MIGRATION IN ITALIEN UND SÜDTIROL - DATEN UND FAKTEN - Autonome Provinz Bozen

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MIGRATION IN ITALIEN UND SÜDTIROL - DATEN UND FAKTEN - Autonome Provinz Bozen
MIGRATION IN
ITALIEN UND SÜDTIROL
DATEN UND FAKTEN
MIGRATION IN ITALIEN UND SÜDTIROL - DATEN UND FAKTEN - Autonome Provinz Bozen
Die Erstellung dieser Broschüre erfolgte mit finanzieller Unterstützung der
Europäischen Union (EU-Projekt „Snapshots from the borders – Small towns facing
the global challenges of Agenda 2030“).
www.snapshotsfromtheborders.eu

Impressum
Autonome Provinz Bozen - Südtirol
Abteilung Präsidium und Außenbeziehungen
Amt für Kabinettsangelegenheiten
Entwicklungszusammenarbeit
Landhaus I - Silvius Magnago Platz 1
39100 Bozen
Tel. +39 0471 412132
www.provincia.bz.it/entwicklungszusammenarbeit

Ausgangstexte
IDOS, Dossier Statistico Immigrazione 2018, Rom 2018
Fondazione ISMU, 24° Rapporto sulle migrazioni 2018, Franco Angeli 2019
Bearbeitung: Thomas Benedikter
Bozen, Juni 2019

Die von Snapshots from the borders genutzte Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 legt fest, dass die
Vervielfältigung und Verbreitung nur dann erlaubt wird, wenn der Name der Autorin bzw.
des Autors genannt wird, wenn die Verbreitung nicht für kommerzielle Zwecke und wenn
keine Bearbeitung, Abwandlung oder Veränderung erfolgt.
3

    Inhalt
    1. Snapshots from the borders: ein Netzwerk
       von Grenzgemeinden und Grenzregionen       4
    2. Die Migration: ein weltweites
       und unumkehrbares Phänomen                  6
    3. Europa und Italien:
       keine Invasion von Zuwanderern             10
    4. Ausländische Staatsangehörige
       ohne Aufenthaltsgenehmigung                14
    5. Merkmale, Herkunft und Verteilung
       der Migranten und Migrantinnen             16
    6. Die Integration: eine offene Baustelle     18
    7. Migranten und Migrantinnen
       auf dem Arbeitsmarkt:
       keine Konkurrenz mit den Inländern         21
    8. Die Migration in Südtirol                  24
    Weiterführende Publikationen                  34
4

1. Snapshots from the borders: ein Netzwerk
   von Grenzgemeinden und Grenzregionen
   für eine solidarische Asyl- und
   Migrationspolitik

   Snapshots from the borders ist ein von der EU finanziertes Projekt, das von 35 Lokal-
   körperschaften und Nicht-Regierungsorganisationen in 14 EU-Ländern und Bos-
   nien-Herzegowina getragen wird. Es geht darum, Erfahrungen und Sichtweisen in
   Sachen Migration der Grenzstädte und Grenzregionen sichtbar zu machen. Von
   der Migration besonders betroffene Grenzgebiete sollen ihre Stimme in die Schalt-
   zentralen der Politik bringen, selbst aber auch mehr Verständnis für Ursachen und
   Zusammenhänge globaler Migration entwickeln. Auch das Land Südtirol ist dabei.

   Zwei Anliegen stehen im Vordergrund des Snapshots-Programms: ein vertieftes
   Verständnis der Migration zu fördern und sich für solidarische Aufnahme und In-
   tegration einzusetzen. Die Grenzgemeinden, die Nicht-Regierungsorganisationen
   und die Bürgerschaft der Grenzgebiete können wesentlich dazu beitragen, dass
   schutz- oder arbeitsuchende ausländische Staatsangehörige menschenwürdig auf-
   genommen werden, dass sie ihre Grundrechte in Anspruch nehmen können und
   dass sie nach Zuerkennung eines Schutzstatus rasch in unsere Gesellschaft integ-
   riert werden. Die Grenzgemeinden wollen aber auch auf politischer Ebene bei der
   Gestaltung der Migration und Integration mitreden.

   Inklusion bedarf der Zusammenarbeit zwischen Migranten, Politik und Gesell-
   schaft. Die Steuerung der Migration, die Gestaltung der Asylpolitik, der Schutz der
   Außengrenzen, die Partnerschaft mit den Herkunftsländern der Migrantinnen und
   die Zusammenarbeit mit den Transitländern bedürfen der Gemeinsamkeit und Ab-
   stimmung in der EU. Snapshots from the borders setzt bei der untersten Ebene
   an, den Bürgern und Bürgerinnen, den Nicht-Regierungsorganisationen und den
   lokalen Entscheidungsträgern. Diese sollen ein dauerhaftes Netzwerk bilden, sich
   gegenseitig unterstützen und ihren Bedarf, ihre Vorschläge, ihre Sichtweise in die
   politische Debatte rund um die Migration einbringen.

   Bei den Ursachen ansetzen

   Die Migrantinnen suchen Sicherheit, einen Arbeitsplatz, einen besseren Lebensstandard.
5

Andererseits scheint Italien heute mit der Aufnahme und Integration von hundert-
tausenden Migranten überfordert zu sein. Einerseits sind alle EU-Staaten verpflich-
tet, jenen Menschen, die vor Krieg, religiöser und politischer Verfolgung, Naturka-
tastrophen fliehen, Schutz zu bieten und Asyl zu gewähren. Andererseits haben die
souveränen Staaten und Staaten-gemeinschaften das Recht behalten, darüber zu
entscheiden, wie viele ausländische Staatsangehörige aus Arbeitsgründen jährlich
aufgenommen werden können. Das humanitäre Völkerrecht zwingt keinen Staat,
jeden Arbeitsuchenden aus dem globalen Süden aufzunehmen. Ein solches Recht
ist auch im neuen UN-Migrationspakt nicht vorgesehen. EU-Mitgliedsländer müs-
sen das Asylrecht respektieren und fair anwenden, können aber auch darauf be-
harren, die Migration aus Arbeitsgründen zu steuern. Das Asylrecht muss in der EU
möglichst gemeinschaftlich geregelt werden, um den gemeinsamen Rechtsraum
und den Binnenmarkt aufrechtzuerhalten.

Darüber hinaus haben die EU-Mitgliedstaaten und die EU als solche auch die Auf-
gabe, bei den Ursachen der Migration anzusetzen, in partnerschaftlicher Zusam-
menarbeit mit anderen Industrieländern und den Entwicklungsländern. Diese lei-
den unter struktureller Benachteiligung im Welthandel, unter korrupten Eliten und
Diktaturen, unter unkontrolliertem Bevölkerungswachstum, Kapitalflucht, Land-
raub, politischer Unfreiheit und Diktatur, internen gewaltsamen Konflikten aller Art
geschürt durch Waffenhandel und unter den Folgen des Klimawandels. Und dafür
sind Europa, Nordamerika, China und andere Industrieländer mitverantwortlich.
Die bloße Abschottung gegen die Migration aus dem Subsahara-Raum, dem Nahen
Osten und Südasien löst das Problem nicht. Es geht um einen breiteren Ansatz in
der Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern und vor allem mit Afrika.

Südtirol will seinen Beitrag leisten

Südtirol leistet im Rahmen seiner Möglichkeiten einen kleinen Beitrag zur wirt-
schaftlichen Entwicklung, z.B. mit unzähligen Kleinprojekten und Partnerschaften
der Entwicklungszusammenarbeit im globalen Süden. Das Land Südtirol nimmt
auch in der Aufnahme und Versorgung von Asylbewerbern und Flüchtlingen in
Italien seine Verantwortung wahr, indem 0,9% der Asylbewerberinnen in Italien
in Einrichtungen des Landes aufgenommen und versorgt werden. Snapshots from
the borders soll dazu beitragen, in der Bevölkerung und bei den Entscheidungsträ-
gern und Entscheidungsträgerinnen in den Gemeinden und Lokalkörperschaften
für mehr Verständnis zu sorgen. Im Rahmen dieses Netzwerks von Grenzgebieten,
koordiniert durch die Gemeinde Lampedusa, will sich das Land Südtirol ins Enga-
gement für die Bekämpfung von Fluchtursachen einbringen. Die vorliegende Bro-
schüre soll anhand von Daten und Fakten die realen Sachverhalte bei der Migration
6

   nach Italien kurz darstellen. Ausführlichere Informationen und Studie finden sich
   auf www.snapshotsfromtheborders.eu

   Im IDOS-Dossier zur Einwanderung 2018 (IDOS, Dossier Statistico Immigrazione
   2018) und im Bericht zur Einwanderung 2018 der Stiftung ISMU werden aktuelle
   Daten und Fakten mit vertiefenden Analysen ausführlich dargestellt. Diese Publika-
   tion liefert Jahr für Jahr einen wichtigen Beitrag für eine sachlich fundierte Informa-
   tionsgrundlage zur internationalen Migration, zur Aufnahmepolitik und Integration
   in Italien. Die vorliegende Broschüre bringt einige wichtige Informationen daraus
   in Kurzfassung mit einigen Ergänzungen zur Entwicklung der Migration in Südtirol.

