FUTURE LIVING MODERNE LEBENSWELTEN FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT - DOWNAGING - ZUKUNFTSINSTITUT
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fUTURe LIvInG
Moderne Lebenswelten für das 21. Jahrhundert
Downaging
Cottage-Trend
Connectivity
Multigrafie
Küche to go High-Touch
Simplexity
powered by Siemens-Electrogeräte GmbHZukunftsinstitut :: Future Living Impressum Herausgeber Siemens-Electrogeräte GmbH Carl-Wery-Str. 34 81739 München Telefon: +49 89 4590-09 Fax: +49 89 4590-2347 www.siemens-home.de Redaktion Zukunftsinstitut GmbH Kaiserstr. 53 60329 Frankfurt am Main Telefon: +49 69 264848-90 Fax: +49 69 264848-920 info@zukunftsinstitut.de www.zukunftsinstitut.de Autoren Cornelia Kelber, Thomas Huber, Christian Rauch Projektleitung Thomas Huber Grafik-Design Ksenia Pogorelova Cover-Foto Flickr, Michael Davis-Burchat, CC BY ND © Siemens-Electrogeräte GmbH, 2013 Alle Rechte vorbehalten.
Inhalt
3 Vorwort
4 Einleitung
8 Speed:
Küche to go
18 Simplexity:
besser – einfach – besser
28 Connectivity:
Der Haushalt als Netzwerk
38 Fazit:
Das Zuhause der Zukunft
40 Methodisches VorgehenVorwort
Mit den modernen Lebenswelten Der Trendreport zeigt: Der gesell-
beschäftigen wir uns stark mit Trends, schaftliche Wandel ist längst in unseren
die den Menschen in seinem Alltag be- eigenen vier Wänden angekommen.
einflussen. Um besser zu verstehen, wie Megatrends wie Individualisierung,
sich unser Wohnumfeld im 21. Jahrhun- demografische Veränderungen und
dert verändert, hat die Siemens-Electro- neue Geschlechterrollen prägen
geräte GmbH das Zukunftsinstitut zunehmend das Zusammenleben. Mit
damit beauftragt herauszufinden, wie den Haushalten, Wohnformen und
sich Menschen ihr Zuhause von morgen Lebensmustern verändert sich auch die
vorstellen. Siemens möchte die Zukunft Hausarbeit. In modernen Lebenswelten
aktiv gestalten und den Menschen kommt es verstärkt darauf an, den
innovative Lösungen für den Haushalt Ansprüchen des Alltags mit Schnellig-
bieten. Denn moderne Technik spielt keit und Effizienz, aber auch mit Kom-
in unserem Leben heute eine so große fort, hoher Qualität und ästhetischem
Rolle wie nie zuvor. Welche Bedeutung Gespür zu begegnen.
die Technik in Zukunft für den Alltag
der Menschen haben wird, welchen Insofern können Hausgerätehersteller
Platz sie in ihren Wohnungen und Häu- diesen gesellschaftlichen Wandel sinn-
sern einnehmen wird, darüber gehen voll begleiten – mit dem Ziel, die Lebens-
die Meinungen auseinander. In einem qualität zu steigern. Mit Innovation und
Punkt allerdings sind sich alle einig: Das Weitblick will die Siemens-Electrogeräte
Future Home wird „smart“ sein. Aber GmbH nicht nur ein Teil dieser mo-
was bedeutet das genau? Wie werden dernen Lebenswelten sein. Wir wollen
wir in Zukunft leben? Diesen Fragen sie auch maßgeblich mitgestalten.
gehen wir im vorliegenden Trendreport
nach. Dabei schauen wir gewisser-
maßen hinter die Fassade und be-
leuchten drei wesentliche Aspekte, die Einen spannenden Blick in die Zukunft
moderne Lebenswelten auszeichnen: wünscht Ihnen
Speed – unser Alltag verdichtet sich.
Wie können Hausgeräte helfen, einen
beschleunigten Lebenswandel zu
erleichtern?
Simplexity – High-Tech trifft High-
Touch. In die Usability moderner
Geräte wird künftig mindestens so viel
Forschungsarbeit fließen wie in die
Technik selbst.
Connectivity – die Zukunft ist vernetzt.
Vernetzung geht jedoch weit über die
Digitalisierung hinaus, sie findet nicht Roland Hagenbucher
nur auf technischer, sondern vor allem Geschäftsführer
auf sozialer Ebene statt. Siemens-Electrogeräte GmbH
3Zukunftsinstitut :: Future Living
These 1
Die Menschen werden immer
älter, aber auch später alt.
Die Best Ager werden
auch als Konsumenten immer
interessanter.
Die Macht der Megatrends gesellschaftsprägendes neues Altersver-
ständnis: Ältere Menschen haben ein
Megatrends muss man nicht „voraus- grundsätzlich neues Lebensgefühl und
sagen“, denn sie sind schon da. Sie sind empfinden sich um Jahre jünger und vi-
die Tiefenströmungen des Wandels. Als taler als vergleichbare Vorgenerationen.
Entwicklungskonstanten der globalen Kein Wunder, vergleicht man den
Gesellschaft umfassen sie Jahrzehnte, Gesundheitszustand: 60- bis 69-Jährige
wirken in jedem einzelnen Menschen sind heute gesünder als 50- bis 59-Jäh-
und umfassen alle Ebenen der Gesell- rige vor einem Jahrzehnt. Noch nie war
schaft: Wirtschaft und Politik ebenso daher die Lücke zwischen tatsächlichem
wie Wissenschaft, Technik und Kultur. und gefühltem Alter so groß. Beinah die
Wenn wir sie richtig verstehen, können Hälfte der Älteren fühlt sich jünger, als
sie helfen, Zukunft nicht nur zu erah- sie ist. Über dieses „Downaging“ lösen
nen, sondern zu gestalten. sich die traditionellen Rollenbilder der
früheren „Senioren“.
Die Katastrophe bleibt aus Das Thema Alterung bestimmt in
zunehmender Dringlichkeit die Diskus-
Die Lebenserwartung steigt auf der sionen rund um Rentensysteme, Pflege
ganzen Welt. Wir nennen das den und Lebensarbeitszeiten. Allein in
Megatrend Silver Society. Wir alle Deutschland gibt es Dutzende von Kom-
werden aber nicht nur älter, sondern missionen, Programmen und öffentlich
altern auch anders – wir werden viel geförderten Initiativen. Der Fokus hat
später alt. Statt sich in den Ruhestand sich dabei in den vergangenen Jahren
zu begeben, nehmen ältere Menschen deutlich verschoben. Ging es zunächst
heute selbstverständlich über weiteres darum, eine „Katastrophe“ für beste-
Erwerbsleben, Ehrenamt oder ein Uni- hende Systeme abzuwenden, etwa
versitätsstudium am Gesellschaftsleben durch Erweiterung der Rente um den
teil. Je älter man wird, desto jünger „demographischen Faktor“, wird mitt-
fühlt man sich. Diese auf den ersten lerweile klar, dass sich vor allem unser
Blick paradoxe Aussage beschreibt ein „Bild vom Alter“ ändern wird. „Alt-Sein“
4Einleitung
an einen kalendarischen Moment zu Produkte und Leistungen für ältere
koppeln wird immer weniger sinnvoll. Menschen eröffnen große Wachstums-
Gleich ob Arbeitsumfeld, Gesunder- chancen.
haltung, Lebens- oder Konsumstil der
Älteren – die Gesellschaft steht vor der
Aufgabe, Vielfalt und Unterschiedlich- Die Pflicht zur Selbstverwirklichung
keit als kulturellen Normalzustand zu
verinnerlichen. Auch das Alter wird Ausbildung, Arbeit, Heirat, Kinder,
künftig zum Einzelfall. Ruhestand, Tod? Die neuen Biografien
kennen nicht mehr nur einen Weg.
