Paraplegie - Spendenerfolg für Klinikbau Heinz Frei: "Diese Solidarität berührt mich" - Schweizer Paraplegiker-Gruppe
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März 2017 | Nr. 161
paraplegie
Das Magazin der Gönner-Vereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung
Spendenerfolg für Klinikbau
Heinz Frei: «Diese Solidarität berührt mich»
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2017EDITORIAL
Liebe Gönnerin, lieber Gönner
W ie Sie mehrfach im «Paraplegie» lesen konnten, haben wir uns das Ziel gesetzt,
bis 2019 für den Erweiterungsbau des Schweizer Paraplegiker-Zentrums
15 Millionen Franken an Spenden zu sammeln. Am 1. Oktober 2015 erfolgte der Spaten-
stich für das mit Kosten von rund 150 Millionen Franken grösste Bauvorhaben seit
der Einweihung der Spezialklinik im Jahr 1990. Kurz zuvor, im September 2015, haben
wir die breit angelegte Spendenkampagne gestartet, um für das Erreichen der Spenden-
summe genügend Zeit zu haben.
Und nun haben Sie uns völlig überrascht: Ende 2016, nach etwas mehr als nur einem
Jahr, ist das ambitiöse Ziel bereits erreicht! Das ist schlicht sensationell und hat uns alle
in Begeisterung versetzt. Hunderttausende Gönnermitglieder haben sich an der
Sammelaktion beteiligt. Von der kleinsten Spende von zwei Franken bis zur für uns
einmaligen Spende, die die Millionengrenze überschritten hat – alle Ihre Beiträge,
verbunden mit unzähligen motivierenden Rückmeldungen, beweisen, dass Sie uns Ihr
Vertrauen schenken: das Vertrauen, für querschnittgelähmte Menschen die besten
medizinischen Behandlungen und Therapien zu ermöglichen.
Dafür danke ich Ihnen von Herzen! Der Stiftungsrat und die über 1500 Mitarbeitenden
der Schweizer Paraplegiker-Gruppe nehmen Ihre gelebte Solidarität als starkes
Zeichen, dass wir im Einklang mit unseren Gönnermitgliedern und Spendern handeln.
Dabei verstehen wir Ihre Solidarität als Auftrag, die uns anvertrauten Mittel sorg-
fältig einzusetzen und den Spendenzweck streng zu beachten.
In diesem Magazin lesen Sie, wo wir mit dem Bauprojekt derzeit stehen. Doch wir
dürfen uns auf dem Erfolg nicht ausruhen; Klinikdirektor Dr. med. Hans Peter Gmünder
erläutert in einem Interview, wie die Klinikleitung das neue Gebäude nutzen möchte,
um mit der innovativsten Medizintechnik und Therapierobotik den Querschnitt-
gelähmten in Nottwil nicht nur neue Räume, sondern auch die derzeit beste Behandlung
anbieten zu können.
Dr. sc. tech. Daniel Joggi
Präsident Schweizer Paraplegiker-Stiftung
IMPRESSUM: Paraplegie. Das Magazin der Gönner-Vereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, www.paraplegie.ch
41. Jahrgang | Ausgabe: März 2017 / Nr. 161 | Erscheinungsweise: vierteljährlich in Deutsch, Französisch und
Italienisch | Gesamtauflage: 979 735 Exemplare | Auflage Deutsch: 878 136 Exemplare | Copyright: Abdruck nur
mit Genehmigung der Herausgeberin und der Redaktion.
Herausgeberin: Gönner-Vereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, 6207 Nottwil, sps@paraplegie.ch | Verant-
wortlich: Schweizer Paraplegiker-Stiftung, Corporate Communications, 6207 Nottwil | Redaktion: Manuela Vonwil
(Leitung), Robert Bossart, redaktion@paraplegie.ch | Bild: Walter Eggenberger, Beatrice Felder, Astrid Zimmer-
mann-Boog | Layout / Vorstufe: Regina Lips, Michael Kling, Melanie Camenzind | Anzeigen: Zürichsee Werbe AG
8712 Stäfa, info@fachmedien.ch | Vorstufe / Druck: Vogt-Schild Druck AG, 4552 Derendingen
Paraplegie, März 2017 |3Treppenlifte
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6 NEWS
Der 31-jährige Profisportler Marcel Hug führt ein Leben auf der
«Überholspur» und im Rampenlicht.
10 MEILENSTEIN ERREICHT
Deutlich früher als erhofft wurde der Spendenbeitrag
von 15 Millionen Franken für die Erweiterung des
Schweizer Paraplegiker-Zentrums gesammelt.
Derzeit herrscht Hochbetrieb auf der Grossbaustelle
in Nottwil. Ein Augenschein vor Ort.
16 PORTRÄT
Stéphanie Combrement wollte nicht mehr weiterleben, nachdem
ein Motorradunfall sie zur Paraplegikerin gemacht hatte. Ihrer Tochter
zuliebe rappelte sich die Freiburgerin auf und begann zu kämpfen.
Trotz Schwierigkeiten liebt die 42-Jährige heute ihr Leben. Auch wegen
ihrer grossen Leidenschaft, dem Rollstuhltanzen.
20 REPORTAGE – Alt werden im Rollstuhl
Rollstuhlfahrer haben dank medizinischer Fortschritte und
ganzheitlicher Rehabilitation eine ähnlich hohe Lebenserwartung
wie Menschen ohne Querschnittlähmung. Doch wie gehen sie
damit um, wenn die Kräfte nachlassen und die Hilfsbedürftigkeit
zunimmt?
26 PRAXIS
Menschen, die rund um die Uhr beatmet werden müssen, können ihre
eigenen vier Wände kaum je verlassen. Deshalb führt das Schweizer
Paraplegiker-Zentrum eine Ferienwoche für beatmete Rollstuhlfahrer
durch. Eine Reise, die zu neuem Lebensmut verhilft.
33 MITGLIEDER-VERSAMMLUNG 2017
Heinz Frei, Präsident der Gönner-Vereinigung, lädt zur Mitglieder-
Versammlung ein.
34 FINALE
Alltagsimpressionen von Rollstuhlfahrer Roland Burkart.
Paraplegie, März 2017 |5Beeindruckende Menschen
Rosa Zaugg aus Heimberg (BE) und Marcel Hug aus Nottwil (LU)
heissen die «Querschnittgelähmten des Jahres 2016».
Zum 24. Mal hat die Schweizer Paraplegiker-Stiftung (SPS) zwei
beeindruckende Menschen im Rollstuhl geehrt.
Rosa Zaugg ebnet Wege für Betroffene wöhnliches möglich machen» habe Rosa
19 Jahre alt war Rosa Zaugg, als sie von einem Zaugg Markantes bewegt, ehrte Guido A.
Splitter Gerüst stürzte. Ihre Malerlehre schloss die Zäch die bald 60-Jährige in seiner Rede.
