FOODREPORT HANNI RÜTZLERS - Essenszeit
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FOOD-TRENDS Plant Based Food
FOOD-TREND
01
Die kulinarische Aufwertung
PLANT von pflanzlichen Nahrungs-
mitteln ist in vollem Gange.
BASED FOOD Entscheidend hierbei:
Der neue Spin Nicht mehr die Imitation von
bei Ersatzprodukten tierischen Produkten, son-
dern Gesundheit und Fitness
werden in den Fokus gerückt.
Sprache schafft Wirklichkeit. Das wissen wir spätestens und den extensiven Fleischkonsum auch aus ökologi-
seit den Diskursen um die Political Correctness. Mitunter schen Motiven reduzieren wollen, rigiden Diätformen
verschleiert sie aber auch, worum es tatsächlich geht. Der aber skeptisch gegenüberstehen.
derzeit populärste Trendbegriff heißt – natürlich auf Eng-
lisch – „Plant Based Food“. Das klingt gesund, ethisch und Pflanzen sind die neuen Stars
ökologisch korrekt und doch nicht nach Entsagung. Und Plant Based, das ist genau genommen auch ein Gericht
er umfasst viele unterschiedliche Trendausprägungen. im Restaurant oder am heimischen Esstisch, bei dem
Von einer flexitarischen über eine vegetarische Ernäh- Gemüse und Getreideprodukte die Hauptrolle spielen
rung bis hin zu veganen Novel-Food-Produkten, die auf und Fisch oder Fleisch höchstens die kleine, willkom-
pflanzlicher Basis tierische Produkte imitieren: Shrimps mene Beilage darstellen. Der Trend bildet also eine Ent-
und Geflügel, Rindfleisch und Thunfisch, Joghurt- und wicklung ab, die sich auf vielen Ebenen unserer Esskultur
Milchgetränke. beobachten lässt: Spitzenköche, die – wie Alain Passard
im L’Arpège in Paris oder Heinz Reitbauer im Steirereck
Vegan vs. Plant Based in Wien – Gemüse zu den Stars auf ihren Tellern machen;
Der „Trick“ vieler innovativer Start-ups, die sich unter die Renaissance der Wochenmärkte, auf denen Salate,
dem Motto „Plant Based Food“ an die Kreation neuer, Obst, Kräuter und Gemüse dominieren, hohe Zu-
tierfreier Produkte machen, ist, den von vielen Kon- wachsraten bei veganen Produkten auch in heimischen
sumenten als ideologischen Kampfbegriff inklusive Supermärkten, der Boom an vegetarischen Kochbüchern
Verzichtsgebot wahrgenommenen Terminus „vegan“ und die wachsende Selbstverständlichkeit, mit der auch
zu vermeiden und damit auch die wachsende Zahl von in einfachen Gasthäusern und in Betriebskantinen (vgl.
Menschen anzusprechen, die sich gesünder ernähren S. 30) nicht nur ein Alibi-Veggie-Gericht angeboten wird.
16Zukunftsinstitut I Lebensmittel Zeitung
Trend-Evolution:
Die Entwicklung von Plant Based Food
Auch Food-Trends befinden sich in einer permanenten Evolutionsschleife. Sie stehen selbst unter dem Einfluss
der Veränderungen, die sie in unserer Esskultur erzeugen. Jeder Trend erzeugt eine Gegenbewegung, die ent-
weder als direkter Gegentrend zu verstehen ist oder als eine aus einem Trend hervorgehende Entwicklung, die
Auflösung und neue Verbindungen befördert. Der Megatrend Gesundheit, Food-Trends wie Ethic Food und die
Vegetarier-Bewegung kulminieren im Veganismus, der zur Entwicklung neuer Nahrungsmittel führt, aber auch
einen starken Gegentrend anstößt. Daraus entwickelt sich wieder etwas Drittes, ein neuer Trend (Flexitarier),
der die vorherigen Widersprüche in sich vereint und damit die Trendentwicklung weiter auf eine höhere Stufe der
Komplexität treibt.
