Schöne Städte durch große Pläne? - Baukultur und integrierte Stadtentwicklungsplanung
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Raumforsch Raumordn (2010) 68:483–497 DOI 10.1007/s13147-010-0059-x Wissenschaftlicher Beitrag Schöne Städte durch große Pläne? – Baukultur und integrierte Stadtentwicklungsplanung Katharina Hackenberg · Rebekka Oostendorp · Claus-Christian Wiegandt Eingegangen: 16. Februar 2010 / Angenommen: 19. Oktober 2010 / Online publiziert: 26. November 2010 © Springer-Verlag 2010 Zusammenfassung In den letzten Jahren wird das Thema the focus of discussion. At the same time there is a dis- Baukultur auf allen Ebenen der Stadtentwicklungspolitik in course on the changed framework and characteristics of ur- Deutschland zunehmend diskutiert. Dabei stehen insbeson- ban development planning. This article gives an introduc- dere die Defizite in der baulichen Gestaltung der deutschen tion to current integrated urban development plans of the Städte im Vordergrund. Gleichzeitig findet ein Diskurs 20 major cities in Germany and analyses them with regard über veränderte Rahmenbedingungen und Eigenschaften to statements and objectives about urban design. Finally der Stadtentwicklungsplanung statt. In diesem Beitrag wer- the two case studies of Cologne and Munich illustrate the den die aktuellen Stadtentwicklungspläne der 20 größten different treatment of the topic building culture in urban Städte in Deutschland vorgestellt und im Hinblick auf ihre development planning. Aussagen zu stadtgestalterischen Zielen untersucht. An- hand der beiden Fallbeispiele Köln und München wird der Keywords Building culture · Urban design · Urban unterschiedliche Umgang mit dem Thema Baukultur in der policy research · Integrated urban development planning · Stadtentwicklungsplanung verdeutlicht. Overall-concept of urban development · Cologne · Munich Schlüsselwörter Baukultur · Stadtgestaltung · Stadtpolitik · Integrierte Stadtentwicklungsplanung · 1 E inführung: Wie passen Baukultur und Leitbild · Köln · München Stadtentwicklungsplanung zusammen? Seit etwa zehn Jahren stehen zwei Themen auf der stadt- Beautiful Cities by Great Plans?—Building Culture entwicklungspolitischen Tagesordnung, die in wissen- and Integrated Urban Development Planning schaftlichen Beiträgen bisher konzeptionell noch nicht zusammengeführt wurden. Zum ersten erleben Stadtent- Abstract In recent years building culture has become an wicklungspläne seit einigen Jahren in Deutschland eine issue of increasing interest in urban development policy in Renaissance. Unter der deutschen EU-Ratspräsidentschaft Germany. The deficiencies in urban design quality are in in der ersten Jahreshälfte 2007 ist es gelungen, dieses Thema in der Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt (BMVBS 2007a) nicht nur in Deutschland, sondern K. Hackenberg · R. Oostendorp · Prof. Dr. C.-C. Wiegandt () auch in Europa als eine zentrale Angelegenheit der Stadt- Stadt- und Regionalforschung, Geographisches Institut der Universität Bonn, Meckenheimer Allee 166, entwicklungspolitik zu benennen (BMVBS 2009: 16). Zum 53115 Bonn, Deutschland zweiten handelt es sich um das Thema der Baukultur, das als E-Mail: k.hackenberg@geographie.uni-bonn.de neues Politikfeld inzwischen auf allen staatlichen Ebenen R. Oostendorp in Deutschland angekommen ist. Es geht dabei um „gutes E-Mail: r.oostendorp@geographie.uni-bonn.de Planen und Bauen und das Reden darüber“ (BMVBS 2009: Prof. Dr. C.-C. Wiegandt 71). Wir fassen darunter in unserem Beitrag vor allem die E-Mail: wiegandt@geographie.uni-bonn.de Gestaltung der gebauten Umwelt in den Städten. Damit
484 K. Hackenberg et al. klammern wir Aspekte der Nutzung und Aneignung der Vergleich der beiden großen deutschen Städte Köln und gebauten Umwelt, die in der Definition der Bundesregie- München (Abschn. 5). In zwei Fallstudien wollen wir hier rung zur Baukultur einbezogen werden (BMVBW 2001: anhand eigener empirischer Erhebungen die unterschied- 11), bewusst aus. lichen Strategien im Zusammenhang mit übergeordneten In unserem Beitrag wollen wir die beiden Themenbereiche Planungen bei der Stadtgestaltung aufzeigen. Ziel unseres der Stadtentwicklungspläne und der Baukultur aufeinander Beitrages ist es also, für den Bereich der baulichen Gestal- beziehen. Ausgangspunkt für unsere Überlegungen sind tung die Möglichkeiten der integrierten Stadtentwicklungs- eigene Forschungen, die wir im Rahmen eines Projekts der politik für die Stadtgestaltung auszuloten und Perspektiven Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in den letzten aufzuzeigen, wie die gestalterischen Qualitäten beim Planen drei Jahren über die unterschiedliche Gestaltung deutscher und Bauen verbessert werden können. Städte durchgeführt haben. Dabei ist eine zentrale Erkennt- nis, dass unterschiedliche Bau- und Planungskulturen ein wesentliches Erklärungsmoment für eine räumliche Diffe- 2 Stadtentwicklungsplanung im Wandel renzierung der Stadtgestalt sind (vgl. Abschn. 5). In unserem Beitrag wollen wir nun in diesem Zusammenhang nach dem Bevor wir nun auf die Situation der Stadtentwicklungs- Stellenwert der integrierten Stadtentwicklungspläne fragen planung in der jüngeren Zeit eingehen, ist es hilfreich, die und dabei die folgenden Forschungsfragen beantworten: unterschiedlichen Formen der Einflussnahme auf Stadt- gestaltung in einer eher grundsätzlichen Art und Weise zu • Welchen Stellenwert nimmt das Thema Stadtgestaltung charakterisieren. Dazu kann ein Modell dienen, das der in integrierten Stadtentwicklungsplänen ein? Politikwissenschaftler Hubert Heinelt (2006: 237 ff.) in die • Welche räumlichen, inhaltlichen und institutionellen Debatte über die räumliche Planung eingebracht hat. Heinelt Aussagen für die Steuerung der Stadtgestaltung sind in unterscheidet drei „Welten“ des staatlichen Handelns in der den Plänen formuliert und wie unterscheiden sich die Planung. In einer „höheren Welt“, dem „third order gover- Aussagen zwischen den Städten? ning“ (oder „meta governing“, wie er es nennt), geht es um • Welche Konsequenzen für die Praxis der Stadtgestaltung die Entwicklung von Leitbildern in der räumlichen Planung, leiten die Akteure vor Ort (in Köln und München) aus die nicht auf konkrete Einzelfälle ausgerichtet sind. Hier diesen Plänen ab? steht die grundsätzliche Bestimmung von Zielvorstellungen • In welchem Verhältnis stehen die integrierten Stadtent- im Sinne einer Reflexion über Handlungsmöglichkeiten im wicklungspläne zur jeweiligen Planungskultur im The- Vordergrund. Von dieser „Welt“ unterscheidet Heinelt die menfeld der Stadtgestaltung? Ebene des „first order governing“, bei der es um die kon- Nach einer kurzen Einordnung der umfassenden Ansätze krete Planung der Durchführung eines einzelnen Vorhabens der Stadtentwicklungsplanung in die verschiedenen Pha- geht – sei es um ein einzelnes Gebäude oder auch um eine sen räumlicher Planung der letzten Jahrzehnte (Abschn. 