KVJS Aktuell - Mit neuen Geschäftsideen Corona trotzen Den Landes-rahmenvertrag mit Leben füllen

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KVJS Aktuell - Mit neuen Geschäftsideen Corona trotzen Den Landes-rahmenvertrag mit Leben füllen
KVJS Aktuell                                            04/20

Integration

Mit neuen Geschäftsideen
Corona trotzen                Seite 14

KVJS               Soziales              Fortbildung
Den Landes-        KVJS unterstützt      Neues Design
rahmenvertrag      Kreise bei der        und viele
mit Leben füllen   Sozialplanung         Highlights
Seite 4            Seite 10              Seite 25
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Impressum

                 KVJS aktuell
                 Oktober 2020
                 Herausgeber:
                 Kommunalverband für Jugend
                 und Soziales Baden-Württemberg
                 Öffentlichkeitsarbeit
                 Lindenspürstraße 39
                 70176 Stuttgart
                 www.kvjs.de

                 Verantwortlich:
                 Kristina Reisinger

                 Redaktion:
                 Monika Kleusch

                 Titelfoto:
                 Thomas Brenner

                 Layout:
                 www.mees-zacke.de

                 Bestellungen und Adressänderungen:
                 Telefon 0711 6375-208
                 publikationen@kvjs.de

                 Druck:
                 Texdat-Service gGmbH,
                 Weinheim

                                               Redaktioneller Hinweis:
                                               Wir bitten um Verständnis, dass aus
                                               Gründen der Lesbarkeit auf eine durch-
                                               gängige Nennung der weiblichen und
                                               männlichen Bezeichnungen verzichtet
                                               wird. Selbstverständlich beziehen sich
                                               die Texte in gleicher Weise auf Frauen,
                                               Männer und Diverse.

2 KVJS aktuell                                                                      4/2020
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KVJS

                    Inhaltsverzeichnis

  KVJS
                    4 Landesrahmenvertrag: KVJS unterstützt mit Infoveranstaltungen
                    5 Im Gespräch mit dem Ministerium: Verbandsleitung sucht gemeinsame Wege
                    6 Netzwerken. Teilhabe stärken.
                    7 Quartiersakademie: Erste Fortbildungsangebote
                    7 Nichts verpassen mit „Mein KVJS“

  HABILA
                    8 Tannenhof Ulm optimiert Umgang mit schwierigen Klienten

  SOZIALES
                   10 KVJS unterstützt Kreise bei der Sozialplanung
                   12 Online-Besichtigungen in der „Werkstatt Wohnen“

  INTEGRATION
                   13 Das Integrationsamt und die Auswirkungen von Corona
                   14 Zwei Inklusionsunternehmen entwickeln zeitgemäße Geschäftsideen
                   16 Behindertenfreundlicher Arbeitgeber: Oftersheim verwaltet inklusiv
                   17 Lohnsicherung für Beschäftigte der Werkstätten für behinderte Menschen
                   18 Neue Info-App für Schwerbehindertenvertretungen
                   18 Neuer Referatsleiter in Karlsruhe

  JUGEND
                   19 Neue Pandemieregeln sichern Qualität in der Kindertagesbetreuung
                   20 FASD-Hilfe Stuttgart informiert und klärt auf

  FORSCHUNG
                   22 Forschungsprojekt belegt Wirksamkeit von Wohnangeboten der Sozialpsychiatrie
                   23 Kurzzeitpflege: Neues KVJS-Forschungsvorhaben untersucht Bedarf

  FORTBILDUNG
                   25 KVJS-Fortbildung in neuem Design und mit vielen Highlights

  NEU ERSCHIENEN
                   27 Beim KVJS erschienen

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KVJS

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Den Landesrahmenvertrag mit Leben füllen
KVJS unterstützt mit Infoveranstaltungen

Die Verhandlungen zum Landesrahmenvertrag SGB IX sind abgeschlossen. Jetzt hat
der KVJS mit einer ersten Informationsveranstaltung den Grundstein gelegt für einen
regelmäßigen Austausch mit den Kreisen.

Der Landesrahmenvertrag SGB IX ist ein bedeu-          noch unsichere Schätzung der Mehrkosten sowie
tender Schritt in der Umsetzung der dritten            die komplexe Umstellung der sozialen Teilhabe.
Reformstufe des Bundesteilhabegesetzes (BTHG).         Eva Dargel und Rouven Wrtal sprachen über zen-
Er soll zum 1. Januar 2021 in Kraft treten. In einer   trale Aspekte der Sozialen Teilhabe, der Teilhabe
ersten Informationsveranstaltung haben Fachleute       am Arbeitsleben und über Grundsätze der Vergü-
des KVJS sowie des Städte- und Landkreistags den       tung. Auch die Wirtschaftlichkeits- und Qualitäts-
Sozialdezernenten der Landkreise und Sozial-           prüfung, Steuerungsmöglichkeiten vor Ort und
amtsleitungen der Stadtkreise die wichtigsten          neue Strukturen zur Umsetzung in den Kreisen
Eckpunkte erläutert. Die vereinbarten Eckpunkte        waren Thema. Die Tagungsunterlagen finden Sie
müssen nun noch in den Gremien der Verhand-            als Download im Mitgliederbereich.
lungspartner beschlossen werden.
                                                       Gezielte Infoveranstaltungen
Trotz Corona konnte die Veranstaltung mit Rück-        Um die Träger der Eingliederungshilfe zu unter-
sicht auf die aktuellen Abstands- und Hygiene-         stützen, finden seit September Informationsrun-
vorschriften in Gültstein stattfinden und bildete      den auf unterschiedlichen Ebenen statt. Diese sind
sowohl mit den Vorträgen im Tagungsraum als            nach Zielgruppen oder Themenschwerpunkten
auch beim Essen im Freien Gelegenheit zum              aufgebaut und bieten die Möglichkeit, konkrete
persönlichen Austausch. Die Veranstaltung ist der      Details, praktische Fragestellungen sowie das
Auftakt zu regelmäßigen crossmedialen Info-Ver-        Zusammenspiel von Teilhabeplanung und Finan-
anstaltungen.                                          zierung zu besprechen. Dazu werden Empfeh-
                                                       lungen und Handreichungen für die Umsetzung
Sozialdezernent Frank Stahl gab zusammen mit           vor Ort zur Verfügung gestellt. Außerdem sollen
Mitarbeitern der Dezernate einen Überblick und         künftig regelmäßig digitale Live-Chats über die
erste finanzielle Einschätzungen zum neuen Rah-        KVJS-Homepage für Leitungskräfte angeboten
menvertrag. Stahl verdeutlichte insbesondere die       werden.

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KVJS

Wie auch im Rahmen des bisherigen Verhand-            kreistag, KVJS, der Landesbehindertenbeauftrag-
lungsprozesses wird das Dezernat Soziales des         ten sowie Vertretern der Leistungserbringer hatte
KVJS dabei eine zentrale Rolle einnehmen. Als         sich zuvor auf Eckpunkte eines Vertrags geeinigt,
Kompetenz- und Dienstleistungszentrum steht           Nun müssen diese den Gremien der Verhand-
der Verband den 44 Stadt- und Landkreisen auch        lungspartner beschlossen werden. Der Landesrah-
weiterhin mit fachlicher Expertise zur Seite.         menvertrag bildet die Grundlage für die künftigen
                                                      Leistungen für Menschen mit Behinderungen
Die Dokumentation der Infoveranstaltungen ist         nach dem BTHG. Im Mittelpunkt steht deren
im KVJS-Mitgliederbereich unter www.kvjs.de/          individueller Bedarf für ein gleichberechtigtes und
KVJS-SPW2 abrufbar. Loggen Sie sich vor Abruf mit     selbstbestimmtes Leben durch personenzentrierte
Ihrem Benutzernamen und Kennwort ein.                 Leistungen.

