München Rumänisches Filmfestival Fedor Dostoevskij Film und Psychoanalyse Western in 3-D Zuschauerkino Weihnachtsfilme Regia Donna 2000 Ekstase ...

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münchen

                                Rumänisches Filmfestival
                                      Fedor Dostoevskij
                                 Film und Psychoanalyse
                                          Western in 3-D
                                          Zuschauerkino
Wint er 2021 -202 2 | Heft 41

                                        Weihnachtsfilme
                                      Regia Donna 2000
                                                Ekstase
Eintrittspreise                                                      sierten und mit 1,55 € frankierten DIN A5-Briefum-
4 € (3 € für MFZ-Mitglieder). Ab 120 Minuten Film-                   schlages an die Adresse des Filmmuseums. WebCalen-
länge oder mit Gästen: 1 € Aufschlag. Ab 180 Minuten,                dar: tinyurl.com/fmm-cal1, Twitter: @filmmuseummuc.
mit Live-Musik oder bei 3D: 2 € Aufschlag. Die Kasse
öffnet jeweils 60 Minuten vor und schließt 30 Minu-                  Münchner Filmzentrum e. V.
ten nach Beginn der Vorstellung. Bei allen öffentlichen              Wer sich für die Arbeit des Filmmuseums interessiert,
Veranstaltungen verbleibt ein Kartenkontingent für den               kann Mitglied im Verein der Freunde des Filmmuseums
freien Verkauf an der Abendkasse. Die Vorstellungen                  München, dem Münchner Filmzentrum e.V. (MFZ) wer-
beginnen pünktlich ohne Vorprogramm.                                 den. Mitgliedsanträge sind an der Kinokasse erhältlich.
                                                                     Der Jahresbeitrag beträgt 20 € und berechtigt zum
Corona-Regeln                                                        ermäßigten Eintritt ins Filmmuseum sowie zur Teil-
Es gilt die aktuelle Infektionsschutzmaßnahmenver-                   nahme an den Mitgliederversammlungen des MFZ, in
ordnung der Bayerischen Staatsregierung. Bei Druck-                  denen die Programmplanungen des Filmmuseums
legung dieses Programmhefts erhalten nur Geimpfte                    diskutiert und Projekte entwickelt werden. Weitere
und Genesene (2G) Zugang zum Kino, die sich an der                   Informationen erhalten Sie unter Tel. 089 / 2713354
Kasse beim Kartenerwerb ausweisen müssen.                            und www.muenchner-filmzentrum.de.

Kartenvorverkauf                                                     Barrierefreier Zugang
Um die Einhaltung der 2G-Regelung und deren Kontrol-                 Der Kinosaal und die barrierefreie Toilette im Unterge-
le an der Kinokasse zu gewährleisten, ist vorläufig kein             schoss sind über einen Aufzug erreichbar. Das Kino be-
Kartenvorverkauf an der Kasse oder online möglich.                   sitzt eine Induktionsschleife für Hörgeräte. Der Empfang
                                                                     ist auf den Randplätzen der Sitzreihen am besten.
Altersfreigabe
Da ein Großteil der Filme keine FSK-Freigabe hat, sind               Mobiltelefone
die Vorstellungen erst ab 18 Jahren zugänglich.                      Die Benutzung von Mobiltelefonen während der Veran-
                                                                     staltungen ist nicht gestattet.
Programmabonnement
Das Kinoprogrammheft und unseren Newsletter kön-                     Verkehrsanbindung
nen Sie unter www.muenchner-stadtmuseum.de/film                      Sie erreichen das Filmmuseum in 5 Gehminuten vom
kostenlos abonnieren. Das Programmheft wird an                       U/S-Bahnhof Marienplatz oder in 7 Gehminuten vom
Mitglieder des MFZ auf Wunsch kostenlos versandt.                    U-Bahnhof und der Trambahnhaltestelle Sendlinger Tor.
Ansonsten bitten wir um die Zusendung eines adres-                   Die Buslinien 52 und 62 halten am St.-Jakobs-Platz.

Open Scene am Donnerstag .....................................................................................................
Die Termine am Donnerstag sind teilweise für aktuelle Veranstaltungen reserviert. Das Programm wird
etwa acht Tage vorher festgelegt und in den Schaukästen an der Kinokasse, im E-Mail-Newsletter, unter
muenchner-stadtmuseum.de/film/open-scene.html, auf Facebook, Twitter und in der Tagespresse bekannt gegeben.

Für Unterstützung und Kooperation bei der Realisierung unseres Programms danken wir .................
Adalbert Stifter Verein, München (Zuzana Jürgens, Franziska Mayer) · Akademie für Psychoanalyse und Psychothera-
pie, München · Chainsaw Europe, Bukarest (Dan Draghicescu) · Cinémathèque suisse, Lausanne (Alix Hagen) · Circolo
Cento Fiori Cinema, München (Ilaria Furno-Weise, Emanuela Perna) · Filmarchiv Austria, Wien (Nikolaus Wostry, Florian
Wrobel) · Fantascope Film, Bukarest (Minodora Șerban) · Gesellschaft zur Förderung der Rumänischen Kultur und
Tradition e.V., München (Brigitte Drodtloff) · goEast Festival, Wiebaden (Jan Peschel, Dominik Streib) · Gosfilmofond,
Moskau (Olga Derevyankina) · Kinosseur Production, Bukarest (Codruţa & Andrei Crețulescu) · Tschechisches Zentrum,
München (Frances Jackson) · Antti Alanen, Helsinki · Peter Bagrov, Rochester · Klaus Volkmer, München

Impressum ...........................................................................................................................
Landeshauptstadt München. Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, 80331 München,
089-23324150, filmmuseum@muenchen.de · Redaktion: Stefan Drößler, Claudia Engelhardt, Christoph Michel,
Mara Rusch · Gestaltung: twogether Design und Kommunikation, München · Druck: Weber Offset, München
Rumänisches Filmfestival, Fedor Dostoevskij, Weihnachtsfilme

Nach dem pandemiebedingten Ausfall im letzten Jahr kehrt das Rumänische                               2 Rumänisches Filmfestival
Filmfestival nun ins Kino des Filmmuseums zurück. Zusammen mit den im
Juni online gezeigten Filmen (und einer Kinovorführung mit live zugeschalte-                                     6 Fedor Dostoevskij
tem Filmemacher) ist dies wieder der Versuch, auch in der Beschränkung und
Konzentration einen repräsentativen Querschnitt durch die Jahresproduktion                             17 Film und Psychoanalyse
Rumäniens zu zeigen. Nach wie vor werden in Rumänien Filme produziert, die
zu den wichtigen Werken des Gegenwartskinos und den – oft preisgekrönten                                           18 Western in 3-D
– Höhepunkten der internationalen Filmfestivals zählen. Nur wenige finden
einen deutschen Filmverleih, so dass die Aufführungen im Filmmuseum oft                                            20 Zuschauerkino
einmalige Gelegenheiten sind, sie auf der Kinoleinwand zu sehen.
                                                                                                                21 Weihnachtsfilme
    296 filmische Adaptionen von Fedor Dostoevskijs literarischen Werken lis-
tet die International Movie Database. Und diese Liste ist keineswegs vollstän-                                 25 Regia Donna 2000
dig. Für das Filmmuseum ist Dostoevskijs 200. Geburtstag der Anlass, sehr
unterschiedliche Umsetzungen seiner bekannten Romane und einer Erzählung                                                    28 Ekstase
(»Weiße Nächte«) zusammenzutragen, die reizvolle Variationen und Kontraste
bieten. Filme großer Regisseure wie Luchino Visconti, Akira Kurosawa oder                                     29 Kalenderübersicht
Robert Bresson sind ebenso dabei wie Werke, die in Deutschland kaum zu
sehen waren, aufwändige Ausstattungsfilme ebenso wie No-Budget-Produkti-
onen, die sich sehr frei von Dostoevskij inspirieren ließen oder nur markante
Motive oder Szenen zitieren.
    Wir wünschen Ihnen frohe Festtage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
Vielleicht haben Sie ja auch Lust und Freude daran, zuvor noch im Filmmuse-
                                                                                                R = Regie · B = Drehbuch · K = Ka-
um einen bekannten oder weniger bekannten Weihnachtsfilmklassiker in der                        mera · M = Musik · S = Schnitt · T =
unverfälschten Originalfassung auf der großen Leinwand zu sehen. Wir freuen                     Ton · D = Darsteller · P = Produktion
uns, wieder Programme mit bewährten Kooperationspartnern wie der Akade-                         OF = Originalfassung · OmU = Ori-
mie für Psychoanalyse und Psychotherapie und dem Circolo Cento Fiori Cine-                      ginalfassung mit Untertiteln · OmeU
                                                                                                = Originalfassung mit englischen
ma anbieten zu können und hoffen darauf, dass das Kino bald wieder im Nor-                      Untertiteln · OmfU = Originalfassung
malbetrieb ganz ohne Einschränkungen arbeiten kann.                                             mit französischen Unter­titeln · OmÜ =
                                                                                                Originalfassung mit deutscher Über-
                                                                                                setzung · dtF = deutsche Synchron-
Ihr Filmmuseum                                                                                  fassung ·      = Live-Musik­  begleitung
                                                                                                2 = Einführung · = Zu Gast

