"Ich beneide Sie um diese Welt der Vielfalt" - Bundeskanzlerin Angela Merkel beim DW-Jubiläum

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"Ich beneide Sie um diese Welt der Vielfalt" - Bundeskanzlerin Angela Merkel beim DW-Jubiläum
2|18

„Ich beneide Sie um
diese Welt der Vielfalt“
Bundeskanzlerin Angela Merkel beim DW-Jubiläum
"Ich beneide Sie um diese Welt der Vielfalt" - Bundeskanzlerin Angela Merkel beim DW-Jubiläum
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                                          t ä r               e

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                 DW
"Ich beneide Sie um diese Welt der Vielfalt" - Bundeskanzlerin Angela Merkel beim DW-Jubiläum
Editorial

                                                                                                                                       ©©DW/J. Röhl
     Die Bilanz ist ernüchternd. Der größte       In ihrer Rede beim Festakt zum 65-jäh-      Aufgabenplanung haben wir den Weg zu
Teil der Menschheit lebt inzwischen in Län-   rigen Bestehen des deutschen Auslands-          einer weiteren deutlichen Steigerung un-
dern, in denen es keine uneingeschränkte      senders gratulierte Bundeskanzlerin Angela      serer wöchentlichen Nutzer aufgezeigt.
Informations- oder Meinungsfreiheit gibt.     Merkel der DW zu ihrer Erfolgsgeschichte        Dabei spielen digitale Verbreitungskanäle
Selbst in Europa ist die Pressefreiheit auf   und betonte ihre ­wachsende Bedeutung als       eine wichtige Rolle.
dem Rückzug.                                  Stimme der Freiheit. Auslandskommunika-             Ihre Relevanz im internationalen Wett-
     Wir beobachten diese dramatische         tion habe in einer zunehmend vernetzten         bewerb erhalten die journalistischen An-
Entwicklung nicht schweigend und ohne         Welt einen eigenen Stellenwert, sagte die       gebote der DW durch ihre hohe Glaubwür-
Widerstand. Offener und ungehinderter         Kanzlerin und ergänzte, es sei deshalb kein     digkeit. Im Zeitalter von Propaganda und
Austausch von Information ist Grundstein      Zufall, dass einige Länder ihre Auslandssen-    manipulierten Nachrichten steht die Deut-
für Fortschritt.                              der massiv ausbauen.                            sche Welle für objektiven, verlässlichen
     Die DW schließt in vielen Ländern die        Die erkennbare Wertschätzung der DW         Journalismus mit Haltung. Populismus,
Informationslücke, die von den lokalen        durch das Parlament und die Bundesregie-        Zensur und Filterblasen stellen unabhän-
Medien nicht abgedeckt werden kann oder       rung bestärkt uns in diesem Zusammen-           gige Medien auf die Probe. Die DW stellt
darf. Mit umfassender Aufklärung und          hang besonders, denn auch die DW sieht          sich dieser Herausforderung.
                                                                                                  Wie vielfältig die Aufgaben und The-
                                                                                              men sind, die mit der rasanten Entwicklung
             Die DW steht für objektiven,                                                     in Medien, Journalismus und welt­   weiter
                                                                                              Kommunikation einhergehen, haben auch
 verlässlichen Journalismus mit Haltung.                                                      die Diskussionen auf unserem Global
                                                                                             ­Media Forum im Juni in Bonn gezeigt. In
pluralistischer Information begegnet sie      sich nicht nur durch Medienmärkte, die          dieser Weltzeit vermitteln wir Ihnen einen
Propaganda und Desinformation. Mit ihren      zunehmend reguliert und eingeschränkt           Einblick in diese Bandbreite.
journalistischen Angeboten und ihrer Aka-     werden, vor großen Herausforderungen.
demie befähigt die DW Menschen weltweit,          Durch die Digitalisierung hat sich das     Ihr Peter Limbourg,
sich auf Basis unabhängiger Informationen     Nutzerverhalten in den Zielgebieten der        Intendant
und verlässlicher Fakten eigene Überzeu-      DW teils noch radikaler verändert, als man
gungen zu bilden und diese in gesellschaft-   es hierzulande erlebt. Das begreifen wir         twitter.com/DW_Limbourg
lichen Debatten zu vertreten.                 als einmalige Chance. In unserer ­aktuellen

                                                                                                                     Deutsche Welle           3
"Ich beneide Sie um diese Welt der Vielfalt" - Bundeskanzlerin Angela Merkel beim DW-Jubiläum
MENSCHEN BEGEGNEN

                                                                                                                     ©©DW

      Philipp Bilsky
      – hier mit Reporterin Zhang Ci – baut seit März die-   sei es aufgrund der Zeitdifferenz sehr schwierig
      ses Jahres ein DW-Büro in Taipeh, Taiwan, auf. „Sich   ­gewesen, stets aktuell über die Region zu berichten,
      journalistisch mit China zu beschäftigen ist extrem     erklärt Bilsky. „Mit den neuen Mitarbeiterinnen und
      spannend und fordernd zugleich“, so der 40-jährige      Mitarbeitern in Taiwan können wir jetzt viel schnel-
      Sinologe, der seit vier Jahren als Redaktionsleiter     ler reagieren.“ Das Team in Taipeh liefert auch dem
      das chinesische Angebot der DW verantwortet. Vor        englischen TV-Kanal der DW zu – mit Schalten und
      seinem Wechsel in die Chinesisch-Redaktion war er       Berichten über Ereignisse in der Region. So kann die
      unter anderem als TV-Reporter auf mehreren Kon-         DW die Kompetenz der Chinesisch-­Redaktion für das
      tinenten für die DW im Einsatz. Später ging er als      Gesamtangebot noch besser nutzen.
      Referent in die Chefredaktion. Die Präsenz in Taipeh
      stärkt die China-Berichterstattung der DW. Früher
                                                                                                                            ©©DW

4   Weltzeit 2 | 2018
"Ich beneide Sie um diese Welt der Vielfalt" - Bundeskanzlerin Angela Merkel beim DW-Jubiläum
Inhalt
MENSCHEN BEGEGNEN                              24 J | Journalismus-Netzwerke
                                               Weltweite Recherchen – jenseits des Egos
6 IMS für Geflüchtete
Hoffnung auf Perspektive in der Heimat         25 K | Kunst und Kultur
                                               Artivism: Kreativ die Welt verbessern
6 DW Akademie
Carsten von Nahmen neuer Leiter                26 L | Lösungen
                                               Konkret, geprüft, adaptierbar
7 Neu in Lagos
Flourish Chukwurah berichtet                   26 M | Medienkompetenz
aus Westafrika                                 Schlüssel zur Verständigung
7 Rundfunkrat                                  28 N | Nichtregierungsorganisationen
Vier neue Mitglieder                           Partner schaffen Vielfalt

                                               28 O | Online-Propaganda
65 JAHRE DW                               16
                                               Weißhelme unter Beschuss
8 Festakt in Berlin
Bundeskanzlerin Angela Merkel:                 30 P | Populismus und Polarisierung
„Auch heute noch für viele ein Stachel“        Das selbstreferenzielle Milieu verlassen

                                               32 Q | Qualitätsjournalismus
T I T E LT H E M A                             Mehr als der Pudding an der Wand

10 Rückblick und Ausblick                      33 R | Russland und die EU
Das Global Media Forum von A bis Z             Zivilgesellschaft als Hoffnungsträger

11 A | Algorithmen                             34 S | Satire
Ganz oben auf der Agenda                       Tell a Joke – Save the World?

