Grüne Infrastruktur Ruhr // - Regionalverband Ruhr

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Grüne Infrastruktur Ruhr // - Regionalverband Ruhr
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               Grüne Infrastruktur
               Ruhr //

                                Regionalverband Ruhr
Grüne Infrastruktur Ruhr // - Regionalverband Ruhr
Inhalt //
      Vorwort der Regionaldirektorin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5

      I.    Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6

      II.   Zum Begriff der Infrastruktur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7

      III. Grüne Infrastruktur – Ziele, Inhalte, Wirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8

            3.1. Innovationsleistungen der Grünen Infrastruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

      IV. Programmatische Ansätze auf den staatlichen Ebenen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16

            4.1 Europa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16

            4.2 Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19

            4.3 Nordrhein-Westfalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20

            4.4 Staatliche Fördermöglichkeiten für die Grüne Infrastruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21

      V.    Metropole Ruhr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24

            5.1 Tradition der regionalen Landschaftsentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25

            5.2 Auf dem Weg zur „Grünen Infrastruktur Ruhr“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27

                   5.2.1 Urbane Kulturlandschaft – Emscher Landschaftspark . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30

                   5.2.2 Wasser in der Stadt – Umbau des Emschersystems. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38

                   5.2.3 Grüne Stadtentwicklung – naturbasierte Lösungen in Städten und Quartieren . . . 46

                   5.2.4 Emissionsneutrale Mobilität – regionales Radwegesystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52

                   5.2.5 Klimaschutz und Steigerung der Energieeffizienz – lokale und regionale Projekte. . .60

            5.3 Grüne Dekade Ruhr 2017 – 2027 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68

      VI. Handlungsansätze in europäischen Städten und Regionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70

            6.1 Liverpool (UK) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
Grüne Infrastruktur Ruhr // - Regionalverband Ruhr
Inhalt //

       6.2 Mailand (IT) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72

       6.3 Milano – Lugano (IT und CH) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73

       6.4 Sheffield (UK) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74

       6.5 Vitoria-Gasteiz (ES) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75

VII. Akteure der grünen Infrastruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76

VIII. Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77

Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .           78
Abbildungsverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .               80
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .           82
Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    83

Abb. Titelseite: Ripshorstbrücke über den Rhein-Herne-Kanal / Oberhausen
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Abb. 1: Nordstern – Wandel eines Zechenstandortes / Gelsenkirchen

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Grüne Infrastruktur Ruhr // - Regionalverband Ruhr
Vorwort // Karola Geiß-Netthöfel

Vorwort //

Die Metropole Ruhr verfügt über eine lange         wirtschaftliche und soziale Bedeutung grüner
Tradition der regionalen Landschaftsentwick­       Infrastrukturen in das allgemeine Bewusstsein
lung, die fast 100 Jahre zurückreicht. Der         zu heben.
Regionalverband Ruhr steht seit seiner Grün-
dung im Jahr 1920 in dieser Tradition. Er trägt    Wir freuen uns deshalb darüber, dass der Bund
Verantwortung für den Erhalt und die Wei-          Deutscher Landschaftsarchitekten seine Jah-
terentwicklung des rund 460 Quadratkilome-         restagung der Grünen Infrastruktur widmet
ter umfassenden Emscher Landschaftsparks,          und sie im Herzen der Metropole Ruhr durch-
besitzt rund 16.000 ha Freiflächen, davon          führt. Mit der vorliegenden Broschüre wollen
14.500 ha Wald. Er betreibt sieben Revier- und     wir zum Gelingen dieser Fachtagung beitragen
Freizeitparks. Zu seinen Liegenschaften zählen     und zugleich einen Beitrag zur europaweiten
auch 3.000 ha an Flächen in 55 Naturschutzge-      Diskussion leisten.
bieten. Grüne Infrastrukturen gehören zu den
Kern­aufgaben des Regionalverbandes.               Wir verstehen die Diskussion auch als Ansporn
                                                   für die Bewältigung von anstehenden Aufga-
Über die Bereitstellung von Geo- und Klima­        ben in der Metropole Ruhr. Der Regionalverband
daten unterstützt der RVR die Kommunen bei         Ruhr wird das Thema Grüne Infrastruktur da-
der Planung von Maßnahmen zur Anpassung            her verstärkt in der Region diskutieren und die
an den Klimawandel. Zugleich treibt der RVR        Ergebnisse gemeinsam mit den Städten und
die Entwicklung des regionalen Radwegenetzes       Kreisen, den Planerinnen und Planern sowie
voran. Der in Entstehung begriffene Radschnell-    den Unternehmen umsetzen.
weg Ruhr RS1 wird auf rund 100 Kilometern ins-
gesamt zehn Städte miteinander verbinden.

Urbane Kulturlandschaften, Gewässerentwick-
lung, Stadtgrün, emissionsneutrale Mobilitäts-
systeme und Naturschutz gehören zusammen.
Diese Handlungsfelder ergänzen sich gegen-
seitig. Die aus dem Zusammenwirken entste-
henden Ergebnisse verbessern die Lebens- und       Karola Geiß-Netthöfel
Arbeitsbedingungen aller Menschen.                 Regionaldirektorin des Regionalverbandes Ruhr

Vor diesem Hintergrund begrüßen wir aus­drück­
lich die Initiativen der Europäischen Union, des
Bundes und der Landesregierung NRW zur
Grünen Infrastruktur. Auch aus unserer Sicht
ist es wichtig, die staatlichen Förder­systeme
entsprechend anzupassen und die ökologische,

Grüne Infrastruktur Ruhr //                                                                                                      5
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I. Einleitung //

    I. Einleitung //

                         Seit einigen Jahren weitet sich der Diskurs        Als einer der größten Ballungsräume Europas
                       über die Perspektiven von Landschaftsentwick­        verfügt die Metropole Ruhr über vielfältige
                       lung und nachhaltiger Stadtentwicklung zu ei-        Erfahrungen mit der Entwicklung regionaler
                       ner Diskussion über die Entwicklung von „Grü-        Strategien zur Sicherung, Vernetzung und er-
                       nen Infrastrukturen“ aus. An dieser ur­sprüng­lich   holungsbezogener Nutzbarmachung von Land­
                       von der EU-Kommission angestoßenen Debatte           schaftsräumen. Anhand verschiedener Beispiele
                       beteiligen sich in Deutschland die staatlichen       zeigt die Studie den Stand der Umsetzung und
                       Ebenen – zum Beispiel die Bundesregierung            erläutert die anstehende Weiterentwicklung
                       oder das Land Nordrhein-Westfalen – aber auch        der regionalen Strategien in Richtung eines in-
                       Wissenschaft, Umweltverbände und die Fach-           tegrierten Ansatzes der „Grünen Infrastruktur
                       verbände der Landschaftsarchitekten, des Gar-        Ruhr“.
                       ten-, Landschafts- und Sportstättenbaus oder
                       der Gartenamtsleiter.                                Durch Beispiele aus verschiedenen europäi-
                                                                            schen Ländern wird zudem dargestellt, welche
                       Die vorliegende Studie nimmt die Diskussions-        Strategien Städte oder Ballungsräume außer-
                       stränge auf und zeichnet verschiedene Ansätze        halb Deutschlands bei der Konzeption und
                       zur Begriffsdefinition und Erläuterung der Wir-      Implementierung von grünen Infrastrukturen
                       kungszusammenhänge nach.                             verfolgen.

