RELEVANZ DER NORMUNG UND STANDARDISIERUNG FÜR DEN WISSENS- UND TECHNOLOGIETRANSFER

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RELEVANZ DER NORMUNG UND
STANDARDISIERUNG FÜR DEN WISSENS- UND
TECHNOLOGIETRANSFER
KURZSTUDIE

                                        1
INHALT

KURZSTUDIE                                                                                                      1      Executive Summary                                                      5

RELEVANZ DER NORMUNG UND STANDARDISIERUNG                                                                       2      Hintergrund und Zielstellung der Studie                                6
FÜR DEN WISSENS- UND TECHNOLOGIETRANSFER
                                                                                                                3      Standardessenzielle Publikationen und Patente als Indikator für
                                                                                                                       den Wissens- und Technologietransfer                                   7
                                                                                                                3.1    Standardessenzielle Publikationen
                                                                                                                3.2    Standardessenzielle Patente
Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management   Fraunhofer-Institut für System- und Innovations-
und Wissensökonomie IMW                             forschung ISI                                               4      Treibende und hemmende Faktoren für Normung und Standardisierung      12
                                                                                                                4.1    Übersicht aus Literaturanalyse
Philipp Herrmann (Projektleitung)                   Prof. Dr. Knut Blind (Projektleitung)                       4.2    Validierung der Übersicht durch qualitative Interviews
Prof. Dr. Nizar Abdelkafi                           Sonia Gruber                                                4.2.1 Treiber
Walburga Hoffmann                                   Dr. Peter Neuhäusler                                        4.2.2 Hemmnisse
Anna Pohle
Lisa Theresa Stein                                                                                              5      Praktische Erfahrungen zum Einsatz von Normung und Standardisierung
Marlen Weiße                                                                                                           als Instrument des Wissens- und Technologietransfers                  19
                                                                                                                5.1    Perspektive der Forschungseinrichtungen
                                                                                                                5.2    Perspektive der Unternehmen
                                                                                                                5.3    Erfolgsfaktoren in Normungs- und Standardisierungsvorhaben
                                                                                                                5.4    Ausgewählte Best Practices
                                                                                                                5.4.1 Best Practice aus Sicht einer Forschungseinrichtung
                                                                                                                5.4.2 Best Practice aus Sicht eines Unternehmens

                                                                                                                6      Fazit und Ausblick                                                    26
                                                                                                                6.1    Zusammenfassung bisheriger Erkenntnisse
                                                                                                                6.2    Handlungsempfehlungen für Forschungseinrichtungen und Unternehmen
                                                                                                                6.3    Limitationen und weiterer Forschungsbedarf

                                                                                                                7      Literaturverzeichnis                                                  29

                                                                                                                       Impressum                                                             31

2                                                                                                                                                                                            3
1 EXECUTIVE SUMMARY

                                          Trotz ihrer Relevanz sind Normung und Standardisierung bis             Unternehmen wirken fehlendes Wissen in Bezug auf Normung
                                          dato wenig verbreitete und nicht ausreichend genutzte Instru-          und Standardisierung sowie der hohe finanzielle Aufwand
                                          mente für den Wissens- und Technologietransfer. Die Studie             hemmend auf ihr Engagement. Darüber hinaus zeigte sich,
                                          setzt hier an und zielt darauf ab, Handlungsempfehlungen zur           dass Normung und Standardisierung im Regelfall strategisch,
                                          besseren Ausschöpfung der damit verbundenen Potenziale zu              strukturell und prozessual noch nicht ausreichend in den be-
                                          erarbeiten. Sie fasst Erkenntnisse zusammen und zieht vor-             fragten Organisationen verankert sind. Im Ergebnis existiert in
                                          läufige Schlussfolgerungen daraus. Berücksichtigt werden Er-           der Regel keine etablierte Normungskultur. Die Verantwortung
                                          gebnisse einer Analyse standardessenzieller Publikationen und          tragen häufig einzelne Mitarbeitende aus Fachabteilungen.

» IN DER ANGEWANDTEN
                                          Patente, einer Literaturanalyse und insgesamt 44 Interviews
                                          mit Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Verbänden                 Die Handlungsempfehlungen der Studie berücksichtigen vor
                                          bzw. Normungsorganisationen.                                           allem die Notwendigkeit einer stärkeren strategischen und

FORSCHUNG GEHT MAN                        Bei der Analyse standardessenzieller Patente und Publikationen
                                                                                                                 strukturellen Integration von Normung und Standardisierung
                                                                                                                 in Forschungseinrichtungen und Unternehmen. So können

MIT NORMUNG DEN LETZTEN
                                          wurde deutlich, dass die Fraunhofer-Gesellschaft innerhalb             das Eingehen strategischer Kooperationen, das Schaffen fest
                                          Deutschlands die Organisation mit den meisten deklarierten             definierter Verantwortlichkeiten und das Implementieren
                                          standardessenziellen Patenten ist. Bei standardessenziellen            entsprechender Anreize und deren Performanzmessung einen

LOGISCHEN SCHRITT.«                       Publikationen dominieren die Universitäten, gefolgt von den
                                          Ressortforschungseinrichtungen . Die Fraunhofer-Gesellschaft
                                                                            1
                                                                                                                 wesentlichen Beitrag zur Operationalisierung einer Normungs-
                                                                                                                 bzw. Standardisierungsstrategie leisten. Weitere unterstüt-
(Forschungseinrichtung, Medizintechnik)   wird hier noch begrenzt, aber im Vergleich zu ihren wissen-            zende Maßnahmen sollen dazu beitragen, dem fehlenden
                                          schaftlichen Publikationen überdurchschnittlich referenziert.          Bewusstsein für die Relevanz von Normung und Standardisie-
                                          Beide Kennzahlen eignen sich als Indikator für Wissens- und            rung entgegenzuwirken und damit Organisationen zu befähi-
                                          Technologietransfer.                                                   gen, diesen Hebel bestmöglich für die eigenen Interessen zu
                                                                                                                 nutzen. Abschließend werden weitere Forschungsbedarfe und
                                          Im Rahmen der Literaturanalyse wurde eine Übersicht mit                Limitationen der vorliegenden Studie diskutiert.
                                          treibenden und hemmenden Aspekten des Engagements
                                          in der Normungsarbeit für Forschungseinrichtungen und
                                          Unternehmen erstellt. Diese konnte in den strukturierten,
                                          qualitativen Interviews weitestgehend validiert und einzelne
                                          Aspekte konnten priorisiert werden. Es zeigt sich, dass für
                                          Forschungseinrichtungen insbesondere die Diffusion von
                                          Forschungsergebnissen und die Vernetzung mit Unternehmen
                                          und Forschungseinrichtungen treibende Aspekte sind. Für
                                          Unternehmen stehen die Einbeziehung eigener Interessen, die
                                          norm- bzw. standardkonforme Realisierung von Technologien
                                          und ebenfalls die Vernetzung mit anderen Stakeholdern im
                                          Vordergrund. Sowohl für Forschungseinrichtungen als auch

                                          1 R
                                             essortforschung beschreibt Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten der Bundes- und Landesministerien nachgelagerten Forschungs-
                                            einrichtungen.
  4                                                                                                                                                                             5
2 HINTERGRUND UND ZIELSTELLUNG                                                                                                             3 STANDARDESSENZIELLE PUBLIKATIONEN
DER STUDIE                                                                                                                                 UND PATENTE ALS INDIKATOR FÜR DEN
                                                                                                                                           WISSENS- UND TECHNOLOGIETRANSFER