2) konkrete Infrastrukturmaßnahme. Zwischen diesen beiden werden wir zunächst in Anlehnung an die Ergebnisse einer „Welten“ identifiziert Heinelt das „second order governing“ jüngst erschienenen Studie des Deutschen Instituts für Urba- als eine räumliche Planungswelt, in der die konkreten Ein- nistik die Verbreitung von integrierten Stadtentwicklungs- zelmaßnahmen in Durchführungsplanungen umgesetzt wer- plänen in deutschen Städten betrachten (Abschn. 3) und die den. Die drei „Welten“ unterscheiden sich in der Art und Pläne hinsichtlich ihres Beitrages für die Stadtgestaltung Weise, wie die beteiligten Akteure miteinander kommuni- untersuchen (Abschn. 4). Im Anschluss geht es uns um den zieren und interagieren. Während bei der Herausarbeitung handlungsleitender Orientierungen Dialog und Diskurs bestimmende Kommunikationsformen sind, ist die Umset- 1 Wir stützen uns dabei auf unser abgeschlossenes Dfg-Projekt „Bau- kultur – regionale Differenzierungen in der stadtgestalt“. ergebnisse zung von Planung eher durch hierarchische Interventionen finden sich zu verschiedenen Aspekten unseres Projekts bei Brzenc- geprägt. Zwischen den einzelnen „Welten“ sollte es aber zek/Wiegandt (2007), Brzenczek/Wiegandt (2009a), Brzenczek/Wie- Beziehungen geben, die durch die verschiedenen Pfeile in gandt (2009b). Des weiteren beziehen wir uns auf einen gemeinsamen Abb. 1 angedeutet werden. Die Ausgestaltung dieser Bezie- Vortrag beim geographentag in Wien, bei dem wir in der leitthemen- sitzung „Krise der Planung?“ den Zusammenhang zwischen stadtent- hungen erscheint uns für eine erfolgreiche Planung ein zen- wicklungsplanung und Baukultur hergestellt haben. Dazu haben wir, traler „Schlüssel“ zu sein. ergänzend zur empirie des Dfg-Projekts, umfangreiche recherchen In Deutschland hat es im Laufe der letzten Jahrzehnte in den 20 größten deutschen städten durchgeführt. schließlich konn- verschiedene historische Phasen im Verständnis von Stadt- ten wir unser ursprüngliches Manuskript durch die konstruktiven Vor- planung gegeben, in denen übergeordnete und zusammenfas- schläge zweier gutachter verbessern, denen wir unbekannterweise an dieser stelle herzlich danken. sende Konzepte einen jeweils unterschiedlichen Stellenwert 2 Vgl. auch die Umfrage zur Planungskultur unter http://www.pla- eingenommen haben. Dabei standen die beschriebenen nung-neu-denken.de (letzter Zugriff am 01.07.2010). drei „Welten“ jeweils in einem unterschiedlichen Verhält-
Schöne Städte durch große Pläne? – Baukultur und integrierte Stadtentwicklungsplanung 485 Planung als al. 2003: 13 ff.). Dabei spielen aktuell bei einer strategischen >>meta governing>second order governingvote>first order governing
486 K. Hackenberg et al. Abb. 2 stadtentwicklungspläne in Deutschland – eine auswahl und gemeinden zutrifft (BMVBs/BBsr 2009: 46). auch gung unterschiedlicher Handlungsfelder aus den Bereichen unsere zeitgleich und unabhängig vom Difu-Projekt durch- Städtebau, Wirtschaft, Soziales, Kultur und Ökologie, die geführten recherchen in den 20 einwohnerstärksten städten häufig durch eigenständige sektorale Konzepte ergänzt wer- von Berlin bis Mannheim belegen dies (vgl. anhang 1 und den (BMVBS/BBSR 2009: 50 ff.). Bei unserer Analyse der abb. 2). Stadtentwicklungspläne der 20 größten Städte lässt sich aufgrund des geringen formalisierungsgrades von stadt- ebenfalls eine Tendenz zu einer großen Vielzahl und Viel- entwicklungskonzepten und deren selbstverständnis als falt an Themenfeldern in den einzelnen Plänen feststellen, lokal spezifische Prozesse (Berding 2006: 172 f.) bestehen die in unterschiedlicher Aussagetiefe zu einer umfassen- zwischen den Plänen der 20 größten deutschen städte zum den Behandlung aller stadtrelevanten Aspekte führen (z. B. Teil erhebliche Unterschiede sowohl in den Begrifflichkeiten München, Leipzig, Wuppertal). Es gibt jedoch auch einige als auch bei den inhalten, den räumlichen geltungsbereichen Pläne, die wenige, stadtspezifische und aus ihrer Sicht und dem ablauf der Planungsprozesse. frey/Keller/Klotz et zukunftsorientierte Themen in den Mittelpunkt der Betrach- al. (2003: 14) sprechen in diesem Zusammenhang von der tung stellen (z. B. Frankfurt am Main, Düsseldorf). „entstandardisierung“ der Planungspraxis und betonen die Je nach Art des Konzepts unterscheiden sich die Pläne individualität der neuen stadtentwicklungspläne. Und doch auch in ihrem räumlichen Geltungsbereich. Während sich haben alle Pläne den gleichen grundgedanken, im sinne des einige Städte in ihren Planungen auf Teilräume konzentrie- third order governing leitbilder für die zukünftige stadtent- ren, stellen andere Leitlinien für die Gesamtstadt auf. Bei wicklung zu entwerfen. den Teilräumen handelt es sich häufig um die Innenstadt, Die bereits erwähnte studie des Difu hat die Vielfalt inte- teilweise erweitert durch einzelne Schwerpunkträume mit grierter Konzepte in Deutschland aufbereitet und kommt zu besonderen Entwicklungspotenzialen. Bei gesamtstädti- dem ergebnis, dass gesamtstädtische stadtentwicklungskon- schen Ansätzen ergeben sich in der Umsetzung durch die zepte und leitlinien bzw. leitbilder zur stadtentwicklung Verteilung von Projekten ebenfalls teilweise räumliche am häufigsten in deutschen Städten vorhanden sind. Außer- Schwerpunkte. Die für die Gesamtstadt formulierten Ziele dem wurden in vielen städten die eher auf teilräume aus- stehen jedoch in diesen Fällen weiterhin im Vordergrund. gerichteten integrierten entwicklungskonzepte der sozialen Dabei sind die meisten Städte bemüht, die Sichtweise ver- stadt und des stadtumbaus sowie (integrierte) stadtteilent- schiedener lokaler Akteure und lokalspezifische Stärken und wicklungspläne eingesetzt (BMVBs/BBsr 2009: 46 f.). Schwächen zu berücksichtigen (vgl. auch Frey/Keller/Klotz Die betrachteten Pläne der 20 größten städte spiegeln eben- falls die große Bandbreite integrierter Konzepte wider. Bei Räumlicher Geltungsbereich der Stadtentwicklungspläne a) im unserer analyse wurden jedoch nur leitlinien bzw. leitbil- Wesentlichen für die Innenstadt: Köln, Frankfurt am Main, Hannover, der zur stadtentwicklung, stadtentwicklungskonzepte und Nürnberg, Mannheim; b) für die Innenstadt und weitere Schwerpunkt- räume mit besonderen Entwicklungspotenzialen: Berlin, Dortmund, stadtentwicklungspläne (steP) berücksichtigt. Dresden, Bonn; c) für die Gesamtstadt: Hamburg, München, Stuttgart, ein wichtiges Merkmal integrierter stadtentwicklungs- Essen, Düsseldorf, Bremen, Leipzig, Duisburg, Bochum, Wuppertal, konzepte ist ihre thematische Breite und die Berücksichti- Bielefeld.