Hintergrund                                                           Autor Kristina Reisinger / Eva Dargel
Eine vom Ministerium für Soziales und Integration
moderierte Arbeitsgruppe aus Städtetag, Land-

In eine Richtung laufen
Im Gespräch mit dem Ministerium: Verbandsleitung sucht gemeinsame Wege

Regelmäßig tauscht sich die KVJS Verbandsleitung      Karl-Friedrich Ernst. Durch die Corona Pandemie
mit dem Ministerium für Soziales und Integration      seien die zuletzt bereits rückläufigen Einnahmen
aus. Im Juli standen insbesondere der Landesrah-      erneut stark eingebrochen. Dem stünden höhere
menvertrag BTHG, die Quartiersakademie und die        Ausgaben als Nothilfen entgegen, weshalb man
problematische Entwicklung der Ausgleichsab-          jetzt die Ausgaben besonders im Blick haben
gabe im Fokus.                                        muss. „Auch das Programm ‚Arbeit inklusiv‘ sowie
                                                      die institutionelle Förderung von Werkstätten
Die langen Verhandlungen zum Landesrahmen-            müssen auf den Prüfstand“, forderte er. Dem
vertrag BTHG waren zentrales Thema des letzten        pflichteten die Vertreter des Ministeriums bei,
Treffens: „Wir wollten immer ein gemeinsames          allerdings müsse man diskutieren, wie es im Detail
Ergebnis“, sagte Frank Stahl. „Dafür haben wir        aussehen könne.
zuletzt viele Dinge zu lange diskutiert.“ Ende Juli
hatten sich die Vertragspartner endlich geeinigt      Für die Jugendhilfekosten für UMA hat der KVJS
(siehe dazu S. 4). Auch müsse bald Klarheit erzielt   kürzlich eine Kostenprognose erstellt: Noch immer
werden, inwieweit sich die höheren Einkommens-        stehen politische Zusagen im Raum, dass das Land
und Vermögensgrenzen auf die Inanspruchnahme          sie vollumfänglich übernimmt. Doch erneut wollte
von EGH-Leistungen auswirken und welche Mehr-         das Ministerium keine Zusagen machen. Für die
kosten durch diese gesetzliche Regelung entste-       Übernahme der Landesweiten Ombudsstelle
hen, ergänzte Verbandsidirektorin Kristin Schwarz.    dankten und lobten die Vertreter des Ministeriums
                                                      das Engagement des KVJS.
Über Entwicklungen der Ausgleichsabgabe
berichtete der Leiter des KVJS Integrationsamtes                                   Autor Kristina Reisinger

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KVJS

Fachlicher Austausch für die Stärkung der Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Fotos: Julia Holzwarth

Netzwerken. Teilhabe stärken.
KVJS mit kommunalen Behindertenbeauftragten im Gespräch

Verbandsdirektorin Kristin Schwarz begrüßte im Juli die kommunalen Behinderten-
beauftragten der Region Stuttgart. Gemeinsam mit Fachkräften des KVJS informierte
sie über die Rolle und Aufgabe des Verbands bei der Stärkung der Teilhabe von
­Menschen mit Behinderung.

Christian Gerle vom KVJS stellte die aktuellen För-                wirke, sei momentan noch nicht absehbar, so Ernst.
derprogramme in der Behindertenhilfe vor und wies                  Die Krise deutlich zu spüren bekämen ebenfalls die
auf die neuen Schwerpunkte hin. Kristin Schwarz                    92 Inklusionsbetriebe in Baden-Württemberg. Der
betonte in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit                     Leiter des Integrationsamts betonte in dem Zusam-
dezentraler Kooperationen. Die Beteiligten identi-                 menhang die Wichtigkeit der finanziellen Unterstüt-
fizierten den dringenden Bedarf spezieller Wohn-                   zung während der Pandemie. Betroffen sind auch
bauprogramme, die sich gezielt an Menschen mit                     Beschäftigte in den Werkstätten für Menschen mit
Behinderung richten und gesellschaftliche Teilhabe                 Behinderung. Eine kurzfristige Fördermaßnahme soll
fördern.                                                           das Absinken der Löhne soweit als möglich kompen-
                                                                   sieren. Hierfür hat das Team innerhalb kürzester Zeit
Dezernent Karl-Friedrich Ernst informierte über                    die Voraussetzungen der Antragstellung geschaffen,
Unterstützung des Integrationsamts für Arbeitge-                   die bis 31. August möglich war.
ber und Arbeitnehmer mit Schwerbehinderung.
Auch die Auswirkungen der Corona-Krise auf die                     Dr. Andrea Keller richtete den Blick auf das Thema
Ausgleichsabgabe waren Thema. Diese Abgabe                         Fortbildung zur Förderung der Quartiersentwick-
leisten Betriebe, die die vorgeschriebene Zahl von                 lung. Die Leiterin der KVJS-Koordinierungsstelle
schwerbehinderten Menschen nicht beschäftigen.                     stellte die Quartiersakademie als Baustein der Lan-
Bereits vor Corona überstiegen die Ausgaben die                    desstrategie „Quartier 2030 – Gemeinsam.Gestalten“
Einnahmen in der
Ausgleichsabgabe.
Mehraufwen-
dungen wurden
seitdem durch die
noch vorhandenen
Rücklagen gedeckt.
Inwieweit sich die
aktuelle Situation
auf die weitere Kos-
tenentwicklung aus-
                                            Karl-Friedrich Ernst   Dr. Andrea Keller

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KVJS

vor und fasste Aufgaben und Ziele der Koordinie-      dertenbeauftragten planen, sich in Kürze als Landes-
rungsstelle zusammen.                                 arbeitsgemeinschaft beim Städte- und Landkreistag
                                                      zu konstituieren. Auch in Zukunft ist eine fachliche
Expertise gewünscht                                   Zusammenarbeit gewünscht: Der KVJS bot an,
An dem Austausch beteiligten sich Dr. Eckart Bohn,    sich mit Inputs zu Fachthemen einzubringen. Die
Behindertenbeauftragter aus dem Landkreis Lud-        Interessenvertreter begrüßten die Beteiligung und
wigsburg sowie Marlis Haller (Landkreis Esslingen),   sahen dies als Chance für die Weiterentwicklung des
Reinhard Hackl (Landkreis Böblingen) und Roland       Arbeitsfeldes.
Noller (Rems-Murr-Kreis). Die kommunalen Behin-                                      Autor Julia Holzwarth

Qualifiziert ins Quartier:
Erste Fortbildungsangebote
Die Koordinierungsstelle der Quartiersakademie        Der KVJS hat Anfang des Jahres die Koordinierung
beim KVJS bietet auf ihrer Website die ersten Ver-    der Quartiersakademie im Auftrag des Landes
anstaltungshinweise und Qualifizierungsmöglich-       übernommen. Die Koordinierungsstelle bringt
keiten für das Themenfeld Quartiersentwicklung        bereits existierende Angebote im Land zusammen
an. Sie können sich zu Veranstaltungen anmelden       und entwickelt sie weiter.
sowie finanzielle Förderung aus Mitteln des Minis-
teriums für Soziales und Integration des Landes       Kontakt für Fragen und Informationen:
Baden-Württemberg beantragen.                         Andrea Keller
                                                      E-Mail: Andrea.Keller@kvjs.de oder
Wir freuen uns auf Ihren Besuch unserer Website       info@quartiersakademie.de
www.quartiersakademie.de.                             Telefon: 0711 6375-317

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Seit Anfang des Jahres können Sie mit dem Ange-
bot „Mein KVJS“ Ihre persönliche KVJS-Website
selbst zusammenstellen. Einzelne Themenberei-
che und Unterthemen lassen sich nach individuel-
len Wünschen mit wenigen Klicks hinzufügen oder
entfernen. So ist es möglich, schneller zu den für
Sie relevanten Informationen zu gelangen.

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Profitieren Sie ab sofort auch vom Benachrichti-
gungs-Service. Sie werden per E-Mail informiert,
wenn neue Inhalte aus Ihren gewählten Themen-
bereichen zur Verfügung stehen. Registrieren Sie
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                                                      Foto: Mees+Zacke

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HABILA

Positive Verhaltensunterstützung: „Why not“?
Tannenhof Ulm optimiert Umgang mit schwierigen Klienten

In einer mehrtägigen Fortbildung zeigte Prof. Dr. Georg Theunissen den Mitarbeitenden
des Tannenhofs Ulm (Habila) Ideen und Methoden zur Verbesserung der Lebensqualität.
„Schwerwiegend herausfordernde Verhaltens-                        denen auch Teile des Tannenhofs zählen. Prof.
weisen“: In der Vergangenheit wurden sie häufig                   Theunissen hat an der Entwicklung des Konzepts,
als unvermeidliche Begleiterscheinungen einer                     das in der internationalen Fachwelt als „Positive
Behinderung oder Erkrankung betrachtet. Prof.                     Behavioural Support (PBS)“ bekannt ist, entschei-
Georg Theunissen, einer der führenden Heil- und                   dend mitgewirkt. Inhaltlicher Kern ist die Feststel-
Sonderpädagogen im deutschsprachigen Raum,                        lung, dass sich herausforderndes Verhalten deut-
setzt dieser Sichtweise das Konzept der „Positiven                lich vermindern lässt, wenn die Lebensqualität der
Verhaltensunterstützung (PVU)“ entgegen.                          Betroffenen verbessert wird.