Das Frauenhaus Graubünden in Bernerin nach der Rehabilitation in Basel
Chur hat Pionierarbeit geleistet, dennoch erfolgreich ab. In der Basler Klinik Marcel Hug verändert das Selbst-
indem es seine Infrastruktur lernte die junge Rollstuhlfahrerin Dr. Guido verständnis einer Sportlergeneration
sowie die Beratungsangebote A. Zäch kennen und begann alsbald, sich im Seit 20 Jahren ist der erst 31-jährige Marcel
für verschiedene Sinnes- und ganzen Land für die Schweizer Paraplegiker- Hug sportlich aktiv: Als erster Rollstuhlfah-
Körperbehinderungen angepasst Stiftung einzusetzen. Engagiert hat Rosa rer absolvierte der Ostschweizer die Natio-
hat. So finden dort nun auch Zaugg auch am allerersten Hotelführer für nale Elitesportschule Thurgau, wo sich ambi-
rollstuhlfahrende Frauen und Rollstuhlfahrer mitgearbeitet. Ein weiterer tiöse Sportziele und Schule vereinbaren lies-
Kinder Schutz, Betreuung wichtiger Lebensinhalt war der Rollstuhl- sen. Mit gerade 18 Jahren holte der Athlet,
und Beratung. sport; zwischen 1980 und 1992 kämpfte die geboren mit Spina bifida (offener Rücken),
erfolgreiche Tischtennisspielerin viermal an an den Paralympics 2004 in Athen eine
Die Schweizer Paraplegiker- paralympischen Spielen. 1992 übernahm sie Silber- und eine Bronzemedaille – und im
Vereinigung ist Mitglied im neu die Betreuung von vier somalischen Flücht- Nachgang den Titel als Nachwuchssportler
gegründeten Förderverein lingskindern. Mit ihrer Devise «Ausserge- des Jahres. 2010 startete Marcel Hug seine
«Barrierefreie Schweiz». Dieser
will künftig alle vorhandenen
barrierefreien Ferien- und Frei-
zeitangebote auf einer einzigen
Plattform veröffentlichen.Vorbilder im Rollstuhl. Die Querschnittgelähmten des Jahres 2016 NEWS
Rosa Zaugg und Marcel Hug mit den Laudatoren Guido A. Zäch,
Ehrenpräsident der Schweizer Paraplegiker-Stiftung (links), und Heinz
Frei, Präsident der Gönner-Vereinigung (rechts), sowie Daniel Joggi,
Jury-Mitglied und Präsident der Schweizer Paraplegiker-Stiftung (Mitte).
Namentlich
Profikarriere. Nach zwei Silberme- mit seiner Medienpräsenz ein wichti- Christoph Kunz holt in Tarvisio (IT)
daillen 2012 an den paralympischen ger Botschafter für die Anliegen der seinen ersten alpinen Ski-Weltmeistertitel.
Spielen in London erkämpfte sich der Schweizer Paraplegiker-Stiftung. Für Der 35-jährige Reichenbacher gewinnt
Spitzenathlet schliesslich 2016 in Rio junge Nachwuchssportler ist Marcel mit sieben Zehntelsekunden Vorsprung
de Janeiro Gold über 800 m sowie in der mit seinem Ehrgeiz und der Beschei- die Goldmedaille im Super-G in der
Königsdisziplin, dem Marathon. «Er ist denheit, die er trotz all seiner Erfolge Kategorie «Sitzend». Zweimal schon
das internationale Aushängeschild der behalten hat, ein grossartiges Vorbild», schaffte es der Berner Oberländer, der
Schweizer Rollstuhlleichtathletik und lobte Laudator Heinz Frei. im Jahr 2000 mit dem Motorrad verun-
glückt war, an Paralympics ganz oben
auf das Podest, nämlich 2010 und 2014.
Karin Suter-Erath gehört seit Jahren
Marcel Hug im Rampenlicht
zu den weltbesten Badminton-Spielerinnen.
Nun hat die «Badminton World Federation»
die 46-jährige Baselbieterin zur «Female
Er blickt auf ein Jahr voller Triumphe und Auszeichnungen zurück: Sechs Para-Badminton Player of the Year»,
Marathonsiege – in Boston, London, Rio de Janeiro (Paralympics), Berlin, zur Para-Badminton-Spielerin des Jahres
Chicago und New York – kann der Rollstuhlleichtathlet vorweisen. 2016, ernannt.
Zum fünften Mal ist Marcel Hug Behindertensportler des
Jahres. Swiss Paralympic ehrte den zweifachen Gold- Tobias Fankhauser, 12-facher Schweizer-
und zweifachen Silbermedaillengewinner an den meister und zweifacher Paralympics-
Paralympics in Rio (BR) als erfolgreichsten Medaillen-Träger, erhielt den Baselbieter
Athleten des Jahres. Sportpreis 2016. Der 27-jährige Hölsteiner
(BL) ist seit der Gründung 2012 Mitglied
Auch der Thurgauer Regierungsrat lobte
und Aushängeschild des Baselbieter Olym-
den in Nottwil (LU) wohnhaften Ostschweizer
pia-Teams, einem Programm zur Talent-
für seine grosse sportliche Leistung an den
und Leistungssportförderung.
Paralympics; vom Luzerner Regierungsrat wurde
Marcel Hug dafür mit dem Prunksiegel des Standes
Beat Fäh wurde mit dem «Swiss Olympic
Luzern ausgezeichnet.
Coach Award» ausgezeichnet. Seit 2013
Die Redaktionsleitung der Thurgauer Zeitung arbeitet der 64-jährige Diplomtrainer für
wählte den 31-Jährigen aus hundert Vorgeschla- Spitzensport als Nationaltrainer Leicht-
genen zum Thurgauer des Jahres; in der Auflistung athletik bei Rollstuhlsport Schweiz der
der Schweizer Illustrierten Sport erreichte Marcel Schweizer Paraplegiker-Vereinigung. Mit
Hug den sechsten Platz unter den hundert Rollstuhlleichtathleten wie Marcel Hug und
erfolgreichsten Schweizer Sportlern. Manuela Schär konnte der Churer (GR)
zahlreiche Triumphe feiern.
Die Wohnortgemeinde Nottwil hat ihren Spit-
zensportler ebenfalls gebührend gefeiert. Von
der Schweizer Paraplegiker-Stiftung wurde
er aufgrund seiner Vorbildrolle zum Quer-
schnittgelähmten des Jahres 2016 gewählt.
Und im Januar wurde Marcel Hug für einen
Laureus Sports Award 2017, die bedeu-
tendste Auszeichnung der Sportwelt,
nominiert.
Foto: Martin Rhyner
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REHAB Basel feiert
Das REHAB Basel, vormals Schweizerisches Paraplegiker-
zentrum Basel, ist die älteste von vier spezialisierten
Klinken für Para- und Tetraplegiker in der Schweiz und
besteht seit 1967. 1973 wurde, 38-jährig, Guido A. Zäch
zum Chefarzt des Schweizerischen Paraplegikerzentrums
Basel gewählt. Unter seiner Leitung entwickelte sich die
Klinik zu einem Kompetenzzentrum für die Behandlung
von querschnittgelähmten Patienten. 1990 wechselte
Dr. Guido A. Zäch in das von ihm aufgebaute Schweizer
Paraplegiker-Zentrum (SPZ) nach Nottwil.
