"Frühstudium - Schüler an die Universität" - Eine empirische Studie von Prof. Dr. Claudia Solzbacher, Universität Osnabrück.

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"Frühstudium - Schüler an die Universität" - Eine empirische Studie von Prof. Dr. Claudia Solzbacher, Universität Osnabrück.
Frühe Bildung   Weiterführende Schule   Hochschule   Innovation

„Frühstudium – Schüler an
die Universität“.
Eine empirische Studie von Prof. Dr. Claudia Solzbacher,
Universität Osnabrück.
"Frühstudium - Schüler an die Universität" - Eine empirische Studie von Prof. Dr. Claudia Solzbacher, Universität Osnabrück.
Inhalt.

      Geleitwort                       3    3.5   Auswirkungen des Frühstudiums.      9   4.4     Vorbereitung auf wissenschaft-  16
                                            3.6   Zufriedenheit mit dem               9           liches Arbeiten und mehr Infor-
      Auswertung.                      4          Frühstudium – förderliche und                   mationen zum Frühstudium als
                                                  hemmende Bedingungen.                           wichtiger Unterstützungswunsch
1     Anlass und Ziel der Untersuchung. 4                                                         der Schülerstudierenden an die
                                            4     Interpretation der wichtigsten     12           Schule.
2     Aufbau der Untersuchung.         6          Ergebnisse.                             4.5     Viele Schulen sind nicht        17
                                            4.1   Soziale Auslese bestimmt, wer      12           informiert über die Möglichkeit
3     Zentrale Ergebnisse der          7          schon als Schüler oder Schülerin                eines Frühstudiums.
      Untersuchung.                               studiert.
3.1   Fakten zu den Schüler-           7    4.2   Begabung mit Leistung gleich-      14           Impressum.                     19
      studierenden.                               zusetzen, schließt bestimmte
3.2   Motive für die Teilnahme am      7          begabte Jugendliche aus.
      Frühstudium.                          4.3   Abbrecher nicht wahr zu nehmen,    15
3.3   Auswahl der Schüler-             8          kann zu unerwünschten Folgen
      studierenden.                               führen.
3.4   Verlauf des Frühstudiums.        8

„ Lernen ist der entscheidende
  Mechanismus bei der Transfor-
  mation hoher Begabung in
  exzellente Leistung.“
                                                                                                Franz E. Weinert
Frühe Bildung                  Weiterführende Schule     Hochschule                 Innovation

Geleitwort.

                                                           Jedes Semester studieren rund 1.000 Schülerin-          Leider nehmen noch zu wenig begabte und leis-
                                                           nen und Schüler während ihrer Schulzeit an              tungsbereite Schüler am Frühstudium teil. Um
                                                           deutschen Universitäten. Sie besuchen dort              herauszufinden, woran das liegt und wie sich
                                                           Vorlesungen und sammeln Scheine, die auf ein            Potenziale heben lassen, haben wir eine bun-
                                                           späteres Studium angerechnet werden können.             desweite Befragung von Teilnehmern des Früh-
                                                           Die jüngsten Teilnehmer sind erst dreizehn Jah-         studiums, Lehrkräften und Hochschulvertretern
                                                           re alt. Einige der Schülerstudierenden machen           in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse halten Sie
                                                           das Vordiplom sogar noch vor dem Führer-                in der Hand. Deutlich wird: Das Modell kommt
                                                           schein und dem Abitur.                                  an! Die Untersuchung belegt aber auch, dass
                                                                                                                   mehr dafür getan werden muss, allen Geeigne-
                                                           Immer mehr Universitäten öffnen ihre Veranstal-         ten eine Chance zur Teilnahme zu geben. Vor al-
                                                           tungen für Schülerinnen und Schüler. Die Deut-          lem die Lehrkräfte brauchen Unterstützung, um
                                                           sche Telekom Stiftung unterstützt die Möglich-          Begabungen individuell und unabhängig vom
                                                           keit des Frühstudiums an rund 50 deutschen              Bildungshintergrund und vom gezeigten Leis-
                                                           Hochschulorten. Wir tun das seit Gründung der           tungsvermögen der Kinder und Jugendlichen
                                                           Stiftung vor knapp fünf Jahren. Denn wir sind da-       zu erkennen und zu fördern. Davon profitieren
                                                           von überzeugt, dass individuelle Förderung              alle Schülerinnen und Schüler – getreu dem
                                                           auch Begabungs-, Begabten- und Eliteförde-              Motto „die steigende Flut hebt alle Schiffe“.
                                                           rung bedeutet. Aus Gesprächen mit Experten
                                                           wissen wir, dass es begabte und hoch motivier-
                                                           te junge Menschen gibt, die im Schulalltag un-
                                                           terfordert sind und die durch die Teilnahme am
                                                           Frühstudium zusätzliches geistiges Futter er-
                                                           halten. Insbesondere Natur- und Ingenieurwis-
                                                           senschaften sowie Mathematik und Informatik
                                                           ziehen leistungsstarke Schüler an – also genau
                                                           die Themen, für die sich die Telekom Stiftung           Dr. Klaus Kinkel
                                                           mit ihren Programmen einsetzt.                          Vorsitzender des Vorstands

Deutsche Telekom Stiftung   Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“                                                                        3
Auswertung.

              1                                                      Die Bedeutung des Frühstudiums wird zuneh-
                                                                     mend größer, vor allen Dingen je mehr die Bun-
              Anlass und Ziel der                                    desländer von den Schulen deutlich mehr indi-
              Untersuchung.                                          viduelle Förderung (zum Teil qua Schulgesetz)
                                                                     erwarten. Vielen Schulen gelingt diese indivi-
              Seit Mitte des Jahres 2004 fördert die Deutsche        duelle Förderung nur zögerlich. Manche hal-
              Telekom Stiftung die Einführung und Durchfüh-          ten sie gar für undurchführbar, da Schule ten-
              rung des Frühstudiums (Schüler an die Univer-          denziell auf Gruppen ausgerichtet ist und we-
              sität), indem sie die Universitäten sowohl mit         niger auf Individuen. Die Tatsache, dass Schu-
              Geld als auch mit Informationen zur möglichen          le auf die Sicherung einer fiktiven Homogeni-
              Umsetzung unterstützt. Die Grundidee des Früh-         tät ausgerichtet ist, trifft vermeintlich beson-
              studiums ist: „Wie können sich besonders inte-         ders die leistungsschwächeren Schüler und
              ressierte und leistungsbereite Schüler und             Schülerinnen, die nicht optimal individuell ge-
              Schülerinnen frühzeitig intensiv mit ihrem             fördert werden. Nachgewiesenermaßen trifft
              Wunschfach auseinandersetzen und wo finden             dies aber ebenso auf die leistungsstarken und
              unterforderte Schüler und Schülerinnen intel-          hochbegabten Schüler und Schülerinnen zu
              lektuelle Herausforderungen?“ (Ekkehard Win-           (vgl. Tillmann 2004). Die Folgen sind sowohl
              ter, Vorwort zur Dokumentation der Fachtagung          für die betroffenen Jugendlichen als auch für
              „Schüler an die Universität“, 9.11.2005, S. 5).        die Gesellschaft zum Teil gravierend.

