WTF! Highlights vom Zündfunk Netzkongress 2017 - #zf17

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WTF! Highlights vom Zündfunk Netzkongress 2017 - #zf17
WTF!
Highlights vom
Zündfunk Netzkongress 2017

#zf17
Inhaltsverzeichnis
............................................................................................................................................2

Netzkongress 2017
Das große F .......................................................................................................................3

Datenschutz
Wie bekommen wir die Kontrolle zurück? .................................................................7

Unsterblichkeit
Aber ewig leben? Nein Danke! ......................................................................................9

Constanze Kurz
„Deutschland ist in Hackerdingen immer noch Kreisliga“ .................................... 10

Unser digitales Erbe
Was wird aus meinen Daten, wenn ich sterbe? .......................................................12

Digitale Sprach-Assistenten
Wie weit sind Alexa und Co. wirklich? ......................................................................14

Bundestagswahl 2017
Höhere Bot-Aktivität als vor der US-Wahl ................................................................16

Wikipedia
„Die Anonymität gibt mir Schutz“ ............................................................................. 17

Neue Nähe
Wie Instant Messaging unsere Freundschaften verändert.................................... 20

Wolf Siegert
Den Menschen ihre Geschichte zurückgeben........................................................... 21

#couplegoals
Typologie der Instagram-Paare ................................................................................... 23

Vielen Dank! ...................................................................................................................27

Impressum ......................................................................................................................28
Netzkongress 2017
Das große F
Eineinhalb Tage Netzkongress, mehr als 40 Vorträge, Panels und
Workshops – und unzählige Antworten auf die Frage: “What the…?”.
Was haben wir beim Zündfunk Netzkongress 2017 gelernt? Eine
Annäherung in vier Schritten – natürlich mit F
Von Caspar Schwietering
WTF – was für ein beliebiges Motto. Denn das F in WTF sollte auf diesem
Zündfunk Netzkongress ja ausdrücklich für vieles stehen. Für Femism, Fake, Fun,
Fan, Future, Freedom. Programmatische Kapitulation also vor den vielfältigen
Phänomenen der Digitalisierung?

Schnell zeigte sich am Freitag, dass die Organisatoren diesem Netzkongress sehr
wohl einen Fokus gegeben haben: Future ist sozusagen das Leit-f. Die Frage, wie
das Digitale unser Leben verändern und prägen wird, hat diesen Kongress
bestimmt. Und hinter dieser Leitfrage lauerte dann stets die Frage danach, wie wir
diesen Digitalisierungsprozess politisch gestalten wollen. Daneben wurden aber
auch einige digitale Gegenwartsphänomene verhandelt und sogar die Frage nach
dem Danach – nach unserem Erbe – gestellt.

1. Future
Den Auftakt auf der großen Bühne machte Ole Reißmann vom Onlineportal Bento.
Und er zeichnete gleich ein äußerst dunkles Bild von der Zukunft. Einige wenige,
supermächtige Internetkonzerne wie Facebook, Google und Amazon werden darin
die Welt beherrschen und zugrunde richten. Die Manager dieser Konzerne, meint
Reißmann, werden diese dann als gute Transhumanisten hinter sich lassen und für
das ewige Leben gen Mars verschwinden. Zurück bleiben wir – die
Internetproletarier.

Es sind genau diese Dystopien, die Dirk von Gehlen von der Süddeutschen Zeitung
regelmäßig aufregen. Von Gehlen findet die Debatten über neue Technologien zu
sehr geprägt von Angst. Auf dem Netzkongress stimmte von Gehlen deshalb einen
Lobgesang auf das Smartphone an, das er für das wichtigste technische Werkzeug
der Gegenwart hält.

Wie jede wirklich durchschlagend erfolgreiche Erfindung werde das Smartphone
nun erst mal verteufelt. Wem aber nütze es, fragt von Gehlen, wenn wir immer nur
darüber redeten, wie sehr uns das Smartphone ablenke. Von Gehlen plädiert statt
des Technik-Pessimismus nicht für einen naiven Optimismus, sondern für
Pragmatismus. Das Smartphone werde unsere nahe Zukunft bestimmen und wir
müssten lernen, damit umzugehen. Vor allem aber, meint er, sollten wir unseren
Kindern helfen, ein gesundes Verhältnis zum Smartphone zu entwickeln. Die
blödeste Idee ist es für ihn, wenn wir das Smartphone – wie in Bayern – aus den
Klassenzimmern verbannen und unseren Kindern einreden, dass sie wegen des
Smartphones verblöden.

         „Was nützt es mir, wenn mein Gehirninhalt auf eine Festplatte
         hochgeladen wird?“ – Godehard Brüntrup
Im Bezug auf zukünftige – im Entstehen begriffene – Technologien tun sich aber
auch die technikaffinen Besucher des Netzkongresses schwer mit dem Optimismus.
Den Träumen der Transhumanisten, das ewige Leben zu erreichen – durch die
Verknüpfung des menschlichen Körpers mit technischen Geräten – konnten die
Philosophen Godehard Brüntrup und Janina Loh nichts abgewinnen.

„Was nützt es mir,“ fragte Brüntrup, „wenn mein Gehirninhalt auf eine Festplatte
hochgeladen wird? Auch wenn ich dann mit anderen Computerhirnen
kommunizieren kann, ohne Bewusstsein und die Möglichkeit die Welt zu erfahren,
ist das kein Leben.“ Auch die Vorstellung ewig im eigenen Körper zu leben, findet
Brüntrup nicht verheißungsvoll. „Nun bin ich 60 Jahre alt und da wird das Leben
irgendwann schon recht repetitiv. Da ist der Gedanke, dass das irgendwann ein
Ende hat, ohne depressiv zu sein, schon recht tröstlich“, meinte er. Die wesentlich
jüngere Janina Loh konnte da nur heftig mit dem Kopf nicken.

Und die Kryonik, die andere große Idee der Transhumanisten, ist für Brüntrup und
Loh der ultimative Ausdruck des Egoismus. Sich wie Han Solo in Stars Wars
einfrieren lassen, um sich dann in 300 Jahren wieder auftauen zu lassen? Allein
aufgrund des Energieverbrauchs eine völlig absurde Vorstellung.

Der britische Wissenschaftler Paul Graham Raven zeigte eine Alternative zum
Transhumanismus auf: Die Rückbesinnung auf die Infrastruktur. Während der
Transhumanismus nur einigen, wenigen Superreichen aus dem Silicon Valley das
ewige Leben sichern solle, könnte eine verbesserte Infrastruktur einer wachsenden
Weltbevölkerung ein halbwegs komfortables Zusammenleben auf der Erde
ermöglichen.

Die Künstliche Intelligenz (KI) wurde auf dem Zündfunk Netzkongress ebenfalls vor
allem als Bedrohung diskutiert. Obwohl der Publizist Mads Pankow von der KI
fasziniert ist, fragte er nur danach, ob eine kreative KI den Menschen Jobs
wegnehmen könnte. Das Fazit: All die Kreativen auf dem Netzkongress können
aufatmen; wirklich kreativ werden Computer ohne menschliche Hilfe auch in
Zukunft kaum sein.

