Gelebte Utopien Für mehr Zukunft im Hier und Jetzt - Christliche Initiative Romero eV

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Gelebte Utopien Für mehr Zukunft im Hier und Jetzt - Christliche Initiative Romero eV
www.ci-romero.de

  Bulletin der Christlichen Initiative Romero 1/2020   Eine Stimme für Gerechtigkeit

                                                                  ALA
                                                         GUATEM
                                                            Ein Dorf
                                                                    t
                                                            verbann ik
                                                                  last
                                                          Einwegp )
                                                                (Seite 24

        Gelebte Utopien
        Für mehr Zukunft im Hier und Jetzt
Gelebte Utopien Für mehr Zukunft im Hier und Jetzt - Christliche Initiative Romero eV
Editorial

    Liebe Leser*innen, liebe Freund*innen,
       Durch den Klimawandel ausgelöste Kata-              Und auch wir, als Christliche Initiative
    strophen, das auf globaler Ausbeutung fuß-           Romero, haben eine Vision, zu deren Errei-
    ende Wirtschaftssystem und der Zerfall der           chen wir mit unserer Arbeit beitragen wollen.
    demokratischen Ordnung in vielen Ländern             Es ist die Vision von einer gerechten und soli-
    der Welt… Es fällt schwer, sich von diesen Re-       darischen Welt, in der ein Gutes Leben für alle
    alitäten nicht erdrücken zu lassen und optimi-       möglich ist. Es ist eine Welt frei von Diskrimi-
    stisch in die Zukunft zu blicken. Noch größer        nierung und Gewalt, die von einer vielfältigen
    ist die Hürde, mutig zu sein und selbst für          Gesellschaft getragen wird. In dieser Welt steht
    Veränderung zu sorgen.                               der Mensch im Mittelpunkt eines anderen
       Doch genau in diesen Zeiten sind Visionen         Wirtschaftssystems, das allen Zugang zu wür-
    – und konkrete, gelebte Modelle – einer              diger Arbeit bietet und die natürlichen
    anderen Zukunft wichtig.                             Lebensgrundlagen erhält.
       Und sind zudem nicht gerade jetzt die Be-            Dies lässt sich sicherlich leicht als „reine
    dingungen günstig, um Gegenentwürfe zur              Utopie“ belächeln. Doch wir glauben, dass
    aktuellen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen       sich gesellschaftlicher Fortschritt nur errei-
    und politischen Ordnung zu zeichnen? Um im           chen lässt, wenn wir den Status-Quo kritisch
    Kleinen oder Großen einen alternativen Weg           in Frage stellen und Gegenentwürfe ent-
    einzuschlagen? Kurz: Um Utopien zu wagen?            wickeln.
       Wir meinen: Ja!                                      Mit eben dieser Perspektive setzt sich diese
       Denn trotz der multiplen globalen Krisen          Ausgabe auseinander: Sind Utopien immer
    gab es auf der Welt noch nie zuvor so viel           undurchführbare Modelle? Oder können sie
    Sicherheit, Freiheit und Bildung wie zum ge-         ganz praktisch gelebt werden? Um das zu
    genwärtigen Zeitpunkt. Das sind förderliche          beleuchten, stellen wir unter anderem die
    Voraussetzungen; mindestens, um alterna-             Bewegung selbstverwalteter Wassergenos-
    tive Konzepte zu skizzieren, wenn nicht gar,         senschaften in El Salvador sowie ein alterna-
    um diese zu leben.                                   tives Wohnprojekt in Deutschland vor, lassen
       Unsere Partnerorganisationen in Mittel-           unsere Partner*innen aus Mittelamerika zu
    amerika engagieren sich täglich für eine an-         Wort kommen und sprechen mit dem Politik-
    dere Welt in ihrem Widerstand gegen das zer-         wissenschaftler Ulrich Brand über die Not-
    störerische Wirtschaftsmodell, welches zu            wendigkeit radikaler Alternativen auf dem
    Landraub, Umweltschäden und der Priva-               Weg zu einer gerechteren, besseren Zukunft.
    tisierung kommunaler Güter führt, oder in               In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine
    ihrem Einsatz für die Überlebenden von sexu-         motivierende Lektüre!
    eller Gewalt in einer machistischen Gesell-
    schaft.                                              Ihr CIR-Team

                                                                                                  www.ci-romero.de

                                                                                                    Bulletin der Christlichen Initiative Romero 1/2020   Eine Stimme für Gerechtigkeit

