LEBENSWENDE FORUM DES FRANZISKUS-HOSPIZ e. V - Franziskus-Hospiz ...
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03/2021 LEBENSWENDE FORUM DES FRANZISKUS-HOSPIZ e. V. IM PORTRÄT SCHWERPUNKTTHEMA REPORTAGE Stephani Nellen, Assistierter Suizid (S.6) Sabbatjahr: „Sechs Monate neue Pflegedienstleiterin (S.4) mit mir verabredet“ (S.12)
Editorial, tiergestützte Therapie EDITORIAL Spätestens seit Sommer freuen sich die So auch die Debatte um die Gesetzes- In dieser LebensWende-Ausgabe stellen meisten Menschen auf ihre „alte“ Freiheit, novelle des §217. Weil das Thema „assis- wir Ihnen außerdem die neue Pflege- auf Gesundheit und ein Stück Normalität, tierter Suizid“ so brisant wie eh und je ist, dienstleiterin im Stationären Hospiz, Ste- auf die sie in der Corona-Zeit mehr als haben wir es in diesem Heft auf sechs phani Nellen, sowie die neue Mitarbeite- ein Jahr lang verzichten mussten. Die Seiten in den Fokus gerückt und von sehr rin Barbara Dahm vor. Letztere wird für Lust am Leben soll im Vordergrund ste- unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Wir ein Jahr den sogenannten Bundesfreiwil- hen, die Zeiten stehen auf Öffnung. Folg- sprechen weniger von Paragrafen als von ligendienst (an der Seite von Hospizko- lich hat doch keiner Lust auf schwergän- menschlichen Schicksalen, von den ordinatorin Kornelia Smailes) ableisten. gige Themen? Ob das stimmt, ist äußerst Gewissensnöten der Betroffenen und Ein großes Dankeschön an all diejenigen, fraglich. Denn viele Menschen haben ihre ihren Angehörigen, von der Ratlosigkeit die diese Ausgabe mitgestaltet haben Denkstöße und Sorgen, die sie vor Coro- der Pflege-Profis. Gleichzeitig möchten na beschäftigt haben, nur verschoben wir mit Ihnen, liebe Leser:innen, in einen sagen Silke Kirchmann und nicht aufgehoben. Sie stecken noch Dialog treten und Sie um Stellungnahme und Gerd Michalek irgendwo im Kopf oder in der Schublade. per E-Mail oder Brief bitten. Ein Huhn namens Doris Es war Herbst 2019, als das Franziskus- Hospiz erstmalig Besuch von vier Lege- hennen bekam. Das kam gut an bei Gäs- ten und dem Hospizteam, so dass im sonnigen Juli 2021 ein dreiwöchiger Zweitbesuch folgte. Das zahme Flatter- vieh (von Thomas Höppners Langenfelder Hühnerverleih „Mein Huhn - dein Huhn“) besteht aus zwei braunen und zwei schwarzen Hennen. Sie haben mehrere Vorzüge: Die Hennen sind pflegeleicht, lassen sich gerne streicheln, gackern munter vor sich hin und stoßen bei Hos- pizgästen wie auch Mitarbeiter:innen vie- lerlei Assoziationen und Erinnerungen aus Kindheit und Jugend an: Die vier sind artgerecht auf 40 qm untergebracht und haben viel Auslauf an der Waldseite des Hospizes, wo sie gut geschützt vor Mar- der und Bussard in einer automatisch verschließbaren Hühnerbox nächtigen. Ein Hospizgast erinnert sich wehmütig an seine eigenen Hühner. Manch anderer mag an die Streiche von Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ denken: Bekanntlich erleichtern die beiden Lausbuben Witwe Bolte um drei Hühner und einen Hahn („Jedes legt noch schnell ein Ei ...“) Apro- pos Ei. Täglich drei frische Eier sind bei den „Hospiz-Hennen“ garantiert. Tabu ist allerdings der Gedanke an den Verzehr der vier Gasthühner – vor allem bei den Hospiz-Hauswirtschafterinnen: Linda vom Küchenteam streichelt die vier Hühner täglich und nennt sie alle liebevoll DORIS. 2 03/2021 | LEBENSWENDE
Porträt: Barbara Dahm, Spende
Neu im Hospizteam: Barbara Dahm
B arbara Dahm freut sich rundum auf die
nächsten zwölf Monate. Das merkten
ihr die neuen Kolleg:innen direkt an. Am 31.
Aus dem aktuellen Befähigungskurs für
den Kinder- und Jugendhospizbereich
schöpft sie viel Kraft und Motivation. „Wir
Mai kam die gelernte Fremdsprachen- werden in Zukunft Familien über Jahre be-
Korrespondentin (für Englisch, Spanisch gleiten. Meine Arbeit sehe ich in erster
und Französisch) nach Hochdahl, um sich Linie als eine Lebensbegleitung“, betont
dem Hospizteam erstmalig vorzustellen. Barbara Dahm. „Obwohl wir gegenwärtig
Die 55-Jährige arbeitet fortan als neue Mit- wegen Corona den Befähigungskurs nur
arbeiterin im Bundesfreiwilligendienst. Ge- online absolvieren können, hat sich schon
meinsam wird sie mit der Koordinatorin nach wenigen Sitzungen ein gutes und
Kornelia Smailes den ambulanten Kinder- enges Gruppengefühl entwickelt: „Es ma-
und Jugendhospizdienst des Franziskus- chen Menschen mit, die um die 30 oder
Hospizes mitgestalten. 40 Jahre alt sind und noch voll im Berufs-
leben stehen, teilweise auch Kinder haben.
Eine Art Pionierarbeit in Mettmann und Andere sind bereits im Ruhestand. Das
Barbara Dahm ist mittendrin. Doch um Team ist insofern schon eine sehr interes-
das inhaltliche Neuland ist ihr nicht bange. sante Mischung.“
Was sie bereits an ehrenamtlicher Erfah-
rung mitbringt, kann sich sehen lassen: In ihrer Freizeit ruht sich Barbara Dahm
Jahrelang hat Dahm in der christlichen kaum auf ihrer Couch aus. Sie hat viele
Bücherstube in Mettmann mitgeholfen, Interessen: Oft singt sie und begleitet sich
außerdem in der evangelischen Landes- selbst mit der Gitarre. Sie liebt es, Briefe
kirche Kindergottesdienste gestaltet. Den an Freunde und Bekannte zu schreiben
Umgang mit Kindern kennt die dreifache oder sich einfach um andere zu küm-
Mutter natürlich aus dem Effeff. Inzwi- mern. Nicht selten unterstützt sie die
schen sind alle Kinder erwachsen und solviert hat. „Außerdem bin ich durch Kindernothilfe, indem sie deren Fragebö-
aus dem Haus. „Ich empfinde es als ein meinen Vater schon lange vertraut mit der gen vom Spanischen ins Deutsche über-
Privileg, nun im Franziskus-Hospiz mit- Hospizbewegung. Er hat rund zehn Jah- setzt. Dadurch können deutsche Paten-
helfen zu dürfen und nochmals für ein re in Wuppertal-Elberfeld ehrenamtlich in eltern leichter erkennen, woran es
Jahr einzutauchen in andere Tätigkeiten.“ der ambulanten Hospizbegleitung gear- Schulkindern beispielsweise in Guatema-
Gut 30 Jahre ist es her, dass sie nach beitet.“ Kurze Zeit nach seinem Tod folgt la mangelt. Barbara Dahm weiß also gut,
dem Abitur in Bethel ihr soziales Jahr ab- sie nun in gewisser Weise seinem Vorbild. ihre Zeit sinnvoll zu füllen.
