Epochenwechsel in der römisch-katholischen Kirche?
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48 | Themenschwerpunkt
Epochenwechsel in der römisch-katholischen Kirche?
Christian Weisner
Sind wir ZeugInnen eines fundamentalen kirchlichen Skandalen zu ersticken und auf den
Paradigmenwechsels in der mit 2000 Jahren Felsen der geschichtlichen Bedeutungslosigkeit
wohl ältesten Organisation Europas? Folgt die aufzulaufen? Welche Auswirkungen werden
römisch-katholische Kirche mit Papst Franzis- die dynamischen Entwicklungen in Rom
kus jetzt endlich dem Kurs des Reformkonzils, nicht nur auf die Kirchen in Deutschland und
dessen 50-jähriges Jubiläum in diesem Jahren in aller Welt, sondern möglicherweise auch
begangen wird? Welche Auswirkungen weit auf die weltweiten politischen und sozialen
über den binnenkirchlichen Raum hinaus Konflikte haben? Und: Braucht es unter dem
sind zu erwarten und zu erhoffen? Es folgt Reformpapst jetzt überhaupt noch kirchliche
der Versuch einer Einschätzung des Umbaus Reformbewegungen wie z.B. die KirchenVolks-
des 2000-jährigen Kirchenschiffes – mitten im Bewegung Wir sind Kirche?
Sturm auf hoher See, mit einem Wechsel des
Kapitäns und Aufnahme eines neuen Zielkurses
1.1 | Franziskanischer Anspruch
– aus der Sicht der katholischen Reformbewe-
gung Wir sind Kirche. Der argentinische Jesuit Jorge Mario Bergoglio
ist der erste Papst, der es wagte, sich nach dem
heiligen Franz von Assisi (1181/1182-1226)
1 | Was ist los in der römisch-katholischen
zu nennen, der Bettelmönch und Kirchenre-
Kirche?
former in einem war. Bergoglio ist ein Jesuit,
Es scheint Bewegung zu kommen in die wohl der sich schon vor seinem ersten öffentlichen
älteste Institution Europas, die gemeinhin als Auftreten als „Bischof von Rom“ mit dem
unbeweglich und weltfern gilt, aber auch als Vatikan anlegte, als er die herkömmlichen
Hort von Tradition, Werten und Wahrheit. Für Insignien klerikaler Macht verweigerte; der
viele ist die römisch-katholische Kirche, die sich am Gründonnerstag zwei Frauen in einem
als klerikale Wahlmonarchie versteht, immer Gefängnis die Füße wusch, in Lampedusa das
noch ein Synonym für Rückwärtsgewandtheit, Flüchtlingselend anprangerte und die Verant-
für Ignorieren oder gar Bekämpfen des „Zeit- wortlichen von sozialen Bewegungen aus aller
geistes“, ein autoritäres und absolutistisches Welt in den Vatikan eingeladen hat. Und: Die
weltweites Machtgefüge mit einer unabänder- Tatsache, dass nach fast 800 Jahren erstmals
lichen Glaubensdoktrin, die im Kirchenrecht wieder ein Nichteuropäer Papst wurde, lässt
festgeschrieben ist. hoffen, dass der katholische Eurozentrismus
Bringt nun der am 13. März 2013 gewählte konsequent abgebaut wird, und signalisiert
Papst Franziskus „vom Ende der Welt“ mit die Vision von einer Kirche, die für Gerechtig-
gewagten Manövern das Kirchenschiff zum keit im Weltmaßstab steht. Dazu kommt sein
Kentern oder Auseinanderbrechen? Wird jetzt bescheidenes Auftreten, das auf eine Entschla-
die größte christliche Kirche mit 1,2 Milliarden ckung des römischen Hofstaats hoffen lässt.
Gläubigen etwa zur weltgrößten NGO? Oder Kommentatoren sprachen sogleich von
bewahrt Franziskus mit großer Geschicklichkeit einer „epochalen Wahl“. Das amerikanische
die katholische Weltkirche davor, an den inner- Nachrichtenmagazin „Time“ erklärte Papst
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Franziskus zur „Person des Jahres 2013“ Aufdeckungen von Vatileaks den wählenden
(http://poy.time.com/2013/12/11/pope- Kardinälen die Notwendigkeit eines Kurswech-
francis-the-choice/). In nur neun Monaten im sels deutlich.
Amt habe sich der neue Papst „ins Zentrum
der wichtigsten Debatten unserer Zeit“ ge-
1.2 | Formierter Widerstand
setzt: um „Wohlstand und Armut, Fairness
und Gerechtigkeit, Transparenz, Modernität, Die Erwartungen an Franziskus, den neuen
Globalisierung, die Rolle von Frauen, die Natur Bischof von Rom, sind riesengroß, aber der
der Ehe und die Versuchungen der Macht“. Jesuit ist durchaus als kämpferisch und durch-
Er habe die Kraft, die Welt zu verändern. Das setzungsfähig einzuschätzen. Entscheidend
Musikmagazin „Rolling Stone“ nahm ihn aufs wird sein, ob es ihm gelingt, die römische Kurie
Cover, zusammen mit Bob Dylans Songtitel: zu reformieren, die sich über die Jahrhunderte
„The times they are a-changin’“ (www.rollings- zu einem absolutistischen Machtblock verfes-
tone.de/news/meldungen/article530419/der- tigt hat, und damit die Glaubwürdigkeit der
papst-auf-dem-cover-des-us-rolling-stone.html). Kirchenleitung wiederherzustellen. Franziskus
Schon als argentinischer Bischof wurde er gilt allerdings auch als Wert-Konservativer
als Anwalt der Armen bezeichnet und weckt und so manche warnen, dass von ihm keine
jetzt international Hoffnungen auf mehr soziale schnellen Reformen in der Frauenfrage und
Gerechtigkeit und ein friedlicheres Miteinander der Sexuallehre zu erwarten sind; aber auf
der Religionen. Sein Namenspatron hat sich jeden Fall habe er eine größere Bereitschaft
immerhin auch um eine friedliche Lösung zum Zuhören und auch zum Lernen. Eine
mit dem Islam bemüht. Zugleich wächst die Aufhebung der Zölibatspflicht für katholische
Erwartung, dass es mit ihm auch innerhalb der Priester scheint für ihn nicht ausgeschlossen.
Kirche Aufbruch und Erneuerung geben wird. Die Tür zum Priesteramt für Frauen sieht er
Mit seinen Worten von einer „barmherzigen als verschlossen an – aber immerhin spricht er
Kirche“ hat Franziskus bei vielen Menschen von einer Tür, für die die Theologie ja einen
die Hoffnung auf eine weniger dogmatische Schlüssel finden kann.
Auslegung bei ethisch und moralisch schwie- Wie stark die Widerstände gegen jede Art
rigen Fragen unserer Zeit geweckt. von Reform innerhalb des Vatikans selber
„Ich glaube, dass die Welt viel von ihm sind, zeigt die Tatsache, dass er sich genötigt
erwarten kann – gerade eine Welt, die in ihrem sah, beim Weihnachtsempfang 2014 für die
globalisierten Kapitalismus in große Proble- römische Kurie scharfe Kritik zu äußern und
me hineintreiben wird und die eine Position der er 15 kuriale Krankheiten attestierte (www.
braucht, die die Armen vertritt“, so der Grazer wir-sind-kirche.de/index.php?id=125&id_
Religionssoziologe Rainer Bucher (www.kas. entry=5640). Dieser alarmierende Weckruf galt
de/wf/de/33.37082/). Franziskus möchte die und gilt aber nicht nur den leitenden Kurialen,
Kirche aber keinesfalls nur als NGO sehen. sondern allen Kardinälen und Bischöfen der
Gleich nach seiner Wahl warnte er davor, Gott Weltkirche sowie dem ganzen Kirchenvolk.
und die religiöse Dimension aus dem Blick zu Die Unterstützung des Kirchenvolkes hat
verlieren, denn sonst „werden wir eine mitlei- Franziskus von Anfang an in großem Maße.