Diese Individualität bedeutet höheren Sie verlaufen entlang neuer Brüche,
Aufwand, doch die Zukunftspotenziale über Umwege und Neuanfänge. Sie
sind enorm. Das gegenwärtige Bild vom sind zu „Multigrafien“ geworden. Und
Alter als einer Zeit, in der man sich in einer Gesellschaft, die uns immer
ausschließlich „ausruht“ und „erholt“, mehr individuelle Freiheiten gibt, uns
ist historisch begründet, inhaltlich aber aber auch immer stärker unter Ent-
nicht mehr sinnvoll. Ältere Menschen scheidungsdruck setzt, verändern sich
sind heute wohlhabender und gebil- Werte – und mit ihnen die Wirtschaft,
deter als noch vor wenigen Jahrzehnten in der sich eine Do-It-Yourself-Kultur
– und wissen um ihre hohe Lebenser- und Nischenmärkte etablieren. Diese
wartung. Die besten Jahre haben die Entwicklung ist auf der ganzen Welt zu
meisten älteren Menschen noch vor beobachten. Sie ist so grundlegend, dass
sich. Deshalb sprechen wir auch von wir davon ausgehen, dass sie noch viele
den „Best Agern“. Jahre anhalten wird.
Individualisierung ist ein Megatrend.
Ein enormer Wir leben in einer Gesellschaft, die der
Nachfrageschub kommt Schweizer Soziologe Peter Gross als
„Multioptionsgesellschaft“ bezeichnet.
Mitglieder der heutigen Generation 50 In jeder Lebensphase stehen uns heute
plus sind konsumgewohnt, technolo- so viele Türen offen wie nie zuvor. Das
gisch beschlagen und kaufkräftig. Das bedeutet aber auch, dass so viele Ent-
unterscheidet sie wesentlich von frü- scheidungen wie nie zuvor getroffen
heren Generationen. Ältere Menschen werden müssen. Wie wir leben, welchen
sind die einzige wachsende Konsumen- Beruf wir ergreifen – all das muss heute
tengruppe in den entwickelten Ländern. jeder für sich selber entscheiden. Früher
These 2
Die Suche nach individueller Entfaltung wird wichtiger
als allgemeinverbindliche Normen. Die „Multigrafie“
tritt an die Stelle des Standard-Lebenslaufs.
5Zukunftsinstitut :: Future Living
dominierten Zwänge: Als Sohn eines beruflich wie privat gehen möchte.
Metzgers wurde man ebenfalls Metzger. Dann beginnt – in der Regel mit Ende 20
Heute ist die Freiheit der einzige Zwang. – die „Rush Hour des Lebens“. Sie endet
Die Möglichkeit zur Selbstverwirkli- mit Beginn der Fünfziger, wenn die
chung ist zugleich Verpflichtung zur Kinder aus dem Haus sind, gefolgt vom
Selbstverwirklichung. „Zweiten Aufbruch“: Menschen um die
50 starten oft beruflich oder privat noch
einmal neu durch.
Von der Biografie zur Multigrafie
Bis in die 1970er-Jahre lebten die Individualisierung
meisten Menschen gemäß einer drei- führt zu neuen Wohnmodellen
teiligen „Normal-Biografie“: Kindheit
und Jugend (als Ausbildungszeit), Lebensabschnittsgefährten anstelle
Berufstätigkeit und Familienzeit (als lebenslanger Partnerschaft, Patchwork-
Reproduktionsphase) sowie Ruhestand. Familien, Zweit- oder Dritthochzeiten
Ein linearer, stufenmäßiger Ablauf. Die sind schon lange kein Tabu mehr.
neue Lebensphase begann, wenn die Immer mehr Menschen lösen ihre
andere abgeschlossen war. Die Rollen- Ehen und versuchen, mit neuen Part-
verteilung innerhalb der Familie war nern sich wandelnden persönlichen
klar, der Mann „verdiente die Brötchen“, Lebensvorstellungen gerecht zu
die Frau kümmerte sich um Kinder und werden. Patchwork-Familien werden
Heim. „zusammengeflickt“.
Diese vorgegebenen Lebensmodelle Auf Lebenszeit sind diese Bindungen
sind passé: An die Stelle der „Biografie“ selten, so dass man inzwischen von
rückt die „Multigrafie“. Zwischen Phasenfamilien spricht. Individualisie-
Jugend- und Erwachsenenphase schiebt rung und multigrafische Lebensmodelle
sich die Postadoleszenz, eine Zeit des führen zu mehr Wechsel auch in den
Ausprobierens und der Selbstfindung, Haushalten – und werden als entschei-
in der man sich über die ungefähre dender Faktor zu einer Neuformierung
Richtung bewusst wird, in die man des Wohnens der Zukunft beitragen.
These 3
Die Emanzipation der Frauen
verändert die Rollenverteilung
in den Familien. Damit
werden Männer als Zielgruppe
für Hausgeräte wichtiger.
6Einleitung
Haushalt ist heute anders Freunden oder Online-Tutorials. Wenn
mit Anfang 30 die Zeit gekommen ist,
Was wir den Megatrend „Female Shift“ mit dem Partner eine gemeinsame
nennen, betrifft Männer wie Frauen Wohnung zu beziehen, haben Frauen
gleichermaßen. Die Auflösung traditio- und Männer längst eigene Vorstel-
neller Geschlechterrollen von Männern lungen und Empfindlichkeiten, was die
und Frauen bringt massive Umbrüche Haushaltsführung angeht.
und große Chancen mit sich. Frauen
streben verstärkt nach Unabhängig-
keit, Mobilität und Berufstätigkeit, Frauen im Job, Männer bei der Deko
während Männer Familienzeit einfor-
dern. Neue Männer und Frauen finden Viele Frauen finden inzwischen selbst-
ihre Lebensbalance in beruflicher verständlich Selbstverwirklichung
Verwirklichung und in Beziehungs- im Beruf. Gut ausgebildete Frauen
und Familienmodellen abseits der alten stellen für Unternehmen und Volks-
Vater-Mutter-Kind-Konstellation. wirtschaften ein enormes Kapital dar,
dessen Wert im Zuge des Aufstiegs der
In Deutschland finden sich inzwischen Kreativ-Ökonomie noch wachsen wird.
über 40 Prozent Einpersonenhaushalte.
Das sind aber keineswegs nur Sin- Für Männer bedeutet das, dass sie
gles. „Living apart together“ wird für bei der Arbeit für die Familie mehr
immer mehr Paare zur Devise, die zwar anpacken müssen. Markus Theunert,
zusammen sind – aber in getrennten ehemaliger Männerbeauftragter des
Wohnungen leben, oft auch beruflich Schweizer Kantons Zürich, bringt das
bedingt. Laut einer IfD-Analyse lebt Dilemma auf den Punkt: „90 Prozent der
jedes achte bis neunte Paar in Deutsch- Männer im Kanton St. Gallen äußern
land getrennt, vor allem junge Paare den Wunsch, Teilzeit zu arbeiten, auch
(43 Prozent der 16- bis 29-Jährigen).1 um mehr für die Familie da zu sein. Aber
Geheiratet wird immer später, wenn nur 13,4 Prozent tun es. Es gibt einen
überhaupt: Laut Statistischem Bun- enormen Graben zwischen Wunsch und
desamt lag im Jahr 1970 der Anteil Wirklichkeit.“2
verheirateter Frauen unter 30 Jahren
noch bei 43 Prozent, heute sind es nur Egal ob im Beruf oder im Privatleben,
noch 11 Prozent. Seit 1990 ist der Anteil zunehmend müssen sich Männer an
um zwei Drittel gesunken. „soften“, ehemals „weiblichen“ Kriterien
messen lassen, um ihre Attraktivität
Direkt vom Haushalt der Eltern ins unter Beweis zu stellen. Nach einer
eheliche Heim zu ziehen ist für junge repräsentativen Umfrage der Messe
Menschen zur Ausnahme geworden. Frankfurt steigt die Attraktivität von
Die meisten leben während der Post- Männern signifikant an, wenn sie beim
adoleszenz allein oder in einer Wohn- Einrichten einen „guten Geschmack“
gemeinschaft – und entwickeln in zeigen.3
dieser Zeit einen eigenen Stil der Woh-
nungseinrichtung und Haushaltsfüh-
rung. Wie schneide ich eine Zwiebel? 1
Institut für Demoskopie Allensbach: Partnerschaft 2012.