Schöne Städte durch große Pläne? – Baukultur und integrierte Stadtentwicklungsplanung 487 et al. 2003: 14 f.). Daraus folgt, dass in den meisten Fällen 2002: 23). Damit sind Architekten und Ingenieure, Stadt- die gemeinsame Entwicklung dieser Zielvorstellungen eine planer und Landschaftsarchitekten als Adressaten angespro- zentrale Rolle spielt. So tragen ein gemeinsamer Erarbei- chen, die in ihren jeweiligen Professionen Verantwortung tungsprozess und der damit verbundene Dialog mit externen für die Gestaltung der gebauten Umwelt übernehmen, damit Experten und Bürgern in hohem Maße und mehr noch als sind aber auch die privaten und öffentlichen Bauherren und das letztendlich vorliegende Konzept zur Steuerungswir- Investoren, die Stadtbauräte und Kommunalpolitiker ange- kung und damit zum Erfolg von Stadtentwicklungsplänen sprochen, die in ihren unterschiedlichen Rollen und Funk- bei (Frey/Keller/Klotz et al. 2003: 17; Berding 2006: 172; tionen Entscheidungen über die Gestaltung der gebauten Beste 2009: 32). Trotzdem verzichten einige Städte bei der Umwelt treffen. Erstellung ihrer integrierten Konzepte auf eine Beteiligung Über die Probleme der Gestaltung der gebauten Umwelt der Bürger (vgl. auch BMVBS/BBSR 2009: 59 ff.). Bei hat in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland ein anderen Städten zeigt sich eine große Bandbreite bezüglich breiter Diskurs eingesetzt (vgl. Becker 2006; Durth/Sigel der Intensität und des Zeitpunkts der öffentlichen Beteili- 2009: 23). Auf den Ebenen des Bundes, der Länder sowie gung. Der Beteiligungsprozess beim Masterplan Köln doku- der Städte und Gemeinden findet dieser Diskurs unter dem mentiert, dass eine intensive und transparente Beteiligung Stichwort der Baukultur statt (BBR 2002; BMVBS 2007b; von Akteuren aus Verwaltung, Politik und Bürgerschaft ein BMVBS 2007c). Damit ist eine neue Form der Architek- wesentlicher Faktor für eine hohe Qualität und Akzeptanz tur- und Städtebaupolitik angestoßen worden, die u. a. einer des Ergebnisses ist (Beste 2009: 30 f.). Identitätsstiftung sowie der Imageverbesserung und Wirt- Weiterhin ist die Beschlusslage zu solchen übergreifen- schaftsförderung dienen soll. Es wird gefordert, die Qualität den und eher informellen Konzepten nicht einheitlich. So der gebauten Umwelt im Alltag des Planens und Bauens vor gibt es teils am Anfang des Prozesses politische Beschlüsse Ort in den Städten und Gemeinden zu verbessern. über die Aufstellung eines Konzepts. Teils werden aber auch Auf nationaler Ebene hat die Bundesregierung im Herbst erst nach Abschluss der Planungen formale Vereinbarungen 2000 eine eigene Initiative zur Architektur und Baukultur über die inhaltlichen Ziele oder deren Umsetzung getrof- ins Leben gerufen.10 Es handelt sich um einen Zusammen- fen. Dabei ist zu vermuten, dass die Pläne durch politische schluss aller am Bau beteiligten Institutionen unter der Beschlüsse im Sinne des second order governing in gewis- Federführung des Bundesministeriums für Verkehr, Bau ser Weise legitimiert und damit in ihrer Umsetzung gestärkt und Stadtentwicklung. Ziel der Initiative ist es, das Thema werden. des Bauens und Planens stärker zu popularisieren. Es geht darum, das allgemeine Bewusstsein für Baukultur zu schär- fen. Langfristig soll die Qualität der gebauten Umwelt ver- 4 D as Thema der Baukultur in den neuen bessert werden. Gleichzeitig sollen die Möglichkeiten des Stadtentwicklungsplänen Exports von Bau- und Planungsdienstleistungen gestärkt werden. 4.1 Gestalterische Defizite in der gebauten Umwelt und Um diese Ziele zu erreichen, hat es in den letzten Jah- Reaktionen der Architektur- und Städtebaupolitik ren zahlreiche Veranstaltungen und Kongresse gegeben, bei denen über das Thema der Baukultur debattiert und gestritten Bei der Gestaltung der gebauten Umwelt werden in wurde. Dabei kam es auch zu einer Präzisierung des schil- Deutschland in den letzten Jahren häufig Defizite beklagt. lernden Begriffes der Baukultur. So werden unter Baukultur Der Philosoph Wolfgang Welsch brachte es im Dezember neben der Ästhetik bzw. der Schönheit der gebauten Umwelt 2002 im Rahmen des „Ersten Nationalen Kongresses zur ebenso die Aspekte der Funktionalität bzw. des Gebrauchs- Baukultur“ in folgender Weise auf den Punkt: „Wir befinden wertes, der Nachhaltigkeit im ökonomischen, ökologischen uns, was unsere gebaute Umwelt angeht, in einer Phase der und sozialen Sinne sowie der Nachhaltigkeit im Verfahren, Ernüchterung – ja vielleicht sogar tiefer Enttäuschung und also des Zustandekommens von Entscheidungen zur gebau- Ratlosigkeit. Die hehren Modelle der älteren und neueren ten Umwelt, verstanden. Diese vier Dimensionen der Bau- Moden haben sich, gelinde ausgedrückt, nicht als zielfüh- kultur werden auf die gesamte gebaute Umwelt bezogen, rend erwiesen. Die Resultate sind nicht wie erhofft“ (Welsch also nicht nur auf herausgehobene Einzelbauwerke, sondern auch auf Alltagsarchitektur, Ingenieurleistungen, Freiraum- Keine öffentliche Beteiligung im Planungsprozess erfolgt z. B. in planungen oder andere planerische Zugänge. München, Frankfurt am Main, Düsseldorf, Dresden, Bochum und Im Laufe der letzten Jahre wurden verschiedene Berichte Wuppertal. zur Lage der Baukultur verfasst, die teilweise auch im Zeitpunkt politischer Beschlüsse über Stadtentwicklungskonzepte (Auswahl): zu Anfang des Prozesses: München, Stuttgart, Dortmund, Duisburg, Bonn, Mannheim; nach Abschluss der Planungen: Ham- 10 http://www.architektur-baukultur.de (letzter Zugriff am burg, Köln, Essen, Bremen, Leipzig. 01.07.2010).
