Projekt "Schnecke - Bildung braucht Gesundheit" - Hessisches Kultusministerium

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Projekt "Schnecke - Bildung braucht Gesundheit" - Hessisches Kultusministerium
Hessisches Kultusministerium

Projekt „Schnecke – Bildung
braucht Gesundheit“
Projekt "Schnecke - Bildung braucht Gesundheit" - Hessisches Kultusministerium
Projekt "Schnecke - Bildung braucht Gesundheit" - Hessisches Kultusministerium
Projekt „Schnecke – Bildung braucht Gesundheit“

Informationen zum Projekt                                         Schon einfache Seh-, Hör- und Gleichgewichtstests
                                                                    können Aufschluss über evtl. Behandlungsbedarf
                                                                    geben. Sie geben weiterhin Aufschluss über präventive
                                                                    und begleitende pädagogische Maßnahmen.
Das bundesweit, bisher einmalige, interdisziplinär arbei­
tende Projekt „Schnecke – Bildung braucht Gesundheit“,           Ziel des Projekts „Schnecke – Bildung braucht Gesund­
startete im Februar 2007 im Schulamtsbezirk des Staat­           heit“ ist es, Hörschäden vorzubeugen, Seh- und Gleich­
lichen Schulamtes für den Lahn-Dill-Kreis und den Land­          gewichtsschwierigkeiten präventiv zu begegnen, vorschu­
kreis Limburg-Weilburg.                                          lischen, schulischen und außerschulischen Lärm zu senken.

Das Projekt „Schnecke“ (Schnecke nach dem gleich­                Das Projekt setzt sich für die Grundlagen der Gesundheit
namigen Teil des Innenohres) befasst sich mit drei Wahr­         ein, um optimales Lernen und Leisten für Lehrende und
nehmungssystemen, die in engem Zusammenhang stehen               Lernende aller Schulformen und Altersklassen zu ermög­
und für das Lernen und Leisten des Menschen große                lichen.
Bedeutung haben.
                                                                 Ein Team aus Pädagogen, Fachärzten, Hörgeräteakusti­
 Hören und Lärmprävention                                       kern, Hochschulprofessoren, Mitgliedern des Schul- und
                                                                 Baudezernats sowie Bediensteten des Hessischen Landes­
 Sehen                                                          amtes für Umwelt und Geologie erarbeiteten das Grund­
                                                                 lagenkonzept.
 Gleichgewicht
                                                                 Das Projektteam wurde durch Mediziner und Fachkräfte
Es ist aus der Notwendigkeit entstanden, Wahrnehmungs­           aus dem Bereich Augenheilkunde und Optik bereichert.
auffälligkeiten und Wahrnehmungsschwierigkeiten ent­
gegen zu treten, Gesundheit zu erhalten und Lernen zu            Absprachen und Zusammenarbeit mit Kinder- und Jugend­
fördern.                                                         ärzten sowie mit Ärzten des Gesundheitsamtes waren
                                                                 selbstverständlich, interessierte Mitwirkende sind jeder­
 Gesundheit und schulische Leistungen sind grund­               zeit willkommen.
   legend für die spätere berufliche und soziale Situation
   eines Menschen.                                               Die Durchführung einer so umfangreichen Studie ist nicht
                                                                 ohne jede Menge freiwilliger Helfer zu bewerkstelligen,
 Je früher Gleichgewichtsschwierigkeiten, Seh- und              die sich 2007 aus den vor Ort ansässigen Augenoptikern
   Hörschwächen erkannt werden, desto besser sind die            und Hörakustikern, Motopädagogen und Ergothera­
   Möglichkeiten pädagogisch und medizinisch Ange­               peuten und den Studenten der Hochschule Aalen (HTW-
   bote zu nutzen.                                               Aalen), Studiengang Augenoptik und Hörakustik zusam­
                                                                 mensetzte.

                                                             1
Projekt "Schnecke - Bildung braucht Gesundheit" - Hessisches Kultusministerium
Unterstützung erhält das Projekt durch das Hessische             Vorbereitung und Unterstützung der Lern- und
Kultusministerium, Arbeitsgebiet Schule & Gesundheit               Leistungsfähigkeit
und durch das Hessische Ministerium für Umwelt, länd­
lichen Raum und Verbraucherschutz.                               Erkennen und Vermeiden von Wahrnehmungsauffällig­
                                                                   keiten und daraus resultierenden Verhaltensauffällig­
                                                                   keiten
Projektziele:
                                                                 Aufklärung über die Wirkungen von Lärm und damit
 Bildungschancen wahren – Schäden erkennen und                    verbundenen dauerhaften Schädigungen der Hör­
   vermeiden                                                       leistung, wie Lärmschwerhörigkeit und Tinnitus aurium

 Gestaltung einer sinnfreundlichen Lernumgebung                 Einbindung aller schulischen und außerschulischen
                                                                   Personen und Institutionen zur dauerhaften Lärm­
 Gesundheitsschutz für Schülerinnen und Schüler,                  reduktion
   Lehrerinnen und Lehrer und des gesamten schulischen
   Personals

 Projekt-Gesamtplan

                                                                                                               Schulträger
                                                                                                               Kinder-, Jugendärzte
                                                                                                               HNO-Ärzte
                                                                                                               Augenärzte
                                                                                                               Hochschule
                                                                                    1. Kooperation
                                                                                                               Gesundheitsamt
  landesweite Prävention                                                                                       Optiker, Akustiker
                              8. Übertragung Projekt                                                           Schulen, Schulamt
Installierung Maßnahmen
                                                                                                               HMULV, HLUG

                                                            Schnecke
                                                                                                               ✔ Meldungen
                                                                                                               ✔ Auswahl
                                                                                       2. Info Schulen
                                                                                                               ✔ Materialvergabe
        ✔ Öffentlichkeit
   ✔ Lehrerinnen, Lehrer
                               7. Pädagog. Fortbildung
   Schülerinnen, Schüler
                                                                                                               ✔ Elternabende
✔ Erzieher, Therapeuten,                                                                3. Info Eltern
                                                                                                               ✔ Öffentlichkeit

                                                                                                           ✔ FoBi Lärm-Scouts
                                                                                 4. Fortbildung
                                                                                                           ✔ FoBi Motopädagogen
                           Rückmeldung
                                            6. Evaluation
 Bewertung medizinisch       Prävention
Bewertung pädagogisch                                                                        ✔ Nachhall-Messung
                                                                                             ✔ Lärm-Messungen

                                                                          5. Analyse
                                                                                             ✔ Screening             Hören
                                                                                                                     Sehen
                                                                                                                     Gleichgewicht

                                                            2
Projekt "Schnecke - Bildung braucht Gesundheit" - Hessisches Kultusministerium
 Reduktion der mittel- und langfristigen Kosten der            Durchführung:
   Entschädigung, Diagnostik und Therapie von Lärm­
   schwerhörigkeiten, Tinnitus und Hyperakusis und              1. schriftlichen Befragungen zu Hör- und Sehgewohn­
   von Wahrnehmungsstörungen aus dem Bereich des                   heiten
   Sehens und des Gleichgewichts

Testungen/Screenings

April bis Juli 2007:

erster Durchgang des freiwilligen Screenings in zehn
hessischen Schulen
(zusätzlich eine Schule zur Pre-Testung)

Teilnehmer waren:

Grundschulen, Grundschule mit Eingangsstufe, Grund­
schule mit Vorklasse, Hauptschule, Realschule, Gymna­           2. Screening Hören
sium, Integrierte Gesamtschule und Förderschule für
Lernhilfe und Körperbehinderte.                                    ●	Otoskopischer Befund (Blick in den Gehörgang und
                                                                     auf das Trommelfell)
3482 Personen nahmen insgesamt teil, davon:
                                                                   ●	Hörscreening bei 15 dB HL bei 500 Hz, 1 kHz, 2 kHz,
 3338 Schülerinnen und Schüler                                      4 kHz und 6 kHz sowie eine erweiterte Audiometrie
   (sechs bis neunzehn Jahre)                                        bei Hörverlusten von 20 dB HL oder mehr

 144 Lehrerinnen und Lehrer, Hausmeister,                      3. Sceening Sehen
   Sekretärinnen, Busfahrer, Reinigungskräfte
                                                                   ● Visus (übliche Angabe der Sehschärfe)

                                                                   ● Stereopsis (Dreidimensionales Sehen)
April bis Oktober 2008:
                                                                   ●	Refraktionswerte der Schülerbrillen
zweiter Durchgang mit weiteren zehn hessischen Schulen.              (Stärke der Brillengläser)

Teilnehmer sind:                                                4. Screening Gleichgewicht

Grundschulen in Kooperation mit ihren Kindergärten                 ● Romberg-Test
(Bildungsplan 0 – 10), Grundschule mit Vorklasse, Gesamt­
schulen, Berufs- und Berufsfachschulen                             ● Einbeinstand-Test

                                                                   ● Balancier-Test rückwärts (vorwärts)

                                                                5. Nachhallmessungen und Schallpegelmessungen

                                                                   Zusätzliche Nachhall- und Lärmpegelmessungen
                                                                   (Messung der Schallpegel innerhalb der Klassenräume
                                                                   bei Ruhe und bei laufendem Unterricht) fanden in allen
                                                                   Schulräumen statt.

