Klimawandel, Vielfalt, Gerechtigkeit - Wie Werthaltungen unsere Einstellungen zu gesellschaftlichen Zukunftsfragen bestimmen - Bertelsmann Stiftung
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Klimawandel, Vielfalt,
Gerechtigkeit
Wie Werthaltungen unsere Einstellungen zu
gesellschaftlichen Zukunftsfragen bestimmenDas Programm „Lebendige Werte“
Wir widmen uns im Programm „Lebendige Werte“ dem gesellschaftlichen Zu-
sammenhalt und insbesondere der Rolle von Religionen und Werten für das
Zusammenleben in der vielfältigen Gesellschaft. Zu diesen Themen forschen wir
und veröffentlichen regelmäßig neue Studien aus dem Religionsmonitor und dem
Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt. Darüber hinaus sind wir mit praktischen
Projekten und Methoden in der Wertebildung aktiv und vernetzen Akteur:innen
aus der Zivilgesellschaft in unserem Themenfeld.
Wenn Sie mehr über unsere Arbeit erfahren möchten und wir
Sie regelmäßig über neue Forschungsergebnisse, Studien und
Veranstaltungen informieren sollen, bitten wir Sie, den neben-
stehenden QR-Code oder den Link zu verwenden.
http://b-sti.org/lebendigewerteKlimawandel, Vielfalt,
Gerechtigkeit
Wie Werthaltungen unsere Einstellungen zu
gesellschaftlichen Zukunftsfragen bestimmen
Dr. Yasemin El-Menouar
Dr. Kai UnzickerInhalt
Zusammenfassung 6
1. Einleitung 9
1.1 Wertemilieus 9
1.2 Klimawandel, Zusammenleben in Vielfalt und Gerechtigkeit 11
1.3 Bereitschaft zum Diskurs 11
1.4 Methodik der Studie 11
1.5 Aufbau der Studie 11
2. Haltungen zum Klimaschutz 13
2.1 Handeln oder abwarten? Der Einfluss von Wertorientierungen 14
2.2 Eine Frage der Generation? Die Rolle soziodemografischer Merkmale 15
2.3 Relativ breiter Konsens – der Einfluss von Parteipräferenzen 16
3. Zusammenleben in Vielfalt 19
3.1 Grenzen der Toleranz – das Beispiel Kopftuch 21
3.2 Vielfältige Nachbarschaft – die Wirkung von Erfahrungen 23
3.3 Bildung als Türöffner – die Rolle sozioökonomischer Faktoren 24
3.4 Liberal ist nicht gleich liberal – der Einfluss von Parteineigungen 25
4. Vorstellungen von Gerechtigkeit 27
4.1 Relative Übereinstimmung – die Perspektive der Wertemilieus 28
4.2 Was als gerecht empfunden wird – der Einfluss sozialer Lagen 30
4.3 Der Glaube an eine gerechte Welt 31
4.4 Leistungs- versus Bedarfsprinzip – Parteineigung und Gerechtigkeit 32
5. Wertehomogenität und Offenheit für Dialog 34
5.1 Grundkonsens trotz Differenzen – wie weit die eigenen Überzeugungen reichen 34
5.2 Respektvoll oder nicht – zum Umgang miteinander 36
5.3 Relative Offenheit – Einlassen auf andere Meinungen 37
6. Fazit 39
6.1 Diagnose der Polarisierung greift zu kurz 39
6.2 Bei der Ausgestaltung von Vielfalt gehen die Meinungen auseinander 40
6.3 Mehrheit findet Gesellschaft nicht gerecht 41
6.4 Materialist:innen sehen sich als Außenseiter:innen 41
6.5 Leistungsorientierte für den Wandel gewinnen 42
7. Literatur 44
Impressum 46
Literaturtipps 47
5Zusammenfassung
Hintergrund und Fragestellung Methode
der Studie
Die Berechnung der Wertemilieus basiert auf 21 Fra-
Aktuelle Debatten zu gesellschaftlichen Zukunftsfra- gen zu persönlichen Wertvorstellungen nach Shalom
gen vermitteln den Eindruck einer zunehmenden Po- Schwartz (2012) sowie auf zehn Fragen zu Persönlich-
larisierung in der Bevölkerung. Die vorliegende Studie keitseigenschaften in Anlehnung an das Big-Five-Mo-
hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Eindruck anhand der dell (Rammstedt et al. 2013). Die Antworten auf die
zentralen Themen Klimawandel, Vielfalt und Gerech- insgesamt 31 Fragen wurden in einem mehrstufigen
tigkeit zu überprüfen und zu analysieren, inwieweit statistischen Analyseverfahren geprüft. So konnten
bei diesen durchaus umstrittenen Fragen tatsächlich empirisch sieben Wertemilieus identifiziert werden.
von einem Auseinanderdriften in der Gesellschaft ge-
sprochen werden kann. Ein Fokus liegt dabei auf der Die Datengrundlage bildet eine repräsentative Bevöl-
Frage, inwieweit Werthaltungen der Menschen ihre kerungsbefragung, die in der letzten Novemberwoche
Sicht auf gesellschaftliche Grundfragen prägen. 2020 in Deutschland stattfand. Das Norstat Institut
hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung im Rah-
Analysegrundlage sind sieben Wertemilieus, die als men einer Online-Befragung 1.012 Personen quanti-
empirisches Instrument zur Beschreibung der gesell- tativ befragt. Es handelt sich um eine nicht randomi-
schaftlichen Wertepluralität dienen und Grundzüge sierte Quotenstichprobe; sie ist repräsentativ für die
unterschiedlicher Werthaltungen, die in unserer Ge- deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren nach Alter, Ge-
sellschaft vertreten werden, verdichtet wiedergeben schlecht und Bundesland. Die Stichprobe wurde an-
(El-Menouar 2021). Folgende Wertemilieus wurden hand eines Online-Access-Panels gezogen.
anhand repräsentativer Daten ermittelt: 1. kreative
Idealist:innen, 2. bescheidene Humanist:innen, 3. indi-
vidualistische Materialist:innen, 4. unbeschwerte Be- Kernergebnisse der Studie
ziehungsmenschen, 5. sicherheitsorientierte Konser-
vative, 6. leistungsorientierte Macher:innen und 7. 1. Die Diagnose einer in zwei Lager gespaltenen
unkonventionelle Selbstverwirklicher:innen. Sie sind Gesellschaft greift zu kurz. In allen drei The-
in Deutschland etwa gleich stark und quer durch die menkomplexen, die wir untersucht haben, lässt
Gesellschaft in allen Alters-, Bildungs- und Einkom- sich eine Bandbreite an Positionen identifizie-
mensschichten vertreten. Allerdings lassen sich die ren. Je nach Fragestellung werden zudem unter-
Wertemilieus durch soziodemografische Charakte- schiedliche Differenzierungslinien sichtbar, das
ristika näher beschreiben (El-Menouar und Unzicker heißt, es sind nicht immer die gleichen Personen,
2021). die gegensätzliche Meinungen vertreten. Eine
Ausnahme bilden die Materialist:innen: Sie haben
fast durchgängig eine andere Sicht auf beste-
hende Herausforderungen als die Mehrheit der
Bevölkerung.