Wie entferne ich die Kalkflecken vom Zwischen Herz und Verstand. 2012
Wasserhahn? Was Frauen früher am
2
Interview in: brand eins, 9/2012, S. 95
mütterlichen Herd lernten und Männer
gar nicht, lernen beide Geschlechter 3
Zukunftsinstitut/Messe Frankfurt: Management Report
jetzt „by doing“. Von Mitbewohnern, Female Shift. 2013
7Zukunftsinstitut :: Future Living
These 4
Künftiges Zeitmanagement in modernen Lebens-
welten verbindet Flexibilität und Entschleunigung.
Megatrend Mobilität Antriebsformen, sondern auch um
Nachhaltigkeit, neue Energie-Infra-
Die weltweite Entwicklung ist offen- strukturen, vernetzte Städte, mobiles
sichtlich: mehr Verkehr, mehr Güter, Arbeiten und smarte Haushalte. Fest
mehr Austausch, mehr Daten, mehr steht: Unser modernen Lebenswelten
Jobmobilität. Die 24/7-Nonstop-Kultur fußen auch künftig auf individuali-
des Internetzeitalters und des Mobile sierter, freier und globaler Mobilität.
Commerce sprengt zudem die her- Doch in den nächsten Jahren werden
kömmlichen Dimensionen von Zeit und wir erleben, wie sich die Grundkoor-
Raum. Was vor uns liegt, ist der Beginn dinaten des mobilen Lebensstils neu
eines neuen, multimobilen Zeitalters. ausrichten. Mobilität verändert immer
mehr Bereiche unseres Alltags und
Wenn heute von der Zukunft der unserer Jobrealität.
Mobilität die Rede ist, geht es nicht
länger nur um räumliche Fortbewe- Über diese Dynamik betrifft Mobilität
gung, Verkehrsmittel und postfossile nicht mehr nur Automobilhersteller,
Verkehrsbetriebe, Logistiker und
Verkehrsplaner, sondern nahezu alle
Branchen und Märkte. Ob globale Ver-
netzung, Elektromobilität oder mobiles
Internet – rund um den Konsum von
Mobilität entstehen völlig neue Wachs-
tumsmärkte, Innovationsfelder und
Nachfrageimpulse.
Der schwierigste Tag im Leben: Alltag
Alltag findet für immer mehr Menschen
künftig im Dazwischen statt. Beim
täglichen Ortswechsel zwischen Woh-
nung, Arbeitsplatz und „Third Places“
wie Shopping Malls, Parkanlagen oder
Verkehrsknotenpunkten; über Urlaubs-
und Geschäftsreisen bis hin zum jobbe-
dingten Umzug. Wer so viel unterwegs
ist, hat keine Zeit, sich stundenlang mit
10Speed: Küche to go
der sachgemäßen Reinigung seiner Fein- Lebensmittelallergiker sein werden)
wäsche zu beschäftigen. Bei genauerem erfordern strenge Organisation.
Hinsehen stellt sich allerdings die Frage, Das eigentliche Problem sind die
ob dabei wirklich die fehlende Zeit das Entscheidungen, die vorab getroffen, die
Problem ist oder nicht eher die fehlende Pläne, die gemacht werden müssen. Sie
Planbarkeit des Lebens insgesamt. sind der wirkliche Stressfaktor heutiger
Hausarbeit. Wer also unterstützen will,
muss an der Planung ansetzen.
Wir leben zunehmend in einer Ad-hoc-
Gesellschaft. Der Megatrend Mobilität
macht aus sesshaften Bürgern gewisser- Warten als Beschleunigungsansatz
maßen wieder nomadische Jäger und
Sammler. Sesshafte können im Gegen- Der mobile Lebensstil der Zukunft
satz zu Nomaden langwierige, komplexe zwischen Wohnung, Arbeitsplatz und
Prozesse durchführen, die einen pla- „dritten Orten“ wird durch die Erhöhung
nerischen, schritthaften Projektablauf der Wegezahlen und Anschlüsse zu-
erfordern. nehmend „Restzeiten“ mit sich bringen:
Wartezeiten an der Straßenbahnhalte-
Das moderne Leben hat jedoch kaum stelle, an der Supermarktkasse, im Stau
noch Entsprechungen zur Langwie- oder in der Arztpraxis. Sie werden zur
rigkeit und Komplexität von Aussaat unvermeidbaren Begleiterscheinung
und Ernte, Aufzucht und Schlachtung des multimobilen Lebensstils. Seit der
– alles muss schnell gehen und passiert rasanten Verbreitung von Smartphones
gleichzeitig. In vielerlei Hinsicht ein wird nun ein neues Verhalten gelernt,
Problem des modernen Nomaden: Denn um diese kleinen Zeitinseln zu nutzen:
das Versiegeln eines neuen Parkettbo- SMS schreiben, eine Runde Sudoku
dens oder ein mehrgängiges Menü für spielen oder einen interessanten
eine Gruppe von Gästen (unter denen Zeitungsartikel endlich durchlesen.
natürlich auch Vegetarier, Veganer und Über das Smartphone lassen sich
11Zukunftsinstitut :: Future Living
der 16- bis 24-Jährigen ist die Anzahl der
Kurznachrichten-Schreiber mit 39 Pro-
zent fast doppelt so hoch. Ähnlich sieht
es bei den Games aus, mit denen sich
36 Prozent der 25- bis 34-Jährigen die
Zeit vertreiben würden. Nur 10 Prozent
der über 55-Jährigen würden ihre Zeit
mit dem Tippen von SMS verbringen.
Restzeit wird Planungszeit
Gerade für die lästige Planung, das
„Dran-denken“ in der Organisation der
Hausarbeit, sind die Restzeit-Inseln prä-
destiniert: Über Smartphone-Apps kann
die Einkaufsliste ergänzt (30 Prozent)
oder können Pläne geschmiedet werden
(47 Prozent). Mit dem Internet der Dinge
werden jedoch noch viele Aufgaben
mehr auf diese Zeit-Inseln verbannt
unvermeidliche Restzeiten des mobilen werden, indem per Smartphone die
Zeitgenossen wieder sinnvoll nutzen. Markise ausgefahren und die Heizung
ausgeschaltet wird.
In unserer Umfrage haben wir gefragt,
wie die Menschen mit solchen Restzeiten Für den, der sich die Zeit ohnehin
umgehen. Was tun, wenn in der Woh- mit SMS-Schreiben vertreibt, ist die
nung unerwartet 15 Minuten mehr Zeit Hemmschwelle gering, auch dem
zur Verfügung stehen? Auf Platz eins Zimmerpflanzen-Bewässerungssystem
landet die Antwort: „Im Internet surfen“ bei dieser Gelegenheit eine Nachricht
mit durchschnittlich 62 Prozent, gefolgt zu schicken. Das Internet der Dinge,
vom Nichtstun mit 58 Prozent. Auch das mobile Haushaltsführung möglich
Musikhören steht hoch im Kurs mit macht, setzt so auf das bereits gelernte
56 Prozent, kurz vor dem Konsum von Verhalten der Digital Natives.
Genussmitteln (55 Prozent). Arbeiten im
Haushalt landet eher im Mittelfeld mit Der Verdacht drängt sich auf, dass
42 bzw. 40 Prozent („Aufräumen“). Doch gerade an der Hausarbeit so viel Zeit
immerhin: Fast die Hälfte der Deutschen gespart wird, nicht nur weil sie bis-
kümmert sich um den Haushalt, wenn weilen komplex, sondern vor allem,
unerwartet eine Viertelstunde Zeit zur weil sie unangenehm ist. Sie ist zumeist
Verfügung steht. Instandhaltungsarbeit, bei der ein
Zustand („das Bad ist sauber“) wieder-
Bei den „digitalen“ Tätigkeiten, die als hergestellt werden muss, im schmerzli-
Zeitvertreib für geschenkte 15 Minuten chen Bewusstsein, dass dies nicht lange
in Frage kommen, lohnt sich ein Blick halten wird.
auf die Altersgruppen. Mit 21 bzw. 20
Prozent liegen die typischen Smart- Das spiegelt sich in den Umfragen.
phone-Tätigkeiten „SMS schreiben“ und Instandhaltungsarbeiten landen ganz
„Spiele spielen“ im Durchschnitt zwar oben auf der Flop-Liste besonders
ganz hinten, doch in der Altersgruppe lästiger Tätigkeiten im Haushalt.
