Lebens..WeltWelt - GEMEINSAM FÜRS GEMEINWOHL - Lebenshilfe Tirol
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22-2
Lebens..Welt
Lebens
Zeitschrift der Lebenshilfe Tirol
LEBENS.WELT MÄRZ 2022
ÖSTERREICHISCHE POST AG
SPONSORING POST
GZ 02Z031792 S
GEMEINSAM FÜRS
GEMEINWOHL
SEITE 7-10Mehr Beschäftigung
at
Arbeitsminister Martin Kocher möchte die Regeln
Foto: pr iv
Die Lebenshilfe und... für Beschäftigung verändern. Lebenshilfe-General
sekretär Markus Neuherz sprach mit ihm über
Möglichkeiten, die Jobchancen von Menschen
Rosanna Göhlert mit Behinderungen zu verbessern. „Gehalt statt
war fast 30 Jah- Taschengeld“ soll außerdem für finanzielle Ab-
re lang für Menschen in der sicherung sorgen.
Lebenshilfe tätig. Auch jetzt in der
Pension gibt sie ihr Wissen regelmä-
ßig an Frühförderinnen und Freizeit-
assistent/innen weiter. Wann immer
Kolleg/innen eine Frage haben, teilt
sie ihre Erfahrungen und vermit-
Foto: Lebenshilfe Österreich
telt ihnen damit Wissen und
Sicherheit.
Politik geht nur gemeinsam
Im Einsatz für Gleichberechtigung von Men-
schen mit Behinderungen sucht die Lebenshilfe
das Gespräch mit den gesetzgebenden Parteien.
Mit Fiona Fiedler, Abgeordnete und Behinder-
tensprecherin der NEOS, sprach die Lebenshilfe
über nötige Verbesserungen in Österreich. Einig
war man sich vor allem beim Thema Inklusion im
Bildungsbereich.
Damals & heute
1976 gründete Ellen Mayr-Vons ( 2022) die
Lebenshilfe in Absam. Wenig später eröffnete
sie dort die erste Frühförderstelle für Kinder
und legte außerdem den Grundstein für die
„ambulante Familienhilfe“. Heute begleitet die
Lebenshilfe in ganz Tirol 500 Kinder und Fami-
lien daheim in ihrer vertrauten Umgebung.
2 LEBENS.WELT 22-24,9 %
Foto: BKA/Christopher Dunker
der Mitarbeiter/innen
waren zu Spitzenzeiten während der Omikron-
-Welle gleichzeitig in ganz Tirol erkrankt. Weitere
Mitarbeiter/innen konnten nicht arbeiten, weil
sie in Quarantäne waren. Um sie zu ersetzen,
sprangen gesunde Assistent/innen ein, leis-
teten Extra-Dienste und halfen an anderen
Standorten aus. Mit Erfolg: Gemeinsam gelang
es bis auf wenige Ausnahmen, die Begleitung
und Unterstützung für Klient/innen verlässlich
aufrechtzuerhalten.
Foto: Manfred Lechner
Mitsprache in der Lebenshilfe
Seit 2014 werden an allen Standorten Sprecher/
innen gewählt. Sie verleihen den Anliegen von
Klient/innen eine Stimme und sind bei Entschei-
dungen der Lebenshilfe Tirol eingebunden. Ende
März wählen Klient/innen ihre Vertretung
Fans und Follower
in den Bereichen Arbeit und Wohnen. In der Folge
Immer mehr Fans folgen der Lebenshilfe Tirol online wird eine Vertretung für jede Region und eine für
und unterstützen den Einsatz für Menschenrechte: Tirol ermittelt.
7.500 auf Facebook und über 1.000 auf Instagram.
Gedruckt nach der Richt-
linie „Druckerzeugnisse“
des österreichischen
Umweltzeichens,
Gutenberg-Werbering
GmbH, UW-Nr. 844
Lebenshilfe Tirol gem. GmbH // Ing.-Etzel-Straße 11, 6020 Innsbruck // T 050-434-0 // W lebenshilfe.tirol // M office@lebenshilfe.tirol // Redaktion Peter Schafferer,
Manfred Lechner, Ulli Pizzignacco-Widerhofer // Grafik Andreas Focke // Titelfoto Manfred Lechner // Druck Gutenberg-Werbering // Auflage 16.400 Stück
3Christine traut
sich was zu
36 Jahre lang wurde Christine Wiedmayr vieles abgenommen. Nach dem Tod ihrer
Mutter ist sie viel selbständiger, als alle gedacht hätten.
„Ich hätte nie geglaubt, dass mein Schwes- ihr die Socken anzieht. Heute geht sie selbst
ter Christine einmal alleine mit dem Postbus einkaufen, erledigt ihre Wäsche und bügelt.
fährt“, sagt Helga Salvenmoser. „Nach dem Bei ihren Besuchen im Freizeitpark Pillersee
Tod unserer Mutter musste sie sich auf die sieht sie eine Achterbahn. Sie will verste-
eigenen Füße stellen.“ Als älteste Schwester hen, warum die Menschen dort so kreischen,
fühlt sie sich verantwortlich und organisiert steigt mehrmals die Treppen bis zum Start
ihr Mobile Begleitung für daheim. Christine hinauf. Als sie schließlich eine Fahrt wagt, ist
Wiedmayrs dringendster Wunsch: Sie möchte sie stolz, weiß aber gleich: „Das ist nichts für
lernen, eigenständig mit dem Bus zur Arbeit mich.“
zu fahren, so wie einige Arbeitskolleg/innen
auch.
Sie sagt jetzt, was sie will
Als große Schwes- Mit Begleitung beginnt sie ein Training.
Schon am zweiten Tag fühlt sie sich sehr Seit dem Tod ihrer Mutter sagt Christine
ter bin ich wahnsin-
sicher. In der Trainingsphase soll sie einmal Wiedmayr öfter, was sie will – und was nicht.
nig stolz, zu sehen, um 9 Uhr abgeholt werden, um zum Corona- Einen Monat nach dem Bustraining verkün-
test zu fahren. Doch darauf wartet sie nicht. det sie in der Arbeit: „Ich will nicht um zwei
dass sie selber
Sie steigt – wie sie es gelernt hat – mor- Uhr gehen. Ich will mit dem Bus um vier
einkaufen geht, ihre gens in den Bus und fährt an diesem Tag fahren und länger hierbleiben.“ Die Assis-
zum ersten Mal allein zur Arbeit. „Wir waren tentinnen sehen das als Kompliment. Das
Wäsche bügelt. Sie
alle baff, dass sie auf dem Weg von Jochberg bestärkt die Frau. Heute arbeitet sie oft
kann so vieles, was nach St. Johann in Kitzbühel in den richti- länger oder fährt früher heim, wenn sie
gen Bus umgestiegen ist“, erinnert sich eine erschöpft ist.
ihr früher abge-
Assistentin. Christine Wiedmayr genießt die
nommen wurde. Bewunderung und spricht gern davon.