6Zusammenfassung
2. Die Veränderungsbereitschaft für mehr Kli- Befragten abgelehnt (2 Prozent). Wenn es um das
maschutz ist groß. Insgesamt ist mit 72 Prozent Kopftuch geht, wird jedoch eine Polarisierung
die Mehrheit der Befragten der Meinung, dass quer durch alle Wertemilieus sichtbar.
wir für die Bewältigung des Klimawandels tief-
greifende gesellschaftliche und soziale Verände-
rungen brauchen; diese Ansicht zieht sich durch 4. Die Gerechtigkeitsprinzipien der Sozialen
die meisten Wertemilieus. Bei den Maßnahmen Marktwirtschaft werden von einem Großteil
gehen die Meinungen stärker auseinander. Wäh- der Befragten geteilt. Mit 85 beziehungsweise
rend die einen – vor allem die Leistungsorien- 86 Prozent stimmt die überwältigende Mehrheit
tierten mit einem Anteil von 43 Prozent – stär- der Befragten sowohl dem Leistungsprinzip – hart
ker auf den technologischen Fortschritt setzen, arbeitende Menschen sollten mehr verdienen als
gehen die anderen davon aus, dass wirksamer Kli- andere – als auch dem Bedarfsprinzip – die Ge-
maschutz nicht ohne spürbare Veränderungen sellschaft kümmert sich, unabhängig von deren
in unserem Alltagsverhalten machbar ist. Unter Leistung, um Bedürftige – zu. Diese Prinzipien
Materialist:innen ist jedoch nur eine Minderheit werden auch von den Materialist:innen mehrheit-
(43 Prozent) veränderungsbereit; in diesem Mi- lich getragen, auch wenn sie bei der Befürwortung
lieu geht mit 39 Prozent ein großer Anteil davon des Bedarfsprinzips etwas abfallen (63 Prozent).
aus, dass der Klimawandel ein natürliches Phäno- Größere Unterschiede sind bei dem Glauben an
men ist und die Natur sich selbst regeneriert. eine „gerechte Welt“ festzustellen: Während 55
Prozent der Leistungsorientierten davon ausge-
hen, dass jede und jeder das bekommt, was ihr be-
3. Beim Zusammenleben in Vielfalt geht es pri- ziehungsweise ihm zusteht, sind lediglich 24 Pro-
mär um Grenzen der Offenheit. Die vertretbare zent der Materialist:innen dieser Ansicht.
kulturelle und religiöse Vielfalt in der Gesellschaft
fassen vor allem Idealist:innen (63 Prozent) und
Humanist:innen (64 Prozent) weit und sehen den 5. Offenheit für Dialog ist trotz kontroverser De-
notwendigen Rahmen durch das Grundgesetz de- batten gegeben. Rund zwei Drittel der Befragten
finiert. Leistungsorientierte (55 Prozent) plädie- sind der Ansicht, dass die öffentlichen Debatten
ren eher für eine engere Grenzsetzung, die sich respektloser geworden sind als früher. Dies spie-
an westeuropäischen Standards orientiert. Wie- gelt sich aber nur bei einer Minderheit (20 Pro-
derum sind es die Materialist:innen, die am deut- zent) auch im privaten Umfeld wider: Hier wer-
lichsten abweichen: Unter ihnen halten insgesamt den die Diskussionen mehrheitlich als genauso
80 Prozent entweder nur eine „vertraute“ Viel- respektvoll wie früher empfunden. Grundsätz-
falt im westeuropäischen Rahmen für hinnehm- lich sind die Befragten überwiegend offen für an-
bar oder erwarten sogar eine Anpassung an eine dere Meinungen – sie diskutieren sogar gerne (43
„deutsche Leitkultur“. Vielfalt als solche wird ins- Prozent) beziehungsweise finden es gut (36 Pro-
gesamt nur von einer sehr kleinen Minderheit der zent), dass es unterschiedliche Positionen gibt.
7Zusammenfassung
Lediglich die Beziehungsmenschen sind seltener
an einem Austausch mit unterschiedlichen Po-
sitionen interessiert (25 Prozent) beziehungs-
weise haben grundsätzlich kein Interesse an ge-
sellschaftspolitischen Themen (17 Prozent). Trotz
der Kontroversen ist die Mehrheit der Befragten
der Meinung, dass die meisten Menschen in ihrem
Umfeld (rund 60 Prozent), aber auch in Deutsch-
land insgesamt (rund 60 Prozent) ähnliche
Werte teilen wie sie selbst. Eine Ausnahme bil-
den hier wiederum die Materialist:innen, die sich
nicht nur in ganz Deutschland mehrheitlich als
Außenseiter:innen sehen, sondern auch in ihrem
persönlichen Umfeld viel Gegenwind erfahren.
81. Einleitung
Moderne offene Gesellschaften zeichnen sich durch Im Umgang mit der Corona-Pandemie wurden in den
Meinungs- und Wertevielfalt aus. Der gesellschaftli- letzten Monaten einige dieser Wertefragen beson-
che Zusammenhalt erwächst in ihnen weniger aus ge- ders akut: Was wiegt schwerer: der Schutz der Ge-
teilten Traditionen oder einer breiten Einmütigkeit in sundheit oder der Erhalt wirtschaftlicher Existenzen
moralischen oder politischen Fragen. Vielmehr misst und des Wohlstands? Welches Leid hat Vorrang: das
sich dieser Zusammenhalt daran, wie gut es im Dauer- der Infizierten oder das derer, die psychisch unter
streit der demokratischen Öffentlichkeit gelingt, die Lockdown und Ausgangssperre leiden? Woran misst
vielfältigen Interessen zu koordinieren, Wertekon- man die Angemessenheit von Maßnahmen: an der Si-
flikte auszutragen und – trotz aller Differenzen – zu cherheit, die sie versprechen, oder an der Freiheit, die
allgemein akzeptierten Entscheidungen zu kommen sie einschränken? Um besser zu verstehen, wie in der
(Dubiel 1999). gesellschaftlichen Auseinandersetzung um diese Fra-
gen gerungen wird und ob das oben skizzierte Bild
Momentan hat es jedoch den Anschein, die Gesell- einer polarisierten Debatte überhaupt stimmt, haben
schaft sei zunehmend polarisiert und gerate gerade wir im letzten Jahr ein neues Forschungsinstrument
angesichts der Pandemie in eine Zerreißprobe: Jede:r entwickelt. Es liefert uns ein tieferes Verständnis der
Zweite hat den Eindruck, dass die Menschen in dieser in der Gesellschaft vorhandenen Werthaltungen und
Krise an ihren eigenen Vorteil denken, statt zu helfen, damit auch der Meinungsdifferenzen im gegenwär
zwei Drittel schätzen den Zusammenhalt als schlecht tigen Diskurs. Zunächst haben wir es fokussiert auf
ein, und ein Drittel geht davon aus, dass sich dieser in den Umgang mit der Corona-Pandemie angewendet
den nächsten fünf Jahren weiter verschlechtern wird. (El-Menouar 2021).
Das zeigt eine erste Auswertung der vorliegenden
Daten der BSt-Wertestudie 2021, die im Rahmen des
Religionsmonitors der Bertelsmann Stiftung durch 1.1 Wertemilieus
geführt wurde (siehe Kapitel 1.4 „Methodik der
Studie“). Dafür galt es zunächst herauszufinden, welche Wert-
haltungen sich überhaupt unterscheiden lassen und
Dabei steht das heutige Deutschland nicht nur ange- wie sich die Wertepluralität hierzulande darstellt. Auf
sichts der Folgen der Corona-Pandemie vor großen diese Weise konnten wir sieben zentrale Wertemi-
Herausforderungen, sondern sieht sich grundsätzlich lieus identifizieren: das der kreativen Idealist:innen,
mit gravierenden gesellschaftlichen, ökologischen, der bescheidenen Humanist:innen, der individualis-
technologischen, demografischen und mithin politi- tischen Materialist:innen, der unbeschwerten Bezie-
schen Veränderungen konfrontiert. Ob Klimawan- hungsmenschen, der sicherheitsorientierten Konser-
del oder Digitalisierung, ob Alterung oder Einwande- vativen, der leistungsorientierten Macher:innen und
rung, verbunden sind damit stets auch fundamentale der unkonventionellen Selbstverwirklicher:innen.
