Eigenschaften und Interpretationen der sozial
abgewickelt wird als in Prag – eine erste beiläufige wissenschaftlichen Netzwerkanalyse im Folgenden
Interpretation einer Graph-Eigenschaft, auf die wir nachzuvollziehen.
beim sozialen Graphen zurückkommen werden (vgl.
Kapitel 5.1.1). In einem Graphen können aber auch völlig
isolierte Knoten mit dem Grad Null existieren. Isolier-
te Knoten sind nicht erreichbar, denn es gibt keinen
Weg, der an dem isolierten Knoten endet. Im Beispiel 5 SOZIALWISSENSCHAFTLICHE
der Fluglinien wäre das sinnlos.
ANALYSE SOZIALER NETZE
In gerichteten Graphen kann man den Grad eines
Knotens nicht so einfach bestimmen. Dort hat ja die Die mathematische Graphentheorie hat Eingang ge-
Kante die Form eines Pfeils, der von einem Knoten funden in die sozialwissenschaftliche Netzwerkanaly-
ausgeht und am anderen endet. Diese Pfeile haben se, ein Teilgebiet der Soziologie. Ihr Untersuchungs-
auch immer eine Bedeutung: In einem sozialen Gra- gegenstand sind soziale Netzwerke, also soziale
phen etwa kann eine Person einer anderen folgen, Handlungszusammenhänge, in denen Menschen oder
ohne dass dies in der umgekehrten Richtung eben- auch Gruppen von Menschen miteinander umgehen.
falls gilt. In diesem Fall ist relevant, ob von einem Eine Familie, ein Dorf, ein Verein, ein Unternehmen,
Knoten der Pfeil ausgeht oder ob er dort endet. In ei- eine Abteilung, Facebook: Das alles sind soziale Netz-
nem Graphen, dessen Kanten zeigen, wer wen kennt, werke. Man kann sie als Graph oder Matrix auffassen
werden bei einem Prominenten viele Pfeile enden; und darstellen. Die Knoten sind dann die Akteure, die
von ihm werden aber nur wenige Pfeile ausgehen. mit anderen Akteuren über Beziehungen bzw. Relatio-
Wegen der Bedeutung der Pfeilrichtung unterschei- nen verbunden sind. Die Art dieser Beziehungen kann
det man bei einem Knoten den Eingangsgrad (gibt sehr vielfältig sein: Verwandtschaft, Freundschaft,
die Zahl der Pfeile an, die am Knoten enden) und den Weisungsrecht, Berichtspflicht etc. Der Graph kann
Ausgangsgrad (gibt an, wie viele Pfeile vom Knoten auch Unterstützung ausdrücken oder Wertungen wie
ausgehen). Ein isolierter Knoten hat sowohl den Ein- das Like oder das Folgen. Auch Interaktionen wie
gangs- als auch den Ausgangsgrad Null. einander zu treffen, miteinander zu sprechen oder
In einem Graphen spricht man von einem Weg, ei- Mitteilungen auszutauschen stellen Beziehungen in
nem Pfad oder auch von einer Kantenfolge zwischen einem sozialen Netz dar. Die gleiche Menge von Ak-
zwei Knoten und meint damit alle Kanten, die man teuren kann in verschiedenen Beziehungen unterei-
„gehen“ muss, um von dem einen Knoten zu dem an- nander verbunden sein, etwa als Arbeitskollegen in
deren Knoten zu gelangen. Ein Weg kann aus einer Kooperationsbeziehungen und gleichzeitig in Freund-
einzelnen Kante bestehen, dann gelangt man direkt schaftsbeziehungen. Die entsprechenden Graphen
zu einem Nachbarn. Ein Weg kann aber auch über sehen naturgemäß anders aus. Man spricht auch von
mehrere Kanten gehen. Im Fluglinien-Beispiel gibt es der Heterogenität oder Multiplexität der Relationen.