                                                                                          Abb. 2: Bergpark Lohberg / Dinslaken

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Grüne Infrastruktur Ruhr // - Regionalverband Ruhr
II. Zum Begriff der Infrastruktur //

II. Zum Begriff
    der Infrastruktur //

  Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt       Einrichtungen der Erwachsenenbildung und
in Städten oder urbanen Ballungsräumen – mit         fördern neben der Berufsvorbereitung auch so-
steigender Tendenz. Als elementare Vorausset­        ziale und kulturelle Kompetenzen.
zung für das Zusammenleben in diesen Räu-
men gelten funktionsfähige Infrastrukturen.          Ein weiteres Merkmal von Infrastruktursyste-
                                                     men besteht in ihrer permanenten und dau-
Derartige Systeme werden gemeinhin definiert         erhaften Verfügbarkeit. Damit kommt der Be-
als „Grundausstattung einer Volkswirtschaft          standssicherung die gleiche Bedeutung zu wie
(eines Landes, einer Region) mit Einrichtungen,      dem weiteren Ausbau der Systeme. Je größer
die zum volkswirtschaftlichen Kapitalstock ge-       die Netze von Straßen, Schienen oder Was-
hören, die aber für die private Wirtschaftstätig-    serwegen, je umfangreicher der Bestand an
keit den Charakter von Vorleistungen haben.“1        Bildungseinrichtungen – desto größere Anteile
                                                     der Investitionen sind zur Bestandserhaltung
Die Gesamtheit der Infrastruktursysteme setzt        und Pflege der Systeme erforderlich.
sich aus materiellen, institutionellen und per-
sonellen Faktoren zusammen. Unter materiel-          Der daraus folgende Nutzen kommt allen Mit-
ler Infrastruktur wird „...1. die Gesamtheit aller   gliedern der Gesellschaft – von Einzelpersonen
Anlagen, Ausrüstungen und Betriebsmittel in          über Familien bis hin zu Unternehmern – zu
einer Volkswirtschaft verstanden, die zur Ener-      Gute und ist gekennzeichnet durch quantitative
gieversorgung, Verkehrsbedienung und Tele-           wie qualitative Dimensionen: Eine gute Wasser-
kommunikation dienen; hinzu kommen 2. die            versorgung sichert nicht nur den Transport der
Bauten usw. zur Konservierung der natürlichen        Flüssigkeit, sondern liefert gutes Trinkwasser für
Ressourcen und Verkehrswege im weitesten             alle.
Sinne und 3. die Gebäude und Einrichtungen
der staatlichen Verwaltung, des Erziehungs-          Die Weiterentwicklung infrastruktureller Sys-
und Forschungs- sowie des Gesundheits- und           teme kann deshalb auch nur gelingen, wenn
Fürsorgewesens“.²                                    viele öffentliche und private Akteure an den
                                                     entsprechenden nationalen oder regionalen
Infrastrukturelle Systeme sind grundsätzlich         Prozessen beteiligt werden.
mehrdimensional; sie zeichnen sich aus durch in-
haltliche Komplexität und gesamtgesellschaft­
liche Relevanz: Gut organisierte Verkehrssys-
teme unterstützen nicht nur den Warenfluss,
sondern bieten bedarfsgerechte Beförderungs-
möglichkeiten für alle Bevölkerungsgruppen.
Organisierte Bildungssysteme reichen von Kin-
dertagesstätten bis hin zu Hochschulen und

Grüne Infrastruktur Ruhr //                                                                                                             7
Grüne Infrastruktur Ruhr // - Regionalverband Ruhr
III. Grüne Infrastruktur –
         Ziele, Inhalte, Wirkungen //

            Mit der Veröffentlichung der Kommissions-          nal und beeinflussen vielfältige Be­rei­che des
          mitteilung „Grüne Infrastruktur (GI) – Aufwer-       öffentlichen Lebens.
          tung des europäischen Naturkapitals“ im Jahr
          2013 hat die Europäische Union einen Pers-           Dazu gehören nicht nur die Schaffung von
          pektivwechsel für die Beurteilung der gesamt-        Natur­räumen oder die Schaffung von Erholungs­
          gesellschaftlichen Bedeutung von Natur und           flächen, sondern zum Beispiel auch die nach-
          Landschaft eingeleitet.                              haltige Entwicklung von Gewässerläufen, die
                                                               Abmilderung von Folgen des Klimawandels, das
          So heißt es in der Mitteilung: „Europa verschleißt   Hochwassermanagement oder die Aufwertung
          sein Naturkapital, gefährdet seine langfristige      von Wirtschaftsstandorten. Der Mehrdimensi-
          Nachhaltigkeit und schwächt seine Wider-             onalität der grünen Infrastrukturen entspricht
          standskraft gegenüber Umwelt­belastungen“.³          in vielen Fällen ihre enge Verzahnung mit den
                                                               blauen Infrastrukturen der Flussgebiete. Es zeigt
          Und an anderer Stelle: „Die Besonderheit be-         sich, dass der gesellschaftliche Nutzen grüner
          steht in der Mehrdimensionalität von Grüner          Infrastrukturen viele Bereiche des öffentlichen
          Infrastruktur. Grüne Infrastruktur hat sich als      Lebens beeinflusst und damit einem signifikan-
          natürliches Instrument zur Erwirtschaftung           ten Merkmal gängiger – „grauer“ – Infrastruk-
          ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Nut­-    tursysteme entspricht.
          zen bewährt. Sie hilft uns, den potentiellen
          Nutzen der Natur für die menschliche Gesell-
          schaft zu erkennen, und Investitionen zu mo-
          bilisieren, um dieses Potential zu erhalten und
          aufzuwerten“.4

          Über den veränderten Blickwinkel wird deutlich,
          dass Natur und Landschaft als „Naturkapital“
          ebenso zum volkswirtschaftlichen Grundstock
          gehören wie klassische Infrastruktur­systeme –
          und wie diese entsprechender Maßnahmen
          zur Aufwertung und zur Bestandssicherung
          bedürfen.

          Die nachfolgende Grafik vermittelt einen um-
          fassenden Überblick zu den potenziellen Inter-
          ventionsbereichen der Grünen Infrastruktur.
          Die Wirkungen von natur- und landschafts­
          bezogenen Maßnahmen sind mehrdimensio-

8                                                                                     Grüne Infrastruktur Ruhr //
Grüne Infrastruktur Ruhr // - Regionalverband Ruhr
III. Grüne Infrastruktur – Ziele, Inhalte, Wirkungen //

                                                          Klimawandel-
                                                          anpassung &
                                                            Milderung            Hochwasser-
                                     Freizeit &                                    schutz &
                                     Erholung                                    Management

                      landwirt­                                                                    Aufwertung
                     schaftliche                                                                      des
                    Erzeugnisse                                                                    Standortes

                                                      Interventionen
                                                          Grüner
                                                                                                     Gesundheit &
                  Tourismus                            Infrastruktur                                 Lebensqualität

                          Wirtschafts-
                          wachstum &                                                         Biodiversität
                          Investment

                                             Steigerung
                                                 von                       Produktivität
                                            Grundstücks-
                                               werten

Abb. 3: Interventionen der Grünen Infrastruktur / nach ECOTEC & NEW 2008

Grüne Infrastruktur Ruhr //                                                                                                                  9
Grüne Infrastruktur Ruhr // - Regionalverband Ruhr
Abb. 4: Slinky springs to fame / Oberhausen

10                  Grüne Infrastruktur Ruhr //
III. Grüne Infrastruktur – Ziele, Inhalte, Wirkungen //

In Deutschland beteiligen sich neben den                       sern, die alltägliche Lebensumwelt des Men-
staatlichen Institutionen auch Verbände und                    schen zu qualifizieren sowie die Auswirkungen
Wissenschaft intensiv an der Diskussion zu In-                 des Klimawandels zu begrenzen. (….) Häufig ist
halten und Zielen der Grünen Infrastruktur.                    die Grüne Infrastruktur mittel- und langfristig
                                                               eine kostengünstige und dauerhafte Alterna-
So formuliert der Bund Deutscher Landschafts-                  tive zur grauen Infrastruktur – von der Natur
architekten (bdla) wie folgt: „Grüne Infrastruk-               inspirierte Umwelttechnologien sind weniger
tur ist ein multifunktionales System, da es die                energieintensiv und weniger anspruchsvoll in
Fähigkeit besitzt, auf ein und derselben Fläche                Bezug auf Unterhalt und Pflege als konventi-
mehrere Funktionen zu erfüllen und somit                       onelle Lösungen und sind daher nachhaltiger
unterschiedliche Nutzungsansprüche (z. B. Er-                  und effizienter. Grüne Infrastruktur leistet
holung und Naturschutz) miteinander zu ver-                    einen wesentlichen Beitrag zur wirksamen
einen. Grüne Infrastruktur dient als Werkzeug                  Durchführung aller Maßnahmen, wenn die
zur Vernetzung von Freiraumelementen, zur                      angestrebten Ziele mit natürlichen Lösungen
Stärkung von Ökosystemdienstleistungen in                      erreicht werden können.“6
urbanen und ländlichen Räumen und für eine
nachhaltigere und ressourceneffizientere Ent-                  Die Mehrdimensionalität und Wirkungen grü-
wicklung. Durch eine strategische Verknüp-                     ner Infrastrukturen in städtischen Gefügen
fung entstehen außerdem neue Netzwerke                         beschreiben Ingo Kowarik, Robert Bartz und
verschiedener Akteure und Beteiligte“.5                        Miriam Brenck in ihrer Studie „Naturkapital
                                                               Deutschland TEEB DE (2016) – Ökosystem-
Der Dresdener Landschaftsarchitekt Till Reh-                   leistungen in der Stadt“.7 Die daraus entnom-
waldt erweitert diese Definition in einem Bei-                 mene Grafik verdeutlicht insbesondere die
trag für die Zeitschrift „Kommunalwirtschaft“                  intensive Wechselwirkung von grünen Infra-
wie folgt: „Das übergeordnete Ziel ist die Di-                 strukturen und Stadtplanung.
versität und Resilienz der Umwelt zu verbes-