Wertefragen, die Menschen für sich durchaus unter-
schiedlich beantworten. Idealist:innen stehen stark für die Werte Gleichheit,
Pluralität und Nachhaltigkeit ein und verstehen sich
als Avantgarde, die meinungsstark einen an diesen
9Einleitung
Idealen orientierten gesellschaftlichen Wandel ver- wertvoller als individuelle Entfaltungsmöglichkei-
tritt oder sogar fordert. Humanist:innen sind an ähn- ten. Sicherheitsorientierte legen Wert auf die Bewah-
lichen Werten orientiert, treten aber sehr viel mode- rung bewährter Zusammenhänge und Strukturen.
rater auf. Anders als die hedonistisch eingestellten Für das Gemeinwohl, das in einem solchen sicheren
Idealist:innen stellen sie ihre eigenen Bedürfnisse zu- Umfeld fußt, übernehmen sie gerne Verantwortung.
rück – Bescheidenheit ist für sie ein wichtiger Wert. Leistungsorientierten sind Erfolg und Anerkennung
Materialist:innen legen hingegen Wert auf Wohl- sehr wichtig – dabei sind sie konservativ eingestellt,
stand und Konsum – sie möchten sich etwas leisten Traditionswahrung und ein ethisch einwandfreies
können und auf niemanden angewiesen sein. Für Be- Verhalten haben für sie einen hohen Wert. Selbstver
ziehungsorientierte zählt vor allem die Geborgen- wirklicher:innen sind darauf ausgerichtet, sich als In-
heit sozialer Beziehungen – Zugehörigkeit ist für sie dividuum stetig weiterzuentwickeln. Sie orientieren
Sieben Wertemilieus in Deutschland
kreative bescheidene individualistische unbeschwerte sicherheits- leistungs- unkonventionelle
Idealist:innen Humanist:innen Materialist:innen Beziehungs- orientierte orientierte Selbstverwirk
menschen Konservative Macher:innen licher:innen
Gleichheit Gleichheit Konsum Zugehörigkeit Sicherheit Leistung Selbstver
Pluralität Pluralität Wohlstand Geborgenheit Loyalität Einfluss wirklichung
Werthaltungen
Umweltschutz Umweltschutz Autonomie Gemeinwohl Anerkennung Veränderung
Hedonismus Bescheidenheit
idealistisch moderat misstrauisch unbeschwert konservativ konservativ unkonventionell
meinungsstark zurückhaltend pessimistisch risikobereit fürsorgend traditionell spirituell
unkonventionell konventionell optimistisch konsumkritisch
kreativ pragmatisch
18–29 Jahre 50+ 40–49 Jahre 18–29 Jahre 50+ unter 40 Jahre 60+
typische soziale Merkmale
weiblich weiblich männlich männlich
Akademike Akademike höheres niedrige Bildung hohes Einkommen geringes
r:innen r:innen Einkommen religiös Einkommen
selbstständig konfessionslos
areligiös
BÜNDNIS 90/ CDU, SPD, SPD, DIE LINKE,
ohne Partei DIE GRÜNEN AfD auch AfD FDP CDU DIE LINKE
15 % 17 % 9% 15 % 16 % 14 % 14 %
Die Prozentwerte geben den Anteil des jeweiligen Milieus in unserer Stichprobe an.
Quelle: BSt-Wertestudie 2021, Basis: N=1.012
10Einleitung
sich an postmateriellen Werten und lehnen ein an ma- homogen beziehungsweise heterogen die unter
teriellen Gütern und Konsum orientiertes Leben ab. schiedlichen Wertemilieus ihr eigenes Umfeld und
Deutschland insgesamt ansehen. Daran anschließend
Die sieben Wertemilieus sind in Deutschland etwa untersuchen wir, wie groß das Potenzial für eine of-
gleich stark und quer durch die Gesellschaft in allen fene Debatte zwischen den Angehörigen der unter
Alters-, Bildungs- und Einkommensschichten vertre- schiedlichen Milieus ist. Denn eines ist klar: Wenn wir
ten. Es lassen sich aber auch Zusammenhänge mit als Gesellschaft insgesamt nicht bereit sind, über die
sozioökonomischen Merkmalen ausmachen. Diese Grenzen des jeweiligen Milieus hinweg miteinander
tragen dazu bei, die Wertemilieus näher zu charakte- zu diskutieren, drohen die Fronten zu verhärten.
risieren. Eine ausführliche Beschreibung der Werte-
milieus und der Methodik findet sich in El-Menouar
(2021: 13–21) und soll daher an dieser Stelle nicht 1.4 Methodik der Studie
wiederholt werden.
Grundlage der hier vorliegenden Studie ist eine Be-
fragung von 1.012 Personen ab 18 Jahren im Novem-
1.2 Klimawandel, Zusammenleben ber 2020 durch das Norstat Institut im Auftrag der
in Vielfalt und Gerechtigkeit Bertelsmann Stiftung. Es handelt sich um eine nicht
randomisierte Quotenstichprobe; sie ist repräsenta-
In der hier vorliegenden Studie wenden wir das ana- tiv für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren nach
lytische Werkzeug dieser sieben Wertemilieus an, Alter, Geschlecht und Bundesland. Die Stichprobe
um drei Themenkomplexe etwas genauer zu beleuch- wurde anhand eines Online-Access-Panels gezogen.
ten, in denen Werthaltungen eine zentrale Rolle spie- Die Panel-Teilnehmer:innen sind dabei sowohl online
len. Wir untersuchen die Auseinandersetzung um den als auch offline im Rahmen von repräsentativen Tele-
Klimawandel, die Debatte um das Zusammenleben in fonbefragungen rekrutiert worden. Durch eine Reihe
kultureller Vielfalt und den Streit um Gerechtigkeit. von unterschiedlichen Rekrutierungsmethoden wur-
Wie man zu jedem dieser drei Themen steht, hängt den Verzerrungen minimiert. Hochgebildete sind in
eben nicht nur von der sozialen Lage, dem Geschlecht der Stichprobe jedoch überrepräsentiert.
oder der kulturellen oder religiösen Zugehörigkeit ab.
Auch unterschiedliche Werthaltungen spielen hierbei
eine entscheidende Rolle. 1.5 Aufbau der Studie
Das zeigt sich beispielsweise bei der Frage, ob zur Be- Die Studie gliedert sich in fünf Abschnitte, wobei sich
kämpfung des Klimawandels jetzt ein radikaler Kurs- die direkt anschließenden drei Abschnitte jeweils
wechsel dringend nötig ist oder nicht. Die dahinter- einem Themenkomplex widmen: Klimawandel,
liegenden Werthaltungen lassen erkennen, dass die Zusammenleben in Vielfalt sowie Gerechtigkeit. In
Bevölkerung keineswegs nur in zwei große Lager ge- jedem dieser Abschnitte betrachten wir, wie sich die
spalten ist, die sich konfrontativ gegenüberstehen, Perspektiven auf die zentralen Fragestellungen in
sondern es werden unterschiedliche Facetten erkenn dem jeweiligen Themenfeld anhand der Wertemilieus
bar. In eben diesem Meinungsspektrum liegen Ansatz- ausdifferenzieren. Parallel wird überprüft, ob sozio-
punkte für konstruktiven Streit und lösungsorientierte demografische Faktoren ebenfalls einen Effekt auf
Verständigung. die Einstellungen zu den genannten Themen haben.
Im vierten Abschnitt beleuchten wir die Frage, wie
groß die Offenheit für einen Austausch mit anderen
1.3 Bereitschaft zum Diskurs Meinungen und Haltungen in den sieben Wertemili-
eus ausgeprägt ist. Das abschließende Kapitel fasst
Ergänzend zu den drei Themenfeldern, denen wir die Ergebnisse zusammen und leitet daraus Hand-
uns in dieser Studie widmen, betrachten wir, als wie lungsempfehlungen ab.