dige regierungsunabhängige Organisation“. Pew Research Center (Washington, DC) veröf-
Fast wäre Franziskus schon im Konklave fentlichte am 11. Dezember 2014 beeindrucken-
2005 gewählt worden, aber wohl erst nach de Ergebnisse: Eine Umfrage in 43 Ländern
dem fast 35-jährigen Doppelpontifikat von Jo- zeigt eine durchschnittliche Zustimmung für
hannes Paul II. und Benedikt XVI., das letzterer Papst Franziskus von 60 Prozent und nur 11
schon als Präfekt der Glaubenskongregation 23 Prozent Ablehnung. Besonders hoch sind die
Jahre lang wesentlich prägte, wurde nach den Zustimmungsraten in Europa (84 Prozent),
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USA (78 Prozent) und Latein-Amerika (72 sich Reformen und der aufgeklärten modernen
Prozent) (www.pewglobal.org/2014/12/11/ Welt verweigert, wird nicht überleben. In dieser
pope-francis-image-positive-in-much-of-world). Situation hat der Rücktritt von Papst Benedikt
Wie stark aber auch die – und nicht nur im Frühjahr 2013 im guten Sinne das Papstamt
innerkirchlichen – Gegenströmungen gegen von innen her verändert und die gesamte Hie-
Franziskus sind, zeigt das Interview der Ka- rarchiestruktur relativiert. Dieser Rücktritt hat
tholischen Nachrichtenagentur mit dem sich das Papstamt entglorifiziert und entmystifiziert
als katholischen Schriftsteller bezeichnenden und dem Nachfolger neue Freiheiten und Ent-
Martin Mosebach: „Ich will keinen Polit-Papst“ wicklungsmöglichkeiten eröffnet.
(www.katholisch.de/de/katholisch/themen/ So wie es im vierten Jahrhundert die Kon-
kirche_2/141216_interview_martin_mose- stantinische Wende gab, die das Christentum
bach_papst_franziskus.php), veröffentlicht zur Staatskirche mit allen negativen Folgen
genau an dessen 78. Geburtstag. Und zu Hei- werden ließ, so könnte der jetzige Pontifikats-
ligabend äußert der italienische Schriftsteller wechsel rückblickend einmal im positiven Sinne
Vittorio Messori im „Corriere della Sera“ als Franziskanische Wende bezeichnet werden.
„Zweifel über die Winkelzüge des Papstes
Franziskus“ (www.pro-konzil.de/?p=2229). Die
2 | Erneuerung von der Peripherie – Fran-
traditionalistischen KatholikInnen haben sich
ziskus’ Erfahrungen aus Lateinamerika
mittlerweile vom Schock des Rücktritts von
Papst Benedikt und der Wahl von Papst Fran- Gerade noch rechtzeitig zum 50-jährigen Jubilä-
ziskus erholt und ihre Sprache wiedergefunden. um des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen
Noch weitaus gefährlicher sind die weiterhin Konzils in diesem Jahr (8. Dezember 2015)
bestehenden und auch finanzkräftigen Seil- haben also die Kardinäle einen neuen „Bischof
schaften des emeritierten Papst Benedikt XVI., von Rom“ gewählt, der das Reformkonzil aus
gerade nach Deutschland. einer ganz neuen Perspektive und mit der Er-
Der Rücktritt von Papst Benedikt war ein fahrung aus Lateinamerika in den Blick nimmt,
historischer Einschnitt. Aber nicht nur sein dem Kontinent, in dem mehr als 40 Prozent der
hohes Alter, sondern die fundamentalen Füh- katholischen Weltbevölkerung leben, und auf
rungskrisen im Vatikan (Vatileaks, Skandale dem die Visionen des Konzils am intensivsten
der Vatikanbank, jahrzehntelang verschleppte umgesetzt worden sind.
Aufklärung sexualisierter Gewalt, Verdacht Der Anspruch, dass die Kirche eine Kirche
von „Homo-Kooperationen“) haben ihn ab- für die Armen sein muss, und die Notwen-
solut notwendig gemacht. Joseph Ratzinger, digkeit von Kirchenstrukturreform gehen bei
obwohl seit 1982 zunächst als Glaubenspräfekt Franziskus Hand in Hand. Kardinal Bergoglio
und seit 2005 als Papst Benedikt über 30 Jahre hat dies noch vor seiner Wahl in dem nicht ge-
lang in höchster Position in Rom, war es nicht heimen Vorkonklave am 9. März 2013 äußerst
gelungen, den Vatikan zu führen und das Hof- prägnant formuliert: „Die Kirche ist dazu
staat-Gehabe zu beenden, wohl auch, weil er aufgerufen, aus sich selber heraus und an die
sich vor allem auf seine Theologie konzentriert Peripherien zu gehen, nicht nur an die geogra-
hat. Die weltweite Kirchenkrise, so der welt- phischen, sondern auch an die existentiellen
bekannte Theologe Hans Küng im Jahr 2011, Peripherien. [...] Wenn die Kirche nicht aus sich
geht weit über die Missbrauchsfälle (dazu etwa selbst herausgeht, um zu evangelisieren, bleibt
Robinson 2010) und deren Vertuschung hinaus: sie nur bei sich selbst und wird krank [...]. Die
Es handele sich um eine grundlegende System- Missstände, die sich im Laufe der Zeit in den
krise. Sein Fazit: Eine Kirche, die weiterhin Institutionen der Kirche gezeigt haben, haben
an ihrem Macht- und Wahrheitsmonopol, an ihren Grund in dieser Selbstbezüglichkeit, in
ihrer Sexual- und Frauenfeindlichkeit festhält, einer Art theologischem Narzissmus. … Um es
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vereinfacht zu sagen: Es gibt zwei Ansichten aufzuweisen. Und Bergoglio ist Repräsentant
von der Kirche: die evangelisierende Kirche, dieser Geschichte.
die aus sich herausgeht [...] und die verwelt- Der 1936 in Buenos Aires geborene Jorge
lichte Kirche, die in sich, aus sich und für sich Mario Bergoglio trat 1958 dem Jesuitenorden
selber lebt. Diese Erkenntnis kann uns die bei, in dem er schon sehr früh Leitungsaufga-
Augen öffnen für mögliche Veränderungen ben übernahm. Seine amtskirchliche „Karrie-
und Reformen, die notwendig sind.“ (www. re“ begann erst 1998, als er Erzbischof von
pro-konzil.de/?p=1697) Buenos Aires und 2001 Kardinal wurde. Er ist
Mit dem Satz: „Wie sehr wünschte ich eine ein Vertreter der „Theologie des Volkes“, der
arme Kirche für die Armen“ knüpft er am 16. argentinischen Variante der Befreiungstheolo-
März 2013 bei der ersten Pressekonferenz nach gie, die der damalige Glaubenspräfekt Kardinal
seiner Wahl an das an, was Papst Johannes Joseph Ratzinger und jetzt emeritierte Papst
XXIII. vor Beginn des Zweiten Vatikanischen Benedikt jahrzehntelang vehement bekämpft
Konzils als seine Vision formuliert hatte. Es ist hat. Kennzeichnend für Bergoglio und sei-
eine Vision, die in den darauffolgenden Jahren nen vom Jesuiten Karl Rahner beeinflussten
am intensivsten in der lateinamerikanischen theologischen Lehrer Lucio Gera ist, dass
Kirche weiterlebte und trotz massivster poli- die Theologie aus der Pastoral erwächst. Als
tischer und auch kirchlicher Unterdrückung Vorsitzender der argentinischen Bischofskon-
überlebt hat. Diese mühsam erkämpfte und ferenz hat er 2007 das Abschlussdokument der
in der Praxis gereifte Vision ist mit Bergoglio fünften Generalversammlung des Lateiname-
jetzt „vom Ende der Welt“ in den Vatikan rikanischen Bischofsrates (CELAM) 2007 in
zurückgekehrt. Keine andere Kontinentalkir- Aparecida entscheidend mitgestaltet. Norbert
che hat eine solche Nach-Konzilsgeschichte Arntz, der diese Versammlung miterlebt hat,
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bezeichnet sie als „pastorale Umkehr“ zu einer auf die dogmatische Konstitution Lumen
„samaritanischen Kirche“. Gentium des Zweiten Vatikanums und auf die
lateinamerikanische Kirche mit ihrer Tradition
der Befreiungstheologie und der Option für die
2.1 | Kirche der Märtyrer
Armen. „Opción por los pobres“, so Norbert
Der Weg der lateinamerikanischen Kirche von Arntz, heißt nicht einfach „für Arme“, sondern
den Vorgängertreffen 1968 in Medellín, 1979 „weil es Arme gibt, müssen wir uns ument-
in Puebla, 1992 in Santo Domingo bis 2007 scheiden“. Mit den Augen der Armen die Bibel
in Aparecida ist von Auseinandersetzungen zu lesen, darum geht es. Ein fundamentaler
geprägt. Zu diesem Weg gehören auch viele Perspektivenwechsel.