488 K. Hackenberg et al. Abb. 3 Stellenwert der Baukul- Ausrichtung der Konzepte tur in den Stadtentwicklungs- plänen der 20 größten deutschen teilräumlich/sektoral gesamtstädtisch Städte 1 2 3 4 B M K F DO M K L BO W explizit Leitbild-/ Zielebene Thema Baukultur H BN MA N HH S E D HB implizit Unterziel oder erläuternder Text DD DU BI 1 Innenstadtkonzept München 3 Perspektive München 2 Masterplan Innenstadt Köln 4 Leitbild 2020 Köln Deutschen Bundestag diskutiert wurden. Nach einigen merksam macht und eine Diskussion mit der Bürgerschaft Querelen im Gesetzgebungsverfahren hat inzwischen eine anstoßen will. bundesweite Stiftung Baukultur im Jahr 2008 ihre Arbeit aufgenommen (Durth/Sigel 2009: 732). Sie will nach ihrem 4.2 Stellenwert der Baukultur in den Plänen der 20 eigenen Anspruch als „unabhängige Instanz in der Bevölke- größten Städte Deutschlands rung für ein Bewusstsein und den Dialog über die Qualität unserer gebauten Umwelt“ werben. Daneben wird auf Bun- Um den Stellenwert von Baukultur in der neuen integrierten desebene weiterhin die Initiative „Architektur und Baukul- Stadtentwicklungspolitik zu klären, haben wir für die 20 tur“ als Politikansatz geführt (BMVBS 2009: 71). größten deutschen Städte untersucht, wie das Thema Bau- In einigen Bundesländern ist die Idee der bundesweiten kultur in den neu entstandenen Konzepten präsent ist. Da Initiative inzwischen ebenfalls aufgegriffen bzw. zeitgleich mit Mitteln des formalen Planungsrechts kaum Einfluss entwickelt worden (vgl. Anhang 2). So sind beispielsweise auf die Qualität der Stadtgestalt genommen werden kann in Hessen und Nordrhein-Westfalen, in Rheinland-Pfalz und (Ganser 2006: 542), baukulturelle Belange also nicht in den Bremen, in Sachsen und Sachsen-Anhalt sowie in Mecklen- „Welten“ des first order governing und des second order burg-Vorpommern und Thüringen entsprechende Landesin- governing institutionell verankert sind, verwundert es nicht, itiativen entstanden, die Überlegungen zur Baukultur in die dass das Thema in den eher informellen Verfahren der Stadt- jeweilige Landespolitik einbringen. entwicklungsplanung auftaucht. Die Ebene des third order Doch nicht nur auf der Ebene des Bundes und der Län- governing bietet damit auch neuen und eher „weichen“ der wurden inzwischen entsprechende Aktivitäten entfaltet. Themen die Möglichkeit, Einzug in die Planungswelten Auch in den Städten und Gemeinden gibt es heute vielfäl- zu halten. Die Verbesserung der stadtgestalterischen Qua- tige und vielversprechende Ansätze, um die Qualität der lität wird in allen untersuchten Städten als ein Ziel benannt gebauten Umwelt zu erhöhen. Dabei geht es sowohl um die (vgl. Abb. 3). Stadtgestaltung wird auf diese Weise als eine bessere Gestaltung des öffentlichen Raumes als auch um die „neuartige Problemstellung“ in den neuen Stadtentwick- bessere Gestaltung von Hochbauten. Hier ist auf das große lungsplänen berücksichtigt (vgl. auch Frey/Keller/Klotz et bürgerschaftliche Engagement in diesem Feld zu verwei- al. 2003: 15). sen. Stellvertretend für andere große deutsche Städte seien Allerdings unterscheidet sich der Stellenwert dieses ohne Anspruch auf Vollständigkeit für die Stadt Köln einige Themas im Verhältnis zu anderen Zielen der Stadtentwick- dieser Initiativen genannt (vgl. Anhang 3). So gibt es einen lungspläne zwischen den einzelnen Städten deutlich. Ent- eigenen Internet-Auftritt der Kölner Architekturszene, der sprechend der in den meisten Plänen identifizierten Struktur in vorbildlicher Weise Aktuelles zur Baukultur in Köln auf- mit Hauptzielen und untergeordneten Zielen wird dabei bereitet. Darüber hinaus gibt es regelmäßig stattfindende zwischen zwei Ebenen unterschieden. Während in einigen Diskussionsveranstaltungen, die durch den Bund Deutscher Plänen stadtgestalterische Aspekte – neben anderen The- Architekten (BDA), das Haus der Architektur oder das KAP- men – auf der Ebene von Zielen und Leitlinien einen hohen Forum (Kommunikationsplattform für Architektur, Techno- Stellenwert erhalten, wird das Thema Baukultur in anderen logie, Design) organisiert werden. Schließlich gibt es seit Fällen nur in allgemeinen Formulierungen innerhalb der inzwischen elf Jahren eine jährlich stattfindende Architek- Unterkapitel behandelt. Diese Unterschiede gehen teilweise turwoche, die auf die Anliegen des Planens und Bauens auf- auf die inhaltliche und räumliche Ausrichtung des Gesamt- 13
Schöne Städte durch große Pläne? – Baukultur und integrierte Stadtentwicklungsplanung 489 konzeptes zurück. So nehmen teilräumliche bzw. sektorale Im Stadtentwicklungskonzept Stuttgart wird innerhalb des Pläne das Thema Baukultur meist explizit als eigenständi- Leitzieles „Urbane Qualitäten stärken“ formuliert, dass „der ges Leitbild oder Ziel auf. Gesamtstädtische Pläne mit ihrer charakteristische Grundriss der Stadt und ihre Silhouette“ Vielzahl an Handlungsfeldern erwähnen stadtgestalterische im Sinne einer „Weiterentwicklung der großen Architektur-, Aspekte dagegen eher in Verknüpfung mit anderen Themen- Städtebau- und Ingenieurtradition“ als ein identitätsstif- bereichen. Jedoch gibt es auch gesamtstädtische Pläne, die tendes Merkmal erhalten werden sollen (Landeshauptstadt dem Thema Baukultur einen hohen Stellenwert geben (Mün- Stuttgart 2006: 13 f.). Weitere Beispiele für eine Einbet- chen, Köln, Leipzig, Bochum, Wuppertal) (vgl. Abb. 3). tung stadtgestalterischer Aussagen in andere Themen sind In insgesamt elf der 20 größten Städte wird Baukultur die Pläne der Städte Essen, Düsseldorf, Bremen, Dresden, explizit in den Überschriften der einzelnen Planungsthe- Nürnberg, Duisburg und Bielefeld. Dabei werden in man- men genannt. Auch hier gibt es jedoch Unterschiede in der chen Plänen bereits konkrete Vorstellungen zu stadtgestal- inhaltlichen Ausgestaltung und Aussagetiefe. So beschäf- terischen Inhalten und deren Umsetzung benannt. So wird tigen sich in Berlin gleich drei von neun Zielen des Plan- im Stadtentwicklungsprozess Essen ein Handlungsziel im werks Innenstadt mit stadtgestalterischen Aspekten.11 Die Kapitel „Perspektive Wirtschaftsflächen“ folgendermaßen Perspektive München betont in ihrer Leitlinie „Münchner formuliert: „Bei der Erstellung von Bebauungsplänen und Stadtgestalt bewahren – Neue Architektur fördern“ vor der Umsetzung von Gewerbeansiedlungen ist die Einhal- allem die Verknüpfung von alter und neuer Bausubstanz tung gestalterischer Grundlagen zu fordern“ (Stadt Essen (Landeshauptstadt München 2005: 56 f.). In Dortmund und 2007: 42 f.). In diesem Zusammenhang sollen Gestaltungs- Leipzig wird dagegen „nur“ die traditionelle Denkmalpflege richtlinien für Gewerbegebiete erarbeitet werden. Dieses und nicht eine neue qualitätsvolle Architektur oder Gestal- Beispiel verdeutlicht darüber hinaus, inwieweit die eher tung als eigenständiges Ziel aufgenommen. Das Verhältnis informellen Ziele und Überlegungen auf der Ebene des third zur Gesamtzahl der behandelten Themen gibt ebenfalls order governing auch zu einer praktischen Umsetzung in einen Hinweis auf die Bedeutung der Stadtgestalt in den der Durchführungsplanung des first order governing führen Plänen. Während in Hannover beispielsweise zwei der vier können, und stellt damit mögliche Verknüpfungen zwischen Ziele des Leitbildes dem Thema Baukultur zugeordnet wer- den einzelnen „Planungswelten“ dar (vgl. Abschn. 