Gebäudereiniger Reils & Wahl spenden
500 Euro an Franziskus-Hospiz
„ Wir finden toll, was Ihre Hospizmitar-
beiterInnen alles leisten!“ Sichtlich
„Das hat mich sehr interessiert. Klar wur-
de, dass wir Ihr Haus unterstützen.“ Am
beeindruckt übergab Geschäftsführer 5. August kamen er und sein Marketing-
Frank Wahl (von Reils & Wahl) einen Mitarbeiter Lauritz Meurer ins Franziskus-
Spendenscheck über 500 Euro an Hos- Hospiz, um sich über die vielfältigen
piz-Schatzmeisterin Anke Banken. Wie Dienste zu informieren. Was „Leben bis
es zum Erstkontakt kam? Weil Wahls zuletzt“ im Hospiz bedeutet, wurde ihnen
Reinigungsfirma kürzlich in der Mühlen- anhand vieler persönlicher Beispiele von
straße 15 im neuen AHPB-Hospizbüro Anke Banken und Presse-Mitarbeiter
in Mettmann arbeitete, fiel ihm zufällig ein Gerd Michalek erläutert. Es war bestimmt
Hospiz-Flyer in die Hände. Frank Wahl nicht der letzte Besuch von Frank Wahl
nahm ihn mit und kam ins Grübeln. We- und seinem Team: Zum Schluss kam die
nig später erweiterte er seine Vorstellung ernste Frage seines Mitarbeiters Lauritz
vom Franziskus-Hospiz über die sozialen Meurer auf: „Wie wird man in Ihrem Hos-
Medien. piz ehrenamtlicher Mitarbeiter?“
LEBENSWENDE | 03/2021 3Porträt: Stephani
Editorial, tiergestützte
Nellen
Therapie
„Schwester Greta war mein Vorbild“
Die neue Pflegedienstleiterin Stephani Nellen im Portrait
„ Schon mit fünf Jahren stand für mich
fest, dass ich Krankenschwester wer-
Solche Wechselbäder der Gefühle ma-
chen Stefani Nellen nichts aus, im Gegen-
Einrichtung der Diakonie, wo sie andert-
halb Jahre bleibt. „Fahrtechnisch eine Ka-
de,“ sagt Stephani Nellen mit wachem teil. Sie entwickelt ein Gespür für gelebte tastrophe“, sagt sie heute und fügt
Blick und einem kleinen Schmunzeln. Ihr Augenblicke: „Kaum, dass die unange- schmunzelnd hinzu, dass sie wegen der
frühes Vorbild war Schwester Greta, eine nehme Situation vorüber sei, könne sich Dauerstaus auf dem Arbeitsweg im Rhein-
gute Bekannte ihrer Großtante, die als der Mensch ungetrübt darüber freuen, tunnel einen Kaffee-Automaten beantragt
Gemeindeschwester arbeitete und eine wie schön er/sie sich aus dem Spiegel habe. Nachdem sie in Neuss die Palliative
eindrucksvolle Tracht trug. entgegen schaue.“ Care-Weiterbildung abgeschlossen hat,
wechselt sie als Pflegedienstleiterin ins
Weil Greta mächtig Eindruck auf die klei- Stephani Nellen steigt tiefer ein in die The- Haus Horst in Hilden und geht anschlie-
ne Stephani macht, arbeitet die gebürtige matik, absolviert gerontopsychiatrische ßend ins Hospiz St. Raffael nach Duisburg.
Wülfratherin bereits mit 15 Jahren als Fortbildungen und wird im Haus Salem Dort lernt sie als Fachpflegekraft Hospiz-
Aushilfspflegekraft in einem Altenheim, Wohnbereichsleiterin, schließlich auch arbeit von der Basis auf kennen.
belegt danach ein Jahr lang die Pflege- Pflegedienstleiterin: „Damals im Alten-
vorschule, bevor sie in Bochum ihre drei- heim lernte ich im Grunde schon den 2019 kommt ihr Kontakt zum Franziskus-
jährige Pflegeausbildung startet. Schon palliativen Gedanken kennen und die Hospiz zustande, sie bewirbt sich, auch
am Ende ihrer Ausbildung wird sie Mutter. grundsätzliche Frage: Macht es wirklich weil sie um den guten Ruf des Hauses
Während sie anschließend erneut im Al- noch Sinn, diese oder jene Diagnostik am weiß. „Leider war damals keine Stelle frei.“
tenheim arbeitet, kommt ihr zweites Kind Lebensende durchzuführen oder geht es Im Sommer 2021 klappt es schließlich.
zur Welt. nicht vielmehr darum, ein möglichst gutes Eine gute Wahl, die sie nicht eine Sekun-
Leben zu ermöglichen.“ de bereut: „Ich bin dermaßen offen und
Für einige Jahre steht folglich ihre Fami- herzlich hier in Hochdahl begrüßt worden,
lie im Vordergrund: Stephani widmet sich Wenig später wechselt sie nach Neuss ins obwohl doch keiner wusste, wie ich mei-
vor allem ihren inzwischen vier Kindern, Heinrich Grüber-Haus, eine beschützende ne Arbeit mache. Das war und ist toll“.
(die heute zwischen 20 und 29 Jahre alt
sind) und engagiert sich sowohl in der
Kirchengemeinde als auch bei den Pfad-
findern, denen sie bis heute treu geblie-
ben ist (das Motto „der Stärkere hilft dem
Schwachen“ findet sie überzeugend).
Was ihr Spaß in der Freizeit macht, ist
vielerlei: Sie ist Naturmensch, der gerne
liest und es liebt, mit ihrem Hund unter-
wegs zu sein.
Beruflich knüpft sie 2005 an ihre Alten-
heimarbeit an und geht ins Haus Salem
nach Lintorf. Dort entdeckt sie für sich, wie
erfüllend die Arbeit mit Demenzkranken
sein kann. „Obwohl ich mir das anfangs
gar nicht vorstellen konnte, machte es mir
immer mehr Freude, in sehr unterschied-
liche Welten einzutauchen. Genau hinzu-
schauen, was Menschen wirklich brau-
chen, spornt an.“ Was sie genau damit
meine? „Bei Demenzkranken fehlt zuneh-
mend das soziale Benehmen. Das Faszi-
nosum ist, dass sie ihre Emotionen unge-
hemmt ausleben: Wenn ich eine Patientin
zum Duschen begleite, ärgert sie das
richtig. Dann nennt sie mich für den einen
Moment blöde Kuh. Dann aber, wenn es
um ihr Lieblingsspiel geht, bin ich für sie
der liebste Mensch auf der Welt!“.
4 03/2021 | LEBENSWENDEFreiwilliges Soziales Jahr
Meine Zeit im FSJ
Ein Beitrag von Steffen Funk
E s war ein Jahr mit vielen Fassetten,
Erfahrungen und tollen Erlebnissen!
Ehrlicherweise war ich mir am Anfang gar
dass es manchmal auch reicht, einfach
nur da sein, jemanden zu haben, der ei-
nem zuhört und sich mit einem beschäf-
nicht so sicher, ob das FSJ die richtige tigt. Das war für mich auch eine schöne
Entscheidung für mich war. Doch jetzt, wo Erfahrung, dass man eigentlich nur man
ein Jahr vorüber ist und ich rückblickend selbst sein muss und dafür so viel zurück-
auf das Jahr schaue, kann ich diese Fra- bekommt.
ge mit einem klarem „Ja“ beantworten.
Ich habe Einblick in allen Bereichen des Wenn ich an die Reaktionen von Freunden
Hospizalltags gewinnen dürfen, zum Bei- und Bekannten denke: Ihre Resonanz war
spiel in der Verwaltung, auf Station und in durchweg positiv. Alle fanden es eine gute
der Hauswirtschaft, etc.. Dabei haben und wichtige Sache. Oft jedoch wurde
mich einige Aufgaben nicht so wirklich gesagt: „Ich selbst könnte das ja nicht! Mit
angesprochen, andere wiederum habe todkranken Menschen arbeiten!“ Das fin-
ich sehr gerne gemacht. Ich kann sagen, de ich schade und hat mich auf Dauer
dass die Aufgaben sehr abwechslungs- auch genervt, weil so traurig und bedrü-
reich waren. ckend, wie der Satz klingt, ist die Arbeit
im Hospiz ganz und gar nicht. Im Gegen-
Am liebsten habe ich mich mit den Men- teil, es ist eine fröhliche und freundliche
schen beschäftigt, die mich sehr geprägt Atmosphäre, in der viel gelacht wird und
haben und mir gezeigt haben, dass die man zusammen die letzten Momente mit
kleinen Dinge im Leben entscheidend in allem war die Entscheidung, ein FSJ im den Menschen verbringen darf. Abschlie-
sind. Im Rückblick fallen mir regelmäßig Franziskus Hospiz Hochdahl zu machen, ßend möchte ich mich bei allen Mitarbei-
Momente der Begegnung ein. Ich erwi- die richtige und ich habe vieles auf zwi- tern und Hospizgästen bedanken, die
sche mich dann selbst beim Schmunzeln schenmenschlicher Ebene gelernt und mich bei meinem Weg begleitet haben.
und freue mich dann, diesen Menschen möchte die Erfahrungen nicht missen wol- Ich freue mich auf ein baldiges Wiederse-
kennengelernt zu haben und nette Mo- len. Konkret: Ich habe gelernt, die Dinge hen und wünsche dem Franziskus Hospiz
mente mit diesem erlebt zu haben. Alles nicht nur schwarz-weiß zusehen. Und alles Gute für die Zukunft.