12 B | Broadcaster                             35 T | Tabu
Das ganze Bild                                 Shababtalk: Mut als Markenzeichen

13 C | Constructive Journalism                 36 U | Ungleichheit
Mehr Licht – weniger Schatten?            28   Journalisten als Verbündete

14 D | Datenjournalismus                       38 V | Verifizierung
„Dahinter stecken fast immer Menschen“         Nicht in die Falle tappen

15 E | Engagement                              40 W | Worth It?
Das Publikum zum Dialog anregen                Neue Video-Reihe auf InfoMigrants

 16 F | Freedom of Speech Award                40 X | Xenophobie
 Sadegh Zibakalam gegen die                    Diskriminierung und Rassismus ­­­­
­Scharfmacher                                  im Fußball

18 G | Generation Z                            42 Y | Youth
Digitale Unruhestifter                         „Bildung ist die beste Impfung“

20 H | Hate Speech                             43 Z | Zensurumgehung
Die Ohnmacht des Adressaten                    „Wir müssen kreativ bleiben“

22 I | Impressionen
                                          36

                                                                           Deutsche Welle   5
"Ich beneide Sie um diese Welt der Vielfalt" - Bundeskanzlerin Angela Merkel beim DW-Jubiläum
MENSCHEN BEGEGNEN

                                                                                                                                        ©©DW/E.-M. Senftleben
                                                                       Die vier Auserwählten: (v. l.) Pascal Sevadouno, Laila Kaddah,
                                                                       Khaled Karkali und Fares Abdulkarim

Hoffnung auf eine Perspektive in der Heimat
Aus über 100 Bewerbungen auf die Studienplätze für Geflüchte-         mit der DW: die Deutschlernangebote. Für die Kurse der DW Aka-
te haben sie es geschafft: Laila Kaddah, Fares Abdulkarim und         demie hat er bereits als Übersetzer gearbeitet.
Khaled Karkali aus Syrien sowie Pascal Sevadouno aus Guinea.              Khaled Karkali stammt ebenfalls aus Syrien, hat dort Engli-
Sie nehmen im Herbst den Masterstudiengang „International             sche Literatur studiert und als Journalist gearbeitet. Er hofft,
Media Studies“ (IMS) auf.                                             mit dem IMS-Master in der Tasche auch in seiner Heimat eine
                                                                      Perspektive zu haben. „Der Krieg in Syrien ist auch ein Krieg der
    Die DW Akademie bietet die Studienplätze für Geflüchtete          Ideen. Menschen wie ich, Journalisten mit guten Englischkennt-
zum zweiten Mal an. Bewerberinnen und Bewerber müssen ein             nissen, waren eine Bedrohung, weil wir nach draußen vermitteln
Studium abgeschlossen haben und Erfahrung im Medienbereich            konnten, was im Land passiert. Sollte dieser Krieg irgendwann
nachweisen. Der Studiengang für jeweils rund 30 Studierende           vorbei sein, brauchen wir nicht nur Ingenieure und Ärzte, son-
wird in Zusammenarbeit mit der Universität Bonn und der Fach-         dern auch Medienprofis.“
hochschule Bonn-Rhein-Sieg durchgeführt.                                  Pascal Sevadouno studierte Musikwissenschaften und spezi-
    Laila Kaddah hat in Damaskus Englische Literaturwissen-           alisierte sich in Guinea auf Musikinformatik. Als Tontechniker für
schaften studiert und arbeitet seit 2012 als Journalistin. Sie war    einen Radiosender kam er schließlich auch als Moderator vor das
als Nachrichtenredakteurin und Fernsehmoderatorin in Jordani-         Mikrofon. In Deutschland war er als Referent für „Bildung trifft
en tätig, bis sie 2015 nach Deutschland flüchtete. In Bonn schreibt   Entwicklung“ tätig, eine Initiative von Engagement Global. Seit
sie für das Online-Magazin firstlife.de.                              2017 verstärkt er die französischsprachige Redaktion der DW.
    Fares Abdulkarim aus Aleppo hat ein Architekturstudium ab-
geschlossen. Er arbeitete als Grafikdesigner. Sein erster Kontakt       dw.com/masterstudiengang

Neuer Leiter der DW Akademie
Carsten von Nahmen, zuletzt Korrespon-                                                            „Weltweit baut die DW Akademie freie
                                                                                       ©©DW

dent im DW-Studio Washington, ist neuer                                                       Mediensysteme auf und ermöglicht Nut-
Leiter der DW Akademie. Eine Rückkehr                                                         zern einen kritischen und verantwortungs-
an alte Wirkungsstätte.                                                                       vollen Umgang mit Medien. Sie ist dabei
                                                                                              sehr erfolgreich“, so von Nahmen. Im Ein-
    Die DW Akademie ist Carsten von                                                           satz für freie Medien und das Recht auf
­ ahmen bestens vertraut: Rund zehn Jah-
N                                                                                             freie Meinungsäußerung werde man die
re war er in der Medienentwicklung aktiv:                                                     Zusammenarbeit mit allen Bereichen der
ab 2005 als Leiter der Regionen Nahost/                                                       DW noch verstärken.
Nordafrika, dann Europa und Zentralasien                                                          Carsten von Nahmen absolvierte sein
und schließlich Afrika. Ab 2013 koordinier-                                                   Studium der Journalistik und Geschichte
te er als Leiter der Medienentwicklungs­                                                      an der TU Dortmund. Als Journalist und
zusammenarbeit das operative Geschäft                                                         Korrespondent war er bei weiteren Medi-
der DW Akademie weltweit. 2014 wurde                                                          en tätig, darunter WDR, Frankfurter Rund-
von Nahmen stellvertretender Chefredak-           Zum 1. September übernimmt Carsten          schau, BBC und Namibian Broadcasting
teur und Leiter der Hauptabteilung Nach-      von Nahmen die Leitung der DW A ­ kademie       Corporation. 
richten der DW. Ab Februar 2017 berichtete    als Nachfolger von Christian Gramsch, der
er als Senior Correspondent aus den USA.      die DW im Mai verlassen hat.                      dw-akademie.com

6   Weltzeit 2 | 2018
"Ich beneide Sie um diese Welt der Vielfalt" - Bundeskanzlerin Angela Merkel beim DW-Jubiläum
Hoher Einsatz
Drei Stunden zur Arbeit, drei Stunden wieder zurück: Für Flourish Chukwurah ist das
Alltag. Seit März berichtet die 24-Jährige für die DW aus Lagos, Nigerias 18-Millionen-­
Metropole – nach Kairo die größte Stadt Afrikas.

                                    Schreiben, Interviews führen und Videos drehen:

                                                                                                                                      ©©DW
                                    Flourish Chukwurah – rechts mit Adrian Kriesch

    „Ich habe die Möglichkeit, etwas zu bewegen. Das spornt mich          Schreiben, Interviews führen und Videos drehen: oft in Ei-
unglaublich an“, sagt die junge Journalistin. Dafür nimmt sie stun-   genregie, manchmal auch gemeinsam mit ihrem Kollegen Adrian
denlange Busfahrten auf sich. Lagos ist ihre Heimatstadt. Hier        Kriesch, der seit der Eröffnung des DW-Büros für West- und Zen-
studierte sie Massenkommunikation. Nach der Abschlussarbeit,          tralafrika 2014 in Lagos arbeitet.
einer Film-Dokumentation über Zwangsheirat, stand fest: Sie               Laut Reporter ohne Grenzen ist Nigeria für Journalisten ei-
wollte Journalistin werden. In den USA studierte Chukwurah ein        nes der gefährlichsten Länder Afrikas – auf der Rangliste der
Jahr „Broadcast and Digital Journalism“. Zurück in Lagos, nahm        Presse­freiheit 2018 belegt es Platz 119. Entmutigen lässt sich
sie nach einer Zwischenstation bei CNN ihre Arbeit als Korrespon-     ­Chukwurah davon nicht; ihr Auftrag für die DW werde dadurch
dentin für die DW auf.                                                 umso wichtiger. 

Neu im Rundfunkrat

                                                                                                                                      ©©Alle Fotos: © DW/B. Geilert

Der Rundfunkrat der Deutschen Welle           ter, und Thomas Silberhorn (MdB), Parla-      Olympischen Sportbunds (DOSB). Sie folgt
hat in seiner jüngsten Sitzung vier neue      mentarischer Staatssekretär bei der Bun-      auf Michael Vesper, vormals DOSB-Präsi-
Mitglieder begrüßt.                           desministerin der Verteidigung.               dent, der diesen Posten aus Altersgründen
                                                  Der Deutsche Bundestag hat Elisabeth      aufgab.
   Von der Bundesregierung entsandt           Motschmann (MdB, 2. v. r.) neu für den            Der Rundfunkrat vertritt bei der Deut-
wurden (v. l.) Michelle Müntefering (MdB),    Rundfunk­rat benannt. Die Sprecherin der      schen Welle die Interessen der Allgemein-
Staatsministerin im Auswärtigen Amt           CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Kultur         heit. Das 17-köpfige Gremium berät über
(AA), und der Parlamentarische Staats-        und Medien übernimmt diese Aufgabe            Fragen grundsätzlicher Bedeutung für den
sekretär beim Bundesminister für wirt-        von Marco Wanderwitz (MdB), nun Staats-       Sender.
schaftliche Zusammenarbeit und Entwick-       sekretär im Bundesinnenministerium.
lung, N
      ­ orbert Barthle (MdB). Sie folgen          Ebenfalls neu im Rundfunkrat ist ­Petra     dw.com/rundfunkrat
auf M
    ­ ichael Roth (MdB), AA-Staatsminis-      Tzschoppe, Vizepräsidentin des Deutschen

                                                                                                                    Deutsche Welle                    7
"Ich beneide Sie um diese Welt der Vielfalt" - Bundeskanzlerin Angela Merkel beim DW-Jubiläum
65 JAHRE DW

„Auch heute noch
für viele ein S
              ­ tachel“
1953 ging die DW an den
Start. 65 Jahre später ist für
­Bundeskanzlerin Angela Merkel
 die Entwicklung des ­deutschen
 Auslandssenders eine „Erfolgs-
 geschichte“. Beim Festakt zum
 Jubiläum am 5. Juni in Berlin
 bekräftigte die Kanzlerin die
 ­Unterstützung durch Bundes­
  regierung und Bundestag.