2. Die Migration: ein weltweites
   und unumkehrbares Phänomen

   Laut Angaben der Vereinten Nationen sind weltweit 3,4% der Gesamtbevölkerung
   MigrantInnen, d.h. Menschen, die in einem anderen Land leben als in jenem, in
   dem sie geboren wurden.

         Grafik 1     7,6 Milliarden
                      Weltbevölkerung
   Migration                                     258 Millionen
    weltweit

                                           3,4 %                 81,6 %
                                          Migranten         Globalen Süden
                                                                             von denen
                                                                             230
         Quelle:                                                             Wirtschafts- oder
    IDOS Dossier                                                             Arbeitsmigranten
       Statistico                                                            und deren
   Immigrazione                                                              Familien
            2018

   Auf eine Weltbevölkerung von 7,7 Milliarden (2018) sind das immerhin 258 Millio-
   nen Menschen. Seit 2015 (244 Millionen) ist die Zahl der MigrantInnen um weitere
   14 Millionen gestiegen und wird weiterhin zunehmen. Wenn laut Schätzungen der
   Vereinten Nationen die Weltbevölkerung im Jahr 2050 auf 9,8 Milliarden gewachsen
   sein wird (im Durchschnitt 70 Millionen mehr pro Jahr), wird die Gesamtzahl der
   MigrantInnen weltweit 469 Millionen erreichen, also 211 Millionen mehr als 2018.
7

Die Bevölkerung in Afrika wird sich von 1,2 Milliarden auf 2 bis 2,5 Milliarden ver-
doppelt haben und damit das bereits hohe Migrationspotenzial weiter ansteigen.

Von den genannten 258 Millionen MigrantInnen kommen 81,6% aus dem globalen
Süden der Erde und die große Mehrheit, nämlich rund 230 Millionen, sind soge-
nannte Erwerbs- oder Arbeitsmigranten und deren Familien. Die ungleiche Ver-
teilung von Gütern und Reichtum auf globaler Ebene bleibt einer der Hauptgründe
für die globale Migration. Derzeit (2018) befindet sich gut 43% des gesamten Reich-
tums der Erde, nämlich 128 Billionen US-Dollar (globales Bruttoinlandsprodukt zu
Kaufkraftparitäten) in den Händen von nur 17% der Weltbevölkerung (1,2 Milliar-
den Menschen im globalen Norden). Die restlichen 57% der Ressourcen teilen sich
die übrigen 6,3 Milliarden Menschen, die im globalen Süden leben. Diese Ungleich-
heit nimmt weiter zu und wird immer ausgeprägter, vor allem mit Blick auf das
durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen: liegt das BIP pro Kopf in Nordamerika bei
58.000 US-Dollar und in Europa bei 41.000 US-Dollar, so werden in Afrika nur 5.000
US-Dollar pro Kopf und Jahr erwirtschaftet. In Nordamerika verdient man somit
pro Kopf 12 Mal und in Europa 8 Mal so viel wie in Afrika.

Die globale Einkommensschere spreizt sich zwischen den 128.000 US-Dollar Ka-
tars, das Land mit dem weltweit höchsten BIP pro Kopf und den 276 US-Dollar
der Zentralafrikanischen Republik, dem Land mit dem absolut niedrigsten BIP pro
Kopf. Bei der Arbeitsmigration liegen Länder wie Indien (16,6 Millionen), Mexiko
(13 Millionen), Russland (10,6 Millionen), China (10 Millionen) und Bangladesch (7,5
Millionen) als Herkunftsländer vorne.

Migration wird allerdings nicht nur durch wirtschaftliche Gründe ausgelöst. Ende
2017 war die Zahl der „Zwangsmigranten“, also der Flüchtlinge, auf 68 Millionen
gestiegen, immerhin 2,4 Millionen mehr als Ende 2016.

               Grafik 2                                                3,1
                                                                       Asylbewerber
        Flüchtlinge
           weltweit                                                    5,4
                                                                       Vertriebene
                                               68,5
                                                         19,9          besonderer
                                                         Flüchtlinge   Gebiete und
                                                                       palästinensische
                                    42,7                               Flüchtlinge, die
                          33,9                                         von UNRWA
                                                                       betreut werden
                                                         39,1
                                                         Binnen-
                          1997     2007        2017      flüchtlinge

  Quelle: IDOS Dossier    „Zwangsmigranten“ weltweit
Statistico Immigrazione          (Millionen)
                   2018
8

Im Vergleich zu 1997 (33,9 Millionen) hat sich die Zahl der Flüchtlinge verdoppelt.
Die große Mehrheit dieser Flüchtlinge, nämlich mehr als 40 Millionen, sind Bin-
nenflüchtlinge, denn sie verbleiben im eigenen Land, während 23 Millionen in an-
dere Länder auswandern und Asyl oder einen anderen Schutzstatus anstreben. Die
restlichen 5 Millionen sind Vertriebene besonderer Gebiete und palästinensische
Flüchtlinge, die von einer besonderen Agentur der UNO (UN-Hilfswerk für Palästina
- UNRWA) betreut werden.

In den vergangenen 20 Jahren hat die Zahl der Binnenflüchtlinge mehr als doppelt
so stark zugenommen als die Zahl der Personen, die ins Ausland geflohen sind.
Offensichtlich ziehen es jene Menschen, die an Leib und Leben bedroht sind, vor,
in ihrem Heimatland oder in einem Nachbarland Schutz zu suchen. Bei den Flücht-
lingen hingegen, die im Ausland Schutz suchen, stammt einer von dreien aus Sy-
rien (6,3 Millionen anerkannte Flüchtlinge außerhalb der Grenzen, davon 150.000
AsylbewerberInnen und zusätzlich 6,2 Millionen Binnenvertriebene) gefolgt von
Afghanistan und Südsudan (jeweils 2,5 Millionen Flüchtlinge im Ausland) sowie
Myanmar und Somalia (jeweils 1 Million im Ausland).

Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung werden 85% der Flüchtlinge von Ent-
wicklungsländern aufgenommen. Zum vierten Mal in Folge ist die Türkei vor allem
aufgrund des Kriegs in Syrien jenes Land, das am meisten Flüchtlinge aufgenom-
men hat (3,5 Millionen und weitere 300.000 Asylbewerber), gefolgt von Uganda
mit 1,35 Millionen (eine Million aus dem Südsudan und 200.000 aus der Demokra-
tischen Republik Kongo), dem Libanon mit einer Million Flüchtlinge, welche mehr-
heitlich aus Syrien stammen, und dem Iran mit 980.000 Flüchtlingen vor allem aus
Afghanistan.

         Grafik 3

 Flüchtlinge:
  die Haupt-
  aufnahme-
      länder

                     Aufnahme-        Herkunfts-
                     länder •         länder •
                     Türkei     3,5   Syrien        6,3
                     Pakistan   1,4   Afghanistan   2,6
   Quelle: IDOS      Uganda     1,3   Süd-Sudan     2,4
Dossier Statistico   Libanon    1,0   Myanmar       1,1
  Immigrazione       Iran       1,0   Somalia       0,9   (Millionen Flüchtlinge)
             2018
9

Wenn wir den Anteil der Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung der Aufnahme-
länder betrachten, steht der Libanon ganz klar an der Spitze: einer von sechs Be-
wohnerInnen dieses Landes ist ein Flüchtling, gefolgt von Jordanien (einer von 14
BewohnerInnen ist ein Flüchtling). Wenn wir in diesen beiden Ländern auch die
Vertriebenen aus Palästina einbeziehen (unter dem Mandat der UNRWA) liegt das
Verhältnis im Libanon bei eins zu drei (Libanon) und eins zu vier in Jordanien, in der
Türkei kommt ein Flüchtling auf 23 BewohnerInnen.