                                                                                                                                                                    ALA
                                                                                                                                                           GUATEM
                                                                                                                                                              Ein Dorf
                                                                                                                                                              verbannt
                                                                                                                                                                       stik
                                                                                                                                                            Einwegpla )
                                                                                                                                                                     4
                                                                                                                                                                  (Seite2

                                                      „Die Welt wieder großartig machen“:
                                                          Die Titelseite zeigt eine Szene einer
                                                        Fridays for Future-Demonstration im
                                                 September 2019 im italienischen San Remo.
                                             Foto von Tommi Boom,flickr.com, CC BY-SA 2.0                 Gelebte Utopien
2
                                                                                                          Für mehr Zukunft im Hier und Jetzt
    presente 1/2020                      (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0).
Gelebte Utopien Für mehr Zukunft im Hier und Jetzt - Christliche Initiative Romero eV
presente 1/2020
                                                                                                                                                                      Inhalt

                                    THEMA
                                Gelebte Utopien

                                 4   JOANA EINK (CIR)                                                                12    PEDRO CABEZAS
                                     Von der Vorstellung einer                                                             Lokale Selbstverwaltung und
                                     besseren Zukunft                                                                      landesweite Mobilisierung
                                     Eine thematische Kurzeinführung                                                       Wasserversorgung in den Händen
                                                                                                                           der Bevölkerung – El Salvador
                                6    CHRISTIAN WIMBERGER (CIR)
                                     „In den Widerständen                                                            15    MARITZA PAREDES
                                     scheinen Bestandteile eines                                                           Ein Leben frei von Gewalt
                                     besseren Lebens auf“                                                                  Reine Utopie für Frauen in Honduras?
                                     Im Gespräch mit Politikwissenschaftler
                                     Ulrich Brand
                                                                                                                       KAMPAGNE
                                9    JOHANNA FINCKE (CIR)
                                     Das ist unser Haus                                                              27 PATRICK NIEMANN (CIR)
                                     Wohnen vom Kopf auf die Füße                                                       FAIR TOYS ORGANISATION –
                                     gestellt – Deutschland                                                             ein großer Schritt für würdige
                                                                                                                        Arbeitsbedingungen

                                    MITTELAMERIKA Länderberichte                                                       ÜBER UNS
                                18   MAIK PFLAUM (CIR)                                                               30 Neues aus der CIR
                                     EL SALVADOR
                                                                                                                     31 Bestellschein
                                     El Presidente más cool?
FOTO: GERD ALTMAN AUF PIXABAY

                                21   KIRSTEN CLODIUS (CIR)
                                     NICARAGUA
                                     Wenn die Ausnahme zur
                                     Regel wird                                                                        Diese presente könnte auch andere Personen oder
                                                                                                                       Gruppen in Ihrem Umfeld interessieren? Bestellen Sie
                                24 FRANZISKA MENGE (CIR)                                                               gerne mit einer Mail (cir@ci-romero.de) oder einem
                                   GUATEMALA                                                                           Anruf (0251-674413-0) gratis weitere Exemplare zum
                                                                                                                       Verteilen im Kollegium, der Freizeitgruppe und dem
                                   Ein Dorf verbannt
                                                                                                                       Bekanntenkreis!
                                   Einwegplastik

                                Impressum

                                                                                Redaktion:                                                        Spenden an die CIR
                                                                                Kirsten Clodius, Joana Eink (V.i.S.d.P.) ,                        DKM Darlehnskasse Münster
                                                                                Johanna Fincke, Lou Gerlach,                                      IBAN DE67 4006 0265 0003 1122 00
                                Eine Stimme für Gerechtigkeit
                                                                                Franziska Menge, Thorsten Moll,                                   BIC GENODEM1DKM
                                                                                Anne Nibbenhagen, Patrick Niemann,
                                Herausgeberin:                                  Maik Pflaum, Albrecht Schwarzkopf,                                Geprüft und empfohlen.
                                Christliche Initiative Romero (CIR)             Tabitha Triphaus, Christian Wimberger                             Das DZI bescheinigt der
                                Schillerstraße 44a                                                                                                Christlichen Initiative
                                D-48155 Münster                                 Lektorat: Joana Eink,                                             Romero einen verant-
                                Telefon +49 (0) 251 - 67 44 13 -0               Melanie Ulrich-Märsch                                             wortungsvollen Umgang
                                Fax +49 (0) 251 - 67 44 13 -11                  Druck: Druckservice Roxel,                                        mit Spendengeldern.
                                cir@ci-romero.de                                Münster, März 2020
                                www.ci-romero.de                                Layout: Edith Jaspers                                                                                      >
                                                                                Gedruckt auf 100% Recyclingpapier
                                                                Teile der Veröffentlichung wurden durch ENGAGEMENT GLOBAL im Auftrag des BMZ gefördert.
                                                                Für den Inhalt dieser Publikation ist allein die Christliche Initiative Romero e.V. verantwortlich;
                                                                die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt von Engagement Global gGmbH                 presente 1/2020       3
                                                                und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wieder.
Gelebte Utopien Für mehr Zukunft im Hier und Jetzt - Christliche Initiative Romero eV
Von der Vorstellung einer

