Hirschkäfer Der größte Käfer unserer Heimat - Publikationen ...

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Hirschkäfer Der größte Käfer unserer Heimat - Publikationen ...
Hirschkäfer
                                            Der größte Käfer unserer Heimat
Sammelreihe Natur und Landschaft · Heft 3
Hirschkäfer Der größte Käfer unserer Heimat - Publikationen ...
Artikel-Nr.: L-V-5/3
Hirschkäfer Der größte Käfer unserer Heimat - Publikationen ...
Vorwort

          Wälder, Parks und Streuobstwiesen prägen unser Land-
          schaftsbild genauso wie alte Bäume in Alleen oder auf
          Friedhöfen. Sie sind Treffpunkte, Orte der Erholung, aber
          auch Lebensraum für zahlreiche Vögel, Fledermäuse,
          Insekten, Moose, Flechten und Pilze. Zum Leben alter
          Bäume gehört gleichermaßen ihr Verfall. Auch tote
          Bäume, ihre Stubben und abgestorbenen Wurzeln
          werden von vielen Organismen besiedelt.
          Einen typischen Bewohner alter Laub- und Obstbäume
          sowie ihrer Stubben und Wurzeln, den Hirschkäfer, stellt
          die vorliegende Broschüre vor. Der Hirschkäfer als unser
          größter und markantester heimischer Käfer ist in vielen
          Regionen so selten, dass er durch die Europäische
          Richtlinie zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume
          sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen und das
          Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt ist.
          Die Broschüre macht auf die Gefährdungsursachen
          dieser Käferart aufmerksam. Sie enthält zahlreiche
          Hinweise, wie Waldbesitzer und Eigentümer oder Nutzer
          von Grundstücken zur Erhaltung alter Bäume und ihrer
          Stubben und damit auch gleichzeitig zum Schutz dieses
          Käfers und vieler anderer Tier- und Pflanzenarten bei-
          tragen können.

          Norbert Eichkorn
          Präsident des Sächsischen Landesamtes für
          Umwelt, Landwirtschaft und Geologie

                                                       Vorwort | 01
Hirschkäfer Der größte Käfer unserer Heimat - Publikationen ...
Bäume in der ­Kulturlandschaft

Bäume sind die Elemente, die unsere Land-
schaft und Siedlungsbereiche am augenfäl-
ligsten gliedern. Ob in einem naturnahen
Wald, einem Park oder einer Allee – stets
prägen sie das Bild und sind dabei gleich-
zeitig Lebensstätte zahlreicher weiterer
Lebewesen, wie beispielsweise Pilze, Insek-
ten, Vögel oder Fledermäuse. Auch nach
dem Tod eines Baumveteranen leben noch
zahlreiche Organismen vom abgestorbenen
Holz. Selbst die Wurzeln eines solchen
Baumes oder des verbliebenen Stubbens
sind eine Lebensstätte – zum Beispiel die
des Hirschkäfers.
Hirschkäfer leben da, wo viele alte Laub-
bäume – bevorzugt Eichen – leben und
sterben. Lichte Eichenwälder, Parks, aber

                                              Mächtige Eiche auf einem Dorfplatz, von Hirschkäfern
                                              und Heldböcken besiedelt.

                                              auch Streuobstwiesen und Alleen sind sein
                                              Lebensraum. Mit dem Hirschkäfer schützen
                                              wir gleichermaßen zahlreiche weitere Tier-
                                              arten, die meist viel unauffälliger, aber
                                              dennoch bedeutsam für den Naturhaushalt
                                              sind.
Zwei Hirschkäfermännchen

02 | Bäume in der K­ ulturlandschaft
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Der Platzhirsch des Waldes