z. B. einen Weg von Brüssel nach Warschau über den Jeder Mensch ist in verschiedene soziale Netz-
Knoten Frankfurt. Es gibt aber auch weitere Wege, werke eingebunden: als Mitglied einer Familie, am
z. B. über die Knoten Madrid und Wien. Arbeitsplatz, im Verein. Dort gibt es sehr enge Bezie-
Man nennt einen Graphen zusammenhängend hungen zwischen Personen, andere haben gar nichts
oder verbunden, wenn es – wie im Beispielgraphen miteinander zu tun. Einige Personen sind sehr beliebt;
– von jedem Knoten zu jedem anderen Knoten einen der eine erfährt fast durchgängige Wertschätzung,
Weg gibt. Man denke sich zwei weitere Flughäfen ein anderer ist mehr oder weniger unbeliebt und iso-
dazu, die mit einer Kante verbunden sind, aber keine liert. In sozialen Netzen gibt es Gruppen, die eng zu-
Kante zu einem der Flughäfen des bestehenden Bei- sammen arbeiten und sich sichtbar von anderen ab-
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 14Abbildung 4 Abbildung 5
Ungerichteter Graph Gerichteter Graph
7 5 3 7 5 3
9 4 1 9 4 1
8 6 2 8 6 2
Quelle: Tang / Liu 2010, S. 9 Quelle: Tang / Liu 2010, S. 9
grenzen. In sozialen Netzwerken gibt es also vieles zu eingehen. „Soziale Netzwerke und ihre zentralen
beobachten: Menschen die Bedeutung und Ansehen Akteure können Wissensaustausch und Innovation,
besitzen, andere die am Rande stehen; Menschen Kreativität, Kooperations- und Veränderungsprozesse
nehmen Positionen ein und nehmen Rollen war; es bil- unterstützen oder behindern.“7 Die Analyse der „auf
den sich Gruppen und es kommt zu Ausgrenzungen. dem Silbertablett“ präsentierten Daten des elektro-
Die sozialwissenschaftliche Netzwerkanalyse setzt nisch abgebildeten sozialen Netzwerks wird deshalb
bei den Akteuren nicht an persönlichen Merkmalen auf zunehmendes Interesse der Unternehmen stoßen.
(kategorialen Daten wie Alter, Geschlecht etc.) an, (vgl. Abbildung 4 und 5)
sondern an der Art ihrer Eingebundenheit in das sozi- In der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse
ale Netzwerk.5 Sie untersucht Stellungen und Positio- werden verschiedene Analyseebenen unterschieden.8
nen, sucht nach Gruppen und analysiert die Qualität Auf einer ersten Ebene werden die Merkmale und
ihres Zusammenhalts. Sie fragt nach Macht und Ein- die soziale Stellung von einzelnen Akteuren unter-
fluss und legt Abläufe und Informationsprozesse of- sucht. Auf der nächs-
fen. Die sozialwissenschaftliche Netzwerkanalyse ist ten Ebene nimmt man
in der Lage, informelle Strukturen jenseits der formal die Beziehungen in den DIE SOZIALWISSENSCHAFTLICHE
intendierten sichtbar zu machen. Blick. Eine Dyade ent-
NETZWERKANALYSE SETZT BEI DEN
Bei der Analyse sozialer Netzwerke hat sich die spricht der Beziehung
mathematische Graphentheorie als ein sehr hilfrei- zwischen zwei, eine AKTEUREN NICHT AN PERSÖNLI-
ches Instrument herausgestellt. Wissenschaftliche Triade der Beziehung
CHEN MERKMALEN AN. SIE UN-
Arbeiten der Vergangenheit lassen es zu, Aussagen zwischen drei Akteu-
zu sozialen Netzwerken auf einer sehr formalen Ba- ren. Weiterhin unter- TERSUCHT STELLUNGEN UND POSI
sis zu treffen.6 Es wurden Maßzahlen und Algorith- sucht man Gruppen
TIONEN, SUCHT NACH GRUPPEN UND
men entwickelt, mit denen Eigenschaften sozialer innerhalb eines Netz-
Netze berechnet und beschrieben werden können. werks und letztlich das ANALYSIERT DIE QUALITÄT IHRES
Bemerkenswerterweise entstanden viele wichtige Gesamtnetzwerk.9
ZUSAMMENHALTS.
Arbeiten zu einem Zeitpunkt, als elektronische sozi- Teile des sozialen
ale Netze noch völlig unbekannt waren. Heute aber Netzes einer Beleg-
werden diese Vorarbeiten vielfach genutzt, um sie auf schaft werden im Rahmen der innerbetrieblichen
die (öffentlichen) elektronischen sozialen Netzwerke Kommunikations- und Kooperationssysteme elektro-
anzuwenden – zumeist zur Werbeoptimierung. Inner- nisch auf innerbetriebliche Graphen abgebildet, die
betriebliche soziale Netze und damit die Belegschaft man auswerten kann, um Aussagen über das soziale
mit diesen Methoden zu analysieren, ist noch nicht Netz selbst zu machen. Bei den folgenden Erörterun-
stark verbreitet. gen stehen die Auswertungen im Vordergrund, die
Belegschaften sind soziale Netzwerke, in denen Eigenschaftsbeschreibungen und Aussagen ermögli-
Menschen miteinander umgehen und Beziehungen chen, welche in einem betrieblichen Kontext relevant
sein könnten.
5 Vgl. Thiel 2010
6 Den folgenden Ausführungen zur sozialwissenschaftlichen
Netzwerkanalyse liegen folgende Quellen zugrunde: Was- 7 Thiel 2010, S. 79
serman / Faust 1994; Jansen 2003; Trappmann et al. 2011; 8 Jansen 2003, S. 67
Zafarani et al. 2014. 9 Jansen 2003, S. 58 ff.; vgl. auch Diaz-Bone 2006
Mitbestimmungspraxis Nr. 10 · Januar 2018 Seite 15Sie können auch lesen