12Speed: Küche to go
EFFIZIENZ DES ALLTAGS: SINNVOLLE VERWENDUNG VON RESTZEITEN
Was Menschen gewöhnlich tun, wenn sie zu Hause unerwartet 15 Minuten Zeit übrig haben
62%
Im Internet surfen
58%
Ausruhen/entspannen,
indem ich einmal nichts tue
56%
Radio/Musik hören
55%
Essen/Genuss (Kaffee trinken,
Zigarette rauchen...)
47%
Nachdenken/Pläne schmieden
44%
Sich mit jemandem unterhalten
44%
Lesen
42%
Um Dinge im Haushalt kümmern,
zu denen ich sonst nicht komme
40%
Aufräumen
35%
33%
Telefonieren
30%
Einkaufsliste/To-Do-Liste schreiben
Gesamt
21% 16–24 Jahre
SMS schreiben 25–34 Jahre
35–44 Jahre
20% 44–54 Jahre
Spiele spielen 55+ Jahre
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80%
Quelle: Zukunftsinstitut
13Zukunftsinstitut :: Future Living
LUST VERSUS LAST
Welche Tätigkeiten im Haushalt Spaß machen und welche als besonders lästig empfunden werden
macht mir Spaß weder noch mache ich nicht ist besonders lästig
Blumengießen/ Wäsche Handarbeiten
Kochen Einkaufen Gärtnern waschen (Nähen etc.)
66% 59% 53% 33% 24%
7% 12% 9% 14% 14%
Wäsche Spülmaschine Betten Geschirr spülen
trocknen Staubsaugen ein-/ausräumen beziehen (mit der Hand)
24% 23% 23% 19% 18%
14% 27% 16% 28% 32%
Müll Bad Fenster
wegbringen Bügeln putzen putzen Fegen
16% 16% 16% 16% 16%
28% 36% 38% 42% 24%
Fußböden Kühlschrank Toilette Teppich Backofen
wischen saubermachen putzen reinigen reinigen
11% 9% 8% 5%
14%
36% 43% 45% 36% 59%
Quelle: Zukunftsinstitut
14Speed: Küche to go
„Backofen reinigen“ (59 Prozent), „Toi- bedeuten, endlich mal ganz in Ruhe das
lette putzen“ (45 Prozent) und „Kühl- tolle Muffin-Rezept auszuprobieren,
schrank saubermachen“ (43 Prozent) das man im Internet entdeckt hat: Auch
sind die meistgehassten Hausarbeiten diesen Akzent werden moderne Lebens-
der Deutschen, dicht gefolgt vom Fens- welten spiegeln.
terputzen (42 Prozent). Diese Art von
Hausarbeit ist unkreativ. Sie „erschafft“
nichts, sondern stellt nur den Normal- Verlangsamen im Cottage
zustand wieder her. Das macht sie zu
einer unbefriedigenden, als sinnlos Wir sprechen vom „Cottage-Trend“ als
empfundenen Art von Arbeit. Gegentrend zu einer beschleunigten,
digitalisierten, urbanen Lebenswelt. Das
Cottage wird zum Sinnbild eines neuen
Hausarbeit wird Sinnarbeit Luxusverständnisses, das nicht mehr
in tollen Autos, Designerklamotten
Die nachwachsenden Generationen der oder Hochsee-Yachten besteht, sondern
kommenden Hochbildungsgesellschaft darin, einfach Zeit zu haben. Zeit für
werden aus anspruchsvollen Menschen sich, die Gesundheit, die Familie, für
bestehen, die von ihrer Arbeit zuneh- kreative Arbeit, die sich nicht finanziell
mend Sinnhaftigkeit und persönliche lohnen muss.
Befriedigung erwarten. Erwerbsarbeit
wie Hausarbeit werden in Zukunft dem Kreative Hausarbeit wird so zum
Paradigma der kreativen Wirtschaft un- Statussymbol. Denn nicht den ganzen
terworfen. Der Sisyphus-Charakter von Tag am Computer zu arbeiten, sondern
Hausarbeit steht dieser subjektiven Er- Gemüse selbst zu erzeugen und Mar-
füllung im Weg. Die Unvermeidlichkeit melade einzukochen muss man sich
dessen werden gerade junge Menschen zeitlich erst mal leisten können. Dass
in Zukunft immer weniger akzeptieren gerade diese „häuslichen“ Tätigkeiten
und versuchen, ihr auszuweichen oder zur primären Sehnsucht junger, erfolg-
Lösungen neuer Form in Anspruch zu reicher Menschen werden, liegt auch
nehmen. daran, dass sie ein Gegengewicht zur
Dass Hausarbeit zum Stressfaktor
wird, weil sie einerseits für den mobilen
Lebensstil zu komplex, den Hoch-
qualifizierten der Wissensökonomie
andererseits zu sinnfrei ist, ist aber
nur ein Aspekt der Zukunft der Haus-
arbeit. Momentan ist nämlich auch ein
typischer Gegentrend zu beobachten:
Hausarbeit wird nicht nur be-, sondern
auch entschleunigt.
Dass „Hausarbeit“ und „Zeit für sich“
stark in Konkurrenz zueinander treten
in der Zeit, die nicht mit Erwerbsarbeit
oder sozialen Kontakten verbracht wird,
suggeriert, dass sie einander überlappen
können. Und tatsächlich kann „sich Zeit
für sich“ zu nehmen in Zukunft auch
15Zukunftsinstitut :: Future Living
digitalisierten Arbeit und dem urbani- Küche schlägt
sierten Leben bieten. Es ist jedoch nicht Auto schlägt Smartphone
die Abkehr vom Internet, die diesen
Trend vorantreibt, sondern das Internet Der Trend zur kreativen Hausarbeit
selbst. zeichnet sich auch klar in den Umfrage-
Ergebnissen ab: Zwei Drittel der Be-
Geschickte Köche, Bäcker, Handarbeiter fragten gaben an, dass ihnen Kochen
und Gärtner können ihre selbstgeba- Spaß macht. 59 Prozent gehen gern ein-
ckenen Kuchen und selbstgestrickten kaufen, und 53 Prozent lieben es, Zeit im
Mützen fotografieren und auf eigens Garten zu verbringen. Damit belegen die
dafür angelegte soziale Netzwerke drei kreativsten Tätigkeiten im Haushalt
hochladen – und massenhaft „Likes“ klar die ersten Plätze.
und „Repins“ einfahren.
Hausarbeit kann also auch glücklich ma-
So verliert Hausarbeit im Zuge des chen, besonders wenn sie entschleunigt
Megatrends Konnektivität das Stigma und als Ritual zelebriert wird. In den
einer Tätigkeit ohne Gegenleistung. Sie modernen Lebenswelten einer zeit-
wird sichtbar, ja ästhetisch überhöht knappen Gesellschaft wird sie auf diese
und rituell zelebriert. Besonders die Ar- paradoxe Weise mehr und mehr zum
beiten, die keine reinen „Maintenance“- Luxus. So erklärt sich auch die Tatsache,
Arbeiten sind (wie z.B. Putzen), sondern dass die schöne Küche ein schickes Auto
kreativ, erscheinen in Zukunft sinnvoll bereits klar als Wunsch und Status-
und erfüllend – und treten aus dem symbol ablöst: Hausarbeit wird vor-
Schatten ins Licht der Öffentlichkeit. zeigbar. Doppelt so viele Befragte geben
KÜCHE ALS STATUSSYMBOL
Was Menschen wichtiger ist: eine tolle Küche, ein tolles Auto, eine tolle Hi-Fi-/Videoanlage
oder das neueste Smartphone/Tablet
Was ist Ihnen wichtiger?
29%
ein tolles Auto
57%
eine tolle Küche
8%
eine tolle Hi-Fi-/ Videoanlage
7%
das neueste Smartphone/ Tablet
Quelle: Zukunftsinstitut
16Speed: Küche to go
an, dass ihnen eine tolle Küche wichtig
ist (57 Prozent), verglichen mit jenen, These 5
die ein tolles Auto bevorzugen würden
(29 Prozent). Küchen haben aber auch
mehr Sex-Appeal als die neuen Konsum- Technologie entkoppelt
Fetische Smartphone und Tablet (7 Pro-
zent). Durch das Sichtbar-Werden Hausarbeit von der
von Hausarbeit im Internet wird sie
zunehmend idealisiert und ästhetisch physischen Anwesenheit in
überhöht. Für zeitknappe Urbanisten
kann sie zum Ritual, zum Luxus, ja zur der Wohnung.