              Die Projekte, die je nach Universität individuell      Zahlreiche Untersuchungen zu den Möglich-
              ausgestaltet sind, gehen von der Erkenntnis            keiten schulischer Begabtenförderung machen
              aus, dass es leistungsstarke Jugendliche gibt,         deutlich, dass hierfür in der Tat eine höchst in-
              die nicht nur in ihrem individuellen, sondern          dividuelle Förderung in der Schule nötig wäre
              auch im Interesse der Allgemeinheit der geziel-        (vgl. Solzbacher/Heinbokel 2002). Denn an-
              ten Förderung bedürfen. Ziel ist es, diesen hoch-      ders als häufig angenommen, handelt es sich
              motivierten Schülern und Schülerinnen die              bei besonders begabten oder leistungsstarken
              Möglichkeit zu geben, Leistungen zu erbringen,         Jugendlichen nicht um eine homogene Grup-
              die über den Schulstoff hinausgehen und die            pe ähnlich denkender und interessierter Schü-
              bei einem späteren Studium angerechnet wer-            ler und Schülerinnen, sondern um eine äußerst
              den können (vgl. dazu Ekkehard Winter, Vor-            heterogene Gruppe, die besonders indivi-
              wort zur Dokumentation der Fachtagung „Schü-           dueller Förderung bedarf (vgl. Weinert 1999,
              ler an die Universität“, 9.11.2005, S. 5).             S. 157f.). Schulische Aufgaben sind in der
                                                                     Regel nicht individuell auf die Lern- und Denk-
              Das Frühstudium gilt zunehmend als wichtige            stile des einzelnen Schülers bzw. der einzel-
              Fördermaßnahme für begabte und leistungs-              nen Schülerin zugeschnitten. Aber besonders
              starke Jugendliche. Man erhofft sich dadurch           begabte Schüler und Schülerinnen mit ausge-
              sowohl eine Anreicherung (Enrichment) für in           prägtem kreativen Problemlöseverhalten, viel-
              der Schule unterforderte Schüler und Schülerin-        fältigen Interessen und hoher Leistungsmoti-
              nen, aber auch die Möglichkeit des schnelle-           vation zum Beispiel sind auf spezielle Aufga-
              ren Durchlaufens verschiedener Bildungspha-            ben angewiesen, um nicht aus Langeweile an
              sen für besonders interessierte Schüler und            der Schule zu scheitern und zu so genannten
              Schülerinnen (Akzeleration).                           Underachievern (Minderleistern) zu werden.
                                                                     Ob Begabung in Leistung umgesetzt wird,
                                                                     hängt neben zahlreichen Persönlichkeitsmerk-

4                                    Deutsche Telekom Stiftung    Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“
Frühe Bildung                  Weiterführende Schule   Hochschule   Innovation

malen auch vom Einfluss der Umwelt ab, be-                 Zurzeit fördert die Deutsche Telekom Stiftung
sonders im Hinblick auf die Leistungsmotiva-               bundesweit rund 50 Universitäten. In der Öf-
tion. Motivation und Anstrengungsbereitschaft              fentlichkeit hat das Projekt große Resonanz ge-
hängen nicht zuletzt von der Qualität der In-              funden und wird von den Medien mit großem In-
struktion ab, d.h. dass es eine Notwendigkeit              teresse verfolgt. Ziel der vorliegenden Studie
gibt, die unterrichtlichen Anforderungen um                ist es, die Erfahrungen, die bisher gemacht wur-
herausfordernde Angebote und die Entwick-                  den, zu sichten und auszuwerten, um daraus
lung effektiver Lernstrategien für begabte Schü-           Beratungsbausteine, Qualitätsentwicklungs-
ler und Schülerinnen zu erweitern (vgl. Fischer            und Qualitätssicherungsindikatoren abzuleiten
2002, S. 28f.). Die Anreicherung kann unter                mit dem Ziel, eine größere Anzahl Schüler und
anderem darin bestehen, die Jugendlichen mit               Schülerinnen, besonders aber alle Geeigneten
mehr inhaltlichem Stoff zu versorgen (Enrich-              für ein Frühstudium zu gewinnen, ggf. die Ab-
ment). Um optimale Leistung zu erreichen,                  brecherquoten zu minimieren und den Mittel-
muss man Jugendlichen darüber hinaus die                   einsatz der Deutsche Telekom Stiftung zu opti-
Möglichkeit geben, sich in möglichst vielen                mieren.
Situationen und bei persönlichen Heraus-
forderungen ihrer Begabung entsprechend
beweisen zu können.

Gerade aufgrund der aktuellen Probleme mit
der Umsetzung individueller Förderung in der
Schule wird besonders deutlich, dass Schulen
unter den derzeitigen Bedingungen für die in-
dividuelle Förderung Begabter zweifellos auf
Partner (wie die Universitäten zum Beispiel) an-
gewiesen sind. Durch derartige Partnerschaf-
ten oder im besten Fall Vernetzungen kann man
unter anderem die für die Begabtenförderung
wichtigen kreativitätsfördernden und intellek-
tuell herausfordernden Umgebungen schaffen.
Nicht zuletzt diese Erkenntnis war Grundlage
für die Kultusministerkonferenz und die Hoch-
schulrektorenkonferenz, sich 2004 gemeinsam
Gedanken über die Anerkennung von Studien-
und Prüfungsleistungen von Schülerstudieren-
den zu machen. Besonders begabte Schüler
und Schülerinnen – in der Regel der Jahrgangs-
stufen 10–13 – sollten demnach während der
Schulzeit ohne formelle Zulassung ein Studi-
um aufnehmen und reguläre Lehrveranstaltun-
gen an den Hochschulen besuchen können.
Hier zeigt sich einmal mehr deutlich, dass das
Frühstudium sowohl im Aufgabenbereich der
Schulen als auch der Universitäten angesiedelt
sein muss.

Deutsche Telekom Stiftung   Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“                                                     5
2                                                    b) Online-Fragebögen entwickelt wurden mit
                                                            geschlossenen und offenen Fragen, die zuvor
    Aufbau der                                              in einem Pre-Test getestet wurden. Diese stan-
    Untersuchung.                                           dardisierten Erhebungsmethoden gelten als
                                                            eine wichtige Möglichkeit, um Ausschnitte
    Bisher gab es noch keine flächendeckenden               der Realität genau zu beschreiben, abzubil-
    empirischen Untersuchungen über die Erfah-              den und zu quantifizieren.
    rungen und Einstellungen der relevanten Ak-
    teure (Schülerstudierende, Lehrkräfte, univer-       Die Kombination unterschiedlicher methodi-
    sitäre Koordinatoren und Koordinatorinnen) und       scher Zugangsweisen soll zu einem möglichst
    zu den Gelingens- und Misslingensbedingun-           differenzierten Bild führen.
    gen des Frühstudiums. Die Deutsche Telekom
    Stiftung beauftragte deshalb die Universität         In Teil 2 der Studie wurden die Schulleitungen
    Osnabrück im Zeitraum von Oktober 2006 bis           bzw. Lehrkräfte sämtlicher infrage kommender
    Oktober 2007 mit der Untersuchung dieser             Schulen (Gymnasien, Gesamtschulen, Berufs-
    Fragestellungen.                                     bildende Schulen etc.) in 15 Bundesländern
                                                         sowie die aktuell Schülerstudierenden der Uni-
    Bei der Untersuchung handelt es sich sowohl          versitäten und die dortigen zentralen Koordina-
    um eine quantitativ empirische (standardisierte      toren und Fachkoordinatoren bzw. -koordinato-
    Online-Befragung) als auch um eine qualitativ        rinnen
    empirische Studie (problemzentrierte Inter-          a) online befragt und
    views).                                              b) mit den gleichen Personengruppen an drei
                                                            ausgewählten Universitäten vertiefende pro-
    Teil 1 der Studie umfasst die Entwicklung des           blemzentrierte Interviews durchgeführt.
    Forschungsdesigns und eine qualitative Pilot-
    studie (problemzentrierte Interviews) mit rele-      Die Befragungen waren selbstverständlich ano-
    vanten Akteuren.                                     nym. Weder länderspezifische Rankings noch
                                                         Evaluationen einzelner Universitäten oder Schu-
    Nach Auswertung der ersten Befragung der             len oder gar Schüler und Schülerinnen waren
    Pilotstudie (Pre-Test) wurden die forschungs-        das Ziel, sondern zu generalisierende Kennt-
    methodischen Instrumentarien weiterentwickelt,       nisse in einem Feld zu sammeln, das empirisch
    indem                                                weitgehend unerforscht ist.
    a) das qualitativ methodische Instrumentarium
       verfeinert wurde, um eine möglichst unvor-
       eingenommene Erfassung individueller Ein-
       stellungen, subjektiver Wahrnehmungen und
       Verarbeitungsweisen zu erreichen. Qualitati-
       ve Forschung erhebt den Anspruch, Lebens-
       welten von innen heraus aus der Sicht han-
       delnder Menschen zu beschreiben. Damit
       soll qualitative Forschung zu einem besse-
       ren Verständnis der Realität beitragen und
       auf Abläufe, Deutungsmuster und Struktur-
       merkmale aufmerksam machen.