            STADTNATUR                                          GESELLSCHAFTLICHE BEDEUTUNG
           naturnah und gestaltet
            privat und öffentlich

                                             ÖKOSYSTEMDIENST-                   NUTZEN                           WERTE
     Wälder, Gewässer, Acker, Grünland,
    Parks, Hausgärten, Kleingärten, Fried-
                                             LEISTUNGEN
          höfe, Straßenbegleitgrün,
                                             z. B. Temperaturregulation           z. B. weniger Hitze-           z. B. größeres
      begrünte Gebäude, Brachen u.v.a.
                                                                                  stress, gesundheitliche        Wohlbefinden,
                                                                                  Belastung                      geringere Gesund-
                                                                                                                 heitskosten
      BIOLOGISCHE VIELFALT
          Bestandteile, Strukturen,
           Prozesse, Funktionen
                                                           Sozialer Kontext, Ethik, Recht, Ökonomie, Technik

     STADTENTWICKLUNG /                                              PRIVATE UND ÖFFENTLICHE
    GRÜNE INFRASTRUKTUR                                                  ENTSCHEIDUNGEN
      Nutzung, Unterhaltung, Ausbau                              (Inwertsetzung von Ökosystemdienstleistungen)

Abb. 5: Gesellschaftliche Bedeutung von Stadtnatur (Konzept der Ökosystemdienstleistungen) / nach TEEB DE 2016

Grüne Infrastruktur Ruhr //                                                                                                                                       11
Abb. 6: Am Phoenixsee / Dortmund

12         Grüne Infrastruktur Ruhr //
III. Grüne Infrastruktur – Ziele, Inhalte, Wirkungen //

3.1        Innovationsleistungen der Grünen Infrastruktur

                                Grüne Infrastrukturen umfassen ein breites          >> Grüne Infrastrukturen führen zu qualitativen
                              Spektrum unterschiedlicher Räume. Sie rei-               Verbesserungen für zentrale Lebensbereiche –
                              chen von der Feuchtwiese bis zum regionalen              von der Ernährung über die Aufenthaltsquali-
                              Grüngürtel, vom baumumsäumten Spielplatz                 tät bis hin zum allgemeinen Wohlbefinden.
                              im Stadtquartier bis zum weitläufigen Stadt-
                              park, vom Bachlauf bis zur Flusslandschaft.           >> Daraus folgt: Die Systemdienstleistungen grü-
                                                                                       ner Infrastrukturen sind von Nutzen für alle
                              Mit dem dargestellten Perspektivwechsel (vgl.            gesellschaftlichen Gruppen.
                              Kapitel 3) verbindet sich nicht nur eine neue
                              Sicht auf die Bedeutung von Natur und Land-
                              schaft, sondern auch ein veränderter Blick auf
                              deren gesamtgesellschaftlichen Nutzen.

                              Zu den damit einhergehenden Innovationsleis-
                              tungen der Grünen Infrastruktur gehören ins-
                              besondere:

                              >> Natur und Landschaft werden nicht länger
                                 nur als – passiv – gegen andere Ansprüche
                                „zu schützende“ Güter, sondern als „Natur­
                                 kapital“ und damit selbstverständlicher Teil
                                 des volkswirtschaftlichen Kapitalstocks ver-
                                 standen.

                              >> Damit verbindet sich implizit die Verpflich-
                                 tung zum Erhalt und zur Pflege der einschlä-
                                 gigen Systeme.

                              >> Grüne Infrastrukturen tragen zur Verbesse-
                                 rung anderer Infrastruktursysteme bei. Dies
                                 gilt gleichermaßen für die ökonomische (z. B.
                                 durch Standortaufwertung oder Kostensen-
                                 kung bei Hochwasserschutz), die ökologi-
                                 sche (z. B. durch Minderung von Folgen des
                                 Klima­wandels), die mobilitätsorientierte (z. B.
                                 durch die Verknüpfung mit Radwegen) und
                                 die soziale Dimension (z. B. durch die Schaf-
                                 fung von quartiersnahen Erholungs- und
                                 Freizeitflächen).

                              >> Ziele und Maßnahmen der Grünen Infra-
                                 struktur sind also anschlussfähig an die Sys-
                                 temleistungen im Bereich der „grauen“ Infra-
                                 struktur.

Grüne Infrastruktur Ruhr //                                                                                                                13
Abb. 7: Grimberg Sichel / Gelsenkirchen

14              Grüne Infrastruktur Ruhr //
IV. Programmatische Ansätze auf den staatlichen Ebenen //

Grüne Infrastruktur Ruhr //                                                           15
IV. Programmatische
     Ansätze auf den
     staatlichen Ebenen //

                   Im Dialog mit Fachverbänden, Wissenschaft       ­zeichnet. Der abschließende Teil dieses Kapitels
                und gesellschaftlichen Akteuren haben staat­        reflektiert die vorhandenen Fördermöglichkeiten
                liche Institutionen in den letzten Jahren grund-    und spiegelt diese auf die mehrdimensionalen
                legende Analysen, Handlungsempfehlungen            Anforderungen bei der Entwicklung grüner In­
                und Angebote zur Mitfinanzierung grüner In­         fra­strukturen.
                frastrukturen erarbeitet.

                In den folgenden Abschnitten werden diese Ent-
                wicklungen auf der Ebene der EU, des Bundes
                und des Landes Nordrhein-Westfalen nach­ge-

 4.1   Europa

                  Aus der Sicht der Europäischen Kommission        seine Widerstandskraft gegenüber Umwelt-
                sind grüne Infrastrukturen ein wesentliches        belastungen. Wie schon im Fahrplan für ein
                Element der Strategie „Europa 2020“ und der        ressourcenschonendes Europa hervorgehoben,
                dort formulierten Ziele des „intelligenten,        müssen wir beginnen, unser Naturkapital zu
                nachhaltigen und integrativen“ Wachstums.          schützen und Ökosystemdienstleistungen ei-
                                                                   nen echten Wert zuordnen, wenn der Fahrplan
                In der Stellungnahme der Kommission zur            für intelligentes, nachhaltiges und integratives
                Mitteilung COM (2013) 249 final „Grüne Infra-      Wachstum, das in der Strategie „Europa 2020“
                struktur (GI) – Aufwertung des europäischen        zum prioritären Ziel für die EU erklärt wurde,
                Naturkapitals“ an das Europäische Parlament,       eingehalten werden soll.“8
                den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und
                Sozialausschuss und den Ausschuss der Regio-       Die ökologische und wirtschaftliche Bedeu-
                nen wird dazu ausgeführt: „Europa verschleißt      tung von grünen Infrastrukturen wird darin
                somit weiterhin sein Naturkapital, gefährdet       wie folgt erläutert:
                seine langfristige Nach­haltigkeit und schwächt

16                                                                                        Grüne Infrastruktur Ruhr //
IV. Programmatische Ansätze auf den staatlichen Ebenen //

