Industrie aktuell 1 2019 - WKO
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industrie aktuell 1
2019
Industrieforum
Familienunternehmen und Aktiengesellschaften in Österreich
Industriepolitik
Wirtschaftsfaktor Bergwerke und Stahl
Industriekonjunktur aktuell
Abschwächung der Wachstumsphase im Startquartal 2019Bundessparte Industrie (BSI) Industriewissenschaftliche Institut (IWI) Industriellenvereinigung (IV)
Die Bundessparte Industrie der Wirtschaftskammer Das Industriewissenschaftliche Institut (IWI) setzt Die Industriellenvereinigung (IV) ist die freiwillige und
Österreich vertritt mit ihren Fachverbänden die einen markanten industrieökonomischen For- unabhängige Interessenvertretung der österreichi-
Interessen von rund 4.000 Mitgliedsunternehmen, schungsschwerpunkt in Österreichs Institutsland- schen Industrie und der mit ihr verbundenen Sek-
die schwerpunktmäßig der Industrie zuzuordnen schaft. Seit 1986 steht das Institut für die qua- toren. Seit 1946 nimmt die IV an allen Gesetzwer-
sind. In der österreichischen Industrie sind rund litativ anspruchsvolle Verschränkung zwischen dungsprozessen als anerkannter Partner der Politik
400.000 Personen beschäftigt. Theorie und Praxis. teil. Eine Bundesorganisation, neun Landesgruppen
Die Bundessparte Industrie ist nicht nur für eine Das intensive Zusammenspiel unterschiedlicher und das Brüsseler IV-Büro vertreten die Anliegen
aktive Mitgestaltung der österreichischen Indus- Forschungsbereiche dient dazu, Produktions- ihrer aktuell mehr als 4.400 Mitglieder aus produ-
triepolitik zuständig, sondern auch für die Koor- strukturen systemorientiert zu analysieren und zierendem Bereich, Kredit- und Versicherungswirt-
dination und die inhaltliche Artikulierung aller darauf aufbauend zukunftsweisende wirtschafts- schaft, Infrastruktur und industrienaher Dienstleis-
industrierelevanten Interessen vor allem in der politische Konzepte zu entwickeln. Besondere tung – in Österreich und Europa. Die IV-Mitglieder
Kollektivvertragspolitik, im Umwelt- und Energie- Schwerpunkte finden sich in der Analyse lang- repräsentieren mehr als 80 Prozent der heimischen
bereich, in der Forschungs- und Technologiepoli- fristiger makroökonomischer Entwicklungsten- Produktionsunternehmen. Ihr Anspruch an der
tik sowie in der Infrastrukturentwicklung. denzen sowie in der Untersuchung industrieller Schnittstelle zwischen Unternehmen und Politik ist
Netzwerke (Clusteranalysen). es, mit innovativen Konzepten und Expertise Öster-
reichs Gesellschaft zukunftsfit zu gestalten.
Bundessparte Industrie der Industriewissenschaftliches Institut Industriellenvereinigung
Wirtschaftskammer Österreich Mittersteig 10/4, 1050 Wien Schwarzenbergplatz 4, 1031 Wien, Österreich
Wiedner Hauptstraße 63, 1045 Wien Telefon: 513 44 11-0 Telefon: 43 1 71135 – 0
Telefon: 05 90 900-3460 Telefax: 513 44 11-2099 Internet: www.iv.at, www.facebook.com/
Telefax: 05 90 900-113417 Internet: http://www.iwi.ac.at, industriellenvereinigung, www.twitter.com/iv_
Internet: http://wko.at/industrie, E-Mail: office@iwi.ac.at news
E-Mail: bsi@wko.at Vorstand E-Mail: office@iv.at
Präsidium Vorsitzender Hon.Prof. Dr. Wilfried Stadler, Präsidium
Obmann Mag. Sigi Menz, Ottakringer Getränke AG Wirtschaftsuniversität Wien Präsident Mag. Georg Kapsch, Kapsch AG
Stellvertreter Hon.Konsul KommR Veit Stellvertreter Gen.Sekr. Mag. Anna Maria Vizepräsident Ing. Hubert Bertsch,
Schmid-Schmidsfelden, Rupert Fertinger GmbH Hochhauser, Wirtschaftskammer Österreich BERTSCH-Holding
Stellvertreter KommR DI Dr. Clemens Malina- Gen.Sekr. Mag. Christoph Neumayer, Vizepräsident Dr. Axel Greiner, Greiner Gruppe
Altzinger, Reform-Werke Bauer & Co. Ges.m.b.H. Vereinigung der Österreichischen Industrie Vizepräsident KR Mag. Otmar Petschnig,
kooptiert: Günter Dörflinger, MBA Christof Mag. Markus Beyrer, Business Europe Fleischmann & Petschnig Dachdeckungs GmbH
Industries GmbH Dr. Wolfgang Damianisch Geschäftsführung
kooptiert: MEP Dr. Paul Rübig, Rübig GmbH & Co KG Mag. Christian Domany, Unternehmensberater Generalsekretär Mag. Christoph Neumayer
Geschäftsführer Dr. Erhard Fürst Vize-Generalsekretär Ing. Mag. Peter Koren
Mag. Andreas Mörk DI Dr. Manfred Matzinger-Leopold,
Münze Österreich AG
FH-Hon.-Prof. Dr. Dr. Herwig W. Schneider,
Industriewissenschaftliches Institut
Kuratorium
Vorsitzender Hon.Konsul KommR Veit
Schmid-Schmidsfelden, Rupert Fertinger GmbH
Dir. Mag. Dr. Johannes Turner,
Oesterreichische Nationalbank
Geschäftsführer
FH-Hon.-Prof. Dr. Dr. Herwig W. Schneider
Wissenschaftlicher Leiter
Univ. Prof. DI Dr. Mikuláš Luptáčik
2 industrie aktuell | 2019 | 1inhalt
editorial konjunktur
Mag. Sigi Menz Kommentar zur internationalen
Fachkräftemangel spitzt sich zu 4 Konjunkturentwicklung
FH-Hon.-Prof. Dr. Dr. Herwig W. Schneider 30
forum
Auslandsnachfrage trägt noch
Familienunternehmen und Aktiengesellschaften das Konjunkturwachstum
in Österreich – eine Bestandsaufnahme beider Mag. Andreas Mörk 32
Unternehmensformen 6
konjunktur nach branchen
Interview:
Es braucht eine radikale Senkung der Branchenübersicht 34
Steuer- und Abgabenlast Gesamtindustrie 35
Georg Kapsch, Bergwerke und Stahl 35
Präsident der Industriellenvereinigung 12 Stein- und keramische Industrie 36
Glasindustrie 36
Chemische Industrie 37
politik
Papierindustrie 37
Austrian Cooperation Research (ACR) PROPAK – Industrielle Hersteller von
Brückenbauer für Innovation 15 Produkten aus Papier und Karton 38
Bauindustrie 38
Standortfaktor Strompreis Holzindustrie 39
Die Industrie braucht wettbewerbsfähigen Lebensmittelindustrie 39
Rechtsrahmen 16 Textil-, Bekleidungs-,
Schuh & Lederindustrie 40
KÖSt Senkung NE-Metallindustrie 40
Eine dringend notwendige Maßnahme 18 Metalltechnische Industrie 41
Fahrzeugindustrie 41
Interview: Elektro- und Elektronikindustrie 42
Man unterschätzt die Mechanismen Offenlegung, Impressum 42
inhalt
und den Druck globaler Abkommen
Wolfgang Eder,
CEO voestalpine AG 20
Fotos: Industriellenvereinigung, beigestellt
Neue Serie:
Bergwerke und Stahl – Wichtiger
Wirtschaftsfaktor für eine „grüne“ Zukunft 24
Interview:
Mineralische Rohstoffe fördern
Wachstum und Beschäftigung
Bergrat h. c. DI Franz Friesenbichler,
Obmann Berkwerke und Stahl 28
industrie aktuell | 2019 | 1 3forum kommentar
Fachkräftemangel spitzt sich zu
In Österreich sind rund 410.000 Menschen arbeitslos oder in
Schulungsmaßnahmen des Arbeitsmarktservice. Gleichzeitig klagen
drei Viertel der österreichischen Unternehmen über Probleme bei der
Besetzung von offenen Stellen. Diese widersprüchlichen Zahlen
machen den großen politischen Handlungsbedarf deutlich.
