Nachbar-schaften - VHS Velbert/Heiligenhaus
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Heiligenhauser Seniorenzeitung · Nr. 96 · Mai 2017
Herausgeber: Volkshochschule Velbert / Heiligenhaus
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tneh
Bitte mi
Nachbar-
schaften
Hier wird gelebt · Warum ich ein gute Nachbarin bin ·
Nachbarschaften auf dem Dorf · Günter ist weg · Plädoyer
für fremde Nachbarn · Nachbarschaft im Ausland · Der
Traum vom Leben auf dem Land · Eine gute Nachbarschaft
ist Lebensqualität · Buchvorstellung · TermineDeutsches Rotes Kreuz
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Beratung und KostenklärungHeiligenhauser Seniorenzeitung Nr. 96 · Mai 2017 Herausgeber: Volkshochschule Velbert / Heiligenhaus
Nachbarschaften
Liebe Leserin und lieber Leser, Auch Intergration lebt nur dadurch,
dass wir (innerlich und äußerlich) an
Von klein auf umgeben uns Nachbarn, eine fremde Tür klopfen.
sind oft „Tante“ und „Onkel“ und
zeigen uns die Welt außerhalb der Fa- Ich selbst lebe seit 8 Jahren in einem
milie mit anderen Werten. Wir kennen Mehrgenerationen-Wohnprojekt und
auch alle Zerrbilder von Nachbar- meine Nachbarin Bärbel Bachmann
schaft, und die Fernsehproduktionen hat das Zusammenleben in Versform
leben davon. Unvergessen aus den launig beschrieben.
60ziger Jahren das Ohnsorg Theater
mit „Tratsch im Treppenhaus“, in ver- Unsere Artikel zeigen eine Mischung
feinerter Form heute abgelöst von der aus den Erfahrungen in früherer Zeit
„Lindenstrasse“. und geben Anregungen wie heutige
Erfordernisse für eine gute Nachbar-
Nachbarschaft ist ein Wert, der aktuell schaft aussehen können.
eine große Rolle spielt und gerade in
Städten neu belebt wird. Alternative Wir wünschen Ihnen die positive Neu-
Wohnformen entstehen und helfen gier und die Offenheit, die es braucht,
gegen soziale Isolation. den Menschen neben uns kennen zu
lernen.
Wollen wir nachbarschaftlich gute
Kontakte, müssen wir uns „in Gang“
setzten.
Ihre Ursula Schwarze
Nachbarschaft als wichtiges Gemeinschaftsleben Plädoyer für fremde Nachbarn
Ute Moll................................................................................................2 Barbara Grieving................................................................................13
Hier wird gelebt Nachbarschaft im Ausland
Bärbel Bachmann..................................................................................3 Marianne Fleischer.............................................................................15
Warum ich ein gute Nachbarin bin Der Traum vom Leben auf dem Land
Dagmar Haarhaus................................................................................4 Rosemarie Koch..................................................................................17
Nachbarschaften auf dem Dorf Eine gute Nachbarschaft ist Lebensqualität
Annemarie Vinck...................................................................................6 Martina Müller....................................................................................18
Günter ist weg Ein Lutherlied macht Nachbarn zu Freunden
Helga Licher.........................................................................................8 Ruth Ortlinghaus.................................................................................20
Gute Nachbarschaft Buchvorstellung:
Armin Merta..........................................................................................9 Christian Nürnberg und Petra Gerster: Der rebellische Mönch,
die entlaufende Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten:
Martin Luther. ....................................................................................20
1Wir Älteren – Nachbarschaften
diese sind heute selten. Während die Lebens-
Nachbarschaft form der Großfamilie sich weitgehend aufge-
als wichtiges löst hat, wird eine funktionierende Nachbar-
schaft immer interessanter und wichtiger. Sie
Gemeinschaftsleben ist heute von vielfältiger Bedeutung. Nachbar-
Ute Moll schaft ist als Ersatz für die Großfamilie auch
ein wichtiges Stück Heimat und kann ein iden-
titätsstiftendes Zusammenleben ermöglichen.
A
ls alleinlebende Frau von 73 Jahren ma- Ich kann in einer lebendigen Nachbarschaft
che ich mir schon seit geraumer Zeit Freunde finden sowie auch konkrete Hilfe für
Gedanken über eine für mich zufrieden- den Alltag.
stellende Wohn- und Lebensform im Alter. Ist
meine jetzige und evtl. kommende Situation Unser heutiges Leben findet häufig in klei-
die für mich beste und richtige? Jetzt habe ich neren und größeren Kommunen statt. Man-
noch einen sogenannten „fließenden“ Alltag che Berufstätige erleben ihr Haus und ihre
mit etlichen Interessen, selbstgewählten Auf- Wohngegend lediglich als Schlafstätte, weil
gaben und vielen verstreuten Kontakten. Wer- sie tagsüber in anderen Orten arbeiten und in
de aber jedes Mal sehr nachdenklich, wenn ich ihrer Freizeit nur wenig Kontakt zu ihren Mit-
im Bekanntenkreis und in der Nachbarschaft bewohnern und Nachbarn suchen und finden
mitbekomme, wie Krankheit und Sterben das können. Sie leben fast anonym. So haben sie
Leben radikal verändern kann. nur dünne Wurzeln in ihrem direkten Wohnum-
feld und sind nach ihrer Berufstätigkeit sehr auf
Ich habe erkannt, dass das Altern nicht nur sich selbst gestellt.
ein Vorgang, sondern auch eine Aufgabe ist,
bei der viel zu bedenken ist und vor allen Din- Spätestens dann interessiert man sich für
gen nach möglicher Hilfestellung schon früh- die Menschen und Familien im näheren Um-
zeitig Ausschau gehalten werden sollte. Über feld. Dadurch, dass man wesentlich mehr Zeit
einige Lebensformen im Alter konnte ich viele in den eigenen vier Wänden verbringt, hat
Beispiele in entsprechender Literatur finden. man auch jetzt Gelegenheit, seine Nachbarn
Habe mich dann auf den Weg gemacht, al- häufiger zu erleben und besser kennenzuler-
ternative Wohnformen zu finden und zu besu- nen. Mir ging es ähnlich. Endlich habe ich Zeit,
chen. In dieser Zeit konnte ich auch meine ei- am Nachbarschaftsfest teilzunehmen und die
genen Wünsche und Bedürfnisse genau unter Wesensmerkmale dieser Menschen näher zu
die Lupe nehmen und erkennen. betrachten. Ich kann ihnen an den folgenden
Tagen viel persönlicher begegnen und mit ih-
In Büchern fand ich die Thesen von Sozio- nen in näheren Kontakt kommen. Ich kann mir
logen und Psychologen, die da sagen, der ihre Sorgen anhören und ihnen meine eigenen
Mensch ist ein soziales Wesen, er sei nicht mitteilen.
dazu geschaffen alleine zu leben. Diesen Er-
kenntnissen kann ich mich kaum entziehen Ich selbst bin heute froh und dankbar, ein
und erwehren, denn meine Sehnsucht nach großes nachbarschaftliches Umfeld zu haben.