Sie widmet sich dem Umgang mit Menschen in                        Es gehe also darum, so Prof. Theunissen, andere
intensiv betreuten Unterbringungsformen, zu                       Wege zu eröffnen, auf denen Betroffenen ihre

 Prof. Dr. Georg Theunissen zu Besuch im Tannenhof in Ulm. Foto: Klaus Günthner

8 KVJS aktuell                                                                                                 4/2020
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HABILA

Bedürfnisse befriedigen können. Um die genann-
ten Ziele zu erreichen, schlägt der Experte Bau-
steine für eine entsprechende Konzeption vor:

• In den Wohnungen sollten nicht mehr als sechs
  Personen zusammenwohnen, besser weniger
• Wahlmöglichkeiten, wo immer es geht: Beim
                                                    Arbeitsgruppe mit Habila-Mitarbeitenden. Foto: Patrizia Franz
  Essen, bei der Kleidung, im Tagesablauf und bei
  der Auswahl der Beschäftigungsmöglichkeiten
• Prinzip der persönlichen Assistenz                • Nutzung des Sozialraums für den alltäglichen
• Mitwirkung der Klienten bei der häuslichen          Bedarf, beim gemeinsamen Einkauf fürs Haus
  Selbstversorgung, der Versorgung der Haus-          wie auch beim begleiteten Einkauf von Gegen-
  tiere, der Pflege der Gartenanlage und damit        ständen des persönlichen Bedarfs
  gleichzeitig das Angebot sinnvoller Beschäfti-
  gungsmöglichkeiten                                Einige Bausteine sind im Konzept der Habila
                                                    bereits realisiert, wie eine Wohnumgebung, in der
                                                    die Bewohner ihren individuellen Lebensstil ver-
Tannenhof-Gebäudeensemble (oben) und Eingang zum
Bauerngarten. Fotos: Klaus Günthner                 wirklichen können. Auf dieser Grundlage kommen
                                                    dann Ideen für gruppenbezogene und individu-
                                                    elle Interventionen zum Tragen.

                                                    Mit einem geeigneten Wohn- und Gruppenkon-
                                                    zept könnten die weitaus meisten Menschen mit
                                                    herausfordernden Verhaltensweisen erreicht wer-
                                                    den, dennoch werde es auch Bedarf an pädagogi-
                                                    scher Einzelhilfe geben, sagte Theunissen. Dabei
                                                    gehe es vor allem um die Erstellung eines Unter-
                                                    stützungsplans, für den Angehörige, Assistenzleis-
                                                    tende, Fachdienste und ehrenamtliche Helfer ein
                                                    Netzwerk bilden und den gesamten Alltag mit sei-
                                                    nen Aufgaben, Anforderungen, Personen, Umge-
                                                    bungsbedingungen und körperlichen Befindlich-
                                                    keiten in Bezug setzen zu den Bedingungen und
                                                    Folgen des herausfordernden Verhaltens.

                                                    Mit dem anvisierten Neubau in Ulm, in dem
                                                    wesentlich kleinere Wohnungen für jeweils vier
                                                    Personen vorgesehen sind, würde der Tannenhof
                                                    einen großen Schritt vorankommen, um die Vor-
                                                    aussetzungen für eine erfolgreiche Anwendung
                                                    der positiven Verhaltensunterstützung zu schaf-
                                                    fen. Doch auch jetzt schon werden zumindest ein-
                                                    zelne Elemente dieses Konzepts in der täglichen
                                                    Praxis erprobt.

                                                                                             Autor Klaus Bühler

4/2020                                                                                           KVJS aktuell 9
KVJS Aktuell - Mit neuen Geschäftsideen Corona trotzen Den Landes-rahmenvertrag mit Leben füllen
Soziales

Lebenswelten zukunftsfähig gestalten
KVJS unterstützt Kreise bei der Sozialplanung

Um Senioren und Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben zu
ermöglichen, sollten Angebote auf individuelle Bedarfe zugeschnittenen sein und
flächendeckend zur Verfügung stehen. Die Kommunale Teilhabeplanung und Senio-
renplanung unterstützt bei der Weiterentwicklung der Angebotslandschaft.

Der KVJS begleitet die Stadt- und Landkreise in       für Menschen mit Behinderung des Alb-Donau-
Baden-Württemberg bereits seit mehr als zehn          Kreises sowie des Landkreises Konstanz.
Jahren bei dieser Aufgabe. Auf Wunsch unter-
stützt er bei der Erstellung von Teilhabeplänen für   Je nach Bedarf begleitet der KVJS einzelne Teilbe-
Menschen mit geistiger Behinderung, psychischer       reiche oder die komplette kommunale Teilhabe-
Erkrankung sowie bei der Entwicklung von Senio-       planung. Sie gilt als zentrales Instrument, das mit
renplänen. Die Kernkompetenz des Verbands ist         Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonven-
die empirische Erhebung, Auswertung und Inter-        tion noch stärker an Bedeutung gewonnen hat:
pretation der Daten sowie die fachliche Expertise.    „Um Inklusion von Menschen mit Behinderung
                                                      in allen Lebensbereichen mit Leben zu füllen,
Durch eine breite Beteiligung an diesem Prozess       müssen die Angebote der Behinderten- und Ein-
werden alle Interessen und Ideen berücksich-          gliederungshilfe stetig weiterentwickelt werden.
tigt. Daher sind neben zahlreichen Akteuren           Die Teilhabeplanung ist hierfür ein wichtiger
auch Betroffene und Angehörige involviert. Um         Baustein und schafft die Basis für eine verlässliche
die kommunale Versorgungs- und Infrastruktur          und aktuelle Sozialplanung“, fasst Julia Linden-
weiterentwickeln zu können, beinhalten die Pläne      maier, Leiterin des Referats „Teilhabe und Soziales“,
neben Ist- und Bedarfsanalysen auch konkrete          zusammen.
Handlungsempfehlungen: Ausgehend von der
Situation im jeweiligen Kreis entwickeln die Pro-     Im Rahmen der Teilhabepläne für Menschen mit
jektbeteiligten konkrete Vorschläge als Entschei-     geistiger und mehrfacher Behinderung werden
dungsgrundlage für Politik und Verwaltung. Das        zunächst bestehende Angebote aus allen wich-
Angebot des KVJS wird stark nachgefragt.              tigen Lebensbereichen erfasst. Dazu zählen das
                                                      Leben im Alter sowie Frühförderung, Kindertages-
Inklusion fördern                                     betreuung und Schule, Wohnen, Arbeit, Freizeit
Nahezu die Hälfte der Kreise hat mit Unterstüt-       und Mobilität. Für die Bestandserhebung und
zung des Verbands Teilhabepläne für geistig           Vorausberechnung zukünftiger Bedarfe verfügt
behinderte Menschen sowie für Menschen mit            der KVJS über fundierte Instrumente, die er an die
psychischer Erkrankung umgesetzt. Jüngstes            individuellen Bedingungen des jeweiligen Kreises
Beispiel für letztere Personengruppe ist der          anpasst. Anschließend werden die Ergebnisse
Teilhabeplan des Ortenaukreises, der im Mai 2020      fachlich eingeordnet und mit landesweiten Daten
veröffentlicht wurde. Einige Kreise haben die         verglichen.
ersten Pläne bereits aktualisiert. Fortschreibungen
ermöglichen es, die aktuelle Situation und die        Die Teilhabepläne für Menschen mit psychischer
Umsetzung von Maßnahmen mit der Entwicklung           Erkrankung und wesentlicher seelischer Behinde-
der letzten Jahre zu vergleichen und zu analysie-     rung fokussieren Angebote der Eingliederungs-
ren. Dazu zählen beispielsweise die Teilhabepläne     hilfe und Hilfe zur Pflege. Auch die Dienstleistun-

10 KVJS aktuell                                                                                     4/2020
Soziales

gen des Gemeindepsychiatrischen Verbundes              Jeder Stadt- und Landkreis hat eigene Anforde-
sowie der medizinisch-psychiatrische Bereich und       rungen und Vorstellungen. Für die Ausgestal-
das Umfeld der Eingliederungshilfe werden ein-         tung kommunaler Seniorenpläne stehen daher
bezogen. Schnittstellen zur Wohnungslosenhilfe         verschiedene Module zur Verfügung, die je nach
und der Jugendhilfeplanung werden ebenfalls            Schwerpunkt frei wählbar sind. Der Landkreis
aufgegriffen.                                          Tübingen konzentrierte sich unter anderem auf
                                                       das Wohnen zu Hause, die örtliche Infrastruktur,
Leben im Alter gestalten                               Mobilität, Gesundheitsversorgung sowie auf das
Weiter deutlich an Fahrt nimmt auch die kom-           Thema der Quartiersentwicklung. Auch Pflege
munale Seniorenplanung auf: „Aktuell erreichen         stand hinsichtlich steigender Betreuungs- und
uns sehr viele Anfragen“, stellt Dr. Alexandra Klein   Pflegebedarfe im Mittelpunkt: Auf Grundlage der
fest. „Das hängt insbesondere mit der demogra-         Bevölkerungsvorausberechnung und der Pflege-
fischen Entwicklung zusammen: Die Stadt- und           statistik hat der KVJS den voraussichtlichen Bedarf
Landkreise bereiten sich auf eine zunehmend älter      an Pflegeleistungen im Landkreis Tübingen und
werdende Gesellschaft vor“, sagt die Leiterin des      in den kreisangehörigen Gemeinden berechnet.
KVJS-Referats „Pflege und Alter“. Zurzeit unter-       Durch den Abgleich mit den bereits vorhandenen
stützt der KVJS den Stadtkreis Pforzheim sowie die     und zukünftig geplanten Angeboten wird ersicht-
Landkreise Esslingen, Schwäbisch Hall und den          lich, ob weitere Angebote benötigt werden.
Rhein-Neckar-Kreis. Jüngst ist der Kreissenioren-
plan für den Landkreis Tübingen verabschiedet                                        Autor Julia Holzwarth
worden.