Märtyrer und Märtyrerinnen: Oscar Arnulfo
Romero, der als Erzbischof von San Salvador
3 | Rückkehr zum Reformkurs des Zweiten
1980 am Altar von einer Todesschwadron
Vatikanischen Konzils
erschossen wurde und dessen Seligsprechungs-
prozess Franziskus wieder eröffnet hat; der Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962
Jesuit Ignacio Ellacuría, Rektor der Univer- bis 1965) schien es, als würde sich die katho-
sität von San Salvador, der 1989 mit seinen lische Kirche aus ihrer jahrhundertelangen
Gefährten ermordet wurde; und viele andere Verstrickung in die Geschichte von Macht
unbekannte Menschen in Lateinamerika, die in und Unterdrückung lösen können. Für viele
den 1980er und 1990erJahren nicht ohne Mit- KatholikInnen war dies eine Zeit des Auf-
Schuld des Vatikans gefoltert oder umgebracht bruchs, sowohl nach innen als auch nach au-
worden sind, wie durch Vatileaks bekannt ßen. Vor allem, wenn man sich vor Augen hält,
wurde. Von dieser Geschichte ist Bergoglio dass in dieser Zeit noch viele Militärdiktaturen
mitgeprägt. Er selber hat auch immer wieder herrschten und Dialog sowie Partizipation, so
Auseinandersetzungen mit dem Vatikan gehabt, wie das Konzil es wollte, selbst in den Zivil-
ja selber Zensur erlebt. Das ursprüngliche Ab- gesellschaften noch keineswegs üblich waren.
schlusspapier von Aparecida beinhaltete eine Die Erklärungen des Konzils über das
starke Kritik auch an kirchlichen Strukturen, Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zu
vor allem am Klerikalismus; eine Kritik, die in den nichtchristlichen Religionen (Nostra aeta-
dem von Rom approbierten Text dann fehlte. te) und über die Religionsfreiheit (Dignitatis
Umso vehementer greift Bergoglio, nun selber humanae) haben neue Maßstäbe gesetzt, die
in Rom, diese kritischen Positionen immer bis heute wegweisend sind. Die Pastorale Kon-
wieder auf. stitution über die Kirche in der Welt von heute
In seinem programmatischen Lehrschreiben (Gaudium et spes) umschreibt in ganz neuer
„Evangelii Gaudium“ (Die Freude des Evange- Weise die Aufgabe der Kirche als Verkünderin
liums, veröffentlicht am 24. November 2013) der frohen Botschaft vom Reich Gottes, das
spricht er von einer Kirche im Aufbruch, von den Menschen den Frieden vor Augen stellt,
einer missionarischen Kirche, die „sich durch der heute bedrohter ist denn je. Die Dogma-
Werke und Gesten in das Alltagsleben der tische Konstitution über die Kirche (Lumen
anderen (stellt), die „Distanzen verkürzt“, sich gentium) hat das Bild von Kirche als Volk
nötigenfalls bis zur Demütigung erniedrigt“ Gottes geprägt, auf das sich Reformkräfte wie
und „das menschliche Leben annimmt, indem die KirchenVolksBewegung zu Recht berufen.
sie im Volk mit dem leidenden Leib Christi Die Kirche hätte eine Gemeinschaft aktiver
in Berührung kommt“ (EG 24). „Die Armen Partizipation, eine Institution dienender Welt-
bleiben die ersten Adressaten des Evangeliums“ solidarität, ein Ort ökumenischer Offenheit
(EG 48). Für die von ihm vorgeschlagene Kir- und interreligiöser Toleranz, eine Hüterin der
chenreform bezieht er sich auf zwei Quellen: Gewissensfreiheit und eine Verteidigerin des
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Weltfriedens werden können – wenn sie den grundlegender Kulturwechsel, der jetzt endlich
Weg des von Johannes XXIII. begonnenen und das umsetzt, was das Zweite Vatikanische
nach dessen Tod von Paul VI. zu Ende geführ- Konzil vor 50 Jahren mit der Aussage inten-
ten Konzils konsequent weiter gegangen wäre. dierte, „die Gesamtheit der Gläubigen kann
Die Erinnerung an das vor 50 Jahren been- im Glauben nicht irren“. Dieser Kulturwechsel
dete Konzil führt uns aber auch vor Augen, wie wird auch einen Kurswechsel bringen. Dazu
konsequent seine großartigen Reformansätze müssen allerdings das Kirchenvolk und die
von Anfang an blockiert und zurückgedrängt theologischen Wissenschaften wieder sehr viel
wurden. Der Aufbruch währte nicht lange: stärker aktiv beteiligt werden und auch selber
Schon 1978 wurde Johannes Paul II zum Papst die Beteiligung einfordern.
gewählt und berief sehr bald Kardinal Joseph So ist es höchste Zeit, dass die Grundlagen
Ratzinger zum Präfekten der Glaubenskongre- für die kirchliche Sexuallehre im Einklang
gation, der seine stark traditionsverhaftete, ge- mit den modernen Humanwissenschaften
radezu „antimodernistische“ Theologie – häufig entwickelt werden. Dies muss und wird auch
mit Zwangsmaßnahmen – durchsetzte. Jetzt mit zu einer Rücknahme falscher oder überholter
Franziskus besteht die vielleicht letzte Chance, Doktrinen und zu einer Weiterentwicklung
dass die vor 50 Jahren durch das Zweite Vati- der Lehre führen. Wichtige Punkte dabei:
kanische Konzil eingeleitete epochale Wende eine Rückbesinnung auf den Vorrang des in-
fortgesetzt wird. Franziskus bringt die in Latein- dividuellen Gewissens (Kardinal John Henry
amerika gereifte und durchlittene Theologie Newman); eine neue und ganzheitliche Sicht
und Praxis des Zweiten Vatikanischen Konzils der Sexualität, die zu Fragen von Homosexua-
in den Vatikan. In vielem knüpft Franziskus an lität und homosexuellen Partnerschaften einen
die politische Linie und die innerkirchlichen angemessenen Zugang eröffnet; im Anschluss
Reformprojekte von Paul VI. an. Der hatte die an das Konzil von Trient ein differenziertes Ver-
Tiara, Symbol päpstlicher Machtansprüche, ständnis der Ehe als Sakrament. Die Bischöfe
endgültig abgelegt. Er schrieb die Sozialenzy- sind gefordert, sich mit bislang tabuisierten
klika (Populorum Progressio, 1967) die zum und neueren theologischen Erkenntnissen
ersten Mal auf den Nord-Süd-Konflikt hinwies auseinanderzusetzen und deren Umsetzung zu
sowie die weltweite Verflechtung der Wirt- fördern. Die katholische Kirche muss die über-
schaft und den Stellenwert der Bildung in den holten, teilweise mittelalterlichen Denkmuster
Blick nahm. Als erster Papst stattete er 1965 und Sprachformen, die die gegenwärtigen
der UNO einen Besuch mit einer beeindru- Kirchenkrisen am Kochen halten, überwinden.