              Grafik 4                                (Prozentueller Anteil gegenüber der Gesamtbevölkerung
                                                                                        und absolute Zahlen)
    Flüchtlinge und
     Asylbewerber:        Deutschland                                                       1,7 % 1.399.544
          Italien im       Frankreich              0,6 % 400.228
       EU-Vergleich
                             Italien          0,6 % 353.845
                            Schweden        2,9 % 292.479

                           Österreich   1,9 % 171.466

                                                                             60,7 %
                                                                         Entscheidungen
                                                                          ersten Grades
                                                                                          von denen
                                                                                          40,6 %
                                  128.850                                                 positiv
                              gestellte Ansuchen                                          ausfallen

  Quelle: IDOS Dossier                                    Italien
Statistico Immigrazione
                   2018

„Lasst uns den Flüchtlingen in ihrem Land helfen!“ hört man oft von jenen, die das
Einwanderungsproblem einfach durch Abschottung der Grenzen lösen möchten
und anscheinend mehr Mittel für die internationale Zusammenarbeit bereitstel-
len würden. Doch angesichts der globalen Dimension des Phänomens und seiner
strukturellen und multidimensionalen Ursachen würde dies kurz- und mittelfristig
keine wesentlichen Fortschritte bei der Beschränkung der Zuwanderung bringen.
Eine vernünftige Migrationspolitik würde konsequentere Maßnahmen zur Steue-
rung der Migrationsbewegungen und zur Integration der Migranten und Migran-
tinnen in den Aufnahmeländern erfordern. Diese Maßnahmen sollten auf inter-
nationaler Ebene abgestimmt werden, was aufgrund der globalen Dimension der
Migration absolut sinnvoll und geboten erscheint.
10

3. Europa und Italien:
   keine Invasion von Zuwanderern

   Aus dem letzten Bericht des Europäischen Parlaments (Berichterstatter Jo Cox) zu
   Ausländerfeindlichkeit und Rassismus geht hervor, dass Italien den höchsten Grad an
   Desinformation in Sachen Einwanderung im globalen Vergleich aufweist. Somit kann
   es nicht überraschen, dass laut einer Studie des Cattaneo-Instituts von 2018 in Italien
   unter allen Staaten der EU die größte Abweichung von Realität und Wahrnehmung
   der Zahl der im Land lebenden ausländischen Migranten und Migrantinnen festge-
   stellt wird. Die Italiener glauben im Schnitt, dass mindestens doppelt so viele Per-
   sonen ohne italienische Staatsbürgerschaft im Land leben als dies tatsächlich tun. 1

   Im Gegenteil: laut den jüngsten EUROSTAT-Daten (Januar 2017) leben in der EU-
   28 38,6 Millionen ausländische Staatsangehörige, von welchen 21,6 Millionen
   Nicht-EU-BürgerInnen sind. Dies entspricht 7,5% der Gesamtbevölkerung der EU.

                    Grafik 5      EU-28                                       Italien
                                  38,6 Millionen BürgerInnen
      Ausländeranteil:
            Italien im
        europäischen
            Vergleich
                                           (7,5% der Bevölkerung)                   (8,5% der Bevölkerung)

                                              9,2                         5,1
                                           Millionen        6,1       Millionen
                                                         Millionen                     4,6          4,4
                                                                                    Millionen    Millionen

       Quelle: IDOS Dossier
                                         Deutschland Vereinigtes        Italien    Frankreich      Spanien
     Statistico Immigrazione
                                                     Königreich
                        2018

   Italien ist weder das EU-Land mit der höchsten Zahl an Ausländern noch jenes, das
   am meisten Flüchtlinge und Asylbewerber aufgenommen hat. Mit 5.144.000 an-
   sässigen ausländischen Staatsangehörigen (ISTAT 31.12.2017) liegt es nach Deutsch-
   land (9,2 Millionen) und dem Vereinigten Königreich (6,1 Millionen) an dritter Stel-
   le vor Frankreich (4,6 Millionen) und Spanien (4,4 Millionen). Der Ausländeranteil
   auf die Gesamtbevölkerung Italiens liegt mit 8,5% niedriger als jener Deutschlands
   (11,2%), des Vereinigten Königreichs (9,2%) und einer Reihe kleinerer EU-Länder
    1
      IDOS (2018), Dossier Statistico Immigrazione 2018, Rom. Das „Statistische Jahrbuch zur Einwanderung“ wird
   vom Forschungszentrum IDOS im Auftrag der staatlichen Antidiskriminierungsstelle UNAR (Ufficio Nazionale
                  Antidiscriminazioni razziali) jährlich herausgegeben und erschien im Oktober 2018 zum 28. Mal.
11

wie Zypern (16,4%), Österreich (15,2%), Belgien (11,9%) und Irland (11,9%). Den ab-
solut höchsten Ausländeranteil weist Luxemburg auf, dessen ansässige Bevölke-
rung zu 47,6% aus Ausländern besteht.

Die Zahl der Einwanderer, die im Laufe von 2016 in die EU zugewandert sind, be-
trägt laut EUROSTAT 4,3 Millionen, also 8% weniger als 2015. Im selben Jahr sind
rund 3 Millionen Menschen aus der EU ausgewandert. Trotz der Zunahme der
Migration im Weltmaßstab wurde in der EU 2017 ein dramatischer Rückgang der
Zahlen der irregulären Grenzübertritte (neun Mal weniger als 2016) und der Asyl-
anträge (43,5% weniger als 2016) festgestellt.

Wie von der Europäischen Agentur für Grundrechte 2018 hervorgehoben, kommt im-
mer noch eine beträchtliche Zahl von Menschen in die EU, die potenziell humanitä-
ren Schutz beanspruchen können. 2017 wurden von Menschenrechtsorganisationen
zahlreiche Übergriffe der Grenzpolizei gegen Migranten und Migrantinnen dokumen-
tiert. Für die Balkanroute hat ein Netzwerk von NROs eine Website für das Monito-
ring solcher Übergriffe eingerichtet (www.borderviolence.eu). Amnesty International
hat über solche Fälle in Ceuta und Melilla (spanische Exklaven in Marokko) berichtet.
Die NRO Ärzte ohne Grenzen hat dank der in ihren Kliniken in Serbien gesammelten
Zeugenaussagen die Gewalt der Polizei und der Grenzschützer in Bulgarien, Kroatien
und Ungarn aufgezeigt. Zahlreiche weitere Fälle sind aktenkundig geworden.

Im Unterschied zur weit verbreiteten Annahme, dass Italien von Ausländern bela-
gert und „geflutet“ würde, liegt ihre Zahl seit 2013 bei ziemlich stabilen 5 Millionen
(IDOS). Rechnet man die irregulären Zuwanderer und die Schutzsuchenden mit
laufendem Verfahren dazu sind es laut ISMU allerdings etwas mehr als 6 Millionen
(vgl. Kap. 4). Der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung (2013 bei 8%) steigt
jährlich um wenige Zehntel-Prozentpunkte. Dieser Anstieg ist vor allem auf den
Rückgang der Zahl italienischer Staatsangehöriger zurückzuführen, die im Schnitt
immer älter werden. 25% der Bevölkerung Italiens sind älter als 65 Jahre, während
nur 5% der ausländischen Staatsangehörigen älter als 65 sind. Staatsbürgerinnen
weisen auch eine deutlich geringere Geburtenrate (1,27 Kinder pro Frau) auf, ver-
glichen mit der Geburtenrate der Ausländerinnen (1,97 Kinder pro Frau).

Darüber hinaus wandern auch immer mehr Italiener und Italienerinnen ins Ausland
aus, nämlich 117.000 allein im Jahr 2017. Diese Zahl ist allerdings unterschätzt, weil vie-
le dieser EmigrantInnen ihren Umzug ins Ausland gar nicht melden, weil dies in Italien
nicht verpflichtend ist. Wenn man zur Zahl der ansässigen AusländerInnen die Zahl
der nicht in den Meldeämtern registrierten AusländerInnen dazurechnet, kommt das
IDOS auf eine Zahl von 5,33 Mio. in Italien lebenden AusländerInnen zum Jahresende
2017. Das ist eine um 26.000 Personen geringere Zahl als noch Ende 2016.
12

Laut Angaben des italienischen Innenministeriums und des ISTAT lebten in Italien
Ende 2017 3,7 Millionen Nicht-EU-BürgerInnen, deren Zahl in den Jahren 2013-2017 im
Wesentlichen unverändert geblieben ist. Dies ist auch auf den starken Rückgang von
Bootsflüchtlingen an Italiens Küsten zurückzuführen. Die Zahl ging im Jahr 2017 auf
119.000 zurück (62.000 weniger als 2016). Dieser Rückgang ist 2018 noch deutlicher
geworden. Der große Zustrom von Flüchtlingen, die Italien über die zentrale Route
durch die Sahara und über das Mittelmeer erreicht haben, hat mit 2017 aufgehört.
Damit haben in den vier Jahren 2014-2017 insgesamt 625.000 Flüchtlinge Italien er-
reicht. Laut Daten des UNHCR und der Internationalen Organisation für Migration
IOM sind 2017 insgesamt 172.000 Flüchtlinge über das Meer in Europa angekommen,
davon etwa 64% in Italien. In den ersten 9 Monaten des Jahres 2018 lag die Zahl der
Ankünfte in Spanien (34.000) und in Griechenland (22.000) höher als jene in Italien
(21.000). Die Gesamtzahl der Ankünfte in Italien ist 2018 im Vergleich mit demselben
Zeitraum des Jahres 2017 um 80% zurückgegangen.