6                         Deutsche Telekom Stiftung   Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“
Frühe Bildung                            Weiterführende Schule                       Hochschule                                          Innovation

3                                                             Nicht selten brechen die Schüler und Schü-
                                                              lerinnen das Studium vor dem Abitur ab, was
Zentrale Ergebnisse                                           aber in der Regel nicht als Misserfolg empfun-
der Untersuchung.                                             den wird. Studierende, die mit dem Abitur
                                                              auch ein Vordiplom oder gar einen universi-
3.1                                                           tären Abschluss machen, sind selten.
Fakten zu den Schülerstudierenden.
  Durchschnittlich sind die 331 an der Untersu-            3.2
  chung beteiligten Schülerstudierenden 18                 Motive für die Teilnahme am Frühstudium.
  Jahre alt.                                                 Zum ersten Mal gehört haben die meisten
  Der überwiegende Teil der Schüler und                      Schüler und Schülerinnen vom Frühstudium
  Schülerinnen befindet sich zur Zeit der Be-                durch ihren Fachlehrer bzw. ihre Fachlehrerin
  fragung in Klasse 12 (36,6 %), jeweils ca.                 (ca. 38 %), gefolgt von Mitschülern und der
  24 % befinden sich in Klasse 11 bzw. 13. Ca.               Presse.
  2 % sind unterhalb der Klasse 10.                          Die letztendliche Entscheidung für ein Früh-
  16 % haben schon mal eine Klasse über-                     studium wird maßgeblich von den Eltern mit-
  sprungen.                                                  beeinflusst. Personen aus dem schulischen
  Die Schüler und Schülerinnen sind überwie-                 Umfeld spielen für die Entscheidung eine un-
  gend deutscher Nationalität (95,5%) und ge-                tergeordnete Rolle.
  ben zu einem hohen Prozentsatz Deutsch als
  ihre Muttersprache an (97,9 %).
  Von 71,3 % der befragten Schüler und Schü-
  lerinnen (n=236) hat eines der Elternteile stu-          Motive für ein Frühstudium
  diert, bei 58,8 % dieser 236 Schüler und                 3,0
  Schülerinnen haben beide Elternteile stu-
                                                                      2,42
  diert. Von ca. einem Viertel dieser Schüler              2,5                       2,27
  und Schülerinnen hat mindestens ein Eltern-
                                                                                                          1,93
  teil einen Doktortitel.                                  2,0
                                                                                                                                 1,68             1,66
  Der überwiegende Teil der Schüler und Schü-                                                                                                                            1,50
  lerinnen besucht das Gymnasium, ein klei-                1,5
  ner Teil eine Gesamtschule oder eine Berufs-                                                                                                                                                    1,05
                                                           1,0
  bildende Schule.                                                                                                                                                                                                 0,59
  Das inner- und außerschulische Engagement                0,5
  der Schüler und Schülerinnen ist sehr hoch.
  Viele der Befragten haben schon an einer                 0,0
                                                                                                                                                                         Stolz, gefragt worden

                                                                                                                                                                                                                   Ausfall von Schulzeit
                                                                                                                                                  Prestige/Lebenslauf-

  oder mehreren einschlägigen Begabtenför-
                                                                                                           Berufsorientierung

                                                                                                                                                                                                 Studiengebühren

  dermaßnahmen teilgenommen (z. B. Wettbe-
                                                                                   Studieninhalten

                                                                                                                                                                                                 Einsparung der
                                                                                                                                Verkürzung der
                                                                                                                                Studienzeiten

  werbe, 67 %), viele waren Klassen- oder
                                                                                   Lernen von
                                                                      Interessen
                                                                      vertiefen

                                                                                                                                                  relevanz

                                                                                                                                                                         zu sein

  Schülersprecher oder engagieren sich in so-
  zialen oder kulturellen Projekten (45 %).
  Die Entfernung zwischen Schule und Univer-
  sität variiert stark. Etwa die Hälfte der befrag-        0 = unwichtig
  ten Schüler und Schülerinnen hat eine Entfer-            1 = eher unwichtig
  nung von bis zu 15 km für einen Weg. 9,8 %               2 = eher wichtig
  haben einen Weg von über 50 km.                          3 = wichtig

Deutsche Telekom Stiftung   Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“                                                                                                                                                   7
Als Motive für die Aufnahme eines Frühstudi-         3.3
                                                        ums geben die Schüler und Schülerinnen               Auswahl der Schülerstudierenden.
                                                        die Vertiefung von fachlichem Wissen an so-            Die Auswahl erfolgt in der Regel durch die
                                                        wie den Wunsch, die Abläufe und Anforde-               Schule.
                                                        rung der Universität kennen zu lernen und              Als Voraussetzung für die Teilnahme am Früh-
                                                        eine bessere Studien- bzw. Berufsorientie-             studium gelten sehr gute Noten und heraus-
                                                        rung zu bekommen. Prestige bzw. Lebens-                ragende Leistungen.
                                                        laufrelevanz spielen ebenfalls eine Rolle.             Daneben spielen Arbeitshaltung und Selbst-
                                                        Auch aus der Sicht der Lehrkräfte ist das Mo-          ständigkeit eine Rolle.
                                                        tiv, Interessen vertiefen zu können, von be-           Der Notendurchschnitt bei den Schülerstu-
                                                        sonderer Bedeutung, gefolgt von Lebenslauf-            dierenden liegt bei 1,77.
                                                        relevanz und Prestige (auch für die Schule).           Ca. 15 % Schüler und Schülerinnen mit ei-
                                                        Die Koordinatoren und Koordinatorinnen der             nem Notendurchschnitt schlechter als 2 neh-
                                                        Universitäten räumen der Orientierung einen            men am Frühstudium teil.
                                                        großen Stellenwert ein, aber ihr Hauptziel ist         So genannte „Underachiever“ (Minderleister,
                                                        die Förderung und Gewinnung einer Leis-                die unter ihren Fähigkeiten bleiben) werden
                                                        tungselite für ihr eigenes Fach.                       mit diesem Auswahlverfahren nicht erfasst
                                                                                                               und nehmen in der Regel nicht am Frühstu-
                                                                                                               dium teil.
                                                                                                               Spezialbegabte werden häufig nicht für ein
                                                                                                               Frühstudium vorgeschlagen aus Sorge, die
                                                                                                               Leistungen in anderen Fächern könnten da-
                                                                                                               runter leiden.

                                                                                                             3.4
                                                                                                             Verlauf des Frühstudiums.
                                                                                                               Die Dauer des Frühstudiums liegt zwischen
Bisherige Dauer des Frühstudiums                                                                               einem und drei Semestern, knapp 70 % der
                       70 %                                                                                    Schüler und Schülerinnen nehmen jedoch
                                                                                                               erst seit dem laufenden Semester teil. Ca.
                                                                                                               15% studieren seit zwei Semestern, ca. 10%
                       60 %
                                                                                                               seit 3 Semestern und ca. 5% seit 4 und mehr
                                                                                                               Semestern.
                       50 %
                                                                                                               Durchschnittlich besuchen die Schüler und
Anteil der Befragten

                                                                                                               Schülerinnen 3 Veranstaltungen pro Semester.
                       40 %                                                                                    Durchschnittlich werden 2 Scheine erwor-
                                                                                                               ben. Ca. 40% der Studierenden machen kei-
                       30 %                                                                                    nen Leistungs- oder Teilnahmeschein, weite-
                                                                                                               re 30 % nur einen. Offensichtlich steht also
                       20 %                                                                                    Akzeleration nicht im Vordergrund.
                                                                                                               Aufgrund des Frühstudiums fallen durch-
                       10 %                                                                                    schnittlich 3 Stunden aus (die Angaben ha-
                                                                                                               ben eine große Schwankungsbreite zwischen
                       0%                                                                                      0 und 23 Stunden).
                              1 Semester   2 Semester           3 Semester        4 Semester und länger