Autor: Mag. Sigi Menz
U
mfragen des Instituts für Bildungsforschung Jobsuche breiter anlegen
der Wirtschaft (ibw) und des Beratungs-
unternehmens Ernst&Young (EY) haben im In den neuen „Arbeitsmarktpolitischen Zielvorga-
letzten Jahr den gleichlautenden Befund erbracht, ben“ des Sozialministeriums wird mit Recht eine
dass mehr als 50 Prozent der Unternehmen Stärkung der „Kernkompetenz“ des AMS und eine
aufgrund des Fachkräftemangels Umsatzein- „rasche Zusammenführung von Arbeitskräf-
bußen hinnehmen müssen. Viele Unternehmen tenachfrage und -angebot“ gefordert. Aufgrund
sehen den Fachkräftemangel mittlerweile als der großen regionalen Unterschiede wird deutlich,
größte Gefahr für ihre künftige Entwicklung. Die dass innerhalb des AMS in Österreich der Erfolg
Tatsache, dass gerade auch die überdurchschnitt- bei der Vermittlungstätigkeit höchst ungleich ver-
lich gut zahlende Industrie vom Fachkräfte- teilt ist. Das zeigt, dass es Potenzial für Verbes-
mangel betroffen ist, zeigt deutlich, dass die flap- serungen gibt. Dabei sind folgende Ansätze sicher
sigen Aufforderungen an die Wirtschaft, „doch zielführend: Arbeitslosen helfen ihr Berufsbild
einfach mehr zu zahlen“, offenbar am Thema vor- weiter zu denken und damit die Jobsuche breiter
bei gehen. anzulegen; die regionale Fixierung zu überwinden,
Mag. Sigi Menz, Obmann der Sparte
Industrie und Aufsichtsrat der
Ottakringer Getränke AGkommentar forum
auch durch entsprechende finanzielle Förderung; umso problematischeren Engpässe im Lehrlings-
und schließlich (Um-)Schulungsmaßnahmen nicht und dem darauf aufbauenden Facharbeiterbereich,
der statistischen Effekte wegen zu forcieren, son- dürfen vor allem die technischen Ausbildungswe-
dern in enger Abstimmung mit Unternehmen und ge, von der HTL über die Fachhochschulen bis zu
deren Bedarf anzubieten. den Universitäten, nicht vernachlässigt werden.
Effizienter Arbeitsmarkt notwendig Demografie verschärft das Problem
Diese Schritte werden zwar nicht von heute auf Die sinkende Lehrlingszahl steht, wie erwähnt, in
morgen den Fachkräftemangel beseitigen, aber engem Zusammenhang mit der demografischen
die Zusammenführung von Arbeitskräftenachfra- Entwicklung: Im Jahr 1980 lag die Zahl der 15-Jäh-
ge und -angebot lässt sich damit sicher verbessern. rigen in Österreich bei knapp 200.000, mittler-
Ein effizienter Arbeitsmarkt hilft Arbeitnehmern weile ist sie auf unter 110.000 gefallen. Die ge-
und Arbeitgebern, vermeidet den Verlust an Qua- burtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre, die
lifikation und kann auch einen weiteren Zuwachs vor 40 Jahren für hohe Lehrlingszahlen gesorgt
von Langzeitarbeitslosigkeit verhindern, die öko- haben, werden in den nächsten Jahren in Pension
nomisch, politisch und vor allem auch menschlich gehen. Damit wird sich der Fachkräftemangel
eine Katastrophe darstellt.
Karriere mit Lehre
Ein weiterer und wichtiger Ansatz ist, auch die
Ein effizienter Arbeitsmarkt hilft
Ausbildung zu forcieren. War eine „Karriere durch Arbeitnehmern und Arbeitgebern,
Lehre“ in den vergangenen Jahren eher die zwei- vermeidet den Verlust an Qualifikation
te Wahl für junge Menschen, so zeigt sich heute,
dass Personen mit Lehrabschluss – insbesonde- und kann auch einen weiteren
re im Bereich einer sogenannten „Industrielehre“ Zuwachs von Langzeitarbeits-
– zu den am stärksten nachgefragten Qualifika-
tionen am Arbeitsmarkt zählen. Laut der erwähn-
losigkeit verhindern.
ten Erhebung des ibw haben 60 Prozent der Un-
ternehmen „häufig“ Probleme, Personen mit
Lehrabschluss zu finden: Bei einer insgesamt
sinkenden Zahl an Jugendlichen und einem eben- deutlich verschärfen. Wenn man verhindern will,
falls sinkenden Anteil an Jugendlichen, die sich für dass beschäftigungsintensive, industrielle Tätig-
eine Lehre entscheiden, ist eine weitere Verschär- keiten in andere Länder abwandern – und damit
fung des Problems absehbar. auch die entsprechenden Quellen von Wertschöp-
fung und Wohlstand abwandern – darf man die
Eine ausreichende Zahl an Lehranfängern ist aber Diskussion über gezielte Zuwanderung nicht ver-
nur ein Element einer adäquaten Vorbereitung auf weigern. Um fertig ausgebildete Fachkräfte aus
die Anforderungen der Zukunft. Über alle Schul- Auswanderungsländern gibt es mittlerweile einen
und Ausbildungswege hinweg muss – zusätzlich globalen Wettbewerb, den Österreich (und
zu allgemeinen Basisqualifikationen – jungen Deutschland) schon aus sprachlichen Gründen
Menschen ein realistisches Bild der Wirtschaft kaum gewinnen können. Die Chance besteht da-
Foto: Heidrun Henke
vermittelt und die Bildung in den sogenannten rin, junge und bildungswillige Personen anzuspre-
MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Natur- chen. Wenn diese als Asylwerber bereits im Land
wissenschaften und Technik) verstärkt werden. sind, liegt deren Einbindung in den Arbeitsprozess
Angesichts der heute vorhandenen und in Zukunft umso näher.
industrie aktuell | 2019 | 1 5forum cover | unternehmensform
Familienunternehmen und
Aktiengesellschaften
Eigentümergeführte Betriebe haben in Österreich eine lange Tradition,
börsennotierte AGs stellen das moderne Gegenbild dar. Eine Bestands-
aufnahme bei bedeutenden Vertretern beider Unternehmensformen.
D
ie Wahl der Rechtsform eines Industrie- Summe hält dieses Syndikat 88,41 Produzent. Mit
Unternehmens ist von grundlegender Be- dem Familien-Syndikat und ÖZW verfügt das Un-
deutung. Mit ihr werden Weichen gestellt, ternehmen über eine stabile Eigentümerstruktur
die weit über das Gründungsjahr hinauswirken von 94,28 Prozent des Aktienkapitals. Manner-
und einen enormen Einfluss auf den zukünftigen Vorstand Albin Hahn erklärt dazu: „Manner ist da
Firmenerfolg haben. Viele bedeutende heimische sicherlich eine Besonderheit, da die Mehrheit der
Industrieunternehmen werden heute noch als Aktien (88,41 Prozent) in einem Familien-Syndikat
reine Familienunternehmen geführt, manche ha- zusammengefasst ist. Der Hauptunterschied zu
ben sich zu börsennotierten Aktiengesellschaften rein kapitalmarktorientierten Unternehmen ist,
gewandelt, manche holen sich aus beiden Welten dass Manner nachhaltige und längerfristige Ent-
das Beste zum Nutzen von Kunden, Mitarbeitern scheidungen treffen kann, die sich an einer klaren
und Eigentümern. Wir haben uns bei heimischen
Leitbetrieben umgehört, was für sie die auschlag-
gebenden Argumente waren oder sind, sich für
eine bestimmte Rechtsform zu entscheiden.
„Der Österreichi-
sche Corporate
Governance Kodex
ist wesentlicher
Bestandteil unserer
Unternehmens-
führung.“
Albin Hahn,
Vorstandsvorsitzender
Manner AG
Ein Familiensyndikat mit einem Aktienanteil von 88,41
Prozent hat beim Lebensmittelhersteller das Sagen.