                                                                                                             ©pressmaster - stock.adobe.com

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Soziales

Virtuelle Tour mit Wohnexperten für Barrierefreiheit
Online-Besichtigungen in der „Werkstatt Wohnen“

In Kooperation mit den Wohnberatern des DRK-Kreisverbands Stuttgart e.V. bietet der
KVJS in seiner barrierefreien Musterwohnung nun virtuelle Live-Führungen an.
Offene Sprechstunden
und Gruppenführun-
gen vor Ort sind in den
letzten Wochen nicht
möglich gewesen, aber
die Nachfrage nach
Beratung war nach wie
vor groß. Die Lösung:
Wohnungsbesichtigung
in Form eines Web-
Seminars.

Grundlage der virtuel-
len Besichtigung ist ein
360-Grad-Rundgang, der
jeden Winkel der Werk-
statt Wohnen online          Rundgang mal anders. Zahlreiche Info-Buttons liefern zusätzliche Erklärungen zu den Hilfsmitteln.
                             Grafik: Mees+Zacke
abbildet. Wohnberater
des Deutschen Roten Kreuzes Stuttgart führen die              Lösungen zu vermitteln, beschreiben die Experten
Interessierten durch alle Räume und informieren               die Funktionsweisen bedarfsorientiert und gehen
zu den technischen Hilfsmitteln sowie baulichen               individuell auf die Wünsche der Teilnehmer ein.
Möglichkeiten. Auch Interaktion ist möglich und               Die Online-Besichtigung wird auf Anfrage angebo-
Fragen können unmittelbar gestellt werden. „Das               ten. Seit September finden auch zusätzlich wieder
Angebot ist eine gute Alternative zu den Vor-Ort-             Vor-Ort-Sprechstunden statt. Eine Anmeldung ist
Besichtigungen. Es ist uns wichtig, auch jetzt für            unter 0711/6375-237 oder werkstatt-wohnen@
die Menschen da zu sein und sie zu informieren,               kvjs.de erforderlich.
wie sich Wohnraum alters- und behindertenge-
recht gestalten lässt“, so Barbara Steiner-Karatas,           Die Werkstatt Wohnen kann auch eigenständig
Leiterin der Werkstatt Wohnen.                                erkundet werden: Unter www.barrierefrei-woh-
                                                              nen.kvjs.de steht der virtuelle Rundgang mit allen
Die DRK-Wohnberaterinnen Ruthild Gohla und                    Infos zur Verfügung. Die Website berücksich-
Britta Schippel haben im August die erste Online-             tigt zudem individuelle Lebenssituationen und
Veranstaltung absolviert: „Zwar fehlen uns die                Bedürfnisse. In der Rubrik „Lebenswelten“ sind
spontanen Reaktionen der Teilnehmer, aber wir                 Hilfsmittel und Lösungen gezielt nach einzelnen
freuen uns, die Interessierten auch zu Zeiten von             Themenschwerpunkten wie „Hören“, „Demenz“
Corona mit dem neuen Angebot zu erreichen“. Um                oder „Mobilität“ aufbereitet und zusammenge-
den Teilnehmern einen umfangreichen und mög-                  fasst.
lichst realistischen Eindruck zu den barrierefreien
                                                                                                     Autor Julia Holzwarth

12 KVJS aktuell                                                                                                       4/2020
Integration

„Arbeitgeber versuchen Mitarbeiter zu halten“
Das Integrationsamt und die Auswirkungen von Corona

Die Corona-Pandemie hat auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Karl-Friedrich
Ernst, Leiter des KVJS-Integrationsamtes im Gespräch über die aktuelle Situation bei der
Beschäftigung schwerbehinderter Menschen und die Lage beim Integrationsamt.

Herr Ernst, wie ist die Lage für schwerbehinderte      Mit einem Teil der Ausgleichsabgabe werden die
Beschäftigte? Rollt eine Kündigungswelle auf sie zu?   Löhne der Beschäftigten in Werkstätten für behin-
Beim besonderen Kündigungsschutz für schwer-           derte Menschen subventioniert. Eine sinnvolle
behinderte Menschen spüren wir derzeit keine           Maßnahme?
großen Auswirkungen. Die Anträge auf Zustim-           Die Werkstattbeschäftigten bekommen kein
mung zur Kündigung bewegen sich im üblichen            Kurzarbeitergeld, von daher ist es ein wirksamer
Rahmen. Wir führen das auf die Maßnahmen der           Beitrag, um die ohnehin geringen Löhne dieser
Politik zurück: Die Kurzarbeit ist ein wirksames       Personengruppe zu stabilisieren. Der Bund hat
Mittel, Arbeitsplätze zu sichern. Wir haben den        dafür Ausgleichsabgabe in Höhe von 8,6 Millionen
Eindruck, dass die Arbeitgeber bestrebt sind, ihre     Euro aus seinen eigenen Mitteln zur Verfügung
bewährten Mitarbeiter zu halten.                       gestellt, die wir dafür verwenden können. 60 von
                                                       83 Werkstätten in Baden-Württemberg haben
Machen sich die wegen Corona geänderten                diese Coronahilfe beim KVJS-Integrationsamt
Arbeitsbedingungen bei den Anträgen auf Leis-          beantragt. Die Förderung kommt rund 20.000
tungen der begleitenden Hilfe im Arbeitsleben          Personen zu Gute, die sonst große Einkommens-
bemerkbar?                                             einbußen gehabt hätten.
Auch hier ist keine signifikante Änderung zu
erkennen. Es gibt einzelne Anfragen zum Home-          Wie ist die Situation der Inklusionsbetriebe?
office von schwerbehinderten Arbeitnehmern.            Hier haben wir große Sorgen. Inklusionsbetriebe
Mehr nicht. Unsere Leistungen sind aber auch           müssen sich am Markt behaupten und sind in
nicht dafür gedacht, speziell Pandemiefolgen zu        vielen Branchen tätig. Besonders diejenigen,
bewältigen.                                            die Hotels und Gaststätten betreiben oder die
                                                       Catering für Schulen und Kindergärten anbieten,
Wie sieht es bei der Ausgleichsabgabe aus? Ist das     hat es ganz schwer getroffen. Nur sehr wenige
Aufkommen zurückgegangen?                              Inklusionsbetriebe spüren keine wirtschaftlichen
Einige Arbeitgeber haben einen Antrag auf Stun-        Folgen. Hier unterstützt das KVJS-Integrationsamt
dung der Ausgleichsabgabe gestellt. Doch entge-        sehr massiv, damit keine Arbeitsplätze für schwer-
gen unseren Befürchtungen erreicht die Höhe der        behinderte Menschen verloren gehen. Wir hoffen
bei uns eingegangenen Ausgleichsabgabe fast            auch auf ein Programm des Bundes, das angekün-
den gewohnten Umfang. Das hat natürlich damit          digt, aber bisher noch nicht realisiert wurde.
zu tun, dass in diesem Jahr die Ausgleichsabgabe
für das Jahr 2019 zu zahlen ist– da war die Welt                         Die Fragen stellte Monika Kleusch
noch in Ordnung. Wir befürchten aber, dass die
Einnahmen im kommenden Jahr wegen eines
Arbeitsplatzabbaus spürbar zurückgehen werden,
denn dann ist 2020 das Bezugsjahr.