Normen und Standards definieren in fast allen Lebensberei-            gemessen. Selten werden Normen und Standards als Messin-             3.1   Standardessenzielle Publikationen                             ISO-Standards und vergleichbare ISO-Dokumente, die in der
chen den Stand der Technik sowie Anforderungen an Produk-             strument für wissenschaftliche Leistungen herangezogen, als                                                                              Analyse berücksichtigt wurden, knapp 7000 Referenzen auf
te und Dienstleistungen. Sie ermöglichen Systemfähigkeit,             Teil eines Forschungsprojekts in Betracht gezogen oder sogar         Obwohl die Relevanz von Normen und Standards als Instru-            wissenschaftliche Publikationen aus der Datenbank SCOPUS
sichern Qualität und schaffen Transparenz (BMWi 2020).                als Möglichkeit gesehen, um die Zusammenarbeit mit der               ment für Wissens- und Technologietransfer anerkannt ist,            mit Autoren aus Deutschland auf. Werden diese Autoren ihren
Normen werden in Gremien unter Einbezug interessierter Krei-          Industrie zu intensivieren (INTEREST o.J.; Mosch 2007a).             fehlen bislang Indikatoren, die die Aktivitäten verschiedener       entsprechenden Institutionen zugeordnet, so ergibt sich die in
se erarbeitet, im Konsens verabschiedet und durch Normungs-                                                                                Institutionen in verschiedenen Bereichen transparent ma-            Abbildung 1 dargestellte Rangfolge. Hier zeigt sich, dass mit
organisationen veröffentlicht. Standards können im Gegensatz          Trotz ihrer Relevanz sind Normung und Standardisierung also          chen. Dies liegt daran, dass Normen und Standards Gemein-           Abstand die meisten Autoren an Universitäten arbeiten. Jedoch
dazu auch ohne Einbeziehung aller interessierter Kreise, ohne         bis dato wenig verbreitete und nicht ausreichend genutzte In-        schaftsprodukte sind, die in Zusammenarbeit vieler verschiede-      folgen auf dem zweiten Platz Wissenschaftlerinnen und
Konsens und in anderen Gremien entstehen (z. B. für HTML,             strumente für den Wissens- und Technologietransfer. Die Stu-         ner Gruppen und Akteure erstellt werden. Sie enthalten daher        Wissenschaftler aus Ressortforschungseinrichtungen, wie der
Mobilfunkstandards, Bluetooth). Normen und Standards                  die setzt hier an und zielt darauf ab, Handlungsempfehlungen         in der Regel keine Autorenlisten. Jedoch existieren indirekte       Physikalisch-Technischen Bundesanstalt oder der Bundesanstalt
stellen somit ein wesentliches Instrument der Wissensökono-           zur besseren Ausschöpfung latenter Potenziale von Normung            Möglichkeiten, die Akteure, die Inhalte zur Normung und             für Materialforschung und -prüfung. Die dritte Position haben
mie dar, wurden aber erst 2018 im Oslo-Handbuch der OECD              und Standardisierung zu erarbeiten. Dabei konzentriert sich          Standardisierung beitragen, zu identifizieren. Im Folgenden         die Forschenden aus der Helmholtz-Gemeinschaft inne.
zur Innovationsmessung als wichtige Parameter im Innova-              die Studie vorwiegend auf Normung und Standardisierung als           wird analytisch gezeigt, dass sich standardessenzielle Publika-
tionsprozess identifiziert (OECD/Eurostat 2019). Der Beitrag          Instrument für Wissens- und Technologietransfer.                     tionen bzw. Patente als normungs- und standardisierungsbe-                                          Abbildung 1
von Normen zum Wirtschaftswachstum wurde anhand von                                                                                        zogene Indikatoren für den Wissens- und Technologietransfer
mehreren Studien (Miotti 2009; Blind und Jungmittag 2008;             Dabei verfolgt die vorliegende Studie das Ziel, die bisherigen       eignen und von Forschungseinrichtungen, aber auch Unter-                                            Anzahl standardessenzieller
Blind und Grupp 2000; Blind et al. 2011; DTI 2005) gemessen.          Erkenntnisse zusammenzufassen. Neben der in Kapitel 3 dar-           nehmen als solches genutzt werden können.                                                           Publikationen deutscher
In absoluten Zahlen ist der Beitrag von Normen und Standards          gestellten Analyse zu standardessenziellen Publikationen und                                                                                                             Autorinnen und Autoren
zum Bruttoinlandsprodukt beträchtlich. Mit ihrer marktöffnen-         Patenten liegt der Schwerpunkt auf der Darstellung von lite-         Standardessenzielle Publikationen sind in der Bibliographie                                         nach Institutionen auf Basis
den Wirkung stärken sie die Wettbewerbsfähigkeit Deutsch-             ratur- und interviewbasierten Erkenntnissen und Erfahrungen,         von Standards gelistet (Blind 2019). Sie decken viele Bereiche                                      von Autorenschaften
lands als Wirtschaftsnation und Exportland.                           wie Normung und Standardisierung momentan als Instrument             internationaler Normen ab. Aus ihnen lassen sich sowohl                                             (auf Basis von insgesamt
                                                                      des Wissens- und Technologietransfers genutzt wird bzw. was          die Autoren als auch deren Institutionen identifizieren, auf                                        6845 Publikationen, inkl.
Für die einzelnen Akteure ist allerdings die Relevanz von Nor-        einer verstärkten Nutzung im Weg steht. Die Studie schließt          deren Beiträge Normen aufbauen. Aktuell weisen die 20 000                                           Doppelnennungen).
men und Standardisierung nicht immer deutlich. Unternehmen            in Kapitel 6 mit einer Zusammenfassung der Erkenntnisse,
haben Schwierigkeiten, Normung und Standardisierung als               Handlungsempfehlungen und Limitationen.
Instrument des Wissens- und Technologietransfers zu nutzen,
                                                                                                                                                                                       0       200           400        600         800         1000         1200
obwohl Normen und Standards oft als Katalysatoren zur Be-
                                                                                                                                                                      Universitäten
schleunigung und Durchsetzung von Innovationen bezeichnet
                                                                                                                                                    Ressortforschungseinrichtungen
werden (Blind 2009; Abdelkafi et al. 2016). Dies kann auch die
                                                                                                                                                          Helmholtz-Gemeinschaft
immer noch relativ geringe Teilnahme des Mittelstands an Nor-
                                                                                                                                                                     Unternehmen
mungs- und Standardisierungsaktivitäten erklären (Rammer
                                                                                                                                                           Fraunhofer-Gesellschaft
et al. 2016). Auch für Forschungseinrichtungen scheint das
                                                                                                                                                           Max-Planck-Gesellschaft
Instrument der Normung und Standardisierung nicht beson-
                                                                                                                                                                Universitätskliniken
ders attraktiv zu sein. Wissenschaftliche Leistungen werden in
                                                                                                                                                             Leibniz-Gemeinschaft
der Regel anhand von Publikationen oder Patentanmeldungen
                                                                                                                                                                  Fachhochschulen
                                                                                                                                                                               Rest

2 Von 2002 bis 2006 betrug in Deutschland der gesamtwirtschaftliche Nutzen der Normung im Durchschnitt 16,77 Mrd € pro Jahr (DIN, 2011).

6                                                                                                                                                                                                                                                                              7
3 S TA N D A R D E S S E N Z I E L L E P U B L I K AT I O N E N U N D PAT E N T E

                                                       0   1000   2000   3000   4000   5000       6000      7000     8000                                                                                                  0    5         10       15        20        25

                                          Medicine                                                                                                Fraunhofer-Institut für Holzforschung, Wilhelm-Klauditz-Institut, WKI
                             Environmental Science                                                                                                Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ITEM
                            Physics and Astronomy                                                                                            Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME
                                       Engineering                                                                                                    Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik IOF
                                         Chemistry                                                                                                                    Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE
                                  Materials Science                                                                                     Fraunhofer-Institut für Integrierte Systeme und Bauelementetechnologie IISB
       Biochemistry, Genetics and Molecular Biology                                                                                                         Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP
       Pharmacology, Toxicology and Pharmaceutics                                                                                                   Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme IKTS
                             Chemical Engineering                                                                                                                                 Fraunhofer-Institut für Bauphysik IPB
                Agricultural and Biological Sciences                                                                                                     Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV
                       Earth and Planetary Sciences                                                                              Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM
                                 Health Professions                                                                                                               Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT
                                 Computer Science                                                                                                                    Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS
                     Immunology and Microbiology                                                                                                Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF
                                             Others                                                                                                           Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS
                                                                                                                                                          Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI

                                                                                              Abbildung 2                      Abbildung 3
Knapp dahinter folgen schon die Autoren aus Unternehmen,                                                                                                                                                   Analysiert man die standardessenziellen Publikationen der
welche sonst weniger als 5 Prozent zu allen wissenschaftlichen                                                                                                                                             Fraunhofer-Gesellschaft, sind diese vor allem den Umwelt-
                                                                                              Anzahl standardessenzieller      Anzahl standardessen-
Publikationen beitragen. Mit deutlichem Abstand sind die                                                                                                                                                   wissenschaften zuzuordnen. Auf dem zweiten Platz folgt mit
                                                                                              Publikationen nach               zieller Publikationen der
Forschenden aus der Fraunhofer-Gesellschaft auf dem fünften                                                                                                                                                deutlichem Abstand Physik und Astronomie, gefolgt von den
                                                                                              Wissenschaftsfeldern             Fraunhofer-Gesellschaft
Platz noch vor den Kollegen aus der Max-Planck-Gesellschaft                                                                                                                                                Materialwissenschaften und der Chemie. Veröffentlichungen
                                                                                              (insgesamt 12 743 Publikatio-    nach Institut.
positioniert.                                                                                                                                                                                              aus den Ingenieurwissenschaften nehmen den fünften Platz
                                                                                              nen, inkl. Mehrfachklassifika-
                                                                                                                                                                                                           ein. Analysiert man die Veröffentlichung standardessenzieller
                                                                                              tionen; englische Benennung
Klassifiziert man standardessenzielle Publikationen anhand                                                                                                                                                 Publikationen der Fraunhofer-Gesellschaft nach Instituten, so
                                                                                              gemäß SCOPUS).
der Systematik von SCOPUS nach Wissenschaftsfeldern, so                                                                                                                                                    weisen das Fraunhofer-Institut für Holzforschung, Wilhelm-
ergibt sich, dass Publikationen aus der Medizin mit Abstand                                                                                                                                                Klauditz-Institut, WKI, das Fraunhofer-Institut für Toxikologie
den ersten Rang einnehmen (vgl. Abbildung 2). Es folgen auf                                                                                                                                                und Experimentelle Medizin ITEM sowie das Fraunhofer-
dem zweiten Platz Veröffentlichungen aus den Umweltwissen-                                                                                                                                                 Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME
schaften und auf dem dritten Platz die Physik und Astronomie.                                                                                                                                              die mit Abstand meisten Veröffentlichungen auf (vgl. Abbil-
Schließlich finden sich schon auf dem vierten Platz die Publi-                                                                                                                                             dung 3). Mit insgesamt 16 repräsentierten Instituten weist die
kationen aus den Ingenieurwissenschaften, gefolgt von denen                                                                                                                                                Fraunhofer-Gesellschaft eine signifikante Anzahl und ein breites
aus der Chemie und den Materialwissenschaften.                                                                                                                                                             Themenspektrum an standardessenziellen Publikationen auf.