Haushaltsarbeiten planen
„Christine hat einen großen Sprung
Helga Salvenmoser gemacht“, bestätigt die große Schwester. Beim Besuch in der Wohnung einer Freun-
älteste Schwester „Sie ist richtig süchtig und fährt jetzt auch din entdeckt Christine Wiedmayr einen
privat Bus.“ Nach Freizeitaktivitäten will sie „Wochenplan“ mit Symbolen fürs Wäschewa-
nicht mehr nach Hause gefahren werden, schen, Duschen, Kochen und mehr. „So eine
sondern erklärt: „Bring mich nur zur Halte- Tafel möchte ich auch“, erklärt sie und kauft
stelle. Ich möchte alleine heimfahren.“ sich eine Magnettafel. Mit einer Assistentin
Zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter überlegt sie sich passende Bilder fürs Ein-
braucht die 38-Jährige niemanden mehr, der kaufen, Waschen, Spazierengehen, für die
4 LEBENS.WELT 22-2 Menschen aus der Nähe
Ein eigenständiges Leben –
das traute Christine Wied-
Foto: Natalie Obwaller
mayr lange niemand zu.
Heute fährt sie mit dem
Postbus durchs Land und
organisiert ihren Alltag
großteils selbst.
5Reittherapie oder Arztbesuche. So lernt sie, Beim Wechselgeld ist sie aber unsicher und
die Woche im Voraus zu planen und wich- fragt lieber eine Assistentin, welchen Betrag
tige Aufgaben im Auge zu behalten. Bei der sie herausgeben muss. Trotz wiederholter
Einnahme der Medikamente steht ihr die Trainings fällt ihr das Lesen und Rechnen
Mobile Begleitung noch zur Seite. Doch die schwer. Dafür merkt sie sich viel auswendig
Apotheke betritt die Frau allein und weiß und hat eine gute Beobachtungsgabe.
auch schon, was sie täglich braucht. „Das ist
heute ein Selbstläufer“, bestätigt eine Assis-
„Kennst du Otto?“
tentin die neue Eigenständigkeit.
Perfekt imitiert sie den Komiker „Otto“. Sie
macht seine Sprechweise, Körperhaltung
Sich selbst verwöhnen
und Grimassen nach, erzählt seine Ostfrie-
Mit ihren Assistentinnen macht Christine sen-Witze und unterhält damit Fremde wie
Wiedmayr den Mittwoch zum „Beauty-Tag“. Stammkund/innen. Über die Frage „Kennst
Dabei verbindet sie die Körperpflege meist du Otto?“ kommt sie mit ihnen ins Plaudern
mit einem Besuch im Erlebnisbad – dort und Lachen.
gönnt sie sich gelegentlich eine Portion Ich traue ihr zu, Als großer Otto-Fan wünscht sich Chris-
Pommes. Das liebt sie und fragt die Assis- tine Wiedmayr, ihr Idol einmal persönlich zu
dass sie eines Tages
tentinnen stets gespannt, was diesmal am treffen. Eine Assistentin ermutigt sie, ihm
„Beauty-Tag“ gemacht wird. Seither achtet allein und selbstän- Fanpost zu schicken. Drei lange Wochen war-
sie verstärkt auf ihr Erscheinungsbild, pflegt tet sie auf Antwort und ist täglich gefordert,
dig wohnt – ohne
ihre Haare und die Arbeitskleidung und sich in Geduld zu üben. Als endlich Post ein-
kauft sich eine neue Hose. Vollzeitbegleitung. trudelt, ist sie so glücklich und bestärkt,
dass sie einen zweiten Brief verfasst. Darin
lädt sie ihn ein, eine Kunstgalerie in St.
Grenzen und Strategien Assistentin
Sabina Herfurtner Johann zu besuchen. Denn sie hat entdeckt,
Ihren Arbeitstag beginnt Christine Wied- dass dort ein Bild von ihm hängt. Wenn sie
mayr im Naturtalent-Laden in St. Johann, diesmal allen davon erzählt, ergänzt sie
wo sie Brot, Gemüse und Produkte aus der selbst: „Ich muss Geduld haben.“
Region verkauft. An der Kassa drückt sie
die Tasten mit den Produkt-Symbolen und
Mit der Mutter verbunden
sagt den Kund/innen, was zu zahlen ist.
Christine Wiedmayr mag es, gesehen und
gehört zu werden. Wenn sie im Gespräch
oder beim Spazierengehen ungeteilte Auf-
merksamkeit erhält, merkt sie, sie wird
ernst genommen und geschätzt. Und die-
ses Gefühl teilt auch sie großzügig aus, wenn
sie ihre Assistentin anstrahlt, umarmt und
erklärt: „Schön, dass du wieder da bist!“
Wenn etwas passiert, das sie trau-
rig macht, oder wenn sie beim Reiten allein
aufs Pferd steigt, sagt sie oft: „Die Mama, da
oben, schaut auf mich.“ Gelegentlich besucht
Foto: Madlen José
sie mit ihrer Assistentin das Grab der Mutter.
Sie berührt den Grabstein, verweilt schwei-
gend und fühlt sich in dem Augenblick mit
ihrer Mutter verbunden. Dann blickt sie auf,
Seit Christine Wiedmayr mit Mobiler Begleitung unterwegs ist, lächelt und meint: „Jetzt langts – lass uns
übernimmt sie auch immer öfter das Ruder. wieder gehen!“
6 LEBENS.WELT 22-2Impulse für die Zukunft
erkennen und handeln
Für Unternehmen gehört es zum Alltag, regelmäßig eine Herzen nehmen? Wir hätten langfristig ein Problem, wenn
Bilanz zu erstellen und zu berechnen, was unterm Strich wir uns nicht mit zentralen Werten auseinandersetzen
herauskommt. Einige Unternehmen geben sich allerdings würden: Demokratische Mitbestimmung und Transpa-
nicht mehr damit zufrieden, finanziell gut dazustehen. Ihnen renz, Menschenwürde, ökologische Nachhaltigkeit, soziale
geht es um mehr: um zufriedene Kund/innen, motivierte Gerechtigkeit und Solidarität – all das ist unser Auftrag als
und vitale Mitarbeiter/innen, faire Arbeitsbedingungen in beherzte Wegbegleiterin von Menschen mit Behinderun-
der Zulieferkette, ökologisches Wirtschaften und nach- gen. In diese Richtung entwickeln wir uns weiter. Der doch
haltige Geldanlage. Die Lebenshilfe ist eine von 18 Tiroler recht aufwendige Prozess eines Gemeinwohlbilanz-Audits,
Firmen und Organisationen, die eine Gemeinwohlbilanz also eines Prüfungsverfahrens, hilft uns zu erkennen, wo
erstellen, um zu messen, wo man in diesen Punkten steht. wir Handlungsbedarf haben“, bringt es Georg Willeit auf den
Punkt.
Warum eine Gemeinwohlbilanz?