Wellness-Erfahrung werden. Diese
Inszenierung von Hausarbeit liefert eine
Steilvorlage für Hausgeräte, die solche
Aspekte aufgreifen und thematisieren.
Reduktion und Mobilisierung vieler
Dezentralisiertes Wohnen Haushaltstätigkeiten denkbar. Outsour-
cing ist als Cloud-Computing längst in
Die Soziologie kategorisiert unsere unserer digitalen Welt angekommen.
Lebensräume in erste, zweite und dritte Dieselben Mechanismen übertragen
Orte, also das Zuhause, den Arbeitsplatz sich zunehmend auf das „reale“ Leben.
und Räume der Begegnung als dritte Parallel sind zwei Phänomene zu
Orte. Das können öffentliche Räume beobachten. Immer mehr Funktionen
sein, wie der Stadtraum, aber auch des Alltags werden „outgesourct“. Meist
halböffentliche Orte wie Bahnhöfe, Bil- mit dem Ziel, flexibel zu bleiben und nur
dungseinrichtungen und Freizeiträume. das Notwendigste im privaten Bereich
Auch Geschäfte und Gastronomie zu belassen.
zählen dazu.
Was man nicht permanent braucht,
Die mobile Gesellschaft durchbricht wird nach Bedarf „dazugebucht“.
hier zunehmend althergebrachte Statt eines eigenen Büros nutzt man
Muster. Wohnen findet immer öfter Co-Working. Statt ein Auto zu kaufen,
auch außerhalb der „vier Wände“ statt. beteiligen sich die Verbraucher am
Privatsphäre und Büroraum wird Car-Sharing. Was aber tun mit per-
zunehmend beides in einem. Die neuen sönlichem Hab und Gut? Haushalte
Technologien erlauben es, immer online sammeln reichlich Dinge an, die man im
zu sein und am Küchentisch ebenso Moment vielleicht nicht benötigt, von
zu arbeiten wie am Flughafen oder im denen man sich aber nicht trennen will.
Park. Damit ist die Kategorisierung in Self-Storage ist die Cloud-Lösung für
erste, zweite und dritte Orte nicht mehr Wohnutensilien – eine Box für die per-
eindeutig. sönlichen Dinge für den Fall der Fälle.
Die Verwirklichung der Lebensstile Auch Hausgeräte könnten auf lange
verlangt eine Umprogrammierung der Sicht in die Me-Cloud, also das persön-
Räume – und ihrer Nutzungsangebote. liche Outsourcing-Universum wandern.
Der Haushalt beginnt sich vom physi- Im digitalisierten, urbanen, mobilen
schen Ort weg zu etablieren, denn in Lebensstil der Zukunft ist alltägliche
modernen Lebenswelten ist eben auch Hausarbeit etwas, das dezentral und
eine neue Mischung aus Outsourcing, flexibel erledigt werden kann.
17SIMpLeXITY BESSER – EINFACH – BESSER
Zukunftsinstitut :: Future Living
These 6
Der Wert der Technik misst sich an ihrem Beitrag
zur Lebensqualität.
Einfach ist der neue Mainstream Benutzern kommunizieren. Dass der
Mensch im Mittelpunkt steht, wenn es
In der Befragung zum Thema Haus- um Technik geht, ist ein Allgemeinplatz.
geräte war das Bedürfnis nach Über- Das Problem ist nur: Dieser Mensch
sichtlichkeit und Einfachheit ein klares ist nicht so einfach auf einen Nenner
Ergebnis. Jeweils über 80 Prozent demographischer Merkmale zu bringen
Zustimmung erzielten die Aussagen: wie früher. In Zukunft wird Hausarbeit,
„Für mich ist es wichtig, dass Hausge- also die Bedienung von Hausgeräten,
räte möglichst schnell, reibungslos und sich weiter ausdifferenzieren. Nicht
flexibel funktionieren“ (87 Prozent), mehr nur Hausfrauen zwischen 30 und
„Wenn es um Hausgeräte geht, möchte 50 Jahren bedienen diese Geräte, son-
ich bei der Bedienung den Überblick dern auch Männer aller Altersgruppen,
behalten“ (ebenfalls 87 Prozent), „Bei sehr junge und sehr alte Menschen,
Hausgeräten möchte ich keine Überra- Alleinlebende, Alleinerziehende, WG-
schungen erleben“ (86 Prozent) und „Bei Mitbewohner, Menschen mit „Behinde-
Hausgeräten ist mir vor allem wichtig, rung“, Menschen mit anderem kultu-
dass das Ergebnis stimmt“ (85 Prozent). rellen Hintergrund.
Die Verbraucher wollen wissen, woran
sie sind: Hausgeräte sollen zuverlässig Die Megatrends Individualisierung,
sein und klar und deutlich mit ihren Female Shift und Silver Society führen
dazu, dass das Design der Hausgeräte in
modernen Lebenswelten universeller
gedacht werden muss. Insofern ist der
Wunsch nach „Simplexity“, also der
einfachen Bedienbarkeit technisch
komplexer Geräte, nicht als ein Zeichen
von Überforderung oder gar Technik-
feindlichkeit zu deuten. Es ist vielmehr
das Design-Credo einer Zukunft, in der
erfolgreiche Produkte nicht mehr nur
einer Zielgruppe, sondern allen Men-
schen entgegenkommen. Die Benut-
zerfreundlichkeit der Oberflächen und
Schnittstellen muss die Kompliziertheit
der Technik im Inneren der Maschine
weit übertreffen. High-Tech trifft in
Zukunft auf High-Touch.
20Simplexity: besser – einfach – besser
FLEXIBILITÄT, USABILITY UND EFFIZIENZ
Einstellungen zum Thema Hausgeräte
Für mich ist wichtig, dass Hausgeräte möglichst schnell,
87%
Wenn es um Hausgeräte geht, möchte ich
87%
bei der Bedienung den Überblick behalten
Bei Hausgeräten möchte ich keine
86%
Überraschungen erleben
Bei Hausgeräten ist mir vor allem wichtig,
85%
dass das Ergebnis stimmt (z.B. saubere Wäsche)
Wenn es um Hausgeräte geht,
79%
möchte ich genau wissen, wie sie funktionieren
Bei Hausgeräten achte ich
72%
Bei Hausgeräten möchte ich gern
70%
alle Programme und Optionen kennen
Ich bin aufgeschlossen für Neuerungen,
61%
wenn es um Hausgeräte geht
Bei Hausgeräten achte ich besonders
59%
auf intuitive Bedienbarkeit
Bei Hausgeräten wünsche ich mir
55%
Feedback-Funktionen (z.B. Hinweis zum Filterwechsel)
Ich wünsche mir schnellere Programme mit verkürzten
50%
Laufzeiten, die mir mehr Zeit für andere Dinge schaffen
Ich wünsche mir intelligente, „mitdenkende“ Geräte,
40%
die mir Entscheidungen abnehmen
Die Ausstattung meiner Wohnung/meines Hauses ist mir
34%
sehr wichtig, dafür bin auch bereit viel Geld auszugeben
Bei der Anschaffung von Hausgeräten orientiere ich
31%
mich gern am Stil bekannter Marken
Ich kaufe mir lieber preiswertere Hausgeräte,
20%
die ich nach einiger Zeit austausche
Bei Hausgeräten achte ich besonders
19%
auf exklusives Design
Ich würde Hausgeräte gern von unterwegs
16%
z.B. per Smartphone bedienen können
Wenn es um Hausgeräte geht, möchte ich
13%
intelligente Maschinen, die sprechen können
Quelle: Zukunftsinstitut
21Zukunftsinstitut :: Future Living
Speziell ältere Menschen stellen sehr Zuhause leben. Ambient Assisted Living
hohe Ansprüche an die Bedienerfreund- (AAL) lautet der Ansatz, von elektro-
lichkeit von Hausgeräten: Die Aussagen, nischen Produkten bis zu Dienstleis-
die in der Befragung ganz oben stehen, tungen ein selbstbestimmtes Leben im
erzielen bei den über 55-Jährigen jeweils Alter situationsabhängig und unauf-
über 90 Prozent Zustimmung. Es ist das dringlich zu unterstützen.