REHAB Basel lädt zum Tag der offenen Tür
Gemeinsame Ziele 2017 ist ein Jubiläumsjahr für das REHAB Basel: Die
Aus dem Blickfeld haben sich die zwei Zentren nie verlo- Klinik feiert 50 Jahre Paraplegiologie (bei Quer-
ren. Heute manifestiert sich die Zusammenarbeit durch schnittlähmung), 25 Jahre Neurorehabilitation (bei
zwei wichtige Kooperationen: 2015 haben das REHAB Hirnverletzung) sowie 15 Jahre neues Klinikgebäude
und lädt zu einem Tag der offenen Tür am Samstag,
Basel und das SPZ Nottwil mit den zwei weiteren Spezial-
10. Juni und Sonntag, 11. Juni 2017, jeweils 11.00
kliniken in Sitten (VS) – Clinique romande de réadap- bis 17.00 Uhr.
tation – und in Zürich – Universitätsklinik Balgrist –
aus einer langjährigen Interessengemeinschaft die Ver- Weitere Informationen: rehab.ch
einigung Paraplegikerzentren Schweiz gegründet, um
querschnittspezifische Themen wie Qualitätsleitlinien,
Behandlungsmodelle und adäquate Tarifierung gemein-
sam weiterzuentwickeln; und bereits 2011 haben sie zu
viert die Schweizerische Gesellschaft für Paraplegie
ins Leben gerufen, eine medizinische Fachgesellschaft,
welche die Paraplegiologie als eigenständiges Fachgebiet
Agenda
sowie die Qualität ihrer hoch spezialisierten medizini-
schen Betreuung fördern will. 29. März, 19.30 Uhr
Autorenlesung mit Franz Dodel
SPZ Nottwil, Bibliothek im Gebäude GZI
Weltpremiere in Nottwil 19. April, 18.00 Uhr
Mitglieder-Versammlung der
Gönner-Vereinigung der SPS
Die «Nottwil 2017 World Para Athletics Junior Championships» sind die
SPZ Nottwil, Aula
ersten Junioren Weltmeisterschaften des IPC (International Paralympic
Anmeldung mit Talon auf Seite 33
Committee). Der Grossanlass mit rund 250 Athleten aus aller Welt findet
vom 3. bis 6. August in der Sport Arena Nottwil statt.
7. Mai
Dabei werden Sprung-, Wurf- und Bahnwettkämpfe
Wings for Life World Run
für Querschnittgelähmte, Menschen mit Seh-
Olten
oder Lernbehinderungen, mit Amputationen
oder Kleinwuchs im Alter von 14 bis zu
2. / 3. und 5. Juni
19 Jahren ausgetragen.
«ParAthletics 2017»
IPC Athletics Grand Prix
Informationen für Besucher unter:
Sport Arena Nottwil
nottwil2017.ch
3. – 6. August
Nottwil 2017 World Para Athletics
Junior Championships
Sport Arena NottwilProvisorien
Seit Oktober 2016 sind hier vorübergehend
unter anderem der Rollstuhl- und Hilfs-
mittelspezialist Orthotec, das Zentrum
für Schmerzmedizin und die Chiropraktor-
Praxis untergebracht.
Bettentrakt Süd – Umbau ab
August 2018 bis August 2019
Bettentrakt Ost – Umbau ab
Februar 2018 bis August 2018Wichtiger Meilenstein bei
der Klinikerweiterung:
Spendenziel erreicht
Solidarität, Vertrauen und ein klares Bekenntnis zur
Schweizer Paraplegiker-Stiftung: Der avisierte Spendenbeitrag
von 15 Millionen Franken für den Erweiterungs- und
Erneuerungsbau des Schweizer Paraplegiker-Zentrums wurde
in eindrücklich kurzer Zeit gesammelt.
Multispace-Büros – Neubau in
bestehender Hülle, Eröffnung
2019 / 2020.
Diese Büroform vereinfacht das
interdisziplinäre Arbeiten sowie die
Nordwesttrakt – Umbau, bezugsbereit
berufsübergreifende Kommuni-
voraussichtlich August 2018
kation zwischen medizinischem und
Der Nordwesttrakt wird momentan komplett
therapeutischem Personal.
umgebaut. Im ersten Stock entsteht ein neuer
Operationsbereich, welcher mit der Intensiv-
medizin im Nordtrakt verbunden ist.
Neubau Nordtrakt – bezugsbereit
voraussichtlich Februar 2018
1. Obergeschoss: Modernisierter und vergrösserter
Bereich Akutmedizin mit Intensivmedizin. Die
Intensivpflegestation wird durch eine postoperative
Station erweitert.
2. und 3. Obergeschoss: Hier entstehen zwei neue,
zusätzliche akutmedizinische Bettenstationen.Text: Robert Bossart | Fotos: AV Atelier Sommerhalder und Walter Eggenberger
D ie Solidarität unserer Gönnerinnen und
Gönner ist in einem Ausmass vorhan-
den, das wir uns manchmal selbst nicht vor-
diesen beiden Gebäuden wird ein vergrösser-
ter und modernisierter Bereich Akutmedizin
mit Schwerpunkt in der Intensivmedizin und
und Unruhezustände sehr viel seltener mit
Medikamenten behandelt werden müssen.
Das Konzept ist für Querschnittgelähmte spe-
stellen können. Wir werden auf grossartige operativen Medizin sein. Die Intensivpflege- ziell sinnvoll, da ihre Aufenthaltsdauer auf
Weise unterstützt. Dafür sind wir alle sehr station (IPS) wird von 8 auf 16 Betten ver- der IPS im Durchschnitt deutlich länger ist.
dankbar.» Heinz Frei, Präsident der Gönner- grössert. Hinzu kommen zwei neu geschaf-
Vereinigung, kann seine Freude nicht verber- fene akutmedizinische und eine postopera- Diverse Rochaden nötig
gen. Er hat mehrfach in früheren Ausgaben tive Station. In rund einem Jahr werden die Erweiterungs-
dieses Magazins zum Spenden aufgefordert – Das neue Konzept der IPS beinhaltet eine bauten abgeschlossen sein. Dann beginnen
mit Erfolg: Statt wie geplant in vier Jahren, «mitheilende» Umgebung, in der unter ande- die Umbauten der bestehenden Räumlich-
wurde das Spendenziel für den Erweiterungs- rem viel Ruhe, eine wohnliche Einrichtung keiten, insbesondere der beiden Bettentrakte
bau des Schweizer Paraplegiker-Zentrums und spezielles Licht dafür sorgen, dass die «Ost» und «Süd». Trotz der intensiven Bau-
(SPZ) bereits nach gut einem Jahr erreicht. Patienten ihre Orientierung besser behalten arbeiten wird der Klinikbetrieb vollumfäng-
«Überraschend war die Anzahl vieler klei-
ner Spenden. Zum Teil betrugen diese nur
wenige Franken. Es sind auch einige nam-
hafte und grosse Beträge geflossen. Zudem
haben viele Gönnerinnen und Gönner ihren
Jahresbeitrag zugunsten des Umbaus gross-
zügig aufgerundet.»
Grosse logistische Herausforderung
Zurzeit herrscht auf der Baustelle in Nottwil
Hochbetrieb. Die Dimensionen des grössten
Umbaus seit Bestehen des SPZ erweisen sich
als eindrücklich. «Rund 80 Firmen sind daran
beteiligt und gegen 150 Personen arbeiten
hier täglich auf der Grossbaustelle», erklärt
Bauleiter Franz Ineichen. Zudem sind neben
ihm 35 weitere Fachplaner involviert. «Der
Erweiterungsbau bedeutet eine grosse plane-
rische und logistische Herausforderung.» Mit
dem Neubau, dem sogenannten Nordtrakt,
vergrössert sich das SPZ flächenmässig um
rund einen Drittel.
Der Rohbau wurde fertiggestellt, nun folgt
der Innenausbau. «Fenster, Fassaden, elek-
trische Anlagen, sanitäre Installationen, Hei-
zung, Lüftung und so weiter – bis Ende Jahr
sollten wir damit fertig sein», sagt Franz Inei-
chen. Der Nordtrakt schliesst an den beste-
henden Nordwesttrakt an, der momentan
komplett umgebaut wird. «Herzstück» in
Nordtrakt. Hier entsteht eine der zwei akutmedizinischen Bettenstationen.
Die Arbeiten dauern bis voraussichtlich Februar 2018.
12 | Paraplegie, März 2017Dr. med. Hans Peter Gmünder
ist Direktor des Schweizer Para-
plegiker-Zentrums. Er verantwortet
das grösste Bauvorhaben seit der
Eröffnung der Spezialklinik vor
lich aufrechterhalten. «Wenn die bestehen-
27 Jahren.
den Trakte saniert werden, sind Rochaden
nötig», sagt Josef Husmann, Leiter Beschaf-
fung und Logistik am SPZ. Wird etwa eine «Wir müssen jetzt
Bettenstation renoviert, muss für diese Zeit
die ganze Abteilung verlegt werden.