16. Oktober 2021: Werner Herzog liest im Filmmuseum aus seinem    21. Oktober 2021: Peter Seitz, Anni Seitz, Claudia Engelhardt und Mara
Buch »Das Dämmern der Welt« und präsentiert anschließend seinen   Rusch im Foyer des Filmmuseums vor der Aufführung von DU KANNST
Film BALLADE VOM KLEINEN SOLDATEN (1984)                          MICH FRAGEN WAS DU WILLST – FRANZ SEITZ (2021)
Rumänisches Filmfestival
Rumänisches Filmfestival

   2
                           MALMKROG

                                      Zu den herausragenden Schätzen Rumäniens gehört die               Warum zieht es dann aber einen berühmten Musiker
                                      Landschaft. Man kann zwischen Karpaten und Schwar-            wie Anton in dem Film URMA nach Curtea de Argeș? An
                                      zem Meer noch viele Regionen finden, in denen der             einen Ort, der durch ein Kloster aus dem 16. Jahrhundert
                                      Mensch kaum Spuren hinterlassen hat. Für den Quali-           bedeutend geworden ist, an dem man aber auch einfach
                                      tätstourismus ist das eine wertvolle Resource, für das        auf den Fluss Argeș schauen kann. Dorian Boguţă ver-
                                      Kino auch. Anthony Minghella zum Beispiel drehte COLD         schränkt mit dieser erzählerischen Lösung ein Ende mit
                                      MOUNTAIN (2003), sein Drama aus dem amerikanischen            einem Anfang. Ein menschliches Leben geht zu Ende,
                                      Bürgerkrieg, weitgehend in Rumänien. Auch die Vertreter       und zwar an einem Ort, der mit dem Anfang der rumäni-
                                      des Neuen Rumänischen Kinos zeigen sich immer wie-            schen Kultur assoziiert wird. Das Land hat natürlich ver-
                                      der fasziniert von den Wäldern und von den Heiligtümern,      schiedene Regionen mit unterschiedlichen Geschichts-
                                      die an deren Erschließung erinnern. Von außen, für das        bezügen. Es gibt ältere nationale Mythologien, die an das
                                      internationale Kino, kommt es dabei einfach auf die visu-     Römische Reich anschließen. Es gibt die Steppe als den
                                      ellen Qualitäten an: Landschaften, die nicht von Zeichen      zweiten nationalen Identitätsort neben den Wäldern.
                                      der Zivilisation durchsetzt sind, muss man heute auf dem      URMA knüpft an die Zeiten an, in denen Siedlungen in
                                      ganzen Globus suchen. Aus der Perspektive des rumäni-         den Wäldern errichtet wurden, am Ausgang des soge-
                                      schen Kinos aber zeigen sich in der Natur und der Land-       nannten Mittelalters, zu Beginn einer Neuzeit, die in Ru-
                                      schaft alternative Modelle von Zeitlichkeit, mit denen sich   mänien heute noch nachwirkt. Oft fand diese Landnah-
                                      die Grundtatsache ergänzen lässt: das Datum 1989/90,          me im Zeichen der Christianisierung statt. Das Berghotel
                                      die Überwindung des Ceaușescu-Kommunismus, ist im-            in Alina Grigores CRAI NOU, das herrschaftliche Gut in
                                      mer noch für die meisten Menschen im Land das eine            Cristi Puius MALMKROG, das abgelegene Haus in Florin
                                      strukturierende Moment, an dem sie ihre Erfahrungen           Șerbans DRAGOSTE 2 – AMERICA, das geheimnisvolle
                                      davor und danach messen können. Inzwischen ist die            Sägewerk in Radu Munteans ÎNTREGALDE sind jeweils
                                      neue Ordnung mit allen ihren politischen und geschichts-      Orte, die aus diesen ersten Erschließungen hervorgegan-
                                      politischen Problemen fest etabliert. Rumänien ist ein        gen sind. Sie sind Enklaven, von Menschen geschaffen,
                                      europäisches Land. Die Menschen leben in Beziehungen,         an Orten, an denen sonst die Natur mit sich allein wäre.
                                      die bis nach London oder Berlin reichen. Sie fahren nach          Es wäre jedoch übertrieben, von einer neuen Wert-
                                      Thailand in Urlaub und filmen ihr Intimleben mit dem          schätzung der Natur im rumänischen Kino zu sprechen.
                                      Handy. Mit einem Wort: Zumindest die neue Mittelschicht       Geschichten vom Land ziehen sich durch die Filme, ge-
                                      verhält sich wie eine globale Klasse.                         rade auch als Spannungsmoment im Vergleich zu den
höchst modernen Lebensformen in den Städten. Aber die         Herrschaft, am Beispiel einer Gruppe von Zwangsumge-
Entwicklungen in den Jahrgängen 2020/21, die das Pro-         siedelten, die für eine Weile mehr oder weniger von der
gramm nun konzentriert präsentiert, deuten jedenfalls         Geschichte vergessen werden und eine ursprüngliche