Der Hirschkäfer ist eine der bekanntesten
Käferarten unserer Heimat: mit bis zu neun
Zentimetern Körperlänge ist der männliche
Hirschkäfer der größte Käfer Mitteleuropas.
Seine geweihartig vergrößerten Oberkiefer
geben ihm ein fast »hirschartiges« Aussehen
und seinen Namen.
Der Hirschkäfer gehört zur Familie der
Schröter (Lucanidae). Nicht alle Arten sind
durch ein »hirschähnliches Geweih« ausge-        Weibchen des Hirschkäfers
zeichnet. Als deutschsprachiger Name ist
deshalb die Bezeichnung »Schröter« üblich,
die sich auf die Zerkleinerung (schroten) des
Holzes bezieht. Schröter kommen in allen
tiergeographischen Regionen vor. Die meis-
ten Arten leben in der orientalischen Region,
vor allem in Süd- und Südostasien. Weltweit
kennt man über 1.520 Arten, in Europa leben
16, in Sachsen sieben Arten.
                                                 Zwischen den geweihartigen Oberkiefern sind orange die
                                                 zum Saftlecken ausgelegten Mundwerkzeuge zu sehen.
Aus dem Leben des Riesen
Auffälligstes und namengebendes Kennzei-
chen des Hirschkäfers sind die geweihartig       Die Körperlänge ist geschlechtsspezifisch
ausgebildeten Oberkiefer der Männchen. Sie       verschieden. Männchen werden 35 bis 75,
sind zur Nahrungsaufnahme nicht geeignet,        maximal 90 Millimeter lang (gemessen mit
ihre Funktion ist auf Rivalenkämpfe und          den Oberkiefern), Weibchen 25 bis 45 Milli-
zum Festhalten der Weibchen während der          meter. Beide Geschlechter kommen in sehr
Paarung gerichtet. Die Oberkiefer der Weib-      unterschiedlichen Größen vor, die von den
chen sind viel kürzer, aber ebenfalls kräftig.   Ernährungsbedingungen der Larven abhän-

                                                                   Der Platzhirsch des Waldes | 03
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gen. Kleine Exemplare werden deshalb ge-        Weibchen. Es nimmt in dieser Zeit auch
legentlich als »Rehkäfer« bezeichnet.           selbst Nahrung auf, indem es seine Mund-
Die Hirschkäfer schwärmen vor allem von         werkzeuge zwischen den bogenförmigen
Mitte Juni bis Ende Juli, meist in der Däm-     weiblichen Oberkiefern hindurchführt.
merung an lauen Abenden und brummen             Schließlich erfolgt die Begattung (Kopula).
laut im Flug. Sie leben in Laubholzbestän-
den, besonders an Eichen.                       Vom Ei zur Puppe
Männchen und Weibchen brauchen für die          Das Weibchen verlässt nach der Begattung
Reifung ihrer Keimzellen Baumsaft, der be-      die Saftstelle und gräbt sich 30 bis 50 Zenti-
stimmte Pilze enthält, weshalb sie entspre-     meter tief in die Erde ein, um im Laufe von
chende Wundstellen des Baumes aufsuchen         zwei Wochen in mehreren Aktionen seine 50
müssen. Solche Saftflüsse werden meist          bis 100 Eier außen an morsche Wurzelstöcke,
durch Frostrisse, Windbruch oder Blitzschlag    vor allem von Eichen, abzulegen. Die weiß-
erzeugt und sind von einer Vegetationsperi-     lich-gelben, leicht ovalen Eier haben einen
ode bis zu mehreren Jahren aktiv. Für die       Durchmesser von 3,0 × 3,4 Mil­limeter; ihr
Aufnahme von Säften sind Unterkiefer und        Gewicht beträgt 0,02 Gramm.
Unterlippe der Hirschkäfer besonders aus-       Nach etwa 14 Tagen schlüpfen die Larven. Sie
gebildet, sie formen ein großes, gefiedertes,   häuten sich zweimal. Die drei Stadien unter-
gegabeltes gelbliches »Pinselchen«.             scheiden sich in ihrer Größe erheblich und
Das Fortpflanzungsverhalten wird dadurch        erreichen schließlich eine Länge von 100 bis
eingeleitet, dass das Weibchen einen Saft-      120 Millimetern. Für ihre Entwicklung benö-
fluss aufsucht. Dort trifft es mit Männchen     tigen sie meist fünf Jahre, es können aber
zusammen, die in der Abenddämmerung             auch sechs bis acht Jahre bis zur Verpuppung
anfliegen, mitunter sogar mehrere bei ei-       vergehen. Ein besonderes Kennzeichen der
nem Weibchen. Dort erfolgen auch die be-        Larven ist das Vorhandensein eines Stridula-
kannten Kämpfe der Männchen untereinan-         tionsorgans auf der Rückseite der Hüften der
der, an denen sich oft mehrere Exemplare        Mittelbeine und der Vorderseite der Schenkel-
beteiligen. Bei diesen so genannten »Kom-       ringe der Hinterbeine. Durch Reiben der bei-
mentkämpfen« versuchen die Käfer, sich          den Teile gegeneinander können Töne erzeugt
gegenseitig vom Baum zu werfen (siehe           werden. Der Stridulationslaut besteht aus
Titelbild). Der Sieger stellt sich über das     einem kurzen Knarren, das manchmal wieder-
Weibchen, wobei die Köpfe in die gleiche        holt wird; die Frequenz erreicht elf Kilohertz.
Richtung zeigen, und hindert mit seinen         Die Funktion der Lautäußerung ist noch nicht
geweihartigen Oberkiefern das Weibchen          geklärt. Die Larven ernähren sich von mehr
am Fortlaufen. Das Männchen bleibt in           oder weniger in Zersetzung befindlichem,
dieser Stellung unter Umständen mehrere         morschem, feuchtem, verpilztem Holz, das sie
Tage und verteidigt die Leckstelle und das      mit der Zeit zu Mulm umsetzen und abbauen.