Kontakt und meine Lebenserfahrung bestäti- Es gibt ein gutes Gefühl, dass Hilfe erreich-
gen dieses. Der Mensch braucht, egal in wel- bar ist, wenn ich sie brauche. Die Nachbarn
chem Alter, die Erfahrung und Unterstützung in meinem Haus versorgen untereinander die
anderer Menschen, damit er sich geborgen Pflanzen und den Briefkasten und springen
und zuhause fühlen kann. ein, wenn Termine in der Wohnung wichtig sind
und die Wohnungsinhaberin nicht anwesend
In vergangenen Zeiten war es wohl die Groß- sein kann. Darüber hinaus ist ein Plausch im
familie, die diese Aufgabe erfüllen konnte. Aber
2Wir Älteren – Nachbarschaften
Treppenhaus oder vor dem Haus sehr wich- „Habt ihr denn auch ein Gemeinschaftshaus
tig, ich erfahre dann meistens etwas über die zum Waschen, zum Backen und für einen
aktuelle nachbarschaftliche Lebenssituation. Schmaus?“
Eine wunderbare und unvergessliche Nach-
Man mutmaßte gar: Ist´s denn ein Freuden-
barschaftshilfe wurde mir zuteil, als ich mich ei-
haus, das sprach man hinter der Hand nur
ner Operation unterziehen musste, nicht Auto
aus!
fahren und viele Dinge nicht alleine bewältigen
konnte. Meine direkte Nachbarin lieh mir ihre Ja, Freudenhaus wäre das richtige Wort –
Gehhilfen aus und meine nachbarschaftliche doch damit verbind ich´nen anderen Ort.
Freundin fuhr mich mit ihrem Auto zu Nachsor-
geterminen und zum Einkaufen. Hier wird viel gegeben und manches emp-
fangen, man weiß von dem ein oder anderen
Nachbarschaftliche Hilfe ist also eine große Verlagen.
Kostbarkeit, die ich noch ausbauen und auf
keinen Fall missen möchte. Ich sag dann: Von allem ist etwas darin,
kommt einfach mal rein, es wird klar euch der
Sinn.
Hier wird gelebt Ich war mal schlecht drauf und fühlt mich
ganz mies, wollte gar nicht mehr raus aus
Bärbel Bachmann dem eignen Verlies – hat zu gar nichts mehr
Lust – mir war übel fast schon, wollte stun-
Lebendiges Wohnen in Wuppertal – denlang sitzen auf dem eignen Balkon.
Das ist doch bekannt durch den 3. Kanal. Ein Blick in den Hof – da wird mir gewahr,
Ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt, eine fröhlich lachende Menschenschar!
das kriegen die wenigsten Leute gecheckt. Denk ich so bei mir – was soll dieser Spaß,
„Ach betreutes Wohnen, doch Altenheim, ich geh nur kurz runter – ich kenne mein Maß!
da bin ich zu jung für, da pass ich nicht rein“. Steck nur mal die Nase so knapp um die
Man wird oft gefragt: „Wie lebt es sich dort?“ Ecke, dann ganz schnell zurück in mein eignes
„Was ist das für ein besonderer Ort?“ Verstecke.
„Lebt ihr wie im Dorf, so wie´s früher mal war Bestimmt will ich unten nicht lange bleiben,
– ein jeder kennt jeden, seid ihr euch sehr denn draußen da stört mich das fröhliche
nah?“ Treiben.
3Wir Älteren – Nachbarschaften
Zum Überfluss kommt jetzt die Sonne heraus nen Wald ging, um Kleinholz aufzusammeln,
– ich mach 3 Schritte – es ertönt der Applaus! damit der Ofen in den Wintermonaten Wärme
spenden konnte. Die außergewöhnliche Si-
„Wo bist Du gewesen – wir warten auf Dich!
tuation schweißte die Frauen zusammen, so
Da fällt mir ein: Die Idee hatte ich.
dass aus den Nachbarinnen eine wunderba-
Das Glas in der Hand – ich fühlte mich stark: re Frauenfreundschaft entstand, die auch ich
noch erleben konnte.
„Wir könnten mal wieder.. – ich mach den
Vorschlag ein Fest draußen zu feiern, auch Mutter war der Meinung, nur durch die Har-
so ohne Grund und jeder, der will, bringt was monie der Nachbarschaft, die gegenseitige
mit für den Mund. Es muss ja nicht immer Hilfe, das große Vertrauen war es möglich, ge-
was sein zum Essen, man könnte auch eine meinsam die schwere Zeit durchzustehen.
Geschichte vorlesen, vielleicht etwas singen –
In diese Nachbarschaft, in diese Harmonie
vielleicht etwas dichten.
kam ich im sehr kalten Winter 1946 auf die
Da seht ihr – ich hab euch was mitgebracht, Welt. Während ich heranwuchs, lernte ich die
das hätte ich ohne euch gar nicht gemacht! Freundinnen meiner Mutter kennen und durfte
sie Tante nennen. Auch sie haben mir oft von
Man muss sich nur trauen – das ist manchmal der schweren, aber auch schönen Zeit der Ge-
schwer. Drei Schritte ins Leben – die Freude meinsamkeit und Harmonie berichtet.
kommt her!
Nach Kriegsende, alle drei Männer kehrten
unversehrt zurück, blieb die Frauenfreund-
schaft bestehen, und alle lebten zufrieden mit-
Warum ich ein gute einander, wobei meine Mutter leider erleben
Nachbarin bin musste, dass ihre beiden Freundinnen zuerst
verstarben.
Dagmar Haarhaus
M
eine Mutter lebte mit drei Frauen und
drei kleinen Kindern in einem Wohn-
haus in der Lotte-Neumann-Siedlung
in Wuppertal, wo sie auch den 2. Weltkrieg er-
lebten.
Da die drei Ehemänner sich im Krieg befan-
den, waren die Frauen auf sich alleine gestellt
und versuchten, den Kriegsalltag zu bewälti-
gen. Nahrungsmittel waren knapp, ebenso das
Heizmaterial für die Öfen. Um einigermaßen ein
normales Leben aufrecht zu erhalten, wurde
die tägliche Arbeit aufgeteilt. Meine Tante Lilo
wanderte mit einem Rucksack in die nähere
Umgebung, um bei den Bauern zu „hamstern“,
in der Hoffnung, man würde ihr einige Kartof-
feln oder Obst aushändigen. Derweil versorgte
meine Mutter die drei Kleinen, spielte mit ih-
nen, während Tante Erika in den nah gelege-
4Wir Älteren – Nachbarschaften
Erst viel später, als ich von daheim weg- Dieser Wunsch wurde beidseitig erfüllt. Es
zog, konnte ich selbst erfahren, was eine gute dauert nicht lange, so verabredeten wir uns im-
Nachbarschaft ausmacht und warum ich mei- mer an einem Tag in der Woche. Entweder un-
ne, eine gute Nachbarin zu sein. ternahmen wir Ausflüge in die Umgebung oder
abwechselnd trafen wir uns in unseren Woh-
Siebenundzwanzig Jahre habe ich in Müns-
nungen, erzählten oder spielten Karten. Durch
ter gewohnt. Meine erste Begegnung mit mei-
ihre unaufdringliche Nachbarschaft erleichterte
nen neuen Nachbarn war bei meinem Umzug
sie mehr das Eingewöhnen in die neue Umge-
sehr unangenehm, da aus Unwissenheit der
bung. Wir tranken Brüderschaft und tauschten
Parksituation, der Möbelwagen einen Parkplatz
dabei unsere Haustürschlüssel.
