Langzeitschäden durch Cannabis - ein unterschätztes Problem?
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CURRICULUM Schweiz Med Forum 2006;6:1128–1132 1128
Langzeitschäden durch Cannabis –
ein unterschätztes Problem?
Michael Schaub, Rudolf Stohler
Forschungsgruppe Substanzstörungen, Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Einleitung
Quintessenz
쎲 Joints (Cannabiszigaretten) produzieren, ähnlich wie Tabakzigaretten, etwa Cannabis ist heute die meistverbreitete illegale
4000 verschiedene chemische Stoffe, teils mit bekannter kanzerogener Potenz, Droge in der Schweiz. Etwa ein Fünftel der
teils mit noch unerforschten Krankheits- und Gesundheitspotentialen. Schweizer Bevölkerung hat in ihrem Leben
schon einmal Cannabis geraucht. Insbesondere
쎲 Mögliche somatische Langzeitschädigungen durch das regelmässige Rau- unter Jugendlichen hat sich die Prävalenz des
chen von Joints sind im respiratorischen System zu erwarten. Cannabiskonsums in den letzten zwanzig Jahren
쎲 Ungeklärt, aber wahrscheinlich ist, dass ein Cannabiskonsum für Patienten vervielfacht. Mehr als 6% der unter 25jährigen
mit kardiovaskulären Erkrankungen schädlich sein könnte. gaben bei der letzten Gesundheitsbefragung an,
mindestens einmal pro Woche Cannabis zu kon-
쎲 Die Teratogenität des Cannabiskonsums während der Schwangerschaft sumieren [1].
scheint klinisch unbedeutend zu sein. Allerdings wurden nach einer Cannabis- Der Rauch von Joints (Cannabiszigaretten) ent-
exposition in utero kognitive Beeinträchtigungen im Kindesalter beobachtet. hält, ähnlich wie derjenige von Tabakzigaretten,
쎲 Von negativen Langzeitwirkungen auf die Psyche bei regelmässigem Can- verschiedene, zum Teil kanzerogene Stoffe (z.B.
nabiskonsum kann hauptsächlich beim Krankheitsverlauf von schizophrenen Benzpyren) [2]. Es ist nur schon deshalb zu er-
Patienten ausgegangen werden. warten, dass regelmässiges Cannabisrauchen zu
vergleichbaren somatischen Spätschäden führt
쎲 Die Assoziation zwischen einem Cannabiskonsum und Depressionen scheint wie das alleinige Tabakrauchen.
vor allem gemeinsamen Faktoren geschuldet zu sein, die sowohl das Risiko Auch potentielle Langzeitschädigungen von psy-
für den Cannabiskonsum als auch für Depressionen erhöhen. chischen Funktionen sind denkbar. Teilweise
쎲 Psychosoziale Probleme bei Jugendlichen sind häufiger eine Ursache für den kontrovers diskutiert wird der Einfluss eines
Konsum von Cannabis als umgekehrt. mehr oder weniger regelmässigen Konsums auf
die Entstehung bzw. den Verlauf psychotischer
쎲 Bei chronischem Cannabiskonsum im Erwachsenenalter wurde von kogni- und depressiver Störungen im allgemeinen und
tiven Leistungsdefiziten berichtet, die allerdings nach Konsumbeendigung bei vulnerablen Subgruppen im speziellen, auf
reversibel waren. Persönlichkeitszüge sowie auf kognitive (v.a.
쎲 Trotz der relativ geringen Zahl gesicherter Spätschäden besteht eine aus- mnestische) Fähigkeiten. Ebenfalls zu nennen
reichend hohe Evidenz, um aus ärztlicher Sicht von Cannabis als Rausch- und ist in diesem Zusammenhang die Debatte um
Genussmittel abzuraten. die Verursachung eines «amotivationalen Syn-
droms». Schliesslich ist auch die Rolle von Can-
Summary nabis als sogenannte «gate-way-drug» unklar.