                                                                                                                               Rumänisches Filmfestival
darauf hin, dass es ein verstärktes Interesse an Tiefen-      Gemeinschaft zwischen Ideal und Terror entwickeln. Und
bohrungen in den historischen Bezügen gibt. Das Berg-         Nicolae Mărgineanus CARDINALUL verband das für Ru-
hotel in CRAI NOU sieht so aus, als stamme es aus einer       mänen entscheidende Datum 1918, die Entstehung der
Zeit, in der die Jagdrechte und die landwirtschaftlichen      Nation, mit der Unterdrückung religiöser Führer durch die
Belange zentralistisch gelenkt wurden, also aus dem           Kommunisten 50 Jahre später. Konfessioneller Glaube ist
Kommunismus, wo solche Orte der Nomenklatura vorbe-           dabei eine zivilgesellschaftliche Resource, die noch ein-
halten waren. Wenn nun die arithmetisch, nicht aber so-       mal fünfzig Jahre später den Charakter eines Mahnmals
zial begabte Protagonistin Irina eine Holztrommel erklin-     bekommt.
gen lässt, als wäre man in einem Resort für Esoteriker,           Diesen expliziten Gedenkfilmen aber stehen im ru-
dann tun sich verschiedene Zeiten im Hintergrund eines        mänischen Kino eben zunehmend komplexere Schich-                         3
Films auf, der zugleich ganz und gar zeitgenössisch ist.      tungen von Identität gegenüber. In Cristi Puius opus mag-
Ein Pope bekommt auf einem der meist katastrophal ver-        num MALMKROG wird diese Regionalisierung, die
laufenden Familientreffen eine Krautsuppe serviert, seine     bewusst nach Geschichtsorten sucht, geradezu pro-
Gegenwart ist ebenfalls ein Indiz für den Traditionalismus,   grammatisch. Das Gut, auf dem der Film spielt, ist zu-
dem das Leben auf dem Land gehorcht.                          gleich maximal abgelegen und vollkommen zentral. Der
      In Liviu Săndulescus CĂRTURAN spielte Adrian Titieni    Widerspruch wird überbrückt durch eine Kultur, die noch
eine vergleichbare Rolle, einen Pfarrer, der zugleich zen-    den ersten Landnahmen, also feudalen Bezügen ent-
trale Autorität in einem ländlichen Ort ist. In diesem Fall   stammt, die aber durch Lektüre und Reisen zugleich der
verteidigt er ein Brauchtum, das nicht nur christlich ge-     großen Welt draußen angehört. Für Rumänien, das Land
prägt ist, sondern auf ältere Bestattungsrituale verweist:    am südöstlichen Rand Europas, sind die inneren Verhält-
bei einer Beerdigung werden »Almosen« gesammelt.              nisse von Mitte und Rand, Zivilisation und Unberührtheit
Man könnte CĂRTURAN als eine pointierte Modernisie-           immer auch Spiegelungen der Aushandlungen seines
rung dieser alten sozialen Zusammenhänge lesen: Denn          Orts in der Welt.		                         Bert Rebhandl
da macht nun einer geltend, dass er selbst es doch sein
sollte, dem diese Gaben zugute kommen sollen. Der Tod-        Ein Programm in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft zur Förde-
                                                              rung der Rumänischen Kultur und Tradition e.V., München.
geweihte möchte den gemeinschaftlichen Akt vorziehen,
er möchte selbst noch etwas von diesem Brauch haben,
damit er über die Hinterlassenschaft verfügen kann.           Berliner (Die Kampagne) | Rumänien 2020 | R: Mari-
CĂRTURAN oder die Politsatire BERLINER von Marian             an Crișan | B: Marian Crișan, Gabriel Andronache | K:
Crișan sind Filme, die in den Übergangsbereichen zwi-         Oleg Mutu | D: Ion Sapdaru, Ovidiu Crișan, Maria
schen Ursprünglichkeit und Gegenwart spielen, an Orten,       Jungheţu, Sorin Cociş, George Dometi, Ioana Chitu, Ion
die Provinz sind, aber doch Beziehungen zum Zentrum,          Ruscut | 94 min | OmeU | Eine Autopanne führt zu be-
zu den Institutionen haben. ÎNTREGALDE hingegen geht          deutenden Veränderungen im Leben eines einfachen
bewusst an diese Grenze, und überschreitet sie. Der Film      Menschen: Viorel ist ein Bauer in einer entlegenen Re-
trifft dort auf Menschen, die den Siedlern im amerikani-      gion im Westen Rumäniens. Als eines Tages der Politi-
schen Western entsprechen, raue Gesellen oder fromme          ker Mocanu mit seinem defekten Auto vor ihm steht,
Frauen, die in unwirtlichen Situationen die Stellung hal-     hilft er natürlich. Allerdings kann das benötigte Ersatz-
ten. Staatliche Strukturen entwickeln sich entlang von        teil nur über Nacht beschafft werden. Damit beginnt
Infrastrukturen, erst wenn Straßen eine Verbindung zwi-       eine Komödie, in der es wenig zu lachen gibt. Mocanu
schen Orten herstellen, wächst etwas zusammen. Bei            wittert eine Chance und präsentiert sich in einem lau-
Radu Muntean führen die Straßen tief in den Wald, und         fenden Wahlkampf als »alter Freund« von Viorel, der
sie enden im Ungewissen.                                      fortan bei all den arrangierten Szenen mitmacht, die
      Natürlich gibt es auch in den aktuellen Jahrgängen      Mocanus Assistent vor allem für Facebook inszeniert.
des rumänischen Kinos Filme, die ausdrücklich histori-        Marian Crișan führt die zynischen Strukturen der Politik
sche oder gründungsmythologische Begebenheiten auf-           (und der korrupten rumänischen Elite im besonderen)
greifen. Andrei Zincăs ŞI ATUNCII ... CE E LIBERTATEA?        unaufdringlich vor Augen, und findet in Viorel einen per-
erinnerte an das Trauma der Kollektivierung der Land-         fekten (Anti-)Helden.
wirtschaft in den ersten Jahren der kommunistischen            Freitag, 12. November 2021, 19.00 Uhr
Războiul Regelui (Der Krieg des Königs) | Rumänien          risch bleibt auch die Geschichte von Anton und Bea-
                           2016 | R+B: Trevor Poots | K: Viorel Sergovici Sr., Lulu    trice, den beiden Liebenden. Für Șerban ist der durch-
                           Hillerin, James Miller, Matthew Vaughan | M: Andrei Va-     aus rätselhafte Film »eine Liebesgeschichte zwischen
                           silache | 48 min | OmeU – Regele Mihai – Drumul
Rumänisches Filmfestival

                                                                                       Büchern«. Amerika ist eher eine Chiffre als ein realer
                           către casă (Der letzte König hinter dem Eisernen            Ort.
                           Vorhang) | Rumänien 2021 | R+B: Trevor Poots | K:            Samstag, 13. November 2021, 20.00 Uhr
                           Viorel Sergovici Sr., Adrian Danciu, James Miller, Jon
                           Bjorgvinson | M: Andrei Vasilache | 48 min | OmeU |         Malmkrog | Rumänien 2020 | R+B: Cristi Puiu, nach
                           Zwei Dokumentarfilme zum 100. Geburtstag von Mihai          »Drei Gespräche« und »Kurze Erzählung vom Antichrist«
                           I., dem letzten König Rumäniens. DER KRIEG DES KÖ-          von Vladimir Solov'ev | K: Tudor Vladimir Panduru | D:
                           NIGS erzählt eine der letzten unbekannten Geschichten       Agathe Bosch, Ugo Broussot, Marina Palii, Frédéric
                           über den Zweiten Weltkrieg. Mit dem Mut der Verzweif-       Schulz-Richard, Diana Sakalauskaité, István Téglaș, Ju-
   4                       lung gelang es dem jungen rumänischen König, bei ei-        dith State, Simona Ghiţă | 200 min | OmeU | Auf einem
                           nem Treffen mit Hitler die Gräuel des Krieges um sechs      Landgut in Transsylvanien (der Filmtitel benennt den
                           Monate zu verkürzen. Eine Geschichte der Intrigen, der      Ort) an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert kom-
                           Täuschungen und des Mutes, mit aristokratischen Spi-        men einige kultivierte Menschen zusammen. Gespro-
                           onen, Erpressungen und Waffengewalt – vom Bucking-          chen wird Französisch (die Vorlage von Vladimir So-
                           ham Palace bis Bukarest, von Moskau bis Washington.         lov'ev wurde in Russisch verfasst). Drei Gespräche über
                           Der zweite Film erzählt die dramatische Exilgeschichte      den Krieg, den Fortschritt und das Ende der Weltge-
                           eines schneidigen und oft einsamen jungen Mannes,           schichte. MALMKROG ist in hohem Maß ein Diskursfilm:
                           der im großen Schachspiel zwischen der CIA, die in Ru-      Menschen in Kostümen sprechen leidenschaftlich und
                           mänien einen bewaffneten Widerstand gegen den               in geschliffener Form über Fragen der Moral, der Reli-
                           Kommunismus aufbauen wollte, und Sowjetrussland             gion, der Geschichte. Einige wagemutige erzählerische
                           hin und her geschoben und dabei von den gefürchteten        Manöver interpunktieren die Inszenierung. Bei aller
                           Agenten von Ceaușescus Securitate bespitzelt und ver-       Text- und Werktreue geht MALMKROG doch weit über
                           folgt wurde.                                                eine »Literaturverfilmung« hinaus: Selten einmal hat
                            Samstag, 13. November 2021, 17.00 Uhr                     das Kino sich so dezidiert an einer Wegmarke von Ge-
                                                                                       schichtsphilosophie und opaker Gegenwartsdeutung
                           These Days | Rumänien 2020 | R+B: Andrei Crețules-          positioniert wie dieses Salonstück, das den Geist einer
                           cu | K: Ana Drăghici | D: Ana Ularu, Emilian Oprea | 12     verlorenen Epoche zum Leben erweckt. Darüber hinaus
                           min | OmeU | Eine Wohnung, eine Kameraposition, am          ist MALMKROG auch eine Meditation über das alte und
                           Ende ein Schwenk: Ein Paar macht sich zum Ausgehen          das neue Europa. Der Ort der Handlung lässt sich als
                           bereit, doch bald geht die Symmetrie der Handlungen         Bindeglied sehen zwischen einer Welt, der Russland als
                           verloren. – In the Shadow of Men | Rumänien 2020 |          Zivilisationsmacht angehörte, und der heutigen Ent-
                           R+B: Andrei Crețulescu | K: Andrei Butică | D: Rodica       fremdung zwischen Ost und West.
                           Lazăr, Crina Semciuc, Şerban Pavlu, Andi Vasluianu,          Sonntag, 14. November 2021, 17.00 Uhr
                           Dorian Boguţă, Ana Ularu, Radu Iacoban, Emilian Oprea
                           | 18 min | OmeU | Zwei Frauen in drei Szenen, in denen      Întregalde | Rumänien 2021 | R: Radu Muntean | B:
                           sie zweimal im Schatten ihrer Männer stehen, bevor sie      Radu Muntean, Răzvan Rădulescu, Alexandru Baciu | K:
                           in der dritten in die gemeinsame Freiheit aufbrechen        Tudor Vladimir Panduru | D: Maria Popistaşu, Ilona Bre-
                           (wollen). – Dragoste 2 – America (Liebe 2 – Ameri-          zoianu, Alex Bogdan, Luca Sabin, Toma Cuzin, Radu
                           ka) | Rumänien 2020 | R+B: Florin Șerban | K: Oleg          Muntean, Alex Baciu, Gabor Bondi | 104 min | OmeU |
                           Mutu | M: Bartosz Chajdecki | D: Igor Babiac, Emöke         Maria, Ilinca und Dan tun Gutes. Sie bringen Säcke mit
                           Pál, Constantin Dogioiu | 75 min | OmeU | Das erste Bild    Konserven, Süßigkeiten und anderen Hilfsgütern zu
                           in Florin Șerbans Mittelteil seiner Liebes-Trilogie: eine   Menschen in entlegenen Gebieten. Sie fahren mit
                           Brücke im Wald. Eine Frau ist offensichtlich auf der        schweren Geländewagen zu einsamen Hütten, zu de-
                           Flucht. Im Verlauf des Films lotet Serban alle Möglich-     nen kaum benutzte Straßen führen. Als sie unterwegs
                           keiten aus, diesen Ort (gedreht wurde in den Se-            einen alten Mann treffen, der zu einem Sägewerk will,
                           menic-Bergen am Abhang der Karpaten im Südwes-              nehmen sie eine Abzweigung, die sich als unheilvoll
                           tens Rumäniens) mit filmischen Mitteln zu erschließen       erweist. Radu Muntean spielt hier mit Motiven des Hor-
                           und zugleich in Fragmente zu zerlegen. Und fragmenta-       rorkinos (wo die Provinz oft zum Ort des Schreckens
Rumänisches Filmfestival
ÎNTREGALDE