8                                                                            Deutsche Telekom Stiftung    Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“
Frühe Bildung                  Weiterführende Schule   Hochschule   Innovation

  Die mathematisch-naturwissenschaftlichen                 3.6
  Fächer überwiegen. Dies erstaunt nicht an-               Zufriedenheit mit dem Frühstudium – förder-
  gesichts der Entstehungsgeschichte und Ziel-             liche und hemmende Bedingungen.
  setzung des Projekts Frühstudium.                        a) Schüler und Schülerinnen
  Schülerinnen bevorzugen insgesamt stereo-                   Die befragten Schüler und Schülerinnen sind
  typ geschlechtsspezifische Studienfächer (im                insgesamt sehr zufrieden mit dem Frühstu-
  Bereich der Naturwissenschaften z. B. Biolo-                dium. Durchschnittlich geben die Schüler ei-
  gie). Es gelingt also nicht, Mädchen mehr in                ne Zufriedenheit von 1,95 an (Schulnoten-
  die Naturwissenschaften zu bringen (der Pro-                skala).
  zentsatz liegt unter dem Bundesdurchschnitt                 Die Schülerstudierenden loben besonders
  weiblicher Normalstudierender in den ma-                    die Bedingungen für das Frühstudium an
  thematisch-naturwissenschaftlichen Fä-                      der Universität. Sie schätzen vor allem die
  chern). Insgesamt studieren die Schülerin-                  Freiwilligkeit und Selbstständigkeit, die ein
  nen signifikant seltener mathematisch-natur-                Studium bietet. Der Umgang mit den ande-
  wissenschaftliche Fächer.                                   ren Studierenden sei angenehmer als der
  Knapp 44 % der Schüler und Schülerinnen                     mit den Mitschülern und Mitschülerinnen in
  wollen nach dem Abitur nicht an der Univer-                 der Schule. Dies erklären die Schülerstudie-
  sität studieren, an der sie das Frühstudium                 renden u.a. mit dem gleichen Leistungsstand
  gemacht haben. Als Grund nennen sie be-                     aller Studierenden – im Gegensatz zur Schu-
  sonders das Ansehen der Universität in dem                  le, wo das Wissen und die Leistungen der
  jeweiligen Fach.                                            Schüler und Schülerinnen im Erleben der
                                                              Schülerstudierenden weit auseinander klaf-
3.5                                                           fen.
Auswirkungen des Frühstudiums.                                Die Schülerstudierenden fühlen sich gut bis
  Schülerstudierende, die schon seit 2 oder                   sehr gut durch die Universität betreut. So-
  mehr Semestern studieren, geben einen po-                   wohl bei organisatorischen als auch bei in-
  sitiven Einfluss des Frühstudiums auf ihr Lern-             haltlichen Problemen erhalten sie gute Un-
  und Arbeitsverhalten an. Sie lernen und arbei-              terstützung. Zum einem werden bestimmte
  ten selbstständiger, disziplinierter und ziel-              Dozenten und die zentralen Koordinatoren
  gerichteter. Ca. 85 % der Schülerstudieren-                 und Koordinatorinnen gelobt, die sich sehr
  den haben dann auch bessere Klarheit über                   für die Schülerstudierenden engagieren und
  ihre Zukunftspläne erlangt. Nicht wenige mo-                (z. T. gegen den Widerstand der Schule) ein
  tiviert das Frühstudium auch dazu, sich in                  erfolgreiches Frühstudium ermöglichen. Zum
  der Schule wieder stärker zu engagieren.                    anderen schätzen die Schülerstudierenden
  Die Vertreter der Universitäten attestieren den             die studentischen Tutorien.
  Schülerstudierenden ebenso gute Leistun-                    Von Seiten der Universitäten haben 72,2 %
  gen wie den Normalstudierenden, mitunter                    der Schülerstudierenden mindestens eine
  sogar bessere. Die Schülerstudierenden, die                 Form der Einführung erhalten und knapp ein
  zurzeit an der Universität sind, sind also aus              Drittel der Schüler und Schülerinnen haben
  Sicht der Schulen und der Universitäten ge-                 eine individuelle Einführung durch Dozenten
  eignet.                                                     oder Studierende erhalten. An einem Fünf-
                                                              tel der Universitäten gibt es spezielle Vorle-
                                                              sungsverzeichnisse. Gut die Hälfte der Studie-
                                                              renden gibt an, dass es in ihrem Fach eine
                                                              spezielle Betreuung gibt.

Deutsche Telekom Stiftung   Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“                                                     9
Während große Zufriedenheit hinsichtlich or-                                                                        vom Unterricht). Auch vermittelt die Schule
                                                                                                                              ganisatorischer Aspekte und der Betreuung                                                                           nicht ausreichend Kompetenzen aus dem
                                                                                                                              an der Universität herrscht, besteht Unzufrie-                                                                      Bereich Studierfähigkeit. Die Schulen belas-
                                                                                                                              denheit mit der Betreuung der Schulen. Der                                                                          sen es häufig bei positiven Erstsignalen und
                                                                                                                              überwiegende Teil der Schülerstudierenden                                                                           fühlen sich dann nicht mehr zuständig. Schü-
                                                                                                                              fühlt sich von der Schule nicht gut unterstützt                                                                     lerstudierende fordern eine bessere Informa-
                                                                                                                              und alleine gelassen. Ein Großteil der Schü-                                                                        tionspolitik und Betreuung durch die Schule.
                                                                                                                              lerstudierenden empfindet Schule und Uni-                                                                           Die Gruppe der Schüler und Schülerinnen,
                                                                                                                              versität als zwei völlig getrennte Veranstal-                                                                       die eine oder mehrere Klassen übersprun-
                                                                                                                              tungen.                                                                                                             gen haben, ist in diesem Zusammenhang
                                                                                                                              Kritisiert wird die schlechte Informationspo-                                                                       noch unzufriedener mit der Unterstützung
                                                                                                                              litik der Schulen, die fehlende Vorbereitung,                                                                       durch die Schule. Sie fordert u.a. eine kon-
                                                                                                                              die fehlende Betreuung und Unterstützung                                                                            kretere Unterstützung bei der Vereinbarkeit
                                                                                                                              während des Frühstudiums sowie das gerin-                                                                           von Universität und Schule.
                                                                                                                              ge Entgegenkommen bei organisatorischen                                                                             Von einigen Studierenden wird das Frühstu-
                                                                                                                              Fragen (Stundenplangestaltung, Freistellung                                                                         dium als erheblicher finanzieller Aufwand be-
                                                                                                                                                                                                                                                  schrieben (Fahrt- und Bücherkosten).
                                                                                                                                                                                                                                                  Da die Universitäten nur in beschränktem
                                                                                                                                                                                                                                                  Umfang Daten zum Frühstudium dokumentie-
                                                                                                                                                                                                                                                  ren und noch weniger evaluieren, kann nichts
Was müssen Schulen aus Sicht der Zentralkoordinatoren* leisten, um den                                                                                                                                                                            über Abbrecherquoten und Gründe für den
Schülerstudierenden das Frühstudium zu erleichtern?                                                                                                                                                                                               Abbruch gesagt werden.
                   8                                                                                                                                                                                                                            Durch die vorliegende Studie konnten somit
                                                                                                                                                                                                                                                auch keine Studierenden erreicht werden, die
                   7                                                                                                                                                                                                                            das Frühstudium abgebrochen haben.