Es steht andererseits aber auch ein möglicher
Long term adverse effects of cannabis – medizinischer Nutzen von Cannabis für eine
an underestimated problem? Vielzahl von medizinischen Konditionen zur
Debatte, und in einigen Fällen wurde ein
쎲 Cannabis smoking results in the uptake of some 4000 different chemical
solcher in der Praxis schon gezeigt. Potentielle
compounds. While some of these possess well-known carcinogenic properties,
Anwendungsfelder von Cannabis bzw. einzel-
the effects of others are at present unknown.
ner Cannabinoide sind die Schmerzbehand-
쎲 Possible adverse long-term effects on the respiratory system of habitual lung, chemotherapieinduzierte Übelkeit, Man-
smokers are probably to be expected. gelernährungszustände, Spastizität (z.B. bei
Multipler Sklerose) und das «waste-syndrome»
쎲 There is suggestive evidence of adverse consequences from cannabis use in
bei AIDS-Kranken. Neuerdings werden Cannabi-
patients with a compromised cardiovascular system.
noiden auch interessante neuroprotektive Eigen-
쎲 Cannabis use during pregnancy does not appear to be teratogenic. However, schaften nachgesagt. Bei allfälligen medizini-
some cognitive functions of children exposed to cannabis in utero appear to be schen Anwendungen müsste selbstverständlich
adversely affected. auf eine möglichst schadensarme Einnahme-
form geachtet werden.
CME zu diesem Artikel finden Sie auf S. 1119 oder im Internet unter www.smf-cme.ch.CURRICULUM Schweiz Med Forum 2006;6:1128–1132 1129
Cannabiskonsumenten, die während zwei Jah-
쎲 Long term negative effects of chronic cannabis use on mental health are ren täglich Cannabis rauchten, ein um mehr als
primarily observed on the long run in case of schizophrenia. das Dreifache erhöhtes Risiko für eine Nikotin-
쎲 The association of cannabis use with depression apparently stems from abhängigkeit innerhalb von drei Jahren bestand.
shared genetic or environmental factors. Falls sich diese Befunde bestätigen und Jugend-
liche und Adoleszente durch den Konsum von
쎲 Psychosocial problems of young people are a cause of chronic cannabis use Joints eher zu Nikotinkonsum und -abhängigkeit
rather than the reverse. neigen, bedeutete dies, dass solche Konsumen-
쎲 Cognitive impairment in chronic cannabis users seems to be reversible after ten auch Langzeitschädigungen durch Tabak
cannabis use has stopped. und insbesondere durch Tabakzigaretten erlei-
den könnten.
쎲 From the medical point of view there is sufficient evidence to advise against Verschiedentlich hat sich Cannabis bei der Be-
cannabis use for recreational purposes.
handlung von Karzinomschmerzen und bei
chemotherapieinduzierter Übelkeit bewährt.
Chemisch reines THC, das als Medikament (Dro-
nabinol) in vielen Ländern zugelassen ist und
Somatische Langzeitschädigungen auch in der Schweiz mit einer Sonderbewilligung
verordnet werden kann, unterscheidet sich in
Auswirkungen des Cannabiskonsums auf den seiner Wirkung teilweise wesentlich von der
Respirationstrakt, das Herz-Kreislauf-System, Cannabinoidmischung, wie sie – in variablen
das Endokrinium und das Immunsystem sowie Quantitäten – in der Hanfpflanze vorliegt.
solche eines mütterlichen Cannabiskonsums Berichte über erhöhte Karzinomrisiken in ande-
während der Schwangerschaft stehen hier im ren Körperregionen als dem Respirationstrakt
Mittelpunkt des Interesses. Teilweise wird über (Tumoren der Zunge und Lymphdrüsenkarzi-
kausal assoziierte Langzeitschädigungen berich- nome) sind bisher nur vereinzelt zu finden, sind
tet oder vermutet, dass ein Konsum zu deren zum Teil widersprüchlich und basieren auf
Entstehung beiträgt. methodisch unzureichenden Studien.
Auswirkungen auf den Respirations- Kardiale Effekte
trakt und die Tumorgenese
Das endogene Cannabinoidsystem scheint eine
Häufiges Cannabisrauchen kann eine ganze zentrale Rolle bei der Modulation einer Vielzahl
Anzahl pulmonaler Langzeitschädigungen zur von vaskulären Funktionen zu übernehmen.