Text Berthold Stevens,
Unternehmenskommunikation

    Bei der Veranstaltung im Paul-Löbe-
Haus sagte Merkel, die DW stehe für se-
riösen Journalismus und Objektivität. Sie
sei „als verlässlicher Partner in der Welt
geschätzt“ und gefragter denn je. „Denn
sie gab und gibt jenen eine Stimme, die
aufgrund der Unfreiheit in ihrer Heimat

                                                                                                                                         Fotos: © DW/J. Röhl
zu verstummen drohen.“ Merkel verwies
angesichts zunehmender Desinforma-
tion und gezielter Falschmeldungen auf
die wachsende Bedeutung der DW als
glaubwürdige Informationsquelle. „Die
Deutsche Welle ist auch heute noch für

         Die DW gibt jenen eine Stimme, die                                                     Kanzlerin und richtete ihre Botschaft direkt
                                                                                                an Marie-Christine Saragosse, Präsidentin
    aufgrund der Unfreiheit in ihrer Heimat                                                     von France Médias Monde, die aus Paris ins

                   zu verstummen drohen.                                                        Paul-Löbe-Haus gekommen war.

                                                                                                Für ­Stärkung des Senders
viele ein Stachel“, so die Kanzlerin. Die        Und die DW-Angebote zur Vermittlung
Rolle der freien Medien sei „gar nicht           der deutschen Sprache seien – auch vor         Die Vorsitzende des Bundestagsausschus-
hoch genug einzuschätzen“. Europäische           dem Hintergrund der Zuwanderung – von          ses für Kultur und Medien, Katrin Budde
Sichtweisen auf die Welt aufzuzeigen,            ­großer Bedeutung, so die ­Kanzlerin. Merkel   (SPD), bezeichnete die Deutsche Welle
diese Aufgabe werde nicht zuletzt durch           begrüßte sowohl die enge Kooperation der      als „Stimme des Deutschen Bundestags“.
den B­ rexit wichtiger.                           DW mit den ARD-Landesrundfunkanstal-          Der Sender stehe für Fakten. In Zeiten von
    Daher könne die DW „darauf setzen,            ten, mit ZDF und Deutschlandradio als auch    zunehmendem Populismus, Terror und
dass Sie weiterhin die Unterstützung der          die internationale Vernetzung. Ausdrück-      Propaganda wachse die Bedeutung der
Bundesregierung bekommen“, sagte Mer-             lich verwies sie auf die Zusammenarbeit       DW. Budde betonte, dass der Ausschuss
kel, die zudem auf das Wirken der DW Aka-         mit den französischen Auslandsmedien.         mehrheitlich die finanzielle Stärkung des
demie für weltweite Medienentwicklung             „Ein guter Beitrag zur deutsch-französi-      Senders befürworte.
und Medienkompetenz einging. „Das ist             schen Kooperation insgesamt, über die wir         Die Staatsministerin für Kultur und Me-
Arbeit für die Freiheit, für die ­Demokratie.“    in diesen Tagen viel sprechen“, lobte die     dien, Monika Grütters, aus deren Etat die

8   Weltzeit 2 | 2018
"Ich beneide Sie um diese Welt der Vielfalt" - Bundeskanzlerin Angela Merkel beim DW-Jubiläum
Die DW ist die Stimme des
                                     Deutschen Bundestags.

DW im Wesentlichen finanziert wird, be-     ist s­ chärfer geworden. Propaganda, Des-
zeichnete die DW in einer Stellungnahme     information und der Versuch, die EU zu
zum Jubiläum als „Stimme des Qualitäts-     spalten, sind traurige Realität.“ Die DW
                                            ­
journalismus“ und bescheinigte „große       werde künftig noch mehr Menschen infor-
Professionalität und Unabhängigkeit“. Der   mieren – „gerade dort, wo sie Zensur und         Katrin Budde, Vorsitzende des
deutsche Auslandssender sei als „Garant     Propaganda ausgesetzt sind“.                     ­Bundestagsausschusses für Kultur
für Presse- und Meinungsfreiheit unver-           Die DW wolle zum kulturellen Aus-           und Medien
zichtbar“ und „für die Vermittlung demo-    tausch anregen und „die Weltoffenheit
kratischer Grundwerte wichtiger denn je“.   vermitteln, die die Grundlage unseres Er-
                                            folgs als Land ist und die sich in den Wer-    heit und Menschenrechten, ­Demokratie
„Wir vermitteln Weltoffenheit“              ken deutscher Künstler genauso zeigt wie       und Toleranz. „Das sind die Werte, für die
                                            in den Anstrengungen der deutschen Ent-        Deutschland und die DW in der Welt ste-
DW-Intendant Peter Limbourg betonte         wicklungszusammenarbeit oder den Akti-         hen“, so der Intendant.
vor rund 350 Gästen aus Politik, Kultur     vitäten der deutschen Wirtschaft“.                 Die DW als Spiegel der Weltoffenheit –
und Medien die „große und breite Unter-           Als Teil dieser Weltoffenheit verstehe   das beeindruckte auch die Kanzlerin. „Ein
stützung“, die die DW erfahre, und dank-    sich auch die DW selbst, wo Menschen aus       bisschen beneide ich Sie, dass Sie jeden
te Bundestag und Bundesregierung für        60 Nationen eng zusammenarbeiten, um           Tag in einer solchen Welt der Vielfalt ar-
die Wertschätzung. Diese sei auch wei-      journalistische Inhalte in 30 Sendespra-       beiten“, sagte Merkel. 
terhin notwendig: „Der internationale       chen zu gestalten. Sie alle verbinde eine
Wettbewerb der Ideen und Meinungen          gemeinsame Haltung: die Idee von Frei-           dw.com/65jahre

  Im Gespräch: (v. l.) Staatsministerin Monika Grütters, Claudia Mast, Universität           Beifall für die Kanzlerin: Peter
  Hohenheim, Mitglied im DW-Verwaltungsrat, Prälat Karl J­ üsten, Vorsitzender des           ­Limbourg, Michelle Müntefering,
  DW-Rundfunkrats, und DW-Moderator Jaafar Abdul Karim                                        Katrin Budde und Claudia Roth

  Innovative Projekte: Die DW                                                                Aus erster Hand: die Kanzlerin
  ­präsentierte sich den Gästen                                                              mit Intendant Limbourg und
   an Infoständen                                                                            Staatsminis­terin Grütters

                                                                                                                   Deutsche Welle   9
"Ich beneide Sie um diese Welt der Vielfalt" - Bundeskanzlerin Angela Merkel beim DW-Jubiläum
T I T E LT H E M A