                                                            3
Projekt "Schnecke - Bildung braucht Gesundheit" - Hessisches Kultusministerium
Fachliche Begründung der Maßnahmen                              Die Sprachentwicklung wird maßgeblich von gutem Hören
                                                                beeinflusst.

                                                                Gehörte Sprache regt Sprache an, die Kontrolle der eige­
Hören:
                                                                nen Sprache erfolgt über das Ohr.

Der Mensch hört immer, auch im Schlaf. Das Auge kann
                                                                Auch das Gelingen des Lese-Rechtschreibprozesses steht
sich verschließen, das Ohr ruht nie. Es arbeitet durchge­
                                                                in engem Zusammenhang damit.
hend, ansonsten würde man morgens den Wecker nicht
hören.
                                                                Gutes Hören steigert altersunabhängig die Lebensqualität
                                                                und den Kontakt zu Menschen.
Menschliche Ohren reagieren auf jedes Signal.
                                                                In der heutigen Zeit ist das Gehör einer durchgehenden
Ohren sammeln Informationen und ermöglichen so das
                                                                Beschallung ausgesetzt.
Verstehen, Erlernen und Austauschen von Sprache.
                                                                Trotzdem wird gutes Hören als Selbstverständlichkeit
Über das Hören gelingt dem Menschen das Erschließen
                                                                angesehen.
und Beurteilen gefühlsmäßiger Sprachinhalte. Warn­
signale und Untertöne werden wahrgenommen.
                                                                In der Schule wird das auditive Sinnessystem stark
                                                                angesprochen und gefordert
Die Orientierung im Raum ist auch vom Hören abhängig.
                                                                Häufiges, langzeitiges und genaues Zuhören ist im
Das Hören ist eine wichtige Voraussetzung für sprachliche
                                                                Schulalltag notwendig.
Kommunikation.

                                                            4
Kinder und Jugendliche, die Gehörtes erschwert ver­               Lärmbelastungen haben in den letzten Jahren deutlich
arbeiten, ermüden nach wenigen Schulstunden. Aufmerk­             zugenommen.
samkeit und Konzentration werden beim Hören nicht nur
durch kognitive Inhalte gefordert, auch die emotionale            Die Minimierung von Lärmbelastungen des täglichen
Bewertung von Informationen wird mit Hilfe der auditiven          Lebens ist daher dringend notwendig.
Wahrnehmungsverarbeitung gesteuert.
                                                                  Aufklärung und Prävention von Lärmbelastungen und
Wenn das Erschließen der emotionalen Anteile von                  deren Schäden gehören zu den vordringlichen Zielen der
Sprache schwer gelingt, schaltet der Mensch schneller             gesundheitsbewussten Pädagogik.
ab und reagiert oft unangebracht.
                                                                  Bereits junge Kinder müssen ausreichend und optimal
Hörschäden und Hyperakusis (hohe Sensibilität im                  informiert sein, welche Schäden Lärm erzeugen kann und
auditiven Sinnessystem) können sich problematisch auf             wie man selbst Lärmschäden vorgebeugt kann.
die schulische und berufliche Entwicklung des Kindes
auswirken.                                                        Lärm kann das Wohlbefinden und die geistige Leistungs­
                                                                  fähigkeit beeinträchtigen.
Sprache, Kommunikation, Lese-Rechtschreibfähigkeit,
schulisches Lernen und Verhaltensauffälligkeiten sind             Lärm scheint sich negativ auf die Entwicklung der Sprach­
davon betroffen.                                                  kompetenz auszuwirken und die Ausbildung von Teil­
                                                                  leistungsstörungen zu begünstigen.

Lärm                                                              In wissenschaftlichen Studien konnten Zusammenhänge
                                                                  zwischen Lärm, Aufmerksamkeit und Motivation aufge­
Lärm ist unerwünschter Schall.
                                                                  zeigt werden.

Bei der Wirkung des Lärms wird lästiger Lärm von hör­
                                                                  Konzentration, Aufmerksamkeit und Zuhören sind un­
schädigendem Lärm unterschieden. Lästiger Lärm beein­
                                                                  verzichtbare Grundlagen für die Bewältigung des Schul­
trächtigt das Wohlbefinden, die Konzentration und die
                                                                  alltags. Eine langfristige und nachhaltige Lärmreduktion
Wahrnehmung von gewünschten Signalen.
                                                                  kann nur erreicht werden, wenn darüber Informationen
                                                                  erfolgen und damit Einsicht gewonnen werden kann.
Lästiger Lärm muss nicht besonders laut sein, um als sehr
lästig empfunden zu werden (z. B. eine Mücke im Schlaf­
                                                                  Gesundheit muss ein Ziel und grundlegender Bestandteil
zimmer).
                                                                  der Schulbildung werden.

Sehr lauter Schall kann das empfindliche Hörorgan
                                                                  Gesundheitsthemen und somit auch Erkrankungen die
schädigen.
                                                                  irreparabel sind, wie z. B. Lärmschwerhörigkeit, gehören
                                                                  langfristig in die Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung.
Bei Schallimpulsen mit hohen Schallpegeln kann eine tau­
sendstel Sekunde ausreichen, um das Ohr zu schädigen.
                                                                  Hörprobleme sind bei Schülern wie Lehrern keine Selten­
Beispiele sind z. B. Silvesterböller und Spielzeugpistolen.
                                                                  heit. Die Zahl der in Schule Die Zahl der in Schule be­
                                                                  schäftigten Erwachsenen mit Diagnose Hörsturz und/oder
Auch eine länger dauernde Beschallung mit hohen
                                                                  Tinnitus steigt.
Schallpegeln kann zu einem Hörverlust führen.

                                                                  Ständige Lärmeinwirkung in Schul- und Aufenthaltsräu­
Lärmschäden sind irreparabel und damit unwiderruflich,
                                                                  men, Radio-, TV-Einwirkung, Fluglärm, ein hoher Lärm­
da die geschädigten Hörzellen im Innenohr nicht nach­
                                                                  pegel in Discos, Straßen- oder Schienenverkehrslärm
wachsen können! Die rund 18.000 Hörzellen pro Ohr
                                                                  verursachen in einer hektischen Gesellschaft immer mehr
stellen eine einmalige Grundausstattung für das gesamte
                                                                  Erkrankungen in Bereichen, die mit auditiver Verarbeitung
Leben dar. Jede zerstörte Hörzelle hinterlässt eine lebens­
                                                                  in Verbindung stehen.
lange Lücke.

                                                              5
Sehen:                                                         Gleichgewicht:

                                                               Der Gleichgewichtssinn (Vestibularsystem) erfasst die
                                                               Richtung von Schwerkraft und Bewegung. Er ermöglicht
                                                               dem Menschen beim Stehen und Bewegen im Gleichge­
                                                               wicht zu bleiben, ohne umzufallen. Er erlaubt, Handlungen
                                                               fließend auszuführen.

                                                               Das Vestibularsystem, das beim Menschen weitgehend
                                                               unbewusst arbeitet, spielt eine wichtige Rolle in der
                                                               Entwicklung. Zu dem Gleichgewichtsgefühl des Menschen
Das Sehen ist für den Menschen ein äußerst wichtiges           tragen auch die Reize des visuellen Systems und die Pro­
Sinnessystem, es ermöglicht, wichtige Aspekte der              priorezeptoren bei, die über die Stellung der Gelenke des
Umwelt wahrzunehmen.                                           Körpers informieren.