11Haltungen zum Klimaschutz 12
2. Haltungen zum Klimaschutz
Das richtungsweisende Klima-Urteil des Bundesver- wusstseins hinsichtlich der Folgen des Klimawandels
fassungsgerichts (2021) hat die zentrale Bedeutung werden in der Debatte über die daraus erwachsenden
des Klimaschutzes für den Zusammenhalt der Gesell- Handlungskonsequenzen sehr unterschiedliche Po-
schaft eindrücklich unterstrichen. Die Klimapolitik sitionen vertreten. Während die einen radikale Maß-
muss nun im Sinne des Staatsziels „Schutz der Lebens- nahmen etwa im Verkehrssektor und in der Energie-
grundlagen“ (Artikel 20a des Grundgesetzes) konse- versorgung fordern, gehen andere davon aus, dass
quenter gestaltet werden, um die jüngere Generation sich die Natur auch ohne Eingreifen des Menschen
in ihren Freiheitsrechten nicht unverhältnismäßig zu regenerieren kann. Wiederum andere sind der Mei-
beeinträchtigen. nung, der technologische Fortschritt werde die Um-
weltprobleme lösen können, ohne dass dies die Le-
Seit etwa 2018 hat der Klimaschutz in den öffentli- bensgewohnheiten der Menschen berühren muss.
chen Debatten in Deutschland wieder eine deutlich
prominentere Rolle eingenommen. Gründe dafür Insofern kommt es nicht nur darauf an, dass der Kli-
dürften die ungewöhnlich trockenen Jahre 2018 und mawandel als Problem erkannt wird. Was zählt, ist
2019 und die in Deutschland besonders präsente zugleich die Bereitschaft der Bürger:innen, politische
„Fridays for Future“-Bewegung sein. Auch die Umfra- Maßnahmen mitzutragen, die mit tiefgreifenden Ver-
gen belegen, dass der Klimaschutz für die Deutschen änderungen im Alltag jeder und jedes Einzelnen ein-
deutlich an Bedeutung gewonnen hat. In der jüngsten hergehen. Die Politik ist somit herausgefordert, nicht
Umfrage des Bundesumweltamtes von 2019 stuften nur wirkungsvolle Maßnahmen zu entwickeln, son-
68 Prozent der Befragten das Thema als sehr wich- dern auch die Bevölkerung bei deren Durchsetzung
tige Herausforderung ein (Schipperges 2020). Drei mitzunehmen.
Jahre zuvor waren es noch 53 Prozent. Klimaschutz
liegt damit inzwischen gleichauf mit den beiden ande- Um die unterschiedlichen Haltungen zum Klimawan-
ren Top-Themen Bildung (65 Prozent) und soziale Ge- del zu erfassen, haben wir drei unterschiedliche
rechtigkeit (63 Prozent). Auch wenn die öffentliche Positionen abgefragt, die sich in ihrer Besorgnis hin-
Wahrnehmung des Klimaschutzes gegenwärtig durch sichtlich des Klimawandels sowie in der darauf basie-
den Fokus auf die Corona-Pandemie überlagert wird, renden Veränderungsbereitschaft unterscheiden.
kann von einem ausgeprägten gesellschaftlichen Pro-
blembewusstsein in Bezug auf den Klimawandel und Erhoben wurde der Grad der Zustimmung zu folgen-
deren Folgen ausgegangen werden. den drei Aussagen:
Um den Klimawandel nachhaltig aufhalten zu kön- •
Es müssen keine großen Anstrengungen unter-
nen, sind, so resümiert es der letzte Weltklimabericht nommen werden, weil der Klimawandel ein natür-
(IPPC 2018), tiefgreifende Veränderungen in allen liches Phänomen ist und die Natur sich selbst
Gesellschaftsbereichen notwendig. Derartige Maß- regeneriert.
nahmen müssen von der Breite der Bevölkerung ge-
tragen sein. Trotz des inzwischen verbreiteten Be-
13Haltungen zum Klimaschutz
•
Mit zunehmendem technologischem Fortschritt Insgesamt sind 22 Prozent der Befragten – also mehr
werden wir auch den Klimawandel bewältigen, als jede:r Fünfte – der Meinung, der Klimawandel
ohne dass wir unser Leben groß ändern müssen. sei ein natürliches Phänomen und könne sich daher
selbst regenerieren. Die sieben Wertemilieus unter
•
Um den Klimawandel zu bewältigen, brauchen scheiden sich dabei teils deutlich in ihrer Einschät
wir in Deutschland tiefgreifende gesellschaftliche zung: Während es unter Humanist:innen, Idealist:in
und soziale Veränderungen. nen und Sicherheitsorientierten gerade einmal 15
Prozent oder weniger sind, die an die Resilienz der
Natur glauben, beträgt dieser Anteil unter Bezie-
2.1 Handeln oder abwarten? hungsmenschen und Leistungsorientierten rund 30
Der Einfluss von Prozent – und unter Materialist:innen denken mit 39
Wertorientierungen Prozent sogar zwei von fünf so. Die größte Diskre-
panz ist mit einer Zustimmungsdifferenz von 26 Pro-
Studien zufolge sind es vor allem Werthaltungen und zentpunkten zwischen Sicherheitsorientierten und
Weltanschauungen sowie politische Orientierungen, Materialist:innen festzustellen.
die Einstellungen zum Klimaschutz beeinflussen
(Hoffman 2015; Hornsey 2016; Droste und Wendt Etwas höher ist der Anteil derer, die der Meinung
2021). Im Folgenden analysieren wir daher die Zu- sind, der technologische Fortschritt werde die Prob-
stimmung der sieben Wertemilieus zu den oben ge- leme des Klimawandels lösen, ohne dass wir als Ge-
nannten drei Positionen und überprüfen, inwieweit sellschaft unser Leben verändern müssen. Insgesamt
sie sich in Bezug auf Haltungen zum Klimawandel stimmt mit 27 Prozent mehr als jede:r vierte Befragte
unterscheiden. dieser Aussage zu. Die geringste Zustimmung findet
ABBILDUNG 1 Sieben Wertemilieus und ihre Einstellungen zum Klimawandel (Zustimmung in Prozent)
100
90
80
78 78
70 74 73 75 72
69
60
50 43
40 31 43
39 27
30 23
19 19 29 17 32
20 22
19
10 15 15 13
0
Idealist:innen Humanist:innen Materialist:innen Beziehungs- Sicherheits- Leistungs- Selbstverwirk- Gesamt
menschen orientierte orientierte licher:innen
Es ist ein tiefgreifender Wandel der Gesellschaft erforderlich. Der technische Fortschritt wird die Probleme lösen.
Die Natur regeneriert sich selbst.
Zustimmung (stimme voll und ganz zu / stimme eher zu) in Prozent zu den drei Aussagen „Es müssen keine großen Anstrengungen unter
nommen werden, weil der Klimawandel ein natürliches Phänomen ist und die Natur sich selbst regeneriert“, „Mit zunehmendem techno
logischem Fortschritt werden wir auch den Klimawandel bewältigen, ohne dass wir unser Leben groß ändern müssen“, „Um den Klima
wandel zu bewältigen, brauchen wir in Deutschland tiefgreifende gesellschaftliche und soziale Veränderungen“.
Quelle: BSt-Wertestudie 2021, Basis: N=1.012
14Haltungen zum Klimaschutz
sich dabei unter Sicherheitsorientierten mit einem Weniger überraschend ist die nach vorne gerichtete,
Anteil von rund 17 Prozent; vergleichsweise hohe veränderungsbereite Haltung unter den Humanist:in
Zustimmung finden sich wiederum unter Leistungs- nen und Idealist:innen. Eine höchst ambivalente Hal-
orientierten und Materialist:innen: In beiden Werte- tung vertreten dagegen die Leistungsorientierten, die
milieus sind es mit jeweils 43 Prozent recht große sich durchaus im Klaren darüber sind, dass der Kli-
Anteile, die bei der Bewältigung des Klimawandels mawandel ohne tiefgreifende Veränderungen im All-
auf den technischen Fortschritt setzen. tag jeder und jedes Einzelnen kaum aufzuhalten sein
wird. Dennoch setzen sie zugleich darauf, dass der
Insgesamt gibt es aber einen breiten Konsens, dass technologische Fortschritt oder aber die Natur selbst
der Klimawandel nicht ohne einen tiefgreifenden ge- eine Lösung herbeiführen wird, was es ihnen erlaubt,
sellschaftlichen und sozialen Wandel bewältigt wer- solange es geht am Status quo festzuhalten.
den kann: Mit 72 Prozent sind fast drei Viertel der
Befragten dieser Meinung. Im Vergleich der sieben
Wertemilieus fällt der Konsens aber teilweise weni- 2.2 Eine Frage der Generation?