„Grüne Infrastruktur bietet vor allem eine in-      Innovation zusammen. Über 60 % der Bevöl-
 telligente und ganzheitliche Lösung für die        kerung in Europa leben in städtisch gepräg-                      Eine
 Bewirtschaftung unseres Naturkapitals. Nur         ten Räumen. Deshalb hält die EU-Kommission                    Grüne
                                                                                                           Infrastruktur
 allzu häufig versuchen wir aktuelle Probleme       Grüne Infrastruktur-Lösungen in Städten für                für Europa

 nach einem sehr einseitigen Ansatz zu lösen        besonders bedeutsam:
 und lassen die komplexen Wechselbeziehun-                                                                           Umwelt

 gen zwischen den wichtigsten Arten der Land-       „Grüne Infrastruktur in Städten bringt gesund-
 nutzung wie Siedlungswesen, Landwirtschaft,         heitliche Vorteile wie saubere Luft und sau-        Abb. 8: Eine Grüne
 Verkehr und Biodiversität größtenteils außer        bereres Wasser. Gesunde Ökosysteme hem-             Infrastruktur für Europa /
 Acht. Grüne Infrastruktur fordert dynamische,       men auch die Verbreitung vektorübertragener         EU Kommission 2014
 vorausschauende Lösungen, die es uns er-            Krankheiten. Grüne Infrastruktur in Stadtge-
 möglichen, vielfältige und oft miteinander kon-     bieten fördert den Gemeinschaftssinn und die
 kurrierende Flächenbewirtschaftungsprobleme         freiwillige Mitarbeit der Zivilgesellschaft, sie
 auf räumlich kohärente Weise zu lösen und           hilft aber auch, die soziale Ausgrenzung und
 gleichzeitig vielfältige positive Nebeneffekte      Isolierung zu bekämpfen. Sie ist ein physischer,
 und Win-win-Lösungen zu erzielen. Und schließ-      psychologischer, emotionaler und sozioöko-
 lich werden durch Investitionen in Grüne Inf-       nomischer Faktor für das Wohlbefinden des
 rastruktur hoch- und weniger qualifizierte Ar-      Einzelnen wie auch der Gemeinschaft. Grüne
 beitsplätze geschaffen – bei der Planung, der       Infrastruktur schafft Möglichkeiten zur Ver-
 Umsetzung und der Realisierung von GI-Ele-          knüpfung von Stadt und Land, aber auch at-
 menten ebenso wie bei der Wiederherstel-            traktiven Wohn- und Arbeitsraum“.12
 lung und Erhaltung städtischer und ländlicher
 Ökosysteme.“ 9

Die Implementierung von grünen Infrastruktu-
ren wird von Seiten der EU über die einschlägigen
Finanzierungsinstrumente unterstützt – z. B.
aus dem Europäischen Fonds für regionale Ent-
wicklung oder über das Forschungsprogramm
Horizon 2020. In einer Stellungnahme des Wirt-
schafts- und Sozialausschusses im Europäi-
schen Parlament heißt es dazu:

„Darüber hinaus haben die EU-Finanzierungsins-
 trumente erheblichen Einfluss auf die regionale
 und lokale Planung. Aus diesem Grund muss
 die Integration des Konzeptes der Grünen In-
 frastruktur in diese Finanzierungsinstrumente
 eine besonders hohe Priorität haben“.10

In den „technischen Informationen zur Grü-
nen Infrastruktur“11 wird schematisch darge-
stellt, wie die Unterstützungsmaßnahmen der
EU-Kommission aussehen sollen. Zur Umset-
zung der konzeptionellen Ansätze in poten-
zielle Fördermaßnahmen arbeiten die drei Ge-
neraldirektionen für Umwelt, Regionalpolitik
und Stadtentwicklung sowie Forschung und

Grüne Infrastruktur Ruhr //                                                                                                           17
Aktionen der EU                                                         Ebene

     Ÿ Integration in EU-Politikbereiche und Umsetzung
     Ÿ Integration in Finanzierungsmechanismen der
       EU und Zugang zu alternativen Finanzierungs-
       instrumenten
     Ÿ Forschung zum Nutzwert von Biodiversität und
       Ökosystemdienstleistungen                                               EU
     Ÿ Zusammenstellung von GI-Initiativen –
       Untersuchung der Auswirkungen und Kosten-
       Nutzen-Analysen
     Ÿ Strategieziele und Indikatoren
     Ÿ Kommunikation, Beteiligung und Fortbildung

     Ÿ Einstellung und Förderung von Rahmen-
       bedingungen für die Umsetzung von GI und von
       Zielen für eine bessere Kohärenz auf EU-Ebene
     Ÿ Verbreitung von Beispielen vorbildlicher Um-
       setzung, Erfahrungsaustausch und Erstellung                          national
       von Leitfäden
     Ÿ Kommunikation und Ausbildung
     Ÿ Förderung der Beteiligung von Interessen-
       gruppen

     Ÿ Förderung von unter-regionaler und regionaler GI
     Ÿ Beratung zur Förderung von GI durch EU-
       geförderte operationelle Programme                              inter-regional /
     Ÿ Verbreitung von Beispielen vorbildlicher Um-                        regional
       setzung, Erfahrungsaustausch und Erstellung
       von Leitfäden

     Ÿ Finanzierung zielgerichteter lokaler Projekte                          lokal

           Abb. 9: Grüne Infrastruktur auf allen europäischen Ebenen / DG Umwelt EU Kommission 2013

18                                                                      Grüne Infrastruktur Ruhr //
IV. Programmatische Ansätze auf den staatlichen Ebenen //

4.2        Deutschland

  Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung            > Grüne Infrastruktur ist auch für urbane
aus dem Jahr 2013 wird ausgeführt:                      Räume essentiell. Sie stellt die Gesamtheit
                                                        und Vernetzung aller städtischen Grünflä-
„Der Schutz und die Bewahrung der natürlichen           chen dar. Die Ausstattung der Städte mit
 Schöpfung erhält unsere elementare Lebens-             Grün ist neben der gebauten Infrastruktur,
 grundlage und ist Teil unserer Verantwortung           Verkehrs- sowie Ver- und Entsorgungsinfra-
 für künftige Generationen.                             struktur für die Stadtbewohner Teil kommu-
                                                        naler Grundversorgung. Städte haben und
(….) Für uns ist die Förderung einer nachhalti-         brauchen Grüne Infrastruktur (…).
gen Entwicklung grundlegendes Ziel und Maß-                                                                Abb. 10: Grünbuch Grün
stab des Regierungshandelns.“13                       > Grüne Infrastruktur ist ein Beitrag zur Verbes-    in der Stadt / BMUB 2015
                                                        serung der Resilienz der Städte, insbesondere
Auch in Deutschland leben mehr als 60 % der             gegenüber Umwelt-, Klima- und Gesundheits-
Bevölkerung in Städten mit mehr als 20.000              risiken.“16
Einwohnern.
                                                      Mit dem Grünbuch wurde ein integrierter, in-
Vor diesem Hintergrund hat das Bundesministe-         terdisziplinärer Dialog über den Stellenwert von
rium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktor-        Grün- und Freiflächen angestoßen. In einem
sicherheit in Zusammenarbeit mit dem Bundes-          nächsten Schritt erarbeitet das Bundesum-
ministerium für Ernährung und Landwirtschaft          weltministerium derzeit ein „Weißbuch“ zum
im Jahr 2015 ein „Grünbuch“ zum Thema „Grün           Thema „Grün in der Stadt“ mit konkreten Hand-
in der Stadt – für eine lebenswerte Zukunft“14        lungsempfehlungen und Umsetzungsmöglich-
veröffentlicht, in dem ressortübergreifend der        keiten für eine grüne Infrastruktur.
aktuelle Wissensstand zum urbanen Grün zu-
sammengefasst und die Handlungsmöglichkei-            Der Weißbuchprozess wird durch Forschungs-
ten von Bund, Ländern und Gemeinden darge-            vorhaben flankiert und im Dialog mit Fachver-
stellt werden. Umweltministerin Barbara Hen-          bänden und Wissenschaft entwickelt. Die Ver-
dricks schreibt dazu in ihrem Vorwort: „Da im-        öffentlichung des Weißbuchs ist für Mai 2017
mer mehr Menschen in unseren Städten leben            vorgesehen.
wollen und leben werden, nimmt die Bedeutung
einer „Grünen Infrastruktur“ zu. Sie steigert die
Wohnqualität, fördert Freizeit, Sport und Erho-
lung und kann damit den sozialen Zusammen-
halt und die gesellschaftliche Teilhabe stärken“.15