Der Mensch benötigt für den Sehprozess seine Augen.            Das Vestibularsystem veranlasst automatisch die Augen­
Die Signalverarbeitung beginnt schon in spezialisierten        muskeln zu angepassten ausgleichenden Augenbewe­
Neuronen der Netzhaut und setzt sich weiter im Hirn­           gungen, damit das Gesichtsfeld konstant bleibt.
stamm und der Sehrinde fort. Die Interpretation der
optischen Eindrücke findet in verschiedenen Arealen            Das vestibulare und das auditive System stehen in enger
des Großhirns statt.                                           Verbindung, da sie beide praenatal (vorgeburtlich) aus
                                                               den Labyrinthbläschen entstehen und gemeinsam im
Zum Erkennen, Unterscheiden, zum Erfassen von Lage,            Innenohr liegen.
zur Orientierung im Raum, zur Auge-Hand-Koordination
benötigt der Mensch die Augen – aber allein mit ihnen          Das Gleichgewichtssystem nimmt seine Arbeit sehr früh
sieht er nicht.                                                vorgeburtlich auf und bereitet sich für lebensnotwendige
                                                               Aufgaben vor. Störungen im vestibularen Bereich werden
Das Gehirn verarbeitet die Bilder, die auf dem Augenhin­       in erster Linie durch Gleichgewichtsprobleme gekenn­
tergrund optisch abgebildet und in der Netzhaut in elek­       zeichnet. Durch die Verbindung zwischen dem vestibu­
trische Signale umgesetzt werden zu einem ganzheitlichen       laren-visuellen Bereich sowie dem vestibularen-auditiven
Wahrnehmungseindruck.                                          Bereich kann es zu weitreichenden Folgen kommen.

Kinder mit visuellen Wahrnehmungsschwierigkeiten               Visuelle Wahrnehmungsprobleme, wie verschwommenes
können optische Reize nicht richtig zuordnen.                  ungenaues Sehen sind genauso möglich, wie Entwick­
                                                               lungsverzögerungen von Sprache durch Auswirkung des
Lernschwächen, unsichere Feinmotorik, fehlerhaftes             Vestibularsystems auf den auditiven Bereich.
Lesen, frühzeitige Ermüdung, Stress- und Konzentrations­
schwierigkeiten, Kopfschmerz, Lichtempfindlichkeit sowie       Unangemessene Haltungsreaktionen, häufiges Stolpern,
häufiges Reiben der Augen stehen in vielen Fällen mit          Hinfallen und allgemeine Ungeschicklichkeit können mit
mangelnder Sehleistung und unkorrigierter Sehschwäche          schlecht abgestimmter Arbeit des vestibularen Systems
in Verbindung.                                                 zusammenhängen.

Sehfehler sollten so früh wie möglich erkannt und behan­       Eine enge Verbindung zwischen Gleichgewicht und Ver­
delt werden.                                                   dauungstrakt ist zu erwähnen. Übelkeit oder mangelnde
                                                               Darm- und Blasenkontrolle zeigen sich ebenfalls in Ver­
Viele Kinder sehen schlecht, ohne dass Eltern und Lehrer       bindung mit Schwierigkeiten in der vestibularen Wahrneh­
es wissen.                                                     mungsverarbeitung.

Da eine Sehschwäche nicht schmerzt und Kinder mit              Vestibulare Wahrnehmungsauffälligkeiten zeigen sich
mangelndem Sehvermögen optimales Sehen nicht                   u. a in verzögerter motorischer Entwicklung, emotionalen
kennen, können sie ihre Schwierigkeit nicht benennen.          Problemen, Wahrnehmungs- und Konzentrationsschwie­

                                                           6
rigkeiten, Lernschwierigkeiten, Sprachstörungen und               In der Schule wird der Schüler vor visuelle Aufgaben
Verhaltensauffälligkeiten.                                        gestellt: Er soll Lesen und Schreiben lernen.

                                                                  Sehprobleme eines Kindes können sich bei Anstren­
Lernen:                                                           gungen durch Augenreiben, Stirnrunzeln, schnelle Ermü­
                                                                  dung, Kopfschmerzen und Lern- und/oder Verhaltens­
Bildungsqualität und Gesundheitsqualität bedingen sich            auffälligkeiten bemerkbar machen. Kinder mit schlechter
gegenseitig. Lernen, Leisten und Gesundheit stehen in             Sehschärfe entwickeln zudem ein stark kompensatorisches
einer engen Beziehung zueinander.                                 Verhalten. Oft klagen sie nicht über schlechtes Sehen,
                                                                  sondern versuchen Unterstützung durch veränderte Kopf-
Zum erfolgreichen Lernen ist ein Zusammenspiel aller              oder Körperstellung zu erfahren.
Sinnesorgane erforderlich.
                                                                  Manche Schülerinnen und Schüler lernen Texte auswen­
Etwa 80 % aller Nervensignale sind visueller Art. Die             dig, um sie leichter vorlesen zu können. Einzelne Buch­
Augen sehen, das Gehirn interpretiert.                            staben helfen ihnen beim Erraten eines Wortes.

Seherfahrung beginnt bei der Geburt und entwickelt sich           Die genannten Symptome sollten Eltern dazu veranlassen,
bis zum Seniorenalter weiter. Die volle Sehschärfe erreicht       den Augenarzt aufzusuchen und, wenn nötig, eine Brille
das Kind etwa mit sieben bis acht Jahren.                         zu tragen.

                                                              7
Beeinträchtigungen von Augenbewegungen können                   so wie von begleitenden Maßnahmen zur Gesundheits­
auch Einfluss auf die Auge-Hand-Koordination haben. Die         erhaltung und Gesundheitsförderung.
Auge-Hand-Koordination ist für das Erlernen von Lesen,
Schreiben und Rechnen unabdingbar notwendig. Schlech­           Ein ausgeglichenes Gleichgewicht, gutes Hören und
te Handschrift, nicht eingehaltene Linien/Rechenkästchen        Sehen hängen unmittelbar mit Lebensfreude zusammen.
oder Schwierigkeiten beim Ausmalen können Hinweise auf
mangelhaft ausgeprägte Auge-Hand-Koordination sein.             Sie unterstützen lebenslang die Gesundheit, das Wohlbe­
                                                                finden, die Leistungskraft sowie ein gesundes Selbstbe­
Die Auge-Hand-Koordination ist zugleich auch eine wich­         wusstsein und einen sicheren Umgang mit Menschen und
tige Vorstufe für das Zählen, Ordnen und Zuordnen von           Materialien
Elementen. Das Kind zählt und ordnet, anfangs benutzt es
Augen und Hand gemeinsam.

                                                                Erkrankungskomplexe, die Lernen und Lehren
Die Hörwahrnehmung wird als eine wichtige Vorausset­
                                                                beeinflussen
zung für die sprachliche Kommunikation und das Denken
angesehen.
                                                                In den letzten Jahren zeigt sich eine Zunahme von Hyper­
                                                                akusis und Tinnitus (aurium) in der Schule und bereits auch
Die Entwicklung beginnt bereits vorgeburtlich und hält
                                                                im Kindergarten. Diese Erkrankungskomplexe, wie auch
parallel zum Erlernen der kindlichen Sprache an.
                                                                deren Auswirkungen von Lernen und Lehren sind bisher
                                                                gar nicht oder nur sehr unzureichend untersucht worden.
Durch Hörprobleme kann das Erlernen der Sprache eben­
so betroffen sein wie der spätere Schriftspracherwerb.

                                                                Hyperakusis
Ein Hörschaden kann sich ebenso wie eine Hypersensitivi­
tät (eine Überempfindlichkeit im Hören) problematisch auf
                                                                Hyperakusis bedeutet übersetzt „Mehr“- oder „zu-viel“-
die Entwicklung des Kindes auswirken.
                                                                Hören.

Ein hypersensitives Kind blendet mitunter Geräusche
                                                                Eine Normalhörigkeit bezeichnet man als Normakusis und
aus. Die Folge davon sind unvollständige und unrichtige
                                                                eine Schwerhörigkeit (= vermindertes Hören) als Hypaku­
Informationen. Unter „geschützten“ Umständen fällt dies
                                                                sis.
nicht auf, in Situationen mit schulischem Stress durch
Lärm und Hektik aber wird es zum Problem. Dies kann ein
                                                                Warum also kann eine Hyperakusis ein Problem des
Grund sein, warum Diktate beim Üben zu Hause so viel
                                                                Betroffenen darstellen?
besser geschrieben werden als später in der schulischen
Situation.
                                                                Jeder Mensch hat eine so genannte Unbehaglichkeits­
                                                                schwelle.
Häufig wird die Bedeutung der Wahrnehmung ausschließ­
lich in Bezug auf das Sehen und das Hören beachtet.
                                                                Dies ist eine „Hörkurve“, die von den Untersuchten als
                                                                gerade noch akzeptabel angegeben wird.
Dabei stellt sich gerade das Gleichgewichtssystem (Vesti­
bularsystem) als Basis der Sinnesverarbeitung dar.
                                                                Hyperakusis bedeutet, dass bereits laute Gespräche,
                                                                tägliche Geräusche auf der Straße oder eine normale
Es spielt eine grundlegend wichtige Rolle in der mensch­
                                                                Unterrichtsstunde in der Schule als zu „laut“ und sehr oft
lichen Entwicklung, auch für das Lernen.
                                                                „schmerzhaft“ empfunden werden.