Das Global Media Forum von A bis Z
Das Global Media Forum (GMF), die internationale Medienkonferenz der Deutschen Welle,
steht für einen vielfältigen, ­nachhaltigen, interdisziplinären Erfahrungsaustausch zu großen
Herausforderungen. Das Hauptaugenmerk gilt dabei Entwicklungen in Medien und Kom-
munikation. „Globale ­Ungleichheiten“ war das Fokusthema 2018. Rund 2.000 Gäste aus 100
Ländern suchten im Juni in Bonn nach Antworten. In 80 Panel-Diskussionen, Workshops und
weiteren F­ ormaten. Zu einer Fülle von Aspekten. In dieser Weltzeit aufbereitet von A wie
­Algorithmen bis Z wie Zensurumgehung. Kein Rückblick, vielmehr ein Ausblick.
                                                                                                ©©DW/F. Görner

     dw.com/gmf

10    Weltzeit 2 | 2018
A | ALGORITHMEN

Ganz oben auf der Agenda
Bestseller! Das T-Shirt „Moda Rapido Men“                            Text- und Bild­erkennung) und Personalisierung (Empfehlun-
                                                                     gen für Related Content und Ausspielwege, automatische Zu-
des indischen Online-Kaufhauses Myntra
                                                                     sammenfassungen). Denn ­A lgorithmen schreiben, schneiden
gefällt den Kunden. Das Design mit g    ­ roßen                      und publizieren schneller als Journalisten. Und das inklusive
Block­s treifen in oliv, weiß, blau und gelb                         Suchmaschinenoptimierung (SEO), Social-Media-Posts und
                                                                     Metadaten. Daher wird ihr Einsatz im Medienbereich zunächst
stammt aber nicht von einem Modedesigner.                            insbesondere dort stark zunehmen, wo große Datenvolumi-
Zwei ­Algorithmen, also eine klar definierte                         na zu bewältigen sind, strukturierte Informationen vorliegen
                                                                     oder in Mengen produziert wird – etwa zu Großereignissen wie
Abfolge von Anweisungen zur Steuerung
                                                                     Wahlen oder bei Nachrichtenagenturen. Nicht von ungefähr
eines Computerprogramms, haben sich                                  hat Associated Press (AP) schon 2015 den ersten „News Auto-
das „ausgedacht“.                                                    mation Editor“ eingestellt.
                                                                         Hier aber lauert ein weiteres KI-Medien-Szenario, das weit
Text Wilfried Runde, Leiter Forschungs- und                          bedrohlicher scheint als die mögliche Veränderung journalisti-
Kooperationsprojekte                                                 scher Aufgabenprofile: von Algorithmen massenhaft produzierte
                                                                     Inhalte, die andere KI-Instanzen, etwa Social-Media- oder Mes-
                                                                     senger-Bots, blitzschnell weiterverbreiten und damit wiederum
    Ein Algorithmus entwickelt zufällige Bilder farbiger Kleidung,   ebenfalls KI-basierte Suchmaschinen und Social-­   Media-Feeds
der andere vergleicht diese mit den vorhandenen Artikeln, bis ein    beeinflussen. Diese Inhalte gefährden den demokratischen Dis-
Design entsteht, das zum Angebot passt, ohne eine reine Kopie        kurs und die journalistische Berichterstattung weltweit.
zu sein. Algorithmen übernehmen kreative Arbeiten. Damit drin-           „Algorithmen müssen transparent sein, und jeder muss die
gen sie als „Künstliche Intelligenz“ (KI) zu Aufgaben vor, die Me-   Möglichkeit haben zu erfahren, wie sie zustande kommen.“ Die-
dienschaffenden zunehmend Sorgen um Inhalte und Ausgestal-           se von Bundeskanzlerin Angela Merkel formulierte Forderung
tung ihrer künftigen Jobs bereiten. Dies betrifft journalistische    wurde auch auf dem GMF 2018 erhoben. Sie ist gerade im Me-
Ressorts wie auch technische Produktionsbereiche. Unter der          dienbereich weiter dringlich, angesichts des scharfen globalen
stets etwas zu bedrohlichen Überschrift „Roboterjournalismus“,       Wettbewerbs um die besten Algorithmen für künftige KI-An-
die gern mit metallenen Maschinenhänden auf Tastaturen illus-        wendungen aber kaum durchsetzbar. Immerhin will EU-Kom-
triert wird, diskutieren und analysieren Experten unterschiedli-     missarin Mariya Gabriel das Thema „ganz oben auf die europäi-
cher Fachrichtungen seit Jahren, ob Computer schon bald Jour-        sche Agenda setzen“, wie sie in Bonn versprach. 
nalistinnen und Journalisten ersetzen. Oder ob sie doch nur die
Werkzeuge liefern, um lästige Arbeiten zu übernehmen – gern          Der Begriff Algorithmus wurde aus dem Namen des per-
genannt: Börsendaten, Sportergebnisse, Geschäfts­berichte,           sischen Rechenmeisters Muhammad Ibn-Musa al-Hwarzimi
Wetter, Wahlergebnisse. Mehr Zeit für Recherche und das Erzäh-       ­abgeleitet: al-Charzimi – al-gorismi – Algorismus.
len guter Geschichten wäre der Effekt.
    Tatsächlich begegnen wir bereits heute täglich computer­
generierten Texten und zunehmend auch Videos mit sehr unter-
schiedlichem Informations- und Unterhaltungswert. Während
die automatische Überführung strukturierter Informationen in
ständig wiederholte Satzbausteine, zum Beispiel auf diversen
Reiseportalen oder bei US-amerikanischen Sportergebnisdiens-
ten, schnell ermüdet, überrascht die Qualität mancher Maschi-
nentexte. Beispiel: das „Feinstaubradar“ der Stuttgarter Zeitung,
für das Algorithmen des deutschen Marktführers AX Semantics
genutzt werden. Prognosen reichen daher von „90 Prozent aller
Nachrichten kommen in fünf Jahren von Roboterjournalisten“
(BBC 2017) bis zu „Guten, fantasievollen Journalismus wird auch
in 50 Jahren kein Roboter produzieren“ (Journalistik-­Professor                       Algorithmen müssen
Thomas Hestermann 2017).
    Mit Blick auf die aktuellen Forschungsprojekte der DW                                 transparent sein.
ist der vermehrte Einsatz von KI in den nächsten Jahren vor
allem in folgenden Bereichen zu erwarten: Sprachtechnolo­
gien (automatische Übersetzung, Transkription und Unterti-
telung), Semantik (automatische Generierung von Metadaten,

                                                                                                                 Deutsche Welle 11
T I T E LT H E M A

B | BROADCASTER

Das ganze Bild
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat große Bedeutung
für den demokratischen Diskurs und den gesellschaftlichen
­Zusammenhalt. Deshalb muss sein Fortbestand gesichert                                    in der Lage zu sein, bei einer Vielzahl von
 werden. Das erfordert auch: Journalisten müssen ihre Filter-                             Themen mitzudiskutieren, braucht eine
                                                                                          Gesellschaft an erste Stelle eine gemein-
 blase verlassen und nicht nur urbane Eliten im Blick haben.                              same Basis an Wissen. Als Voraussetzung
                                                                                          für einen faktenbasierten Diskurs. Dieses
Text Tom Buhrow, WDR-Intendant                                                            breite Angebot an Wissen zu vermitteln
                                                                                          – genau das leisten die öffentlich-rechtli-
                                                                                          chen „Broadcaster“.
                                                                                              Denn erstens: Die Menschen vertrau-
                                                                                          en uns. Gleich, welche Studien man zurate
    Eine Studie des Instituts für Journa-    und gehören zur Avantgarde der digita-       zieht, die große Mehrheit der Deutschen
lismus an der Universität Mainz besagt:      len Medien.                                  bescheinigt uns Glaubwürdigkeit. Der
Es gibt eine „Entfremdung“ bestimmter            Doch viele Menschen haben ein völlig     zweite Grund ist unsere Reichweite. Eine
Gesellschaftsgruppen in Bezug auf die        anderes Leben. Sie wohnen auf dem Land,      aktuelle Umfrage der ARD ergab: Wir errei-
Medien. Ein Viertel der Menschen meint,      in Kleinstädten. Die meisten von ihnen       chen täglich rund 80 Prozent der deutschen
ihre Anliegen würden nicht ernst genom-      haben keinen Hochschulabschluss. Die-        Bevölkerung. 94 Prozent der Deutschen
men. Weitere 20 Prozent sagen, die Medi-     se Menschen haben manchmal den Ein-          nutzen mindestens einmal die Woche ein
en hätten Leute wie sie gar nicht mehr auf   druck, dass Journalisten keine Vorstellung   ARD-Angebot.
dem Radar.                                   davon haben, wie sie leben und was sie be-       Wir schaffen auf diese Weise einfa-
    Dies sollte ein Weckruf für uns sein.    wegt. Wenn dieses Gefühl auch für einen      chen Zugang zu Information. Wir befähi-
Auch wenn die Mehrheit uns vertraut,         öffentlich-rechtlichen Sender gilt – und     gen die Menschen dazu, sich eine eigene
fühlen sich doch bestimmte Teile der         davon bin ich überzeugt –, dann müssen       Meinung zu bilden. Damit sie teilhaben
Gesellschaft von den Medien vergessen.       wir diese Wahrnehmungslücke schließen.       können an gesellschaftlichen Entschei-
Sie glauben, ihre Sorgen würden von uns          Eine demokratische Gesellschaft          dungsprozessen. Das ist extrem wichtig
Journalisten ignoriert. Ein Grund dafür      braucht die öffentliche Debatte. Und um      für eine Demokratie. Und deshalb gibt
könnte sein, dass auch Journalisten in ih-
rer Filterblase leben. Denn wo leben die
meisten von ihnen? In Städten und Metro-
polen mit multikulturell geprägter Bevöl-                               Wir müssen unsere
kerung. Journalistinnen und Journalisten
haben in der Regel eine höhere Bildung                         Wahrnehmungslücke schließen.