                           BESSEREN
                           ZUKUNFT
Im 19. und 20. Jhd. waren viele
Denker*innen überzeugt, dass
der technologische Fortschritt
das Leben der Menschen immer
angenehmer machen würde.
Heute erzeugen manche Technik-
Visionen bei vielen Menschen
Unbehagen. Progressive
Bewegungen sind sich einig:
Der Schlüssel für eine bessere
Zukunft liegt in der Veränderung
sozialer Strukturen im Einklang
mit der Umwelt.

    Seit jeher beschäftigt sich die Menschheit mit mal mehr, mal weniger fantastischen, von der
    Realität entrückten Ideen einer anderen Gesellschaft. Gegenwärtig werden die Visionen
    konkreter. Es geht nicht mehr vorrangig um unrealistische Vorstellungen, deren Erreichen gar
    nicht Teil der Idee sind, sondern zunehmend um konkrete, gesellschaftsverändernde Modelle.
    Utopien werden tatsächlich „machbar“, was in Zeiten des Kapitalismus, der unaufhaltsam
                                                                                                   FOTO:

    scheint, von großer Bedeutung ist. TEXT: JOANA EINK (CIR)

   4   presente 1/2020
Gelebte Utopien Für mehr Zukunft im Hier und Jetzt - Christliche Initiative Romero eV
Thema
                                                                                                                                                                                                                                               Gelebte Utopien

                                                                                                                                                 D     er Begriff „Utopie“ wurde
                                                                                                                                                       zum ersten Mal im Jahr 1516
                                                                                                                                                 verwendet, als der englische Humanist
                                                                                                                                                                                                                           zentrale und vielzitierte Aussage
                                                                                                                                                                                                                           Greta Thunbergs: „I want you to panic“
                                                                                                                                                                                                                      („Ich will, dass ihr in Panik geratet“). Auf die
                                                                                                                                                 Thomas More, auch Morus genannt, seinen                             Ziele könnten sich Fridays for Future und
ILLUSTRATION: ADOBE STOCK, RADOMAN DURKOVIC; FOTOS: ZIKO VAN DIJK UNTER CC BY-SA 4.0 (HTTPS://CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/4.0/DEED.DE),
UNCLIMATECHANGE FLICKR.COM; 21©GRETA PRESS CONFERENCE COP25 DAY 9 UNTER CC BY-NC-SA 2.0 (HTTPS://CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-NC-SA/2.0),

                                                                                                                                                 Roman „Utopia“ veröffentlichte. Er erzählt                          Welzer hingegen wahrscheinlich einigen. Er
                                                                                                                                                 von der Insel Utopia, auf der eine Staatsord-                       fordert z. B. eine Abkehr vom Wachstums-
                                                                                                                                                 nung herrscht, die keinerlei Gemeinsamkeiten                        zwang der Wirtschaft. Eine konkrete Vorstel-
                                                                                                                                                 mit dem in Europa zur damaligen Zeit gül-                           lung ist die der autofreien Städte.
                                                                                                                                                 tigen politischen und gesellschaftlichen Sys-                          Laut Welzer braucht es (mehr) positive Zu-
                                                                                                                                                 tem aufweist. Eine ganz und gar fantastische                        kunftsszenarien, damit wir Menschen unser
                                                                                                                                                 Vorstellung, die nicht zum Ziel hatte, als er-                      „Gestaltungsmandat“2 wahrnehmen. Da ist
                                                                                                                                                 reichbares Ideal zu fungieren, sondern die                          viel Wahres dran. Umgekehrt kann es auch
                                                                                                                                                 Fehler und Schwächen des bestehenden                                frustrierend sein, wenn gewagte Alternativen
                                                                                                                                                 Systems aufzeigen sollte.                                           immer wieder als weltfremd abgetan werden.
BOND VAN NEDERLANDSE ARCHITECTEN UNTER CC BY 2.0 (HTTPS://CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY/2.0/DEED.DE)