8                                                                                                                                                                                                                                                                            9
3 S TA N D A R D E S S E N Z I E L L E P U B L I K AT I O N E N U N D PAT E N T E

                                                                                                  3.2    Standardessenzielle Patente                                    Schließlich ist es auch möglich, die Deklarationen differenziert
                                       0    500            1000           1500      2000   2500                                                                         nach Standards vorzunehmen. Hier dominieren deutschland-
                                                                                                  Eine andere Möglichkeit, die an der Normung und Standar-              weit noch die Erklärungen bezüglich des Standards UMTS (Uni-
          Fraunhofer-Gesellschaft
                                                                                                  disierung beteiligten Akteure zu identifizieren und deren             versal Mobile Telecommunications System) mit fast 50 Prozent,
       Siemens Aktiengesellschaft
                                                                                                  Aktivität zu analysieren, sind standardessenzielle Patente.           gefolgt von GPRS (General Packet Radio Service), einem Dienst
                    Nokia Networks
                                                                                                  Insbesondere im Bereich der Informations- und Kommunikati-            für Datenübertragung in GSM (Global System for Mobile
              Deutsche Telekom AG
                                                                                                  onstechnik werden seit dem Beginn der internationalen Stan-           Communications), EVS (Enhanced Voice Services), einem Audio
                              Dolby
                                                                                                  dardisierung im Bereich des Mobilfunks (Bekkers et al. 2002)          Coding Standard, LTE (Long Term Evolution) und 3GPP (3rd
                  Sony Corporation
                                                                                                  für die Standards relevante Patente von den Eigentümern als           Generation Partnership Project), welches Standardisierungsakti-
                   Intel Corporation
                                                                                                  standardessenziell deklariert.                                        vitäten zu GSM, UMTS, LTE und inzwischen auch 5G umfasst.
        Infineon Technologies AG
                Robert Bosch GmbH
                                                                                                  Differenziert man die etwas mehr als 5000 standardessenzi-            Die Hälfte der standardessenziellen Patente bei Fraunhofer
                 Atmel Corporation
                                                                                                  ellen Patente deutscher Organisationen nach Organisations-            werden bezüglich des Audio Coding Standards EVS (Enhanced
                  Rohde & Schwarz
                                                                                                  zugehörigkeit, so ist die Fraunhofer-Gesellschaft die aktivste        Voice Services) deklariert. Ferner beziehen sich 15 Prozent
                       Grundig Emv
                                                                                                  Organisation. Dabei sind das Fraunhofer-Institut für Integrierte      der standardessenziellen Patente bei Fraunhofer auf Patent-
                    Volkswagen AG
                                                                                                  Schaltungen IIS, das Fraunhofer-Institut für Nachrichtentech-         pool-Programme. Des Weiteren werden standardessenzielle
              Panasonic Corporation
                                                                                                  nik, Heinrich-Hertz-Institut, HHI und das Fraunhofer-Institut für     Patente gegenüber dem ATSC Advanced Television Systems
                               Gevc
                                                                                                  Digitale Medientechnologie IDMT für die Gesamtheit aller von          Committee und im Bereich Advanced Video Coding (AVC)
                                                                                                  der Fraunhofer-Gesellschaft deklarierten standardessenziellen         bzw. H.264 deklariert.
                                                                                                  Patente verantwortlich. In der Rangreihe an Organisationen
                                                                                                  folgt die Siemens AG und Nokia Networks, ursprünglich Nokia
Abbildung 4
                                                                                                  Siemens Networks (vgl. Abbildung 4). Alle übrigen Unterneh-
                                                                                                  men, die Patente mit deutschem Ursprung deklariert haben,
Anzahl standardessenzieller                                                                       handeln auf einem eher marginalen Niveau.
Patente deutscher
Organisationen                                                                                    Betrachtet man die wichtigsten Klassen thematisch differen-
(insgesamt 5214 Patente,                                                                          ziert nach der Logik der International Patent Classification (IPC),
inkl. Mehrfachzählungen;                                                                          finden sich standardessenzielle Patente neben dem Bereich der
Quelle: IPlytics GmbH,                                                                            Sprachanalyse und -erkennung vor allem in der elektrischen
eigene Berechnungen).                                                                             Nachrichtentechnik, insbesondere zu drahtlosen Kommunikati-
                                                                                                  onsnetzen und zur Übertragung digitaler Information, auf den
                                                                                                  ersten drei Plätzen wieder und machen fast 70 Prozent aller
                                                                                                  Deklarationen aus. Bei den standardessenziellen Patenten der
                                                                                                  Fraunhofer-Gesellschaft handelt es sich bei über 70 Prozent
                                                                                                  um Patente der Sprachanalyse und -erkennung, mit weitem
                                                                                                  Abstand gefolgt von verschiedenen Bereichen der elektrischen
                                                                                                  Nachrichtentechnik.

10                                                                                                                                                                                                                                     11
4 TREIBENDE UND HEMMENDE FAKTOREN
FÜR NORMUNG UND STANDARDISIERUNG

                                                                 Abbildung 5
4.1   Übersicht aus Literaturanalyse
                                                                                                                        Einbezug eigener Interessen bei Entwicklung von Normen und Standards (Wakke et al. 2016)
                                                                 Treiber und Hemmnisse                                  Auftragsforschung und Vernetzung von Unternehmen und Forschungseinrichtungen (Blind und Gauch 2007)
Im Rahmen einer Literaturanalyse wurden nach einer Sichtung
                                                                 von Normung und
von über 1000 Publikationen zu Normung und Standardisie-                                                                Impulse für Technologieentwicklung (Abdelkafi und Makhotin 2014; Blind und Mangelsdorf 2016)
                                                                 Standardisierung der
rung 20 zu einer ausführlichen Inhaltsanalyse herangezogen.3
                                                                 jeweiligen Akteure
Dabei wurde eine Übersicht zu treibenden und hemmenden                                                                                                       Strategische Verhinderung von Patentierung
                                                                 entlang des Forschungs-
Faktoren von Normung und Standardisierung für Forschungs-                                                                                                    Diffusion von Forschungsergebnissen
                                                                 und Entwicklungsprozesses
einrichtungen und Unternehmen erstellt (vgl. Abbildung 5).                                     Treiber                                                       Knowledge Sourcing (Blind und Mangelsdorf 2016)
                                                                 (eigene Darstellung).
Dabei wurde berücksichtigt, dass einige Treiber nicht in allen
                                                                                                                                                                                            Norm- und standardkonforme Realisierung
Phasen und nicht für alle Beteiligten entlang des Forschungs-
                                                                                                                        Forschungskooperationen (Blind und Gauch 2007)                      von Technologien (Wakke et al. 2016)
und Entwicklungsprozesses relevant sind. Beispielhaft sei hier
die Möglichkeit zur Bildung neuer Forschungskooperationen
                                                                                                                        Kostenfreie Mitgliedschaften bei Normungsorganisationen (Blind und Gauch 2007; INTEREST o.J.)
genannt, die nach Blind und Gauch (2007) vorrangig auf der
Ebene der Forschungseinrichtungen und in frühen Phasen
von Relevanz ist. Wohingegen die norm- und standardkon-                                        Forschungs-              GRUNDLAGEN-                    ANGEWANDTE                  PROTOTYPEN-
                                                                                                                        FORSCHUNG                      FORSCHUNG                   ENTWICKLUNG                    DIFFUSION
forme Realisierung von Technologien vor allem als Treiber für                                  prozess
Unternehmen und in späteren Phasen identifiziert werden
konnte (Wakke et al. 2016). Hemmende Faktoren, wie die
                                                                                                                        Norm bzw. Standard als Gemeinschaftsprodukt (keine Autorennennung) (Mosch 2007b)
Langwierigkeit der Prozesse oder der finanzielle Aufwand,
                                                                                                                        Norm bzw. Standard als öffentliches Gut (Wissen für geringe Gebühr frei zugänglich, keine Kapitalisierung
betreffen alle Beteiligten und alle Phasen des Forschungs- und
                                                                                                                        des Forscherwissens) (Mosch 2007b)
Entwicklungsprozesses gleichermaßen (Blind und Gauch 2009;
                                                                                                                        Trittbrettfahrerproblem (Wissen nur abgegriffen, ohne selbst einen nennenswerten Beitrag geleistet zu haben)
INTEREST o.J.)
                                                                                               Hemmnisse                Technologien nicht mehr patentierbar, nachdem die Normen und Standards integriert worden sind
                                                                                                                        (Großmann et al. 2016)
                                                                                                                        Finanzieller Aufwand (z. B. personelle Kosten, Reisen) (Blind und Gauch 2009)
4.2   Validierung der Übersicht durch qualitative
                                                                                                                        Langwierigkeit der Prozesse inkl. schwieriger Konsensfindung und geringer Einflussnahme
      Interviews
                                                                                                                        (Blind und Gauch 2009; INTEREST o.J.)
                                                                                                                        Fehlendes Normungs- und Standardisierungswissen (INTEREST o.J.)
Im Rahmen von 44 Experteninterviews (davon 20 Forschungs-
                                                                                                                        Fehlen einer Leistungsbewertung von Normungs- und Standardisierungsarbeit für Forschende
einrichtungen, 20 Unternehmen, drei Verbände und eine
                                                                                                                        (INTEREST o.J.; Mosch 2007a)
Normungs- und Standardisierungsorganisation) wurde die in
Abbildung 5 dargestellte Übersicht an Treibern und Hemm-
nissen validiert. Die aufgeführten Treiber und Hemmnisse
konnten dabei im Wesentlichen bestätigt und mit einer                                                               Forschungseinrichtung                    Wissens- und Technologietransfer                       Unternehmen
Priorisierung versehen werden. In mehreren Interviews wurde
zusätzlich der Treiber »Reputationseffekt« genannt, weshalb
dieser zusätzlich aufgenommen wurde.