Klaudia Seibel versucht mit ihrer Arbeit, die ewige Technikangst zu überwinden.
Dafür liest sie Science Fiction. Häufig, werde der Fortschritt einseitig anhand der
technologischen Entwicklung gestaltet, sagte Seibel auf dem Netzkongress. In der
Science Fiction stünden dagegen immer die menschlichen Bedürfnisse im
Vordergrund. Die Literaturwissenschaftlerin Seibel sucht in Science Fiction
Romanen nach Technologien, die sich die Menschen wirklich wünschen. Und berät
damit anschließend Firmen bei der Entwicklung.
2. Politik oder, nun ja…, Freedom
Und wie reagiert die Politik auf all diese Zukunftsszenarien? Versucht sie die
Entwicklung zu gestalten? Auf einem Panel zu Beginn des Kongresses machte Dirk
von Gehlen hier ein großes Defizit aus: Die noch amtierende Bundesregierung habe
sich in der vergangenen Legislaturperiode mal wieder kaum um die Digitalisierung
gekümmert, kritisierte er. Um zu begründen, dass die Politik beim Thema nicht auf
der Höhe der Zeit sei, reichte ihm schon ein Verweis auf den Digitalminister
Dobrindt.

Constanze Kurz vom Chaos Computer Club wollte das so nicht stehen lassen.
Alexander Dobrindt (CSU) und die anderen zuständigen Minister hätten durchaus
einige Gesetze zu digitalen Fragen auf den Weg gebracht. Fehlende Gesetze seien
nicht das Problem. Das Problem ist für Kurz ganz entschieden die fehlende Debatte.

So habe Dobrindt etwa eine Regelung zu autonom fahrenden Autos ermöglicht, die
alles andere als verbraucherfreundlich sei. Nur habe das keiner mitgekriegt.
Überhaupt kümmert sich die Union intensiv um die Digitalisierung, meint Kurz.
„Merkel spricht in jeder ihrer Reden, die sich keiner zu Ende anhört, über die
Digitalisierung.“ In Kurz’ Augen betreibt die Kanzlerin aber die falsche Politik. Die
Daten der Menschen seien da das neue Öl. Und überhaupt betreibe die Union eine
entschieden industriefreundliche Politik.

         „Merkel spricht in jeder ihrer Reden, die sich keiner zu Ende
         anhört, über die Digitalisierung.“ – Constanze Kurz
Enttäuscht zeigte sich Kurz vor allem von der SPD. Sie fragte, warum es der Partei
nicht gelänge ihre Wertvorstellungen ins Digitale zu übersetzen. An dieser Stelle
konnten Kurz alle Diskussionsteilnehmer zustimmen. Dass Martin Schulz im
Wahlkampf den Entwurf für eine europäische digitale Grundrechte-Charta nicht
einmal erwähnt hat, obwohl er sie noch wenige Monate zuvor mitverfasst hat,
fanden auch Dirk von Gehlen, der Grünen-Europapolitiker Jan-Philipp Albrecht und
die österreichische Wissenschaftlerin Martina Mara äußerst seltsam.

Jan-Philipp Albrecht wurde auf dem Netzkongress außerdem für die Europäische
Datenschutzverordnung gefeiert, die er als Berichterstatter im Europäischen
Parlament auf den Weg gebracht hat. Auch Constanze Kurz wollte daran nicht mehr
rummäkeln, mehr sei für Albrecht nicht drin gewesen, meinte sie.

Beim Panel zum Thema Datenschutz zeigte sich deutlich ein grundsätzliches
Problem dieses Netzkongresses. Es fehlte oft an Gegenstimmen. Warum wurde etwa
nicht jemand wie Joachim Herrmann (CSU) eingeladen, um zu begründen, warum
die Union Sicherheitsinteressen für vorrangig hält?

Beim Datenschutz musste stattdessen der Künstler und Satiriker Shahak Shapira
widerwillig als Gegenspieler herhalten. Constanze Kurz kritisierte ihn für eine
seiner Kunstaktionen. Im August sprühte Shapira Hasskommentare, die Twitter
nicht gelöscht hatte, vor der Deutschland-Zentrale des Konzerns auf die Straße. Für
Kurz die unterkomplexe Behandlung eines schwierigen Problems. Die ganze
Löschdebatte, befürchtet sie, werde am Ende nur dazu führen, dass die sozialen
Netzwerke automatische Löschfunktionen schaffen werden. Und diese Programme
würden dann auch Satire- und Kunstaktionen wie jene von Shapira löschen, weil sie
den Unterschied zu herkömmlichen Hasskommentaren gar nicht bemerken.

3. Die Gegenwart oder: Fuck, Fun, Feminism
Überhaupt spielten Hasskommentare auf dem Netzkongress eine große Rolle.
Shahak Shapira bekannte in einem Interview am Rande des Kongresses, dass ihn
die vielen Hasskommentare, die er nach seinen Aktionen erhalte, allmählich
zermürben würden. Er frage sich immer mehr, ob sich das noch lohne, sagte
Shapira.

Und neben anderen sprach auch Juliane Wieler über den Hass im Netz. Wieler
moderiert Hip-Hop Sendungen beim Jugendsender Puls und findet unter ihren
Beiträgen immer wieder jede Menge sexistische Kommentare. Ein Phänomen, das
Wieler aber nicht der Hip-Hop Comunity zuschreiben will. Sexismus gebe es überall
im Netz, meint sie. Vor allem aber dort, wo Menschen anonym posten können.

Aber nicht nur der Hass hat den Netzkongress beschäftigt auch die Liebe. Verena
Fiebiger von Puls analysierte in ihrem Beitrag, wie Paare auf Instagram ihr
Intimleben präsentieren und dabei alte Rollenbilder reproduzieren. Und Katharina
Brunner und Elisabeth Gamperl von der Süddeutschen Zeitung erzählten auf dem
Netzkongress, wie Freundschaft in Zeiten von Instant Messaging funktioniert.
Gespräche zwischen engen Freunden hätten heute keinen Anfang und kein Ende
mehr, erläutern die beiden. Während manche diese Entgrenzung bedrohlich finden
mögen, sehen Brunner und Gamperl sie als Gewinn. Wir seien heute unseren
Freunden so nah wie nie, behaupten sie. Und dabei hätten wir gleich noch eine neue
Sprachform erfunden: Das digitale Reden. Wir schreiben, folgen aber den Regeln
der mündlichen Kommunikation.

4. Das Erbe oder die “digital Funeral”
Was aber geschieht mit unserer digitalen Kommunikation, wenn wir einmal
verschwunden sind? Für den Publizisten Wolf Siegert sind Blogs und vor allem die
Facebook- und Instagramprofile der Menschen die digitale Form des Tagebuchs.
Eine Entwicklung, die ihn beunruhigt. Denn wenn wir Firmen wie Facebook unsere
Biografie anvertrauten, müssten wir damit leben, dass diese unsere Daten
weitergeben, ohne dass wir das kontrollieren können. Die Konsequenzen seien
potentiell beunruhigend.

Wolf Siegert plädiert deshalb dafür, Lebensgeschichten nicht bei Facebook und Co.
sondern anderswo zu erzählen. Und er fordert Journalisten, Künstler und
Historiker auf dies zu tun. Auf dem Zündfunk Netzkongress zeigte er deshalb die
Lebensgeschichten von einigen Teilnehmern des letztjährigen Kongresses in einer
Theaterperformance.

Die Veranstalterin Sabine Landes zeigte den Teilnehmern ihres Workshops, wie sie
ihren digitalen Nachlass regeln können. Für viele ist es eine gruselige Vorstellung,
dass nach dem eigenen Tod noch Social-Media-Profile von einem im Netz stehen.
Längst gibt es professionelle Anbieter – etwa Bestattungsunternehmen -, die diese
Zombie-Profile löschen. Bei Sabine Landes konnten die Teilnehmer lernen, wie sie
die Löschung ihrer Profile vor ihrem Tod selber veranlassen können.

Und was bleibt am Ende des Zündfunk Netzkongress? Memes! Traditionell ging die
Veranstaltung mit dem großen Meme Jeopardy von Anna Bühler und Christian
Schiffer zu Ende. Und wie immer waren dafür noch mal alle zur Großen Bühne
gekommen. Der unbestrittene Jeopardy-König: Shahak Shapira. Vier Memes hat
Shapira richtig erraten. Und eins der vorgestellten Memes – BosbachLeavingThings
– stammt gar von ihm selbst.