ckenden Rede zum Weltfrieden („Nie wieder Von der Idee einer „Kirche der Armen”
Krieg!“) ab. Er machte Auslandsreisen zum von Papst Johannes XXIII. inspiriert, haben
unverzichtbaren Teil seiner Tätigkeit. Durch am 16. November 1965 – drei Wochen vor
seine Begegnungen mit dem Patriarchen von dem Abschluss des Konzils – vierzig Kon-
Konstantinopel (1964/65) und durch seinen zilsbischöfe in den Domitilla-Katakomben
Besuch in Genf (1967) hat er der Ökumene außerhalb Roms einen Pakt für eine dienende
wichtige Impulse gegeben. Ihm verdankt die und arme Kirche verfasst, dem sich rund 500
Kirche eine konsequente Liturgiereform (mit Bischöfe angeschlossen haben (www.wir-sind-
Einführung der Muttersprache), die sich bis kirche.de/index.php?id=125&id_entry=2971).
heute bewährt hat. Dieser Pakt bekennt sich zu einer unmissver-
Nach zwei eher restaurativen Pontifikaten ständlichen Option für die Armen und dazu,
unternimmt Franziskus jetzt alles, die Kirche aller Symbole und Privilegien der Macht zu
auf den Reformkurs des Konzils zurückzufüh- entsagen. Der „Katakomben-Pakt“, ein sub-
ren und Prozesse einzuleiten, die hoffentlich versives Vermächtnis des Konzils, signalisiert
nicht mehr gestoppt werden können. Es ist ein zugleich den Beginn der Befreiungstheologie.
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Zunächst in Vergessenheit geraten, hat der Ka- Ende 2013. Das Ergebnis war ein ungeschmink-
takomben-Pakt mit Papst Franziskus eine neue tes Bild der Lebensrealität der Kirchenbasis,
Aktualität gewonnen. Bewusst oder unbewusst kein von den Bischöfen geschöntes. Was
hat er sich eine ganze Reihe der damals be- die Kirche „irreguläre oder nicht akzeptierte
schlossenen Vereinbarungen zueigen gemacht. Situationen“ nennt, ist eine weit verbreitete
Realität in allen Teilen der Welt. Die kirchliche
Sexuallehre insgesamt ist weder in Inhalt noch
4 | Franziskus’ Mut zum synodalen Weg
in Form verständlich, weil sie den Kontakt mit
Man stelle sich vor, ein Weltkonzern, der so der Wirklichkeit des Menschen verloren hat.
wie die katholische Kirche in vielfachen Krisen Nur eine verständlichere Verkündigung wird
steckt, veröffentlicht auch die negativen Ergeb- nicht ausreichen, da die Kluft durch den Inhalt
nisse seiner weltweiten Kundenbefragung, lässt der Lehre selbst begründet ist.
dann seine Regionalvertreter vor den Augen Hinter den verschlossenen Türen der Sy-
der Weltöffentlichkeit über neue Konzepte noden-Aula muss es hoch her gegangen sein.
beraten und fordert auf, binnen Monaten Dort prallten die unterschiedlichen Erfahrun-
konkrete Lösungsvorschläge vor Ort zu ent- gen und Positionen aus den verschiedenen
wickeln. Genau dies geschieht derzeit in der Teilen der Weltkirche aufeinander. Allein
römisch-katholischen Kirche zu den Themen schon die Fragen nach Barmherzigkeit für
Evangelisierung, Familie und den so heiklen nach einer Scheidung Wiederverheiratete oder
Fragen von Sexualität, Moral und kirchlichem für homosexuelle Paare (die nach geltendem
Lehramt mit den Bischofssynoden 2014 und Kirchenrecht vom Empfang der Sakramente
2015, die in einen weltweiten Konsultations- Beichte und Kommunion ausgeschlossen
prozess eingebettet sind. sind), lösten kontroverse Diskussionen unter
Franziskus hat sich bewusst für diesen Syn- den Kardinälen aus. Nach außen hin gab es
odalen Weg entschieden. Statt Entscheidungen aber eine bisher nicht gekannte Transparenz,
„von oben“ zu fällen, versucht er, Prozesse die der Autor als beim Presseamt des Vatikans
anzustoßen. Dieser Wechsel vom „Verbots-Mo- akkreditierter Journalist miterleben konnte.
dus“ in den „Dialog-Modus“ ist gerade in der „Papst Franziskus will, dass das Kirchenvolk
katholischen Kirche für viele ungewohnt, ent- Druck ausüben kann auf die Bischöfe und dass
spricht aber durchaus der Vision des Zweiten die Bischöfe mehr Mut bekommen, genau
Vatikanischen Konzils. In „Evangelii Gaudium“ das zu sagen, was sie aus ihrem Territorium
benennt Franziskus ausdrücklich seine vier wissen“, so der Vatikan-Experte Marco Politi.
Prinzipien für den Prozesscharakter: „Die Zeit Und sogar Radio Vatikan berichtete über den
ist mehr wert als der Raum“, „Die Einheit wiegt Appell von Wir sind Kirche an die deutschen
mehr als der Konflikt“, „Die Wirklichkeit ist Bischöfe, sie sollten den Dialog über die
wichtiger als die Idee“ und „Das Ganze ist dem Themen der Familien-Synode so offen und
Teil übergeordnet“ (EG 222-237). angstfrei wie in Rom jetzt auch in Deutsch-
land führen.
„Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“
4.1 | Testfall Familien-Synode
(EG 231) ist ein Kerngedanke von Franziskus.
Der breite Konsultationsprozess zur Vorberei- Das muss Folgen haben. Doch der Prozess
tung der Familien-Synode, den Papst Franziskus charakter der Synode erfordert Geduld und ist
einleitete, ist weltweit als Zeichen einer neuen für manche schwer nachzuvollziehen. Kann es
Dialogkultur in der Kirche begrüßt worden. so gelingen, einen Prozess der grundlegenden
Dazu gehörte – trotz mancher Mängel in der Erneuerung der Pastoral und dort, wo es not-
Durchführung – auch die Einbeziehung der Kir- wendig ist, auch der Lehre in Gang zu setzen?
chenbasis durch die weltweite Vatikan-Umfrage Franziskus sieht zuallererst die Notwendigkeit
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eines Mentalitätswechsels von allen Katholik- 5 | „Diese Wirtschaft tötet“ – Einsatz für
innen und Katholiken weltweit, vor allem aber weltweite Gerechtigkeit
bei den Bischöfen, die er als Hirten sieht. „Die
organisatorischen und strukturellen Reformen Franziskus’ Worte begeistern Medien und
sind sekundär. Die erste Reform muss die der Öffentlichkeit, weil er direkt und offen, ja
Einstellung sein. Das Volk Gottes will Hirten geradezu schutzlos auf die Menschen zugeht.