„FSJ-ler:innen-Suche – etwas um die Ecke“
Über die Vorzüge eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ)
Liebe Mama, lieber Papa
n Dein Kind hat die Schule abgeschlossen und
weiß nicht so recht, was es machen soll?
n Dein Kind hat Interesse an einer richtig abwechslungsreichen Aufgabe?
n Du findest es klasse, dass mit einem FSJ die Chancen, einen Studien-
platz oder Ausbildung zu finden, für dein Kind deutlich größer werden?
n Dich nervt vielleicht, dass dein Kind total unentschlossen ist.
n Du wissen möchtest, dass dein Kind in besten
Händen ist, coole Kollegen und nette Chefs hat?
n Dann solltest du deinem Kind dringend zu einem FSJ
(freiwilliges soziales Jahr) in unserem Hospiz-Zentrum raten.
n Wir freuen uns, dein Kind kennenzulernen!
Mehr Infos unter: stephanie.meis@marienhaus.de
LEBENSWENDE | 03/2021 5Schwerpunktthema: assistierter Suizid
Einführung: Der Suizid ist
ein streitbares Thema
„ Hand an sich legen“ und den eigenen
Tod herbeiführen – das ist schon seit
„Das allgemeine Persönlichkeitsrecht (Art.
2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1
der Umstand gesehen, dass jeder Sterbe-
willige auch ohne schwerwiegende Erkran-
Jahrhunderten ein heikles Thema. So- GG) umfasst ein Recht auf selbstbestimm- kung, das Recht auf einen assistierten
genannte Selbstmörder wurden lange tes Sterben. Dieses Recht schließt die Frei- Suizid hat.
geächtet und jenseits der Friedhofsmau- heit ein, sich das Leben zu nehmen und
ern beerdigt. Und während es viele gibt, hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurück- Wenn wir uns Menschen in einer physi-
die es aus christlicher Tradition von vorn- zugreifen. Die in Wahrnehmung dieses schen oder psychischen Notlage vorstel-
herein ablehnen und darin eine Sünde Rechts getroffene Entscheidung des Ein- len: Was ist richtig, was ist falsch? Auf den
sehen, in Gottes Schöpfung und damit zelnen, seinem Leben entsprechend sei- folgenden sechs Seiten möchten wir Sie
in „Werden und Vergehen“ einzugreifen, nem Verständnis von Lebensqualität und mit dem Lebensende von drei sehr unter-
verweisen die Befürworter des Suizids Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein schiedlichen Menschen konfrontieren. Es
vor allem auf die Selbstbestimmung und Ende zu setzen, ist im Ausgangspunkt als geht um einen Jugendlichen, einen Mann
Würde eines Einzelnen. Und Menschen, Akt autonomer Selbstbestimmung von mittleren Alters und alte Frau, die scheinbar
die Betroffenen beim Suizid helfen möch- Staat und Gesellschaft zu respektieren.“ ihr Leben gelebt hat: Wir nennen sie in den
ten (und ihn damit assistieren), stehen anschließenden Fallgeschichten „Stefan,
ähnlich stark in der Kritik. Neuen Zünd- Der Deutsche Hospiz- und Palliativ-Ver- Marcel und Frau Kaufmann“.
stoff hat die Debatte um den (assistier- band (DHPV) hat dieses Urteil kritisiert. Der
ten) Suizid 2020 durch das Urteil des DHPV befürchtet, dass dieses Gesetz zur Zum Hintergrund der drei Beispiele:
Bundesverfassungsgerichts zum §217 Entsolidarisierung mit schwerkranken und Sie wurden alle im Rahmen einer träger-
erhalten. Im Urteil des BVG v. 26.2.2020 sterbenden Menschen führen wird. Als weiten Ethik-Fortbildung von Silke Kirch-
heißt es: besonders schwerwiegend wird hierbei mann (als Referentin) vorgetragen.
Wir möchten von Ihnen wissen:
Was lösen diese Lebensgeschichten bei Ihnen aus?
Helfen Sie Ihnen, sich eine eigene Meinung zu bilden? Oder sorgen sie vor allem für
Irritation und Ratlosigkeit? Wie erging es Ihnen beim Lesen?
Ihre Meinung und Ihre Gedanken sind uns wichtig!
Schreiben Sie uns, liebe Lebenswende-Leser:innen – oder senden Sie uns eine E-Mail unter:
gerd.michalek@marienhaus.de. (oder Silke.kirchmann@marienhaus.de )
In einer der nächsten LebensWende-Ausgaben werden wir diese Diskussion weiterführen –
auch dank Ihres Engagements. Vielen Dank für Ihre Leser:innen-Briefe im Voraus!
6 03/2021 | LEBENSWENDESchwerpunktthema: assistierter Suizid
„Das Leben ist voll für den Arsch!“
Ein Beitrag von Silke Kirchmann
A m 13.02.2014 konnte man folgendes
in den deutschen Tageszeitungen
lesen: Gesetzesänderung in Belgien: Ster-
behilfe für Kinder erlaubt. Mitte Dezember
2013 hatte der Senat in Belgien einen
neuen Gesetzentwurf auf den Weg ge-
bracht. Dieser soll es ermöglichen, dass
aktive Sterbehilfe auch bei Kindern recht-
lich zulässig ist. Seitdem gibt es dort bei
aktiver Sterbehilfe keine Altersbegrenzun-
gen mehr. Die Debatte war damals hef-
tig – in der Süddeutschen Zeitung stand:
Ein moralischer Dammbruch – können
Kinder das entscheiden?
Im Folgenden geht es um Marcel, ich habe
mehrere Male mit der Mutter telefoniert,
Marcel selber bin ich nur einmal beim Auf-
nahmegespräch ins stationäre Kinder- und
Jugendhospiz begegnet. Zu diesem Zeit-
punkt war sein Allgemeinzustand schon
sehr reduziert.
Die leitende Koordinatorin war eng mit der
Familie verbunden, ebenfalls das Sternen-
boot-Team (SAPV Düsseldorf). Im Februar
2014 ist Marcel bereits progredient er- Man könnte wohl den Verlauf verlangsamen, durch, wenn man in die Bretagne in den
krankt. Ein Glioblastom im Frontallappen aber eine Heilung scheint unmöglich. Bei Urlaub fährt. Ich beginne die Belgier zu
machen ihm zunehmend Beschwerden. einem Gespräch mit der Koordinatorin, die hassen. Haben die eigentlich eine Ahnung,
er erst mal ablehnt, schreit er ihr hinterher was das für Eltern bedeutet, wenn das ei-
Marcel ging in die 9. Klasse eines städti- „Das Leben ist voll für den Arsch!“ gene Kind sein Leben vorzeitig beenden
schen Gymnasiums. Er war nicht nur ein möchte? Wir fühlen uns um die wenige Zeit
guter Schüler, sondern war zudem sehr Im Internet stolpert er auch über die Mög- mit unserem Sohn betrogen. Natürlich ist
sportlich. Seine Schwester sagte, er war lichkeit der aktiven Sterbehilfe. Schnell wird Marcel wütend, natürlich bekommt, vor
immer ein Womanizer, legte immer großen ihm klar: „Das will ich!“ Er schreibt an eine allem mein Mann, eine Menge ab. Aber
Wert auf Äußerlichkeiten. Für viele ein Rechtsanwältin in Belgien, die sich im Par- allein die Möglichkeit, dass er nach Belgien
Trendsetter. Erkannt wird die Krankheit lament für die Legalisierung stark gemacht reisen könnte, verhindert unseren Zugang
erst, als Marcel beginnt, Doppelbilder zu hat. Diese teilt ihm mit, dass sie eigentlich zu Marcel. Er scheint geradezu davon be-
sehen. Nach vielen Untersuchungen unter keinen Suizidtourismus aus Deutschland sessen. Es darf doch nicht sein, dass wir
anderem ein CT wird die niederschmet- wünschen, es aber wenigen Ausnahmen uns gegen das Leben entscheiden müs-
ternde Diagnose Glioblastom gestellt. ermöglicht würde. Dazu müssten aller- sen. Auch wenn ich weiß, dass mein Jun-
dings die Eltern zustimmen, da er eben ge stirbt, so bleibt doch meine Hoffnung.“
Bereits beim ersten Kontakt 2014 hat sich noch nicht volljährig ist.