Das Grünbuch fasst Argumente für „urbanes
Grün als Lebensgrundlage und als Ressource
für Mensch und Umwelt“ zusammen und be-
tont ausdrücklich die Werthaltigkeit grüner In-
frastrukturen:

> „Eine Grüne Infrastruktur leistet direkte und
   indirekte Beiträge zur Wertschöpfung in
   Kommunen (…),

Grüne Infrastruktur Ruhr //                                                                                                           19
4.3                              Nordrhein-Westfalen

                                      Ministerium für Bauen, Wohnen,

                                                                                            Das nordrhein-westfälische Ministerium für         Das Umweltministerium des Landes Nord-
                                      Stadtentwicklung und Verkehr
                                      des Landes Nordrhein-Westfalen

                                                                                          Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Ver-             rhein-Westfalen hat im August 2016 den Wett-
                                                                                          kehr hat bereits 2012 eine wissenschaftliche         bewerbsaufruf „Grüne Infrastruktur NRW“19
                                                                                          Studie zum Thema „Urbanes Grün in der inte-          veröffentlicht. Entsprechende Vorhaben sol-
       Urbanes Grün in der integrierten Stadtentwicklung
       Strategien, Projekte, Instrumente                                                  grierten Stadtentwicklung“17 vorgelegt.              len in einem zweistufigen Verfahren bis zum
                                                                                                                                               Sommer 2017 ausgewählt und in der Fol-
                                                                                          Die Studie beschreibt die Mehrdimensiona-            gezeit im Wesentlichen mit Hilfe von Mit-
                                                                                          lität grüner Infrastrukturen: „Urbanes Grün          teln aus dem Europäischen Fonds für regio-
                                                                                          erfüllt vielfältige Funktionen, die sich vier gro-   nale Entwicklung (EFRE) umgesetzt werden.
                                                                       www.mbwsv.nrw.de

      Abb. 11: Urbanes Grün                                                               ßen Bereichen zuordnen lassen: Gesellschaft,         Die Projektvorschläge sollen im Rahmen von
     in der Stadtentwicklung /                                                            Wirtschaft, Ökologie und Klima sowie Ästhetik        integrierten Handlungskonzepten durch „einen
                                 MBWSV 2012                                               und Baukultur“ und vermittelt eine Vorstellung       strategischen, ganzheitlichen Planungsansatz
                                                                                          für das Stadtgrün der Zukunft: „Stadtbäume,          die multifunktionale Vernetzung von Grün-
                                                                                          Freiräume und neue Stadtlandschaften tragen          und Freiflächen (auch Wasserflächen) über
                                                                                          dazu bei, dass unsere Städte ‚atmen‘ können          mehrere Einzelmaßnahmen im jeweiligen Ge-
                                                                                          und Stadträume (neu) in Wert gesetzt werden.         biet stärken.“20
                                                                                          Kleingärten und Bürgergärten verbessern den
                                                                                          sozialen Zusammenhalt in den Stadtquartieren.         Zum grundsätzlichen Verständnis der Grü-
      Urbanes Grün – Konzepte und Instrumente
      Leitfaden für Planerinnen und Planer                                                Attraktive Wohnungsangebote und Büros ent-            nen Infrastruktur wird im Aufruf ausgeführt:
                                                                                          stehen insbesondere dort, wo ein qualitäts-          „Grüne Infrastruktur (GI) ist ein strategisch ge-
                                                                                          volles grünes Umfeld möglich ist. Bürgerzu-           plantes, multifunktionales Netzwerk von natür-
                                                                                          friedenheit hängt mit Erreichbarkeit, Größe,          lichen und naturnahen Flächen einschließlich
                                                                                          Ausstattung und Pflege des städtischen Grüns          der Gewässer. Es ist in der Lage, über gesunde
                                                                       www.mbwsv.nrw.de

     Abb. 12: Urbanes Grün –                                                              eng zusammen.“                                        Ökosysteme ein breites Spektrum an Ökosys-
            Konzepte und Instru-                                                                                                                temleistungen für die Gesellschaft (z. B. Küh-
          mente / MBWSV 2014                                                               Im Jahr 2014 folgte ein Leitfaden „Urbanes           lung der Innenstädte, Verbesserung der Luft-
                                                                                           Grün – Konzepte und Instrumente“ mit elf             qualität, Vorsorge für Starkregenereignisse,
                                                                                           konkret beschriebenen Handlungsfeldern für           Hochwasserschutz über Retentionsflächen, als
                                                                                           die Kommunen. Unter der Überschrift „Die             Erholungs- und Freizeitmöglichkeiten, Natur-
                                                                                           Städte zukunftsfähig machen“ schreibt Mi-            erlebnis und -bildung, biologische Vielfalt) be-
                                                                                           nister Michael Groschek in seinem Vorwort:           reitzustellen. Das Konzept der GI unterscheidet
                                                                                          „Diese „Grüne Infrastruktur“ ist das Kapital je-      sich von der bisherigen Grün- und Freiraum-
                                                                                           der Stadt und jedes Quartiers und trägt zu öko-      planung und geht über diese hinaus, indem es
                                                                                           logisch-klimatischem Ausgleich, zur Naherho-         wichtige Themen in einem flexiblen Planungs-
                                                                                           lung, Gesundheit, zur Schönheit der Stadt und        ansatz strategisch integriert betrachtet und so
                                                                                           zur Wertsteigerung bei.“18                           Naturschutz mit Siedlungsflächenentwicklung,
                                                                                                                                                Anpassung an den Klimawandel, Wachstums-
        Abb. 13: Aufruf Grüne                                                             Die Bandbreite der Handlungsempfehlungen              politik und graue Infrastruktur gemeinsam
               Infrastruktur NRW /                                                        im Leitfaden – von lebenswerten Stadtquartie-         denkt.“21
                               MKULNV 2016                                                ren über Innenstadtverdichtung und Biodiver-
                                                                                          sität bis hin zum Thema „gesunde Stadt“ und
                                                                                          der Einbeziehung von Verkehrsräumen – doku-
                                                                                          mentiert die Anschlussfähigkeit grüner Infra-
                                                                                          strukturen an „graue“ Infrastrukturnetze.

20                                                                                                                                                                    Grüne Infrastruktur Ruhr //
IV. Programmatische Ansätze auf den staatlichen Ebenen //

4.4        Staatliche Fördermöglichkeiten für die Grüne Infrastruktur

  In vielen Städten und Ballungsräumen ist        Vielmehr ist festzustellen, dass die Kommunen
die Umsetzung von Strategien zur Schaffung        zwar gehalten sind, in verstärktem Maße inte-
grüner Infrastrukturen nur über staatliche        grierte Handlungskonzepte – zum Beispiel für
Finanzhilfen möglich.                             grüne Infrastrukturen – zu entwickeln, wegen
                                                  der einschlägigen Förderbestimmungen in EU-,
Grundsätzlich stellen alle staatlichen Ebenen     Bundes- oder Landesprogrammen jedoch kei-
dafür entsprechende Förderangebote zur Ver-       neswegs auf eine darauf fußende integrierte
fügung. Auf Seiten der EU kommen dafür ins-       Unterstützung zählen können.
besondere Mittel aus dem Europäischen Fonds
für regionale Entwicklung (EFRE) und dem For-     So müssen etwa für Projekte, die neben städte-
schungsprogramm „Horizon 2020“ in Betracht.       ­baulichen Maßnahmen auch technologieorien­
Die Bundesregierung stellt entsprechende Mit-      tierte Bausteine zur Steigerung der Ener­gie­
tel aus der allgemeinen Städtebauförderung         effizienz, Module zur Landschaftsentwicklung
und für die Projekte der „nationalen Stadtent-    und Maßnahmen zur Optimierung der Mobili-
wicklungspolitik“ sowie zur wissen­schaftlichen    tät enthalten, mindestens vier verschiedene
Begleitforschung zur Verfügung.                    Programme in Anspruch genommen werden.
                                                   Hinzu kommt, dass insbesondere Förder­pro­
In Nordrhein-Westfalen gibt es eine gute Tra-      gramme mit EU-Mitteln nahezu ausschließ-
dition der finanziellen Unterstützung von kom-     lich über zeitlich versetzte Wettbewerbsver-
munalen Projekten, die auf eine integrierte       fahren abzuwickeln sind. Damit werden die
Umsetzung von städtebaulichen, sozialen, land­    Umsetzung integrierter Vorhaben auf kom-
schaftsbezogenen und wirtschaftsorientierten       munaler Seite und auch die projektorientierte
Maßnahmen zielen. In vielen Fällen erfolgt die    Zusammenarbeit mit Partnern aus der Privat-
Finanzierung aus einer Kombination von Lan-        wirtschaft erheblich erschwert.
desmitteln und kommunalen Eigenanteilen mit
Bundes- oder EU-Mitteln.