belegte. Die Parkplätze vor dem Haus, wie ich
dann erfahren habe, waren an die Mieter ver- Befand sich meine Nachbarin in Urlaub, wur-
mietet. Der Auftritt meines neuen Nachbarn den die Balkonblumen von mir versorgt, eben-
war bühnenreif. Vom Balkon seiner Wohnung so der Briefkasten geleert. Gleiches hat sie mir
aus wurde ich erst einmal angebrüllt, wieso der gewährt, wobei Ihre Unterstützung für mich
Umzugswagen dort parken würde. Geschockt noch breiter gefächert war, da ich mich noch
vom seinem heftigen Ausbruch beschlich mich im Berufsleben befand. Und bald spürte ich,
das Gefühl, mit dem Nachbarn sei wohl zu- dass das nachbarschaftliche Verhältnis sich in
künftig kein gutes Kirschenessen möglich. Auf- Freundschaft umwandelte, ähnlich wie damals
atmen konnte ich, als wenige Wochen später bei meiner Mutter. Wir konnten uns aufeinan-
der Nachbar verstarb. der verlassen und waren zur Stelle, wenn man
gebraucht wurde. Nun lebe ich schon über
Aber seine liebenswerte Frau schenkte mir
10 Jahre in Heiligenhaus und ich kann sagen,
Brot und Salz zum Einzug und wünschte mir
dass uns zwar die Kilometer trennen, aber
eine gute Nachbarschaft.
diese keinen Einfluss auf die Intensität unse-
rer ehemaligen Nachbarschaft haben. Heute
ist meine Freundin 83 Jahre und fährt weder
Auto noch mit der Bahn. Dafür haben wir eine
Lösung gefunden, weil ich sie hin und wieder
gerne in Münster besuche.
Mit meinen Nachbarn in Heiligenhaus be-
steht auch eine Harmonie. Wir kennen keinen
„Streit am Zaun“. Gegenseitig sind wir hilfsbe-
reit sowie zu jeder Zeit ansprechbar. Wir pla-
nen gemeinsame Unternehmungen, wobei der
persönliche Freiraum erhalten bleibt.
Und bei all meinen Erfahrungen, die ich mit
meinen verschiedenen Nachbarn gemacht
habe, war es mir wichtig, selbst eine gute
Nachbarin zu sein, um dadurch ein angeneh-
mes Nähe-Distanz-Verhältnis aufzubauen.
5Wir Älteren – Nachbarschaften
80 Jahre alt, und ich durfte vom Telefon mei-
Nachbarschaften auf nes Arbeitgebers anrufen, um zu gratulieren.
dem Dorf Die Nachbarsfrau hat dann meine Großmutter
ans Telefon gerufen. Am folgenden Tag stand
Annemarie Vinck in der „Allgemeinen Zeitung“ der Vermerk „Eine
Einwohnerin aus Flonheim wurde 80 Jahre alt
N
achdem mein Vater 1937 an einer eit- und von ihrer Enkelin aus London angerufen.“
rigen Mandelentzündung gestorben Nachdem diese Nachbarn gestorben, de-
war – damals gab es weder Penicillin ren Kinder verheiratet und ausgezogenwaren,
noch Antibiotika – zog meine Mutter mit mei- wurde in den 60er Jahren das Haus an ein jun-
ner Schwester (8 Jahre) und mir (9 Jahre) von ges Paar verkauft.
Essen weg zu ihren Eltern in das 2000-Seelen-
Dorf Flonheim im rheinhessischen Hügelland. Er war von Beruf Restaurator am Museum,
Hier wuchsen wir in einer Dorfgemeinschaft sie Logopädin. Beide haben in den folgenden
auf, in der jeder jeden kannte. Jahren aus dem Nachbarhaus, dem ältes-
ten Gebäude in Flonheim, in Eigenarbeit ein
Rechts neben uns wohnte ein wohlhaben- Schmuckstück gemacht.
der Weinhändler mit Frau, Sohn und Tochter.
In den 40er und 50er Jahren hatten wir noch Unsere Mutter starb 1992. Danach ver-
kein Telefon, deshalb wurde in dringenden Fäl- kauften meine Schwester und ich das seit
len beim Nachbarn angerufen, der dann meine Jahrhunderten im Familienbesitz gewesene
Mutter oder Großmutter ans Telefon holte. Von Anwesen. In der letzten Nacht, in der ich dort
1951 bis 1952 lebte ich als Au pair-Mädchen in schlief, träumte ich, dass über dem Eingang
London. Im Mai 1952 wurde meine Großmutter zum Weinkeller die Jahreszahl 1718 stände.
6Wir Älteren – Nachbarschaften
Am nächsten Morgen stellte ich fest, dass Bei Familien mit Kindern schwamm in der Brü-
tatsächlich die Jahreszahl 1778 über der Tür he dann pro Kind noch eine Wurst.
eingeritzt war. Ich konnte nur darüber staunen,
Im Nachbarhaus zur Linken von uns lebte
dass dieser Weinkeller zu Zeiten Friedrichs des
eine Kleinbauernfamilie ohne Pferde, nur mit
Grossen und von Maria Theresia gebaut wor-
Kühen. Elsa, die Schwester des Bauern, fast
den war und wir nie darauf geachtet hatten!
blind und deswegen sehr behindert, kam im-
Zum Abschied von Flonheim haben wir die mer zum Geburtstag unserer Mutter oder un-
neuen Nachbarn im Febr. 1993 zum „Kreppel- serer Großmutter mit einem selbst verfassten
Kaffee“ (das sind Berliner Ballen) eingeladen, Gedicht, das sie stolz und freudig vortrug.
zusammen mit den Käufern des Hauses, dazu
Zwei Häuser weiter wohnte eine Altersge-
noch zwei weiteren Familien, mit denen wir
nossin von mir namens Lina. Auch ihr Vater
befreundet oder verwandt waren, um unseren
betrieb eine kleine Landwirtschaft. An den
Nachfolgern einen guten Start in Flonheim zu
Sonntagen im Winter kamen Lina und eine
ermöglichen.
andere Klassenkameradin namens Henny im-
Im Haus neben dem Weinhändler lebte die mer zu uns. Wir spielten „Spitz pass auf“, „Die
Familie C. Der Vater war einst ein sehr reicher Rheinreise“ – ein Würfelspiel, oder „Schwarzer
Mann, der in der Inflation sein Geld verlor. Peter“ usw. Henny war die Tochter eines Lum-
Deshalb mussten die zwei jüngsten Töchter pensammlers, hatte noch 11 Geschwister. Sie
eine Stelle annehmen. Emilie u. Lisbeth wur- war die Jüngste und erinnerte sich vor einigen
den Hausdamen in wohlhabenden Familien in Jahren an unsere sonntäglichen Spiele und
Oberhessen, während die älteste Schwester, kommentierte dazu, dass sie daheim ja über-
unser Tante Käthchen, die Stellung daheim haupt keine Spiele besaßen. Kann man sich in
hielt. Auch wenn wir nicht verwandt waren, so der heutigen Zeit so etwas vorstellen?
waren diese drei unverheirateten Frauen für
Weil ich mit Lina befreundet war wurde ich
uns „richtige“ Tanten.
natürlich auch manchmal in den schlechten
An „Großkampftagen“, also an Tagen, an Zeiten zu ihr geschickt mitsamt der Milchkanne
denen es hoch her ging, weil z.B. geschlach- und der Frage, ob wir wohl „einen Schoppen“
tet, Rübensirup oder Latwerg (Pflaumenmus) (1/2 Liter) Milch haben könnten.
gekocht wurde, stand Tante Käthchen immer
Zur Nachbarschaft gehörte natürlich auch
bereit um zu helfen. Zur Schlachtung brachte
unser Tante Lenchen. Sie war die Schwester
sie eine spezielle große flache Schüssel mit, in
meiner Großmutter mütterlicherseits und be-
der sie das aus der Kehle des Schweins rin-
trieb einen Kolonialwarenladen. Als wir grö-
nende Blut auffing, das für die Blutwurst von-
ßer wurden, halfen meine Schwester und ich
nöten war. Latwerg und Rübensirup wurden
samstags beim Verkauf im Geschäft, einem
stundenlang im grossen Kupferkessel im Hof
typischen Tante-Emma-Laden. Zucker, Salz,
gerührt. An solchen Tagen war Tante Käthchen
Reis usw. musste alles abgewogen werden. Öl
stets zur Stelle, um beim Umrühren abzulösen.