Manner AG
Fotos: Manner AG, Ottakringer Getränke AG
Manner ist eine börsennotierte AG mit einer sehr
stabilen Aktionärsstruktur über die Jahre. Das Wertestruktur orientieren. Der Vorteil ist, dass wir
Grundkapital der Gesellschaft beträgt 13.740.300 nicht jeden Tag einen abgefragten Börsenkurs ver-
Euro und ist in 1.890.000 nennbeitragslose Stück- teidigen müssen und nicht von Quartalsergebnis-
aktien zerlegt. Die Privatstiftung Manner hält 42,45 sen getrieben sind. Unsere Kernaktionäre erwarten
Prozent direkte Beteiligung am Kapital, die Andres die Wahrnehmung eines sozialen, nachhaltigen
Holding GmbH 24,00 Prozent, ÖZW 5,87 Prozent. und profitablen Unternehmertums. Die Börsenno-
Die Privatstiftung Manner und die Andres Holding tierung bringt eine Menge an Regulativen und Ad-
GmbH gehören dem „Manner“-Syndikat an. In ministration mit sich, die tendenziell in den letzten
6 industrie aktuell | 2019 | 1cover | unternehmensform forum
„Familienunter-
nehmen, die börsen-
notiert und dennoch
vorwiegend im Fami-
lienbesitz sind, holen
sich das Beste aus
zwei Welten.“
Alfred Hudler,
Vorstandssprecher
Ottakringer Getränke AG
Bei nur 6 Prozent Streubesitzanteil erwirtschaftet die Ottakrin-
ger Getränke AG 2017 einen Umsatz von 218,6 Millionen Euro. Familienunternehmen mit unseren Werten, die
sich seit fast 130 Jahren etablieren konnten, ein
Jahren angestiegen ist und für ein Unternehmen wesentlicher Bestandteil.“
in unserer Größe nicht immer einfach ressourcen-
technisch zu bearbeiten ist. Mit einem immer straf-
Ottakringer
feren Regelwerk für alle börsennotierten Unter-
nehmen, unabhängig ihrer Größe, ist der mit der Die Ottakringer Getränke AG ist zu sechs Prozent
Börsennotierung zu betreibende Aufwand immer im Streubesitz und zu 88 Prozent im Besitz der
zu hinterfragen. Besonders dann, wenn der Vorteil Ottakringer Holding AG. Die restlichen sechs Pro-
der Unternehmensfinanzierung über die Börse zent der Anteile hält die Ottakringer Getränke AG
nicht genutzt wird.“ selbst (eigene Aktien). Die Ottakringer Holding AG
ist im Besitz der Familien Wenckheim, Menz, Traut-
Die Vorteile der Börsennotierung sieht Hahn aber tenberg und Pfusterschmid. Wir sprachen mit Al-
durchaus auch: „Die Börsennotierung bewährt sich fred Hudler, Vorstandsprecher der Ottakringer
immer dort, wo es darum geht, sinnvolle und ad- Getränke AG, zu der neben der namensgebenden
äquate Regulative einzubauen – gegen vermeint- Brauerei auch der Mineralwasserhersteller Vös-
liche einzelne Eigentümerinteressen, die den Be- lauer gehört. „Familienunternehmen, die börsen-
stand des Unternehmens gefährden. Bei Manner notiert sind und dennoch vorwiegend im Besitz
sind die Wertestruktur, der Code of Conduct und der Familien, holen sich das Beste aus zwei Welten:
der Corporate Governance Kodex ein wesentlicher Einerseits die stetige börsenbedingte Motivation,
Bestandteil des Eigentümerverständnisses und transparent, effizient und am Puls der Zeit zu sein,
haben damit auch Gültigkeit unabhängig von einer anderseits aufgrund ihrer aufrechten Verwurzelung
Börsennotierung. Die österreichische Wirtschaft als echtes Familienunternehmen eine glaubwür-
ist stark von Familienunternehmen geprägt. 51 dige Authentizität, eine Direktheit zu den Men-
Prozent aller Unternehmen in Österreich sind Fa- schen, sowohl den Mitarbeitern als auch den Kun-
milienunternehmen i. w. S. und sind Arbeitgeber den sowie eine Bodenhaftung und Erdung, die
von 65 Prozent aller Beschäftigten und erwirt- einfach gut tut, insbesondere in schnelllebigen und
schaften ca. 57 Prozent des nationalen Umsatzes. bisweilen oberflächlichen Zeiten wie unseren. Im
Dies wird sich auch in nächster Zukunft nicht än- Grunde fühlten wir uns immer wohl mit der Eigen-
dern. Bei Manner merken wir es, dass sich Konsu- tümerstruktur. Insbesondere freilich seit unserem
menten auch immer mehr damit auseinanderset- legendären Unabhängigkeitstag, an dem es gelang,
zen, wer hinter dem Produkt steht und mit welchen die Anteile, die Heineken hielt, zurückzukaufen.
Werten das Unternehmen punktet. Da sind wir als Wir halten die Konstellation, in der die wichtigsten
industrie aktuell | 2019 | 1 7forum cover | unternehmensform
Eigentümer auch im Aufsichtsrat vertreten sind, Andritz: „Daraus ergeben sich umfangreichere
für ideal. Unsere stabile Aktionärsstruktur, mit Möglichkeiten und leichterer Zugang zu den Kapi-
einem klar beherrschenden Kernaktionär, erlaubt talmärkten zur Finanzmittelbeschaffung im Falle
uns auch, langfristige Entscheidungen zu treffen, von anstehenden größeren Investitionen oder Ak-
ohne ständig Auswirkungen auf den Aktienkurs quisitionen. Durch die Veröffentlichungspflichten
berücksichtigen zu müssen. Familienunternehmen als börsennotiertes Unternehmen sind Banken und
haben einen riesigen Vorteil: Sie sind den Menschen Finanzinstitute und andere Stakeholder über die
nahe. Ihre Eigentümer leben unter den Menschen, jeweilige Wirtschaftsentwicklung der Firma gut
die ihre Kunden sind. Sie leben in dem Land, das und laufend informiert, daher sind auch im Be-
ihr Markt ist. Die Verbindung ist damit eine viel darfsfall keine umfassenden wirtschaftlichen Prü-
engere, viel herzlichere als sie etwa bei einem mul- fungen notwendig. Durch die Bekanntheit der
tinationalen Konzern sein kann, der seine Firmen- wirtschaftlichen Situation des Unternehmens ist
zentrale irgendwo hat, seine Steuern irgendwo auch ein schnellerer Zugang zu Kapitalmärkten
„Andritz hat eine
breit gestreute
Investorenbasis, die
von Nordamerika,
über UK bis hin zu
Europa reicht.“
Michael Buchbauer,
Head of Corporate
Communications
Andritz AG
Andritz ist weltweit führender Anlagenbauer und
zahlt und die Menschen womöglich nur als Kon- befindet sich zu über 60 Prozent im Streubesitz.
sumenten betrachtet. Zudem denken Familienun-
ternehmen naturgemäß nicht in Quartalszahlen, möglich, weil keine umfassende Bonitätsanalyse
sondern immer schon nachhaltig und in Genera- gemacht werden muss. Als börsennotierte Firma
tionen. Manchmal ist das womöglich weniger sexy steht einem im Bedarfsfall nicht nur die Möglichkeit
für den Finanzmarkt. Aber gewiss ist es gesünder einer Kapitalerhöhung zur Verfügung, sondern man
und fairer und sympathischer.“ kann durch die Bekanntheit auch Anleihen oder
Schuldscheindarlehen begeben. Ein bekanntes
Unternehmen tut sich hier wesentlich leichter. Ein
Andritz
weiterer Vorteil ist die Attraktivität für neue Mit-
Ebenfalls an der Börse nortiert ist der in Graz an- arbeiter. Ein börsennotiertes Unternehmen wird
sässige Anlagenbauer Andritz mit Niederlassungen meist als attraktiver Arbeitgeber gesehen. Die
in den USA, Indonesien, China, Singapur, Frankreich Wiener Börse hat sich in den letzten Jahren inter-
Fotos: Andritz AG, EVVA, Leitl
und Deutschland. Und obwohl die Geschichte von national gut etabliert, die gelisteten Unternehmen
Andritz 1852 als Familienunternehmen begann, genießen hohes Ansehen bei Anlegern weltweit.