Es steht in engster Verbindung mit Sehen und Hören und
                                                                Die genaue Ursache dieser Hyperakusis ist bis heute nicht
hat durch seine enge Vernetzung erheblichen Einfluss auf
                                                                geklärt.
schulische Aufgaben.

                                                                Man vermutet eine zentrale Fehlsteuerung der Sinnes­
Schülerinnen und Schüler, Erwachsene der gesamten
                                                                wahrnehmung „Hören“, d. h. das Gehirn verarbeitet die
Schulgemeinde profitieren von frühen Warnsignalen eben­
                                                                Informationen, die es vom Ohr erhält, nicht so, wie es

                                                            8
eigentlich sein sollte. Daraus ergibt sich das veränderte       einer dafür besonders qualifizierten Gruppe von Thera­
„Lautheitsgefühl“.                                              peuten bedürfen.

Dieser Umstand erklärt auch, dass gerade Patientinnen
und Patienten mit Tinnitus aurium („Ohrensausen“) oft an        Tinnitus (aurium)
einer Hyperakusis leiden.
                                                                Man versteht heute unter „Tinnitus“ Geräusche, die in den
Insgesamt bedeutet es aber für den Erkrankten eine              Ohren oder im Kopf wahrgenommen werden, für die es
erhebliche Einschränkung im täglichen Leben.                    offenbar keine externe Schallquelle gibt.

Erwachsene habe im Beruf zum Teil erhebliche Probleme,          Häufig kann das Geräusch nicht genau lokalisiert werden.
wenn sie in einem lauten (lärmenden) Berufsfeld arbeiten.       Im Gegensatz zu diesen subjektiven Ohrgeräuschen gibt
Damit kann eine Hyperakusis zu einer Berufsunfähigkeit          es sehr selten objektive Ohrgeräusche, die eine gefäßbe­
führen und diese Fälle von Hyperakusiserkrankten, die           dingte oder muskuläre Ursache im Mittelohr oder seiner
berufsunfähig werden, nehmen an Häufigkeit zu.                  Umgebung haben. Diese objektiven Ohrgeräusche sind
                                                                von pulsierendem oder klickendem Charakter und können
Wenn Kinder oder Jugendliche von einer Hyperakusis              auch vom Untersucher selbst akustisch wahrgenommen
betroffen sind, ergeben sich daraus oft sehr schwerwie­         werden.
gende Probleme.
                                                                Abhängig vom individuellen seelischen Befinden wird der
Aufgrund des heutigen sehr lauten schulischen Umfeldes          Tinnitus in größerem oder weniger großem Maß hinge­
können die betroffenen Kinder und Jugendliche dem               nommen, ähnlich dem Schmerz oder dem Juckreiz.
Unterricht schlecht oder gar nicht folgen, sie sind oft
unkonzentriert und werden als „verhaltensgestört“ ein­          Die Menschen unterscheiden sich sehr stark in ihren Reak­
gestuft.                                                        tionen auf den Tinnitus.

Eltern können ebenfalls die Symptome nicht einordnen,           Er ist häufig ein ständiger Begleiter, mit dem einige
wenn Kinder nicht mehr zur Schule gehen wollen „weil es         Menschen zu leben lernen, während andere unter seiner
Ihnen dort zu laut ist“.                                        quälenden Gegenwart leiden. Die Betroffenen hören
                                                                manchmal oder dauernd in einem oder beiden Ohren,
Nicht selten werden Kinder zur schulpsychologischen             aber auch im ganzen Kopf, Geräusche in sehr unterschied­
Untersuchung „geschickt“, weil sie unter dem Tisch sitzen       lichen Ausprägungen und Lautstärken, die lautmalerisch
und nicht dem Unterricht folgen wollen (können).                mit Sausen, Zischen, Klopfen, Dröhnen, Knarren, Knallen,
                                                                Klingeln usw. beschrieben werden.
Ein weiteres Problem der Hyperakusis ist die einge­
schränkte Therapiemöglichkeit. Für Erwachsene oder              Jeder Betroffene hat vermutlich seinen speziellen Tinnitus
ältere Jugendliche kann eine sogenannte „Noiser-Appli­          mit ganz individuellen Ursachen und Auswirkungen, die in
kation“ versucht werden.                                        Verbindung mit der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur eine
                                                                ganz spezifische Konstellation bilden.
Dies entspricht etwa einer Versorgung mit Hörgeräten,
wobei die Noiser keine Verstärkung der Umgebungsge­             Häufig werden mit dem Tinnitus Schlaflosigkeit, Persön­
räusche bzw. -töne durchführen, sondern eine besondere          lichkeitsveränderungen, Funktionsstörungen oder in
Form von Rauschen in einer speziell eingemessenen               Extremfällen sogar Selbstmordgedanken verbunden.
Lautstärke abgeben.
                                                                Für nicht wenige Menschen ist der Tinnitus ein peini­
Dies entspricht einer sehr aufwendigen und komplizierten        gendes Phänomen, das oftmals die volle Aufmerksamkeit
Versorgung durch den dafür besonders qualifizierten             auf die Geräusche im Kopf oder in den Ohren lenkt.
Hörgeräteakustiker.                                             Die daraus resultierende nervöse Spannung und das ver­
                                                                stärkte Bewusstsein verschlimmern den Tinnitus.
Für Kinder und jüngere Jugendliche sind bisher nur ver­
haltenstherapeutische Maßnahmen bekannt, die ebenfalls