Marcel laut seiner Familie schon sehr ver- Trotz Therapie verschlechtert sich Mar-
ändert, er hatte zuvor den Kontakt zu Mit- Die anschließenden Diskussionen beherr- cels Zustand drastisch, zunehmend ist er
schülern abgebrochen, will keinen Besuch. schen monatelang das Familienleben. Täg- vergesslicher. Eine ausgeprägte Aphasie
Er ist aggressiv seinen Eltern und Geschwis- lich kommt es zu Auseinandersetzungen. erschwert die Kommunikation. Seine Mo-
tern gegenüber, wirft Gegenstände und Er wirft seinen Eltern vor „ihn verrecken zu torik verlangsamt sich, er hat eine Gang-
beleidigt sein Umfeld. Er geht nicht mehr lassen“ – schließlich hätte jeder Hund ein ataxie. Schon bald spricht er gar nicht
vor die Türe, beginnt aber nach möglichen Recht darauf, würdiger zu sterben. mehr. Im Dezember 2015 nach einer lan-
Therapien im Internet zu recherchieren. Die gen Leidenszeit verstirbt Marcel im Bei-
Erkenntnis ist eine weitere herbe Enttäu- Die Mutter beschreibt die Situation am Te- sein seiner Familie friedlich. Am Ende
schung – er wird annähernd mit an hundert- lefon so: „Ich hatte mich vorher noch nie blieb und bleibt die Frage: „Haben wir
prozentiger Sicherheit daran versterben. mit Belgien beschäftigt, da fährt man halt richtig entschieden!?“
LEBENSWENDE | 03/2021 7Schwerpunktthema: assistierter Suizid
Stefan und der quietschende Hahn
Ein Beitrag von Silke Kirchmann
I ch lerne Stefan rund ein halbes Jahr
nach seiner Diagnose ALS kennen. Sei-
ne Frau bittet mich um ein Beratungsge-
rial für ein neues Haus zu kaufen. Auf dem
Rückweg dann ging der Motor aus.
nicht vorstellen, wie es in einer so trocke-
nen Gegend ist, vom Ertrinken bedroht zu
sein. Ich habe angefangen zu beten, mein
spräch. „Weißt Du, die Autos sind an sich schon Begleiter, eigentlich Moslem, nahm meine
ein kleines Abenteuer, sicher konnte man Hand und wir haben jeder unsere Gebete
Zur Vorgeschichte: Als Stefan Anette ken- sich eigentlich nie sein – ich fand es immer gemurmelt. Auch wenn es sich kitschig
nenlernt, ist dies eines seiner glücklichsten etwas beklemmend! Deshalb habe ich anhört, wir wussten plötzlich: Gott ist an-
Lebensmomente. Er ist schon 36, Anette auch dafür gesorgt, dass ich nie allein fah- wesend. Es fühlte sich wirklich erhaben
gerade mal 29 Jahre alt. Er ist Schreiner- re! Als wir dann mitten in der Pampa im an, meinem Begleiter ging es ähnlich.
meister und arbeitet bei der Handwerker- Nirgendwo standen und dieser verflixte Auch wenn wir uns nur durch Gesten und
Innung als Lehrer. Zu seinen Hauptaufga- Motor keinen Mucks mehr von sich gab, ein paar Fetzen Igbo (nigerianische Ethnie)
ben gehört es, Auszubildende auf ihre bekam ich schon etwas Angst! Aber rich- verständigen konnten, fühlten wir das glei-
praktische Prüfung vorzubereiten. tig schlimm wurde es, als ein Regenguss che. Wie durch ein Wunder riss mitten in
auf uns hernieder prasselte. Du kannst Dir der Regenzeit der Himmel auf und die
Stef (so sein Spitzname) und Anette heira-
ten schon ganz bald und ziehen in ein
kleines Bergisches Fachwerkhaus am
Rande einer Kleinstadt.
Immer wieder beobachtet Stefan, dass
ihm häufiger Gegenstände aus der Hand
fallen. So einmal ein Werkzeug während
des Unterrichtes. Er macht sich zunächst
keinerlei Gedanken. Als dies aber häufiger
passiert, erzählt er seiner Frau davon. Sei-
ne Bedenken sind aber insofern kaum von
Bedeutung, weil Anette ihn mit ihrer
Schwangerschaft überrascht. Die Freude
ist riesengroß, ein weiterer Herzenswunsch
der beiden scheint zu klappen.
Diese wird überschattet, als Stefan nach
einigen Untersuchungen erfährt, dass er
an einer Amyotrophe Lateralsklerose, kurz
ALS leidet. Dies ist eine nicht heilbare de-
generative Erkrankung des motorischen
Nervensystems. Für einige Tage steht die
Welt still. Die zu erwartenden Dimensionen
dieser Erkrankung ist so überwältigend,
das Stef später von der „großen Stille“
spricht.
Bevor er die Arbeit in der Handwerks-In-
nung aufnahm, war er vier Jahre lang in
Nigeria in einem Friedensdorf beschäftigt.
Sein Glaube an Gott war stets unerschüt-
terlich und eine tragende Säule seines
Lebens. Im Friedensdorf war er „der
Mensch für alles“, so erzählt er mir bei un-
serem ersten Gespräch. Eine Episode
habe ich mir später notiert:
Einmal sei er mit einem Mann aus dem
Dorf zu einem Markt gefahren, um Mate-
8 03/2021 | LEBENSWENDESchwerpunktthema: assistierter Suizid
Sonne wärmte uns. Kurz darauf kam ein Ein Jahr später hat Stefan eine Tracheal- ne kleine Nichte geboren wurde und auf
weiteres Fahrzeug und hat uns aufgesam- kanüle, das Bett kann er nicht mehr ver- der anderen Seite, weil ich mich bei dem
melt. Du musst wissen, meistens fahren lassen. Seine Bewegung ist so einge- Gedanken erwischt habe, dass ich kei-
tagelang keine Autos durch die Wildnis!“ schränkt, dass er nur noch minimal die nerlei sinnvolle Antwort parat hatte, ja ich
Oberschenkel bewegen kann. Eine Kran- konnte ihn wirklich verstehen. Nie zuvor
In den folgenden drei Jahren verändert kenschwester hat eine gute Idee, sie be- und auch danach waren Leben und Tod
sich alles. Stefan wird zunehmend immo- sorgt ein Hundespielzeug in Form eines so eng verknüpft wie in dieser Nacht.
bil. Ein Pflegebett im Erdgeschoss wird Hahnes. Diesen legt sie Stefan zwischen
angeschafft. Fortan ist das Paar nachts die Oberschenkel – es klappt. Wenn Stefan Am nächsten Tag hatten wir ein mögliches
getrennt. Anette kümmert sich um die Hilfe benötigt oder etwas per Sprach- Szenario entwickelt, passive Sterbehilfe
Tochter und geht tagsüber arbeiten. Die Computer mitteilen will – quietscht er fort- geht. Wir schlugen Stefan vor, ihn zu se-
wirtschaftliche Situation der jungen Fami- an mit dem Hahn. dieren und dann die Sauerstoffsättigung
lie ist angespannt. Ein Pflegedienst über- runterzufahren. Er würde so tief schlafen,
nimmt die tägliche Versorgung. Eine eh- Ende Dezember 2015 hat sich Stefans dass er von dem eintretenden Tod nichts
renamtliche Hospizbegleiterin besucht Zustand noch einmal drastisch verschlech- mitbekommen würde.
zudem zweimal wöchentlich die Familie. tert, er wiegt noch rund 35 kg mit einer
Sie ist deshalb so prädestiniert für diese Größe von 1.75 m Stefan willigte sofort ein. Der 21.01. war
Begleitung, da sie Jahre zuvor ihren Mann für ihn ein magischer Tag. Genau 10 Jah-
mit ALS gepflegt hat. Die Möglichkeiten sich mitzuteilen, sind re vorher war er Gott in Nigeria das erste
nach wie vor der Quietschehahn und ein Mal so nah begegnet. Er war sich ganz
visuell gesteuerter Sprach-Computer. Die sicher, er würde ihn am Donnerstag wie-
Beatmungsgeräte laufen in der Zwischen- dersehen.
zeit rund um die Uhr mit.