liegt heute der über die Börse gehandelte Streu- Andirtz selbst hat eine regional sehr breit gestreu-
besitzanteil bei rund 65 Prozent. Zu den Vorteilen te Investorenbasis, die von Nordamerika, über UK
dieser Grundkapitalverteilung meint Michael Buch- bis hin zu Kontinentaleuropa reicht. Wir haben
bauer, Head of Corporate Communications bei sogar einige japanische Investoren.“
8 industrie aktuell | 2019 | 1cover | unternehmensform forum
„Eigentümer-
geführte Unter-
nehmen haben ge-
wisse Vorteile, was
die Entscheidungs-
findung betrifft.“
Stephan Ehrlich-Adám,
Geschäftsführer
EVVA Sicherheits-
technolgie GmbH
EVVA ist Hersteller von Sicherheitsprodukten und seit der
Gründung 1919 in Wien ein Familienunternehmen. werden längerfristig und generationenübergreifend
gesehen. Und – jedes Unternehmen ist dann er-
folgreich, wenn klare Werte kommuniziert sind und
EVVA
gelebt werden, so wie bei EVVA. Ich sehe das als
Ein reines Familienunternehmen seit der Gründung einen zentralen Erfolgsfaktor: leidenschaftliche
1919 ist EVVA (Erfindungs-Versuchs-Verwertungs- Mitarbeiter, die gemeinsam und wertekonform
Anstalt). Man ist mit Niederlassungen in zehn Län- etwas bewegen wollen, gepaart mit einer tiefen
dern und weltweiten Exporten einer der führenden Verbundenheit zum Unternehmen. Bei EVVA gibt
Hersteller von Sicherheitstechnik in Europa. Dass es eine gemeinsame Vision, die verfolgt wird. Dazu
EVVA sich zu 100 Prozent im Eigentum der Fami- kommt die Bereitschaft das Unternehmen gegen
lie befindet, sieht Mag. Stefan Ehrlich-Adám, CEO den Mitbewerb zu behaupten, mit neuer Techno-
der EVVA-Gruppe als enormen Vorteil. „Ich bin logie, einer klaren Vision, sowie einer starken Ent-
„Das Familiäre
wollen wir auch
im Umgang mit
Kunden und Mit-
arbeitern zeigen: Im
Vordergrund steht
das Gemeinsame!“
Stefan Leitl,
Geschäftsführer
Leitl-Werke GmbH
Seit über 1995 befindet sich Baustoffproduzent Leitl im
Familienbesitz, am Ruder ist die 5. Eigentümergeneration. wicklungsmannschaft. Ein gelungenes Zusam-
menspiel von Forschung, Entwicklung und
davon überzeugt, dass bei Familienunternehmen Produktion, sowie Vertrieb ist somit ausschlagge-
die Unternehmenskultur eine wichtige Rolle spielt, bend. Wir waren ursprünglich eine Personenge-
eine engere Bindung bringt und nachhaltiges Han- sellschaft, sind zu einem späteren Zeitpunkt in die
deln von großer Bedeutung sind. Zeitperioden Rechtsform der GmbH gewechselt. Pläne, an die
industrie aktuell | 2019 | 1 9forum cover | unternehmensform
Börse zu gehen, gibt es nicht. Eigentümergeführ- weiteres Zeichen für dieses Gemeinsame zu setzen.
te Unternehmen haben möglicherweise gewisse Im Familienunternehmen gehst du nie ganz in Pen-
Vorteile, was die Kombination von Nachhaltigkeit sion. Auch wenn operative Aufgaben an die nächs-
und Effizienz in der Entscheidungsfindung betrifft. te Generation übergeben werden wie vor kurzem
Jedenfalls gehen wir unternehmerische Risiken bei uns: die Begleitung der Familienmitglieder, die
mit Augenmaß ein. Die Unternehmensgeschichte im Unternehmen waren, bleibt. Dieser Zusammen-
von EVVA ist eng mit der Familiengeschichte ver- halt, die Erfahrung und unterschiedlichen Denk-
woben.Familienunternehmen spielen in der öster- weisen sehe ich als gewaltige Stärke.“
reichischen Industrielandschaft eine wichtige Rol-
le, stehen aber genauso im nationalen und
Spitz
internationalen Wettbewerb wie alle anderen
Unternehmen auch und müssen daher ihre Haus- Der Leitbetrieb aus Attnang-Puchheim zählt nicht
aufgaben effizient und effektiv abarbeiten.“ nur zu den erfolgreichsten Lebensmittelherstellern,
„Die Struktur als
eigentümergeführ-
tes Unternehmen
hat sich in der Ver-
gangenheit wieder-
holt bewährt.“
Walter Scherb jun.,
Geschäftsführer,
S. Spitz GmbH
Das Unternehmen produziert seine bekannten Lebens-
mittelprodukte der Marke Spitz in Attnang-Puchheim.
Leitl
Ebenfalls seit über 100 Jahren im Familienbesitz sondern auch zu den renommiertesten Familien-
befindet sich das Baustoffunternehmen Leitl in unternehmen Österreichs – und das seit mehr als
Oberösterreich. Erst kürzlich hat Stefan Leitl in der 160 Jahren. Geschäftsführer Walter Scherb jun. ist
fünften Generation die Geschäftsführung über- sich der Verantwortung bewusst: „Wir blicken der
nommen: „Die Vorteile eines Familienunterneh- Zukunft von Familienunternehmen in der österrei-
mens sind zunächst das langfristige Denken in chischen Industrie sehr positiv entgegen. Dies hat
Generationen. Klar arbeiten wir auch mit kurzfris- mehrere Gründe: Die heimischen KonsumentInnen
tigen Zielen, in erster Linie denken wir aber an den wollen immer häufiger wissen, woher ihre Produk-
langfristigen Fortbestand unseres Unternehmens. te tatsächlich kommen und sind neugierig, welche
Mein Ziel ist es, ein erfolgreiches Familienunter- Personen hinter den Unternehmen stehen. Fami-
nehmen auch weiter an die nächste Generation zu lienunternehmen mit Tradition haben hier einen
übergeben. Das Familiäre wollen wir auch im Um- klaren Vorteil gegenüber anonymen Konzernen. In
Fotos: Spitz, Aktienforum
gang mit unseren Mitarbeitern und Kunden zeigen: der heimischen Lebensmittelindustrie spielen so-
das Gemeinsame, Partnerschaftliche steht im wohl der Mensch als auch die Herkunft aus der
Vordergrund, der vertrauensvolle Umgang mitei- Region eine immer bedeutendere Rolle“.
nander. Heuer werden wir für unsere Mitarbeiter
ein neues Beteiligungsmodell auflegen, um ein Autor: Sebastian Wegener
10 industrie aktuell | 2019 | 1cover | unternehmensform forum
Karl Fuchs – Geschäftsführer Aktienforum
Thema: Familienunternehmen und der Gang an die Börse
Das Aktienforum ist die Interessenvertretung heimi- bringt neue Zielgruppen für das
scher börsennotierter Unternehmen und setzt sich Unternehmen. Jedoch bedarf die
für einen starken österreichischen Kapitalmarkt ein. Auseinandersetzung mit neuen
Auf die Mitglieder des Aktienforums entfallen drei Eigentümern einer Umstellung in
Viertel der Marktkapitalisierung der Wiener Börse. der Kommunikation. Größere
Wir baten Aktienforum-Geschäftsführer Karl Fuchs Investoren haben meist tiefes
um seine Expertise zum Thema. Industrie-Know-how. Dies gilt es
partnerschaftlich weiter zu
Der Börsegang ist ein Finanzierungsinstrument für entwickeln. Berichtswesen und
die Kapitalaufnahme im größeren Stil und bietet Reportingpflichten, die eine
sich vor allem zur Finanzierung im Zuge von Börsennotiz mit sich bringen,
Expansionen und in rasch wachsenden Branchen sorgen für einen entsprechenden
an. Darüber hinaus sind weitere Finanzierungs- Mehraufwand im Unternehmen.
möglichkeiten durch Kapitalerhöhungen möglich.