                Grafik 6             Fluss                   Präsenz
      Unbegleitete                                                        4.677
    Minderjährige           25.846                                        untergetaucht
2016-2018 in Italien                 15.779                               13.151
                                                                          aufgenommen
                                                2.896

    Quelle: IDOS Dossier    2016     2017        2018       (Juni 2018)
  Statistico Immigrazione                     (Jan.-Juli)
                     2018

Die fast vollständige Schließung der zentralen Mittelmeerroute hat auch zu einem
drastischen Rückgang der Zahl der nicht begleiteten Jugendlichen geführt, die aus
dem Meer gerettet und nach Italien gebracht worden sind. Waren es 2016 noch
25.800, sind 2017 nur mehr 15.800 Minderjährige registriert worden. In den ersten
sieben Monaten von 2018 waren es nur mehr 2.900. Im Juni 2018 lebten 13.000
unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Italien, um 26% weniger als im Vorjahr.
Diese Minderjährigen sind zum Großteil 16 oder 17 Jahre alt (93%) und männlichen
Geschlechts (84%). Sie stammen vorwiegend aus Albanien, Ägypten, Guinea, El-
fenbeinküste und Eritrea. Viele der meistens aus Nigeria stammenden Mädchen
werden von Schleppern zur Prostitution gezwungen. Ende 2017 waren 4.700 dieser
13.000 unbegleiteten Jugendlichen nicht mehr auffindbar. Vor allem Somalier, Eri-
treer und Afghanen, die von Italien aus versuchten, Deutschland, Schweden oder
England zu erreichen, wo sie entweder Verwandte haben oder bessere Arbeits-
chancen locken (Daten des Arbeits- und Sozialministeriums).

Die Schließung der Mittelmeerroute ist das Ergebnis der neuen, 2017 getroffenen
Vereinbarungen zwischen Libyen und Italien. Dies hat dazu geführt, dass die libysche
13

Küstenwache immer mehr Flüchtlingsboote vor der Küste abfängt. Die Geflüchteten
werden in Auffanglager nach Libyen zurückgebracht, wo sie wiederum Gewalt und
Folter ausgesetzt sind. Es ist auch erwiesen, dass sie von Schleppern weiterverkauft
und als Sklaven missbraucht werden. Libyen wird zu diesem Zweck mit Küstenwach-
booten, Ausrüstung und finanziellen Mitteln unterstützt.

                    Grafik 7                        152.125
                               • Ankünfte
           Opfer unter         • Todesopfer                       82.969
        den Migranten                                                          2.843
                                                                                              1.842
      bei Überquerung
       des Mittelmeers
                                                    2017          2018         2017           2018
     Januar-September
                  2018
                                                                               23.782
                                                              21.796
                                   37.391
                                                                       1.260            118

       Quelle: IDOS Dossier                   364
     Statistico Immigrazione
                        2018

Der drastische Rückgang der Ankünfte in Italien, Spanien, Griechenland und Zy-
pern hat zwar zu einem Rückgang der absoluten Zahl der Todesopfer bei der Über-
querung des Mittelmeers, aber auch zu einem Anstieg der Todesrate geführt (To-
desopfer bezogen auf Gesamtzahl der Flüchtlinge). Laut IOM sind von Januar bis
September 2018 1.728 Menschen bei diesem Versuch im Mittelmeer ertrunken, al-
lein zwischen Libyen und Italien betrug die Zahl 1.260. Zu einer steigenden Todes-
rate kommt es zum Teil aufgrund der verringerten Einsätze zur Suche und Rettung
von Flüchtlingen in Seenot, weil Italiens Regierung den Einsatz der Schiffe von
Hilfsorganisationen zurückgedrängt hat. Diese hatten in den vergangenen Jahren
rund 35% aller Rettungseinsätze geleistet. Laut Angaben des IOM sind auf eine
Gesamtzahl von 40.000 Migranten, die weltweit seit 2000 auf See umgekommen
sind, allein auf der Route Libyen-Italien 22.400 Menschen gestorben.

Diese Daten zeigen auf, wie dringlich humanitäre Korridore eingerichtet werden
sollten. Dieses Projekt ist in Italien von der Comunità di Sant’Egidio zusammen
mit der Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen Italiens und der Waldenser Kirche
lanciert worden. Im Rahmen von Übereinkünften mit dem Außen- und Innenminis-
terium sind bis Juli 2018 1.249 Asylbewerber verschiedener Nationalitäten (Men-
schen aus Syrien, Palästina, Irak, Jemen) vom Libanon nach Italien gekommen. Bis
Juni 2017 konnten 70% dieser Flüchtlinge einen Schutzstatus erhalten und kein ein-
ziger Antrag ist abgelehnt worden. Die italienische Bischofskonferenz hat sodann
in Zusammenarbeit mit der Comunità Sant’Egidio und den genannten Ministerien
einen weiteren humanitären Korridor nach Äthiopien geschaffen. Bis Juni 2018 sind
14

     327 von erwarteten 500 Flüchtlingen von diesen kirchlichen Organisationen nach
     Italien gebracht worden. Dieses Beispiel Italiens ist in der Zwischenzeit auch von
     Frankreich und von Belgien übernommen worden.

     Laut Daten des UNHCR gibt es derzeit in Italien 354.000 Asylbewerber. Diese Zahl
     schließt jene Personen, die keinen Asylstatus erhalten haben und deren formales
     Anerkennungsverfahren noch läuft, sowie jene, die einen internationalen oder
     humanitären Schutzstatus erhalten haben, mit ein. Dies entspricht 0,6% der Ge-
     samtbevölkerung. Damit liegt Italien nach Deutschland (1,4 Millionen Asylanten,
     davon mit Schutzstatus eine Million) und nach Frankreich (400.000) auf Rang 3 in
     Europa. Der Anteil an Asylbewerbern an der Bevölkerung in Italien liegt auf dem-
     selben Niveau wie jener Frankreichs und der Niederlande, jedoch liegt unter jenem
     in Schweden (2,9%), in Österreich und Malta (1,9%), Deutschland und Zypern (1,7%)
     und Griechenland (0,8%). Alle neuen osteuropäischen EU-Mitgliedsländer haben
     mit Ausnahme von Bulgarien (0,3%) nicht mehr als 0,1% an Asylbewerberanteil an
     der Gesamtbevölkerung.

     Ausländische Staatsangehörige
4.
     ohne Aufenthaltsgenehmigung

     Am 1.1.2018 lebten laut ISMU (Iniziative e Studi sulla Multietnicità, www.ismu.org)2
     6.108.000 Ausländer und Ausländerinnen in Italien. Dies entspricht bei einer Gesamt-
     bevölkerung von 60.484.000 einer Ausländerquote von knapp 10,1%. 2017 ist vor al-
     lem die Zahl der irregulär im Land lebenden Personen angestiegen, die vom ISMU auf
     533.000 angesetzt wird. Die Zahl der ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung in Italien
     lebenden Ausländer steigt seit 2013 an, als die Legalisierung irregulärer Positionen
     durch die Regierung Monti auslief. Grund dafür waren die hohen Ankunftszahlen von
     Schutzsuchenden 2014 bis 2017, wobei viele Migranten und Migrantinnen auf den
     Antrag auf Gewährung eines Schutzstatus verzichteten oder ein solcher Antrag von
     den Behörden abgelehnt wurde. 2017 sind über 80.000 Asylanträge geprüft worden,
     rund 60% davon wurden abgelehnt. Deshalb erhielten 2017 47.839 Migranten keinen
     Schutzstatus. Vor allem der subsidiäre Schutzstatus wird immer seltener zuerkannt
     und der humanitäre Schutz ist 2018 gänzlich abgeschafft worden.