                                                                                                                                                5

             wird), bleibt aber dem protokollarischen Erzählen treu,      der schnell »Juden« im Hintergrund vermutet, wenn
             das so charakteristisch ist für das neuere rumänische        ihm etwas nicht passt. In einer hellen Mondnacht deu-
             Kino insgesamt. ÎNTREGALDE findet am äußersten               tet sich schließlich ein Geheimnis an, von dem nicht nur
             Rand zum Kern der heutigen Verhältnisse in Rumänien:         Irina bestimmt ist. Ihre Ambivalenz wird sie wohl nicht
             Die Leute aus der Stadt und die Leute vom Land wissen        mehr los.
             nichts miteinander anzufangen, und während die einen          Mittwoch, 17. November 2021, 19.00 Uhr
             ihren modernen Lebensstil betonen, stecken andere
             noch in Zeiten fest, für die auch der Kommunismus nur        Urma (Die Spur) | Rumänien 2020 | R: Dorian Boguţă |
             am Rande ein Faktor war. Dass dann auch längere Zeit         B: Dorian Boguţă, Loredana Novak | K: Barbu Bălășoiu |
             die Hilfsaktion buchstäblich feststeckt, ist ein schönes     M: Marius Leftărache, Matei Stratan, Urma | D: Teodor
             Sinnbild für einen Fortschritt, der nicht von außen kom-     Corban, Marin Grigore, Irina Rădulescu, Mădălina Ghe-
             men kann.                                                    nea, Dragoş Bucur, Lucian Ifrim, István Téglaș | 104 min
              Dienstag, 16. November 2021, 19.00 Uhr                     | OmeU | Der Film beginnt in einer leeren Wohnung, in
                                                                          der die Polizei nach Indizien für den Verbleib eines Ver-
             Crai Nou (Blauer Mond) | Rumänien 2021 | R+B: Alina          missten sucht: Anton, ein berühmter Musiker, ist nicht
             Grigore | K: Adrian Pădureţu | M: Ioan Filip, Subcarpaţi |   mehr aufzufinden. Gemeinsam mit den Angehörigen be-
             D: Ioana Chiţu, Mircea Postelnicu, Mircea Silaghi, Vlad      ginnen die Behörden, sich mit dem Fall zu beschäftigen:
             Ivanov, Robi Urs, Emil Măndănac, Ioana Flora | 85 min |      die Lebensgefährtin von Anton, seine Schwester und
             OmU | »Ein psychologisches Drama mit den Ingredien-          deren Mann – alle haben ihre Erinnerungen an und ihre
             zien Familie, Sex und ein bisschen Blut.« (Alina Grigore)    Geheimnisse mit dem Verschwundenen. Das rumäni-
             Irina wird morgens unsanft aus dem Bett geholt. Privat-      sche Kino hatte immer schon eine Neigung zu analyti-
             sphäre wird in der Familie klein geschrieben, bei der sie    schen Erzählungen, also zu Dramaturgien, in denen der
             lebt – der Vater hat sich vor vielen Jahren nach London      Verlauf der Geschichte mit der Freilegung immer neuer
             verabschiedet, nun ist er zu Besuch. Er wirkt so, als        Details einher geht, bis schließlich Klarheit über die Um-
             wäre er ein erfolgreicher Mann. Irina soll zu ihm nach       stände mit einem Schlusspunkt zusammenfallen. URMA
             England kommen. Doch sie hat andere Pläne. Sie will          lässt sich als ein extremes Beispiel für dieses Erzählen
             nach Bukarest gehen, um dort zu studieren. Doch der          begreifen, vielleicht schon fast auch als eine Parodie: Die
             Onkel, der Cousin, der ganze Clan, der in einer prächti-     Bewegung führt aus der Stadt aufs Land hinaus und zu
             gen Berglandschaft ein Hotel betreibt, wollen sie nicht      einem »heiligen« Ort, das Ende ist schließlich angemes-
             gehen lassen. Alina Grigore entfaltet das chaotische         sen rätselhaft.
             Soziogramm dieser Familie mit einer agilen Kamera, die        Donnerstag, 18. November 2021, 19.00 Uhr
             immer nahe an den Figuren ist, aber auch sehr ge-
             schickt die Spannungen zwischen ihnen aufgreift. Ne-
             ben Irina wird vor allem ihr Cousin Liviu zu einer wichti-
             gen Figur, ein junger Mann, der nicht lesen kann, und
Zum 200. Geburtstag von Fedor Dostoevskij
Fedor Dostoevskij

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                                                                                                                                          THE BROTHERS KARAMAZOV
                    Fedor Michailovič Dostoevskij (1821–1881) ist nicht       ersetzt Petersburg (»die künstlichste aller Städte«)
                    nur einer der bedeutendsten Romanautoren der Welt-        durch eine zeitgenössische italienische, jedoch in irrea-
                    literatur, sondern gehört auch zu den russischen Auto-    lem Licht schimmernde Stadt voller kleiner Brücken.
                    ren, die im Ausland viel beachtet, gelesen – und von      Bresson verlegt Dostoevskijs Sujets in ein Pariser Mili-
                    Meisterregisseuren verfilmt wurden. In der Retrospekti-   eu, als wäre nichts Petersburgisches an den »Weißen
                    ve sind Verfilmungen aus allen Perioden seines Schaf-     Nächten« – obwohl doch die hellen Nächte ein Spezifi-
                    fens vertreten, von »Weiße Nächte« (1848) über »Schuld    kum des Nordens sind und dort im Sommer für eine
                    und Sühne« (1866) bis zu »Die Brüder Karamazov«           unwirkliche Atmosphäre sorgen. Während Visconti noch
                    (1879/80), laut Sigmund Freud der »großartigste Ro-       mit studiogeneriertem Chiaroscuro arbeitet, verzichtet
                    man, der je geschrieben wurde«. Besonders reizvoll ist    Bresson darauf, den Titel wörtlich zu nehmen und inter-
                    der Vergleich verschiedener Adaptationen derselben        pretiert das Oxymoron der ›weißen Nacht‹ als Möglich-
                    Vorlage: etwa Luchino Viscontis LE NOTTI BIANCHE mit      keit einer ungeahnten, nur kurz aufscheinenden Klar-
                    Robert Bressons QUATRE NUITS D’UN RÊVEUR, oder            heit der Erkenntnis und des Fühlens. Die Pariser Weißen
                    der völlig unterschiedlichen Verfilmungen von »Der Idi-   Nächte werden zu einer Ausnahmezeit, in der die bisher
                    ot« und »Die Brüder Karamazov«.                           unklaren Wünsche ans Licht kommen dürfen. Die Pari-
                         Wie wurde Dostoevskij bisher überhaupt verfilmt?     ser Brücken bieten sich – 20 Jahre vor Leos Carax’ DIE
                    Man kann grob zwei Ausrichtungen unterscheiden. Die       LIEBENDEN VON PONT-NEUF (1991) – als Kulisse für
                    meisten Filme belassen die Handlung in der zweiten        zarte Anbahnungen und emotionale Ergüsse an; diese
                    Hälfte des 19. Jahrhunderts und rekonstruieren »Origi-    großen Brücken sind Orte der Grenzüberschreitung und
                    nalschauplätze« der Romane, also Petersburg, das rus-     des neuen Sehens, die für den Sehnsüchtigen Zeichen
                    sische Provinzstädtchen oder Wiesbaden (Čardynin,         bereithalten (so trägt der vorbeifahrende Kahn den Na-
                    Wiene, Ozep, Brooks, Pyr’ev, Kulidžanov, Wajda). Die      men der Geliebten).
                    zweite Gruppe von Filmen versetzt das Sujet in eine           Doch bereits in Vorkriegsverfilmungen von Dosto-
                    andere Zeit oder an einen anderen Ort (Visconti, Bres-    evskij abstrahierte man zuweilen vom russischen Mi-
                    son, Kaurismäki, Zelenka, Vecchiali).                     lieu. Die Vertreter des »Russenfilms« wie Carl Froelich
                         Es scheint, dass besonders der westeuropäische       (IRRENDE SEELEN / SKLAVEN DER SINNE, 1921, nach
                    Film der 1950er bis 1970er Jahre in den literarischen     »Der Idiot«) und Friedrich Zelnik (ERNIEDRIGTE UND
                    Vorlagen Dostoevskijs universelle Sujets erkennt, die     BELEIDIGTE, 1922) kombinierten in der Ausstatung vi-
                    auch anderswo verortet werden können. Visconti etwa       suelle Trends der westlichen Roaring Twenties mit rus-
sischen Versatzstücken – und das alles auf dem Rü-                Überzeugender ist da Yul Brynners schillernde Erotik
cken der literarischen Vorlagen, von denen wenig übrig       in der amerikanischen Verfilmung aus den 1950er Jah-
blieb. Jerzy Toeplitz schreibt über Wienes expressionis-     ren. In Brooks’ Film bilden ähnlich wie bei Ozep die
tischen RASKOLNIKOW: »Es war kein Zufall, dass der           Söhne Dmitrij und Smerdjakov zum Vater ein Dreieck
Regisseur Robert Wiene, der Schöpfer von DAS CABI-           der Spannung. Im Gegensatz jedoch zum hilflosen
NET DES DR. CALIGARI, den Roman ›Schuld und Süh-             Greis von 1931 ist Fedor Karamazov (Lee J. Cobb) bei