Ganz grundsätzlich verbessert sich durch eine
Tops und Flops am heimischen Kapitalmarkt
Börsennotierung auch die Bonität im Fremdkapital-
bereich. Abseits der Finanzierungsseite führt eine Privatisierungen brachten in Österreich Weltmarkt-
Notierung zu einer enormen Sichtbarkeit. Dies wie- führer hervor und bringen dem Staat bei seinen
derum erhöht die Attraktivität als Arbeitgeber, bei Beteiligungen heute noch Hunderte Millionen an
Kunden und Lieferanten. Auch können Mitarbeiter Dividenden ein. Die Erfolgsgeschichte der Wiener
an der Entwicklung von Unternehmen teilhaben. Börse seit den 2000ern ist geprägt von der Einfüh-
rung des digitalen Handelssystems XETRA. So
wurde sehr viel internationale Liquidität angezo-
Profitabilität und Wachstum
gen. 85 Prozent der Umsätze heute werden via
Ein Börsegang kommt aus unterschiedlichen internationale Handelsteilnehmer lukriert. Ein
Gründen in Betracht. Dies hat mit der Wachstums- weiterer Milestone war 2017 mit der BAWAG das
strategie und etwaigen Nachfolgeregelungen bei größte IPO in der Geschichte der Wiener Börse.
Familienunternehmen zu tun. Weitere Aspekte Heuer legte Marinomed in Wien Europas erstes IPO
können z. B. auch mögliche Exits von Private Equity hin. Flops findet man vor allem in der Steuerpolitik
Fonds sein. Schaut man sich branchenspezifische der letzten Jahre. Die Einführung der Wertpapier-
Parameter an, so entscheidet bei Dividendentiteln KESt, die Streichung der Spekulationsfrist und die
die Profitabilität. Bei Technologieunternehmen sind Anhebung der KESt auf 27,5 Prozent waren sehr
es Innovation und schnelles Wachstum. negative Signale für den heimischen Kapitalmarkt.
Unternehmerisches Handeln Tipps für den Börsegang
Aktionäre können sehr kritische, aber auch sehr Wichtig sind frühe Vorbereitungen, ein gezielter
wertvolle Sparring-Partner sein. So erfährt das Wissensaufbau und die Partnersuche. Man
unternehmerische Handeln einen neuen Grad an benötigt eine klare vorwärts gerichtete Strategie,
Professionalisierung und Disziplin. Die Ausgabe die sogenannte Equity Story. Auch muss eine aktive
von Aktien und das Hereinholen von Investoren Kommunikation mit Investoren geübt werden.
industrie aktuell | 2019 | 1 11„Es braucht eine radikale Senkung
der Steuer- und Abgabenlast“
Österreichs Industrie ist die treibende Kraft, wenn es um Wachstum und
Arbeitsplätze geht. Für Georg Kapsch, Präsident der IV, braucht es jetzt
ein wettbewerbsfähiges Umfeld und eine standortstärkende Politik.
Österreich kann auf einen Konjunktursommer zurück- Welche konjunkturelle Rolle spielt die Industrie?
blicken, für 2019 ist allerdings mit einer Abschwä-
chung zu rechnen. Wie beurteilen Sie die konjunktu- Sieht man sich die sektoralen Wertschöpfungsbei-
relle Zukunft? träge an, dann wird deutlich, dass der heimische
Aufschwung zu mehr als 70 Prozent vom produ-
Georg Kapsch: Kein Konjunktursommer währt ewig. zierenden Bereich einschließlich der ihm zurechen-
Selbst eine ausgeprägte und den Widrigkeiten der baren Dienstleistungen getragen wurde. Die Indus-
Geopolitik bis dato trotzende Hochkonjunktur geht trie ist demnach der Job- und Wachstumsmotor in
einmal zu Ende. Aus heutiger Sicht steht Österreich Österreich. Der industrielle Wertschöpfungsbeitrag
kein Abgleiten in eine Rezession bevor. Es ist viel- aus dem Vorjahr fällt mit plus 6,6 Prozent mehr als
Fotos: Industriellenvereinigung
mehr eine Normalisierung des Expansionstempos doppelt so hoch aus wie jener der Gesamtwirtschaft.
auf dem Pfad des Potenzialwachstums zu verzeich- Ohne die Industrie wäre ein Rückgang des gesamt-
nen. Die österreichische Industrie stellt sich daher wirtschaftlichen Wachstums um mindestens einen
in diesem Jahr auf eine konjunkturelle Abschwä- ganzen Prozentpunkt zu erwarten.
chung mit einem deutlich geringeren Wachs-
tumstempo ein. Inwiefern beeinflusst der Wertschöpfungsbeitrag der
12 industrie aktuell | 2019 | 1interview | kapsch forum
Industrie den Arbeitsmarkt? die Verbreitung der Bemessungsgrundlage durch
Abzugsverbote, etwa für Sozialpläne. Wenn wir
Knapp 25.000 der rund 75.000 neuen Arbeitsplät- weiterhin eine stabile Beschäftigung und sinkende
ze im Jahr 2018 wurde durch die Industrie geschaf- Arbeitslosenzahlen sehen wollen, muss man neben
fen. Damit sichert der produzierende Bereich jeden entlastenden Maßnahmen auch an Investitionen
dritten Arbeitsplatz, der im vergangenen Jahr neu denken. Sinnvoll wäre zumindest ein Drittel des
entstanden ist – das ist mehr als jeder andere Wirt- von der Regierung angekündigten Volumens von
schaftszweig in Österreich. Diese Summe ist be- sechs Milliarden Euro für investitionsfördernde
achtlich, jedoch befinden wir uns damit beim Wirt- Maßnahmen zur Verfügung zu stellen. Bei diesem
schaftswachstum lediglich im besseren Drittel muss es rein um die Senkung der Körper-
europäischen Mittelfeld. schaftsteuer gehen. Entscheidend ist, dass die
steuerliche Entlastung der Unternehmen ein ent-
Welche konkreten nationalen und internationalen sprechendes Volumen erreicht – damit eine tat-
Faktoren gefährden das Konjunkturklima 2019? sächliche Entlastung und die positive Wirkung für
die Menschen und Unternehmen spürbar wird.
Österreich selbst kann wenig gegen das getrübte
Klima tun, denn die Ursachen liegen vor allem au-
ßerhalb des Landes. Beispiele sind etwa mangeln-
de Strukturreformen in bestimmten EU-Staaten, „Der heimische Aufschwung
die Unsicherheiten des Brexit, die zunehmenden
nationalistischen und protektionistischen Tenden- wird zu mehr als 70 Prozent
zen mancher Länder sowie daraus möglicherweise vom produzierenden Bereich
resultierende Handelskonflikte. Im Inland zählen
der Fachkräftemangel und die hohe Kapazitätsaus- einschließlich der ihm
lastung zu den stärksten Wachstumsbremsen. zurechenbaren Dienst-
Wie kann dem entgegengewirkt werden?
leistungen getragen.“
Ein Kernthema für die Industrie ist eine radikale
Senkung der derzeit viel zu hohen Steuer- und Ab-
gabenlast. Wir haben die sechsthöchste Steuerbe- Welche Vorteile bringt eine Senkung der KöSt?
lastung in der EU. Die Abgabenquote liegt hierzu-
lande bei 42 Prozent – das sind annähernd fünf Österreich braucht Mut zu einer modernen Steu-
Prozentpunkte über dem EU-Schnitt von 37,23 erpolitik, die Investitionen ins Land zieht. Eine kräf-
Prozent. Was es daher braucht, ist eine nachhalti- tige Entlastung der Unternehmen wäre eine Inves-
ge strukturelle Reform des österreichischen Steu- tition in die Zukunft des Landes. Das würde nicht
ersystems und eine zügige Entlastung der Wirt- nur eine wirtschaftliche Rendite für den Standort,
schaft. Somit ist ganz klar, dass eine KöSt-Senkung sondern auch eine politische Rendite bringen: mehr
in Österreich notwendig ist. hochwertige Arbeitsplätze in Österreich als Folge
der Investitionen. Österreich braucht daher eine
Wie sollte das genau aussehen? wachstumsfreundliche Entlastung. Eine Senkung
der Unternehmensbesteuerung rechnet sich somit
Die Unternehmen wurden bei vergangenen Steu- für ganz Österreich, denn bei einer Reduktion um
erreformen viel zu wenig bedacht bzw. sind leer zehn Prozentpunkte steigt die Investitionsquote
ausgegangen. Die Belastungen sind seit 2005 um 2,2 Prozentpunkte. Ebenso würden ausländi-
durchwegs gestiegen. Beispiele hierfür sind die sche Direktinvestitionen steigen, das zeigen Be-
Verschlechterung bei der Gruppenbesteuerung oder rechnungen des Wirtschaftsforschers Christian
industrie aktuell | 2019 | 1 13forum interview | kapsch
Keuschnigg („Unternehmensbesteuerung – Hand- gabe, U-Bahnsteuer und Alkoholsteuer. Reduziert
lungsbedarf und Lösungsansätze für den Standort werden soll jedenfalls die Kapitalertragsteuer: von
Österreich“, 2016). 27,5 auf einheitlich 25 Prozent. Das wäre eine
Rückkehr zum Stand vor der Steuerreform
Profitieren auch kleinere Unternehmen davon? 2015/16. Ebenfalls ist ein wichtiger Punkt für die
Industrie die Wiedereinführung der Spekulations-
Jedes Unternehmen, das als Kapitalgesellschaft frist bei der KeSt als Impuls, um den Kapitalmarkt
(also GmbH, AG oder SE) oder als Genossenschaft zu stärken.