und nicht Funktionäre oder Staatskleriker“, Er scheut mit seiner Kapitalismuskritik aber
sagte Franziskus im August 2013 im Interview auch nicht die Auseinandersetzung mit den
mit Antonio Spadaro SJ für die weltweiten wirtschaftlich und politisch Mächtigen. Wie
Jesuitenzeitschriften (www.stimmen-der-zeit. ein roter Faden durchziehen der Skandal der
de/zeitschrift/ausgabe/zeitschrift/online_ex- Armut und die Option für die Armen die
klusiv/details_html?k_beitrag=3906412). Fran- Stellungnahmen von Franziskus. Vor allem
ziskus praktiziert deshalb einen dialogischen sein programmatisches Lehrschreiben „Evan-
und spirituellen Leitungsstil, gibt selbst ein gelii Gaudium“ und der darin enthaltene Satz
Vorbild des „Guten Hirten“. Doch damit ist „Diese Wirtschaft tötet“, der sich nicht auf
die tiefe Kirchenleitungskrise noch lange nicht die Soziale Marktwirtschaft bezog, rief in der
überwunden. Um den von Papst Franziskus in bürgerlichen Öffentlichkeit Widerspruch und
Gang gesetzten Reformprozess theologisch und Empörung bis hin zum Marxismusvorwurf
kirchenpolitisch abzusichern, ist eine noch sehr hervor. Franziskus Worte lassen an Deutlich-
viel stärkere Unterstützung durch alle reformbe- keit nichts zu wünschen übrig, entsprechen
reiten Kardinäle und Bischöfe, Theologinnen aber der langen Tradition kirchlicher Lehre
und Theologen in aller Welt dringend notwen- vom frühen Christentum über die Katholische
dig. Denn allein kann Franziskus die geistliche Soziallehre bis hin zu den Aussagen der letzten
und strukturelle Erneuerung nicht schaffen, Päpste. Finanz- und Wirtschaftskrise sind für
weil es nicht nur im Vatikan starke Widerstände ihn eine anthropologische Krise, eine Krise
gegen jegliche Reformansätze gibt. des Menschenbildes. Nicht mehr der Mensch
In seinen Ansprachen hat Papst Franziskus ist für den Menschen das höchste Wesen,
immer wieder um Mut zur Weite geworben, sondern das Geld ist das höchste Wesen für
sich aber auch zur Einheit bekannt. Sein den Menschen: „Die Anbetung des antiken
Weg ist der der Inklusion. Nur so ist es wohl goldenen Kalbs (vgl. Ex 32,1-35) hat eine
nachzuvollziehen, dass die Seligsprechung neue und erbarmungslose Form gefunden im
von Papst Paul VI. genau am letzten Tag der Fetischismus des Geldes [ein Begriff, den Karl
Synode 2014 erfolgte. Paul VI. ist nicht nur Marx verwendet] und in der Diktatur einer
der Papst, der nach dem Tod von Johannes Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich
XXIII das Konzil zu Ende geführt und in menschliches Ziel.“ (EG 55). Dem gegenwär-
Ansätzen auch umgesetzt hat. Mit der von tigen tödlichen System des Kapitalismus setzt
ihm entgegen der großen Mehrheit seiner der Papst ein vierfaches Nein entgegen: Nein
eigenen Beratergremien 1968 verkündeten zu einer Wirtschaft der Ausschließung – Nein
Enzyklika Humanae vitae haben Papsttum zur neuen Vergötterung des Geldes – Nein zu
und kirchliche Sexuallehre für viele bis einem Geld, das regiert, statt zu dienen – Nein
heute viel an Glaubwürdigkeit verloren. Die zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervor-
weltweite Familien-Synode in Rom wird bringt (EG Nr. 53- 60).
also ein Lackmus-Test für die grundsätzliche Eine weitreichende Folgerung aus seiner
Erneuerungsbereitschaft und -fähigkeit der Kapitalismuskritik ist die Erkenntnis, dass Aus-
römisch-katholischen Kirche sein. Erst nach beutung und ungleiche Verteilung des Reich-
der zweiten Bischofssynode im Oktober 2015 tums auf der Welt eine der tiefsten Ursachen
ist das Wort des Papstes zu erwarten. der Gewalt darstellen. Franziskus kritisiert eine
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Wegwerfgesellschaft, in der nicht nur Lebens- Basisbewegung aus allen Kontinenten: Männer
mittel, sondern sogar die Menschen wie Müll und Frauen aus allen Erdteilen, die engagiert
behandelt werden. Seine Schlussforderung ist sind in den Bewegungen landloser Bauern,
daher unmittelbar einleuchtend: „Solange die ausgeschlossener Arbeitender, VertreterInnen
Probleme der Armen nicht von der Wurzel her selbstgeführter Betriebe, von MigrantInnen und
gelöst werden, in dem man auf die absolute BewohnerInnen von Elendsvierteln. Seine aufse-
Autonomie der Märkte und der Finanzspekula- henerregende Ansprache am 28. Oktober 2014
tion verzichtet und die strukturellen Ursachen war noch weitaus radikaler und bedeutsamer als
der Ungleichheiten der Einkünfte in Angriff sein programmatisches Lehrschreiben „Evange-
nimmt, werden sich die Probleme der Welt lii Gaudium“ vom 24. November 2013. Manche
nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein haben diese Ansprache schon als „spontane
Problem gelöst werden.“ (EG 202) Nimmt Enzyklika zu Armut und Umwelt“ gewertet.
man den Satz ernst, dann heißt das: Auch „Wir Christen haben etwas sehr Schönes,
die Kirche kann ihre eigenen Probleme nicht eine Handlungsanleitung, ein revolutionäres
lösen, wenn sie nicht für eine Lösung der ge- Programm, könnte man sagen. Die sozialen
nannten Probleme kämpft. Diese Verknüpfung Bewegungen bringen zum Ausdruck, wie drin-
müsste die gesamte pastoral-diakonische Praxis gend unsere Demokratien verlebendigt werden
der Kirche umkrempeln. Angesichts der zahl- müssen, weil sie oft von unzähligen Faktoren
reichen Konflikte rund um den Globus spricht gekidnappt werden. Für die Gesellschaft ist eine
er sogar von einem „Weltkrieg in Teilen“. Zukunft nur vorstellbar, wenn die Mehrheit der
Das Lehrschreiben enthält neben der Bevölkerung eine aktive bestimmende Rolle
radikalen Kapitalismuskritik zwei weitere mitspielt. Eine solch aktive Rolle geht über die
Schwerpunkte: Erstens ein Programm der logischen Verfahren einer formalen Demokratie
Evangelisierung, d.h. der Verbreitung und weit hinaus. Die Aussicht auf eine Welt mit
Umsetzung der Botschaft der Bibel als Beitrag dauerhaftem Frieden und Gerechtigkeit verlangt
zur Gestaltung einer menschengerechten Welt. von uns, jeden paternalistischen Assistentialis-
Und zweitens Forderungen und Vorschläge zu mus hinter uns zu lassen und neue Formen der
einer gründlichen und nachhaltigen Reform Partizipation zu entwickeln, damit die sozialen
der kirchlichen Strukturen und ihrer pastora- Bewegungen aktiv mitwirken können. So
len, diakonischen und politischen Funktionen, könnte der moralische Energieschub, der aus
beginnend beim Vatikan und endend bei den der Eingliederung der Ausgeschlossenen in den
Kirchengemeinden in aller Welt. Eine arme Aufbau einer gemeinsamen Zukunft entsteht,
Kirche ist jedoch nicht eine Kirche, die im zu Regierungsstrukturen auf lokaler, nationaler
Elend steckt, sondern es ist die Kirche, die und internationaler Ebene animieren. Und das
einfach mit den einfachen Leuten lebt und in konstruktiv, ohne Groll, mit Liebe.“ (aus der
der keine Funktionäre und Staatskleriker das Ansprache vom 28.10.2014, zitiert nach: www.