12   Weltzeit 2 | 2018
C | CONSTRUCTIVE JOURNALISM

                                                            Mehr Licht – weniger Schatten?
                                                            Bei wichtigen Themen die Perspektive öffnen, Lösungswege aufzei-
                                                            gen und mit einer neuen Erzählform neue Zielgruppen erreichen –

                                          ©©Johnny Miller
                                                            das ist das Ziel der ­Video-Reihe The Bright Side. Jüngstes Beispiel
                                                            dafür, wie die DW C­ onstructive Journalism umsetzt.

                                                                 Das neue Format will weder schönfärben noch schönreden. Viel-
                                                            mehr geht es darum, Fakten ausgewogen zu präsentieren und mit
                                                            Daten und grafischer Visualisierung zu unterlegen. „Wir schaffen
                                                            eine Möglichkeit, auch das zu zeigen, was gut läuft, statt nur den
                                                            Fokus auf das zu richten, was schiefläuft“, erläutert DW-Modera-
                                                            tor Christopher Springate, der The Bright Side präsentiert. „In den
                                                            Nachrichtensendungen geht es vornehmlich um Unglücke, Konflik-
                                                            te und Gewalt. Den außerordentlichen Fortschritten, die wir bei der
                                                            Lösung vieler Probleme über die Jahre gemacht haben, schenken
                                                            wir nur wenig Aufmerksamkeit.“
                                                                 Studien zeigen, dass sich Zuschauergruppen abwenden an-
                                                            gesichts des täglichen Grauens. Konstruktiver Journalismus soll
                                                            sie zurückgewinnen, indem der Blick auch auf Projekte gelenkt
                                                            wird, die Lösungen aufzeigen für große Herausforderungen der
                                                            Menschheit.
                                                                 Die kurzen Videos der Reihe The Bright Side laufen wöchentlich
                                                            auf den Social-Media-Kanälen und im englischen TV-Programm der
 Unequal Scenes: mehr zum Foto-­                            DW. Zum Start ging es um den – global betrachtet – signifikanten
 Projekt von Johnny Miller auf Seite 37                     Rückgang an Kriegstoten in den vergangenen Jahrzehnten und um
                                                            die Erfolge im Kampf gegen den Hunger in vielen Teilen der Welt.
                                                                 Constructive Journalism ist im Informationsangebot des deut-
                                                            schen Auslandssenders kein Neuland. So stellt beispielsweise das
es die Rundfunkgebühr, um den Fortbe-                       Umweltmagazin Eco@Africa Projekte und Initiativen in Afrika und
stand des öffentlich-rechtlichen Rund-                      Europa vor, die Lösungen anbieten. Die Sendung ist eine Koproduk-
funks in Deutschland zu sichern. Für                        tion der DW mit Partnersendern in Nigeria und Kenia. Ein weiteres
alle, die sagen, sie möchten aber nur für                   Beispiel ist das Projekt The77percent, das sich dem Dialog mit Afri-
die Angebote zahlen, die sie auch selbst                    kas Zukunft widmet. Die unter 35-Jährigen stellen die große Mehr-
nutzen, habe ich eine Botschaft: Sie profi-                 heit der Bevölkerung. Sie wollen ihr Land nicht dauerhaft verlassen,
tieren nicht nur von dem Teil unseres Me-                   sondern die Entwicklung ihrer Gesellschaft aktiv mitgestalten. Die
dienangebots, das Sie persönlich nutzen.                    DW gibt ihnen eine Plattform, ihre Geschichten und Projekte, Pro-
Sie profitieren auch davon, wenn andere                     bleme und Träume zu teilen. K  ­ onstruktiv und unterhaltsam – das
unsere Angebote nutzen. Die Rundfunk-                       gilt auch für das Social-Media-Format What Else …? Die Video-Reihe
gebühr zahlt man nicht für die Nutzung                      richtet sich ebenso an junge Menschen in Afrika.
eines bestimmten öffentlich-rechtlichen
Angebots. Die Rundfunkgebühr zahlt                          Berthold Stevens, Unternehmenskommunikation
man für unseren Beitrag zu einer funkti-
onierenden Gesellschaft.                                      twitter.com/SpringateCEG |    dw.com/77 |                   dw.com/ecoafrica
                                            ©©DW/P. Böll

                                                            ©©DW

                                                                                                 ©©DW/U. Wagner

                                                                                                                  Fakten ausgewogen
 Wissen vermitteln für faktenbasierten                                                                            präsentieren:
 Diskurs: Tom Buhrow auf dem GMF                                                                                  Christopher Springate

                                                                                                                           Deutsche Welle 13
T I T E LT H E M A

                                                                                                                                    ©©DW
                                                                                           So sind die Visualisierungen Ausgangs-
D | DAT E NJOUR N A L I S MU S                                                             punkt für unsere Datengeschichten.

„Dahinter stecken                                                                          Bei welchem Thema war ihr Team in
                                                                                           jüngster Zeit beispielsweise gefragt?
                                                                                           Die Afrika-Abteilung ist mit einer Hypo-

fast immer Menschen“                                                                       these an uns herangetreten: Man wollte
                                                                                           wissen, ob die „gefühlte Wahrheit“ zutrifft,
                                                                                           dass es für Afrikaner schwieriger ist, ein
                                                                                           Langzeitvisum für Deutschland zu erhal-
Seit Sommer 2017 gibt es das DW-Data-­Team.                                                ten, als für Menschen aus anderen Regi-
                                                                                           onen. Mit Daten vom Auswärtigen Amt
Gianna Grün und Eva Lopez a  ­ nalysieren große
                                                                                           konnten wir belegen, dass die Hypothese
Datensätze, um o­ riginäre Geschichten zu finden                                           zutrifft. Diese Geschichte war erst der Auf-
und R­ edaktionen bei R
                      ­ echerchen zu unter­stützen.                                        takt. Wir haben die Auswertung auf Süd-
                                                                                           ostasien zugeschnitten wiederholt und
­Gianna Grün zu den bisherigen E ­ rfahrungen.                                             gemeinsam mit der Russisch-­     Redaktion
                                                                                           die Auswertung auf postsowjetische Staa-
Fragen Berthold Stevens, Unternehmenskommunikation                                         ten angepasst. Insgesamt wurde die Ge-
                                                                                           schichte so – in verschiedenen Ausprägun-
                                                                                           gen – für ein Dutzend Programmsprachen
                                                                                           relevant.

    Welche Kernfragen bewegen eine          hat. Hinter den Datenpunkten stecken           Welche Kenntnisse und Fertigkeiten soll-
Daten­journalistin?                         fast immer Menschen: Arbeitslosenquo-          te eine Datenjournalistin haben?
Wie finden wir durch die Analyse von gro-   ten – Menschen ohne Job, Zahlen zur            Wie bei allen Journalisten steht die Fähig-
ßen Datenmengen Geschichten, die noch       Migration – Menschen, die Schutz suchen.       keit im Mittelpunkt, die richtigen Fragen
nicht erzählt wurden? Welche neuen Er-      Deren Geschichte kann man bewegend             zu stellen. Antworten suchen wir nicht
kenntnisse können wir durch die Kombi-      erzählen, ob in Text, Bild oder Video. Und     zuerst bei Experten, sondern in Datensät-
nation von Datensätzen gewinnen? Wie        mit Daten­visualisierungen kann man sie in     zen. Dann sind Offenheit für Komplexität,
können wir große Datenmengen visuali-       einen passenden Kontext setzen.                Liebe zum Detail, Ausdauer und eine hohe
sieren, um unseren Nutzern einen Pers-                                                     Frustrationstoleranz wichtig. Hinzu kom-
pektivwechsel zu bieten?                    Die Infografik wird also neu erfunden?         men ein statistisches Grundverständnis,
                                            Nein. Aber die Art und Weise, wie wir sie      Grundlagen der Visualisierung und eine
Bewegende Geschichten nicht mit der         einsetzen, ist eine andere: Infografiken       Toolbox mit Werkzeugen, die man beherr-
Kamera, sondern mit riesigen Mengen an      entstehen oft, wenn die Geschichte be-         schen sollte: von Tabellenprogrammen
komplexen Daten – das klingt verwegen.      reits steht und einzelne Sachverhalte da-      über Programmiersprachen bis zu Visua-
Für uns klingt das vielversprechend. Denn   raus veranschaulicht werden sollen. Im         lisierungssoftware.
nicht vor der Menge oder Komplexität        Datenjournalismus stehen die Visualisie-
zurückzuschrecken bedeutet, mit richti-     rungen an erster Stelle: Sie zeigen Trends       dw.com/daten |        dw.com/data
gen Fragen und passenden Analysen Ge-       oder Muster auf, deren Ursachen im
schichten finden, die sonst noch keiner     ­z weiten Schritt im Artikel erklärt werden.