4/2020                                                                                   KVJS aktuell 13
Integration

                                                  Schneiderin Nadine Feist und Geschäftsführer
                                                  Daniel Kowalewski von Wasni haben derzeit gut lachen.
                                                  Foto: Thomas Brenner

Mit Erfolg Corona trotzen
Zwei Inklusionsunternehmen entwickeln zeitgemäße Geschäftsideen

In der Krise hat die kleine Textilmanufaktur WASNI auf Masken umgestellt – mit über-
raschend großem Erfolg. Der Metallbetrieb AIZ nutzte mit einem selbst entwickelten
Desinfektionsständer die Gunst der Stunde.

Schon Anfang März ging bei WASNI der Absatz       Überwältigende Resonanz
deutlich zurück. Zwei Wochen später kam der       Das neue Angebot wurde zunächst nur per
„Shutdown“: Auch die kleine Bekleidungsma-        Newsletter beworben. Die Resonanz war über-
nufaktur musste ihren Laden in der Esslinger      wältigend. Innerhalb von zwei Stunden gingen
Innenstadt schließen. „Noch am gleichen Tag       online so viele Bestellungen ein, wie für das ganze
haben wir Kurzarbeit angemeldet“, erinnert sich   Wochenende erwartet wurden. „Seitdem machen
der Geschäftsführer Daniel Kowalewski. Das war    wir Überstunden statt Kurzarbeit! Das war krass,
auch der Plan für die nächsten Monate. Doch es    damit haben wir nicht gerechnet“, berichtet Daniel
sollte anders kommen. Das Team von WASNI hatte    Kowalewski immer noch begeistert. WASNI ist das
nämlich die Idee, Mund- Nasen-Masken zu nähen.    erste Inklusionsunternehmen, das in Deutschland
„Das haben wir in einer Hauruckaktion innerhalb   Kleidung herstellt. Nur den Stoff aus Biobaum-
weniger Tage auf die Beine gestellt.“             wolle kauft der Betrieb ein – den Rest macht das
                                                  siebenköpfige Mitarbeiterinnenteam selbst: vom
                                                  Entwurf über das Zuschneiden bis zum Nähen.

14 KVJS aktuell                                                                                           4/2020
Integration

Mittlerweile konzentriert sich der Betrieb vor
allem auf sein Hauptgeschäft: Sweatshirts, Kapu-
zenpullover – sogenannte Hoodies – und Jacken.
Mit dem „WASNI-Konfigurator“ im Onlineshop
können sich Kunden ihr individuelles Exemplar
kreieren. „Dass wir den Onlineshop haben, das
ist unser Glück!“, sagt Daniel Kowalewski, der das   Bis hin zur Verpackung selbst entwickelt:
                                                     Der Desinfektionsspender der AIZ. Foto: AIZ
Inklusionsunternehmen 2015 mit Unterstützung
des KVJS-Integrationsamtes gegründet hat.

Die schwäbischen Tüftler
Als sich um die Faschingszeit herum                                    „Dadurch erzielen wir eine sehr
das neuartige Coronavirus immer                                         hohe Wertschöpfung“, erklärt
stärker ausbreitete, haben viele Einrich-                               AIZ- Geschäftsführer Holger Klein.
tungen zusätzliche Hygienemaßnah-                                       Denn der „Desi2go“ wird nicht nur
men wie die Desinfektion der Hände                                      für den Eigenbedarf produziert,
eingeführt. Auch in den Werkstätten und                                 sondern inzwischen auch tausend-
Betrieben der Stiftung Lebenshilfe                                      fach in ganz Deutschland vertrie-
Zollernalb in Baden-Württemberg. Dort                                   ben. Über den wirtschaftlichen
stellte man sich die Frage: Desinfektions-                              Erfolg freuen sich nicht zuletzt die
ständer kaufen oder selbst bauen?                                       52 Beschäftigten von AIZ, mit und
                                                                        ohne Behinderung, deren Arbeits-
Der Ehrgeiz von Daniel Gonser, Betriebs-                               platz auch in Corona-Krisenzeiten
leiter beim Inklusionsunternehmen AIZ                                  gesichert ist. „Dies war nur mög-
gGmbH, war geweckt. In schwäbischer                                    lich, weil wir in den zurückliegen-
Tüftlermanier wurde umgehend mit                                      den Jahren gezielt Kompetenzen
der Konstruktion begonnen. Schon eine                                 aufgebaut und neue Technologien
Woche später ging die Produktion in Serie.                            eingeführt haben“, ist sich Holger
                                                                      Klein sicher. „Beides hat das KVJS-
Bei AIZ werden die einzelnen Bauteile aus                             Integrationsamt vorbildlich unter-
Edelstahl im Laserverfahren geschnitten,                              stützt und damit die Voraussetzun-
weiterverarbeitet und die Verpackungs-                                 gen geschaffen.“
materialien hergestellt. Die restlichen
Arbeitsschritte übernehmen andere                                                           Autor Elly Lämmlen
Betriebe und Werkstätten innerhalb der
Lebenshilfe Zollernalb.

4/2020                                                                                             KVJS aktuell 15
Integration

Oftersheim verwaltet inklusiv
Ein beispielhaft behindertenfreundlicher Arbeitgeber

„Immer mittendrin“ – so stellt sich Oftersheim auf seiner Homepage vor. Ob Bauhof
oder Bücherei: Immer mittendrin sind auch die Mitarbeiter mit Behinderungen der
Gemeindeverwaltung.

                             Für Bürgermeister Jens     Gemeinsam stark
                             Geiß ist es mehr als       Dass in der Oftersheimer Verwaltung bei der
                             eine Pflichtaufgabe:       Beschäftigung von Mitarbeitern mit Handicap
                             „Die Rathausverwal-        alles rund läuft, hat auch damit zu tun, dass die
                             tung ist seit Jahren ein   Schwerbehindertenvertretung regelmäßig mit
                             behindertenfreundli-       einbezogen wird. „Die Zusammenarbeit zwischen
                             cher Arbeitgeber. Die      Verwaltung, Bürgermeister und der Schwerbe-
                             Quote der schwerbe-        hindertenvertretung ist wirklich gut, wir kom-
                             hinderten Mitarbeiter      munizieren auf Augenhöhe“, erklärt Michael
                             liegt mit 12,22 Prozent                                Fischer, Vorsitzender
                             deutlich über dem                                      der Schwerbehinder-
Bürgermeister Jens Geiß
                             geforderten Pflicht-                                   tenvertretung und
                             wert, darauf können                                    Gesamtpersonalrats-
wir stolz sein. Das zeigt, behindertenfreundliches                                  vorsitzender. „Wir
Arbeiten ist bei uns möglich und funktioniert                                       werden regelmäßig
auch.“                                                                              vom Personalamt infor-
                                                                                    miert, der Austausch
In Oftersheim versucht man auch stärker einge-                                      ist lobenswert. Die
schränkte, bewährte Mitarbeiter zu halten. Bera-                                    Verzahnung von allen
ten und unterstützt wird die Gemeindeverwaltung                                     Beteiligten funktio-
dabei vom KVJS-Integrationsamt und seinen                                           niert, man spricht sich
                                                        Michael Fischer
Fachdiensten wie dem Integrationsfachdienst                                         ab und berät sich.“
oder dem Technischen Beratungsdienst.
                                                        Die gute Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber
„Egal welche Einschränkungen bestehen, gemein-          und Schwerbehindertenvertretung ist eines der
sam versuchen wir Lösungen zu finden“, erklärt          Kriterien für die Auszeichnung als beispielhaft
Bürgermeister Geiß. „Einer körperlich einge-            behindertenfreundlicher Arbeitgeber durch
schränkten Mitarbeiterin in der Bücherei fällt das      den KVJS. Unter anderem. Die weit übertroffene
Tragen schwer, wir haben ihr eine Aushilfskraft mit     gesetzliche Pflichtquote für schwerbehinderte
Hilfe des Integrationsamtes zur Seite gestellt.“ Für    Beschäftigte und die Bereitschaft, auch stärker
zwei schwerbehinderte Mitarbeiter des Bauhofs           eingeschränkte Mitarbeiter zu beschäftigen, tra-
wurden mit Förderung des KVJS-Integrationsam-           gen zum positiven Gesamtbild bei.
tes spezielle Fahrzeuge angeschafft. Nun sind sie
wieder voll einsatzfähig.