Veganismus Plant Based
Vegetarier Trend Food
Megatrend
Gesundheit Trend
Trend
Reaktion Peak Meat
Etnic Food
Das Ende der
Beilage Neue Fleisch- und
Entwicklung Milchersatz
Gemüse sind die
neuen Stars
Ein neuer Trend
vereint vorherige
Neue Fleisch-
Widersprüche und
Flexitarier neue Entwicklungen Reaktion qualität
(Bio, Dry Aged,
besondere
Rassen)
Neue Entwicklung
Quelle: futurefoodstudio 2018 In-Vitro-Fleisch
17INHALT Food Report 2019
FOOD SEITE 10
TRENDS – Update
– Plant Based Food
– Transparency
– Healthy Hedonism
30
KANTINE
SEITE
Nouvelle Cantine –
Die Zukunft der
THEMEN-
SCHWERPUNKT Betriebsrestaurants
2KANTINE Themenschwerpunkt
K
antinen und Betriebsrestaurants gehören
zwar zum Alltag, doch gelten sie nicht
gerade als Orte für gutes Essen. Wer
kann, isst auswärts. Allerdings zeigt der
Realitäts-Check: Kantinen sind inzwischen
oft besser als ihr Ruf. Die Gemeinschaftsgastronomie war
lange Zeit das vernachlässigte Stiefkind der Branche.
Nun hat sie – ganz im Aufwind der neuen Arbeitskultur –
einiges aufgeholt und schickt sich an, das ein oder andere
Restaurant in Sachen Qualität, Kreativität, Design und
Service zu überflügeln. Hinzu kommt das wachsende
Bedürfnis der Menschen nach einer gemeinschaftlichen
Esskultur, die auch das Teilen der Speisen, aber vor allem
die Kommunikation und das gemeinsame Genießen des
Essens beinhaltet. Wer den Tag mit Wissensarbeit vor
dem Rechner verbringt, weiß solch kommunikative und
sinnliche Pausen zu schätzen – und eben auch zu nutzen,
um Kraft zu tanken und neue Ideen zu entwickeln. Unter-
nehmen sind sich der Bedeutung von Kantinen, Cafeterias,
Snackpoints und Co. zur Förderung der Produktivität und
Erhöhung der Motivation durchaus bewusst.
Die Betriebskantine ist das perfekte Schaufenster, um
einen Einblick in die Unternehmenskultur und in die
Wertschätzung der Mitarbeiter zu bekommen.
32 Foto: Christian Rudnik/Google LLCZukunftsinstitut I Lebensmittel Zeitung
DIE NEUE KANTINENKULTUR
Betriebliche Esskultur
Gemeinschaftsverpflegung – das war noch vor nicht
allzu langer Zeit eine kulinarische Drohung. Und ist es ist Ausdruck der
in vielen Fällen leider noch immer. Wir alle haben mehr
oder weniger eindrucksvolle Erinnerungen an miserables Wertschätzung für
Mensa-Essen, lausig schlechte Internatsverpflegung und
eintönige Kantinenmenüs. Resopal-Tische mit unbe- Mitarbeiter.
quemen Holz- oder Plastikstühlen inbegriffen.