2). den können („Funktion und Gestaltung öffentlicher Räume“ Trotz der dargestellten Unterschiede in der Gewichtung und „Qualitätsstrategien für Städtebau und Architektur“), und inhaltlichen Ausgestaltung des Themas Stadtgestalt in steht „Städtebau, Stadtplanung und Baukultur“ in Bochum den Stadtentwicklungsplänen wird deutlich, dass ein qua- neben elf weiteren Themen. In Frankfurt am Main wird das litativ ansprechendes Stadtbild auf der Ebene der Leitbild- Thema Baukultur mit dem Hochhausentwicklungsplan als entwicklung zumindest in den großen deutschen Städten „stadtgestalterisches Leitbild für Hochhausbebauung“ sogar angekommen ist. Wichtig wäre nun eine Übertragung dieser als einziges und ausdrückliches Ziel des Plans herausge- Ziele und Ideen auf die beiden anderen „Planungswelten“. stellt. Dies ist jedoch das einzige Beispiel dafür, dass sich ein gesamter Plan dem Thema Stadtgestalt widmet. In neun Städten wird das Thema Baukultur nicht als 5 B aukultur in den Stadtentwicklungskonzepten explizites Leitbild oder Ziel formuliert. Das bedeutet jedoch von Köln und München nicht, dass das Thema in den Plänen nicht vorkommt. In diesen neun Plänen werden baukulturelle Aspekte als Unter- Wir konnten bisher zeigen, dass eine Renaissance der über- punkte in verschiedenen Themenfeldern oder Zielformulie- greifenden Planung erkennbar ist. Es wurde dabei deutlich, rungen behandelt. So wird z. B. im räumlichen Leitbild der dass das Thema „Baukultur“ in allen größeren Städten Ein- Stadt Hamburg in der Zielbotschaft „Stadt erleben Hamburg“ gang in die Leitbildentwicklung gefunden hat. Allerdings unter anderem eine Aufwertung öffentlicher Räume und eine unterscheiden sich die Stadtbilder bzw. die Qualität der Inszenierung der Stadt angestrebt. In diesem Zusammen- gebauten Umwelt zwischen den deutschen Städten deutlich. hang wird die Umgestaltung der Innenstadtplätze und ein Damit gibt es Unterschiede im lokalen Kontext, die die Aus- Lichtkonzept für die Innenstadt thematisiert sowie „bei der gangs- und Zielpunkte für die Leitbildprozesse darstellen künftigen Entwicklung […] zur Wahrung Hamburgischer und die die Entwicklung von Umsetzungsstrategien beein- Identitäten eine Orientierung an den typischen Höhenver- flussen. Die Unterschiede der gebauten Umwelt zwischen hältnissen“ gemäß der Entwicklungsstrategie „Stadtgestalt deutschen Städten lassen sich nicht monokausal erklären. Hamburg“ gefordert (Stadt Hamburg 2007: 162, 166, 173). Vielmehr ist eine Vielzahl von Faktoren für diese Diffe- renzierungen verantwortlich. Verschiedene Ansatzpunkte zur Erklärung – wie das historische Erbe, die Entwicklung 11 Planungsziele des Planwerks Innenstadt: http://www.stadtentwick- lung.berlin.de/planen/planwerke/de/planwerk_innenstadt/anlass_ziel/ von regionalen Baustilen oder eine unterschiedliche Wirt- planungsziele.shtml schaftskraft – sind offensichtlich. Gleichzeitig gibt es aber
490 K. Hackenberg et al. auch Unterschiede im Umgang mit der gebauten Umwelt 5.1 Fallstudie Köln zwischen einzelnen städten, die daher rühren, dass fragen der stadtgestalt politische Prozesse in der stadtgesellschaft In Köln mangelt es seit der Nachkriegszeit an einer klaren vor Ort durchlaufen. sie werden nicht nur direkt zwischen Linie in der Stadtgestalt, wozu die „zweite Zerstörung der Bauherren und kommunaler Verwaltung bzw. Politik ausge- Stadt“ in Form des autogerechten Wiederaufbaus mit der handelt, sondern auch in Zeitungen, foren und informations- Überformung alter Strukturen ihren Beitrag geleistet hat. plattformen diskutiert. Die örtlichen auseinandersetzungen Der Stadt wird heute von den Unternehmern der Region darüber und die institutionalisierung durch instrumente, Köln ein eher zerrissenes Stadtbild bescheinigt: „Betrachtet gremien und Prozesse im rahmen der Baugenehmigungs- man die Kölner Innenstadt, so bietet sie ein recht zerklüf- und Bauleitplanverfahren werden von stadt zu stadt unter- tetes Bild“ (Bauwens-Adenauer/Soénius 2009: 11). Diese schiedlich geregelt. Die gebaute Umwelt ist demnach als bauliche Heterogenität wird von zahlreichen Experten, die das resultat zahlreicher handlungen zu verstehen, die im wir interviewt haben, als Manko beschrieben. Exemplarisch rahmen eines institutionellen Kontextes und eines gesell- für diesen Befund kann auch der eindrucksvolle Fotoband schaftspolitischen Umfeldes vor Ort stattfinden. von Reinhard Matz (2005) dienen. Das enge Nebeneinan- Wir haben dies im rahmen eines Dfg-Projektes unter- der unterschiedlicher Stilrichtungen kann nach Einschät- sucht (vgl. Brzenczek/Wiegandt 2007, Brzenczek/Wiegandt zung des Baudezernenten Bernd Streitberger auch positiv 2009a, Brzenczek/Wiegandt 2009b) und dabei in annähe- gewendet werden, wenn betont wird, dass der Vitalität und rung an die Beantwortung der frage nach unterschiedlichen hohen Individualität Kölns mittels eines heterogenen Stadt- Planungskulturen und deren Einfluss auf das Erscheinungs- bildes besonderer Ausdruck verliehen wird. In dieser Lesart bild der städte insgesamt vier fallstudienstädte für eine wird Köln als eine Stadt der Vielseitigkeit und Abwechslung explorative analyse gewählt: neben den hier betrachteten interpretiert, die sich durch eine gewisse Kleinteiligkeit aus- städten Köln und München haben wir auch die städte Bonn zeichnet und dabei ebenso Solitäre wie das Weltstadtkauf- und Braunschweig untersucht. Die Kriterien für die auswahl haus von Renzo Piano über der Nord-Süd-Fahrt (Abb. 4) der städte waren ihre größe, ihre lage in Westdeutschland oder jüngst die Kranhäuser von Hadi Teherani im Rheinau- und ihre wirtschaftliche Prosperität. Obwohl bei einigen hafen (Abb. 5) ermöglicht. Merkmalen ähnlich, decken unsere vier fallstudienstädte Dass ein solches heterogenes Stadtbild in einer Zeit der doch eine große Bandbreite an ausgangsbedingungen ab, weichen Standortfaktoren aber auch negative Wirkungen die sich im sinne der Pfadabhängigkeit jeweils in die orts- entfalten kann, ist den verantwortlichen Planern in der Stadt spezifischen Routinen und Planungskulturen im Zusam- wohl bewusst. Im Dezember 2001 hat der Rat der Stadt Köln menhang mit der stadtgestaltung vor Ort einprägen. hierzu beschlossen, im Sinne des third order governing ein umfas- gehören beispielsweise ihre unterschiedlichen entstehungs- sendes Leitbild für Köln zu entwickeln (Stadt Köln 2009: 8), geschichten und baukulturellen Vorprägungen, die leitvor- welches ein Handlungsfeld „Die attraktive Stadtgestaltung“ stellung im Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, die enthält (Stadt Köln 2009: 108). In der Einleitung zu dem politischen Mehrheitsverhältnisse und auch der einsatz von Handlungsfeld heißt es: „Köln wird als weltoffen, gastlich spezifischen Instrumenten der Gestaltung. In den einzel- und lebenslustig – als kosmopolitisch – wahrgenommen. Die nen fallstudienstädten haben wir jeweils die gesamtstäd- Gestaltung der Stadt in ihrer baulichen Präsenz, ihren Grün- tische strategie der stadtgestaltung (leitbilder, integrierte stadtentwicklungspläne, Masterpläne o. Ä.) sowiezwei verschiedene Projekte der stadtgestaltung in form von „ansiedlungs- und gestaltungsgeschichten“ untersucht. auf diese Weise konnte analysiert werden, ob und wie konkrete einzelprojekte in übergeordnete Planungen und strukturen eingebettet werden, also Beziehungen zwischen den drei „Welten“ des staatlichen handelns in der Planung herge- stellt werden (vgl. abschn. 3). an dieser stelle möchten wir unsere Befunde aus der qualitativen Analyse (Dokumenten- analyse, experteninterviews) für die rheinische Millionen- stadt Köln und die bayerische landeshauptstadt München in eine Beziehung zu den bisher vorgestellten leitbildpro- zessen setzen. Abb. 4 Köln Weltstadtkaufhaus