16 KVJS aktuell                                                                                      4/2020
Integration

Inklusive Verwaltung.                                          Eines der geförderten Fahrzeuge.
                                                               Fotos: Gemeindeverwaltung Oftersheim

Karl-Friedrich Ernst, Leiter des KVJS-Integrati-    Dabei ist das Geheimnis des Erfolgs eigentlich kei-
onsamtes, über den Preisträger Oftersheim: „Das     nes: „Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Inklusion
Bürgermeisteramt Oftersheim ist ein vorbildlicher   liegt bei der individuellen Anpassung von Arbeits-
behindertenfreundlicher Arbeitgeber im Bereich      platz und Arbeitsumfeld“, erklärt Bürgermeister
der Öffentlichen Verwaltung, der aufgrund seines    Jens Geiß. „Ich kann nur dafür werben, sich aktiv
großen sozialen Engagements seine Vorbildfunk-      mit Inklusion und Integration zu beschäftigen –
tion in herausragender Weise wahrnimmt.“            die Dankbarkeit, die man hier erleben kann, ist auf
                                                    vielen Ebenen mehr als zufriedenstellend.“

                                                                                    Autor Monika Kleusch

Nicht im Regen stehen lassen
Lohnsicherung für Beschäftigte der Werkstätten für behinderte Menschen

Auch die Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) haben unter den Auswirkungen
der Coronakrise gelitten. Doch die Menschen mit Behinderungen, die in den Werkstätten
arbeiten, haben keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Daher subventioniert das KVJS-
Integrationsamt im Auftrag des Bundes nun ihre Löhne.

Zahlreiche Werkstätten für behinderte Menschen      die Werkstätten für behinderte Menschen die
(WfbM) mussten in der Zeit des Lockdowns            Lohn-Unterstützung für ihre Mitarbeiter bean-
coronabedingt ihre Beschäftigten nach Hause         tragen. Vier Wochen nach Ende der Antragsfrist
schicken, was bei diesen zu erheblichen Lohnein-    verschickte das KVJS-Integrationsamt bereits die
bußen führte. Denn anders als Arbeitnehmer auf      Zuwendungsbescheide.
dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen sie
kein Kurzarbeitergeld. Der Bund hat deshalb Mit-    „Die eingesetzten Mittel sind ein wirksamer
tel zur Verfügung gestellt, um die Lohnkürzungen    Beitrag, um die ohnehin geringen Löhne dieser
abzumildern. Für Baden-Württemberg sind dies        Personengruppe zu stabilisieren“, sagt Berthold
8,6 Millionen Euro.                                 Deusch, beim KVJS für das Programm zuständig.
                                                    „Den Menschen mit Behinderung stehen für ihre
Betroffen sind in Baden-Württemberg über 28.000     Tätigkeit normalerweise im Durchschnitt cirka
Menschen mit Behinderung, die in Werkstätten        240 Euro im Monat zur Verfügung. Mit den jetzt
arbeiten. 60 von den 83 WfbM‘s im Land, in denen    eingesetzten Mitteln konnten wir erreichen, dass
rund 20.000 Menschen arbeiten, hatten die Lohn-     rund 80 Prozent des Werkstatt-Lohns erhalten
unterstützung für ihre Mitarbeiter beantragt.       bleiben“.

Verteilt wird dieses Geld durch das KVJS-Integra-                                   Autor Monika Kleusch
tionsamt. Vom 1. bis zum 31. August konnten

4/2020                                                                                    KVJS aktuell 17
Integration

                                      Neue Info-App für Schwerbehindertenvertretungen
                                             Mit der neuen Web-App „SBV aktiv“ sind           Browsern können Darstellung und Funktionsum-
                                                      Schwerbehindertenvertretungen           fang eingeschränkt sein. Grundsätzlich ist die App
                                                      jetzt stets gut informiert. Sie steht   ohne Registrierung zugänglich. Mit der Registrie-
                                                       ab sofort kostenlos zum Herun-         rung kann die App auf die persönlichen Bedürf-
                                                       terladen zur Verfügung.                nisse angepasst werden mit eigenen Listen und
                                                                                              Notizfunktion.
                                                        „SBV aktiv“ bietet neben allen                                     Autor Monika Kleusch
                                                                            350 Stich-
                                                                            worten
                                                                        aus dem ABC
©Production Perig - stock.adobe.com

                                                         Fachlexikon viele zusätzliche          Informationen über die App gibt es auch in
                                      Funktionen, eine Feedback-Möglichkeit sowie               Deutscher Gebärdensprache. Videos geben
                                      Erklärvideos zu wichtigen Inhalten. Auf der               einen Einblick in Inhalt und Funktionen der App
                                      Startseite kommt man direkt zum Lexikon und zu            „SBV aktiv“ und führen durch die Navigation.
                                      weiteren Anwendungen wie dem „Leistungs-NAVI“
                                      und dem „Wahl-NAVI“.                                      Hier geht es zur App:
                                                                                                https://sbvaktiv.integrationsaemter.de
                                      Die barrierefreie Web-App kann mit allen moder-           Hier geht es zum Erklärfilm:
                                      nen Browsern genutzt werden: am PC, auf dem               https://youtu.be/Iusmk-6EL-g
                                      Tablet oder mit dem Smartphone. Bei älteren

                                      Neuer Referatsleiter in Karlsruhe
                                      Marco Hirsch ist neuer Leiter des Referats Kündi-       Verwaltung Bereiche
                                      gungsschutz und Begleitende Hilfen in Karlsruhe.        findet, in denen man
                                      Bereits seit 2017 war er stellvertretender Leiter des   so viel gestalten kann.
                                      Referates. Marco Hirsch studierte an der Verwal-        Unser Job ist es, Prob-
                                      tungshochschule in Kehl und kam nach seinem             leme und Konflikte in
                                      Abschluss als Verwaltungsfachwirt 1999 zum              den Betrieben zu lösen.
                                      damaligen Landeswohlfahrtsverband Baden in die          Das geht nicht allein
                                      Zweigstelle Freiburg. „Ich wohne zwischen Frei-         mit Geld.“ Zur aktuel-
                                      burg und Karlsruhe und habe auch nach meinem            len Corona-Krise sagt
                                      Wechsel nach Karlsruhe immer wieder in Freiburg         Hirsch: „Wir sind froh,
                                      ausgeholfen“, erklärt der erfahrene Praktiker.          dass wir in Karlsruhe als Marco Hirsch, Foto: Monika Kleusch
                                      Dadurch hat er einen guten Überblick über den           Erste im KVJS die E-Akte
                                      gesamten badischen Teil des Verbandsgebietes.           eingeführt haben. Das hat die Arbeit im Homeof-
                                                                                              fice sehr erleichtert. Wir bleiben in den Betrieben
                                      Die Arbeit im KVJS-Integrationsamt betrachtet           präsent, müssen aber jeden Besuch abwägen.“
                                      Hirsch als spannende Herausforderung: „Man
                                      muss lange suchen, bis man in der öffentlichen                                          Autor Monika Kleusch

                                      18 KVJS aktuell                                                                                         4/2020
Jugend

                                                          Alle Kinder dürfen wieder in die KiTa. Foto: Gabriele Addow

Alle Kinder sind zurück
Neue Pandemieregeln sollen die Qualität in der Kindertagesbetreuung sichern

Seit Ende Juni sind die Kindertageseinrichtungen wieder als Regelbetrieb unter Pande-
miebedingungen geöffnet. Hierfür gibt es neue Bestimmungen, die bis zum Ende des
Kindergartenjahres 2020/2021 gelten sollen.
Trotz pandemiebedingt eingeschränkter personel-       Kommunale Landesverbände, kirchliche und freie
ler Ressourcen sollen die Regelungen zur besseren     Trägerverbände sowie der KVJS haben gemeinsame
Vereinbarkeit von Familie und Beruf beitragen und     Orientierungshinweise zu den gesetzlichen Vorga-
auch unter erschwerten Bedingungen wieder für         ben entwickelt. „Wichtig war allen Beteiligten, dass
alle Kinder eine qualifizierte Kindertagesbetreuung   sie einfach, schnell und unbürokratisch umsetzbar
ermöglichen.                                          sind. Das ist gelungen“, zieht Evelyn Samara vom
                                                      KVJS-Landesjugendamt Bilanz. „Damit der Regel-
Die Regeln bringen aktuell und voraussichtlich        betrieb funktioniert, begleiten wir die Umsetzung
auch im Kindergartenjahr (Stand: 19.10.2020)          intensiv mit entsprechenden Beratungsangeboten.“
die nötige Handlungssicherheit und Transparenz
für alle beteiligten Stellen, vor allem aber für                                          Autor Gabriele Addow
die Kinder und deren Eltern. Kultusministerium,

Die aktuellen Regelungen auf einen Blick:             • Der Betrieb von Teilen der Einrichtung ist in
• Die Träger können den Mindestpersonalschlüs-          anderen als den im Antrag auf Erteilung der
  sel bei pandemiebedingten Personalausfällen           Betriebserlaubnis genannten Räumen zulässig,
  um bis zu 20 Prozent unterschreiten, sofern die       sofern der Träger gegenüber dem KVJS erklärt,
  Wahrnehmung der Aufsichtspflicht dennoch              dass von den baulichen Gegebenheiten und der
  uneingeschränkt möglich ist. Wird die Mindest-        Ausstattung keine Gefährdungen für die Kinder
  personalzahl um mehr als 20 Prozent unterschrit-      ausgehen.
  ten, ist insoweit Ersatz durch eine geeignete       • Die gemeinsamen Schutzhinweise des KVJS,
  Betreuungs- und Erziehungsperson erforderlich.        der Unfallkasse Baden-Württemberg und des
• Die Unterschreitung des Mindestpersonalschlüs-        Landesgesundheitsamts für die Betreuung in
  sels ist dem KVJS anzuzeigen. Darüber hinaus          Kindertagespflege und Kindertageseinrichtun-
  kann mit Zustimmung des KVJS von den Höchst-          gen (www.kvjs.de/jugend/kindertageseinrich-
  gruppengrößen abgewichen werden.                      tungen/aktuelle-gesetzliche-vorgaben-und-
                                                        empfehlungen/#c26613) sind während der
                                                        Corona-Pandemie umzusetzen.