                                                                                             3 F ür den Kontext der vorliegenden Studie wurden die Publikationen dahingehend gefiltert, dass sie Normung und Standardisierung als
                                                                                               Instrument des Wissens- und Technologietransfers untersucht haben.

12                                                                                                                                                                                                                                     13
4 TREIBENDE UND HEMMENDE FAKTOREN

4.2.1 Treiber                                                           und eine gemeinsame Sprache entwickelt. Dies kann eine         nisse überhaupt erst ermöglichen. Der Wissenstransfer bezieht    Fachexperten auf demselben Gebiet lassen deutlich werden,
                                                                        Grundlage für eine künftige Zusammenarbeit sein. Anderer-      sich dabei sowohl auf die Zeit während des Normungs- und         wo weiterer Forschungs- und Entwicklungsbedarf besteht. So
In Tabelle 1 sind die in den Interviews genannten Treiber für           seits kann die Normungsarbeit auch direkt als Instrument für   Standardisierungsprojekts an sich als auch auf die Zeit nach     hat beispielsweise ein Institut berichtet, dass die Normungsar-
Unternehmen und Forschungseinrichtungen, geordnet nach                  Business Development genutzt werden. Insbesondere kleine       Veröffentlichung der Norm bzw. des Standards. Während            beit ein Instrument ist, um Impulse und potenzielle Interessen-
der Häufigkeit ihrer Nennungen, verzeichnet. Diese werden im            und mittlere Unternehmen (KMU) haben davon berichtet,          der Normungsarbeit wird das Wissen mit anderen beteiligten       ten für künftige Industrieprojekte zu generieren.
Folgenden näher erörtert.                                               dass an den Gremien potenzielle Kunden teilnehmen, die sie     Organisationen geteilt und ergänzt, nach Veröffentlichung
                                                                        durch die gemeinsame Arbeit für ihre Technologien gewinnen     der Norm bzw. des Standards erfährt es eine weitere Diffusion      Reputationseffekt: Durch die Teilnahme an Normungs- und
 Auftragsforschung und Vernetzung von Unternehmen                       konnten.                                                       durch deren Anwendung.                                           Standardisierungsprojekten kann die Reputation auf organisatio-
und Forschungseinrichtungen: Sowohl für Forschungs-                                                                                                                                                     naler und/oder individueller Ebene steigen. Auf organisationaler
einrichtungen als auch Unternehmen werden durch die                       Diffusion von Forschungsergebnissen: Insbesondere              Einbeziehung eigener Interessen: Insbesondere Großun-          Ebene können sich Organisationen als Kompetenzträger für das
Zusammenarbeit in der Normung und Standardisierung neue                 Interviewte aus Forschungseinrichtung berichteten, dass Nor-   ternehmen nutzen Normung und Standardisierung strategisch,       infrage stehende Thema etablieren. Insbesondere KMU nutzen
Kontakte geknüpft, wird gegenseitiges Vertrauen aufgebaut               men und Standards die Anwendung ihrer Forschungsergeb-         um bestimmte Technologietrends im Interesse der eigenen Ge-      die Normungsarbeit daher auch im Sinne einer Marketingaktivi-
                                                                                                                                       schäftsstrategie zu beeinflussen. Durch das gezielte Mitwirken   tät. Das Etablieren einer Norm für die eigene Technologie schafft
                                                                                                                                       an der Normung soll erreicht werden, dass eine neue Norm         Vertrauen am Markt und kann einen entscheidenden Beitrag
                                                                                                                                       bzw. ein neuer Standard den Interessen der eigenen Organisa-     bei dessen Erschließung leisten. Auf individueller Ebene werden
     Treiber                                      Häufigkeit der        Häufigkeit der
                                                  Nennungen von         Nennungen von
                                                                                                                                       tion entspricht.                                                 die Teilnehmenden zu Fachexpertinnen und Fachexperten für
                                                  Unternehmen           Forschungseinrichtungen                                                                                                         das jeweilige Thema. Intern verschafft ihnen das eine höhere
                                                                                                                                         Norm- bzw. standardkonforme Realisierung von                   Glaubwürdigkeit, was mitunter der eigenen Karriere zuträglich
     Auftragsforschung und Vernetzung von
                                                                                                                                       Technologien: Besonders für Unternehmen in sehr von              sein kann. Extern werden sie als Personen vom Fach mitunter
     Unternehmen und Forschungseinrichtungen
                                                                                                                                       der Normung geprägten Bereichen wie der Medizintechnik           in weitere Gremien eingeladen, was wieder Wechselwirkungen
     Diffusion von Forschungsergebnissen                                                                                               oder dem Maschinenbau ist die Beachtung von Normen und           zum Gesamtvorteil für die beteiligte Organisation hat.
     Einbeziehung eigener Interessen                                                                                                   Standards bei der Entwicklung neuer und der Anwendung be-
                                                                                                                                       stehender Technologien essenziell. Aber auch strategisch birgt     Knowledge Sourcing: Die gezielte Suche nach und das
     Norm- bzw. standardkonforme Realisierung
                                                                                                                                       das Engagement in Normungs- und Standardisierungsgremien         Akquirieren von neuem Wissen wurde besonders von den
     von Technologien
                                                                                                                                       einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Wettbewerbern, die sich       befragten KMU als Motivation für die Teilnahme an Nor-
     Impulse für Technologieentwicklungen
                                                                                                                                       nicht beteiligen. Durch den Wissensvorsprung bezüglich der       mungs- und Standardisierungsprojekten genannt. Sie können
     Reputationseffekt                                                                                                                 Entstehung und Inhalte der Norm bzw. des Standards kann die      die Zusammenarbeit mit etablierten Großunternehmen und
     Knowledge Sourcing                                                                                                                eigene Entwicklung dahingehend ausgerichtet und die Time-        Forschungseinrichtungen gezielt nutzen, um unternehmensin-
     Forschungskooperationen                                                                                                           To-Market, also die Zeit von der Produktentwicklung bis zur      tern nicht vorhandenes Wissen auszubauen.
                                                                                                                                       Platzierung des entsprechenden Produkts am Markt, eigener
     Strategische Verhinderung von
                                                                                                                                       Technologien und Produkte verkürzt werden. Diesen Aspekt          Forschungskooperation: Von den interviewten Forschungs-
     Patentierung
                                                                                                        Tabelle 1                      machen sich insbesondere KMU zunutze, die häufig ein weni-       einrichtungen wurde uns nicht bestätigt, dass die Aussicht auf
     Kostenfreie Mitgliedschaft in Normungs-
                                                                                                                                       ger diversifiziertes Produktportfolio als Großunternehmen und    Kooperationen zwischen Forschungseinrichtungen ein treiben-
     organisationen                                                                                     Häufigkeit der in den          daher eine größere Abhängigkeit vom Markterfolg einzelner        der Faktor für das Engagement in der Normungsarbeit ist. Da
                                                                                                        Interviews genannten           Technologien und Produkte haben.                                 die Vernetzung beteiligter Organisationen jedoch durchweg
       = sehr häufige Nennungen (> 75 %)       = häufige Nennungen (51 – 75 %)                          Treiber für ein Engage-                                                                         als Mehrwert herausgestellt wurde, ist auch das prinzipielle
       = gelegentliche Nennungen (26 – 50 %)     = seltene Nennungen (< 25 %)    = keine Nennungen      ment in Normung und              Impulse für Technologieentwicklungen: Die inhaltlich           Potenzial von Forschungskooperationen durchaus denkbar.
                                                                                                        Standardisierung.              intensive Arbeit sowie der Austausch mit Fachexpertinnen und

14                                                                                                                                                                                                                                                                     15
4 TREIBENDE UND HEMMENDE FAKTOREN