Schöne Städte durch große Pläne? – Baukultur und integrierte Stadtentwicklungsplanung 491 erstellt werden, welches im Sinne eines Regiebuchs expli- zit als Orientierung für zukünftige Bauvorhaben und ihrer Gestaltung dienen kann (vgl. Streitberger 2009: 168). Dabei ist es nicht die Stadtverwaltung und damit die öffentliche Hand selber, die diesen Masterplan entwickelt, sondern die Initiative ging von der örtlichen Wirtschaft aus, die den Stel- lenwert eines ansprechenden Stadtbildes im Wettbewerb der Kommunen erkannt hat und um die Defizite der Stadt weiß. Der Verein „Unternehmer für die Region Köln e. V.“ enga- gierte mit dem Architekturbüro Albert Speer & Partner einen „externen Sachverstand“ (Bauwens-Adenauer/Soénius 2009: 11), der zur Beruhigung des aufgeregten Bildes bei- spielsweise Höhenfestsetzungen vorschlägt oder nach einer Kölner Lösung für die Gestaltung des öffentlichen Raumes Abb. 5 Köln Rheinauhafen sucht. In Zukunft soll dieses Regelwerk bei Planungsent- scheidungen auf der Ebene des first order governings (vgl. flachen und Plätzen sowie dem gesamten Erscheinungsbild Abschn. 2), also der Ebene der Leitbildentwicklung, dazu der Innenstadt und den Stadtteilen entspricht diesen posi- beitragen, dass das heterogene Stadtbild eine einheitlichere tiven Attributen nicht in allen Fällen“ (Stadt Köln 2009: Kontur erfährt. 108). Daraus wird gefolgert, dass es einer integrierten und gesamtplanerischen Strategie bedarf, die neben der Betrach- 5.2 Fallstudie München tung von Einzelbauwerken wieder stärker das Gesamtbild der Stadt in den Blick nimmt. Mit der Verabschiedung des Wie stellt sich die Situation nun in München dar? In der Leitbildes durch den Rat im Jahre 2003 wurde gleichzeitig Innenstadt Münchens ist es in Fortsetzung des bewahrenden die Verpflichtung an die Stadtverwaltung ausgesprochen, Weges aus der Zeit des Wiederaufbaus auch in den letzten die im Leitbild vereinbarten Zielvorstellungen aktiv zu ver- Jahren gelungen, die meisten Bauvorhaben, wie beispiels- folgen, die im Zuge des Erarbeitungsprozesses entstandene weise die „Fünf Höfe“, behutsam in die historische Bau- Dialogkultur aufrechtzuerhalten (Stadt Köln 2009: 9) und substanz einzufügen (vgl. Abb. 6). Hier zeigt sich zumindest zusätzlich auf der Ebene des second order governing Struk- die Innenstadt als ein weitgehend harmonisches und aufein- turen aufzubauen, welche die Zielerreichung des Leitbildes ander abgestimmtes bauliches Ensemble. Die Mitarbeiter durch ein fortlaufendes Controlling nachprüfbar machen. der Münchner Planungsverwaltung vergleichen dieses Vor- Dies wurde auch deswegen als sinnvoll erachtet, da das gehen der städtischen Planung mit einem Schuhanzieher; Thema der gebauten Umwelt in Köln bis 2003 in verschie- dies leistet seit vielen Jahren einen wichtigen Beitrag dazu, denen organisatorischen Einheiten angesiedelt war, die in dass die Vorhaben in München – physisch wie mental – in ihrem Zuschnitt mehrfach verändert wurden. So waren die eine fest gefügte Struktur eingepasst werden. Aufgaben der Stadtentwicklung und Stadtplanung über eine längere Zeit dem Wirtschaftsdezernat unterstellt. Daneben gab es jeweils getrennt ein Hochbau- bzw. Tiefbaudezernat. Die einzelnen Dezernate wurden von verschiedenen Dezer- nenten geleitet. Erst mit der Besetzung der Leitungsstelle durch Bernd Streitberger sind Ende 2003 alle Bau- und Planungsaufgaben in einem Dezernat für Stadtentwicklung und Planung zusammengefasst worden. Hier lassen sich seitdem einige Veränderungen im Umgang mit der gebauten Umwelt ausmachen. Dazu zählt auch, dass als eine Konse- quenz des Leitbildprozesses eine Stadtraummanagerin ein- gestellt wurde, die die Belange des öffentlichen Raumes auf Seiten der Stadtverwaltung koordiniert. Außerdem wurde die Beteiligung der Leitbildgruppe „Die attraktive Stadt- gestaltung“ an der Entwicklung eines „Masterplanes Köln Innenstadt“ institutionalisiert. Zusätzlich zum Leitbild 2020 sollte mit dem „Masterplan Köln“ ein planerisches Regelwerk für die Kölner Innenstadt Abb. 6 München „Fünf Höfe“
492 K. Hackenberg et al. Es gelingt der Stadt seit Langem, die Bauherren davon zu überzeugen, dass sie ihre Vorhaben in der Innenstadt in das bauliche Gefüge einpassen. Dazu das folgende Zitat von Herrn Sandmeier, dem Koordinator für den öffentlichen Raum in der Bauverwaltung: „Das ist wichtig für die Stadt […] in diesem Konzert mitzuspielen. Also nicht ein Solist zu sein, die erste Geige nur zu spielen, sondern sich schon in einem Gesamtorchester im Wohlklang zu befinden“. Ein zentrales Beurteilungskriterium für ein solches Einfügen ist die Maßstäblichkeit des neuen Vorhabens, wodurch den stadträumlichen Bindungen und Beziehungen in München ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. Schließlich spielen aber auch Materialien und Farben der einzelnen Bauvorha- ben für die Fortentwicklung des Stadtbildes eine wichtige Rolle. Dabei hat sich dieses so geschätzte Bild in den letz- ten Jahren auch als ein Problem erwiesen, zeitgenössische Abb. 7 München Uptown Architektur in die vorhandenen Strukturen einzuführen. Insbesondere die über München hinaus bekannt gewordene behandelt. Außerdem werden hier die Baugenehmigungen in Debatte über den Bau von Hochhäusern spiegeln dieses der sogenannten Lokalbaukommission erteilt. Damit erhält Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne im Münch- dieses Referat eine Schlüsselstellung für Stadtgestaltungs- ner Stadtbild wider (vgl. Abb. 7). prozesse. Das Münchner Baureferat ist hingegen vor allem Dies zeigt das folgende Zitat von Herrn Reiß-Schmidt, für städtische Hoch- bzw. Tiefbauprojekte zuständig. In die- dem Leiter der Hauptabteilung Stadtentwicklungsplanung: sem Referat geht es auch um die Gestaltung des öffentlichen „… das ist die große Kunst […], mit diesen ganzen Bin- Raumes. Die Rollenteilung zwischen Planungs- und Baure- dungen und mit dieser übergroßen Liebe zu dem, was (in ferat hat sich in den vergangenen 30 Jahren eingespielt. München) ist und wie es ist, trotzdem Veränderungen auf Durch diese