                                                                                                                                                    Doch in den vergangenen 500 Jahren hat                              Hier verweist der niederländische Histori-
                                                                                                                                                 sich vieles verändert. Auch heute noch sind es                      ker Rutger Bergman ermutigend auf
                                                                                                                                                 die als unzulänglich und untragbar empfun-                          den Faktor Zeit: „Echte Verände-
                                                                                                                                                 denen Symptome einer Gesellschaftsform,                             rung kommt immer von den ge-
                                                                                                                                                 die die Entwicklung alternativer Konzepte                           sellschaftlichen Rändern. Dann
                                                                                                                                                 erst motivieren. Der heutige Gebrauch des                           werden die Ideen erst als lächer-
                                                                                                                                                 Wortes Utopie entfernt sich jedoch immer                            lich und irrelevant abgetan, be-
                                                                                                                                                 öfter von seiner ursprünglichen Bedeutung                           vor sie sich verbreiten. Vor zehn
                                                                                                                                                                (Utopie ist ein griechisches                         Jahren wäre es unvorstellbar gewesen
                                                                                                                                                                   Kunstwort, welches über-                          für einen Historiker, mit einer Rede über Steu-
                                                                                                                                                                    setzt „Nicht-Ort“ heißt), in                     ern einen viralen Hit im Internet auszulösen.
                                                                                                                                                                    dem er die Realisierbarkeit                      Vor fünf Jahren hat fast niemand auf der Welt
                                                                                                                                                                    von Entwürfen einer bes-                         über die Idee eines bedingungslosen Grund-
                                                                                                                                                                    seren Zukunft impliziert.                        einkommens geredet – nun hat es mich nach
                                                                                                                                                                    So ruft uns der Sozial-                          Davos gebracht.“3
                                                                                                                                                 psychologe Harald Welzer regelrecht dazu                            Ein bestechendes Argument!
                                                                                                                                                 auf, utopischer zu denken und zu handeln.                              Rutger ist Autor des internationalen Best-
                                                                                                                                                 Dazu liefert er in seinem Buch „Alles könnte                        sellers „Utopien für Realisten“ und hat mit
                                                                                                                                                 anders sein: Eine Gesellschaftsutopie für freie                     seiner „Wut-Rede“ über Steuern beim World
                                                                                                                                                 Menschen“ sogar recht konkrete Anleitungen                          Economic Forum 2019 in Davos weltweite
                                                                                                                                                 für viele kleine Schritte, die, so seine These,                     Aufmerksamkeit erlangt. Außerdem hat er
                                                                                                                                                 zusammengenommen unsere Gesellschaft                                maßgeblich dazu beigetragen, dass ein
                                                                                                                                                 transformieren können.                                              bedingungsloses Grundeinkommen auf der
                                                                                                                                                    „Die Uhr ist eh auf 5-vor-12 stehengeblie-                       politischen Agenda angekommen ist.
                                                                                                                                                 ben“1, sagt er und meint damit, dass uns                            Eine erreichbare Utopie?
                                                                                                                                                 Horrorszenarien nicht weiterbringen. Da                                Wir alle sollten mutiger sein, sollten uns das
                                                                                                                                                 würden ihm wohl viele Aktivist*innen von                            dem Anschein nach Unvorstellbare vorstel-
                                                                                                                                                 Fridays for Future widersprechen, die unsere                        len, und, im besten Falle, mit einigen enga-
                                                                                                                                                 Politiker*innen auf die Dringlichkeit der                           gierten Wegbegleiter*innen ganz praktisch
                                                                                                                                                 Klimakrise hinweisen wollen. So lautet eine                         an seiner Umsetzung arbeiten.

                                                                                                                                                 1
                                                                                                                                                   https://www.deutschlandfunkkultur.de/sozialpsychologe-harald-welzer-schluss-mit-der.990.de.html?dram:article_id=444470
                                                                                                                                                 2
                                                                                                                                                   https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/21948-rtkl-harald-welzer-im-interview-warum-wir-mehr-utopie-wagen-sollten
                                                                                                                                                 3
                                                                                                                                                   https://www.fr.de/wirtschaft/wir-muessen-biest-kapitalismus-zaehmen-11746721.html                                   presente 1/2020   5
Gelebte Utopien Für mehr Zukunft im Hier und Jetzt - Christliche Initiative Romero eV
Eine Wandmalerei verbindet
                                                                                 den Stolz auf die Wasser-
                                                                                   genossenschaft mit der
                                                                             Erinnerung an die Gewalt des
                                                                                   bewaffneten Konflikts.