               2
                   Quelle der Angaben in diesem Abschnitt: Fondazione ISMU, 24° Rapporto sulle migrazioni 2018,
                     Franco Angeli 2019; http://www.ismu.org/ventriquattresimo-rapporto-sulle-migrazioni-2018/
15

Dennoch blieb die Zahl der Ausgewiesenen 2017 mit 36.000 relativ gering, wovon
lediglich 7.045 Italien tatsächlich verlassen haben. Damit befindet sich Italien im
EU-Vergleich im Mittelfeld (Deutschland 97.000, Frankreich 85.000, Vereinigtes
Königreich 55.000, Griechenland 46.000 Ausweisungen). Bei den Männern wer-
den vor allem Marokkaner (28% der insgesamt Ausgewiesenen), Tunesier (20%),
Albaner (6%) und Algerier (6%) ausgewiesen. Bei den Frauen sind es Nigerianerin-
nen (26%), Chinesinnen (10%) und Ukrainerinnen (9%). Tatsächlich durchgeführt
wurden nur 7.045 Rückführungen (Abschiebungen), davon 4.935 zwangsweise.
Während in Italien der Anteil der durchgeführten Abschiebungen bei 19,4% auf
die Gesamtzahl der Ausgewiesenen liegt, lag er in Deutschland bei 48,6% und im
Vereinigten Königreich bei 71%. Daneben gibt es in Italien auch die sog. „Begleitete
freiwillige Rückkehr“ (rientro volontario assistito) ins Herkunftsland, die 2016 von
nur mehr 136 Migranten genutzt worden ist, auch weil die öffentliche Finanzierung
dafür auslief.

84,2% der in Italien lebenden ausländischen Staatsangehörigen (5.144.000 Perso-
nen, d.h. die vom IDOS erfasste Zahl, ansässige ausländische Wohnbevölkerung)
sind bei den Meldeämtern als ansässig registriert. 7,1% der AusländerInnen verfü-
gen zwar über eine Aufenthaltsgenehmigung, aber warten noch auf die Eintragung
oder sind noch nicht gemeldet. 8,7% (533.000 Personen) verfügen über keine legale
Aufenthaltsbescheinigung und sind auch nicht gemeldet. Der Gesamtanstieg von
2,5% gegenüber 2017 erscheint bescheiden, allerdings müssen die Einbürgerungen
berücksichtigt werden (2016: 202.000; 2017: 147.000). Das ISMU schätzt, dass im
Dreijahreszeitraum 2018-2020 rund 500.000 AusländerInnen eingebürgert werden
und in den kommenden 10 Jahren zwischen 1,6 und 1,9 Millionen.

Laut ISMU ist in der Zuwanderung nach Italien ein starker Anstieg der Migration
aus Arbeitsgründen zu verzeichnen. Von 2014 bis 2017 hat nämlich die Zahl der
Schutzsuchenden aus dem Nahen Osten immer mehr abgenommen, während die
Zahl der MigrantInnen aus dem Subsahara-Raum stark zugenommen hat. Stellten
2014 syrische Flüchtlinge noch ein Viertel der Ankünfte, sind sie 2018 kaum mehr
unter den Neuankömmlingen zu finden. Die Zahl aller Ankünfte aus Nigeria ist von
5% (2014) auf 21% (2016) stark angestiegen, 2017 waren es noch 15%. Auch aus Ban-
gladesch kommt immer noch eine beträchtliche Zahl irregulärer Migranten und
Migrantinnen und aus dem Subsahara-Raum ist ein immer höherer Migrations-
druck zu verzeichnen: Guinea +63%, Mali +30%, Nigeria +20, Elfenbeinküste +16%,
Somalia +12% im Laufe 2017.
16

5. Merkmale, Herkunft und Verteilung
   der Migranten und Migrantinnen

   Während bei den in Italien ansässigen ausländischen Personen insgesamt die Frau-
   en überwiegen (51,7%), sind es bei den in Italien ansässigen Nicht-EU-Bürgern nur
   48,3%. Doch unterscheidet sich der Frauenanteil beträchtlich je nach Herkunfts-
   land. Die Einwanderer in Italien stammen aus nahezu 200 verschiedenen Ländern.
   2,6 Millionen sind europäische Staatsangehörige, wovon wiederum 1,6 Millionen
   (30%) aus einem anderen EU-Mitgliedsland stammen. Eine Million (20%) kommt
   aus Afrika und fast eine Million aus Asien. Dann gibt es rund 370.000 Einwanderer
   aus Amerika (7,2%, allein aus Lateinamerika 6,7%).

   Menschen aus Rumänien bilden die zahlenmäßig weitaus größte Gemeinschaft
   (1.190.000 Personen, 23,1% aller ansässigen Ausländer), gefolgt von AlbanerInnen
   (440.000; 8,6%), MarokkanerInnen (417.000, 8,1%), ChinesInnen (291.000; 5,1%)
   und UkrainerInnen (237.000, 4,6%). Aus diesen fünf Herkunftsländern stammt al-
   lein schon die Hälfte (50,1%) aller in Italien ansässigen ausländischen Personen.
   Unter den zehn größten Gemeinschaften befinden sich noch Menschen von den
   Philippinen, aus Indien, Bangladesch, Moldawien und Ägypten.

                   Grafik 8                 22,9%                       9,7%
                                            Lombardei                 Venetien
       Ausländeranteil
                                           8,4%                           10,6%
      nach Region 2017                     Piemont
                                                                   Emilia Romagna

                                                          13,54%
                                                          Lazio
                               • Rom       10,8%
                               • Mailand    8,9%
       Quelle: IDOS Dossier    • Turin      4,3%
     Statistico Immigrazione
                        2018

   In Nord- und Mittelitalien leben 83,1% aller in Italien ansässigen ausländischen Staats-
   angehörigen, die Mehrheit davon im Nordwesten (33,6%). In der Lombardei leben mit
   1.154.000 AusländerInnen 22,9% aller in Italien ansässigen AusländerInnen, gefolgt
   von Latium (679.000, 13,5%), Emilia-Romagna (536.000, 10,6%; dies ist die Region mit
   dem höchsten Ausländeranteil, nämlich 12% auf die Bevölkerung der Region), Venetien
   (487.000; 9,7%), Piemont (424.000; 8,4%). 10,8% der in Italien ansässigen AusländerIn-
   nen leben allein schon in Rom, 8,9% (459.000) in Mailand und 4,3% in Turin (220.000).
17

Die Zahl der Kinder von ausländischen Eltern nimmt seit 2013 ständig ab. 2012 wa-
ren es noch 82.000 Kinder, 2017 nur mehr 68.000 Kinder. Zudem sinkt auch die
Geburtenrate bei der inländischen Bevölkerung, weshalb der Anteil der Geburten
der ausländischen Bevölkerung mit 14,8% (2017) an der Gesamtzahl der Geburten
ziemlich konstant bleibt. Somit hat sich die Geburtenrate der Einwanderer schritt-
weise an jene der inländischen Bevölkerung angepasst. Die Fertilitätsrate liegt bei
den Ausländerinnen (Geburtenzahl pro Frau im fruchtbaren Alter) zwar höher als
bei den Italienerinnen, doch ist sie bereits unter die Reproduktionsrate von 2,1 Kin-
der pro Frau gesunken. Die Reproduktionsrate ist jene Rate, die den zahlenmä-
ßigen Bestand der Bevölkerung (ohne Wanderungen) konstant hält. Aus diesem
Grund wird der Gesamtbeitrag der Ausländerinnen zur allgemeinen Fertilitätsrate
in Italien in nächster Zeit abnehmen. Dies wiederum hat Auswirkungen auf den
Generationenwechsel, auf den Sozialstaat und auf die Produktivität.

Ein zweiter wichtiger Aspekt besteht darin, dass in den letzten Jahren immer mehr
Menschen, italienische wie auch nicht italienische StaatsbürgerInnen, Italien ver-
lassen haben und ins Ausland abgewandert sind. 2017 waren dies laut offiziellen
Daten 41.000 Personen ohne Migrationshintergrund und 32.000 italienische
Staatsbürger mit Migrationshintergrund (also eingebürgerte AusländerInnen,
welche die italienische Staatsbürgerschaft nach der Einwanderung erworben ha-
ben). 2016 waren dies noch 27.000 Personen. Die Meldeamtsdaten unterschätzen
diesen Personenkreis, weil nicht alle Betroffenen ihren Umzug ins Ausland mittei-
len. Während italienische StaatsbürgerInnen mit asiatischen Wurzeln meistens in
ein anderes EU-Land abwandern, kehren lateinamerikanische Zuwanderer eher in
ihr Heimatland zurück. Diese beiden Umstände zeigen jedenfalls auf, dass Italien
immer weniger ein Land junger Leute ist, weder bezüglich der Staatsangehörigen
noch der zugewanderten Personen.