Vorgehensweise gelingt es, die Instrumente einem relativ hohen Qualitätsniveau auch oft gegen eine der drei verschiedenen „Welten“ aufeinander abzustimmen, zunächst mal abwartende oder sogar widerständige Hal- die dann von den kommunalen Akteuren aus Verwaltung tung dann doch durch einen intensiven Diskussionsprozess und Politik auch gemeinsam getragen werden (vgl. Brzen- mehrheitsfähig zu machen …“. Um dies zu leisten, gibt es czek/Wiegandt 2007: 10). Das Beispiel München zeigt, ausgeklügelte Verfahren, um Einzelvorhaben in München dass die erwähnten unterschiedlichen „Welten“ der Planung zu qualifizieren. Die Münchner Planungsverwaltung bindet auch kontinuierlich zueinander in Beziehung gesetzt wer- die Planungssprecher der kommunalen Politik, die Archi- den müssen, um die öffentliche Politik der Stadtgestaltung tektenschaft und die allgemeine Öffentlichkeit in diese Pro- erfolgreich und beständig zu gestalten. zesse der Entscheidungsfindung seit Jahren intensiv ein. Jenseits der Vorgaben im Baugesetzbuch fasst der Stadtrat 5.3 Unterschiede und Gemeinsamkeiten vor bedeutenden Bauvorhaben zudem einen Eckdaten- und Grundsatzbeschluss für das spezifische Vorhaben, in dem Im Vergleich der beiden Städte zeigt sich, dass es Aussa- die Entwicklungsvorstellungen der Stadt formuliert sind. gen zur Baukultur in den jüngeren Stadtentwicklungsplänen Zusätzlich werden die im Diskurs entwickelten und seit gibt, die jeweils ganz unterschiedliche Bezeichnungen tra- Ende der 1990er Jahre vom Stadtrat beschlossenen Leitli- gen. In Köln ist es das „Leitbild 2020“ und zusätzlich ein nien für die gesamtstädtische Entwicklung („Perspektive „Masterplan Köln Innenstadt“, in München ist es die „Per- München“) dann im tagespolitischen Geschäft der städte- spektive München“. Im öffentlich initiierten und formali- baulichen oder Architekturwettbewerbe oder auch in den sierten Leitbild werden sowohl in Köln als auch in München Sitzungen der Kommission für Stadtgestaltung zitiert und Aussagen zur Gesamtstadt getroffen. Beim Masterplan zur als Argumentationshilfen für die Qualifizierung der Einzel- Gestaltung der Innenstadt von Köln spielen private Akteure fälle genutzt. Hinzu kommt die Kontinuität in der Organisa- eine besondere Rolle, ohne deren finanzielles Engagement tion der Zuständigkeiten des Bau- und Planungsgeschehens eine derartige Planung für die Kölner Innenstadt gar nicht in München. Organisatorisch ist seit 1979 das Planungsre- erfolgt wäre, und die dadurch eine prominente Behandlung ferat (genaue Bezeichnung: Referat für Stadtplanung und erfährt. Ausgewählte Handlungsziele des Masterplanes Bauordnung) vom Baureferat getrennt. Im Planungsrefe- werden aktuell auch zur Grundlage öffentlichen Handelns rat werden seitdem alle Aspekte der Stadtentwicklung und gemacht, um kurzfristige und vorzeigbare Resultate zu Stadtplanung, der Stadtsanierung und des Wohnungswesens erzielen (Meltzer 2009: 44). München hingegen hat über 13
Schöne Städte durch große Pläne? – Baukultur und integrierte Stadtentwicklungsplanung 493 die Zeit hinweg im Rahmen der drei „Welten“ institutionell herausgenommen und in den Mittelpunkt der Betrachtung verankerte Verfahren geschaffen, die projektunabhängig gestellt wird. entwickelt wurden und die in der Qualifizierung von Einzel- Diese Pläne stehen am Ende eines vorausgegangenen projekten immer wieder Anwendung finden. Abstimmungsprozesses der beteiligten Akteure aus dem Im Zusammenspiel der drei „Welten“ zeigen sich auf diese politisch-administrativen System, der Wirtschaft und Bür- Weise die unterschiedlichen Planungskulturen in den beiden gerschaft und werden als ein planungsstrategisches Instru- Städten. Grundsätzlich gilt dabei, dass das Institutionenge- ment eingesetzt. Es geht darum, durch eine Generierung von füge die Handlungen einerseits verbindlich vorstrukturiert, Zielvorstellungen und Leitbildern einen gesellschaftlichen dass andererseits aber immer auch Handlungsspielräume Konsens für die zukünftige Stadtentwicklung zu erzeugen. verbleiben, die durch die agierenden Akteure im Planungs- Damit sind sie Ausdruck der Zusammenarbeit, Abstim- prozess unterschiedlich interpretiert werden können (vgl. mung und Übereinkunft der Akteure und werden selbst Scharpf 2000). zum Bestandteil des institutionellen Kontextes. Sie dienen, In diesem Kontext weisen Experten der Raum- und je nach Verbindlichkeit der Aussagen, als rahmensetzende Planungswissenschaften12 generell darauf hin, dass es jen- Richtungsweiser und zur Abstimmung der unterschied- seits rechtlicher Normen (Institutionen) auch kulturelle lichen Ebenen kommunaler Planung (vgl. Abschn. 2). Auf Unterschiede in der Art und Weise gibt, wie Akteure mit diese Weise werden einerseits die inhaltlich-strategische Planungsaufgaben umgehen. Mit dem Begriff der Planungs- Ausrichtung zukünftiger städtebaulicher Planungen und kultur kann beschrieben werden, wie die Stadt(-öffentlich- andererseits die Wahl und Organisation der damit verbunde- keit) und involvierte gesellschaftliche Teile mit aktuellen nen Planungsprozesse und der Einsatz weiterer Instrumente Fragen der Stadtentwicklung umgehen, das heißt, wie über zur Gestaltung der Stadt vorstrukturiert. den Einzelfall hinausgehend Regeln, Verfahren und Wert- Dem Anspruch einer langfristigen Stadtentwicklungs- haltungen in der Herstellung bzw. im Umgang mit gebauter planung wird in München durch Evaluation der erreichten Umwelt angewendet und etabliert werden. Planungskultur Handlungsziele zusätzlich Rechnung getragen. Auch in als „heuristisches Konzept“ umfasst nach Weichhart (2007) Köln wird eine Evaluation angestrebt. Das Thema Stadtge- organisations-, gruppen- oder länderspezifische Konfigura- stalt ist in allen hier angesprochenen städtischen Konzepten tion der Werte, Normen, Orientierungen, Kommunikations- eine explizit genannte Aufgabe und somit als Politikthema und Handlungsstile des raumplanerischen Handelns. Dabei in der strategischen Stadtplanung verankert. In Köln wird es spielt auch die Geschichte von Institutionen eine wichtige langfristig darum gehen, ein sehr heterogenes Stadtbild zu Rolle, weil in der Vergangenheit getroffene Entscheidungen beruhigen, während es in München genau andersherum die sowie eingebürgerte Denkweisen als Entwicklungspfade bis Herausforderung sein wird, in ein eher traditionell homo- in die Gegenwart hinein Bestand haben (vgl. Fürst 2007: genes Stadtbild auch herausragende bauliche Elemente der 2). Dies wirkt sich sowohl auf die handelnden Akteure und zeitgenössischen Architektur einzufügen. die Akteurskonstellationen als auch auf den institutionellen Rahmen und die Strukturen aus, in deren Kontext die Hand- lungen stattfinden und sich im Sinne von formellen und 6 Fazit informellen Regeln regelmäßig wiederholen. Kommunales Verwaltungshandeln wird hierdurch ebenso beeinflusst wie Große Pläne – verstanden als integrierte Stadtentwick- die Investitionen eines Wirtschaftsunternehmens oder die lungspläne – für schönere Städte – verstanden als eine von Gründung bürgerschaftlicher