Folge haben. Möglicherweise reduziert die in den Exogenes THC soll eventuell, in niedriger Dosie-
letzten Jahren steigende THC-Konzentration ge- rung, protektiv gegen die Bildung atheromatoti-
wisser Hanfpräparate allerdings die Schadstoff- scher Plaques in den Arterien und insbesondere
belastung. Zu den Langzeitschädigungen durch in den Koronarien wirken. Ein Cannabiskonsum
regelmässigen Konsum von Joints gehören chro- erhöht generell die Herzfrequenz sowie den
nische Bronchitiden und andere Atemwegent- systolischen Blutdruck, wobei auch intermittie-
zündungen, histopathologische Auffälligkeiten rende orthostatische Hypotensionszustände auf-
der Bronchialmukosa und eine Funktionsstörung treten können [4]. Über die Auswirkungen des
der tumoriziden Aktivität der Alveolarmakropha- Cannabiskonsums auf Patienten mit kardio-
gen, was zu Metaplasien und schliesslich zu Kar- vaskulären Erkrankungen ist bisher nur wenig
zinomen der Lungen führen könnte. Eine neuere bekannt. Naheliegend ist jedoch, dass solche
Reviewarbeit kommt dennoch zum Schluss, dass Patienten aufgrund der erhöhten Herzfrequenz
bis heute keine schlüssige Evidenz aus Beobach- und des vergleichsweise hohen Carboxyhämo-
tungsstudien von Cannabiskonsumenten vor- globinlevels sowie posturaler Hypotensionen
liege, die eine Assoziation zwischen dem Canna- wahrscheinlich einem erhöhten Gesundheits-
bisrauchen und Lungenkarzinomen zeige [3]. risiko ausgesetzt sind. Auf der Basis von In-vitro-
Denkbar ist somit, dass die Zusammenhänge und In-vivo-Tierexperimenten werden dem en-
wesentlich vielschichtiger und komplexer sind. dogenen kardialen Cannabinoidsystem vielver-
So legen einige Studien auch nahe, dass gewisse sprechende protektive Eigenschaften gegenüber
Cannabinoide antikarzinomatöse Aktivitäten be- Myokardinfarkten nachgesagt.
sitzen. Eine bronchodilatatorische Wirkung
wurde ebenfalls beschrieben, was ein Abhusten
von Schadstoffen begünstigen könnte. Effekte auf das Endokrinium
Es gilt aber ebenfalls zu beachten, dass bei nicht-
rauchenden Teenagern mit einem wöchent- In Tiermodellen wurde gezeigt, dass akute Can-
lichen Cannabiskonsum ein um das Achtfache nabinoidadministrationen ganz verschiedene
erhöhtes Risiko für einen regelmässigen Niko- hormonelle Systeme beeinflussen können. Dazu
tinkonsum nachgewiesen wurde und dass bei gehörten gonadale Steroide, Wachstumshor-CURRICULUM Schweiz Med Forum 2006;6:1128–1132 1130
mone, Prolaktin und Thyroidhormone. Beim aber auch eine ganze Anzahl anderer möglicher
Menschen sind die Befunde zu den allfälligen Langzeitschädigungen dokumentiert. Darunter
hormonellen Veränderungen durch chronischen fallen Berichte über ein erhöhtes Risiko für das
Cannabiskonsum hingegen inkonsistent und Auftreten psychischer Störungen oder über
klinisch wohl eher unbedeutend. einen früheren Beginn. Nachstehend wird der
Stand des Wissens für einzelne Störungen erläu-
tert. Dabei wird sich zeigen, dass der Ursache-
Immunsystem Wirkungs-Zusammenhang meist ungesichert
ist und dass eine psychische Störung häufiger
Abgesehen von der schon erwähnten Suppres- zu einem regelmässigen Cannabiskonsum führt
sion der tumoriziden Aktivität der Alveolar- als umgekehrt [6].
makrophagen ist bei der derzeitigen – allerdings
sehr spärlichen – Datenlage eine klinisch rele-
vante systemische Immunsuppression durch Amotivationales Syndrom und
Cannabis bzw. Cannabinoide nicht zu befürch- psychosoziale Folgeschäden
ten. Beim AIDS-assoziiertem «waste-syndrome» bei Jugendlichen und Adoleszenten
wurde verschiedentlich von einer Verbesserung
der Symptomatik berichtet. Viele Studien widmeten sich der Frage, ob sich
ein Cannabiskonsum auf die Motivation und die
Leistungsfähigkeit bei Jugendlichen auswirke.