                                                                                                                                                                                                                                            Tabelle 2

 Strategische Verhinderung von Patentierung: Die inter-             Fehlendes Normungs- und Standardisierungswissen:                   Hemmnis                                      Häufigkeit der        Häufigkeit der
                                                                                                                                                                                    Nennungen von         Nennungen von                     Häufigkeit der in den
viewten Unternehmen bestätigten nicht, dass Normen bzw.           Dass Normung und Standardisierung als Instrument des Wis-
                                                                                                                                                                                    Unternehmen           Forschungseinrichtungen
Standards gezielt genutzt werden, um der Patentierung von         sens- und Technologietransfers ex ante nicht in Betracht gezo-                                                                                                            Interviews genannten
Wettbewerbern entgegenzuwirken. Vielmehr wurde in der             gen wird, betrifft Unternehmen und Forschungseinrichtungen           Fehlendes Normungs- und                                                                              Hemnisse für ein Engage-
Gremienarbeit gezielt darauf hingewirkt, dass die erarbeiteten    gleichermaßen stark. Damit ist erstens das fehlende Wissen           Standardisierungswissen                                                                              ment in Normung und
Inhalte genug Raum für den eigenen Marktvorteil lassen. Dies      um den Mehrwert eines Engagements an sich gemeint. Dies                                                                                                                   Standardisierung.
                                                                                                                                       Finanzieller Aufwand
kann dann beispielsweise in Form eines Patents erfolgen, auf      betrifft einerseits die Führungsebene von Organisationen,            (z. B. personelle Kosten, Zeit)
das dann der Standard aufbaut. Eine andere Variante war ein       die aufgrund der Herausforderung, den Mehrwert eines
                                                                                                                                       Langwierigkeit der Prozesse
Großunternehmen, das gezielt eigene standardessenzielle           solchen langfristigen Engagements qualitativ und quantitativ
Patente in die Normungsarbeit einbringt. Implizit wird der        zu antizipieren, schwer von den erforderlichen Investitionen         Fehlende Leistungsbewertung für

Standard bzw. die Norm also schon gezielt so ausgestaltet,        zu überzeugen ist. Andererseits wurde auch die nicht vor-            Forschende

dass Wettbewerber durch ihre Patente den eigenen Wettbe-          handene Integration des Themas in universitäre Curricula             Trittbrettfahrerproblem
werbsvorteil nicht einfach gefährden können.                      bemängelt. Zweitens besteht eine Unsicherheit über den
                                                                                                                                       Norm/Standard als öffentliches Gut
                                                                  Ablauf der Normungsarbeit, d. h. fehlendes Prozesswissen.
                                                                                                                                       Norm/Standard als Gemeinschaftsprodukt
 Kostenfreie Mitgliedschaft in Normungsorganisationen:            Drittens beklagen insbesondere auch Unternehmen fehlen-
Dieser Faktor wirkt erleichternd für Forschungseinrichtungen,     de Transparenz innerhalb des »Normen-Dschungels«. Das                Technologie nicht mehr patentierbar
falls zusätzlich andere Interessen gegeben sind, die zu einem     erschwert es, aktuelle Änderungen nachzuvollziehen und für           nach Integration in Standard / Norm
Engagement in der Normungsarbeit beitragen. Unternehmen           sie relevante Gremien zu identifizieren oder ihren potenziellen
zeigten sich diesbezüglich zwiegespalten, da sie derzeit keine    Mehrwert abzuschätzen. Das fehlende Bewusstsein für den                 = sehr häufige Nennungen (> 75 %)       = häufige Nennungen (51 − 75 %)
solche Erleichterung erhalten. Eine solche wünschen sich ei-      Mehrwert von Normungs- und Standardisierungsprojekten hat               = gelegentliche Nennungen (26 – 50 %)     = seltene Nennungen (< 25 %)    = keine Nennungen
nerseits insbesondere KMU, denen die in der Regel am Umsatz       weitreichende Konsequenzen. In ganzheitlicher Betrachtung
berechneten Mitgliedsbeiträge zu kostspielig sein können.         ist hier vor allem die fehlende strategische und strukturelle
Andererseits befürchten Unternehmen eine Verschlimmerung          Verankerung zu nennen, die im Extremfall dazu führen kann,
des Trittbrettfahrerproblems, d. h. der Teilnahme von Organisa-   dass die Gremienarbeit vor allem Freizeitarbeit der Mitarbeite-
tionen, die nur Wissen abgreifen wollen, ohne selber welches      rinnen und Mitarbeiter mit einer entsprechenden intrinsischen
einzubringen, sobald keine finanzielle Barriere zur Teilnahme     Motivation darstellt.                                             schungseinrichtungen bewerten vorhandene Förderungen wie               Interessenten für das Projekt zu gewinnen. Aber auch die
an Gremien mehr besteht.                                                                                                            WIPANO (Wissens- und Technologietransfer durch Patente und             Koordination vieler unterschiedlicher Interessen im Gremium
                                                                    Finanzieller Aufwand: Dieses Hemmnis betrifft sowohl            Normen) grundsätzlich sehr positiv. Jedoch ist nach dem Aus-           und das Management soziodynamischer Prozesse führen dazu,
                                                                  Forschungseinrichtungen wie auch Unternehmen. Im Spe-             laufen der öffentlichen Förderung oftmals das Normungs- und            dass Abstimmungen und somit der gesamte Prozess länger
                                                                  ziellen wurden dabei immer wieder die hohen Reisekosten           Standardisierungsprojekt (insbesondere bei internationalen             dauern. Eine weitere Ursache stellt der Faktor Kultur eines Un-
4.2.2 Hemmnisse                                                   angesprochen, die notwendig sind, um sich beispielsweise in       Normen) noch nicht abgeschlossen und es bedarf hier weiterer           ternehmens, aber auch eines Landes dar. Einige der Interview-
                                                                  internationalen Gremien beteiligen zu können. Neben den           finanzieller Unterstützung zur Finalisierung.                          ten berichteten von einem geringen Veränderungswillen von
Tabelle 2 zeigt die in den Interviews genannten Hemmnisse         Reisekosten verursacht Normungsarbeit auch hohe personelle                                                                               Unternehmen, was dazu geführt hat, dass Entscheidungen
für Unternehmen und Forschungseinrichtungen entsprechend          Kosten. Da für Unternehmen im Gegensatz zu Forschungs-              Langwierigkeit der Prozesse: Insbesondere Unterneh-                  hinausgezögert wurden. Aber auch nationale Mentalitätsun-
ihrer Häufigkeit der Nennungen in den einzelnen Interviews.       einrichtungen keine öffentlichen Fördermittel zur Verfügung       men beklagen eine im Vergleich zu internen Projekten sehr              terschiede können sich auf die Prozessdauer auswirken. Das
Diese werden im Folgenden näher erläutert.                        stehen, ist die finanzielle Barriere insbesondere für KMU ein     lange Projektdauer. Die dafür identifizierten Ursachen sind            ist vor allem bei internationalen Normungs- und Standardi-
                                                                  Grund, sich nicht in der Normungsarbeit zu engagieren. For-       vielfältig. Zum einen kann es bereits zu Beginn des Projekts           sierungsprojekten von Bedeutung. So wurden beispielsweise
                                                                                                                                    eine Herausforderung darstellen, genügend oder die richtigen           deutliche Unterschiede zwischen der Dauer eines Normungs-

16                                                                                                                                                                                                                                                                       17
4 TREIBENDE UND HEMMENDE FAKTOREN
                                                                                                                                     5 PRAKTISCHE ERFAHRUNGEN ZUM EINSATZ
                                                                                                                                     VON NORMUNG UND STANDARDISIERUNG
                                                                                                                                     ALS INSTRUMENT DES WISSENS- UND
                                                                                                                                     TECHNOLOGIETRANSFERS