wurde in mitgebrachte Flaschen gezapft, Senf
Am Ende eines Schlachttages, an dem im in bereit gehaltene Gefäße abgefüllt, die Preise
selben Kupferkessel im Hof Fleischstücke und per Hand auf einem Block notiert und zusam-
Würste gegart worden waren, wurde die gute mengezählt. Während des Krieges und da-
Brühe, bei uns „Metzelsuppe“ genannt, an die nach mussten die von den Lebensmittelkarten
Nachbarschaft verteilt. Wir Kinder brachten je abgeschnittenen Zuteilungsberechtigungen
eine 2-3 Ltr. fassende Milchkanne mit dieser gesammelt und auf Blätter aufgeklebt werden.
köstlichen Metzelsuppe in die Nachbarhäuser. Das war eine heillose Arbeit.
7Wir Älteren – Nachbarschaften
Gegenüber unseres Hauses hatte Anfang
der 60er Jahre ein Ehepaar gewohnt, das uns
bei der Weinlese half. Damals waren viel we-
niger Maschinen im Einsatz als heutzutage,
deshalb mussten abends nach der Lese noch
die Kelterarbeiten ausgeführt werden. Da wur-
den also die gemahlenen Trauben per Eimer
in die Kelter geschüttet, dann beschwert, um
danach langsam mit dem Pressen zu begin-
nen. Der frisch gepresste Most wurde mangels
fehlender Pumpe eimerweise in den Keller ge-
tragen und in große Trichter über den Fässern
gekippt. Diese Arbeiten dauerten oft bis Mit-
ternacht.
Infolge der immer größer werdenden Woh-
nungsnot nach den Bombenangriffen während
des Krieges, wurden auch bei uns zwei Zim-
mer beschlagnahmt und eine junge Familie mit
einem Kind eingewiesen. Eines Tages war es
soweit: Kind Nr.2 drängte ans Licht der Welt.
Der Ehemann und werdende Vater setzte Töp-
fe mit Wasser auf den Kohleherd und geriet in
Panik, weil der Hausarzt ausblieb. Aufgeregt Günter ist weg...
rannte er zu meiner Mutter, die ihn zur Woh- Helga Licher
nung des Hausarztes schickte. Dann kümmer-
W
te sich Mama um die werdende Mutter. Nie
ir sind in größter Sorge. Gestern
im Leben hatte sie einer Schwangeren beige-
stand der kleine Kerl noch gut ge-
standen. Aber nun ging alles atemberaubend
launt im Kräuterbeet, und heute ist
schnell und glücklicherweise komplikationslos.
er plötzlich spurlos verschwunden. Mein erster
Jedenfalls stand Mama mit einem Neugebo-
Gedanke ist, Günter ist vielleicht einfach nur
renen da, dem sie die Nabelschnur abwickel-
umgezogen. Er liebäugelte schon lange mit
te, die sich rund um den Hals gelegt hatte, als
dem Begonienbeet in Nachbars Garten.
wenige Minuten später der Hausarzt und der
junge Vater eintrafen. Stundenlang suchen mein Mann und ich in
der näheren Umgebung nach unserem Lieb-
1957 zog ich dann mit meinem Mann nach
ling, aber Günter ist und bleibt unauffindbar.
Essen. Die Erfahrungen dort mit unseren
Nachbarn über viele Jahre sind dann wieder Ach so, – sie kennen Günter noch nicht?
ganz andere Geschichten. Günter ist ein kleiner Gartenzwerg, der seit
etwa vier Wochen in unserem Garten sein Zu-
Wenn ich, die man neuerdings „hochbetagt“
hause gefunden hat. Er ist ungefähr dreißig
nennt, viele Jahrzehnte meines Lebens Revue
Zentimeter groß, trägt eine rote Zipfelmütze
passieren lasse, dann stelle ich fest, dass das
und hat eine blaue Gießkanne in der Hand. Sie
Leben mit diesen aufgeführten Mitmenschen,
werden sicher denken, na ja, so sehen fast alle
Wegbegleitern, Nachbarn und vielen weiteren,
Gartenzwerge aus. Doch da muss ich wider-
nicht genannten, Nachbarschaften rund und
sprechen. Günter ist etwas ganz besonderes.
bunt war, aber niemals langweilig.
Nur er hat dieses ansprechende Lächeln auf
8Wir Älteren – Nachbarschaften
den Lippen und in der linken Wange dieses sicher auch nicht zu kurz kommen. Frau Ber-
entzückende Grübchen. gers Gartenzwerg ist übrigens nie mehr auf-
getaucht. Aber wir haben unserer Nachbarin
Mein Gatte ist untröstlich, er kann sich nicht
zum Trost ein kleines Gartenzwerg-Mädchen
erklären warum dieser Wicht über Nacht das
geschenkt. Aus dieser spontanen Idee ist übri-
Weite gesucht haben könnte. Und darum hat
gens eine sehr nette Freundschaft entstanden.
er eine abenteuerliche Theorie parat. „Günter
ist nicht freiwillig gegangen...“, sagt mein Mann Und unser Günter ist irgendwann auch wie-
und macht ein bedeutungsvolles Gesicht. „Ich der aufgetaucht. Er brauchte wahrscheinlich
bin ganz sicher, Günter wurde entführt!“ Ich dringend eine Auszeit von unserem Famili-
erschrecke, wer sollte Interesse daran haben, enleben und hatte sich zur Erholung in Ricos
einen unschuldigen Gartenzwerg zu entfüh- Hundehütte zurückgezogen. Ob das letztend-
ren? Gibt es Menschen, die so einem Winzling lich eine wirkliche Erholung für ihn war, sei mal
Schaden zufügen könnten? dahingestellt.
Günter tat keinem etwas zu Leide, er war Seit einigen Tagen steht übrigens ein neuer
der verträglichste Zwerg, den ich kenne. Und Gartenzwerg in unserem Begonienbeet. Gün-
ich kenne fast alle Gartenzwerge in unserer ter hat jetzt einen Freund, und der heißt Uwe...
Nachbarschaft. „Ich bleibe dabei, Günter wur-
de entführt“, sagt mein Gatte. „Frau Berger,
unsere Nachbarin, vermisst ihren Zwerg auch
seit einigen Tagen. Er stand im Kräutertopf un- Gute Nachbarschaft
ter dem Küchenfenster.“ Ich bin erschüttert. Armin Merta
„Dafür kann doch nur eine organisierte
D
Zwergen-Diebes-Bande verantwortlich sein. ie Straße – und damit die Nachbar-
Sollte man den Fall nicht vielleicht der Polizei schaft in dieser Straße –, in der wir
übergeben? Ich werde mal mit Frau Berger re- wohnen, entstand in den Jahren 1950-
den.“ Doch von dieser Strategie will mein Mann 1952 aus einer Zwangslage heraus. Wohn-
nichts wissen. „Die Polizei ist doch schon viel raum war zu dieser Zeit nach dem Krieg immer
zu sehr überlastet, immerhin ist es doch nur noch Mangelware. Das Evangelische Hilfswerk
ein Zwerg.“ als Bauträger und der Deutsche Siedlerbund
als Berater boten bauwilligen Familien an, gan-
Ich horche auf. Für mich ist Günter mehr als
ze Siedlungen gemeinsam zum größten Teil als
„nur ein Zwerg“, er gehört eigentlich schon zur
Eigenleistung zu errichten. So sollten hier auf
Familie. Ich beschließe mit unserer Nachbarin
ehemaligem Ackerland 8
ein ernstes Wörtchen zu sprechen. Schließlich
ist auch sie betroffen. Wenn schon die Poli- Doppelhäuser in zwei Baugruppen entste-
zei sich nicht um diese merkwürdigen Vorfäl- hen. Es gab anfangs mehr Bewerber für diese
le kümmert, so könnten wir doch gemeinsam Doppelhäuser, als Häuser entstehen sollten.