                                                                                                                          Fedor Dostoevskij
ne‹ verfilmte und Raskolnikow in einem stilisierten De-      Brooks ein echter Rivale seines Sohnes. Stärker her-
kor sich bewegen und handeln ließ, das eher an die           ausgearbeitet sind hier Dmitrijs potentielle kriminelle
deutsche Kleinstadt von Mayer und Janowitz erinnerte         Energien, die dem kühlen Intellekt seines Bruders Ivan
als an das Petersburg des 19. Jahrhunderts.« Man             gegenüberstehen, dessen Mitschuld darin besteht,
könnte einwenden, dass die expressionistische Stadt-         dem Vater nicht zu Hilfe gekommen zu sein. Smerdja-
architektur insgesamt geografisch nicht festgelegt ist,      kov wiederum bezeichnet sich selbst als das Werkzeug
vielmehr die dunklen und unsicheren Seiten der Urba-         des ödipalen Wunsches der beiden anderen. Der Bezug               7
nität hervorkehrt: Raskol’nikov (der groß und kräftig        zur Freudschen Auslegung des Textes vom verhassten
wirkende Grigorij Chmara) betritt seine schiefwändige        Vater der Urhorde ist deutlich – deshalb wirkt die Figur
Wohnung wie eine Erdhöhle, ein »Kellerloch«. Die ex-         des gottesfürchtigen Bruders Aljoša etwas deplatziert
pressionistischen Filmbauten scheinen die Menschen           (1931 fehlte sie im Drehbuch von Ozep/Frank/Trivas
dazwischen zu erdrücken, sie geradezu zum Verbre-            ganz).
chen zu treiben – hier erweist sich die Kombination von           Als Maßstab der Qualität einer Literaturverfilmung
caligaresker Kulisse und den ruhig-natürlich agieren-        wird meist der Grad der Werktreue angesehen. Doch
den Schauspielern des Moskauer Künstlertheaters als          was bedeutet Werktreue oder Nähe zum Original, wenn
wohltuend. Chmaras Augen tragen zwar den expressio-          ein Text in ein multimediales Raum-Zeit-Medium über-
nistischen Lidstrich, seine Bewegungen und Mimik sind        führt wird? Geht es um die Handlung, die religiöse,
aber nicht überzeichnet, sondern psychologisch fun-          geistige oder politische Ausrichtung oder aber um eine
diert – eben der Stanislavskij-Tradition verpflichtet.       bestimmte Atmosphäre – etwa die des typischen
Wienes Film gehört streng genommen also nicht zur            Dostoevskijschen Skandals und der sich überschlagen-
oben beschriebenen »Russenwelle«, bei der der Russe          den Hysterie (russ. »nadryv«), die oft mit der Idiotie des
immer das Andere, das Abnormale, das Gesetzlose,             Gottesnarren gepaart wird?
bestenfalls das unberechenbar Maßlose verkörpern                  Die hysterische Atmosphäre des »nadryv«, ein Wort,
musste: sei es Ivan der Schreckliche oder ein Karama-        das man auch mit Überreizung wiedergeben kann, ent-
zov.                                                         lädt sich in Dostoevskijs Texten meist in einer Skandal-
    Weitere Früchte deutsch-russischer Zusammenar-           szene (Geldbündel werden in den Kamin geworfen) oder
beit waren zwei in Deutschland produzierte Karama-           einem Anfall. Dostoevskijs Werk ist voll von »nadryv«-
zov-Verfilmungen: Froelich ließ sich 1920 für seine          Personen; zumeist leiden sie an derselben Krankheit
Adaptation des russischen Romans von Dimitri Bucho-          wie ihr Autor, an der Epilepsie. Es sind dies zum einen
wetzki beraten, und der russische Emigrant Fedor Ozep        die helle Figur des Fürsten Myškin und zum anderen
wählte deutsche Charakterdarsteller für seinen Tonfilm       eine der abscheulichsten Kreaturen, die Dostoevskij
aus dem Jahre 1930/31. Oksana Bulgakowa verzeich-            ersonnen hat: Smerdjakov, der illegitime Sohn und Mör-
net in diesen beiden (vor allem für ein deutsches Publi-     der des Urvaters Fedor Karamazov. Während in den
kum produzierten) Filmen die Reduktion der psycholo-         literarischen Texten das Hassenswerte dieser Figur nur
gisch-philosophisch-religiösen Vatermordgeschichte           indirekt aufscheint, muss sie im Film mit einem konkre-
auf einen moralisierenden Krimi: Im Film von Ozep            ten Schauspieler besetzt werden. Ozep wählt den sub-
mordet eine Nebenfigur aus Berechnung, der Held er-          alternen Widerling Fritz Rasp, Brooks den aalglatten,
liegt einem Justizirrtum, und die Dirne wird ehrbar. Fritz   doch zugleich psychotisch wirkenden Albert Salmi. Bei-
Kortner, der bereits bei Froelich den Dmitrij gegeben        de wirken in gewisser Weise debil. Der des Schwach-
hatte, zeigt ein Jahrzehnt später mehr als »eine Spur        sinns geziehene Fürst Myškin aus dem Roman »Der
zuviel Raisonnement« (so Siegfried Kracauer in der           Idiot« dagegen wird von dem durchgeistigten und edlen
Frankfurter Zeitung, 13.2.1931) und seine kreuzbrave         Gérard Philipe (bei Lampin, 1946) dargeboten, bzw. bei
Darstellung sinnlicher Leidenschaft in den Zigeuner-         Kurosawa (HAKUCHI, 1951) von dem feinsinnigen Mori.
szenen erinnert in manchem eher an Heinrich Manns            Hier fällt auf, dass auch das »Idiotische« kulturell ver-
»Untertan« als an Dostoevskij.                               schieden ausfällt.
Die politische Dimension von Dostoevskijs Schriften   greise Großmutter am Roulette nur ein schrulliger loser,
                                       hatte in der UdSSR dazu geführt, dass der Autor jahr-     bei Dostoevskij jedoch die Figur, die durch ihr beständi-
                                       zehntelang praktisch zu den Verfemten gehörte; damit      ges Setzen auf die Zahl Null das intrikate Nullsummen-
                                       hängt auch der relativ späte Anfang der Geschichte        spiel des Textes bedingt). Bereits der Titel vom »Großen
                                       sowjetischer Dostoevskij-Adaptationen zusammen, die       Sünder« lässt vermuten, dass der Film das Schicksal
                                       zunächst nur linientreuen Regisseuren (wie dem Stali-     des russischen Spielers aus der moralischen Perspek-
Fedor Dostoevskij