Sagen haben. itpol.de/?p=1491)
„Globalisierung der Gleichgültigkeit“ ist
nur ein Beispiel der vielen anschaulichen
5.1 | Wertschätzung sozialer Bewegungen
Wortbilder, die Franziskus verwendet, um
Franziskus ist der erste Papst, der die Ver- aufzurütteln. Oder „Mir ist eine ,verbeulte‘
antwortlichen von sozialen Bewegungen Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil
aus aller Welt zu einem Treffen im Vatikan sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber
eingeladen hat. Organisiert vom päpstlichen als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlos-
Rat für Gerechtigkeit und Frieden trafen sich senheit und ihrer Bequemlichkeit krank ist.“
Ende Oktober 2014 etwa 200 VertreterInnen Seine erste größere Reise führte ihn am 8.
von verschiedensten nicht nur kirchlichen Juli 2013 auf die Flüchtlingsinsel Lampedu-
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sa, wo er der vielen namenlosen im Meer Papst Franziskus immer wieder fordert. Das in
Umgekommenen gedachte. Diese Reise war einem langen Konsultationsprozess erarbeitete
eine politisch-moralische Unterstützung der erste gemeinsame „Sozialwort“ der deutschen
italienischen Marine, die mit ihrer Mission Kirchen 1997 war noch sehr viel deutlicher
„Mare Nostrum“ mehr als 150.000 Menschen als so manche aktuelle Stellungnahme einer
in einem Jahr aus dem Mittelmehr gerettet „Soziallehre light“.
hatte, jedoch zum 1. November 2014 von der
finanziell sehr viel schlechter ausgestatteten
6 | Noch zögerlicher „Franziskus-Effekt“ in
EU-Grenzschutzagentur Frontex abgelöst wur-
Deutschland
de. Aber auch das Handeln der eigenen Kirche
ist gefragt, wenn Franziskus fordert, dass leer Im deutschen Kirchenvolk und bei den hierzu-
stehende Kircheneinrichtungen nicht mehr zu lande zahlreichen kirchlichen Verbänden und
Hotels werden sollen. Es hat lange gedauert, gewählten Gremien gibt es eine große Unter-
bis z.B. das Bistum Eichstätt auf Drängen der stützung für einen substantiellen Reformkurs
dortigen Wir sind Kirche-Gruppe zwar nicht mit Papst Franziskus. Doch insgesamt kommt
das überwiegend leer stehende Priesterseminar, die römisch-katholische Kirche in Deutsch-
aber eine andere Immobilie für Flüchtlinge zur land bisher nur schwer aus den negativen
Verfügung stellte. Schlagzeilen heraus, vor allem seit dem „annus
Dass die jüdisch-christliche Botschaft von horribilis“ 2010, in dem die jahrzehntelange
Gerechtigkeit ein Einmischen in die „weltli- Vertuschung sexualisierter Gewalt auch in
chen Dinge“ rechtfertigt, ja sogar erfordert, Deutschland offenbar wurde (Stichwort: Ca-
ist unbestritten. Doch Franziskus bringt die nisius-Kolleg). Trotz verschiedenster Bemühun-
Probleme sehr viel kerniger auf den Punkt als gen ist die Kirchen(leitungs)krise hierzulande
das drei Monate nach „Evangelii gaudium“ viel weniger bewältigt als im Vatikan. Es sind
veröffentlichte ökumenische Sozialwort der nicht aber nur die Altlasten; vielmehr fehlen
beiden großen deutschen Kirchen vom 28. hoffnungsvolle Impulse und Aufbrüche, die
Februar 2014, das sich wie das kirchliche den Reformgeist von Franziskus endlich auch
Begleitheft zur Großen Koalition liest. Es ist in Deutschland spürbar werden lassen.
ein Kompromisspapier, viele Aussagen sind zu Der von den deutschen Bischöfen als
glattgeschliffen. Die deutschen Kirchenleitun- Antwort auf das „annus horribilis“ und den
gen scheuen eine klare Richtungsansage, in der generellen Vertrauensverlust initiierte „Ge-
die ethischen und strukturellen Grundlagen sprächsprozess“ ist selbst im fünften Jahr nicht
einer lebensdienlichen und zukunftsfähigen über die Phase unverbindlicher Gespräche hin-
Ökonomie genannt würden, wie es Papst ausgekommen. Zu viele Bischöfe, die alle noch
Franziskus vorgemacht hat. „Würde man die aus der Ära von Johannes Paul II. und Benedikt
theologische Option für die Armen so ernst XVI. stammen, sind noch viel zu wenig bereit,
nehmen, wie der Papst es tut, dann wären die die jetzt von Rom gewährten Spielräume zu
Armen und arm Gemachten, die Arbeitslosen, nutzen und Verantwortung für ihre Ortskirchen
die Alleinerziehenden, die prekär Beschäftigten zu übernehmen. Sind sie sich nicht sicher, ob
und die Rentner der Maßstab für Gerechtig- die neue Linie im Vatikan wirklich Bestand
keit“, so der Marburger Sozialethiker Franz haben wird? Hoffen sie gar, dass es den alten
Segbers (www.publik-forum.de/Religion-Kir- vor und hinter den Kulissen agierenden konser-
chen/ein-segen-fuer-die-grosse-koalition). Für vativen Seilschaften, die auch weit in die Kirche
eine moralische Einordnung der Finanzkrise in Deutschland hineinreichen, doch noch ge-
kam dieses Papier um Jahre zu spät, ihm fehlt lingt, den Reformzug wieder zu stoppen? Die
die Radikalität eines Umdenkens, einer Aus- katholische Kirche hierzulande hat es wegen
richtung auf die Armen der Gesellschaft wie sie des starken „Benedikt-Faktors“ und der finan-
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ziellen Saturiertheit der römisch-katholischen katholischen Kirche liegt am Boden, auch ihr
Kirche in Deutschland (2013 etwa 5,5 Milli- finanzielles Fundament und ihre Finanzierung
arden Euro Kirchensteuer, dazu mehr als 200 stehen auf dem öffentlichen Prüfstand“, meint
Millionen sogenannte Staatsleistungen sowie der ehemalige McKinsey-Berater Thomas
diverse zweckgebundene Zahlungen) scheinbar von Mitschke-Collande, der selber lange die
besonders schwer, dem Kurs von Franziskus zu katholische Kirche beraten hat. „Das Grund-
folgen. Etwa ein Drittel der Zuflüsse von den vertrauen in die Institution Kirche ist in ein
weltweiten Bischofskonferenzen an den Vatikan Grundmisstrauen umgeschlagen.“ (von Mitsch-
kommt aus Deutschland; vom sogenannten ke-Collande 2013)
„Peterspfenning“ etwa ein Achtel, den der Papst Offiziell sind Staat und Kirche in Deutsch-
aber nur für Spenden ausgeben darf. land voneinander getrennt, aber es gibt in
vielem eine gute Zusammenarbeit. Angesichts
der recht üppigen Finanzausstattung der Kirche
6.1 | „Fall Limburg“ hat Systemfragen auf
ist es für viele aber unverständlich, warum
die Tagesordnung gebracht
der Staat zur Kirchenfinanzierung beiträgt.
Die dramatisch hohe Zahl von 178.805 Kir- Ein freiwilliger Verzicht der Kirche auf die
chenaustritten im Jahr 2013, fast so viele wie sogenannten Staatsdotationen (Entschädi-
die 181.193 im Krisenjahr 2010, ist nicht allein gungszahlungen seit 1803 als Ausgleich für
durch allgemeine religiöse oder gesellschaftli- die Enteignungen in der Napoleonischen Zeit)
che Trends zu erklären. Die Kirchenaustritte würde der Glaubwürdigkeit der Kirche gut tun
in dem Jahr sind auch eine Reaktion auf die und die zukünftige Sicherstellung der übrigen
Ereignisse um den Limburger Bischof Franz-Pe- Finanzierungsformen erleichtern. Ein solcher
ter Tebartz-van Elst, den einige Bischöfe und Verzicht ist möglich, finanziell verkraftbar und
Kardinäle bis zuletzt deckten. Sein verschwen- unter Gerechtigkeitsaspekten auch geboten,
derisches Gehabe und sein bischöflicher so der Mainzer Sozialethiker Gerhard Kruip
Leitungsstil haben die schon seit Jahren schwe- (Herder Korrespondenz 2/2014).