organisiert ist, muss Körperschaftsteuer zahlen
und profitiert daher von einer Senkung der Körper- Was ist Ihre Meinung zur Digitalsteuer?
schaftsteuer, unabhängig von dessen Größe. Per-
sonengesellschaften und Einzelunternehmer un- Im Rahmen einer Steuerstrukturreform kann man
terliegen der Einkommensteuer; um diese über viele Modelle nachdenken und entscheiden,
Unternehmen ebenfalls zu entlasten, muss paral- wie sich die Steuerbasis in Zukunft zusammen-
lel zur Senkung der Körperschaftsteuer eine ent- setzen soll. Digitale Geschäftsmodelle dürfen
sprechende Regelung in der Einkommensteuer steuerlich nicht anders behandelt werden als kon-
getroffen werden. Wir fordern eine aufkommens- ventionelle Geschäftsmodelle, also weder besser
neutrale Senkung. noch schlechter gestellt werden. Die Frage ist
weniger, ob besteuert oder nicht, sondern wo die
Was haben die Arbeitnehmer von einer Senkung? Steuern anfallen sollen und wie sie eingehoben
werden sollen. Der Umsatz ist als Bemessungs-
Die Reduktion der KöSt führt nicht nur zu mehr grundlage eher nicht geeignet. Die meisten der so
Arbeitsplätzen, sondern auch zu einer Erhöhung genannten Digitalen Unternehmen zahlen Steuern,
der Lohnsumme. Reduziert man die KöSt um einen nur nicht in Europa, sondern in den USA. Was man
Euro, erhöht sich die Lohnsumme um 0,5 bis 0,75 betrachten könnte, wäre die Gaming Industrie.
Euro. Die Arbeitnehmer profitieren somit zu min-
destens 50 Prozent von der Steuersenkung – die- Abschließend noch ein Ausblick für die Zukunft: Was
se Entlastung wird allerdings durch die Lohnsteu- können die Unternehmen für 2019 erwarten?
er sowie die sonstigen lohnabhängigen Abgaben
geschmälert. Die restlichen 50 Prozent der nicht Wichtig für den Standort ist nun, dass Österreichs
ausgeschütteten Gewinne fließen in Investitionen. Unternehmen bei der Steuersenkung rasch Pla-
Das wiederum sichert Arbeitsplätze. nungssicherheit haben – gerade, wenn ein Signal
gegen die schwächer werdende Konjunktur gege-
Soll die Steuerreform eine reine Senkung der KöSt ben werden soll. Stabile Rahmenbedingungen sind
sein? eine elementare Voraussetzung für eine positive
Entwicklung. Unser Wohlstand wird in Zukunft noch
Zusätzlich zur spürbaren Reduktion der Körper- stärker davon abhängen, wie gut es Österreich
schaftsteuer sind der Industrie eine nachhaltige gelingt, sich im internationalen Wettbewerb als
Tarifreform der Einkommensteuer samt Abschaf- moderner Standort zu positionieren. Eine möglichst
fung der kalten Progression und das Ende für Ba- zeitnahe Entscheidung über eine Steuersenkung
gatellsteuern ein großes Anliegen. Letztere sorgen sehen wir als Industrie daher als erfolgsentschei-
meist nur für ein geringes Aufkommen, aber für dend. Der Entlastung muss mittelfristig aber eine
hohen Administrationsaufwand für die Unterneh- echte Steuerstruktur-Reform folgen. Das österrei-
men und für die Finanzverwaltung. Die Bandbreite chische Steuersystem muss langfristig effizient,
der Abschaffungskandidaten reicht von der Ab- fair und einfach werden.
Foto: ACR
schaffung der Rechtsgeschäftsgebühren über die
Werbeabgabe bis zu Schaumweinsteuer, Flugab- Interview: Stephan Scoppetta
14 industrie aktuell | 2019 | 1austrian cooperative research politik
Brückenbauer für Innovation
Die ACR – Austrian Cooperative Research hat es sich zur Aufgabe
gemacht, mit einem Netzwerk von Forschungsinstituten angewandte
Forschung und Entwicklung speziell für KMU zu betreiben.
F
orschung und Innovation sind für den Stand-
ort Österreich essenziell. Laut KMU Forschung
Österreich sind 99,6 Prozent aller heimischen
Unternehmen Klein- und Mittelständische Betrie-
be. Diese sollen verstärkt an Innovationen heran-
geführt und in ihren Innovationsbestrebungen
unterstützt werden. Die ACR nimmt dabei eine
dreifache Brückenfunktion ein: von der Wissen-
schaft zur Wirtschaft, von der Industrie und Groß-
unternehmen zu KMU und vom internationalen
zum österreichischen Innovationssystem. Über
die Kooperationen mit den KMU wird so wichtiges
Know-how in die Wirtschaft hineingetragen. Und
dort auch nutzbar gemacht.
Sonja Sheikh, stv.
„Wir betrachten es als unsere wesentlichen Ziele, Die ACR ist in sehr spezifischen Branchen tätig. So Geschäftsführerin
die KMU dabei zu unterstützen, wettbewerbsfähi- finden sich z. B. der Österreichische Kachelofenver- der ACR, bietet
maßgeschneiderte
ger zu werden, und damit indirekt natürlich auch band, die Lebensmittelversuchsanstalt oder die
Lösungen für
den Standort Österreich zu stärken. Wir nehmen Schweißtechnische Zentralanstalt unter den Insti- innovative KMU.
da die Funktion als Innovationsdienstleister zur tuten. „Genau da liegt unsere Stärke“, weiß Sheikh,
KMU ein“, so Sonja Sheikh, stv. Geschäftsführerin „Es sind eng definierte, zum Teil sehr spezifische
der ACR, über die Aufgabe der ACR. Da KMU oft Branchen, die eher im Medium-Tech oder Low-Tech
keine eigenen F&E-Abteilungen haben und auch Bereich angesiedelt sind. Aber um so wichtiger ist
meist der Zugang zu Fördermitteln oder relevanten es, darauf hinzuweisen, dass gerade aus diesen
Kooperationspartnern fehlt, setzen hier die ACR- Bereichen sehr viele Innovationen kommen und
Institute an und dienen als Enabler, „um die KMU auch sehr viele Innovationen notwendig sind. Die
bei ihren Innovationen zu unterstützen bzw. ihnen Institute betreiben in ihren sehr spezifischen Bran-
zu helfen, Barrieren und Hindernisse abzubauen“, chen natürlich state-of-the-art Forschung, die sich
so Sheikh. auch international sehen lassen kann.“
Die sechs Schwerpunkte, in denen die ACR tätig ist, Der Anspruch, den die ACR-Institute an sich haben
sind: Nachhaltiges Bauen, Umwelttechnik und er- ist der, dass sie die KMU und Start-ups genau dort
neuerbare Energie, Produkte–Prozesse–Werkstof- abholen, wo sie Hilfe brauchen und dann maßge-
fe, Lebensmittelqualität & -sicherheit, Innovation schneiderte Lösungen anbieten. Ein ganz starkes
& Wettbewerbsfähigkeit und Digitalisierung. Es sind Ziel ist es jetzt, die Tätigkeit der ACR noch weiter
insgesamt 18 ACR-Institute, aus den unterschied- publik zu machen. Sheikh: „Ich glaube, dass vielen
lichsten Branchen und Bereichen. Sheikh: „In diesen Stakeholdern in der Community aber auch vielen
sechs Schwerpunkten weist die ACR wirklich sehr KMU noch nicht so bewusst ist, was wir machen
viel Kompetenz auf, und zwar auch interdisziplinär. und leisten. Darum steht ganz oben auf der Agenda,
Sie finden innerhalb dieser Schwerpunkte nicht nur unsere Sichtbarkeit und die Bekanntheit noch mehr
ein ACR-Institut, das hier tätig ist, das Thema kann zu erhöhen.“
aus unterschiedlichen Perspektiven, Blickwinkeln
und Disziplinen heraus beleuchtet werden. Autorin: Herta Scheidinger
industrie aktuell | 2019 | 1 15Standortfaktor Strompreis: Industrie braucht
wettbewerbsfähigen Rechtsrahmen
Die Verfügbarkeit von Strom zu wettbewerbsfähigen Preisen ist ein
zentraler Standortfaktor der Industrie. Kompetitive Rahmenbedingungen,
insbesondere zum wichtigsten Handelspartner Deutschland, sind daher
ein absolutes Muss, um die Wettbewerbsfähigkeit österreichischer
Unternehmen zu sichern.