Die Inhalte der Gemeinwohlbilanz
„Das Gemeinwohl im Auge zu haben und möglichst kli-
maschonend zu handeln, gehört für uns mittlerweile zum Der Bericht ist in sechs Kapitel unterteilt: Menschen-
Alltag. Es macht uns als Lebenshilfe Tirol aus. Die Gemein- würde in der Zulieferkette, Haltung im Umgang mit Geld-
wohlbilanz zeigt uns Entwicklungspotenziale und gibt uns mitteln, Menschenwürde am Arbeitsplatz, ethische Kunden-
Impulse, wie wir unserer sozialen und ökologischen Ver- beziehungen, Sinn und gesellschaftliche Wirkung sowie
antwortung in Zukunft noch besser nachkommen können“, Ausblick.
so Georg Willeit. Der Geschäftsführer der Lebenshilfe Tirol Insgesamt geht die Bewertungsskala von -3.600 Punk-
ist überzeugt: „Wer, wenn nicht die Lebenshilfe Tirol als ten (existenzgefährdend) bis zu 1.000 Punkten (vorbildlich).
große soziale Organisation, muss sich das Gemeinwohl zu Pro Kapitel werden Punkte bzw. Prozente vergeben. Die
Lebenshilfe Tirol erhielt nach dem Audit 312 Punkte. Laut
Raster der Gemeinwohlbilanz ist dies die dritthöchste Stufe
8 und bedeutet „fortgeschritten“.Besonders positiv bewertet
Zwei externe Auditor/innen, also unabhängige Prüfer/in- Ehrgeizige Ziele für die Zukunft
nen, haben die Lebenshilfe Tirol in Dutzenden Punkten
untersucht. Was die beiden besonders positiv bewertet Fahrdienste für Klient/innen und Wege im Rahmen der
haben: Mobilen Begleitung, Frühförderung und Freizeitassistenz
wurden bisher vorwiegend mit Autos und Kleinbussen
y Klare und durchdachte Handlungsgrundsätze im Umgang zurückgelegt. Im Schnitt entfielen in den letzten Jahren
mit Klient/innen. rund 25 Prozent des Gesamt-Energieverbrauchs der Lebens-
y Kommunikation auf Augenhöhe. Das zeigt sich besonders hilfe Tirol auf Dienstwege (ohne Fahrten durch Drittanbieter;
deutlich in den regelmäßigen Gesprächen mit Bewoh- ohne Wege der Mitarbeiter/innen zur Arbeitsstelle).
ner/innen eines Wohnstandortes über ihre Zufriedenheit Gerade deshalb hat sich die Lebenshilfe Tirol im
mit der Wohnsituation oder etwaige Änderungswünsche. Bereich Mobilität ambitionierte Ziele gesetzt: Barrieren
y Diverse Kooperationen mit Betrieben, um Menschen mit für Klient/innen abbauen, die Anzahl der Wege verringern,
Behinderungen ins Alltagsleben zu inkludieren und so Klient/innen zu einer selbstbestimmten und inklusiven
ihre Lebensqualität zu verbessern. Mobilität befähigen, Mitarbeiter/innen zur Nutzung von
Bus und Bahn motivieren und Emissionen reduzieren. „Wir
Die Auditor/innen heben ebenso hervor, dass die Mög- stehen für eine Mobilität, die alle Menschen bewegt. Eine
lichkeit, sich einzubringen und mitzuwirken, positive Auswir- Mobilität, die Barrieren überwindet und Selbstbestimmung
kungen auf die Motivation der 1.561 Mitarbeiter/innen hat. fördert. Mit nachhaltiger Mobilität wollen wir auch einen
Beitrag für unsere Umwelt und unsere Gesundheit leisten“,
so Georg Willeit.
Stichwort Gesundheit: In diesem Bereich bietet
die Lebenshilfe Mitarbeiter/innen im Rahmen des Pro-
gramms Gsund&Achtsam mittlerweile diverse Maßnahmen
(Rückenfit-Programme, Massage-Gutscheine, Rad-Aktion,
psychologische Beratung etc.).
„Um unseren Beitrag für das Gemeinwohl weiter zu
steigern, wollen wir in Zukunft ethische und ökologische
Aspekte in einer neuen Beschaffungsrichtlinie stärker ver-
ankern“, erklärt Georg Willeit. „Letztendlich muss jedes
Unternehmen investieren, um später Erfolge zu ernten.
Die Gemeinwohl- Wir investieren in Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit,
Inklusion, Selbstbestimmung und ökologische Nachhaltig-
bilanz gibt uns keit in der Überzeugung, dass diese Werte unsere Zukunft
wichtige Impulse, bestimmen.“
wie wir unserer
sozialen und öko-
logischen Verant-
wortung künftig
noch besser nach-
kommen können.
Georg Willeit
917
Pilotprojekte für eine inklusive, selbstbestimmte und nachhaltige
Mobilität startet die Lebenshilfe Tirol heuer. Darunter fallen z.B.
Mobilitätstrainings für Klient/innen, die verstärkte Nutzung von
verschiedenen Fahrrädern, E-Bikes oder Bus und Bahn.
460
Ich trenne Laub- und Nadelbäume
wurden im Rahmen der
Müll.
Aktion Bunter Lebenshilfe
Wald bereits gepflanzt.
Im Juni 2022 gehts weiter.
Dann nehmen Klient/innen,
Mitarbeiter/innen und
Forstspezialist/innen wie-
der den Spaten in die Hand,
um Löcher zu graben und
noch mehr Bäume zu pflan-
zen.
AUF EINEN BLICK
Was ist die Gemeinwohlbilanz? Die Gemeinwohl-
bilanz ist ein Bewertungsverfahren, durch das mit
externer Unterstützung geprüft wird, wie weit die
Organisation gemeinwohlorientierte Werte (Men-
121
schenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltig-
keit, soziale Gerechtigkeit sowie demokratische
Mitbestimmung und Transparenz) in die Organi-
sationskultur integriert hat und sich danach aus-
Mitarbeiter/innen der Lebenshilfe Tirol absolvieren richtet.
derzeit berufsbegleitend eine facheinschlägige Aus- Wie bewerten die Auditor/innen die Lebens-
bildung. Das eröffnet Neu- oder Umsteiger/innen hilfe Tirol? Besonders im sozialen Bereich ist die
die Chance, sich höher zu qualifizieren. Vor dem Hin- Lebenshilfe Tirol sehr gut aufgestellt. Im ökolo-
tergrund des Mangels an ausgebildeten Fachkräften gischen Bereich und im Beschaffungswesen gibt
ist es der Lebenshilfe Tirol als große Organisation es noch Potenzial, das im Zuge des Audits bespro-
ein Anliegen, damit einen Beitrag für das Gemein- chen wurde und wofür die Lebenshilfe Tirol schon
wohl zu leisten. Weichen gestellt hat. Unterm Strich wird der Le-
benshilfe Tirol ein „Fortgeschritten“ attestiert.