ger eindeutig aus. Die Materialist:innen zeigen die Die Rolle soziodemogra
geringste Veränderungsbereitschaft: 43 Prozent der fischer Merkmale
Befragten in diesem Milieu bejahen die Notwendig-
keit eines Wandels; damit ist diese Meinung hier nicht Die Aufmerksamkeit, die die „Fridays for Future“-
mehrheitsfähig. Das ist in keinem anderen Wertemi- Bewegung erfährt, hat den Eindruck hinterlassen,
lieu der Fall. Die Diskrepanz zu den Humanist:innen Klimawandel und Klimaschutz bewegten vor allem
und Sicherheitsorientierten, die die größte Dringlich- die jüngeren Generationen in Deutschland. Die Er-
keit des Handelns sehen, ist mit 35 Prozentpunkten gebnisse unserer Studie zeigen jedoch, dass das Alter
besonders drastisch. bei der Wahrnehmung des Klimawandels und der
Bereitschaft zu tiefgreifenden Veränderungen keine
In der Zusammenschau lässt sich festhalten, dass vor signifikante Rolle spielt. In der Gruppe der 16- bis
allem Materialist:innen den Konsens nicht mittragen, 29-Jährigen sind mit 79 Prozent zwar mehr Men-
dass ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel schen als im Durchschnitt (72 Prozent) der Meinung,
nötig ist, um den Klimawandel aufzuhalten. Sie glau- dass tiefgreifende Veränderungen nötig sind. Aber
ben entweder an die Regenerationskraft der Natur auffällige Differenzen zwischen den Generationen
oder setzen auf den technologischen Fortschritt, sind zeigen sich nicht. Klimaschutz ist offenbar ein Anlie-
aber vergleichsweise wenig bereit, klimapolitisch mo- gen, das alle Altersgruppen verbindet.
tivierte gesellschaftliche Veränderungen mitzutragen.
Die gegenteilige Haltung verkörpern die Sicherheits- Die Betrachtung weiterer sozioökonomischer Fakto-
orientierten: Hier ist die Bereitschaft zu tiefgreifen- ren lässt erkennen, dass einzig der Bildungsgrad einen
den Maßnahmen besonders stark ausgeprägt und nur signifikanten, aber mäßigen Effekt auf die Haltungen
wenige glauben an eine sich selbst regenerierende zum Klimawandel hat. So sind Befragte mit einem
Natur oder technologische Wege zur Bewältigung niedrigen Bildungsniveau eher der Meinung, die
des Klimawandels. Das liegt auf den ersten Blick nicht Natur könne sich selbst regenerieren (32 Prozent).
nahe, da die sicherheitsorientierte Werthaltung sich Unter Befragten mit Hochschulreife halbiert sich die-
eher durch ein Festhalten an Bestehendem und Kon- ser Anteil und beträgt nur noch 16 Prozent. Unter
servatismus auszeichnet. Aber gerade dieser Wunsch den Niedriggebildeten setzen zudem mit 34 Prozent
nach Bewahrung und die Sorge, dass die natürlichen überdurchschnittlich viele auf den technischen Fort-
Lebensgrundlagen auf unserem Planeten langfristig schritt. Höher Gebildete sind zudem eher der Mei-
zerstört werden könnten, scheinen hier eine ausge- nung, dass ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wan-
prägte Veränderungsbereitschaft zu aktivieren. del erforderlich ist (76 Prozent). In der Gruppe mit
15Haltungen zum Klimaschutz
ABBILDUNG 2 Einstellungen zum Klimawandel nach Bildungsniveau (Zustimmung in Prozent)
16
Die Natur regeneriert sich selbst. 26
32
25
Der technische Fortschritt wird die Probleme lösen. 27
34
76
Es ist ein tiefgreifender Wandel der Gesellschaft erforderlich. 68
70
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
hohes Bildungsniveau mittleres Bildungsniveau niedriges Bildungsniveau
Niedriges Bildungsniveau entspricht max. Hauptschulabschluss, mittleres Bildungsniveau reicht von mittlerer Reife bis Fachhochschulreife
und hohes Bildungsniveau umfasst Hochschulreife bzw. Abitur.
Quelle: BSt-Wertestudie 2021, Basis: N=1.012
mittlerem Bildungsgrad liegt dieser Anteil bei 68 Pro- den. Dass sich dies inzwischen deutlich verändert
zent, unter den Niedriggebildeten bei 70 Prozent. hat, lässt auch eine Aufschlüsselung unserer Studien
ergebnisse nach Parteineigung erkennen. Demnach
Offenbar fördert ein höherer Bildungsgrad eine dif- spielt das Thema Klimaschutz, wenig überraschend,
ferenziertere Auseinandersetzung mit den komple- vor allem für Anhänger:innen der GRÜNEN eine zen-
xen Zusammenhängen der globalen Erderwärmung. trale Rolle – von ihnen sind 92 Prozent der Meinung,
Auf der anderen Seite spricht die relativ hohe Zu- dass es tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderun-
stimmung in allen Bildungsgruppen dafür, dass Auf- gen bedarf, um den Klimawandel aufzuhalten. Hier
klärungskampagnen, die die Klimafolgen allgemein kommen auch Erwartungen an die Politik zum Aus-
verständlich erläutern, auch weniger Informierte er- druck. Unter den Anhängerinnen und Anhängern
reichen können. der Partei DIE LINKE (86 Prozent) – aber auch der
SPD (81 Prozent) – sind die Werte ebenfalls über-
Insgesamt zeigen die Analysen jedoch, dass der Ein- durchschnittlich hoch. Selbst Befragte, die der CDU/
fluss sozioökonomischer Faktoren auf die Haltungen CSU zugeneigt sind, sprechen sich mit großer Mehr-
zum Klimaschutz eher gering ist. Damit bestätigen die heit (73 Prozent) für Veränderungen und damit kon-
Ergebnisse dieser Untersuchung die Befunde anderer sequentes politisches Handeln aus. Aus diesem re-
Studien zum Thema (Poortinga et al. 2018; Droste lativ parteiübergreifenden Konsens fallen vor allem
und Wendt 2021). Anhänger:innen der AfD heraus: Von ihnen zeigt nicht
einmal ein Drittel eine grundlegende Veränderungs-
bereitschaft, dem Klimawandel zu begegnen. Das ent-
2.3 Relativ breiter Konsens – der spricht der Rhetorik der Partei, die den menschen-
Einfluss von Parteipräferenzen gemachten Klimawandel in Zweifel zieht und ihren
Wählerinnen und Wählern vermittelt, dass sie ihren
In den öffentlichen Debatten der letzten Jahre wurde gewohnten Lebensstil nicht ändern müssen. Folglich
der Klimaschutz vor allem als Anliegen des linken po- finden hier die Haltung, die Natur könne sich selbst
litischen Spektrums eingeordnet und insbesondere regenerieren, und der Glaube an den technologischen
mit der Partei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN verbun- Fortschritt viel Zuspruch.
16Haltungen zum Klimaschutz
ABBILDUNG 3 Einstellungen zum Klimawandel nach Parteineigung (Zustimmung in Prozent)
100
90 92
80 86
81
70 73 62 72
60 51
50 55
40 32 46
30
27
30 32 30 18
20 23 13
20 22
10 13
9
0
CDU/CSU SPD AfD FDP DIE LINKE BÜNDNIS 90/ Gesamt
DIE GRÜNEN
Es ist ein tiefgreifender Wandel der Gesellschaft erforderlich. Der technische Fortschritt wird die Probleme lösen.
Die Natur regeneriert sich selbst.
Zustimmung (stimme voll und ganz zu / stimme eher zu) in Prozent zu den drei Aussagen „Es müssen keine großen Anstrengungen unter
nommen werden, weil der Klimawandel ein natürliches Phänomen ist und die Natur sich selbst regeneriert“, „Mit zunehmendem techno
logischem Fortschritt werden wir auch den Klimawandel bewältigen, ohne dass wir unser Leben groß ändern müssen“ und „Um den Klima
wandel zu bewältigen, brauchen wir in Deutschland tiefgreifende gesellschaftliche und soziale Veränderungen“.