Design, das ihnen entgegenkommen
muss, reibungslose Funktion und das Barrierefreiheit wird zur zentralen
Ausbleiben von Überraschungen ist Forderung: Produkte müssen nicht
Aufgabe der Technik. Beides – High- mehr einfach nur funktionieren, sie
Tech und High-Touch – muss Hand in müssen „smart“ sein. Dabei geht es
Hand gehen, um das Erwartungsprofil weniger um eine Alters- und Handicap-
der Kunden in Zukunft zu treffen. Perspektive, sondern um altersspezifi-
Perfekte Bedienbarkeit von Hausge- sche Gestaltung – „Universal Design“.
räten wird so zum Ermöglicher eines Gemeint ist eine intuitive Bedienbarkeit
selbstbestimmten, autarken Lebens im für alle Altersgruppen. Für Ageless- und
eigenen Haushalt, was regelmäßig ganz Universal-Design-Konzepte lauten
oben steht bei den Wünschen älterer daher die Anforderungen: Alltagspro-
Menschen. dukte und Wohnungseinrichtungen so
verändern, dass flexible und intuitive
Nutzung mit hoher Fehlertoleranz und
Barrierefrei für alle Altersgruppen geringem Demütigungsfaktor möglich
wird. Barrierefreiheit und Ästhetik
Der demographische Wandel macht bleiben nicht länger Gegensätze. Denn
ältere Menschen zu einer wachsenden letztlich profitieren alle Generationen
Kosumentengruppe. 62 Prozent davon von Maßnahmen zur Barrierefreiheit:
wollen auch im hohen Alter im eigenen Die richtige Breite von Durchgängen,
22Simplexity: besser – einfach – besser
These 7
In modernen Lebenswelten muss die Maschine zum
Menschen kommen, nicht umgekehrt.
leicht bedienbare Fenster und Türen, müssen das Bügeln also leichter
stufenlose, stolperfreie Wege, rutsch- machen, wenn das Plätten im Privat-
hemmende Oberflächen, sichere Griffe haushalt überhaupt noch eine Zukunft
im Sanitär- und Treppenbereich, haben soll.
höhenverstellbare Betten, angepasste
Arbeitshöhen und Beleuchtung – all das Geräte müssen smart werden, damit
kommt in Zukunft zum Beispiel einem das Bügeln wieder Spaß macht. Denn
familienfreundlichen und damit auch Ähnliches zeigt sich auch bei Heim-
Mehrgenerationen-Wohnen zugute. textilien: Ein Fünftel der Befragten
würde nicht auf die Idee kommen,
selbst einen Teppich zu reinigen. Hier
Outsourcing als kommt das professionelle Outsourcing
Wachstumsmarkt im Haushalt von Hausarbeit ins Spiel. Teppichreini-
gung, Hemdenbügeln: Solche Aufgaben
Was Vereinfachung bedeutet, kann überlassen die Verbraucher immer öfter
aber auch andere, nicht-technologische Profis. Daran zu denken, die Sachen zur
Aspekte beinhalten. Handarbeiten wie Reinigung zu bringen und wieder abzu-
Stricken, Nähen oder Flicken von Klei- holen, kann ihnen allerdings niemand
dung wären vor 50 Jahren aus keinem abnehmen – noch.
Haushalt wegzudenken gewesen
– heute führen nur noch 60 Prozent
überhaupt noch Handarbeiten aus, wie
die Befragung zeigt. In einer „Wegwerf-
gesellschaft“ nimmt das nicht wunder:
Sehr viele Dinge werden nicht repariert,
wenn sie kaputtgehen, sondern wegge-
worfen. Im Zuge des Megatrends Neo-
Ökologie wachsen zwar Gegentrends
zu dieser Konsumphilosophie, für die
meisten Verbraucher gilt aber noch
immer das Ex-und-hopp-Prinzip.
Ein anderer Vereinfachungsweg zeigt
sich am Thema Bügeln. 20 Prozent der
Befragten gaben an: „Mache ich nicht“.
Nur durch laxere Kleidungsvorschriften
lässt sich dieser hohe Wert von Nicht-
büglern nicht erklären. Bügeleisen
23Zukunftsinstitut :: Future Living
Ist „Smart“ gleich Technologie? vor allem ihre Fähigkeit zur Wahrneh-
mung. Maschinen, die gleichsam blind
Technologie ist zweifellos einer der und taub sind, können ihren Benutzern
wichtigsten Hebel der Vereinfachung. weder das Nachdenken noch das Dran-
Sie durchdringt unser Leben. Schon Denken, noch das Treffen von Entschei-
heute lagern wir unzählige Entschei- dungen abnehmen. Beispiel Vollflächen-
dungen an Programme aus, an Apps induktion: Ein Herd, der nicht „erkennt“,
und Internet-Dienste. Die Auswahl wo auf der Induktionsfläche Töpfe
eines Buches, der passende Wein zum stehen, wird seinen Benutzer nicht
Essen, unser Gesundheitszustand – ja, insofern entlasten können, als er keinen
sogar bei der Suche nach dem Lebens- zur Herdplatte passenden Topf mehr
partner fragen wir „den Computer“. suchen muss. Sensorik spielt also eine
Häuser und Wohnungen werden durch entscheidende Rolle.
die Entwicklung der „Smart Buildings“
immer mehr Teil dieser Vernetzung. Viele Technologien haben sich bereits in
Bislang trägt das „Smart Home“ aller- die Lebensrealität moderner Gebäude
dings eher häufig zur Verkomplizierung integriert. Bauherren wollen vermehrt
unseres Lebens bei, da es zu eindimen- in intelligente Technik investieren.
sional auf Technologie reduziert wird. Gemäß der repräsentativen forsa-
„Smart“ wird künftig aber auch den Umfrage DFH Trendbarometer 2012
Mut beinhalten müssen, nicht überall würden mehr als die Hälfte (51 Prozent)
einen Chip zu integrieren. Im Kern des der Befragten, die in Kürze ein Haus
smarten Wohnens finden wir eine redu- bauen möchten, zwischen 4.000 und
zierte Vernetzung, die dann unterstützt, 8.000 Euro für mehr Sicherheit, Komfort
wenn es nötig ist. und eine höhere Energieeffizienz der
intelligenten Haustechnik verwenden.
Doch was bedeutet „smart“ eigentlich, Kaum ein neues Haus, das nicht ein Bus-
und wann ist Unterstützung nötig? Was System integriert hat. Kaum ein Haus-
„smarte“ von „dummen“ Geräten unter- techniker, der nicht davon schwärmt,
scheidet, ist auf der technischen Ebene alles per Smartphone steuern zu
können. Doch über die technische
Ebene hinaus wird das Smart Home
weitergedacht: Der Bewohner ist zum
User avanciert. Die „Usability“ steht
damit automatisch im Mittelpunkt,
wenn nach der Zukunft des Smart
Home gefragt wird. Technologie bringt
aber auch Komplexität und Vernetzung
ins Haus, die es dann erst wieder zu
lösen gilt. In der Zukunft des Wohnens
wird es also darum gehen, die Kunst
des Vereinfachens durch Technologie
auf das „Wohnen“ zu übertragen.