14   Weltzeit 2 | 2018
MindsTalk mit Dima Khatib von AJ+

D | DIGI TA L R IGHT S

                                                                ©©DW/U. Wagner
     Länder, in denen Daten gesetzlich nicht
geschützt sind, bieten geradezu paradiesische
Bedingungen für sehr problematische
­Eingriffe in die Privatsphäre, ohne
 ­Konsequenzen fürchten zu müssen.                                               E | ENGAGEMENT

                                                                                 Klickzahlen waren gestern
                 Nighat Dad auf dem GMF
                                                                                 Heute zählt Audience Engagement. Denn die besten Ge-
                                                                                 schichten und Themen sind die, die unser Publikum akti-
                                                                                 vieren, den Dialog aufzunehmen – untereinander und mit
                                                                                 uns, den Medien.
©©DW/U. Wagner

                                                                                 Wie wichtig es gerade für international agierende Sender
                                                                                 ist, die Erwartungen und Reaktionen des Publikums aufzu-
                                                                                 nehmen und einzubinden, zeigte der „MindsTalk“ mit Dima
                                                                                 Khatib, Managing Director von AJ+, auf dem Global Media
                                                                                 Forum. Die Herausforderung, das Verhältnis von Sender
                                                                                 und Publikum im digitalen Zeitalter neu zu bestimmen, hat
                                                                                 auch die DW angenommen.
    Menschenrechtsaktivisten sind nicht nur                                           Audience Engagement setzt voraus, dass wir unsere
Hackern und Cyber-Angriffen ausgesetzt. Sie                                      Angebote optimieren, indem wir die Interaktionen und
                                                                                 Rückmeldungen der Nutzerinnen und Nutzer analysie-
stehen auch unter ständiger Beobachtung.                                         ren: Wie oft teilen oder kommentieren sie Inhalte auf den
                                                                                 DW-Webseiten und in den Sozialen Medien? Welche Tren-
     Als Journalisten, Menschenrechtler und                                      ding Topics aus den Zielmärkten sollten wir in unser Pro-
Verfechter des freien Zugangs zum Internet                                       gramm aufnehmen? Dazu verstärken wir unser Commu-
                                                                                 nity Management: die Moderation und Auswertung der
können wir die digitalen Rechte nicht binnen                                     Netz-Diskussionen.
weniger Tage revolutionieren. Aber wir kön-                                           Außerdem nutzen wir Analysetools, zum Beispiel
nen Menschen und Anwälte unterstützen, die                                       Crowdtangle und die „DW Dashboards“, die uns zeigen,
sich für eine Stärkung der Rechte einsetzen.                                     welche Beiträge der DW und ihrer Wettbewerber gerade
                                                                                 besonders gut laufen, welche Themen aktuell am häufigs-
                                                                                 ten über Suchmaschinen nachgefragt werden und vieles
     Verletzungen der Privatsphäre                                               mehr. Damit sind wir am Puls unserer Zielgruppe – den
im ­Digitalen werden wir nicht völlig                                            „Minds“, die wir anregen, sich in Debatten engagiert ein-
                                                                                 zubringen.
stoppen können. Aber wir können Daten-
schutzprotokolle stärken, eine bessere                                           Annika Stühler, Referentin | Claudia Laubach, ­Market and
Gesetz­gebung, strengere Richtlinien und                                         Audience Insights
auch Haftung bei Nichteinhaltung ­einfordern.

Nighat Dad, Gründerin der Digital Rights Foundation, Pakistan

             digitalrightsfoundation.pk

                                                                                                                           Deutsche Welle 15
T I T E LT H E M A

                                                                                 Intendant Peter Limbourg überreichte
                                                                             die Auszeichnung im Rahmen des Global
                                                                             Media Forum in Bonn. Sadegh Zibakalam,
                                                                             Politikwissenschaftler an der Universität
                                                                             Teheran, sagte in seiner Dankesrede, Re-
                                                                             pression treffe in Iran Schriftsteller, Jour-
                                                                             nalisten, Anwälte, Menschenrechtsaktivis-
                                                                             ten, Gewerkschafter, Studenten, Künstler,
                                                                             Dissidenten und oppositionelle Politiker –
                                                                             Frauen wie Männer. Auch religiöse Denker,
                                                                             fügte Zibakalam an. „Denn das Ausmaß
                                                                             der politischen Repression verdeckt oft die
                                                                             religiöse Verfolgung.“ Dass einige Regime-
                                                                             kritiker seit Jahren ohne Gerichtsverfahren
                                                                             unter Hausarrest stehen, auch das hält der
                                                                             Wissenschaftler für vielsagend, was die
                                                                             Menschenrechtslage in Iran betrifft. Aktu-
                                                                             ell würden zudem Umweltaktivisten ver-
                                                                             folgt, „eine neue Dissidentenkategorie“.
                                                                                 Der Kampf für Demokratie und Freiheit
                                                                             steht für den Preisträger 2018 im Mittel-
                                                                             punkt der iranischen Zeitgeschichte. Und
                                                                             diese „Sehnsucht nach demokratischen
                                                            ©©DW/F. Görner

                                                                             Werten“ sei an die junge Generation weiter-
                                                                             gegeben worden. Deshalb sagt Zibakalam
                                                                             auch: Bei aller berechtigten Kritik habe das

                                                                                   Soziale Medien
                                                                               sind ein mächtiges
F | FREEDOM OF SPEECH AWARD                                                       Instrument für
                                                                                     ­Öffnung und
Wider die                                                                             ­Demokratie.

Scharfmacher
                                                                             Land in den vergangenen zwei Jahrzehn-
                                                                             ten „kleine, aber spürbare Fortschritte ge-
                                                                             macht“. Nach seiner Einschätzung könne
                                                                             man beispielsweise „ein halbes Dutzend
                                                                             Zeitungen“ heute als unabhängig bezeich-
                                                                             nen. Und die Sozialen Medien, auf denen
Er widme den Preis allen politischen Gefangenen in seinem                    er selbst aktiv ist, sind für den streitbaren
                                                                             Politologen „ein mächtiges Instrument,
Land, sagte Sadegh Zibakalam. Der iranische Politologe
                                                                             um den Kurs der politischen Öffnung und
­erhielt den DW Freedom of Speech Award 2018. Laudator                       Demokratie in Iran zu unterstützen, trotz
 Reinhard Baumgarten mahnte, nicht in Schwarz-Weiß-­                         der ständigen Versuche des Staates, die-
                                                                             sen Einfluss einzudämmen“. Zibakalam
 Kategorien zu denken und die „zahlreichen Pflänzchen“                       resümierte: „Vielleicht wäre es keine Über-
 in der iranischen Zivilgesellschaft wahrzunehmen.                           treibung, zu dem Schluss zu kommen, dass
                                                                             die Islamische Republik Iran nicht so düster
Text Berthold Stevens, Unternehmenskommunikation                             und dunkel ist, wie es von außen scheint.“
                                                                                 Ambivalenz? Für ARD-Korrespondent
                                                                             Reinhard Baumgarten ist es vielmehr
                                                                             ­Ausdruck der Gratwanderung, die Kritik