                                       nisten Ivan Pyr’ev in den 1950ern oder später dem         tive hehrer Ideen beleuchtet – ein Moment, das im oft
                                       Ersten Sekretär des Filmverbands, Lev Kulidžanov)         zynisch daherkommenden Originaltext weitgehend
                                       überantwortet wurden. Es ist der polnische Regisseur      fehlt. Diese Reduktion des echten Dostoevskij, der über
                                       Andzrej Wajda, der in seinen LES POSSÉDÉS der Ver-        »Verbrechen« und »Strafe« schrieb, auf die moralisch
                                       nachlässigung der ideologischen Problematik in den        gefärbte Rede von »Schuld« und »Sühne« ist freilich ein
                                       filmischen Dostoevskij-Bearbeitungen ein Ende macht       Übel, das bereits in der Rezeption seiner Romane ange-
  8                                    und sich an »Die Dämonen« wagt. Wajda gelingt es hier,    legt ist. »Die Überschätzung des ›ideellen Überbaus‹
                                       den politischen Weitblick des Autors zu würdigen und      der Werke Dostojewskis gehört zu den bewährtesten
                                       mit Hilfe von hervorragenden Schauspielern der Ge-        Fallen, die dieser Autor seinen Kritikern und Lesern
                                       schichte der lokalen Revolution von Stavrogin/Vercho-     stellt.« (Aage Hansen-Löve)
                                       venskij eine tragische Note zu geben.                         Und doch fängt Siodmaks Film ein zentrales
                                           Was bewirken einschneidende Eingriffe in die von      Dostoevskij-Thema ein – das der (Spiel-)Leidenschaft,
                                       Dostoevskij vorgegebene Handlung? Robert Siodmaks         die alle menschlichen Regungen, ja, sogar den Eros
                                       THE GREAT SINNER (1948) vernachlässigt nicht nur die      (hier Ava Gardners) zunichte macht. Der süchtige Spie-
                                       Namen der Personen (aus dem Hauslehrer wird               ler unterwirft sich bedingungslos der Magie der Zahlen
                                       Dostoevskij selbst), sondern lässt Randfiguren wie Ma-    und der Mechanik der Roulettescheibe. Vor allem in den
                                       demoiselle Blanche beiseite oder verändert ihre Bedeu-    Hollywood-Produktionen sind die wahren Bezüge zu
                                       tung für die Idee der Geschichte (bei Siodmak ist die     Dostoevskij nicht gerade vordergründig: Es ist das psy-
                    THE GREAT SINNER
chologische, um nicht zu sagen, psychoanalytische           de, wirklich ein Fabrikarbeiter, oder ist er vom Festival
Ausloten der Figurenkonstellationen und das auch in         eingeschleust und das tragische Ereignis nur eine In-
Dostoevskijs Kriminalgeschichten prominente Moment          szenierung, für die die Theatergruppe das Publikum
des suspense, durch das die amerikanischen Verfil-          abgibt? Ständig werden wir daran erinnert, dass wir ein
mungen brillieren.           Natascha Drubek-Meyer          Stück nach einem Roman in einem Film sehen, doch
                                                            anstatt dass die Handlungsebenen konstrastierten, ver-

                                                                                                                         Fedor Dostoevskij
The Brothers Karamazov (Die Brüder Karamasow)               schmelzen sie.
| USA 1958 | R+B: Richard Brooks, nach dem Roman             Samstag, 20. November 2021, 17.00 Uhr
von Fedor Dostoevskij | K: John Alton | M: Bronislau
Kaper | D: Yul Brynner, Maria Schell, Claire Bloom, Lee     Die Brüder Karamasoff | Deutschland 1920 | R: Carl
J. Cobb, Albert Salmi, Richard Basehart, William Shat-      Froelich | B: Carl Froelich, Dimitri Buchowetzki,.Ronald
ner | 145 min | OF | »Richard Brooks' Konzentration         von Boschitzko, nach dem Roman von Fedor Dostoevskij
liegt auf der Beziehung des Zynikers Dimitri Karamasow      | K: Otto Tober | D: Fritz Kortner, Bernhard Goetzke, Emil        9
und seinem Vater, eine Hass-Liebe, die dadurch ihren        Jannings, Hermann Thimig, Alina Griffycz-Milewska,
Höhepunkt erreicht, dass sich beide in dieselbe Frau        Rudolf Lettinger, Hanna Ralph, Werner Krauß | 105 min
verlieben. Der Sündenfall tritt ein, Vatermord, der Ver-    | »Das, was der Film bietet, ist natürlich ein zusammen-
such eines Neuanfanges scheitert, die Moral versagt,        gedrängter Extrakt des Buchdramas, der aber doch in
und Gerechtigkeit ist eine Illusion. Aus den Trümmern       der Filmbearbeitung nichts Unwesentliches fortlässt,
der gescheiterten Ideale von Loyalität, Freundschaft        sondern das Fortschreiten des Geschehnisse in logi-
und Liebe steigt zu guter Letzt ausgerechnet dem Athe-      scher Aufeinanderfolge in sehr guten Szenen festhält.
isten unter den Brüdern die Erkenntnis empor: Wir alle      Carl Froelichs äußerst sorgfältige Regie zeigt Bilder
sind Werkzeuge des Teufels. Brooks’ Inszenierung ist        echt russischer Färbung und operiert mit Darstellern,
solide, was insbesondere in der Kameraarbeit stre-          die sich in den Charakter ihrer Rollen mit größter Hinge-
ckenweise zwar nur Routine bedeutet, dafür wird durch       bung eingelebt zu haben scheinen. Es wird ein wahr-
geschickte Farb- und Lichtkomposition der außerweltli-      haftiger Einblick in die Kultur der Handlungsumgebung
che Bezug geschaffen, der dem Werk die manipulative         des Stückes geboten, eine Bildschilderung der Sitten
Aura verleiht, die auch traditionelle Kirchengemälde        und Gebräuche, wie sie auch Dostoevskijs gewandte
zum Kultobjekt stilisierte – letztlich ein entscheidendes   Feder nicht anschaulicher bieten konnte. Einen ausge-
Merkmal des Classical Hollywood Style.« (Matthias           zeichneten Typ hatte Werner Krauß mit seinem epilepti-
Grimm)                                                      schen Koch Smerdjakoff geschaffen. Eine Kabinettleis-
 Freitag, 19. November 2021, 19.00 Uhr                     tung für sich. Der alte Karamasoff fand in Fritz Kortner
                                                            einen prächtigen Nachgestalter. Dem düsteren Zyniker
Karamazovi (Die Karamazows) | Tschechien 2008 |             Iwan gab Bernhard Goetzke die entsprechende Charak-
R+B: Petr Zelenka, nach dem Theaterstück von Evald          terisierung. Emil Jannings spielte den leichtsinnigen,
Schorm | K: Alexander Šurkala | M: Jan A.P. Kaczmarek       lebensfrohen Dimitri ganz im Sinne russischer Auffas-
| D: Ivan Trojan, Lenka Krobotová, Igor Chmela, Martin      sung.« (Der Kinematograph)
Myšička, David Novotný, Radek Holub, Michaela Badin-         Samstag, 20. November 2021, 20.00 Uhr | Musikbe-
ková | 100 min | OmeU | Eine tschechische Theater-          gleitung: Günter A. Buchwald
gruppe fährt für ein alternatives Festival ins polnische
Nowa Huta, um dort vor der Belegschaft eines noch           Die Frau mit den 5 Elefanten | Schweiz 2009 | R+B:
aktiven, aber verfallenden Stahlwerks die Bühnenbear-       Vadim Jendreyko | K: Niels Bolbrinker, Stéphane Kuthy |
beitung von Fedor Dostoevskijs »Die Brüder Karama-          M: Daniel Almada, Martín Iannaccone | Mit: Svetlana
zov« aufzuführen, die der tschechische Autor Evald          Geier, Anna Götte, Hannelore Hagen, Jürgen Klodt | 93
Schorm Anfang der 1980er Jahre ins Theater und ins          min | Als die fünf Elefanten bezeichnet Svetlana Geier
Fernsehen brachte. Kein Wunder, dass die Grenzen zwi-       selbst die fünf großen Romane Dostoevskijs, die sie neu
schen Literatur, Theater, Film und Realität verschwim-      ins Deutsche übertragen hat. Damit wurde sie weit über
men. Soll die Truppe in der baufälligen Halle ernsthaft     Spezialistenkreise bekannt, auch weil sie bei ihren
mit Schutzhelmen auftreten? Kann sich der Darsteller        Übersetzungen nah am Russischen blieb und die Titel
des Dmitrij rechtzeitig davonstehlen, um daheim an ei-      »Schuld und Sühne« und »Die Dämonen« in »Verbre-
nem Nachtdreh teilzunehmen? Ist der Fabrikarbeiter,         chen und Strafe« und »Böse Geister« änderte. Regis-
dessen Kind beim Spielen im Werk schwer verletzt wur-       seur Vadim Jendreyko beobachtet die 85-jährige Svet-
lana Geier bei ihrer akribischen Übersetzungsarbeit,        Adaptation des Dostojewski-Romans im damaligen Ge-
                    wenn sie mit ihrem ebenfalls schon betagten Assisten-       genwartsparis spielen lassen. Der Film schmilzt die lite-
                    ten jedes einzelne Wort sorgfältig abwägt. Der Doku-        rarische Vorlage auf ihre kriminalistische Essenz ein,
                    mentarfilm führt aber auch in die bewegte Vergangen-        ohne doch die philosophischen Implikationen ganz aus
                    heit von Svetlana Geier und in ihren ukrainischen           dem Blick zu verlieren. Die morbide Ausstrahlung ver-
                    Heimatort, den sie seit ihrer Flucht 1943 nicht mehr        fallener Bauten in alten Pariser Quartieren tut ein Übri-
Fedor Dostoevskij