Quelle: BSt-Wertestudie 2021, Basis: N=1.012
Eine mittlere und tendenziell gespaltene Position
nehmen Befragte ein, die der FDP zuneigen. Rund
die Hälfte von ihnen sieht tiefgreifende Veränderun-
gen als erforderlich an; die andere Hälfte setzt hinge-
gen auf technologischen Fortschritt zur Bewältigung
der Klimakrise und zeigt eine geringe Veränderungs-
bereitschaft. Auch diejenigen, die den Klimawandel
für ein natürliches Phänomen halten und davon aus-
gehen, die Natur werde sich selbst regenerieren, sind
unter den FDP-Anhängerinnen und -Anhängern mit
30 Prozent vergleichsweise stark vertreten.
Eine genauere Analyse der FDP-Anhänger:innen, die
eine tiefgreifende ökologische Modernisierung be-
fürworten, lässt zudem erkennen, dass nicht alle das
Gleiche damit meinen. Rund die Hälfte von ihnen
versteht unter dem geforderten gesellschaftlichen
Wandel eben jenen technologiegetriebenen Innova-
tionsprozess und sieht somit zwischen beiden Ant-
wortmöglichkeiten keinen grundsätzlichen Wider-
spruch.
17Zusammenleben in Vielfalt 18
3. Zusammenleben in Vielfalt
Globalisierung und Zuwanderung haben in den In der vorliegenden Befragung haben wir diesen letz-
vergangenen Jahrzehnten dazu beigetragen, dass ten Aspekt weiter differenziert und danach gefragt,
Deutschland vielfältiger geworden ist: Hier leben inwieweit die kulturelle Anpassung mit der Vorstel-
Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen und lung einer Leitkultur als Maßstab verbunden wird.
religiöser Überzeugungen, unterschiedlicher Her- Außerdem analysieren wir genauer, welche Rolle per-
kunft und kultureller Traditionen zusammen. Diese sönliche Werthaltungen bei den Vorstellungen eines
Vielfalt wird zunehmend als gesellschaftliche Norma- gelingenden Zusammenlebens spielen.
lität anerkannt. Das belegt etwa der jüngste Radar
gesellschaftlicher Zusammenhalt, der eine Zunahme Die Befragten konnten den folgenden Aussagen auf
der Akzeptanz von Diversität in den Jahren 2017 bis einer vierstufigen Skala „voll und ganz“, „eher“, „eher
2020 feststellt (Brand, Follmer und Unzicker 2020). nicht“ oder „gar nicht“ zustimmen:
Die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Pew Re-
search Center (Silver et al. 2021) zeigen, dass die •
Gesetze alleine reichen nicht. Unsere deutschen
Deutschen ihre nationale Identität immer weniger Traditionen, die deutsche Kultur sollte Richt-
restriktiv verstehen. In Deutschland halten es heute schnur sein für alle.
nur noch 25 Prozent der Befragten für notwendig,
tatsächlich im Land geboren zu sein, um deutsch zu •
Zu viel Vielfalt gefährdet den Zusammenhalt.
sein; 2016 waren es noch 34 Prozent. Zugleich ist die
Offenheit für Veränderungen gestiegen: 59 Prozent •
Vielfalt sollte vornehmlich aus dem westlichen
der Befragten stimmen inzwischen der Aussage zu, Kulturkreis kommen.
dass Deutschland in Zukunft besser dastehen wird,
wenn das Land in seinen Traditionen und Lebensfor- •
Solange sich alle im Rahmen des Grundgesetzes
men offen für Veränderungen ist. bewegen, kann ein Zusammenleben in Vielfalt
gelingen.
Ergebnisse des Religionsmonitors zum Zusammenleben
in kultureller Vielfalt (Benoit, El-Menouar und Helbling •
Wenn wir uns auf für alle verbindliche Regelun-
2018) bestätigen diese Befunde. Sie belegen, dass sich gen einigen können, haben wir eine gute Grund-
die Vorstellungen der Menschen über ein gelingendes lage für gesellschaftliche Vielfalt.
Zusammenleben in Vielfalt im Generationenverlauf
verändern. So wünschen sich die unter 25-Jährigen •
Wir müssen offen sein für die Vielfalt der Men-
in Deutschland, egal ob mit oder ohne Migrationsge- schen, ihre Herkunft, Kultur und Religion, und
schichte, bereits heute mehrheitlich (55 Prozent) ein darauf Rücksicht nehmen. Es kommt auf Respekt
stärkeres Zusammenwachsen der Kulturen. Insgesamt und Anerkennung an.
spricht sich allerdings lediglich rund ein Drittel der Be-
fragten für ein Zusammenwachsen aus, und es domi- Für die Auswertung wurden jeweils drei dieser Aus
niert mit 52 Prozent die Vorstellung, dass sich die Ein sagen zu einem Index zusammengefasst: Ein Index
gewanderten kulturell an die Mehrheit anpassen. (gebildet aus den ersten drei Aussagen) misst den
19Zusammenleben in Vielfalt
ABBILDUNG 4 Vier Vorstellungen von Zusammenleben in Vielfalt
Zustimmung zu einer leitkulturellen Anpassung
– +
Offenheit für
+ Offenheit für breite Vielfalt
eingeschränkte Vielfalt
Zustimmung zu
einem offenen
Vielfaltsverständnis
Offenheit für
– Ablehnung von Vielfalt
angepasste Vielfalt
Quelle: eigene Darstellung
Grad der Zustimmung zu einer leitkulturellen Anpas- mehr ethnisch beziehungsweise mit Abstam-
sung. Der zweite Index (gebildet aus den letzten drei mungskriterien begründet. Auch Menschen mit
Aussagen) liefert die Messgrundlage für ein Verständ- Migrationsbezügen können Teil dieser Gesell-
nis von Vielfalt, dem primär durch das Grundgesetz ein schaft sein, wenn sie sich an das deutsche Ideal
Rahmen gesetzt ist und bei dem es vor allem um ge- anpassen.
genseitige Anerkennung und Respekt geht. Durch die
Kombination der beiden Indizes in ihren unterschied 4. Ablehnung von Vielfalt: Gesellschaftliche Viel-
lichen Ausprägungen werden vier Vorstellungen von falt ist in dieser Sichtweise nicht vorgesehen.
gelingendem Zusammenleben in Vielfalt sichtbar:
Die Ergebnisse zeigen, dass fast die Hälfte (48 Pro-
1. Offenheit für breite Vielfalt: Unterschiedliche zent) und damit der größte Teil der Befragten für eine
religiöse und kulturelle Traditionen werden aner- breite Vielfalt offen ist. Dicht darauf folgt die Aner-
kannt, solange sie sich im Rahmen der Verfassung kennung einer eingeschränkten Vielfalt mit einem An-
bewegen. Innerhalb dieses Rahmens gibt es keine teil von 40 Prozent. Die Vorstellung einer angepass-
Anpassungserwartungen. Gegenseitiger Respekt ten Vielfalt vertritt nur eine Minderheit (9 Prozent).
und wechselseitige Anerkennung werden als Verschwindend gering ist mit 2 Prozent der Anteil
Grundpfeiler eines gelingenden Zusammenlebens derer, die sich gegen eine vielfältige Gesellschaft aus-
angesehen. sprechen. Auch unserer Studie zufolge erkennt also
eine große Mehrheit der Menschen hierzulande an,
2. Offenheit für eingeschränkte Vielfalt: Hier dass Deutschland ein vielfältiges Einwanderungsland
stellt der grundgesetzliche Rahmen zwar eine ist. Unterschiedliche Meinungen gibt es allerdings in
notwendige, aber noch keine hinreichende Be- Bezug auf die Frage, was mit dieser Vielfalt gemeint
dingung für ein gelingendes Zusammenleben dar. ist und ob die Ausprägung einer vielfältigen Gesell-
Daher wird hier für eine „vertraute“ Vielfalt plä- schaft stärker gesteuert werden sollte.
diert, die sich an hiesigen Traditionen orientiert
und im westeuropäischen Kontext bewegt. Inwieweit die Wahrnehmung von gesellschaftlicher
Vielfalt durch persönliche Werthaltungen geprägt
3. Offenheit für angepasste Vielfalt: Nach dieser wird, illustriert Abbildung 5. Hier werden zum Teil
Vorstellung ist nach wie vor eine homogene Ge- deutliche Differenzen zwischen den unterschied
sellschaft das Ideal; allerdings wird dieses nicht lichen Wertemilieus sichtbar.