Doch seit einigen Jahren ist Bewegung in die betriebliche
Gemeinschaftsverpflegung gekommen. Die Megatrends
Individualisierung, Konnektivität, New Work und Gesund-
heit hinterlassen auch in Kantinen, Mensen und sogar Zusammenwachsen von physischer und digitaler Welt
bei der Verpflegung in Schulen, Krankenhäusern und einen mobilen Always-on-Lifestyle mit flexiblen Arbeits-
Seniorenheimen immer tiefere Spuren – und das im posi- orten und -zeiten begünstigt. Zum anderen, weil die Ära
tiven Sinne. Zerkochtes Gemüse gehört inzwischen immer der Selbstaufgabe für den Job schlicht vorbei ist. Arbeit
häufiger der Vergangenheit an – stattdessen werden entwickelt sich vom traditionellen „Arbeitenmüssen“
die Gerichte frisch vor den Augen der Gäste zubereitet. zum selbstbestimmten „Arbeitenwollen“ und „Arbeiten-
Einige Kantinen verzichten sogar auf die Selbstbedienung können“. Viele neue Jobs werden nicht mehr als Zwang
inklusive Tablett, Essensausgabe und Schlangestehen an zur Sicherung des Lebensunterhalts betrachtet, sondern
der Kasse und bieten die Auswahl und das Servieren der als Tätigkeiten, die stolz machen und erfüllen sollen.
Gerichte am Tisch an.
Wer Mitarbeiter – potenzielle oder bestehende – nach-
Die neuen Betriebskantinen ähneln immer stärker haltig motivieren und langfristig an sich binden will,
richtigen Restaurants, nicht nur im Design, sondern auch muss nicht nur alternative Karrieremodelle, sondern
im vielfältigen, qualitätsorientierten Angebot. Für viele auch ein Arbeitsumfeld anbieten können, das diesen
Unternehmen sind sie inzwischen zum Aushängeschild neuen Werten entgegenkommt. Betriebsrestaurants und
ihrer Corporate Identity geworden sowie der Motor Corporate Cafés werden damit immer mehr zu wichtigen
einer neuen Arbeits- und Kommunikationskultur, die Bausteinen dieses neuen Arbeitsumfelds; Arbeitgeber
unter dem „New Work“-Paradigma die alten, linearen im übertragenen wie auch im wortwörtlichen Sinn zu
Strukturen der Industriegesellschaft ablöst. Übergreifende Gastgebern, Unternehmen zu funktionalen Äquivalenten
Denk- und Arbeitsstrukturen gehören immer mehr zur von Freunden und Familie. Speziell die persönliche
täglichen Bürorealität, die sich auch bei der Organisation Interaktion, das direkte Miteinander, wird in Zukunft an
der Mitarbeiterverpflegung widerspiegelt. Bedeutung gewinnen. Dabei spielt das gemeinsame Essen
eine zentrale Rolle. Es wird, wie es der dänische Starkoch
Essen in Zeiten von Work-Life-Blending René Redzepi präzise auf den Punkt bringt, „über lange
Zu den prägenden Merkmalen dieser neuen Arbeitsre- Sicht das sein, was uns im Zeitalter der immer schnelleren
alität zählen flexible Arbeitsbedingungen, selbständige Digitalisierung noch mit der analogen Welt verbindet“
Tätigkeiten und ein zunehmendes Work-Life-Blending: (Rolff 2017). Insbesondere in jüngeren Firmen wird die
Die Grenze zwischen Beruf und Privatleben wird immer Pflege einer solchen Unternehmenskultur professionell
unschärfer. Und das heißt: Beim Arbeiten wird gelebt, durch spezielle Corporate Culture Coordinators oder
und beim Leben wird gearbeitet. Zum einen, weil das Feelgood-Beauftragte gemanagt.
33KANTINE Themenschwerpunkt
Mahlzeiten pro Tag serviert werden. Betriebe investieren
Die sozialisierende Kraft vorwiegend in die Ausstattung zum Kochen und Backen
sowie in allgemeine Utensilien wie Geschirr und Besteck.
von Essen und Trinken Vor allem um die Arbeitsplätze in den Küchen zu opti-
mieren, Energiesparpotenziale auszuschöpfen und neue
gewinnt auch in Technologien zu implementieren, die den veränderten
Anforderungen bei der Zubereitung frischer Speisen und
Betrieben immer mehr Cook-and-Chill-Menüs, aber auch bei der Abfallvermei-
dung und Resteentsorgung entsprechen. Denn gerade
an Bedeutung. in der Großgastronomie besteht hier ein beachtliches
Potenzial für positive ökologische Effekte. Diese wollen
immer mehr Unternehmen, die sich prinzipiell einer
nachhaltigen Produktion verpflichtet haben, auch bei der
Investitionen in ein Kantinen-Upgrade Mitarbeiterverpflegung nutzen.