Natürlich haben wir uns bei einem Rechts-
Seine Frau ist vollkommen am Limit ihrer anwalt versichert, dass wir nichts Illegales
Kräfte. Die in der Zwischenzeit 5-jährige machen.
Tochter weist auffällige Verhaltensmerk-
male auf. Im Kindergarten bekommt Anet- Wohl hat sich keiner von uns gefühlt, als
te ständig zu hören, sie müsse mit Pia zum wir uns Donnerstag gegen 13 Uhr bei der
Kinderpsychologen. Die ohnehin belaste- Familie einfanden. Uli, unser Palliativarzt,
te Frau reagiert mit einer tiefen Lethargie. war hoch konzentriert, die Stimmung war
Zu der Versorgungsstruktur ist noch ein sehr traurig. Stefan schrieb dann: Leute,
SAPV-Team dazu gekommen. lachend zu sterben, wäre besser für mich!
Als er starb, war seine Frau, seine beste
Bei einem Besuch sagt er mir einen Satz, Freundin und wir als Team anwesend. Es
der mich sehr bewegt: „Ich glaube Gott ist war furchtbar und gut zugleich. Ich verlor
in Nigeria geblieben – ich spüre ihn schon meine professionelle Haltung und weinte
so lange nicht mehr.“ stumm vor mich hin. Anette sprach ein
Gebet an einen Gott, den es für sie schon
Am Dienstag, den 19.01.2016, um 19 Uhr lange nicht gab.
rief mich Stefan an, eine Computerstimme
sagte mir am Telefon monoton! „Hey Silke, Als Team fühlten wir uns verloren. Unser
am Donnerstag werde ich sterben – bist Du Fazit war, das muss man nicht können
dabei?“ Die Nachricht hatte er an 5 weitere müssen. Wir müssen eine Position finden,
Personen versendet. Unter anderem an den etwas, was uns stärkt und eine Antwort
leitenden SAPV-Arzt, die SAPV-Ärztin, an liefert. Es ist uns nicht wirklich gelungen.
eine Pflegekraft, eine Freundin und Claudia,
die Hospizbegleiterin. Anette hat mit ihrer Tochter Nordrhein-
Westfalen verlassen. Ich weiß über Dritte,
Ziemlich schnell haben wir an dem Abend dass es ihr lange Zeit nicht gut ging. Ihre
zusammen telefoniert. Der ärztliche Kolle- Tochter hat begonnen aufzublühen, in
ge teilte uns mit, dass Stefan um aktive der neuen Freiheit als Kind gesehen zu
Sterbehilfe gebeten hat. Ein assistierter werden.
Suizid sei auf Grund der Immobilität nicht
mehr möglich. Ich bin mir sicher, wenn wir heute das The-
ma neu beleuchten würden, wären wir uns
Es wurde klar, das können wir einfach einig – irgendwie war es verrückt und
nicht machen!!! In dieser Nacht habe ich schräg!
kein Auge zugetan. Zum einen, weil mei-
LEBENSWENDE | 03/2021 9Schwerpunktthema: assistierter Suizid
Elisabeth Kaufmanns Reise in die Schweiz
Ein Beitrag von Silke Kirchmann
I ch selbst kenne die folgende Geschich-
te aus zwei Perspektiven. Einmal aus
Sicht der Familie Kaufmann und dann aus
allein leben kann. Rund ein Jahr lang ver-
sucht die Familie die Versorgungslücken
abzudecken, allerdings ist dies mit dem
Sie war immer selbstbestimmt, war das
Oberhaupt einer Familie. Sie war lange der
Mittelpunkt und die Richtungsweisende.
Sicht der Pflege- und Wohngruppenlei- Geschäft bald nicht mehr realisierbar. Mit Das Leben scheint zunehmend keine Op-
tung des Seniorenheims. Elisabeth Kauf- viel Trauer und Abschiedsschmerz zieht tion mehr zu sein, sie fühlt sich leer, unbe-
mann habe ich nicht kennengelernt. Elisabeth Kaufmann in ein Seniorenheim. deutend und lebensmüde. Die drohende
Sie bekommt ein schönes Einzelzimmer Blindheit und Immobilität empfindet sie
Einleitung: Elisabeth Kaufmann zog im Al- mit Blick ins Grüne. Moma fühlt sich trotz zudem als Perspektivlosigkeit. Immer wie-
ter von 82 Jahren in ein Seniorenheim. Bemühungen der Mitarbeiter:innen un- der versucht sie den Pflegekräften zu er-
Geboren wurde die Rheinländerin 1936 in wohl in ihrer neuen Bleibe. klären, dass sie so gerne sterben möchte.
Köln. Ihr Vater wurde 1939 in den Krieg
eingezogen, ihre Mutter zog infolgedessen
ihre Tochter alleinerziehend groß. Der Va-
ter verstarb im Januar 1944 in Nordfrank-
reich. 1958 heiratete Elisabeth Ernst Kauf-
mann. 1957 kam ihr Sohn Thomas, 1959
ihr zweiter Sohn Stefan zur Welt. Die Fa-
milie übernimmt den Lebensmittelladen
von der Familie ihres Mannes. Bereits mit
34 Jahren ist Frau Kaufmann Witwe, ihr
Mann verstirbt bei einem Autounfall. Ihre
Söhne sind 13 und 15 Jahre alt.
Mit vielen Entbehrungen hält sie das Ge-
schäft aufrecht, schon früh müssen die
Söhne mit anpacken. Geld sparen kann
die kleine Familie nicht, das Geld ist im-
mer knapp. Dies hat zur Folge, dass die
Söhne kein Abitur machen, sie verlassen
so früh wie möglich die Schule, um die
Mutter im Geschäft zu unterstützen.
Auch als die Söhne heirateten und eigene
Familien gründeten, bleiben sie eng mit
der Mutter verbunden. Als Thomas die
Möglichkeit hat, einen größeren EDEKA
Laden zu übernehmen, wird der Kontakt
noch enger. In familiärer Gemeinschafts-
arbeit floriert das Geschäft in den An-
fangsjahren. Es bleibt eine harte Arbeit
mit wenig Lohn – so die Söhne später.
Als die Mutter zunehmend wackeliger auf
den Beinen wird, macht sich die ganze
Familie große Sorgen. Die Moma, wie sie
liebevoll von den Familienmitgliedern ge-
nannt wird, wirkt deutlich erschöpfter. Bei
Untersuchungen wird deutlich, sie hat
neben einem inoperablen grünen Star,
der schleichend zur Erblindung führt, eine
beginnende Parkinson-Erkrankung.
Sehr schnell wird klar, dass Moma auch
mit externer Unterstützung nicht weiter
10 03/2021 | LEBENSWENDESchwerpunktthema: assistierter Suizid
Schnell hat sie das Gefühl, dass man ih- chen Kontakt zu einer Ärztin. Später gefragt, ob sie sich sicher sei, nun sterben
ren Wunsch nicht ernst nimmt. Konfron- schreibt sie in einem Brief an ihre beiden zu wollen. Ob ihr die Tragweite bekannt
tiert mit den Antworten: „Ach Frau Kauf- Söhne: „Frau Dr. Matheo war der allerers- sei, wenn sie die Infusion aufdrehe? Die
mann, hier ist es doch schön, oder?“; te Mensch, der das, was ich fühle und Fragen kann sie klar und deutlich mit „ja“
„Frau Kaufmann, denken Sie auch mal an möchte, nicht verurteilt hat. Bitte verurteilt beantworten. Dann dreht sie selbständig
Ihre Familie“ und ähnliche Aussagen ma- auch ihr mich nicht, ich konnte mit Euch die Infusion auf. Nach 2 Minuten und 42
chen sie ärgerlich und zunehmend beiden nicht darüber reden – ihr seid Sekunden verstirbt sie.
sprachlos. Sie spricht offen mit der Pfle- doch meine Kinder“.