projekts in Amerika (kürzer als in Deutschland) oder Japan         Inhalte der Norm zurückgreifen und diese nutzen. Intellektu-      5.1   Perspektive der Forschungseinrichtungen                      chendes Engagement entsteht bisher ausschließlich reaktiv
(länger als in Deutschland) erwähnt. Ein letzter benannter         elle Eigentumsrechte, wie Patente, ermöglichen im Gegensatz                                                                          aus dem Forschungsprozess einer bestehenden Arbeitsgruppe
Grund für die Langwierigkeit von Normungsprojekten ist die         dazu den Forschungseinrichtungen bzw. den Unternehmen             Im Folgenden werden die Erfahrungen der 20 interviewten            heraus. Die Initiierung erfolgt dann also nicht aufgrund einer
erforderliche Zeit, um unter den Gremienmitgliedern eine           die Kontrolle über die Kapitalisierung ihres Wissens. Diese       Forschungseinrichtungen zur praktischen Umsetzung der              strategisch-taktischen Abwägung der Treiber und Hemmnisse,
gemeinsame Sprache zu entwickeln und eine Vertrauensbasis          fehlende Möglichkeit wurde gleichermaßen von Unternehmen          Normungs- und Standardisierungsarbeit dargestellt. Dabei           sondern rein aufgrund des operativen Tagesgeschäfts heraus.
zu schaffen.                                                       wie auch Forschungseinrichtungen als Hemmnis berichtet.           wurden gleichermaßen Universitäten, Hochschulen, An-Institu-       Teils war die Verfügbarkeit finanzieller Fördermittel ein wesent-
                                                                                                                                     te, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Ressortfor-      licher Grund für die Initiierung eines Normungsprojekts.
 Fehlende Leistungsbewertung für Forschende: Eine                    Norm bzw. Standard als Gemeinschaftsprodukt (keine              schungsinstitute befragt.
fehlende Anreizstruktur bei Forschungseinrichtungen bezüg-         Autorennennung): Im Gegensatz zu Patenten oder wissen-
lich Normung und Standardisierung trägt zu einer niedrigen         schaftlichen Publikationen erfolgt bei Normen und Standards       STRATEGISCH sind Normung und Standardisierung bei der
Priorisierung in Bezug auf die Initiierung entsprechender          keine Autorennennung. Der Beitrag einer individuellen Leis-       überwiegenden Zahl der interviewten Forschungseinrichtun-          5.2   Perspektive der Unternehmen
Projekte bei. Auch in Unternehmen werden in der Regel keine        tung ist somit für Außenstehende allenfalls durch die im Do-      gen gar nicht oder nur am Rande in den Organisationszielen
Anreize für Mitarbeitende in Hinblick auf Normungsaktivitäten      kumentenanhang referenzierten Publikationen erkennbar. Der        bzw. der Organisationsmission verankert. Eine beiläufige           Im Folgenden werden die Erfahrungen der 20 befragten
geschaffen. Als Ergebnis ist ein Engagement häufig von hoher       Querbezug zum Hemmnis einer fehlenden Leistungsbewer-             Verankerung ist häufig als Benennung von Normung und               Unternehmen zur praktischen Umsetzung der Normungs- und
intrinsischer Motivation abhängig.                                 tung für Forschende wird hier deutlich: Da ein »wissenschaftli-   Standardisierung als ein Instrument des Wissenstransfers zu        Standardisierungsarbeit dargestellt. Die Stichprobe bestand zu
                                                                   che Fußabdruck« nicht einfach erkennbar ist, wird dieser auch     beobachten. Näher ausgeführt wird dies aber in der Regel           annähernd gleichen Teilen aus KMU und Großunternehmen
 Trittbrettfahrerproblem: Wenn Mitarbeitende von For-              nicht in der Anreizstruktur berücksichtigt.                       nicht. Eine Ausnahme der fehlenden strategischen Veranke-          aus verschiedensten Branchen. Zusätzlich wurde die Perspektive
schungseinrichtungen oder Unternehmen in Normungs- und                                                                               rung bilden einerseits Bundesanstalten, die – auch aufgrund        von drei Industrieverbänden sowie einer Normungsorganisation
Standardisierungsgremien teilnehmen, um Wissen abzugrei-             Technologie nicht mehr patentierbar nach Inte-                  gesetzlicher Grundlagen – explizit den Wissenstransfer zu          berücksichtigt.
fen, ohne selbst einen nennenswerten Beitrag zu leisten, kann      gration in Standard/Norm: Dieses Hemmnis wurde von                Ministerien bzw. zur Gesetzgebung durch Normung und Stan-
dies für andere Organisationen ein Grund sein, ihr Wissen gar      keinem der interviewten Personen benannt. Falls das Engage-       dardisierung in ihren Missionen aufführen. Andererseits haben      Generell ist die strategische, strukturelle und prozessuale Veran-
nicht erst in solche Gremien einzubringen. Es wurde berichtet,     ment in der Normungsarbeit unternehmenseigene Patentrech-         insbesondere An-Institute oder Forschungseinrichtungen mit         kerung von Normung und Standardisierung bei Unternehmen
dass Trittbrettfahrer vor allem aufseiten der Forschungseinrich-   te berührt, wird entweder eine Ausgestaltung der Norm bzw.        starkem Anwendungsbezug Normung und Standardisierung               deutlich heterogener als bei Forschungseinrichtungen. Es wur-
tungen zu finden sind, welche sich am Projekt beteiligen, um       des Standards angestrebt, die genug Raum für das eigene           auch strategisch verankert. So hat beispielsweise ein interview-   den drei wesentliche Prädiktoren für eine stärkere Veran-
neue Forschungsfelder zu identifizieren. Insgesamt wurde das       Patent lässt oder das eigene geschützte Wissen über die           tes An-Institut Normung und Standardisierung fest in seiner        kerung von Normung und Standardisierung identifiziert:
Phänomen zwar von einigen Interviewten berichtet, allerdings       Deklaration standardessenzieller Patente signalisiert.            Geschäftsstrategie verankert. Normung und Standardisierung
nicht als ernsthaftes Hemmnis für ein Engagement bewertet.                                                                           dienen hier als Marketinginstrument für Industrieprojekte.           Unternehmensgröße: Je größer das Unternehmen, desto
So wurde berichtet, dass manche Trittbrettfahrer sogar ge-                                                                                                                                              wahrscheinlicher, dass entsprechende Strukturen formalisiert
duldet werden, da ihre Teilnahme einen politischen Mehrwert                                                                          STRUKTURELL liegt die Verantwortung für Normungs- und              sind. Kleinere Unternehmen haben häufig nicht die finanziellen
bietet (z. B. Multiplikatorenwirkung über das Gremium hin-                                                                           Standardisierungsaktivitäten in der Regel ausschließlich in den    oder personellen Kapazitäten für ein entsprechendes Engage-
aus). Andere Trittbrettfahrer können in der Regel durch eine                                                                         Fachabteilungen. Lediglich eine befragte Universität hat eine      ment, weshalb die Initiative von einzelnen Mitarbeitenden
proaktive Ansprache zur Mitarbeit motiviert werden.                                                                                  eigene Normenabteilung. Diese ist an die Universitätsbibliothek    abhängt.
                                                                                                                                     angegliedert. Die Mitarbeitenden dieser Abteilung unterstützen
 Norm bzw. Standard als öffentliches Gut (Wissen für                                                                                 bei Recherchen nach Normen und Standards.                            Industrie: Je nach Industrie ist ein unterschiedliches Maß an
geringe Gebühr frei zugänglich, keine Kapitalisierung                                                                                                                                                   Anwendung von bzw. Beteiligung an Normung und Standardi-
des Forscherwissens): Normen und Standards können nicht                                                                              PROZESSUAL konnte beobachtet werden, dass keine der                sierung für eine erfolgreiche Partizipation am Markt notwendig.
unmittelbar zur Gewinnerzielung genutzt werden. Das Urhe-                                                                            interviewten Forschungseinrichtungen formalisierte Regel-          Beispiele für hohe Anforderungen an Normung und Standardi-
berrecht liegt nicht bei den Verfassern der Norm, sondern bei                                                                        prozesse zur Abwägung, Initiierung oder Durchführung von           sierung sind die Medizintechnik oder der Maschinenbau.
der Normungsorganisation. Alle Interessierten können auf die                                                                         Normungs- und Standardisierungsprojekten hat. Ein entspre-

18                                                                                                                                                                                                                                                                    19
5 PRAKTISCHE ERFAHRUNGEN

  Aufmerksamkeit seitens der Unternehmensführung: So               Ebene fungieren die Mitarbeitenden als Ansprechpartner für                                                                                lassen sich dabei aufteilen zum einen in individuelle Erfolgsfak-
wurde beispielsweise der Geschäftsführer eines KMU inter-          die Fachabteilungen, was prozessuale Fragen rund um die            5.3     Erfolgsfaktoren in Normungs- und 			                           toren, die sich auf die Erfolgswahrscheinlichkeit der Durchset-
viewt, der die Relevanz von Normung und Standardisierung           Normungsarbeit an sich angeht. Solche zentralen Normenab-                  Standardisierungsvorhaben                                      zung der Interessen der eigenen Organisationen im Gremium
nicht nur strategisch, sondern auch prozessual fest verankert      teilungen sind in der Regel in der Rechtsabteilung verankert.                                                                             beziehen (z. B. Durchsetzung der Unternehmensinteressen bei
hat. Das Thema ist dort fest im Qualitätsmanagement-Work-                                                                             Um die erfolgreiche Umsetzung eines Normungs- oder Stan-               der Entwicklung eines für die eigene Technologie relevanten
flow integriert. Auf der anderen Seite wurden auch Gesprä-          Zentrale Normenbibliothek: Mitarbeitende übernehmen               dardisierungsvorhabens zu ermöglichen, berichteten unsere              Standards). Zum anderen betreffen die Erfolgsfaktoren den
che mit Großunternehmen geführt, die zwar eine eigene              verwaltende Verantwortung. Einerseits wird hier eine Art           Interviewpartnerinnen und Interviewpartner aus den For-                Gesamterfolg des Gremiums, also inwiefern das Gesamtziel
Normungsabteilung haben und in einer für Normung und               Datenbank betreut, die sämtliche vom Unternehmen genutzte          schungseinrichtungen und Unternehmen von vielfältigen Eigen-           erreicht wird (z. B. grundsätzliche Etablierung eines Standards
Standardisierung relevanten Industrie tätig sind, aber trotzdem    und erarbeitete Normen enthält. Andererseits unterstützen die      schaften oder Bedingungen, die den Erfolg von Normungs- und            für die infrage stehende Technologie). Diese sind in Tabelle 3
keine strategische Priorisierung des Themas haben.                 Mitarbeitenden auch bei Recherchetätigkeiten.                      Standardisierungsvorhaben entscheidend beeinflussen. Diese  4
                                                                                                                                                                                                             und 4 dargestellt.