Die aktuelle Gemeinwohlbilanz (Gültigkeit bis Feb-
ruar 2023) ist bereits die zweite, die die Lebenshilfe
Tirol erstellt hat. Sie ist unter www.lebenshilfe.tirol
10 veröffentlicht. Unsere Mission
Hohe Zufriedenheit
mit Unterstützung
Lockdowns, eingeschränkte soziale Kontakte oder die Einstufung als Angehörige einer Hochrisikogruppe
belasteten Menschen mit Behinderungen während der Pandemie stark. Lob gibt es nun von Angehörigen für
die unterstützende Arbeit der Lebenshilfe Tirol, wie eine IMAD Befragung ergab.
„Die Zufriedenheit mit der Unterstützung und Studie bestätigt auch Sicherheitsgefühl
Begleitung durch die Lebenshilfe Tirol wäh- und Vertrauen
rend der Corona-Pandemie lag bei 95 Prozent“, Im Hinblick auf die Schutzmaßnahmen, die
so Barbara Traweger-Ravanelli vom IMAD getroffen wurden, um Ansteckungen mit
sehr zufrieden
Institut in Innsbruck. Insgesamt 305 Eltern zufrieden dem Corona-Virus zu vermeiden, bewerten
und Erwachsenenvertreter/innen wurden weniger zufrieden 83 Prozent der Befragten das Sicherheits-
nicht zufrieden
telefonisch zu ihren Erfahrungen mit allen keine Angabe gefühl und das Vertrauen mit „sehr gut“,
Lebenshilfe-Angeboten befragt. Lob gab es zehn Prozent mit „eher gut“. Das hohe Ver-
etwa für die regelmäßigen Informationen, die trauen in die Lebenshilfe bestätigen die
Erreichbarkeit der Mitarbeiter/innen und für Befragten nicht nur im Hinblick auf die Pan-
die Besuchsregelungen. demie, sondern auch allgemein. Assistent/
Zufriedenheit mit der Unter- innen und Leitungen würden sich generell
Proaktives Handeln entscheidend stützung durch die Lebenshilfe sehr um das Wohlbefinden der begleiteten
Für Geschäftsführer Georg Willeit ist dieses während der Corona-Pandemie Person bemühen, mögliche Probleme könn-
Lob auf das proaktive Handeln der Lebens- ten offen und direkt angesprochen werden,
hilfe zurückzuführen. Die Pandemie brachte und über wichtige Belange werde man zeit-
große Herausforderungen in der täglichen nah und ausreichend informiert.
Begleitung mit sich. Details der IMAD-Studie sind auf der
Website der Lebenshilfe Tirol unter
www.lebenshilfe.tirol zu finden.
Rasche Informationen schaffen Vertrauen
Als Menschenrechtsorganisation haben wir zu Beginn der Sicherheit zu geben und die Begleitung in allen Lebensbe-
Corona-Krise vor mittlerweile zwei Jahren schnell erkannt, reichen zu garantieren. Dass 93 Prozent der Angehörigen
dass wir nicht auf Entscheidungen anderer warten kön- und Erwachsenenvertretungen die Zusammenarbeit mit
nen, sondern selbst Vorgaben machen und konsequent der Lebenshilfe als vertrauensvoll, respektvoll und part-
handeln müssen: Wir haben frühzeitig ein eigenes Krisen- nerschaftlich bezeichnen, bestätigt unsere Linie. Wir sehen
team eingerichtet, die Kommunikation mit den Angehörigen dennoch Verbesserungsmöglichkeiten, indem wir noch
verstärkt und umfangreiche Schutzmaßnahmen getrof- rascher handeln und Informationen weitergeben sowie
fen, um Ansteckungen zu vermeiden. Gerade in dieser für Angehörige und Erwachsenenvertretungen noch mehr ein-
alle herausfordernden Zeit war es uns wichtig, Menschen binden. Darauf wollen wir in Zukunft setzen, um weiterhin
mit Behinderungen und Angehörigen ein hohes Maß an die bestmögliche Begleitung sicherzustellen.
11Prominente im Interview
Foto: Peter Schafferer
Das trau ich mich auch
Die gelernte Krankenpflegerin Sonja Ledl-Ross- Muss man als Politikerin viele Menschen kennen?
mann ging vor 14 Jahren in die Landes- und Was heißt müssen? Man muss gern mit Menschen
Bundespolitik. Mit Roswitha Rief sprach sie zusammen sein. Nur so erfährt man, welche The-
über ihren Werdegang, über Frauen in der Poli- men den Menschen am Herzen liegen, was im
tik und ihre Rolle als Brückenbauerin. Land gut läuft und was nicht so gut. Aber jede
Begegnung hat etwas ganz Besonderes.
Roswitha Rief: Gab es einen Moment, in dem Sie Wenn mehr Kann ich auch Politikerin werden?
dachten: „Ich werde Politikerin“? Jeder Mensch kann Politiker oder Politikerin
Menschen aus
Sonja Ledl-Rossmann: Nein, eigentlich hatte werden. Aber ich denke, das fängt im Klei-
ich gar nicht vor, in die Politik zu gehen. Man dem Sozial- nen an – dass man sich für Themen einsetzt,
hat mich 2008 bei der Wahl auf die Landesliste so wie ihr in der Lebenshilfe das macht. Es ist
bereich in die
gesetzt. Als ich in der Zeitung las, dass ich auf wichtig, dass ihr euch für eure Bedürfnisse ein-
Platz drei ein fixes Landtagsmandat habe, ist Politik gehen, setzt. Auch Politiker/innen sind froh, wenn ihr
mir fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen. eure Anliegen als Sprecher/innen einbringt.
bekommen
Wenn ich damals Bedenkzeit gehabt hätte – ich Ihr wisst am besten, was für euch gut ist.
hätte zu 99 Prozent Nein gesagt. Ich war gerade diese Anliegen Frauen bestimmen mit. Was ist Ihnen da beson-
Heimleiterin im Haus Ehrenberg und hätte mich ders wichtig?
auch mehr
gefragt, kann ich das und schaffe ich das? Dass mehr Frauen in Entscheidungspositio-
Heute bin ich aber auch sehr dankbar dafür, Gewicht. nen kommen, und dass sie mehr mitbestimmen
weil ich meine Erfahrung aus dem Sozialbereich in können. Es braucht uns Frauen, weil wir andere
die Landes- und Bundespolitik einbringen kann. Sonja Ledl-Rossmann Einstellungen zu den Themen haben. Seit März
12 LEBENS.WELT 22-2haben wir ja im Außerfern fünf Bürgermeiste- (ÖVP-Behindertensprecher im Nationalrat, Anm.)
rinnen. Es werden immer mehr! Aber da gibt es Veranstaltungen gemacht und ich durfte viele
durchaus noch Luft nach oben und da müssen Menschen kennenlernen: Die Frauenrechtle-
wir Frauen uns gegenseitig unterstützen und rin Waris Dirie, Prinz Charles und Camilla oder
zusammenhelfen. Papst Franziskus, der mich sehr beeindruckt hat.