gedienstleitung über ihren Wunsch zu Das Filmmaterial wird später auf Wunsch
sterben. Die Pflegedienstleitung eines Dieser Ärztin schildert sie ihr ganzes Leid der Verstorbenen der Familie zur Verfü-
christlichen Seniorenheims reagiert gera- mit dem klaren Wunsch, ihrem Leben ein gung gestellt – erst 2020 ist die Familie in
dezu entsetzt über ihren Wunsch. Diese würdevolles Ende zu setzen. Das Problem der Lage, das Filmmaterial gut dosiert
offene ablehnende Haltung empfindet sei, sie habe wenig Geld und könne die anzuschauen. Ich selbst habe den Film
Elisabeth Kaufmann als zurückweisend anfallenden Kosten von rund 7.000 Fran- bereits 2016 auf Bitten der Familie ange-
und bewertend. Mit ihren Söhnen spricht ken (6.500 €) nicht allein decken. Sie kann schaut.
sie gar nicht über ihr Leid. Es bleibt aber ungefähr die Hälfte der Kosten bezahlen.
ein tief empfundenes Schamgefühl. Die Ich werde von der Heimleitung informiert,
Familien ihrer Söhne müssen auf vieles Die Ärztin sichert ihr zu, ihren Fall dem Vor- mit der Bitte bei einem Gespräch mit der
verzichten, da der Zuzahlungsbeitrag mo- stand in Zürich vorzustellen. Nach vier Wo- Familie anwesend zu sein, um dieses zu
natlich sehr belastend ist. chen bekommt sie die Antwort, es gibt moderieren.
einen Sponsor aus Graz, der ihre Kosten
Elisabeth Kaufmann verstummt! Sie übernimmt. Sie verabreden sich für zwei Das erste Gespräch verläuft sehr emoti-
macht klaglos alles mit und wirkt auf die Wochen später mit Dr. Matheo und einem onal. Insbesondere der jüngere Sohn Ste-
Mitarbeiter:innen endlich im Haus ange- Vertreter von DIGNITAS, um den möglichen fan und seine Ehefrau unterstellen den
kommen. Auch ihren Söhnen gegenüber Ablauf eines Freitodes zu besprechen. Mitarbeiter:innen des Seniorenheims un-
mimt sie die Starke, im Gegenteil: Drei terlassene Hilfeleistung. Teile der Familie
Wochen vor ihrem Tod scheint sie gera- Den Pflegemitarbeiter:innen erzählt sie, es weinen, andere verstummen. Entsetzen
dezu gelöst, macht Witze und wirkt stark. besuche sie eine Freundin aus der Schweiz macht sich aber bei allen Beteiligten breit.
Es wird gemeinsam Geburtstag gefeiert, die gerade in der Gegend sei. Im Brief an Die Situation ist auch für mich verstörend.
die ganze Familie kommt noch einmal ihre Söhne schreibt sie später: Entschuldigt Selten habe ich so entsetzte Menschen
zusammen. Im Gespräch mit Sohn Tho- bitte meine kleinen Lügen, ich musste si- erlebt.
mas sagte er einmal: „Mutter war an ihrem chergehen, dass ich mit Frau Dr. Matheo
Geburtstag so entspannt, sie wirkte so und Herrn Nögli in Ruhe reden konnte. Auch bei einem weiteren Gespräch wer-
glücklich. Es war ein bisschen wie früher. den der Pflegeleitung schwere Vorwürfe
Gott sei Dank haben wir uns alle so herz- Am 12.07.2016 ist es so weit, wie geplant gemacht. Innerhalb der Familie kommt es
lich voneinander verabschiedet – wir wird sie vormittags von einem Taxi abge- zu Schuldzuweisungen. Eines der vor-
konnten wirklich nichts ahnen!“ holt. Im Seniorenheim erzählte sie den herrschenden Vorwürfe ist, dass man
Mitarbeiter:innen, dass sie sich mit ihren Moma offensichtlich nicht begreiflich ma-
Was allerdings im Verborgenen passiert, Kindern trifft. Einen Abschiedsbrief an die chen konnte, wie wichtig sie doch für die
bekommt offensichtlich niemand mit. Eli- Heim- und Pflegedienstleitung hat sie ei- Familie sei. Für Thomas und Stefan eine
sabeth Kaufmann hat durch die gute Un- nen Tag zuvor zur Post gegeben. Ihren erste Zerreisprobe ihrer engen Verbin-
terweisung ihres älteren Enkelsohns vor Kindern schreibt sie ebenfalls einen lan- dung zueinander.
einigen Jahren eine für ihr Alter hohe Af- gen Brief, in dem sie um Verständnis bit-
finität zur Arbeit mit dem Computer ent- tet. Diesen versendet sie am Tag ihrer Ich habe bis heute Kontakt zu Thomas.
wickelt. Reise in die Schweiz. Einen zweiten Brief Dieses Erlebnis war zutiefst einschneidend
(mit gleichem Inhalt) deponiert sie in ihren für die Familie. Die Frage Warum? Was
Durch eine gute Recherche bekommt sie Unterlagen im Kleiderschrank. haben wir übersehen? Hätten wir das ver-
Kontakt zu der Schweizer Interessen- hindern können? bleibt als quälendes
gruppe und Organisation DIGNITAS mit Am 14.07.2016 stirbt Elisabeth Kaufmann Grundsummen in der Familie. Dieses Er-
dem Motto „Menschenwürdig leben – unter Aufsicht und im Beisein von Dr. Ma- eignis hat auch in dem Seniorenheim zu
Menschenwürdig sterben“ – dies ist ein theo und Nögli und einer Krankenschwes- vielen Diskussionen geführt. Die Wohn-
Schweizer Verein mit Sitz unter anderem ter. Zuvor wurde sie in einem Hotel durch gruppenleitung sah sich außerstande, ih-
im Kanton Zürich, der sich laut eigenen zwei Ärzte untersucht. Eine Mitarbeiterin ren Beruf weiter auszuüben. Es wurden
Angaben für ein umfassendes Selbstbe- von DIGNITAS war die ganze Zeit bei ihr Supervisionen angeboten. Ein Seelsorger
stimmungsrecht am Lebensende einsetzt – so steht es später im Bericht. besuchte häufiger den Wohnbereich.
und seinen Mitgliedern auf Anfrage Bera-
tung, Begleitung und Beihilfe zum Suizid Nögli filmt die ganze Zeit ihren Freitod. Vor
bzw. genauer Freitodbegleitung anbietet. ihrem Versterben wird Elisabeth Kauf-
Dort bekommt sie telefonisch freundli- mann noch einmal vor laufender Kamera
LEBENSWENDE | 03/2021 11Sabbatjahr
„Sechs Monate mit mir verabredet“
Oder: „Wer bin ich ohne meine Arbeit?“
E s gibt Menschen, die legen irgend-
wann in ihrem Arbeitsleben mal ein
Sabbatjahr ein, um die langersehnte gro-
am Kaffeetisch bei Buntstiften und Papier
und malte. Zufrieden mit sich und ihrer
kreativen Tätigkeit, die sich ein klein wenig
Beate ohnehin nie gelebt. Dafür sind ihr
familiäre Bande viel zu wichtig. Hinzu kam,
dass sich Beate im Januar 2021 von ihrer
ße Reise zu machen. Sie schweifen in die verselbstständigte: „Ich zeichnete zu- Mutter verabschieden musste. Die ver-
Ferne an ihren Sehnsuchtsort, an dem sie nächst Anti-Corona-Postkarten und ver- starb mit 92 Jahren. „Ich habe diese Zeit
möglichst über ein (halbes) Jahr lang blei- schickte sie an Freunde und Bekannte, sehr bewusst erlebt und konnte vieles Re-
ben möchten. Doch den hatte Beate Mül- um ihnen in dieser ernsten Zeit eine klei- vue passieren lassen. Wie wichtig es ist,
ler gar nicht. Bei der 60-jährigen Hospiz- ne Freude zu machen. Als Kartenmotiv Zeit zu haben, ist uns als Hospizmitarbei-
mitarbeiterin war es anders: „Im Laufe dienten oft Menschen, die rote Nasen tenden zum Glück bewusst.“
meines Arbeitslebens war ich lange in haben und dem Betrachter ein Lächeln
München, Istanbul, Heidelberg und Heili- entlocken. Das allein schon machte Spaß. So fällt das Resümee am Ende ihrer Sab-
genstadt. Zusammengerechnet 18 Jahre. Ganz überraschend schenkte mir mein batzeit eindeutig aus: „In den sechs Mo-
Vielleicht bin ich ja deswegen niemand, Lebenspartner dann noch zum Geburts- naten habe ich keine einzige Sekunde
den das große Fernweh packt. Seit mei- tag einen Webshop, weil er meinte, dass Langeweile verspürt. Ich finde es toll,
nem Schulabschluss mit 16 Jahren habe die Karten vielen gefallen könnten. So dass unsere Hospizleiterin mein Sabbat-
ich bis heute fast ununterbrochen gear- haben wir dann einen Postkartenverlag jahr befürwortet hat und ich den Deal
beitet und zwei (inzwischen erwachsene) gegründet.“ (www.fraukringel.de) machen konnte: ein halbes Jahr voll ar-
Kinder bekommen. Jetzt ging es mir da- beiten – ein halbes Jahr Sabbatzeit (für
rum, einfach Zeit zu haben ohne Pläne! Im Mai 2020 – als erste Reisen in der Co- insgesamt ein halbes Gehalt). Für mich ist
Mein Experiment hieß: Wer bin ich eigent- rona-Zeit wieder möglich wurden, gönnte das Experiment Sabbatzeit rundweg po-
lich – ohne meine Arbeit?“ sich die gelernte Krankenschwester acht sitiv ausgefallen: Ich kann tatsächlich sehr
Tage auf der Insel Juist in Ostfriesland. gut Zeit ohne meine Arbeit verbringen.