                                                                                                                                                                                                                                               Tabelle 3
STRATEGISCH gibt es zwei Faktoren, in denen Normung und             Fachabteilung: Mitarbeitende übernehmen die inhaltliche
                                                                                                                                            Erfolgsfaktor          Beschreibung
Standardisierung verankert sein können. Der seltenste Fall ist     Verantwortung für ein konkretes Normungs- oder Standar-
                                                                                                                                                                                                                                               Erfolgsfaktoren
die Formulierung einer expliziten und detaillierten Normungs-      disierungsprojekt. Diese Fachexpertinnen und Fachexperten                Erfolgsfaktoren für die Durchsetzung individueller Interessen
                                                                                                                                                                                                                                               für die Durchsetzung
strategie. Beobachtet wurde dies beispielsweise bei einem          leisten die primäre Normungsarbeit im Sinne einer Teilnahme              Kompetenzen und          Fachwissen                                                                individueller Interessen.
Großkonzern im Bereich Mobilität. Dort unterliegt die Strate-      an entsprechenden Gremien.                                               Fähigkeiten der          Soziale Kompetenzen (z. B. Kompromissbereitschaft)
gie einem jährlichen Review-Prozess, in dem strategisch evalu-                                                                              involvierten Person      Betriebswirtschaftliche Kompetenzen (kaufmännisches Grund-
iert wird, aus welchen Gründen sich in welchen Gremien und         Die dargestellte Dreiteilung der Verantwortung stellt allerdings                                verständnis, Abschätzung der strategischen und operativen Folgen
Initiativen mit welchen Erwartungen beteiligt wird (vgl. Kapitel   die absolute Ausnahme dar. Lediglich in drei der interviewten                                   für die eigene Organisation)
5.4.2). Häufiger wird die Relevanz von Normung und Standar-        Unternehmen (jeweils Großunternehmen) war eine zentrale                                           Unternehmenspolitische Kompetenzen (Gespür für Preisgabe bzw.
disierung zwar in der Strategie erwähnt, aber nicht detailliert    Normenabteilung und eine verwaltende Normenbibliothek                                           Geheimhaltung, Entscheidungsfähigkeit)
ausgeführt. Die Konsequenz sind fehlende organisatorische          implementiert. Der Regelfall war eine ausschließlich dezentrale                                   Sprachliche Gewandtheit (um »normgerechte Formulierungen«
oder prozessuale Implikationen der Strategie. Insbesondere bei     Organisation der Verantwortlichkeiten für die Normungsarbeit.                                   zu finden)
KMU wurde jedoch häufig beobachtet, dass das Thema gar             Das heißt, sowohl die strategische, koordinative und verwal-                                      Durchhaltevermögen
nicht strategisch ausgeführt ist. Ein wesentlicher Grund ist das   tende wie auch die inhaltliche Verantwortung liegt bei den
fehlende Bewusstsein auf der Leitungsebene. Projekte werden        Fachabteilungen.                                                         Vorhandensein            Erleichterte Durchsetzung eigener Interessen bei den Mehrheits-

hier häufig aus den konkreten operativen Herausforderungen                                                                                  strategischer          entscheidungen in Gremien, wenn Mitstreiter dieselben Ziele

heraus initiiert.                                                  PROZESSUAL sind formalisierte Regelprozesse zur Initiie-                 Allianzen              verfolgen

                                                                   rung von Normungs- und Standardisierungsaktivitäten auch                                          Grundlage sind bestehendes Netzwerk, Aufbau und Pflege von

STRUKTURELL wurden drei organisatorische Optionen,                 bei Unternehmen die Ausnahme. Lediglich bei Unternehmen,                                        Kontakten sowie informelle Zusammenkünfte

die Verantwortungen für Normung und Standardisierung zu            deren zentrale Normenabteilung eine strategische Teilnahme               Auswahl des              Je relevanter die eigene Technologie für die Normung oder
verteilen, beobachtet.                                             an Gremien steuert, erfolgt eine sorgfältige Abwägung der                passenden              Standardisierung im Gremium, desto größer der eigene Einfluss
                                                                   Vor- und Nachteile eines Mitwirkens. Erfolgt das Engagement              Gremiums                 Insbesondere für KMU entscheidend, um Einfluss zu nehmen, da
  Zentrale Normenabteilung: Mitarbeitende übernehmen               aus einem operativen Interesse, ist dies selten die Konsequenz                                  verglichen mit Großunternehmen geringere Durchsetzungsfähigkeit
strategische und koordinative Verantwortung. Auf strategi-         eines systematischen Abwägens und befolgen eines Regelpro-                                      allein aufgrund der Marktpositionierung/-relevanz
scher Ebene wird festgelegt, in welchen Gremien sich das           zesses, sondern häufiger Ergebnis einer operativen Notwen-
Unternehmen aus taktischen Interessen engagieren möchte            digkeit (beispielsweise der Erkenntnis, dass der Markt für eine
                                                                                                                                      4 D
                                                                                                                                         amit unterscheiden sich Erfolgsfaktoren maßgeblich von Treibern und Hemmnissen von Normungs- und Standardisierungsvorhaben.
und die Tätigkeit mit der entsprechenden Normungsorga-             Technologie nur auf Basis einer Norm bzw. eines Standards            Während Treiber (bzw. Hemmnisse) dazu führen, dass sich Organisationen überhaupt in Normungs- und Standardisierungsprozessen
nisation oder dem Verband koordiniert. Auf koordinativer           erschlossen werden kann).                                            engagieren (bzw. nicht engagieren), beeinflussen Erfolgsfaktoren das spätere Ergebnis dieser Prozesse.

20                                                                                                                                                                                                                                                                         21
5 PRAKTISCHE ERFAHRUNGEN

                                                                                                                                                                                              abhängigkeit garantiert, um die Entwicklung der Software für
                                                                                               Tabelle 4
                                                                                                                          5.4      Ausgewählte Best Practices                                 Steuergeräte im Auto zu vereinheitlichen und damit auch zu
     Erfolgsfaktor         Beschreibung                                                                                                                                                       vereinfachen und in der Folge durch Wiederverwendung auch
                                                                                               Erfolgsfaktoren für den    Nachfolgend wird anhand von zwei Fallbeispielen dargestellt,        die Entwicklungskosten und die Entwicklungszeit zu senken.
     Erfolgsfaktoren für den Gesamterfolg des Normungs- oder Standardisierungsvorhabens
                                                                                               Gesamterfolg des Nor-      wie Normung und Standardisierung erfolgreich als Instrument         Vereinfacht sind die Funktionen zur Steuerung eines Autos
     Fachliche                Fachliche Komplementarität und Synergie                          mungs- und Standardisie-   des Wissens- und Technologietransfers genutzt werden kann.          eine Vielzahl von Softwarekomponenten. Allerdings sind die
     Passgenauigkeit der      Hohes Maß an individueller fachlicher Expertise                  rungsvorhabens.            Aus Anonymitätsgründen wurde für das Beispiel der For-              Architektur, die Schnittstellen und das Zusammenspiel dieser
     Teilnehmenden
                                                                                                                          schungseinrichtung ein internes Beispiel der Fraunhofer-            Softwarekomponenten hochkomplex und der gesamte Ent-
                                                                                                                          Gesellschaft gewählt, das aber repräsentativ zeigen kann, wie       wicklungsprozess muss daher methodisch exakt abgestimmt
     Praktische Relevanz      Norm bzw. Standard befriedigt einen praktischen Bedarf bzw.
                                                                                                                          erfolgreiche Normungsarbeit aus Sicht einer Forschungsein-          und durchgeführt werden. Um diesen Herausforderungen zu
     des Projekts           schließt eine Lücke
                                                                                                                          richtung funktionieren kann.                                        begegnen, wurde AUTOSAR 2003 gegründet. 2016 wurde
     Beteiligung eines        Erleichtert das Gewinnen weiterer Unternehmen und Forschungs-
                                                                                                                                                                                              AUTOSAR um eine zusätzliche Architektur für Hochleistungs-
     Großunternehmens       einrichtungen zur Teilnahme am Projekt
                                                                                                                                                                                              steuergeräte erweitert, um neuen Herausforderungen wie
                              Erhöht Wahrscheinlichkeit für die spätere Durchsetzung des
                                                                                                                                                                                              dem autonomen Fahren zu begegnen.
                            Standards
                                                                                                                          5.4.1 Best Practice aus Sicht einer Forschungseinrichtung
     Vorerfahrung in          Erfolgreiche Zusammenarbeit in vergangenen Projekten bildet                                                                                                     Aufgrund einer schon zuvor bestehenden langjährigen
     Normungsarbeit         häufig eine Grundlage für weitere Projekte                                                    »     Wir können schon über mehrere Jahre unsere Forschungs-        Kooperation mit einem der Gründungs-OEMs wurde das
                              In informellen Gesprächen in bestehenden Gremien werden                                     erkenntnisse in die Praxis einbringen und profitieren gleich-       Fraunhofer FOKUS auch bei AUTOSAR involviert. Hintergrund
                            künftige Projekte angebahnt                                                                   zeitig von einem immer größer werdenden Netzwerk.«                  der Beteiligung ist es dabei erstens, eigene Forschungser-
                              Verständnis über typischen Ablauf eines Normungsprojekts wirkt                              (Forschungsinstitut, Informations- und Kommunikations-              kenntnisse einzubringen und so zum Wissenstransfer in die
                            sich positiv auf Effizienz und Effektivität aus                                               technologie)                                                        Praxis beizutragen. Dies betrifft insbesondere die Forschung
     Vorhandensein            »Leuchttürme«, die motivierend auf andere Teilnehmende und                                                                                                      zu Softwarearchitektur und Software Engineering im Auto-
     einer treibenden       insgesamt fördernd auf das Gesamtprojektziel hinwirken                                        Kurzbeschreibung der Normungs- und Standardisie-                    motive-Bereich. Zweitens ist das Fraunhofer FOKUS aufgrund
     Kraft                    Stärkeres Engagement erfolgt meist aus Eigeninteresse für die                               rungsaktivität: AUTOSAR (AUTomotive Open System                     der Unabhängigkeit als Forschungsinstitut bis heute mit der
                            Norm bzw. den Standard (Relevanz, Dringlichkeit)                                              ARchitecture) ist eine Entwicklungspartnerschaft von Automo-        Leitung bzw. Moderation der Gremien betreut.
                                                                                                                          bilherstellern, Zulieferern, Unternehmen aus der Elektronik-,
     Passendes Timing         Abhängig von Treiber bzw. Technologie richtige Wahl des Zeit-
                                                                                                                          Halbleiter- und Softwareindustrie sowie Forschungseinrichtun-
                            punkts der Initiierung der Normungsarbeit
                                                                                                                          gen. Wesentliches Ergebnis ist die Entwicklung und Etablie-         Highlights:
                            Beispiel 1 – Treiber: Frühes Einbringen, wenn strategische
                                                                                                                          rung eines weltweit anerkannten Standards einer offenen
                            Einbeziehung eigener Interessen
                                                                                                                          Softwarearchitektur für elektronische Steuergeräte in der            Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Mode-
                            Beispiel 2 – Technologie: Spätes Einbringen, wenn Technologie
                                                                                                                          Automobilindustrie. Als angewandte Forschungseinrichtung            rierende: Da Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler un-
                            noch keinen ausreichenden Reifegrad hat, um zu standardisierende
                                                                                                                          unterstützt das Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikati-         abhängig von Unternehmensinteressen entscheiden können,
                            Elemente zu identifizieren
                                                                                                                          onssysteme FOKUS die AUTOSAR-Entwicklungspartnerschaft              übernehmen sie im Projekt eine moderierende Rolle.
                                                                                                                          seit mehr als 15 Jahren bei der kontinuierlichen Weiter-
                                                                                                                          entwicklung des Standards der Austauschformate und der               Kompetenznachweis: Durch die langjährige erfolgreiche
                                                                                                                          entsprechenden Methodik.                                            Moderation hat die Forschungseinrichtung eine Reputation in-
                                                                                                                                                                                              nerhalb der Initiative und darüber hinaus erlangt, die sie auch
                                                                                                                          Vorgehen: Das Ziel der Initiative ist, eine standardisierte Soft-   als Vermarktungsinstrument nutzen kann.
                                                                                                                          warearchitektur einzuführen, welche eine klare Hardwareun-