Datenschutz
Wie bekommen wir die Kontrolle
zurück?
Shahak Shapira, Jan Philipp Albrecht und Constanze Kurz
diskutieren über den Umgang mit personenbezogenen Daten. Dabei
gab es vor allem Kritik, Ratlosigkeit und wenige Lösungen.
Von Irini Bafas
„Wenn ich indische Speisen esse, bekomme ich Durchfall“, sagt Shahak Shapira.
„Ich weiß das und trotzdem bestelle ich sie immer wieder. Erst wenn ich auf der
Toilette sitze, denke ich darüber nach. Genauso ist das, wenn du Cookies
bestätigst.“ Das Publikum im großen Saal des Münchner Volkstheaters lacht und
klatscht, wie bei fast allem, was Shapira sagt. Dabei trifft seine Kritik bestimmt
auch viele Leute im vollen Saal.

Shapira hat seinen linken Fuß auf dem rechten Knie abgelegt, lehnt sich im Stuhl
auf der schwarzen Bühne zurück. Er sitzt zwischen der Netzaktivistin Constanze
Kurz und dem Grünen-Politiker Jan Philipp Albrecht. Die drei diskutieren darüber,
wie wir mitbestimmen können, wer was mit unseren Daten macht. Wie wir die
Macht über unsere Daten zurückbekommen können. „Bei den meisten Websites in
Deutschland kann man Cookies nicht ablehnen, sondern nur die Info wegklicken.
Das ist Verarsche und außerdem ist es rechtswidrig“, sagt Albrecht.

Bei Cookies auf „Okay“ zu klicken ist also nicht wie Essen, das man nicht verträgt.
Es ist wie hungrig sein, aber es gibt nur eine ekelige Speise. Der Vergleich passt
nicht nur in Bezug auf Cookies, er lässt sich auf alle Daten übertragen, die jeder
Einzelne im Netz preisgibt. Keiner will es und doch tut es fast jeder.

In den Daten könnten Namen und sogar Passwörter von E-Mail Accounts stecken,
sagt Albrecht: „So entsteht Diskriminierung. Andere bekommen die Marktmacht und
Kontrolle über uns, und das ist das eigentliche Problem“. Seit 2012 treibt er als
Abgeordneter im Europaparlament die Datenschutz-Grundverordnung der
Europäischen Union voran, die ab Mitte 2018 allen EU-Bürgern ein Recht auf den
Schutz personenbezogener Daten gewährleisten soll.

„Die Staaten sind zu schwach, Grundrechte zu schützen“
Durch eine sogenannte „Öffnungsklausel“ können die einzelnen Länder allerdings
weiterhin eigene Regelungen erlassen. Es bleibt also unklar, wie die Verordnung
durchgesetzt werden soll. „Auch wird es weiterhin Situationen geben, in denen wir
Daten freigeben, ohne gefragt zu werden, zum Beispiel beim Direktmarketing“, sagt
er. Bis jetzt sind die Staaten immer noch zu schwach, die Grundrechte im Netz zu
schützen.

„Die wenigsten wissen, wie einfach es ist, ihre Daten technisch auszuwerten“, sagt
Constanze Kurz. „Die Politik müsste transparenter mit dem Thema umgehen und die
Werbeindustrie entlarven, die alles von uns verfolgt.“ Kurz ist Informatikerin und
forscht zu Überwachungstechnologien und Ethik in der Informatik. Sie ist auch die
Verantwortliche dafür, dass es in Deutschland bislang keine Wahlcomputer gibt. In
ihrer Promotion hat sie gerade erst gezeigt, wie leicht es wäre, die Technologie zu
hacken und damit die Wahlen zu manipulieren.

Auf der Bühne startet ein Video. Es zeigt Shahak Shapira dabei, wie er in einer
neongelben Warnweste vor der deutschen Twitter-Zentrale in Hamburg Hass-
Tweets auf den Boden sprüht. Über ein halbes Jahr lang hat er 300 Tweets gemeldet
– und nur neun Antworten vom Konzern bekommen. Der Rest wurde ignoriert und
blieb online. „Schwule raus aus Auschwitz“, hat er auf den Boden gesprayt.
„Rechtsradikal, frauenverachtend, menschenfeindlich“, kommentiert ein Passant.
All das wird gefilmt und später per Presseverteiler verschickt.

Constanze Kurz bezeichnet solche Aktionen als sinnlos. „Wir können froh sein, dass
wir überhaupt eine Antwort kriegen“, sagt sie. In anderen Ländern sei die Lage noch
schlimmer.

Für Shapira hat die mediale Inszenierung aber funktioniert: Er wollte mit der
Aktion den Hass aus dem Internet in die Realität holen. Twitter hat sich zu der
Provokation nicht geäußert – aus Datenschutzgründen.
Unsterblichkeit
Aber ewig leben? Nein Danke!
Von Niklas Schenk
„Unsterblichkeit? Ja? Nein? Vielleicht?“ Moderator Christian Schiffer nimmt den
Titel der Veranstaltung dankbar auf, um das Stimmungsbild im Publikum
abzufragen. Das Ergebnis: Knapp die Hälfte votierte mit Nein, ist also gegen
Unsterblichkeit. Mehr als zwei Dutzend Zuschauer stimmten aber auch mit Ja oder
Vielleicht.

Anschließend taten die beiden Experten – der Münchner Philosoph Godehard
Brüntrup und die Wiener Technikphilosophin Janina Loh – auf der Bühne alles, um
auch diese Zuschauer noch umzustimmen: „Die Verlängerung des Lebens ist das
absolute Grauen“, so Brüntrup. Man solle sich alleine mal vorstellen, Millionen mal
jeden Morgen im Edeka einkaufen gehen zu müssen – diese Idee könne doch
niemandem gefallen. Gelächter im Publikum, auch Janina Loh stimmte Brüntrup
zu. Diese nannte zwei Bedingungen für ein ewiges Leben: Erstens müssten Körper
und Geist gesund bleiben und zweitens dürfte man nicht als einziger Mensch
unsterblich sein, um nicht einsam weiterzuleben.

         „Nun bin ich 60 Jahre alt und da wird das Leben irgendwann
         schon recht repetitiv. Da ist der Gedanke, dass das irgendwann
         ein Ende hat, ohne depressiv zu sein, schon recht tröstlich.“
         Godehard Brüntrup
Vor allem im Silicon Valley investieren einige schwerreiche Männer wie Jeff Bezos
oder Peter Thiel Millionen in die Unsterblichkeitsforschung. Beide Philosophen
kritisierten dies scharf. „De facto ist das schon der letzte Traum einiger weniger
reicher, westlicher Männer, die es sich leisten können“, sagte Loh. Brüntrup
ergänzte: „Das ist die Ausgeburt des Egoismus, zu denken, dass man selbst
unbedingt weiterleben muss, weil andere Menschen das nicht so gut können wie
man selbst.“ Ein Leben dürfe nicht danach beurteilt werden, wer noch länger oder
besser Leben, warnte Janina Loh. Das sei ihre Hauptkritik am Transhumanismus.