                   Grafik 9                33.658
                                           Lombardei
                                                                     23.657        +4%
        Auswanderung                                                 Venetien      Norditalien
        aus Italien 2017                   18.520                        21.320
                                           Piemont
                                                                  Emilia Romagna

                               128.193
                               Neueinschreibungen
                               ins AIRE-Register zur                               +1%
                               Auswanderung 2017                                   Süditalien

                               • Genua       15.375
                               • Rom        11.663
                               • Mailand    10.162     22.086
       Quelle: IDOS Dossier                            Sizilien
     Statistico Immigrazione   • Turin        7.110
                        2018
18

6. Die Integration:
   eine offene Baustelle

   In 45 Jahren Einwanderung nach Italien sind die Migranten und Migrantinnen im-
   mer mehr zu einem strukturellen Teil der italienischen Gesellschaft geworden. 1,5
   Millionen AusländerInnen haben die italienische Staatsbürgerschaft erworben,
   allein 2017 147.000 (-27,3% im Vergleich zu 2016, als 201.000 Einbürgerungen). Ge-
   mäß Schätzungen des IDOS machen die 1,3 Millionen in Italien geborenen Aus-
   länderInnen fast ein Viertel der insgesamt im Inland ansässigen 5,3 Millionen aus-
   ländischen Staatsangehörigen aus. Dies ist die sog. zweite Generation. 503.000
   Personen dieser Gruppe besuchen italienische Schulen und stellen rund zwei
   Drittel der 826.000 ausländischen SchülerInnen und fast ein Zehntel (9,4%) aller
   SchülerInnen Italiens, während die Übrigen im Ausland geboren sind (Daten des
   Unterrichtsministeriums für das Schuljahr 2016/2017).

                   Grafik 10
                                                                                        146.605
                               1,5 Millionen (am 31.Dezember 2017)
       Die Entwicklung                                                               davon 2017
   der Einbürgerungen
             2010-2017
                                                                                -27,3%

       Quelle: IDOS Dossier
     Statistico Immigrazione   2010    2011    2012    2013     2014   2015   2016      2017
                        2018

   Viele dieser Jugendlichen aus der zweiten Generation hätten bereits die italieni-
   sche Staatsbürgerschaft erhalten können, hätte das italienische Parlament im Sep-
   tember 2017 die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts verabschiedet. Diese Re-
   form stützte sich auf das „ius culturae“, das oft zu Unrecht mit „ius soli“ bezeichnet
   worden ist und sicher nicht auf jene MigrantInnen abzielte, die soeben an Italiens
   Küsten gelandet waren, wie viele glaubten. Während das „ius soli“ vom Geburtsort
   des Antragstellers auf Einbürgerung ausgeht, nimmt das „ius culturae“ auf die Zahl
   der im Inland absolvierten Schuljahre und den Grad der Integration Bezug.

   Zwei Drittel der in Italien regulär ansässigen Nicht-EU-BürgerInnen (2.390.000)
   verfügen über eine Langzeit-Aufenthaltsgenehmigung, weil sie entweder min-
   destens fünf Jahre ununterbrochen im Inland ansässig waren, oder weil sie enge
19

Verwandte eines schon im Inland ansässigen EU-Bürgers sind. Damit zeigt dieser
Bevölkerungsanteil eine bemerkenswerte Stabilität und Verwurzelung. Die übri-
gen 1.325.000 Nicht-EU-Staatsangehörigen verfügen über eine befristete Aufent-
haltsgenehmigung (35,7%) und somit über einen weniger sicheren Status. 39,3%
der Nicht-EU-BürgerInnen erhielten diese Aufenthaltsgenehmigung aus familiären
Gründen und 35,2% aus Arbeitsgründen.

Trotz der unübersehbaren Zeichen von Verwurzelung gibt es weiterhin Probleme
bei der Integration. So waren Ende 2017 187.000 der insgesamt 239.000 Auslän-
derInnen mit Asyl- oder internationalen und humanitärem Schutzstatus (6% aller
in Italien ansässigen Nicht-EU-Bürger) im staatlichen Aufnahmesystem unterge-
bracht. 81% der Personen (Dezember 2017) wohnten trotz zahlreicher Missstände
und Mängel in den Aufnahmezentren CAS (Centro di accoglienza straordinario).
Nur 13,2% der AsylbewerberInnen und der MigrantInnen mit internationalem
Schutz sind in den SPRAR (sistema di protezione richiedenti asilo e rifugiati, jetzt
SIPROIMI) untergebracht. Diese werden oft als eine gelungene Praxis in Italien be-
zeichnet, dennoch will die amtierende Regierung gerade diese Art der Unterkunft
auf Asylbewerber mit anerkanntem Schutzstatus beschränken. Die restlichen
Flüchtlinge leben in Erstaufnahmezentren (5,7%) oder in Hotspots (0,2%).

                   Grafik 11
                                                                        35,7%
          Aufenthalts-         64,3%                                    Befristete
       genehmigungen           Langfristige                             Aufenthalts-
         der Nicht-EU-         Aufenthalts-                             erlaubnis
          BürgerInnen          erlaubnis
              in Italien                                                               74,5%
                                                                                       Arbeit und
                                                                                       Familie
                               Art des Schutzstatus in Prozent
                               Internationaler                                         18,1%
                                                      32,7                             Schutzstatus
                               Schutz
                               Humanitärer 23,0
                               Schutz                                                  7,4%
       Quelle: IDOS Dossier    Asylantrag                        44,3                  andere
     Statistico Immigrazione                                                           Gründe
                        2018

Im Jahr 2017 sind folgende Gruppen in den SPRAR-Einrichtungen aufgenommen
worden:
• Menschen mit internationalem Schutzstatus (36,1%),
• Menschen mit nationalem Schutz (36%),
• Menschen mit subsidiärem Schutzstatus (14%),
• Menschen, die als Flüchtlinge anerkannt worden sind (12%),
• Jugendliche, die eine Aufenthaltsberechtigung als Minderjährige erhalten haben
  (1,9%).
20

73% dieser Personen erreichten Italien übers Meer, 13% über den Landweg und
7% per Flug. 2% dieser Personen kamen aus anderen europäischen Ländern oder
wurden aufgrund der Dublin-Regelungen nach Italien zurückgestellt. 3% waren in
Italien geborene Kinder ausländischer Eltern. Im Laufe von 2017 verließen 9.037
Personen die Aufnahmezentren: 43,1% hatten den „Integrationsprozess“ absolviert
und aus Sicht der Behörden eine ausreichende Eigenständigkeit bei der Suche nach
Arbeit und Unterkunft erreicht.

Doch bleiben diese Menschen vielfach erheblichen Schwierigkeiten bei der sozia-
len Inklusion, wenn nicht gar Diskriminierungen ausgesetzt. So gibt es beispiels-
weise Ungleichbehandlung im Zugang zu Sozialleistungen und grundlegenden
Sozialeinrichtungen, wie etwa Kindergarten, Schulmensa, Kleinkindbonus und
Beihilfen für bedürftige Familien. In dieser Hinsicht haben verschiedene lokale
Verwaltungen Regelungen verabschiedet, die als diskriminierend betrachtet und
prompt von Richtern zurückgewiesen worden sind.

Aus dem Ausland zugewanderte Personen treffen zudem auf enorme Probleme
bei der Wohnungssuche. Zum einen sind sie selten in der Lage, einen Hypothekar-
kredit aufzunehmen, zum anderen gibt es Diskriminierung seitens der Wohnungs-
besitzer, die nicht an AusländerInnen vermieten wollen. Aus diesem Grund leben
zwei von drei Ausländern in Mietwohnungen, die sie oft mit anderen teilen. Nur
ein Fünftel der Ausländer verfügt über eine Eigentumswohnung von in der Regel
geringer Größe und peripherer Lage. Die übrigen wohnen in Dienstwohnungen der
Arbeitgeber oder mit Verwandten oder Freunden, manchmal in überfüllten Woh-
nungen.