04 | Der Platzhirsch des Waldes
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Die drei Larvenstadien des Hirschkäfers,   Puppenkokon eines männlichen Hirschkäfers
Foto: H. Rothacher                         (oben), Puppe eines männlichen Hirschkäfers
                                           (unten, Foto: H. Rothacher)

Lebenszyklus des Hirschkäfers

                                                             Der Platzhirsch des Waldes | 05
Hirschkäfer Der größte Käfer unserer Heimat - Publikationen ...
Verbreitung des Hirschkäfers in Sachsen (Quelle: Zentrale Artdatenbank Stand 31.07.2021). Seit 2010 beschränken sich
die bekannten Vorkommen des Käfers nur noch auf R  ­ asterquadranten mit ausgefüllten Kreisen.

Die Larve fertigt während zwei bis drei Wo-                 hält (an den Puppen sind die Oberkiefer der
chen aus Erde und Mulm einen bis faust-                     Männchen nach der Bauchseite eingeschla-
großen ovalen Kokon an, der als Puppenwiege                 gen). Nach etwa sechs Wochen schlüpfen
dient. Seine Wände sind bis zu 20 Mil­limeter               die Käfer, bleiben aber den Winter über im
dick und innen mit Nahrungsbrei und Se-                     Boden, den sie erst im Frühjahr verlassen.
kreten (fungizide und bakterizide Wirkun-
gen) geglättet und verfestigt. Dieser Kokon
liegt 15 bis 20 Zentimeter tief in der Erde in
der Umgebung des Brutsubstrates. Derje-
nige der männlichen Larve ist wesentlich
größer, vor allem länger, als der Kokon eines
Weibchens. Es muss Platz bereitgestellt
werden für die Oberkiefer, die der ge-
schlüpfte männliche Käfer ausgestreckt                      Frisch geschlüpfter Hirschkäfer am Erdloch

06 | Der Platzhirsch des Waldes
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Balkenschröter sind höchsten 3 cm groß und ihre Männ-    Männchen des Kopfhornschröters (knapp 2 cm groß)
chen ­haben keine geweihartig vergrößerten Oberkiefer.

Ein Blick auf die Verwandtschaft                         schröter (Ceruchus chrysomelinus), der sich
Außer dem Hirschkäfer gibt es bei uns noch               auch in Nadelholz (z. B. Fichte) entwickeln
weitere sechs Arten der Schröter. Die meis-              kann, und als kleinste Art der rundliche, mit
ten von ihnen sind selten und in ihrem                   Schuppen bedeckte Kurzschröter (Aesalus
Vorkommen ebenfalls bedroht.                             scarabaeoides), der sich in rotfaulen Baum-
Der schwarz gefärbte Balkenschröter (Dorcus              stümpfen entwickelt. Etwas regelmäßiger
parallelipipedus) kommt vor allem in Bu-                 kann man dem Kopfhornschröter (Sinoden-
chenmischwäldern vor. Von den metallisch                 dron cylindricum) begegnen, deren Männ-
glänzenden Rehschrötern (Platycerus) gibt                chen durch ein aufrecht stehendes kurzes
es zwei Arten, die mitunter nicht leicht zu              Horn auf dem Kopf gekennzeichnet sind.
unterscheiden sind: den Großen Rehschröter
(P. caprea) vor allem in Gebirgslagen und den
Kleinen Rehschröter (P. caraboides). Ausge-
sprochene Seltenheiten sind der Rinden-