Strom-Regulierungsbehörden für eine Trennung
Strompreis auf höchstem Stand seit
der deutsch-österreichischen Strompreiszone aus-
2012
gesprochen und folgten damit einem Vorschlag der
Der österreichische Strompreisindex stieg für April Regulierungsagentur ACER. Ausschlaggebend wa-
2019 auf den höchsten Stand seit Juli 2012 und ren fehlende innerdeutsche Stromleitungen, die
liegt 51 Prozent über dem Vergleichszeitraum 2018. dazu geführt haben, dass Strom über Polen und
Gründe für den Anstieg sind erhöhte Öl-, Gas- und Tschechien nach Österreich bzw. Süddeutschland
Kohlepreise, die massiv gestiegenen CO2-Kosten geflossen ist. Basis für die seit 1. 10. 2018 getrenn-
und die Trennung der deutsch-österreichischen ten Preiszonen ist eine Einigung zwischen der
Strompreiszone per 1. 10. 2018. Strom hat mit rund Energie-Control Austria und der deutschen Bun-
98 Petajoule einen Anteil von 33 Prozent am Ge- desnetzagentur vom Mai 2017 über die Einführung
samtenergieeinsatz der Industrie (rd. 300 PJ) und eines Engpassmanagements an der deutsch-ös-
ist damit nach Gas (35 Prozent) der zweitwichtigs- terreichischen Grenze. Seit diesem Tag werden die
te Energieträger. Stromkosten schlagen massiv auf Übertragungskapazitäten auf 4.900 MW beschränkt
die Energiekosten durch, die in energieintensiven und die Kapazitäten in Form von separaten Aukti-
Branchen 10 – 15 Prozent der Produktionskosten onen vergeben. Die Kapazitätsvergabe wurde in die
betragen, mit Spitzenwerten bis zu 25 Prozent. Region Central-West integriert, die neben Deutsch-
Energieintensive Prozesse findet man insbeson- land auch die Niederlande, Belgien, Luxemburg und
dere in der Stahlindustrie, der chemischen Indust- Frankreich umfasst.
rie, der Mineralölindustrie, der Nichteisen-Metall-
industrie, der Papierindustrie, der Zement-,
Industrie durch Mehrkosten massiv
Ziegel- und Kalkindustrie, der Glasindustrie, der
belastet
Nahrungsmittelindustrie und der Holzindustrie.
Die Trennung hat wesentliche Auswirkungen auf
die Marktverhältnisse und die Preisbildung im
Preiszonentrennung führt zu
Stromhandel. Die Verringerung der in Österreich
geänderten Marktverhältnissen
verfügbaren Liquidität führt zu einem gestiege-
Der rasante Ausbau der erneuerbaren Energieträ- nen Vermarktungs- bzw. Beschaffungsrisiko
Foto: pixabay.com
ger insbesondere in Deutschland stellt das euro- sowie zu einem Anstieg der Spot- und Termin-
päische Übertragungsnetz vor große Herausforde- handelspreise, wobei die bei den Stromhändlern
rungen. 2016 haben sich die europäischen und der energieintensiven Industrie anfallenden
16 industrie aktuell | 2019 | 1strompreis politik
Mehrkosten im Wesentlichen vom Anteil der Handlungsempfehlungen und
langfristigen Terminkontrakte und dem Anteil der Forderungen
im Dayahead-Markt gehandelten Strommengen
abhängen. Die Bundessparte Industrie hat der Politik ein Maß-
nahmenpaket vorgelegt, das folgende Punkte um-
Die Hoffnungen, dass es nur zu geringen Preisun- fasst:
terschieden zwischen Österreich und Deutschland
kommen wird, haben sich bisher nicht bewahrhei- 1. Transparenz und Zweckbindung
tet: bereits im Oktober 2018 waren auf dem Spot- • Verantwortungsvolles Kostenmanagement und
markt erhebliche Differenzen zwischen Österreich maßvolle Kostenüberwälzung an die Stromkun-
und Deutschland zu beobachten, wobei der Durch- den, transparente Ausweisung entstandener
schnitt bei EUR 7/MWh lag. In weiterer Folge lagen Mehrkosten, Zweckbindung der Mittel für Netz-
die Unterschiede zwischen EUR 5/MWh und EUR ausbau, Evaluierung des Algorithmus Euphemia.
9/MWh. Im Jänner 2019 haben die Mehrkosten für
Österreich alleine an den Strombörsen den Wert 2. Entlastung bei Stromnebenkosten
von EUR 100 Millionen überschritten. Bereits Ende • Zweckbindung der ETS-Auktionserlöse und Kom-
2018 waren erste Alarmsignale sichtbar: die von pensation indirekter CO2-Kosten2
der Bundessparte Industrie und der Abteilung für • Anstieg der Netzentgelte bremsen und Netzsta-
Energie- und Umweltpolitik der WKÖ im November bilität verbessern durch verstärkte Einbindung
2018 beauftragte Umfrage in der österreichischen von Anlagen und Kraftwerken der Industrie in den
Industrie zeigte, dass bereits nach den ersten Regel- und Ausgleichsenergiemarkt und das Eng-
Stromkostensprüngen rund 20 Prozent der Unter- passmanagement, sowie Schaffung individueller
nehmen die Verlegung von Produktionsaufträgen Netztarife und Anreize für systemdienliches Ver-
in andere Staaten planen oder schon durchgeführt halten bzw. atypische Netznutzung
haben. Welche Auswirkungen die Trennung der • Prüfung einer Gesamtobergrenze für staatliche
Strompreiszone langfristig auf die Endkunden in Strompreisbelastungen gemäß der aktuellen Dis-
Industrie, Gewerbe und Haushalten und auf die so kussion in Deutschland.
wichtige Versorgungssicherheit hat, wird sich in
den kommenden Monaten zeigen. 3. Netzausbau vorantreiben
• Konsequenter Ausbau der europäischen Übertra-
gungsnetze zur Erhöhung der grenzüberschrei-
Deutscher Kohleausstieg als
tenden Stromhandelskapazitäten.
zusätzlicher Preistreiber
Im Jänner 2019 hat die von der deutschen Bun- 4. Marktnähe und Wettbewerb für
desregierung eingerichtete Kommission für Erneuerbaren-Ausbau
Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung • Kostengünstiger Ausbau heimischer Stromerzeu-
ihren Abschlussbericht1 vorgelegt. Um die Klima- gung durch marktnahe und wettbewerbliche Inst-
ziele zu erfüllen, empfiehlt die Kommission fol- rumente.
genden Ausstiegspfad: die Kapazitäten der Koh-
leverstromung sollen von derzeit 43 GW bis 2022 Autor: DI Oliver Dworak
auf 30 GW und bis 2030 auf 17 GW gesenkt wer-
den. Ab Ende 2038 soll keine Kohle mehr zur 1
Abschlussbericht der Kommission „Wachstum, Strukturwandel
Stromerzeugung genutzt werden (mögliche Vor- und Beschäftigung“, Beschluss vom 26. 1. 2019
ziehung auf 2035 durch Öffnungsklausel 2032). 2
Die Kompensation indirekter CO2-Kosten gem. Art 10 b ETS-RL
Damit fällt in Zukunft ein kostengünstiger Ener- ist EU-intern nicht harmonisiert, wird aber bereits von mehr als 10
gieträger weg; Experten erwarten dadurch Strom- Mitgliedsstaaten umgesetzt, darunter BE, DE, EL, ES, FI, FR, IT, LT,
preissteigerungen um bis zu 20 EUR/MWh. NL, SK, UK.
industrie aktuell | 2019 | 1 17Eine Senkung der Körperschaft-
steuer kurbelt die Investitionslust
an und sichert Arbeitsplätze.