                   6                                                                                                                                                                                                                            b) Universitäre Koordinatoren und Koordinato-
                                                                                                                                                                                                                                                rinnen
Anzahl Nennungen

                   5                                                                                                                                                                                                                               Die Koordinatoren und Koordinatorinnen be-
                                                                                                                                                                                                                                                   schreiben das Frühstudium als sehr erfolg-
                   4                                                                                                                                                                                                                               reich. Es gibt an der Universität aus ihrer Sicht
                                                                                                                                                                                                                                                   keine Hindernisse. Als erfolgreich nehmen
                   3                                                                                                                                                                                                                               sie ebenfalls die Betreuung der Schülerstu-
                                                                                                                                                                                                                                                   dierenden an der Universität und die Nied-
                   2
                                                                                                                                                                                                                                                   rigschwelligkeit des gesamten Projektes wahr.
                                                                                                                                                                                                                                                   Misslingensbedingungen werden von Seiten
                   1
                                                                                                                                                                                                                                                   der Koordinatoren und Koordinatorinnen in
                   0                                                                                                                                                                                                                               den Universitäten hinsichtlich der Schule for-
                                                                                                                                        Leistungsnachweisen

                                                                                                                                                                                      Leistungsbereitschaft

                                                                                                                                                                                                                                                   muliert. Informationen zum Frühstudium wür-
                                                          Mehr Stundenerlass

                                                                                                                                        Anerkennung v. Uni-
                                                                                                                   Termine Schule-Uni
                                                                               Erleichterung beim

                                                                                                                                                              Positive Einstellung
                                                                                                                   Organisatorisches,

                                                                                                                   besser abstimmen
                                                                               verpassten Stoffes

                                                                                                                                                                                                              Bessere Diagnose
                       Mehr Information

                                                                                                                                                                                                                                                   den nicht weitergegeben, Schulen zeigten
                                                                                                                                                                                      Persönlichkeits-
                                                                               Nachholen des
                                          Unterstützung

                                                                                                    Begeisterung

                                                                                                                                                                                      entwicklung,

                                                                                                                                                                                                                                                   wenig Unterstützung und behinderten nicht
                                                                                                    Motivation,

                                                                                                                                                              der Lehrer

                                                                                                                                                                                                                                 Sonstiges
                                          Beratung,

                                                                                                                                                                                                                                                   selten begabte Schülerstudierende.
                                                                                                                                                                                                                                                   Die Fachkoordinatoren und -koordinatorin-
                                                                                                                                                                                                                                                   nen fordern insbesondere eine bessere Bera-
* 24 Zentralkoordinatoren wurden befragt; Mehrfachnennungen waren möglich.                                                                                                                                                                         tung und Unterstützung der Schülerstudie-

10                                                                                                                                                                                   Deutsche Telekom Stiftung                               Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“
Frühe Bildung                  Weiterführende Schule   Hochschule   Innovation

  renden sowie mehr Informationen durch die                d) Weiteres
  Schulen. Auch eine bessere fachliche Aus-                   Auffällig ist, dass keine Befragtengruppe
  bildung und Förderung Hochbegabter wer-                     Schwierigkeiten bezüglich der Kultus- bzw.
  den gewünscht.                                              Wissenschaftsbürokratie benennt. Insgesamt
  Obwohl die teilnehmenden Schulen zu ei-                     wird das Frühstudium – vermutlich gerade
  nem großen Teil angeben, dass sie spezielle                 deshalb – als ein niedrigschwelliges Ange-
  Ansprechpartner in den Schulen haben, sind                  bot gesehen, das für Schulen und Universitä-
  diese nach Auffassung vieler Fachkoordina-                  ten mit einem geringen Organisationsauf-
  toren und -koordinatorinnen nur schwer zu                   wand verbunden ist. Den Aufwand müssten
  identifizieren bzw. zu erreichen.                           letztendlich insbesondere aus Sicht der Schu-
                                                              len die interessierten Schüler und Schülerin-
c) Schulleitungen und Lehrkräfte                              nen selbst leisten.
   Die am Programm teilnehmenden Schullei-                    Lediglich eine Bezirksregierung engagiert
   tungen und Lehrkräfte erleben das Frühstu-                 sich in diesem Thema aktiv durch eine enge-
   dium überwiegend als erfolgreich. Als gelun-               re Zusammenarbeit mit Universitäten und
   gen beschreiben sie vor allem die gute Be-                 Schulen.
   treuung durch die Universität.                             Auffällig ist ebenfalls, dass zwischen Schule
   Ihre eigene Betreuung beschreiben die inter-               und Universität nur eine sehr geringe Koope-
   viewten Lehrkräfte als Beratung und Motiva-                ration und schon gar keine Vernetzung be-
   tion der Schülerstudierenden. Von Lehrersei-               steht. Der Austausch erfolgt lediglich an eini-
   te wird das Projekt zwar ideell unterstützt,               gen Universitäten zwischen Schulen und dem
   aber die Verantwortung wird den Schülern                   zentralen Koordinator bzw. der zentralen Ko-
   und Schülerinnen selbst überlassen. Immer                  ordinatorin. An manchen Universitäten auch
   mit dem Hinweis, dass es die motivierten,                  mit einigen Fachkoordinatoren und -koordina-
   leistungsbereiten und selbstständigen Schü-                torinnen, besonders dann, wenn diese zuvor
   ler und Schülerinnen seien, die sich für ein               aus anderen Kooperationsprojekten bekannt
   Frühstudium eignen und daher auch dieses                   sind.
   begännen. Der konkrete Beratungsbedarf
   und die anliegenden Schwierigkeiten der
   Schüler und Schülerinnen werden in den
   Schulen wenig wahrgenommen und berück-
   sichtigt.
   Da die Schulen fast nie Daten zum Frühstudi-
   um dokumentieren und noch weniger evalu-
   ieren, kann nichts über Abbrecherquoten und
   Gründe für den Abbruch gesagt werden.
   Die nicht am Frühstudium teilnehmenden
   Schulen geben dafür als Hauptgrund man-
   gelnde Informationen an (36,8 %). U. a. zeigt
   die Tatsache, dass diese Schulen aber an
   der Befragung teilgenommen haben, dass
   sie großes Interesse am Frühstudium hätten.
   Diese Schulen haben zu einem erheblichen
   Teil einen naturwissenschaftlichen Schwer-
   punkt.

Deutsche Telekom Stiftung   Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“                                                     11
4                                                     und Schülerinnen gewährleistet, da die sorg-
                                                Interpretation der                                    same Diagnose und Förderung dort häufig aus-
                                                                                                      bleibt. Die Aufnahme eines Frühstudiums
                                                wichtigsten Ergebnisse.                               scheint in ganz erheblichem Maße vom Eltern-
                                                Das Frühstudium ist für die teilnehmenden             haus mit initiiert zu werden. D. h. es findet zwei-
                                                Schülerstudierenden und Universitäten ein Er-         fellos schwerpunktmäßig eine soziale Auslese
                                                folg. Aber: es mangelt an breiter Begabungs-          statt, wenn von 71,3 % der Schülerstudieren-
                                                förderung in den Schulen                              den mindestens ein Elternteil studiert hat, bei ca.
                                                                                                      59 % beide Elternteile. Die Zahl ist alarmierend
                                                4.1                                                   und bestätigt die Ergebnisse der einschlägigen
                                                Soziale Auslese bestimmt, wer schon als               Forschungen zum Thema Bildungsgerechtig-
                                                Schüler oder Schülerin studiert.                      keit. 83 % der Akademikerkinder des Jahrs-
                                                Die Schülerstudierenden, die zurzeit an der Uni-      gangs 2005 nahmen ein Studium auf; hinge-
                                                versität sind, sind erfreulicherweise aus Sicht       gen nur 23 % der Nichtakademikerkinder. Die
                                                der Schulen und der Universitäten geeignet.           Chance der Akademikerkinder ist mehr als 3-
                                                Fraglich ist dennoch, ob das Frühstudium mit          mal so hoch, ein Studium zu beginnen (vgl. 18.
                                                den aktuell praktizierten Auswahlverfahren            Sozialerhebung des Deutschen Studenten-
                                                durch die Schule eine umfassende Begabten-            werks).
                                                förderung aller in Frage kommender Schüler
                                                                                                      Nicht zuletzt auch die PISA-Studie und die 15.
                                                                                                      Shell-Studie (2006) haben auf diese Problema-
                                                                                                      tik aufmerksam gemacht. Deutschland hinkt,
                                                                                                      trotz aller Bildungsexpansion, anderen Ländern
                                                                                                      weit hinterher. Die Bildungsexpansion hat zwar
                                                                                                      zweifellos eine größere Beteiligung der mittleren
                                                                                                      „Schichten“ (so problematisch dieser Begriff
                                                                                                      auch ist) an der höheren Bildung gebracht. Die
                                                                                                      Probleme für die unteren „Schichten“ wurden
Häufigkeitsverteilung der Studienabschlüsse der Elternteile in Prozent.                               damit aber nur verschoben oder sogar noch
                                                                                                      verschärft. Damit hat die Bildungsexpansion
                                                                                                      der 60er und 70er Jahre ein paradoxes Ergeb-
                                                                                                      nis hervorgebracht: Mehr Bildungschancen,
                       0,9                                                                            aber weniger Bildungsgerechtigkeit insgesamt.
                                                                                                      Die Bildungsexpansion hat nicht dazu geführt,
                                  23,3                                                                dass herkunftsbedingte Einflüsse auf die Hö-
           28,7
                                                                                                      he der erreichten Abschlüsse im allgemein
                                                                                                      bildenden Schulsystem wesentlich geringer
                                         5,7                                                          geworden wären; vielmehr ist heute ein stär-
                                                                                                      kerer Einfluss des Elternhauses, d. h. der so-
                                                                                                      zialen Herkunft auf die Bildungschancen
                                                               Vater                                  festzustellen. Dies belegen die vorliegende
                                                               Mutter                                 Studie und auch andere Untersuchungen im
                       41,4
                                                               beide                                  Rahmen anderer Begabungsförderungspro-
                                                               trifft nicht zu                        gramme (Wettbewerbe, Akademien etc.; vgl.
                                                               keine Angaben                          Solzbacher/Rölker 2005).