                                                                          Der Platzhirsch des Waldes | 07
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Kulturlandschaft als Arche Noah

Der Hirschkäfer ist in unserer über Jahrhun-             tung und Pflege von Streuobstwiesen bleibt
derte gewachsenen Kulturlandschaft zum                   auch ein Lebensraum für den Hirschkäfer
Kulturfolger geworden. Damit hat er es                   erhalten, von dem aus sich die Art zukünftig
geschafft, die Gefahr des Aussterbens etwas              wieder in nahe gelegene Wälder ausbreiten
zu verringern. Da der Käfer die Stubben und              kann.
toten Wurzeln sehr verschiedener Baumar-                 In Stadt- und Landschaftsparks oder auf
ten besiedeln kann, bot ihm die Gestaltung               Friedhöfen wurden einzelne Bäume seit
der Kulturlandschaft in den vergangenen                  Jahrhunderten zu mächtigen Einzelexempla­
Jahrhunderten neue Lebensräume.                          ren herangezogen. Sie machen den ästheti-
So wurden sowohl in der Nähe vieler Ort-                 schen Reiz der Parks aus und dienen somit
schaften, als auch in der freien Landschaft              unserer Erholung. Weil Baumbestände in
Streuobstwiesen angelegt. Stubben und                    Parks sehr locker stehen, ist der Boden oft
abgestorbene Wurzeln von Obstbäumen                      besonnt, wodurch die Entwicklung der
werden gern von Larven des Hirschkäfers                  Hirschkäferlarven gefördert wird. Gleichzei-
besiedelt. Alte Streuobstwiesen sind da-                 tig sind auch alte Parkbäume durch das
durch ein Ersatzlebensraum dieses impo-                  Vorhandensein von Saftstellen wichtige
santen Käfers geworden: Durch die Erhal-                 Sammel- und Fortpflanzungsstätten des
                                                         Hirschkäfers geworden. Dadurch und durch
                                                         das Belassen alter Stubben sind auch Parks
                                                         und Friedhöfe Teile der Arche Noah.
                                                         Inzwischen ist der Hirschkäfer sogar ein
                                                         Gast unserer Gärten geworden. Auch hier
                                                         entwickeln sich seine Larven in den toten
                                                         Wurzeln und Stubben von Obstbäumen,
                                                         gelegentlich sogar in Komposthaufen.
                                                         Saftstellen »blutender« Obstbäume werden
                                                         von den Käfern zum Trinken aufgesucht.
                                                         Mit etwas Glück können Sie an diesen
                                                         Bäumen sogar die beeindruckenden Kämpfe
Streuobstwiese mit vom Hirschkäfer besiedelten Stubben   der Käfer beobachten.

08 | Kulturlandschaft als Arche Noah
Alte Eiche auf einem Kinderspielplatz: An den Wurzeln leben Hirschkäferlarven, im Stamm Larven des seltenen
­Heldbocks (Cerambyx cerdo).