16   Weltzeit 2 | 2018
©©DW/U. Wagner
aus dem Innern der Islamischen Republik
an herrschenden Personen und Zustän-
den bedeutet. Der Laudator attestierte
dem Preisträger Mut und zollte Respekt.
„Zibakalam widerspricht den Scharfma-
chern seines Landes und legt den Finger
in offene Wunden.“ Was angesichts der all-
                                                             Zibakalam
gegenwärtigen Zensur mit hohen Risiken               legt den Finger in
behaftet sei. „Überwachung wird großge-                                                         Laudator Reinhard Baumgarten
schrieben, sehr groß“, so Baumgarten.                  ­offene Wunden.
    Zibakalam spreche offen „über das gi-
gantische Drogenproblem seines Landes,          will es reformieren.“ Dafür müsse man         er von eingeschworenen Gegnern ebenso
über die hohe Scheidungsrate, die Verar-        die sehr komplizierten Machtverhältnisse      wie von hartleibigen Befürwortern der
mung großer Teile der Bevölkerung, über         verstehen, nicht in Schwarz-Weiß-Katego-      Islamischen Republik. Manchen gilt er als
leere Moscheen, steigende Arbeitslosig-         rien denken, wie dies derzeit auf der gro-    dienstbarer Geist und Feigenblatt eines
keit, den wachsenden Groll vor allem jun-       ßen politischen Bühne geschehe, beklagte      verruchten Regimes. Anderen als gefähr-
ger Menschen und deren Desinteresse an          Baumgarten. Zibakalam hingegen kenne          licher Konterrevolutionär und Defätist“,
vermeintlichen Erfolgen der Revolution“,        die politischen und gesellschaftlichen Ver-   sagte Baumgarten.
sagte Baumgarten, der sechs Jahre aus           hältnisse seines Landes „bis ins kleinste         Der Laudator empfahl, die „zahlrei-
Iran berichtet hat. „Und natürlich schäu-       Detail“. Und er finde Gehör – ­gerade bei     chen Pflänzchen“ in der iranischen Zivil­
men Irans Hardliner, wenn er Sinn und           jungen Leuten durch seine Präsenz in          gesellschaft wahrzunehmen. Die Verlei-
Umfang des iranischen Atomprogramms             ­Sozialen Medien.                             hung des DW Freedom of Speech Award
grundsätzlich und öffentlich infrage stellt.“        Baumgarten ging auch auf die Kritik      an Sadegh Zibakalam könne „all jene
    Aber Zibakalam glaube an die Demo-           am diesjährigen Preisträger ein. Sein Wir-   stärken und ermutigen, die für Rede- und
kratiefähigkeit seines Landes. „Er will das      ken sei keineswegs unwidersprochen ge-       ­Meinungsfreiheit in Iran eintreten“.
herrschende System nicht abschaffen. Er          blieben. „Kritik und Schmähungen erntet

   Der DW Freedom
   of Speech Award
   würdigt eine Person oder Initiative,
   die eine herausragende Position für
   Menschenrechte und Meinungs-
   freiheit bezieht. Im vergangenen                                                                                                 ©©DW/U. Wagner
   Jahr hatte die White House Corres­
   pondents’ Association (WHCA) in
   Washington, D.C. die Auszeichnung              Ex-Präsident Hamid Karsai in Bonn
   erhalten. Der inhaftierte saudische
   Blogger Raif Badawi war 2015 der
   erste Preisträger. 2016 zeichnete
   die DW den türkischen Journalisten             Frieden in Afghanistan?
   ­Sedat E
          ­ rgin aus. Der jüngste Preisträ-
    ger, der iranische Politologe Sadegh          Hinter diese Überschrift gehört nach jahrzehntelangen Konflikten noch heute ein
    Zibakalam, war im April von einem
    ­                                             Fragezeichen. Immer wieder erschüttern Anschläge das Land im Mittleren ­Osten.
    Revolutionsgericht zu 18 Monaten              „Frieden wird es nur geben, wenn die Afghanen wirklich verantwortlich sind für
    Haft verurteilt worden, blieb jedoch          den Friedensprozess und den innerafghanischen Dialog“, sagte der frühere Präsi-
    auf freiem Fuß. In einem DW-Inter-            dent Hamid Karsai auf dem Global Media Forum. Er wünsche sich eine neue Afgha-
    view hatte er über innenpolitische            nistan-Konferenz in Bonn, um den Friedensprozess in seinem Land zu unterstüt-
    und soziale Gründe für die landeswei-         zen. Weiterhin forderte er Souveränität für die afghanische Führung über innere
    ten Proteste in Iran gesprochen.              Angelegenheiten, die Entwicklung eines neuen Sicherheitsmechanismus durch
                                                  Zusammenarbeit zwischen internationalen und regionalen Akteuren sowie eine
      dw.com/freedom                              Politik im Zeichen der Partnerschaft.

                                                                                                                     Deutsche Welle 17
T I T E LT H E M A

                                                                   ©©Unsplash/Ron Jake Roque
     F | FREIHEIT

     Im Visier Teherans
     Die Verletzung des Grundrechts auf Meinungs- und In-
     formationsfreiheit hat viele Gesichter – aber stets ein und
     dasselbe Motiv: Es ist der Versuch, bestimmte Informatio-
     nen nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, indem
     Journalisten daran gehindert werden, ihrer professionellen
     Verpflichtung nachzukommen.
          Manche Regime betrachten Journalismus als Verbre-
     chen, das ihre Macht bedroht. Deshalb ergreifen sie Maß-
     nahmen wie Zensur, Kontrolle der Berichterstattung und
     Verbreitung von Falschinformationen. Sie verwehren den
     Menschen den Zugang zu objektiver und unabhängiger
     Information, indem sie Medienhäuser im eigenen Land
     schließen und Angebote internationaler Anbieter blocken.
     Unliebsame Journalisten werden verhaftet, im schlimmsten
     Fall getötet.
          Auch in der Islamischen Republik Iran wird das Men-
     schenrecht der Meinungs- und Informationsfreiheit weiter-
     hin verletzt. Besonders bedauerlich sind die Formen: Will-
     kürlich werden Familienangehörige von Journalisten verhört
     und verhaftet und diffamierende Falschinformationen über
     diese Personen verbreitet. So wurden kürzlich ehemalige
     und aktuelle Mitarbeiter der BBC-Farsi-Redaktion verfolgt
     und verurteilt.
          Das Farsi-Team der DW hat bisher zwar noch keine solch                          G | GE NE R AT ION Z
     drastischen Konsequenzen zu beklagen. Gleichwohl würde
     auch den meisten unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbei-
     ter die sofortige Verhaftung drohen, wenn sie nach Iran
     zurückkehren würden. Denn auch die DW ist im Visier der
                                                                                          Digitale
     iranischen Behörden, die versuchen, objektive Berichter-
     stattung europäischer Sender systematisch zu unterbinden:
     Die Webseite dw.com/persian wird geblockt, DW-Reportern
                                                                                          Unruhestifter
     die Erlaubnis zur Berichterstattung aus dem Land verwehrt.
          Eine Blockade der DW-Angebote ist völlig inakzeptabel.                          Über Jahre hatten Forscher und Vermarkter
     Das hat Intendant Peter Limbourg mehrfach bekräftigt.
                                                                                          die Wesensmerkmale der Millennials im Blick.
     Unsere Kernaufgabe ist es, demokratische Werte zu ver-
     teidigen, insbesondere das Recht auf Meinungs- und Infor-                            Nun richten sie ihre Aufmerksamkeit auf die
     mationsfreiheit.                                                                     Nachfolgegruppe: die Generation Z. Auch
          Gemeinsam mit anderen europäischen Sendern und
     internationalen Institutionen – darunter die Internatio-
                                                                                          sie setzt neue Trends – in ihren Ansichten wie
     nalen Journalistenvereinigungen IFJ und Reporter ohne                                in ihrem Verhalten. Die t­ reibenden Kräfte:
     Grenzen – appellieren wir an die Vereinten Nationen, uns
                                                                                          die Wirtschaft nach der Rezession und die
     darin zu unterstützen, das Recht auf freien Zugang zu
     Nachrichten und Informationen für die iranische Öffent-                              ­digitale Transformation.
     lichkeit zu verteidigen.
                                                                                          Text Anne Boysen, Zukunftsforscherin
     Jamshid Barzegar, Leiter der Farsi-Redaktion,
     am 20. Juni vor dem UN-Menschenrechtsausschuss

18    Weltzeit 2 | 2018
fixierten, trübseligen Teenager sehen,         ­ efürchten, dass es nicht genug Süßwas-
                                                                                              b
                                               wird sein Einfluss weniger über die Tech-      ser geben wird.
                                               nik definiert, die er beherrscht, als durch
                                               die Kombination neuer Ideen, die sein Ge-      Nutzen statt besitzen
                                               rät vereinfacht.
                                                   Soziale Plattformen geben jungen         Wirtschaftliche Ansichten und ein Inte­
                                               Menschen Ebenen, auf denen sie ihre          resse an der Sharing Economy verändern
                                               Identität entwickeln und mit Gleichgesinn-   ihre Prioritäten als Konsumenten und als
                                               ten interagieren können. In einer Minute     angehende Arbeitnehmer. Generation Z
                                               werden 300 Stunden Content auf Youtube       ist sowohl die Umwelt als auch das künf-
                                               hochgeladen. Stimmen, die in traditionel-    tige Einkommen wichtig, die Anhäufung
      Wenn das alte                            len Medien kaum gehört werden, konkur-       materieller Besitztümer hat für sie aber
                                               rieren jetzt mit der milliardenschweren      weniger Bedeutung als Zugang zu dem
System nicht mehr                              Unterhaltungsindustrie und sorgen für        zu haben, was man braucht, wenn man

 ­funktioniert, wird                           eine breite Fächerung der Rollen, die jun-
                                               ge Menschen beeinflussen und mit denen
                                                                                            es braucht. Eine Karriere zu verfolgen, die
                                                                                            mit einer positiven Auswirkung auf die

    es durch bloßes                            sie sich assoziieren.                        Welt verbunden ist, hat mehr Prestige als
                                                                                            „reich werden“.