20Zusammenleben in Vielfalt
ABBILDUNG 5 Sieben Wertemilieus und ihre Offenheit gegenüber kultureller Vielfalt (in Prozent)
Idealist:innen 63 33 4
Humanist:innen 64 28 8 1
Materialist:innen 18 42 38 2
Beziehungsmenschen 36 48 9 7
Sicherheitsorientierte 50 42 7 1
Leistungsorientierte 38 55 4 3
Selbstverwirklicher:innen 54 36 7 2
Gesamt 48 40 9 2
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
offen für breite Vielfalt offen für eingeschränkte Vielfalt offen für angepasste Vielfalt nicht offen für Vielfalt
Zu den vier unterschiedlichen Kategorien von Offenheit für Vielfalt und wie sie gebildet wurden siehe S. 19 f., insbesondere Abbildung 4.
Die Werte summieren sich aufgrund von Rundungen nicht in jedem Fall auf 100 Prozent.
Quelle: BSt-Wertestudie 2021, Basis: N=1.012
Wenig überraschend plädieren vor allem die Idealis Beziehungsmenschen und Leistungsorientierte ste-
t:innen und Humanist:innen für eine Anerkennung von hen einer Offenheit für kulturelle Vielfalt ebenfalls
religiöser und kultureller Diversität; jeweils rund zwei skeptisch gegenüber. Auch sie sind der Meinung, dass
Drittel der Befragten in diesen Gruppen sind offen eine eingeschränkte Vielfalt besser handhabbar und
für eine breite Vielfalt. Aber auch Selbstverwirkliche daher über den gesetzlichen Rahmen hinaus ein Wer-
r:innen und Sicherheitsorientierte zeigen sich mehr- terahmen im Sinne einer Leitkultur geboten ist.
heitlich offen dafür. Am wenigsten teilen diese Sicht-
weise die Materialist:innen; von ihnen gehen lediglich
18 Prozent davon aus, dass ein Zusammenleben in Viel- 3.1 Grenzen der Toleranz – das
falt gelingen kann, wenn unterschiedlichen Kulturen Beispiel Kopftuch
und Religionen ein möglichst großer Freiraum im Rah-
men der Verfassung gewährt wird. Im materialistischen Die dargestellten Befunde machen deutlich, dass es
Wertemilieu sind zwei Vorstellungen dominant und fast bei der Debatte um gesellschaftliche Vielfalt weni-
gleichauf vertreten: zum einen die Überzeugung, dass ger um eine Entweder-oder-Option geht. Vielmehr
ein Zusammenleben lediglich in eingeschränkter Viel- lässt sich ein Spektrum an Meinungen ausmachen,
falt – also mit Menschen, die zwar unterschiedliche Mi- innerhalb dessen abgestufte Schwellen von Toleranz
grationsbezüge aufweisen, sich aber kulturell recht unterscheidbar sind. Dies belegen auch die Studien
ähnlich sind – gelingen kann (42 Prozent). Zum anderen des Religionsmonitors. Insgesamt weisen dessen Er-
sind in diesem Milieu restriktivere Einstellungen zu ge- gebnisse darauf hin, dass die Anerkennung von Viel-
sellschaftlicher Vielfalt verbreitet: 38 Prozent sind der falt für viele Menschen vor allem bei sichtbar nach
Meinung, dass ein Zusammenleben nur gelingen kann, außen gelebter Religion deutliche Grenzen findet
wenn sich Eingewanderte an die hiesige Kultur und Tra- (Bertelsmann Stiftung 2019).
ditionen anpassen. Zu viel Vielfalt schwäche dagegen
den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
21Zusammenleben in Vielfalt
Ein Beispiel ist das Kopftuch von Musliminnen, über nehmen. Weitere 30 Prozent erkennen das Kopftuch
das in Deutschland seit mehr als 20 Jahren gestritten als Teil gesellschaftlicher Normalität auch bei Kinder-
wird. Dabei wird es nur von rund einem Drittel der gärtnerinnen an.
hier lebenden Musliminnen tatsächlich immer in der
Öffentlichkeit getragen (Pfündel, Stichs und Tanis Differenziert nach Wertemilieus ergibt sich folgen-
2021, 119). Trotzdem bildet dieses Stück Stoff eine des Bild: Lediglich die Materialist:innen sprechen sich
Projektionsfläche für generelle Vorurteile gegenüber deutlich gegen das Kopftuch aus; fast zwei Drittel
dem Islam. Damit ist das Kopftuch in Deutschland lehnen es grundsätzlich ab und weitere 17 Prozent
nicht nur zu einem Symbol des Misstrauens gegen- sind dagegen, dass Kinder in Betreuungseinrichtun-
über Muslim:innen geworden, sondern auch ein kon- gen auf diese Weise mit Religion konfrontiert wer-
kreter Anlass für Diskriminierungen der Frauen, etwa den. Am ehesten befürwortet wird das Kopftuch
bei der Wohnungs- oder Stellensuche (Weichselbau- von Humanist:innen und Idealist:innen; hier sind je-
mer 2016). Einer pauschalen Kritik an der Sichtbar- weils rund 40 Prozent der Meinung, dass in einer of-
keit praktizierter Religiosität steht die Überzeugung fenen Gesellschaft selbstverständlich auch Frauen
gegenüber, dass öffentlich gelebte Religion auch Teil mit Kopftuch in Kindergärten arbeiten sollten. Etwas
der pluralistischen Gesellschaft ist und sein sollte. Sie mehr als 20 Prozent sagen jeweils, dass das Kopftuch
kann dazu beitragen, dass religiöse Vielfalt stärker als zumindest hinzunehmen ist. In allen anderen Werte-
gesellschaftliche Normalität wahrgenommen wird. milieus halten sich Ablehnung und Befürwortung die
Insofern wird im Folgenden auch nach den Einstel Waage. Die Polarisierung bei dieser Frage lässt sich
lungen zum islamischen Kopftuch in den unterschied- also nicht allein auf gesamtgesellschaftlicher Ebene
lichen Wertemilieus gefragt. ausmachen, sondern zieht sich durch sämtliche Be-
völkerungsgruppen – auch durch Milieus, die grund
Dabei haben wir bewusst auf Debatten zum Kopftuch legende Wertvorstellungen miteinander teilen.
in der Arbeitswelt Bezug genommen, um den Maß-
stab relativ hoch anzusetzen. So haben wir danach Während die persönliche Werthaltung eine entschei-
gefragt, inwieweit aus Sicht der Befragten bei Kinder dende Rolle für die grundsätzliche Offenheit und den
gärtnerinnen in nicht staatlichen1 Betreuungseinrich- Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt spielt, ist vor
tungen das Kopftuch erlaubt sein sollte. Hierbei fallen allem das Alter entscheidend bei der Frage, wie in-
die Antworten insgesamt, aber auch in den verschie- klusiv das Vielfaltsverständnis in einer offenen Ge-
denen Wertemilieus wenig eindeutig aus. sellschaft gefasst wird. So sind es insbesondere die
jüngsten Befragten, die das Kopftuch auch in Betreu-
Insgesamt lassen sich die Befragten in zwei relativ ungseinrichtungen befürworten – es also entweder
gleich große Gruppen teilen, von denen die eine das tolerieren oder sogar anerkennen. Insgesamt spre-
Kopftuch (eher) befürwortet, die andere es (eher) chen sich unter den 18- bis 29-Jährigen drei von vier
ablehnt: 29 Prozent lehnen es grundsätzlich ab, und Befragten für das Kopftuch aus. Vermutlich spielen
jede:r Fünfte vertritt eine eher laizistische Sichtweise, hierbei persönliche Erfahrungen eine große Rolle. Die
wonach Kinder in einer Bildungseinrichtung nicht in jüngere Generation ist in einer vielfältigen Gesell-
der Weise mit Religion konfrontiert werden sollten. schaft aufgewachsen, in der das islamische Kopftuch
Auf der anderen Seite plädieren 21 Prozent für eine längst zum selbstverständlichen Alltag gehört. Auch
tolerante Haltung und sind der Meinung, man müsse Altersgenossinnen tragen es, die nicht fremd, sondern
das Selbstbestimmungsrecht von Frauen akzeptieren beispielsweise Mitschülerin oder Kommilitonin sind.
und das Kopftuch auch bei Kindergärtnerinnen hin- Solche sozialen Kontakte erleichtern es, individuelle
Entscheidungen für das Kopftuch nachzuvollziehen
1 In staatlichen Einrichtungen spielen Fragen der staatlichen und sich von pauschalen Vorstellungen zu lösen.
Neutralität eine Rolle; um diese beiden Debatten nicht zu
vermengen, haben wir hier bewusst nach nicht staatlichen
Einrichtungen gefragt.