Schwangerschaft Heute gelten Passivität, Lethargie, Antriebs-
mangel, verflachter Affekt und Interesselosigkeit
Beim Menschen ist bisher kaum von teratogenen zwar als mögliche Effekte eines fortgesetzten
Effekten durch einen Cannabiskonsum berichtet Konsums; die Existenz eines eigenständigen,
worden. Verglichen mit der gut dokumentierten cannabisinduzierten amotivationalen Syndroms
Teratogenität von Alkohol scheint diejenige von gilt aber als überholt. Erklärungen für amotiva-
Cannabis, wenn überhaupt vorhanden, nur mini- tionales Verhalten sind mehr im sozialen Kontext
mal und klinisch unbedeutend zu sein. Dagegen zu suchen, in dem Cannabis konsumiert wird.
konnten bei Kindern, die in utero Cannabis aus- Adoleszente Cannabiskonsumenten gewöhnen
gesetzt waren, zwar keine Intelligenzminderung, sich schneller einen antikonventionellen Lebens-
jedoch geringere exekutive Funktionsleistungen stil an, sind häufiger Mitglieder von kontestativen
(v.a. bezüglich der Aufmerksamkeit und der visu- oder delinquenten Peergroups, nehmen früher
ellen Hypothesetestung) beobachtet werden [5]. erwachsene Verhaltensweisen an und verlassen
frühzeitiger die Schule und das Elternhaus.
Eine sehr umfangreiche systematische Übersicht
Analgesie und neuroprotektive Effekte longitudinaler Studien in der Allgemeinbevölke-
rung über den Zusammenhang zwischen dem
Cannabinoide haben vermutlich einen Nutzen in Cannabiskonsum von jungen Personen und den
der Schmerzbehandlung. Gerade bei der Be- psychosozialen Folgeschädigungen [6] kommt
kämpfung von chronischen Schmerzen könnten zum Schluss, dass es keine Evidenz gebe, die
Cannabinoide gut mit den tendenziell stärker eine «robuste» Kausalbeziehung zwischen
sedierenden Opiaten kombiniert werden und so einem Cannabiskonsum und psychosozialen Fol-
unerwünschte Opiatwirkungen reduzieren helfen. geschäden belege. Weiter werde die Stärke der
Neben einer stattlichen Anzahl anekdotischer assoziativen Zusammenhänge mit schwachen
Berichte über Symptomverbesserungen bei ver- Schulleistungen, dem Konsum von anderen ille-
einzelten Multiple-Sklerose-Patienten, die regel- galen Drogen, psychischen Beschwerden sowie
mässig Cannabis konsumierten, konnten nun mit einem auffälligen Verhalten im allgemeinen
einige kontrollierte klinische Studien die Wirk- überschätzt. Besonders deutlich gelte dies für
samkeit von mittels eines Sublingualsprays ver- eigentliche psychische Störungen. Die Datenlage
abreichtem THC bei der Spastizitätsreduktion spreche eher für eine umgekehrte Kausalität.
von Patienten mit Multipler Sklerose zeigen. Psychosoziale Probleme seien demzufolge häu-
Ein relativ neues Forschungsfeld untersucht zur- figer für den Konsum von Cannabis verantwort-
zeit vor allem in Tierexperimenten die neuropro- lich als umgekehrt.
tektiven Eigenschaften spezifischer Cannabinoide.
Kognitive Beeinträchtigungen
Mögliche Langzeitschädigungen bei Erwachsenen
psychischer Funktionen
Langzeitwirkungen auf die kognitive Leistungs-
Wahrscheinlich ist eine Verschlechterung des fähigkeit wurden bisher vor allem bei inten-
Krankheitsverlaufs von Schizophreniepatienten sivem, langjährigem Cannabiskonsum und nach
mit regelmässigem Cannabiskonsum. Es ist dessen Beendigung untersucht. Bei fortgesetz-CURRICULUM Schweiz Med Forum 2006;6:1128–1132 1131
tem Konsum von Erwachsenen scheint eine Ver- Vergleichsweise sicher ist hingegen der Befund,
minderung von den Aufmerksamkeits-, Lern- dass ein Cannabiskonsum bei schizophrenen
und Kurzzeitgedächtnisleistungen vorzuliegen, Störungen mit eher ungünstigen Verläufen asso-
wohingegen andere kognitive Leistungen, insbe- ziiert ist [8].