Google, Spotify, Dropbox & Co. haben es vorgemacht. In
ihren Betriebsrestaurants geht es nicht mehr um schnelle Essen schafft Kommunikation schafft
Kalorienaufnahme. Es geht um Genuss, bewusste Ent- Produktivität
spannung und – ja, vor allem auch um Kommunikation, Ebenfalls stehen Ausgaben für die Gastraumgestaltung
um Vernetzung und kreativen Austausch. Seit manuelle, oben auf der To-do-Liste. Im Idealfall entstehen dabei
kraftraubende Tätigkeiten aus dem Alltag vieler Men- Räume bzw. Zonen, die nicht nur dem Konsum dienen,
schen verschwunden sind – insbesondere aus dem der sondern – dank der digitalen, mobilen Ausrüstung der
Angehörigen gut ausgebildeter Schichten, die ihrer Arbeit Mitarbeiter mit Laptops und Tablets – auch als alternative,
in Steuerberatungsgesellschaften, Ministerien, Banken temporär nutzbare Gesprächs- und Arbeitsplätze ver-
und Versicherungen oder hinter den Bildschirmen zur wendet werden können. Denn im Zentrum der „Digitali-
Steuerung von Fertigungsrobotern nachgehen –, stellen sierung“ steht nicht die eigentliche digitale Vernetzung,
Kantinengäste andere Anforderungen an die betriebliche sondern stehen vielmehr neue kulturelle Qualitäten,
Verpflegung. Nicht nur im Hinblick auf Nährwerte und eine organische und vertrauensvolle Kultur auch des
kulinarische Angebote, sondern auch im Hinblick auf analogen Miteinanders. Um die kreative Produktivität
zeitlich und räumlich flexible Lösungen. zu steigern, werden Räume künftig bewusster gestaltet
und über Abteilungsgrenzen hinaus genutzt. Der Dialog
Unternehmen sind daher gefordert, ihre Betriebskantinen wird zum zentralen Thema. Besonders beim Essen findet
fit zu machen für das 21. Jahrhundert: Wissensarbeit ist häufig jene informelle Kommunikation statt, die Ideen
keine Fließbandarbeit, die sich nach geregelten Zeiten leichter „reisen“ lässt. Unternehmen, in denen „Socia-
abrufen ließe – der beste Geistesblitz kann beim Zähne- lizing“ ein aktiver Bestandteil der Kultur ist, haben eine
putzen, beim Joggen oder beim Small Talk mit Kollegen höhere Produktivität. Laut des Workplace Survey 2016
aus anderen Abteilungen beim gemeinsamen Mittag- von Gensler haben innovative Mitarbeiter doppelt so
essen kommen. Das scheint sich nun auch in deutschen häufig Zugang zu Cafeterias und Outdoor Spaces – und
Unternehmen herumzusprechen. In vielen Betrieben nutzen diese Möglichkeiten auch. Wo Mitarbeiter allein
verbessert sich damit auch das Investitionsklima: Laut vor dem Computer essen, geht Produktivität verloren.
aktuellem GV-Barometer der Internorga beabsichtigen 59 Die Betriebsgastronomie sollte daher mit ihrem Angebot
Prozent der befragten Entscheider, 2018 Investitionen in fließender werden und in jedem Winkel eines Unterneh-
ihre Betriebsrestaurants zu tätigen; davon mehrheitlich mens, zu jeder Zeit des Tages Menschen für eine „kreative
größere Betriebe, in deren Kantinen mehr als 1.000 warme Auszeit“ zusammenbringen.