Die Angst vorm Tod – oder die Angst vorm ewigen Leben
Die Angst vor dem eigenen Tod – ein Thema, das die Menschen schon immer
umtreibt. „Ich bin selbst schon mal wiederbelebt worden und kann deshalb sagen:
Sterben ist etwas völlig anderes, als die meisten Menschen denken“, schilderte
Godehard Brüntrup.
Constanze Kurz
„Deutschland ist in Hackerdingen
immer noch Kreisliga“
Die Welt 2017: Seit den Snowden-Leaks vor vier Jahren steckt
zumindest Europa in einer IT-Vertrauenskrise. Die US-Wahl 2016
und die Spekulationen um mögliche russische Hacks tat ihr übriges.
Befinden wir uns mitten im digitalen Krieg, mitten im „Cyberwar“?
Von Jasmin Körber
Eine schwierige Frage, denn die Szene tut sich schwer mit der Definition des
Begriffs „Cyberwars“. Denn der digitale Krieg – wenn man ihn so nennen will –
spielt sich ja vor allem im zivilen Netz ab – und zielt auch auf zivile Ziele.

Die Cyberwar-Strategie der USA
Die Strategie der USA im digitalen Krieg hat Edward Snowden 2013 mit den NSA-
Leaks offengelegt. Er hat aber auch bewiesen: Die Vereinigten Staaten spionieren
vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Auf der „To Hack“-Liste stehen vor allem
EU-Institutionen, Botschaften, G20, Diplomaten, die OPEC, die Weltbank, und
interessanterweise Kommunikationsunternehmen wie die Belgacom. Interessant
findet Kurz das deshalb, weil die Belgacom ähnlich der Telekom als kritische
Infrastruktur zu werten ist: „Wir haben es also bei diesem Hack mit dem Angriff
eines NATO-Landes gegen ein anderes zu tun“, so Kurz.

Versteckte Wirtschaftsinteressen
Umso interessanter, dass die Berichterstattung zum Thema „Cyberwar“ sich eher
selten den dahinterstehenden Wirtschaftsinteressen widmet, dafür aber zu oft von
martialischer Militärsprache und politischen Plänkeleien geprägt ist.
Beispielsweise wird vom „Hand-to-Hand Combat“ gesprochen, wenn die NSA die
Russen gehackt hat – und diese beim Hacken der NSA beobachtet…

In der Berichterstattung wird ebenfalls ausgeklammert, dass ein riesiger
Schwarzmarkt an den Sicherheitslücken auf unseren Geräten verdient – und dass er
von Steuergeldern bezahlt und erhalten wird, weil staatliche Geheimdienste
Informationen zu diesen Sicherheitslücken aufkaufen. Oder dass „professionelles
Hacking heute vorrangig von Steuergeldern bezahlt“ wird, wie Constanze Kurz es
formuliert. Wenig weiß die Allgemeinheit auch von den spezialisierten Firmen, die
ihre Hackingdienste an den Meistbietenden verhökern. Und, und, und.

“Da müssen wir ran!”
„Wir nehmen nicht wahr, dass da ein Problem ist, und zwar ein richtig strukturelles
Problem“, sagt Kurz und fordert: „Da müssen wir ran“. Denn die Probleme seien
nicht unlösbar.
„Ich will hier keine Doomsday-Stimmung verbreiten. Ich glaube, dass wir das fixen
können. Wenn man sich dem Glauben hingibt, dass es nichts zu verändern gibt,
dann haben wir eh schon verloren.“ Constanze Kurz

Genfer Konvention für die digitale Welt?
Einen Plan hat Kurz auch schon parat: Wir könnten beispielsweise eine Art Genfer
Konventionen für die digitale Welt beschließen. Immerhin gelten fürs Militär im
klassischen Kampf klare Regeln: Zivilisten müssen soweit wie möglich geschützt
werden. Diese Regeln müssten wir aufs Digitale übertragen – und zum Beispiel
kritische zivile Infrastrukturen wie Stromerzeuger, Mobilfunknetze und
Krankenversorger von militärischen Aktionen abkoppeln. Gerade Deutschland sei
zwar „ein mächtiges Land, aber in Hackerdingen immer noch Kreisliga“. Deshalb
müsse Deutschland ein gesteigertes Interesse an einer klaren Regelung zur
digitalen Kriegsführung haben.

„Ein demokratischer Staat muss sich entscheiden, ob er strukturelle IT-Sicherheit
will oder die Lücken ausnutzen will“, so Kurz. Wie viele Länder wagt auch
Deutschland gerade noch einen schwierigen Spagat: Auf der einen Seite steht der
Wunsch, Sicherheitslücken für eigene Zwecke auszunutzen. Auf der anderen wird
man selbst natürlich äußerst ungern Opfer von Hacks und Exploits.

Bessere Verschlüsselung dank Snowden
Aber auch wir Nutzer können viel erreichen und Einfluss nehmen. Weil
Deutschland als attraktiver Markt für Tech-Firmen gilt, hat sich hier nach den
Snowden-Leaks einiges getan: WhatsApp, Yahoo, Gmail bieten bessere
Verschlüsselung – weil sie müssen: „Für die Firmen ist das auch ein Imageproblem,
wenn sich da jeder einhacken kann.“

Constanze Kurz selbst ist auch aktiv geworden: Gemeinsam mit britischen NGOs
hat sie beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die umfassende
Überwachung der britischen Regierung geklagt. Am 7. November ist die Anhörung,
sie freut sich über Aufmerksamkeit in jeglicher Form: Schreiben, twittern, „sogar
Facebook wär mir recht!“
Unser digitales Erbe
Was wird aus meinen Daten, wenn
ich sterbe?
Unsere Autorin hat diese Frage ewig unbeantwortet vor sich
hergeschoben. Höchste Zeit für Lösungen.
Von Helena Ott
Was soll mit meinen Spuren im Netz passieren, wenn ich plötzlich sterbe? Eine
Frage, die in meinem Kopf weit hinter der Patientenverfügung, die ich schon längst
schreiben wollte, rangiert. Ich würde einen heillosen Wust hinterlassen. Den
Überblick habe ich nach 12 Jahren online längst verloren. Auf Anhieb denke ich an
Facebook, Spotify, meine vier Mail-Accounts, meinen Amazon- und Zalando-
Account. Aber eigentlich passiert es ständig, dass ich im Netz nur weiter klicken
kann, wenn ich Mailadresse und Passwort angebe: Stadt-Newsletter, Fluganbieter,
Orga-Tools wie Trello und Zeitungen mit Registrier-Schranke; alle haben
irgendwann einmal nach meinen Daten gefragt und ich habe sie ihnen gegeben.

Dann ist da der ganze Kram auf meinem Laptop, dessen Vorgänger, Festplatten, ein
paar Sticks und Speicherkarten. Ordner mit dem kryptischen Namen „Fotos Januar
bis Juni 2016“ – unsortiert vom Smartphone und der Kamera runtergezogen. Und
was, wenn ich einen tödlichen Unfall habe und wenige Tage später bei Facebook
noch unter „Kennst du vielleicht“ vorgeschlagen werde, oder Facebook-Freunde
aufgefordert werden, mir zum Geburtstag zu gratulieren?

Es wäre ganz schön fies, wenn sich meine Familie durch das alles kämpfen müsste.

Immerhin bin ich nicht die Einzige, die sich noch nie die Frage gestellt hat, was mit
all den digitalen Schnipseln passieren soll. Laut einer aktuellen Bitcom-Studie
sagen 80 Prozent, dass sie ihren digitalen Nachlass noch überhaupt nicht geregelt
haben.

Wenn ich darüber nachdenke, will ich eigentlich, dass das Netz mich nach meinem
Tod einfach verschluckt. Aber wenn es morgen soweit wäre, würde genau das nicht
passieren. Was also tun?

Dass das Thema „Digitaler Nachlass“ nicht im Trend liegt, hat auch
Medienwissenschaftlerin Sabine Landes aus München vor zwei Jahren erkannt. Sie
fühlt sich berufen, das zu ändern. Auf digital-danach.de hat sie gemeinsam mit
ihrem Mann Praxisanleitungen zusammengetragen und organisiert bald einen
Kongress in München, der Menschen vernetzt, die sich mit dem digitalen Erbe
beschäftigen.