4/2020                                                                                          KVJS aktuell 19
Jugend

Schwanger? Finger weg vom Alkohol!
FASD-Hilfe Stuttgart informiert und klärt auf

In Deutschland kommen jedes Jahr etwa 10.000 Babys mit dem
fetalen Alkoholsyndrom (FASD) auf die Welt. Sie sind ein Leben lang
körperlich, seelisch oder geistig schwerbehindert. Wie diesen Kindern und ihren
Angehörigen geholfen werden kann, erprobt die FAZIT Gesellschaft für lösungs-
orientierte Jugendhilfe mbH in Stuttgart in einem dreijährigen vom KVJS geförder-
ten Modellvorhaben. Hierzu ein Interview mit Erziehungsleiterin Christiane Schute.
Frau Schute, viele Frauen trinken in der Schwan-         waren damals schon mit dem KVJS in Kontakt,
gerschaft, weil sie nicht wissen, dass ihr Baby mit      2017 startete dann das Modellvorhaben.
Schädigungen zur Welt kommen kann. Seit wann
begleitet Sie dieses Thema?                              Was will FAZIT mit dem Modellvorhaben erreichen?
Schon seit nunmehr über zehn Jahren. FAZIT               Unser Ziel ist es, durch präventive Projekte,
bietet ein breites Leistungsspektrum für Kinder,         Öffentlichkeitsarbeit und direkte und umfassende
Jugendliche, junge Volljährige und deren Familien.       Beratung von Betroffenen, Angehörigen und Fach-
Das reicht von ambulanten sozialpädagogischen            kräften über das FASD zu informieren und aufzu-
Angeboten bis hin zu unterschiedlich ausgestal-          klären. Es ist uns ein wesentliches Anliegen, die
teten stationären Maßnahmen. Kolleginnen und             Nöte von Menschen mit FASD zu verstehen und
Kollegen haben mir damals von Kindern und                für sie oder mit ihnen Perspektiven zu entwickeln.
                             Jugendlichen berich-
                             tet, die trotz intensiver   Welche Hilfsmöglichkeiten und Strategien bieten
                             Förderung und Beglei-       Sie an, mit FASD umzugehen?
                             tung immer wieder           Was die Prävention angeht, sind das insbesondere
                             an die Grenzen ihrer        Vorträge, Supervisionsgruppen, Pressemitteilun-
                             Möglichkeiten stoßen.       gen, Workshops, Arbeitskreise und Kooperati-
                             So bin ich auf FASD         onsgespräche in den Bereichen Medizin, Soziale
                             aufmerksam geworden.        Arbeit und Selbsthilfegruppen. In unserer Bera-
                             Später habe ich eine        tung geht es uns darum, die Menschen dabei zu
                             Zusatzqualifikation als     unterstützen, sich zu orientieren und die beste-
                             FASD-Beraterin absol-       hende Situation vor dem Hintergrund des neuen
                             viert und damit begon-      Wissens einordnen zu können. Auch während der
                             nen, Eltern zu beraten,     Diagnostik steht FAZIT als Ansprechpartner zur
                             deren Kinder stationär      Verfügung.
                             untergebracht sind.
                                                         Ihre bisher wichtigsten Erkenntnisse?
                            2015 hat unser Team          Betroffene und Helfer fühlen sich durch die Bera-
                            eine Konzeption für          tung und Unterstützung deutlich entlastet, sie
                            FASD-Wohngruppen             fühlen sich motivierter und arbeiten an gemein-
                            erarbeitet, die aber         samen Zukunftsperspektiven. Auch werden die
                            aus verschiedenen            Eltern bei weitem nicht mehr in diesem Ausmaß
Christiane Schute von der
FASD-Hilfe Stuttgart        Gründen leider nicht         stigmatisiert wie früher, als ihnen die Verhaltens­
Foto: Gabriele Addow        umgesetzt wurde. Wir         auffälligkeiten ihrer Kinder als Erziehungsfehler

20 KVJS aktuell                                                                                        4/2020
Jugend

                                       Der fatale Griff zur Flasche
                                       Alle Formen vorgeburtlicher Schädigungen durch mütterlichen Alko-
                                      holkonsum während der Schwangerschaft werden unter dem Begriff
                                      FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorder) zusammengefasst. FASD
                                      kann sich in seiner Ausprägung sehr unterschiedlich darstellen, was
                                     die Diagnostik erschwert. Merkmale sind Minderwuchs, Störungen
                                     des zentralen Nervensystems, typische Gesichtsmerkmale, Lern- und
                                    Verhaltensauffälligkeiten sowie psychische und physische Beeinträch-
                                    tigungen.

                                   Die größten Probleme von Kindern mit FASD liegen oft in der Bewäl-
                                   tigung des Alltags. Ein normales Leben in der Gesellschaft ist nur den
                                  wenigsten Jugendlichen und Erwachsenen mit FASD möglich. Intensive
                                  Begleitungen, Beratungen und Entlastungen des Helfersystems können
                                  dazu beitragen, die Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

                                                        Abschlussbericht des Modellvorhabens
                                                        „FASD-Hilfe“
                               Foto: Gabriele Addow     Am 18. Mai 2021 werden die Ergebnisse und
                                                        der Abschlussbericht des Modellvorhabens
                                                        „FASD-Hilfe“ auf einer Veranstaltung des KVJS
                                                        in Gültstein präsentiert.
angekreidet wurden bis hin zu der Drohung, sie
aus der Familie herauszunehmen.                         Zur Homepage von FAZIT geht es hier:
                                                        https://fazit-jugendhilfe.de/
Aber: Es braucht dringend mehr Diagnostiker in
Baden-Württemberg und es braucht noch sehr viel
mehr Aufklärung auf allen Ebenen. Jugendämter,          Innovative Jugendhilfe
Eingliederungshilfe, gesetzliche Betreuer, Justiz,      Auf den ständigen Wandel der Lebenslagen
Krankenversicherung, Versorgungsämter, Betreu-          junger Menschen und ihrer Familien muss
ungsgerichte und Pflegedienste brauchen Wissen,         die Jugendhilfe mit neuen Angeboten und
Verstehen und Handlungsideen.                           Methoden reagieren. „Gefragt sind innovative
                                                        und effektive Angebotsformen und Hilfen,
Der KVJS fördert das Projekt noch bis März 2021.        die Eltern, Kinder und Jugendliche sowie das
Wie geht es danach weiter?                              Gemein­wesen ein­beziehen“, sagt Ulrike Gfrörer
Fest steht, dass wir auf jeden Fall an einem Tag        vom KVJS-Landesjugendamt.
in der Woche mit unserer FASD-Hilfe weiter-
machen werden. Leider können wir auf keinen             Das KVJS-Landesjugendamt unterstützt des-
Finanzierungstopf zugreifen, so dass über dieses        halb Modellprojekte zur Weiterentwicklung
begrenzte Angebot hinaus derzeit noch keine             der Jugendhilfe. Die Förderung ist auf grö-
weiteren Planungen möglich sind.                        ßere Vorhaben mit überregionaler Bedeutung
                                                        beschränkt. Weitere Infos im Internet unter
                  Die Fragen stellte Gabriele Addow     www.kvjs.de/jugend/modellvorhaben

4/2020                                                                                    KVJS aktuell 21
Forschung

Unterstütztes Wohnen fördert psychische Stabilität
Forschungsprojekt belegt Wirksamkeit von Wohnangeboten der Sozialpsychiatrie

Das Bundesteilhabegesetz erfordert von den Stadt- und Landkreisen, die Wirksamkeit
von Unterstützungsleistungen noch stärker in den Blick zu nehmen. Das KVJS-Forschungs-
vorhaben WieWohnen-BW liefert dazu zentrale empirische Erkenntnisse.