12                                                                     Deutsche Telekom Stiftung   Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“
Frühe Bildung                  Weiterführende Schule   Hochschule   Innovation

Nach neuesten Schätzungen bleiben ca. 50 %                 Klassenarbeiten etc. beherrschen, führen be-
der Begabungen unserer Schüler und Schüle-                 reits in der Schule zu einer „Bestenauswahl“ in
rinnen unentdeckt (vgl. Mönks, 2003, S. 4). Ne-            Form von sozialer Auslese. Dies trifft auch auf die
ben dem Nichterkennen von Hochbegabungen                   in der Studie Befragten zu, obwohl die am Früh-
stellt auch die fehlerhafte Zuschreibung von               studium teilnehmenden Schulen tendenziell er-
Hochbegabungen ein ernsthaftes Problem dar.                klärtermaßen mehr an Schulversuchen und Fort-
Mönks geht davon aus, dass ebenfalls bis zu                bildungen zur Begabtenförderung teilgenom-
50 % aller Zuschreibungen einer Hochbega-                  men haben, als die nicht teilnehmenden.
bung zumindest fragwürdig sind. Die Folgen
sind sowohl für die betroffenen Kinder und Ju-             Zudem fühlen sich viele Lehrkräfte mit der För-
gendlichen also auch für die Gesellschaft gra-             derung leistungsstarker oder begabter Kinder
vierend (vgl. Mönks, 2003, S. 4). Kinder aus so-           und Jugendlicher häufig überfordert. Deutlich
zial schwächeren oder bildungsfernen Famili-               wurde in einer Untersuchung zur Begabtenför-
en werden nachgewiesenermaßen deutlich sel-                derung durch Netzwerkbildung, dass Lehrer
tener als begabt oder besonders begabt iden-               und Lehrerinnen die Begabtenförderung eher
tifiziert als Kinder aus oberen sozialen Schich-           als Sonderthema, wenn nicht gar als Luxusthe-
ten. Mitunter gibt es doppelte Benachteiligun-             ma betrachten, also als nicht zum eigentlichen
gen z. B. aufgrund des Migrationshintergrun-               Kerngeschäft gehörend. Selbst wenn Schulen
des oder des Geschlechtes. Bedeutsam ist z. B.             die Notwendigkeit der Förderung erkannt hät-
die mangelhafte Identifikation begabter Mäd-               ten, so bliebe sie ein Sonderthema, da das
chen und Frauen mit bestimmten Bereichen (in               „Kerngeschäft“ die Ressourcen und Kapazitä-
den MINT-Fächern z. B.). So konnten auch                   ten auffräße: Schulen seien aktuell mit Lern-
durch das Frühstudium nicht mehr Mädchen                   standserhebungen und Standardorientierung
bzw. junge Frauen für die „typisch männlichen“             etc. als Konsequenzen aus PISA beschäftigt,
Naturwissenschaften gewonnen werden. Auch                  so dass diese Formen der Individualisierung
der Migrantenanteil ist äußerst gering. Das Vor-           aus Zeit- und Systemgründen kaum umzusetzen
urteil, dass man innerhalb dieser Gruppen kei-             seien. In einem System, dass auf die Beschu-
ne Begabungen finden könne, hält sich fataler-             lung großer Gruppen ausgerichtet sei, sei die
weise hartnäckig.                                          Förderung einzelner ein Mythos und eine Zu-
                                                           mutung (vgl. Solzbacher 2006).
In der qualitativen Befragung dieser Studie fin-
det sich häufig die Annahme auf Seiten der Lehr-           Oft wird verkannt, dass Schulen Begabungser-
kräfte, dass akademische Eltern ihre Kinder                kennung und Begabungsförderung leisten müs-
mehr fördern bzw. einen hohen Erwartungs-                  sen (also alle Kinder und ihre Begabungen ken-
druck auf ihre Kinder ausüben. Diese Annahme               nen und fördern sollten) und erst in einem wei-
scheint aber nicht dazu zu führen, dass sich die           teren Schritt dann Begabtenförderung (die För-
Schulen dafür verantwortlich fühlen, Kinder von            derung derer, die dann als besonders begabt di-
Nicht-Akademikern so zu fördern, damit auch                agnostiziert wurden). So schwer sich häufig
diese ein Frühstudium ergreifen. Diese Haltung             Schulen mit der Begabungsdiagnostik und -för-
wird bei einigen befragten Lehrern und Lehrerin-           derung tun, so schwer tun sie sich auch mit der
nen dadurch verstärkt, dass sie annehmen, Be-              Begabtenförderung. Dies sieht man u.a. daran,
gabungen seien genetisch bedingt und von den               dass nur relativ wenige der an der Befragung be-
Eltern vererbt. Dieses und die Tatsache, dass              teiligten Schulen Enrichmentmöglichkeiten in-
die Lehrkräfte kaum andere diagnostische Ver-              nerhalb des Unterrichts anbieten (z.B. verschie-
fahren als die Feststellung der Leistung durch             dene Maßnahmen der inneren Differenzierung.