So dachte sich das Beate Müller im April Dort lebte sie im Gleichklang von Spazier- Und ich spüre deutlich, wie gut es mir tut,
2020, als die Corona-Welle erstmalig über engehen, morgendlicher Andacht und auch mal Zeit für mich allein zu haben.
Deutschland und die ganze Welt rollte. An Malen. Dem folgte noch ein Workshop in Deshalb zählt zu meinen Lieblingssätzen
Reisen war angesichts der Pandemie der Eifel, wo sich Krankenhaus- und Hos- des Humoristen Karl Valentin folgender:
nicht zu denken, aber das war für sie nicht piz-Clowns (wie Beate alias Frau Kringel „Heute bin ich mit mir verabredet. Mal
schlimm. Das Wetter war wunderschön, einer ist) mal wieder trafen. Allein so vor sehen, ob ich zuhause bin?“
sie war viel im Garten oder saß zuhause sich hin „in einer Art Künstler-Existenz“ hat
12 03/2021 | LEBENSWENDEHospizkurs „Ambulante Kinder- und Jugendhospizarbeit“
Interview mit Rashida El Khabbachi
Wie kamen Sie eigentlich darauf, sich habe ich 2015 berufsbegleitend Gesund- Theresa stehe. Die habe ich schon immer
für den Hospizkurs „Ambulante Kinder- heits- und Sozialmanagement studiert und dafür bewundert und als Vorbild gesehen,
und Jugendhospizarbeit“ von Koordi- auch abgeschlossen. Im sogenannten In- weil sie zu keinem Menschen irgendwelche
natorin Kornelia Smailes anzumelden? tegrationsfond Hilden-Haan-Erkrath (IFH) Berührungsängste hat.
Ich hatte persönlich zunächst eine schwe- habe ich eine leitende Tätigkeit gefunden,
re Zeit, als im letzten Jahr mein Vater ver- die mir sehr viel Freude bereitet. Wenn ich am Schluss noch meine
starb. Da habe ich über die sozialen Me- „kleine Vision“ anfügen darf:
dien den Aufruf von Konny Smailes Wie kam es, dass Sie kürzlich Ich wünsche mir sehr, dass Menschen
gesehen: „Menschen für den Ehrenamts- einen besonderen Preis erhielten? aus meiner interkulturellen community (ob
Kurs gesucht“. Mein Vater hat sich zeitle- Es geht um den „Paul Harris Fellow”- Marokkaner, Türken, Italiener oder Syrer)
bens sehr für andere eingesetzt, so dass Preis, der, so hörten wir, auch dem vermehrt auf die Hospizarbeit aufmerk-
ich mir gesagt habe: Sein Engagement ehemaligen US-Präsident Jimmy sam werden. Obwohl viele von ihnen eine
kann doch jetzt nicht einfach zu Ende sein! Carter verliehen wurde. soziale Ader besitzen, erfahren die meis-
So habe ich mich noch am gleichen Tag Ich habe mich gerade in der Corona-Zeit ten sehr wenig, was im Hospiz eigentlich
für den Kurs beworben. besonders bemüht, dass die Integrations- gemacht wird. Das ist offenbar ein Infor-
arbeit gut weiterging und Arbeitssuchen- mationsproblem. Und daran lässt sich
Welche Motivation de und Unternehmen leichter zueinander- arbeiten!
bringen Sie dazu mit? finden. So haben Bewerber:innen, die
Ich freue mich dermaßen nach Kursab- quasi von der Krise ausgebremst wurden, Zum Schluss noch eine
schluss Konnys Anruf zu bekommen: „Du trotzdem eine Arbeit gefunden. Außerdem persönliche Frage: Was machen
darfst jetzt bei der und der Familie anfan- unterstütze ich die beteiligten Firmen, Sie gerne in Ihrer Freizeit?
gen zu begleiten.“ Ich möchte einem wenn sie bei Behörden Anträge stellen In jeder freien Minute lesen! Egal, ob es
schwerkranken Kind einfach Zeit und ein müssen. Dafür hat mich der Rotary Club Thomas Manns „Buddenbrooks“ ist oder
Lächeln schenken. Meine größte Motiva- mit diesem Preis ausgezeichnet. ein gutes wissenschaftliches Buch.
tion ist die Liebe, die ich in mir trage, sie
zeigt mir den Weg. Was bedeutet Ihnen diese Ehrung? Vielen Dank für das
Besonders stolz macht mich, dass ich als informative Gespräch.
Was haben Sie vom Kurs erwartet? Preisträgerin nun in einer Reihe mit Mutter
Welche Themen, welche Anstöße
haben Sie besonders beschäftigt?
Ich war überrascht, wie umfangreich der
Kurs ist und womit ich mich alles ausein-
andersetzen kann – gerade auf psycho-
logischer Ebene: Beispielsweise geht es
um die Nähe und Distanz zu Menschen,
oder die unterschiedlichen Arten des Zu-
hörens, die uns Beate Halblitzel näher-
bringt. Für unseren Kurs müssen wir
außerdem eine Hausarbeit erstellen. Die
soll sich um „Freizeit und Urlaub als He-
rausforderung in der Begleitung“ drehen.
Noch ein kleiner
Steckbrief von Ihnen?
Ich bin 42 Jahre alt, habe drei Kinder (20,
14 und 9 Jahre alt) Und ich bin sehr froh,
dass mich mein Mann so tatkräftig unter-
stützt. Ich bin als Zweijährige aus Marokko
nach Deutschland gekommen, dann in
Erkrath aufgewachsen und auch hundert-
fach ums Hospiz gegangen, ohne hinein-
zugehen. (Das wird sich nun ändern.)
Was machen Sie beruflich?
Auf dem ersten Bildungsweg habe ich eine
kaufmännische Ausbildung gemacht, dann
LEBENSWENDE | 03/2021 13Ambulante Begleitung
Corona und Kaffee in der Sonne
Ein Bericht von Heinz Stobe
W ährend der Corona-Pandemie wa-
ren Besuche im Altenheim zeitwei-
se nicht möglich. Dann jedoch wurden die
dem blieb seine Unzufriedenheit und das
Thema Suizid.
Maßnahmen gelockert und wir konnten Die neuen Schutzmaßnahmen erlaubten
endlich wieder Menschen begleiten. In- ihm, allein das Haus zu verlassen. Er kam
zwischen gab es auch viele Anfragen von aber meistens nur bis vor die Tür, denn
Angehörigen und von den Heimen. Im es fiel ihm schwer, den Rollstuhl vorwärts-
Sommer übernahm ich die Begleitung von zubewegen. Er hatte früher Sport getrie-
Herrn K. ben, doch jetzt fehlte ihm die Kraft in
Armen und Händen.