versuchen diesen mysteriösen Ereignissen auf Bewerben für den Bau dieser Häuser konnte
den Grund zu gehen. Gesagt getan... sich jedermann. Die Anwärter für diese Stra-
ße kamen nach dem Krieg aus Ostpreußen,
Bei einer guten Tasse Kaffee und leckerem
Schlesien, dem Sudetenland, dem Sauerland,
Kirschkuchen sind Frau Berger und ich uns
aus Dresden, Holland, aber auch aus Kett-
schnell einig. Regelmäßig, am ersten Mittwoch
wig, Velbert und Heiligenhaus. Mit einfachsten
im Monat werden wir uns zum Kaffee treffen
Werkzeugen, Schaufel, Pickel und Schubkarre
und uns über allgemeine Themen austau-
hoben die Männer zunächst alle Baugruben per
schen. Das Thema Gartenzwerge wird dabei
Hand aus. Schweres Gerät fehlte. Dann wur-
9Wir Älteren – Nachbarschaften
den alle Keller errichtet, danach folgte jeweils gen, wurden die Häuser doch erst nach diesen
das Obergeschoss, schließlich das Dach. Als 5 Jahren wirklich den Bewohnern ins Grund-
der Rohbau abgeschlossen war, einschließlich buch eingetragen. Die großen Gemeinschafts-
der elektrischen Leitungen Veranstaltungen gab es damals noch nicht.
Allerdings ist bekannt, dass sich bei Jubiläen
und der sanitären Anlagen wurden die Häu-
manchmal einige Nachbarn zusammen taten
ser verteilt. Welche Familie am meisten Stun-
und ihren Jubilaren etwas schenkten, wie eine
den in Eigenleistung nachweisen konnte, durfte
weiße Tischdecke oder etwas ähnlich Nützli-
sich als Erste ein Haus aussuchen. Hatten die
ches für den Haushalt.
Männer bis dahin eifrig und willig zusammen
gearbeitet, gab es jetzt die ersten Spannun- Als der erste Obmann verstarb, fand sich
gen. An weitere gegenseitige Hilfe war vorerst schnell ein neuer 1.Vorsitzender, der mal eine
nicht zu denken, hatte doch jede Familie damit Reise und später für das 25-jährige Bestehen
zu tun, selbst die Außenanlagen in Ordnung zu der Siedlergemeinschaft ein großes Fest or-
bringen. Die Frauen kümmerten sich mittler- ganisierte. In seiner Rede bei diesem Jubilä-
weile um die Gärten. Sinn einer solchen Sied- um verwies er auf die viele Arbeit, die geleistet
lung mit Grundstücken zwischen rund 650 m² worden war und die noch zu leisten sei. Kurz
bis fast 900 m² war es, dass sich die Familien darauf starb er noch relativ jung.
zu einem großen Teil selbst versorgen sollten,
1979 zog ich mit meiner Familie in eine Dop-
mit Obst, Gemüse, Kartoffeln und selbst ge-
pelhaushälfte in diese Straße. Für uns gab es
haltenem Kleingetier wie Hühner oder Hasen
erst einmal sehr viel zu tun. Wir gestalteten den
oder gar einem Schwein. Der damalige Vorsit-
vorher fast reinen Gemüsegarten in einen Be-
zende der Siedlergemeinschaft, sie nannten
reich zum Leben um. Zu den direkten Nachbarn
ihn Obmann, hatte noch 5 Jahre damit zu tun,
hatten wir etwas Kontakt. Wir fanden die direk-
viel Schriftkram mit dem Bauträger zu erledi-
te Nachbarschaft sehr angenehm. Wenn wir
10Wir Älteren – Nachbarschaften
uns besonders plagen mussten, kamen Nach- Beispiel dazu: Wir bekamen neue Nachbarn.
barn zu uns, einfach um uns bei der schweren Das Haus war durch den Vorgänger sehr her-
Arbeit zu helfen. Wir hatten sofort Jemanden, unter gekommen. Der noch junge Familienva-
der auf unser Haus aufpasste, wenn wir drei- ter brachte das Haus innen in Schwung. Lei-
mal im Jahr zu unseren Eltern ins Frankenland der starb er ein halbes Jahr nach dem Einzug.
fuhren oder eine kleine Urlaubsreise antraten. Für seine Familie war das ein großer Schlag.
Zu mehr Nachbarn als zu den direkten hatten Einige Familien entschlossen sich, an 4 – 5
wir wenig bis gar keinen Kontakt. Samstagen für die junge Witwe und deren Kin-
der in Gemeinschaftsarbeit hinter dem Haus
Das änderte sich ab 1985. Ende 1984 wur-
eine große neue Terrasse zu bauen. Die Witwe
de ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte,
sorgte dafür, dass es mittags etwas zu Essen
neuer 1.Vorsitzender der Siedlergemeinschaft
gab. Solche Gemeinschaftsaktionen trugen
zu werden. Damit alle Nachbarn wieder mehr
zur Stärkung von guter Nachbarschaft und zu
miteinander zu tun und zu reden hatten, orga-
Freundschaften bei.
nisierte ich ein großes Fest und einen Tages-
ausflug. Für das Fest stellte ein Nachbar seine Nachbarn, die vorher nicht zur Siedlerge-
große Bar mit zwei anschließenden Räumen meinschaft gehörten, traten uns bei. Es gab
und den Garten zur Verfügung. Die Teilnahme sogar junge Familien, die sehr interessiert da-
war sehr groß. Das zeigte, die Nachbarschaft ran waren, in unsere Straße zu kommen, so-
hatte schon lange auf so etwas gewartet. An bald ein Haus zum Verkauf anstand. Und auch
diesem Abend wollten die Nachbarn mir ge- sie traten bei.
genüber dankbar sein. Sie wollten mir laufend
Das klingt nun alles nur nach Harmonie ohne
Herrengedecke spendieren, also jeweils ein Pils
jeden Streit. Doch, auch bei uns kann es zu
mit einem Schnaps. Ich merkte sehr bald, dass
Streitigkeiten kommen. Vor langer Zeit baten
mir das nicht gut tun würde und bremste sie
mich mal zwei Familien wegen eines Streits zu
ab. Es wurde ein wunderbar nachbarschaftli-
sich. Ich konnte nur sehr genau zuhören, Ver-
cher Abend, bei dem aus manchen „Sie“ viel-
ständnis zeigen, aber einmischen konnte ich
mals ein „Du“ wurde. Auch beim ersten Ausflug
mich nicht. Dazu war ich zu wenig Fachmann.