     Lokale Selbstverwaltung
     und landesweite Mobilisierung
     Wassergenossenschaften in El Salvador
     Kann etwas so Grundlegendes wie die Versorgung mit Trinkwasser eine gelebte Utopie sein?
     Die Wassergenossenschaften in El Salvador zeigen, dass aus einem Mangel Neues entstehen
     kann. Da der Staat viele Gemeinden nicht mit Trinkwasser versorgt, organisieren sich diese
     selbst und verwalten solidarisch die nötige Infrastruktur. Für Pedro Cabezas von unserer
     Partnerorganisation CRIPDES sind die Wassergenossenschaften eine Gegenbewegung
     zum herrschenden System der kommerziellen Verwertung und Privatisierung natürlicher
     Ressourcen. TEXT: PEDRO CABEZAS (CRIPDES), ÜBERSETZUNG: CHRISTIAN WIMBERGER (CIR)

     E  l Salvador befindet sich in einer Wasserkri-
        se. Das hängt mit der an sich geringen Ver-
     fügbarkeit von Wasser zusammen. Faktoren
                                                       bei. Diese Knappheit hat die Qualität und
                                                       Quantität der Trinkwasserversorgung in den
                                                       urbanen Räumen im letzten Jahrzehnt deut-
     wie die hohe Bevölkerungsdichte, die Entwal-      lich reduziert. Doch in ländlichen Regionen
     dung und die massive Wassernutzung durch          kommt die Versorgungskrise noch massiver
     Unternehmungen wie Zuckerrohrplantagen            zum Tragen. Hier erreicht die staatliche Was-
     tragen zur Verminderung der Wasserquellen         serversorgung nur 51 Prozent der Haushalte.

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Gelebte Utopien Für mehr Zukunft im Hier und Jetzt - Christliche Initiative Romero eV
Thema
                                                                                                Gelebte Utopien

                                  Die ländliche Bevölkerung
                                  organisiert sich selbst
                                  Angesichts der Unfähigkeit des salvadoriani-
                                  schen Staates, der Bevölkerung ihr Menschen-
                                  recht auf sauberes Trinkwasser zu garantie-
                                  ren, spielen die Wassergenossenschaften
                                  (spanisch: Juntas de Agua) als praktische Al-
                                  ternative eine zentrale Rolle zur Versorgung
                                  der ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppen.
                                  Die ca. 2.300 Genossenschaften erreichen
                                  ganze 500.000 Menschen, was ca. 40 Pro-
                                  zent der ländlichen Bevölkerung entspricht.
                                  Die gemeinschaftlichen Organismen werden
                                  von ehrenamtlichen Freiwilligen verwaltet         ENGAGEMENT
                                  und versorgen ihre Mitglieder gegen eine klei-
                                  ne Gebühr mit Wasser, das selbst installierte
                                                                                    NACH DEM DIENST
                                  Filteranlagen und Leitungssysteme durch-          IM KRANKENHAUS
                                  läuft. Sie agieren unabhängig von staatlichen
                                  Behörden und Unternehmen oder werden als          «Mein Name ist Marixa Janet Gonza-
                                  Teil der Vereine für kommunale Entwicklung        lez. Ich bin ausgebildete Krankenpflege-
                                  von den kommunalen Regierungen gebilligt.         rin und arbeite im Krankenhaus von
                                  Die Basis für eine Bewegung                       Suchitoto. Außerdem arbeite ich ehren-
                                  gegen Privatisierung                              amtlich im Vorstand der Wassergenos-
                                  Die Genossenschaften beschränken sich nicht       senschaft „Marianella García Villas“.
                                  auf technische Fragen der Wasserversorgung.       Ich bin die Sekretärin und schreibe z. B.
                                  Als Strukturen der Selbstverwaltung können
                                  sie Hundertausende Menschen für den sozia-
                                                                                    die Protokolle der Vollversammlungen.
                                  len Wandel und einen anderen Umgang mit           Meine Aufgabe ist es auch, die
                                  der Umwelt mobilisieren. In den 1970ern ar-       Quittungen zu erstellen. Wenn manche
                                  beiteten die Genossenschaften z. B. mit dem       Haushalte schon drei Monate nicht für
                                  Gesundheitsministerium in Kampagnen für
                                  die Müll- und Abwasserentsorgung zusam-
                                                                                    ihr Wasser gezahlt haben, weise ich die
                                  men. 50 Jahre nach ihrer Gründung setzen sie      Mitarbeiter*innen an, die Wasser ver-
                                  sich immer noch für die Rechte ihrer Mitglieder   sorgung einzuschränken. Manchmal
FOTO: CHRISTIAN WIMBERGER (CIR)