Außerdem braucht es immer Vorbilder, auf Auch der Moment, als ich als Vorsitzende unse-
der Ebene der Sprecher/innen genauso wie bei ren Bundespräsidenten angeloben durfte: er aus
mir. Damit dann noch mehr Frauen sagen: Das Tirol und ich aus Tirol. Das war für Österreich
traue ich mich auch! Vorbilder braucht man einmalig.
immer und überall. 2018 habe ich mich gefreut, als Land-
Die Lebenshilfe im Außerfern hat 2012 ein Wohn- tagspräsidentin nach Tirol zurückzukommen.
haus in Einzelwohnungen umgebaut. Kann sich Das passt zu mir. Ich brauche nicht das Hick-
diese Wohnform in ganz Österreich durchsetzen? Als ich aus der hack zwischen den Parteien und sehe mich als
Das hoffe ich. Als Vorstandsmitglied der Brückenbauerin. Ob als Präsidentin oder Vor-
Zeitung erfuhr,
Lebenshilfe Reutte bin ich stolz, was es hier standsmitglied im Lebenshilfe-Verein: Ich bin
an Pilotprojekten und Angeboten gibt. Aber wir dass ich einen kein Regierungsmitglied, ich habe kein Ressort,
müssen noch an vielen Themen weiterarbeiten: aber ich kann immer schauen, dass ich die Men-
fixen Platz im
Wohnformen, das Thema Familie und vor allem schen zusammenbringe.
die Unterstützung von Menschen mit Behinde- Landtag habe, In dieser Funktion werde ich oft zum
rungen im Alter. Bei letzterem sind wir in der Gespräch eingeladen. Und wenn ich mit Einrich-
wäre mir fast
Lebenshilfe und im Bezirk dran und suchen nach tungen und Behindertenvertretern regelmäßig
neuen Wegen. Gleichzeitig muss man immer die Kaffeetasse an einem Tisch sitze, schauen wir auf die Lage
wieder auf das Thema aufmerksam machen. von Menschen mit Behinderungen. Was läuft gut
aus der Hand
Denn Menschen mit Behinderungen und ihre in Tirol? Wo haben wir Lücken? Wie kann es bei
Zukunftsvisionen werden oft nicht ausreichend gefallen. dem Thema weitergehen? Da spüre ich Einigkeit:
wahrgenommen. Wir müssen zusammenhalten, damit wir etwas
Sie waren Krankenpflegerin und Heimleiterin. Sonja Ledl-Rossmann erreichen können.
Wie kann für Menschen mit Behinderungen die Dieses Zusammenarbeiten haben wir im
Begleitung im Alter verbessert werden? Außerfern – so ab vom Schuss – früh gelernt.
Das ist für die Zukunft schon ein großes Thema. Und ich glaube, da haben wir schon ein bisschen
Die angemessene Begleitung von Menschen mit eine Vorreiterrolle. Also, man spürt: Ich bin eine
Behinderungen ist in einem Alters- und Pflege- leidenschaftliche Außerfernerin. Ich freue mich,
heim oft nicht möglich. Bei uns im Bezirk gibt dass ich so viel in Innsbruck sein darf, aber leben
es eine sogenannte Pflege-Drehscheibe, wo alle möchte ich in keinem anderen Bezirk.
Pflegeeinrichtungen und auch die Lebenshilfe
sich treffen. Da haben wir darüber geredet, wie
wir in Reutte ein Angebot schaffen können, das
für Menschen mit Behinderungen im Alter passt.
Wir sammeln jetzt alle Ideen und Informationen,
IM GESPRÄCH
die Erfahrungen der Lebenshilfe und hören auch Roswitha Rief war Regionalsprecherin in Reutte. Als
denen zu, die schon einmal im Pflegeheim waren. Gesamtsprecherin für den Wohnbereich setzt sie sich
Wenn das alle gemeinsam verfolgen, kann künf- nun für die Anliegen der Bewohner/innen aus ganz
tig etwas Besonderes entstehen. Tirol ein.
Welche politischen Ereignisse haben Sie geprägt? Sonja Ledl-Rossmann ist Dipl. Krankenpflegerin und
Nach fünf Jahren im Landtag konnte ich nach war Pflegeheimleiterin im Haus Ehrenberg in Reutte.
Wien in den Bundesrat wechseln und hatte Ab 2008 war sie ÖVP-Landtagsabgeordnete und später
das große Glück, ein halbes Jahr den Vorsitz im Bundesrat, wo sie ein halbes Jahr den Vorsitz führte.
zu führen. Als Bundesratspräsidentin habe Seit 2018 wacht sie als Landtagspräsidentin über den
ich damals die Zukunft der Pflege zum Thema guten Ton im Tiroler Landtag.
gemacht. Wir haben mit Franz-Joseph Huainigg
13Lebenshilfe vor Ort
Marie‘s Rezeptur wird Partner im Klimabündnis
Absam Marie‘s Rezeptur ist als drit-
ter Lebenshilfe-Standort Mitglied im
Klimabündnis Österreich. Der 2018
eröffnete Betrieb übernimmt soziale
Verantwortung im gesellschaftlichen
Wandel. „Gemeinsam versuchen wir,
eine barrierefreie, gerechte und sozial-
ökologische Welt zu gestalten“, erklärt
Geschäftsführer Georg Willeit: „Wir
machen die Welt menschengerech-
Foto: Carolin Keikavoussi
ter. Nur so ist Inklusion möglich!“ So
leisten Klient/innen und Mitarbeiter/
innen einen aktiven Beitrag zu Nach-
haltigkeit, Ressourcenoptimierung
und Regionalität. Mit der sichtbaren
Auszeichnung fördern sie das Umwelt- Das Team von Marie‘s Rezeptur achtet auf den Klimaschutz und macht das sichtbar..
bewusstsein anderer Menschen und
setzen ein Zeichen für die Umsetzung Verwendung sparsamer LED-Beleuch- sind gemeinsame Schulungen für Mit-
der Nachhaltigkeitsziele. tung. Das Team der Vitalbar kauft arbeiter/innen und Klient/innen zum
Zu den bisherigen Leistungen für regionale und saisonale Produkte wie Umgang mit Abfällen und Energie,
den Klimaschutz zählen eine schad- Karotten und Dinkel von Biobauern die Schaffung eines Insektenhotels
stofffreie Heizung mit Wärmepumpe und verwendet plastikfreie Verpa- als Beitrag zur Biodiversität und die
und Wärmerückgewinnung, Stromer- ckungen. Künftig will das Team noch Verringerung von Autofahrten durch
zeugung mittels Photovoltaik und die mehr für den Klimaschutz tun. Geplant nachhaltige Mobilität.