Auch im Internet haben Diskriminierung und Hassattacken stark zugenommen.
Oft auch aufgrund verzerrter Darstellung hinsichtlich der religiösen und äußerer
Merkmale einzelner Einwanderer-gemeinschaften, was vor allem Muslime in Itali-
en widerfährt. „Wir werden von Muslimen überschwemmt“, hört man oft, doch nur
1.683.000 (32,7% der insgesamt in Italien ansässigen AusländerInnen) sind Mus-
lime während die Christen mit 2.706.000 (52,6%) laut IDOS-Daten die Mehrheit
stellen. Davon gehören 1,5 Millionen zu orthodoxen Kirchen, über 900.000 sind
Katholiken.
21

Migranten und Migrantinnen
                                                                                                                 7.
auf dem Arbeitsmarkt:
keine Konkurrenz mit den Inländern

Die verbreitete Annahme, dass zugewanderte Personen den Italienern die Ar-
beitsplätze wegnehmen, wird seit Jahren durch die Realität widerlegt: 2017 waren
2.423.000 AusländerInnen in einem Beschäftigungsverhältnis gemeldet (10,5% al-
ler Beschäftigten in Italien). Zwei Drittel davon mit gering qualifizierten Tätigkei-
ten oder als Arbeiterinnen. Im Bereich Dienstleistungen arbeiteten mehr als zwei
Drittel der Ausländer (67,4%), in der Industrie 25,6%, in der Landwirtschaft 7%.
Deshalb kann es auch nicht überraschen, dass mehr als ein Drittel dieser Arbeit-
nehmerInnen für ihre Tätigkeit überqualifiziert sind (34,7%), verglichen mit den
23% Überqualifizierten unter den inländischen Beschäftigten.

          Grafik 12                                60,6     Durchschnitts-                               1.381
                                            57,5
                                                              entlohnung
 Ausländische                                                      (Euro)                        1.029
       Arbeit-            InländerInnen
                          AusländerInnen                                        34,7
 nehmerInnen
    in Italien:                                                           23,0
        einige
                                                                  14,3
    Merkmale                                              10,8
                                                                                                    9,0
                                                                                           3,7
     Quelle: IDOS
  Dossier Statistico                         Erwerbs-     Arbeitslosen-      Über-           Unter-
                                              quote          quote        qualifizierte   beschäftigte
Immigrazione 2018

Unter den ausländischen Beschäftigten sind folgende Berufe am stärksten ver-
breitet: 71% der Hausangestellten sind ausländische Frauen (allein 43,2% der be-
schäftigten Ausländerinnen arbeiten in diesem Bereich), nahezu die Hälfte der
StraßenhändlerInnen, ein Drittel der Transportarbeiter, 18,5% der ArbeitnehmerIn-
nen im Gaststätten- und Hotelgewerbe (meist als Kellner und Raumpflegerinnen),
und ein Sechstel der Bauarbeiter und landwirtschaftlichen Arbeiter sind Auslän-
der. Darüber hinaus sehen sich ausländische Staatsangehörige meist gezwungen,
eine Arbeit in Nischenmärkten zu finden, wo oft nur befristete, gering entlohnte
oder saisonale Anstellungen geboten werden oder Schwerarbeit zu leisten ist. Oft
haben AusländerInnen keinen Arbeitsvertrag, arbeiten schwarz oder in einer Grau-
zone und sind damit Opfer von Ausbeutung.

406.000 ausländische Erwerbstätige sind 2017 als arbeitslos gemeldet, etwa ein Sie-
bentel aller Arbeitslosen in Italien. Damit weisen die Ausländer eine Arbeitslosenrate
22

von 14,3% auf gegenüber jener der Inländer mit 10,8%. Die geringe soziale Mobili-
tät der ausländischen Staatsangehörigen ist typisch für den streng geschichteten
italienischen Arbeitsmarkt. Dies zwingt die Ausländer zur Unterordnung, was sich
in erheblichen Lohnunterschieden widerspiegelt. Im Schnitt verdient ein italieni-
scher Arbeitnehmer 25,5% mehr als ein ausländischer abhängig Beschäftigter, näm-
lich 1.381 Euro monatlich gegenüber 1.029 Euro. Ausländische Frauen verdienen im
Schnitt 25,4% weniger als ausländische Männer.

                Grafik 13
                            34,6%
      Ausländische          Andere
ArbeitnehmerInnen           Dienstleistungen                         10,6%
 nach Sektoren der                                                  Handel
     Beschäftigung
                            6,1%
                            Landwirtschaft                                    6,1%
                                                                Familienbezogene
                               9,7%                              Dienstleistungen
                               Bausektor

                                             16,8%
                                             Industrie
    Quelle: IDOS Dossier                     im engen Sinn
  Statistico Immigrazione
                     2018

Bezüglich der Schlechterstellung der weiblichen Beschäftigten gibt der hohe Anteil
von jungen AusländerInnen (15-29 Jahre), die zur NEET-Kategorie gehören, Anlass
zu Besorgnis: ein junger Mensch, der sich weder in schulischer noch in beruflicher
Ausbildung befindet noch ein Arbeitsverhältnis hat. Nicht weniger als 44,3% der
Ausländer dieser Altersgruppe gehören zu den NEETs, verglichen mit 23,7% NEETs
bei den Inländern in dieser Altersgruppe. Dieser Umstand weist auf ein weiteres
alarmierendes Phänomen hin, nämlich der sehr geringen Erwerbsbeteiligung der
ausländischen Frauen, was vor allem Ausländerinnen mit geringer Schulbildung
und Berufsbildung betrifft. Verglichen mit einem Schnitt von 44,1% Nicht-Erwerbs-
tätigkeit bei Ausländerinnen (43,9% bei den Nicht-EU-Staatsbürgerinnen) liegt die
Nicht-Erwerbsbeteiligung der Frauen aus Pakistan, Ägypten und Bangladesch bei
mehr als 80% (Ministerium für Arbeit und Soziales). In Italien allgemein liegt die
Frauenerwerbsquote knapp über 50%.

Somit gibt es keinen Hinweis darauf, dass Migranten im Wettbewerb um Arbeits-
plätze mit den Inländern stehen oder den „Italiener die Arbeitsplätze stehlen“, wie
in der Öffentlichkeit oft behauptet wird. Eine Wirkung dieser Ungleichheit kann
auch im unterschiedlichen Einkommensniveau beobachtet werden. Die in Italien
ansässigen Ausländer erklärten insgesamt 27,2 Milliarden Euro an Einkommen (net-
to), was ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von 12.000 Euro ergibt. Dies bedeutet,
23

dass ausländische Staatsangehörige fast 10.000 Euro weniger im Jahr verdienen als
Inländer (durchschnittlich erklärtes Jahreseinkommen 21.600 Euro). Die Stiftung
Leone Moressa unterstreicht, dass 2016 die ausländischen Steuerzahler 3,3 Mrd.
Euro an Einkommensteuern und 11,9 Mrd. Euro an Sozialabgaben geleistet haben.
Dazu kommen 320 Millionen an Gebühren, die ausschließlich von Ausländern für
die Ausstellung oder Erneuerung der Aufenthaltsgenehmigungen und für den Er-
werb der Staatsbürgerschaft eingezahlt worden sind. Damit haben AusländerInnen
für insgesamt 19,2 Mrd. Euro an Zusatzeinnahmen für den Staat gesorgt. Diesem
Betrag stehen 17,5 Mrd. an öffentlichen Ausgaben gegenüber, die MigrantInnen be-
zogen haben, was 2,1% der gesamten Staatsausgaben ausmacht. Der Netto-Beitrag
der in Italien ansässigen Migranten zu den Staatsfinanzen ist somit positiv und
bewegt sich zwischen 1,7 und 3 Milliarden Euro.

Außerdem ist anzumerken, dass 2017 die Zahl der ausländischen Mitglieder bei
den drei Gewerkschaftsbünden CGIL, CISL und UIL auf rund 975.000 gestiegen ist
(+45.000 im Vergleich zu 2016). 8,5% der Gewerkschaftsmitglieder sind Ausländer-
Innen. Die Gewerkschaften mit dem höchsten Ausländeranteil unter den Mitglie-
dern sind die Gewerkschaften der Bauarbeiter (mehr als 25%), der landwirtschaft-
lichen Arbeiter (etwas weniger als 25%), des Bereichs Handel und Dienstleistungen
(20%), des Bereichs Transport und Logistik (durchschnittlich mehr als 10% der Mit-
glieder sind MigrantInnen).

Die relativ schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt und der Wunsch nach so-
zialem Aufstieg führen zu verstärkten Anstrengungen, eine selbstständige Un-
ternehmertätigkeit aufzubauen. In Italien bestehen bereits fast 590.100 Einzel-
unternehmen, die von MigrantInnen geführt werden, was 9,6% aller registrierten
Unternehmen entspricht. Manchmal beschäftigen diese Unternehmen auch italie-
nische Staatsangehörige.