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Gelingt eine muskuläre Entspannung, so kann mit gleich­            Die ersten Bemühungen um eine schnelle Behebung
zeitig herabgesetztem Tinnitusbewusstsein der störende             der Ohrgeräusche gehen von einer häufig vermuteten
Charakter der Ohrgeräusche deutlich vermindert werden.             Ursache aus, nämlich von denkbaren Durchblutungs­
                                                                   störungen, sollten aber auch einer möglichen psychischen
Von vielen Menschen mit einem Tinnitus wird berichtet,             Komponente durch Ruhigstellung des Patienten Rechnung
dass Genuss von Alkohol und Nikotin zu einer Verstärkung           tragen.
ihrer Kopf- und Ohrgeräusche führen.
                                                                   Es gibt Ursachen, die oft lange zurückliegen und trotzdem
Stress in jeder Form hat auf die Ohrgeräusche die gleiche          aktuelle Auslöser sind.
verstärkende Wirkung. Tinnitus kann grundsätzlich bei
jeder Ohrerkrankung und mit jeder Form einer Hörmin­               Sie gilt es zu unterscheiden. Dabei muss den Erkenntnis­
derung auftreten. So beobachten wir z. B. Tinnitus bei             sen Rechnung getragen werden, dass bei Ohrgeräuschen
festsitzenden Ohrschmalzpfröpfen, bei harmlosen Infek­             eine oft jahrelange psychische Problematik zugrunde
tionen und Katarrhen im Bereich der Ohrtrompete, bei               liegen kann, wie man sie auch bei sonstigen chronischen
akuten und chronischen Mittelohrentzündungen, bei der              Krankheiten oft in einer Persönlichkeitsentwicklung erlebt,
Menière’schen Erkrankung oder beim Hörsturz.                       die einhergeht mit einer sozial positiv belegten Ent­
                                                                   wicklung zu einem hilfreichen, nützlichen und tüchtigen
Beim so genannten dekompensierten (nicht erträglichen)             Menschen.
Tinnitus verbinden sich psychische Beeinträchtigungen mit
dem Geräusch zu einem scheinbar unlösbaren Komplex                 Von ärztlicher Seite werden Durchblutungsstörungen als
(komplexer Tinnitus). Es können sich daraus Depressi­              Hauptursache genannt und der Behandlung zugrunde
onen, Antriebsschwäche, Schlafprobleme, Ängste, soziale            gelegt. Als mögliche weitere Ursache gelten Hörsturz, die
Isolation und vieles andere mehr entwickeln. Aus diesem            Menière’sche Erkrankung, die Lärmschwerhörigkeit, aber
Grund ist es aus therapeutischer Sicht wichtig, dass jeder         auch die Altersschwerhörigkeit sowie weitere vererbbare
Betroffene sich vertrauensvoll mit seinem Arzt oder Psy­           Arten von Schwerhörigkeit.
chotherapeuten zusammenschließt, um ein individuelles
Therapiekonzept aufzustellen.                                      Häufige Ursache von Ohrgeräuschen ist eine Schädigung
                                                                   der feinen Haarzellen im Innenohr durch Lärm oder Knall
Ohrgeräusche entstehen nach einer Hypothese der                    (ca. 30 %). In diesem Zusammenhang ist eine gesundheit­
Experten, wenn die außerordentlich feinen Sinneszellen             liche Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit ganz wichtig.
im Innenohr aufgrund einer Schädigung oder aus einem
sonstigen Grunde von sich aus aktiv werden, so als wenn            Tinnitus ist oft ein psychosomatisches Geschehen. Man­
in einem andächtig lauschenden Konzertsaal plötzlich               che Leute vermuten, Tinnitus sei wegen der engen Ver­
ein Zuhörer scheinbar völlig unmotiviert aufsteht und zu           bindung zwischen dem Hören und der Seele ein Aufschrei
schreien anfängt.                                                  der Seele, andere sagen, er sei auf unbewältigten Stress
                                                                   zurückzuführen.
Diese Aktivität teilt sich über den Hörnerv dem Gehirn
mit, das nun die Aufgabe hat, im Sinnlosen einen Sinn zu           Meist wird von organischen Ursachen ausgegangen.
erkennen. Für den modernen, auf Wechselwirkung und
Rückkopplung mit der Umwelt eingerichteten Menschen                Möglicherweise spielen alle drei genannten Faktoren bei
muss das aus dem Nichts entstehende Geräusch unheim­               der Tinnitusentstehung eine Rolle und bei jedem Tinnitus­
lich wirken. In der Antike war das anders: Da waren auch           betroffenen in einer ganz persönlichen Zusammenset­
die Götter ein Teil der Realität. So nahm man an, Tinnitus­        zung. Immer sind Psyche (Seele) und Soma (Körper) an
betroffene könnten die Stimmen der Götter hören und                diesem psychosomatischen Geschehen beteiligt.
daraus auch weissagen. Dementsprechend war damals
auch ihr Ansehen. Auch heute noch macht es einen Sinn,             Neben den Schädelhirntraumen gibt es Tumore des Hör­
den Tinnitus als eine Botschaft, als wichtigen Mahner für          nerven, die Tinnitus auslösen können. Auch Vergiftungen
das zukünftige Leben zu sehen, und sei es zunächst auch            mit Arzneimitteln wie Chinin, Acetylsalicylsäure etc.
nur für das, was er rein medizinisch gesehen ist: als ein          können Ohrgeräusche auslösen. Neben der chronischen
Krankheitssymptom.                                                 Mittelohrentzündung sind aber auch ohrferne Erkran­
                                                                   kungen in der Lage, Ohrgeräusche zu verursachen (Herz-

                                                              10
Kreislauferkrankungen, Stoffwechselkrankheiten, Diabetes         genen Gehörschutz am Arbeitsplatz, durch Schießen
mellitus, Nierenkrankheiten, Erkrankungen des zentralen          (Sportschütze, Jäger) oder durch Knalltraumen an Silvester
Nervensystems sowie degenerative Veränderungen und               und Fasching sollten zwingend vermieden werden.
funktionelle Blockierungen der Halswirbelsäule).

Therapierbare Ursachen findet man auch im Zahn-Kiefer­
bereich.                                                         Prävention und unterstützende Maß­
                                                                 nahmen im Projekt „Schnecke – Bildung
Die Forschung nach der Ursache sollte frühzeitig begin­          braucht Gesundheit“
nen und gehört in die Hände eines HNO-Arztes. In Zu­
sammenarbeit mit dem Hausarzt oder Kinder/Jugendarzt
bedarf es deshalb fallweise des Internisten, des Orthopä­         die individuellen Daten werden im Hessischen
den, des Zahnarztes bzw. Kieferspezialisten, des Augen­             Wahrnehmungspass vermerkt
arztes, des Neurologen, evtl. auch des Nervenarztes oder
Psychiaters.                                                      die Weiterbildung von so genannten Lärmscouts wird
                                                                    angeboten
Es ist somit notwendig, dass zur effektiven Diagnose und
Therapie eine schon während der Akutphase beginnende              Elternabende und Öffentlichkeitsveranstaltungen
intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit der verschie­            werden durchgeführt
denen Fachleute zu fordern ist. Das „erste Jahr“ des
Tinnitus sollte optimal genutzt werden.                           erste pädagogische Maßnahmen (Einsatz von Hör­
                                                                    ampeln, Hör-Koffern, Ausstattung der Klassenzimmer,
Tinnitus ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern            Einsatz des Hörclowns) werden in Angriff genommen
primär ein Symptom (Krankheitszeichen), kann sich aber
im Laufe der Jahre verselbständigen.                              interdisziplinäre „Schnecke“ – Fachtagungen zum
                                                                    Themengebiet werden durchgeführt (Schülergesund­
Von den Betroffenen wird oft gefragt, ob Ohrgeräusche               heit – Lehrergesundheit
gefährlich sind.

Es gibt nur sehr wenige gefährliche Ursachen, die unbe­
dingt vom Arzt auszuschließen sind, wie z.B. eine Ge­            Pädagogische Maßnahmen im Unterricht
schwulst am Hörnerv (Akustikusneurinom). Aus diesem
Grund sollte auf jeden Fall am Anfang eine exakte Dia­
gnostik stehen, die die Grundlage für das weitere thera­
                                                                 Einsatz von Hörampeln
peutische Vorgehen bildet, dessen Schwerpunkt auch der
                                                                 Hörampeldienst
Aufklärung des Patienten über die Natur seines Leidens
dienen sollte.
                                                                  Die Hörampel steht oder hängt gut sichtbar in der
                                                                    Klasse.
So lassen sich Ängste vor zerebralen Prozessen (Erkran­
kungen des Gehirns) oder einem Schlaganfall abbauen
                                                                  Um das Ein- und Ausschalten der Hörampel in die
und die Voraussetzungen für eine wirksame Therapie
                                                                    Hände der Schüler zu geben, wurde ein „Hörampel­
schaffen.
                                                                    dienst“ eingeführt, der wöchentlich wechselt. Hat der
                                                                    Dienst den Eindruck in der Klasse sei es zu laut, so
Ohrgeräusche sind also in der Regel weder von ihren
                                                                    schaltet dieser stillschweigend die Ampel ein.
Ursachen noch von ihren Auswirkungen her gefährlich.
Tinnitus führt weder zur Taubheit noch besteht die Gefahr
                                                                  Die Schüler weisen sich dann selbst gegenseitig darauf
verrückt zu werden. Auch eine Verschlechterung der
                                                                    hin, dass die Ampel leuchtet und versuchen im grünen
Ohrgeräusche ist nicht generell zu erwarten. Dem kann
                                                                    Lichtampelbereich zu bleiben.
weitgehend durch Lärmvermeidung und entsprechende
Lebensführung vorgebeugt werden. Lärmeinwirkungen
durch Walkman, Diskothek, Rockkonzerte, nicht getra­

                                                            11
Hörkoffer                                                         Spiel zum Richtungshören

                                                                  Die Schüler stehen im Kreis. Ein Schüler steht in der
Hörclown                                                          Mitte und hat die Augen verbunden. Die Lehrkraft steht
                                                                  hinter dem Schülerin und zeigt auf einzelne Schüler im
 Der Hörclown schafft es, Schüler in seinen Bann zu              Kreis. Diese erzeugen ein vorher vereinbartes Geräusch.
   ziehen. Auf altersgerechte Weise gibt er Erklärungen           Der ratende Schüler zeigt in die Richtung aus der das
   zu den Sinnes­organen und ihrer Funktion beim Lernen           Geräusch wahrgenommen wurde.
   ab.