Baumwolle statt Plastik binden sie zu kleinen Paketen. Alle
Arbeitsschritte und Handgriffe sind so
Mieders So wie die Lebenshilfe ist angelegt, dass jede Person ihren Teil
auch das Rote Kreuz Stubaital „Klima- beitragen kann. So organisieren die
bündnis-Betrieb“. Um Plastikmüll zu Mitarbeiter/innen sich ihre Arbeit größ-
vermeiden, wird das Verbandsmaterial tenteils selbst und freuen sich, einen Am Arbeitstempo erkennt
für Erste-Hilfe-Kurse seit Herbst 2021 in Beitrag für die Umwelt und die Ers-
man, dass alle diesen Auf-
Baumwollsäckchen verpackt. Die Arbeit te-Hilfe-Ausbildung im Tal leisten zu
erledigen Klient/innen in Mieders in können. Beim Ausliefern der fertigen trag ernst nehmen.
Teamarbeit: Die Männer und Frauen Pakete begegnen sie regelmäßig den
zählen und sortieren die nötigen Pflas- Rettungskräften und erfahren einiges Anna Kirschner, Arbeitsassistentin
ter, Verbände und Dreieckstücher und über die Einsätze in der Region.
14 LEBENS.WELT 22-2Nachhaltig nutzen Vorfreude Tamara gehört dazu
Landeck 107 alte Computer mit Mieming „Ich möchte das schaf-
Bildschirmen und Kabeln aus fen“, sagte sich Tamara Scharmer, als
der Lebenshilfe werden in Lan- sie ihr Training im lebensM in Mötz
deck sinnvoll weiterverwendet. begann. Nach neun Monaten Aus-
Foto: Stefan Moser
Der Verein Altes für Gutes bildung kennt sie ihre Aufgaben im
setzt die Computer kos- Lebensmittelhandel.
tenlos instand und gibt sie Seit 1. Februar ist sie im MPREIS in
an Arbeitslose oder Fami- ihrer Heimatgemeinde angestellt und
lien weiter, die sich keinen Neue Räume ermöglichen in Landeck bald ist eine von 20 Mitarbeiter/innen im
Computer leisten können. mehr Kultur und Begegnung. Team. „Natürlich waren einige anfangs
Zwei junge Informatiker kümmern skeptisch“, gesteht eine Kollegin. „Aber
sich ehrenamtlich darum und geben Landeck Die Lebenshilfe begibt sich Tamara arbeitet tadellos, entlastet
auch Kurse, in denen Menschen lernen, Schritt für Schritt dorthin, wo andere uns und ist ein Geschenk fürs Team!“
Computer zu reparieren. „Wenn unsere Menschen wohnen, leben und arbei- Tamara Scharmer geht nämlich derart
alten Geräte wieder verwendet wer- ten. Nachdem Wohnmöglichkeiten stolz und froh an die Arbeit, dass die
den, leisten wir einen Beitrag für das in Gemeindewohnungen geschaffen gute Laune auf andere überspringt.
Gemeinwohl. Das ist nachhaltig!“, sagt wurden, rückt der Arbeitsbereich „Kul-
Michaela Hummel von der Lebenshilfe tur und Begegnung“ näher in die Stadt.
Perjen. Sie hat bei einem „Unterneh- Während die Bauarbeiten laufen, knüp-
mer-Frühstück“ von der Idee erfahren fen alle Beteiligten schon Kontakte
und eine Zusammenarbeit begonnen, mit Unternehmer/innen und Nachbar/
die allen nützt. innen, um sich einzubringen.
Ziemlich eigenständig Gemeinsam gestärkt
Foto: JCT Anna Gstrein
Wipptal „Was brauchen Menschen
an Pflege- und Sozialangeboten?“
Das fragten sich die Gemeinden im
Foto: Manfred Lechner
Wipptal und starteten 2021 das Pro-
jekt Wippcare. Die Leitung des Projekts „Alle haben gesagt, dass ich das schaffe.“
übergaben sie der Lebenshilfe, „wegen Tamara Scharmer hat eine Anstellung.
ihrer guten Vernetzung in der Region“
und weil sie sich „für eine inklusive und Damit das so klappt, hat die 36-Jährige
Die eigene Ausstellung zu organisieren, respektvolle Gesellschaft einsetzt.“ daheim geübt, Zahlen und Ablauf-
macht um wichtige Erfahrungen reicher. Nun liegen Antworten und Ergeb- daten rasch zu erfassen sowie Müll
nisse auf dem Tisch: 200 Personen und Wertstoffe richtig zu sortieren.
Innsbruck Zwei Männer bereiten sich waren zu einem Bürgerrat eingela- Ihre Job. Chance-Assistentin, ihr Vater
im Job Inn auf einen Arbeitsplatz vor, den und konnten dort ihre Nöte und und die Kolleg/innen ermutigten sie.
der zu ihnen passt. Bei einem Kunst- Erfahrungen schildern. Künftig wird es „Sie haben mir auch gesagt, wenn ich
projekt lernen die beiden, grafische regelmäßig Austauschtreffen der Pfle- Fehler mache. Das war wichtig, weil
Ideen am Computer umzusetzen und gedienste geben. Eine Netzwerkkarte es mich gefordert hat“, erklärt Tamara
ihre Werke in einer Ausstellung einem Wipptal bietet Hilfe und Orientie- Scharmer heute. In der Arbeit erhält
breiteren Publikum näherzubringen. rung über Pflege- und Sozialangebote. sie Anleitungen und den Dienstvertrag
Die vielen Vorbereitungen, Handgriffe Im März 2022 nimmt eine zentrale in einfacher Sprache. „Das macht die
und Entscheidungen machen sie siche- Anlaufstelle für Pflege, Soziales und Verständigung für alle leichter“, erklärt
rer und mutiger, auch beruflich mehr zu Generationen im Wipptal ihre Arbeit auf. Anna Mölk von MPREIS und freut sich
wagen. Mehr auf www.wippcare.com über die Verstärkung in der Filiale.
15In seinen Fähigkeiten bestärkt: Nikola hat seinen Traumjob gefunden
treten und freut sich jedes Mal, wenn will auch andere Firmen ermutigen,
er in die Arbeit kommt. Das steckt Menschen mit Behinderungen eine
an“, beschreibt Filialleiterin Gabriele Chance zu geben. „Ich bin froh, dass
Brunner. Um sich zwischen den vielen wir uns für Nikola entschieden haben.
Regalen zurechtzufinden, hat Nikola Den geben wir nicht mehr her.“
Foto: Manfred Lechner
Veljkovic immer einen Plan von der
Filiale dabei, den seine Chefin für ihn
gezeichnet hat. So behält er den Über-
blick und kann den Kund/innen sagen,
wo sie welche Produkte finden. Das gibt
Mit Leidenschaft bei der Arbeit: Nach der ihm Sicherheit. Heute geht der junge Arbeitssuchende und
Lehre fand Nikola Veljkovic eine Anstellung. Mann offen auf Kund/innen zu und
Unternehmer/innen sind
bietet seine Hilfe an. Das kommt bei
Schlitters „Das ist ein wunderbarer diesen sehr gut an. oft unsicher. Aber wer
Arbeitsplatz“, beschreibt Nikola Vel- Am Beginn seiner Laufbahn stand
offen ist, entdeckt viele
jkovic seine Halbtagsstelle im BIPA. eine verlängerte Lehre im Lebenshil-
Seit fast einem Jahr holt der 23-Jährige fe-Dorfladen. Später unterstützte ihn Fähigkeiten und Stärken.