Für die besonderen ökologischen Herausforde-
rungen in der Metropole Ruhr stand überdies
von 1991 bis zum Jahr 2015 mit dem „Ökolo-
gieprogramm Emscher-Lippe“ ein besonderes
Programm zur Verfügung, das – gespeist aus
anteiligen EU-Mitteln – mit Maßnahmen der
Städtebau- oder Wirtschaftsförderung kom-
binierbar war.

Die in den vorstehenden Kapiteln beschrie-
bene programmatische Neuorientierung auf
den staatlichen Ebenen – hin zu einem neuen,
integrierten Verständnis von Infrastruktursys-
temen – spiegelt sich jedoch bislang nicht in
integrierten Förderangeboten wider.

Grüne Infrastruktur Ruhr //                                                                                                   21
Abb. 14: Halde Hoheward / Herten

22         Grüne Infrastruktur Ruhr //
V. Metropole Ruhr //

Grüne Infrastruktur Ruhr //                      23
V. Metropole Ruhr //

        In der Metropole Ruhr arbeiten alle Städte        Über die Zusammenführung dieser Hand­
      und Kreise, der Regionalverband Ruhr (RVR), die     lungsfelder formt sich das Gesamtbild einer
      Emschergenossenschaft und der Lippeverband,        „Grünen Infrastruktur Ruhr“. Der Prozess des
      Unternehmen des Bergbaus und der Energie-           Zusammenwachsens und der Umsetzung kon-
      versorgung, wissenschaftliche Institutionen         kreter Maßnahmen wird in den nächsten Jah-
      und zahlreiche weitere Akteure an einem regi-       ren begleitet durch eine Reihe überregional
      onalen System der nachhaltigen Landschafts-         wahrnehmbarer Ereignisse. Diese Ereignisse
      entwicklung, das sich räumlich bis in die Stadt-    umfassen die Jahre 2017 bis 2027 und bilden in
      teile und Innenstädte erstreckt.                    ihrer Gesamtheit die „Grüne Dekade Ruhr“.

      Die vielfältigen, bereits realisierten Maßnahmen   Die nachfolgenden Kapitel zeichnen die histo-
      haben in der gesamten Region zu einer erhebli-     rische Entwicklung nach, beschreiben in the-
      chen Steigerung der Umwelt- und Lebensquali-       matischer Gliederung laufende und künftige
      tät entlang der Flüsse Emscher, Lippe, Rhein und   Projekte und erläutern die Handlungsfelder der
      Ruhr, in Stadtzentren und Stadtteilen geführt.     Grünen Infrastruktur Ruhr. Den Abschluss bil-
      Über die Summe der Maßnahmen ist – durch Ar-       det ein Ausblick auf die Grüne Dekade Ruhr von
      beitspraxis quasi „by doing“ – ein breites Netz-   2017 bis 2027.
      werk grüner Infrastrukturen entstanden.

      Das Land Nordrhein-Westfalen, der Bund und
      die Europäische Union haben viele der Projekte
      mit erheblichen Mitteln unterstützt.

      Angeregt durch die wachsenden Herausforde­
      rungen bei der Bewältigung von Folgen des
      Klimawandels, Vorarbeiten für den künftigen
      Regionalplan Ruhr und Überlegungen zur wei-
      teren Ausgestaltung der regionalen Grünsys-
      teme wird aktuell eine Diskussion zur systema-
      tischen Zusammenführung von Aktivitäten in
      den Bereichen

      >> Urbane Kulturlandschaft
      >> Wasser in der Stadt
      >> Grüne Stadtentwicklung
      >> Emissionsneutrale Mobilität
      >> Klimaschutz und Steigerung der
         Energieeffizienz

      geführt.

24                                                                             Grüne Infrastruktur Ruhr //
V. Metropole Ruhr //

5.1        Tradition der regionalen Landschaftsentwicklung

  Die Metropole Ruhr blickt auf eine lange Tra-      „Die Infrastrukturqualität der Zukunft wird
dition von regional angelegten Grünsystemen           die Landschaft sein […] Nicht irgendeine Land-
zurück.                                               schaft, sondern eine ökologisch intakte und
                                                      ästhetisch befriedigende, eine gestaltete Land-
Robert Schmidt, der spätere Gründer und Direk-        schaft, eine sich fortwährend ändernde Land-
tor des „Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk          schaft“.23
(SVR)“ schrieb im Jahr 1912: „ Auf Einladung [...]
traten am 29. November 1910 [...] die Herren Ver-    Das Parkgebiet umfasste insgesamt 320 km².
treter der Stadt und Landkreise [...] zusammen,      Von 1990 bis zum Abschluss der IBA Emscher
um die Frage eines Nationalparks für den rhei-       Park im Jahr 1999 engagierten sich die beteilig-   Abb. 15: Denkschrift
nischwestfälischen Industriebezirk vertraulich       ten Kommunen, der damalige Kommunalver-            Robert Schmidt / 1912
und unverbindlich zu besprechen. Der Begriff         band Ruhrgebiet und große Grundstückseigen-
Nationalpark wurde dabei dahingehend festge-         tümer wie der Bergbau über sieben „Regionale
legt, daß kein abseits liegender Park gemeint sei,   Grünzüge“ hinweg bei der Realisierung von
sondern ein Wiesen- und Waldgürtel, von allen        rund 100 Projekten. Mit dem „Emscher Park
Gemeinden leicht erreichbar, der den Bezirk in       Radweg“ wurde seinerzeit auch das Funda-
möglichst zusammenhängenden Zügen durch-             ment für die regionalen Radwegesysteme in
zieht. [...] Aus der Bearbeitung des Stoffes ergab   der Metropole Ruhr gelegt.
sich mit zwingender Notwendigkeit, daß über
die ursprünglich gestellte Aufgabe hinausgegan-      Flankiert wurde das Heranwachsen des Em-           Abb. 16: Memorandum
gen und die Lösung der Siedelungsfrage für den       scher Landschaftsparks durch Entwicklungs-         IBA Emscher Park /
ganzen Bezirk angestrebt werden muß, wenn            projekte auf Industriebrachen („Arbeiten im        MSWV 1998
Irrwege in Zukunft vermieden werden sollen.“22       Park“) und dem Beginn der Umgestaltung des
                                                     Emschersystems.
Im Gebietsentwicklungsplan „GEP66“ des SVR
wurden rund 50 Jahre später erstmals Freiraum-       Unter der Regie der landeseigenen Projekt Ruhr
strukturen in Form „Regionaler Grünzüge“ recht-      GmbH entstand in den Jahren 2001 bis 2006
lich gesichert. Ziele waren die Erhaltung und        der „Masterplan Emscher Landschaftspark
Entwicklung der zusammenhängenden Grün­              2010“. Die beteiligten Städte verständigten
flächen und die Verhinderung des Zusammen-           sich auf eine Erweiterung der Grundfläche – sie
wachsens der einzelnen Städte. In den 1970er         umfasst seither 457 km².24
Jahren folgte die Einrichtung der fünf großen
Revierparks zwischen Dortmund und Duisburg           Bis zum Jahr 2016 wurden im Emscher Land-          Abb. 17: Masterplan ELP
sowie die Einrichtung der Freizeitzentren im         schaftspark insgesamt 406 Maßnahmen reali-         2010
Rhein- und im Ruhrtal.                               siert – zum großen Teil mitfinanziert aus dem
                                                     landeseigenen „Ökologieprogramm Emscher-­
Im Jahr 1988 war die IBA Emscher-Park GmbH           Lippe“.
Initiatorin der ersten Machbarkeitsstudie für
einen „Emscher Landschaftspark“, der im Kern-        Um den Erhalt des Emscher Landschaftsparks zu
gebiet der Region entlang der Emscher von            sichern, schlossen das Land Nordrhein-Westfalen
Dortmund bis nach Duisburg entwickelt wer-           und der Regionalverband Ruhr im Jahr 2006 ei-
den sollte. Prof. Karl Ganser, der damalige Ge-      nen „Pflegevertrag“25 mit zehnjähriger Laufzeit.
schäftsführer der IBA, schrieb im Jahr 1991 zur      Über die Neufassung des RVR-Gesetzes im Jahr
Erläuterung dieses Parkmodells:                      200726 wurde dem Verband formell die dauer-