Er war 81 Jahre alt und hatte Krebs. Das
Laufen fiel ihm schwer, er war auf den Roll- Um für mich die strengen Hygienemaßnah-
stuhl angewiesen. Bei schönem Wetter men, die im Haus erforderlich waren, zu
gingen wir spazieren, tranken Kaffee und vermeiden, trafen wir uns draußen vor der
unterhielten uns. Herr K. war mit seinem Eingangstür. Unsere Spaziergänge verban-
jetzigen Zustand sehr unzufrieden. In un- den wir oft mit kleinen Besorgungen. Wenn
seren Gesprächen sagte er oft, bei seinen wir wegen der Treppenstufen mit dem Roll-
vielen Krankheiten sei es besser, er würde stuhl nicht in das Ladenlokal hineinkamen,
seinem Leben ein Ende machen. Wir dis- baten wir die Verkäufer:innen, herauszu-
kutierten das Thema immer wieder und er kommen und uns auf der Straße zu bedie-
kam zu dem Schluss, dass bei einem nen. Zum Abschluss gingen wir oft in ein
missglückten Suizidversuch seine Situati- Café. Dann jedoch mussten die Cafés
on noch unerträglicher sein könnte. schließen. Wir fanden eine Bäckerei, wo es er spontan: „Das Leben ist schön.“ Ich war
Kaffee to go gab. So tranken wir unseren so erstaunt, dass es mir die Sprache ver-
Dann sprachen wir über seine Situation Kaffee draußen an der frischen Luft. Herr schlug. Und reden brauchten wir jetzt so-
im Heim und er erzählte, dass die Pflege- K. brauchte keine Sitzgelegenheit, er hatte wieso nicht, uns reichte unser Kaffee und
kräfte nett und freundlich seien, seine ja seinen Rollstuhl und für mich suchten wir die warme Sonne. Später, auf dem Heim-
Frau ihn fast täglich besuche und er oft einen freien Platz auf einer Parkbank. Als weg, fanden wir, dass die Menschen heute
mit Verwandten und Bekannten telefonie- wir so eines Tages draußen saßen und uns freundlicher und unsere Umgebung bunter
re. Er musste sich eingestehen, dass es unterhielten, den Menschen zusahen und war als sonst. Beim Abschied stellten wir
ihm eigentlich noch ganz gut ging. Trotz- uns von der Sonne wärmen ließen, sagte beide fest: „Heute war ein schöner Tag.“
TEXTE AUS DER RUBRIK „UNVERLANGT EINGESANDT, ABER SCHÖN!“
Wie die Wolken wohl schmecken?
Gedanken des vierjährigen Paul
Von Gisela Krause (Ehrenamtliche im AHPB) im Gespräch mit ihrem Leih-Enkel Paul
Paul: Oma: Oma:
Oma, ist der Opa alt? Das weiß ich nicht, ich hoffe nicht. Ja, dann spielen wir alle auf den Wolken!
Oma: Paul (mit betrübter Stimme): Paul:
Ja, der Opa ist alt. Wenn der Opa stirbt und du auch, dann …und ich esse von den Wolken, die
habe ich keinen Opa und keine Oma mehr. schmecken wie Zuckerwatte“ (Denkpau-
Paul: (Denkpause – dann fröhlich) Aber wenn ich se). Oma, aber Fernsehen gibt es nicht im
Muss der Opa bald sterben? und Mama und Pluto (der Hund) sterben, Himmel!
dann treffen wir uns alle wieder im Himmel.
14 03/2021 | LEBENSWENDEAmbulante Begleitung // Nachruf
Im Gedenken an unsere
erste Vereinsvorsitzende
A m 22.Juni 2021 verstarb im Alter von
93 Jahren die erste Vorsitzende des
Franziskus-Hospiz e. V., Hildegard Smoch.
zen. Gerd Verhoeven formuliert es in der
Rückschau so: „Hildegard Smoch war eine
tatkräftige Unterstützerin der Hospizidee.
viele Fragen zu klären und Neuland zu be-
schreiten. Es ging um Kooperation und
Zusammenarbeit mit den verschiedenen
Sie war neben dem ehemaligen Pfarrer der Ich weiß nicht, ob ich ohne ihr Mittun die Interessengruppen. Auch war schon früh
katholischen Kirchengemeinde Sankt Fran- Kraft gefunden hätte, die Idee zu verwirk- die Notwendigkeit eines Hauses erkannt
ziskus, Gerd Verhoeven, und einigen an- lichen.“ Noch vor der Gründung des Ver- worden, in dem Menschen ihren letzten
deren Interessierten eine der treibenden eins engagierte sich Hildegard Smoch Weg gehen konnten, wenn es zuhause
Kräfte, als es um die Verwirklichung der zusammen mit weiteren Unterstützer:innen nicht mehr möglich war.
Hospizidee „beim Sterben nicht alleine zu aus Hochdahl und den Waldbreitbacher
sein“ in Hochdahl ging. Auch gegen erbit- Franziskanerinnen für die Hospizidee. Als Wir werden Hildegard Smoch in ehrender
terten Widerstand verschiedener Men- dann am 27. Januar 1989 der Franziskus- Erinnerung behalten.
schen in Hochdahl half Hildegard Smoch Hospiz-Verein gegründet wurde, wählte
energiegeladen und voller Feuer für die man Hildegard Smoch zur ersten Vorsit- Christoph Herwald
Hospizidee mit, diese in die Tat umzuset- zenden des Vereins. In dieser Zeit galt es, Vorsitzender Franziskus-Hospiz e. V.
„Gemeinsam Kekse backen und mehr“
Ein Beitrag von Nicole Gocht
H eute war es wieder so weit: Ich hatte
eine Verabredung mit Frau S. Punkt
14 Uhr klingelte ich bei ihr. Sie begrüßte
Ich habe ihr dann noch weiter aus dem
Buch „Jenseits von Afrika“ vorgelesen,
weil ihr selber das Lesen zu schwerfiel.
ter, um ihr mal eine Auszeit zu ermöglichen,
damit sie einfach mal rausgehen konnte
ohne Sorge. An diesem Tag sprachen wir
mich wie immer lächelnd an der Tür. Da Immer wenn ich kam, gab es ein paar nicht miteinander, ich war einfach nur da.
es an diesem Tage regnerisch war und Kapitel. Leider haben wir das Buch nicht Die Krankheit hatte sie mit voller Gewalt
wir nicht spazieren gehen konnten, hatte mehr fertiglesen können, aber sie hat das eingeholt und derart geschwächt, dass sie
sie alles zum Backen vorbereitet. Ich leg- Vorlesen sehr genossen. Das nächste Mal vorwiegend schlief. Das letzte Mal, dass
te ab und wusch mir die Hände, bevor wir sagte sie den Termin zu unserem Treffen ich sie besuchte, war dann im Stationären
gleich in der Küche verschwanden, um ab, da es ihr nicht gut ging. Hospiz. Sie war wach und wir konnten
die Haferkekse zu backen, für die ich ihr miteinander reden und uns verabschieden.
kurz zuvor das Rezept mitgebracht hatte. Als ich sie wiedersah, war ihre Tochter aus Sie gab mir zum Abschied die Hand. Und
Warum Haferkekse? Sie hat sie sich ge- dem Ausland zurückgekehrt, um ihre Mut- da war er wieder: dieser unglaublich feste
wünscht und diesen Wunsch habe ich ihr ter auf dem letzten Weg zu begleiten. Ich Händedruck dieser beeindruckenden und
mit Freuden erfüllt. Sie hatte schon alle blieb an diesem Nachmittag bei ihrer Mut- doch so zarten kleinen Frau!
Zutaten bereitgestellt und bediente sou-
verän ihre Küchenmaschine. Sie war im
Leben eine taffe, selbstbestimmte Frau,
das merkte man. Den Teig auf dem Blech
zu verteilen, wurde dann aber doch mei-
ne Aufgabe und wie ich später mal von
ihrer Tochter erfuhr, war das schon etwas
Besonderes.
Sie hat selten Arbeiten abgegeben, sie
muss mich wirklich geschätzt haben. Das
hat mich schon berührt. Abgeben ist nicht
leicht. Wir haben zwei Bleche gezaubert
und uns im Anschluss jeder mit noch war-
men Keksen ins Wohnzimmer gesetzt
und sie genossen.
LEBENSWENDE | 03/2021 15Sie können auch lesen