über Hightech reden»
Hans Peter Gmünder, die neuen Räume werden mit innovativster
Chance für Hightech Medizintechnik und Therapierobotik ausgestattet. Wie helfen
Der gesamte Erweiterungs- und Umbau wird diese Geräte im Schweizer Paraplegiker-Zentrum?
Indem robotische Assistenztechnologien laufend weiterentwickelt werden,
2020 abgeschlossen sein. «Wir sind termin-
ist ein immer grösserer Nutzen für den Patienten spürbar. So ist ein Exoskelett
lich auf Kurs», sagt Bauleiter Franz Ineichen.
heute ein Therapiegerät, morgen ein ergänzendes Fortbewegungsmittel
Die budgetierten 150 Millionen Franken flies-
und übermorgen können wir in Verbindung mit Elektrostimulationen und
sen in die Räumlichkeiten sowie die bauliche
Steuerungssystemen durch Gedanken, sogenannte Gehirn-Schnittstellen,
Infrastruktur. Die nächste Herausforderung den Rollstuhl vielleicht sukzessive ersetzen.
ist deren Ausrüstung mit modernsten Thera- Ebenfalls vielversprechend sind die Fortschritte in der Medizintechnik.
pie- und Medizingeräten: Innovative Medi- Ein Medikamenten-Roboter beispielsweise kann die Abläufe vereinfachen,
zintechnik und Therapierobotik, die über was mehr Zeit und mehr Sicherheit für Patienten bedeutet.
eine standardmässige Einrichtung hinaus- Die vielen Vorteile von Hightech-Geräten der neusten Generation helfen
gehen und die derzeit beste Behandlung und schliesslich, unsere international hervorragende Reputation als führende
Therapie ermöglichen, bedeuten zusätzliche Spezialklinik zu festigen; was uns natürlich wiederum verpflichtet, die beste
Investitionen. Die Schweizer Paraplegiker- und innovativste Technologie anzubieten.
Stiftung ist für eine Unterstützung hierfür
Können oder müssen solche Investitionen überhaupt rentieren?
durch Spenden sehr dankbar. Ein erstes
Aus Sicht des Individuums «rentiert» selbstverständlich eine erhöhte Medika-
Projekt ist der sogenannte Medikamenten-
tionssicherheit oder eine durch Robotersysteme verbesserte Fortbewegungs-
Roboter, der für die neue Apotheke im SPZ
möglichkeit im Alltag. Aus Sicht einer Gesellschaft, die sich an ethischen
vorgesehen ist (siehe Seite 15). Normen orientiert, ist eine «soziale» Rentabilität bei diesen Themen ebenfalls
gegeben. Schwierigere Fragen stellen sich bei einer ökonomischen Betrach-
tungsweise: Was darf ein Gewinn an Mobilität und Selbstständigkeit, also
Lebensqualität, letztlich kosten? Wie viel ist ein gerettetes Menschenleben
durch Vermeidung eines schweren Medikationsfehlers wert? Derartige
Anschaffungen werden deshalb sehr ausführlich mit den Aufsichtsgremien
der Klinik unter Einbezug von Vertretern der Schweizer Paraplegiker-
Stiftung diskutiert.
Welche Innovationen werden momentan diskutiert?
Querschnittgelähmte Patienten sollen in Nottwil die bestmögliche sinnvolle
Behandlung erhalten können. Das aktuelle Bauprojekt gibt uns die Chance, jetzt
die Technik dazu zu evaluieren. An Hochschulen, in Forschungslaboren, in
Denkfabriken und in Technologieunternehmen auf der ganzen Welt wird jeden
Tag an spannenden Ideen getüftelt, wie Maschinen Menschen helfen können.
Deshalb diskutieren auch wir über Hightech-Robotik, so zum Beispiel für
die Patientenzimmer, auf der Intensivpflegestation, in den Operationssälen und
für die Therapien.
Paraplegie, März 2017 | 13Mit einem Legat oder einer Erbschaft
hinterlassen Sie Querschnittgelähmten
eine bessere Zukunft.
Telefon 041 939 62 62, www.paraplegie.ch / legate
16_727_INS_PP4-16_Apfelbaum_210x277_d.indd 1 29.08.16 11:35Ein Roboter für
die Apotheke
Bald wird ein Medikamenten-Roboter die Tabletten und Pillen verringern», sagt Valentin Habermacher. Offi-
für jeden Patienten im Schweizer Paraplegiker-Zentrum bereitstellen. zielle Schätzungen gehen davon aus, dass
Die Erwartungen sind hoch. 5 bis 10 Prozent der in der Schweiz hospita-
lisierten Patienten einen Medikationsfehler
erleben, 30 bis 40 Prozent davon sind gravie-
Text: Manuela Vonwil | Foto: Walter Eggenberger rend. Die Folgekosten werden schweizweit
mit 70 bis 100 Millionen Franken beziffert.
V alentin Habermacher, Leiter der Apo-
theke, und seinem siebenköpfigen
Team bleiben acht Monate, um sich auf ihren
Schritt. Der Roboter und die damit einher-
gehende konsequente Dokumentation stel-
len sicher, dass die Mitarbeiter der Apotheke,
Arbeit positiv verändern
Noch liefert das Apotheken-Team die bestell-
«Arbeitskollegen» vorzubereiten: Ein Robo- die Ärzte und das Pflegefachpersonal durch- ten Medikamente an die Apotheken auf den
ter, der 90 Prozent aller verordneten Medi- gängig über die bestellten und verabreichten Stationen, wo das Pflegefachpersonal die Arz-
kamente individuell für 150 stationäre Pati- Medikamente informiert sind. neien für den Patienten gemäss Verordnung
enten abpacken wird. Dazu holt er die von zusammenstellt und im Computer erfasst.
ihm zuvor aus den Mehrpackungen exakt Patientensicherheit erhöhen Aus Sicht von Valentin Habermacher wird
ausgeschnittenen Einzeldosen an Tabletten «Da die Klinikerneuerung einen anderen der Roboter die Arbeit in der Apotheke posi-
oder Kapseln aus dem Lager, findet verschrie- Standort für unsere Apotheke vorsieht, tiv verändern: «Da wir künftig sehen, was
bene Ampullen, Fertigspritzen, Sirup-Porti- nutzten wir die Gelegenheit, die Investition ein Patient verordnet erhält, werden wir
onen oder Zäpfchen und stellt die codierten in einen Medikamenten-Roboter zu prü- mit unserem pharmazeutischen Wissen
Produkte korrekt dosiert zusammen, durch- fen», erklärt der Apotheker die Hightech- die ärztlichen Verordnungen kritisch über-
schnittlich zehn Dosen pro Patient und Tag. Anschaffung. Die Erwartungen an den Auto- prüfen können.» Noch stärker werden die
Beauftragt wird er vom behandelnden Arzt, maten der neusten Generation sind hoch. Pflegefachkräfte auf den Stationen die Ver-
der die Verordnung auf der Station in den «Der Roboter wird unsere Arbeit schnel- änderung wahrnehmen: Sie können eine auf-
Computer tippt. Wird das Medikament ler und kostengünstiger machen sowie, in wändige Routinearbeit dem Roboter anver-
schliesslich verabreicht, registriert die Pfle- unseren Augen die wichtigste Anforderung, trauen und die dadurch gewonnene Zeit ihren
gefachperson mittels Barcode auch diesen das Risiko von Medikationsfehlern massiv Patienten widmen.