– als Eisenbahnfan natürlich eine Fahrt mit der
Außerdem hätte ich ja irgendwann doch für
Museumsbahn von Dahlhausen ins Muttental
eine der Familien Partei ergreifen müssen und
– wollten sehr viele Nachbarn mit. Nun war ich
wäre somit in den Streit hinein gezogen wor-
bei allen Alteingesessenen bekannt.
den. Im Falle eines Streites sollten die Betroffe-
Bei Problemen fanden sich schnell Familien nen miteinander reden.
zusammen, die anderen Familien halfen. Ein
11Wir Älteren – Nachbarschaften
kühle Pils, die Frauen Sekt und unterhalten uns
entspannt ein bis zwei Stunden.
Fast 33 Jahre bin ich nun 1.Vorsitzender un-
serer Siedlergemeinschaft, und sie funktioniert
als relativ gute Nachbarschaft. Gerade in den
letzten fünf Jahren bekamen wir viele junge
neue Mitgliedsfamilien, die sich bei Ideen zur
Gestaltung einer aktiven Nachbarschaft und
auch im Vorstand einbringen. Die Alten unter
uns freuen sich über den Nachwuchs und über
die vielen Kinder. Manche haben einen guten
Blick für fremde Autos – sie schreiben schon
mal die Nummernschilder auf – oder für fremde
Personen, die ihnen nicht ganz geheuer vor-
kommen. Verhindern konnten sie die beiden
Warum kann man nicht so etwas bauen, Einbrüche in den letzten vier Jahren allerdings
wie es mein direkter Nachbar und ich getan nicht. Aber das ist doch auch etwas, was gute
haben? Über den Zaun existiert eine Theke, Nachbarschaft ausmacht.
daneben ist ein Schild mit der Aufschrift „Bier-
Wir fühlen uns hier wohl wie die meisten
weg“ angebracht. Im Sommer treffen wir uns
Nachbarn. Veranstaltungen wie Wandern, Ke-
zu viert an dieser Stelle, genießen ein oder zwei
geln, Tagesausflüge, Kinderfeste fanden mal
mehr mal weniger Zuspruch. Geblieben ist seit
Hilfe auf Knopfdruck: Zuhause oder unterwegs!
Die Johanniter-Notrufsysteme sichern jede Lebenslage ab.
Der Johanniter-Hausnotruf: das Notrufsystem für zuhause
Das Hausnotrufsystem der Johanniter sorgt bereits seit 30 Jahren dafür, dass sich Menschen
zuhause sicher aufgehoben fühlen. Der Johanniter-Hausnotruf ist rund um die Uhr erreichbar –
ein Knopfdruck genügt und Sie werden mit Menschen verbunden, die für Sie da sind und Ihnen
schnell helfen. Zudem bieten die Johanniter-Hausnotrufgeräte eine besondere Sicherheit, da sie
neben dem Festnetzanschluss auch alle verfügbaren Mobilfunknetze als Einwahlmöglichkeit zum
Kommunikationsaufbau im Falle eines Notrufes verwenden.
Der Johanniter-Begleiter: das Notrufsystem für unterwegs
Der Johanniter-Begleiter ist ein neues mobiles Notrufsystem, das aktiven Seniorinnen und Senioren
die nötige Sicherheit für unterwegs bietet. Ob bei Outdoor-Aktivitäten, Reisen, Gartenarbeiten oder
Spaziergängen – per Knopfdruck alarmiert der kleine Sender bei Unfällen Hilfe. Auch ein Notruf ohne
Sprechkontakt ist möglich: Das GPS-basierte Gerät lokalisiert den Unfallort, so dass Rettungsdienst
oder Polizei direkt zum Hilfesuchenden geleitet werden.
Weitere Informationen zu den Johanniter-Notrufsystemen
erhalten Sie unter den folgenden Kontaktdaten:
Johanniter-Unfall-Hilfe e. V.
Kreisverband Mettmann, Mühlenstraße 1, 40885 Ratingen, Tel. 02102 70070-80
hausnotruf.mettmann@johanniter.de, www.johanniter.de/mettmann
12Wir Älteren – Nachbarschaften
nun mehr als 30 Jahren das gemeinsame Fest
in unserer Straße, zu dem jede Familie einen Plädoyer für fremde
Salat, Brote, Soßen, Nachtisch oder andere Nachbarn
Beilagen beisteuert. Getränke und Fleisch wer-
den zentral besorgt. Und immer fanden und Barbara Grieving
finden sich genügend fleißige Helfer für den
D
Auf- und Abbau und für das Grillen. Übrigens a sitze ich nun. Erst lächle ich, dann
leben in unserer Straße noch drei Männer, die strahle ich und dann lache ich. Ganz
damals beim Bau der Häuser aktiv waren. In ganz laut aus vollem Herzen und mit ei-
einem dieser Häuser wohnen drei Generati- nem warmen Gefühl.
onen miteinander. Vielfach haben die Kinder
die Häuser der Eltern übernommen. Meistens Gleichzeitig weiß ich, und das macht den
ging bzw. geht das Zusammenleben sehr gut. Moment noch schöner, dass gerade jetzt ei-
Wenn es machbar war, haben in diesen Häu- nige Menschen genau wie ich, irgendwo sind,
sern die Nachkommen die Pflege der Eltern auf ihr Handy sehen und auch genau wie ich
übernommen. reagieren.
Es sind Paten von Flüchtlingen, die jetzt eine
SMS oder Sprachnachricht bekommen: ganz
viele hintereinander. Die Benachrichtigungstö-
ne hören gar nicht mehr auf: „Wie gehts dir?“
„Vermisse dich! „ Smiley, Herzchen... „Habe ich
das richtig geschrieben? (Fragesmiley). „Ver-
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13Wir Älteren – Nachbarschaften
ehrte Dame ich bin in Erwartung eines großzü- richt zu geben, in einer Flüchtlingsunterkunft
gigen Tests…“ Und schon bricht das herrliche mit Syrern, Afghanen und Afrikanern... Mit
Lachen los. Dann: „Layla Saida, gute Nacht klopfendem Herzen gehe ich, springe ins kalte
Mama.“ Und wieder ein Herzchen. Dieses Mal Wasser. Und da sind sie. Überwiegend Jungen
etwas größer. und auch ein paar Mädchen. Erst trauen sie
sich nicht, aber ja Ihr wisst: ein Lächeln baut
Diese Momente möchte ich nie mehr mis-
Brücken...
sen. Ebensowenig die leuchtenden Augen der
Menschen, wenn sie mit uns reden. Diese Höf- Wir fangen an. Wir fangen an uns kennen-
lichkeit, die Hilfsbereitschaft. Sie sind es wert, zulernen. Die ersten Worte. So schwer. Was
dass wir uns um sie kümmern. Sie tun es auf ist eine Mütze? Das da auf deinem Kopf Joan,
vielfältige Weise auch für uns. Alleine die, die ist eine Mütze und die ist blau...Wie viele Ge-
sie uns geben. Nie aufhören mit uns Deutsch schwister habt ihr? Erste einfache Worte und
zu lernen und zu sprechen (Hat einer von Ihnen Sätze, mit jedem neuen Wort mehr Wärme
schon einmal versucht arabisch zu sprechen?). und Dankbarkeit.
Ich habe es versucht und es ist echt schwer!!!