34Zukunftsinstitut I Lebensmittel Zeitung
Nouvelle Cantine: Von der Essstation zum Genuss-
und Kommunikationszentrum
Betriebsverpflegung Betriebsrestaurant
einfach, praktisch, günstig gesünder, nachhaltiger,
und berechenbar erlebnis- und serviceorientiert
zeitlich/räumlich unflexibel zeitlich und räumlich flexibel
(one fits all)
Berücksichtigung individueller
Wünsche
Angebote für unterschiedliche
Zielgruppen
deckt physiologischen Bedarf Fokus auf Entspannung bzw.
Inspiration
Genuss- und gesundheitsorientierte
kulinarische Angebote
Fokus auf Nachhaltigkeit
in der gesamten Produktionskette
gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
Teil des betrieblichen Gesund- Teil der Kommunikations- und
heitskonzeptes Regenerationskultur
Quelle: futurefoodstudio 2018
35KANTINE Themenschwerpunkt
Die Rahmenbedingungen in den Unternehmen dahin- ausgewogen zu ernähren, und Unternehmen den Umstieg
gehend zu optimieren, dass Mitarbeiter sich gesünder von der bloßen Subvention des Caterers zur gezielten
ernähren, ist auch in Europa zu einem zentralen Bestand- Investition in Unternehmensgesundheit ermöglicht. Grün
teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements geworden. markierte, d.h. ernährungswissenschaftlich als nahrhaft
Während innovative Unternehmen in den USA dabei gezielt und gesund bewertete Gerichte werden bei Kantinen nach
auch die Vielfalt an neuen Fleischersatzprodukten im Auge dem GESOCA-Modell vom Unternehmen stärker subven-
haben, setzen europäische Kantinenbetreiber verstärkt auf tioniert. Bei gelb oder rot markierten Gerichten zahlt der
biologische Ausgangsprodukte und frische Zubereitung. Mitarbeiter mehr für sein Gericht. Der liechtensteinische
Werkzeughersteller Hilti ist eine der Firmen, die in ihrer
Werkskantine mit diesem Konzept die Mitarbeitergesund-
heit unterstützen wollen.
Essen wird zum emotio-
No-Cafeteria Zone
nalen Schaufenster Einen ganz anderen Weg geht das US-amerikanische
Medienunternehmen Bloomberg in seinem neuen
von Unternehmen und Headquarter in der Queen Victoria Street in London.
Bewusst wurde in dem von Stararchitekt Norman Foster
Organisationen. entworfenen Gebäude auf ein Betriebsrestaurant ver-
zichtet. Die Mitarbeiter sollen motiviert werden, das
Büro zu Mittag und in den Pausenzeiten zu verlassen und
eines der zahlreichen Restaurants im Quartier aufzusu-
Essen ist politisch – Kantinen-Essen ist chen. Er wollte damit, so CEO Michael Bloomberg, das
politischer „Google-Syndrom“ vermeiden: dass Mitarbeiter „süchtig“
Dass Essen keine reine Privatsache ist, davon sind auch nach ihrem Arbeitsplatz werden, weil sie mit kulinarisch
Food-Aktivisten wie Hendrik Haase, Gastrosophen wie ansprechenden Gratis-Menüs und luxuriösen Aufent-
Harald Lemke und Gourmetkritiker wie Jürgen Dollase halts- und Relaxing-Räumen verwöhnt werden, die kein
überzeugt, die Essen ganzheitlicher betrachten. Dollase privates Wohnzimmer toppen kann (Prynn 2017).