Ihre Spende fliesst zu
100 Prozent in Innovation
Im Zuge der aktuellen Erweiterung und Erneuerung wird die
Spezialklinik mit innovativen medizinischen Geräten ausgestat-
tet. Ein erstes wichtiges Projekt ist der rund eine Million Franken
teure Medikamenten-Roboter, der das Schweizer Paraplegiker-
Zentrum europaweit zu einer Referenz in der Apothekenauto-
matisierung macht und wesentlich zur Erhöhung der Patienten-
sicherheit beiträgt.
Seien Sie mit Ihrer Spende Teil der Innovation. Wir garantie-
ren, dass jede Spende im vollen Umfang in die Anschaffung des
Roboters fliesst.
Roboter-Produktion. Valentin Habermacher, Leiter Apotheke, und
Dr. med. Dragan Stojanov, Ärztlicher Leiter Apotheke, halten ein Wir danken für Ihre Spende
Ansichtsmuster der einzeln abgepackten Medikamente in den Händen. Schweizer Paraplegiker-Stiftung
In acht Monaten wird der Roboter diese für jeden Patienten PC Konto 60-147293-5
genau so zusammenstellen. IBAN Nr. CH14 0900 0000 6014 7293 5
Zweck: Medikamenten-Roboter
11:35«Wenn ich tanze,
vergesse ich alles»
Schwungvoll. Mit ihrem Tanzpartner
Jean Vicino übt Stéphanie Combrement
Pirouetten und virtuose Figuren.PORTRÄT
Ein schwerer Motorradunfall machte Stéphanie Combrement
2004 zur Paraplegikerin. Die Mutter einer vierjährigen Tochter wusste
nicht, wie sie ihr Schicksal verkraften sollte und verlor jeglichen
Lebensmut. Am absoluten Tiefpunkt beschloss die heute 42-jährige
Freiburgerin zu kämpfen.
Vertraut. Regelmässig trifft sich Stéphanie Combrement
Text: Robert Bossart | Fotos: Walter Eggenberger mit ihren Eltern, die im benachbarten Haus wohnen.
S ie dreht und dreht und dreht: Stéphanie
Combrement wirbelt in ihrem Roll-
stuhl herum, als gäbe es nichts Einfacheres
auf der Welt. Anmutig und elegant bewegt
sie sich zusammen mit ihrem Tanzpartner
Jean Vicino über die Tanzfläche. Fast ver-
gisst man, dass da jemand im Rollstuhl sitzt.
So leicht und schwebend sind die Bewegun-
gen. Am eindrücklichsten ist aber ihr Gesicht.
Es strahlt so sehr, dass es ansteckend wirkt.
«Wenn ich tanze, vergesse ich alles. Sogar,
dass ich gelähmt bin.»
Wenn Stéphanie nicht tanzt, sieht die Reali-
tät anders aus. «Heute geht es mir gut», sagt
sie zwar, fügt aber an: «Super glücklich bin
ich nicht.» Die Westschweizerin lebt mit ihrer
16-jährigen Tochter Marie in einer kleinen
Blockwohnung in Villars-sur-Glâne bei Frei-
burg. Drei Abende pro Woche arbeitet sie im
Telemarketing für die Zeitung «La Liberté».
Tagsüber macht sie, so gut es geht, den Haus-
halt. Das, was sie nicht selber bewältigen
kann, erledigt ihre Mutter, die zusammen
mit Stéphanies Vater im Nachbarhaus wohnt. der legt sie sich aufs Sofa und schläft für ein positive Wesensart ist ihr vor zwölf Jahren
paar Stunden. «Das hilft», sagt sie. Immer abhandengekommen. Die 29-Jährige sass
Schmerz als ständiger Begleiter wieder gibt es Tage, an denen es ihr richtig hinten auf dem Motorrad. Vorne steuerte ihr
Stéphanie Combrement sitzt am Küchentisch schlecht geht. Und sie es kaum aushält. So zu damaliger Freund und fuhr den Pass «Vue
und raucht eine Zigarette. Klar, das Leben im leben sei nicht einfach. Ein ständiger Kampf. des Alpes» hinunter. Plötzlich bog unmittel-
Rollstuhl sei kein einfaches, beginnt sie zu «Es braucht viel Kraft, um sich nicht von den bar vor ihnen ein entgegenkommendes Auto
erzählen. Aber damit habe sie sich abgefun- Schmerzen zermürben zu lassen.» links ab. Das Motorrad krachte mit voller
den. Zu schaffen machen ihr die chronischen Stéphanie drückt die Zigarette aus. «Aber ich Wucht in den Wagen. Sie schleuderte durch
Schmerzen im Rücken und die Spastiken, finde immer einen Weg zurück.» Ein Kaf- die Luft und knallte auf den Rücken. Er ver-
unkontrollierte Zuckungen in den Beinen. fee und ein gutes Gespräch mit einer engen letzte sich an den Knien.
Von sieben Uhr morgens bis elf Uhr nachts Freundin bringen sie auf andere Gedanken.
sitzt sie in ihrem Rollstuhl. Häufig mit dabei Dann könne sie wieder mal so richtig lachen. Im Schockzustand
ist der Schmerz. Manchmal, wenn sie viel zu Denn eigentlich verfüge sie über einen fröh- Bereits im Rettungshelikopter merkte sie, dass
tun hat, kann sie ihn vergessen. Hin und wie- lichen, enthusiastischen Charakter. Diese sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte.
Paraplegie, März 2017 | 17Liebevoll. Ihre beiden Katzen
haben stets Hunger und lieben es,
gestreichelt zu werden.
Abenteuerlich. Das Gefühl, mit dem Skibob
den Berg hinunterzufahren, sei wundervoll,
versichert die 42-jährige Westschweizerin.
Die junge Frau wurde direkt in das Schwei- schlimmsten war es, als sie nach Hause «Für mich war es unerträglich zu sehen, wie
zer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) nach Nottwil zurückkehrte. Immer wieder musste sie sie hinfiel und ich ihr nicht helfen konnte»,
geflogen, wo sie am Rücken operiert wurde. weinen, konnte es einfach nicht fassen. Der sagt Stéphanie. Auch Marie hatte Schwierig-
Einundzwanzig Tage lag sie im künstlichen Rollstuhl war das eine. Weitaus mehr Mühe keiten, sich mit der neuen Situation zurecht-
Koma, ihr Körper hatte mit hartnäckigen bereitete ihr der Umstand, dass sie Darm und zufinden. «Zu sagen, dass die eigene Mut-
Entzündungen zu kämpfen. Es sei nicht klar Blase nicht mehr kontrollieren konnte. Ihre ter im Rollstuhl sitzt, schaffte sie nie. Auch
gewesen, ob sie überlebe, schildert Stéphanie Mutter musste ihr in der ersten Zeit behilflich heute nicht.»
Combrement. «Ich erwachte und hatte ex- sein. Ihre Intimsphäre konnte sie vergessen. Es folgte der absolute Tiefpunkt. Eine Druck-
trem Hunger. Ich ass mit den Händen, stelle am Gesäss, ein sogenannter Dekubitus,
weil ich vergessen hatte, wie man Besteck Radikal die Richtung geändert machte ihr so sehr zu schaffen, dass sie vier
benutzt.» Als sie erfuhr, dass sie querschnitt- Damit nicht genug: Die Beziehung zu ihrem Wochen lang im SPZ verbringen musste –
gelähmt sei und nie mehr laufen würde, Freund, dessen Verletzungen wieder ver- liegend. Die Ärzte warnten vor einer Blut-
war sie schockiert. «Ich dachte: ich sicher heilten, war problematisch. Er fühlte sich vergiftung. Hatte sie Angst zu sterben?
nicht.» Die sechs Monate dauernde Erst- schuldig, sie war auf seine Hilfe angewie- Stéphanie Combrement lacht. «Nein, ich hatte
rehabilitation war eine schwierige Zeit für sen. Nach wenigen Monaten trennten sich damals Lust zu sterben. Ich wollte mir nicht
die Westschweizerin. Es gab sprachliche die beiden. Auch für ihre vierjährige Toch- mehr helfen lassen.»