Auf dem Zündfunk-Netzkongress spricht sie heute in einem Workshop. Diese eine
Stunde nehme ich mir. Auf dem Tisch liegen 50 Kärtchen: Logos von Online-
Diensten, W-LAN, Lupe, Weltkugel. Wir sollen ein Symbol auswählen, das wir mit
unserem digitalen Leben verbinden. Obwohl ich mich zu den Leuten zähle, die beim
Shoppen, Lesen oder Kalender bestücken oft den analogen Weg vorziehen, könnte
ich jetzt fast zu jeder der Karten greifen.

Sabine Landes rät dazu, eine Liste anzulegen mit allen Accounts, allen Passwörtern
und einem Vermerk, was damit nach dem Tod geschehen soll. Alternativ empfiehlt
sie einen Passwort-Manager, dort kann man alle Logins hinterlegen und bei
manchen Anbietern auch eine Notiz dahinter schreiben, was im Todesfall mit dem
Account passieren soll.

Das bringt aber nur dann etwas, wenn ich mir eine vertraute Person suche, die das
Masterpasswort kennt und Zugang zum Passwortmanager hat. Bei vier
Geschwistern habe ich immerhin Auswahl. Nur, wie würden die mich ansehen,
wenn ich ihnen morgen mein Master-Passwort auf einem Zettel in die Hand drücke
oder ihnen sage, wo sie meine Accountliste finden, für den Fall, dass ich sterbe? Ich
bin die jüngste in meiner Familie, von mir erwarten die anderen wohl am
wenigsten, dass ich über Tod und Nachlass sprechen will.

Ich will wissen, wie das bei Facebook ist: In den Einstellungen habe ich ein Feld vor
mir, in das ich einen Nachlasskontakt eintragen kann. Spontan fiel mir mein Bruder
ein, der am meisten internetaffine in unserer Familie. Weiter unten gab es auch die
Möglichkeit: Account löschen. Ich bin überrascht, dass anscheinend nur ein Klick
nötig ist. Ja, warum sollte ich noch jemanden damit belästigen, wenn ich hier
einfach gleich regeln kann, dass alles gelöscht wird?

Klick. Das Dialogfeld „Dein Konto in Zukunft löschen? Bitte bestätige, dass dein
Konto nach deinem Tod gelöscht werden soll. Sobald uns mitgeteilt wird, dass du
verstorben bist, werden all deine Infos, Fotos und Beiträge permanent von
Facebook entfernt und niemand kann dein Profil anzeigen“ öffnet sich.

Ich will straight auf den „Nach dem Tod löschen“-Button klicken. Mein Finger
stoppt. Sollen meine Freunde aus dem Bachelor in Erfurt, Reisebegleitungen und
liebe Menschen aus dem FSJ nicht auch erfahren, dass ich einen tödlichen
Fahrradunfall hatte? Nur weil meine Familie nicht mal weiß, dass sie existieren
oder sie Kontakt zu ihnen hat.

Ich verschiebe meine Entscheidung. Sabine Landes sagt, dass es beim Digitalen
Nachlass nicht darauf ankäme „den hinterletzten Shopping-Account, wo man mal
den lila Schrankknauf“ bestellt hat, aufzulisten. Stattdessen ginge es darum, den
Verbleib von Dingen, die uns im Netz wichtig sind, wie Fotos und Kommunikation
für den Notfall zu regeln.

Wenn ich über meine Freizeitgestaltung in der nächsten Zeit nachdenke, sehe ich
nicht, dass ich in zwei Wochen am Schreibtisch sitze und eine Liste meiner Logins
und Passwörter erstelle und dazu notiere, was posthum damit passieren soll.
Charmanter scheint mir eine Lösung, die Sabine Landes gegen Ende des Workshops
vorstellt: Online-Dienstleister, wie die Firma Columba, bietet Angehörigen an, die
250 meistgenutzten Portale nach bestehenden Registrierungen zu befragen. Auf
Wunsch der Angehörigen können die Columba-Mitarbeiter auch gleich die
Löschung beantragen.
Für mich würde das bedeuten, ich setze ein Dokument auf, das ich „Digitale
Nachlassverfügung“ nenne und schreibe dann – passt wahrscheinlich in zwei Zeilen
– dass meine Familie alle meine Accounts über einen solchen Dienstleister
vernichten lassen soll, wenn ich sterbe. Dem Anbieter reicht dazu Name und
Mailadressen. Eventuell würde ich im Dokument noch den Satz hinzufügen, dass
meine Familie bevor sie mein Facebook-Profil löscht, bitte eine kurze Nachricht an
meine Freundesliste schickt, dass und unter welchen Umständen ich verstorben
bin.

Hört sich alles makaber an, aber erspart Angehörigen wohl eine Menge zusätzlichen
Frust. Meinen Bruder werde ich schon mal vorwarnen, dass ich mit ihm über meine
digitalen Überreste sprechen will. Wenn dann mal viele verregnete Herbsttage
aufeinanderfolgen, gibt es meinen letzten digitalen Willen vielleicht auch bald auf
Papier.

Digitale Sprach-Assistenten
Wie weit sind Alexa und Co.
wirklich?
Ob Siri, Cortana oder Alexa: Der Sprachassistent ist gerade die
unangefochtene Lieblingstechnologie der Tech-Szene. Dank ihnen
dreht sich die Art und Weise, wie wir mit Maschinen interagieren,
gerade um 180 Grad.
Von Jasmin Körber
Plötzlich verstehen Maschinen, wie wir sprechen. Und dementsprechend viele
Fragen hatte das Publikum beim Zündfunk Netzkongress an Malte Kosub, der als
Software-Entwickler mit Amazon und Google zusammenarbeitet. Dass es überhaupt
erst soweit gekommen ist, dass Mensch und Maschine sich so ungekannt gut
verstehen, macht er an drei Faktoren fest.

Allein Amazon beschäftigt 5000 Mitarbeiter für Alexa
Faktor eins: Die Erkennungsrate von Sprache entwickelt sich rasant weiter. In den
1950er Jahren erfunden, sorgen ab den 80er Jahren statistische Verfahren dafür,
dass die maschinelle Spracherkennung immer besser wird. Der Durchbruch kommt
aber erst Anfang 2010: Dank Machine Learning liegt die Trefferrate bei der
Erkennung von Sätzen bei 95 Prozent. Das heißt: Bei perfekten Umweltbedingungen
schneidet die Maschine jetzt besser ab als der Mensch.
Faktor zwei: Tech-Unternehmen weltweit investieren gerade extrem viel Geld in die
Sprachassistenten: Allein Amazon beschäftigt 5.000 Mitarbeiter allein für Alexa.

Faktor drei: Sogenannte „Voice First-Geräte“ haben Sprachassistenten
alltagstauglich gemacht. Den Anfang hat Amazon mit Echo gemacht, Google legte
mit Home nach und Apple will noch dieses Jahr folgen. Glaubt man den Hype-
Scouts, werden im Jahr 2020 schon 75 Prozent aller US-Haushalte ein Voice First-
Gerät haben, 30 Prozent aller Web-Interaktionen werden komplett ohne Bildschirm
auskommen.

Wenn der Backofen mit dir spricht
Auch wenn der Siegeszug der Sprachassistenten auf den Voice First-Geräten
begonnen hat, die Technologie dahinter werden wir bald überall finden: In
Kühlschränken, Backöfen, Weckern und Autos. BMW hat schon angekündigt,
Amazons Alexa integrieren zu wollen. Die Vorteile sind ja klar: Stimmsteuerung ist
direkter und niemand muss die Hände vom Lenkrad nehmen.