Grüne Infrastruktur Ruhr //                                                                                                       25
hafte Aufgabe des Aufbaus und der Pflege des       von Stadt- und Landschaftsräumen entlang des
     Emscher Landschaftsparks übertragen.               Flusses. Dazu wurde im Jahr 2014 eine Kooperati-
                                                        onsvereinbarung27 geschlossen, an der sich auch
     Parallel zu dieser Entwicklung trieben die         die Landesministerien für Stadtentwicklung und
     Städte großflächige Entwicklungsprojekte an        Umwelt beteiligten.
     den Schnittstellen von Stadtentwicklung und
     der Umgestaltung des Emschersystems vo-             Die nächste Stufe der Weiterentwicklung des
     ran. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Neu-      Emscher Landschaftsparks leitete in den Jah-
     nutzung der Phoenix-Flächen in Dortmund.            ren 2010 bis 2014 der RVR mit dem Konzept
                                                        „Emscher Landschaftspark 2020+“28 ein. Die
     Im gleichen Zeitraum wurden auch großräu-           Erarbeitung erfolgte im Dialog mit den 20 be-
     mige Vorhaben der Landschaftsgestaltung             teiligten Städten und zwei Kreisen sowie den
     außerhalb des Emscher Landschaftsparks reali-       sieben interkommunalen Arbeitsgemeinschaf-
     siert. Dazu gehört zum Beispiel der bundesweit      ten für die regionalen Grünzüge. Auf dieser
     bekannte Ruhrtalradweg im Süden der Region.         Grundlage laufen derzeit die Verhandlungen
                                                         der Region mit dem Land Nordrhein-Westfalen
     Auch entlang der nördlich gelegenen Lippe arbei-    für eine Neuauflage des Pflegevertrags für die
     teten nun die Städte und Kreise gemeinsam mit       nächsten zehn Jahre.
     dem Lippeverband an Projekten zur Gestaltung

                                     Abb. 18: Freiraumkonzept Metropole Ruhr – Netzplan (Entwurf) / RVR 2016

26                                                                               Grüne Infrastruktur Ruhr //
V. Metropole Ruhr //

5.2        Auf dem Weg zur Grünen Infrastruktur Ruhr

   Die „Grüne Infrastruktur Ruhr“ ist ein integrier-   und Energieeffizienz tragen in Stadtquartieren
ter Ansatz der Regionalentwicklung, der gemein-        und der gesamten Region zur Verbesserung der
schaftlich von den Städten und Kreisen, dem            Umwelt- und Lebensbedingungen bei.
RVR, der Emschergenossenschaft und dem Lip-
peverband sowie vielen weiteren Akteuren aus-          Das gesamte Netzwerk der Grünen Infrastruktur
gestaltet wird. Die Grüne Infrastruktur versteht       wächst zusammen und entwickelt sich damit zu
sich als Plattform für gemeinsames Handeln             einem selbstverständlichen Teil des volkswirt-
und überführt die grundsätzliche Diskussion zu         schaftlichen Kapitalstocks der Metropole Ruhr.
diesem Thema in eine operative Dimension.
                                                       Durch die Verschiedenartigkeit der Maßnah-
Ausgehend von den bislang erzielten Erfolgen           men entstehen mehrdimensionale ökologische,
arbeiten die Akteure der Region zusammen,              ökonomische und soziale Wirkungen.
definieren räumliche Schwerpunkte, verein-
baren Organisationsmodelle und realisieren             Über die Systemleistung aller fünf Schichten
Projekte. Die inhaltliche Basis bilden fünf            wird die Anschlussfähigkeit an lokale wie re-
Handlungsfelder zum Ausbau grüner Infra-               gionale technische und soziale Infrastrukturen
strukturen in der Metropole Ruhr:                      hergestellt.

>> Die urbane Kulturlandschaft mit dem Emscher         Damit wird zugleich deutlich, dass dem Betrieb
   Landschaftspark als Herzstück,                      und Erhalt der Grünen Infrastruktur die gleiche
                                                       Wertigkeit zukommt wie den grauen Infra-
>> das Wasser in der Stadt mit dem Umbau des           struktursystemen.
   Emschersystems als Rückgrat,

>> die grüne Stadtentwicklung mit naturbasier-                                                           Klimaschutz & Steigerung der Energieeffizienz –
                                                                                                         lokale & regionale Projekte
   ten Lösungen in Städten und Quartieren,
                                                                                             Emmissionsneutrale Mobilität –
>> die emissionsneutrale Mobilität mit dem                                                   regionales Radwegesystem

   regionalen Radwegesystem,                                                                                                                          5
                                                                                 Grüne Standtentwicklung – naturbasierte
                                                                                 Lösungen in Städten & Quartieren
>> und der nachhaltige Klimaschutz im Verbund
                                                                     Wasser in der Stadt –
                                                                                                                                        4
   mit der Steigerung der Energie­effizienz.
                                                                     Umbau des Emschersystems

Die fünf Handlungsfelder sind inhaltlich aufein-          Urbane Kulturlandschaft –
                                                                                                                            3
                                                          Emscher Landschaftspark
ander bezogen und ergänzen sich wechsel­seitig.
                                                                                                              2
Die Flächen des Emscher Landschaftsparks und
der Umbau des Emschersystems (Fluss und Bä-                                                       1
che) sind vielerorts räumlich miteinander ver-
bunden. Der Emscher Landschaftspark und die            Abb. 19: Handlungsfelder der Grünen Infrastruktur Ruhr
Gewässersysteme reichen in die Städte und
Quartiere hinein und fügen sich an Maßnahmen
der grünen Stadtentwicklung an. Die Radwe-
gesysteme verbinden Stadträume, freie Land-
schaften und Gewässer. Die Projekte der Klima-

Grüne Infrastruktur Ruhr //                                                                                                                                27
Abb. 20: Rheinpark / Duisburg

28     Grüne Infrastruktur Ruhr //
V. Metropole Ruhr //

Grüne Infrastruktur Ruhr //                      29
5.2.1 Urbane Kulturlandschaft – Emscher Landschaftspark