Barrieren, zudem wohnten ihre nächsten ter Marie war die Situation schwierig. Zuerst Bis es irgendwo in ihr drin «klick» machte.
Angehörigen weit weg. Vor allem konnte wohnte sie bei ihrem leiblichen Vater, später Und sie radikal die Richtung änderte. «In die-
sie ihr Schicksal nicht akzeptieren. Am schaute Stéphanies Mutter tagsüber zu ihr. sem Moment habe ich entschieden, zu leben.
18 | Paraplegie, März 2017PORTRÄT
«Es braucht viel Kraft, sich nicht von den
Schmerzen zermürben zu lassen»
Und zu kämpfen», erklärt sie. Warum dieser Höhen und Tiefen erlebt. Vor ihrem Unfall Und einfach nur rudern, rudern, rudern. Das
plötzliche Wandel? «Vor allem wegen meiner arbeitete sie als Hôtesse d’acceuil – Empfangs- gibt mir eine grosse Befriedigung.» Froh ist
Tochter.» Sie habe ihr den Mumm gegeben, hostess – bei einem Grossverteiler. Nach der Stéphanie darüber, dass sie für die regelmäs-
wieder nach vorne zu schauen. Wieder eine Rehabilitation war sie im gleichen Unterneh- sigen Kontrollen nicht nach Nottwil, sondern
Zukunft zu sehen. men im Büro tätig. Dann gab es Restrukturie- nach Lausanne gehen kann. In den Räum-
rungen, bis sie schliesslich arbeitslos wurde. lichkeiten der «Site Plein Soleil» hat das SPZ
Beschwerliche Jobsuche Zwei Jahre lang suchte sie vergeblich nach ein Ambulatorium für querschnittgelähmte
Heute ist Stéphanie Combrement heilfroh, einer Stelle. «Da ich nur zwanzig Prozent Menschen eröffnet. Rollstuhlfahrer aus der
dass sie aus dieser Negativspirale rausgekom- arbeiten kann, war es schwierig, etwas zu fin- Westschweiz können zur Jahreskontrolle
men ist. Ende gut, alles gut? Sie schüttelt den den.» Schliesslich erhielt sie den Abendjob bei kommen und erhalten Hilfe bei gesundheit-
Kopf. Immer noch besteht ihr Alltag aus viel «La Liberté». Ideal sei das für sie als Mutter lichen Problemen. Betreut werden sie von
Kampf und etlichen Schwierigkeiten. Finan- nicht, aber zumindest habe sie tolle Kollegin- einem Team des SPZ, bestehend aus einem
ziell kommt sie gerade so über die Runden. nen im Büro. «So macht es auch Spass.» Arzt und je einer Physio- sowie Ergothera-
Zwar erhält sie eine Rente der Invalidenver- peutin und einem Urologen. «Das ist für mich
sicherung und Alimente von Maries Vater. Freude am Rudern und Skifahren praktisch, zudem bekomme ich bei gesund-
Auch die nötigen Umbauten in der Küche und Letzten Winter wagte sie sich auf einen Ski- heitlichen Problemen rasch und unkompli-
im Bad wurden finanziert. Von der Schwei- bob. «Ein wundervolles Erlebnis. Das werde ziert die richtige Hilfe.»
zer Paraplegiker-Stiftung (SPS) hat sie via die ich diese Saison weiterverfolgen», versi-
Direkthilfe Geld für ein behindertengerech- chert sie. Im Sommer rudert sie regelmässig Tanzen als Glückselixier
tes Auto bekommen. Ihr Job bringt ihr hinge- auf dem Schiffenensee. «Auf dem Wasser zu Gute Freunde, die Eltern in unmittelbarer
gen nur einen kleinen finanziellen Zustupf. sein, die tolle Kulisse um mich herum mit all Nähe und die Beziehung zu ihrer Tochter,
Die gelernte Coiffeuse hat beruflich einige den Geräuschen: einfach unbeschreiblich. die zwar «anspruchsvoll», aber wertvoll und
schön ist: All das hilft ihr, mit dem Leben
einigermassen klarzukommen. Das grösste
«Glückselixier» ist aber der Rollstuhltanz.
Nur schon, wenn Stéphanie Combrement
darüber spricht, funkelt es in ihren Augen.
Als ihre Geschichte vor drei Jahren in einem
Musical aufgeführt wurde, tanzte sie erst-
mals auf der Bühne, zusammen mit ihrem
Tanzpartner Jean Vicino. Seither trainiert
sie regelmässig mit ihm in seiner Tanzschule
in Farvagny (FR). Gemeinsam treten sie an
Tanzfesten und Partys auf. Die beiden geben
auch Rollstuhl-Tanzkurse.
«Vor dem Unfall habe ich nie getanzt», gibt
Stéphanie Combrement zu. Heute hingegen
kann sie sich ein Leben ohne nicht mehr vor-
stellen. «Am liebsten würde ich den ganzen
Tag, mein ganzes Leben nur noch tanzen.»
Aktiv. Drei Abende pro Woche arbeitet Stéphanie Combrement
im Telemarketing der Zeitung «La Liberté» in Freiburg.
Paraplegie, März 2017 | 19REPORTAGE Ausblick. Wie geht es weiter, was kommt noch? Der ehemalige Winzer Ruedi Hartmann auf seinem Rebberg in Schinznach Dorf (AG)
Rollstuhl
Mit dem
alt werden
Jeder dritte Rollstuhlfahrer in der Schweiz ist über
sechzig Jahre alt, die Lebenserwartung stieg in den
letzten Jahren stark an: Zum Glück gehört heute
Altwerden auch für querschnittgelähmte Menschen
zur Normalität. Einfach ist dies jedoch nicht. Alters-
krankheiten, viele Medikamente, mehr Schmerzen,
zunehmende Hilfsbedürftigkeit und weniger Selbst-
ständigkeit machen vielen das Leben schwer.1
Text: Robert Bossart | Fotos: Walter Eggenberger
W er querschnittgelähmt ist, hat eine
ähnlich hohe Lebenserwartung wie
Menschen ohne eine körperliche Behinde-
rungen. Die vielen Jahre im Rollstuhl fordern
ab einem gewissen Alter ihren Tribut. Stich-
worte dazu sind unter anderem Muskelver-
rung. Noch vor fünfzig Jahren starben Quer- lust oder die Abnützung der Schultergelenke. Zentrum zur Therapie. Zudem leidet er seit
schnittgelähmte bereits in jungen Jahren, da Wenn Kraft und Beweglichkeit abnehmen, zwei Jahren an einer Nierenunterfunktion
es spezifische Behandlungen und Rehabili- wirkt sich das auf die Selbstständigkeit und und ist auf die Dialyse angewiesen.