Bei all dem Hype: Alexa, Siri und Co. eignen sich nicht für alle Anwendungsgebiete:
Problematisch wird es immer dann, wenn die Lösungsbreite einer Anfrage für den
Sprachassistenten zu groß wird. Wer Alexa lediglich gebietet, „etwas von
Beethoven“ zu spielen, der darf sich nicht wundern, wenn am Ende ein Deep House-
Remix von „Für Elise“ aus den Boxen schallt.

Trotzdem: In Zukunft werden unsere Assistenten noch sehr viel menschlicher
werden. Und sie werden dank Vernetzung sehr viel über unsere Lebensumstände
wissen. Spätestens wenn der Sprachassistent die eigenen Vorlieben besser kennt als
man selbst, wird es für viele unheimlich. Klar ist: Keine neue Technologie ohne die
Möglichkeit ihres Missbrauchs: Denkbar wäre beispielsweise, dass man eine Pizza
beim Lieblingsitaliener bestellen möchte und Alexa fragt, ob man stattdessen nicht
lieber bei Pizza Hut bestellen möchte – ganz einfach, weil die Firma dafür gezahlt
hat.

Zukunftsmusik, zugegeben. Noch ist komplett offen, inwiefern Werbung überhaupt
den Weg in die Sprachassistenten finden wird. Aber wenn es so weit ist, werden wir
uns sehr viel öfter fragen müssen: „Dient der Sprachassistent mir – oder vielleicht
jemand ganz anderem?“.
Bundestagswahl 2017
Höhere Bot-Aktivität als vor der US-
Wahl
Bei den US-Wahlen waren sie in aller Munde: Social Bots, die
beispielsweise bei Twitter Stimmung für die Republikaner machen.
Auch im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 waren die Sorgen groß,
dass irgendwelche russischen Botnetzwerke die Abstimmung
beeinflussen. Und dann? Irgendwie nichts mehr.
Von Lukas Graw
Die Wahlen liefen ab und plötzlich sprach jeder über die Verluste der Altparteien
und keiner mehr über Bots. Altparteien? Genau solche Begriffe, sagt die Digital-
Strategin Tabea Wilke, sind das Zeichen, dass die Beeinflussung funktioniert. Denn
der Begriff sei noch vor ein paar Jahren ein klassischer Begriff des rechten
Spektrums, jetzt aber sei er im journalistischen Mainstream angekommen.

23 Prozent der Tweets zur Bundestagswahl kamen von Bots
Valide Daten über diesen Einfluss könne man leider nicht messen. Noch nicht
zumindest, so das Fazit von Tabea Wilke. Sie ist Geschäftsführerin von Botswatch,
einem Tool um bei Twitter in Echtzeit erkennen zu können, wie viele Bots bei
bestimmten Themen aktiv sind. Und da tat sich im Rahmen der Bundestagswahl bei
Twitter so einiges: 23 Prozent aller themenbezogenen Tweets in der deutschen
Wahlwoche kamen von Bots. In den USA waren es in der Wahlwoche lediglich 18
Prozent.

“Das Fazit ist: Wir hatten eine höhere Botaktivität und einen höheren Botindex als
bei den US-Wahlen.” Tabea Wilke

Gesetzliche Maßnahmen dauern zu lange
Doch wie soll eine Gesellschaft damit umgehen? Eine gesetzliche Lösung wollte
Tabea Wilke nicht gelten lassen: Sie dauern schlichtweg zu lange. Denn Netzwerke,
und das sei das Spannende an ihnen, würden sich im Wochenrhythmus verändern.
Sobald eine Regierung einen Verbotskatalog schaffe, sei dieser veraltet. Man müsse
sich andere Möglichkeiten überlegen, mit Social Bots umzugehen.

Den Einwand, dass Twitter hierzulande keinen nennenswerten Einfluss habe, weil
es zu wenige Nutzer habe, wollte Wilke so nicht stehen lassen. Es gehe nicht um die
absoluten Nutzerzahlen von Twitter, sondern um die Menschen, die den Diskurs in
Deutschland steuern. Und genau die seien bei Twitter aktiv: Journalisten,
Influencer, Prominente.

“Wenn ein Account nur 200 Leute erreicht, und das aber die sind, die er erreichen
wollte, dann ist der viel wichtiger als einer, der 2.000 Leute erreicht.” Tabea Wilke

Es bedarf mehr Diskussion um Social Bots
Können Botarchitekten die Stimmung einer Gesellschaft also dauerhaft
beeinflussen? Das ist die große Frage, mit der sich Tabea Wilke beschäftigt, und die
ihrer Überzeugung nach viel zu wenig diskutiert wird. Bots sind nützliche
Werkzeuge für viele Arbeitsschritte, es kommt nur darauf an, wer sie verwendet.

Wikipedia
„Die Anonymität gibt mir Schutz“
Für die deutsche Wikipedia schreiben 180.000 User. Sie füllen die
Online-Enzyklopädie in ihrer Freizeit mit Wissen und beseitigen
Vandalismus. Warum tun sie das? Eine Wikipedianerin erzählt
Von Johanna Sagmeister
Platon war kein Wettermoderator und Charlie Sheen ist nicht halb Mann, halb
Kokain. Ihre Wikipedia-Artikel haben all das aber schon behauptet. Fehler und
Vandalismus in Wikipedia-Artikeln: Sie machen die Online-Enzyklopädie
unglaubwürdig und rechtfertigen den Satz eines jeden Professors, dass man die
Artikel nicht zitieren soll. Dabei sind falsche Informationen dort eigentlich einfach
zu beheben. Denn das Prinzip ist: Jeder darf in der Online-Enzyklopädie lesen und
jeder darf sie auch bearbeiten. Doch nur die wenigsten machen Letzeres. Wikipedia
hat schon seit langem ein Autoren-Problem.

„Freddy2001“ ist einer der wenigen Menschen, die etwas gegen das
Qualitätsproblem tun. Im Profil ist nicht viel über den Menschen dahinter zu
erfahren. Dort steht nur, dass er mehrere Programmiersprachen beherrscht, welche
Betriebssysteme er benutzt, dass er sich für Fotografie interessiert und neben
Englisch auch ein wenig Holländisch spricht. Auch den richtigen Namen verrät das
Profil nicht. Über einen E-Mail-Button kann man den Nutzer kontaktieren.

Freddy2001 heißt eigentlich Isabelle und ist 16 Jahre alt. Ihr Pseudonym setzt sich
aus ihrem Zweitnamen Friederike und ihrem Geburtsjahr zusammen. Vor fünf
Jahren wurde sie durch einen fehlerhaften Artikel über ihr Heimatdorf nahe
Mönchengladbach zur Wikipedianerin. Da war sie elf Jahre alt. In dem Artikel war
noch der alte Bürgermeister genannt. Der Fehler hat sie so sehr genervt, dass sie
ihn nicht stehen lassen wollte. Sie meldete sich an, verlinkte den richtigen
Bürgermeister und war von dem simplen Wikipedia-Prinzip angefixt. Bald danach
erstellte sie ihren ersten eigenen Eintrag: über den Bahnhof ihres Heimatsortes. Die
Informationen holte sie sich aus Büchern oder Internetquellen.
Ihre Mitschüler nennen sie “lebendes Lexikon”
Mittlerweile verbringt Isabelle mehrere Stunden am Tag in der Wikipedia-
Community. Sie ist sogar eines von elf gewählten Mitgliedern des Schiedsgerichts –
 der höchsten Instanz von Wikipedia. In der Schule wird sie wegen ihres Hobbys
aus Scherz „lebendes Lexikon“ genannt. Aber sie sei kein Überflieger, nur eine
durchschnittliche Schülerin, sagt Isabelle am Telefon. Aber: „Ich weiß vielleicht
besser, wie ich Informationen schnell finde und neutral schreibe”, sagt sie. Wenn
Isabelle anderen Wikipedianern erzählt, dass sie drei Monate jünger ist als die
Enzyklopädie selbst, wird sie erstaunt angeschaut. „Die Anonymität gibt mir
Schutz“, sagt Isabelle. „Ich werde nicht auf mein Alter reduziert. Nur meine
Leistung zählt.“ Deshalb möchte sie ihren Nachnamen auch nicht nennen.