 Konzentriert hören die Schüler zu und bringen ihre              Seven Up – Spiel der Stille und Wahrnehmung
   eigenen Erfahrungen über Hören – Sehen und Gleich­
   gewicht aktiv mit ein.                                         Alle Schüler sitzen auf ihren Plätzen. Sieben Schüler gehen
                                                                  zur Tafel. Die restlichen legen ihre Köpfe auf ihre Tische
                                                                  und schließen die Augen. Die Hand, zur Faust geballt,
                                                                  liegt auf dem Tisch, die Daumen gestreckt nach oben.
Lernspiele zum Sehen und Hören
                                                                  Die sieben Schüler, die vorne stehen, schleichen nun durch
                                                                  die Klasse, berühren jeweils den ausgestreckten Daumen
                                                                  eines Mitschülers, und gehen wieder nach vorne. Diese
Das Ein-Minuten-Spiel
                                                                  Berührten knicken ihren Daumen ein. Sind alle sieben
                                                                  Schüler wieder vorn, wird „Seven Up“ gesagt.
Material: Große Wanduhr mit Sekundenzeiger oder eine
Sanduhr mit 1 bis 2 Minuten
                                                                  Alle, deren Daumen berührt wurde, stehen auf.

Auftrag: Wie lange ist für dich eine Minute? Was kannst
                                                                  Sie versuchen zu erraten, wer ihre Daumen berührt hat.
du in dieser Zeit alles hören?

Die Schüler stehen an ihrem Tisch, der Stuhl steht hinter
ihnen. Der Lehrer hält gut sichtbar eine Wand- oder Sand­         Bewegungsangebote im Unterricht zur
uhr zu den Schülern. Auf ein gemeinsames Kommando
(z. B. Augen schließen) schließen alle Schüler ihre Augen.
                                                                  Unterstützung des Gleichgewichts 1
Wenn sie der Meinung sind, die Minute ist vorbei, setzen
sie sich leise hin. Während dieser Minute lauschen sie auf
alle Geräusche im Raum Anschließend wird der Auftrag              Rechenjogging:
besprochen.
                                                                  Eine Zahl zwischen 2 und 19 wird ausgemacht und an die
                                                                  Tafel geschrieben. Alle Schüler joggen auf der Stelle. Der
Dem Klang lauschen                                                Spielleiter ruft eine Zahl. Ist diese Zahl durch die vorher
                                                                  abgemachte Zahl teilbar (2, 3, 4, … 19), drehen sich die
Material: Klangschale oder anderes länger klingendes              Schüler sofort auf der Stelle. Ist die Zahl nicht teilbar, wird
Instrument                                                        weiter auf der Stelle gejoggt

Auftrag: Wie lange hörst du den Klang? Verändert sich
der Klang mit der Zeit?                                           Fotoapparat:

Die Schüler sitzen auf ihren Plätzen. Die Stirn ruht auf          Ein Schüler wird mit geschlossenen Augen von einem
ihren Handrücken auf dem Tisch. Der Lehrer/Ein Schüler            Partner langsam durch den Raum geführt; dabei hat der
schlägt die Klangschale an. Wenn der Klang nicht mehr zu          führende Partner seine Hände auf den Schultern des
hören ist, richten sich die Schüler stillschweigend auf.
                                                                  1
                                                                      Die Spiele sind dem Buch „Beweg dich, Schule!“ Verlag modernes lernen,
Anschließend wird der Auftrag besprochen.                             Dortmund entnommen.

                                                             12
„Blinden“, geht also hinter ihm. Er gibt ihm durch das          Ergebnisse der Screenings 2007
Umfassen der Schultern Sicherheit.

Vor einem Gegenstand im Klassenraum bleiben sie
                                                                Hören:
stehen. Der Führende drückt beidseitig leicht in die
Schulter des Schülers und sagt: „Knips“
                                                                9 % der Schüler im Alter von 5 – 18 Jahren wiesen einen
                                                                Hörverlust von mehr als 15dB HL bei mindestens einer
Auf dieses Zeichen öffnet der „Fotoapparat“ kurz die
                                                                Frequenz auf.
Augen und „fotografiert“ den Gegenstand.
                                                                9,7 % der Grundschüler haben einen Hörverlust von 20 dB
Nach drei verschiedenen Fotoaufnahmen gehen die
                                                                HL oder mehr auf mindestens einem Ohr
Partner zurück zu ihrem Ausgangspunkt. Dort macht der
Führende kreisende Bewegungen auf dem Rücken des
                                                                Schüler haben zu 9,3 % einen Hörverlust, Schülerinnen
Schülers und sagt dazu die Worte: “Entwickeln, entwi­
                                                                10,0 %
ckeln …“
                                                                37 % der Grundschüler und 59 % der 5. – 10. Klasse gaben
Der „Fotoapparat“ öffnet die Augen und sagt, was er
                                                                an, schon einmal Ohrgeräusche erlebt zu haben.
gesehen hat.
                                                                17 % gaben an, dass laute Geräusche wie Türen knallen
                                                                unangenehm sei.
Fehlerstopp
                                                                Ergebnis:
Ein bekanntes Märchen, eine Geschichte oder sachkund­
liche Inhalte werden vom Spielleiter vorgelesen oder
                                                                Auch Schüler die nur einen geringen Hörverlust auf­
erzählt.
                                                                weisen, haben schon schlechtere Noten in Mathematik
                                                                und Deutsch
Die Schüler gehen während des Vorlesens oder Erzählens
schweigend in eigener Geschwindigkeit durch den Raum.
                                                                Mathematik                        0,2 Notenstufen
                                                                (N = 968, D: 2,6 Stdabw. 1,00)         schlechter
Sobald ein Fehler im Text vorkommt, bleiben alle sofort
auf der Stelle stehen. Das Spiel kann auch in zwei Mann­        Deutsch                           0,2 Notenstufen
schaften gespielt werden.                                       (N = 967, D: 2,7 Stdabw. 1,00)         schlechter

                                                                Sport                             0,1 Notenstufe
Interdisziplinäre Fachtagungen zum Projekt                      (N = 967, D: 2,1 Stdabw. 0,73)         schlechter

Die 3. Fachtagung zum Projekt „Schnecke“ – Bildung
braucht Gesundheit findet am 18. 10. 2008 in Wiesbaden,         Zusammenhang zwischen dem Sozialstatus und der
in Kooperation mit dem Hessischen Kultusministeriums,           Häufigkeit von Hörschäden:
Arbeitsgebiet Schule & Gesundheit, dem Hessischen
Umweltministeriums für Umwelt, ländlichen Raum und              Kinder, die ein Instrument spielen (Hinweis auf einen
Verbraucherschutz und der Unfallkasse Hessen (UKH)              höheren Sozialstatus der Eltern) haben nur halb so häufig
sowie dem Pädagogischen Zentrum der Bistümer im Land            einen Hörschaden im Vergleich zur nicht musizierenden
Hessen (Pädagogisches Zentrum Wiesbaden-Naurod)                 Vergleichsgruppe. Die 29 % musizierenden Grundschüler
statt.                                                          weisen mit 6,3 % hochsignifikant weniger Hörschäden auf
                                                                als nicht musizierende Grundschüler (11,4 %)
Informationen zu Fachtagungen finden sie unter:

         www.schuleundgesundheit.hessen.de

                                                           13
Sehen:                                                              Ergebnis:

8 % der Schüler wurde ein Augenarztbesuch empfohlen                 Schüler mit auffälligen bis stark auffälligen Befunden in

Ergebnis:                                                           den Gleichgewichtstests haben signifikant schlechtere
                                                                    Schulnoten.
Schüler die schlecht sehen, haben in allen drei Schul­
fächern im Durchschnitt schlechtere Noten.
                                                                    Beispiel Gleichgewicht – Durchschnittsnote:
Mathematik                         0,2 Notenstufen
(N = 937, D: 2,6 Stdabw. 1,00)          schlechter                                               Durchschnittsnote im Fach Deutsch
                                                                                      6
Deutsch                            0,3 Notenstufen
(N = 936, D: 2,7 Stdabw. 1,00)         schlechter
                                                                                      5
Sport                              0,3 Notenstufen
                                                                  Durchschnittsnote

(N = 935, D: 2,1 Stdabw. 0,73)         schlechter
                                                                                      4
                                                                                                                                   3,3
                                                                                      3                       2,8
                                                                                           2,5
Gleichgewicht
                                                                                      2
38 % der Schüler galten bei der Gleichgewichtstestung als
unauffällig.
                                                                                      1
58 % wiesen leichte, 4 % der Schüler auffällige oder stark                                unauffällig      leicht auffällig      auffällig bis
                                                                                             (282)              (598)         stark auffällig (39)
auffällige Gleichgewichtbefunde auf.