Fokus auf Schnittstellen
Je mehr sich Menschen im Alltag mit
Technik umgeben, je selbstverständli-
cher technische Anwendungen in alle
24Simplexity: besser – einfach – besser
SIMPLEXITY: EINFACHE BEDIENBARKEIT INTELLIGENTER GERÄTE
Was Menschen helfen würde, besser mit Hausgeräten zurechtzukommen
43%
ein unkompliziertes Handbuch/
Bedienungsanleitung
34%
besser verständliche
Beschriftung am Gerät
für mich ist entscheidend, dass sich 22%
Alltag integrieren lassen
16%
ein Ansprechpartner, der immer
erreichbar ist (z.B. Service-Rufnummer)
13%
Touchscreen wie beim
Smartphone oder Tablet-PC
13%
wie beim Computer
Gesamt
11%
besserer Online-Service 16–24 Jahre
25–34 Jahre
9% 35–44 Jahre
zuverlässige Erkennung 44–54 Jahre
von Sprachbefehlen 55+ Jahre
6%
Erkennung von
Handbewegungen und Gesten
32%
nichts davon, ich komme gut zurecht
0% 10% 20% 30% 40% 50%
Quelle: Zukunftsinstitut
Bereiche unseres Lebens vordringen, Anwender gehen in Richtung Kommu-
desto wichtiger wird die Gestaltung der nikation: 43 Prozent wünschen sich ein
Mensch-Maschine-Schnittstelle. Um- verständliches Handbuch in Hausge-
ständliche Betriebsanleitungen, vorgeb- räten und 34 Prozent eine besser ver-
lich selbsterklärende Installationspro- ständliche Beschriftung am Gerät.
zesse, die nur mithilfe von Fachkräften Das sind die beiden Top-Wünsche zur
bewältigt werden können, raffinierte, verbesserten Anwendung von Haus-
aber wenig fehlertolerante Hightech- geräten. Künftig werden Hersteller
Produkte – vieles zeigt, wie groß der sehr viel mehr Gewicht auf diese
Nachholbedarf ist. Die Wünsche der Schnittstelle legen müssen. „Simplicity“
25Zukunftsinstitut :: Future Living
(zu Deutsch: Schlichtheit, Unkompli- unserer Umfrage geben 4 Prozent der
ziertheit) oder genauer: „Simplexity“ über 55-Jährigen an, ihre Hausgeräte
zeichnen die exzellente Gebrauchstaug- mit Gesten steuern zu wollen. Bei den
lichkeit (Usability) simpler (einfach zu 16- bis 24-Jährigen sind es 10 Prozent.
bedienender) und zugleich (z.B. tech- Spracherkennung wollen nur 8 Prozent
nisch) komplexer Produkte aus. der Älteren, aber 11 Prozent der Jün-
geren. Am deutlichsten ist der Unter-
Gerade in Bezug auf Technologien sind schied bei der Touchscreen-Bedienung:
allerdings große Unterschiede zwi- Diese wird von 22 Prozent, also fast
schen jungen und alten Menschen zu einem Viertel der Jüngeren gewünscht,
beobachten; denn die Nutzung neuer jedoch nur von 10 Prozent der Älteren.
Gerätetypen ist eine Kulturtechnik, die
erst gelernt werden muss. Bei älteren Und doch ist Technologie kein
Menschen bedingen sich das fehlende Selbstzweck mehr, wie in den techno-
Know-how im Umgang mit neuen euphorischen Zukunftsphantasien
Technologien und der seltene Kontakt der 60er-Jahre. Technik wird sich
damit oft gegenseitig. Junge Menschen künftig anderen, „wichtigeren“ Dingen
dagegen lernen den Umgang auch unterordnen, etwa der Gesundheit.
mit ganz neuen Techniken wie etwa Nicht nur für ältere Menschen steht
Gesten- und Spracherkennung früh. In die Gesundheit an erster Stelle. Auch
HELL UND NATÜRLICH
Welche Begriffe am besten zur Vorstellung einer Traum-Küche passen
dunkel 6% 94% hell
steril 9% 91% natürlich
angenehm duftend 14% 86% frische Luft
kühl 19% 81% warm
luxuriös 19% 81% nachhaltig
schlicht 20% 80% gemütlich
klein 21% 79% groß
sinnlich, ästhetisch 25% 75% praktisch, funktional
aktuelles, modernes Design 29% 71% zeitloses, klassisches Design
günstig 33% 67% hochwertig
altbewährt 37% 63% innovativ
analog 39% 61% digital
Quelle: Zukunftsinstitut
26Simplexity: besser – einfach – besser
den Jungen ist die Dringlichkeit sehr Home wird ein Ort, an dem Techno-
bewusst. Auf die Frage „Welche Dinge logie und Gesundheitsansprüche
sind für Sie persönlich besonders fusionieren.
wichtig und erstrebenswert?“ antwor-
teten 93 Prozent der jungen Leute in Natürlich ist aber nicht nur die Usabi-
einer Befragung des Zukunftsinstituts lity, sondern auch die Ästhetik wichtig
im Jahr 2011: Gesundheit. für das Design. In unserer Umfrage
haben wir deshalb in Stichwort-Gegen-
Das Future Home wird auch ein satzpaaren für die Wohnzone Küche
Ort sein, an dem Menschen gesund auch nach ästhetischen Kategorien
bleiben wollen. Innenräume gestalten gefragt.
sich daher mehr und mehr nach den
Bedürfnissen der Gesundheit: Oberflä- Das Ergebnis ist in den meisten Fällen
chen, die Staub absorbieren oder durch recht eindeutig: Statt einer „dunklen“
das Imitieren der Photosynthese Luft wünschen sich die Befragten eine
reinigen können. Beleuchtungskörper, „helle“ Küche (94 Prozent vs. 6 Prozent),
die gesundheitsfördernde Stimmungen eine „natürliche“ Anmutung ist ihnen
anregen. Technologien, die der kör- lieber als eine „sterile“ (91 Prozent vs.
perlichen und geistigen Gesundheit 9 Prozent), und 71 Prozent wünschen
der Menschen dienen, werden in den sich ein „zeitloses, klassisches Design“,
nächsten Jahren massiv in die Wohn- während nur 29 Prozent „aktuelles,
umgebungen einziehen. Das Future modernes Design“ wählen würden.
27ConneCTIvITY DER HAUSHALT ALS NETZWERK
Thesen 29
Zukunftsinstitut :: Future Living
These 8
Die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine
wird in modernen Lebenswelten radikal neu designt.
Access wird zur Commodity sind am Ende nicht die Geräte, sondern
die Interpretation, was ein Haushalt
Der Megatrend Konnektivität wird die leisten soll. Im Zentrum einer zukünf-
Haushaltsführung massiv verändern. tigen Haushaltsführung wird eine
Durch die Individualisierung weichen Organisation stehen, die eher an mo-
feste Alltagsroutinen flexiblen, spon- dernes Management erinnert als an ein
tanen Arrangements, Zuständigkeiten Zuhause mit gemächlichen Routinen.
werden zunehmend unklar. Heute Denn die vielen einzelnen Fäden, die
kommen Mann und Frau von der Arbeit Wohnen heute ausmachen, sind hoch-
und wissen nicht, was der andere zum komplex zu koordinieren.
Abendessen geplant hat.
Wohnen funktioniert künftig mehr
Diese asynchrone Lebensführung wird wie ein Netzwerk, ein Cluster sich
durch mobile Telefonie und Internet wandelnder Bedürfnisse. Kommuni-
gefördert und erleichtert. Ausschlag- kationstechnologie macht Wohnraum
gebend für die Frage, ob sich „smarte“ damit vom Grundsatz her immer mehr
Hausgeräte in Zukunft in diesen Kom- zum Allzweckraum, anstatt räumlich-
munikationsprozess einklinken werden, physikalische Nutzungen vorzugeben.
Das erfordert eine flexiblere Wohnung,
in der ständig etwas anderes, Neues
geschehen kann: vom Guerilla-Cooking,
zu dem sich Wildfremde über eine In-
ternetplattform einladen können, bis zu
Swapping-Partys, wo übrig gebliebene
Lebensmittel oder gerade nicht mehr
benötigte Geräte getauscht werden.
Statt als „Rückzugsort“ avanciert die
Wohnung zur „Kommunikationszent-
rale“. Die „eigenen vier Wände“, früher
Inbegriff der Abschottung, werden zum
Bestandteil des öffentlichen Lebens
ihrer Bewohner. Im Zuhause fusio-
nieren die Ansprüche an Gesundheit,
vernetzte Technologie und Lebens-
planung. Die Zukunft des Wohnens
mündet in das Smart Being.
30Connectivity: Der Haushalt als Netzwerk
Über die typische SMS „Soll ich Milch
mitbringen?“ hinaus werden künftig ACCESS WIRD ZUR COMMODITY
umfangreiche Programmangebote, Anteil der Befragten, die Hausgeräte gern von unterwegs
bzw. „Apps“, diese Organisation ma- (z.B. per Smartphone) bedienen würden
nagen helfen. Die entscheidende Frage
für die Zukunft von Hausgeräten liegt
55+ Jahre 7%
dabei allerdings schon im Vorfeld:
Sollen und können sich Hausgeräte
selbsttätig in diese Kommunikations- 45–54 Jahre 14%
prozesse einschalten? Auf die Frage
„Soll ich Milch mitbringen?“ könnte 35–44 Jahre 22%
auch ein intelligenter Kühlschrank
antworten – wenn der Nutzer das will.