                                                                        Kulturlandschaft als Arche Noah | 09
Guter Flieger und trotzdem selten

Hirschkäfer können gut fliegen und sogar        ❚ In Buchenwäldern ist die Sonnenein-
Entfernungen bis circa fünf Kilometer              strahlung am Boden meist so gering,
überwinden. Geeignete, stubbenreiche Ge-           dass die zur Entwicklung der Larven
hölzbestände mit Saftstellen sind jedoch oft       ­erforderlichen Temperaturen nicht
so weit voneinander entfernt, dass sie für        ­erreicht werden.
den Käfer unerreichbar bleiben. Ist der Käfer   ❚ In vielen Auenwäldern hat sich durch
in einer Region erst ausgestorben, kann er          fehlende Überflutungen die Baumar-
sie deshalb oft nicht wiederbesiedeln, selbst       tenzusammensetzung stark geändert:
wenn er dort gute Lebensbedingungen                 Hier führen Ahorn-Arten zu sehr star-
finden könnte. Durch Maßnahmen zum                  ker Beschattung des Bodens und es
Biotopverbund kann die Ausbreitung des              fehlen Bäume mit Saftstellen.
Hirschkäfers gefördert werden.                  ❚ In manchen Wäldern setzt dem Hirsch-
Im vergangenen Jahrhundert verschlech-              käfer auch die hohe Dichte von Wild-
terten sich die Lebensbedingungen für den           schweinen zu: Sie können seine Larven
Hirschkäfer durch den bevorzugten Anbau             riechen und graben die bis zu zwölf
von Nadelgehölzen und das Fehlen geeig-             Zentimeter großen Engerlinge zum
neter Baumstubben und Bäumen mit Saft-              Fressen gezielt aus.
stellen in Wäldern und Forsten. Inzwischen      ❚ Obwohl es zusätzliche Kosten verur-
werden bei der Waldbewirtschaftung wieder           sacht, werden nach der Fällung alter
Stubben und Totholz in den Wäldern belas-           Bäume in Siedlungsbereichen sowie
sen. Dennoch findet der Käfer oft keine             entlang von Straßen häufig die Stubben
geeigneten Lebensbedingungen, weil unsere           herausgefräst. Dadurch werden oft po-
Wälder zu schattig sind.                            tenzielle Lebensstätten der Hirschkäfer-
Obwohl sich der Hirschkäfer viele Kultur-           larven vernichtet, im schlimmsten Fall
landschaften als Lebensraum erschließen             sogar unwissentlich die im Erdreich
konnte, ist er überall in Sachsen bedroht:          ­lebenden Larven getötet.
                                                ❚ Für Hirschkäfer geeignete Wälder und
                                                     Gehölzbestände sind oft so weit von­
                                                     einander entfernt, dass die Tiere sie
                                                     fliegend nicht erreichen können.

10 | Guter Flieger und trotzdem selten
Hirschkäfer haben Recht

Das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG)        Von den genannten Verboten können im
stellt im § 44 den Hirschkäfer unter beson-   Einzelfall Ausnahmen zugelassen werden.
deren Schutz.                                 Zuständig für eine Ausnahmegenehmigung
❚ Es ist verboten, wild lebenden Hirschkä-    ist die untere Naturschutzbehörde im je-
   fern nachzustellen, sie zu fangen, zu      weiligen Landkreis.
   verletzen oder zu töten oder seine Ent-
   wicklungsformen aus der Natur zu ent-
   nehmen, zu beschädigen oder zu zer-
   stören.
❚ Fortpflanzungsstätten des Hirschkäfers
   (also Stubben oder Wurzeln toter
   Bäume) dürfen nicht beseitigt, beschä-
   digt oder zerstört werden. Die Beseiti-
   gung eines vom Hirschkäfer besiedelten
   Stubbens ohne Ausnahmegenehmigung
   ist eine Ordnungswidrigkeit. Ausge-
   nommen davon ist die ordnungsge-
   mäße Forstwirtschaft, sofern sich der
   Erhaltungszustand der lokalen Popula-
   tion nicht verschlechtert.

                                                             Hirschkäfer haben Recht | 11
Der Hirschkäfer braucht unsere Hilfe

Wegen seiner Seltenheit wurde der Hirsch-                     Hirschkäfers werden nach Möglichkeit
käfer sowohl in Deutschland als auch in                       lichte Bestände gefördert, in denen der
Sachsen in Rote Listen mit dem Status                         Boden teilweise besonnt ist. Dies för-
»stark gefährdet« (Rote-Liste-Status 2) ein­                  dert gleichzeitig die Naturverjüngung
gestuft.                                                      heimischer Eichenarten.
Um den Hirschkäfer in Sachsen zu erhalten,                  ❚ Landschaftsparks, Alleen und lockere
bestehen eine ganze Reihe von Möglichkeiten:                  Altbaumbestände werden so gepflegt,
❚ Bei der forstlichen Bewirtschaftung der                     dass sich auch mächtige, besonnte
   Wälder werden Stubben und stehendes                        Bäume mit Saftstellen entwickeln kön-
   Totholz (Laubbäume) erhal­ten. In be-                      nen. Stubben abgestorbener Bäume
   kannten Vorkommensgebieten des                             werden im Boden belassen.