In der Wikipedia arbeiten nur die wenigsten Autoren mit ihrem Klarnamen. Der Ton
bei Artikel-Diskussionen ist rau, nicht selten kommt es dabei zu persönlichen
Anfeindungen. Die muss sich Isabelle zum Beispiel anhören, weil sie eine Frau ist.
„Es gibt viele männliche Benutzer, die damit ein Problem haben und nicht
akzeptieren, dass man auch als Frau gute Beiträge leisten kann”, sagt sie.

Frauen sind seit Gründung der Wikipedia vor 16 Jahren unterrepräsentiert. Nur
etwa zehn Prozent der deutschen Autoren sind einer Umfrage der Wikimedia nach
weiblich. „Ich finde es schade, dass das Frausein in der Wikipedia immer noch eine
Angriffsfläche ist”, sagt Isabelle. Viele Frauen hätten keine Lust auf Machtspielchen
und soziale Rollenkämpfe und würden ihr Geschlecht deshalb im Profil gar nicht
erst preisgeben.

Der typische Wikipedianer ist der Statistik nach weiß, männlich, Single und etwa 33
Jahre alt. Kritiker sagen, das beeinflusse die Themen und führe zu einem männlich-
dominierten Geschichtsbild in den Artikeln. Verschiedene Gruppen, in denen sich
Frauen zusammenschließen, versuchen seit Jahren, das zu ändern und weibliche
Autorinnen zu fördern.

Nach Erstellen des Artikels geht die Arbeit erst los
Isabelle verfasst am liebsten Artikel über Minderheiten, wie zum Beispiel über
Transsexuelle. „Der Bereich ist in der deutschsprachigen Wikipedia sehr dünn, da
gibt es viele Sachen, die noch geschrieben werden müssen”, sagt sie. In einer
entsprechenden Liste werden Personen und Themen gesammelt, für die noch ein
Artikel erstellt werden muss. Isabelle und andere interessierte Autoren arbeiten die
Liste dann nach und nach ab. Als nächstes wird sie einen Artikel zu der TV-Serie „I
am Jazz” schreiben, in der ein Jungen im falschen Körper geboren wurde und zur
Frau wird. „Den Artikel gibt es bereits in der englischsprachigen Wikipedia. Ich
kann ihn also einfach ins Deutsche übersetzen”, erklärt Isabelle. Und dann geht die
Arbeit erst los. Der Artikel muss sich beweisen. Ist das Thema relevant? Reicht die
Qualität?

Bei diesen Fragen kann jeder angemeldete User mitdiskutieren, den Text verändern
oder ganz löschen. Viele Autoren beharren auf ihren Meinungen, zeigen keine
Einsicht. Dadurch wird die separate Diskussionsseite oft länger als der eigentliche
Artikel.

Noch schlimmer ist es, wenn der Konflikt direkt im Artikel ausgetragen wird. In
solchen „Edit-Wars” schreibt ein Nutzer etwas in den Artikel rein, das von einem
anderen direkt wieder gelöscht wird. Gewinner ist dann, wer am längsten
durchhält, nicht wer das beste Argument hat. Isabelle nerven solche Diskussionen,
die sich nur im Kreis drehen. Sogar Wikipedia-Gründer Jimmy Wales kritisierte
2007 in einem Interview mit der New York Times die Einstellung von Wikipedia-
Autoren. Er sagte, dass einige Wikipedia-Autoren eingebildete Idioten seien, die
nicht gar nicht schreiben sollten.

         „Der eine ist Professor, der andere Schüler. Bei einem
         persönlichen Treffen wäre die Hierarchie klar, aber bei
         Wikipedia zählen nur die besseren Quellen.“ – Isabelle, alias
         Freddy2001
Vandalismus, Falschnachrichten, Anfeindungen – all das sind Gründe, warum sich
immer weniger Freiwillige in der Wikipedia engagieren. Sie alle arbeiten schließlich
ehrenamtlich. Isabelle wird aufgrund ihres hohen Engagements aber von der
Wikimedia Foundation unterstützt. Sie fährt zu vielen Wikipedia-Treffen, war im
Sommer beim Jahrestreffen in Kanada. Die Reisekosten hat die Wikimedia
Foundation übernommen. Als Schülerin könne sie sich solche Reisen sonst nicht
leisten.

Bei den Treffen mit anderen Wikipedianern verschmelzen die Nutzerin
„Freddy2001“ und die Person Isabelle. „Ich würde nicht sagen, dass ‚Freddy2001’
und ich sehr verschieden sind, aber online und offline zählen verschiedene Sachen”,
sagt sie. Online genießt sie die Diskussionen als Freddy2001, „da muss man sehr
spitzfindig sein und die richtige Formulierung oder den entscheidenden Fakt
finden, um zu überzeugen”, sagt sie. Wikipedianer haben ihre ganz eigene Art zu
diskutieren. Emotionen und Ironie sind über die wenigen Zeilen schwer zu
vermitteln. Auch deshalb wirken Diskussionen für Außenstehende kühl und
unfreundlich.

Bei den Treffen stellt Isabelle oft fest, dass hinter einem sehr draufgängerischen
Pseudonym oft eine eher schüchterne Person steckt. In der Wikipedia seien aber
alle gleich: „Der eine ist Professor, der andere Schüler. Bei einem persönlichen
Treffen wäre die Hierarchie klar, aber bei Wikipedia zählen nur die besseren
Quellen.” Die anderen Autoren schätzen Freddy2001 wegen ihrer guten Arbeit. Im
September wurde sie von der Wikipedia-Community mit der „SupportEule“
ausgezeichnet. In der Nominierung heißt es über Isabelle: “Diese Benutzerin ist ein
echtes Phänomen. Sie kann gefühlt alles, und ist doch erst 16 Jahre alt. Sie kennt
sich sehr gut mit allen technischen Belangen aus, programmiert Bots und Vorlagen
und steht jederzeit hilfreich zur Verfügung, wenn Fragen dazu aufkommen.“
Wikipedia ist für Isabelle in den letzten Jahren zu mehr als einem Hobby geworden.
Die Arbeit fordert viel Geduld im Umgang mit den anderen Mitgliedern, aber sie
trägt Verantwortung und kann auch in ihrem jungen Alter etwas bewegen.
Neue Nähe
Wie Instant Messaging unsere
Freundschaften verändert
Doppelhäkchen, Lesebestätigungen und die drei wabernden Punkte.
Längst kommunizieren wir mit unseren Freundinnen und Freunden
ständig über Messenger wie WhatsApp. Das macht unsere Bindung
enger, sagen Zwei, die es wissen müssen.
Von Rachel Roudyani
Durchschnittlich verbringt ein User 195 Stunden pro Woche auf WhatsApp. Und das
ist nur ein Messenger-Dienst. Meistens benutzen wir parallel dazu noch zwei oder
drei andere Dienste, um uns mit den gleichen Leuten zu connecten. Mit dem
Facebook-Messenger verschickt man den lustigen Hasen-Sticker und Signal wird
von Edward Snowden empfohlen, also ist da alles super sicher.

Je mehr solcher Kanäle wir mit einem Freund oder einer Freundin benutzen, desto
enger wird unsere Bindung, behaupten Elisabeth Gamperl und Katharina Brunner
von der Süddeutschen Zeitung. „Wir leben im Zeitalter des digitalen Redens“, sagt
Brunner. Dass das digitale Zeitalter Freundschaften oberflächlich macht, sehen die
beiden Journalistinnen gar nicht. Instant Messaging bringe uns einander sogar
näher.