Seifen, Shampoos und Haartönungen die Lebenshilfe bei der Arbeitssuche
Wer motiviert ist, schafft
aus dem Lager, räumt die Regale ein und beim Start. „Die Lebenshilfe hat
und sorgt dafür, dass alles ordent- uns geholfen, den Arbeitsplatz so zu auch den Rest.
lich präsentiert wird. „Nikola bringt gestalten, dass er für Nikola und für
Ruhe ins Team. Er hat ein gutes Auf- uns passt“, erklärt die Filialleiterin. Sie Anna Plattner, Job-Coach
Den Garten gestalten Meine Motivation – Mein Job
Kufstein Martin Kofler arbeitet schon Vermittlungsversuch ohne Anstellung
lange bei der Lebenshilfe Tirol. Der endet, erklärt die Assistentin der Job.
39-Jährige half bei der Montage von Chance: „Jetzt fällt uns nichts mehr ein.“
Fahrzeugteilen oder im Schulbuffet Wenige Wochen später kommt Martin
des örtlichen Gymnasiums. Weil er Kofler mit einer Telefonnummer zu ihr
Foto: Maria Strasser
sich eine richtige Arbeit wünscht, ver- und ruft: „Der hat einen Job für mich!“
mittelte man ihm mehrere Praktika, die Der Chef vom CBC Color Beschichtungs-
alle nicht passten. Nachdem der letzte center sucht Personal und ist bereit,
ihm eine Chance zu geben.
In der Freizeit gestalteten Martin Kofler macht sich im Betrieb
Bewohner/innen ihre Grünflächen. mit den Aufgaben vertraut, lernt, den
Anordnungen des Chefs Folge zu leis-
Sillian 2021 legten Bewohner/innen ten, und erhält nach einem Monat eine
zu Hause ein Blumenbeet und einen Halbtagsanstellung. In dem Industrie-
„Barfußweg“ an. Michael Duregger betrieb fühlt er sich wohl. Hier kann
Foto: Sabine Schwaiger
packte an und entfernte den Rasen, er so sein, wie er ist. Vor schmutzigen
während andere Moos, Rinde, Tan- Arbeiten hat der tatkräftige Mann keine
nenzapfen und -nadeln aus dem Wald Scheu. Die Assistentin staunt und freut
holten. Gemeinsam gestalteten die sich sehr: „Erst als er verstand, dass
Heimwerker/innen einen Weg, auf dem es auf ihn ankommt, hat Martin sich
man barfuß unterschiedliche Eindrü- Martin Kofler (re.) fand Arbeit als auf die Füße gestellt und selber etwas
cke sammeln kann. Beschichter und ist hier voll motiviert. gefunden!“
16 LEBENS.WELT 22-2Therapiehühner sind Lauras beste Freunde
Polling Laura hat immer schon den
Kontakt zu Tieren gesucht und war
daher oft am Bauernhof des Nachbarn.
„Weil viele Menschen bei ihren Ausbrü-
chen erschrecken, waren Tiere stets
ihre besten Freunde“, berichtet ihre
Mutter.
Seit Kurzem kümmert sich Laura
um elf eigene Hühner aus der Lebens-
Foto: Dagmar Prantl
hilfe-Zucht in Reutte. Die Zehnjährige
weiß, was ihre Tiere brauchen, und
übernimmt Verantwortung: Sie füttert
und tränkt sie, reinigt den Stall und holt
die Eier. Und sie treibt die Hühner jeden Wenn Laura sich um ihre Hühner kümmert, ist sie ausgeglichen und glücklich.
Abend in den Stall, wo sie vor Fuchs
und Marder in Sicherheit sind. Sie spielt sie für die Eier bekommt, zählt sie allein berichtet die Mutter. „Doch wenn sie
ihnen auf der Gitarre etwas vor oder und kauft davon beim Nachbarn das zu den Therapiehennen geht, ist die
wiegt sie im Arm, bis sie schlafen. nötige Futter. So wird sie schrittweise Spannung wieder draußen.“ Auch die
In der Schule lernt Laura lesen, schrei- selbständiger. drei Assistenzstunden der Lebenshilfe
ben und auch schon bis zehn rechnen. Noch passiert es immer wieder, erlebt die Mutter als wichtige Entlas-
„Laura wird nie ganz eigenständig sein“, dass „die Kleine unerwartet ausrastet tung. „Und die Ausbrüche sind schon
erklärt die Mutter. Doch das Geld, das und Dinge durch die Gegend schmeißt“, viel seltener geworden!“
.. .
Endlich selbst über sein Geld bestimmen n o r m a l is t da s de nn
W ie
Richterin, seine Lage neu zu beurtei-
len. Die Assistentinnen unterstützen Netter Umgang wirkt
ihn, alle Argumente vorzubringen. Das
überzeugt die Richterin, ein Gutachten Zwei Jahre lang kommt Hanna meist
Foto: Magdalena Chmielak
in Auftrag zu geben. Dieses erklärt Gott- schlecht gelaunt in ihre Schulklasse:
hard Lutz für fähig, sein Geld selbst zu Die kleine Rollstuhlfahrerin beteiligt
verwalten, „wenn er dabei Unterstüt- sich ungern am Unterricht und schlägt
zung erhält“. Heute achtet er darauf, auch auf andere Kinder ein. Einer auf-
Briefe zu öffnen, Rechnungen zu zahlen merksamen Mutter fällt auf, dass die
und wichtige Papiere zu ordnen. „Das Zehnjährige jeden Morgen vom Behin-
Gemeinsam durchgesetzt: Gotthard Lutz ist für ihn und uns mehr Arbeit, aber dertenfahrdienst sehr unfreundlich
darf über sein Geld selbst entscheiden. Gotthard ist glücklich darüber, es jetzt behandelt wird. Sie schlägt vor, zum
selbst zu machen“, bemerkt die Assis- Johanniter-Fahr-
Reutte Vor einigen Jahren machte tentin. Mit ihr bespricht er, wie man dienst zu wechseln,
Gotthard Lutz eine Erbschaft. Ein günstig die Wände streichen lässt oder den ihre eigene Toch-
Erwachsenenvertreter wurde bestellt. den alten Boden im Eingang erneuert. ter nutzt: „Mein Mädl
Bis dahin konnte der 66-Jährige über Gotthard Lutz weiß, dass man nicht freut sich jeden Morgen auf die Fahrt
alltägliche Anschaffungen selbst ent- alles auf einmal machen kann. Doch mit den jungen Fahrern und Zivis.“
scheiden, doch das war nun vorbei. einen Wunsch möchte sich der Besitzer Heute fährt Hanna mit freundlichen
Weil er im Denken fit ist, fühlt er eines Traktorführerscheins heuer noch Fahrern in die Schule. „Seither ist sie
sich bevormundet. Bei einer gericht- erfüllen: ein Moped-Auto, mit dem er wie ausgewechselt“, schildert ihre Leh-
lichen Überprüfung bittet er die selbst fahren kann. rerin.