Mathematik (N = 922)      0,6 Notenstufen schlechter                Ergebnis:

Deutsch (N = 921          0,7 Notenstufen schlechter                Je schlechter das Ergebnis der Gleichgewichtstests,
                                                                    desto schlechter die durchschnittliche Deutschnote.
Sport (N = 922)           0,6 Notenstufen schlechter

                                                             14
Ergebnisse zum Screening der Lehrerinnen                           „Bildung braucht Gesundheit“ ist mehr als ein gut
und Lehrer (26 männliche, 88 weibliche                               klingendes Motto.
Personen)
                                                                   Das interdisziplinäre Projekt „Schnecke- Bildung
Hören: 	24 Personen mit HV > 15dB                                  braucht Gesundheit“ konnte nachweisen, dass der
          90 Personen ohne Hörverlust                                Mangel an Gesundheit zu schlechteren Bildungs­
          (Alter wurde berücksichtigt)                               chancen führt.

Sehen: 	14 Personen klagten über Probleme                        Es ist daher dringend notwendig, Störungen der
          mit den Augen,                                             Sinnesorgane aufzudecken und pädagogische, thera­
          6 Personen hatten deutliche                                peutische oder medizinische Maßnahmen einzuleiten.
          Beeinträchtigung beim Binokularsehen,
          22 Personen waren Brillenträgen,                         Eine gute Zusammenarbeit von Kindergarten, Schule,
          1 Person Visus > 0,8                                       Lehrern, Eltern, Therapeuten und Medizinern ermög­
                                                                     licht, Kindern unabhängig von ihrem sozialen Hinter­
Gleichgewicht: 	von den 33 Personen, die an diesem Test             grund gute Grundvoraussetzungen für das Lernen zu
                teilnahmen, zeigte sich bei 18 Personen              bieten.
                das Ergebnis „leicht auffällig“ im Bereich
                des Einbeinstandes                                 Im Rahmen ihrer Berufsausübung sollen Lehrerinnen
                                                                     und Lehrer auch selbst geschützt werden, Lärm in
                                                                     der Schule als Gesundheitsbelastung zu ertragen
                                                                     (Ohr, Kehlkopf, Stimme) und dadurch ein „burn-out-
Zusammenfassung der Schülerinnen/                                    Syndrom zu vermeiden.
Schüler-Ergebnisse:
                                                                  Folgerungen:
 Es zeigen sich deutliche Zusammenhänge zwischen
   den Schulleistungen und Beeinträchtigungen der
                                                                   Bildungschancen wahren heißt Schäden erkennen und
   Sinnesorgane
                                                                     vermeiden

 Schon kleine Beeinträchtigungen führen zu signifikant
                                                                   Die Erkennung von Beeinträchtigungen des senso­
   schlechteren Schulnoten
                                                                     rischen Systems ist notwendig, um Kindern die Chance
                                                                     zu geben, den Lernstoff ohne Schnittstellenverluste
 Es zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen
                                                                     aufzunehmen.
   sozialen Faktoren und den erreichten Schulnoten:
   Musizierende Kinder haben deutlich bessere Noten.
                                                                   Geeignete Maßnahmen helfen, die Folgen einer
                                                                     Schädigung zu mindern
 Der Effekt von Hörverlusten auf die Schulleistungen
   lässt sich jedoch unabhängig von der sozialen Grup­
                                                                   Wichtig sind eine frühzeitige Diagnose von Beein­
   penzugehörigkeit nachweisen.
                                                                     trächtigungen und eine breit angelegte Prävention
                                                                     vermeidbarer Schäden.
 Bildung braucht Gesundheit – die Ergebnisse unter­
   stützen diese These eindrucksvoll
                                                                   Notwendig ist die Gestaltung einer sinnesfreundlichen
                                                                     Lernumgebung in den Schulen
 Screeninguntersuchungen zur Erkennung von betrof­
   fenen Schülern sind notwendig, ebenso wirkungsvolle
                                                                   Benachteiligte Kinder sollten beim Screening und der
   Maßnahmen zur Prävention und therapeutische Ange­
                                                                     Prävention besonders ins Blickfeld rücken, da diese oft
   bote
                                                                     an mehreren Fronten benachteiligt sind.

                                                             15
Die aktuellen Studienergebnisse des Projekts                    Schülerinnen und Schüler der G8, die zur Zeit die
„Schnecke – Bildung braucht Gesundheit“ legen nahe,               Gesamtbelastung durch eine geballte Wissensver­
dass für die Mehrheit der Kinder zunächst eine Wahr-              mittlung verarbeiten
nehmungsförderung mit besonderem Schwerpunkt
auf der Förderung des Gleichgewichts im Vordergrund             Deutliche Hinweise auf PISA und die damit auf­
stehen muss.                                                      gekommenen Fragen

Dies erweist sich nach der Studie als notwendige Grund­        Die Fragestellung erweitert sich aber auch auf das Wohl­
lage für optimale Aufnahme und Verarbeitung des Lern­          befinden und die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer
stoffs
                                                                Reaktionen der Lehrerinnen und Lehrer auf die
Positive Auswirkungen auf Leistungen und Lernmotivation           Schulung ihres eigenen Gleichgewichts
aller Schüler sind zu erwarten.
                                                                Verminderung von Stress durch Verhaltensverände­
Hierbei sind besonders zu erwähnen:                               rungen der Schülerinnen und Schüler

 Die ständig wachsende Zahl der Kinder mit Lern­
   störungen und Konzentrationsproblemen

                                                          16
Das geplante Projekt „Schnecke – Bildung braucht                 Voraussetzungen zur Teilnahme am Projekt
Gesundheit“ II (Maßnahmen) verspricht wertvolle Hin­             „Schnecke – Bildung braucht Gesundheit“
weise auf sinnvolle und umsetzbare Fördermaßnahmen zu
geben, die flächendeckend eingesetzt werden können.              Die Voraussetzungen an dem Projekt teilzunehmen,
                                                                 stehen in engem Zusammenhang mit dem Erwerb des
Hypothese:                                                       Zertifikats „Gesundheitsfördernde Schule“

Eine gezielte Förderung des Gleichgewichts und der
                                                                           www.schuleundgesundheit.hessen.de
Wahrnehmungsfähigkeit verbessert die Lernfähigkeit von
Kindern und wirkt sich positiv auf Schulleistungen und
spätere Berufschancen aus.
                                                                 So soll die Gesundheitsförderung bei Beantragung zur
                                                                 Teilnahme bereits im schulischen Konzept verankert sein
Die Hypothese soll mittels einer gut designten prospek­
                                                                 oder nachweislich angestrebt werden.
tiven Studie überprüft werden, um eine solide Entschei­
dungsgrundlage zu gewinnen, ob eine breit angelegte
                                                                 Die Ausschreibung selbst erfolgt im Amtsblatt des
pädagogische Förderung in dieser Weise angezeigt ist.
                                                                 Hessischen Kultusministeriums.

Therapeutische, medizinische und pädagogische Erfah­
rungen weisen darauf hin, dass dieser Ansatzpunkt ein
großes und bislang meist ungenutztes Potenzial birgt.
                                                                  Kontakt:

                                                                  Prof. Dr. med. Eckhard Hoffmann, Evaluation
Zusammenfassung:
                                                                  Hochschule Aalen
                                                                  Studiengang Augenoptik und Hörakustik
Zwischen Beeinträchtigungen des Gleichgewichts und
                                                                  Eckhard.Hoffmann@htw-aalen.de
den Schulleistungen in Mathematik, Deutsch und Sport
besteht nach den Ergebnissen des Projekts „Schnecke –
                                                                  Prof. Dr. med. Annette Limberger
Bildung braucht Gesundheit“ ein enger Zusammenhang.
                                                                  Hochschule Aalen
                                                                  Studiengang Augenoptik und Hörakustik
Mit einer prospektiven Studie zur neuro-sensoriellen
                                                                  Annette.Limberger@htw-aalen.de
Bildungsförderung soll geklärt werden, ob durch ein
gezieltes Training des Gleichgewichts und der Wahr­
                                                                  Dr. med. Jörg Silberzahn, Initiator des Projekts,
nehmungsfähigkeit auch eine Verbesserung von Lern­
                                                                  HNO-Arzt in Aßlar (Hessen), Wittmund (Niedersachsen)
leistungen erzielt werden kann.
                                                                  drsilberzahn@hno-asslar.de