hat sich daher kritisch der Mensen an deutschen Uni-
versitäten angenommen. Für die Frankfurter Allgemeine Im neuen Bloomberg Centre sollen die Mitarbeiter raus
Zeitung berichtet er regelmäßig in einem eigenen Blog auf die Straßen gehen, durch das Quartier schlendern
über seine Erfahrungen mit dem mittäglichen „Stu- und sich mittags in einem der zahlreichen Restaurants
dentenfutter“ und findet dabei durchaus auch positive verköstigen, die eine breite Vielfalt an unterschiedlichen
Beispiele. Oder er zeigt im Rahmen eines Seminars, wie Küchen bieten. In der großen „Communal Pantry Area“
man sich auch in Kantinen auf ein höheres kulinarisches im sechsten Stock werden daher konsequenterweise nur
Niveau kochen kann, ohne dabei auf besonders teure Kaffee, Tee, Drinks und Snacks angeboten, jedoch keine
Ausgangsprodukte angewiesen zu sein. Lunch-Menüs. Arbeitsplatz und Mittagstisch werden
somit nicht nur räumlich getrennt, sondern man wird
Gesundheitsorientierte Steuerung des Caterings gewinnt motiviert, in der Tat auch geistig eine Pause vom Job
auch in Deutschland immer mehr an Bedeutung. Das einzulegen und in die kulinarische Vielfalt des Stadtvier-
darauf spezialisierte Beratungsunternehmen GESOCA tels einzutauchen.
hat unter dem Motto „Gäste locken – Gäste führen – Gäste
VERführen“ ein einfaches Orientierungssystem auf
Ampelbasis entwickelt, das es Kunden erleichtert, sich
42Zukunftsinstitut I Lebensmittel Zeitung
BEST PRACTICE BEST PRACTICE BEST PRACTICE
Marmite Tasty Essenszeit bei Studio Olafur
Das Kochbuch-Bistro Bahlsen Eliasson
Das Marmite Tasty im Electrolux- Couscous statt Das ganze Team
Haus in Zürich bewegt sich elegant
zwischen Kantine und Bistro. Hinter
Butterkeks am Tisch
dem Gastronomie-Konzept steckt Beim Gebäckhersteller Bahlsen in Eine Betriebskantine der anderen
der Chefredakteur von Marmite, der Hannover ist Engagement gefragt: Art genießen die knapp 100 Mit-
Zeitschrift für Ess- und Trinkkultur, Jeder Mitarbeiter darf in der Kantine arbeiter im Studio des dänischen
Andrin Willi. Die Küche orientiert sein Lieblingsgericht zaubern. Selbst Künstlers Ólafur Elíasson, die in
sich im wöchentlichen Rhythmus Werner Michael Bahlsen, bis zur einem 5.000 Quadratmeter großen
an einem ausgewählten Kochbuch. Drucklegung des Food Reports der ehemaligen Brauereigebäude im
So werden traditionelle Älplermag- Firmenchef, stand in der Kantine, um Prenzlauer Berg die Entwürfe zu
ronen vom Kanton Uri aus dem Buch gebratene Lachsschnitten zuzube- seinen Installationen umsetzen.