17Mit Ihrer Hilfe
Eigenständig unterwegs
Die Lebenshilfe ermutigt Menschen, für den Weg zur
Arbeit Zug, Bus oder Fahrrad zu nutzen oder zu Fuß zu
gehen. Wer sich mit dem öffentlichen Verkehr auskennt,
bewegt sich auch privat eigenständiger. Wer sich bewegt,
lebt gesünder. Und wer Öffis nutzt, hilft, den Verkehr auf
unseren Straßen zu verringern. Nachhaltig.
Um dreimal in der Woche zu einer Außenstelle zu pen-
deln, lernt Patrik Hangl, mit dem Postbus zu fahren. Anfangs
begleitet ihn die Lebenshilfe. Doch schon bald legt er die
Strecke allein zurück. Einige Wochen später fällt auf: Er
kommt auch früher in seine angestammte Arbeitsstelle, weil
er den Bus auch für diese Strecke nutzt. „Er hat uns nicht
davon erzählt und ist einfach früher aus dem Haus gegan-
gen“, staunt seine Mutter über die neue Eigenständigkeit.
„Die neue Buskarte ist sein Heiligtum.“
So wie Patrik Hangl versuchen immer mehr Klient/
innen, mit Bus oder Bahn zur Arbeit zu fahren. „Wenn es
noch mehr werden, können wir sogar eine Bus-Runde
am Tag einsparen“, beschreibt ein Regionalleiter die
Mobilitätsvision.
Nachhaltig
Die Lebenshilfe möchte nun Jahreskarten, Roller und
E-Bikes finanzieren, um Menschen zu ermutigen, kurze Stre-
cken mit dem Roller oder dem Fahrrad zu bewältigen. Auch
MEINE START-HILFE
kleinere Lasten oder Spielmaterial für die Frühförderung Für heuer stehen einige Anschaffungen auf der
sollen bald so transportiert werden. Wunschliste.
200,-- Tret-Roller
400,-- E-Roller
519,-- Öffi-Jahresticket Tirol
2.850,-- Dreirad mit Elektro-Antrieb
5.000,-- Lastenrad
Spendenkonto Lebenshilfe Tirol, Hypo Tirol,
IBAN AT50 5700 0002 0007 4229
18 LEBENS.WELT 22-2 Warum Menschen helfen
Weil Teilen Freude bereitet
Zu Weihnachten erhält die Lebenshilfe eine Spende aus
Amsterdam. Was den Spender bewegt, von Holland aus
nach Tirol zu spenden, erzählt er hier.
Stefan Obexer stammt aus Hopfgarten. Vor sieben Jahren
nahm er einen guten Job in den Niederlanden an und über-
siedelte vom Brixental nach Amsterdam. „Natürlich zieht
es mich immer wieder mal zurück nach Tirol“, erzählt der
29-Jährige. 2020 muss er Corona-bedingt Weihnachten im
Norden ohne seine Lieben feiern und bedauert das sehr.
Im Herbst 2021 kann er zu einem Klassentreffen reisen
und trifft dort auch eine Schulfreundin, die inzwischen bei
der Lebenshilfe arbeitet. Als die ehemalige Klassenkolle-
gin am 25. Dezember ein Foto auf ihrer Facebook-Seite teilt,
entschließt sich der Büroangestellte, an die Lebenshilfe zu
spenden.
„Wie für die Menschen auf dem Foto, war diese Weih-
nachtszeit auch für mich etwas Besonderes, da ich wieder
in Österreich sein konnte“, erklärt er seine Motivation, „die
Lebenshilfe bei ihrer Mission zu unterstützen.“
In Amsterdam ist Stefan Obexer es gewohnt, an jeder Ecke
um Spenden gebeten zu werden. Doch lieber als die „zahl-
reichen Spendenaktionen auf globalem Level“ sind ihm „Spenden bedeutet für mich Teilen.
Organisationen, die lokal ansässig sind oder die ihm durch
Die Freude, die man damit bereiten kann,
einen Kontakt vertraut sind. „Bei der Lebenshilfe Tirol kann
ich sicher sein, dass die Spende die Menschen erreicht, die ist unbezahlbar!“
sie erreichen soll.“
Stefan Obexer
DANKE
Vier Männern aus Lienz konnten dank Spenden dem Fuß-
ballspiel Red Bull gegen Sturm Graz beiwohnen, von dem
sie noch heute schwärmen.
Foto: Bergbahnen S-F-L
Die Musikgruppe The Officers unterstützte mit 1.663 EUR
aus ihrem Internet-Auftritt das Bildungsangebot für Men-
schen in Kufstein.
SPAR unterstützte mit dem Erlös von Licht ins Dunkel Pro-
dukten (5.000 EUR) die Schaffung von Kleinwohnungen in
Landeck.
Die Bergbahnen Serfaus-Fiss-Ladis unterstützen mit Die Firma innbike unterstützte den Lebenshilfe-Radverleih
12.000 Euro die Angebote für Kinder/Familien. in Kufstein mit Waren und Gutscheinen über 1.000 EUR.
19Lebens.Welten
r
chaffere ter S
Foto: Pe
Foto: Peter Schafferer
Menschen mit und ohne Behinderungen
fühlen sich mit Menschen in der Ukraine
verbunden und organisieren Hilfe für
Bianca Kahler pflanzte Geflüchtete.
2021 Bäume im ersten
Lebenshilfe-Wald. Jetzt ist
sie eines der Gesichter der
Gemeinwohl-Kampagne.
Junge Leute schätzen den
er
Zivildienst in der Lebenshilfe
Foto: Manfred Lechn
oft wegen der Nähe zum
Wohnort. Doch auch das
gute Betriebsklima und das
Wissen, etwas Sinnvolles zu
tun, wirken motivierend.
Durch die Berufvorbereitung im JobInn
fand Marius Dorobantu eine Anstellung.
Die Klient/innen der Tagesbegleitung
für Ältere (TABEA) verteilten
Valentinsgrüße an ihre Nachbar/innen.
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Foto: Isab
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chaffere
Lechner
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fred
Bei der Wahl der Sprecher/innen
Foto: Pe
gab es landesweit eine hohe
Foto: Man
Wahlbeteiligung..
Computerkurse helfen Assistent/innen und Klient/innen,
die neuen Technologien besser zu nutzen.Sie können auch lesen