25–34 Jahre 27%
Laut Allensbacher Computer- und
Technik-Analyse 2012 (ACTA) besitzt 16–24 Jahre 29%
ein Drittel der Bevölkerung ein Smart-
phone, ein weiteres Drittel möchte
sich in den nächsten zwei Jahren eins Quelle: Zukunftsinstitut
anschaffen. Um mobil ins Internet zu
gehen, nutzen bereits 29 Prozent der
Bevölkerung ein Smartphone. Dazu
kommen massiv wachsende Verkaufs- ihnen und ihren Nachkommen geprägt
zahlen von Tablets. Die Gewöhnung sein wird, wird Haustechnik sich in
an diese Form der Mobilität wird bald weiten Bereichen selbstständig steuern.
die von fließendem Wasser und elektri- Führende Netzwerktechnikunter-
schem Strom erreichen, bei denen sich nehmen gehen davon aus, dass bis zum
niemand mehr die Frage nach Abhän- Jahr 2020 weltweit rund 50 Milliarden
gigkeit oder einer alternativen Lebens- „Dinge“ mit dem Internet verbunden
weise stellt. Genauso selbstverständ- sein werden – pro Kopf mehr als sechs.
lich werden Leistungen aus dem Netz
sein, aus der persönlichen Me-Cloud.
Erinnern ja, reden vielleicht
Speziell junge Menschen versuchen
zunehmend, den unübersichtlich und Das Netzwerk gibt uns zugleich immer
chaotisch wirkenden Alltag mithilfe mehr Kontrolle – mit großen Auswir-
des Smartphones in den Griff zu kungen auf unsere Identität: Wer per
bekommen. Das gilt selbstverständlich Smart Device steuert, kontrolliert auch
auch für Hausarbeit: 16 Prozent der über diese Technologie. Das Smart
Deutschen geben bereits heute an, dass Home, genauso wie das „Smart Phone“,
sie Hausgeräte gern direkt von unter- verändern nicht nur, was wir tun,
wegs mit dem Smartphone bedienen sondern auch, wer wir sind. Wie wir zu
würden. Bei den 16- bis 24-Jährigen uns und anderen (in Kontakt) stehen.
sind es mit 29 Prozent beinah doppelt Dies macht die Technik zu einem so
so viele. wichtigen Teil unserer Alltagskultur:
Wo ist mein Kind? Wie viel Kilo hab ich
Die Zukunftsvision ist klar: Digital abgelegt durch das Walking? Was sagen
Natives vertrauen der Technik und sind die Aktienkurse? Hat schon ein mög-
eher bereit, Kontrolle an Maschinen licher neuer Lebenspartner auf meine
abzugeben. In einer Zukunft, die von Nachricht geantwortet?
31Zukunftsinstitut :: Future Living
Immerhin 40 Prozent der Befragten befriedigend gelöst. Nicht High-Tech,
geben an, dass sie sich intelligente, sondern High-Touch wird den Aus-
mitdenkende Geräte wünschen, die schlag geben.
ihnen Entscheidungen abnehmen – und
zwar über alle Altersgruppen hinweg.
Feedback-Funktionen, wenn etwa Wachstumsfeld Meta-Services
der Filter gewechselt werden muss,
wünschen sich 55 Prozent. Spracher- Über die heutigen und noch kom-
kennung und Sprachausgabe scheinen menden Smart Devices erzeugen Kon-
in der Wahrnehmung der Verbraucher sumenten permanent personalisierte
jedoch immer noch weit weg: Trotz Daten. Die ehemaligen „Empfänger“
Apples „Siri“ zählen sie noch nicht zum werden selbst zu „Sendern“. Geolokale
gelernten Verhalten. Nur 13 Prozent Informationen werden zu Bewegungs-
wollen Hausgeräte, die mit ihnen mustern, Kaufvorgänge zu Ernährungs-
sprechen. gewohnheiten. So entsteht eine schnell
wachsende digitale Identität, die unsere
Das Bedürfnis lässt sich also heute herkömmliche, „reale“ Identität erwei-
schon erkennen, die Qualität der tert und ergänzt. In dieser Me-Cloud mit
Schnittstelle zwischen Mensch und all ihren Logfiles des individuellen Le-
Maschine scheint allerdings noch nicht bens liegen heute noch unvorstellbare
HOHER UNTERSTÜTZUNGSBEDARF
wenn sie es sich leisten könnten
Reinigungshilfe 44%
Jemanden, der sich um Hausarbeiten
30%
allgemein kümmert
Fitnesstrainer (Personal Trainer) 19%
Hausmeister/Handwerker 16%
Gärtner/in 14%
Koch/Köchin 10%
Jemanden, der sich jederzeit um die
5%
Kinder kümmern kann
Sekretär/in 4%
Nichts davon 34%
Quelle: Zukunftsinstitut
32Connectivity: Der Haushalt als Netzwerk
These 9
Die Single-Gesellschaft ist
ein Mythos. Der Haushalt der
Zukunft ist sozial vernetzt.
Chancen für neue Angebote. Gerade Dieser will – oder muss – sich aus Selbst-
rund um den Haushalt. verwirklichungszwängen entfalten. Die
Chancen, ihn hierbei aktiv zu erreichen
„Was würden Sie tun, wenn Geld keine und ihm Angebote zu machen, die man
Rolle spielen würde?“ Diese Frage wirft ihm nicht aufzwingen muss, waren aber
ein erhellendes Licht auf die tiefen nie besser als heute. Die Märkte sind ge-
Bedürfnisse der Verbraucher. 19 Prozent sättigt mit Produkten und Stand-alone-
hätten gern einen Personal Trainer, der Services – sie sind noch völlig offen im
ihnen hilft, in Form zu bleiben. Reini- kommenden Feld der Meta-Services.
gungshilfe (44 Prozent) und „jemand,
der sich um Hausarbeiten allgemein
kümmert“ (30 Prozent) lassen diesen Allein, aber nicht einsam
jedoch weit hinter sich. Was Kunden
wirklich wünschen, ist übergreifende Hält man sich die vernetzten Wir-
Unterstützung, ein Meta-Service: kungen von Individualisierung, Silver
Unterstützung bei der Bewältigung Society und Female Shift vor Augen,
ihrer alltäglichen Management-Aufgabe dann ist klar, wo die größten Chan-
„Alltag“. cenfelder liegen. Es sind die sozialen
Beziehungen, die heute unter beson-
Aus Sicht der Konsumenten ergeben derem Stress stehen. Weil sie sich
übergreifende Services perfekten Sinn: drastisch verändern. Ungleichzeitigkeit
Kunden beginnen zunehmend, eine dominiert, besonders in Familie und
Welt für sich zu erschließen, in der alte Partnerschaft. Gemeinsame Mahlzeiten
Genügsamkeiten keine Gültigkeit mehr – das war einmal. 61 Prozent unserer
haben. Sie fordern von Herstellern die Umfrageteilnehmer essen regelmäßig
gleiche Transparenz über Laufzeiten, allein, nur 39 Prozent häufig in Gesell-
Verbräuche, Preisbildung, Folgekosten schaft. Was wie ein gesellschaftlicher
und so weiter, die sie in anderen Lebens- Offenbarungseid wirkt, bedeutet als
bereichen immer öfter erleben. Umkehrschluss dennoch nicht, dass die
Menschen vereinsamen.
Das Motto der kommenden Jahre wird
daher lauten: Vergessen Sie, in einzelnen Wie wir in unserer Studie „Familien-
Produkten oder Services zu denken. märkte“ (2012) auf Basis empirischer
Denken Sie in vernetzten Lösungs- Trendforschung zeigen, ist der Begriff
Infrastrukturen, die sich dem Leben des der Familie und die damit einherge-
Kunden individuell anpassen. hende Wohnsituation einem intensiven
33Sie können auch lesen