NUR DER NAME IST NEU
Tage und Wochen vergehen, mal sind es 10,
Wir müssen einfach für so tolle Menschen mal 15 auch nur 2 Menschen, die zum Unter-
da sein. Es bereichert unser Leben. Ich ver- richt kommen. Unsere erste Weihnachtsfeier
sprecheSeit mehrIhralswollt
Euch, 40 kein
Jahren gehörte
anderes das Architekturbüro
Leben in der Unterkunft,Frankunser
Engelhardt zu denunser
Frühlingsfest,
bekannten
mehr! Habt den MutAdressen nicht nur inzu.
und geht aufeinander der Region
Sommerfest.und Wir
standsindfürunsArchitektur und So
jetzt so vertraut.
umfassende Bauherrenbetreuung. Dasvertraut, wird auch
dass wirso alsbleiben! Denn die Woh-
Paten versuchen,
So fing es an
Mitarbeiter, die Ihnen in ihrer bisherigen Funktion
nungen als Ansprechpartner
zu finden. zur
Versuchen, Deutschkurse
DieseVerfügung
Woche kommenstanden,Flüchtlinge
bleiben Ihnen erhalten
in unse- undund sind auch in Zukunft
Integrationskurse ein Garant
zu finden. Versuchen
für Ich
re Stadt. Kontinuität,
will michKundenorientierung
engagieren. Oh Gott,und Qualität. Für Sie besteht also weiterhin
uns selbst mit unseren Schützlingen im deut-
wie geheumfassende
ich damit nur Bauherrenbetreuung
um? Meine Gedanken rund um die Architektur.
schen Bürokratenchaos klarzukommen.
kreiseln: Ich will sie doch gar nicht hier haben.
So viele auch von uns, die mit alledem oft
Mein Leben soll so bleiben wie es ist. Wir sind
überfordert sind. So viele schlaflose Nächte.
im Krieg ja auch nicht davongelaufen.
Immer wieder neue Herausforderungen. Im-
Ich habe Angst. Aber kann man Angst ha-
mer wieder neue Gesetze. Immer wieder die
ben vor etwas, das man nicht kennt? Nein.
Frage: mache ich das alles richtig? Aber auch
Also muss ich sehen was mir Angst macht. Ich
immer wieder die Gewissheit: ja ich mache es
gehe los und entschließe mich Deutschunter-
richtig, die Flüchtlinge brauchen jeden von uns.
EUGENBIALONARCHITEKT
GMBH
Nordring 56 103 42579
Hauptstraße 42579Heiligenhaus
42579 Heiligenhaus
Heiligenhaus
TT 02056 2589647 FFF02056
02056 5994030 0205659940399
02056 5821837
59940399
EE info@ebialon.de
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AKNW 21136 gif e.v. AKH 18532
14Wir Älteren – Nachbarschaften
Heute
Nachbarschaft im
Ich selbst habe seit einem Jahr die Paten-
schaft von 4 syrischen Flüchtlingen übernom- Ausland
men. Das letzte Weihnachtsfest und Sylvester Marianne Fleischer
haben wir gemeinsam gefeiert. Meine Familie
ist um vier reicher geworden. Um vier Men-
V
schen, die ich nie mehr missen möchte und on 1969-1974 lebte ich mit meiner Fami-
von denen ich weiß, dass auch sie mir jederzeit lie im Libanon. Wir wohnten etwa 5 km
helfen, wenn ich Hilfe brauche. Wir gehören von Beirut entfernt in einem Vorort. Die
jetzt zusammen und natürlich lernen wir immer Siedlung bestand aus mehreren großen Mehr-
noch Deutsch. Wir lachen viel und manchmal familienhäusern, die auf einem Hügel direkt ne-
sind wir auch traurig. Besonders in den Mo- ben der Küstenstraße standen. In jedem Haus
menten in denen wir in den Nachrichten zuse- befanden sich 4-6 Appartements die jeweils ei-
hen müssen, wie die Bomben fallen. Dann ha- nen großen Balkon (etwa 12 m lange und 3-4
ben wir Angst, aber diese Angst ist begründet. m breit) mit Meerblick hatten.
Ich möchte alle Menschen bitten, keine Wir wohnten in der 2. Etage eines dieser
Angst vor Flüchtlingen zu haben. Habt den Häuser und verbrachten fast neun Monate im
Mut sie kennenzulernen. Euer Leben wird nur Jahr überwiegend auf unserem Balkon, auf
reicher und ihr werdet sagen ALHAMDULA, dem wir vom späten Vormittag bis zum Son-
Gott sei Dank ich habe es versucht. nenuntergang viel Sonne hatten. Im Sommer
wurde es sehr heiß! Ich hatte einen orange-far-
benen Vorhang aus Segeltuch genäht, der die
15Wir Älteren – Nachbarschaften
der Glut zu nahe, denn plötzlich schlug eine
Flamme in die Flasche. Wir erstarrten, auch
mein Mann stand mit der brennenden Flasche
in der Hand vor uns und wusste nicht, was er
tun sollte. Meine Schwester, die bei uns zu Be-
such war, schrie: „Schmeiß die Flasche weg!
Schnell!“. Und mein Mann warf die brennende
Flasche über das Balkongeländer in das Ge-
strüpp unterhalb des Hauses. Die Sträucher,
von wildlebenden Ziegen ziemlich kahl gefres-
sen, und das trockene Gras fingen sofort Feu-
er. Wir schrien, rannten in die Küche und das
Bad, suchten Eimer und große Gefäße, liefen
nach draußen und versuchten uns dem Feuer
zu nähern. Im Haus gab es einen Hausmeister
(Concierge), er hieß „Hashim“. Ich lief zu ihm
in die Eingangshalle und zeigte ihm das Feuer.
Er verstand sofort was ich wollte, nahm einen
Schlauch, schloss ihn an einen Wasserkran
an und begann von oben aus der Eingangs-
halle das Feuer zu bekämpfen. Von unserem
Geschrei aufgeschreckt stürzten Nachbarn,
Sonne in der Mittagszeit ein wenig fernhalten
die wir noch nie gesehen hatten, mit Eimern
sollte.
die Treppe herunter um zu helfen. Wir bildeten
Wir waren die einzigen Ausländer in diesem eine Eimerkette und – gottlob – war das Feuer
Haus. Alle anderen Wohnungen wurden von li- bald gelöscht.
banesischen Großfamilien bewohnt. Wir sahen
In der Eingangshalle unten im Haus bedank-
nur wenig von ihnen, hörten sie aber auf ihren
ten wir uns dann bei allen Helfern – auf Eng-
Balkonen. Kleine Kinder gab es offensichtlich
lisch, Französisch und Arabisch. „Shukran“
nicht – unsere Kinder waren 10, 12 und 13
– Dankeschön hatten wir schon gelernt und
Jahre alt. Sie wurden jeden Morgen von einem
sprachen es offensichtlich auch richtig aus. So
Schulbus zum Unterricht abgeholt und mittags
hat uns dieses Ereignis geholfen die anderen
wieder zurück gebracht.
Wir besaßen einen Holzkohlegrill, auf dem
wir auf Ausflügen mit Freunden und Kollegen
oft Würstchen und Fleisch zubereiteten. Ei-
nes Tages kamen wir auf die Idee den Grill auf
unserem Balkon zu benutzen – wir erwarte-
ten Freunde! Alles war vorbereitet, der Tisch
gedeckt, das Fleisch mariniert, die Salate fer-
tig, die Holzkohle glimmte im Grillkasten vor
sich hin, wollte aber keine rechte Glut bilden.
Mein Mann holte ganz verzweifelt eine Flasche
Brennspiritus aus der Vorratskammer, um ein
wenig nachzuhelfen. Er öffnete die Flasche und
näherte sich der glimmenden Glut, um ein paar
Tropfen drauf zu gießen. Offensichtlich kam er
16Wir Älteren – Nachbarschaften
Hausbewohner kennenzulernen. Was sie un-
tereinander über uns verrückte Ausländer, die
brennende Flaschen in die „Machia“ werfen,
redeten, verstanden wir „Gott sei Dank“ nicht.