Im Erdreich an den Eichenholzpalisaden eines Waldtheaters entwickeln sich Hirschkäferlarven.

12 | Der Hirschkäfer braucht unsere Hilfe
❚ Bei Bau- und Infrastrukturmaßnahmen
  werden Stubben untersucht, um nicht
  unbeabsichtigt Brut­stätten zu beseiti-
  gen.
❚ Alte Streuobstwiesen mit teilweise saf-
  tenden Bäumen werden erhalten, auch
  die Stubben abgestorbener Bäume ver-
  bleiben im Boden.
❚ An geeigneten Stellen wie lichten Wäl-
  dern und Waldrändern wird der Hirsch-
  käfer durch Anlage von »Käferwiegen«
  (siehe S. 15) gefördert.

Als Waldbesitzer können Sie den Schutz des
Hirschkäfers unterstützen. Belassen Sie die
Baumstubben im Wald und sorgen Sie für
eine ausgeglichene Altersstruktur in Ihrem
Wald und belassen Sie Bäume mit Saftstel-
len im Bestand. Verzichten Sie möglichst auf
die Pflanzung nicht heimischer Eichenarten
wie beispielsweise Roteiche.                     Besonnter Eichenstubben in einem naturnahen Wald,
                                                 der gleichzeitig vom Eremiten (Osmoderma eremita)
Auch als Inhaber eines Gartens oder anderen     ­besiedelt ist.
Grundstücks mit Bäumen können Sie zum
Schutz des Hirschkäfers beitragen:
❚ Wenn Obstbäume nicht mehr erhalten
   werden können, belassen Sie deren              sen gefällt werden. Belassen Sie jedoch
   Stubben im Boden.                              nach Möglichkeit auch in diesem Fall
❚ Wenn Sie beim Umsetzen Ihres Kom-               die verbliebenen Stubben im Boden. Oft
   posthaufens große, engerlingsartige Kä-        lassen sich alte Stubben dekorativ in die
   ferlarven finden, setzen Sie diese zurück.     Grundstücksgestaltung einbeziehen.
   Häufig handelt es sich um Larven von         ❚ Gern besiedelt der Hirschkäfer auch alte
   ebenfalls geschützten Nashornkäfern            eichene Zaunpfähle und Holzpalisaden.
   oder Rosenkäfern, doch auch Hirschkä-          Wenn diese ausgetauscht ­werden sollen,
   fer können Komposthaufen besiedeln.            besteht vielleicht die Möglichkeit, sie
❚ Auf Wohngrundstücken können alte                nur oberirdisch abzuschneiden. An den
   Baumveteranen eine Gefahr für Men-             unterirdischen Resten können sich dann
   schen und Sachgüter werden und müs-            noch Hirschkäferlarven entwickeln.

                                                       Der Hirschkäfer braucht unsere Hilfe | 13
❚ Im Umfeld sehr alter Laubbäume und
                                                           Stubben sollte der Boden nicht voll
                                                           ­versiegelt werden (z. B. für Park- oder
                                                            Stellplätze). Wenn an unterirdisch
                                                            ­liegenden Wurzeln Hirschkäferlarven
                                                             leben, können die fertig entwickelten
                                                             Käfer sehr gut durch die Lücken des
                                                          ­Verbundpflasters schlüpfen.