KÖSt-Senkung – eine Stellschraube,
an der wir drehen müssen!
Für Unternehmen, die im Hochlohn- und Hochsteuerland Österreich
produzieren, wird es im internationalen Vergleich langsam eng. Eine
KÖSt-Senkung ist daher eine dringend nötige Maßnahme.
D
ie einen fordern sie vehement, die anderen Wettbewerbsfähigkeit. Warum nicht einmal bei
halten sie für überschätzt – ja sogar für ein einer Stellschraube, die wir wirklich drehen können
Geschenk an die Großkonzerne. Die Senkung – nämlich den KÖSt Satz – vorangehen?“ Für das
der Körperschaftsteuer beschäftigt die Österrei- Steuerreformkonzept der Bundesregierung wur-
cher. „Bundesministerin Schramböck hat kürzlich den im Vorfeld sehr viele Modelle diskutiert. Die
in der Presse gesagt, der Effekt wäre überschätzt, letzten Monate waren von intensiver Experten-
für Investitionsentscheidungen wäre der KÖSt- arbeit begleitet. „Die steuerpolitische Standortat-
Satz nur ein Faktor von vielen. Damit hat sie ja traktivität hängt an vielen Elementen, aber die
eigentlich nicht unrecht, es ist nur ein Faktor von KÖSt ist hier wesentlich. Es gibt natürlich noch
vielen, aber doch ein wichtiges Puzzleteil bei In- weitere Maßnahmen, die man treffen kann, um
den Standort steuerpolitisch attraktiver zu ma-
chen, wie z. B. ein Investitionsfreibetrag oder
Themen wie Abschreibungsdauern und Lohnne-
„Um die Industrie weiter in benkosten, um nur einige zu nennen.“, so Joachim
Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der IV OÖ.
Österreich halten zu können,
sind Investitionen dringend nötig
Fotos:Pixelmaker.at, Erich Kruegl/IV OÖ, voestalpine AG
Investitionslust ankurbeln
– gerade auch im KMU-Bereich.“
Christian Knill, Steuern allgemein schmälern als Kostenfaktor die
CEO Knill Energy Holding Gewinne von Unternehmen. „Diese sind immer wohl
zu überlegen. Höhere verfügbare Mittel aufgrund
einer Körperschaftssteuersenkung können durch-
aus einen Einflussfaktor für eine Investitionsent-
scheidung darstellen“, erklärt Robert Ottel, CFO
vestitionsentscheidungen“, so der Standpunkt von voestalpine AG. Die eine richtige Maßnahme, die
Christian Knill, CEO Knill Energy Holding, und Knill das Investitionsdilemma löst, gibt es natürlich nicht.
weiter: „Die österreichischen Unternehmen kämp- „Aber die KÖSt-Senkung ist auf alle Fälle eine ge-
fen auf vielen Fronten hart für den Erhalt der eignete Maßnahme, die Investitionen anzukurbeln.
18 industrie aktuell | 2019 | 1köst-senkung politik
„Höhere verfügbare Mittel
aufgrund einer KÖSt-Senkung
Von einer Halbierung der KÖSt-Rate auf nicht ent- können durchaus einen Einfluss-
nommene Gewinne würden laut ECO-Austria die faktor für eine Investitionsent-
Wirtschaft und die Beschäftigten massiv profitieren.
Ein Plus von 0,9 Prozent beim BIP und ein Plus von
scheidung darstellen.“
12.000 Arbeitsplätzen wären die Folge. Um die Robert Ottel,
Industrie weiter in Österreich halten zu können, CFO voestalpine AG
sind Investitionen dringend nötig – gerade im KMU-
Bereich, so Christian Knill. Spezielle Förderprogram-
me sind vorhanden und hilfreich, sie reichen aber nen besteht ist, wie schon ausgeführt, steuerlich
nicht aus, um das Problem strukturell zu lösen – das hoch belastet. „Ist es ein Geschenk, wenn wir ver-
hat die Vergangenheit gezeigt. Eine KÖSt-Senkung suchen, auf ein normales Niveau zu kommen, und
gibt den Unternehmen Mittel für diesen Bereich ist es ein Geschenk, wenn die Unternehmen trotzdem
frei, sowohl als direkte KÖSt-Senkung, als auch als immer noch im internationalen Vergleich hohe Steu-
Senkung der KÖSt auf nicht entnommene Gewinne. ern zahlen?“, fragt Christian Knill. „Eigentlich macht
sich der Bundesminister mit der Maßnahme der
KÖST-Senkung mittelfristig selbst ein Geschenk.“
Attraktivierung für den Standort
„Österreich ist eine kleine Volkswirtschaft und Und Haindl-Grutsch wird deutlich: „All diese Konzer-
braucht Standortattraktivität, um im internationalen ne, die in den Standort investieren, wie die voest-
(Steuer-)Wettbewerb zu bestehen. Daher wäre die alpine, Infineon, Magna, ABB, BMW und wie sie alle
Senkung des – derzeit im Vergleich zu anderen Län- heißen, sind in dieser Diskussion plötzlich die Feinde.
dern – hohen Ertragssteuerniveaus ein probates Das ist völlig absurd, denn gerade diese Konzerne
Instrument, Unternehmen ein global konkurrenzfä- sind die Motoren für Fortschritt, Forschung und
higeres Umfeld zu bieten“, ist Robert Ottel überzeugt. höchst attraktive Arbeitsplätze. Das ist ein völlig
Der durchschnittliche KÖSt-Satz in der EU liegt mitt- durchschaubares, billiges, populistisches Spiel, das
lerweile unter 22 Prozent. „Österreich hat heutzu- hier getrieben wird. Das ist jenseits jeglicher Realität,
tage mit seinen 25 Prozent keinen wettbewerbsfä- denn auch die Folgeeffekte sind enorm. Ein Job in
higen KÖSt -Satz mehr“, weiß Joachim Haindl-Grutsch. einem Leitbetrieb hat direkt zwei weitere in einem
Bis auf Italien haben alle Nachbarländer mittlerwei- Zulieferbetrieb oder bei der Dienstleistung zur Folge.
le niedrigere Steuersätze als Österreich. Tschechien
und Slowenien liegen bei der KÖSt unter 20 Prozent,
in Deutschland gilt seit 2008 nur ein Satz von 15
Prozent. Und in Ungarn wurde die KÖSt Anfang 2017 „Die steuerpolitische Stand-
auf neun Prozent gesenkt. Als die KÖSt hierzulande ortattraktivität hängt natürlich
von 33 auf 25 Prozent gesenkt wurde, war das ein an vielen Elementen, aber die
maßgeblicher Schritt. „Und die KÖSt-Senkung hat KÖSt ist hier wesentlich.“
damals nicht dazu geführt, dass die KÖSt-Einnahmen
Joachim Haindl-Grutsch,
gesunken sind, im Gegenteil, sie sind massiv gestie-
gen über die letzten Jahre. Eine KÖSt-Senkung fi- Geschäftsführer IV OÖ
nanziert sich zum großen Teil selbst“, so Haindl-
Grutsch weiter.
„Steuergeschenk“ an Konzerne?
Das ist Klassenkampf aus längst vergangenen Zei-
Zunächst ist das Wort „Steuergeschenk“ an sich ten, der hier ausgerufen wird.“
schon zu hinterfragen, denn der Sektor Industrie, der
zu 80 Prozent aus KMUs und nicht aus Großkonzer- Autorin: Herta Scheidinger
industrie aktuell | 2019 | 1 19Sie können auch lesen