Unsere Nachbarschaft im Hause blieb die gan-
zen fünf Jahre über sehr freundlich und hilfs-
bereit!
Seit unserer Rückkehr nach Deutschland le-
ben wir nun schon über 40 Jahre hier in Hei-
ligenhaus in unserem Häuschen. Wir haben
auch hier eine Terrasse und oft wird auf ihr mit
Freunden und Nachbarn gegrillt – zunächst mit
unserem alten Grill mit Holzkohle, aber ohne
einen Brand zu verursachen. Jetzt benutzen
wir einen Elektrogrill, das ist nicht so gefährlich.
Wir haben hier wunderbare, liebevoll besorg-
te Nachbarn, die wir seit Jahrzehnten kennen
und die uns immer hilfsbereit zur Seite stehen. Heute betreibt dort niemand mehr aktive
Wir fühlen uns geborgen und können so dem Landwirtschaft. Die damaligen Bewohner sind
Alter gelassen entgegensehen. entweder zu alt oder schon verstorben und
ihre heute erwachsenen Kinder haben andere
Berufe erlernt. Viele sind weggezogen, man-
che haben neben dem Elternhaus ein eigenes
Der Traum vom Leben neues Heim gebaut.
auf dem Land In dem Dorf gab und gibt es auch heute kein
Rosemarie Koch Geschäft, keinen Arzt oder eine Schule – nicht
mal eine Telefonzelle. Die nächst größere Stadt
liegt etwa 30 km entfernt. Da es auch keine
V
or 40 Jahren verließen meine Eltern ihr öffentlichen Verkehrsanbindungen gibt außer
bisheriges zu Hause, Nachbarschaft und dem Schulbus, der morgens schon vor 7.00
Freunde und zogen vom Ruhrpott in ein Uhr die Kinder zur Schule und nachmittags
kleines Dorf in den Westerwald. Mein Vater war wieder nach Hause bringt, ist man auf ein ei-
damals 50 Jahre, meine Mutter 46 Jahre alt, genes Fahrzeug angewiesen.
ich verheiratet und unser erstes Kind auf dem
Weg. Es war wohl Zeit für einen Umbruch. Meine Eltern haben sich dort gut eingelebt
und neue Freundschaften geschlossen. Sie
In dem Dorf lebten ungefähr 40 Einwohner sind in der Gemeinschaft sehr geschätzt. Ohne
mit ihren Kindern. Fast alle betrieben Landwirt- gute Nachbarschaft und gegenseitige Unter-
schaft und Viehzucht. Man konnte am Abend stützung ging und geht es dort nicht.
mit einer Kanne frisch gemolkene Milch bei ih-
nen kaufen. Und wenn ein Schwein oder Rind Als meine Eltern in diesem Dorf ihr Eigen-
geschlachtet wurde, war es auch möglich, ein heim bezogen, waren sie noch beide berufstä-
entsprechendes Stück Fleisch zu bekommen, tig. Mit dem Auto konnten sie ihre Arbeitsstelle
ebenso frische Eier oder ein Huhn für die Sup- problemlos erreichen, die Einkäufe und im und
pe. am Haus alle Tätigkeiten erledigen.
17Wir Älteren – Nachbarschaften
Das Leben auf dem Land war herrlich. Wann unbekannt. Manchmal holen wir sie sogar zu
immer es mir und meiner Familie möglich war, uns ins Rheinland.
besuchten wir meine Eltern. Wir wohnten
Papierkram und manch andere Dinge erle-
in der Stadt, ca. 100 km entfernt, und freu-
digen die Enkelkinder, aber für die alltäglichen
ten uns immer, wenn wir mit unseren damals
Dinge ist die Distanz zu weit. Ein guter Nach-
noch kleinen Kindern in den Westerwald fah-
bar kümmerte sich bis vor einigen Monaten um
ren konnten. Es war für uns wie Urlaub – nur
sie und half bei schwierigen Arbeiten, kleine-
schöner. Ich ließ mich gerne von meiner Mutter
ren Reparaturen und Besorgungen. Er mähte
verwöhnen, denn das Essen bereitete sie zu.
den Rasen und sah täglich nach dem Rechten.
Wir machten zwar alles zusammen, doch es
Dann ist er schwer erkrankt und benötigt jetzt
war entspannter für mich. Die Kinder erkunde-
selber Hilfe.
ten das Dorf und die Umgebung oder halfen
Opa bei der Arbeit im Garten. Es gab so viel Meine Eltern wollen im Dorf ihren Lebens-
Abwechslung, und alles war so interessant abend verbringen. Für mich – aufgrund der
und viel besser als zu Hause. Die Tiere auf den Entfernung – eine problematische Entschei-
Weiden oder in den Stallungen, die Spazier- dung.
gänge im Wald, das Suchen von Waldbeeren
oder Pilzen, das Treckerfahren, wenn Opa Holz
holte für den Ofen, der das Haus heizte, das
abgeschnittene Geäst der Hecken, Büsche Eine gute Nachbarschaft
und Bäume zusammentragen, die Erdbeeren
pflücken und sofort zu verzehren und, und,
ist Lebensqualität
und. Die Beschäftigungen waren so vielfältig. Martina Müller
Bei schlechtem Wetter wurde mit Oma Kuchen
E
oder Plätzchen gebacken, mit Holz und Papier nde der 60er Jahre, ich war 12, 13 Jah-
gebastelt, mit Opa Musik gemacht. All diese re alt, meine beiden Schwestern ein und
Besuche waren immer wunderschöne Erleb- zwei Jahre älter, und es war Hochsom-
nisse und sind bis heute noch im Gedächtnis. mer. Wir wohnten auf der unteren Hauptstra-
Inzwischen profitieren auch die Urenkel von ße, Nähe der AEG und wir hatten zu dritt zwei
den Besuchen auf´dem Land. Zimmer unterm Dach, mit Fenstern an der Gie-
Vater ist inzwischen der Dorfälteste. belseite. Wir mussten früh zu Bett gehen und
hingen noch oft in den Fenstern.
In den letzten 10 Jahren wurde häufig dis-
kutiert, ob das Leben auf dem Land alleine Zwei Häuser neben uns wohnte eine Familie
noch zu bewältigen ist, Haus und Garten noch mit zwei Töchtern. Sie waren 5, 6 Jahre älter
gepflegt werden können, wie Einkäufe zu er- als ich. Am Abend gingen sie des öfteren zur
ledigen sind, und und und. Allen Widrigkeiten „Eis Pra“, der Eisdiele in der Stadtmitte, um Eis
zum Trotz wohnen meine Eltern immer noch für die Familie zu kaufen. Meine Schwestern
in ihrem Haus auf dem Lande. Sie sind inzwi- und ich machten uns bemerkbar, riefen den
schen 90 und 86 Jahre alt und nicht mehr so Nachbarmädchen zu und baten sie, für uns
fit, um alles alleine zu bewältigen. Meine Mutter auch Eis mit zu bringen. Das Geld warfen wir
fährt zwar immer noch selbst Auto, aber nur in ein Tuch gewickelt hinunter.
bekannte Strecken. Für fachärztliche Behand- Dann wurden wir erfinderisch und knoteten
lungen benötigen meine Eltern jemanden, der die Gürtel unserer Bademäntel und Tücher zu-
sie mit dem Auto in den jeweiligen Ort fährt. sammen, banden ein Körbchen daran fest und
Fachärzte oder Krankenhäuser sind zu weit fertig war unser Transportaufzug. Die Eisbe-
entfernt, Wege dorthin zu verkehrsintensiv und cher kamen in das Körbchen und wir zogen es
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