                                                        Funde melden
                                                        Voraussetzung für gezielte Schutz- und
                                                        Fördermaßnahmen ist außerdem ein mög-
                                                        lichst guter Kenntnisstand zur Verbreitung
                                                        der Art in Sachsen. Deshalb bitten wir um
                                                        die Übermittlung von Fundmeldungen.
                                                        Wenn Sie Hirschkäfer entdeckt haben, dann
                                                        schreiben Sie uns Ihre Beobachtung mit
                                                        Anzahl, Ort, Datum sowie Fundumständen
                                                        bzw. Verhalten, wenn möglich mit Foto, per
                                                        Post oder E-Mail an:

                                                        Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft
                                                        und Geologie
                                                        Ref. 62 Artenschutz
                                                        Stichwort »Hirschkäfer«
                                                        Pillnitzer Platz 3
                                                        01326 Dresden
Zum Tisch umfunktionierter Eichenstubben in einem       oder per E-Mail an:
Biergarten, an dessen Wurzeln sich Hirschkäferlarven
entwickeln. Auch durch die Fugen des Verbundpflasters
                                                        artenerfassung.lfulg@smekul.sachsen.de
schlüpfen Hirschkäfer, die sich in darunter liegenden
Wurzeln entwickelt haben.
                                                        Es stehen Ihnen weitere Möglichkeiten zur
                                                        Verfügung, Hirschkäferfunde an das LfULG
                                                        zu über­mitteln. Weiteres erfahren Sie unter:
                                                        www.natur.sachsen.de/kartierungen-aufruf-
                                                        zur-mitarbeit-21122.html

14 | Der Hirschkäfer braucht unsere Hilfe
In einem jungen Eichenwald überbrückt eine Hirschkäferwiege für die nächsten Jahrzehnte den Mangel an Stubben.

Wenn alle Stricke reißen                                  ❚ Stubben müssen nicht immer gerodet
Manchmal ist es leider nicht zu vermeiden:                  oder ausgefräst werden! Sie können
Ein alter Baum muss fallen und auch für                     mitsamt dem umgebenden Erdreich
seinen Stubben ist kein Platz. Auch wenn                    auch an einen geeigneten Ort umge-
die Genehmigungen vorliegen, warum                          setzt werden, sodass die Hirschkäferlar-
sollte man nicht trotzdem noch einmal an                    ven ihre Entwicklung abschließen kön-
den Hirschkäfer denken? Auch dafür möch-                    nen. Dies kann zwar immer nur das
ten wir Ihnen einige Tipps geben:                           letzte Mittel sein, dient aber zumindest
❚ Ökologische Baubegleitung: Manchmal                       der Schadensbegrenzung.
   ist die Besiedlung von Stubben durch                   ❚ Für den Hirschkäfer können künstliche
   den Hirschkäfer erst bei genauer Unter-                  Lebensstätten an geeigneten, besonn-
   suchung erkennbar. Ein Fachmann vor                      ten Stellen geschaffen werden, indem
   Ort kann dann immer noch Hinweise                        Stammstücke von Eichen in den Boden
   geben, wie mit dem Stubben oder auf-                     eingegraben werden. Diese so genann-
   gefundenen Larven umgegangen wer-                        ten »Hirschkäferwiegen« haben sich in-
   den kann. Eine Dokumentation durch                       zwischen in verschiedenen Ländern Eu-
   die ökologische Baubegleitung schafft                    ropas bewährt.
   außerdem Planungssicherheit und ver-
   meidet Ordnungswidrigkeiten.

                                                                  Der Hirschkäfer braucht unsere Hilfe | 15
Literatur

Brechtel, F. & Kostenbader, H.-U. [Hrsg.]        Klausnitzer, B. (2013): Der Hirschkäfer, (Lu-
(2002): Die Pracht- und Hirschkäfer Baden-       canus cervus Linnaeus, 1758) in der Oberlau-
Württembergs. Stuttgart (Eugen Ulmer),           sitz – gestern, heute, morgen (?). Berichte
632 S.                                           der Naturforschenden Gesellschaft der
                                                 Oberlausitz 21, S. 43 – 47.
Klausnitzer, B. (2011): Der Hirschkäfer Luca-
nus cervus. Insekt des Jahres 2012.              Klausnitzer, B. (2019): Wunderwelt der Käfer.
Deutschland Österreich Schweiz. Faltblatt,       3. Auflage. Springer-Verlag GmbH Deutsch-
Kuratorium Insekt des Jahres (Hrsg.).            land. 248 S.