sondere auch das Langzeitgedächtnis, unbeein- Neuere prospektive Studien zeigen relativ deut-
trächtigt bleiben [7]. Nach dem Absetzen kann es liche Assoziationen zwischen einem Cannabis-
wahrscheinlich bei langjährigem, chronischem konsum und späteren Depressionen [9]. Solche
Cannabiskonsum während der ersten ein bis Zusammenhänge führen einige Autoren jedoch
zwei Wochen zu Defiziten in der Aufmerksam- auf gemeinsame Faktoren zurück, welche sowohl
keitssteuerung und bei Gedächtnisleistungen das Risiko für einen Cannabiskonsum als auch
kommen, die sich dann aber in den allermeisten dasjenige für depressive Episoden erhöhen [9].
Fällen wieder legen: Langzeiteffekte auf die Möglicherweise besteht aber gerade bei Mäd-
kognitive Leistungsfähigkeit scheinen offenbar chen, die Cannabis bereits früh konsumieren, ein
schon einen Monat nach der Abstinenz so ge- erhöhtes Risiko für eine spätere Depression.
ringfügig zu sein, dass sie sehr schwer messbar Erstaunlich wenig ist darüber bekannt, was für
und klinisch unbedeutend sind [7]. Relevant Risiken ein regelmässiger Cannabiskonsum für
scheint aber auch das Einstiegsalter zu sein. So die Genese oder den Verlauf anderer psychischer
schnitten Langzeitkonsumenten, die schon vor Störungen birgt. Bei Persönlichkeitsstörungen,
dem 17. Lebensjahr mit dem Cannabiskonsum vor allem bei der dissozialen und der Borderline-
angefangen hatten, nach 28 Tagen Abstinenz Persönlichkeitsstörung, wird in den meisten
schlechter ab als solche mit einem späteren Fällen von einem gemischten Substanzkonsum
Beginn. Möglicherweise ist dies aber nur ein berichtet. Dasselbe gilt bei Aufmerksamkeits-
Hinweis dafür, dass Cannabiskonsumenten mit defizit- und Hyperaktivitätsstörungen. Ein multi-
einem früheren Beginn länger zur kognitiven Re- pler Substanzgebrauch kommt auch bei Phobien
generierung brauchen oder dass Einschränkun- gehäuft vor. Hierbei steht jedoch der Konsum von
gen schon vor dem Konsumbeginn vorlagen. Alkohol und Benzodiazepinen im Vordergrund.
Vereinzelt wird über günstige Effekte bei Patien-
ten mit posttraumatischen Belastungsstörungen
Langzeitwirkungen (PTBS) berichtet.
bei psychischen Störungen
In der Literatur werden vor allem Erkrankungen Schlussfolgerungen
aus dem schizophrenen Formenkreis sowie
affektive Störungen mit einem Cannabiskonsum Mögliche somatische Langzeitschädigungen
assoziiert [8, 9]. durch das regelmässige Rauchen von Joints sind
Über mögliche Zusammenhänge von Cannabis chronischer Husten, Atemwegentzündungen,
und Störungen aus dem schizophrenen Formen- ein dysreguliertes Wachstum der Epithelzellen
kreis existieren eine Vielzahl von Untersuchun- und eine klinisch relevante Suppression der
gen [8]. Vermutlich kann Cannabis eine leichte, Alveolarmakrophagenfunktion, was zu Metapla-
vorübergehende, toxische Psychose induzieren, sien und in fortgeschrittenen Stadien zu Lungen-
die unmittelbar nach einem Cannabiskonsum karzinomen führen könnte. Die Evidenz dafür ist
oder innerhalb der folgenden 48 Stunden auf- aber zum jetzigen Zeitpunkt noch limitiert und
tritt, zwischen einem und sechs Monate lang relativ inkonsistent. Es ist trotzdem naheliegend,
dauert und auf keine anderen Ursachen als auf dass bei einem allfälligen medizinischen Einsatz
den Cannabiskonsum zurückzuführen ist (DSM- von Cannabinoiden aufgrund dieser denkbaren
IV-TR). Solche toxischen Psychosen kommen pulmonalen Langzeitschädigungen auf eine
jedoch selten vor und ziehen kaum eine ärztliche möglichst schadensarme Einnahmeform geach-
Intervention nach sich. Studienergebnisse zur tet werden müsste. Ungeklärt, aber wahrschein-
Frage, ob ein Cannabiskonsum längeranhal- lich ist, dass ein Cannabiskonsum für Patienten
tende psychotische Episoden bei vulnerablen mit kardiovaskulären Erkrankungen schädlich
Individuen verursachen kann, sind teilweise wi- ist. Die Teratogenität von Frauen, die während
dersprüchlich. Prospektive Studien weisen dar- der Schwangerschaft Cannabis konsumieren,
auf hin, dass ein Cannabiskonsum wahrschein- scheint unbedeutend zu sein. Neurokognitive
lich eher mit einem erhöhten Psychoserisiko Tests führten hingegen zu Berichten über eine
assoziiert ist, lassen aber noch keine endgültigen Verminderung der exekutiven Leistungsfähigkeit
Schlüsse zu [8]. Die Tatsache, dass die Schizo- im späteren Kindesalter.