                    besucht hat. »Der Film zeichnet ein komplexes Bild sei-     ges, um die bedrückende Atmosphäre des Romans zu
                    ner Protagonistin, löst nicht die großen Widersprüche       beschwören. Der Film bezeugt mit jeder Einstellung den
                    einer ereignisreichen Biografie, in der die Zeitgeschich-   versierten Blick seines Regisseurs und ein unaufdring-
                    te solch deutliche Spuren hinterlassen hat, und folgt mit   liches Können, das sich ganz in den Dienst der Ge-
                    seinen Bildern dem Tempo ihrer Erzählung.« (Lena            schichte stellt. Überdies erfreut er mit glänzenden
                    Serov)                                                      Schauspielerleistungen.« (Steffen Jacobs)
10                   Dienstag, 23. November 2021, 19.00 Uhr                     Freitag, 26. November 2021, 19.00 Uhr

                    Der Mörder Dimitri Karamasoff | Deutschland 1931 |          Crime and Punishment (Schuld und Sühne) | USA
                    R: Fedor Ozep | B: Leonhard Frank, Fedor Ozep, Victor       1935 | R: Josef von Sternberg | B: Joseph Anthony, S.K.
                    Trivas, nach Motiven des Romans »Die Brüder Karama-         Lauren, nach dem Roman von Fedor Dostoevskij | K:
                    zov« von Fedor Dostoevskij | K: Friedl Behn-Grund | M:      Lucien Ballard | M: R.H. Bassett, Louis Silvers | D: Peter
                    Karol Rathaus | D: Fritz Kortner, Anna Sten, Fritz Rasp,    Lorre, Edward Arnold, Marian Marsh, Tala Birell, Elisa-
                    Bernhard Minetti, Max Pohl, Elisabeth Neumann-Viertel       beth Risdon, Robert Allen, Gene Lockhart | 95 min |
                    | 93 min | »Die Musik zu DER MÖRDER DIMITRI KARA-           OF | »Die Frage, was diese Verfilmung mit Fedor Dosto-
                    MASOFF zählt zu den bahnbrechenden Leistungen des           evskijs Romanklassiker von 1866 verband, sah Stern-
                    Tonfilms. Sie entwickelt sich zum emotionalen Spiegel       berg als lachhaft an, denn solch unsterbliche Kunst
                    Dimitris und erreicht meiner Ansicht nach den Gipfel bei    könne schwerlich den Gang durch Hollywoods Wurst-
                    seiner hysterischen Troika-Fahrt im Schneegestöber,         maschine überstehen. Aber versuchen wir uns ohne
                    begleitet von einer gewaltigen Schlagwerksbatterie.         vorgefasste Meinung in den Film zu stürzen, tauchen
                    Rathaus' Beitrag ist eine echte Errungenschaft, weil er     wir in den Portraitstil der Großaufnahmen ein, betrach-
                    erstmals die Musik als integralen emotionalen Bestand-      ten wir das reduzierte Dekor. Ja, gegen den Glanz
                    teil des Werks behandelte.« (Bernard Herrmann) »Der         des Dietrich-Zyklus' mag der Film schlicht wirken,
                    erste deutsche Tonfilm, der einen Vergleich mit den         schmucklos gar, aber Sternberg packt diesen Minima-
                    guten stummen Filmen aushalten kann. Denn anders            lismus und verdichtet dessen Möglichkeiten. Das nicht
                    als bei den üblichen Roman-Verfilmungen ist der epi-        von der Hand zu weisende Ergebnis ist die Ausgestal-
                    sche Stoff nicht einfach als Unterlage für illustrative     tung eines unverzichtbaren Kernstücks des späteren
                    Szenen ausgenutzt, sondern von Grund auf in die Film-       Film Noir: in Freud'scher Terminologie, der Antiheld als
                    sprache übersetzt worden. Hervorzuheben ist vor allem       verbrecherisches Ich, von seinem Es in den Wahnsinn
                    eine Lehre, die dieser Tonfilm erteilt: dass das gespro-    getrieben, muss sich seinem auf Schuldgefühle verses-
                    chene Wort nicht den Vorrang haben darf, sondern sich       senen Über-Ich stellen, üblicherweise verkörpert als
                    einordnen muss ins Bildgefüge.« (Siegfried Kracauer)        Polizist oder Ermittler.« (Adrian Martin)
                     Mittwoch, 24. November 2021, 19.00 Uhr                     Samstag, 27. November 2021, 17.00 Uhr

                    Crime et châtiment (Schuld und Sühne) | Frankreich          Rikos ja rangaistus (Schuld und Sühne) | Finnland
                    1956 | R: Georges Lampin | B: Charles Spaak, nach           1983 | R: Aki Kaurismäki | B: Aki Kaurismäaki, Pauli
                    dem Roman von Fedor Dostoevskij | K: Claude Renoir |        Pentti, nach dem Roman von Fedor Dostoevskij | K:
                    M: Maurice Thiriet | D: Robert Hossein, Marina Vlady,       Timo Salminen | M: Pedro Hietanen | D: Markku Toikka,
                    Jean Gabin, Ulla Jacobsson, Bernard Blier, Lino Ven-        Aino Seppo, Esko Nikkari, Hannu Lauri, Olli Tuominen,
                    trua, Gérard Blain | 107 min | OmeU | »Réné Brunel ist      Matti Pellonpää | 93 min | OmU | »Sie lachen nicht, sie
                    nicht Raskolnikow, Paris ist nicht Sankt Petersburg.        weinen nicht. Aber vielleicht träumen sie. Man kann
                    Doch die alte Geschichte von verbrecherischer Verstri-      den Helden von Aki Kaurismäki nicht ansehen, was sie
                    ckung und religiöser Läuterung ist auch im Paris der        bewegt. Ungerührt geben sie sich dem Lauf der Zeit
                    1950er Jahre die gleiche wie 90 Jahre zuvor in der          hin, Amokläufer des eigenen Schicksals. Sie nehmen
                    Zarenstadt an der Newa. Georges Lampin hat seine            Rattengift, heuern Auftragskiller an oder greifen wie in
Fedor Dostoevskij
                                                                                                                                          11