„Schweiz – Kulinarische Streifzüge“ reiten. Besonders wichtig war es der Einmal am Tag kommen sie zu-
von Peter Widmer und Alexander Geschäftsführung, die alte Kantine sammen, um an den langen Tafeln
Christ auf den Tisch gezaubert. In neu zu erfinden, und so wurde gemeinsam zu essen. Auch wenn
einer anderen Woche bedient man Dietmar Hagen als Koch eingestellt. dann nicht immer Projekte bespro-
sich des Kochbuchs „The Collection“ Damals, vor nun mehr als 20 Jahren, chen werden, ist es Elíasson wichtig,
der italienischen Kochlegende An- ging er einen revolutionären Schritt: gemeinsame Zeit zu schaffen, um
tonio Carluccio, um den Gästen vege- Er entsorgte die Fritteuse und nahm die Kreativität zu fördern. Maler und
tarische Penne mit Pinienkernen und die Currywurst von der Speisekarte. Designer, Buchhalter und Hand-
Auberginen zu kredenzen. Und der Stattdessen setzt er auf eine frische, werker, Programmierer und Philoso-
Küchenchef Babanoor Tuan Hajreen ausgewogene Küche und serviert phen sitzen zusammen und reichen
bringt auch einmal einen Hauch von statt Butterkeksen lieber Couscous die Schüsseln weiter, aus denen sich
Malaysia in die Kantine und serviert mit Kichererbsen Tajine. Im Schnitt jeder bedient – es gibt immer nur ein
das authentische Gericht Rendang kosten die Gerichte um die 8,50 Euro, Gericht. Die multikulturelle Zusam-
Daging (in Kokosmilch geschmortes dabei übernimmt Bahlsen die Hälfte mensetzung des Teams spiegelt sich
Rindfleisch mit Kurkuma-Reis). des Gerichts der Festangestellten, auch im Speiseplan, auf dem statt
Übrigens: Diese kulinarische Vielfalt Praktikanten und Azubis werden Currywurst und Pommes Miso-
ist nicht ganz uneigennützig, denn zusätzlich um weitere 25 Prozent Suppe mit Seetang-Gurken-Salat
die Mitarbeiter des Marmite-Verlags subventioniert. Inzwischen betreibt oder eine Schüssel Taboulé steht.
sind ebenfalls in den Büros des Dietmar Hagen mit seiner Agentur Und was an Essen übrig bleibt, darf
Electrolux-Hauses untergebracht. nicht nur alle Betriebsrestaurants man mit nach Hause nehmen. Seit
Dass alles ein wenig teurer ist als in von Bahlsen, sondern bundesweit 20 2016 sind die Rezepte der Kunst-
anderen Betriebsrestaurants, wird weitere Kantinen. Kantinen-Küche auch für jedermann
gerne akzeptiert. Schließlich isst essenszeit.com nachzulesen: im Kochbuch „The
man hier auch deutlich besser. Kitchen“.
www.marmite-tasty.ch www.olafureliasson.net
43KANTINE Themenschwerpunkt
Fazit
KANTINE
Kantinen wandeln sich von Essstationen zu Genuss-
tempeln. Künftig sind Kantinen in Sachen Qualität
und Raffinesse der zubereiteten Speisen nicht mehr
von Restaurants unterscheidbar. Immer mehr Betriebs-
restaurants sind nicht mehr nur für Mitarbeiter zu-
gänglich, sondern stehen allen Gästen offen – Gourmets
inbegriffen.
Die neuen Kantinen sind Wohlfühlorte, an denen es
nicht mehr nur ums Essen geht. Ihre Architektur und
Innenausstattung laden zum Verweilen ein. Ob zum
Arbeiten am Laptop oder zum Lesen eines guten Buches
– jeder kann es sich gemütlich machen.
52 Foto: Christian Rudnik/Google LLCZukunftsinstitut I Lebensmittel Zeitung
Gemeinschaftsgastronomie hat per se einen sozialen
Charakter, auch wenn dieser in den vergangenen Jahren
eher im Hintergrund stand: Kantinen sind Treffpunkte.
Sie fördern den informellen Austausch der Mitarbeiter,
können für interne Meetings oder Kundengespräche
genutzt werden. Eine entsprechende Architektur unter-
stützt diese Funktionen mit einem offenen Sitzbereich,
aber auch mit Rückzugsorten, die für vertrauliche Ge-
spräche geschlossen werden können.
Betriebliches Gesundheitsmanagement beginnt in der
Kantine. Neben einer ergonomischen Arbeitsplatzaus-
stattung und Bewegungsangeboten gehört eine gesunde
und abwechslungsreiche Ernährung zu den Pfeilern von
Corporate Health. Eine kulinarisch überzeugende Kura-
tierung von gesunden Gerichten stellt den Geschmack in
den Mittelpunkt – denn gesund und wohlschmeckend
ist kein Widerspruch.
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