Deutsche Telekom Stiftung   Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“                                                     13
Lediglich außerschulische werden häufiger ge-            4.2
     nutzt, z. B. Teilnahme an Wettbewerben) und              Begabung mit Leistung gleichzusetzen,
     daran, dass noch weniger die Möglichkeiten               schließt bestimmte begabte Jugendliche aus.
     der Akzeleration nutzen (wie z.B. das Übersprin-         Erfahrene Lehrer und Lehrerinnen wissen, dass
     gen von Klassen oder der Unterrichtsbesuch in            ein gutes Zeugnis nicht der einzige Hinweis auf
     höheren Klassen).                                        besondere Begabungen oder gar Hochbega-
                                                              bungen ist. Deshalb sollten weitere Beobachtun-
     Da die Betreuung des Frühstudiums durch die              gen angestellt werden, die auf eine besondere
     Schule nur unzureichend vorhanden ist und es             Begabung hinweisen. Wenn primär die Hoch-
     weitgehend den Schülern und Schülerinnen                 leistenden und Motivierten zum Frühstudium
     überlassen bleibt, das Frühstudium zu organi-            zugelassen werden, so erreicht man damit be-
     sieren, gibt es für Nichtakademikerkinder und            stimmte Gruppen nicht.
     besonders für Kinder aus bildungsfernen
     Schichten eine mehrfache Hürde:                             So genannte „Underachiever“ (Minderleister,
     a) Sie werden vermutlich von ihren Eltern weni-             die unter ihren Fähigkeiten bleiben) werden
        ger bestärkt, ein Frühstudium aufzunehmen,               mit diesem Auswahlverfahren nicht erfasst
        da die Eltern nicht mit dem Universitäts-Be-             und nehmen nicht am Frühstudium teil. Ge-
        trieb vertraut sind.                                     rade sie erschweren die Diagnostik, da häu-
     b) Sie können durch die Eltern während des                  fig Verhaltensauffälligkeiten und schlechte
        Studiums vermutlich weniger unterstützt und              Leistungen den Blick auf die tatsächliche
        beraten werden.                                          Leistungsfähigkeit verstellen.
                                                                 Spezialbegabte werden häufig nicht für ein
     Eben dies sind fatalerweise auch die Argumen-               Frühstudium vorgeschlagen, aus Sorge die
     te einiger Lehrkräfte, diese Jugendlichen nicht             Leistungen in anderen Fächern könnten drun-
     für ein Frühstudium vorzuschlagen. Vergleicht               ter leiden.
     man dies mit den diversen Vorteilen, die ein
     Frühstudium laut Befragung bietet (Berufsori-            Auch hier bestätigen sich Ergebnisse anderer
     entierung, Selbstbewusstsein, Verbesserung               Untersuchungen. So ergab eine Untersuchung
     des Lern- und Arbeitsverhaltens, Lebenslaufre-           zur Individuellen Förderung in der Schule (Kun-
     levanz etc.), so wird deutlich, dass sich diese          ze/Solzbacher 2007) auf die Frage an Lehrkräf-
     Benachteiligungen durch die gesamte Bildungs-            te: Welche Voraussetzung muss ein Schüler
     biografie ziehen.                                        bzw. eine Schülerin erfüllen, um individuell ge-
                                                              fördert zu werden, dass 90 % der Online-Be-
     Das Frühstudium wäre jedoch gerade ein wich-             fragten antworten: Die Schüler und Schülerin-
     tiges Instrument für die, von Bildungspolitik und        nen müssen es wollen.
     Wissenschaft immer wieder angemahnte, „Mo-
     deration der Übergänge“. Der Übergang von                Die Antwort auf diese Frage scheint von beson-
     Schule in Hochschule ist eine wichtige Entwick-          derer Bedeutung für die Umsetzung von Bega-
     lungsaufgabe und eine wichtige Statuspassa-              bungsförderung in der Schule zu sein. Offen-
     ge. Gerade durch das Frühstudium ließen sich             sichtlich haben die Schüler und Schülerinnen
     Schwellenängste bei Jugendlichen abbauen,                selber eine „Bringschuld“, bevor sie (individuell)
     die sonst eher weniger mit akademischem Milieu           gefördert werden. Wie ist dies zu interpretie-
     vertraut sind. Dies ist nicht zuletzt deshalb wich-      ren? Natürlich können Schüler und Schülerin-
     tig, da die OECD-Bildungsstudie von 2007 vor ei-         nen nicht gegen ihren Willen gefördert werden,
     nem Akademikermangel in Deutschland warnt.               aber wieweit geht dann das Engagement für

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Frühe Bildung                  Weiterführende Schule   Hochschule   Innovation

Schüler und Schülerinnen, die sehr zurückhal-              4.3
tend oder gelangweilt sind oder durchaus                   Abbrecher nicht wahr zu nehmen, kann zu
schwierig oder gar verhaltensauffällig, wie z.B.           unerwünschten Folgen führen.
nicht selten hochbegabte Jungen? Geben die-                Die Abbrecherquote wird zu wenig dokumen-
se kein Signal, dass sie würdig wären, geför-              tiert. Für alle Schülerstudierenden aber gilt:
dert zu werden?                                            Wenn die Abbrecher nicht wahrgenommen wer-
                                                           den (weder von Schule noch von Universität!),
Begabungsförderung betrifft sowohl das „Her-               so können sich bei denen, die wegen Überfor-
vorbringen“ und Selbstentdecken der individu-              derung das Frühstudium aufgegeben haben,
ellen Fähigkeiten, die Ermutigung des Kindes               Misserfolgserlebnisse festsetzen, die unbetreut
oder Jugendlichen als auch das Aufbauen ei-                und unausgesprochen bleiben. Das hat sowohl
nes systematischen und zielführenden Lern-                 für den einzelnen Jugendlichen als auch für die
und Arbeitsverhaltens. Das gilt auch für                   Universität, möglicherweise vermeidbare, Kon-
(Hoch)Begabte. Deren Begabungen setzten                    sequenzen. Die Fachkoordinatoren und -koordi-
sich nicht von alleine in Leistung um. Das Früh-           natorinnen an den Universitäten (besonders in
studium wäre gerade ein wichtiges Instrument               den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fä-
für die Motivation der aufgrund von Langewei-              chern) weisen in der qualitativen Befragung im-
le aus dem Schulsystem sich absentierenden                 mer wieder auf die Bedeutung einer gelunge-
(hoch)begabten Jugendlichen. Diese Motivati-               nen Vorauswahl durch die Schule hin. Überfor-
on wiederum wäre eine wichtige Grundlage für               derte Schülerstudierende könnten andernfalls
die Bereitschaft zu einem angemessenen Lern-               durch die Vorlesungen von einem späteren Stu-
und Arbeitsverhalten. Aus amerikanischen Stu-              dium dieser Fächer abgehalten werden und sei-
dien wissen wir z. B., dass die Mehrzahl der               en möglicherweise für immer für das Fach ver-
hochbegabten Schülerstudierenden erleichtert               loren. Zudem besteht die Gefahr, dass hoch-
ist, einer Schulsituation entkommen zu sein, in            leistende Schüler und Schülerinnen, die bisher
der sie als Streber oder als „Gehirn“ bezeich-             kaum Misserfolge gewöhnt waren, durch das
net worden waren. Sie bezeichnen die Schule                Frühstudium eine Irritation ihres Selbstkonzep-
häufig als „academic dead end“ (vgl. Heinbokel             tes erfahren, die durchaus auch negativ auf die
2004). Dies kann schnell zu fatalen „Schüler-              schulischen Leistungen zurückwirken kann. Lei-
karrieren“ führen. Als Schülerstudierende muss-            der fehlen wissenschaftliche Untersuchungen
ten sie sich zum ersten Mal im Leben für gute              über die soziale und emotionale Entwicklung
Leistungen anstrengen, während sie sich nicht              der Schülerstudierenden. Man kann hier nur
mehr bemühen mussten, ihre Fähigkeiten und                 auf Untersuchungen aus den USA zurück-
Interessen zu verstecken (vgl. Heinbokel 2004).            greifen.
Dieses Verstecken der eigenen Fähigkeiten zu-
gunsten eines angepassten, unauffälligen Ver-              Deshalb kommt es auch hier maßgeblich da-
haltens finden wir nicht selten bei hochbegab-             rauf an, wie Schulen die potenziellen Schüler-
ten Mädchen.                                               studierenden auswählen: Haben die Schüler
                                                           und Schülerinnen in einzelnen Bereichen ein
                                                           sehr hohes Detailwissen; ist ihre Sprache aus-
                                                           drucksvoll, ausgearbeitet und flüssig; durch-
                                                           schauen sie sehr genau Ursache-Wirkung-Be-
                                                           ziehungen; erkennen sie bei schwierigen Aufga-
                                                           ben zugrunde liegende Prinzipien; weisen ihre
                                                           Problemlösungen ein hohes Maß an Kreativität