Klausnitzer, B. (2012 a): »Insekt des Jahres«    Klausnitzer, B. & Sprecher-Uebersax, E. (2008):
2012. Der Hirschkäfer (Lucanus cervus)           Die Hirschkäfer oder Schröter (Lucanidae).
(Coleoptera: Lucanidae). Nachrichtenblatt        4., stark bearbeitete Auflage – Die Neue
der Bayerischen Entomologen 61 (1/2),            Brehm-Bücherei Nr. 551, Westarp Wissen-
S. 47 – 49.                                      schaften Hohenwarsleben, 161 S., 97 Abb.

Klausnitzer, B. (2012 b): Der Hirschkäfer (Lu-   Nüssler, H. (1967): Unser Hirschkäfer und
canus cervus) – »Insekt des Jahres« 2012.        seine Verbreitung in Sachsen. Naturschutz-
Entomologische Zeitschrift 122 (1), S. 3 – 6.    arbeit und naturkundliche Heimatforschung
                                                 in Sachsen 9 (3), S. 76 – 83.
Klausnitzer, B. (2012 c): Der Hirschkäfer –
Symbol für naturnahe Umwelt. Unser Wald
2012 (2), S. 16 – 17.

Klausnitzer, B. (2012 d): Der Hirschkäfer (Lu-
canus cervus (Linnaeus, 1758)) – »Insekt des
Jahres« 2012 (Coleoptera, Lucanidae). Ento-
mologische Nachrichten und Berichte 56
(1), S. 5 – 12.

16 | Literatur
Nützliches zum Weiterlesen

Blischke, H. & Trapp, H. (2011): Rauch- und Mehlschwalben –   Stegner, J. (2014): Heldbock und Eremit – Bewohner alter
Mitbewohner unserer Gebäude. Sächsisches Landesamt            ­Bäume. Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft
für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Sammelreihe           und Geologie, Sammelreihe Natur und Landschaft,
­Natur und Landschaft, Heft 1, 13 S.                           Heft 2, 20 S.
http://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/11789              https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/22113

Schmidt, C. (2017): Fledermäuse - Jäger der Nacht.            Voigt, H. (2018): Wiesenknopf-Ameisenbläuling –
Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft              Naturwunder der Wiesen. Säsisches Landesamt für Umwelt,
und Geologie, Sammelreihe Natur und Landschaft,               Landwirtschaft und Geologie, Sammelreihe Natur und
Heft 4, 2. unveränderte Auflage, 25 S.                        ­Landschaft, Heft 5, 28 S.
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/28754             https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/30414

Sy, T. & Meyer, F. (2020): Kreuzkröte und Wechselkröte –      Klausnitzer, B. (2021): Zweipunkt-Marienkäfer – Eine bekannte
Überlebenskünstler in der Kiesgrube. Sächsisches Landesamt    Schönheit wird zur Rarität. Sächsisches Landesamt für
für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Sammelreihe          ­Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Sammelreihe Natur
Natur und Landschaft, Heft 6, 21 S.                            und ­Landschaft, Heft 7, 25 S.
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/37452            https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/38871
Herausgeber:
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www.lfulg.sachsen.de
Das LfULG ist eine nachgeordnete Behörde des Sächsischen
Staatsministeriums für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirt-
schaft (SMEKUL). Diese Veröffentlichung wird finanziert mit Steuer-
mitteln auf Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen
Landtags beschlossenen Haushalts.
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E-Mail: abt6.lfulg@smekul.sachsen.de
Autoren:
Prof. Dr. Dr. h. c. Bernhard Klausnitzer
Institut für Ökologie und Entomologie
Dr. Jan Stegner
StegnerPlan / Büro für Landschaftsplanung und Naturschutz
Fotos:
Titelseite (Kommentkampf zweier Hirschkäfermännchen)
Foto: H. Rothacher
Innenteil: alle Bilder ohne Angabe von Bildautor: J. Stegner
Gestaltung und Satz:
Sandstein Kommunikation GmbH
Serviceplan Solutions 1 GmbH & Co. KG
Druck:
Lößnitz Druck GmbH
Redaktionsschluss:
02.02.2022
Auflage:
15.000 Exemplare, 2., aktualisierte Auflage
Papier:
Gedruckt auf 100 % Recycling-Papier
Bezug:
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