                   Grafik 14

                Von            587.499
   AusländerInnen              Unternehmen
          geführte                                                   9,6%
Einzelunternehmen                                                    aller
          in Italien                                                 Unternehmen
                                                                                   davon
                                                                                   7,6%
                                  InländerInnen                                   Nicht-EU
                                  AusländerInnen           +19,6%

                                           +2,8%
                                   0,0%             -2,0%
       Quelle: IDOS Dossier
     Statistico Immigrazione         2016/2017        2012/2017
                        2018
24

8. Die Migration in Südtirol
         Grafik 15
                              –   Anzahl             – % Veränderung
           Aus-
      ländische 60.000                                                                                                                                                    20
         Wohn- 50.000                                                                                                                                                     15
   bevölkerung 40.000                                                                                                                                                     10
     1998-2018 30.000                                                                                                                                                     5
                     20.000                                                                                                                                               0
                     10.000                                                                                                                                               -5
                         0                                                                                                                                                -10
                              1999
                                     2000
                                            2001
                                                   2002
                                                          2003
                                                                 2004
                                                                        2005
                                                                               2006
                                                                                      2007
                                                                                             2008
                                                                                                    2009
                                                                                                           2010
                                                                                                                  2011
                                                                                                                         2012
                                                                                                                                2013
                                                                                                                                       2014
                                                                                                                                              2015
                                                                                                                                                     2016
                                                                                                                                                            2017
                                                                                                                                                                   2018
    Quelle: ASTAT,
       ASTAT-Info    Stand am 31.12. – Absolute Werte und prozentuelle Veränderung zum Vorjahr
          30/2019

   Mit 50.333 Personen (31.12.2018) beträgt der Ausländeranteil an der Gesamtbe-
   völkerung Südtirols 9,5% und liegt im inneritalienischen Vergleich im Mittelfeld.
   Der Ausländeranteil betrug in Italien 2018 8,5%, der EU-Durchschnitt belief sich
   auf 7,8%. Während die Ausländerquote im Trentino Ende 2018 bei 8,7% lag, liegt
   sie im Bundesland Tirol bei fast 16%. In Südtirol ansässige ausländische Staats-
   angehörige stammen aus insgesamt 139 Ländern, wobei jeweils ein Drittel der in
   Südtirol ansässigen Ausländer Staatsbürger eines anderen EU-Staates, eines eu-
   ropäischen Staates, der nicht zur EU gehört, und eines außereuropäischen Staa-
   tes sind. Im Ländervergleich stellen Migranten und Migrantinnen aus Albanien
   (11,4%) den höchsten Anteil, gefolgt von Deutschland (8,8%), Pakistan (7,2%), Ma-
   rokko (7,0%), und Rumänien (6,6%). Mehr als zwei Drittel (70,6%) der in Südtirol
   wohnhaften ausländischen Staatsangehörigen sind bereits seit über zehn Jahren
   in Italien ansässig.

         Grafik 16                                                                                                          11,4%
           Aus-                                                                                                          Albanien
      ländische                                                                                                                        8,8%
         Wohn-                 38,4%                                                                                            Deutschland
   bevölkerung                 Andere                                                                                                             7,2%
    nach Staats-                                                                                                                              Pakistan
   bürgerschaft                                                                                                                           7,0%
                                      3,2%                                                                                             Marokko
                                      Österreich                                                                                  6,6%
                                           3,5%                                                                               Rumänien
                                           Ukraine 4,2%                                           4,4%                       5,1%
                                                                                               Slowakei                   Kosovo
    Quelle: ASTAT,                                 Mazedonien
       ASTAT-Info
          30/2019
25

Hauptgrund der neu ausgestellten Aufenthaltsgenehmigungen ist die Familienzu-
sammenführung, gefolgt von humanitären Gründen und dann Arbeitsgründen. Die
Aufenthaltsgenehmigungen aus humanitären Gründen sind von 6,3% (2015) auf
21,9% (2016) und auf 26,3% (2017) gestiegen.

      Grafik 17

  Ansässige,
                  –   Männer   –   Frauen

ausländische
                                                        872 938
 Personen in
 den Bezirks-                                            Wipptal                2.267 2.532
     gemein-
    schaften                            5.051 5.736               2.205 2.457
                                                                                 Pustertal
        nach          1.098 1.098
                                                    7.807 7.927
  Geschlecht           Vinschgau                                   Eisacktal
                                          Burg-
                                        grafenamt             1.485 1.738

                                                      Bozen       Salten –             Bis 7%
                                                                  Schlern
                                                                                       7,0%- 9,9%
                                                3.201 3.705                            10,0%- 12,9%
                                                                                       13% und mehr
 Quelle: ASTAT,                                Überetsch –
    ASTAT-Info                                  Unterland
        32/2018

Den höchsten prozentuellen Anteil an ausländischen Staatsangehörigen an der
Gesamtbevölkerung weist die Gemeinde Franzensfeste mit 25,3% auf, gefolgt von
Salurn mit 21,1%, Waidbruck mit 18,1% und Brenner mit 16,3%. In absoluten Zahlen
am meisten AusländerInnen leben in Bozen (15.161), was 14,1% der gesamten Stadt-
bevölkerung entspricht. Meran weist einen Ausländeranteil von 16,2% auf, dort le-
ben insgesamt 6.570 ausländische Staatsangehörige. Die Zahl der unbegleiteten
Jugendlichen ist von 69 (2015) auf 106 (2017) gestiegen.

Immer mehr in Südtirol ansässige AusländerInnen erwerben die italienische
Staatsbürgerschaft. 2017 haben in Südtirol 2.377 Personen die italienische Staats-
bürgerschaft erhalten, das sind 25,4% weniger als noch 2016 (3.187 Personen). Bis
2016 waren 19 Jahre lang steigende Einbürgerungszahlen verzeichnet worden. Die
in Südtirol ansässigen AlbanerInnen sind die absoluten Spitzenreiter beim Erwerb
der Staatsbürgerschaft.

Auch die zweite und dritte Generation der MigrantInnen in Südtirol wächst lang-
sam heran. In Südtirol lebten Ende 2017 6.750 AusländerInnen, die in Italien ge-
boren sind, was 13,9% der insgesamt in Südtirol ansässigen ausländischen Staats-
angehörigen ausmacht.
26

       Grafik 18
                              –   Männer           –   Frauen
                      3.500
  Der Erwerb         3.000
          der
italienischen         2.500
       Staats-       2.000
bürgerschaft
                      1.500
   in Südtirol
                      1.000
                       500
                          0
 Quelle: ASTAT,
                              1997
                                     1998
                                            1999
                                                   2000
                                                          2001
                                                                 2002
                                                                        2003
                                                                               2004
                                                                                      2005
                                                                                             2006
                                                                                                    2007
                                                                                                           2008
                                                                                                                  2009
                                                                                                                         2010
                                                                                                                                2011
                                                                                                                                       2012
                                                                                                                                              2013
                                                                                                                                                     2014
                                                                                                                                                            2015
                                                                                                                                                                   2016
    ASTAT-Info
        67/2017

Im Durchschnitt sind in Südtirol ansässige ausländische Staatsangehörige 35,2
Jahre alt, während das Durchschnittsalter der inländischen Bevölkerung (Staats-
bürgerInnen) 43,4 Jahre beträgt. Bei der ausländischen Bevölkerung überwiegen
die Frauen (52,8% gegenüber 47,2% Männer). Die in Südtirol ansässigen ausländi-
schen Frauen sind geburtenfreudiger als der Durchschnitt der in Italien lebenden
Migrantinnen. Die Fruchtbarkeitsrate liegt bei den Ausländerinnen bei 2,5 Kindern,
bei den inländischen Frauen bei 1,6 Kindern pro Frau.

                                     Grafik 19                                                                            2016                       2017
         Erwerb der italienischen                                Albanien                                                   449                        213
              Staatsbürgerschaft:                                Pakistan                                                    216                       90
         erste 10 Herkunftsländer                                Marokko                                                     192                        91
                                                                 Mazedonien                                                  156                        85
                                                                 Kosovo                                                      154                        73
                                                                 Rumänien                                                    105                        39
                                                                 Peru                                                         68                        22
                                                                 Bosnien und Herzegowina                                      67                        19
                                                                 Bangladesch                                                  62                        19
               Quelle: Aut. Provinz Bozen,                       Moldawien                                                    59                        12
Bericht zur Einwanderung und Integration
                        in Südtirol 2016/17

Die demografische Struktur der Migranten in Südtirol spiegelt jene der ausländi-
schen Staatsangehörigen in ganz Italien wider. Es fehlen die älteren Jahrgänge,
während die Personen im erwerbsfähigen Alter stark vertreten sind. Im Wachsen
begriffen sind die Jahrgänge der Ausländerkinder, die zum Teil schon in Italien ge-
boren sind.
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