lende Kirchenleitungskrise in Deutschland noch Dies muss aber keine absolute Trennung
einmal sehr verschärft. Viele Katholiken und oder ein striktes Kooperationsverbot bedeuten,
Katholikinnen sehen den Austritt aus der Kir- solange es mit einer Gleichbehandlung aller
chensteuergemeinschaft dann als letztes Mittel Religionsgemeinschaften und auch von Men-
des Protestes. Der „Fall Limburg“ hat die nicht schen ohne religiöses Bekenntnis verbunden
nur in diesem Bistum zu stellenden grundsätzli- ist. Grundlage ist das Subsidiaritätsprinzip, bei
chen Systemfragen wieder auf die Tagesordnung dem der Staat zivilgesellschaftliche Kräfte ein-
gebracht: Bischofsprofil und Bischofsbestellung, bezieht. Große Probleme gibt es jedoch dort,
Transparenz und effektive Kontrolle aller Kir- wo die katholische Kirche über ihr Arbeitsrecht
chenfinanzen sowie das Zusammenwirken von bestimmte Moralvorstellungen durchzudrücken
Staat und Kirche. Was viele bisher nicht wussten: versucht, die inzwischen auch in ihren eigenen
Die Bischofsgehälter werden zu 100 % über Reihen höchst umstritten sind und dringend
die Länder durch den Staat finanziert und viele korrigiert werden müssen. Die Fälle häufen
soziale kirchliche Einrichtungen werden vom sich, dass Beschäftigte der katholischen Kirche
Staat bzw. den Sozialkassen zum Teil mit bis zu und ihrer Caritas-Einrichtungen mit Erfolg
100 Prozent finanziert. „Die Ereignisse rund um gegen ihre Kündigung klagen, die bei einem
das Bistum Limburg und den dortigen Bischof „Verstoß gegen die kirchliche Grundordnung“
Franz-Peter Tebartz-van Elst werden langfristig (z.B. Wiederheirat nach einer Scheidung) ausge-
die katholische Kirche stärker verändern als sprochen wird. Aufgrund der gesetzlichen Vor-
das Bekanntwerden des Missbrauchsskandals gaben sind hier jetzt sehr bald Änderungen zu
2010. Nicht nur die Glaubwürdigkeit der erwarten und auch von den Bischöfen zugesagt.
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6.2 | Subsidiaritätsprinzip auch innerhalb 7 | Prozessorientiertes Change Manage-
der Kirche ment einer Weltorganisation
Immer mehr Menschen entfernen sich in Die römisch-katholische Kirche steht jetzt vor
Deutschland von den großen Kirchen. Der einer entscheidenden Weichenstellung. Der
demografische Wandel, Priestermangel vor enorme Reformstau und das eklatante Versa-
allem in der katholischen Kirche und Skan- gen der Kurie erfordern dringend einen neuen
dale verstärken diesen Prozess. Die Kirchen Führungsstil und mehr Dezentralisierung, so
reagieren darauf mit Strukturreformen. Viele wie es das nach wie vor wegweisende Zweite
Bistümer und Landeskirchen sehen ihr Heil Vatikanische Konzil (1962-65) bestimmt hat. Die
darin, den bestehenden Kirchengemeinden römische Kurie hat sich über die Jahrhunderte
Pfarrei- und Gemeindefusionen aufzudrängen zu einem absolutistischen Machtblock verfestigt.
oder gar aufzuzwingen. Einwendungen und Zuletzt war es wohl vor allem Kardinal Tarcisio
Proteste werden ignoriert oder kalt abgewie- Bertone, ein alter Weggefährte von Ratzinger
sen. Die Auswirkungen sind dramatisch: Durch und von 2006 bis Oktober 2013 Kardinalstaats-
die Beseitigung gerade der dörflichen Kirchen- sekretär und damit zweiter Mann nach Papst Be-
gemeinden wird das Vertrauen der Menschen nedikt, der für Skandale und unprofessionelles
in die Kirche weiter erschüttert. Die Fusionen Handeln wie z.B. 2009 die Rehabilitierung des
beschleunigen die Flucht selbst der Treuen Holocaust-Leugners Bischof Richard Williamson
aus der Kirche. Es droht die Auflösung der verantwortlich gemacht wird.
Volkskirche in der Fläche. „Amtskirche beseitigt Papst Franziskus setzt auf „Kollegialität“ statt
Volkskirche“, so bringt es der Humangeograph auf „päpstlichen Absolutismus“. Bald zwei Jahre
Gerhard Henkel auf den Punkt (Süddeutsche nach der Wahl des Argentiniers Bergoglio „vom
Zeitung 27.9.2014). Ende der Welt“ zum „Bischof von Rom“ wird der
Offenbar fehlt den Kirchenleitungen das Ver- neue Kurs immer deutlicher erkennbar. Innerhalb
trauen in die Gläubigen, in deren Kompetenzen der weltweiten römisch-katholischen Kirche ist ein
und Kräfte, in die Selbstregulierungskraft der Stimmungsumschwung geschehen, den in dem
Gemeinden. Man zentralisiert ohne Rücksicht überlangen Doppelpontifikat der beiden letzten
auf erkennbare Verluste. Auch die katholische Päpste niemand für möglich gehalten hat. Aber es
Kirche muss künftig mehr Gläubige ohne ist nicht nur der neue und spirituelle Leitungsstil.
Priesterweihe, qualifizierte sogenannte „Laien- Franziskus hat zahlreiche Personal- und Organisati-
theologInnen“, mit der Gemeindeleitung beauf- onsentscheidungen getroffen, die die Hoffnungen
tragen und in die Gemeindearbeit einbinden. auf einen grundlegenden Reformkurs bestärken.
Doch wie will man vor allem ehrenamtliche Das Magazin Fortune setzte ihn an die Spitze der
MitarbeiterInnen halten und gewinnen, wenn „World’s 50 Greatest Leaders“ (http://fortune.
man ihnen zuvor die Gemeinde genommen hat? com/2014/03/20/fortune-ranks-the-worlds-50-
Strukturreformen sind auch bei den Kirchen greatest-leaders/).
nötig. Sie sollten aber vor allem dazu beitragen,
die Gemeinde und das Mitmachen vor Ort
7.1 | Dialog mit Gegenkräften
zu stärken. Papst Franziskus’ Kritik an einer
selbstbezogenen, bürokratisch verkrusteten Wie zu erwarten war, gibt es nicht nur im Vatikan,
Kirche geht in diese Richtung. Auch in den sondern auch bei Bischöfen und traditionalisti-
Kirchen muss das Subsidiaritätsprinzip wieder schen Gruppen in aller Welt starke Gegenkräfte
der Maßstab sein: mehr Vielfalt, mehr Zutrauen gegen jede Reform, die hinter den Kulissen
und Vertrauen in die unteren Entscheidungsebe- agieren, sich aber auch wieder verstärkt zu Wort
nen, weniger Bevormundung, weniger zentrale melden. Auffällig ist, wie heftig manche Konser-
Lösungen und Vereinheitlichungen. vative, die unter den früheren Päpsten von den
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Progressiven „Gehorsam gegenüber dem Papst” wir sie gestalten. Viel mehr Aufmerksamkeit
forderten, nun selber Schwierigkeiten haben, als dieses päpstliche Schreiben erhielt drei
Franziskus zu folgen. „Zoff in Rom“ titelte die Tage später die Reise von Franziskus zu den
ZEIT am 17.7.2014 über das Gespräch mit dem Flüchtlingen auf Lampedusa, über die Bernd
Gründer und langjährigen Chefredakteur der ita- Hagenkord von Radio Vatikan sagt: „Das ist
lienischen Tageszeitung »La Repubblica«, Eugenio Enzyklika auf zwei Beinen.“
Scalfari, das dieser mit Franziskus über die The- Angesichts der schwerwiegenden und
men Pädophilie und Zölibat geführt hatte. Den vielfachen Krisen und Fehlentscheidungen
am 24. 12. 2014 veröffentlichten Artikel „Zweifel der Kirchenleitung war die schon nach kurzer
über die Winkelzüge von Papst Franziskus“ des Zeit erfolgte Einberufung internationaler
italienischen Schriftstellers Vittorio Messori Beratergremien ein wichtiger Schritt eines
werten manche schon als Frontalangriff auf den neuen kollegialen Leitungsstils. So wurden
Papst (www.pro-konzil.de/?p=2229). Franziskus zum Beispiel acht Kardinäle aus allen Konti-
versetzt einen Teil der Hierarchie in Unruhe, so nenten damit beauftragt, Vorschläge für eine
der Vatikanist Marco Politi am 6.1.2015 (Il Fatto Kurienreform zu erarbeiten – unter ihnen der
quottidiano). Münchner Kardinal Reinhard Marx, damals
Aber der Jesuit Franziskus mit seiner Jahr- bereits Präsident der Kommission der Bischofs-
zehnte langen Führungserfahrung (vgl. Vallely konferenzen der Europäischen Gemeinschaft,
2014) auch in der außerordentlich schwieri- der damit eine große Mitverantwortung trägt,
gen Situation der argentinischen Militärjunta ob der Reformkurs von Franziskus greifen
scheint diese Reaktionen bereits einkalkuliert wird. Die bisherigen Beratungen machen je-
zu haben. Bei der Familien-Synode schuf er den doch deutlich, wie schwierig eine Kurienreform
Rahmen für eine offene Debatte: „Sprecht mit ist, an der sich zuletzt Papst Paul VI. versucht
Freimut und hört mit Demut“, eine Dialogkul- hatte. Arbeitsabläufe und Zuständigkeiten der
tur, die nicht nur in der katholischen Kirche Kurie sind eingefahren und äußerst komplex.