                                                                                                                          RASKOLNIKOW
SCHULD UND SÜHNE selbst zur Waffe. In einer                    tisch-übersteigerten expressionistischen Bauten spie-
Fleischfabrik beginnt Kaurismäkis Erstling, mit einem          len. Auf diesen Hintergründen schwellen die Gescheh-
Blick in eine kalte Hölle, wo der Tod so nah und doch so       nisse müheloser ins Unheimliche, Übermenschliche.
fern ist. Ein kühles Licht liegt auf der Welt, das für klare   Man fragt sich immer: Wie wurden diese Originial-Rus-
Farben sorgt. Man darf den Beitrag des ständigen Ka-           sen in diese verzackten Zimmer, Treppenhäuser, Stra-
meramanns Timo Salminen zu Kaurismäkis Kosmos                  ßen, die sich ins Unendlich-Geheimnisvolle verlieren,
nicht unterschätzen. Eine Ruhe der Bildfindung und             hineingeschleudert? Man kann Wiene verteidigen, in-
-gestaltung geht von ihm aus, in der sich der Regisseur        dem man sagt: wichtiger als das realistische Milieu ist
mit seinem trockenen Witz frei bewegen kann.« (Micha-          bei Dostoevskij die seelische Atmosphäre, und diese
el Althen). Wenn Aki Kaurismäki behauptet, einen Klas-         seelische Atmosphäre wird zwischen diesen phantasti-
siker zu verfilmen, wird die Buchvorlage vielmehr in           schen Bauten deutlicher fühlbar als in fotografiertem
Frage gestellt. »Schuld und Sühne« wird aktualisiert           realistischem Milieu. Das ist richtig. Das Ganze wirkt
und ins heutige Helsinki versetzt, aus Raskol’nikov wird       sehr aufregend, frisst sich ein; man ahnt Dostoevskijs
Rahikainen. Dostoevskijs große Themen werden umge-             Größe und Tiefe; man ist erschüttert, mitgenommen,
wertet: Es gibt keine Gnade, es gibt keine Sühne.              geläutert.« (Kurt Pinthus) Zur Aufführung gelangt eine
 Samstag, 27. November 2021, 20.00 Uhr                        neue digital restaurierte Fassung des Filmmuseums
                                                               München.
Raskolnikow | Deutschland 1923 | R+B: Robert Wie-               Sonntag, 28. November 2021, 17.00 Uhr | Musikbe-
ne, nach dem Roman »Schuld und Sühne« von Fedor                gleitung: Günter A. Buchwald
Dostoevskij | K: Willy Goldberger | D: Grigorij Chmara,
Elisaveta Skulskaja, Alla Tarasova, Pavel Pavlov, Michail      Tichie stranicy (Verborgene Seiten) | Russland 1993
Tarchanow | 120 min | »Wiene nimmt die Schauspieler            | R+B: Aleksandr Sokurov | K: Aleksandr Burov, nach
des Moskauer Künstlertheaters und lässt diese keines-          Motiven von »Schuld und Sühne« von Fedor Dostoevskij
wegs in russischem Milieu, sondern in phantas-                 | D: Aleksandr Čerednik, Elizabeta Koroleva, Sergej Bar-
kovskij, Galina Nikulina, Olga Onishchenko | 77 min |         Roman von Fedor Dostoevskij | K: Otto Baecker | M:
                    OmU | Das Kino ist für Aleksandr Sokurov wie Malerei.         Giuseppe Becce | D: Albrecht Schoenhals, Lída Baaro-
                    Die Kinoleinwand ist flach, wie die eines Gemäldes. In        vá, Eugen Klöpfer, Hannes Stelzer, Hilde Körber, Hedwig
                    diesem Sinne ist dieser Film nach Motiven russischer          Bleibtreu, Karl Martell | 93 min | »Vor allem Baarová als
                    Prosa des 19. Jahrhunderts vor allem ein visuelles Er-        Nina, die sich in die Abhängigkeit des Sekretärs ihre
                    lebnis. Er wurde teils in schwarz-weiß, teils in einer        Vaters begibt (Alexej Nikitin, von Hannes Stelzer spröd
Fedor Dostoevskij

                    ganz leichten bräunlichen Farbigkeit gedreht, die kurz        und mit schroffer Sachlichkeit gespielt), überzeugt
                    in einem ungetrübten Rot aufscheint. »Das bisschen
                    Farbe, das Sokurov verwendet, ist fast immer schon zu
                    viel. Wer sich seine Filme ansieht, braucht mehr als nur
                    zwei Augen im Kopf.« (Andrea Kern) In einer optisch
                    unglaublichen Szene stürzen sich die Figuren ein Trep-
12                  penhaus hinab, dem jegliche dreidimensionale Tiefe
                    genommen wurde. Es entsteht etwas Unmögliches.
                    Dramatisch gestaltete Szenen gibt es nur wenige. In
                    ihnen spielt der Bezug zu Dostoevskij jedoch eine we-
                    sentliche Rolle. An zentraler Stelle zitiert Sokurov die
                    berühmte Szene aus »Schuld und Sühne«, in der die
                    todkranke Sonja versucht, Raskol'nikov dazu zu bringen
                    seine Schuld öffentlich zu gestehen, um so wenigstens
                    seine Seele zu retten.
                     Dienstag, 30. November 2021, 19.00 Uhr                      durch ein psychologisches Gespür für die Abgründe
                                                                                  einer Frau. Ansonsten verfolgt man als Zuschauer ge-
                    Les possédés (Die Dämonen) | Frankreich 1988 | R:             diegenes Theaterspiel. DER SPIELER ist ein den propa-
                    Andrzej Wajda | B: Andrzej Wajda, Jean-Claude Carriè-         gandistischen Vorstellungen der NS-Filmpolitik eher
                    re, Angnieszka Holland, Edward Zebrowski, nach dem            ferner Stoff, eine – im Dialog etwas zu überladene –
                    Roman von Fedor Dostoevskij | K: Witold Adamek | M:           Studie um Abhängigkeiten, falsche Liebe und Wahn-
                    Zygmunt Konieczny | D: Jerzy Radziwiłowicz, Isabelle          sinn, in der jeder der rollenden Kugel erliegt, auch wenn
                    Huppert, Jean-Philippe Écoffey, Jutta Lampe, Laurent          sich das Drehbuch von Peter Hagen alias Willi Krause
                    Mallet, Lambert Wilson, Omar Sharif, Bernard Blier |          und Alois Johannes Lippl – auch Goebbels hatte im
                    115 min | OmU | Jerzy Radziwiłowicz spielt die Rolle          Hintergrund mitgewirkt – für Nina ein Happy End er-
                    des abtrünnigen Verschwörers Šatov, der einer abge-           laubt.« (Wolfgang Jacobsen) Kurz nach seiner Urauf-
                    feimten Intrige seiner Mitverschwörer zum Opfer fällt.        führung wurde der Film verboten. Grund war die Liebes-
                    Sein Schicksal steht, anders als bei Dostoevskij, im Mit-     affäre zwischen Lida Baarová und Joseph Goebbels, die
                    telpunkt: Wajda sieht ihn als Opfer totalitärer Denk-         durch Hitlers Intervention jäh beendet wurde.
                    strukturen. »Wajda versucht nicht, die Geschichte eines        Freitag, 3. Dezember 2021, 19.00 Uhr
                    finsteren Revoluzzergrüppchens in einer zaristischen
                    Kleinstadt um 1870 in ihrer ganzen Breite zu fassen; er       Die Spielerin | Deutschland 2005 | R: Erhard Riedls-
                    drängt, der Dramatik zuliebe, die Hauptereignisse – Ge-       perger | B: Fred Breinersdorfer, nach Motiven des Rom-
                    burt und Tod, Brandstiftung, Mord und Selbstmord – in         ans von Fedor Dostoevskij | K: Frank Brühne | M: Karim
                    eine aberwitzig kurze Zeitspanne zusammen. Das gibt           Sebastian Elias | D: Hannelore Elsner, Erwin Steinhauer,
                    dem Anarchistentreiben eine hysterische Aufgeregtheit,        Nina Petri, Frank Giering, Gesine Cukrowski, Michael
                    jagt oft aber auch die Schauspieler in atemlose Theat-        Schönborn | 89 min | Eine freie Adaption, die im heuti-
                    ralik. Wajdas Zentralfigur ist der idealistische Revolutio-   gen Hamburg spielt, und gegen Ende teilweise wörtlich
                    när Šatov, der seinen Glauben verliert und dafür sterben      die Dialoge aus Dostoevskijs Roman übernimmt. »DIE
                    muss – ihn allein umgibt der Film mit Märtyrerglanz.«         SPIELERIN zeigt, wie es gehen kann: Wie ein Mensch
                    (Der Spiegel)                                                 plötzlich vom Spiel gepackt wird. Aus der Leidenschaft
                     Mittwoch, 1. Dezember 2021, 19.00 Uhr                       wird eine Sucht, die das Glück, dessen Suche ein gan-
                                                                                  zes Leben dauern kann, in den Bruchteilen einer Se-
                    Der Spieler | Deutschland 1938 | R: Gerhard Lamp-             kunde fassen möchte. Alle Intensität wird in diesen
                    recht | B: Peter Hagen, Alois Johannes Lippl, nach dem        einen Moment gelegt: wenn die Kugel fällt. Die Schlag-
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