Im Bereich des unterstützten Wohnens für Men-        Unterstützte Wohnformen helfen
schen mit seelischer Behinderung war die Wirk-       Die Ergebnisse aus dem Forschungsvorhaben zei-
samkeit von Angeboten bisher kaum erforscht.         gen, dass personenzentrierte und flexibel ausge-
Der KVJS hat daher in Kooperation mit der Univer-    staltete Angebote wirksam sind: Das Forschungs-
sität Ulm ein darauf abzielendes Forschungsvor-      vorhaben identifizierte messbare positive Effekte
haben umgesetzt. An den Untersuchungen, die im       des unterstützen Wohnens bei der Mehrzahl der
Frühjahr 2020 abgeschlossen wurden, beteiligten      teilnehmenden Menschen mit seelischer Behinde-
sich die Stadt Heidelberg, der Rhein-Neckar-Kreis,   rung. Im Gesamtergebnis ließ sich zudem fest-
der Landkreis Ravensburg sowie der Bodensee-         stellen, dass sich die meisten Personen im Verlauf
kreis.                                               der Untersuchung psychisch stabilisieren konnten
                                                     und die Angebotsformen als hilfreich bewertet
Neben einer Analyse zu bestehenden Leis-             wurden.
tungsangeboten und den Personen, die sie in
Anspruch nehmen, zeigte eine Verlaufsstudie,         Video mit zentralen Ergebnissen
wie unterstütztes Wohnen wirkt. Diese wurde          In einem Video hat der KVJS konkrete Ergebnisse
mit Neueinsteigern in unterstützte Wohnformen        und zentrale Erkenntnisse aus dem Forschungs-
und Wohnformwechslern umgesetzt. Ein weite-          projekt zusammengefasst. Es beinhaltet State-
res Teilprojekt nahm die Frage in den Blick, was     ments der Forscher Professor Tilman Steinert und
beim unterstützten Wohnen wirkt. Um relevante        Dr. Susanne Jaeger sowie des KVJS-Projektleiters
Kriterien innerhalb der Angebote identifizieren      Dr. Gerrit Grünes.
zu können, wurden Interviews mit Experten aus
den Bereichen Sozialplanung und Teilhabema-                      Rufen Sie das Video auf dem KVJS-
nagement durchgeführt. Ebenfalls befragt wurden                  Youtube-Kanal „KVJS Medien“ ab
Betroffene sowie Mitarbeitende in betreuenden                    www.youtube.com/
Einrichtungen.                                                   watch?v=PWVPpabwH2o

                                                     Die Ergebnisse stehen den Stadt- und Landkreisen
                                                     mit dem Abschlussbericht und als Handreichung
                                                     zur Verfügung. Diese sollen empirisch begründete
Mehr Infos zum KVJS-Forschungsvorhaben               Qualitätsstandards für Angebote liefern und die
„Wirksamkeit verschiedener Formen des unter-         Kreise dabei unterstützen, Transparenz und Ver-
stützten Wohnens für Menschen mit seelischer         gleichbarkeit zu schaffen.
Behinderung im Rahmen der Eingliederungs-
hilfe in Baden-Württemberg“ finden Sie unter                                      Autor Julia Holzwarth
www.kvjs.de/forschung/aktuelle-
forschungsvorhaben/unterstuetztes-wohnen/

22 KVJS aktuell                                                                                  4/2020
Forschung

                                                                                                           Kzenon – www.istockphoto.com
Fokus auf die Kurzzeitpflege
Neues KVJS-Forschungsvorhaben entwickelt neue Ideen

Kurzzeitpflege soll einen wesentlichen Beitrag zur häuslichen Pflege leisten. Doch das Ange-
bot ist knapp, die Suche nach einem Platz oft schwierig. Das neue KVJS-Forschungsvorhaben
will Lösungen zu Ausbau und Weiterentwicklung der Kurzzeitpflege in Baden-Württemberg
suchen. Dazu ein Gespräch mit der Projektleiterin Bettina Ghiorghita

Frau Ghiorghita, welche Notwendigkeit besteht für     nahe Versorgung sei in den meisten F­ ällen nicht
ein Forschungsvorhaben zur Kurzzeitpflege? Wo         möglich.
liegen die Probleme?
In den letzten Jahren hat die Nutzung von Kurz-       Kurzzeitpflege wird in den Einrichtungen häufig
zeitpflege zugenommen. Unabhängig von den             als eingestreute Kurzzeitpflege vorgehalten. Diese
steigenden Nutzerzahlen in der Pflegestatistik        Plätze können sowohl für die Dauer- als auch für
wird uns bei Fachgesprächen im Rahmen der Seni-       die Kurzzeitpflege genutzt werden. Bei entspre-
orenplanungen der Stadt- und Landkreise bestä-        chender Nachfrage wird einer Dauerbelegung
tigt, dass es nicht genügend Plätze gibt. Die Suche   üblicherweise der Vorzug gegeben. Es fehlen vor
nach einem Kurzzeitpflegeplatz wird als beson-        allem Plätze, die ausschließlich für die Kurzzeit-
ders herausfordernd beschrieben. Eine wohnort-        pflege zur Verfügung stehen.

4/2020                                                                                   KVJS aktuell 23
Forschung

                                                                Welche Zielrichtung verfolgt das neue Forschungs-
                                                                vorhaben?
                                                                Das Forschungsprojekt soll Anregungen und
                                                                Empfehlungen zum Ausbau und zur Weiterent-
                                                                wicklung der Kurzzeitpflege in Baden-Württem-
                                                                berg geben. Ziel sollte sein, die Kurzzeitpflege
                                                                in Baden-Württemberg so auszugestalten und
                                                                weiterzuentwickeln, dass die häusliche Pflege
                                                                dadurch gestärkt wird.

                                                                Was genau soll jetzt untersucht werden?
                                                                Zu Beginn des Forschungsvorhabens soll der aktu-
                                                                elle Stand der fachlichen Diskussion zur Kurzzeit-
                                                                pflege kurz skizziert und die vorhandenen Ange-
                                                                bote in Baden-Württemberg dargestellt werden.
                                                                Dies stellt die Grundlage für den Ausbau und eine
                                                                bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Kurzzeit-
                                                                pflege dar. Dabei werden wir auf die regionalen
                                                                Besonderheiten eingehen. Am Ende sollen vor
                                                                allem Empfehlungen zum Ausbau und zur Weiter-
                                                                entwicklung der Kurzzeitpflege stehen.

                                                                Wie sieht der Zeitrahmen aus?
                                                                Das Forschungsvorhaben zur Kurzzeitpflege wird
                                                                voraussichtlich gegen Ende des Jahres starten. Als
                                                                Projektzeitraum sind 24 Monate vorgesehen.

                                                                Was sind jetzt die ersten Schritte?
                                                                Die möglichen Partnerhochschulen werden sich
Bettina Ghiorghita ist stellvertretende Leiterin des Referats
Pflege und Alter. Foto: Monika Kleusch                          demnächst im KVJS vorstellen. Danach wird der
                                                                KVJS entscheiden, welche Hochschule mit dem
                                                                Forschungsprojekt beauftragt wird. Diese wird das
Hat da niemand genauere Zahlen?
                                                                Forschungsdesign entwickeln und um Partner für
Das Ministerium für Soziales und Integration hat
                                                                die wissenschaftlich Erhebung werben. Es sollen
im Jahr 2017 das Aktionsbündnis Kurzzeitpflege
                                                                die Stadt- und Landkreise befragt werden, sowie
ins Leben gerufen. Hierbei wurde für Baden-Würt-
                                                                die Pflegekassen und Einrichtungsträger. Die
temberg eine Versorgungslücke in der Kurzzeit-
                                                                KVJS-Forschung soll der Praxis – und hierbei ins-
pflege festgestellt. Es gelang jedoch nicht, die
                                                                besondere den Stadt- und Landkreisen – zugute-
Nachfrage zu quantifizieren.
                                                                kommen. Daher ist sie auch praxisnah konzipiert.

Eine Recherche des KVJS ergab, dass es bundes-
                                                                Die Fragen stellte Monika Kleusch
weit nur vereinzelt Studien zur Kurzzeitpflege gibt.
Weder ist bekannt, wie viele Angebote es aktuell
und zukünftig braucht, noch wie viele Menschen
einen Platz in der Kurzzeitpflege suchen und nicht
finden.

24 KVJS aktuell                                                                                             4/2020
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