tation nicht gab. Heute hat sich die Situation Unabhängigkeit aus. Die altersbedingten Ein-
dank der medizinischen Fortschritte grund- schränkungen haben entsprechend gravie- Angst vor der Zukunft
legend geändert. Die moderne Akutmedizin, rendere Auswirkungen als bei älteren Men- Trotz seiner Querschnittlähmung ist Felix
ganzheitliche Rehabilitation und lebenslange schen ohne Querschnittlähmung. Anderau zufrieden. Er hatte einen interes-
Begleitung, die die Schweizer Paraplegiker- Wie erleben Querschnittgelähmte ihr Älter- santen Beruf als Konstrukteur, den er bis
Stiftung in Nottwil mit ihrem Leistungsnetz werden und welche Vorkehrungen treffen sie? kurz vor seiner Pensionierung ausübte. «Ich
sicherstellt, trägt massgebend dazu bei, dass Felix Anderau hat gerade die erste altersbe- habe ein erfülltes Leben. Früher segelte ich
Rollstuhlfahrer körperlich gesund bleiben. dingte Behandlung hinter sich. Der 69-Jährige auf dem Murtensee, heute mache ich Regat-
Dennoch stellt der Alterungsprozess Quer- wurde an der Schulter operiert und verbrachte ten mit meinem selbst gebauten Modellsegel-
schnittgelähmte vor besondere Herausforde- drei Monate im Schweizer Paraplegiker- boot. Auch sind meine Frau und ich viel
22 | Paraplegie, März 2017REPORTAGE
1 Musse. Wenn die chronischen Schmerzen nicht allzu
stark sind, vertieft sich der 74-jährige Ruedi Hartmann
gerne in die Lektüre einer Zeitung.
2 Beweglichkeit. Nach einer altersbedingten Schulter-
operation erlangt der 69-jährige Felix Anderau mithilfe
der Therapie am Schweizer Paraplegiker-Zentrum
wieder möglichst viel Beweglichkeit zurück.
Altersmedizinische
Sprechstunde im SPZ:
Im Herbst 2016 wurde am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) die neue
altersmedizinische Sprechstunde «Geronto-Paraplegiologie» eingeführt.
Der Alterungsprozess setzt bei Querschnittgelähmten in verschiedenen
Bereichen früher ein. Osteoporose wird bereits rund fünf Jahre nach dem
Unfall zum Thema. Durch den intensiven Gebrauch der Arme treten Schul-
terprobleme auf. Auch Arterienverkalkung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
beschäftigen Rollstuhlfahrer deutlich früher als nichtgelähmte Menschen.
«Der Muskelabbau schreitet rascher voran, wodurch es in Verbindung mit
Alterskrankheiten und zahlreichen Medikamenten mit Nebenwirkungen zu
Gebrechlichkeit kommen kann. Zudem steigt durch das dünner werdende
Fettgewebe die Gefahr von Druckstellen am Gesäss. Ein Teufelskreis kommt
ins Rollen», erklärt Dr. med. Hans Peter Gmünder, Direktor des SPZ und inter-
nistischer Geriater. Deshalb sei es wichtig, dass den Betroffenen möglichst
gezielt geholfen werden kann.
Im Vordergrund:
1. Mehrfacherkrankung und Polymedikation
Ältere Querschnittgelähmte haben aufgrund mehrerer Gebrechen im
Laufe der Jahre vom Hausarzt und von Fachärzten diverse Medikamen-
te verschrieben bekommen. «Ein zu grosser ‹Medikamentenmix› kann
wiederum zu gesundheitlichen Problemen führen. Zusammen mit die-
sen Menschen und ihren Angehörigen schauen wir das genau an und
wägen ab zwischen Nutzen und Risiken», sagt Hans Peter Gmünder. «Es
wird strukturiert geprüft, welche Bedeutung die einzelnen Krankheiten
haben, welchen genauen Nutzen die Medikamente für die Betroffenen
2
in ihrer Lebenssituation bringen. Dann wägen wir ab, was angepasst
oder sogar weggelassen werden kann. Eine Absprache mit dem Fach-
spezialisten des Ambulatoriums im SPZ und dem Hausarzt bildet die
Grundlage.»
gereist. Jetzt machen wir kleinere Ausflüge.» 2. Gedächtnis und Demenz
Vor 42 Jahren wurde der Murtner (FR) durch Wenn zusätzlich zu den körperlichen Einschränkungen Störungen des
einen Motorradunfall zum Paraplegiker. Er Gedächtnisses auftreten, ist das besonders problematisch. «Nicht selten
wohnt mit seiner Frau in einem rollstuhlgän- sind wiederum Medikamente mitverantwortlich», erklärt der Klinik-
direktor. In einer Memory-Klinik fehle das spezifische Wissen über Quer-
gigen Haus in Südfrankreich.
schnittgelähmte. «Darum ist es ideal, wenn sie hier im SPZ untersucht
Er sei gerne unabhängig, deshalb mache es werden. Wir haben Neuro-Psychologie, Neurologie, Radiologie und
ihm schon etwas Angst, wie die Zukunft aus- Geriatrische Medizin – alle nötigen Bausteine für eine präzise Abklärung
sehen werde. «Ich merke, dass vieles nicht sind vorhanden.» Nach diesen Untersuchungen kann die Überweisung
mehr so leicht geht wie früher. Meine Frau in eine wohnortnahe Memory-Klinik sinnvoll sein.
übernimmt meine Pflege, denn ich benö-
3. Muskelverlust und Gebrechlichkeit
tige doch etliche Hilfe. Sobald es ihr zu viel
wird, werden wir Leistungen der Spitex in Verminderte Beweglichkeit schränkt die Mobilität und damit die Teil-
habe am sozialen Leben ein. «Es beginnt ein Teufelskreis aus Aktivitäts-
Anspruch nehmen. Wenn ich abgesehen
verlust, Muskelabbau, Erschöpfung, Gewichtsverlust und Instabilität.
Deshalb muss der Autonomieverlust infolge verminderter Beweglich-
keit und Alterskrankheiten frühzeitig erkannt und behandelt werden»,
sagt Hans Peter Gmünder. Unter anderem geht es um eine ange-
passte Ernährung, um Aktivierung, bewegungs- und sporttherapeuti-
sche Programme, aber auch den vermehrten Einsatz von Hilfsmitteln
und professionelle Pflege.REPORTAGE
Freude. Ein selbst gebackener
Apfelkuchen und ein feiner Kaffee:
Ruedi Hartmann geniesst mit
seiner Partnerin Hanni Merz die
schönen Seiten des Lebens.
davon einen zufriedenen Alltag lebe, habe
ich keine Mühe damit.» Immer wieder erlebt
er Momente, in denen es ihm schlecht geht,
wegen der Schulterprobleme oder der Nie-
ren. «Dann bin ich nur schon froh, wenn ich
einfach so, ohne grössere Beschwerden bei
uns auf der Terrasse sitzen und mit den Hun-
den spielen kann. Ich habe gelernt, mit wenig
zufrieden zu sein. Das hilft mir auch beim
Älterwerden.»