22                                                                                                                                                                                                                                                          23
5 PRAKTISCHE ERFAHRUNGEN

  Offener Standard schafft Inklusion: Standardisierung           einerseits im Vordergrund, wie stark sich das Unternehmen
senkt Markteintrittsbarrieren, indem es technische Anforde-      gegenwärtig in welchen Gremien engagiert: national, euro-
rungen transparent und zugänglich für alle Marktteilnemer        päisch, international, auf welchen Märkten etc. Zudem wird
macht.                                                           besprochen, welche eigenen Vorstellungen zukünftig in wel-
                                                                 chen Normungsgremien vertreten werden sollen und welche                              FACHABTEILUNG                                           Identifiziert Fachexperten für die Normungs-
  Vernetzung von Unternehmen und Forschungseinrich-              Normungsthemen das Unternehmen sowie den gesamten                                                                                          und Standardisierungs-Fachabteilungen
tung: Ausgangspunkt der Zusammenarbeit war eine beste-           Sektor voranbringen. Dazu gehört auch das Monitoring von                                                                     ZENTRALE        Betreibt strategisches Monitoring relevanter
hende strategische Kooperation von OEM und Forschungs-           relevanten Normungstätigkeiten, die Ausarbeitung einer ent-                                                                 NORMUNGS-      Normungsorganisationen und -gremien
                                                                                                                                                      FACHABTEILUNG                          ABTEILUNG
einrichtung. Inzwischen haben sich weltweit fast 300 Unter-      sprechenden Unternehmensposition sowie die Identifikation                                                                                    Schult Normungs- und Standardisierungsmitar-
nehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette ange-            und Schulung der entsprechenden Unternehmensmitarbeite-                                                                                    beiter hinsichtlich Normung und Standardisierung
schlossen und damit das Netzwerk noch weiter vergrößert.         rinnen und -mitarbeiter, die das Unternehmen in der Nor-
                                                                 mung vertreten. Die Mitarbeitenden sollten dabei eine hohe                           FACHABTEILUNG

  Qualitätssicherung und Effizienzsteigerung:                    Expertise auf ihrem Fachgebiet innehaben, andere überzeugen
                                                                 können und auch loyal sein. Denn einerseits soll die Firmenpo-             Sind aktiv in der Normung

»    Durch das gemeinsame und fortlaufende Engagement            sition in die Normen einfließen und andererseits besteht durch           und Standardisierung
in der Standardisierung konnten wir nachhaltig die Entwick-      Normungsaktivitäten auch stets eine gewisse Gefahr, dass Fir-              Tauschen sich aus und
lungskosten und die Entwicklungszeit senken und gleichzeitig     men-Know-how preisgegeben wird oder gar kompetente Mit-                  berichten an die zentrale
die Qualität des Produkts erhöhen.« (Forschungsinstitut,         arbeiterinnen und Mitarbeiter abgeworben werden können.                  Normungsabteilung
                                                                                                                                                                                             BIBLIOTHEKS-
                                                                                                                                                                                                              Bereitstellung von bestehenden
Informations- und Kommunikationstechnologie)                     Es wurde zudem betont, dass durch die Normungsarbeit ein                                                                       SERVICE     Normen und Standards
                                                                 nicht zu unterschätzender Einfluss auf die künftig einzuhalten-
                                                                 den Anforderungen und auch die Umsetzung von politischen
                                                                 Zielen genommen werden kann. Teil der zentralen Normungs-
5.4.2 Best Practice aus Sicht eines Unternehmens                 abteilung ist außerdem eine Art Bibliotheksabteilung, welche
                                                                 das stets aktuelle Regelwerk zur Nutzung bereitstellt.
»    Erfolg ist, wenn die Werte des Unternehmens in die
Norm einfließen.« (Großunternehmen, Schienenverkehr)
                                                                 Highlights:                                                                                                                                                        Abbildung 6
Kurzbeschreibung der Normungs- und Standardisie-                                                                                   seits ist die Normungsarbeit Teil der (Fach-)Karrieren von
rungsaktivität: Das Unternehmen engagiert sich im Bereich          Feste organisationale Verankerung: Eine zentrale Nor-           Mitarbeitenden, d. h., Expertinnen und Experten in den                                           Organisatorische
Mobilität (insbesondere Schienenverkehr) in (inter-)nationalen   mungsabteilung bündelt Verantwortungen, sichtet kontinu-          Fachabteilungen werden als Teil ihres Jobprofils in die                                          Verankerung der
Normungsaktivitäten. Industriell ist dieser Bereich sehr stark   ierlich (inter-)nationale Normungstätigkeiten und entlastet       Gremienarbeit entsendet.                                                                         Normungs- und Standar-
durch Normen, Standards und Regulierungen geprägt. Daher         Fachabteilungen. Ein Bibliotheksservice stellt die relevanten                                                                                                      disierungsaktivitäten im
hat das Großunternehmen diese Aufgabe organisational             Normen für Mitarbeitende bereit. Die Normungsarbeit stellt         Intellectual Property in der Normung als First Mover                                            Unternehmen
verankert.                                                       für das Unternehmen einen direkten politischen Hebel dar,         Advantage:                                                                                       (eigene Darstellung).
                                                                 Einfluss auf industrieprägende Richtlinien zu haben.
Vorgehen: Die zahlreichen Normungs- und Standardisierungs-                                                                         » IP kann auch in die Normung gehen, weil man dann
tätigkeiten werden von einer zentralen Abteilung gesteuert         Personelle Verankerung von Verantwortlichkeiten:                Produkte darauf ausrichten kann […] das muss eng
(siehe Abbildung 6). Zudem gibt es eine Normungsstrategie,       Einerseits gibt es Mitarbeitende, die sich hauptberuflich in      zusammenspielen.« (Großunternehmen, Schienenverkehr)
die regelmäßig überprüft und überarbeitet wird. Dabei steht      der zentralen Abteilung mit Normung beschäftigen. Anderer-

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