                 Mit dem Emscher Landschaftspark (ELP)             und spiegelt sich in der Vielgestaltigkeit der
               nutzt das Ruhrgebiet den wirtschaftlichen           kommunalen Einzelprojekte.
               Strukturwandel für den Aufbau einer regiona-
               len Grünen Infrastruktur. Heute gehören völlig      Aktuell erstreckt sich der Emscher Landschafts-
               neue Bilder und Angebote der urbanen Natur-         park auf 457 km². Im Rahmen der sieben „regio-
               begegnung zu den Alleinstellungsmerkmalen           nalen Grünzüge“ arbeiten 20 Städte, zwei Kreise,
               einer sich nachhaltig wandelnden Metropole.         die Emschergenossenschaft und der Lippever-
                                                                   band sowie der Regionalverband Ruhr zusam-
               Eine Vielzahl ehemaliger Kohle- und Stahlstand-     men. Im Einzugsbereich des Parks leben rund 2,6
               orte hat sich seit 1990 in neuartige Park­anlagen   Mio. Menschen.
               gewandelt; ehemalige Bergehalden sind zu
               Landmarken geworden. Ein funktions­fähiges
               Netz umgebauter Industriebahntras­sen ver-
               vollständigt die regionale Parkinfrastruk­tur.       Beteiligte am Emscher Landschaftspark:
               Viele weitere Flächen dienen der Biotopver-
               bindung sowie dem Landschafts- und Natur-            Die Städte Duisburg, Oberhausen, Mülheim an
               schutz.                                              der Ruhr, Bottrop, Gladbeck, Essen, Gelsenkir-
                                                                    chen, Herten, Herne, Bochum, Reck­linghausen,
               Der ELP wurde von Beginn an als kooperatives         Castrop-Rauxel, Waltrop, Dortmund, Lünen,
               Gesamtsystem ausgelegt, dessen ökologische,          Werne, Bergkamen, Kamen, Bönen und Holz-
               soziale und kulturelle Bedeutung mit jeder In-       wickede; die Kreise Recklinghausen und Unna;
               vestition, mit jedem fertiggestellten Biotop­        die Emschergenossenschaft und der Lippever-
               verbund, Parkelement und Wegeabschnitt               band; der Regionalverband Ruhr.
               wächst. Die Dezentralität hat sich bewährt

                                                                    Abb. 21: Landschaftspark Duisburg-Nord / Duisburg

30                                                                                        Grüne Infrastruktur Ruhr //
V. Metropole Ruhr //

Derzeit gibt es 116 Parkwege mit einer Gesamt-          Im „Evaluierungsbericht 2014 – Trägerschaft für
länge von 516 km. Entlang der Wege befinden             den Emscher Landschaftspark“29 hat der RVR
sich 37 besondere Landmarken, die vorwiegend            die Erfahrungen mit der Pflege des Emscher
auf ehemaligen Bergbauhalden errichtet wur-             Landschaftsparks und die Diskussion zu den
den. Insgesamt 72 landwirtschaftliche Betriebe          Parkperspektiven – nach intensiven Beratungen
sind daran beteiligt, besondere Bauernhofer-            mit den Städten und Kreisen sowie den inter-
lebnisse zu schaffen.                                   kommunalen Arbeitsgemeinschaften für die
                                                        Regionalen Grünzüge – unter der Überschrift
Der Emscher Landschaftspark wird regional              „Handlungsprogramm ELP 2020+“30 zusammen-
und interkommunal vom Regionalverband Ruhr              gefasst.
(RVR) moderiert und vor Ort von den 20 Städ-
ten, den zwei Kreisen, der Emschergenossen-            Ein wichtiger Bestandteil des Handlungspro-
schaft sowie dem Lippeverband und vom RVR –            gramm ELP 2020+ sind thematische, räumliche
Projekt für Projekt – Trasse für Trasse – realisiert   und organisatorische Leitlinien für die weitere
und gepflegt.                                          Entwicklung.

Abb. 22: Emscher Landschaftspark und seine Regionalen Grünzüge A bis G

Grüne Infrastruktur Ruhr //                                                                                                  31
Zu den thematischen Leitlinien gehören            >> Neues Emschertal Bottrop-Essen
                                                       >> Projektinitiative Emscherland (Herten, Herne,
     >> Klimaschutz und Klimaanpassung,                   Recklinghausen, Castrop-Rauxel)
     >> Biodiversität und Industrienatur,              >> Weiterentwicklung Landschaftspark Hoheward
     >> Urbane Landwirtschaft,                            im Raum Herten
     >> Urbane Waldnutzung,                            >> Wasserstraßenkreuz (Rhein-Herne-Kanal und
     >> Grüne Infrastruktur für Freizeit, Erholung,       Emscher) in Castrop-Rauxel
        Sport und Servicequalität,                     >> Urbane Landwirtschaft (Grünzug F / Castrop-
     >> Wirtschaftskraft des Parks für den Struktur-      Rauxel, Waltrop, Bochum, Dortmund)
        wandel.                                        >> Weiterentwicklung Seepark Lünen
                                                       >> Halde Großes Holz – Wasserstadt Aden in
     Die räumlichen Leitlinien orientieren sich auf       Bergkamen

     >> Integrierte Stadtentwicklung,
     >> Freiraumnetz und Lebensqualität,
     >> Räumlicher Schwerpunkt Städtelandschaft,
     >> Räumlicher Schwerpunkt Neues Emschertal
        und Seseketal.

     Wesentliche organisatorische Leitlinien sind

     >> Regionales Parkmanagement,
     >> Parkpflege und Qualitätssicherung,
     >> Teilhabe gestalten – der Park für alle Men-
        schen.

     Auf dieser Grundlage sollen in den nächsten
     Jahren weitere Projekte auf den Weg gebracht
     werden, die in Zusammenarbeit mit den Kom-
     munen, der Emschergenossenschaft und dem
     Lippeverband, der Ruhrkohle AG und weiteren
     Akteuren realisiert werden sollen. Alle aufge-
     führten Projektbeispiele schließen räumlich an
     bereits entwickelte Freiräume bzw. Gewässer-
     systeme an oder tragen zur Verknüpfung der-
     artiger Räume bei:

     >> Rheinpark in Duisburg
     >> Emscherdelta in Dinslaken und Voerde
     >> Haldenlandschaft Lohberg in Dinslaken
     >> Rheinische Bahn (Essen / Mülheim an der
        Ruhr) als Teil des Radschnellweg Ruhr RS1
     >> Haldenwelt Gladbeck Brauck und angren-
        zende Freiräume

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V. Metropole Ruhr //

Abb. 23: Zollverein Park / Essen

Grüne Infrastruktur Ruhr //                               33
Abb. 24: Handlungsfeld Urbane Kulturlandschaft

34                      Grüne Infrastruktur Ruhr //
V. Metropole Ruhr //

Grüne Infrastruktur Ruhr //                      35
Abb. 25: Borbecker Mühlenbach / Essen

36             Grüne Infrastruktur Ruhr //
V. Metropole Ruhr //

Grüne Infrastruktur Ruhr //                      37
5.2.2 Wasser in der Stadt – Umbau des Emschersystems

                      Der Umbau des Emschersystems durch die            werk auf einer Länge von 51 Kilometern in bis
                   Emschergenossenschaft ist eines der größten          zu 40 Metern Tiefe.
                   Renaturierungsprojekte weltweit und ein wich­-
                   tiger Beitrag zur Schaffung von blau-grünen          Der Emscherumbau ist jedoch mehr als die
                   Naturräumen und neuer Wohn- und Lebens-              Um­gestaltung eines Gewässers. Mit der Fertig­
                   qualität.                                            stellung des neuen Emscherkanals und den rund
                                                                        350 km ökologisch umgestalteten Gewässern er-
                   Das als Folge der bergbaulichen und industri-        geben sich für den Kernraum der Metropole Ruhr
                   ellen Intensivnutzung der Region über fast ein-      völlig veränderte Entwicklungsperspektiven.
                   hundert Jahre in offenen Gerinnen geführte
                   Abwasser der Emscher und ihrer Nebenläufe            Die städtebaulichen Impulse des Gewässerum-
                   wird zukünftig in geschlossenen Kanälen abge-        baus können von vielen öffentlichen und priva-
                   leitet, der Fluss und seine Nebenläufe werden        ten Akteuren aufgegriffen werden. Ganze Stadt-
                   Schritt für Schritt in naturnahe Gewässer um-        teile, deren Entwicklung über Jahrzehnte hinweg
                   gebaut. Von Dortmund-Deusen bis zur Rhein-          „mit dem Rücken“ zur Emscher verlief, können
                   mündung bei Dinslaken entsteht mit dem               sich nun dem Fluss zuwenden. Nahegelegene
                   Abwasserkanal Emscher ein gigantisches Bau-          Immobilien werden erhebliche Wertsteigerun-

        Abb. 26: Regenwasserprojekte - Maßnahmen im Rahmen der „Zukunftsvereinbarung Regenwasser“ / Emschergenossenschaft

38                                                                                             Grüne Infrastruktur Ruhr //
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