Deutsche Telekom Stiftung   Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“                                                     15
auf; sind sie motiviert und gehen in bestimm-            lichen Arbeitens vertraut gemacht. Die Schule
     ten Problemen völlig auf; sind sie ist bei Routi-        zeigt so u.a. auch Interesse an den Schülerstu-
     neaufgaben leicht gelangweilt; arbeiten sie gern         dierenden und ihrer außerschulischen Arbeit,
     unabhängig, um hinreichend Zeit für das Durch-           die Schülerstudierenden können das in der Uni-
     denken eines Problems zu haben; setzen sie               versität Gelernte im späteren Verlauf noch ein-
     sich hohe Leistungsziele und lösen (selbst-)ge-          mal vertiefen und sind keine „Exoten“ im System
     stellte Aufgaben mit einem Minimum an Anlei-             Schule, sondern finden Gleichgesinnte und An-
     tung und Hilfe durch Erwachsene; können sie              sprechpartner für mögliche Probleme. Zweifel-
     gut Verantwortung übernehmen und erweisen                los benötigen Jugendliche, die bereits studie-
     sie sich in Planung und Organisation als zuver-          ren, auf Dauer aber eine auf Selbsttätigkeit und
     lässig und ist er/sie als begabt identifiziert wor-      individuelle Förderung ausgerichtete Unter-
     den, bringt er/sie aber eher weniger gute schu-          richtskultur, die auf ihren jetzt noch deutlicher
     lische Leistungen usw. (vgl. Bundesministeri-            erweiterten Kenntnis- und Interessensstand ein-
     um für Bildung und Forschung 2003, S.23 f.)?             geht.

     4.4                                                      Universität und Schule müssen stärker als bis-
     Vorbereitung auf wissenschaftliches Arbei-               her den Kontakt miteinander suchen, um die
     ten und mehr Informationen zum Frühstudium               Informationspolitik in Schulen zu verbessern
     als wichtiger Unterstützungswunsch der                   (die Auswahl der Schüler und Schülerinnen und
     Schülerstudierenden an die Schule.                       die besonderen Herausforderungen betreffend)
     Schülerstudierende sind mit der Betreuung                und die Entwicklung der Schülerstudierenden
     durch die Schulen u. a. unzufrieden im Hinblick          und ihre optimale Förderung gemeinsam zu be-
     auf die Vorbereitung auf das Frühstudium. Wis-           raten. Sinnvoll wäre es hierfür, z.B. mitwirkende
     senschaftliches Erarbeiten und die Präsentati-           Lehrkräfte in den Universitäten für diesen Be-
     on von Inhalten würden während der Schulzeit             reich fächerbezogen zu gewinnen.
     zu wenig gelernt. Hier haben die Studierenden
     im Universitätsalltag gemerkt, dass ihnen Kom-           4.5
     petenzen fehlen, die dem Bereich „Studierfä-             Viele Schulen sind nicht informiert über die
     higkeit“ zuzuordnen sind.                                Möglichkeit eines Frühstudiums.
                                                              Woran mag es also bei so viel positivem Feed-
     Hier wird einmal mehr deutlich, dass das Früh-           back der Jugendlichen liegen, dass dennoch
     studium nicht alleine Aufgabe der Universitä-            einige Schulen, z.B. vor allem im näheren Um-
     ten ist. Die große Relevanz von Lernprozessen            feld von Universitäten, das Angebot zum Früh-
     wird für die Begabtenförderung allzu häufig              studium nicht nutzen und Schüler und Schüle-
     übersehen: „Lernen ist der entscheidende Me-             rinnen nicht auf diese Möglichkeiten aufmerk-
     chanismus bei der Transformation hoher Bega-             sam machen? Die weiten Anfahrtswege kön-
     bung in exzellente Leistung“ (Weinert 2000).             nen es nicht sein, denn nicht wenige Jugendli-
     Dies trifft auch auf die Vorbereitung für ein Früh-      che weiter entfernter Schulen nehmen diese in
     studium zu. Einige Schulen richten hierfür spe-          Kauf. Es mangelt, wie diese Befragten immer
     zielle schulische Arbeitsgruppen für Schüler-            wieder betonen, an guter Presse- oder Informa-
     studierende ein, die von einem Lehrer bzw. ei-           tionspolitik der Universitäten, aber auch an Fort-
     ner Lehrerin, häufig aber auch von bereits erfah-        bildungen in Fragen der Begabtenförderung.
     renen Schülerstudierenden durchgeführt wer-              Einige Lehrer und Lehrerinnen (besonders an
     den. Vor Antritt des Frühstudiums werden die Ju-         Gesamtschulen) stehen dieser Form von För-
     gendlichen u.a. mit Methoden des wissenschaft-           derung skeptisch gegenüber, da insgesamt zu

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Frühe Bildung                     Weiterführende Schule          Hochschule                       Innovation

viele Schulstunden ausfallen. Wie wir an den                   die Schulen mehr Informationen über deren An-
de facto ausfallenden Stundenzahlen sehen,                     gebote. Die Frühstudierenden wiederum wün-
muss dies nicht der Fall sein. Aus Untersuchun-                schen sich mehr Unterstützung und Rückende-
gen zur Begabtenförderung an Schulen wissen                    ckung von Seiten ihrer Schulen. Doch gerade
wir auch, dass häufig Schulen ihre „Besten“, ih-               die Schulen stehen aktuell vor großen Heraus-
re „Zugpferde“ nicht abgeben wollen, z.B. für ein              forderungen und haben zahlreiche Reformen
Schulform übergreifendes Drehtürmodell usw.                    zu bewältigen. Sie benötigen daher fachliche
(vgl. Solzbacher 2006).                                        aber auch strukturelle Unterstützung (Fortbil-
                                                               dungen und Entlastungen bzw. auf die neuen
Fazit                                                          Anforderungen abgestimmte Rahmenbedin-
Das Frühstudium ist etabliert und wird von den                 gungen) um die Begabungen von Kindern und
teilnehmenden Schülerinnen und Schülern sehr                   Jugendlichen besser diagnostizieren und för-
positiv bewertet. Es ist ein ausgezeichnetes und               dern zu können. Denn mehr individuelle Förde-
schlankes Instrument der Akzeleration und des                  rung ist eine der notwendigsten Innovations-
Enrichments von Hochleistern und Hochbegab-                    aufgaben für ein leistungsfähiges und chancen-
ten. Nachdem das Modell nun am Großteil der                    gerechteres Bildungssystem.
Universitäten eingeführt wurde, erhoffen sich

Verwendete Literatur.
Bellenberg, G./im Brahm, G. (2004/05): Bisher unver-           Kunze, I./Solzbacher, C. (Hrsg.) (2008): Individuelle Förde-   H. (Hrsg.): Begabtenförderung als Aufgabe und Herausfor-
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forschung des Projektes „SchülerUni“ der Uni Bochum.
                                                               Mönks, F. u. a. (2003): Wichtige Aspekte der Identifikation    Tillmann, K.-J. (2004): System jagt Fiktion. Die homogene
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                                                                                                                              Weinert, F. E.: Lernen als Brücke zwischen hoher Bega-
Deutsche Telekom Stiftung: Dokumentation der Fachta-           Solzbacher, C./Heinbokel, A. (Hrsg.) (2002): Hochbegabte       bung und exzellenter Leistung, Vortrag Salzburg 13.10.2000
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(Hrsg.): Hochbegabte in der Schule – Identifikation und        desinstitut für Schule/Qualitätsagentur NRW (Hrsg.): Frem-     land 2006. – Ausgewählte Ergebnisse – http://www.bmbf.
Förderung. Münster, S. 26–42.                                  des vertraut machen – mit Sprachen zur Kultur. Bericht         de/pub/wsldsl_2006_kurzfassung.pdf
                                                               über eine Schülerakademie im Rahmen der Begabtenför-
Heinbokel, A.(2004): Während der Schulzeit an die Uni?!.       derung. Soest, S.69–85.
In: Uhrlau, K. (Hrsg.) (2004): Keine Angst vorm hochbegab-
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Deutsche Telekom Stiftung       Empirische Studie „Frühstudium – Schüler an die Universität“                                                                                         17
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