       Fingertippen                            Von innen aufbrechen                             Die Generation Z wird nach Jobs stre-
                                                                                            ben, die sozial und ökologisch wirkungsvoll
       implodieren.                            Diese Generation Z neigt weniger als jede sind und die heute untergewichtet oder
                                               andere dazu, sich als ausschließlich hetero- noch nicht existent sind. Unternehmen,
                                               sexuell, eindeutig männlich oder weiblich die dieser energischen, Unruhe stiftenden
                                               zu identifizieren. Wenn soziale Kategorien Generation von Arbeitnehmern gefallen
                                               oder Gruppen als fließend angesehen wer- möchten, sollten sich an diese massive Ver-
                                               den, werden soziale Hierarchien flacher.     schiebung der Prioritäten anpassen.
                                                   Durch die Zerlegung der Zwei-Gender-         Laut einer britischen Studie vertrauen
                                               Idee setzt die Generation Z das System nur zehn Prozent aus der Generation Z da-
                                               zweifach zurück. Erstens, indem sie das rauf, dass die Regierung das Richtige tut.
                                               Spektrum diversifiziert, was dabei hilft, Diese Generation könnte in ihr politisches
    Kaum Teenager, sah die Generation Z,       unkonventionelle Gender-Identitäten und System so eingreifen, wie sie es mit ihren
wie ihre Eltern nach jahrelanger loyaler Ar-   Sexualitäten zu normalisieren. Zweitens Smartphones tut: Wenn das alte System
beit ihre Jobs verloren. Sie beobachteten      könnte die Generation Z es schaffen, be- nicht mehr funktioniert, wird es durch blo-
ältere Geschwister, die Schwierigkeiten        harrliche Geschlechter-Ungleichheiten von ßes Fingertippen implodieren. Wenn et-
hatten, ihre Karrieren in rezessiven Märk-     innen aufzubrechen, indem sie Gender-­ was schiefgeht, „resetten“ sie es. Werden
ten zu starten. Großeltern, die um ihren       Kategorien von einer binären auf eine fort- wir es wagen, sie unsere Zukunft sprengen
Ruhestand betrogen wurden, nachdem             laufende Skala verschiebt.                   zu lassen und uns in eine neue Richtung zu
sie ihre Notgroschen beim Börsen-Crash             Die Toleranz der Generation Z reicht bewegen?
verloren hatten. Aus diesen Eindrücken         weiter, als lediglich Verschiedenheit zu
entstand eine genügsame, wachsame              akzeptieren. Sie betrachtet Diversität auf
und werbeskeptische Mentalität.
    Inmitten von scheiternden Unter-
                                                                                                                                    ©©DW/U. Wagner

nehmen stieg ein neues Paradigma auf.                     Die Toleranz
Junge Leute, begierig darauf, der Welt
ihren Stempel aufzudrücken, wurden mit               der Generation Z
Technik ausgestattet, die bisher großen
Unternehmen vorbehalten war. Schnelles                   reicht weiter.
Internet, hochauflösende Kameras und
digitale Netze zur Verbreitung verban-         einer Gleitskala und tendiert dazu, sich
den sie mit einer größeren Welt. Was sie       selbst im anderen zu sehen.
an finanzieller Sicherheit verloren, macht         An wachsenden Depressions- und Sui-
die digital transformierende Technik wett.     zidraten bei Teenagern wird oft den Sozia-
Wie sie diese neuen Möglichkeiten nutzen,      len Medien die Schuld gegeben. Sie tragen
formt die Zukunft.                             in der Tat zu Cybermobbing und verdreh-
    Bei der digitalen Transformation geht      ten, düsteren Sichtweisen bei. Dafür gibt es
es weniger um die Technik. Vielmehr geht       aber auch reale Ursachen. Ü
                                                                         ­ berwältigende        Anne Boysen präsentierte auf dem
es um die Veränderungen, die sie in Hän-       87 Prozent der jungen Menschen in 20             Global Media Forum Analysen der
den einer neuen Generation ermöglicht.         Ländern befürchten, dass die natürlichen         nächsten ­jungen ­Generation
Während wir den Digital Native als Handy­      Ressourcen zur Neige gehen. 85 Prozent

                                                                                                                     Deutsche Welle 19
H | H AT E S PE ECH

     Die Ohnmacht
     des Adressaten
     Hate Speech im Internet richtet sich gegen Individuen und
     Gruppen, auch gegen ganze Völker. Adressaten hasserfüll-
     ter Parolen gibt es überall auf der Welt und in nahezu allen
     ­Lebensbereichen. Gibt es ein Gegenmittel? Wie können
      Opfer sich wehren? Richard Gutjahr, Rokhaya Diallo und
      Yin Yadanar Thein diskutierten beim Global Media Forum.
      Doch es waren eher Appelle als überzeugende Antworten.

     Text Vera Tellmann, Unternehmenskommunikation

    Diskriminiert werden Sinti und Roma,      ­ egeln gelernt, ihre Arbeit perfektioniert.
                                              R
die LGBT-Community, Muslime und Juden,        Sie wissen genau, was sie tun“, so Gutjahr.
Menschen mit Behinderung, afrikanische        „Sie organisieren sich und orchestrieren
und mexikanische Migranten. Und im-           Attacken. Der Rest von uns hatte keine
mer wieder Frauen – wie beispielsweise        Ahnung, dass sie so fortschrittlich und
während der Fußball-WM in Russland die        uns so weit voraus sind. Ich kenne keinen
ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann.            Journalisten, der technisch so versiert
    Der deutsche Journalist Richard Gut-      ist.“ Anbieter Sozialer Netze müssten ihre
jahr, der bei den Terrorangriffen in Nizza    ­Verantwortung erkennen und entschieden
und München im Sommer 2016 zufällig            gegen die Verbreitung von Hass und Lügen
vor Ort war und spontan via Smartphone         vorgehen, so Gutjahr. Die Politik halte nicht
die Berichterstattung aufnahm, erlebte         Schritt mit der digitalen Revolution und
Beleidigungen und Verleumdungen, die           überlasse die Rechtsprechung „verrückter-
sich auch gegen seine Familie richteten.       weise“ den Plattform-Betreibern. „Nutzer
Er wurde beschuldigt, Mitarbeiter eines        brauchen Nachhilfe in Zivilcourage, Mitge-
Geheimdienstes zu sein und von den At-         fühl und digitalem Einfühlungs­vermögen“,
tentaten gewusst zu haben. Gutjahr sag-        so der Journalist. Allerdings sei die Lösung
te in Bonn, er habe erst lernen müssen,        so komplex wie das Internet.
dass die vorwiegend antisemitischen On-            Eines ist Gutjahr zufolge klar: Hassrede
                                                                                                                                      ©©DW/P. Böll

line-Angriffe „nicht mir als Person gelten,    sei ein „sich selbst erhaltendes Monster,
sondern dem, was ich repräsentiere, wo-        das sich nicht verzieht, wenn es ignoriert
für ich stehe“.                                wird, sondern jeden Tag stärker wird“.
    Die Menschen, die ihn im Netz verfol-          Opfern von Hate Speech stehen bislang
gen, hätten in der Gesellschaft vorhan-        nicht viele Mittel und Wege zur Verfügung,
dene Ängste erkannt und nutzten sie auf        um sich zur Wehr zu setzen. Strafanzeige
sehr professionelle Weise. „Sie haben die      gegen Unbekannt, das ist der erste Schritt,

                 Nutzer brauchen Nachhilfe in
        Zivilcourage, Mitgefühl und digitalem                                                  Aus eigener Erfahrung gegen
                                                                                               Hassrede: Journalist Richard Gutjahr
                       Einfühlungs­vermögen.

20   Weltzeit 2 | 2018
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