selten ist. Zeit ist wichtiger als Raum, wie es Nicht zu unterschätzen scheinen Beharrungs-
in dem Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“ vermögen und Besitzstandswahrung mancher
heißt. Statt schneller Entscheidungen und Mitarbeiter zu sein. Von einem Abschluss ist
Kampfabstimmungen will er die Einleitung von man noch weit entfernt.
Prozessen, die zu weitestgehend konsensorien- Besonders diffizile Handlungsfelder sind die
tierten Ergebnissen führen sollen. Intensivierung des von Papst Benedikt erst sehr
Die erste Enzyklika „Licht des Glaubens“ spät begonnenen Kampfes gegen pädophile
von Papst Franziskus war ein Dokument des Verbrechen durch Kleriker, den Franziskus
Prozesses und des schwierigen Übergangs, ein verstärkt fortsetzt, der für viele ehemalige
Kompromiss zwischen Kontinuität und Neu- Betroffene aber immer noch unzureichend ist.
aufbruch. Die ersten Kapitel dieses „mit vier Und natürlich die Transparenz bei der umstrit-
Händen geschriebenen Lehrschreibens“ sind tenen Vatikanbank und den undurchsichtigen
noch ganz von Benedikt geprägt. Kapitel IV. Vatikanfinanzen. Kardinal Marx hat auch hier,
und V. aber tragen die Handschrift von Papst zusammen mit dem australischen Kardinal Ge-
Franziskus. Er stellt das Licht des Glaubens orge Pell, höchst verantwortungsvolle Aufgaben
unter das Maß der Liebe sowie in den konkre- übertragen bekommen, die nicht nur in aller
ten Dienst der Gerechtigkeit, des Rechts und Heimlichkeit erledigt werden dürfen.
des Friedens. Franziskus greift zwei wichtige
Metaphern auf: Weg und Stadt. Gott baut uns
7.2 | Neue Kultur und neue Struktur
eine Stadt, auf die wir uns hinbewegen, aber
nicht indem wir diese Welt verlassen und ein Denn die begonnene Kurienreform sollte nicht
kirchliches Eigenleben führen, sondern indem zum Ziel haben, nur die Machtzentrale Vatikan
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wieder handlungsfähig zu machen und zu erheblichen Handlungsbedarf aufgezeigt. Wa-
stärken, sondern muss endlich den einzelnen rum kann z.B. die Glaubenskongregation nicht
Bistümern in ihren Kulturkreisen mehr Eigen- von einer Theologin geleitet werden?
verantwortung („Subsidiarität“) zugestehen, so Statt alle Entscheidungsbefugnisse dem
wie es das Konzil wollte. Die Kurienreform Papst als absolutem Monarchen allein vorzu-
ist für Franziskus nicht nur das Ergebnis von behalten, sollten – allein schon von der Größe
Verwaltungsreformen und die Änderung von und Komplexität der weltweiten Glaubensge-
hinfällig gewordenen, veralteten Strukturen, meinschaft her – die Entscheidungen zuvor
sondern Ergebnis einer lebendigen Neuorien- in einem regelmäßig und häufig tagenden
tierung an den Grundsätzen des Evangeliums. „Kabinett“ diskutiert und vorbereitet werden.
Wichtig ist deshalb, nicht nur die Effektivität Hierzu liegen bereits sehr konkrete Vorschläge
der Kurie zu erhöhen, sondern dass ein Geist des amerikanischen Jesuiten Thomas Reese
der Transparenz, einer kollegialen Pluralität oder des deutschen Politikwissenschaftlers
und demokratischen Grundlegung wirksam Hans Maier vor.
wird. Frauen, die mehr als die Hälfte der Die gesamte Leitung der Kirche wird we-
Kirchenmitglieder ausmachen, sind bis jetzt gen der Globalisierung und der weltweit sehr
in der höchsten Kirchenleitung gar nicht ver- unterschiedlichen Formen des Katholizismus
treten oder beteiligt. Neue Kommunikations- in Zukunft mehr Teamarbeit erfordern. Die
und Leitungsstrukturen sind zu entwickeln, Weltbischofssynoden könnten im Sinn des
die wieder dem Anspruch der Botschaft des Zweiten Vatikanums zu einer Art „Parlament“
Evangeliums wie auch den Erfordernissen einer mit Entscheidungsbefugnis ausgebaut werden.
weltweit verzweigten Glaubensgemeinschaft Für die dringend notwendige Wiederherstel-
in den verschiedensten Kulturräumen gerecht lung der Glaubwürdigkeit der Kirchenleitungen
werden. Bei allem Respekt vor Tradition und ist ein Verhaltenskodex (Compliance) zu for-
Kontinuität geht es um eine grundlegend neue mulieren, der auch eine Rechenschaftspflicht
Kultur und Struktur, die – im Sinne des Zwei- der Bischöfe usw. gegenüber den Kirchenbür-
ten Vatikanischen Konzils, der nach wie vor gerinnen und Kirchenbürgern enthalten muss.
geltenden Richtschnur – durch die Kernbegriffe
Dialog, Communio, Reform und Öffnung
7.3 | Verantwortung der Ortskirchen
geprägt sein müssen:
Das von der katholischen Kirche für die Das Zweite Vatikanische Konzil hat auf
Politik formulierte Prinzip der Subsidiarität, Kollegialität gesetzt und den Bischöfen eine
das übergeordnete Regelungen nur für die wesentliche Verantwortung für die Kirchenlei-
Bereiche zulässt, die eine lokale Einheit nicht tung zuerkannt. Jetzt geht es darum, dass die
selber regeln kann, ist in gleicher Weise und Bischöfe in aller Welt – zusammen mit allen
auf allen Ebenen innerhalb der römisch-katho- Getauften – bereit sind, die ihnen zustehende
lischen Kirche anzuwenden. Verantwortung für ihre Ortskirchen und für die
Wenn die katholische Kirche eine Weltkir- Weltkirche wieder voll wahrzunehmen. Subsi-
che sein will, muss dies auch in den Entschei- diarität darf nicht nur von der Gesellschaft
dungsprozessen und bei Personalbesetzungen und vom Staat gefordert, sondern muss auch
zum Ausdruck kommen. Warum können in der Kirche selbst gelebt werden. Nur dann
einzelnen Kongregationen nicht in andere Kon- wird es gelingen, auch alle weiteren dringend
tinente ausgelagert werden, wie der in Brasilien anstehenden Reformmaßnahmen anzugehen.
wirkende Leonardo Boff es vorschlägt? Der brasilianische Bischof Dom Helder Ca-
Gleichberechtigte Stellung der Frauen als mara (1909-1999) sagte schon kurz nach dem
Kirchenbürgerinnen auf allen Ebenen. Papst Konzil: „Wenn die Kirche nicht den Mut hat,
Franziskus selber hat in diesem Bereich noch ihre eigenen Strukturen zu reformieren, wird
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