                                  und für Bedingungen ein, unter denen sie          muss ich auch Nachforschungen anstel-
                                  ihnen sauberes Wasser zur Verfügung stellen
                                  können. Auch heute spielen die Genossen-
                                                                                    len, wenn wir vermuten, dass Wasser
                                  schaften eine wichtige Rolle bei der Bildung      geraubt wird. Als Vorstand gehen wir
                                  multisektoraler Koalitionen der Zivilgesell-      dann mit den Mitarbeiter*innen zu den
                                  schaft wie zum Beispiel des Wasserforums          Familien und bitten sie, den Diebstahl
                                  und der Allianz gegen die Privatisierung des
                                  Wassers. Regelmäßig schaffen es diese Bünd-
                                                                                    einzustellen.»
                                  nisse, Tausende von Menschen auf die Stra- >                                                  >

                                                                                                              presente 1/2020       13
Thema
                   Gelebte Utopien

Eine Filteranlage – einige Genossenschaften
zapfen unterirdische Adern an,
andere holen das Wasser aus Bächen.                           an den Rand drängen. Die Zivilgesellschaft
                                                              stellt diesem Szenario Gesetzesentwürfe ent-
                                                              gegen, welche die Rolle der öffentlichen und
                                                              der genossenschaftlichen Verwaltung stärken
                                                              und das Menschenrecht auf Wasser fest-
                                                              schreiben.

                                                              Eine gelebte Alternative mit
                                                              vielen Herausforderungen
                                                              Aufgrund ihrer Effektivität und Langlebigkeit
                                                              stellen die Wassergenossenschaften ein prak-
                                                              tisch gelebtes Modell einer alternativen Ent-
                                                              wicklung dar. Die unmittelbare Wirkung die-
                                                              ser Zusammenschlüsse trägt dazu bei, eine
                                                              andere Erzählung über den Besitz und die
                                                              Verwaltung von Gemeingütern zu schaffen.
                                                              Die Gemeinschaften organisieren sich aus sich
                                                              heraus und eröffnen damit einzigartige Parti-
                                                              zipationsmöglichkeiten für die Bevölkerung,
                                                              sowohl was den Umgang mit Ressourcen, als
                                                              auch die Einforderung von Rechten betrifft. In
Der Vorstand der Genossenschaft „Marianella García            der Praxis sehen sich die Zusammenschlüsse
Villas“, links: Sekretärin Marixa Janet Gonzalez.             aber mit zahlreichen Herausforderungen
                                                              konfrontiert. Viele nationale Entwicklungs-
         ßen zu bringen. Aktuell wehrt sich die Bewe-         programme sind hierarchisch organisiert und
         gung der Wassergenossenschaften gegen die            unterlaufen so die gemeinschaftlichen Struk-
         Versuche rechter Parteien, die Wassernutzung         turen. Ihre Wirksamkeit variiert von Ort zu
         zu privatisieren bzw. teilweise der Kontrolle        Ort und hängt von den politischen und sozia-
         des Verbands privater Unternehmen zu unter-          len Dynamiken wie z. B. Wahlentscheidungen
                                                                                                               FOTOS: CHRISTIAN WIMBERGER (CIR), KIRSTEN CLODIUS (CIR)
         stellen. Dieser Ansatz würde die 2.300 Juntas        und der Präsenz staatlicher Institutionen ab.

            Für Trinkwasser – Gegen die Agroindustrie
            Z    uckerrohrplantagen verbrauchen in vielen Regionen El Salvadors enorme Wassermengen und
                 führen durch den Einsatz von Agrochemikalien wie Glyphosat zudem zu einer Kontaminierung
            des Wassers. Doch die finanzstarken Zuckerbarone können ihre politischen Interessen dennoch
            durchsetzen. Unsere Partnerorganisation CRIPDES kämpft gegen dieses System des ausbeuterischen
            Extraktivismus. Sie berät und mobilisiert Gemeinden, Wassergenossenschaften und landwirtschaft-
            liche Kooperativen, sodass diese ihre Gemeingüter verteidigen können.

                             Bitte unterstützen Sie den Einsatz von CRIPDES mit einer Spende.

                                                Stichwort «CRIPDES»

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