Dieser Ansatz ermöglicht neue Perspektiven in der
                                                                  Dr. phil. Christina Reichenbach, Pädagogische
Förderung von Schülerinnen und Schülern. Kinder fit
                                                                  Konzepte, Leibniz Universität Hannover,
machen für die Aufnahme von Wissen – dieses Potenzial
                                                                  Schloßwender Str. 1, 30159 Hannover
sollte untersucht und genutzt werden. Eine zukunftsträch­
                                                                  christina.reichenbach@ifs.phil.uni-hannover.de
tige Antwort auf PISA ist die Unterstützung der Kinder
beim Lernprozess durch Ausnutzung neurophysiologischer
                                                                  Dr. phil. Christina Reichenbach,
Erkenntnisse und die aktuellen Studienergebnisse des
                                                                  Husenerstr. 43, 44319 Dortmund
Projektes Schnecke.
                                                                  Reichenbach@motopaedieschule.de

                                                                  Dorothea Beigel, Projektleitung
                                                                  Projektbüro Schule & Gesundheit des Staatlichen
                                                                  Schulamtes für den Lahn-Dill-Kreis und den Landkreis
                                                                  Limburg-Weilburg, Turmstraße 20, 35578 Wetzlar
                                                                  bewegung@schuleundgesundheit.com

                                                            17
Auswertungen der Untersuchungen im Rahmen des Projekts
„Schnecke – Bildung braucht Gesundheit“

Nachhallzeiten in Schulräumen                                          vergeht, bis die Schallenergie in dem Raum auf den milli­
                                                                       onsten Teil der Anfangsenergie abgesunken ist. Bewertet
Im Rahmen des Projekts „Schnecke – Bildung braucht                     wurden die Messergebnisse gemäß DIN 18041 „Hörsam­
Gesundheit“ untersuchte das Hessische Landesamt für                    keit in kleinen und mittelgroßen Räumen“. Danach soll die
Umwelt und Geologie 51 Räume in 11 hessischen Schulen                  Nachhallzeit in einem besetzten mittelgroßen Schulraum
in Bezug auf ihre Nachhallzeiten:                                      0,5 – 0,6 Sekunden betragen. Die für den jeweiligen Raum
                                                                       optimale Nachhallzeit wurde immer in Abhängigkeit von
33 Klassenzimmer, 7 Sporthallen, 2 Bewegungsräumen,                    der Raumgröße berechnet, d. h. eine große Turnhalle
1 Sprachheilraum, 2 PC Räumen, 2 Fluren, 1 Mensa, 1                    darf eine erheblich höhere Nachhallzeit aufweisen, als ein
Küche, 1Pavillon, 1 Musikraum                                          mittelgroßer Klassenraum.

Teilweise waren die Schulräume mit Akustikdecken ausge­                Da eine zu lange Nachhallzeit die Sprachverständlichkeit
stattet, teilweise gab es keine Maßnahmen zur Verbesse­                verschlechtert, wurden die gemessenen Räume gemäß
rung der Akustik.                                                      ihrer Nachhallzeit kategorisiert.

In Schulräumen sollte – möglichst unabhängig von seiner                Gut 50 % der Räume konnten als sehr gut bewertet
Sitzposition – der Schüler einen Lehrer gut verstehen                  werden, darunter eine Mensa, ein Bewegungsraum, eine
können und ebenfalls der Lehrer die Wortmeldung des                    Turnhalle und ein Musikraum. In diesen Räumen liegt die
Schülers. Einen wichtigen Einfluss auf die Sprachver­                  gemessene Nachhallzeit innerhalb der Zielvorgabe gemäß
ständlichkeit in Räumen hat die Nachhallzeit. Während                  DIN 18041.
der Direktschall und frühe Reflexionen des Schalls die
erwünschten Sprachinformationen an den Hörer (sowohl                   27 % der Klassenräume (13 Räume) konnten als gut bis
Schüler als auch Lehrer) übertragen, stören die späten                 befriedigend bewertet werden, d. h. die anzustrebende
Reflexionen, die später als 50 ms nach dem Direktschall                Nachhallzeit wurde maximal bis zu 0,2 Sekunden über­
beim Hörer ankommen, die Übertragung von Sprache und                   schritten. Bei 12 % der Klassenräume ist die Nachhallzeit
verschlechtern die Sprachverständlichkeit.                             zwischen 0,2 und 0,5 Sekunden zu lang, so dass akus­
                                                                       tische Maßnahmen anzustreben sind.
Gemessen wurden die Nachhallzeiten in Abhängigkeit von
der Frequenz. Die gemessene Nachhallzeit ist die Zeit,                 10 % der Klassenräume (3 Räume) fielen durch besonders
die nach dem Ausschalten einer stationären Schallquelle                lange Nachhallzeiten auf und sollten vordringlich unter

Schalldruck

              Direktschall

                         Erste Reflektionen

                                                               Nachhall

                                                                                                                               Zeit

Nützlich sind der Direktschall und die ersten Reflektionen, störend der Nachhall

                                                                  18
Schalldruck                                           Schalldruck

   1. Silbe                                             1. Silbe
              2. Silbe                                              2. Silbe

                                                                                   Nachhall der
                                                                                   1. Silbe

                 Nachhall der
                 1. Silbe

                                 Zeit                                                                                        Zeit
Kurze Nachhallzeit                                    Lange Nachhallzeit

Nachhallzeit und Silbenerkennung: Eine lange Nachhallzeit kann nachfolgende Silben verdecken.

Nutzung des Know How des Hessischen Landesamtes                         war, ist die Interpretation der Messdaten schwierig. Zum
für Umwelt und Geologie durch den Einbau von Akustik­                   Teil wurden jedoch auch in den Klassenräumen Pegel bis
decken akustisch verbessert werden.                                     87 dB (A) gemessen.

Laut der Bewertung fallen große Räume, wie Turnhallen
(ca. 71 %), Flure (100 %) und Gymnastikräume (50 %) unter
                                                                         Typische Pegelwerte:
die schlechtesten Bewertungsstufen. Dies deckt sich mit
der täglichen Erfahrung, dass es in den Fluren in den Pau­
                                                                         Die Hörschwelle liegt im Bereich von 1 kHz bei 0 dB
sen besonders laut ist und auch in den Unterrichtsräumen
                                                                           SPL.
Lärm, der vom Flur ausgeht, schnell als störend empfun­
den wird.                                                                In einem ruhigen Zimmer (ohne Störlärm oder Ge­
                                                                           spräche) werden Werte von rund 30 dB(A) gemessen.

                                                                         Die normale Gesprächslautstärke beträgt um die
Messung des Schallpegels                                                   65 dB(A) im Abstand von 1 m.

                                                                         Am Arbeitsplatz ist ab einem mittleren Pegel von
                                                                           85 dB(A) Gehörschutz zu tragen, um Hörschäden zu
Die Messung von Schallpegeln erfolgte mit einfachen
                                                                           vermeiden.
Schalldruckpegelmessgeräten, die über eine Maximal­
wertspeicherung verfügten.                                               In einer Discothek können oft Schallpegel von 100 dB
                                                                           (A) gemessen werden.
Es wurden 26 Räume angegeben:
                                                                         Der Spitzenpegel einer in Ohrnähe abgefeuerten
18 Klassenzimmer, 2 Turnhallen, 1 Musikraum, 1 Pausen­                     Spielzeugpistole kann bis zu 185 dB betragen und
halle, 1 Kombiraum, 1 Bushaltestellenbereich, 1 Werk­                      schon bei einem einmaligen Knall bleibende Schäden
raum, 1 Schwimmhalle.                                                      verursachen

Es zeigte sich, dass in großen Räumen (Turnhalle, Pausen­
räume) der Geräuschpegel so hoch ist, dass bei normaler
Sprachlautstärke so gut wie nichts zu verstehen ist. Da                 Quellenangabe zu den Bildern
die Unterrichtssituation, in denen der Schallpegel in den               Ulich J., Hoffmann E. (2007):
Klassenräumen gemessen wurde nicht standardisiert                       Hörakustik – Theorie und Praxis

                                                                   19
Literatur

 BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung).         Beigel, Dorothea: „Beweg dich Schule!“
   Lärm und Gesundheit,                                           Eine tägliche Prise Bewegung im Unterricht
   Materialien für die Grundschule (1. – 4. Klasse)               verlag modernes lernen, Dortmund, 2005
                                                                  ISBN 978-3-938187-15-9)
 Jens Ulrich und Eckhard Hoffmann:
   Hörakustik – Theorie und Praxis,                             „Fit in allen Sinne“
   DOZ-Verlag, 2007, ISBN 978-3922269809                          Unabhängig vom Projekt „Schnecke – Bildung
                                                                  braucht Gesundheit“, aber inhaltlich sehr verbun­
                                                                  den, ist im Schulamtsbezirk Hersfeld-Rotenburg ein
                                                                  Angebot zur Sinnesförderung in Lernhilfeschulen
                                                                  entstanden.

                                                          20
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