Ein fast normales Rentnerleben
Der 74-jährige Ruedi Hartmann hat abgese-
hen von chronischen Schmerzen noch keine
nennenswerten Einschränkungen wegen
seines Alters. Die Transfers vom Bett in den
Rollstuhl und ins Auto schafft er ohne fremde
Hilfe. Fast jeden Tag kocht er für sich und dann die Schmerzen weniger.» Seit er sechzig Paraplegiker wurde, ein einigermassen gutes
seine Lebenspartnerin. Zudem unternimmt ist, hat er mit ihnen zu kämpfen. «Das frisst Leben. Einschränkungen bereiten die ständi-
er, wenn es das Wetter zulässt, längere Aus- viel Energie und vermindert die Lebensqua- gen, oft sehr starken Schmerzen. Das Älter-
flüge mit dem motorisierten Zuggerät, dem lität.» Ansonsten führt der ehemalige Win- werden macht ihm keine Angst. «Als Roll-
Swiss-Trac. «Das tut mir gut, zudem spüre ich zer, der mit 58 Jahren durch einen Sturz zum stuhlfahrer musste ich lernen, im Moment
Para Help: Suche nach passender Wohnform
Regula Kraft Bei älteren Querschnittgelähmten ist die Wohnsituation zentral. Die
Koordinatorin Selbstständigkeit nimmt ab, die Angehörigen kommen mit der Pflege
Alter und Wohnen an ihre Grenzen. Manche Rollstuhlfahrer können nicht mehr selber
Auto fahren, der öffentliche Verkehr ist aber nicht immer zugänglich,
Einkaufsmöglichkeiten sind weit entfernt. «Viele ältere Rollstuhlfah-
rer stehen vor solchen Herausforderungen und suchen nach Hilfe»,
sagt Regula Kraft von ParaHelp, die in enger Zusammenarbeit mit
dem Schweizer Paraplegiker-Zentrum für die ambulante pflegerische
Beratung und Nachbetreuung querschnittgelähmter Menschen zu
Hause sorgt. Deshalb wurde vor zwei Jahren die Koordinationsstelle
«Alter und Wohnen» ins Leben gerufen. «Wir klären die individuellen
Bedürfnisse und suchen nach einer passenden Lösung», sagt Regula
«Wichtig ist, sich Kraft.
ParaHelp verfügt über ein Netzwerk an Partnerinstitutionen mit unter-
frühzeitig über
schiedlichen Wohnformen für Senioren in der Schweiz. Die Pflegefach-
personen in diesen Institutionen werden von ParaHelp für die Bedürf-
nisse älterer Querschnittgelähmter spezifisch geschult. «Wichtig ist,
Wohnmöglichkeiten dass sich Rollstuhlfahrer und Angehörige frühzeitig um dieses The-
ma kümmern, da es nicht immer einfach ist, kurzfristig einen Platz in
einer Pflegeeinrichtung beziehungsweise eine adäquate Wohnform zu
im Alter zu finden», betont Regula Kraft.
informieren» Weitere Informationen und
Newsletter abonnieren:
parahelp.chDaten aus der Forschung François Höpflinger (68) ist Alters- und
Generationenforscher. Der emeritierte
Die Schweizer Paraplegiker-Forschung (SPF) beschäftigt sich inten-
Titularprofessor für Soziologie ist Mitglied
siv mit der Thematik Alter. 2012 haben an der erstmals durchge-
der Leitungsgruppe des Zentrums für
führten Befragung im Rahmen der Schweizer Kohortenstudie für
Gerontologie an der Universität Zürich. Zu
Querschnittgelähmte (SwiSCI) 1922 Betroffene teilgenommen. Die
einem seiner Forschungsschwerpunkte
von der SPF untersuchten Daten ergaben, dass 31 Prozent über
gehört das Thema Pflege im Alter.
60 Jahre alt sind. Aus der Studie geht unter anderem hervor, dass
sich bei den 61- bis 75-Jährigen jede zweite Person selbstständig,
ohne fremde Hilfe oder elektrische Hilfsmittel, fortbewegen kann.
Von den über 75-Jährigen sind nur noch 23 Prozent dazu in der
Lage. Bei Erkrankungen sind es insbesondere die chronischen
«Warum nicht einen Orden für
Schmerzen, die im Alter zunehmen. Leiden bei den 16- bis 30-Jäh-
rigen 54 Prozent daran, so sind es bei Querschnittgelähmten über
30 Jahre Leben im Rollstuhl?»
61 Jahre 74 Prozent.
Die Ergebnisse zeigen ein umfassendes Bild der Lebenssituation, François Höpflinger, welche Umstände braucht es, damit
Probleme und Versorgungslücken querschnittgelähmter Men- Menschen – und insbesondere Querschnittgelähmte –
schen. Sie dienen als Grundlage für vertiefte Analysen sowie der im Alter zufrieden sind?
Erarbeitung von Lösungen.
Generell sind die wirtschaftliche Absicherung, eine möglichst gute
2016 wurde zusätzlich eine gross angelegte und durch den Schwei-
zerischen Nationalfonds finanzierte Studie zur Situation der Ange- Gesundheit und soziale Integration entscheidend. Wenn diese Punkte
hörigen durchgeführt, um auch wichtige Aspekte für das gemein- erfüllt sind, kann das Wohlbefinden bis ins hohe Alter gross sein. Je
same Älterwerden berücksichtigen zu können. älter jemand wird, desto weniger ist er in der Lage, seine körperli-
chen Einbussen zu kompensieren. Das gilt für Querschnittgelähmte
Weitere Informationen:
in besonderem Masse. Dann ist eine gute Infrastruktur mit einer
paraplegie.ch/forschung
geeigneten Wohnsituation und einem guten Versorgungssystem
bedeutend.
zu leben.» Dennoch hat er für später vorge- Wenn jemand zunehmend körperlich eingeschränkt und hoch-
sorgt. Zusammen mit seiner Partnerin wohnt betagt ist: Was braucht er nebst Pflege und Absicherung?
er seit ein paar Jahren in einer Alterswoh- Entscheidend kann sein, ob jemand das Gefühl hat, ein erfülltes
nung in Schinznach Dorf (AG), die unmittel- Dasein gehabt zu haben. Dass man es geschafft hat, so viele Jahre mit
bar neben dem Altersheim liegt. Falls nötig, der Behinderung zu leben. Es wäre sinnvoll, wenn man diese Resi-
kann er dereinst diverse Dienstleistungen lienz würdigen würde. Warum nicht einen Orden für 30 Jahre Leben
beanspruchen. «Ich habe damit zwei Fliegen im Rollstuhl? Diese Menschen müssten als Vorbilder gelten, auch für
mit einer Klappe geschlagen: Ich wohne dort, nichtbehinderte Menschen.
wo ich aufgewachsen bin und profitiere von
der Nähe zum Alters- und Pflegeheim.» Haben ältere Rollstuhlfahrer gegenüber nichtgelähmten
älteren Menschen einen Erfahrungsvorsprung?
Partnerin soll nicht Pflegerin werden Möglicherweise. Die Zufriedenheit ist eng verbunden mit der Fähig-
Die Wohnsituation hat auch für seine jün- keit, die eigenen Ansprüche zu reduzieren. Man muss Hilfe anneh-
gere Partnerin Vorteile. «Ruedi und ich haben men können. Rollstuhlfahrer wissen vielleicht besser, wie sich das
abgemacht, dass nicht ich ihn pflegen werde, anfühlt und wie man auch mal ein Hilfsangebot ablehnt.
wenn es nötig wird», sagt Hanni Merz. Beide
wollen ihre Beziehung nicht durch eine sol- Alt zu werden und gelähmt zu sein stellt eine schwere Bürde
che Abhängigkeit belasten. «Die Kraft in den dar. Besteht nicht die Gefahr, zu vereinsamen und zu verbittern?
Armen hat etwas nachgelassen, aber ansons- Eine gewisse Selbstständigkeit sollte erhalten bleiben, gerade auch,
ten geht es mir ziemlich gut», sagt Ruedi Hart- wenn man Para- oder sogar hochgelähmter Tetraplegiker ist. Die
mann. «Ich wünsche mir einfach, noch mög- Betagten sind in der Lage, einzelne soziale Beziehungen zu pflegen,
lichst lange gesund zu bleiben.» vielleicht eine Katze zu halten. Auf solche Dinge kommt es an. Wich-
tig ist auch, dass sie zumindest einzelne Dinge selber entscheiden
können. Etwa, was man essen will. Deshalb ist es vielleicht sinn-
voll, selber zu kochen. Auch wenn es den halben Tag in Anspruch
nimmt.
Paraplegie, März 2017 | 25Sie können auch lesen