phrenieinzidenz in den letzten 30 Jahren stabil Von negativen Langzeitwirkungen eines regel-
bis leicht rückläufig war, der Konsum von Can- mässigen Cannabiskonsums auf die Psyche
nabis sich jedoch in derselben Zeitspanne ver- kann hauptsächlich beim Krankheitsverlauf von
fünffachte, lässt zumindest an einem kausalen schizophrenen Patienten ausgegangen werden.
Zusammenhang zwischen dem Cannabiskon- Weiter wurde bei erwachsenen chronischen
sum und einer späteren Schizophrenie zweifeln. Cannabiskonsumenten von – allerdings nach derCURRICULUM Schweiz Med Forum 2006;6:1128–1132 1132
Abstinenz reversiblen – Verminderungen der nenfalls besteht aber bei Mädchen, die Cannabis
Aufmerksamkeits-, Lern- und Kurzzeitgedächt- bereits früh konsumieren, ein erhöhtes Risiko
nisleistungen berichtet. Die assoziativen Zusam- für eine spätere Depression.
menhänge zwischen einem Cannabiskonsum Als Schlussfolgerung lässt sich anmerken, dass
und psychosozialen Folgeschäden bei jungen eine ganze Anzahl von negativen somatischen
Personen werden eher überschätzt, denn psy- sowie psychischen Langzeitwirkungen in Frage
chosoziale Probleme sind wahrscheinlich häu- kommen, die für Spätschäden verantwortlich
figer für den Konsum von Cannabis verant- sein könnten. Davon sind jedoch relativ wenige
wortlich als umgekehrt. Die Frage, ob ein Can- gesichert und vermutlich noch einige unbekannt.
nabiskonsum längeranhaltende psychotische Dennoch reicht die Evidenzlage aus, um aus
Episoden bei vulnerablen Individuen verursa- ärztlicher Sicht von Cannabis als Rausch- und
chen kann, wird teilweise widersprüchlich be- Genussmittel abzuraten. Abraten heisst aller-
antwortet. Prospektive Studien weisen darauf dings nicht verbieten und bestrafen. Wenig
hin, dass ein Cannabiskonsum mit einem erhöh- spricht dafür, dass eine Pönalisierung zu einer
ten Psychoserisiko assoziiert ist, lassen aber Senkung der Konsumprävalenz beiträgt [10],
noch keine endgültigen Schlüsse zu. Ein Canna- und Untersuchungen zu den Folgen (Langzeit-
biskonsum ist zudem relativ deutlich mit einem schäden) von polizeilichen Interventionen und
erhöhten Risiko für spätere Depressionen asso- gerichtlichen Sanktionierungen sind dringend
ziiert, was aber vermutlich auf gemeinsame erforderlich.
Faktoren zurückzuführen ist, welche sowohl das Weitere Informationen zum Thema finden Sie
Risiko für einen Cannabiskonsum als auch das- bei der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol-
jenige für depressive Episoden erhöhen. Gegebe- und andere Drogenprobleme (SFA) www.ispa.ch.
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Selnaustrasse 9 other illicit drug use by young people: a systematic review
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