Initiativen zur Baukultur. mehreren Dimensionen der Baukultur – sind in den großen Planungskulturen lassen sich in diesem Verständnis deutschen Städten aktuell allerorts zu finden. Wir konn- anhand der stadtspezifischen Entscheidungsprozesse und ten zeigen, dass diese Pläne in zunehmendem Maße durch der im Politikfeld der Baukultur eingesetzten politischen Entstandardisierung und Individualität geprägt sind. Das Maßnahmen, Instrumente und Strategien sowie den daran spezifische Entwicklungspotenzial vor Ort und die jewei- beteiligten Akteuren analysieren (Brzenczek/Wiegandt lige Zusammenarbeit der lokalen Akteure sind daher von 2009b). Das Instrument der integrierten Stadtentwicklung entscheidender Bedeutung für die inhaltliche und formale mit entsprechenden Stadtentwicklungsplänen und Leitbil- Ausgestaltung der Pläne sowie für ihre Umsetzung. Für das dern ist ein Beispiel für eine solche politische Maßnahme, Politikfeld Baukultur haben wir dabei verdeutlicht, dass es das hier aus einem weiten Spektrum von Maßnahmen und immer um eine Mehrebenenanalyse geht, bei der alle drei Instrumenten zur Steuerung der Gestaltung von Städten „Welten“ der Planung mit ihrer jeweiligen Relevanz für die (u. a. auch städtebauliche Wettbewerbe, Gestaltungsbei- Planungs- und Bauprozesse Berücksichtigung finden. Die räte, Gestaltungssatzung; vgl. Brzenczek/Wiegandt 2009b) routinisierte Verzahnung der verschiedenen Planungsebenen scheint uns ein Erfolgsfaktor für gute Planung zu sein. Die 12 http://www.planung-neu-denken.de (letzter Zugriff am 01.07.2010). bloße Zielaussage ist nicht ausreichend. Ausschlaggebend
494 K. Hackenberg et al. ist vielmehr die art und Weise, wie die leitvorstellungen tauschs, Auszeichnungen und Informationsveranstaltungen zur Baukultur aus den integrierten stadtentwicklungsplä- für die eigene Stadt auch in die Tat umzusetzen. Nur so kann nen in den planerischen Alltag Eingang finden. Dies ist es langfristig gelingen, die von der Bundesregierung ange- nach unserer einschätzung der „schlüssel“ für das ergeb- stoßene und durch die Bundesstiftung Baukultur begleitete nis einer qualitativ hochwertigen gebauten Umwelt. Diese Qualitätsdebatte über Baukultur in der Öffentlichkeit zu Verfahren verstehen wir als einen wesentlichen aspekt von stärken, das Thema Baukultur in den Kommunen und Län- Planungskultur, die – wie die beiden fallbeispiele gezeigt dern in den Planungsalltag zu integrieren und schließlich im haben – unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Um gene- internationalen Standortwettbewerb auch für die Qualitäten rell Planungs- und handlungssicherheit für die beteiligten bundesdeutscher Baukultur zu werben. akteure zu schaffen, bedarf es zeitlicher und instrumentel- ler Kontinuitäten in den einzelnen städten. Vielerorts steht das „junge“ thema Baukultur und stadtgestaltung zwar Anhang A inzwischen auf der agenda der stadtentwicklungspoliti- schen themen. Dabei bedarf es allerdings in einzelfällen Stadtentwicklungsdokumente der 20 einwohnerstärksten noch weitergehender analysen, inwieweit im planerischen Städte in Deutschland alltag auch routinen und Praktiken der sinnvollen abstim- mung und Verzahnung der planerischen handlungsweisen Diese Übersicht basiert auf einer Internetrecherche und der eingespielt sind. systematischen Analyse der offiziellen Dokumente zu den städte und gemeinden sind heute dem ökonomischen einzelnen Stadtentwicklungsplänen. Die Darstellung der strukturwandel, der demographischen entwicklung und der Ziele und die Einordnung des Themas Baukultur orientieren zunehmenden internationalen standortkonkurrenz ausge- sich dabei an der Struktur dieser Pläne. Dabei wurden fol- setzt. Dabei ist unbestritten, dass die Qualität der gebauten gende Pläne berücksichtigt: Umwelt – auch im sinne der schönen stadt – für die lebens- • Berlin: Planwerke, http://www.stadtentwicklung.berlin. qualität der Bürger und als weicher Standortfaktor für die de/planen/planwerke/index.shtml; Senatsverwaltung für ansiedlung von Unternehmen eine hohe relevanz hat. Der Stadtentwicklung (2004): Stadtentwicklungskonzept Bau des guggenheim-Museums in Bilbao durch frank Berlin 2020. Statusbericht und perspektivische Hand- O. gehry hat den Begriff des „Bilbao-effekts“ für dieses lungsansätze. Berlin. Phänomen geprägt. auch die implementierung der hohen • Hamburg: Stadt Hamburg, Behörde für Stadtentwick- städtebaulichen und architektonischen Qualitätsansprü- lung und Umwelt (2007): Räumliches Leitbild. Entwurf. che während der internationalen Bauausstellung emscher Hamburg, http://www.hamburg.de/raeumliches-leitbild Park (1989–1999) sind in diesem Zusammenhang zu nen- • München: Landeshauptstadt München, Referat für Stadt- nen. allerdings treten heute vielerorts bauliche Missstände planung und Bauordnung (2005): Münchens Zukunft infolge von sanierungs- und Modernisierungsbedürftigkeit gestalten. Perspektive München – Strategien, Leitlinien, deutlich zutage und werden – so die annahme – bei wei- Projekte (Bericht zur Stadtentwicklung 2005). München, ter zunehmenden sozialräumlichen Disparitäten zwischen http://www.muenchen.de/Rathaus/plan/stadtentwick- deutschen städten immer stärker sichtbar. in wirtschaftlich lung/perspektive/39104/index.html; Landeshauptstadt schwierigen Zeiten und angesichts größer werdender sozi- München, Referat für Stadtplanung und Bauordnung aler herausforderungen bedarf es deshalb insbesondere in (2007): Perspektive München – Bilanz. Evaluierung der finanzschwachen Kommunen bei stadtentwicklungspoli- Perspektive München. Evaluierungsbericht 2007. Mün- tischen entscheidungen eines klaren Votums für die lang- chen; Landeshauptstadt München, Referat für Stadtpla- fristige festlegung der gestalterischen Qualität mit dem nung und Bauordnung (2007): Perspektive München hierfür notwendigen einsatz von ressourcen. – Konzepte. Innenstadtkonzept. Leitlinien für die Mün- nicht nur in diesen städten, sondern deutschlandweit chener Innenstadt und Maßnahmenkonzept zur Aufwer- bedarf es deshalb einer etablierung und integration baukul- tung. München. tureller Ziele auf allen ebenen der Planung und entwick- • Köln: Unternehmer für die Region Köln e. V. und Albert lung. in diesem Kontext werden die aspekte der Qualität, Speer und Partner (2008): Städtebaulicher Masterplan nachhaltigkeit und leistungsfähigkeit beim Planen und Innenstadt Köln. Köln, http://www.masterplan-koeln. Bauen besonders hervorgehoben (vgl. Bundesstiftung Bau- de/; Stadt Köln, Der Oberbürgermeister (2009): Leitbild kultur 2010). ebenfalls bedarf es der Überzeugung und Bün- 2020. Kölns Weg in die Zukunft. Köln, http://www.stadt- delung der treibenden Kräfte, um die in den großen Plänen koeln.de/1/verwaltung/leitbild formulierten Ziele und ideen durch vielfältige Maßnahmen • Frankfurt am Main: Hochhausentwicklungsplan, http:// wie z. B. qualifizierende Verfahren, transparente Planungs- www.stadtplanungsamt-frankfurt.de/hochhausentwick- prozesse mit einem hohen Maß gesellschaftlichen aus-
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