22Zusammenleben in Vielfalt
ABBILDUNG 6 S
ieben Wertemilieus und ihre Haltungen zum Kopftuch bei Kindergärtnerinnen in freien Einrichtungen
(in Prozent)
Idealist:innen 41 21 16 22
Humanist:innen 39 22 20 19
Materialist:innen 6 14 17 63
Beziehungsmenschen 27 23 19 31
Sicherheitsorientierte 33 22 20 25
Leistungsorientierte 23 25 25 27
Selbstverwirklicher:innen 31 19 21 29
Gesamt 30 21 20 29
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
Das Kopftuch ist Teil der gesellschaftlichen Normalität. (Anerkennung) Das Kopftuch sollte man auch bei Kindergärtnerinnen hinnehmen. (Toleranz)
Das Kopftuch lehne ich bei Kindergärtnerinnen ab, nicht im Privatleben. (Laizismus) Das Kopftuch lehne ich grundsätzlich ab. (Ablehnung)
Die Werte summieren sich aufgrund von Rundungen nicht in jedem Fall auf 100 Prozent.
Quelle: BSt-Wertestudie 2021, Basis: N=1.012
3.2 Vielfältige Nachbarschaft – schätzen; die andere Befragte, die ihr Wohnumfeld
die Wirkung von Erfahrungen als überdurchschnittlich vielfältig einschätzen. Die in
Abbildung 7 dargestellten Ergebnisse zeigen, wie sich
Dem Einfluss von Erfahrungen wollen wir im Folgen- in den unterschiedlichen Wertemilieus die Offenheit
den weiter nachgehen. Eine kürzlich erschienene für eine breite Vielfalt (siehe oben) unterscheidet – je
Studie des Woolf Institute (Hargreaves et al. 2020) nachdem, wie vielfältig ihr Wohnumfeld ist.
zur ethnischen, nationalen und religiösen Vielfalt in
England und Wales kommt zu dem Ergebnis, dass die Insgesamt wird deutlich, dass die Offenheit für eine
Bewertung gesellschaftlicher Vielfalt stark davon ab- breite Vielfalt tatsächlich zunimmt, wenn Befragte ihr
hängt, ob die eigene Wohngegend vielfältig ist und als persönliches Wohnumfeld als vielfältig erleben – der
vielfältig wahrgenommen wird. Dann fallen die Ein- Anteil steigt von 45 Prozent auf 51 Prozent. Der Blick
stellungen zur gesamtgesellschaftlichen Vielfalt deut- auf die einzelnen Wertemilieus lässt jedoch erkennen,
lich positiver aus. Die Forscherinnen und Forscher dass sich dieses Muster nicht gleichermaßen durch
deuten die Ergebnisse dahin gehend, dass freund- alle Milieus zieht. Der beschriebene Effekt zeigt sich
schaftliche Kontakte in der Nachbarschaft dazu bei- vor allem in den Wertemilieus, deren Weltsicht be-
tragen, Vorurteile abzubauen. reits durch eine grundsätzliche Offenheit anderen
Menschen und Kulturen gegenüber geprägt ist. So
Deswegen richten wir jetzt den Blick auf die Frage, steigt die Zustimmung zu einem weit gefassten Tole
welchen Einfluss die Wahrnehmung der Vielfalt im ranzverständnis unter Humanist:innen, Selbstver
eigenen Wohnumfeld in den unterschiedlichen Wer- wirklicher:innen und auch Sicherheitsorientierten
temilieus hat. Dafür haben wir die Befragten in zwei um jeweils rund 10 Prozentpunkte an, wenn sie ihre
Gruppen unterteilt: Die eine umfasst Befragte, die ihr Werte durch persönliche Erfahrungen im eigenen
Wohnumfeld als unterdurchschnittlich vielfältig ein- Umfeld bestätigt sehen. Überraschend ist, dass auch
23Zusammenleben in Vielfalt
ABBILDUNG 7 Offenheit für eine breite Vielfalt nach Vielfalt im eigenen Wohnumfeld (in Prozent)
100
90
80
69
70 62 64
58 59
60 54
49 51
50 43 45 45
37 39
40
30
30 22
20
10
10
0
Idealist:innen Humanist:innen Materialist:innen Beziehungs- Sicherheits- Leistungs- Selbstverwirk- Gesamt
menschen orientierte orientierte licher:innen
überdurschnittlich vielfältiges Wohnumfeld unterdurchschnittlich vielfältiges Wohnumfeld
Zu den vier unterschiedlichen Kategorien von Offenheit für Vielfalt und wie sie gebildet wurden siehe S. 19 f., insbesondere Abbildung 4.
Die Vielfalt des Wohnumfelds wurde mit folgender Frage erhoben: „Nun zu einem anderen Thema. Deutschland zeichnet sich heute durch
eine gesellschaftliche Vielfalt aus. Menschen aus unterschiedlichen Ländern, unterschiedlicher Kultur und Religion leben hier zusammen.
Wenn Sie nun an Ihren eigenen Wohnort denken: Wie vielfältig ist Ihr Wohnumfeld?“; Antwortskala: 0 = „gar nicht vielfältig“ bis 10 = „sehr
vielfältig“; Kategorien: Befragte, die ihr Wohnumfeld als überdurchschnittlich/unterdurchschnittlich vielfältig bewerten (Abweichungen
vom Mittelwert)
Quelle: BSt-Wertestudie 2021, Basis: N=1.012
Beziehungsmenschen deutlich offener für Vielfalt schen, die ihr Umfeld als vielfältig bezeichnen, einer
sind, wenn sie diese in ihrem persönlichen Wohnum- breiten Vielfalt noch skeptischer gegenüber. Unter
feld erleben. Hier steigt der Anteil sogar um 13 Pro- ihnen sinkt der Wert deutlich von 22 auf 10 Prozent.
zentpunkte von 30 auf 43 Prozent an. Dies unter-
mauert erneut, wie wichtig soziale Kontakte und Diese Befunde untermauern erneut, dass die Wert-
persönliche Erfahrungen gerade für die Einstellungen haltungen persönliche Erfahrungen einordnen und
der Beziehungsmenschen sind. Für sie spielen prin- rahmen; Menschen, die ohnehin eine große Offenheit
zipielle Werthaltungen eine geringere Rolle bei der gegenüber Vielfalt mitbringen, fühlen sich durch per-
Wahrnehmung der Welt. sönliche Erfahrungen positiv, solche mit einer reser-
vierten Haltung negativ bestärkt. Für Wertemilieus,
Anders stellt sich der Zusammenhang von Erfahrun- für die die persönlichen Haltungen stark handlungs-
gen und Einstellungen zu Vielfalt bei den stark durch leitend sind, bleiben jedoch auf persönliche Erfahrun-
Werte getriebenen Idealist:innen und Leistungsorien- gen abzielende Maßnahmen wirkungslos.
tierten dar. In beiden Milieus spielt die Vielfältigkeit
des Wohnumfelds für die Offenheit gegenüber brei-
ter Vielfalt keine Rolle. Das lässt den Schluss zu, dass 3.3 Bildung als Türöffner – die
diese beiden Milieus ihre Haltungen weniger von ein- Rolle sozioökonomischer
zelnen persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen ab- Faktoren
hängig machen, die ja gleichermaßen positiv wie ne-
gativ sein können. Alter, Einkommen und auch die Region spielen unse-
ren Analysen zufolge keine signifikante Rolle bei der
Auch für Materialist:innen spielt die persönliche Frage, wie die Menschen auf das Thema Vielfalt bli-
Werthaltung eine entscheidende Rolle bei der Wahr- cken und wie offen sie dafür sind. Allein die Bildung
nehmung von Vielfalt: In diesem Milieu stehen Men- zeigt einen signifikanten Effekt: Mit zunehmender
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