Demokratisierung der Intimität
Dabei geht es nicht um Facebook-Freundschaften, betonen Gamperl und Brunner,
das fungiere eher als Erinnerungsbox für Freundschaften. Es geht um die Hand voll
Menschen, mit denen wir uns fast täglich austauschen. Und zwar intensiv und
persönlich. So persönlich, dass sie inzwischen immer in unseren Hosen- und
Handtaschen bei uns sind. Egal ob in der U-Bahn oder im Meeting: Handy raus und
intime Themen oder lustige Geschichten teilen, bei denen man nicht will, dass alle
zuhören.

Intimität und Freundschaft werden von Raum und Zeit entkoppelt. Wir teilen
vermehrt alltägliches mit unseren Freunden, wie die Bitte nach Mitleid für unser
trauriges Frühstück mit grauer Wurst im All-Inclusive-Hotel. Und dem
Freundschaftskiller, der „Long-Distance-Friendship“, bieten wir mit ein paar
Fingerwischen die Stirn. Das Alltägliche und die tiefen Gespräche schaffen eine
solide Freundschaftsbasis. Wer mehr textet, treffe sich auch eher face-to-face.

Messaging – ein Hybrid aus schriftlich und mündlich
Wir schreiben zwar, aber wir schreiben wie wir reden. Elisabeth Gamperl und
Katharina Brunner machen klar, dass nach mündlicher und schriftlicher
Kommunikation ein neues Kommunikationszeitalter angebrochen ist: Schriftlich ja,
aber Grammatik oder Satzbau dürfen gerne mal leiden, wenn wir die schnelle
Nachricht abschicken. Trotzdem haben wir Zeit unsere Antworten genauer zu
planen, eventuell noch mal umzuformulieren.

Digitale Kommunikation bedarf neuen Codes: Für Mimik und Gestik,
Transportmittel für Emotionen, gibt es Emojis. Wie bei der Gestik, müssen wir
lernen, was sie bedeuten. Zum Beispiel, dass Auberginen auf WhatsApp keine
Auberginen sind… 2.600 Emojis gibt es inzwischen, die auch in unseren
Freundschaften eigne Codes bekommen können.

Der Beginn einer neuen Freundschaft
Doppelhäkchen, Lesebestätigungen und die drei wabernden Punkte, wenn jemand
schreibt – quälendes Warten auf die Antwort. Die ewige Hoffnung und ultimative
Enttäuschung unseres Alltags, zitieren Brunner und Gamperl einen New Yorker
Kolumnisten. „Zeit ist eine Währung in digitalen Beziehungen“, sagt Elisabeth
Gamperl. Drei Minuten ist die durchschnittliche Reaktionszeit auf eine Nachricht.
Und wenn es länger dauert, fühlen wir uns schnell bestraft, obwohl vielleicht
jemand nur einfach mal nicht aufs Handy geschaut hat.

Instant Messaging ist nicht das Ende der physikalischen Freundschaft, sondern
erst ihr Beginn, ist die These der beiden Journalistinnen. Entscheidend ist nicht die
Technologie, also welchen Messenger wir benutzen, sondern das Gerät. Denn so nah
wie jetzt, waren uns unsere Freunde wohl nie.

Wolf Siegert
Den Menschen ihre Geschichte
zurückgeben
Wolf Siegert will unser digitales Erbe nicht Google und Facebook
überlassen. Deshalb spielt er Theater.
Von Caspar Schwietering
Ein bisschen verdutzt gucken die Zuschauer schon, als sie um 11 Uhr die kleine
Bühne am Volkstheater betreten. Da steht Wolf Siegert, für den sie zur
Veranstaltung gekommen sind, auf der Bühne – und applaudiert ihnen zu. Siegert
macht sie zu den Akteuren seiner Performance, will ihnen – die in seinen Augen für
Facebook, Google und Co. nur noch Datenmaterial sind – ihre Würde zurückgeben.

Wolf Siegert sieht sich selbst als Digital-Guru. Seit er in den Siebzigern die
Programmiersprache „Fortran“ lernte und mit Lochkarten hantierte, denkt der heute
68-Jährige darüber nach, wie es mit der Digitalisierung weitergehen wird. Einen
Changineer nennt er sich. Er erzählt gern, wie er als Veränderer Giganten wie
Microsoft, der Telekom und Burda half, das Internet zu verstehen.

Niemand wird Siegert also Sendungsbewusstsein abstreiten. Das „Digitale Erbe“
beschäftigt ihn seit Jahren. Dennoch möchte er dazu keinen Vortrag halten. Also
stellt er mit demonstrativer Geste das Publikum in den Mittelpunkt.

Aus unseren Daten dürfen keine Digital-Klone werden
Wie Facebook, Google und Co. hat Siegert Informationen gesammelt – Lebensdaten.
Die Besucher des letztjährigen Netzkongresses hat er gebeten, ihm eine Geschichte
zu erzählen. Eine Geschichte, die es wert ist, auch nach ihrem Tod noch erzählt zu
werden. Jetzt sitzt Siegert etwas gebrechlich, mit langen schlohweißen Haar an
einem kleinen Beistelltisch neben der Bühne, und schaut zwei Schauspielschülern
zu, wie sie diese Geschichten vortragen.

Den Zuschauern ihre Geschichten zurückgeben, nennt Siegert das. Die Leistung
sieht er dabei vor allem bei den Geschichtenerzählern – dem Publikum. Deshalb der
Applaus.

Wenn die Menschen ihre Geschichten Paten wie Facebook anvertrauen, verlieren sie
die Kontrolle. Wolf Siegert

Die meisten Menschen erzählen heute ihre Lebensgeschichte online auf Plattformen
wie Facebook und Instagram. Keine Generation hat so intensiv ihre eigen
Biographie in Echtzeit dokumentiert. „Aber wenn die Menschen ihre Geschichten
Paten wie Facebook anvertrauen, verlieren sie die Kontrolle“, meint Siegert. „Sie
wissen nicht, wie diese Paten ihre Geschichte weiter erzählen, in welcher Form und
an wen.“ Schon bald, glaubt Siegert, werde es mithilfe von künstlicher Intelligenz
möglich sein, den riesigen Datensätzen von Facebook und Google wieder eine
menschliche Form zu geben. Und spätestens wenn diese Digital-Klone einmal
existierten, hätten die Menschen die Kontrolle über ihre eigene Biographie verloren.

Siegert bringt analoge Datensätze auf die Bühne
Er glaubt, dass Journalisten, Künstler und Historiker in Zukunft vor allem eine
zentrale Aufgabe haben werden: Aus den riesigen Datensätzen heraus, die
entstanden sind, wieder „authentische Geschichten“ zu erzählen. Sie sollten
Lebensgeschichten so erzählen, dass sie nicht allein ökonomischen Interessen
entsprechen, sondern den Intentionen jener, die diese Leben gelebt haben.

Die Geschichten, die Siegert zusammen mit Clara Liepsch und Peter Blum vorträgt,
sind größtenteils zunächst wenig spektakulär. Ein Mann erzählt von seinem ersten
Tor für die Fußballmannschaft seines Dorfes. Ein Paar erinnert sich an den Urlaub
in der türkischen Provinz. Sie erinnern sich daran, wie der Dorfpolizist plötzlich
zum Fremdenführer mutierte und ihnen die ganze Gegend zeigte. Manche haben
Siegert nur einen Witz erzählt. Andere denken über ihre Beziehung nach, und einer
erinnert sich an eine ganz besondere Nacht in einem Club in Damaskus.
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